Kitabı oxu: «Die Nacht im Teppichsaal»
Isolde Kurz
Die Nacht im Teppichsaal
Erlebnisse
eines Wanderers
Saga
Der
Herrin und Gestalterin
des
Wunderschlosses Bellosguardo
im Gedenken
an die gemeinsamen Fahrten
durch
italische Lande!
I
Der Wanderer
Er war über den Consumapaß gekommen um das Casentino nach allen Richtungen zu Fuße zu durchstreifen. Frühsommer lag über der Bergwelt und verjüngte ihre herben Züge durch das zwischen dem dunklen Eichen- und Kastaniengrün vordringende neue Birken- und Buchenlaub; an den Abhängen leuchtete der goldgelbe Ginster; die Sonne hatte schon beträchtliche Kraft. Den Wanderer störte sie nicht, sein sehniger Körper kannte keine Erschlaffung. Er hielt in den Wäldern Mittagsrast, und wenn er irgendwo an verschwiegener Stelle unter der Brause eines Wildbachs gebadet hatte, fühlte er seine Glieder kraftvoll und geschmeidig wie den biegsamsten Stahl.
Er war kein Wanderer, wie sie alle Tage des Weges gehen, um den Kopf zu lüften und die Füße zu vertreten oder auch des bloßen Ankommens wegen, er war vielmehr einer, der immer in Wanderschuhen ging, dem das Wandern Zweck und Sinn des Daseins, ein währender Tempeldienst im Heiligtum des Geschaffenen war. Nicht mehr jung und noch nicht alt, auf dem Scheitelpunkte des Lebens, wo die Waage für eine Weile stillzustehen scheint, ging er seines Weges, besitzlos und wunschlos, als ein Liebender der Natur und ein Gehör für ihr heimliches Weben. Darum verirrte er sich nie, noch fragte er nach der Richtung, er hatte die Landschaft in sich und ging überall wie im eigenen. Alle Vogelstimmen kannte er, und aus dem nächtlichen Sternenschein las er die Stunden ab wie von einem Zifferblatt. Er liebte es mit dem Lauf der Flüsse zu gehen, und am nächsten fühlte er sich dem Göttlichen, wenn er sie an ihrem Ursprung aufsuchen konnte. Darum hatte er unterwegs die rauhen Felsenpfade der Falterona nicht gescheut, um dem hochgeborenen Arno als Kindlein an der Wiege zu huldigen und hatte dann, auf das östliche Gebiet hinüberwechselnd, unter den Buchen des Monte Fumajuolo den dort vielfach entsprudelnden Tiberquellen das gleiche getan.
Aber er war nicht nur ein Augenmensch, dem bloß das Sichtbare gehört, er war auch ein Beschwörer, dem die Geister Rede standen. Schlösser und Burgen fragte er ab, was sie im Lauf der Jahrhunderte gesehen hatten; und über welche Stätte er schritt, da gesellte sich ihm der Genius loci und machte ihn seiner Erinnerungen teilhaft. – Es gebe nichts Vergangenes, pflegte er zu sagen, was man so nenne, das sei nur in eine tiefere Schicht hinabgestiegen, aber auf den rechten Anruf komme es gerne wieder hervor.
Denen, die ihn auf seinem Wege kennenlernten, war er ein wanderndes Geheimnis, das, ehe man es lösen konnte, entglitten war. Die Tieferblickenden erkannten einen Mann, der sich aus hartgeprüfter, umhergeworfener Jugend nur eben heil auf die höhere geistige Ebene gerettet hatte, von wo er die Dinge des Lebens tief unter sich sah, und der so aus einem unglücklichen Menschen ein nahezu glücklicher geworden war: denn wer nichts mehr für sich begehrt, der besitzt mit einem Male alles! So hatten wir ihn durch Jahre gekannt, auftauchend, verschwindend, ohne Willkomm noch Abschied; eine Zeitlang mitten unter uns; dann nicht mehr aufzufinden. – Fast hatte er keinen Namen mehr, alle nannten ihn nur den „Wanderer“. Auch er selbst unterschrieb sich auf den Ansichtskarten, die er seinen Freunden gelegentlich aus irgendeinem fernen Ende des Globus sandte, am liebsten „Peregrinus“.
Jenes Tages war er früh von dem heiligen Felsen der Verna aufgebrochen, nachdem er bei den frommen Brüdern genächtigt und zuvor den Abend mit ihnen im Gespräch über ihren großen Stifter verbracht hatte. Vor dem Abstieg hatte er noch bei Sternenschein die höchste Spitze des Berges erklettert, der das Tal des Arno von dem des Tiber scheidet, um den Aufgang der Sonne zu erwarten. Und die Nähe der beiden Schicksalsströme Italiens berührte ihn mit solcher Weihe, daß er ihren Lauf durch Raum und Zeit im Geist begleiten mußte wie den Aufbruch zweier Heldenbrüder, die hinausziehen um Weltruhm und Weltmacht zu gewinnen, der eine mit kriegerischen Waffen, der andere mit solchen des Geistes.
An Tagen, die er so in gehobener Stimmung begann, konnte ihm keine Mühsal des Weges etwas anhaben, noch ließ er sich durch einen unliebsamen Zufall stören. Wo ihm aber eine bedeutsame Begegnung bevorstand, da fühlte er es an einem inneren Zuck, wie der Rutengänger, in dessen Händen die Gabel ausschlägt, wenn er die Stelle eines unterirdischen Wasserlaufes betritt.
Der Tag begann zu sinken, als ihm von dem Vorsprung einer steilen Kuppe eine Villa von edlen Umrissen inmitten eines mächtigen alten Parks entgegentrat. Michelangelo habe sie gebaut, behauptete der Wirt in der Osteria am Wege, wo der Fremde ein Glas kühlen Wein und einen Abendimbiß zu sich nahm. Mochte die ländliche Angabe stimmen oder nicht – die Nähe von Michelangelos Geburtsort legte es nahe, daß auch Unbeglaubigtes auf seinen Namen ging – die magische Rute zuckte in seiner Hand: diese Villa mußte er sehen. Ein Eindruck von Versunkenheit und Verlassenheit zog ihn besonders an, und ehe noch sein Geist einen Beschluß gefaßt hatte, waren schon seine Füße da hinauf in Bewegung, wie um einen ihm gehörigen Gegenstand in Besitz zu nehmen. Ein geschwungener Fahrweg, ungepflegt und steinig, schmiegte sich am Felsgelände hin, nach der Talseite zu von einem engen, doppelreihigen Zypressengang begleitet. Das Tor war verschlossen, ein rostiger Glockenzug mußte mehrmals mit Kraft gerissen werden, bis ein alter Mann, dem Aussehen nach der Gärtner, mit verwunderten Augen vor dem Besucher stand.
Ob es erlaubt sei Haus und Garten zu besichtigen, fragte dieser. Der Alte wollte gerne den Besuch des Parks gestatten, aber wegen des Hauses machte er Schwierigkeit, weil er nicht ermächtigt sei, in Abwesenheit der Herrschaft jemanden hineinzuführen. Der Wanderer schritt indessen schon den Kiesweg zwischen den Lorbeerhecken entlang, als könne es nicht anders sein. Der Garten, der gemäß der Bodengestaltung in flachen Stufen angelegt war, ließ freilich erkennen, daß ihm das Auge des Gebieters seit langem fehlte. Die Pracht des Pflanzenwuchses ging schon in Verwilderung über, der die Hand des alten Gärtners nicht mehr zu steuern vermochte. Das tiefgelegte, von Kübelpflanzen umstandene Viereck des Wasserbeckens war verschlammt und sein Sprühstrahl schlief. Den seltsamsten Anblick gewährten die mächtigen Schleppkastanien auf dem Rasenplan vor dem Hauseingang, deren unterste Zweige wie lange Schlangen am Boden schleiften und Fallstricke für die Füße legten. Das Ganze ein Bild des beginnenden Wiedereinbruchs der Natur in die von Menschenhand geschaffene Ordnung. Nur die gut beschnittenen Hecken und der zärtlich gepflegte Blumenflor lobten den Fleiß und die Liebe des alten Mannes. Er war einer von den alten Gärtnern, wie man sie nicht selten auf solchen verwahrlosten italienischen Villen findet, ganz mit dem Boden, den er bebaute, verwachsen und für keine Verpflanzung mehr zu haben. Ich kann den Park nicht so pflegen wie ich möchte, sagte er entschuldigend zu dem Besucher, der durch sein lebendiges Eingehen gleich sein Vertrauen gewonnen hatte. Ich bin ganz allein hier, die junge Herrschaft lebt immer in Paris und ist überhaupt noch niemals hier gewesen. Sie schickt mir auch kein Geld für den Garten. Ich könnte ihn gar nicht erhalten, wenn ich nicht Blumen zöge zum Verkauf für die großen Kirchenfeste in der Umgegend und feines Gemüse, das ich nach Bibbiena liefere. Dafür kann ich gerade das Allernötigste beschaffen. Er hatte Tränen im Auge, als er das sagte. Mein Gehalt ist auch ausgeblieben, seit die alte Herrschaft tot ist, setzte er hinzu. Nun, ich lebe auch so. Ich habe mein kleines Häuschen von zwei Zimmern und einer Feuerstelle, den Küchenbedarf ziehe ich mir selbst, ein paar Hühner halte ich auch – ein Schwein – ich leide keine Not. Die Frau ist tot, die Kinder sind draußen in der Welt. Ich ziehe meine kleine Enkelin auf, das Kind meiner verstorbenen Tochter. Sonst habe ich nichts als meinen Garten, ich stürbe, wenn ich ihn verlassen müßte.
So viel Treue zur Scholle gefiel dem Wanderer, und die offene Menschlichkeit in dem guten Gesicht und in den noch hellen stahlblauen Augen hob ihm den Mann des Volkes aus der Gewöhnlichkeit. Er hatte unterdessen in seiner Gesellschaft alle Baumgänge und Anlagen des Parks durchwandelt, der die ganze Breite der Hügelstufe einnahm, und fühlte sich mehr und mehr gefesselt. Die Lage des Hügels zwischen zwei Flußtälern, dem breiteren westlichen, vom Silberbande des Arno durchschlungenen, und dem engen östlichen mit einem kleinen Wasserlauf, der seinem jungen Zinsherrn, dem Tiber, zustrebte, gab ihm etwas Eigenes, Bedeutsames, das sich nicht so leicht anderwärts wiederholte. Wie schön müßte es sein, hier oben eine Nacht mit Mond und Sternen zu verbringen und in kurzem Abstand Sonnenunter- und -aufgang hinter den sich gegenüberliegenden Höhen zu erleben. Auch das Haus wurde von allen Seiten umgangen. Es war im Stil der italienischen Renaissance-Villen angelegt, ein bei geringer Höhe lang hingestreckter Bau mit vortretender Terrasse, zu der die schön geschwungene doppelte Freitreppe, eine spärlich tröpfelnde Brunnennische umrahmend, emporführte. Man sah es den Räumen von außen an, daß sie nie zum behaglichen Wohnen, nur zu festlicher Glanzentfaltung gedient haben konnten. Oben auf der Terrasse zwischen beiden Aufgängen wuchsen aus einer mächtigen Rosenschale zwei steinerne Putten, um deren Nacktheit ein blühender Rosenbusch neckisch seine Zweige schlang. Hier war jedoch die Grenze des Lebens, die Wohnstätte selber lag entseelt, ihre Fensterläden waren geschlossen wie die schweren Augendeckel eines Toten.
Dem alten Gärtner, der selten mehr die Wohltat eines Gesprächs mit Höhergebildeten genoß, war unterdessen das Herz weit aufgegangen, und er hatte den Wanderer in die ganze Geschichte der herrschaftlichen Familie durch mehrere Generationen, so wie sie ihm selber bekannt war, eingeweiht. Daß dieser zwar nicht um die Persönlichkeiten, wohl aber um die einschlägigen Verhältnisse Bescheid wußte, vermehrte sein Zutrauen und ließ ihm den unerwarteten Besucher fast wie einen alten Bekannten erscheinen. Nun rückte der Fremde mit seinem Wunsch, hier oben schlafen zu dürfen, heraus. Der alte Mann blickte bedenklich: in seiner Gärtnerwohnung sei kein Raum und sie wäre auch zu gering für einen solchen Gast. Der Herrschaft würde ja freilich kein Unrecht geschehen und sie brauchte es auch gar nicht zu erfahren, wenn er den fremden Herrn in einem ihrer Privatzimmer im unteren Stockwerk schlafen ließe, er hätte aber dabei doch das Gefühl, seiner Pflicht untreu geworden zu sein. Der obere Stock aber mit den Räumen für Gäste und Dienerschaft sei im Verfall und auch ganz vollgepfropft mit Gerümpel, bis auf den Teppichsaal, der allein noch heil sei, aber unter den Wandteppichen könne ein Mensch nicht schlafen.
Einen Teppichsaal habt Ihr hier oben? fragte der Wanderer mit angenehmer Überraschung. Und warum soll man in dem nicht schlafen können? Nun, es sei doch nicht angenehm, ganz allein zu sein mit den fremden Gesichtern, die einen von der Wand herab anstarrten, meinte der Gärtner. Er habe einmal mit seiner Enkelin eine Nacht da oben zugebracht, als ihm der Sturmwind das Dach seines Häuschens abgetragen hatte. Aber das Kind habe sich vor den Figuren so gefürchtet, daß auch ihm ganz unbehaglich zumute geworden sei.
Ihr werdet mich aber doch nicht von hier wegschicken, Großvater, ohne daß ich Eure Kunstschätze wenigstens gesehen habe? Eine Sammlung alter Wandteppiche mit figürlichen Darstellungen? Um die hätte sich‘s ja allein verlohnt, den Weg hierher zu machen.
Ach nein, Herr, Sie dürfen sich nichts Besonderes vorstellen. Kunstschätze sind es nicht, es sind nur so alte gewebte Dinger, schäbig und angefressen, die schon seit Hunderten von Jahren dahängen und weiter verstauben. Nein, Sie sehen gar nichts daran und lachen mich aus, wenn ich Sie hinführe. Bloß bei Nacht, wenn man die Kerze brennen läßt oder wenn der Mond drüber hinstreift, machen sie so sonderbare Gesichter, daß man denkt, sie schauen einen an. Aber in den unteren Sälen hängen schöne Gemälde, die will ich Sie gerne sehen lassen, damit Sie nicht umsonst heraufgewandert sind.
Er schloß die Eingangstür auf.
Das Innere der Villa war, wie es der Wanderer erwartet hatte. Weite Prunkräume ohne Wohnlichkeit, augenscheinlich zu Empfangszwecken gebaut, eine jener anspruchsvollen Villen, die von den Besitzern nur vorübergehend bezogen werden, um hochstehende Gäste festlich zu bewirten; auf diese Bestimmung wiesen auch die baufälligen Stallungen und Wagenschuppen im Hofe hin. An den Wänden eine lange Reihe von Bildnissen toskanischer Herrscher, bei Cosimo I. beginnend, alle höfisch langweilig, dazwischen ein paar leidliche Kopien nach Werken der großen Kunst. Nur weniges, aber mächtiges Hausgeräte, echt und alt mit der unsäglichen Stimmung von Verwaistheit und Schwermut, wie sie solche seit Menschengedenken nicht benützten Räume ausatmen. In den Schlafgemächern die schönen, freistehenden Riesenbetten mit brokatenen Prachtgehängen und der dazugehörenden reichen Truhe am Fußende, venezianische Spiegel, eingelegte Spinde, kunstreiche Kandelaber, lauter Kostbarkeiten vergangener Geschlechter, unter denen zu ruhen der Eindringling gar keine Lockung spürte.
Auf sein Drängen führte ihn der Alte dann auch eine breite Steintreppe hinauf in das obere Geschoß. Hier war das Reich der Spinnweben und des Verfalls, die Luft stokkig, alle Räume mit überzähligem Hausrat angefüllt oder völlig leergelassen, weil die Fenster fehlten.
Und der Teppichsaal?
Hier ist er.
Eine verquollene Tür wird aufgestoßen, und ein langgestreckter, schmälerer Raum, das ganze Haus der Breite nach von West nach Ost durchziehend, mehr Galerie als Saal, empfängt die Eintretenden. Die Schmalwände sind fast ganz von den mächtigen dreigeteilten Fenstern eingenommen, je zwei an einer Seite, die, wenn die Läden geöffnet sind, Licht und Luft in Strömen einlassen, eine schön kassettierte Decke, deren gebräuntes Gold in der Abendsonne aufleuchtet, an beiden Längswänden nichts als die Teppiche. Ein Blick genügt dem Kundigen, um zu erkennen, daß er eine zwar schlecht erhaltene, aber nicht unbedeutende Sammlung vor sich hat. Es geschieht ihm nicht zum erstenmal, daß er an ganz verwahrloster Stätte einen Kunstwert entdeckt, für den seine Besitzer blind gewesen. Darum pflegt er sich auch festzuhaken, wo er so etwas wie eine Witterung hat; aber eine Ernte wie diese ist doch eine Überraschung.
Da seid ihr ja, dachte befriedigt der Wanderer, denn es schien ihm in diesem Augenblick fast, als ob er der Teppiche wegen gekommen sei. Denn Figurenteppiche waren seine Leidenschaft, er zog sie der Malerei bei weitem vor, und er pflegte zu versichern, daß das größte Meistergemälde sich nicht an ergreifender Ausdruckskraft mit der steifen Ungeschicklichkeit so eines gewebten Teppichbildes vergleichen könne. Sie taten eine ähnliche Wirkung auf ihn wie die Marionetten, die ihn auch in tiefere Entzückung versetzen konnten als die größte Darbietung dramatischer Kunst. Denn die Puppen, sagte er, das seien die wahren Künstler, sie stellten nicht das Einmalige dar, sondern das Absolute, die ewige Idee. Alles Leid der Erde sei in so einem Kasperl beisammen, wenn er hilflos an der Wand lehne und nur die Hand noch leise bewege, überwältigt von Schmerz. Dann sei es schwer, sich der Tränen zu enthalten. So gehe es ihm auch mit der frühen, noch einfältigen Teppichschilderei, denn je ferner der Wirklichkeit, je näher der Vorstellung, die das wahre Leben sei.
Hier an der abgelegensten Stelle des Casentino, in einem Raum, den seit lange nur Spinnen und Asseln bewohnten, fand er seiner Liebhaberei eine Befriedigung, deren Fülle ihm fast den Atem nahm. Bleiben! sagte eine Stimme in ihm, dieselbe, die ihm geboten hatte zu kommen. Die Teppiche an der dem Eingang gegenüberliegenden Nordwand zogen ihn besonders an, sie schienen die ältesten zu sein, ihre Farben waren teilweise verblaßt, auch hatten die Motten da und dort an ihnen gearbeitet, aber alle entstammten sie einer schöpferischen Phantasie und edler, zielsicherer Kunstgesinnung. Da gibt es Frauen in Prunkgewändern, gewappnete Ritter, belagerte Festungen, rennende Rosse und gefällte Lanzen, Liebesgärten mit jungen Paaren; ganze Zeiträume voll wilder und zärtlicher Begebnisse, Geschichte oder Legende, sind auf dieser Wand beisammen. Wo der Raum nicht ausgefüllt ist, schieben sich Schmalstücke mit florealen Darstellungen, sogenannte „Verdüren“, ein. Minder fesselt ihn die gegenüberliegende südliche, die mehrfach von Türen unterbrochen ist. Ihre Teppiche sind bei weitem besser erhalten, weil sie nicht aus Wolle, sondern aus Seide gewirkt und mit Goldfäden durchzogen sind, aber an Kunstwert erscheinen sie dem empfindlichen Auge beim flüchtigen Überblick geringer, weil die lebhaft bewegten Gruppen von augenscheinlich historischem Inhalt stark und anspruchsvoll aus der Wand heraustreten. Einem Kind mochte wohl dabei das Fürchten kommen.
Der Betrachter wendet sich wieder zu der ersten Wand zurück, deren Farben sich jetzt in der Abendglut mehr und mehr entzünden, daß auch hier die Formen plastischer herauskommen und die ganze Fläche ein bewegteres, aber nicht unruhiges Leben empfängt. Da und dort rührt ein dargestellter Gegenstand an einen Winkel seiner Erinnerung, wo er den Schlüssel dazu vermutet, ohne ihn sogleich zu finden; die letzte Gruppe ausgenommen, deren Bedeutung nicht zu verkennen ist. Auf die Frage, ob man wisse, was die anderen Bilder darstellten, schüttelt der Führer den Kopf. Er kennt ja die Teppiche von klein auf, denn er ist auf dem Gut geboren, wo sein Vater vordem den gleichen Posten innegehabt, und er hat sie von je mißachtet gesehen, ja, er hat sich in früherer Zeit, als noch die alte Herrschaft ab und zu auf der Villa wohnte, in ihre Seele hinein geschämt, daß man nicht daran dachte, die alten verstaubten Lappen wegzunehmen und sie durch eine lustige bunte Papiertapete zu ersetzen, die dem Raum nach seiner Meinung viel besser angestanden hätte. Aber die Bewunderung des Fremden machte ihn nun doch an seinem Kunstgeschmack irre, und da er sah, daß dieser wie gebannt unter den Teppichen verweilte, bald den einen, bald den anderen vor- und zurücktretend aufs genaueste musterte und sich offenbar gar nicht davon trennen konnte, bot er ihm nun selber die Vergünstigung an, die Nacht hier oben zu verbringen. Er wolle ihm eine Lagerstatt im Teppichsaal aufschlagen, auch Tisch und Stuhl und sonst das Notwendigste hineinstellen, damit der Gast bleiben und sein Herz am Anblick der wunderlichen Dinger sättigen könne.
Er setzte sich auch gleich in Bewegung und schaffte mit seiner Enkelin, einem sehr kleinen vierzehnjährigen Mädchen, das über dem Erscheinen des Fremden die Sprache verloren hatte und auf keine seiner Fragen Antwort gab, aber desto eifriger war ihm zu dienen, aus den verschiedenen Rumpelkammern mehr Gegenstände herbei, als der genügsame Wanderer bedurfte, ließ es sich auch nicht nehmen, die Liegestatt aus seinem eigenen zwar groben aber blütenweißen Wäschebestand zu überziehen. Nur eins bereitete ihm Sorge, der Mangel an Beleuchtung.
Wir haben kein elektrisches Licht hier oben, in der Herrschaftswohnung sind wohl Petroleumlampen, aber kein Petroleum, ich selber behelfe mich mit einem altmodischen Öllämpehen und kann dem Herrn nichts anbieten als ein ebensolches.
Dies sagend stellte er eine der hohen toskanischen Messinglampen, ein blitzblank gleißendes Ding mit zierlichen Kettchen, woran Putzschere und Verschlußdeckel hingen, auf den Tisch. Aber die Bimba, wie die Kleine genannt wird, springt leichtfüßig weg und bringt auf der abgebrochenen Spitze eines alten Kandelabers den Stumpen einer armdicken Wachskerze. Auch ein Glas und zwei Karaffen, die eine mit Wasser, die andere mit Wein, holt das eifrige Kind von selbst herbei, wofür sie vom Großvater belobt wird, der kein Ende findet mit Entschuldigungen, daß er einem solchen Herrn nichts Besseres zu bieten habe, und nicht ruht, bis dieser wenigstens seinem Wein die Ehre angetan hat.
Endlich allein gelassen, beginnt der Gast seine Musterung. Der Himmel bleibt nach Sonnenuntergang hoch und hell, kaum daß ein Stern mit noch blassem Schein hindurchdringt; so sind die Teppichschildereien noch wie am Tage kenntlich. In der linken Ecke beginnt er seine Forschung, vermeinend sie der Reihe nach wie eine Schrift entziffern zu können. Was werden die stummen Münder ihm sagen?
Der erste Teppich dürfte der älteste sein, die Farben sind am schlechtesten erhalten, und die Stilart weist am weitesten zurück. Da sieht man eine mittelalterliche Stadtmauer, durch vortretende Wehrtürme verstärkt, ein Tor von gezackten Zinnen gekrönt, und hoch oben zwischen den Zinnen, deren eine niedergelegt ist, steht eine schlanke Mädchengestalt in reichen Gewändern mit kleidsamem Kopfputz. Sie hat beide Hände auf die Brust gelegt und spricht zu einem Ritter, der sich außen in fast gleicher Höhe ihr gegenüber befindet. Auch er legt eine Hand beteuernd ans Herz; worauf er eigentlich steht, läßt sich nicht mehr erkennen, weil die Schilderei gerade an dieser Stelle stark beschädigt ist. Zu seinen Füßen lagert Kriegsvolk in Rast, Hellebarden sind in Pyramiden aufgestellt, Zelte verlieren sich nach der rechten Ecke zu. Was haben die beiden Hauptgestalten miteinander zu reden? Es kann keine kriegerische Verhandlung sein, was sie führen, obgleich die Stadt mit Krieg überzogen scheint. Nach ihren Gebärden zu schließen, handelt es sich um die allerpersönlichsten Dinge, die Mann und Weib sich zu sagen haben. Warum aber in solcher Öffentlichkeit und so hoch oben in der Luft? Warum inmitten kriegerischer Zurüstungen? Denn auch hinter der Schönen steht ein Gewappneter. Welche Stadt schickt ihre jungen Mädchen zur Unterhandlung mit dem Feind? Ja, welche Stadt? Das wäre vor allem zu ergründen. Aber ist nicht da oben an der Randleiste seitlich ein Wappenschild zu erkennen? Ein Löwe neben einem Palmbaum. Das Wappen von Viterbo. Viterbo, der Stadt, die von je auf ihre schönen Frauen wie auf ihre schmucken Brunnen gepocht hat. Ja, nun weiß er plötzlich, wen er vor sich hat: Gegrüßt, schöne Galiana, Wunder von Viterbo, um das voreinst von diesen Mauern herab gestritten wurde wie von den Mauern Trojas um die Tochter der Leda. Jeder Besucher Viterbos kennt deinen Namen, jedem hat man deinen Wohnsitz und dein Grab gezeigt. Aber dieser kundige Wandersmann weiß mehr von dir als alle anderen, er hat an Ort und Stelle deinen holden Geist beschworen, als er einmal auf der Fahrt nach Rom in Viterbo rastete und man ihm unter den anderen steinernen Merkwürdigkeiten der edlen Stadt jenen eigenartigen Söller zeigte, der den Namen balcone della bella Galiana führt. Viterbo hat dieser sogenannten Balkone noch mehrere, ihre Besonderheit ist, daß sie nicht aus der Palastmauer heraustreten, sondern dem Haus auf seltsam schiefen Bogen vorgelagert und durch ein Tor gegen die seitlich gelegene Freitreppe abgeschlossen sind, also einen schützenden Vorbau darstellen. Als sich nun der Fremde erkundigte, wer diese Galiana gewesen, von deren Schönheit die Steine noch heute reden, da wies man ihn auf den Rathausplatz vor die Kirche Sant’ Angelo, wo ein antiker Marmorsarkophag an der äußeren Kirchenmauer angebracht ist, und berichtete ihm, daß in diesem Behältnis die Gebeine der schönen Galiana ruhen, um deren Besitz Viterbo in grauer Vorzeit einen grausam harten Kampf gegen römischen Übergriff zu bestehen hatte. Mehr konnte der Frager nicht erfahren. Aber sein unstillbarer Durst nach wundersamen Geschichten aus früheren einfältigen Tagen ließ ihm keine Ruhe, darum verschaffte er sich die Chronik von Viterbo, allwo er neben einem langen und langweiligen Klagegesang auf den Tod der schönen Galiana so sonderbare Angaben über dieses Schönheitswunder und seine Geschichte fand, daß kein heutiger Mensch Unschuld genug aufbringen kann um sie zu glauben. Also schüttete er das Kind mit dem Bade aus und hielt die ganze Galiana für die Hirngeburt eines wahnwitzigen Schreibers.
Als er jedoch den Straßenlärm hinter sich ließ und der alten Stadtmauer folgte, wo sie sich mit Türmen und Basteien tief unten im Grün des Tales halb verbirgt, gesellte sich ihm der Genius loci, von dem sich manches erfragen läßt, worüber Lebende und Tote Auskunft schuldig bleiben. Ihm erzählte er die Mär von der schönen Galiana.
II
Die Mär von der schönen Galiana
Er wollte nicht gleich mit der Sprache heraus, denn es hatte ihn verdrossen, daß der Liebende der Natur unter Benzingedüfte und Hupenzeichen in seine mittelalterlichen Straßen eingefahren war, obwohl seine eigenen Landsleute ihn längst an solchen Ehrfurchtsmangel gewöhnt hatten. Allmählich ließ er sich aber doch gewinnen und sagte:
Nein, die Galiana war keine Phantasiegeburt, sie hat gelebt, sonst hätten nicht acht Jahrhunderte nach ihrem Tode noch ihr Andenken bewahrt; auf eben den Wegen, wo wir jetzt gehen, ist sie in Fleisch und Bein gegangen. Und wenn auch der Chronist, der nach ihr lebte, Irrtum und Wahrheit durcheinanderwarf, so bleibt doch bestehen, was er berichtet: nämlich daß die Stadt Viterbo sie unter ihre fünf Kleinodien oder „Nobilitäten“, wie man damals sagte, gezählt hat. Unter diesen waren die drei vornehmsten: erstens ein freies Gemeinwesen zu sein, keinem Oberherrn weder im Krieg noch im Frieden dienst- oder zinspflichtig, allein den Kaiser ausgenommen. Zweitens einen wundertätigen tragbaren Altar zu besitzen – wo man den aufstellte, da verlieh er den Waffen von Viterbo den Sieg –, und drittens das schönste Mädchen der ganzen Erde in ihren Mauern zu haben. Dieses Mädchen war die Galiana.
Wenn ich sagen würde, sie sei schön wie ein Engel gewesen, so hätte ich mich falsch ausgedrückt, denn die Engel haben kein Geschlecht, können also auch im natürlichen Menschen keine Liebesbrunst entzünden. Die Galiana aber erweckte in jedem jüngeren Mann, der ihrer ansichtig ward, das heftigste Verlangen sie zu besitzen, und ein Blick ihrer Augen hat manchem auf lange Zeit den Schlaf geraubt. Wenn sich nicht die ganze männliche Jugend von Viterbo um ihretwillen die Hälse brach, so war es nur, weil nicht allzuviele das Glück oder Unglück hatten, ihr Angesicht zu sehen, denn die Mädchen jener Tage konnten sich nicht ungehindert bewegen, und die Galiana wurde von Eltern und Brüdern ganz besonders streng gehütet. Übrigens war sie seit den Windeln einem edlen Jüngling von Viterbo verlobt und die beiderseitigen Eltern warteten mit der Vermählung nur, bis ihre Kinder das heiratsfähige Alter erreicht hätten.
Du hast bei deiner Einfahrt über dem Römischen Tor die Ghibellinenzinnen gesehen, weißt also, daß Viterbo zeitweilig hohenstaufisch gesinnt war. Als Friedrich Barbarossa auf seiner schicksalsvollen vierten Romfahrt in Viterbo rastete, bereitete die Stadt ihm den feierlichsten Empfang. Triumphbögen, kostbare Teppiche an allen Fenstern, Glockengeläute und das Pflaster mit Blumen bestreut, worüber die Rosse des Weltbeherrschers und seiner Reisigen hingingen: es war ein schöner Tag und ganz Viterbo wollte ihn mitgenießen. Deshalb wurde der erhabene Gast mit seinem Gefolge nicht den kürzesten Weg zum Rathaus geführt, wo ein erlesenes Festmahl seiner harrte, sondern die Lenker der Stadt hatten es mit Bedacht so eingerichtet, daß der Zug auch die entlegenen Winkel berühren mußte, damit alle das Angesicht des Kaisers sähen. Auch die enge Gasse, die noch heut nach der schönen Galiana heißt, war in die Strecke einbezogen, denn der reiche Galiani gehörte zu den feurigsten Ghibellinen und hätte es übel vermerkt, wenn sein Palast, der mit am glänzendsten geschmückt war, nicht von dem kaiserlichen Augenstrahl getroffen worden wäre. Ein Triumphbogen gerade unterhalb der Gasse, der sich durch Pracht vor der andern hervortat, wies die Einziehenden von selber auf diesen Weg.
Zu der Gefolgschaft des Kaisers gehörte der Graf von Vico, der bei dem Rotbart in hohen Ehren stand, denn er hatte sich überall in seinen Diensten mannhaft hervorgetan und ihm noch kürzlich Tortona und Mailand zerstören helfen. Er war einer der stolzesten und mächtigsten römischen Barone und sein Stammschloß stand an dem einst schönen See von Vico, von dem das Geschlecht den Namen führte. Dieser Herr von Vico ritt mit dem Kaiser durch besagte Triumphpforte und durch die schmale Gasse, wo die Galiana festlich geschmückt auf dem Söller stand. Ihre Schönheit heute strahlend vor aller Augen zu zeigen, das war ein hoher Stolz nicht nur für die Sippe, sondern für die ganze Stadt. Und so geschah es, daß der von Vico und die schöne Galiana sich aus nächster Nähe in die Augen blickten.
Der Graf von Vico war von kühnem Wuchs und stolzer Haltung, wie er so zu Pferde saß, aber er hatte ein ausnehmend häßliches, ja abstoßendes Gesicht mit finsteren, dunkelumbuschten Augen. Man sagte, daß sein Blick den Feind in der Schlacht verzaubere und wehrlos mache wie der Blick des Basilisken, doch vielleicht hat man ihm diese Eigenschaft nachträglich angehängt. Merkwürdig war, daß wenn er einmal lächelte, was nicht häufig geschah, dieses häßliche Gesicht sich in eigener Weise verschönte und geradezu etwas Anziehendes bekam. Deshalb gefiel er den Frauen trotz dem häßlichen Gesicht, ja sie fanden, wenn solch ein Lächeln wie ein plötzlicher Sonnendurchbruch es erhellte, daß seine Häßlichkeit ein Vorzug sei. Und er gefiel auch der Galiana, denn als er sie anschaute, brach der Sonnenblick auf seinen Zügen durch und machte, daß die Liebliche zurücklächelte. Da war es um den Grafen geschehen. Jäh und unwiderstehlich flammte in seinem Blute das Verlangen auf, diese einzige Gestalt zu umfassen und festzuhalten und sie mit sich in sein Haus zu führen, koste es was es wolle. Er enthüllte dem kaiserlichen Freunde die Gluten, die ihn verzehrten, und bat um seinen Beistand. Friedrich sagte ihm die Erfüllung seiner Wünsche zu und übernahm es selbst für ihn zu werben. Allein der Vater der Galiana besorgte von einer solchen Verwandtschaft Gefahren für den Frieden der Sippe und der ganzen Stadt, denn der Graf stand im Rufe, ein Händelsucher und Unterdrücker zu sein, der wo er einmal Fuß faßte, sich alsbald zum Oberherrn aufzuwerfen suchte. Deshalb berief er sich auf das frühere Verlöbnis, um dem kaiserlichen Antrag auszuweichen. Nun erbot sich der Herrscher, der seines Schützlings Sache mit Eifer führte, den ersten Verlobten durch ein Lehensgut zu entschädigen, wenn er seinem Anspruch an die Braut entsage. Die Frage wurde den Weisesten der Stadt zur Beratung vorgelegt, worauf alle einmütig antworteten:
Wir Männer von Viterbo stehen zu dem Kaiser mit Gut und Leben. Er hat uns in allem zu gebieten. Nur über unsre Töchter hat er keine Gewalt. Wenn Gott uns ein Schönheitswunder verliehen hat, dessengleichen keine andere Stadt besitzt, so wollen wir es in unsern Mauern behalten. Denn wie sollten wir vor Mit- und Nachwelt bestehen, wenn es heißen würde, daß kein Jüngling von Viterbo würdig befunden worden sei, die Galiana heimzuführen, und daß zu unserm Schimpf ein Auswärtiger sie weggeholt habe. Der großmächtigste Caesar möge begreifen, daß die Ehre von Viterbo geschmälert wäre, wenn wir auf solche Art eines von unseren fünf Kleinodien einbüßten.
In diesen Bescheid mußte der große Friedrich sich fügen. Als er danach aufbrach, um dem vor Tusculum kämpfenden Ghibellinenheer Zuzug zu bringen und den Gegenpapst im Lateran einzusetzen, blieb dem Grafen von Vico nichts übrig, als seinem Lehnsherrn zu folgen. Aber am Stadttor wandte er sich noch einmal zurück und tat einen lauten Schwur, den alle vernehmen konnten, daß er wiederkommen und sich die Braut mit Gewalt holen wolle, sollte auch darüber die Stadt in Flammen aufgehen.
Der Galiani erschrak, und um der wilden Drohung einen Riegel vorzuschieben, den auch der Kaiser nicht mehr öffnen konnte, stellte er gleich nach dem Auszug des Barbarossa die Vermählung seiner Tochter an. Es war noch einmal ein Freuden- und Ehrentag für Viterbo, als die Galiana im Brautschmuck zur Kirche schritt und alle sich am Anblick des Kleinods weiden konnten, dessen Besitz nunmehr der Stadt gesichert schien. Denn niemals hätte der Kaiser, der ein so strenger Hüter der Sitte war, einem Vasallen gestattet, die eheliche Gattin eines anderen in seine Arme zu reißen.
Nun wirst du als Kind einer neuen Zeit fragen, was denn die Galiana selber bei diesen Vorgängen empfand? Du darfst nicht vergessen, daß zu jener Zeit eine solche Frage von niemand gestellt wurde, und daß die Galiana gar nicht erwarten konnte, man werde sich nach ihrem Seelenzustand erkundigen. Indes konnte man aus ihrem gehaltenen Wesen schließen, daß sie ohne Verlangen noch Widerstreben, ganz wie es der Brauch erforderte, mit ihrem Bräutigam vor den Altar trete.
Aber im Schicksalsbuch von Viterbo stand es geschrieben, daß die Galiana den von Vico dreimal von Angesicht schauen und daß jede der drei Begegnungen ihnen selbst und der Stadt zum Verhängnis werden sollte.
In Rom hatte unterdessen die unheilvolle zweite Krönung des Barbarossa stattgefunden, wobei der Gekrönte an einem Tag durch die Macht des Unbegreiflichen auf die höchste Höhe des Siegs erhoben und in den tiefsten Abgrund des Unglücks hinabgeschmettert wurde. Der von Vico hatte sich, wie zu erwarten, tapfer mit den aufständischen Römern herumgeschlagen, und als die Mächte der Natur sich zugleich mit den Menschen gegen seinen Herrn verschworen, und der Himmel selbst ihrem Bunde beizutreten schien, indem er es zugab, daß die Regenfluten und die giftige römische Luft eine Pestilenz erregten, von der das Heer des Rotbart wie Schnee zerschmolz, da war sein Arm gleichwohl nicht erlahmt, sondern hatte dem bedrängten Kaiser wenigstens den Rettungsweg decken helfen. Dabei aber war er selbst von der Seuche ergriffen worden und hatte sich mit Mühe auf seine feste Burg am See von Vico geschleppt, um dort zu sterben. Unglücklicherweise jedoch war er unter den wenigen, die damals von der mörderischen Pestilenz genasen, und die schwere Prüfung hatte seinen gewalttätigen Willen, der noch immer nach der Galiana stand, nicht gebrochen.
Durch Späher, die er heimlich nach Viterbo sandte, wußte er, daß die Schöne vermählt war, und daß man aus großer Furcht vor ihm und seinem Schwur sie ängstlich innerhalb der Stadtmauern hütete, die sie nie verlassen durfte. Er wußte aber auch, daß Viterbo zu einem Dankfest wegen glücklicher Abwendung der Seuche rüstete, das mit dem Betgang zu einem vor der Stadt im Grünen gelegenen Kapellchen des heiligen Sebastian beginnen und mit einer großen Volksbelustigung auf der Festwiese schließen sollte. Er sandte deshalb einen seiner Knechte mit Trauerabzeichen nach Viterbo und ließ durch diesen unter dem Schein eines Geschäftes für die Erben die Kunde verbreiten, daß der Herr von Vico an der Pest gestorben sei. Mit dieser List hoffte er die Galiana aus dem Stadttor zu locken, was ihm auch in der Tat gelang.
Als die Prozession beim Geläute aller Stadtglocken mit Kreuzen und Fahnen sich auf das Heiligtum zubewegte, begegneten dem Zug zwei Mönche, die mit einem Briefe ihres Abts ein weitentlegenes Kloster aufzusuchen hatten und zu diesem Zweck beritten waren. Die frommen Brüder stiegen alsbald ab, führten ihre Pferde demütig am Zügel nach und schlossen sich den Wallfahrern an. Da vernahm man vor der Pforte der Kapelle plötzlich einen Schrei des Schreckens, einer der Klosterbrüder schwang die schöne Galiana hoch auf den Armen, sprang mit ihr wie ein Blitz in den Sattel und jagte ins Weite, während der andere unter der Kutte ein bloßes Schwert zum Vorschein brachte, mit dem er die jungen Männer, die sich zur Verfolgung des Räubers anschickten, zurücktrieb. Da die Wallfahrer weder Waffen noch Pferde hatten, herrschte einen Augenblick ratloses Entsetzen. Aber der Gatte, die Brüder und Gefreunde der Entführten erinnerten sich zum Glück eines Wunderpferdes, das auch zu den fünf „Nobilitäten“ der Stadt gehörte. Es stand außen auf der Wiese zwischen den Buden der Verkäufer und dem aufgerichteten Glücksbaum angebunden, denn es sollte zusamt einem Gaukler, der konnte, was niemand kann und deshalb gleichfalls eine Nobilität von Viterbo war, nach Beendigung des Gottesdienstes das Volk durch seine Künste ergötzen. Wenn dieses Pferd wirklich, wie die Sage ging, von dem edlen Roß Bayard des Ritters Rainald von Montalban stammte, so hat es seinen Vorfahr, der die vier Haimonskinder trug, noch weitaus an Größe, Kraft und Schnelligkeit übertroffen. Denn es sprangen – du magst mir das glauben oder nicht – sieben Bewaffnete von den zwei verschwägerten Familien auf seinen ungesattelten Rücken und jagten den räuberischen Mönchen nach. Den einen, Zurückgebliebenen, überritten sie, bevor sie den Entführer erreichten, der, wie du dir wohl denken kannst, kein anderer als der Graf von Vico war! Dieser wäre ihnen trotz ihrer Windesschnelle entkommen, hätte er der Begierde widerstehen können, sich unterwegs einen Vorschmack der erhofften Wonnen zu verstatten, indem er von Zeit zu Zeit seinen Lauf mäßigte und das Angesicht der Galiana, das an seiner Schulter lag, mit gierigen Küssen bedeckte. Sie wehrte ihm nicht, sei es, daß sie Widerstand für nutzlos hielt, sei es, daß sie die Besinnung verloren hatte. So brachen die Sieben über ihn herein, bevor es ihm gelungen war, seinen Raub auf der Feste von Vico zu bergen. Er hieb verzweifelt um sich, obgleich er nur einen Arm frei hatte, weil er im andern die Galiana hielt. Schließlich bekamen die Angreifer doch die Oberhand, sie rissen ihn aus dem Sattel, aber seine Beute ließ er erst fahren, als er unter ihren Schwerthieben bewußtlos zusammenstürzte. Und sie hätten ihn völlig kaltgemacht, wären nicht die Knechte herbeigeeilt, die der Graf zu seiner Sicherung auf halbem Weg aufgestellt hatte und die nun den Halbtoten mit ihren Leibern schirmten und nach Hause trugen.
Nicht umsonst sagt das Sprichwort, daß üble Kräutlein nicht verderben. Auch von seinen schweren Wunden kam der schlimme Graf davon. Aber von seiner verbohrten höllischen Besessenheit ließ er auch nach dieser Lehre nicht ab. Seitdem er die Galiana vor sich auf dem Sattel gehabt und die Wärme ihres Körpers gegen den seinigen gespürt hatte, brannte die Begier nach ihrem Besitze noch viel stärker in seinem Blut, und was vielleicht bisher noch teilweise hoffärtiger Eigensinn gewesen war, das wurde jetzt zum ruhelosen Stachel einer ungestillten quälenden Leidenschaft. Doch hielt er sich zunächst ruhig, ließ seine Körperwunden ausheilen und einiges Gras über die mißglückte Unternehmung wachsen.
Aber der Friede war nur ein scheinbarer. Weil der Verwegene den Kaiser, den er scheute, fern und in die deutschen Händel verwickelt wußte, sammelte er in aller Stille auf eigene Hand eine ansehnliche Streitmacht und sandte der Stadt Viterbo den Fehdebrief, worin er sie aufforderte, ihm entweder zur Einlösung des kaiserlichen Wortes wie auch zur Sühne der ihm beigebrachten Verwundungen die schöne Galiana herauszugeben oder auf einen Sturm gefaßt zu sein, wie die Stadt noch keinen erlebt habe.
Die Unsrigen antworteten, sie seien nicht gewohnt, mit ihren Töchtern Kriegssteuer zu zahlen, und im übrigen sei die Galiana, wie er wohl wissen werde, längst ihrem vorbestimmten Gatten angetraut. Wenn der Herr von Vico gleichwohl seinen Heiratsantrag erneuern wolle, so möge er kommen und sich aus den Mäulern ihrer Geschütze die Antwort holen.
So begann die Belagerung.
Der Herr von Vico hatte bei dem Rotbart die Kriegskunst gelernt und war, wie alle wußten, kein träger Schüler gewesen. Er schloß die Stadt von allen Seiten ein und führte seltsame, noch nie gesehene Kriegsmaschinen gegen sie heran. Aus Wurfgeschützen schleuderte er so gewaltige Steine, daß sie beim Niederfallen zerbarsten und gleich drei oder vier Mann von den Verteidigern auf einmal niederstreckten. Die Unsren schützten ihre Mauern durch Säcke von Stroh und Flechtwerk aller Art, aber die Belagerer schossen Brandpfeile darein und setzten die brennbare Schutzwehr in Flammen. Den größten Schrekken erregte ein hoher fahrbarer Turm, den der von Vico anrollte, wo es ihm beliebte, und von dem aus er griechisches Feuer über die Mauern warf, das einen schnöden Geruch verbreitete und mit Wasser gar nicht zu löschen war. Und immer von neuem forderte er Viterbo auf, ihm seine Braut zu senden, wenn nur ein Stein der Stadt auf dem andern bleiben solle. Die Belagerten waren auch nicht auf den Kopf gefallen: sie löschten das unlöschbare Feuer durch Sand und Essig, aber als nun doch, bald da, bald dort, ein Haus zu brennen begann und auch die Lebensmittel in der eingeschlossenen Stadt knapper wurden, da erhoben sich Stimmen unter den Bürgern, die es tadelten, daß man die Freiwerbung des Kaisers abgewiesen und sich die Rache eines Übermächtigen zugezogen habe. Die Galiani und ihre Schwäger, die sich mehr vor der Schwachmütigkeit ihrer Mitbürger als vor dem Feinde fürchteten, erzwangen nun im Kriegsrate den Entschluß, die Not durch einen kühnen Ausfall zu endigen.
Man rückte aus, die Galiani mit Versippten und Anhang als die Nächstbetroffenen in der vordersten Reihe. Den ganzen Tag wurde mit Erbitterung gerungen. Allein die Städter, so tapfer sie fochten, konnten gegen die erprobten ehemaligen Soldaten des Rotbart unter ihrem kriegsgewaltigen Führer die Walstatt nicht behaupten. Als der Abend sank, sahen sie sich mit starken Verlusten in die Stadt zurückgedrängt und wenig fehlte, so wäre der Feind in eiliger Verfolgung miteingedrungen. Des andern Tages erneuerte sich der Kampf mit besserem Glück, denn jetzt versuchten sie die Kraft ihres zweitedelsten Kleinods, von dem der Chronist gesprochen hat, nämlich jenes tragbaren Altares, der wo man ihn aufstellte, den Waffen von Viterbo Sieg verlieh. Sie nahmen den Gottestisch mit in die Schlacht, und es fand sich auch ein frommer und hochgemuter Priester, der nicht zauderte, unter dem Hagel der Pfeile die heilige Messe zu lesen. Da wankten die Fähnlein des Herrn von Vico, und um die Mittagsstunde sah man das Belagerungsheer in voller Auflösung rückwärts fluten. Die von Viterbo waren nicht stark genug sie zu verfolgen, dagegen ergänzten sie ihre Mund- und Kriegsvorräte aus dem geplünderten Lager des Feindes und kehrten siegblasend in die Stadt zurück. Allein wie eine Bremse, die man wegscheucht, sofort wieder anschwirrt und aufs neue zu stechen sucht, so stand der Herr von Vico mit den wiedergesammelten Fähnlein schon in der nächsten Gottesfrühe abermals vor ihren Mauern. Wohl rückten die Städter wiederum mit ihrem Heiligtum hinaus, und es gelang ihnen, den Feind zum andern Male zurückzutreiben, jedoch der Priester wurde am Altar durch einen Pfeilschuß getötet, und sie vermochten auch diesmal ihren Sieg nicht durchzuführen, weil sie nur in Anlehnung an ihre Mauern kämpfen konnten, in freier Feldschlacht aber dem Gegner unterlegen waren. Durch viele Monde schwankte so das Glück, und es kam zu keiner Entscheidung, denn einerseits machte wohl der Besitz des wunderwirkenden Gottestisches die Stadt uneinnehmbar, andrerseits konnte sie sich aber auch des halsstarrigen Gegners nicht entledigen. Im Verlauf der Zeit begann endlich der von Vico einzusehen, daß auf diese Weise der Gegenstand des Kampfes alt und grau werden konnte, bevor es ihm gelang, die Stadt zu unterwerfen, und daß ihm somit keine Aussicht auf Erreichung seines Zieles blieb. Unterhändler gingen hin und her, und zum guten Ende wurde festgesetzt, daß der Herr von Vico unter beiderseitiger Tragung des erlittenen Kriegsschadens abziehen und gegen die Stadt Viterbo keinen Groll mehr hegen sollte, diese dagegen sich anheischig machte, ihm in Erfüllung seines heißen Herzenswunsches ein letztes Wiedersehen mit der Galiana zu verstatten, damit er von der schönsten Hoffnung seines Lebens Abschied nehmen könne. Um ihr Versprechen zu halten, legte die Stadt drei Zinnen der Mauer nieder, denn neben die Galiana mußte rechts und links ein Gewappneter treten, damit nicht der Feind sie tückischerweise durch eine rasch angelegte Sturmleiter herunterhole. Der von Vico rollte zum letztenmal seinen Turm heran, gerade der Stelle gegenüber, auf der die Schöne in voller Größe sichtbar wurde. Er selbst war waffenlos, wie er versprochen hatte, aber hinter ihm standen zwei Pagen mit Schild und Bogen, denn es schien, daß doch keine der beiden Parteien der anderen trotz des beschworenen Friedens traue.
O Galiana, rief er hinüber, du ewig Geliebte, heute ist es das drittemal, daß der unglückliche Milo – so hieß der Graf mit dem Vornamen – dein Angesicht schauen darf. Soll nun wirklich dieses drittemal auch das letzte in unserem Leben sein?
Edler Herr, so rief die Galiana unter Tränen zurück, wenn das Geschick es gewollt hätte, daß ich die Eure würde, so wäre ich Euch mit Freuden gefolgt, wohin Ihr mich geführt hättet. So aber bitte ich Euch, mich zu vergessen, denn ein armes Weib ist des vielen Blutes nicht wert, das um ihretwillen geflossen ist.
Als der von Vico sie so reden hörte und das himmlische Angesicht so nahe vor sich und doch für immer seiner Sehnsucht verloren sah, da faßte ihn der Verzweiflungsschmerz mit solcher Wut, daß er, hinter sich nach seinem Bogen greifend, sagte:
Galiana, wer dich gekannt hat und gehofft, dich zu besitzen, der kann dich eher tot als in den Armen eines andern wissen.
Dies sagend schnellte er, bevor die Gewappneten dazwischentreten konnten, einen seiner nie versagenden Pfeile auf die Brust der Geliebten ab. Die Galiana sank zu Tod getroffen in die Arme ihrer Wächter. Sie richtete einen brechenden Blick auf ihren Mörder, und dieser sah noch jenes unsagbare Lächeln, mit dem der Gott der Liebe selbst beim ersten Aug-in-Auge-schauen seine Sinne für immer umstrickt hatte, sich über das ganze Angesicht der Sterbenden verbreiten. Auch als ihr Herz nicht mehr schlug, blieb noch das zauberhafte Lächeln stehen, das einen immer tieferen und geheimnisvolleren Sinn gewann, als ob erst im Verscheiden ihre Seele sich aus der frühen künstlichen Formung gelöst und ihr wahres Fühlen zu bekennen gewagt habe. Es schien, als wollte sie sagen, daß der Todesschuß des Frevlers ihr süßer gewesen sei als die Umarmungen ihres zärtlichen Gatten. Auch bei denen, die nicht in ihrem Lächeln lesen konnten, blieb doch der Eindruck haften, daß die tote Galiana die lebende noch weit an Schönheit überstrahlt habe. Die Stadt Viterbo, die so jählings ihre schönste Blume hinwelken sah, beschloß der Galiana ein feierliches Ehrengrab zu stiften. Man legte sie in den kostbaren, aus dem Altertum stammenden Sarkophag und stellte diesen in Manneshöhe, so wie du ihn gesehen hast, an der Außenseite der Kirche Sant’ Angelo auf, damit die Sonne noch immer das Behältnis, das sie umschließt, bescheinen könne, denn eine so edle Gestalt sollte nicht in der dunklen Erde modern.
Wie sich der von Vico nach seiner Tat mit dem Leben abgefunden hat, möchtest du wissen. Ich kann es dir nicht sagen, meine Kenntnis der Dinge ist an den Bannkreis meiner Stadt gebunden. Im übrigen habe ich deine Wißbegier gestillt. Was du von dem Erzählten glauben willst, was nicht, ist deine Sache. An der Bereitschaft, eine schöne Mär für wahrer zu halten als eine bezeugte trockene Tatsache, unterscheidet man die Seelenfähigkeiten der Menschen.
So schloß der Genius von Viterbo seine Rede.
Dieses Erlebnis, von dem Wanderer seinerzeit unmittelbar dem Reisetagebuch in Stichworten anvertraut, trat beim Anblick des Teppichs mit allen Einzelheiten aus den Winkeln seiner Erinnerung hervor. Gewiß war er unter Lebenden der einzige, der die Geschichte der Galiana aus der sichersten Quelle kannte, vielleicht hatte nicht einmal der Sammler der Teppiche gewußt, wen das Mädchen auf der Mauer unter den kriegerischen Anstalten vorstellte. Diese Erfahrung stärkte ihm den Glauben, daß er auch das Geheimnis des nächsten Teppichs ergründen würde. Hier bedurfte es keines Stadtwappens. Niemand konnte beim Anblick des schiefen Turms, der zweifarbigen Domfassade, des runden, ebenso zebrahaft gestreiften Baptisteriums und des langgestreckten Rechtecks des Camposanto zweifeln, daß er in Pisa war. Auch hier ist außenseits der Stadtmauer ein Lager mit vielen Zelten aufgeschlagen, doch handelt sich’s offenbar um keine Belagerung, denn die junge Mannschaft übt sich mehr zum Glimpf als zum Ernst im Waffenspiel. Inseits der Stadt herrscht Friede, die Wachtposten schlummern auf den Wehrgängen, die Straßen, in deren Achsen man blicken kann, liegen leer. Augenscheinlich hat der treuherzige Zeichner vergessen, daß außen Tageswerk vorgenommen wird, während Pisa im schwachen Licht eines abnehmenden Mondes schläft. Niemand wacht in der Stadt als das junge Paar, das unter den weitgebreiteten Ästen eines Riesenbaumes sich ernst und innig bei den Händen hält. Auch ein Rebus, nicht auf den ersten Blick zu deuten. Aber die Lösung kommt dem forschenden Auge aus den Gassen des Lagers. Da steht an erhöhter Stelle vor einem offenen großen Zelt ein aufgeschmückter Fahnenwagen, dem zwei weiße, mit Scharlachtüchern behangene Ochsen vorgespannt sind: der berühmte Carroccio, der Kriegswagen der florentinischen Republik, an dem Banner mit der roten Lilie auf weißem Felde kenntlich. Und dahinter höher noch als schauriges Wahrzeichen strenger Kriegszucht ein Galgen. Bei dieser Entdeckung tritt dem Beschauer augenblicks eine alte Überlieferung vor die Seele, die ihn stets besonders ergriffen hat.
Pulsuz fraqment bitdi.