Kitabı oxu: «Häusliche Liebe»
Isabell von Burg
Häusliche Liebe
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Liebe als Luxusgut
Liebe im Spiegel
Liebe im Wandel
Liebe zur Erkenntniss
Impressum neobooks
Liebe als Luxusgut
Die schwere Eisentür rastete im Schloss ein und ihr Puls war im roten Bereich. Es waren nur Sekunden. Sie versuchte, sich zu beruhigen.
Dann nahm Isabelle die freundliche Stimme von Alexa wahr:
„Hallo Angie“, hörte sie, womit ihr Adrenalinspiegel sank und ein unsichtbarer Schleier über sie fiel.
Angie war drin, Isabelle versuchte sie draußen zu lassen.
Ihr hypnotischer Gang führte sie an der Rezeption vorbei in den Keller, sie kam in den Waschsalon, dort war es warm und der Wäschetrockner lärmte in heimeliger Atmosphäre.
Carmen faltete fein säuberlich Handtücher zusammen.
„Hallo Angie, wie geht’s“, sprach sie Isabelle beiläufig an.
“Hallo ja, danke gut“, stotterte sie leichtherzig zurück.
„Unser armes Ökosystem“, kam ihr in den Sinn, „in diesem Haus wird rund um die Uhr gewaschen“.
Es war siebzehn Uhr, Angies Dienst begann.
„Hey Angie!“, rief plötzlich jemand ganz aus dem Häuschen.
Diese Stimme kannte sie doch. Vom Vortag.
„Hallo Nina, wie geht’s dir?“
Isabelle hatte sich ihren Namen gemerkt. Sie hatten gestern zusammen gearbeitet, eine Stunde lang.
„Na Pia“, begrüßte Angie ein anderes Mädel, „auch schon da?“
„Ja, ich konnte nicht mehr schlafen“, erwiderte diese.
„Wann bist du denn gegangen?“
„Um sechs“, offenbarte ihr Pia mit rauchiger Stimme, „wir hatten noch eine Truppe Italiener gestern, die wollten einfach nicht geh‘n und um halb fünf orderten sie noch Champagner und waren hungrig. Es war grausig.
„Haha“, dachte sich Isabelle, denn sie selber hatte um fünf bereits zu Hause im Bett gelegen und grinste, scheinbar anteilnehmend, zurück.
Allerdings musste sie heute früh schon zum Zahnarzt, Hygienebehandlung, das war ihr wichtiger als Schlaf.
Puh, vier Stunden waren es wieder, stöhnte sie in sich, das würde eine anstrengende Nacht werden.
Isabelle zog sich ihre Jeans aus und ersetzte sie zügig durch schwarze Netzstrümpfe und einen Bleistiftrock der Haute Couture, super, edel. Den hatte sie sich mal für besondere Anlässe gegönnt, das passte ja nun, geht sie in sich.
Etwas schwerfällig stülpte sie ihre geschwollenen Füße in die High Heels und begann mit dem Feinschliff.
„Ich hasse diese ganze Zeremonie jeden Tag“, brabbelte Nina zu ihr rüber. Nebenbei stolzierte sie durch den Raum, wie eine atmende Barbiepuppe. Ihre Haare hatte sie auf Wickler gedreht.
„Au Backe“, dachte Angie“, jetzt setzt sich der Barbie-Klon in Ihren nagelneuen Dessous auch noch neben mich."
Nina hatte Prosecco in der Hand und bot allen Mädels einen Schluck an.
Dann rissen zwei kecke Ladys ungestüm an der Flasche und mussten albern und aufgesetzt lachen.
Trotz allem sah Nina scharf aus, ein Luder wie aus dem Film. Ihr Slip war aus völlig durchsichtiger Spitze und ihre neuen Brüste sensationell gelungen.
Nina in ihrem roten Halbschalen BH – da war Alarmstufe Rot angesagt.
Ihr richtiger Name war Mariana, sie hatte sich den Künstlernamen Nina gegeben, nun ja, das war wohl Geschmackssache.
Sie war sehr gebräunt und wog gute fünf Kilo zu wenig, auf jeden Fall hatte sie bei ihren gut und gerne einen Meter achtzig nicht mehr als zweiundfünfzig Kilo, sah dennoch dank der neuzeitlichen Möglichkeiten nach Traummaßen aus.
Müde aber auch.
Sie stammte aus Ungarn und war bereits drei Jahre im Haus.
Alle drei bis vier Wochen, wenn sie nach Hause fuhr, erzählte sie ihren Eltern von ihrem Job als Tänzerin in einer Bar, und dass sie da gute Kohle verdienen würde.
An der Sache mit dem Geld war was dran, sie hatte genau die Louis Vuitton Tasche vor ihrem Schrank steh`n, die Angie neulich in der „Instyle“ als Must Have angegiert hatte.
„Eh Mädels“, töne Angie dann mit spitzem Witz in den Raum, "macht eine ?alte Frau? nicht verlegen mit euren Luxuskörpern.“
„Oh weh“, kreiste es in Angies Hirn, denn sie war gut zehn Jahre älter als diese jungen, „alten Häschen“ dort, um Ellenlängen unerfahrener und vollkommen in ihrem Selbstwertgefühl angeschlagen.
„Heute ist mein zehnter Tag“, röhrte Angie lauthals und übermütig, „darauf sollten wir ein Glas trinken. Die Flasche ist leer. Pia holst Du noch was, du bist doch fertig?“
„Klar, was wollt ihr“, fragte sie und verschwand schon hinter der Waschmaschine.
Der verdammte Eyeliner!
Angie hasste es, sich das Lid oberhalb der Augen anzutuschen. „Okay, das musste reichen“, fluchte sie gedanklich vor sich hin.
„Gin Tonic“ – rief sie Pia nach, „ein großes Glas bitte!“
Wangenrouge, Lippen nachziehen, ihre schwarze supersexy „Desquared“- Jacke drüber – fertig! Halbherzig, doch vollbusig prüfte sie sich kritisch vor dem Spiegel.
„Wo bleibt Pia mit dem Drink?", überlegte sie, “ aha“, da hörte sie sie kommen.
Pia reichte Angie das Glas, sie prosteten sich zu und Angie trank es in einem Zuge aus.
„Whow, an die Arbeit Frauen“, überspielte Angie flugs ihren „Schiss in der Hose“ mit ihrer Reife als Weib.
„Kommst du, Pia?“, rief sie ihr zu.
Mit holprig, tapsigen Schritten folgte Pia Angie auf ihren Plateausohlen in die viel zu dunkle Bar.
„Alex!“, rief Angie laut nach oben, „mach es bitte etwas heller, nur eine Spur, sonst fliegen wir alle über die edlen Teppiche und kein Alibaba ist da, geschweige denn vierzig knusprige Räuber, um uns aufzuhelfen.“
Sie drehte den Dimmer etwas höher.
Alexa war der „Kommandant der Schaltzentrale“, positioniert am Haupteingang, warf sie regelmäßig einen geschulten Blick auf die High Tech Bildschirme, die schonungslos die Bilder aus den „öffentlichen Räumen“ aufzeigten.
Akkurat und streng betrieb sie offensiv und perfektionistisch das Controlling im Haus. Ein „cooler Typ“ in Frauenkleidern.
Der Job schien ihr auf die Weste geschneidert, obwohl die Umstände, durch die sie dazu kam, sich unbedeutend von denen der anderen Damen im Haus unterschieden.
„Es sind noch keine Gäste da, ist scheinbar ruhig heute“, tuschelte Angie zu Nina rüber, die gerade rein kam und sich hinter der Bar gleich einen „weißen Spritzer“ einschenkte.
„Na dann freu dich mal nicht zu früh Angie, Angelo hat gesagt, es gibt eine Reservierung für zwölf Leute heute!“
Angie wollte sich auch gar nicht freuen, sie dachte eher, dass es eine Katastrophe wäre, wenn keiner käme. Isabelle sah das anders, sie müpfte in Angie auf und redete ihr schon seit Tagen ins Gewissen.
Angelo war, neben Roland, der einzige Mann im Haus. Der Koch der Cuisine D´ Amour.
Es gab nach Angies Meinung kein raffinierteres Vorspiel als ein aphrodisisches Diner-à-deux, wobei Nase, Zunge und Gaumen gleichermaßen verwirrt und verwöhnt werden.
Roland war der Inhaber.
„Was suchst du hier, Isabelle“, schimpfte Angie innerlich. „Du solltest draußen bleiben!“
Angie hatte zwar recht, aber ganz ohne Isabelle ging es eben nicht. Auch, wenn wie in ihrem Fall, eine Angie die neue Rolle übernahm.
„Ich geh jetzt ins Restaurant, halt dich jetzt zurück Isabelle“, ermahnte sie sich selbst.
Im Restaurant war Angie am liebsten, dort es war viel heller und lies sie vergessen, wo sie war.
Die schweren antiken Tische, die immer im Fünf-Sterne-Look eingedeckt waren, machten schon was her.
Hier kam sie ins Schwärmen, alles war stilecht und geschmackvoll eingerichtet.
Mit der leisen Musik im Hintergrund, fand sie, war dies der perfekte Platz für erwartungsvolle Stunden.
An den geräumigen Tischen saßen bereits einige elegante Damen, von denen sie keine kannte.
„Hübsch, so viel Sexappeal an einem Ort, wie deprimierend“, urteilte sie.“ Isabelle, eifer nicht!“, ergriff Angie innerlich das Wort. „Ich doch nicht“, gab sie zurück, „das bist wohl du. Eben lauter junge Hühner, makellos, faltenfrei und das noch ohne Sport, ist das gerecht?“
„Althuhn", pflegte Isabelles geliebter Bruder manchmal zu ihr zu sagen. Ein Althuhn sollte einfach so viel Selbstbewusstsein besitzen und längst erkannt haben, dass Schönheit und Jugend nicht alles ist.
Angie nicke den Mädels also freundlich zu. Eine gut bewährte Taktik, fand sie. Blick dem Feind freimütig in die Augen und lass um keinen Preis dein falsches Spiel durchschauen.
Die Wahrheit war: Sie war voller Komplexe.
Eine derartige Überdosis an Jugendlichkeit, Schönheit und Perfektion konnte selbst eine attraktive Frau wie Isabelle in die Schranken weisen. Das klebte ihr fest im Hinterstübchen.
Wie konnte Isabelle hier nur landen?
Sonderlich orthodox war ihr Leben noch nie gewesen, zumindest in Hinsicht auf das typische Normal des Verbrauchers dieser Weltzeit. Wie und wo begann das alles.......
Isabelle kam gerade aus der Schule und hatte Angst. Angst davor, was sie zu Hause erwarten würde.
Todunglücklich fühlte sie sich. Sie hatte solche Sehnsucht nach innerem Frieden. Sie wollte doch nur wie alle Kinder geliebt werden. Ihr einziger Wunsch war, dass ihr Vater endlich versteht, wie sehr sie ihn braucht, dass er ihre Liebe und ihre Sorge um ihn sehen würde.
X-mal schrieb sie die Worte: „Liebe Isabelle, ich höre jetzt mit dem Trinken auf! Für immer! Das verspreche ich dir, hier, auf diesem Zettel.“
Dann forderte sie ihn auf, doch bitte zu unterschreiben. Er sollte doch nur seinen Namen unter diesen Text setzen, weil sie glaubte, dass er es dann endlich tun würde: aufhören zu saufen. Sie liebte ihn doch so und brauchte ihn. Was sollte sie denn ohne ihren geliebten Papi machen, wenn er sich zu Tode säuft? Sie bat den lieben Gott, ihm bitte zu helfen, ihm den Weg zu zeigen und dass er versteht, um was sie täglich flehte: seine Verantwortung für sie und seine Liebe …
Isabelle hatte das Beten in der Christenlehre gelernt und erprobte es täglich aufs Neue.
Sie rannte hinter ihrem schwankenden Vater her, er stank nach Bier und Schnaps, alles stank danach, er sah erbärmlich aus in seinem Unterhemd und seiner schmierigen, schmutzigen Schlosserhose. Seine Augen waren glasig und rot. Sie weinte und riss an seinen Armen, er ging einfach weiter ins Schlafzimmer und fiel aufs Bett.
Isabelle wohnte mit ihrer Familie auf dem Land, in einem kleinen uralten Haus, das Ihre Eltern mit großer Mühe, jämmerlichen finanziellen Mitteln und über die vielen Jahre renovierten. Es war in der ehemaligen DDR, einen Steinwurf von Berlin entfernt.
Isabelle hatte solche Angst um ihren Vater, ihr Herz pochte und sie schluchzte. Dann fing sie an aufzuräumen, sie hatte einen Putzfimmel. Sie wollte einfach nur, dass alles schön aussieht.
Es gelang ihr nie wirklich, weil alles, was sie besaßen, ganz einfach alt und improvisiert war. Ihr Vater hatte ins Bett gebrochen. Ihre Mutter war arbeiten, sie war Krankenschwester und hatte Schichtdienst.
Isabelle war damals neun Jahre alt.
„Angie! Angie!“
„Wer? Was?“
Angie blickte auf, Pia stand vor ihr.
„Was ist?“, fragte Isabelle verdutzt.
„Es sind Gäste gekommen“, erwiderte Pia.
„Welche Gäste?“ Isabelle, beziehungsweise Angie, schien gedanklich nicht ganz bei der Sache zu sein.
„Spinnst du, steh auf!“, forderte sie Angie auf, „Elaine ist da, sonst kriegst du gleich einen Mordsstress!“
"Warum?" fragte Angie.
„Die Chefin, der Hausdrachen!“, flüsterte Pia leise.
Angie stand auf und im gleichen Augenblick kamen zwei süße Typen in lässig modernem Outfit scherzend durch die Eisentür in die Vorhalle.
Angie schlich an ihnen vorbei Richtung Klo und feuerte auf Isabelle ein, sie solle sich zusammenreißen mit ihren Zweifeln und dass sie das schon hinkriegen würde.
„Aaaangie!!!“- dröhnte es plötzlich aus der Vorhalle.
Völlig perplex rief sie noch während des Pinkelns: „Jaaa!!! Ja, gleich, ich komme schon!!!“
„Geh bitte an die Rezeption vor zu Elaine“, forderte Alexa Angie auf, die an ihrem Rock zupfte, während sie den zwei Männern einen Platz im Restaurant anbot.
Angie lief im Eiltempo vor und blickte der grauen Eminenz des Hauses in die Augen.
Eine hart wirkende Frau mit schwarzen, langen Haaren und fleischigen Händen begrüßte sie emotionslos.
Isabelle hatte kein gutes Gefühl, versuchte aber freundlich zu bleiben.
Sie schätzte Elaine vielleicht fünfzehn Jahre älter, als sie selber war, und visierte sie unsicher lächelnd an.
„Du bist die Neue?“, fragte Elaine trocken.
„Ja, seit ein paar Tagen“, antwortete Angie ehrfürchtig und folgsam.
Elaine wirkte auf Angie wie ein bissiger Feldmarschall.
Sie war verreist und deshalb war sie ihr bisher nicht begegnet.
„Gut, hier sind deine Unterlagen für die Untersuchungen. Dienstags. Ruf vorher an wegen eines Termins. Hast du ein Fach?“
„Ja, Pia hat mir eins frei gemacht“, stotterte Angie.
„Wie oft kannst du arbeiten?“
„Sieben Wochen, diese Ferien“, gab Angie unsicher zurück.
„Aha, hast du ein Auto?“
„Ja, klar.“
Da schellte das Telefon.
„Mh, alles Gute“, nuschelte Elaine noch, bevor sie abhob.
„OK, ja, danke“, erwiderte Angie und verschwand mit den Unterlagen in den Keller.
Sie hat mich nicht angesehen, die ganze Zeit nicht, was ist das für ein Mensch, dachte Angie empört.
Im Keller war inzwischen Hochbetrieb, gut fünfzehn Mädchen tummelten sich, dürftig bekleidet und scheinbar unorganisiert, in der Schlossgarderobe.
Isabelle fühlte sich ein wenig an ihre Schulzeit erinnert, an den Umkleideraum einer Turnhalle. Es roch auch so. Nach Mädchen und Schweiß.
Sie fragte sich, wo die Frauen auf einmal alle herkamen? Das musste sie komplett verpennt haben?
Föhne düsten, spitze Absätze von Achtzehn-Zentimeter-Schuhen tackten laut durcheinander, es roch nach den Noten großer Designer und Isabelle fühlte sich irgendwie eigenartig.
Fast mächtig. Sie stellte sich vor, sie wäre eine Schauspielerin, ein Star im Backstage.
Ja, es war wahrlich anders hier.
Sie versuchte Alexa zu verstehen, die ihr sagte, sie solle dankbar sein, hier arbeiten zu dürfen.
Das wäre ein besonderes Haus, erzählte sie ihr.
Anders als die anderen. Es habe einen exzellenten Ruf.
Das Haus, ihr neuer Arbeitgeber, ein zwielichtiger Ort, ein der Gesellschaft trotzendes Mauerwerk, wo fleischliche Lust ausgelebt wird.
Isabelle wurde übel, ganz mulmig, bei diesen Gedanken, wenn das ihre Mutter wüsste, ihre Kinder, die Nachbarn. Nun war es zu spät, sie war drin, und Angie konnte sie nur teilweise ersetzen.
„Das hättest du dir früher überlegen müssen Isabelle, wärst du doch nicht rein gegangen, nun bin ich bei dir, deine Angie.“
„Jetzt ist es genug Angie, ja, DU machst den Job hier, so haben wir es ausgemacht.“
Isabelle versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Wieder einmal glaubte sie, von einem Extrem ins Nächste geschlittert zu sein. Sie machte sich Vorwürfe, unfähig zu sein, sich der Gesellschaft anzupassen. Und darüber, eventuell irgendwann mal einen Mann auszuhalten, ohne Doktorarbeit zu praktizieren, oder den Zwang alles selber machen zu müssen und zu können. Ein augenblicklich übermächtiges Eltern-Ich mahnte sie aus ihrem tiefsten Kern.
Es schien ihr deutlich, als käme ihr wiederholt ihr alter Psychotik in die Quere. Permanent musste sie über diese Misere, in die sie wieder einmal geraten war, nachsinnen.
Sie legte die medizinisch wertvollen Unterlagen in ihren Schrank, ging nochmals zum Spiegel, überprüfte routiniert ihr Make-up und strich sich mit den Fingern den verwischten Kajal unter den Augenlidern weg.
„Schau dir in die Augen, in dich, wer schaut dich da an“, fragte sie sich.
Vor drei Jahren hatte sie ihr Studium als abgeschlossen, und und als ihr Alexa vor zwei Monaten auf einer Party-Tour in der Stadt begegnete, ahnte sie noch nichts von dieser Welt hier.
„Krieg dich ein Isabelle, vergiss nicht, es ist doch nur ein Ferienjob“, schimpft Angie.
„Ja genau, andere gehen als Kellner auf Saison – ich gehe eben hier her, es ist eine Arbeit, ein Job, ja, im Dienste der Liebe - klingt doch interessant.“
Kneifen wollte sie nicht, niemals würde sie das tun, „schließlich wollten wir es nicht anders“, beendet Isabelle das innere Zwiegespräch.
Isabelle wusste zwar, dass Angie hier drinnen wichtig war, aber gleichzeitig überkam sie eine Ahnung, dass sie ihr künftig eine Menge Probleme bereiten würde.
Dann sprang sie nochmal zum Schrank, der Kajalstift war ihr abgebrochen, und nun suchte sie nach dem Anspitzer.
„Hat jemand einen“, rief sie in den Raum, als sie keinen fand.
Doch es antwortete keiner, jeder war mit seiner eigenen Fassade beschäftigt.
Isabelles Mutter war eine schöne Frau, geradezu graziös, und Isabelle wollte eines Tages mal so aussehen wie sie. Schon als kleines Mädchen hatte sie sich mit ihrer Mutter verglichen und fragte sie, warum sie nicht ihre Nase hätte, sondern die vom Papi. Isabelles Mutter war irre schlank und sie hatte langes schwarzes Haar. Allerdings störte sie deren kokette Art, ständig überspielte sie damit ihre innere Not. Das kam Isabelle so unnatürlich vor, sie mimte immer die Starke.
Was wusste sie schon über diese Welt, in dem Dorf, in dem sie aufgewachsen ist, dachte sich Isabelle ständig?
Isabelle war oft wütend auf ihre Mutter, weil sie ihren geliebten Papi mit sämtlichen Kraftausdrücken beschimpfte, die sie kannte. Ihr war schon klar, dass dies alles wegen seiner Sauferei geschah. Und irgendwie glaubte Isabelle auch, dass sie wohl recht hatte, aber für Isabelle war sie nie konsequent genug, wenn sie zum hundertsten Male ankündigte zu gehen, ihn zu verlassen.
Manchmal hatte Isabelle sogar den Wunsch, sie würde es tun, dass sie endlich nur einmal das tun würde, was sie sagte, aber zugleich hatte Isabelle eine Heidenangst davor.
Wenn es gefährlich wurde, erpresste Isabelle sie.
Sie drohte ihrer Mutter in diesen Fällen, alleine bei ihrem Papi zu bleiben.
Heimlich beschlich sie dann das Gefühl, ihre Mutter könnte glauben, dass sie ihren Papi mehr lieben würde.
Dieser Verdacht jagte Isabelle dann wieder eine andere Angst ein.
Denn sie liebte sie doch beide. Wenn einer von beiden fort wäre, wäre Isabelle doch zerrissen.
In ihrem Tagebuch schrieb sie ihrer Mutter, sie solle ihr nicht böse sein, und dass sie ihren Papi vielleicht ja doch mehr liebe, und dass sie nicht genau wüsste, warum, aber dass sie glaubt, es läge, dass er sie mehr brauchte.
Waren das etwa Tränen? „Was ist los mit mir?“, schoss es plötzlich durch Isabelles Kopf.
Isabelle wäre in diesem Moment am liebsten nach Hause gerannt, hin zu ihren Eltern und hätte sie so gern in die Arme genommen. Mahnend sprach ihre innere Stimme erneut auf sie ein.
Doch sie tat es ab als dummes Geschwätz und längst verarbeitet und ging nach oben, wo Pia bereits auf sie gewartet hatte.
Im Restaurant orderte sie bei den Bedienerinnen, die in dunklen Businessanzügen die Wünsche der ehrwürdigen Gäste erkennen und filtern mussten, einen schwarzen Kaffee mit Zucker und setzte sich an den großen Ecktisch, der zumeist den Stammkunden vergönnt war.
Dann kam Pia angeschlendert, Isabelle lächelte sie an.
„Na Schnecke“, näselte Pia leise, „alles OK mit dir, was hat Elaine denn gesagt?“
„Na hör mir bloß auf, das ist ja ne Tussi, kalt wie ein Eisbrocken“, berichtete Isabelle kurzerhand von dieser Begegnung.
Pia quasselte Isabelle dann die Ohren voll, was sie mit der Frau im letzten Jahr schon alles erlebt hatte.
Jeder, der Typen wie Pia kennt, versteht, dass Isabelle jetzt nur auf Durchzug schalten konnte. Ja, Pia fragt auch mal was, aber man musste sich nicht sorgen, denn das konnte sie auch perfekt allein beantworten.
Isabelle starrte in den Raum
Sie hörte plötzlich diese Stimme in ihrem Ohr, oh je, ihre Oma war im Anmarsch. Sie kam fast in Zeitlupe schwankend angeradelt.
Isabelle wusste, der Fahrradsattel war unter Ihrem dicken Hintern nicht zu sehen.
Sie vernahm nur die krähenden Ausrufe, die die Oma an den Nachbarn richtete, „Alfred ist noch im Stall!“ Warum Sie wohl immer so schrie, fragte sich Isabelle oft? Sie konnte doch gut hören.
Isabelles Großmutter arbeitete im Schweinestall der dörflichen Kolchose, der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Sie war ein wahres Arbeitstier, wie ihr Ehemann auch.
Jeden Morgen stand sie gemeinsam mit ihrem Mann um vier Uhr früh auf, fuhr mit dem Fahrrad zirka zwei Kilometer an den Dorfrand in die Gemeindestallungen und mistete dort Schweineställe aus, fütterte die Schweine und fuhr dann für fünf Stunden, bis Mittag, wieder nach Hause, um am Nachmittag die alltägliche zweite Mästung der dem Tode geweihten Tiere vorzunehmen.
Eigentlich war es grausam, ein Leben in Einzelhaft; auf zwei Quadratmetern, durch Gitter getrennt, vegetierten die Viecher vor sich hin.
Isabelle ist oft mitgefahren, weil sie die Dämpfkartoffeln mochte, die ihre Oma ihr manchmal dort zu essen gab.
Meistens hatte Isabelle ihr dann auch bei der Arbeit geholfen. Der Geruch ist ihr noch heute in der Nase, siloverfaultes Gras, auch der trockene Staub, der in der Luft lag ,wenn aus Getreide und Wasser ein Brei gematscht wurde. Nicht zuletzt hatte dies ihr ein wenig die Freude an Fleischgerichten verdorben.
Manchmal hatte eine Sau geferkelt oder der Tierarzt war da.
Letztendlich wollte Isabelle ja selber Veterinärmedizin studieren.
Ihre Großeltern hatten auch einen Hund, „Flocki“ hieß er, ein Kettenhund, der den bäuerlichen Hof zu bewachen hatte.
Isabelles Vater hatte ihn irgendwann einmal in einer seiner Sauflaunen mit nach Hause gebracht.
Wenn Isabelle großes Mitleid mit ihm hatte, hat sie Flocki an der Leine ausgeführt.
„Hi, wie heißt du?“, drang eine leise Stimme zwischen das geistige Hundegebell.
„Moment“, dachte Isabelle.
„Was, wie bitte?“
„Hey Du, ich bin Thomas. Träumst du?“
„Ja, nein! - meine ich“, schluckte Isabelle.
„Hallo, ich bin Isa, Angie! Mh…“
Schon war Isabelle wieder da, mit allen Befindlichkeiten, die innerkörperliche Chemie auslösen kann.
Zum Glück kam Hilfe herbei, ein Freund dieses Thomas gesellte sich übermütig grinsend an den Tisch.
Das war ein Zeichen für Isabelle und sie nutze diese Kluft, um in die Realität, das Schloss, zurückzukehren.
Umsichtig peilte Alexa Isabelles Tisch an, um die Bestellung von den Herren entgegen zu nehmen.
Die Männer setzen sich nieder und orderten jeder ein kleines Bier.
„Wie einfallsreich“, sagte sich Isabelle und entschied sich für den häuslichen Tageshit, Pfirsich-Champagner-Cocktail.
Menümäßig verzichteten beide Männer auf die tolle Vorspeise, das Fenchel-Carpaccio mit Parmesanflöckchen, und nahmen beide nur die von Amor persönlich flambierten Hirschsteaks auf grüner Pfeffersoße.
Die Herren unterhielten sich angeregt und für Isabelle klang es nach einem Problem in der Arbeit. Doch die hatte sie ja selber gerade und so entschied sie sich für die Alternative: Angie-guck-in-die-Luft......
Sie musste an ihren Opa denken, er stand am Hoftor und Isabelle rannte zu ihm hinüber. Aber Opa Alfred stand nur da und schaute.
Es kam jemand mit dem Rad vorbei und auch ein Bauer mit dem Pferdewagen. Ihr Opa brabbelte dann immer etwas, oder er nickte nur.
Er war ziemlich schwerhörig, das konnte sie gut verstehen bei der Ehefrau.
Er hatte gerade ein neues Hörgerät vom Arzt bekommen, das war etwas Besonderes damals.
Isabelle konnte sich aber nicht daran erinnern, dass er es je richtig bedienen konnte, weil er immer daran herumgefummelt hatte. Isabelle liebte ihren Opa, er war toll, er wusste einfach viel. Im Krieg war er gewesen und in Gefangenschaft geraten.
„Er hat die Welt gesehen“, dachte sie sich. Und er konnte toll Englisch sprechen.
Sie hörte ihm gerne zu, wenn er ihr mit wachsender Begeisterung über die Zeit in England vorschwärmte.
War der Krieg denn nun doch nicht so schlimm, war es vielleicht ein Abenteuer, dachte Isabelle vor Neugier.
Er hatte dabei geschmunzelt, als er ihr erzählte, dass sie nichts zu essen hatten, und wie er dadurch gelernt hätte, zu improvisieren.
Ob er ihre Oma wohl geliebt hatte, fragte Isabelle sich manchmal. Er war eigentli ch nicht ihr richtiger Opa, den kannte sie gar nicht, noch immer nicht.
Isabelles Großeltern waren mittlerweile beide tot und sie sieht sie im Paradies, denn dafür hatten die beiden lange gebetet. Isabelle glaubte, jedermann würde hier, auf Erden, nur reif werden für diese andere Welt.
Welche Schande, bei diesem Gedanken fiel ihr ein, dass sie oftmals bei wirklich wichtigen Dingen eine Ausrede parat hatte.
Das Chaotische war, wie sie fand, dass sie es auch „geschafft hatte“, die Beerdigung ihres Großvaters auszulassen.
Verrückt, wie sie war, hatte sie sich am Vorabend seiner Beisetzung mit ihren Brüdern, ausgelöst durch die Freude des Wiedersehens, in einer Bar, welcher der Ruf für vierundzwanzig Stunden Happy Hour vorauseilte, den Caipirinha so richtig derart schmecken lassen. Dass führte dazu, dass sie beim Verlassen des Hauses in der Morgendämmerung die letzte Stufe übersah und schnurstracks in hohem Bogen den Asphalt küsste, wobei sie sich einen Schneidezahn ruinierte.
Dies hatte dann zur Folge, dass sie aus Scham vor Pfarrer Möhrwald, den Verwandten und den Trauergästen, den Zahnarztbesuch der Beisetzung vorzog.
Noch am selben Nachmittag suchte sie um Vergebung und deckte das Grab mit Blumen ein.
Und Isabelle hätte jede Wette abgelegt, dass ihr Opa sich ins Fäustchen gelacht hatte, als er bereits über ihr schwebend auf sie geblickt hatte.
„Angie, willst du noch was trinken?“, drang es wie durch eine Nebelwand, wo doch Isabelle gerade am Grab ihres Großvaters stand.
„Was?“
„Ob du noch was trinken möchtest?“
„Ach so, klar. Ja, dasselbe bitte.“
„Ihr seid ja schon mit dem Essen fertig“, stelle Isabelle erstaunt fest.
„Findet ihr nicht auch, dass hier manchmal alles so unwirklich ist?“, fragte Isabelle völlig unvorbereitet in die Tischrunde.
Sie erhoffte sich dadurch eine Antwort ob es nur ihr oder allen so erginge. Antwort, ob es nur ihr oder allen so erginge – hier.
Die Antworten kamen wie aus der Pistole geschossen: „Ja, natürlich, hier ist ja das Paradies!“
„Warum willst du das wissen Angie, bist du auch so verzaubert wie wir?“, kam die nächste Entgegnung.
„Ja ich bin verzaubert“, konterte Isabelle zurück.
„Diese Kombination aus Kerzenlicht und Musik betört meine Sinne und meine Phantasie wird beflügelt“, war ihre Art, den Herren eine Retourkutsche zu verpassen.
Sie versuchte irgendwie witzig zu sein.
„Und last but not least“ witzelte“, sie weiter, „muss die Chemie stimmen, denn wo kein Funke glüht, kann auch kein Feuer lodern.“
„Du bist süß“, sagte Thomas dann zu ihr.
„Nur warum, weshalb, wieso, arbeitet eine Frau wie du hier?“
Worauf Isabelle ironisch konterte, dass sein Freund gerade behautet hätte, dass wir hier ja im Paradies seien, deshalb wohl.
Isabelle stellte schnell fest, dass es besser wäre, wenn sie die Fragen stellen würde. Es würde ihr sowieso bald keine neue Geschichte mehr einfallen.
Schließlich sind selbst dem besten Schauspieler irgendwann Grenzen gesetzt, sie müsste hier schließlich alles erfinden, denn die Wahrheit über sie ging niemanden etwas an.
Somit kam ihr fiktives Ich mal aus Frankfurt, ein andermal aus Dortmund bis nach Hamburg. Sie kam auch schon mal aus Köln.
Das Problem war natürlich, dass Isabelle so viele deutsche Städte bisher nicht wirklich gut kannte, also hatte sie auch schon viele Jahre in Rom gelebt, und ja, sogar in New York, diese Städte waren den meisten unbekannter.
Da konnte sie dann schwindeln, dass sich die Balken bogen, oder besser noch, ihre Traumstadt erfinden.
„Warum auch nicht, das ist doch nicht wichtig“, entschuldigte sie sich selber diese Tatsache.
Thomas quasselte ihr von seiner elfjährigen Tochter vor und dass er den Reitunterricht zahlen müsse.
Seine Frau würde nicht arbeiten gehen, aber sie wäre gerade in ihrer dritten Selbstverwirklichungsphase.
„Ach so“, sagte Isabelle darauf, „da haben deine Frau und ich wohl was gemeinsam.“
„Möchtest du dich denn jetzt verwirklichen, Angie?“ und es war ihr sonnenklar, was in den nächsten sechzig Minuten geschehen würde.
„Ja, dann gehe ich mal den Schlüssel holen“, erwiderte Isabelle, in innerer Triumpfstimmung gegenüber Pia und verließ schweigend und leicht gedankenverloren den Tisch.
Solche Momente waren für Isabelle irritierend.
Es umgab sie das paradoxe Gefühl des Sieges, ja, sie war direkt stolz, wie bei einer gewonnenen Schlacht.
Mit dem Schlüssel in den Fingern blieb sie im Türrahmen stehen.
Tom grinste sie an.
Isabelle deutete nur mit dem Zeigefinger und fühle sich wie die Hexe in Hänsel und Gretel.
Rein die Gestik war für sie ein Brüller, sie hatte diese Technik neulich bei einem der echten Profis beobachtet und nichts war einfacher, als sie, quasi „learning by doing“, an passender Stelle ebenso anzuwenden.
Auf dem Zimmer war ihr erster Weg zur Hi-Fi-Anlage.
Es gab in jedem Raum eine. Musik sollte sich allerdings jeder selbst mitbringen.
Das fand Isabelle auch wiederum in Ordnung. Denn wenn sie sich dabei auch noch Britney Spears reinziehen müsste…Nein, sie war froh über die bestehende Regelung.
Isabelle hatte eine Grönemeyer-CD dabei, wohlwissendwohl wissend, dass er nicht jedermanns Sache ist.
Das ist ein gewisser Vorteil, somit könnte sie immerhin sicher ganze zehn Minuten über gute und schlechte Musik philosophieren, gratulierte sie sich zu dieser Idee.
Thomas zog sich aus, während er den Wasserhahn der Wanne aufdrehte.
Herbert dröhnte aus den Lautsprechern.
„Flugzeuge in meinem Bauuuuch“, sang er.
„Der hat es gut“, kam es fast sarkastisch in Isabelle hoch.
Denn in ihrem Magen war gähnende Leere.
Sie begann ebenso, sich auszuziehen, weil sie sich duschen wollte.
Thomas redete die ganze Zeit. Er war unsicher, das war ihr klar.
Wer so viel quatscht und so viel undurchsichtiges Zeug plappert, der hat sich nicht unter Kontrolle.
Isabelle versuchte ihm zu helfen, denn sie wusste eines ganz sicher: SIE hatte die „heimliche Macht“ hier. So bat sie ihn verführerisch, ihren Büstenhalter zu öffnen.
Dies stellte sich als glänzende Idee heraus, denn ohne zu murren, war er bei der Sache.
Thomas löste die Ösen mit größter Vorsicht.
Isabelle spürte sein Zittern und drehte ihm ihr hübsches Gesicht zu. Welche Gänsehaut er hatte, einfach süß, studierte sie die Lage.
„Entspanne dich, es tut dir gut“, redete sie mit ihrer tiefen Stimme auf ihn ein und versenkte sich in ihre erotische Rolle der Angie.
„Du hast leicht reden“, polterte er zittrig zurück. „Ihr könnt besser damit umgehen.“
„Wer ist ihr“, tönte Isabelle darauf kritisch in den wollüstigen Raum.
„Na ihr hier, ist ja Alltag für euch“, erklärte er sich weiter.
„Ach ja, klar, wir haben es täglich“, wiederholte Isabelle mit leicht motzigem Anflug, der wunderbaren Technik des aktiven Zuhörens mächtig, seine unbewusste Stichelei.
Isabelle war klar, dass er mit „ihr“, uns alle Nutten meinte.
„Na warte“, dachte sie darauf, parteiergreifend für scheinbar Notweniges in dieser Welt.
„Ich beneide euch“, sagte er allerdings plötzlich. Welche Wende dieses Spiels!
„Ja, du hast recht, jeden Tag guten Sex, das hat schon was!“, ließ Isabelle ihn darauf eifern.
„Komm her, du Biest.“
„Pass bitte auf“, drängte Isabelle dann, sie wollte nicht, dass ihre Haare nass werden.
„Warte“, sagte sie und holte rasch eine Spange.
Daraufhin lief sie zwar nackig, aber nicht barfuß, zu ihrer Tasche.
So viel Zeit musste sein, es sieht einfach besser aus.
Haare oben und alles im Griff, war sie in zwanzig Sekunden später wieder zurück, die sündhaft teuren Schuhe flogen vorher gekonnt auf das wartende Liebeslager.
Thomas grabbelt an ihr rum, küsste sie, wie ein frisch entlassener Häftling aus der Strafanstalt es täte, nach langer, langer Enthaltsamkeit.
„Nicht so wild“, bremste Isabelle ihn.
Das Wasser prasselte nun doch über ihre Kopfhaut, sie spürte es, er fummelte und sie ließ es einfach zu, wie in einem Rausch, und lauschte dem Wasser.
Isabelles Brüder hatten sie an den Kanal zum Angeln mitgenommen. Isabelle hatte ihre erste Plötze gefangen, nach drei Stunden dasitzen. Obwohl es ihr echt schwerfiel, sie tat es so gut, wie sie konnte: dasitzen und schweigen.
„Ich kann auch angeln!“, schwor sie sich an jenem Tag, sie wollte ja sowieso lieber ein Junge sein.
Plötzlich fing es an zu nieseln und obwohl Isabelle unruhig wurde, saßen ihre Brüder immer noch da.
Dann blitzte und schüttete es plötzlich und die Kinder am Wasser und auch Isabelle überkam große Angst.
„Gewitter und Wasser ist nicht gut“, dachte sie.
Ihre Urgroßmutti hatte ihr einmal erzählt, dass ein Kugelblitz übers Wasser gerollt war, als sie als Kind baden war.
Sogar durch den Ofen wäre mal einer ins Haus geschossen und durchs Schlüsselloch wieder raus. Ob das wirklich gestimmt hat, na ja, Isabelle wusste es nicht, aber sicher ist einfach sicher.
Eines war klar: Isabelle hatte echt Schiss vor Gewittern.
Dann sah sie sich um – es war keiner mehr da? Nur der Fisch, die Angel und sie.
„Wo sind die hin, haben die mich einfach sitzen lassen?“, spekulierte sie weiter.
So schnappte sich Isabelle ihren Fisch und die Angel, setzte sich aufs Fahrrad und fuhr los.
Dann konnte sie ihre Brüder gerade noch sehen, wie sie davon radelten. „Die haben mich vergessen“, weinte sie auf dem klapprigen Rad.
Sie dachte, Jungs hätten keine Angst vor Gewittern?
Völlig irre vor Angst fuhr sie ihnen hinterher.
Mit Heidenrespekt vor Blitz und Donner, die sich keine Sekunde mehr gaben.
Isabelle holte ihre Brüder irgendwie ein, durchnässt wie ein Waschlappen, wütend,
grübelnd, nein, voller Hass.
Ihre neue Angel hatte sie verloren, aber sie konnte unmöglich anhalten und umdrehen.
Sie wusste nicht, ob sie die fünf Kilometer auf ihrem alten Drahtesel in zehn oder sechzig Minuten gefahren war. Sie war nur froh, dass sie noch lebte.
„Autsch, eh du Ferkel, nimm den Finger aus mir.“
„Was hast du denn?“, sagte er.
„Ja, nicht so doll! Raus hier, los!“ prustete Isabelle völlig in ihren Gedanken gestört und schubste ihn, sich wieder über ihr Dasein im Klaren, doch übermütig lachend aus der Dusche, ja drängte ihn in die fast überlaufende Wanne.
„Ein bisschen naiv ist er ja, doch ich wohl auch“, sinnt sie über diese absurde Situation.
„Aber vielleicht wird noch mal was draus“, hoffte sie für diese Welt und drückte auf den Knopf, der in Form von Luftbläschen Musik in der Wanne machte.
Und dann übernahm sie das königliche Zepter und sein Ding die Hand.
Dieses hatte sich inzwischen zu einem stattlichen Säbel gemausert, um die leichte Linksdrehung zu erklären.
Grönemeyer war bei den Männern angelangt. “Männer....“
„Ups“, gluckste Isabelle“, ich geh schnell noch was zu trinken holen.“
„.......sind so verletzlich“, glaubt der.
„Ja, ja ihr armen Würstchen“, lachte Isabelle in sich, „wir Frauen sollten wohl immer fein rücksichtsvoll sein, was?“
Und er, dieser fremde Thomas, lag stolz in dem geometrischen Wunderwerk und es sprudelte dicke, weiße Blasen.
„Ein Hoch auf den Erfinder des Whirlpools“, prostete Isabelle ihm zu.
„Verursacher dieses Hochgefühls war eindeutig Herbert“, dachte Isabelle. Wie kann Musik eine Sache nur so leicht machen?
„Musik nur, wenn sie laut ist“, kam es in sie und Isabelle sprang, wie von der Tarantel gestochen, wieder aus dem Schaum, um aufzudrehen.
Einige Gläser Alkohol hatten sich wohl bereits mit ihrem Blut verbunden, nahm sie leicht schwankend wahr.
„Ich mag Musik nur, wenn sie laut ist“, sang sie dennoch lauthals mit.
Einfach rumflachsen und blöd sein, wie fein und kann nicht schaden, davon war Isabelle in diesem Augenblick überzeugt.
„Mausi, du bist hübsch“, sagte er. Und mit dieser Tour versuchte er dann Isabelle kopfüber in das feuchte Dreieck zu ziehen.
„Was, ich, mit Körbchengröße A?“, gluckste sie zurück.
Gleichzeitig suchte sie nach Bestätigung für den von ihr bisher nicht vermissten Silikoneinsatz.
Im Pool überließ sie dann dem Phänomen Wasser seinen Part.
Der Whirlpool war bei den anderen Frauen wegen Bakterien verpönt, aber er hatte für Isabelle eindeutig was für sich: Man roch nichts Unangenehmes, wenn man recht viel von dem im Überfluss vorhandenen Badezusatz benutzte.
Badeschaum Deluxe in allen erdenklichen Duftnoten. „Ach egal“, dachte Isabelle.
Ihre Haare waren damit endgültig im Eimer, also tauchte sie völlig unter, um sich ordentlich ihrer Aufgabe zu widmen.
Ihre Mühe wurde schnell belohnt.
Wunderbar! Isabelle war entzückt. Einmal war sozusagen Muss, mehr nur auf ausdrücklichen Wunsch und sie klopfte sich innerlich auf die Schulter.
Sie wälzte sich im Wasser und Thomas grinste wie ein Honigkuchenpferd unter dem Weihnachtsbaum.
Dann redeten die beiden über Sex, Liebe, Lust, ja sogar über Beziehungen und deren Chancen.
Er erzählte Isabelle, dass seine Frau nie Lust hätte, dass sie immer eine Ausrede dafür hätte und dass sie ihn bestimmt nicht wirklich lieben würde.
Isabelle versuchte ihm klarzumachen, dass sie dies nicht glauben könnte, dass Frauen einfach anders denken, dass sie Gefühl bräuchten und manchmal eben einfach eine klare Ansage. Eine Frau will gewissermaßen gefordert sein, sie will spüren, dass sie begehrt wird und nicht nur ein Objekt der Befriedigung ist.
„Meinst du?“, sagte Thomas darauf, “aber mir kommt vor, sie versteht mich nicht, entweder sie liest im Bett, ist irgendwie beschäftigt oder sie schiebt unsere Tochter vor. Aber die Kleine ist schon elf.“
„Wie redet ihr darüber, und wann?“, versuchte Isabelle zu analysieren. Jetzt drang die Psychologin in Isabelle durch.
„Reden“, sagte er, „eigentlich gar nicht, es ist einfach so.“
„Warum redet ihr nicht offen miteinander? Warum sprichst du nicht an, was du magst, worum es geht?“, schimpfte Isabelle. Warum kommst du bei deiner Frau nicht ebenso auf den Punkt wie hier, wunderte sie sich wieder über die Blödheit der Männer.
„Wie meinst du das genau?“, hinterfragte Thomas neugierig.
„Also mein Lieber, sagst du direkt, was du erwartest, sexuell? Sprichst du deine Wünsche und Phantasien an, wie hier eben?“
„Mhh“, überlegte er angestrengt, “ich weiß nicht, ich denke das müsste sie doch merken, was ich will?“
„Was heißt, du weißt es nicht, was heißt, sie müsste?“, hakte Isabelle nach.
„Weißt du Thomas“, versuchte Isabelle ihm dann zu erklären „Frauen sind viel, viel klüger und cleverer als Männer es ahnen. Sie wissen und fühlen haargenau, wenn der von Hause aus geschätzte Lümmel in der Hose Alarm schlägt und befreit werden will. Pass mal auf, meine Brüder waren beide begeisterte Fußballer. Immer wenn sie vom Spielfeld kamen, hatten sie mir erzählt, was ihre berufene Rolle in diesem Spiel wäre. Lukas fühlte sich berufen als Tormann und Reinhard als Stürmer.
Ab und zu bin ich selbst gerne mitspielen gegangen, doch witzigerweise konnte ich mich nie entscheiden, wo ich spielen wollte. Ich wollte manchmal gleichzeitig im Tor und an der Front sein. Auch die Verteidigung sprach mich an, immer dann, wenn ich mich nicht so fit fühlte und müde war. Sogar als Schiedsrichter hatte ich einen Riesenspaß.
Und manchmal wäre ich sogar lieber in der gegnerischen Mannschaft dabei gewesen. Ich wollte nur eines nicht: Von irgendeinem Möchtegern-Trainer gesagt kriegen, wo ich heute spielen sollte. Was will ich dir damit sagen?
Keine Frau will in eine Schublade gesteckt werden. Vielleicht evolutionär bedingt, also unbewusst, möchte sie undurchschaubar bleiben, geheimnisvoll.
Sie will weder ständig Schiedsrichter sein und immer nur den Anpfiff blasen, aber sie will genauso wenig täglich das Tor hüten und keinen reinlassen.
Eine Frau schlüpft in viele Rollen, manchmal ist sie eben auch auf Verteidigung unterwegs. Das ist wohl die Stimmung, in der du deine Frau beschreibst.
Sie lenkt sich mit anderen Dingen ab, sie liest oder will nur reden, und wenn beides nicht geht, weil der Trainerlümmel nervt, schiebt man halt die gemeinsame Brut vor. Damit erhofft Frau sich Verständnis für die gemeinsame Elternrolle.
Ich denke aber in so einer Phase hat auch Sie oft nur die Motivation eines Stürmers, der die Verteidigung ja auch nicht vor jedem Schuss unsicher fragt, ob diese genau jetzt bereit ist anzunehmen. Er tut es einfach, ganz im Vertrauen darauf, dass der Mitspieler besonders in dieser Position in seiner derzeit besten ist, die zur Verfügung steht. Für das Vorgehen im Ehebett gilt also, ähnlich wie beim Fußball und wie in jedem anderen Spiel auch, eine ganz einfache Spielregel.
Sie lautet: ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt zu entwickeln.“
Thomas lachte schallend und glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. „Angie“, feixte er in den rot beleuchteten Raum, „du bist mir eine! Die Ehe ist ein Fußballspiel und mein Lustmacher ein Trainer mit ungültigen Regeln!“
Plötzlich klopfte es an der Tür.
„Angie, hallo?“
Es war Jeanette.
Thomas fragte Isabelle, wer was will.
„Keine Ahnung“, sagte sie, „es ist eine Hausdame.“
In zwei flinken Sätzen sprang Isabelle mit einem Handtuch vor die Tür.
„Wir haben die Zeit überzogen“, kam sie zu Thomas zurück, und entschuldigte sich damit, dass sie es nicht bemerkt habe.
Jeanette wollte von ihr wissen, wie lange sie noch planen würde auf dem Zimmer zu bleiben. Das Haus wäre voll und es ständen Gäste auf der Warteliste.
„Wir kommen“, sagte er glücklich. Klar, weil er gekommen ist.
Es war eine halbe Stunde länger als geplant. „Selber schuld, guter Mann“, freute sich Isabelle.
„Wer zu spät kommt, den bestraft hier die Finanz“, kam ihr unverdrossen und mit einem leichten Schmunzeln über ihre stummen Lippen.
Isabelle marschierte zur Dusche und ließ nebenbei ein paar nebensächliche Floskeln fallen, während auch Thomas sich bereits anzog.
Sie plauderte davon, wie schön es mit ihm war, was für ein toller Hecht er wäre und so weiter, denn sie wusste schließlich nicht, ob er morgen, nächste Woche, oder nun ja, erst in Dreien wiederkommt. Eins war ihr klar: Er würde wiederkommen.
Natürlich hatte sie die Lobeshymnen alle frei erfunden. Ein Egoist war er, ein Macho, wie er im Buche steht. Sie verstand auch seine Frau.
Und zack-zack, wie in einem Blätterkino à la Post-it, stand Isabelle in voller Montur wieder vor dem goldenen Spiegel, in dem erotisch verzauberten Badezimmer, das nur 15 der sechzig Quadratmeter im Tempel der Lust ausmachte.
„Du siehst aus wie ein frisch geficktes Eichhörnchen, Angie“, hörte Isabelle sich selbst reden. Also blieb Isabelle nichts weiter übrig, als alles auf Angie zu schieben, dem Teil in ihr, der sämtliche Abwehrmechanismen der Psychologie beherrschte und damit fähig war, dieser Sache kreativen Ausdruck zu verleihen.
„Doch was war schlecht daran?“, fragte sich Isabelle, die ihre innere Angie inzwischen mochte.
Isabelle empfand es als genialen Schachzug der Natur, dass sie das, was in letzter Zeit mit ihr passierte, irgendwie unschuldig auf Angie abwälzen konnte.
Obwohl, war denn Isabelle diesem Beischlaf wirklich entkommen?
Mit kritischem Blick auf ihr zerzaustes Haar fiel Isabelle an dieser Stelle ihre Tante Gisela ein.
Gisela ist die Schwester von Isabelles Vater und eine echt blonde Friseuse.
Sie wohnte im selben Dorf, in dem Isabelle aufwuchs. Wegen ihr hatte Isabelle als junges Mädchen wohl nie lange Haare, denn sie fühlte sich haarmäßig immer als Versuchskaninchen missbraucht.
Gisela hatte Isabelle vor dreißig Jahren ihre erste Dauerwelle à la Jimi Hendrix verpasst.
Und ja, Isabelle stellte sich vor, wie sie mit dieser Frisur heute aussehen würde.
„Elaine hätte dich nie genommen“, grinste sie in sich hinein, und es überfiel sie ein Fünkchen von Bedauern, dass sie glattes Haar hat.
Thomas rief Isabelle beim Rausgehen zu, dass er unten auf sie warten würde und sie solle sich beeilen, weil er nicht mehr viel Zeit hätte.
„Der hat gut reden – Männer, in zehn Sekunden angezogen, über die Halbglatze gefahren und fertig. So gehe ich jedenfalls nicht in die Höhle der Löwen.“
Auf der Suche nach etwas Bürstenähnlichen, kramte Isabelle in ihrer Handtasche herum.
Dessen fündig, fuhr sie sich geistig zerstreut durch das nasse Haar und klatschte sich eine gute Hand voll Glanzwachs mit dazu, was samt ihrer Schminke verschmierten Augen selbst in diesem Märchenspiegel, den Anblick einer Domina nicht ausschließen ließ.
„OK, schnell die Schminke runter und doch in die Umkleide, die Haare brauchen Chemie! Was soll's, das gehört eben dazu“, dachte Isabelle.
Also einfach knallroten Lippenstift rauf und wie der Blitz durchs Restaurant flitzen, lautete ihr Plan, rasch winke-winke machen und fertig und aus. Er sagte ja, er kommt wieder, also wäre das, zumindest der Situation angepasst, zukunftsorientiertes Denken.
Isabelle tapste die Treppe runter. Thomas stand schon an der Rezeption, um die geschäftliche Pflicht zu erfüllen.
Beim Vorbeigehen schaute er Isabelle mit wehmütig gerunzelter Stirn, doch gleichzeitig über beide Ohren strahlend, an. Irgendwie süß.
„Brav, ein sehr gut, Angie, er ist zufrieden“, schnaufte Isabelle in sich und übersah auch die funkelnden Augen von Alexa nicht, womit sie ihr ihre zufriedene Anerkennung für die geleisteten Dienste ausdrückte, im Sinne des Hauses natürlich.
Isabelle konnte nicht leugnen, dass sie jetzt ein Anflug von Stolz überkam.
Dann ging Isabelle ins Restaurant und Angelo, der Koch des Hauses, guckte sie schelmisch an.
„Bäh“, schnitt Isabelle ihm eine extra schreckliche Grimasse. Sie wusste, weshalb, und schenkte sich provokant noch ein Glas Roten vom Hillinger nach.
Als Thomas dann nochmals zu Isabelle kam, um sich zu verabschieden meinte er, er müsse noch auf seinen Freund warten und dass er nun leicht im Stress sei, weil seine Frau bereits zu Hause warten würde.
Sie wäre mit Ihrer Freundin im Kino gewesen, meinte er.
„Na und“, dachte sie, „und ich muss mich renovieren.“
„Also dann, Ade Amor bis zum nächsten Mal“, flüsterte Isabelle ihm ins Ohr.
Sie gab ihm flink einen flüchtigen Kuss auf seine Wange und ließ ihn im Glanz seines Angesichts im Raume stehen.
Unten waren inzwischen die Grandes Dames eingetroffen, Tessa hieß eine.
Sie sah aus, als ob sie früher ein Mann gewesen war, der sich durch OPs und Hormoneinnahmen zu einem mannequingleichen Wesen verpuppt hatte.
Ein knabenhafter Körper mit Barbiemaßen, auf nach Isabelles Vorstellung idealen einhundertsiebzig Zentimetern verteilt.
Irgendwie transsexuell wirkte sie, doch trotz der optischen Verwirrung schien sie ein netter Typ zu sein.
Gleich am ersten Tag hatte sie Isabelle wertvolle „Überlebenstipps“ für diesen Job eingetrichtert, wobei eine Flasche Champagner gefallen war, die Tessa geschickt einem Gast entlockte.
Während des Haare waschens lauschte Isabelle den Gesprächen im Raum, die sich um Schuhe, Unterwäsche, Brüste, deren Designer, sowie Haare, Frisuren und Schmuck drehten.
„Angie, wir müssen jetzt aufpassen“, klang es in Isabelle helle „ich spür' den Vino langsam.“ Somit war die Tat, ihr Köpfchen nochmals unter den Wasserhahn zu halten und die leicht geblockten Zellen einem Energieschub zu unterziehen, gerade recht, beendete sie ihr Zwiegespräch.
Unter ihrer Frischerneuerung erklang die Stimme von Pia:
„Hey Angie, ich hatte dich schon gesucht, wie lange warst du jetzt?“
„Anderthalb Stunden“, antwortete Isabelle, vielleicht doch etwas hochmütig.
„Und?“
„Was, und“, antwortete Isabelle, „alles OK.“
„Und du?“, fragte sie Pia provokant.
„Nichts“, sagte sie, “nur quatschen und saufen und fummeln.“
„Ja, und verduften“, brummte Isabelle mit verständiger Mine hintendrein.
Diese Sprache sollte nun einer verstehen. „Es war zum Piepen“, dachte sich Isabelle.
Anfangs hatte sie ja keinen Schimmer.
Hier ging es um Arbeit, bestätigte sich ihr eine Erkenntnis.
Wer gut ist, sich gut vermarkten konnte, verdiente viel und andersrum eben weniger.
In Phase eins hilft weder viel Wissen noch Erfahrung. Es ging um den blanken Verkauf seines Selbst, sich so gut es geht, in den Mittelpunkt zu stellen.
Redegewand zu sein war hierbei, gleich wie in der Wirtschaft, ein echter Vorteil. Einfach gesagt: Frechheit siegt.
Punkt zwei war, die Bewusstheit als Frau, und nicht zuletzt die Optik, oder besser die Begabung, damit umzugehen. So trennte sich die Spreu von Weizen.
Versuchen konnte es jeder, danach folgten die Auswahl und der Rost.
Denen, die im Sieb blieben, sollte augenblicklich klar sein, dass es kein Zurück gibt, sonst kommt die Krise - in einem Selbst.
In Isabelles Kopf ging es zu wie in einer Schleuder, die nicht aufhören wollte, sich zu drehen...
„Ich will ins Bett“, knurrte Isabelle leise vor sich hin. „Ich bin so müde, will mich in mein Kissen kuscheln und von einer ehrlichen Welt träumen“, sagte sie.
„Das kannst aber vergessen, die große Reservierung ist gerade eingetroffen“, sagte Pia darauf, „und du sollst hochkommen, deshalb bin ich runter gekommen.“
„Ich, wieso?“, fragte Isabelle.
„Es ist ein Typ dabei, der dich bereits kennt.“
Auf dem Weg nach oben begegnete Isabelle Alexa, die gerade leere Flaschen ins Lager trug.
Und Isabelle schoss es durch den Kopf, dass dieses Mannsweib ja die Auslöserin dafür war, dass sie sich hier bereits die x-te Nacht um die Ohren schlug.
„Ich bin unverbesserlich“, grinste Isabelle in sich „von wem hab ich das bloß, diesen jugendlichen Leichtsinn, diesen Drang nach auszulebender Neugier?“
„Ja, ich geb' ja schon Ruhe“, dachte Isabelle, denn sie wusste ja, dass sie selber verantwortlich war für ihre Entscheidungen. „Doch ohne Alexa hätte ich dich nie kennen gelernt“, sprach sie innerlich Angie an. Alexa war also unser beider Schicksal. „Wir sollten uns begegnen“, schmunzelte Angie zurück.
Alexa grinste Isabelle an und meinte mit lachender Stimme:
„Hiihii, alles OK, Angie?“
Und Isabelle teilte ihr erschreckend triumphierend mit, dass alles im grünen Bereich wäre.
„Na, da haste jetzt aber ein wenig übertrieben, Isabelle“, müpfte Angie innerlich auf.
„Wir sind supermüde und erleiden so manche Gewissensbisse.“
„Ja, ja lass mich jetzt in Ruhe!“ feuerte Isabelle zurück „so schlimm ist es auch wieder nicht, ich schone mich ein wenig und dann geht es wieder und weiter.
Außerdem hast ja du den geistigen Löwenanteil an Arbeit, Angie.“
Isabelle ging darauf in ein Zimmer, das den Frauen zum „Ausruhen“ zur Verfügung stand.
Es war niemand drinnen und sie warf sich erschöpft aufs Bett.
Alexa war in letzter Zeit öfter bei Isabelle, fing sie an nachzudenken. Sie hatte einen kleinen Hund, namens Prinz, ein Minikaliber à la „passt in jede Tasche“.
„Wer weiß, was der schon für Opfer bringen musste“, konnte sie sich nicht verkneifen zu denken.
„Aber, aber, Isabelle!“, mahnte sie erneut ihre innere Angie.
„Na ist doch wahr“, dachte sie, denn sie glaube langsam ziemlich alles, was sie früher nur für die Asche verbrauchter Gedanken hielt.
Alexa war vor einigen Jahren zur Lesbe mutiert.
Sie war früher auch als Frau für Männer da gewesen und vielleicht aus zu viel Überfluss wurden ihr die Männer zum Überdruss.
Isabelle wusste, dass sie selbst keine echte Lesbe sein könnte, klar, auch aus reinen Lebenserfahrungen schon nicht.
Den gewissen Reiz eines Frauenkörpers stritt Isabelle dabei nicht ab. Frauenkörper sind viel weicher und zarter, einfach auch vertraut. Und Isabelle hatte immer den Standpunkt vertreten, desto mehr Erkenntnis einem Ding innewohnt, desto größer wäre die Liebe.
Aber keine festen, starken Arme mehr, die sie drückten, keinen Bart mehr, der in einer leidenschaftlichen Umarmung pikst und nie mehr einen festen Po, den sie so gern angriff, nein, das hätte Isabelle sich niemals vorstellen können.
Außerdem sind Männer eben Männer, entschied sie für sich und sie bräuchte diesen Gegenpol, auch wenn sie auf manchen „Kampf“ hätte bisher schon verzichten können, sie würde ihr fehlen, die Männerwelt.
„Ich bin bi“, dachte sie!
Selbst der Psychoanalytiker Freud hatte ja bereits behauptet, der Mensch würde womöglich bisexuell geboren?
„Nun ja“, schloss sie weiter, „bisexuell sein ist ein Tabu!“ Und Tabus wären eben das, was gegen die Masse spräche.
„Die Masse ist leicht zu beeinflussen“, sagte Isabelle sich.
Menschen wären im Grunde wie Ameisenvölker, die von den Autopiloten - der Königin - gesteuert würden, um brav ihre Dienste zu verrichten.
Aber die Masse ist auch nur ein Teil von etwas. Die Masse ist nicht alles.
Alles ist alles und ein großer Teil davon ist die Masse. „Also ist ein kleinerer Teil von Allem ein Etwas“, philosophierte Isabelle vor sich hin.
Lesben und Schwule sind Menschen, die scheinbar neben der Masse oder auch ohne sie auskommen möchten. Sie möchten ein Etwas sein und Isabelle befand diese Tatsache nicht nur akzeptabel, sondern sogar als etwas Besonderes.
Schwule möchten auf eigenen Füßen stehen, eigene Säulen haben, eigene Wurzeln vielleicht, steigerte sich Isabelle in ihr geistiges Gebäude hinein. In jedem Falle nicht gesteuert und gelenkt, sie möchten individuell sein. Einzigartig! „Schluss, aus, Ende.
Es gibt viele Wege, die zum Ziel führen. Vielleicht sind es Irrwege. Vielleicht aber auch nicht“, dachte sie.
Aber es machen doch vor allem die Schwächen stark und stärker, die Fehlschläge ermuntern einen zu Neuem und damit zu neuem Wachstum, war Isabelle überzeugt.
Wenn alles glatt läuft, der Weg ohne Entscheidungen ist, ohne Steine, ohne Geröll, wie könnte sie dann wirklich erfahren, etwas lernen?
Vielleicht war ja jemand wie Isabelle, der einen anderen, steinigen Weg eingeschlagen hatte, ein Egoist, ein kleiner Rebell? In dem Moment fühlte sie sich als etwas - etwas Besonderes.
Wie könnte jemand jemals behaupten, etwas wirklich zu wissen, wenn er es nicht erlebt hatte, fragte sich sie immer wieder?
Und sie erkannte für sich, dass sie sich erst dann wahrhaft hingeben könnte, dem Leben, der Liebe, der Erlösung, dem Tod, dem Weichen, nicht Zwanghaften, wenn sie vorher nicht gewissermaßen hart war, wenn auch nur gegen sich selbst. Erst hart macht weich möglich. Das Erfahren dessen-, war sie überzeugt.
Aber wenn der Tod seinen Stachel verlieren würde, kam es über sie, würde er womöglich in den Alltag eindringen? Was wäre dann? Nichts wäre dann, erkannte sie, das Leben wäre leichter, weil sie mit dem täglichen Üben des Sterbens das Loslassen beherrschen würde.
Zur Hingabe ist also Egoismus notwendig, um sich dann frei und willig von ihm zu lösen, folgerte Isabelle, wie in Trance.
Und jenseits der Gesellschaft, jenseits der Masse, war so vieles, was es noch gäbe für sie. Was sie noch erfahren und erkunden möchte in ihrem jungen Leben.
Was das Lesben- oder Schwulendasein betraf, hatte Isabelle in den achtziger Jahren ein interessantes Gespräch mit einem Freund geführt. Es ging um Aids.
„Gott hat eine Handvoll Aids auf die Welt geworfen - zur Gesundregulierung des Lebens“, sagte der Freund von Isabelle spontan.
Sie unterhielten sich dann über Lemminge; eine Tierart, die angeblich, wenn die Population überhandnimmt, gemeinsam Suizid betreiben, was allerdings nicht wirklich stimmt. Aber die Natur zeigt dieses Loslassen ebenso an vielen anderen grandiosen Beispielen.
Am offensichtlichsten im Wechsel der Jahreszeiten, denn viele Bäume verlieren im Herbst ihre Blätter, Schmetterlinge schlüpfen aus ihren sicheren Puppen oder die Stämme letzter verbliebener Ureinwohner werden zu Wandernomaden. Die alles zeigte ihr, sie können gehen, sie können loslassen.
Isabelle war damals bekifft gewesen, aber sie hatte diese Antwort von Thomas nie vergessen.
Sie und ihre Freunde wussten damals noch nicht viel von Aids, nur von irgendwelchen Affen und dass das Virus dann angeblich zuerst bei Homosexuellen aufgetaucht war.
Heute haben Hetero – und Homosexuelle Aids, der Ursprung wird mal da und mal dort vermutet. Sie hatte keine Ahnung. Und für sie gab es auch keinen Schuldigen.
Eines wusste sie aber, es hatte im weitesten Sinne etwas mit Sexualität zu tun.
Und für Isabelle stand fest, es wäre eine Folge davon, wie wir mit ihr umgehen.
Isabelle hatte in ihrem Leben viele Männer und letztlich kam sie zu der Einsicht, dass es meist, also in sexueller Hinsicht, irgendwie dasselbe ist. Im Bett ist ein Mann so gut oder schlecht wie jeder andere.
Egal ob er einen Bauch hat oder ein Waschbrett, gleich ob Glatze oder Mähne, ob der Seine länger oder kürzer ist.
Manchmal machte sie ihre Augen zu beim Sex mit X, dabei ist ihr dann passiert, dass sie mit irgendeinem Y geschlafen hatte. Sie fragte sich dann, ob sie nicht ganz richtig ticken würde?
Doch bald kam sie darauf, dass dies alles völlig normal war. Somit musste sie, wie aus einem unbändigen inneren Trieb heraus, unbedingt Neues ausprobieren. Der Abwechslung halber oder aus Neugier.
Warum nicht, also warum nicht auch Frauen?
Paradoxerweise stellte sie fest, dass irgendwann auch das wieder das Gleiche ist. Aber was sollte sie jetzt tun, ins Kloster gehen?
Wollte sie Sex oder Liebe? Wollte sie Gefühl?
Ja, sie wollte nur eines: Lieben. Die Liebe sehen, sie erkennen, sie fühlen, mitten im Herzen. Und deshalb war alles gleich, gleich und mäßig bis schlecht, weil sie diese eine Liebe irgendwie nicht fand.
Sie hatte einen interessanten Artikel über Humboldt-Pinguine gelesen.
Diese Tiere sind vom Aussterben bedroht.
Es bilden sich vermehrt männliche Lebensgemeinschaften. Unter zweiundzwanzig Tieren bildeten sich nach Angaben der Forscher nur vier heterosexuelle Paare, worunter sich wiederum nur ein bewährtes Pärchen befindet.
Eine Ursache scheint zu sein, dass die Männchen nicht dazu zu bewegen sind, die Weibchen zu verführen und die Weibchen auch nichts dazu beitragen, indem sie sehr zurückhaltend sind. Zudem handelt es sich anscheinend um besondere Lebewesen, denn es fällt selbst den Biologen schwer, das Geschlecht der Tiere zu bestimmen.
Pulsuz fraqment bitdi.