Kitabı oxu: «Helene»
I
Im Schatten einer hohen Linde, am Ufer der Moskwa, unweit Kunzowo, lagerten an einem der heißesten Sommertage des Jahres 1853 zwei junge Männer im Grase. Der eine, dem Anscheine nach dreiundzwanzig Jahre alt, hoch von Wuchs, von dunkler Gesichtsfarbe, mit spitzen etwas schiefer Nase, offener Stirn und verhaltenem Lächeln auf den breiten Lippen, lag auf dem Rücken und blickte, leicht mit den Augen blinzelnd, in die Ferne hinaus; der andere lag auf der Brust, den blonden Lockenkopf auf beide Arme gestützt, und hatte gleichfalls den Blick in die Weite gerichtet. Er war drei Jahre älter als sein Gefährte, schien aber viel jünger zu sein: der Schnurrbart keimte kaum und das Kinn war mit leichtem Flaum bedeckt. Es lag etwas kindlich Liebliches etwas einnehmend Graziöses in den seinen Zügen seines frischen, runden Gesichtes, in den angenehmen braunen Augen, den schönen, vollen Lippen und den weißen kleinen Händen. Sein ganzes Wesen athmete glückliche, heitere Gesundheit, Sorglosigkeit, Selbstvertrauen, Jugendmuthwillen und Jugendzauber. Er ließ seine Blicke umherschweifen, lächelte und stützte den Kopf, wie es Knaben thun, die dessen sich bewußt sind, daß man sie mit Vergnügen betrachtet. Er hatte einen weiten, weißen Ueberrock in der Art eines Staubhemdes an; ein blaues Tuch war um seinen schlanken Hals geschlungen und neben ihm im Grase lag ein zerdrückter Strohhut.
Im Vergleich zu ihm schien sein Gefährte ein alter Mann und Niemand würde beim Anblick seiner ungelenken Figur geglaubt haben, daß auch er Genuß empfinde, daß auch ihm wohl zu Muthe sei. Es war etwas Unbeholfenes in seiner Stellung, in der Art wie sein nach oben breiter, nach unten spitz zulaufender Kopf auf dem langen Halse saß; diese Unbeholfenheit äußerte sich auch in der Haltung der Arme, des in einen kurzen, schwarzen Ueberrock gezwängten Oberkörpers und in den langen Beinen, die er, wie Heuschrecken ihre Hinterfüße, die Knie hinauf, an sich gezogen hatte. Bei alledem war unverkennbar, daß er ein wohlerzogener Mensch war; sein ganzes Wesen trug das Gepräge der »Ordentlichkeit« und sein unschönes und sogar etwas komisches Gesicht verrieth Gewohnheit des Nachdenkens und Gutmüthigkeit. Sein Staate war Andrei Petrowitsch Berßenjew; sein Kamerad, der blonde junge Mann, hieß Pawel Jakowlewitsch Schubin.
– Warum liegst Du nicht, gleich mir, aus der Brust? begann Schubin. So ist es viel besser. Besonders wenn man dabei die Füße in die Höhe hebt und mit den Hacken aneinander klopft – siehst Du, so! So hast Du den Rasen vor der Nase: fortwährend die Landschaft anzustieren, bekommt man satt; – betrachte Dir einmal ein rundes Käferchen, wie es den Grashalm hinaufkriecht, oder eine Ameise, wie sie geschäftig umherläuft. Das ist wirklich vernünftiger. Liegst Du doch in Deiner pseudo-classischen Positur hingestreckt, wie eine Tänzerin im Ballet, die sich auf einen Felsen aus Pappe stützt. Vergiß nicht, Du hast jetzt volles Recht auszuruhen; ’s ist keine Kleinigkeit; als Dritter aus dem Candidatenexamen hervorzugehen! Ruhen Sie aus, Sir; hören Sie auf, sich anzustrengen, strecken Sie Ihre Glieder!
Schubin brachte diese Rede näselnd in etwas trägem und tändelndem Tone vor (so reden verwöhnte Kinder zu den Freunden des Hauses, die ihnen Zuckerwerk bringen), und ohne eine Antwort abzuwarten fuhr er fort:
– Was mich am meisten bei Ameisen, Käfern und bei den anderen Herren Insecten in Erstaunen setzt, das ist ihre außerordentliche Ernsthaftigkeit; mit so wichtiger Physiognomie laufen sie umher, als gelte ihr Dasein auch etwas! Der Mensch, dieser Kopf der Schöpfung, dieses höhere Wesen, blickt auf sie herab, und siehe da, sie nehmen keine Notiz davon; ja einer Mücke kann es gar einfallen, sich dem Kopf der Schöpfung auf die Nase zu setzen und dieselbe als eine Nahrungsquelle für sich zu benutzen. Das ist beleidigend. Andererseits aber – weshalb wäre ihr Leben schlechter als das unsere? Warum sollten sie nicht auch wichtig thun, wenn wir es uns erlauben? Wohlan, Philosoph, löse mir diese Aufgabe! Warum sprichst Du nichts? Nun?
– Was willst Du? . . . fragte Berßenjew, aus seinen Träumen erwachend.
– Was? wiederholte Schubin. Dein Freund breitet vor Dir seine tiefsinnigsten Ideen aus und Du schenkst ihm nicht einmal Gehör!
– Ich ergötzte mich an der Fernsicht! Sieh doch, wie jene Felder herrlich im Sonnenschein glänzen! (Berßenjew lispelte etwas beim Sprechen.)
– Der Ton ist fein gehalten, brummte Schubin. Mit einem Worte, Natur!
Berßenjew schüttelte den Kopf.
– Du solltest mehr als ich daran Freude haben. Das schlägt in Dein Fach: Du bist Künstler.
– Nein; mein Fach ist es nicht, erwiederte Schubin und schob den Hut in den Nacken. Ich bin Fleischer; mein Fach ist – Fleisch, Fleisch zu modelliren, Schultern, Beine, Arme, und hier ist nichts von Form, nichts Bestimmtes, Alles auseinander geflossen . . . Und das bringe mal Einer zusammen!
– In seiner Art ist auch das schön! bemerkte Berßenjew. Ja, sage doch, hast Du Dein Basrelief beendet?
– Welches?
– Das Kind mit dem Ziegenbock.
– Das hole der Kukuk, Kukuk, Kukuk! rief Schubin in singendem Tone. Ich habe mir das Leben selbst, die Alten, die Antike angesehen und mein Machwerk zerschlagen. Du zeigst mir die Natur und sagst: Da ist auch Schönheit. Gewiß, Schönheit ist in Allem, selbst in Deiner Nase zu finden, wie willst Du aber jeder Schönheit nachlaufen. Die Alten, – die liefen dem Schönen nicht nach; es ließ sich von selbst auf ihre Werke herab, wer weiß woher! vom Himmel etwa? Ihnen gehörte die Welt; wir aber können uns so breit nicht machen: die Arme sind uns zu kurz. Wir werfen unsere Angel nach einem Punkte aus und passen auf. Hat etwas angebissen, bravo!l wenn nicht . . .
Schubin streckte die Zunge vor.
– Halt, halt! entgegnete Berßenjew, das ist ja ein Widerspruch. Wenn Du das Schöne nicht fühlen, es nicht lieben wirst, wo es Dir auch vorkommen mag, wird es sich Dir in Deiner Brust nimmer aufthun. Wenn eine schöne Aussicht, eine liebliche Musik Deine Seele nicht rühren, ich will sagen, Dein Gefühl nicht anregen . . .
– Ach, Du Gefühlsanreger! platzte Schubin aus und lachte bei diesem neugeschaffenen Worte auf, Berßenjew jedoch blieb ernsthaft. Nein, Bruder, fuhr Schubin fort, Du bist ein kluger Kopf, ein Philosoph der dritte Candidat der moskauer Universität, mit Dir zu streiten kann gefährlich werden, vorzüglich für mich, den ausgetretenen Studenten; eines muß ich Dir aber sagen: außerhalb meiner Kunst liebe ich die Schönheit nur an Frauen . . . an Mädchen, und auch das erst seit Kurzem . . .
Er drehte sich auf den Rücken um und legte die Hände unter den Kopf zurück.
Einige Minuten blieben sie stumm. Die Stille der Mittagshitze lag schwer aus der bestrahlten und ruhenden Erde.
– Da wir just von Weibern reden, fing Schubin wieder an, warum fällt es Niemandem ein, Stachow in Zucht zu nehmen? Hast Du ihn in Moskau gesehen?
– Nein.
– Der Graubart hat ganz den Verstand verloren. Täglich sitzt er bei seiner Augustine Christianowna, langweilt sich furchtbar und geht doch nicht fort. Sie gucken einander in die Augen, – so dumm . . . daß Jedem übel dabei wird. Da hast Du es! Was Familie betrifft, ist der Mensch doch gewiß nicht vom Himmel übergangen worden; aber nein, er muß noch die Augustine haben! Ich kenne nichts Widerlicheres, als diese Entenphosiognomie! Ich habe neulich eine Carricatur von ihr modellirt, in Dantan’schem Geschmack. Sie ist nicht schlecht ausgefallen. Ich werde sie Dir zeigen.
– Und Helena Nikolajewna’s Büste, fragte Berßenjew, geht es mit der vorwärts?
– Nein, Bruder, es geht nicht vorwärts damit. Das Gesicht könnte Jeden zur Verzweiflung bringen. Siehst Du Dir’s an, – sind es nur reine, regelmäßige, gerade Linien; es scheint, die Aehnlichkeit müsse leicht heraus zu bekommen sein. Doch nein . . . nichts davon. Hast Du bemerkt, wie sie zuhört? Kein einziger Zug bewegt sich, aber der Ausdruck im Blicke verändert sich beständig, und davon wird auch die ganze Figur anders. Was fängt dabei ein Künstler, und noch dazu ein mittelmäßiger, an? Ein wunderbares Wesen . . . ein sonderbares Wesen, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu.
– Ja; ein wunderbares Mädchen, wiederholte Berßenjew.
– Und das ist Nikolai Artemjewitsch Stachow’s Tochter! Sprich Du mir nun von Blut und Race. Und ist es nicht curios, daß sie so ganz seine Tochter, ihm so ähnlich und zugleich der Mutter, Anna Wassiljewna, ähnlich ist. Diese Frau achte ich von ganzem Herzen, auch hat sie mir viel Gutes erwiesen – eine Gans ist sie aber doch! Von wem hat nur Helene diese Seele? Wer hat dieses Feuer entzündet? Da hast Du wieder eine Aufgabe, Philosoph!
Der Philosoph, antwortete jedoch wie vorhin nichts. Redseligkeit war überhaupt nicht Berßenjew‘s schwache Seite, Helene- und wenn er sprach, drückte er sich nicht in üblicher Weise aus; er stockte und gesticulirte ohne Noth mit den Händen; jetzt aber war ein besonderes Schweigen über ihn gekommen, ein Schweigen, das als Ermattung und Melancholie gedeutet werden konnte. Nach langer und schwerer Arbeit, die viele Stunden des Tages in Anspruch genommen hatte, war er, nicht weit von der Stadt, aufs Land gezogen. Die Unthätigkeit, die wonnige reine Luft, das Bewußtsein, ein Ziel erreicht zu haben, das offene ungezwungene Gespräch mit dem Freunde, das plötzlich hervorgerufene Bild eines lieben Wesens, alle diese verschiedenartigen und dabei einander doch ähnlichen Eindrücke verschwammen bei ihm zu einem allgemeinen Gefühle, das ihn zugleich beruhigte, aufregte und erschlaffte . . . Er war ein überaus empfindsamer junger Mann.
Unter der Linde war es kühl und still; die Fliegen und Bienen, die in den Schattenkreis derselben hineingeriethen, summten, wie es schien, leiser; das reine, kurze, smaragdgrüne Gras schillerte nicht in goldigen Uebergängen und bewegte sich nicht; wie von einem Zauber berührt ragten die längeren Halme regungslos empor, und wie von einem Zauber berührt und leblos hingen auch an den unteren Zweigen der Linde gelbe Blüthenbüschel herab. Mit Wonne sog jeder Athemzug den lieblichen Duft tief ein. In der Ferne« jenseits des Flusses, bis an den Horizont stand Alles in Glanz und Gluth; zuweilen strich ein Luftzug darüber hinweg und zertheilte und vervielfältigte den Glanzschimmer; ein strahlender Dunst zitterte über dem Boden. Kein Vogel ließ sich hören – während der heißen Mittagsstunden singen die Vögel nicht – doch rings umher zirpten Grillen und im kühlenden Schatten ruhend, hörte sich dieser geschäftige Lebensruf mit Vergnügen an: er schläferte ein und rief die Phantasie wach.
– Hast Du bemerkt« begann plötzlich Berßenjew, indem er mit Gesticuliren seiner Rede nachhalf, welch’ ein eigenthümliches Gefühl die Natur in uns erweckt? Alles in ihr ist so vollendet, so klar, ich möchte sagen, so selbstgenügsam; wir sehen es und freuen uns daran und doch erweckt sie dabei immer, wenigstens in mir, eine gewisse Unruhe, eine unbestimmte Angst, ja sogar Schwermuth. Woher kommt das wohl? Wäre es etwa, weil wir bei ihrem Anblicke, Angesichts derselben, uns unserer Unvollkommenheit, unserer Unklarheit bewußt werden, oder ist das, was ihr genügt, zu wenig, um uns zu befriedigen und fehlt es ihr an Anderem, das heißt an dem, was uns Noth thut?
– Hm, erwiederte Schubin, ich will Dir, Andrei Petrowitsch, sagen, woher das kommt. Du hast die Eindrücke eines einsamen Mannes beschrieben, der nicht lebt, sondern vor sich hinstiert und in sich selbst zerfließt. Was nützt das bloße Gassen? Fange zu leben an und Du wirst ein ganzer Kerl werden. Klopfe so viel Du willst an das Thor der Natur, sie wird Dir nicht antworten, weil sie stumm ist. Sie wird tönen und jammern wie eine Darmsaite, auf Lieder warte nicht. Eine lebende Seele – die wird Dir Antwort geben, und vor Allem die Seele eines Weibes. Und darum, mein edler Freund, rathe ich Dir, Dich nach einer Gefährtin des Herzens umzusehen, und alle schwermüthigen Empfindungen werden sofort bei Dir verschwinden. Das ist es, was uns »Noth thut« wie Du sagtest. Diese Angst, diese Schwermuth, das ist ja Alles, wahrhaftig, in seiner Art, eine Hungersnoth. Gieb dem Magen die angemessene Speise und Alles wird bald in Ordnung sein. Nimm Deine Stelle im Weltraume ein, werde ein lebender Körper, mein Bester. Und was ist denn, was nützt denn, die »Natur?« Höre auf das Wort: Liebe . . . welch’ ein mächtiges, glühendes Wort! Natur . . . was für ein kalter, schülerhafter Ausdruck! Und darum (Schubin sagte es singend): Es lebe Maria Petrowna; oder nein« setzte er hinzu, nicht Maria Petrowna; nun das bleibt sich ganz gleicht Vous me comprenez!
Berßenjew erhob sich ein wenig und stützte sein Kinn aus die gekreuzten Arme.
– Wozu der Scherz, sagte er, ohne den Gefährten anzusehen, wozu der Spott? Ja, Du hast Recht: Liebe . . . ist ein großes Wort, ein großes Gefühl . . . Von welcher Liebe aber sprichst Du?
Schubin richtete sich gleichfalls etwas auf.
– Von welcher Liebe? Von welcher Dir beliebt, sie muß aber da sein. Offen gestanden, giebt es, meiner Ansicht nach, keine verschiedenen Gattungen von Liebe. Wenn Du wirklich liebst . . .
– Von ganzer Seele, warf Berßenjew ein.
– Nun ja, das versteht sich von selbst: die Seele ist kein Apfel; man kann sie nicht in Theile zerlegen. Wenn Du also liebst, hast Du auch Recht. Spotten wollte ich aber nicht. Mein Herz ist jetzt so zärtlich, so weich gestimmt . . . Ich wollte blos erklären, warum die Natur, wie Du sagtest, einen solchen Eindruck aus uns hervorbringt. Das kommt, weil sie in uns das Bedürfniß der Liebe erregt und nicht im Stande ist, es zu befriedigen. Sie drängt uns sanft in andere, lebendige Umarmung und wir verstehen sie nicht und erwarten von ihr selbst etwas Besonderes. Ach, Andrei, Andrei, schön ist diese Sonne, dieser Himmel, Alles, Alles um uns her ist so herrlich und Du trauerst; wenn Du aber in diesem Augenblicke in Deiner Hand die Hand eines geliebten Weibes hieltest, wenn diese Hand und das ganze Weib Dein wären, und wenn Du dazu noch mit ihren Augen sähest, nicht mit eigenem, isolirtem Gefühle, sondern mit ihrem Gefühle fühltest . . . o Andrei, nicht Schwermuth, nicht Angst erregte dann die Natur in Dir und für ihre Schönheiten hättest Du kein Auge; sie selbst würde frohlocken und jubeln, sie würde Deine Hymne mit ihrem Gesang begleiten, denn Du hättest ihr, der Stummen, die Sprache gegeben.
Schubin sprang auf und ging einige Mal auf und ab, Berßenjew seinerseits senkte den Kopf und sein Gesicht röthete sich leicht.
– Ich bin nicht ganz mit Dir einverstanden, begann er, nicht immer weist die Natur auf . . . Liebe hin. (Dieses Wort kam nicht sogleich aus seinem Munde.) Sie droht uns auch, sie mahnt uns an schreckliche . . . ja an unergründliche Geheimnisse. Ist sie es nicht, die uns verschlingen soll, die uns fortwährend verschlingt? an ihr ist Leben und Tod; aus ihr redet ebenso laut Tod wie Leben.
– Auch in der Liebe ist Leben und Tod, unterbrach ihn Schubin.
– Und dann, fuhr Berßenjew fort, wenn ich zum Beispiel im Frühling in einem Walde, im Dickicht des Grüns mich befinde und mir däucht, ich höre die romantischen Töne von Oberon‘s Horn (Berßenjew empfand etwas wie Scham, als er diese Worte vorbrachte), wäre das wohl . . .
– Liebessehnen, Sehnen nach Glück, weiter nichts! warf Schubin ein. Auch mir sind jene Töne, jene Rührung, jene Erwartung bekannt, die im Schatten des Waldes, in dessen tiefstem Dickicht, oder auch wohl Abends auf freiem Felde, wenn die Sonne sich neigt und hinter dem Röhricht Nebel vom Flusse aufsteigen, die Seele beschleichen. Aber auch vom Walde, wie vom Flusse, von der Erde, wie vom Himmel, von jedem Wölkchen, jedem Grashalme erwarte und fordere ich Glück, ich spüre in Allem dessen Herannahen, überall höre ich sein Rufen. »Mein Gott, mein Gott ist licht und heiter!« Das war der Anfang eines Gedichtes von mir; Du wirst gestehen, der Vers ist schön, den folgenden habe ich aber nicht dazu finden können. Glück!s Glück! so lange das Leben noch nicht abgelaufen ist, so lange wir noch alle unsere Glieder in unserer Gewalt haben, so lange es mit uns nicht bergab, sondern bergan geht! Hol‘s der Kukuk! fuhr Schubin in einem plötzlichen Anfalle von Begeisterung fort; wir sind jung, nicht mißgestaltet, nicht auf den Kopf gefallen: wir wollen uns das Glück erobern!
Er schüttelte die Locken und blickte selbstbewußt und fast herausfordernd gen Himmel. Berßenjew erhob die Augen zu ihm.
– Als ob es nichts Höheres gäbe, als Glück! sagte er ruhig.
– Was denn zum Beispiel? fragte Schubin und blieb stehen.
– Nun, wir sind Beide, wie Du sagst, jung, ehrliche Männer, so zu sagen; Jeder von uns wünscht für sich Glück . . . Ist aber wohl dieser Begriff: »Glück« solcher Art, daß er uns Beide vereinigen, begeistern und zwingen könnte, einander die Hand zu bieten? Ist er nicht ein selbstsüchtiger, ich will sagen, ein trennender Begriff?
– Du kennst also wohl Begriffe, die vereinigen?
– Gewiß, und es sind deren nicht wenig; auch Du kennst sie.
– Wohlan denn, nenne mir diese Begriffe.
– Nun zum Beispiel, Kunst – da Du gerade Künstler bist – Heimath, Wissenschaft, Freiheit, Gerechtigkeit.
– Und Liebe? fragte Schubin.
– Auch Liebe ist ein vereinigender Begriff; aber nicht jene Liebe, nach welcher Dich jetzt gelüstet: Liebe ist nicht . . . Genuß; Liebe ist . . . Opfer.
Schubin machte ein saures Gesicht.
– Das paßt für Deutsche; ich will für mich selbst Liebe; ich will Nummer Eins sein.
– Nummer Eins, wiederholte Berßenjew – Ich möchte glauben Nummer Zwei zu werden . . . wäre die rechte Bestimmung unseres Lebens.
– Wenn Jeder Deinem Rathe folgen wollte, erwiederte Schubin mit kläglicher Grimasse, – so äße Niemand auf der Welt Ananas: ein Jeder überließe sie dem Nächsten.
– Daraus folgt, daß Ananas kein Bedürfniß ist; sei übrigens ohne Sorge: es wird immer Leute geben, die selbst das liebe Brod Anderen vom Munde nehmen.
Beide Freunde schwiegen einige Zeit.
– Neulich begegnete mir wieder Inßarow, nahm Berßenjew das Gespräch wieder auf: – ich habe ihn zu mir eingeladen; ich will durchaus, daß er mit Dir . . . und auch mit Stachow‘s bekannt werde.
– Wer ist dieser Inßarow? Ach ja jener Serbe oder Bulgare, von dem Du mit mir gesprochen. Jener Putriot! Hat er nicht vielleicht Dir alle diese philosophischen Ideen beigebracht!
– Vielleicht.
– Ist das ein ungewöhnliches Individuum, wie?
– Gewiß.
– Gescheit? Talentvoll?
– Gescheidt? . . . ja; talentvoll? . . . weiß nicht, glaube nicht.
– Nicht? Was ist denn Merkwürdiges an ihm?
– Du wirst es sehen. Für jetzt aber, denke ich, ist es Zeit, daß wir gehen. Anna Wassiljewna wartet vermuthlich auf uns. Wie viel ist es an der Zeit?
– Ueber Zwei. Komm. Welche Hitze! Diese Unterhaltung hat mir alles Blut entzündet. Auch Du warst einen Augenblick . . . nicht umsonst bin ich Künstler: ich bemerke Alles. Gestehe, das Mädchen steckt Dir im Kopfe . . .
Schubin wollte Berßenjew in die Augen blicken, dieser wandte sich jedoch ab und verließ seinen Platz unter der Linde. Schubin folgte ihm, nachlässig-graziös auf seinen zierlichen Füßchen dahin schreitend. Berßenjew‘s Gang war linkisch, er zog beim Gehen die Schultern hoch hinauf und streckte den Hals vor, und doch hatte er mehr das Aussehen eines ordentlichen Menschen, als Schubin, er war mehr Gentleman, würden wir sagen, wenn dieses Wort bei uns nicht verbraucht wäre.j
II
Die jungen Leute stiegen zum Flusse hinab und gingen an dessen Ufer weiter. Vom Wasser wehte Kühle ihnen entgegen und das leise Plätschern der kleinen Wellen schlug angenehm an ihr Ohr.
– Ich möchte gern wieder baden, sagte Schubin, – fürchte aber zu spät zu kommen. Sieh doch das Wasser an; es scheint uns zu locken. Die alten Griechen hätten eine Nymphe darin gesehen. Wir aber sind keine Griechen, o schöne Nymphe! wir sind dickhäutige Scythen!
– Wir haben unsere Nixen, bemerkte Berßenjew.
– Zum Henker mit Deinen Nixen! Wozu nützen mir, dem Bildhauer, diese Ausgeburten einer eingeschüchterten, starren Phantasie, diese in dicker Bauernstubenluft und im Dunkel der Winternächte ausgebrüteten Gestalten? Ich brauche Licht, Raum . . . Wann, o mein Gott, wann werde ich Italien sehen? Wann . . .
– Du willst wohl sagen Kleinrußland?
– Schäme Dich, Andrei Petrowitsch, mich an einen dummen Streich zu erinnern, den ich ohnehin bitter bereue. Nun ja, ich war ein Narr; die vortreffliche Anna Wassiljewna gab mir Geld, nach Italien zu reisen und ich bin zu den Chochols1 gefahren, um Mehlklößchen zu essen und . . .
– Brauchst nicht weiter zu sprechen, unterbrach ihn Berßenjew.
– Und dennoch kann ich sagen, das Geld war doch nicht ganz weggeworfen. Ich habe dort solche Typen, besonders weibliche, gefunden . . . Freilich, ich weiß es, außerhalb Italiens giebt’s kein Heil!
– Du kannst nach Italien reisen, sagte Berßenjew, ohne sich umzuwenden: – und wirst doch nichts schaffen. Du wirst nur mit den Flügeln schlagen und doch nicht fliegen. Wir kennen Euch!
– Stawasser2 hat sich aber doch erhoben . . . Und nicht er allein. Und kann ich es nicht, so heißt das« daß ich ein flügelloser Pinguin bin. Es wird mir hier schwül, ich muß nach Italien, fuhr Schubin fort: – dort ist Sonne, Schönheit . . .
Ein junges Mädchen, in breitem Strohhute, mit einem rosenfarbigen Sonnenschirme in der Hand, zeigte sich in diesem Augenblicke auf dem Fußwege, auf welchem die Freunde dahingingen.
– Was sehe ich aber? Selbst hier kommt die Schönheit uns entgegen! Der reizenden Zoë entbietet seinen Gruß der bescheidene Künstlers rief plötzlich Schubin, theatralisch den Hut schwenkend.
Das junge Mädchen, dem diese Anrede galt, blieb stehen, drohte ihm mit dem Finger und sagte, nachdem beide Freunde an sie herangekommen waren, mit heller Stimme und etwas schnarrend:
– Warum kommen Sie denn nicht zum Essen, meine Herren? Der Tisch ist gedeckt.
– Was höre ich? rief Schubin, die Hände zusammenschlagend. Hütten Sie sich wirklich, reizende Zoë, bei dieser Hitze herausgewagt nur um uns aufzusuchen? Muß ich so den Sinn Ihrer Worte deuten? Sagen Sie, wäre es möglich? Oder nein, besser, Sie sprechen das Wort nicht aus: die Reue würde mich auf dem Flecke tödten.
– Ach, hören Sie auf, Pawel Jakowlewitsch, erwiederte nicht ohne Unwillen das junge Mädchen, warum sprechen Sie nie im Ernste zu mir? Ich werde böse werden, setzte sie mit koketter Miene hinzu und warf die Lippen auf.
– Sie werden mir nicht zürnen, ideale Zoë Nikitischna; Sie werden mich nicht in den finsteren Abgrund wahnsinniger Verzweiflung stürzen wollen. Ernsthaft zu sprechen ist mir aber unmöglich, denn ich bin kein ernsthafter Mensch.
Das junge Mädchen zuckte die Achseln und wandte sich zu Berßenjew.
– So ist er immer; er behandelt mich wie ein Kind, und ich bin doch schon über achtzehn Jahre alt. Ich bin schon ein erwachsenes Mädchen.
– O Gott! seufzte Schubin und verdrehte die Augen; Berßenjew lächelte still.
Das Mädchen stampfte mit dem Fuße.
– Pawel Jakowlewitschs Sie werden mich böse machen! Helene hat mich begleiten wollen, fuhr sie fort, ist aber im Garten geblieben. Sie hat sich vor der Hitze gefürchtet . . . ich fürchte aber die Hitze nicht. Kommen Sie.
Sie ging auf dem Fußwege voran, den schlanken Körper bei jedem Schritte sanft hin- und herwiegend und mit dem schönen Händchen, in schwarzem Halbhandschuh, die langen, weichen Locken aus dem Gesichte zurückstreichend.
Die Freunde folgten ihr (Schubin preßte bald die Hände ans Herz, bald streckte er dieselben über dem Kopfe empor) und waren einige Augenblicke darauf vor einem der vielen Landhäuser in der Umgegend Kunzowos angekommen. Es war ein kleines hölzernes Häuschen mit einem Erker von hellrothem Anstrich, das inmitten eines Gartens lag und still aus dem Grün der Bäume hervorguckte. Zoë war die Erste am Pförtchen, sie machte es auf, lief in den Garten und rief: Ich habe die Herumstreicher zurückgebracht! Ein junges Mädchen, von blassem und ausdrucksvollem Gesichte, erhob sich von einer Bank in der Nähe des Gartenweges und an der Schwelle des Hauses zeigte sich eine Dame in violett-seidenem Kleide; sie hielt gegen die Sonne ein gestieltes Batisttuch vor der Stirn und lächelte schmachtend und träge.
III
Anna Wassiljewna Stachow, geborene Schubin, blieb, sieben Jahre alt, als vater- und mutterlose Waise und Erbin eines ziemlich beträchtlichen Vermögens zurück. Sie hatte sehr reiche und sehr arme Verwandte; die armen von väterlicher, die reichen von mütterlicher Seite: den Senator Wolgin, die Fürsten Tschikurassow. Fürst Ardalion Tschikurassow, der ihr zum Vormund bestimmt wurde, gab sie in die beste Pension Moskaus, und als sie die Anstalt verließ, nahm er sie zu sich ins Haus. Er lebte auf großem Fuße und gab im Winter Bälle. Anna Wassiljewna‘s zukünftiger Mann, Nikolai Artemjewitsch Stachow, eroberte sich seine Gattin auf einem jener Bälle, wo dieselbe in einem »reizenden rosenfarbenen Anzuge und Kopfputz aus kleinen Röschen, erschienen war. Sie bewahrte diesen Kopfputz noch auf . . . Nikolai Artemjewitsch Stachow, Sohn eines verabschiedeten Capitains, der, 1812 verwundet, eine einträgliche Anstellung in Petersburg bekommen hatte, bezog, sechszehn Jahre alt, die Junkerschule und trat in die Garde. Er war hübsch von Gestalt, gut gebaut und galt fast für den besten Tänzer auf den Tanzkränzchen des Mittelstandes, die er vorzugsweise besuchte; in der hohen Welt hatte er nicht Zutritt. Von Jugend auf schwärmte er für zwei Dinge: Flügeladjutant zu werden und eine vortheilhafte Heirath zu schließen; dem ersteren entsagte er bald, dafür aber behielt er desto fester letzteres im Auge. Zu diesem Zwecke fuhr er jeden Winter nach Moskau. Stachow sprach ziemlich fertig französisch und wurde, weil er kein ausschweifendes Leben führte, für einen Philosophen gehalten. Schon als Fähnrich liebte er eifrig zu disputiren, ob zum Beispiel ein Mensch wohl in seinem Leben alle Punkte des Erdballs bereisen, oder ob er wohl erfahren könne, was auf dem Boden des Meeres vorgehe – und war stets der Meinung, es sei unmöglich.
Stachow war fünfundzwanzig Jahre alt, als er Anna Wassiljewna »kaperte;« er nahm seinen Abschied und zog aufs Land, um die Wirthschaft zu führen. Er wurde des Lebens auf dem Lande jedoch bald überdrüssig, umsomehr, da die Bauern zinspflichtig waren und zog daher nach Moskau, wo seine Frau ein Haus besaß. In seiner Jugend hatte er keinerlei Spiel gespielt, nun aber bekam er eine Leidenschaft fürs Lottospiel und als dieses verboten ward,3 für Whist. Zu Hause fühlte er Langeweile; er machte die Bekanntschaft einer Wittwe deutscher Abkunft und verbrachte bei ihr fast seine ganze Zeit. Den Sommer 1853 ging er nicht nach Kunzowo aufs Land; er blieb unter dem Vorwande, Mineralwasser zu brauchen, in Moskau; in Wahrheit jedoch, weil er sich nicht von seiner Wittwe trennen konnte. Er sprach übrigens auch mit ihr wenig und stritt meistens mit ihr darüber, ob man wohl die Witterung vorausbestimmen könne und dergleichen mehr. Es nannte ihn einmal Jemand Frondeur; diese Benennung gefiel ihm sehr. Ja wohl, dachte er, selbstgefällig die Mundwinkel herabziehend und sich langsam schaukelnd, es ist nicht leicht, mich zu befriedigen; mich führt man nicht so leicht an. Das Frondiren Stachow‘s bestand aber einfach darin, daß er zum Beispiel wenn Jemand von Nerven sprach, fragte: Und was nennen Sie Nerven? oder wenn in seiner Gegenwart von Fortschritten der Astronomie die Rede war, er dazwischen warf: Und glauben Sie an Astronomie? Wollte er seinen Gegner gänzlich vernichten, dann sagte er: Das sind Alles nur Phrasen. Man muß gestehen, daß dergleichen Argumente vielen Leuten (wie es heut zu Tage noch vorkommt) unumstößlich schienen; Stachow hatte aber gewiß keine Ahnung davon, daß Augustine Christianowna in ihren Briefen an ihre Cousine Theolinde Petersilius ihn »mein Pinselchen« nannte.
Nikolai Artemjewitsch‘s Frau, Anna Wassiljewna, war ein kleines mageres Weibchen mit feinen Gesichtszügen, zu Gemüthsbewegungen und Trauer geneigt. In der Erziehungsanstalt hatte sie Musik getrieben und Romane gelesen, später aber beides aufgegeben; dann hatte sie sich mit ihrem Putze beschäftigt, aber auch dieses bei Seite gelegt; zuletzt war es die Erziehung ihrer Tochter, die sie zu übernehmen gedachte, doch es versagten ihr die Kräfte auch hierin und sie überließ diese Sorge einer Gouvernante; das Ende von Allem war, daß sie weiter nichts mehr that, als sich ihrer Trauer und stiller Gemüthsbewegung hinzugeben. Helene Nikolajewna‘s Geburt zerstörte ihre Gesundheit, sie gebar keine Kinder mehr; auf diesen Umstand machte Nikolai Artemjewitsch Anspielungen, um sein Verhältniß mit Augustine Christianowna zu rechtfertigen. Anna Wassiljewna betrübte die Untreue ihres Gatten sehr; es schmerzte sie besonders, daß er einmal durch List seiner Geliebten ein paar graue Pferde aus ihrem eigenen Gestüte geschenkt hatte. Ins Gesicht machte sie ihm niemals Vorwürfe, insgeheim aber beklagte sie sich über ihn bei allen Hausgenossen selbst bei ihrer Tochter. Anna Wassiljewna liebte nicht Besuche zu machen; sie hatte es gern, wenn irgend ein Gast bei ihr saß und ihr etwas erzählte; blieb sie allein, dann fühlte sie sich sogleich unwohl. Sie besaß ein sehr liebevolles und gefühlvolles Herz: das Leben aber hatte sie sehr bald aufgerieben.
Pawel Jakowlewitsch Schubin war in entferntem Grade ihr Neffe. Sein Vater hatte in Moskau gedient. Seine Brüder waren im Cadettencorps erzogen worden; er, als jüngstes Kind, Liebling der Mutter, und von zarter Leibesbeschaffenheit, wurde zu Hause behalten. Er wurde für die Universität bestimmt und machte mit Mühe das Gymnasium durch. Schon früh zeigte sich bei ihm Neigung zur Bildhauerei; dem gewichtigen Senator Wolgin kam einmal bei des Knaben Tante eine kleine Statuette zu Gesicht (eine Arbeit des damals noch Sechszehnjährigen) und er erklärte, das angehende Talent unter seine Protection nehmen zu wollen. Der plötzliche Tod von Schubin‘s Vater hätte beinahe der Zukunft des jungen Menschen eine andere Richtung gegeben. Der Senator als Gönner der Talente, schenkte ihm eine Büste des Homer aus Gyps – das war Alles; Anna Wassiljewna aber half ihm mit Geld aus und mit genauer Noth, neunzehn Jahre alt, bezog er die Universität, um Medicin zu studiren. Pawel empfand nicht die geringste Neigung zur Medicin, doch bei der damaligen Zahl der Studenten war es unmöglich, in irgend eine andere Facultät zu treten;4 außerdem hoffte er Anatomie zu lernen. Er beendete dieses Studium nicht; ohne in den zweiten Cursus übergegangen zu sein, verließ er vor dem Examen die Universität, um sich ausschließlich seinem Berufe zu widmen. Er arbeitete eifrig, aber mit Unterbrechungen, streifte in der Umgegend Moskaus umher, formte und zeichnete Portraits von Bauermädchen, kam mit vielerlei Leuten, mit Jung und Alt, Hohen und Niederen, italienischen Formgießern und russischen Künstlern zusammen, wollte nichts von der Akademie wissen und keine Professoren anerkennen. Er besaß entschiedenes Talent: sein Name fing an in Moskau genannt zu werden. Seine Mutter, eine Pariserin aus – guter Familie, eine brave und kluge Frau, hatte ihm die französische Sprache gelehrt, Tag und Nacht sich um ihn bekümmert und Sorge für ihn getragen; sie war stolz auf ihn und als sie, noch jung, von der Schwindsucht ergriffen, im Sterben lag, bat sie Anna Wassiljewna, sich ihres Sohnes anzunehmen. Er war damals einundzwanzig Jahre alt. Anna Wassiljewna erfüllte ihre letzte Bitte; sie stellte Schubin ein kleines Zimmer in einem Nebengebäude. des Landbauses zur Verfügung.
IV
– So kommen Sie doch zum Essen, kommen Sie, bat die Hausfrau mit kläglicher Stimme, und Alle begaben sich in den Speisesaal. Sehen Sie sieh zu mir, Zoë, sagte Anna Wassiljewna, Du aber, Helene, unterhalte den Gast, und Du Paul, ich bitte Dich, treibe nicht Muthwillen und necke nicht Zoë. Mir thut heute der Kopf weh.
Schubin richtete wieder den Blick gen Himmel; Zoë erwiederte denselben mit einem leichten Lächeln. Diese Zoë, oder richtiger Zoja Nikitischna Müller, war ein nettes, blondgelocktes, etwas schieläugiges, volles junges Mädchen, deutscher Abkunft, mit einem Stutznäschen und rothen zierlichen Lippen. Sie sang nicht schlecht russische Romanzen, spielte ganz hübsch auf dem Clavier verschiedene bald heitere, bald rührende Stückchen,« kleidete sich mit Geschmack, aber etwas kinderhaft und gar zu zierlich. Anna Wassiljewna hatte sie als Gesellschafterin ihrer Tochter engagirt und ließ sie fast niemals von sich. Helene hatte nichts dagegen; wenn sie zufälliger Weise mit Zoë allein blieb, wußte sie niemals, was sie mit ihr sprechen sollte.—
Die Mahlzeit dauerte ziemlich lange; Berßenjew unterhielt sich mit Helene vom Studentenleben, von seinen Plänen und Hoffnungen; Schubin horchte, schwieg, aß mit übertriebener Hast und warf von Zeit zu Zeit komische Blicke auf Zoë, die darauf beständig mit phlegmatischem Lächeln antwortete. Nach der Tafel begaben sich Berßenjew, Helene und Schubin in den Garten; Zoë blickte ihnen nach, zuckte leicht die Achseln und setzte sich dann ans Clavier. Anna Wassiljewna fragte sie zwar: Warum gehen Sie denn nicht auch in den Garten? doch die Antwort nicht abwartend, setzte sie hinzu: spielen Sie mir etwas recht Schwermüthiges vor . . .
– La dernière pensée de Weber? fragte Zoë.
– Ach ja, aus Weber, sagte Anna Wassiljewna, ließ sich auf einen Armstuhl nieder und eine Thräne zitterte an ihren Wimpern.
Unterdessen war Helene mit ihren beiden Begleitern in eine Akazienlaube gelangt, in deren Mitte sich ein hölzerner Tisch, von Bänken umgeben, befand. Schubin blickte zurück, sprang einige Male umher, sagte dann leise: Warten Sie! lief auf sein Zimmer, brachte ein Stück Lehm und begann nun, Zoë‘s Gestalt unter Kopfschütteln, Brummen und Lachen zu modelliren.
– Immer die alte Geschichte, sagte Helene zu Berßenjew, nachdem sie einen Blick auf die Arbeit geworfen hatte, und setzte damit ihr an der Tafel begonnenes Gespräch mit ihm fort.
– Die alte Geschichte! wiederholte Schubin. Das ist aber ein unerschöpflicher Stoff! Heute besonders bringt sie mich zur Verzweiflung.
– Weshalb denn das? fragte Helene. Man könnte glauben, Sie sprechen von irgend einer boshaften, widerlichen Alten. Ein hübsches junges Fräulein . . .
– Freilich, warf Schubin ein, – sie ist hübsch, sehr hübsch; ich bin überzeugt, daß jeder Vorübergehende, der sie sieht, durchaus dabei denken muß: das ist mir Eine, mit welcher sich köstlich . . . eine Polka tanzen ließe; auch bin ich überzeugt, daß sie das weiß und daß es ihr angenehm ist . . . Wozu denn also dieses verschämte Spiel, diese Bescheidenheit? Nun, Sie verstehen schon, was ich damit sagen will, setzte er durch die Zähne hinzu. – Sie sind übrigens jetzt mit anderen Dingen beschäftigt.
Und Zoë’s Bild zerbrechend, begann Schubin hastig und augenscheinlich ärgerlich den Lehm zu kneten.
– Sie möchten also Professor werden? fragte Helene Berßenjew.
– Ja, erwiederte dieser, die rothen Hände zwischen die Kniee zwängend. Das ist mein liebster Traum. Freilich, ich weiß sehr gut, was mir noch Alles fehlt, um würdig eines so hohen . . . ich will sagen, ich bin zu wenig vorbereitet, hoffe indessen die Erlaubniß zu einer Reise ins Ausland zu erhalten;5 ich bleibe drei, vier Jahre dort, wenn es nöthig ist, und dann . . .
Er hielt inne, schlug die Augen nieder, dann rasch wieder auf und brachte unbeholfen lächelnd sein Haar in Ordnung. Wenn Berßenjew mit Frauen sprach, wurde seine Rede noch langsamer; auch lispelte er dann mehr.
– Sie wollen Professor der Geschichte werden? fragte Helene.
– Ja, oder der Philosophie, setzte er, die Stimme sinken lassend, hinzu, wenn es sich thun läßt.
– Er ist schon jetzt stark wie ein Teufel in der Philosophie, bemerkte Schubin, indem er mit dem Nagel tiefe Furchen in dem Lehm zog, wozu braucht er ins Ausland zu reisen?
– Und wird Sie Ihre Stellung vollkommen befriedigen? fragte Helene, auf den Ellenbogen gestützt und ihm gerade ins Gesicht blickend.
– Vollkommen, Helene Nikolajewna, vollkommen. Welchen besseren Beruf könnte es geben? Denken Sie nur, in die Fußstapfen eines Timofei Nikolajewitsch6 zu treten . . . Der Gedanke allein an einen solchen Wirkungskreis erfüllt mich mit Freude und Schauer, ja . . . mit Schauer, den . . . der aus dem Bewußtsein der Unzulänglichkeit meiner Kräfte entspringt. Mein seliger Vater ertheilte mir seinen Segen zu diesem Werke . . . Seine letzten Worte werde ich nie vergessen . . .
– Ihr Vater starb im vergangenen Winter?
– Ja, Helene Nikolajewna, im Februar.
– Man sagt, fuhr Helene fort, er habe eine bemerkenswerthe Schrift in Manuscript hinterlassen; ist das wahr?
– Ja, ein solches ist vorhanden. Das war ein vortrefflicher Mann. Sie hätten ihn lieb gewonnen, Helene Nikolajewna.
– Ich bin davon überzeugt. Und was ist der Inhalt jener Schrift?
– Den Inhalt, Helene Nikolajewna, könnte ich Ihnen nicht leicht in ein paar Worten wiedergeben. Mein Vater war ein Mann von großer Gelehrsamkeit, Schellingianer, er gebrauchte nicht immer deutliche Ausdrücke . . .
– Andrei Petrowitsch, unterbrach ihn Helene, vergeben Sie mir meine Unwissenheit, was bedeutet Schellingianer?
Berßenjew lächelte leicht.
– Ein Schellingianer bedeutet einen Anhänger Schelling’s, eines deutschen Philosophen, worin aber Schelling’s Anschauung bestand . . .
– Andrei Petrowitsch! rief plötzlich Schubin, um des Himmels Willen! Du wirst doch Helene Nikolajewna nicht gar einen Vortrag über Schelling halten wollen? Habe doch Mitleid!
– Durchaus keinen Vortrag, murmelte Berßenjew und wurde roth, ich wollte . . .
– Und warum denn keinen Vortrags warf Helene ein. Wir Beide, Pawel Jakowlewitsch, bedürfen der Vorträge sehr.
Schubin sah ihr fest in die Augen und brach plötzlich in Lachen aus.
– Worüber lachen Sie denn? fragte sie trocken und fast streng.
Schubin verstummte.
– Ach ich bitte, zürnen Sie nicht, sagte er nach einer kleinen Pause, vergeben Sie mir. Aber in der That, wie ist es möglich, ich bitte Sie, jetzt, bei diesem Wetter, unter diesen Bäumen von Philosophie zu sprechen? Wäre es nicht besser, wir sprächen von Nachtigallen, von Rosen, von jungen Gesichtern und Lächeln?
– Ja, und von französischen Romanen, von Weiberstaat, setzte Helene hinzu.
– Meinetwegen auch davon, wenn er nur hübsch ist.
– So? Nun wenn wir aber nicht von Weiberstaat sprechen wollten? Sie nennen sich mit Stolz einen freien Künstler, warum suchen Sie die Freiheit Anderer zu schmälern? Und erlauben Sie mir die Frage, weshalb greifen Sie bei dieser Sinnesart Zoë an?
Schubin fuhr plötzlich von seiner Bank auf. Ja, so! sagte er mit unsicherer Stimme, Ich verstehe Ihren Wink; Sie schicken mich fort, zu ihr, Helene Nikolajewna. Mit anderen Worten, ich bin hier überflüssig?
– Es fiel mir gar nicht ein, Sie fortzuschicken.
– Sie wollen sagen, fuhr Schubin zornig fort, ich sei keiner anderen Gesellschaft werth, wir paßten zusammen, ich sei ebenso flach, albern und kleinlich wie die süßliche deutsche Mamsell? Nicht so?
Helene runzelte die Stirn.
– Sie haben nicht immer so von ihr gesprochen, Pawel Jakowlewitsch, bemerkte sie.
– Ah! Vorwürfe, Vorwürfe jetzt! rief Schubin aus. Nun ja, ich mache kein Hehl daraus, es war eine Minute, ja eine einzige Minute, als mich diese frischen, albernen Wangen . . . Nun, wenn ich Ihnen mit Vorwürfen entgegnen, Ihnen ins Gedächtniß rufen wollte . . . Leben Sie wohl, brach er plötzlich ab, es ist zum Verrücktwerden!
Und mit der Hand auf den zu einem Kopfe geformten Lehm schlagend, lief er aus der Laube hinaus und begab sich auf sein Zimmer.
– Ein Kind, sagte Helene und sah ihm nach.
– Ein Künstler« sagte lächelnd Berßenjew. Die Künstler sind alle so. Man muß ihnen ihre Launen hingehen lassen. Das ist ihr Recht.
– Ja wohl, erwiederte Helene, Pawel hat jedoch bisher sich noch durch nichts dieses Recht erworben. Was hat er bis jetzt vor sich gebracht? Geben Sie mir Ihren Arm, wir wollen einen Gang durch die Allee machen. Er hat uns gestört. Wir sprachen von der Schrift Ihres Vaters.
Berßenjew nahm Helene’s Arm und folgte ihr in den Garten, doch das zu früh unterbrochene Gespräch ward nicht wieder aufgenommen; Berßenjew war wieder auf seine Ansichten über Professur und seine künftige Wirksamkeit zurückgekommen. Langsam und unbeholfen ging er an Helene‘s Seite hin, hielt ungeschickt ihren Arm, stieß sie zuweilen mit der Schulter an und blickte ihr nicht ein einziges Mal ins Gesicht; seine Rede floß indessen leicht, wenn auch nicht frei dahin, er drückte sich dießmal einfach und passend aus, seine Blicke, die langsam an den Stämmen der Baume, an dem Rande des Weges, an dem Rasen hinstreiften, glühten von sanfter Rührung edler Gefühle und in der ruhigen Stimme äußerte sich die Freude, die der Mensch empfindet, wenn ihm vergönnt wird, sich gegen ein anderes, ihm theueres Wesen auszusprechen. Helene hörte ihm mit Aufmerksamkeit zu, und halb zu ihm gekehrt, verwandte sie nicht den Blick von seinem etwas bleichgewordenen Gesichte, von seinen freundlichen und sanften Augen, die doch den ihrigen auszuweichen suchten. Ihre Seele hatte sich aufgethan und ein Gefühl von Zärtlichkeit, Gerechtigkeit, Güte ergoß sich halb in ihr Herz, halb wuchs es in ihm empor.
V
Bis in die Nacht hinein kam Schubin nicht aus seinem Zimmer. Es war schon ganz dunkel geworden, der Mond stand hoch am Himmel, die Milchstraße leuchtete und die Sterne flimmerten, als Berßenjew, nachdem er von Anna Wassiljewna, Helene und Zoë Abschied genommen hatte, an die Thür seines Freundes trat. Er fand sie verschlossen und klopfte an.
– Wer da? ließ sich Schubin‘s Stimme vernehmen.
– Ich bin’s« gab Berßenjew zur Antwort.
– Was willst Du?
– Laß mich ein, Pawel, höre auf zu schmollen; schämst Du Dich nicht?
– Ich schmolle nicht, ich schiefe und sehe im Traume Zoë’s Bild.
– So höre doch auf. Du bist ja kein Kind. Laß mich hinein, ich muß mit Dir sprechen.
– Hast Du Dich denn noch nicht sattgesprochen mit Helene?
– Nun höre endlich auf; laß mich ein!
Schubin stellte sich schnarchend. Berßenjew zuckte die Achseln und entfernte sich.
Die Nacht war warm und ganz besonders still, als ob Alles rings umher aus ein Unbekanntes lauschte und Wache stünde; auch Berßenjew, umfangen von dem unbeweglichen Dunkel, blieb unwillkürlich stehen, lauschte gleichfalls und stand Wache. Ein leichtes Rauschen, dem Rauschen eines seidenen Gewandes vergleichbar, ließ sich von Zeit zu Zeit in den Wipfeln der nächsten Bäume vernehmen und erregte in Berßenjew eine angenehme und beängstigende Empfindung, ja etwas wie Furcht. Ein leichter Schauer überflog seine Wangen, seine Augen wurden von kalten Thränen plötzlich feucht; ihm dünkte, er müsse so leise wie möglich auftreten, sich verbergen, fortschleichen. Da strich ein scharfer Hauch an ihm vorüber: er fuhr zusammen und war fast wie versteinert; ein schläfriger Käfer fiel aus den Zweigen zu seinen Füßen nieder; ein leises Ah! entschlüpfte Berßenjew’s Lippen von Neuem blieb er stehen. Er begann an Helene zu denken, und mit einem Male waren jene zufälligen Eindrücke vermischt: es blieb nur die belebende Empfindung der nächtlichen Kühle und des nächtlichen Spazierganges zurück; das Bild des jungen Mädchens erfüllte ganz seine Seele. Gesenkten Kopfes schritt Berßenjew fort und dachte an ihre Worte und Fragen. Auf ein Mal glaubte er rasche Fußtritte hinter sich zu hören. Er lauschte: es kam Jemand gelaufen, man wollte ihn einholen, ein unterbrochenes Athemholen konnte er schon hören; da tauchte plötzlich aus dem schwarzen Schatten eines großen Baumes, ohne Mütze auf dem zerwühlten Haare, ganz bleich im Lichte des Mondes, Schubin vor ihm auf.
– Es freut mich, daß Du diesen Weg gegangen bist, brachte er außer Athem hervor, – ich hätte die ganze Nacht nicht geschlafen, wenn ich Dich nicht eingeholt hätte. Gieb mir die Hand. Du gehst jetzt nach Hause?
– Ja, nach Hause.
– Ich werde Dich begleiten.
– Ohne Mühe?
– Thut nichts. Ich habe auch das Halstuch abgenommen. Es ist jetzt warm.
Die Freunde gingen einige Schritte weiter.
– Nicht wahr, ich bin heute ein Narr gewesen? fragte Schubin plötzlich.
– Aufrichtig gesagt, ja. Ich habe Dich nicht begreifen können. So habe ich Dich noch nie gesehen. Und worüber bist Du in Zorn gerathen, lohnte sich’s denn! Um solche Kleinigkeiten?
– Hm, murmelte Schubin. Das sagst Du, für mich sind es aber, keine Kleinigkeiten. Siehst Du, setzte er hinzu, – ich muß es Dir bekennen, ich . . . ich . . . denke von mir was Du willst . . . ich . . . nun ja denn! ich liebe Helene.
– Du liebst Helene! wiederholte Berßenjew.
– Nun ja, sagte Schubin mit affectirter Gleichgültigkeit. Das nimmt Dich Wunder? Ich will Dir noch mehr sagen. Bis zum heutigen Abend durfte ich hoffen, daß auch sie mich mit der Zeit lieben werde. Heute aber habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß ich auf nichts zu hoffen habe. Sie hat einen Anderen liebgewonnen.
– Einen Anderen? Wen denn?
– Wen? Dich! rief Schubin aus und gab Berßenjew einen Schlag auf die Schulter.
– Mich?
– Dicht wiederholte Schubin.
Berßenjew that einen Schritt zurück und blieb regungslos stehen. Schubin beobachtete ihn scharf.
– Und das wundert Dich? Du bist ein bescheidener Jüngling. Sie liebt Dich aber doch, darauf kannst Du Dich verlassen.
– Was Du für Unsinn schwatzst! sagte endlich Berßenjew ärgerlich.
– Keinen Unsinn, nein. Doch warum bleiben wir stehen? Laß uns weiter gehen. Es spricht sich besser im Gehen. Ich kenne sie schon lange, und kenne sie gut. Ich kann mich nicht täuschen. Sie hat Geschmack an Dir gefunden. Es war eine Zeit, wo ich ihr gefiel; aber erstens bin ich ihr ein gar zu leichtfertiger junger Bursche, Du hingegen bist ein ernster Kopf, bist moralisch und physisch eine anständige Persönlichkeit, Du . . . warte etwas, ich bin noch nicht fertig . . . Du bist ein gewissenhaft-gemäßigter Enthusiast, Du bist ein wahrer Repräsentant jener Priester der Wissenschaft, auf die . . . nein, nicht auf die . . . auf welche die Klasse des mittleren russischen Adels mit vollem Rechte stolz ist! Und zweitens hat Helene mich neulich ertappt, wie ich Zoë die Hände küßte.
– Zoë?
– Ja wohl, Zoë. Was ist dabei zu machen? Sie hat so schöne Schultern.
– Schultern?
– Nun ja, Schultern, Hände, ist das nicht einerlei? Helene überraschte mich bei dieser freien Beschäftigung nach der Mittagstafel, und vor dem Essen hatte ich über Zoë losgezogen. Helene begreift leider nicht, wie natürlich dergleichen Widersprüche sind. Da kommst Du nun dazu: Du mit Deinem Glauben an . . . ja« an was glaubst Du denn gleich? . . . Du wirst gleich roth, verwirrt, sprichst von Schiller, Schelling (sie ist ja wie versessen aus merkwürdige Männer), nun und der Sieg ist Dein, und ich Unglückseliger versuche zu scherzen und . . . und . . . dabei . . .
Schubin brach plötzlich in Thränen aus, ging auf die Seite, setzte sich auf den Boden und griff mit beiden Händen ins Haar.
Berßenjew trat an ihn heran.
– Pawel, begann er, was soll diese Kinderei? Ums Himmelswillen! Was hast Du denn heute? Der Himmel weiß, was für ein Unsinn Dir in den Kopf gekommen ist, und Du weinst. Wahrhaftig, mir scheint, Du spielst Komödie.
Schubin erhob den Kopf. Im Scheine des Mondes glänzten Thränen auf seinen Wangen, sein Gesicht lächelte jedoch.
– Andrei Petrowitsch, nahm er das Wort, Du kannst von mir denken, was Dir beliebt. Ich will sogar zugeben, daß mich in diesem Augenblicke die Hysterie gepackt hat; ich bin aber, bei Gott, in Helene verliebt und Helene liebt Dich. Uebrigens versprach ich Dir, Dich bis nach Hause zu begleiten, ich muß mein Versprechen halten.
Er stand auf.
– Welch eine Nacht! Wie silberglänzend, wie dunkel, wie jugendfrisch! Wie wohl ist jetzt denen, die geliebt werden! Wie freuen sie sich, nicht zu schlafen! Du wirst schlafen, Andrei Petrowitsch?
Berßenjew gab keine Antwort und beeilte seine Schritte.
– Wohin eilst Du? fuhr Schubin fort. Glaube meinen Worten, eine solche Nacht wird sich in Deinem Leben nicht wiederholen und zu Hause wartet Deiner Schelling. Es ist wahr, er hat Dir heute einen guten Dienst erwiesen; doch laufe deshalb nicht so. Singe wenn Du es verstehst, singe noch lauter, wenn Du es nicht verstehst . . . zieh den Hut ab, wirf den Kopf zurück, lächele die Sterne an. Sie alle blicken Dich an, Dich nur allein; weiter haben sie nichts zu thun, die Sterne, als nur Verliebte anzublicken . . . darum sind sie auch so wunderschön. Du bist ja doch verliebt, Andrei Petrowitsch? . . . Du antwortest mir nicht . . . Warum giebst Du keine Antwort? fuhr Schubin wieder fort. O, wenn Du Dich glücklich fühlst, dann schweige, schweige! Ich, ich schwatze, weil mir’s den Hals zuschnürt, ich werde nicht geliebt, ich bin ein Taschenspieler, ein Artist, ein Possenreißer; aber welch stilles Entzücken zöge ich bei diesem nächtlichen Fächeln, unter dieser Sternendecke, unter diesen Brillanten in mich ein, wüßte ich mich geliebt! . . . Berßenjew, bist Du glücklich?
Berßenjew verharrte in Schweigen und schritt eilig aus dem ebenen Wege weiter. In der Ferne glänzten durch die Bäume die Lichter des Dorfes, in dem er wohnte; es bestand im Ganzen aus etwa zehn kleinen Landhäusern. Ganz im Anfange desselben, rechts vom Wege ab, unter zwei weitästigen Birkenbäumen, befand sich eine kleine Bude mit Hökerwaaren; die Fenster derselben waren alle bereits geschlossen, nur ein breiter Lichtstreifen fiel fächerartig aus der geöffneten Thür auf das zertretene Gras und die unteren Theile der Bäume und beleuchtete grell die weißliche Rückseite des dichten Laubes. Ein Mädchen, dem Anschein nach eine Kammerzofe, stand in der Bude, mit dem Rücken zur Thüre gewandt und handelte um etwas mit dem Krämer; unter dem rothen Tuche, das sie über den Kopf geworfen hatte und mit entblößtem Arme am Kinn zusammenhielt, waren ihre vollen Wangen und ihr schlanker Hals kaum zu bemerken. Die jungen Leute traten in den Lichtkreis; Schubin warf einen Blick in das Innere der Bude, blieb stehen und rief: Annuschka! Das Mädchen wandte sich rasch um. Es zeigte sich ein liebliches, etwas breites, aber frisches Gesicht mit heiteren, braunen Augen und schwarzen Augenbrauen. Annuschka! rief Schubin wieder. Das Mädchen sah ihn forschend an, erschrak, wurde verlegen . . . und, ohne ihren Einkauf zu beschließen, sprang sie die Stufen hinab, schlüpfte gewandt vorbei und ging mit kaum merklichem Seitenblick über den Weg links ab. Der Krämer, ein dicker und für Alles auf der Welt gleichgültiger Mensch, wie es alle Landhöker sind, rief ihr gähnend nach, Schubin aber wandte sich zu Berßenjew mit den Worten: Das . . . das, siehst Du . . . ich habe hier eine bekannte Familie . . . bei ihnen nun . . . glaube Du nur nicht . . . und ohne seine Rede zu Ende zu bringen lief er dem sich entfernenden Mädchen nach.
– Wische doch wenigstens Deine Thränen ab, rief ihm Berßenjew, der sich des Lachens nicht enthalten konnte, nach. Als er aber zu Hause angelangt war, hatte sein Gesicht kein heiteres Aussehen; er lachte nicht mehr. Er hatte den Worten Schubin’s keinen Augenblick Glauben geschenkt, sie waren aber doch tief in seine Seele gedrungen. Pawel wollte mich zum Besten haben, dachte er, . . . einmal wird sie aber doch Jemand lieben . . . Wen wird sie lieben?
Berßenjew hatte in seinem Zimmer ein Clavier, es war nicht groß und nicht neu, doch von weichem und angenehmem, wenn auch nicht ganz reinem Tone. Berßenjew setzte sich an dasselbe und schlug einige Arcorde an. Gleich allen russischen Edelleuten hatte er in seiner Jugend Musik gelernt und spielte auch, wie fast alle unter ihnen, grundschlecht, liebte jedoch leidenschaftlich Musik. Es war, streng genommen, nicht die Kunst, die er an ihr liebte, nicht die Formen, die ihr zum Ausdrucke dienen (Symphonien und Sonaten, ja selbst Opern stimmten ihn traurig), sondern das Element derselben: er liebte jene unbestimmten und angenehmen, jene gegenstandslosen und Alles umfassenden Eindrücke, welche der harmonische Uebergang der Töne in der Seele erregt. Ueber eine Stunde blieb er vor dem Clavier, wiederholte mehrere Male dieselben Acrorde, versuchte sich unbeholfen an neuen und stockte oft, bei den verkürzten Septimen gern verweilend. Sein Herz war schwer und mehr als ein Mal traten ihm Thränen in die Augen. Er schämte sich derselben nicht: er vergaß sie im Dunkeln. Pawel hat Recht, dachte er, ich fühle es: dieser Abend kehrt nicht wieder. Endlich stand er auf, zündete ein Licht an, zog den Schlafrock über, holte von einem Bücherbrette den zweiten Theil von Raumer‘s Geschichte der Hohenstaufen – seufzte ein paar Male und vertiefte sich in seine Lectüre.
VI
Inzwischen war Helene aus ihr Zimmer gekommen, hatte sich an das geöffnete Fenster gesetzt und den Kopf auf die Arme gestützt. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, jeden Abend ein Viertelstündchen am Fenster ihres Zimmers zu verbringen. In dieser Zeit unterhielt sie sich mit sich selbst und legte sich Rechnung über den verflossenen Tag ab. Sie war vor Kurzem zwanzig Jahre geworden. Sie war von hohem Wuchs, hatte ein bleiches, brünettes Gesicht, unter runden Augenbrauen große graue Augen, um die feine Sommersprossen lagen, Stirn und Nase in ganz gerader Linie, einen festgeschlossenen Mund und ein ziemlich hervortretendes Kinn. Dunkelbraune Haarflechten fielen über den schlanken Hals tief in den Nacken herab. In ihrem ganzen Wesen, im gespannten und etwas scheuen Ausdrucke des Gesichtes, im klaren, doch wechselnden Blicke, in dem gleichsam gezwungenen Lächeln, in der sanften und ungleichen Stimme lag etwas Nervöses, Elektrisches, etwas Heftiges und Hastiges, mit einem Worte etwas, was nicht Jedermann ansprechen, ja Manchen sogar abstoßen konnte. Ihre Hände waren schmal, blaßroth, mit langen Fingern, die Füße auch schmal; sie ging rasch, fast eilig und etwas nach vorn geneigt. Sie hatte einen sonderbaren Entwickelungsproceß durchgemacht; anfangs hatte sie ihren Vater vergöttert, dann leidenschaftlich der Mutter angehangen und war darauf gegen Beide erkaltet, insbesondere gegen den Vater. In der letzten Zeit behandelte sie ihre Mutter wie eine kranke Muhme; der Vater aber, der auf sie stolz gewesen war, so lange sie für ein ungewöhnliches Kind gegolten hatte, begann vor ihr Scheu zu empfinden, als sie erwachsen war, und sagte ihr, sie sei ein exaltirtes Mädchen, der Himmel wisse, nach wem sie geartet! Schwäche empörte sie, Dummheit ärgerte sie, Lüge verzieh sie in »alle Ewigkeit« nicht; in ihren Anforderungen war sie unnachgiebig, selbst in ihre Gebete mischten sich bisweilen Vorwürfe. Hatte Jemand ihre Achtung verloren, – ihr Urtheilsspruch erfolgte rasch, oft gar zu rasch, – dann war er für sie, nicht mehr vorhanden. Alle Eindrücke gruben sich mit Schärfe in ihre Seele; das Leben gab sich ihr nicht leicht.
Die Gouvernante, welcher Anna Wassiljewna übertragen hatte, die Erziehung ihrer Tochter zu vollenden, – eine Erziehung, die, beiläufig gesagt, die schmachtende Dame nicht einmal begonnen hatte, – war russischer Abkunft, die Tochter eines ruinirten Sportelreißers, ein äußerst empfindsames,« gufherziges und lügenhaftes Institutsfräulein, das sich beständig in Jemand verliebt hatte und zuletzt in ihrem fünfzigsten Lebensjahre (als Helene sechszehn geworden war) einen Offizier heirathete, der sie sogleich im Stiche ließ. Diese Gouvernante liebte sehr die Literatur und machte auch selbst Verse; sie brachte Helene Geschmack am Lesen bei, doch befriedigte sie das Lesen allein nicht: von Kindheit an hatte sie nach Thätigkeit, nach nutzbringender Thätigkeit gedürstet; Arme, Hungernde, Kranke beschäftigten, beunruhigten und plagten sie; sie sah diese Elenden in ihren Träumen, erkundigte sich nach ihnen bei allen Bekannten; Almosen theilte sie eifrig mit unwillkürlicher Wichtigkeit, ja mit Aufregung aus. Alle verfolgten Thiere, ausgehungerte Hofhunde, dem Tode ausgesetzte Kätzchen, aus dem Neste gefallene Sperlinge, ja selbst Insecten und Gewürm fanden bei Helene Schirm und Schutz: sie selbst reichte ihnen die Nahrung und empfand keinen Ekel dabei. Die Mutter ließ ihr den Willen; dafür war aber der Vater sehr angehalten über seine Tochter, ihrer unwürdigen Zärtlichkeit willen, wie er es nannte, und betheuerte, daß man vor Hunden und Katzen keinen Schritt im Hause thun könne. Lenotschka, rief er zuweilen, komm rasch, eine Spinne saugt einer Fliege das Blut aus, rette die Unglückliche! Und ganz bestürzt kam Lenotschka gelaufen, befreite die Fliege und reinigte ihr die Füße. Laß Dich nun selbst stechen, wenn Du ein so gutes Herz hast, bemerkte ironisch der Vater. Helene war etwas über neun Jahre alt, als sie mit einem Bettelmädchen, Katja, Bekanntschaft machte und insgeheim Zusammenkünfte mit demselben im Garten hielt; sie brachte ihr Naschwerk, schenkte ihr Tücher, Zehnkopekenstücke . . . Spielzeug nahm Katja nicht . . . setzte sich zu ihr in irgendeinen Winkel, hinter Nesseln auf den Boden, aß mit freudiger Demuth von ihrem trockenen Brode und hörte ihre Erzählungen an. Katja hatte eine Tante, ein böses altes Weib, von welcher sie oft Schläge bekam; sie haßte die Alte und sprach nur davon, wie sie ihr entlaufen und »in Gottes freier Welt« leben wollte; mit heimlicher Ehrfurcht und mit Grauen hörte Helene die ungewohnten, fremdartigen Reden Katja‘s und verwandte kein Auge von derselben; Alles an ihr – die schwarzen, unstäten, fast thierischen Augen, die von der Sonne gebräunten Hände, die hohle Stimme und selbst die zerrissene Kleidung – Alles schien Helene außerordentlich, beinahe heilig. Und war dann Helene ins Haus zurückgekehrt, so dachte sie noch lange an die Bettlerin, an Gottes freie Welt; dachte daran, wie sie sich einen Stock aus Nußholz schneiden, sich ein Ränzel umhängen, mit Katja davonlaufen und mit einem Kranze von Kornblumen auf den Landstraßen umherziehen wollte; sie hatte einmal Katja mit einem solchen Kranze gesehen. Wenn Jemand von ihren Verwandten in solchen Augenblicken ins Zimmer trat, wurde sie mürrisch und blickte scheu umher. Einst lief sie im Regen zu Katja hinaus und beschmutzte sich das Kleid; der Vater sah es und schalt sie eine Schlampe, eine Bauerndirne. Sie fuhr plötzlich auf . . . und es wurde ihr schauerlich und wunderbar ums Herz. Katja trällerte oft ein etwas wildes Soldatenlied; Helene hatte von ihr dies Lied gelernt . . . Anna Wassiljewna belauschte sie und wurde unwillig darüber.
– Wo hast Du eine solche Abscheulichkeit hergenommen? fragte sie ihre Tochter.
Helene blickte ihre Mutter blos an und antwortete nichts darauf; sie fühlte, sie könne sich eher in Stücke reißen lassen, als daß sie ihr Geheimniß verrieth, und wieder wurde ihr schauerlich und angenehm ums Herz. Die Bekanntschaft mit Katja dauerte jedoch nicht lange; das arme Mädchen erkrankte an einem hitzigen Fieber und starb wenige Tage darauf.
Als Helene den Tod Katja’s erfuhr, war sie lange Zeit traurig und konnte die Nächte nicht schlafen. Die letzten Worte des armen Mädchens klangen fortwährend in ihren Ohren und ihr däuchte sogar, es rufe sie Jemand.
Und die Jahre kamen und gingen, rasch und unmerkbar. Wie Wasser unter einer Schneedecke floß Helene’s Jugendzeit, äußerlich unthätig, doch unter innerem Kampf und Sturm dahin. Gespielinnen hatte sie nicht; von allen jungen Mädchen, die das Haus der Stachow’s besuchten, hatte sie sich mit keinem befreunden können. Elterliche Macht hatte nie aus Helene gelastet, aber seit ihrem sechzehnten Jahre war sie fast ganz unabhängig und führte ein ihr eigenartiges, einsames Leben. In Einsamkeit erglühte und erkaltete ihre Seele, wie ein Vogel schlug sie gegen ihren Käfig, und doch war kein Käfig da; es that ihr Niemand Zwang an, es stand ihr Niemand im Wege, und doch suchte sie sich frei zu machen und quälte sich müde. Zuweilen begriff sie sich selbst nicht, empfand sogar Furcht vor sich selbst. Alles um sie herum kam ihr bald abgeschmackt, bald unbegreiflich vor. Was heißt Leben ohne Liebe? und doch ist Niemand da, den man lieben könnte! dachte sie, und ihr wurde Angst vor diesen Gedanken, vor diesen Empfindungen. Als sie achtzehn Jahre alt war, wäre sie beinahe an einem bösartigen Fieber gestorben; ihr von Natur gesunder und kräftiger Organismus aufs Tiefste erschüttert, konnte sich lange nicht erholen; endlich verschwanden die letzten Spuren der Krankheit, doch Helene Nikolajewna’s Vater sprach immer noch, nicht ohne Erbitterung, von ihren Nerven. Zuweilen wollte ihr’s dünken, als trage sie Verlangen nach Etwas, wonach Niemandem in Rußland verlange, woran überhaupt Niemand denke. Dann war sie wieder ruhig, lachte sogar über sich selbst, lebte sorglos in den Tag hinein, bis etwas Heftiges, Namenloses, das sie nicht zu bewältigen wußte, in ihrem Innern zu kochen begann und sich mit Ungestüm Luft zu machen strebte. Das Gewitter zog weiter, die Flügel, die sich nicht zu erheben vermocht hatten, sanken matt herab; doch gingen diese Aufwallungen nicht spurlos vorüber. Wie sehr sie sich auch bestrebte, nichts von dem merken zu lassen, was in ihr vorging, so äußerte sich doch die Pein der aufgeregten Seele in ihrer scheinbaren Ruhe, und ihre Verwandten hatten oft das volle Recht, die Achseln zu zucken, sich zu verwundern und ihre »Sonderbarkeiten« unbegreiflich zu finden.
An jenem Tage, mit welchem unsere Erzählung beginnt, blieb Helene länger als gewöhnlich am Fenster sitzen. Sie dachte viel an Berßenjew und an das Gespräch mit ihm. Er gefiel ihr; sie glaubte an die Wärme seiner Gefühle, an die Lauterkeit seiner Absichten. Er hatte noch nie mit ihr so gesprochen, wie an jenem Abende. Sie erinnerte sich des Ausdruckes seiner bescheidenen Augen, seines Lächelns . . . und lächelte selbst und verfiel in Gedanken, doch war nicht mehr er der Gegenstand derselben. Durch das offene Fenster blickte sie hinaus in die Nacht; blickte lange auf den dunklen, niedrig hängenden Himmel, dann stand sie auf, warf mit einer Bewegung des Kopfes das Haar aus dem Gesicht zurück und breitete darauf nach ihm, nach diesem Himmel, ihre entblößten, gekühlten Arme aus; dann ließ sie sie sinken, fiel vor ihr Bett auf die Knie, drückte ihr Gesicht in das Kissen und brach, trotz aller Anstrengung, das sie überwältigende Gefühl zu unterdrücken, in ursachslose, doch ahnungsvolle, heiße Thränen aus.
VII
Am folgenden Tage, gegen zwölf Uhr, fuhr Berßenjew mit einem Retourwagen nach Moskau. Er hatte Geld auf der Post zu heben, wollte sich einige Bücher kaufen und bei dieser Gelegenheit Inßarow besuchen, mit dem er Einiges zu besprechen hatte. Während der letzten Unterhaltung mit Schubin war Berßenjew der Gedanke gekommen, Inßarow zu sich aufs Land einzuladen. Er fand denselben jedoch nicht sogleich; Inßarow war aus seiner früheren Wohnung in eine andere übergezogen, zu welcher der Zutritt nicht leicht war; die Wohnung befand sich auf dem hinteren Hofe eines häßlichen, steinernen Hauses, das in petersburger Geschmack, zwischen dem Arbat und der Powarskaja erbaut war. Vergeblich schleppte sich Berßenjew von einer der schmutzigen Aufgangstreppen zur anderen, vergeblich war sein Rufen nach dem Hausknecht oder »sonst Jemandem.« Schon die Hausknechte Petersburgs entziehen sich nach Möglichkeit den Blicken der Fremden, in Moskau erst vollends; Niemand antwortete auf Berßenjew‘s Rufen; ein einziger neugieriger Schneider, in Hemdärmeln und Weste, ein Gebind grauen Zwirns um den Hals, streckte schweigend sein fahles, unrasirtes Gesicht mit blau geschlagenem Auge zum hohen Luftloch hinaus; eine schwarze Ziege ohne Hörner, die auf einem Misthaufen stand, drehte mit kläglichem Gemecker den Kopf und setzte mit vermehrter Hast ihr Wiederkäuen fort. Endlich erbarmte sich eine Frau in alter Saloppe und abgetretenen Stiefeln Berßenjew‘s und wies ihm die Wohnung Inßarow’s. Berßenjew traf ihn zu Hause. Er bewohnte ein Zimmer bei jenem Schneider, der so gleichgültig aus dem Luftloche Berßenjew‘s Verlegenheit angesehen hatte . . . das Zimmer war groß, fast leer, mit dunkelgrünen Wänden, drei viereckigen Fenstern, einem kleinen Bett in der einen, einem kleinen ledernen Divan in einer anderen Ecke und einem großen leeren Käfige hart an der Decke, den vor Zeiten eine Nachtigall bewohnt hatte. Inßarow trat dem Gaste an der Schwelle entgegen; aber nicht mit einem »Ah« Sie sind es!« oder »Ach Du mein Gott! durch welchen Zufall?« er sagte ihm nicht einmal »Guten Tag« sondern drückte ihm einfach die Hand und führte ihn zum einzigen Stuhl, der sich im Zimmer befand.
– Setzen Sie sich, sagte er, und nahm selbst auf einer Ecke des Tisches Platz.
– Es ist bei mir noch Alles in Unordnung, wie Sie sehen, fuhr Inßarow fort, indem er auf einen Stoß Papiere und Bücher auf dem Fußboden deutete; ich habe mich noch nicht gehörig eingerichtet. Es hat mir an Zeit dazu gefehlt.
Inßarow sprach das Russische vollkommen richtig, betonte jedes Wort fest und rein; doch lag in seiner Kehlstimme, die übrigens angenehm klang, etwas Fremdartiges. Inßarow’s ausländische Herkunft (er war Bulgare) bekundete sich noch auffallender in seinem Aeußeren; er war ein junger Mann von fünfundzwanzig Jahren, hager und sehnig, mit eingefallener Brust und starkgelenkigen Fingern; die Gesichtszüge waren scharf, er hatte eine gebogene Nase, schwarzes, ins Blaue schillerndes, straffes Haar, eine niedrige Stirn, kleine starrblickende, tiefliegende Augen und dichte Augenbrauen; wenn er lächelte, kamen herrliche weiße Zähne auf einen Augenblick hinter den feinen, harten, gar zu scharfgeschnittenen Lippen zum Vorschein. Er hatte einen abgetragenen, aber reinlichen, bis an den Hals zugeknöpften Rock an.
– Warum haben Sie Ihre frühere Wohnung verlassen? fragte ihn Berßenjew.
– Diese ist billiger; sie liegt auch der Universität näher.
– Jetzt sind aber Ferien . . . Und wie kann es Ihnen Vergnügen machen, im Sommer in der Stadt zu wohnen! Sie hätten sich auf dem Lande einmiethen sollen, da Sie doch Ihre Wohnung aufgaben.
Inßarow erwiederte auf diese Bemerkung nichts und bot Berßenjew eine Pfeife an, indem er hinzufügte: Entschuldigen Sie, ich habe weder Papyros noch Cigarren.
Berßenjew zündete die Pfeife an.
– Ich habe es so gemacht, fuhr er fort, habe mir ein Häuschen bei Kunzowo gemiethet. Sehr billig und sehr bequem. Es ist sogar oben ein überflüssiges Zimmer da.
Inßarow antwortete wieder nichts.
Berßenjew that einen Zug aus der Pfeife.
– Es ist mir der Gedanke gekommen, fuhr er dann fort, indem er den Rauch als dünnen Strahl wieder ausstieß, wenn sich zum Beispiel Jemand fände . . . der Lust hätte, zum Beispiel Sie, habe ich gedacht . . . oder sich dazu verstehen wollte, sich’s dort oben bei mir bequem zu machen . . . wie wäre das schön! Was meinen Sie dazu, Dmitri Nikanorowitsch?
Inßarow blickte ihn mit seinen kleinen Augen an.
Sie machen mir den Vorschlag, bei Ihnen auf dem Lande zu wohnen? – Ja; ich habe dort oben ein Zimmer übrig.
– Danke sehr, Andrei Petrowitsch; ich glaube jedoch, meine Mittel werden es mir nicht erlauben.
– Was heißt das . . . nicht erlauben?
– Sie erlauben mir nicht auf dem Lande zu wohnen. Zwei Wohnungen kann ich nicht bestreiten.
– Ich meinte ja . . . fing Berßenjew an und stockte. Es würde Ihnen keine weiteren Kosten verursachen, fuhr er fort. Diese Wohnung hier, wollen wir sagen, würden Sie behalten; dafür ist nun Alles dort sehr billig; wir könnten es zum Beispiel so machen, so einrichten, daß wir gemeinschaftlichen Tisch hielten.
Inßarow schwieg. Berßenjew wurde verlegen.
– Besuchen Sie mich wenigstens bei Gelegenheit, begann er nach einer kleinen Pause. Ganz in der Nähe von mir wohnt eine Familie, mit welcher ich Sie gern bekannt machen möchte. Was für ein herrliches Mädchen da ist, wenn sie wüßten, Inßarow! Auch wohnt dort ein guter Freud von mir, ein Mensch von großem Talent; ich bin überzeugt, Sie werden einander gefallen. (Der Russe ist sehr gastlich und liebt es, mit seinen Bekanntschaften aufzuwarten.) Wirklich, kommen Sie. Aber noch besser, ziehen Sie herüber zu uns, wahrhaftig. Wir könnten zusammen arbeiten, lesen . . . Sie wissen, mein Fach ist Geschichte, Philosophie. Alles dies interessirt Sie, ich habe eine Menge Bücher.
Inßarow stand auf und ging im Zimmer umher. Darf ich wissen, fragte er endlich, wie viel zahlen Sie für Ihr Landhaus?
– Hundert Rubel Silber.
– Und wie viel Zimmer sind im Ganzen dort?
– Fünf.
– Folglich würde, wohlgerechnet, ein Zimmer zwanzig Rubel kosten?
– Wohlgerechnet . . . Aber bedenken Sie nur, es ist mir ganz überflüssig. Es steht ganz leer.
– Das kann sein; hören Sie aber, setzte Inßarow mit einer entschiedenen und dabei gutmüthigen Bewegung des Kopfes hinzu, ich kann nur in dem Falle auf Ihren Vorschlag eingehen, wenn Sie einwilligen, laut Berechnung Zahlung von mir anzunehmen. Zwanzig Rubel bin ich im Stande zu zahlen, um so mehr, da Ihrer Aussage nach ich an anderen Dingen werde sparen können.
– Freilich; aber in der That, ich mache mir ein Gewissen daraus . . .
– Anders geht es nicht, Andrei Petrowitsch.
– Nun, wie Sie wollen; sind Sie aber eigensinnig!
Inßarow antwortete auch hieraus nichts.
Die jungen Männer bestimmten den Tag, an welchem Inßarow überziehen sollte. Es ward der Wirth gerufen; er schickte jedoch zuvor sein Töchterchen, ein Kind von sieben Jahren, mit einem großen, bunten Tuche auf dem Kopfe; aufmerksam, fast mit Schrecken, hörte sie Alles, was ihr Inßarow sagte, an, und entfernte sich schweigend; gleich nach ihr erschien ihre Mutter, hochschwanger und gleichfalls mit einem Tuche, aber einem ganz kleinen, auf dem Kopfe. Inßarow erklärte ihr, er fahre aufs Land in die Umgebung von Kunzowo, behalte indessen die Wohnung und übergehe alle seine Effekten ihrer Aufsicht; die Schneidersfrau schien ebenfalls in Schreck zu gerathen und ging hinaus. Endlich kam der Wirth; dieser schien anfänglich Alles begriffen zu haben und sagte blos nachsinnend: In die Umgebung von Kunzowo? nachher aber riß er plötzlich die Thür auf und rief: Behalten Sie die Wohnung? Inßarow beruhigte ihn. Man muß es doch wissen, wiederholte der Schneider barsch und verschwand.
Berßenjew kehrte, sehr zufrieden mit dem Erfolge seines Vorschlages, wieder zurück. Inßarow gab ihm, mit einer in Rußland wenig gebräuchlichen, liebenswürdigen Höflichkeit das Geleite bis an die Thür, legte, als er allein geblieben war, sorgfältig seinen Rock ab und begann seine Papiere zu ordnen.
VIII
Am Abend desselben Tages saß Anna Wassiljewna in ihrem Empfangszimmer und sammelte sich zum Weinen. Im Zimmer befanden sich außer ihr ihr Gatte und ein gewisser Uwar Iwanowitsch Stachow, ein weitläufiger Oheim Nikolai Artemjewitsch’s, Cornet außer Diensten, sechzig Jahre alt, ein Mann, der sich vor Feistheit kaum bewegen konnte, mit kleinen, schläfrigen, gelben Augen und farblosen dicken Lippen im gelben und fetten Gesicht. Seit seinem Austritt aus dem Dienste lebte er beständig in Moskau von den Zinsen eines kleinen Capitals, das ihm seine Frau, eine Kaufmannstochter, hinterlassen hatte. Er trieb nichts und dachte wohl nicht mehr, und was er je dachte, behielt er für sich. Nur einmal in seinem Leben war er in Aufregung gerathen und hatte Thätigkeit entwickelt; er hatte nämlich in der Zeitung von einem neuen Instrumente auf der londoner Ausstellung, einem »Contra-bombardon« gelesen, den Wunsch geäußert, sich dies Instrument kommen zu lassen und sich sogar erkundigt, an wen das Geld adressirt und durch welches Comptoir es abgesandt werden müsse. Uwar Iwanowitsch trug einen weiten Oberrock von Tabakssarbe und ein weißes Halstuch, aß häufig und viel und machte in allen schwierigen Fällen, das heißt jedes Mal, wenn es an ihm gewesen wäre, seine Meinung über etwas zu sagen, in der Luft convulsivische Bewegungen mit den Fingern der rechten Hand, anfangs vom Daumen zum kleinen Finger, dann vom kleinen Finger zum Daumen, wobei er mit Anstrengung hinzusetzte: »Man müßte . . . irgendwie, so . . . oder so . . .«
Uwar Iwanowitsch saß in einem Lehnstuhle am Fenster und athmete schwer. Nikolai Artemjewitsch ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, die Hände in den Taschen; sein Gesicht drückte Unzufriedenheit aus.
Er blieb endlich stehen und schüttelte den Kopf. Ja, begann er, zu unserer Zeit waren die jungen Leute anders erzogen. Junge Leute erlaubten sich nicht gegen ältere zu manquiren. Er sprach die Sylbe »man«, nach Art der Franzosen, durch die Nase.) Jetzt aber sperre ich vor Erstaunen die Augen weit auf. Vielleicht haben sie und nicht ich Recht; vielleicht. Ich habe aber doch auch meine persönlichen Ansichten; ich bin doch nicht als Dummkopf auf die Welt gekommen. Was halten Sie davon, Uwar Iwanowitsch?
Uwar Iwanowitsch sah ihn blos an und ließ seine Finger spielen.
– Helene Nikolajewna zum Beispiel, fuhr Nikolai Artemjewitsch fort, Helene Nikolajewna begreife ich freilich nicht. Ich bin für sie nicht hoch genug. Ihr Herz ist so weit, daß es die ganze Natur umfaßt, bis auf die kleinste Schabe, den kleinsten Frosch, mit einem Worte Alles, ihren leiblichen Vater ausgenommen. Nun schön; ich weiß es und mische mich nicht hinein. Da kommen die Nerven und die Gelehrsamkeit und das Schweben in den Lüften, von allem dem verstehen wir nichts. Daß aber Herr Schubin . . . und wenn er auch ein merkwürdiger, außerordentlicher Künstler ist, wogegen ich nichts zu sagen habe, wenn er sich gegen einen älteren Mann vergißt, gegen einen Mann, dem er doch, man kann wohl sagen, viel zu verdanken hat . . . das, muß ich gestehen, kann ich dann dans mon gros sense nicht zugeben. Ich bin von Natur nicht geneigt. zu viel zu verlangen, gewiß nicht; es giebt aber in allen Dingen ein Maß.
Anna Wassiljewna schellte mit Aufregung. Ein Dienstbursche trat herein.
– Warum kommt Pawel Jakowlewitsch nicht? fragte sie. Ich rufe, ich rufe – und er kommt nicht!
Nikolai Artemjewitsch zuckte die Achseln.
– Weshalb aber, ich bitte Sie, wollen Sie ihn rufen lassen? Ich fordere es durchaus nicht, wünsche es nicht einmal.
– Sie fragen weshalb? Nikolai Artemjewitsch! Er hat Ihnen Unruhe verursacht; vielleicht Ihnen in Ihrer Brunnencur Nachtheil gebracht. Ich muß mit ihm sprechen. Ich will wissen, wodurch er sich Ihren Zorn zugezogen hat.
– Ich sage Ihnen, ich verlange es nicht. Und warum müssen Sie . . . devant les domestiques . . .
Anna Wassiljewna erröthete leicht.
– Sie thun mir Unrecht, wenn Sie so reden, Nikolai Artemjewitsch. Ich werde niemals . . . devant . . . les domestiques . . . Geh Feduschka, daß Du mir sogleich Pawel Jakowlewitsch herrufst.
Der Junge entfernte sich.
– Das ist Alles ganz und gar nicht nöthig, sagte Nikolai Artemjewitsch durch die Zähne und begann wieder im Zimmer umherzugehen. Das lag ja durchaus nicht in meinen Worten.
– Aber ich bitte Sie, Paul muß sich bei Ihnen entschuldigen.
– Aber ich bitte Sie, wozu brauche ich seine Entschuldigungen? Und was heißt denn Entschuldigung? Das sind nichts als Phrasen.
– Wozu? fragen Sie. Er muß eine Zurechtweisung erhalten.
– Die mögen Sie ihm selbst ertheilen. Ihnen wird er eher gehorchen. Ich habe nichts gegen ihn.
– Nein, Nikolai Artemjewitsch, Sie sind heute, seit Sie hierher gekommen sind, nicht gut bei Laune. Mich däucht, Sie haben in dieser letzten Zeit sogar etwas abgenommen. Ich befürchte, die Cur schlägt bei Ihnen nicht gut an.
– Ich bedarf durchaus dieser Cur, bemerkte Nikolai Artemjewitsch; meine Leber ist nicht in Ordnung.
In diesem Momente trat Schubin herein. Er schien ermüdet. Ein leichtes, fast spöttisches Lächeln schwebte um seine Lippen.
– Sie haben nach mir gefragt, Anna Wassiljewna? sagte er.
– Ja, gewiß habe ich nach Dir gefragt. Aber Paul, ich bitte Dich, das ist ja schrecklich. Ich bin sehr unzufrieden mit Dir. Wie hast Du Dich gegen Nikolai Artemjewitsch vergessen können?
– Nikolai Artemjewitsch hat bei Ihnen über mich geklagt? fragte Schubin und warf mit demselben spöttischen Lächeln einen Blick aus Stachow. Dieser wandte sich ab und senkte die Augen zu Boden.
– Ja, er hat über Dich geklagt. Ich weiß nicht, was Du gegen ihn verschuldet hast, Du mußt ihn aber gleich um Entschuldigung bitten, seine Gesundheit ist jetzt sehr zerrüttet und dann müssen wir Alle, so lange wir jung sind, unseren Wohlthätern Achtung erweisen.
– Oh Logik! dachte Schubin und wandte sich gegen Stachow. Ich bin bereit, Sie um Entschuldigung zu bitten, Nikolai Artemjewitsch, sagte er mit einer kurzen, höflichen Verbeugung, wenn ich Sie wirklich durch irgend etwas beleidigt hätte.
– Ich hatte . . . durchaus nicht, entgegnete Stachow immer noch den Blicken Schubin‘s ausweichend. Ich verzeihe Ihnen übrigens gern, denn Sie wissen, ich bin gar nicht difficil.
– Oh, das unterliegt durchaus keinem Zweifel! sagte Schubin. Erlauben Sie mir aber die Frage, ist es auch Anna Wassiljewna bekannt, worin mein Vergehen besteht?
– Nein, ich weiß Nichts, bemerkte Anna Wassiljewna, und streckte neugierig den Hals vor.
– O mein Gott! rief ungeduldig Nikolai Artemjewitsch: wie viele Male habe ich schon gebeten, gefleht, wie viele Male gesagt, wie verhaßt mir alle diese Erklärungen und Scenen sind! Kommt Unsereiner ein Mal nach langer Zeit nach Hause und glaubt auszuruhen, – man spricht ja immer von: Familienkreis, intérieur, Familienvater, – gleich giebt es Scenen und Unannehmlichkeiten. Keine Minute Ruhe! Man mag wollen oder nicht, man fährt in den Club oder . . . oder sonst irgend wohin. Der Mensch ist ja ein lebendes Wesen, er hat doch physische Bedürfnisse, und da will man . . .
Und ohne seine Rede zu Ende zu bringen, verließ Stachow rasch das Zimmer und warf die Thür zu. Anna Wassiljewna folgte ihm mit dem Blicke. In den Club? sagte sie mit bitterer Miene leise, – es ist nicht der Club, wohin Sie fahren, flatterhafter Mensch! Im Club giebt’s Niemand, dem man Pferde aus dem eigenen Gestüte schenkt – noch dazu Grauschimmel! Meine liebste Farbe. Nein, nein, leichtfertiger Mann, setzte sie schon lauter hinzu, – nicht in den Club fahren Sie. Und Du, Paul, fuhr sie fort und erhob sich von ihrem Sitze, – schämst Du Dich gar nicht? Du bist doch kein kleines Kind. Da habe ich wieder Kopfweh bekommen. Wo ist Zoë, weißt Du nicht, wo sie ist?
– Sie ist, glaube ich, oben auf ihrem Zimmer. Das schlaue Füchslein verkriecht sich bei solchem Unwetter immer in seinen Bau.
– Oh, bitte, bitte! – Anna Wassiljewna tastete suchend rings um sich her. Mein Gläschen mit geriebenem Meerrettig, hast Du es nicht gesehen? Paul, thue mir den Gefallen, ärgere mich in Zukunft nicht mehr.
– Wie könnte ich das, Tantchen? Lassen Sie mich Ihr Hündchen küssen. Den Meerrettig habe ich im Cabinet, auf dem Tischchen gesehen.
– Die Darja läßt ihn auch immer irgendwo stehen, seufzte Anna Wassiljewna, und rauschte in ihrem seidenen Kleide ab.
Schubin wollte ihr folgen, blieb jedoch stehen, als er hinter sich die träge Stimme Uwar Iwanowitsch’s vernahm.
– Dich . . . Gelbschnabel . . . sollte . . . man . . . anders . . . abfertigen; sagte in gebrochener Rede der Cornet außer Diensten.
Schubin trat zu ihm. Und weshalb sollte man mich, abfertigen, ehrenwerther Uwar Iwanowitsch?
– Weshalb? Bist jung, mußt ehrerbietig sein, Ja.
– Gegen wen?
– Gegen wen? Das versteht sich von selbst. Ja, grinse nur.
Schubin kreuzte die Arme über einander.
– Oh, Sie Repräsentant des Chors in der Tragödie, rief er aus, – Sie Schwarzerdenproduct, Sie Grundfeste des gesellschaftlichen Baues!
Uwar Iwanowitsch ließ seine Finger spielen.
Genug, mein Junge, laß ab.
– Da sitzt er, fuhr Schubin fort, an Jahren offenbar kein junger Edelmann mehr, und wie viel glücklichen, kindlichen Glauben birgt er noch in sich! Achtung haben! Wissen Sie aber auch, Sie Elementarmensch, weshalb mir Nikolai Artemjewitsch zürnt? Ich habe den ganzen heutigen Morgen mit ihm bei seinem deutschen Liebchen zugebracht; wir haben heute unser drei: »Verlaß mich nicht, gesungen; das hätten Sie hören müssen. Das zieht bei Ihnen, denke ich, ja auch. Wir sangen also, mein bester Herr, und sangen, – nun, das wurde mir langweilig; ich sehe, es wird nicht gut, die Zärtlichkeit wird zu arg. Ich begann die Beiden zu necken. Da ging es los! Zuerst wurde sie auf mich böse, dann auf ihn; dann wurde er auf sie böse, und sagte ihr, nur zu Hause fühle er sich glücklich und dort sei sein Paradies; sie aber erwiederte, er habe keine Moral, und ich fügte auf deutsch hinzu: »Ach!« Er ging davon; ich blieb da. Da ist er nun hergekommen in sein Paradies, und es wird ihm ganz übel darin. Darum brummte er auch jetzt. Wohlan, rund heraus, wer ist schuld?
– Natürlich Du, erwiederte Uwar Iwanowitsch.
Schubin blickte ihn scharf an. – Darf ich mir die Freiheit nehmen, ehrenhafter Ritter, die Frage an Sie zu richten, – sagte er mit unterwürfiger Stimme, – waren die räthselhaften Worte, die Sie so eben auszusprechen geruhten, das Ergebniß irgend einer Kombination Ihrer Denkfähigkeiten, oder der Ausdruck eines momentanen Bedürfnisses, eine Lufterschütterung, einen sogenannten Schall hervorzubringen?
– Laß mich in Ruhe, stöhnte Uwar Iwanowitsch.
Schubin lachte auf und lief hinaus. – He, rief eine Viertelstunde später Uwar Iwanowitsch, bringt mir . . . ein Gläschen Branntwein.
Ein kleiner Diener brachte auf einem Präsentirteller Branntwein mit dem zugehörigen Imbiß. Uwar Iwanowitsch nahm langsam das Glas mit Branntwein vom Präsentirteller und heftete seinen Blick lange mit gespannter Aufmerksamkeit darauf, als ob er im Zweifel sei, was er eigentlich in der Hand habe. Dann blickte er den Jungen an und richtete die Frage an ihn, ob er nicht Waßka heiße. Dann machte er eine betrübte Miene, trank das Glas aus, aß etwas dazu und zog sein Schnupftuch aus der Tasche. Der Junge hatte schon längst Teller und Branntwein an seinen Ort zurückgestellt und die Ueberreste von Hering aufgegessen, war auch schon, auf einen Paletot der Herrschaft niedergekauert, eingeschlummert, als Uwar Iwanowitsch immer noch sein Taschentuch mit gespreizten Fingern vor sich hielt und mit der gleichen angestrengten Aufmerksamkeit bald zum Fenster hinaus, bald auf den Fußboden und die Wände stierte.
IX
Schubin kehrte auf seine Kammer zurück und griff nach einem Buche. Da trat Nikolai Artemjewitsch‘s Kammerdiener vorsichtig zu ihm in’s Zimmer und überreichte ihm ein kleines, dreieckig zusammengelegtes Billet, das ein großes Wappen als Siegel trug. »Ich hoffe, stand in dem Zettel, daß Sie, als Mann von Ehre, sich mit keinem Worte eine Anspielung auf einen gewissen Wechsel erlauben werden, von welchem heute Morgen die Rede war. Meine Verhältnisse und meine Grundsätze sind Ihnen bekannt, ebenso die Geringfügigkeit der Summe selbst und andere Umstände; endlich giebt’s Familiengeheimnisse, die man achten muß und die Ruhe einer Familie ist ein Heiligthum, welches nur des êstres sans coeur, zu denen ich Sie zu zählen keinen Grund habe, nicht anerkennen! (Dieses Billet schicken Sie zurück.) N. S.«
Schubin fügte mit Bleistift die Worte darunter: »Seien Sie unbesorgt, noch ziehe ich nicht Schnupftücher aus fremden Taschen;« übergab den Zettel dem Kammerdiener und nahm wieder sein Buch vor. Es entfiel aber bald seinen Händen. Er blickte auf den sich röthenden Himmel, auf zwei mächtige Fichten, die abgesondert von den übrigen Bäumen standen und dachte: »Bei Tage haben die Fichten ein bläuliches Ansehen und Abends ein so herrliches Grün;« darauf begab er sich in den Garten in der stillen Hoffnung, Helene dort anzutreffen. Er täuschte sich nicht. In einiger Entfernung, auf einem Wege hinter dem Gebüsch, ward er ihr Kleid gewahr. Er eilte ihr nach und redete sie an:
– Sehen Sie nicht nach mir, ich bin es nicht werth.
Sie warf einen raschen Blick auf ihn, lächelte leicht und ging weiter in den Garten hinein. Schubin folgte ihr.
– Ich bitte Sie, mich nicht anzusehen, begann er – und beginne doch ein Gespräch mit Ihnen: ein reiner Widerspruchs es bleibt sich gleich, ‚s ist nicht der erste. Es fiel mir eben ein, daß ich Sie wegen meines albernen Ausfalls von gestern noch nicht, wie sich’s gebührt, um Entschuldigung gebeten habe. Sie sind doch nicht böse auf mich, Helene Nikolajewna?
Sie blieb stehen und gab ihm nicht sogleich Antwort – nicht daß sie ihm böse gewesen wäre, ihre Gedanken schweiften vielmehr in der Ferne.
– Nein, sagte sie endlich, – ich bin durchaus nicht böse auf Sie.
Schubin biß sich auf die Lippen.
– Was für ein besorgtes . . . und dabei gleichgültiges Gesicht! murmelte er. – Helene Nikolajewna, fuhr er etwas lauter fort« – lassen Sie mich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Ich hatte einen guten Freund, und der Freund hatte einen Freund. Dieser letzte führte anfangs ein Leben, wie es ein anständiger Mensch thun muß, später jedoch ergab er sich dem Trunk. Da begegnete mein Freund ihm eines Morgens (sie hatten, bemerken Sie wohl, ihre Bekanntschaft bereits gelöst), er begegnet ihm und sieht ihn betrunken. Mein Freund drehte ihm sogleich den Rücken. Jener aber trat zu ihm heran und sagt: »Es würde mich nicht ärgern, wenn Sie ohne Gruß vorübergegangen wären, warum wandten Sie sich aber von mir ab? Vielleicht hat Gram mich soweit gebracht . . . Friede meiner Asche!«
Schubin schwieg.
– Weiter nichts? fragte Helene.
– Weiter nichts.
– Ich verstehe Sie nicht. Worauf zielte das? Soeben sagten Sie mir, ich möchte nicht nach Ihnen blicken.
– Ja, und jetzt habe ich Ihnen erzählt, wie es nicht gut thut, sich abzuwenden.
– Hätte ich mich denn . . . wollte Helene fragen.
– Sie hätten sich also nicht . . .
Helene erröthete leicht und reichte Schubin die Hand. Er drückte sie stark.
– Da glauben Sie mich wohl auf einer schlechten Regung ertappt zu haben, sagte Helene, – Ihr Argwohn ist aber ungegründet. Es ist mir nicht in den Sinn gekommen, mich von Ihnen zurückzuziehen.
– Meinetwegen, meinetwegen! Gestehen Sie aber, es rollen in dieser Minute tausend Gedanken durch Ihren Kopf, von denen Sie mir nicht einen einzigen anvertrauen würden. Wie? habe ich‘s getroffen?
– Wohl möglich.
– Und woher das? woher?
– Meine Gedanken sind mir selbst nicht klar.
– Dann gerade muß man sie Anderen anvertrauen, warf Schubin ein. – Doch ich will Ihnen den Grund sagen: Sie denken schlecht von mir.
– Ich?
– Ja, Sie. Sie denken, bei mir sei Alles halbwegs Komödie . . . eben weil ich Künstler bin; ich tauge nicht blos zu keinem Geschäft – hierin mögen Sie wohl Recht haben – sondern auch zu keinem wahrhaft tiefere Gefühl; ich könne nicht einmal aufrichtig weinen, ich sei Schwätzer und Klätscher . . . und das Alles, weil ich Künstler bin. Was sind wir nicht, nach diesem Allem, für unglückselige, geschlagene Leute? Sie zum Beispiel, ich möchte darauf schwören, glauben nicht an meine Reue.
– Nein« Pawel Jakowlewitsch, ich glaube an Ihre Reue und glaube an Ihre Thränen. Mich dünkt jedoch, Ihre Reue selbst und auch Ihre Thränen machen Ihnen Spaß.
Schubin fuhr zusammen.
– Nun, ich sehe, es ist dies, wie Aerzte sich ausdrücken würden, ein unheilbarer Casus incurabilis. Es bleibt dabei nichts weiter übrig, als den Kopf hängen zu lassen und sein Geschick tragen. Und dennoch, o Himmel! wäre es denn wirklich wahr, wäre ich denn wirklich immer nur mit mir selbst beschäftigt, wenn in meiner Nähe eine solche Seele lebt? Und zu wissen, daß man nie in diese Seele hineindringen, nie erfahren wird, was sie betrübt, was sie freut, was in ihr vorgeht, wonach sie sich sehnt, wohin sie strebt . . . Sagen Sie, fragte er nach kurzem Schweigen, – könnten Sie nie, um nichts in der Welt, in keinem Falle einen Künstler lieb haben?
Helene blickte ihn fest an.
– Ich glaube es nicht, Pawel Jakowlewitsch.
– Was zu beweisen war, sprach Schubin mit komischer Traurigkeit. – Hiernach, denke ich, steht es mir besser an, Ihren einsamen Spaziergang nicht weiter zu stören. Ein Professor würde Sie vielleicht fragen, auf welche Thatsache stützen Sie Ihr Nein? Ich bin aber kein Professor, ich bin ein Kind nach Ihren Begriffen; von Kindern aber pflegt man sich nicht abzuwenden, das vergessen Sie nicht. Leben Sie wohl. Friede meiner Asche!
Helene wollte ihn zurückhalten, überlegte sich’s aber und sagte gleichfalls:
»Leben Sie wohl.«
Schubin verließ das Haus.
Nicht weit von demselben begegnete ihm Berßenjew; er ging eiligen Schrittes, mit gesenktem Kopf und hatte den Hut in den Nacken geschoben.
– Andrei Petrowitsch! rief Schubin.
Der Andere blieb stehen.
– Geh nur, geh, fuhr Schubin fort, – ich brauche Dich nicht, will Dich nicht aufhalten, geh nur gerade in den Garten; Du wirst dort Helene treffen. Es scheint, sie wartet auf Dich . . . auf jeden Fall wartet sie auf Jemand . . . Begreifst Du die Macht dieser Worte: sie wartet! Weißt Du aber, Bruder, ein sonderbarer Zufall ist es doch! Denke Dir, da wohne ich schon zwei Jahre mit ihr in einem Hause, bin in sie verliebt, und soeben erst, in diesem Augenblicke, habe ich sie, ich kann nicht sagen – verstanden, aber gesehen. Habe sie gesehen und die Arme weit aufgerissen. Ich bitte, stiere mich nicht mit diesem giftig sein wollenden Lächeln an, es paßt nicht zu Deinen gesetzten Zügen. Nun, ich verstehe Dich, Du willst mich an Annuschka mahnen. Was ist‘s denn? Ich leugne es nicht. Für Unsereinen passen die Annuschkas. Es leben die Annuschkas und Zoës und selbst die Augustinen Christianownas! Geh Du jetzt zu Helene, ich will aber . . . Du glaubst wohl zu Annuschka!i Nein, Bruder, etwas niedriger: zum Fürsten Tschikurassow. Das ist so ein Mäcen von kasanscher Tartarenabkunst, in der Art wie Wolgin. Siehst Du dies Einladungsbillet, diese Buchstaben: R. S. v. P.? Selbst auf dem Lande läßt man mir keine Ruhe. Addio!
Berßenjew hörte Schubin‘s Gerede schweigend und um seinetwillen etwas beschämt an, und trat dann in den Hof von Stachow‘s Landhaus. Schubin aber fuhr wirklich zum Fürsten Tschikurassow, dem er mit der liebenswürdigsten Miene die beißendsten Unverschämtheiten ins Gesicht sagte. Der Mäcen taitarischer Abstammung hielt sich den Bauch vor Lachen, die Gäste des Mäcens lachten mit und doch war Niemand bei guter Laune, und Alle waren geärgert, als sie heimkamen. So pflegen wohl zwei einander wenig bekannte Herren, die auf dem Newski-Prospecte sich begegnen, plötzlich lächelnd die Zähne zu zeigen, süßlich Augen, Nase und Mund zu verziehen, um sogleich, wenn sie an einander vorübergegangen, den alten gleichgültigen oder finsteren, in den meisten Fällen krankhaften Ausdruck wieder anzunehmen.
X
Helene empfing Berßenjew freundschaftlich, doch nicht mehr im Garten, sondern im Gastzimmer, und nahm sogleich, fast ungeduldig, die gestrige Unterhaltung wieder auf. Sie war allein. Nikolai Artemjewitsch hatte sich leise entfernt. Anna Wassiljewna lag in dem oberen Zimmer mit kalten Umschlägen auf dem Kopfe. Zoë saß neben ihr, sie hatte den Rock ihres Kleides glatt gestrichen und ließ die kleinen Hände im Schooße ruhen. Uwar Iwanowitsch streckte sich im oberen Stocke auf einem breiten und bequemen Divan, dem man den Namen: »Schlafvonselbst« gegeben hatte. Berßenjew erwähnte abermals seines Vaters, er hielt dessen Andenken heilig. Auch wir wollen ein paar Worte über ihn sagen.
Berßenjew‘s Vater, Besitzer von zweiundachtzig Seelen, denen er vor seinem Tode die Freiheit schenkte, war Illuminat, ein gewesener göttinger Student, Verfasser eines Manuscripts über die Ingressionen oder Transfigurationen des Geistes in der Welt, einer Schrift, in welcher Schellingianismus, Svedenborgianismus und Republikanismus sich in originellster Weise vermengten. Er brachte seinen Sohn schon als Knaben, gleich nach dem Tode der Mutter, nach Moskau, und übernahm persönlich dessen Erziehung. Zu jeder Lection, die er seinem Sohne zu geben hatte, bereitete er sich vor, arbeitete mit ungewöhnlicher Gewissenhaftigkeit und völlig erfolglos: er war Schwärmer, Bücherwurm, Mystiker, stotterte beim Sprechen, hatte eine hohle Stimme, drückte sich dunkel und gesucht aus, gebrauchte meistentheils Gleichnisse und war scheu, selbst vor seinem Sohne, den er leidenschaftlich liebte. Kein Wunder, wenn der Sohn im Unterricht nur Mund und Augen aufsperrte und um keines Haares Breite weiter kam. Der Alte (fast ein Fünfziger, er hatte spät geheirathet) bemerkte endlich, daß es nicht gut ging und gab seinen Andruscha in eine Pension. Andruscha begann nun zu lernen, ward jedoch die väterliche Aufsicht nicht los. Sein Vater besuchte ihn tagtäglich und langweilte den Director der Anstalt mit seinen Bemerkungen und Gesprächen; die Inspectoren fühlten sich ebenso durch den ungebetenen Gast belästigt: er brachte ihnen unaufhörlich, wie sie sagten, superkluge Schriften über das Erziehungswesen. Selbst die Schüler fühlten sich nicht behaglich beim Anblicke des dunkelen und pockennarbigen Gesichts des Alten, seiner hageren Gestalt, die beständig in einem spitzschößigen, grauen Fracke stak. Die Schüler- hatten damals keine Ahnung davon, daß dieser finster aussehende, niemals, lächelnde Herr mit dem Kranichgange und der langen Nase – mit ganzem Herzen um einen Jeden von ihnen fast wie um seinen Sohn besorgt und bekümmert war. Es fiel ihm ein Mal ein, mit ihnen von Washington zu reden: »Junge Zöglinge!« begann er, doch bei den ersten Tönen seiner sonderbaren Stimme liefen die jungen Zöglinge auseinander. Der ehrliche Göttinger war nicht auf Rosen gebettet: beständig lasteten auf ihm der Gang der Geschichte, Fragen und Combinationen jeglicher Art. Als der junge Berßenjew die Universität bezog, begleitete er ihn in die Vorlesungen; doch die Kräfte des Alten begannen abzunehmen. Die Ereignisse des Jahres 1848 erschütterten ihn aufs Tiefste (sein ganzes Buch hätte er umarbeiten müssen) und er starb im Winter des Jahres 1853, ohne des Sohnes Abgang von der Universität erlebt zu haben, er gratulirte ihm jedoch zum Voraus zu der ihm bevorstehenden Candidatenwürde und ertheilte ihm seinen Segen für den Dienst der Wissenschaft. Ich vermache Dir eine Leuchte, sagte er zwei Stunden vor seinem Tode zu ihm, ich habe sie, so lange ich konnte, gehalten, laß auch Du diese Leuchte bis ans Ende nicht aus den Händen.
Berßenjew unterhielt sich lange mit Helene von seinem Vater. Die Unbeholfenheit, die er in ihrer Gegenwart verspürt hatte, war verschwunden und er lispelte nicht mehr so stark. Die Unterhaltung ging auf die Universität über.
– Sagen Sie, fragte ihn Helene, – gab es unter Ihren Gefährten bemerkenswerthe Persönlichkeiten? Berßenjew kamen Schubin‘s Worte abermals in den Sinn.
– Nein, Helene Nikolajewna, offen gesagt, gab es unter uns auch nicht einen bemerkenswerthen Menschen. Woher hätten sie auch kommen sollen? Es gab, sagt man, eine solche Zeit an der moskauer Universität! Nur jetzt nicht. Jetzt ist’s eine Schule – keine Universität. Ich hatte es schwer mit meinen Commilitonen, setzte er mit gedämpfter Stimme hinzu.
– Schwer? . . . fragte Helene.
– Uebrigens, fuhr Berßenjew fort, ich muß mich berichtigen. Ich kenne einen Studenten, es ist wahr, wir sind nicht aus demselben Cursus, das ist in der That ein bemerkenswerther Mensch.
– Wie heißt er? fragte Helene schnell.
– Inßarow, Dmitri Nikanorowitsch. Ein Bulgare.
– Kein Russe?
– Nein, er ist nicht Russe.
– Warum lebt er denn in Moskau?
– Er ist hierher gekommen, um zu studiren. Und wissen Sie wohl, zu welchem Zwecke er studirt? Er hat nur einen Gedanken: die Befreiung seines Vaterlandes. Auch sein Schicksal ist ungewöhnlich. Sein Vater war ein ziemlich vermögender Kaufmann aus Ternow. Ternow ist jetzt ein kleines Städtchen, war aber vor alten Zeiten die Hauptstadt der Bulgarei, als dieses Land noch ein unabhängiges Königreich war. Er trieb Handel in Sofia und hatte Verbindungen mit Rußland; seine Schwester, Inßarow’s leibliche Tante, lebt noch jetzt in Kiew, wo sie mit einem Oberlehrer der Geschichte am dortigen Gymnasium verheirathet ist. Im Jahre 1835, also vor achtzehn Jahren, ereignete sich ein schreckliches Verbrechen: Inßarow‘s Mutter verschwand plötzlich spurlos; eine Woche darauf fand man sie ermordet.
Helene schauderte, Berßenjew hielt inne.
– Fahren Sie fort, fahren Sie fort, sagte sie.
– Es verbreitete sich das Gerücht, ein türkischer Aga habe sie entführt und getödtet; ihr Gatte, Inßarow‘s Vater, entdeckte die Wahrheit, wollte sich rächen, verwundete aber blos den Aga . . . Er ward erschossen.
– Erschossen? ohne Gericht?
– Ja. Inßarow ging damals ins achte Jahr. Nachbarn nahmen sich seiner an. Die Schwester erfuhr das Schicksal der Familie ihres Bruders und äußerte den Wunsch, ihren Neffen zu sich zu nehmen. Man schaffte ihn nach Odessa, von dort nach Kiew. In Kiew verlebte er volle zwölf Jahre. Darum spricht er auch so gut russisch.
– Er spricht also russisch?
– So gut als wir beide.
Als er zwanzig Jahre alt geworden war (das war im Anfange von 1848) verlangte er, in seine Heimath zurückzukehren. Er war in Sofia und Ternow, durchstreifte ganz Bulgarien nach allen Richtungen hin, blieb zwei Jahre im Lande und erlernte wieder die Muttersprache. Die türkische Regierung stellte ihm nach, und in diesen zwei Jahren lief er große Gefahr; ich habe ein Mal eine große Narbe an seinem Halse bemerkt, vermuthlich das Merkmal einer Wunde; er liebt jedoch nicht, davon zu sprechen. Er scheint auch, wie gewisse Einsiedler, das Gelübde des Schweigens abgelegt zu haben. Ich habe es einige Male versucht, Etwas aus ihm herauszubringen, habe jedoch Nichts erreicht. Er antwortet mit allgemeinen Phrasen. Er ist furchtbar eigensinnig. Im Jahre 1850 kam er wieder nach Rußland, nach Moskau, in der Absicht, sich vollends auszubilden, mit Russen zusammenzukommen und dann, wenn er die Universität verlassen . . .
–– Was wird er dann machen? unterbrach ihn Helene.
– Was dem Himmel gefällt. Es läßt sich schwer vorausbestimmen.
Helene hielt ihren Blick lange auf Berßenjew geheftet.
– Ihre Erzählung hat mich sehr interessirt, sagte sie. – Wie sieht er aus, Ihr, wie nannten Sie ihn . . . Inßarow?
– Was soll ich Ihnen sagen? meiner Ansicht nach nicht übel. Nun, Sie werden ihn selbst sehen.
– Wie denn das?
– Ich komme mit ihm hierher, zu Ihnen. Uebermorgen zieht er herüber in unser Dorf und wird mit mir zusammenwohnen.
– Wirklich? Wird er aber zu uns kommen wollen?
– Das wollte ich meinen! Es wird ihm großes Vergnügen machen.
– Er ist nicht stolz?
– Er? Nicht im Geringsten. Das heißt, wenn Sie wollen, ist er‘s doch, nur nicht in dem Sinne, wie Sie es verstehen. Geld zum Beispiel würde er sich von Niemand borgen.
– Er ist also arm?
– Ja, viel hat er nicht. Als er in Bulgarien war, hat er die Trümmer des väterlichen Vermögens zusammengerafft, dann unterstützt ihn auch seine Tante; doch das ist Alles nur eine Bagatelle.
– Er hat gewiß viel Charakter, bemerkte Helene.
– Ja, das ist ein Mann von Eisen! Und zugleich, es ist wunderbar, bei aller Abgeschlossenheit, ja Verschlossenheit seines Wesens, ist etwas Kindliches, Aufrichtiges in ihm. Es ist wahr, seine Offenherzigkeit . . . hat nichts mit unserer lumpigen Offenherzigkeit gemein, die sich breit macht, wo es durchaus nichts zu verbergen giebt . . . Nun, ich führe ihn hierher, haben Sie Geduld.
– Er ist auch nicht befangen? fragte wiederum Helene.
– Nein, er ist nicht befangen. Nur eigenliebige Leute sind befangen.
– Sind Sie denn eigenliebig?
Berßenjew breitete verwirrt die Hände auseinander.
– Sie reizen meine Neugier, fuhr Helene fort. Nun, aber sagen Sie, hat er an jenem türkischen Aga nicht Rache genommen?
Berßenjew lächelte.
– Nur in Romanen wird Rache genommen, Helene Nikolajewna, und dann hatte der Aga im Laufe von zwölf Jahren wohl gestorben sein können.
– Hat Ihnen Herr Inßarow aber nichts darüber gesagt?
– Nichts.
– Warum ist er nach Sofia gefahren?
– Dort hatte sein Vater gelebt.
Helene wurde nachdenkend.
– Sein Vaterland befreien! sagte sie.
Diese Worte auszusprechen ist schon gewaltig, so groß sind sie . . . In diesem Augenblick trat Anna Wassiljewna ins Zimmer und die Unterhaltung ward unterbrochen.
Sonderbare Empfindungen bewegten Berßenjew, als er an jenem Abende nach Hause zurückkehrte. Er bereute nicht seinen Vorsatz, Helene die Bekanntschaft Inßarow’s machen zu lassen, er fand es sehr natürlich, daß seine Erzählungen über den jungen Bulgaren einen so tiefen Eindruck auf sie machen mußten . . . war er ja doch selbst bemüht gewesen, denselben zu steigern! Ein geheimes und unbestimmtes Gefühl blieb indessen in seinem Herzen zurück; er war traurig und seine Traurigkeit nicht guter Art. Sie hinderte ihn jedoch nicht, die Geschichte der Hohenstaufen wieder vorzunehmen und bei der Stelle, wo er am Vorabende stehen geblieben war, fortzufahren.
XI
Zwei Tage darauf stellte sich Inßarow, wie er versprochen, mit seinem Gepäck bei Berßenjew ein. Er hatte keinen Diener und brachte ohne fremden Beistand sein Zimmer in Ordnung, stellte die Möbel zurecht, wischte den Staub ab und fegte den Fußboden. Besonders lange machte er sich mit dem Schreibtisch zu schaffen, der auf keine Weise am Fensterpfeiler anzubringen war; er kam aber doch mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit damit zu Stande. Als Alles in Ordnung gebracht war, bat er Berßenjew, zehn Rubel von ihm im Voraus zu empfangen, nahm dann seinen dicken Stock zur Hand und machte sich auf. die Umgebung seines neuen Wohnsitzes in Augenschein zu nehmen. Drei Stunden später kehrte er zurück und auf Berßenjew’s Einladung, an dessen Tafel Theil zu nehmen, gab er zur Antwort, er schlage es nicht ab, heute mit ihm zu speisen, habe jedoch mit der Wirthin des Hauses Rücksprache genommen und werde in Zukunft die Beköstigung von ihr beziehen.
– Ich bitte Sie! entgegnete Berßenjew, man wird Ihnen abscheuliches Essen geben, dies Weib versteht ja nichts von der Küche. Warum wollen Sie nicht mit mir speisen? Wir könnten die Kosten zu gleichen Theilen tragen.
– Meine Mittel erlauben mir nicht, so zu speisen wie Sie, erwiederte mit ruhigem Lächeln Inßarow.
In diesem Lächeln lag etwas, was jedes fernere Nöthigen abwies; Berßenjew sprach kein Wort mehr davon. Nach dem Essen machte er Inßarow den Vorschlag, ihn bei Stachow’s einzuführen; dieser lehnte es jedoch ab, weil er den Abend der Correspondenz mit seinen Landsleuten widmen wollte, und bat ihn daher, den Besuch bei Stachow’s bis zum anderen Tage zu verschieben. Der unbeugsame Sinn Inßarow’s war Berßenjew noch von früher her bekannt; doch jetzt erst, da er mit ihm unter einem Dache wohnte, konnte er sich davon überzeugen, daß Inßarow niemals einen gefaßten Entschluß änderte, wie auch nie die Erfüllung eines gegebenen Versprechens aufschob. Berßenjew, als echtem Russen, däuchte diese mehr als deutsche Pünktlichkeit anfangs etwas seltsam, sogar etwas lächerlich; er gewöhnte sich aber bald an sie und fand sie, wenn auch nicht achtungswerth, doch wenigstens sehr bequem. Am Tage nach seinem Einzuge stand Inßarow um vier Uhr auf, durchlief Kunzowo nach allen Richtungen, badete sich im Flusse, trank ein Glas kalter Milch und setzte sich an die Arbeit; an Arbeit fehlte es ihm nicht; er studirte russische Geschichte, Rechtswissenschaft, politische Oekonomie, übersetzte bulgarische Lieder und Chroniken, sammelte Material über die morgenländische Frage, schrieb eine russische Grammatik für Bulgaren und eine bulgarische für Russen. Berßenjew kam zu ihm und unterhielt sich mit ihm über Feuerbach. Inßarow hörte ihm aufmerksam zu, machte selten eine Einwendung, aber immer treffend; aus seinen Erwiederungen leuchtete hervor, daß es ihm darum zu thun war, sich selbst Rechenschaft darüber zu geben, ob es für ihn nöthig sei, sich mit Feuerbach zu befassen, oder ob er ohne denselben auskommen könne. Berßenjew lenkte daraus das Gespräch aus seine Arbeiten und fragte, ob er ihm nicht Einiges davon zeigen wolle. Inßarow las ihm seine Uebersetzung von zwei oder drei bulgarischen Liedern vor und wünschte seine Meinung zu hören. Berßenjew fand die Uebersetzung correct, aber nicht lebendig genug. Inßarow nahm Notiz von der Bemerkung. Von den Liedern ging Berßenjew auf den gegenwärtigen Zustand Bulgariens über und da wurde er zum ersten Male gewahr, was für eine Veränderung mit Inßarow bei Erwähnung seines Vaterlandes vorging; nicht daß sein Gesicht röther, seine Stimme lauter geworden wäre . . . nein! sein ganzes Wesen schien gleichsam fester zu werden, vorwärts zu streben, der Schnitt seiner Lippen wurde schärfer und unerbittlicher und in der Tiefe des Auges entzündete sich ein dunkles, ein unauslöschbares Feuer. Inßarow liebte es nicht, sich über seine Reise in sein Vaterland näher auszulassen, von Bulgarien im Allgemeinen sprach er aber mit Jedermann gern. Er sprach ohne Ueberstürzung von den Türken, von ihren Bedrückungen, von dem Schmerz und dem Elende seiner Landsleute, von ihren Hoffnungen; in jedem seiner Worte klang die geistige Beherrschung einer ihn ganz erfüllenden, langgehegten Leidenschaft durch. Wer bürgt dafür, dachte sich Berßenjew hierbei, vielleicht hat der Aga ihm für den Tod der Mutter und des Vaters doch büßen müssen.
Inßarow sprach noch, als plötzlich die Thür aufging und Schubin an der Schwelle erschien.
Sein Eintritt ins Zimmer war gar zu ungezwungen und zutraulich; Berßenjew, der ihn zu gut kannte, begriff sogleich, daß ihn etwas drückte.
– Ich stelle mich Ihnen ohne Umstände vor, begann er mit heiterem und offenem Gesicht; ich nenne mich Schubin; ich bin der Freund dieses jungen Mannes. ( Er wies aus Berßenjew.) Sie sind wohl Herr Inßarow, nicht wahr?
– Ich bin Inßarow.
– So geben Sie mir die Hand und lassen Sie uns Bekanntschaft machen. Ich weiß nicht, ob Berßenjew Ihnen von mir etwas gesagt hat, mir aber hat er viel von Ihnen erzählt. Sie haben sich hier niedergelassen? Vortrefflich! Zürnen Sie mir nicht, weil ich Sie so fest ansehe. Sculptur ist mein Fach und ich sehe es schon kommen, daß ich Sie bald um die Erlaubniß bitten werde. Ihren Kopf zu modelliren.
– Mein Kopf steht Ihnen zu Diensten, entgegnete Inßarow.
– Nun, was fangen wir heute an? plauderte Schubin, indem er sich rasch auf einen niedrigen Stuhl niederließ und beide Hände auf die weit auseinandergespreizten Knie stützte. Andrei Petrowitsch, haben Euer Wohlgeboren irgend einen Plan für den heutigen Tag? Das Wetter ist herrlich; es duftet nach Heu und trockenen Erdbeeren, als tränke man eitel Brustthee. Man müßte irgend einen Scherz erdenken. Wollen wir dem neuen Bewohner Kunzowos die zahlreichen Schönheiten dieses Ortes zeigen. (Ja, ihn drückt‘s irgendwo, dachte Berßenjew bei sich.) Nun, warum schweigst Du, mein Freund Horatio? Schließe, auf Deine weisen Lippen. Soll es einen Scherz geben oder nicht?
– Ich weiß nicht, bemerkte Berßenjew, was Inßarow dazu sagt. Er will, glaube ich, arbeiten.
Schubin drehte sich auf seinem Stuhle herum.
– Arbeiten wollen Sie? fragte er etwas näselnd.
– Nein, entgegnete Jener, den heutigen Tag kann ich dem Spaziergange widmen.
– Ah! rief Schubin. Vortrefflich! Gehen Sie, Freund Andrei Petrowitsch, bedecken Sie Ihr weises Haupt mit einem Hute und lassen Sie uns gehen, wohin das Auge reicht. Unsere Augen sind jung . . . ihr Blick reicht weit. Ich kenne ein erbärmliches Wirthshaus, wo wir schauderhaftes Essen bekommen; uns aber wird‘s da gefallen. Laßt uns gehen!
Eine halbe Stunde darauf gingen die drei jungen Männer an dem Ufer der Moskwa hin. Inßarow hatte zufälliger Weise eine ziemlich sonderbare, bauschige Mütze auf, über welche Schubin in ein etwas künstliches Entzücken gerieth. Inßarow ging ohne Eile vor sich hin, blickte umher, athmete, sprach und lächelte, Alles mit Ruhe; er hatte diesen Tag dem Vergnügen gewidmet und genoß dasselbe in vollem Maße. So lustwandeln wohlgesittete Knaben an Sonntagen! flüsterte Schubin Berßenjew ins Ohr. Schubin selbst war ganz ausgelassen, er lief voraus, nahm Stellungen bekannter Statuen an und wälzte sich im Grase; Inßarow‘s Bedächtigkeit ärgerte ihn nicht so sehr, als sie ihn vielmehr zu tollen Streichen anspornte. Was zwickt Dich, Franzose? bemerkte ihm Berßenjew zwei Mal. Ja, ich bin Franzose, ein halber Franzose, erwiederte Schubin; Du aber bleib in der Mitte zwischen Scherz und Ernst, wie jener Ladenbursche zu sagen pflegte, wenn er schlechtes Tuch verkaufte. Die jungen Leute lenkten vom Flusse ab und schlugen einen Pfad durch eine enge und tiefe Schlucht zwischen zwei Wänden goldigen hohen Roggens ein; eine dieser Wände warf einen bläulichen Schatten auf sie; die runde Sonne mit ihren kurzen Strahlen schien über die Spitzen der Aehren hinzugleiten; die Lerchen sangen, die Wachteln schlugen, überallhin grünte das Gras; ein lauer Wind spielte mit seinen Halmen und wiegte die Köpfchen der Blumen. Nach langem Umherschlendern, Ausruhen und Geplauder (Schubin hatte sogar versucht, mit einem vorbeigehenden zahnlosen Bäuerlein, das zu Allem lachte, was auch mit ihm die Herren vernahmen, Hockebock zu spielen) erreichten die jungen Männer endlich das »erbärmliche« Wirthshaus. Ein Aufwärter überrannte beinahe einen Jeden von ihnen und tischte ihnen in der That ein sehr schlechtes Essen, mit einem »transbalkanischen« Weine dazu, auf, was sie übrigens nicht hinderte, von ganzer Seele lustig zu sein, wie Schubin es vorausgesagt hatte. Letzterer übertönte die anderen in seiner Heiterkeit . . . und war dennoch weniger heiter gestimmt als sie. Er trank die Gesundheit des unbegreiflichen, aber großen Wenelin7 und die Gesundheit des Bulgarenkönigs Krum, Chrum oder Chrom, der zu Adams Zeiten lebte.
– Im neunten Jahrhundert, verbesserte Inßarow.
– Im neunten Jahrhundert? rief Schubin.
– Oh, welch’ ein Glück! Berßenjew machte die Bemerkung, daß trotz aller Narrheiten, Ausfälle und Späße Schubin gewissermaßen Inßarow ausforschte, ihm gleichsam den Puls fühlte und innerlich unruhig war, – Inßarow dagegen blieb nach wie vor klar und offen.
Endlich kehrten sie nach Hause zurück, kleideten sich um und beschlossen, um aus der seit dem Morgen eingehaltenen Richtung nicht herauszukommen, gleich diesen Abend zu Stachow‘s zu gehen. Schubin lief voraus, um ihre Ankunft zu melden.
XII
– Held Inßarow werden sogleich hier sein! rief er feierlich, indem er in das Gastzimmer Stachow‘s trat, wo sich in diesem Augenblick nur Helene und Zoë befanden.
– Wer? fragte Zoë deutsch. Bei unerwarteten Anlässen pflegte sie sich ihrer Muttersprache zu bedienen.
Helene richtete sich auf. Schubin blickte sie mit neckischem Lächeln auf den Lippen an. Das verdroß sie, sie sagte aber nichts.
– Sie haben es gehört, wiederholte er, – Herr Inßarow kommt sogleich.
– Ich habe es gehört, erwiederte sie, – und habe gehört, wie Sie ihn genannt haben. In der That, Sie setzen mich in Erstaunen. Noch hat Herr Inßarow das Haus nicht betreten und schon glauben Sie sich berechtigt, Ihren Spaß zu treiben.
Schubin wurde plötzlich verlegen.
– Sie haben Recht, haben immer Recht, Helene Nikolajewna, brummte er vor sich hin, – es war ja nicht schlecht gemeint, bei Gott. Wir sind den ganzen Tag zusammen spazieren gegangen und ich versichere Sie, es ist ein herrlicher Mensch.
– Ich habe Sie nicht darnach gefragt, sagte Helene und erhob sich.
– Ist Herr Inßarow jung? fragte Zoë.
– Er ist hundertvierundvierzig Jahre alt, entgegnete Schubin ärgerlich.
Der Dienstbursche meldete die Ankunft beider Freunde. Sie traten ins Zimmer. Berßenjew stellte Inßarow vor. Helene bat sie, Platz zu nehmen und ließ sich selbst nieder, Zoë aber begab sich hinauf: man mußte Anna Wassiljewna von der Anwesenheit der Gäste benachrichtigen. Ein ziemlich nichtssagendes Gespräch, wie es alle Antrittsgespräche zu sein pflegen, wurde eingeleitet. Schubin spielte aus einem Winkel, den Beobachter, es gab jedoch nichts zu beobachten. An Helene nahm er die Spuren zurückgehaltenen Aergers gegen ihn, Schubin, wahr – das war Alles. Er betrachtete Berßenjew und Inßarow, und stellte als plastischer Künstler Vergleiche an. – Sie sind Beide, dachte er, – nicht besonders hübsch; der Bulgare hat ein charakteristisches, monumentales Gesicht; jetzt zum Beispiel ist es gut beleuchtet; des Großrussen Gesicht will eher gemalt sein, keine Zeichnung darin, aber Ausdruck, Physiognomie. Es könnte sich aber doch Jemand in den Einen oder den Anderen verlieben. Noch liebt sie nicht, wird aber Berßenjew lieben, – entschied er bei sich. Anna Wassiljewna trat ins Gastzimmer und die Unterhaltung nahm einen ganz landhausmäßigen Ton an, einen landhäuslichen, nicht etwa ländlichen. Es war ein sehr buntscheckiges Gespräch nach der Zahl der berührten Fragen, aber kurze, ziemlich lästige Pausen unterbrachen es alle drei Minuten. Während einer solchen Pause wandte sich Anna Wassiljewna zu Zoë. Schubin verstand den stummen Wink und machte ein saures Gesicht, als Zoë sich ans Clavier setzte und ihre Stückchen abspielte und absang. Uwar Iwanowitsch war zwar hinter der Thür sichtbar geworden, hatte aber nur mit den Fingern gespielt und sich verzogen. Es wurde dann Thee umhergereicht, und zuletzt machte die ganze Gesellschaft eine Tour durch den Garten . . . Draußen war es dunkel geworden, die Gäste entfernten sich.
Inßarow hatte in der That auf Helene weniger Eindruck gemacht, als sie es selbst erwartete, oder richtiger gesagt, es war nicht der Eindruck gewesen, den sie erwartet hatte. Sein gerades und ungezwungenes Benehmen und auch sein Gesicht hatten ihr gefallen, doch es wollte Inßarow‘s ganzes Wesen in seiner ruhigen Festigkeit und alltäglichen Einfachheit nicht recht zu dem Bilde passen, welches die Erzählungen Berßenjew‘s in ihrer Phantasie hervorgerufen. Helene hatte, ohne es selbst zu ahnen, etwas mehr »Fatalistisches« in seinem Gesichte erwartet. – Heute, dachte sie, – hat er sehr wenig gesprochen, und ich bin selbst daran schuld, ich habe ihn nicht ausgefragt; wir wollen warten bis zum nächsten Male . . . seine Augen sind aber ausdrucksvoll und ehrlich. Sie fühlte, daß sie sich nicht vor ihm beugen wolle, ihm jedoch freundschaftlich die Hand zu bieten, trug sie gleichfalls Bedenken: nicht so wie Inßarow war, hatte sie sich ihre »Helden« vorgestellt. Bei diesem Worte fiel ihr Schubin in den Sinn und, bereits im Bett, fuhr sie erzürnt auf.
– Wie haben Ihnen Ihre neuen Bekannten gefallen? fragte Berßenjew aus dem Heimwege Inßarow.
– Sie haben mir sehr gefallen, namentlich die Tochter, gab Inßarow zur Antwort.
– Ein herrliches Mädchen, in der That! Sie ist aufgeregt, aber diese Aufregung ist edel.
– Sie müssen öfter das Haus besuchen, bemerkte Berßenjew.
– Ja, das muß ich, sagte Inßarow, und sprach bis nach Hause nichts weiter.
Er verschloß sich sogleich auf seinem Zimmer, das Licht, brannte aber bis tief nach Mitternacht.
Berßenjew hatte noch nicht eine Seite im Raumer gelesen, als eine Handvoll feinen Sandes an seine Fensterscheiben geworfen wurde. Er fuhr unwillkürlich zusammen öffnete das Fenster und erblickte Schubin, bleich wie ein Leintuch.
– Ach Du unruhiger Geist! Du Nachtfalter! sagte Berßenjew.
– St! unterbrach ihn Schubin, – ich bin heimlich zu Dir gekommen, wie Max zu Agathe. Ich muß Dir durchaus ein paar Worte unter vier Augen sagen.
– So komm denn herein.
– Nein, nicht nöthig, erwiederte Schubin und stützte sich auf das Fensterbrett, – so ist‘s lustiger, mehr nach spanischer Art. Erstens muß ich Dir gratuliren: Deine Actien sind gestiegen. Dein gepriesener, merkwürdiger Mann ist durchgefallen, dafür kann ich Dir stehen. Und soll ich Dir einen Beweis meiner Unparteilichkeit geben, so vernimm die Liste der Merkmale des Herrn Inßarow:« Talente – keine; Poesie – noch weniger; Arbeitssinn – bedeutend; Gedächtniß – scharf; Verstand – nicht vielseitig und nicht tief, doch gesund und lebhaft; Nüchternheit und Kraft und sogar Gabe des Worts, wenn das Gespräch auf sein, unter uns gesagt, höchst langweiliges Bulgarien kommt. Nun, was sagst Du? bin ich ungerecht? Noch eine Bemerkung: Du wirst Dich nie mit ihm auf Du und Du stehen, und nie hat Einer mit ihm so gestanden. Ich als Künstler bin ihm zuwider, das macht mich stolz. Trocken ist er, trocken, und doch könnte er uns Alle zu Pulver stoßen. Er ist mit seinem Lande verwachsen, – ganz anders, als unsere hohlen Töpfe, die sich beim Volk einschmeicheln: komm, ergieß Dich in uns, lebendiger Quell! Zudem ist seine Aufgabe auch leichter, verständlichen es gilt blos, die Türken aus dem Lande werfen, eine Kleinigkeit das! Alle diese Tugenden gefallen aber, Gottlob, den Frauen nicht. Kein Zauber dabei, kein Reiz – wie bei mir und Dir!
– Warum mischest Du mich hinein? brummte Berßenjew. – Und übrigens hast Du Unrecht: Du bist ihm keineswegs zuwider, und zu seinen Landsleuten sagt er Du, das weiß ich.
– Das ist was Anderes! In ihren Augen ist er ein Held; ich aber muß sagen, ich stelle mir die Helden anders vor: ein Held darf nichts von Beredtsamkeit wissen; ein Held muß brüllen wie ein Stier; dafür aber stürzen Mauern ein, wenn er einen Stoß mit den Hörnern giebt. Und er selbst darf nicht wissen, weshalb er stößt. Möglich, daß man heutzutage Helden anderen Kalibers verlangt.
– Warum beschäftigt Dich denn Inßarow so sehr? fragte Berßenjew. – Bist Du denn nur deshalb hergelaufen, um mir eine Schilderung seines Charakters zu geben?«
– Ich bin hergekommen, entgegnete Schubin, – weil mir zu Hause sehr traurig zu Muthe wurde.
– So! Möchtest Du nicht wieder etwas weinen?
– Spotte nur! ich bin hergekommen, weil ich mir die Ellenbogen zerbeißen möchte, denn Verzweiflung, Aerger, Eifersucht nagen an mir . . .
– Eifersucht? und gegen wen?
– Gegen Dich, gegen ihn, gegen Jedermann. Mich martert der Gedanke, daß, wenn ich sie früher verstanden hätte, wenn ich die Sache von der rechten Seite angegriffen hätte . . . Wozu aber die Worte! Das Ende davon wird sein, daß ich so lange scherzen, Streiche machen, Gesichter schneiden werde, wie sie sagt, bis ich mir das Garaus mache.
– Nun, was das betrifft, das wirst Du nicht, bemerkte Berßenjew.
– In solch, einer Nacht natürlich nicht; warte aber, bis wir Herbst haben. Ach, das Glück? Aus jedem Schattenstreif, den die Bäume über den Weg werfen, scheint’s zu flüstern: »Ich weiß, wo das Glück ist . . . Willst Du, ich sage es Dir?« Ich möchte Dich einladen, einen Spaziergang zu machen, Du bist aber jetzt in prosaischer Stimmung. Schlafe, und mögest Du in Deinen Träumen mathematische Figuren sehen! Meine Seele aber will zerspringen. Ihr Herren seht einen Menschen lachen und sagt, ihm ist leicht um’s Herz! Ihr beweist ihm klar, daß er sich selbst widerspricht, und meint, daß er also nicht leiden könne – hole Euch der Teufel!
Schubin verließ rasch das Fenster. – Annuschka! wollte Berßenjew ihm nachrufen, hielt aber inne: Schubin‘s Gesicht war in der That ganz verändert. Ein paar Minuten darauf däuchte es Berßenjew sogar, er höre schluchzen; er stand auf und öffnete das Fenster; es war Alles still, nur in der Ferne sang gedehnt ein Wandernder, wahrscheinlich ein Bäuerlein, das Lied von der Mosdokschen Steppe.
XIII
Während der ersten zwei Wochen nach seiner Uebersiedelung in die Nachbarschaft Kunzowos hatte Inßarow Stachow’s nur vier oder fünf Mal besucht; Berßenjew war alle drei Tage bei ihnen. Helene empfing ihn immer mit Freuden, jedes Mal knüpfte sich zwischen ihnen ein lebhaftes und interessantes Gespräch an, und jedes Mal kehrte er mit betrübtem Gesichte heim. Schubin kam fast nicht zum Vorschein; mit fieberhafter Geschäftigkeit gab er sich seiner Kunst hin, entweder saß er eingeschlossen auf seinem Zimmer und kam nur in einer Blouse und ganz mit Lehm beschmutzt aus demselben hervor, oder er brachte ganze Tage in Moskau zu, wo er ein Atelier hatte und seine Modelle und italienische Formgießer, seine Freunde und Lehrer, zu ihm kamen. Helene hatte nicht ein einziges Mal mit Inßarow gesprochen, wie sie es gewollt; wenn er nicht da war, nahm sie sich vor, ihn über Mancherlei auszufragen; war er gekommen, so schämte sie sich ihrer Vorbereitungen. Inßarow’s Ruhe machte sie verlegen, es dünkte sie, sie habe kein Recht, in ihn zu dringen, und sie entschloß sich, zu warten; bei alledem fühlte sie sich nach jedem seiner Besuche, wie geringfügig auch die Worte, die sie mit ihm getauscht hatte, sein mochten, immer mehr und mehr zu ihm hingezogen; sie war aber niemals allein mit ihm geblieben, – und um Jemand näher kennen zu lernen, ist, wenn auch nur ein Mal, eine Unterhaltung unter vier Augen nothwendig. Mit Berßenjew sprach sie viel von ihm. Berßenjew sah ein, daß Helene‘s Phantasie mit Inßarow beschäftigt war, und er freute sich, daß sein Freund nicht »durchgefallen« war, wie Schubin behauptet hatte; mit Wärme und bis in die kleinsten Einzelheiten erzählte er ihr Alles, was er über ihn wußte (oft, wenn wir Anderen gefallen wollen, streichen wir in unseren Reden unsere Freunde heraus und sind uns dabei nicht immer bewußt, daß wir so uns selber loben), und selten nur, wenn Helene’s bleiche Wangen sich leicht rötheten, die Augen lebhafter und größer wurden, preßte ihm jene nicht gutartige Traurigkeit, die ihm schon bekannt war, das Herz ab. Einst kam Berßenjew zu ungewöhnlicher Stunde, Morgens gegen elf Uhr, zu Stachow’s. Helene kam ihm im Saale entgegen.
– Denken Sie doch, redete er sie mit erzwungenem Lächeln an, – unser Inßarow ist verschwunden.
– Wie« verschwunden? fragte Helene.
– Verschwunden. Vorgestern Abend ging er aus und ist seitdem nicht wiedergekehrt.
– Er hat Ihnen nicht gesagt, wohin er ging?
– Nein, Helene ließ sich auf einen Stuhl nieder.
– Wahrscheinlich wird er nach Moskau gefahren sein, sagte sie, indem sie bemüht war, gleichgültig zu scheinen und sich dabei wunderte, daß sie es scheinen wolle.
– Ich glaube es nicht, entgegnete Berßenjew. – Er ist nicht allein fortgegangen.
– Mit wem denn?
– Es kamen vorgestern, vor Tische, zwei Unbekannte zu ihm, vermuthlich Landsleute.
– Bulgaren? warum nehmen Sie das an?
– Weil sie, soviel ich hörte, mit ihm in einer mir unbekannten, aber slavischen Mundart sprachen . . . Sie, haben immer, Helene Nikolajewna, an Inßarow wenig Geheimnißvolles gefunden; was wäre nun wohl geheimnißvoller, als dieser Besuch? Stellen Sie sich vor: Jene traten in sein Zimmer . . . Darauf Schreien und Streiten, und so wild, so erbittert . . . Und auch er schrie.
– Auch er?
– Auch er. Er schrie sie an. Es hatte den Anschein, als klage der Eine über den Anderen. Und Sie hätten diese Besucher sehen sollen! Bräune Gesichter, breite Backenknochen, stumpfe Blicke, Habichtsnasen, beide über die Vierzig, schlecht gekleidet, bestaubt, triefend von Schweiß; dem Anschein nach waren es Handwerker . . . oder auch keine, doch sicher keine gebildeten Leute . . . Weiß Gott, was für Menschen das waren.
– Und er ist mit ihnen gegangen? – Ja wohl.
Er gab ihnen etwas zu essen und ging, mit ihnen davon. Die Wirthin erzählte mir, die Beiden hätten ihrer Zwei, einen ungeheueren Topf voll Grütze verzehrt. Sie hätten, erzählte sie, wie um die Wette geschlungen, rein wie Wölfe.
Helene lächelte leicht.
– Sie werden sehen, sagte sie – die Auflösung davon wird höchst prosaisch sein.
– Gott gebe! Sie hätten aber diesen Ausdruck nicht gebrauchen sollen. Es ist nichts prosaisch an Inßarow, obgleich Schubin behauptet . . .
– Schubin? unterbrach ihn Helene und zuckte die Achseln. – Aber geben Sie zu, daß jene beiden Herren, welche die Grütze verschlungen . . .
– Auch Themistokles hat am Vorabend der Schlacht bei Salamis gegessen, bemerkte Berßenjew mit einem Lächeln.
– Ganz recht; doch dafür ward Tags darauf eine Schlacht geschlagen. Sie müssen es mich aber doch wissen lassen, wenn er zurück sein wird, setzte Helene hinzu und versuchte, der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben – es wollte aber nicht damit gehen. Zoë trat ins Zimmer und begann in demselben auf den Zehen umher zu schleichen, um dadurch anzudeuten, daß Anna Wassiljewna noch nicht erwacht sei.
Berßenjew entfernte sich.
An demselben Tage, Abends, bekam Helene ein Zettelchen von ihm. – Er ist zurückgekehrt, schrieb er, – von der Sonne gebräunt und bestaubt bis an die Augenbrauen; warum und wohin er gefahren ist, weiß ich nicht, vielleicht erfahren Sie es!
– Vielleicht erfahren Sie es! sagte Helene leise. – Spricht er denn mit mir?
XIV
Am folgenden Tage, gegen zwei Uhr Mittags, stand Helene im Garten vor einem kleinen, abgesonderten Raume, in welchem zwei junge Hunde auferzogen wurden. (Der Gärtner hatte dieselben am Zaune gefunden und dem Fräulein gebracht, welches, wie die Wäscherin erzählte, jegliches Gethier gern habe. Er wurde in seiner Erwartung nicht getäuscht, Helene gab ihm ein Fünfundzwanzigkopekenstück.) Sie warf einen Blick in die Abtheilung, überzeugte sich, daß die jungen Hunde am Leben und munter seien, und daß man ihnen frisches Stroh untergelegt habe; sie wandte sich dann um und hätte fast aufgeschrien: gerade auf sie zu kam, die Allee herauf, Inßarow gegangen. Er war allein.
– Guten Tag, sagte er, als er näher gekommen war und zog die Mütze. Sie bemerkte, daß er in den letzten drei Tagen allerdings sehr von der Sonne verbrannt war. – Ich wollte mit Andrei Petrowitsch herkommen, er hat sich aber verspätet und da bin ich denn ohne ihn fortgegangen. Bei Ihnen im Hause ist Niemand: es schlafen oder spazieren Alle, darum bin ich hierher gekommen.
– Das klingt wie eine Entschuldigung, entgegnete Helene, – Es bedarf durchaus keiner. Es macht uns Allen viel Vergnügen, Sie zu sehen . . . Setzen wir uns hier in den Schatten auf die Bank.
Sie setzte sich. Inßarow nahm neben ihr Platz.
– Sie waren, glaube ich, in dieser Zeit abwesend? begann sie.
– Ja, entgegnete er, – ich war eine Zeit lang fort . . . Andrei Petrowitsch hat Ihnen davon gesagt? Inßarow blickte sie an, lächelte und begann mit seiner Mütze zu spielen. Wenn er lächelte, pflegte er rasch mit den Augen zu blinzeln und streckte dann die Lippen vor, was ihm ein sehr gutmüthiges Aussehen gab.
– Andrei Petrowitsch hat Ihnen vermuthlich auch gesagt, daß ich mit zwei . . . häßlichen Männern davongegangen bin, fuhr er noch immer lächelnd fort.
Helene wurde etwas verlegen und begriff sogleich, daß man Inßarow immer die Wahrheit sagen müsse.
– Ja, sagte sie bestimmt.
– Was dachten Sie dabei von mir? fragte er plötzlich.
Helene blickte ihn an.
– Ich habe gedacht . . . sagte sie. – Ich habe gedacht, daß Sie immer wissen, was Sie thun, und daß Sie nicht im Stande sind, etwas Schlechtes zu thun.
– Nun, so danke ich Ihnen dafür. Sehen Sie, Helene Nikolajewna, fing er an und rückte treuherzig näher zu ihr heran, – der Unseren sind hier nicht Viele; unter ihnen giebt’s wenig Gebildete; Alle aber sind der gemeinschaftlichen Sache treu ergeben. Unglücklicher Weise geht es nicht ohne Streit ab, mich kennen und mir vertrauen nun Alle; da bin ich denn abgerufen worden, einen Streit zu schlichten und habe mich aufgemacht.
– War es weit von hier?
– Sechzig Werft von hier, bin ich nach dem Kloster des heiligen Sergius gefahren. Es sind bei demselben in der Schule auch Einige von den Unsrigen. Ich bin wenigstens nicht unnützer Weise dagewesen; die Sache ist beigelegt.
– Und fiel Ihnen das schwer?
– Schwer genug. Der eine war sehr halsstarrig. Er wollte nicht zahlen.
– Wie? Um Geld handelte sich’s in diesem Streit?
– Ja wohl, und nur um eine kleine Summe. Und was glaubten Sie denn?
– und um solch eine Kleinigkeit sind Sie sechzig Werst weit gefahren? Haben Sie drei Tage verloren?
– Eine Kleinigkeit ist das nicht, Helene Nikolajewna, wenn es sich um Landsleute handelt. In solchen Fällen wäre es Sünde, sich fern zu halten. Sie entziehen, wie ich da sehe, selbst Hunden Ihren Beistand nicht, und ich finde das sehr lobenswerth von Ihnen, Daß ich nun einige Zeit verloren habe, ist kein großes Unglück, ich hole es nachher ein. Unsere Zeit gehört nicht uns.
– Wem gehört sie denn?
– Nun, Jedem, der ihrer bedarf. Ich habe Ihnen dies Alles rund heraus erzählt, weil mir viel an Ihrer Meinung gelegen ist. Ich kann mir denken, wie Andrei Petrowitsch Sie in Verwunderung gesetzt hat!
– Es ist Ihnen an meiner Meinung gelegen? fragte Helene halblaut, – und weshalb?
Inßarow lächelte wieder.
– Weil Sie ein braves Fräulein, keine Aristokratin sind . . . Darum geschieht’s.
Eine kurze Pause trat ein.
– Dmitri Nikanorowitsch, sagte Helene, – wissen Sie wohl, Sie sind zum ersten Male so offen gegen mich?
– Wie so? Mich däucht, ich hätte immer mit Ihnen gesprochen, wie ich dachte.
– Nein, dies ist das erste Mal und es freut mich sehr; ich will auch offen gegen Sie sein. Darf ich das?
Inßarow lachte und sagte:
– Sie dürfen es.
– Ich muß Sie darauf vorbereiten, ich bin sehr neugierig.
–– Das thut nichts, reden Sie nur.
– Andrei Petrowitsch hat mir viel aus Ihrem Leben, und Ihrer Jugend erzählt. Ein Vorfall ist mir bekannt . . . Ein schreckliches Ereigniß . . . Ich weiß, daß Sie nachher Ihre Heimath besucht haben . . . Antworten Sie um Gottes willen nicht auf meine Frage, wenn Ihnen dieselbe unbescheiden scheinen sollte, mich quält aber ein Gedanke . . . Sagen Sie mir, sind Sie mit jenem Manne zusammengetroffen . . .
Helene verging der Athem. Sie wurde verlegen und ängstlich über ihre Kühnheit. Inßarow blickte sie fest an, blinzte leicht mit den Augen und berührte sein Kinn mit den Fingern.
– Helene Nikolajewna, begann er darauf und seine Stimme ward leiser als gewöhnlich, worüber Helene fast Angst bekam, – ich verstehe, von welchem Manne Sie soeben gesprochen haben, Nein, ich bin nicht mit ihm zusammengetroffen, und danke dafür Gott! Ich habe nicht nach ihm geforscht. Ich habe es nicht gethan, nicht etwa weil ich glaubte, ich hätte kein Recht, ihn zu tödten . . . ich hätte ihn ruhig getödtet . . . sondern weil persönliche Rache, wenn es sich um eine allgemeine, um die Wiedervergeltung eines Volkes handelt . . . oder nein, dies Wort war nicht das rechte . . . wenn es sich um Befreiung des Volkes handelt, nicht am rechten Platze gewesen wäre. Eines hätte dem Anderen im Wege gestanden. Zu seiner Zeit kommt auch jene an die Reihe . . . Auch jene kommt an die Reihe, wiederholte er mit Kopfschütteln.
Helene sah ihn von der Seite an.
– Sie lieben Ihr Vaterland sehr? fragte sie schüchtern.
– Das ist noch ungewiß, gab er zur Antwort. – Ja, wenn erst Einer von uns für dasselbe stirbt, dann kann gesagt werden, daß er es liebte.
–– Doch so, daß, wenn Ihnen die Möglichkeit, nach Bulgarien zurückzukehren, genommen würde, fuhr Helene fort, – Ihnen in Rußland zu leben schwer wäre.
Inßarow ließ den Kopf hängen.
– Ich glaube, ich könnte es nicht ertragen, sagte er.
– Sagen Sie, begann wieder Helene, – ist die Erlernung der bulgarischen Sprache schwierig?
– Durchaus nicht. Es ist eine Schande, daß der Russe nicht mit dem Bulgarischen vertraut ist. Der Russe sollte alle slawischen Sprachen kennen. – Wünschen Sie es, dann bringe ich Ihnen bulgarische Bücher. Sie werden sehen, wie leicht das ist. Was für Lieder wir haben! sie geben den serbischen nichts nach. Warten Sie, ich will Ihnen eins davon übersetzen. Es ist darin die Rede von . . . Ja, ist Ihnen aber, wenn auch nur Einiges, aus unserer Geschichte bekannt?
– Nein, ich weiß nichts, erwiederte Helene.
– Warten Sie, ich werde Ihnen ein Buch bringen. Sie werden aus demselben wenigstens die hauptsächlichsten Ereignisse erfahren. Nun aber hören Sie das Lied an . . .
Doch nein, es wird besser sein, ich bringe Ihnen eine, schriftliche Uebersetzung. Ich bin überzeugt, Sie werden uns liebgewinnen, Sie lieben alle Unterdrückten. Wenn Sie wüßten, was für ein gesegnetes Land das unserige ist! Und doch tritt man es mit Füßen, man zerreißt es, – (und dabei machte er eine Bewegung mit der Hand und das Blut stieg ihm ins Gesicht), – man hat uns Alles genommen, Alles: unsere Kirchen, unsere Rechte, unseren Boden; wie das Vieh treiben und schlachten uns die ruchlosen Türken . . .
– Dmitri Nikanorowitsch! rief Helene aus.
Er hielt inne.
– Verzeihen Sie mir. Ich kann nicht mit Gleichgültigkeit davon reden. Sie fragten mich soeben, ob ich mein Vaterland liebe? Was denn sonst sollte man auf dieser Welt lieben? Was ist beständiger, was über alle Zweifel erhabener, was unverleugbarer, nach Gott? Und wenn dieses Vaterland unsere Hilfe braucht . . . Vergessen Sie nicht: der geringste Bauer, der elendeste Bettler in Bulgarien und ich, – wir haben denselben Wunsch. Wir Alle haben dasselbe Ziel. Sie begreifen nun, welch’ eine Zuversicht und Kraft das verleiht!
Inßarow hielt einen Augenblick inne und sprach dann wieder von Bulgarien. Helene hörte ihn mit theilnehmender, gespannter und schmerzlicher Aufmerksamkeit an. Als er geendet hatte, fragte sie ihn nochmals:
– Sie würden also auf keinen Fall in Rußland bleiben wollen?
Und als er fortging, blickte sie ihm lange nach. Er war an diesem Tage ein anderer Mensch in ihren Augen geworden. Sie entließ ihn von sich als einen Anderen, als sie ihn vor zwei Stunden empfangen hatte.
Seit jenem Tage kam er immer häufiger, Berßenjew aber seltener hin. Zwischen beide Freunde war etwas Ungewöhnliches getreten, sie fühlten es selbst recht gut, wußten es aber nicht zu nennen und empfunden Scheu, sich darüber auszusprechen. So verging ein Monat.
XV
Anna Wassiljewna liebte zu Hause zu bleiben, wie dem Leser bereits bekannt ist; zuweilen jedoch, und ganz unerwartet, äußerte sich bei ihr ein unüberwindliches Verlangen nach etwas Außergewöhnlichem, einer überraschenden partie de plaisir, und je schwieriger diese partie de plaisir zu Stande zu bringen war, je mehr dazu Vorbereitungen und Weitläufigkeiten erforderlich waren und je mehr Anna Wassiljewna selbst dabei in Aufregung gerieth, um so wohler war ihr zu Muthe. Kam ihr eine solche Grille im Winter bei . . . dann wurden zwei, drei Logen nebeneinander gemiethet, sie trommelte alle ihre Bekannten zusammen und führte sie ins Theater, oder auch auf den Maskenball; im Sommer wurden Ausfahrten in die Umgebung der Stadt, irgend wohin, unternommen. Am folgenden Tage klagte sie dann über Kopfweh, ächzte und blieb im Bett, und ein paar Wochen später spürte sie wieder einen Durst nach etwas »Ungewöhnlichem«. Das war auch jetzt der Fall. Es hatte Jemand in ihrer Gegenwart von den Schönheiten Zarizinos gesprochen, sogleich erklärte Anna Wassiljewna, sie habe Lust, übermorgen nach Zarizino zu fahren. Das ganze Haus kam in Aufruhr; ein Bote ward nach Nikolai Artemjewitsch abgeschickt; zugleich mit jenem mußte der Haushofmeister fort, um Wein, Pasteten und allerlei Eßwaaren einzukaufen; Schubin erhielt den Befehl, für eine Lohnkalesche zu sorgen (an einer Kutsche hatten sie zu wenig) und Unterlegpferde zu bestellen; der kleine Dienstbursche mußte zwei Mal zu Berßenjew und Inßarow Einladungsbillets tragen, das erste Mal in russischer, dann in französischer Sprache, geschrieben von Zoë‘s Hand; Anna Wassiljewna selbst machte sich mit dem Reisekostüm der Fräulein zu schaffen. Und beinahe wäre aus der partie de plaisir nichts geworden: Nikolai Artemjewitsch kam in einer sauren, ärgerlichen und frondirenden Gemüthsstimmung aus der Stadt (er schmollte noch immer mit Augustine Christianowna) und als er von der Ausfahrt hörte, erklärte er bestimmt, – er werde nicht mitfahren, es wäre eine Albernheit, aus Kunzowo nach Moskau, aus Moskau nach Zarizino, aus Zarizino wieder nach Moskau und aus Moskau zurück nach Kunzowo zu jagen, und dann, setzte er hinzu, – soll man mir nur erst beweisen, daß man an dem einen Orte nicht ebenso vergnügt sein kann, als an dem anderen. Unter dieser Bedingung fahre ich mit. Natürlich konnte ihm Niemand das beweisen, und Anna Wassiljewna wollte, in Ermangelung eines soliden Begleiters, bereits die partie de plaisir aufgeben, da erinnerte sie sich Uwar Iwanowitsch’s, und in ihrer Verzweiflung schickte sie nach ihm auf sein Zimmer, wobei sie bemerkte: – Der Ertrinkende greift auch nach einem Strohhalm. Er wurde geweckt, kam herunter, hörte schweigend Anna Wassiljewna‘s Vorschlag an, ließ die Finger spielen und willigte, zu Alter Verwunderung, ein. Anna Wassiljewna küßte ihn ans die Wange und nannte ihn Herzchen; Nikolai Artemjewitsch lächelte verächtlich und sagte: »Quelle bourde!« (er liebte bei Gelegenheit »chiquöse« französische Ausdrücke anzubringen), und am folgendem Morgen um sieben Uhr rollten Kutsche und Kalesche, ganz vollgepackt, zum Thore des Stachow’schen Landhauses hinaus. In der Kutsche saßen die Damen, ein Stubenmädchen und Berßenjew; Inßarow hatte auf dem Bocke Platz gefunden; in der Kalesche befanden sich Uwar Iwanowitsch und Schubin. Uwar Iwanowitsch hatte selbst, mit einer Bewegung des Fingers, Schubin zu sich gewinkt; er wußte, daß dieser ihn während der Fahrt necken werde, es herrschte jedoch zwischen dem »Schwarzerdengeiste« und dem jungen Künstler ein eigenes Band und eine gewisse anzügliche Offenherzigkeit. Für dieses Mal ließ übrigens Schubin seinen beleibten Gefährten in Ruhe; er war stumm, zerstreut und nachgiebig.
Die Sonne stand bereits hoch am wolkenlosen Himmelszelt, als die Equipagen bei der Ruine des selbst zur Mittagszeit düsteren und schauerlichen Schlosses in Zarizino hielten. Die Gesellschaft sprang herunter in das Gras und nahm sogleich ihren Weg zum Park. Vorau gingen Helene, und Zoë mit Inßarow: hinter ihnen kamen mit dem Ausdruck vollkommenster Zufriedenheit Anna Wassiljewna am Arme Uwar Iwanowitsch‘s. Er keuchte und watschelte, der neue Strohhut drückte ihm die Stirn und die Füße brannten ihm in den Stiefeln, aber auch ihm war wohl zu Mathe; Schubin und Berßenjew schlossen den Zug. – Wir bilden die Reserve, Bruder, wir sind einigermaßen Veteranen, flüsterte Schubin Berßenjew zu. – Bulgarien ist jetzt vorauf, setzte er mit einem Winke der Augenbrauen auf Helene hinzu.
Das Wetter war herrlich. Alles rund herum stand in Blüthe, überall summte und sang es; in der Ferne spiegelten die Teiche; ein festliches, heiteres Gefühl umfing die Seele. – Ach wie schön! ach wie schön! wiederholte Anna Wassiljewna in einem fort; Uwar Iwanowitsch nickte, als Antwort auf ihre enthusiastische Ausrufe, beifällig mit dem Kopfe und äußerte sogar ein Mal: – Dagegen ist nichts zu sagen! Helene tauschte von Zeit zu Zeit einige Worte mit Inßarow; Zoë hielt mit zwei Fingern den Rand ihres breiten Hutes, ließ ihre kleinen, in hellgraue Halbstiefeln mit stumpfen Spitzen gehüllten Füßchen coquett unter dem rosafarbenen Barrègekleide hervorgucken und blickte bald auf die Seite, bald hinter sich. – He, he! rief ans einmal Schubin halblaut, – Zoë Nikitischna sieht sich wohl gar um. Ich will doch zu ihr. Helene Nikolajewna verachtet mich jetzt und hat Achtung vor Dir, Andrei Petrowitsch, was ja auf Eins herauskommt. Ich will hin; habe lange genug den Kopf hängen lassen. Dir aber, lieber Freund, rathe ich, botanisiren zu gehen; in Deiner Lage ist das das Beste, was Dir befallen kann; auch wissenschaftlich ist das von Nutzen. Lebe wohl! Schubin holte Zoë ein, reichte ihr den Arm und sagte: – Ihre Hand, Madame, faßte sie und eilte den Anderen voran. Helene blieb stehen, rief Berßenjew und nahm gleichfalls dessen Arm, setzte jedoch die Unterhaltung mit Inßarow fort. Sie fragte ihn, wie in seiner Sprache das Maiblümchen, der Ahorn, de Eiche, die Linde hießen . . . (– Bulgarien! dachte der arme Andrei Petrowitsch.)
Plötzlich ließ sich in einiger Entfernung ein Schrei hören; Alle erhoben den Kopf: Schubin‘s Cigarrentasche flog in ein Gebüsch, von Zoë’s Hand fortgeschlendert. – Warten Sie nur, ich werde Sie das entgelten lassen! rief er, kroch in das Gebüsch, holte von dort seine Cigarrentasche und wollte zu Zoë zurück; er hatte jedoch noch nicht Zeit gehabt, zu ihr heranzukommen, da flog seine Cigarrentasche über den Weg. Fünf Mal wiederholte sich der Spaß, er lachte dazu laut und drohte, während Zoë still lächelte und sich wie ein Kätzchen krümmte. Endlich erhaschte er ihre Finger und preßte sie so heftig, daß sie aufschrie, noch lange nachher auf ihre Hand bließ und sich bös stellte, während er ihr etwas ins Ohr lispelte.
– Ausgelassenes junges Volk, sagte Anna Wassiljewna fröhlich zu Uwar Iwanowitsch.
Dieser machte eine Fingerbewegung dazu.
– Was sagen Sie zu Zoë Nikitischna? fragte Berßenjew Helene.
– Und zu Schubin? fragte sie ihn.
Die ganze Gesellschaft war inzwischen zum Lusthause, das unter dem Namen »Zur schönen Aussicht« bekannt ist, gekommen und machte dort Halt, um sich am Anblicke der zarizinischen Teiche zu ergötzten. Sie zogen sich, einer hinter dem anderen, mehrere Werst weit hin. Im Hintergrunde lag ein dichter, dunkler Wald. Der Rasen, der den Abhang des Hügels bis zum Hauptteiche hinab bedeckte, gab der Wasserfläche eine außerordentlich grelle, smaragdgrüne Färbung. Nirgends, nicht einmal am Ufer, erhob sich die kleinste Welle; nirgends war Schaum zu sehen; nirgends kräuselte sich die glatte Spiegelfläche des Wassers. Es schien, als ob eine Masse geschmolzenen Glases schwer und klar ein ungeheures Becken angefüllt, und der Himmel sich auf den Grund desselben gesenkt habe, und spiegelten sich die unbeweglichen krausen Bäume auf dem hellen Grunde ab. Lange und mit stummem Entzücken betrachteten Alle das Bild; sogar Schubin war ruhig geworden und selbst Zoë stand in Gedanken verloren. Endlich kam sie Alle die Lust an, eine Fahrt auf dem Wasser zu machen. Schubin, Inßarow und Berßenjew liefen um die Wette über den Rasen hinab. Sie fanden ein großes, bemaltes Boot, schafften zwei Bootsknechte herbei und riefen die Damen. Die Damen gingen »hinab« vorsichtig ließ sich nach ihnen Uwar Iwanowitsch hinunter. Bis er ins Boot gestiegen war und seinen Platz eingenommen hatte, wurde viel gelacht. – Geben Sie Acht, Herr, setzen Sie uns nicht unter Wasser, bemerkte einer der Ruderer, ein junger stutznasiger Bursche in rothem, baumwollenem Hemd. – Nun, nun, Maulaffe! sagte Uwar Iwanowitsch. Das Boot stieß ab. Die jungen Leute versuchten die Ruder in die Hand zu nehmen, doch nur einer von ihnen, Inßarow, verstand zu rudern. Schubin machte den Vorschlag, ein russisches Lied im Chor zu singen und stimmte das: »Hinab den lieben Wolgastrom« an . . . Berßenjew, Zoë und selbst Anna Wassiljewna stimmten ein (Inßarow konnte nicht singen), es gab jedoch eine Disharmonie; bei dem dritten Verse verwirrten sich die Sänger, nur Berßenjew versuchte noch im Baß weiter zu singen: »Nichts zu sehen in den Wellen,« fiel jedoch auch bald durch. Die Ruderer tauschten mit einander Blicke und lächelten still. – Was denkt Ihr Euch? wandte sich Schubin zu ihnen, – Ihr glaubt wohl, die Herrschaften können nicht singen? Der Bursche im rothen Hemd schüttelte den Kopf. – Na, warte nur, Du Stutznase, fuhr Schubin fort, – wir wollen Dir‘s zeigen. Zoë Nikitischna, singen Sie uns doch »Le lac« von Niedermeyer. Nicht gerudert, Ihr! Die nassen Ruder streckten sich wie Flügel in die Luft und blieben unbeweglich, von plätschernden Wassertropfen triefend; das Boot glitt noch ein wenig fort und hielt dann, einen leichten Kreis um sich beschreibend, wie ein Schwan auf dem Wasser still. Zoë machte einige Umstände . . . – Allons! ermuthigte Anna Wassiljewna freundlich . . .
Zoë warf den Hut ab und begann:
– O lac, l‘année à peine a fini sa carrière . . .
Zoë‘s nicht umfangreiche, doch klare Stimme schallte über die Spiegelfläche des Teiches hin; weithin aus den Wäldern schlug jedes Wort zurück, wie wenn auch dort Jemand mit deutlicher und geheimnißvoller, aber nicht menschlicher, nicht irdischer Stimme sänge. Als Zoë geendet hatte, erschallte ein lautes Bravo aus, einem der Pavillons am Ufer und es sprangen einige Deutsche mit erhitzten Gesichtern hervor, die nach Zarizino gekommen waren, um zu kneipen. Einige von ihnen waren ohne Rock, ohne Halsbinde und sogar ohne Weste und riefen so ungestüm: – bis! daß Anna Wassiljewna befahl, rasch nach dem entgegengesetzten Ufer des Teiches hinüber zu rudern. Doch bevor noch das Boot ans Land stieß, gelang es Uwar Iwanowitsch, nochmals seine Bekannten in Verwunderung zu setzen; er hatte bemerkt, daß an einer Stelle des Waldes das Echo besonders deutlich jeden Laut zurückwarf und plötzlich begann er nach Art der Wachteln zu schnarren. Anfangs fuhren Alle zusammen, empfunden jedoch bald ein wahres Vergnügen, um so mehr, da Uwar Iwanowitsch sehr getreu und rein den Wachtelschlag nachmachte. Dieser Erfolg munterte ihn auf und er versuchte zu miauen; dies fiel jedoch bei ihm nicht so gut aus, daher ließ er noch einen Wachtelschlag hören, blickte im Kreise umher und verstummte. Schubin wollte sich ihm an den Hals werfen, er stieß ihn zurück. In diesem Augenblick war das Boot am Ufer angekommen und die ganze Gesellschaft stieg ans Land.
Während dieser Zeit hatten die Kutscher mit einem Diener und dem Stubenmädchen die Körbe aus der Kutsche hervorgeholt und auf dem Rasen unter einer alten Linde die Mittagstafel zubereitet. Alle ließen sich um das ausgebreitete Tischtuch nieder und griffen die Pasteten und die übrigen Speisen an. Alle hatten herrlichen Appetit. Anna Wassiljewna setzte fortwährend ihren Gästen etwas vor und forderte dieselben auf, recht viel zu essen, mit der Versicherung, das wäre im Freien sehr gesund. Sie richtete dieselbe Nöthigung auch an Uwar Iwanowitsch. – Seien Sie unbesorgt, knurrte er ihr mit vollem Munde entgegen. – Hat uns der Herr einen prachtvollen Tag geschenkt! wiederholte sie ohne Unterlaß. Sie war nicht wieder zu erkennen; um zwanzig Jahre jünger schien sie geworden zu sein. Berßenjew sagte es ihr. – Ja, ja, erwiederte sie, – auch ich habe meine Zeit gehabt; aus einem Dutzend hätte man mich nicht herausgeworfen.8 Schubin hatte sich zu Zoë gesetzt und goß ihr fortwährend Wein ein; sie weigerte sich, er drang in sie und das Ende davon war, daß er das Glas selbst leerte und ihr dann wieder zusetzte; auch betheuerte er, er wolle, wie Hamlet, den Kopf auf ihren Schooß legen, sie wollte ihm aber nicht gestatten, »sich solche Freiheit herauszunehmen«. Helene schien ernsthafter als die Uebrigen, ihr Herz war aber wunderbar ruhig, wie sie es schon lange nicht empfunden hatte. Sie fühlte sich zu Unbegrenzter Güte gestimmt und wollte beständig nicht Inßarow allein, sondern auch Berßenjew an ihrer Seite haben . . . Andrei Petrowitsch hatte eine dunkle Ahnung von dem, was das bedeute und seufzte im Stillen.
Die Stunden flogen; der Abend rückte heran. Plötzlich gerieth Anna Wassiljewna in Aufregung. – Ach, meine Besten, wie ist es schon spät, sagte sie. – Wir haben gut gegessen, gut getrunken, nun ist‘s Zeit, sich den Mund zu wischen. Sie erhob sich, die Uebrigen folgten ihrem Beispiel, und man begab sich zum Schloß, wo die Wagen standen. Als die Gesellschaft bei den Teichen vorüberkam, blieb sie stehen, um sich noch ein Mal an den Schönheiten Zarizinos zu ergötzen. Das Abendlicht hatte sich über die Landschaft ergossen; der Himmel war geröthet, das Laub, vom erwachten leichten Winde gewiegt, erglänzte im Wechselschein von Hell und Dunkel; wie geschmolzenes Gold schimmerten die Wasser in der Ferne; auf dem schwarzgrünen Hintergrunde der Bäume stachen scharf die ziegelrothen Thürmchen und Pavillons ab, die im Parke hier und dort zerstreut waren. – Lebe wohl, Zarizino, wir werden den heutigen Ausflug nicht vergessen! sagte Anna Wassiljewna . . . Doch in diesem Augenblick, und gleichsam als eine Bestätigung ihrer letzten Worte, ereignete sich ein sonderbarer Vorfall, der in der That nicht ganz leicht zu vergessen war.
Noch hatte Anna Wassiljewna ihren Abschiedsgruß an Zarizino nicht zu Ende gebracht, als auf einmal einige Schritte von ihr, hinter Fliedergebüschen, wirres Rufen, Gelächter und Geschrei ertönte . . . und ein ganzer Schwarm von Männern in unordentlicher Haltung, dieselben Freunde des Gesanges, welche so ungestüm Zoë Beifall geklatscht hatten, auf den Weg stürzte. Die Herren schienen angetrunken zu sein. Beim Anblick der Damen blieben sie stehen; einer von ihnen jedoch, ein Mensch von hohem Wuchse, mit Stiernacken und erhitzten Stieraugen, trennte sich von seinen Gefährten, grüßte linkisch und näherte sich schwankend der vor Schreck wie versteinerten Anna Wassiljewna.
– Bonjour! Madam, sagte er mit heiserer Stimme, wie befinden Sie sich?
Anna Wassiljewna taumelte zurück.
– Und warum denn, fuhr der Lange in schlechtem Russisch fort, wollten Sie nicht bis singen, als unsere ganze Compagnie bis schrie und Bravo und Foro?
– Ja wohl, ja wohl, warum wollten Sie nicht singen? ließen sich Stimmen in dem Haufen hören.
Inßarow wollte hervortreten, Schubin hielt ihn aber zurück und stellte sich wie zum Schutze vor Anna Wassiljewna.
– Erlauben Sie, begann er, ehrenwerther Unbekannter, Ihnen das unzweideutige Erstaunen auszudrücken, in welches Sie uns Alle durch Ihren Auftritt versetzen. So weit ich‘s zu beurtheilen vermag, gehören Sie zum sächsischen Stamm der kaukasischen Race, folglich dürfen wir bei Ihnen Kenntniß gesellschaftlicher Gesittung voraussehen, und doch richten Sie Worte an eine Dame, welcher Sie nicht vorgestellt worden sind. Seien Sie versichert, zu jeder anderen Zeit wäre es mir ein besonderes Vergnügen, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen, denn ich werde an Ihnen eine staunenerregende Entwicklung der Muskeln: biceps, triceps und doltoïdeus gewahr, so daß ich es als plastischer Künstler es für ein wahres Glück erachten würde, Sie zu meinem Modell zu haben; jetzt aber lassen Sie uns in Ruhe.
»Der ehrenwerthe Unbekannte, hörte die ganze Rede Schubin’s, mit verächtlicher Neigung des Kopfes und die Arme in die Seite gestemmt, an.
– Von dem Allen, was Sie da gesagt, verstehe ich nichts, erwiederte endlich der Lange. Sie denken vielleicht, ich sei Schuster oder Uhrmacher? He! Ich bin Offizier, ich bin Beamter, ja!
– Daran zweier ich nicht, begann Schubin wieder.
– Ich sage blos dies, fuhr der Unbekannte fort, indem er Schubin mit mächtiger Hand wie einen Zweig, der im Wege steht, bei Seite schob, ich sage blos, warum haben Sie nicht bis gesungen, als wir bin schrien? Jetzt aber gehe ich sogleich, in der Minute, nur muß dieses Fräulein, nicht diese Madam, die nicht – jenes Fräulein, oder dieses (er bezeichnete Helene und Zoë), muß mir einen Kuß geben, wie wir im Deutschen sagen: ein Küßchen; ja wohl; was ist denn dran? das ist nichts!
– Nichts, einen Kuß, weiter nichts, riefen Einige im Haufen. Ih! der Sakramenter! stieß vor Lachen stickend ein bereits ganz fertiger Deutscher aus.
Zoë faßte Inßarow beim Arme, er riß sich aber von ihr los und stellte sich gerade vor den langen Unverschämten.
– Jetzt gehen Sie gefälligst fort, sagte er mit nicht sehr lauter, doch fester Stimme.
« Helene.
Der Deutsche lachte dumpf. Wie, fort? Na, das gefällt mir! Darf ich denn nicht auch spazieren? Ich soll fortgehen? Warum fortgehen?
– Weil Sie sich unterstanden haben, eine Dame zu belästigen, sagte Inßarow und wurde plötzlich bleich, weil Sie betrunken sind.
– Was? ich betrunken? Hört! Hören Sie das, Herr Provisor? Ich bin Offizier, und er wagt es . . . Jetzt fordere ich »Satisfaction!« Einen Kuß will ich.
– Nur einen Schritt noch . . . sagte Inßarow.
– Na? und was dann?
– Dann werfe ich Sie in‘s Wasser.
– In‘s Wassers »Herrje!« Weiter nichts? Na, das möchte ich sehen, muß hübsch sein, so in’s Wasser . . .
Der Herr »Offizier« streckte die Arme aus und that einen Schritt, doch da ereignete sich plötzlich etwas Außerordentliches: der Lange ließ ein Gekrächze hören, sein riesiger Körper wankte, löste sich, mit den Füßen nach oben, vom Boden ab, und bevor noch die Damen einen Schrei auszustoßen vermochten, bevor Jemand etwas von dem, was vorging, begreifen konnte, plumpte der Herr »Offizier« mit seinem ganzen Gewichte und mit lautem Geplätscher in den Teich und verschwand sogleich in dem Wasserwirbel.
– Ah! schrien die Damen wie aus einem Munde.
– Mein Gott! ließ sich‘s auf der anderen Seite hören.
Eine Minute verging . . . und ein runder Kopf, ganz von nassem Haar umklebt, zeigte sich über dem Wassers dieser Kopf stieß Blasen aus; zwei Hände arbeiteten krampfhaft, hart vor dem Munde dieses Kopfes.
– Er wird ertrinken, rettet ihn, rettet ihn!« schrie Anna Wassiljewna Inßarow zu, der mit ausgespreizten Beinen am Ufer stand und schwer Athem holte.
– Er wird herauskommen, sagte er mit verächtlicher und harter Nachlässigkeit.– Kommen Sie, setzte er hinzu, indem er Anna Wassiljewna bei der Hand nahm, – kommen Sie, Uwar Iwanowitsch, Helene Nikolajewna.
– A. . a . . o . . . o . . .« ließ sich in diesem Augenblicke das Klagen des unglücklichen Deutschen hören, dem es gelungen war, das Schilfrohr des Ufers zu erfassen.
Alle folgten Inßarow und mußten hart an der »Compagnie« vorbei. Doch, ihres Anführers beraubt, waren die Zechbrüder stiller geworden und ließen kein Wörtchen hören: einer nur, der Tapferste unter ihnen, brummte, mit dem Kopfe schüttelnd: – Nu, das ist doch. . . das ist, Gott weiß, was, nach solchem . . .ein Anderer zog sogar den Hut ab. Inßarow mochte ihnen recht erschrecklich vorkommen, und nicht ohne Grund: es lag etwas Unheimliches, etwas Gefahrdrohendes in seinem Gesicht. Die Deutschen beeilten sich, ihren Gefährten herauszuziehen, der, kaum auf trockenem Boden, in weinerlichem Tone den »russischen Spitzbuben« nachschimpfte und nachschrie, er werde sie verklagen, werde zu Sr. Excellenz selbst, zum Grafen von Kieseritz, gehen . . .
Die »russischen Spitzbuben« nahmen indessen keine Notiz von seinem Geschrei und eilten, so rasch es ging, dem Schlosse zu. Alle schwiegen, so lange sie durch den Park gingen, – nur Anna Wassiljewna stöhnte leise. Endlich gelangten sie zu den Equipagen und brachen nun Alle in ein unaufhaltsames, unbändiges Lachen aus, wie im Homer die Bewohner des Olymps. Zuerst war‘s Schubin, der mit Gewieher, wie wahnsinnig losplatzte, nach ihm vernahm man Berßenjew’s sich überstürzendes, schallendes Lachen, dann kam Zoë‘s feines, perlendes Kichern und Anna Wassiljewna’s ruckweises Aufschreien, Helene selbst mußte lächeln und sogar Inßarow vermochte zuletzt nicht dem Drange zu widerstehen. Doch schallender, anhaltender und rasender als Alle lachte Uwar Iwanowitsch: er lachte bis er Seitenstechen bekam, ihn Riesen überfiel und er zu ersticken glaubte. Als er sich etwas beruhigt hatte, wiederholte er mit fließenden Augen: – ich . . . denke . . . mir . . . muß etwas . . . geplatzt sein . . . und das . . . das war er . . . platt auf den Bauch . . . Und mit dem letzten, krampfhaft vorgebrachten Worte erschütterte ein neuer Ausbruch von Lachen seinen ganzen Körper. Zoë hetzte ihn noch mehr auf. – Da sehe ich, sagte sie, fliegen Beine durch die Luft . . . – Ja, ja, fing Uwar Iwanowitsch auf, – Beine, ja Beine . . . dann klatsch! fällt er auf den Bauch! – Ja wohl, und wie fein er es angefangen hat, der Deutsche war ja wohl dreimal länger? fragte Zoë. – Ich will’s Ihnen erklären, sagte Uwar Iwanowitsch, sich die Augen trocknend, – ich habe es gesehen: mit einer Hand an den Gurt, ein Bein gestellt und klatsch! Ich höre: was war das? . . . das ist er, auf den Bauch . . . platt . . .
Schon längst waren die Equipagen davongerollt, schon war das zarizinsche Schloß ihren Augen entschwunden, aber Uwar Iwanowitsch wollte sich noch immer nicht beruhigen. Schubin, der wieder mit ihm in der Kalesche saß, brachte ihn endlich zur Vernunft.
Inßarow war verlegen. Er saß in der Kutsche Helene gegenüber und schwieg (Berßenjew hatte den Kutschersitz bestiegen); sie schwieg gleichfalls. Er dachte, er habe ihre Mißbilligung erregt; sie tadelte ihn jedoch nicht. Im ersten Augenblicke war sie sehr erschrocken gewesen; darauf hatte der Ausdruck seines Gesichtes sie befremdet« und dann hatte sie sich ihren Gedanken hingegeben. Es war ihr nicht ganz klar, worüber sie nachgedacht hatte. Das Gefühl, welches sie im Laufe des Tages beherrscht, war verschwunden, sie war sich dessen bewußt; doch etwas Anderes, wovon sie in diesem Augenblicke noch keine Vorstellung hatte, war an die Stelle jenes Gefühles getreten. Die partie de plaisir hatte sich zu sehr in die Länge gezogen, unbemerkt war der Abend in Nacht übergegangen. Die Kutsche rollte rasch dahin, bald reifenden Feldern, wo die Luft schwül und duftig war und an Getreide erinnerte, bald an breiten Wiesen vorüber, von denen plötzlich sanfte Kühle den Gesichtern entgegenwehte. Am Horizont schien der Himmel in Rauch gehüllt. Endlich stieg der Mond auf, trübe und roth. Anna Wassiljewna schlummerte; Zoë guckte zum Kutschenfenster hinaus auf die Landstraße. Helene fiel es endlich ein, daß sie mehr als eine Stunde nichts mit Inßarow gesprochen hatte. Sie richtete an ihn eine unbedeutende Frage: er gab ihr sogleich freudig Antwort. Dumpf verworrene Laute, wie wenn Tausende von Stimmen in der Ferne geredet hätten, schlugen immer näher an ihr Ohr: Moskau kaut ihnen entgegen. Lichter tauchten vor ihnen auf; es wurden ihrer immer mehr und mehr; endlich erdröhnte Steinpflaster unter den Rädern. Anna Wassiljewna erwachte; Alle in der Kutsche sprachen, obgleich Niemand mehr unterscheiden konnte, wovon gesprochen wurde, so heftig war das Gerassel des Pflasters unter den Rädern der Wagen und der zweiunddreißig Hufe der Pferde. Lang und langweilig däuchte ihnen die Fahrt von Moskau nach Kunzowo; Alle schliefen oder schwiegen und hatten die Köpfe in verschiedene Ecken gedrückt; nur Helene schloß nicht die Augen, sie hielt dieselben fortwährend auf die dunkle Gestalt Inßarow’s geheftet. Schubin war auf ein Mal betrübt geworden, ein leichter Wind blies ihm in‘s Gesicht und ärgerte ihn; er schlug den Kragen des Mantels in die Höhe und hätte fast geweint. Uwar Iwanowitsch schnarchte, ganz gemächlich hin- und herwackelnd. Endlich hielten die Wagen an. Zwei Diener hoben Anna Wassiljewna aus der Kutsche; sie war ganz aufgelöst und erklärte beim Abschiede ihren Freunden, es wäre kein Funken Leben in ihr; die Freunde bedankten sich bei ihr, sie aber äußerte wiederholt: sie wäre kaum mehr am Leben. Helene drückte Inßarow zum ersten Male die Hand, und blieb noch lange angekleidet am Fenster sitzen; Schubin fand einen geeigneten Augenblick, dem fortgehenden Berßenjew zuzuraunen: – Nun, ist das kein Held? wirft er doch betrunkene Deutsche in‘s Wasser!
– Und Du hast nicht einmal das gethan, entgegnete Berßenjew und begab sich mit Inßarow nach Hause.
Die Morgenröthe stieg bereits am Himmel empor, als beide Freunde ihre Wohnung erreichten. Noch war die Sonne nicht aufgegangen, aber schon spürte man die Morgenkühle, grauweißer Thau lag auf dem Grase und die ersten Lerchen stiegen singend in die halbdunkele, lustige Tiefe, aus welcher, einem vereinzelten Auge gleich, ein großer, später Stern hernieder blickte.
XVI
Helene hatte bald nachdem sie Inßarow‘s Bekanntschaft gemacht ein Tagebuch (zum fünften oder sechsten Male) begonnen. Folgendes sind Bruchstücke aus demselben:
Juni: . . . Andrei Petrowitsch bringt mir Bücher, ich kann sie aber nicht lesen. Es ihm zu sagen . . . schäme ich mich; ihm die Bücher zurückgeben, ihn hintergehen, ihm sagen ich hätte sie gelesen . . . mag ich nicht. Es könnte ihn betrüben. Er achtet sehr auf mich. Er scheint sehr an mir zu hängen. Ein sehr braver Mensch Andrei Petrowitscht . . .
. . . Was will ich denn? Warum ist mir das Herz so schwer, warum möchte ich verschmachten? Warum befällt mich Neid, wenn ich die Vögel vorüberfliegen sehe? Mich dünkt, ich möchte mit ihnen davonfliegen, davon . . . wohin? ich weiß nicht, aber fort, weit fort von hier. Ist dieser Wunsch aber nicht sündhaft? Ich habe hier Vater, Mutter, die Meinigen. Liebe ich sie denn nicht? Nein, ich liebe sie nicht so, wie ich sie lieben möchte. Es kommt schwer über meine Lippen, ist aber doch wahr. Ich bin vielleicht eine große Sünderin; vielleicht ist das der Grund, daß ich so traurig bin, daß ich keine Ruhe finde. Es liegt wie eine Hand auf mir, die mich drückt. Ich bin wie in einem Gefängnis, es ist mir, als müßten die Wände jeden Augenblick zusammenstürzen. Warum haben Andere nicht dieses Gefühl? Wen soll ich denn lieben, wenn mich die Meinigen kalt lassen? Mein Vater muß doch wohl Recht haben, wenn er mir vorwirft, ich liebe nur Hunde und Katzen. Darüber muß ich nachdenken. Ich bete selten; ich muß beten . . . Doch mir scheint, ich könnte doch lieben!
. . . Ich bin immer noch scheu gegen Herrn Inßarow. Ich weiß nicht weshalb; ich bin doch kein Kind mehr und er ist so einfach und gut. Zuweilen ist sein Gesicht sehr ernsthaft. Es liegt ihm wahrscheinlich nichts an uns. Ich fühle es und mache mir ein Gewissen daraus, ihm seine Zeit zu rauben. Andrei Petrowitsch . . . das ist etwas Anderes! Mit ihm könnte ich den ganzen Tag verplaudern. Und er spricht auch nur von Inßarow. Und was für schreckliche Sachen! Ich habe ihn diese Nacht mit einem Dolche in der Hand im Traume gesehen. Und er schien zu mir zu sagen: .
– Ich werde Dich umbringen, werde mich umbringen. Was für Dummheiten!
. . . O, wenn mir doch Jemand sagte: dies mußt Du thun! Gut sein . . . ist wenig; Gutes thun . . . ja, das ist die Hauptsache im Leben. Wie aber soll man das Gute thun? O, könnte ich mich doch selbst erfassen! Ich begreife nicht, warum Herr Inßarow mir so oft in den Sinn kommt. Wenn er dasitzt, aufmerksam zuhört und dabei so ruhig ist, so natürlich, sehe ich ihn an und mir ist wohl . . . und weiter nichts; ist er fortgegangen, dann kommen mir beständig seine Worte in’s Gedächtniß, und ich ärgere mich über mich selbst und gerathe in Aufregung . . . weiß selbst nicht worüber. (Er spricht schlecht französisch und schämt sich dessen nicht, das gefällt mir.) Uebrigens geben mir neue Gesichter immer viel zu denken. Als ich mich mit ihm unterhielt, kam mir unser Diener Wassili in den Sinn, der aus einem brennenden Bauernhause einen lahmen Alten rettete und beinahe selbst dabei umgekommen wäre. Papa nannte ihn einen braven Kerl, Mama schenkte ihm fünf Rubel, und mich wandelte die Lust an, ihm zu Füßen zu fallen. Er hatte auch ein einfaches, sogar dummes Gesicht und ist später Säufer geworden.
. . . Ich gab heute einer Bettlerin einen Groschen und sie fragte mich: – Warum bist Du so betrübt? Ich vermuthete gar nicht, daß ich ein betrübtes Gesicht hätte. Ich glaube, es kommt daher, daß ich allein, immer allein bin, mit Allem was an mir Gutes, mit Allem was an mir Schlechtes ist. Es ist Niemand, der mir die Hand reicht. Wer sich mir nähert, den brauche ich nicht, und wen ich möchte, der geht vorüber.
. . Ich weiß nicht, was heute in mir vorgeht; mein Kopf ist verwirrt, ich möchte auf die Knie sinken und beten und um Gnade flehen. Es ist mir, als schlüge man mich todt, wer und wie? ich weiß es nicht! In meinem Inneren schreie ich auf und bin in Verzweiflung; ich weine und kann die Thränen nicht zurückhalten . . . Mein Gott! mein Gott! beschwichtige diese Ausbrüche meines Innern! Du allein kannst es, alles Andere ist ohnmächtig; weder meine armen Gaben, noch meine Arbeiten, nichts, nichts kann mir helfen. Wäre ich irgendwo Dienstmädchen, wahrhaftig, mir wäre besser.
. . . Wozu giebt es eine Jugend, warum habe ich ein Leben, eine Seele, wozu das Alles? . . .
. . . Inßarow, Herr Inßarow – ich weiß wirklich nicht, wie ich das schreiben soll – hört nicht auf, mich zu interessiren. Ich möchte erfuhren, was in seiner Seele vorgeht! Er scheint so offen, so zugänglich zu sein, und doch ist mir Alles verschlossen. Zuweilen blickt er mich mit forschendem Blicke an . . . oder ist das nur Einbildung von mir? Paul reizt mich beständig – ich bin böse auf Paul. Was will er? Er ist in mich verliebt. . . ich brauche aber seine Liebe nicht. Auch in Zoë ist er verIiebt. Ich bin ungerecht gegen ihn; er sagte gestern zu mir, ich wäre nicht im Stande, nur halb ungerecht zu sein . . . wahr. Das ist aber sehr schlecht von mir.
Ach, ich fühle es, es bedarf der Mensch des Unglücks, oder der Armuth, oder der Krankheit, sonst vergißt er sich leicht.
. . . Warum hat mir heute Andrei Petrowitsch von jenen zwei Bulgaren erzählt! Es scheint, er hat es absichtlich gethan. Was geht mich Herr Inßarow an? Ich bin Andrei Petrowitsch böse.
. . Ich ergreife die Feder und weiß nicht wie ich beginnen soll. Wie unerwartet redete er mich heute im Garten an! Wie war er freundlich und zutraulich! Wie das schnell gekommen ist! Als wären wir alte, alte Bekannte und hätten uns eben erst erkannt. Wie war es mir möglich, ihn bis heute nicht zu verstehen! Wie nahe steht er mir jetzt! Und merkwürdig ist dabei, daß ich jetzt bedeutend ruhiger geworden bin. Es kommt mir lächerlich vor: gestern war ich auf Andrei Petrowitsch böse, auf ihn, ich nannte ihn sogar Herr Inßarow und heute . . . Da ist doch endlich ein wahrheitsliebender Mensch; auf ihn kann man sich verlassen. Dieser lügt nicht; das ist der erste Mensch, der nicht lügt, den ich treffe, alle übrigen lügen, Alles lügt. Andrei Petrowitsch, Lieber, Guter, warum thue ich Ihnen Unrecht? Nein! Andrei Petrowitsch ist vielleicht gelehrter als er, Vielleicht auch klüger . . . Ich weiß nicht, er ist aber so klein im Vergleich zu ihm. Wenn jener von seinem Vaterlande spricht, wird er groß und immer größer und sein Gesicht wird schön und die Stimme wie Stahl, und es giebt dann sicher keinen Menschen auf der Welt, vor welchem er den Blick zu Boden senkte. Und es sind nicht bloße Worte – es liegen Thaten hinter ihm und Thaten warten seiner. Ich werde ihn darum fragen . . . Wie er sich plötzlich nach mir umwandte und lächelte! . . . Nur Brüder können so lächeln. Ach, wie bin ich zufrieden! Als er das erste Mal zu uns kam, glaubte ich durchaus nicht, daß wir sobald bekannt werden könnten. Jetzt denke ich mit Vergnügen daran, daß ich das erste Mal gleichgültig geblieben bin. . . Gleichgültig? Wäre ich jetzt denn nicht gleichgültig?
. . Schon längst habe ich keine solche innere Ruhe gefühlt. Es ist so still, so still in mir. Ich habe nichts aufzuschreiben. Ich sehe ihn oft, das ist Alles. Was gäbe es noch aufzuschreiben?
. . . Paul hat sich eingeschlossen; Andrei Petrowitsch besucht uns seltener . . . der Arme! Mir scheint, er . . . Doch nein, das kann nicht sein. Ich liebe Andrei Petrowitsch’s Unterhaltung: niemals spricht er über sich selbst, immer nur von wichtigen, nützlichen Dingen. Nicht so Schubin. Schubin ist zierlich wie ein Schmetterling, und freut sich seiner Zierlichkeit, das thun Schmetterlinge nicht. Uebrigens, sowohl Schubin als Andrei Petrowitsch . . . ja, ich weiß, was ich sagen will . . .
. . . Ihm gefällt’s, zu uns zu kommen, das sehe ich. Warum aber? was hat er an mir gefunden? Es ist allerdings wahr, wir haben gleichen Geschmack, er und ich, wir mögen Beide nicht Gedichte; verstehen Beide nichts von Kunst. Doch um wie viel ist er besser als ich! Er ist gesetzt und ich bin in ewiger Aufregung; er hat eine Bahn vor sich, ein Ziel – ich aber, wohin führt mein Pfad? wo ist mein Nest? Er ist ruhig, aber alle seine Gedanken schweifen in die Ferne. Es wird eine Zeit kommen und er wird uns aus immer verlassen, wird in seine Heimath zurückkehren, dahin, über’s Meer. Nun, Gott geleite ihn! Ich werde mich freuen, ihn gekannt zu haben, so lange er hier weilte.
Warum ist er nicht Russe? Nein, er könnte nicht Russe sein.
Mama hat ihn auch lieb; sie sagt: ein bescheidener Mensch. Gute Mama! Sie versteht ihn nicht. Paul schweigt, er hat es bemerkt, daß mir seine Anspielungen unangenehm sind, er ist aber eifersüchtig aus ihn. Der böse Knabe! Und was für ein Recht hat er dazu? Habe ich wohl jemals . . .
Das ist Alles Unsinn! Warum kommt mir alles dies in den Kopf?
. . . Es ist aber doch sonderbar, daß ich bis jetzt, bis zu meinem zwanzigsten Jahre, Niemand geliebt habe! Mir scheint, Dmitri’s Seele (ich will ihn immer Dmitri nennen, mir gefällt der Name Dmitri) ist darum so klar, weil er sich ganz seiner Sache, seiner Idee hingegeben hat. Weshalb sollte er unruhig sein? Wer sich ganz . . . ganz . . . ganz . . . hingegeben hat, hat wenig Sorge, braucht für nichts einzustehen. Nicht ich bin‘s, der da will: die Sache will’s. Er und ich, wir lieben auch dieselben Blumen. Ich pflückte heute eine Rose . . . Ein Blatt fiel zu Boden, er hob es auf . . . Ich gab ihm die ganze Rose.
. . . Seit einiger Zeit habe ich sonderbare Träume. Was das wohl bedeuten mag?
. . . Dmitri kommt oft zu uns. Gestern blieb er den ganzen Abend. Er will mir Unterricht im Bulgarischen geben. Mit ihm ist mir wohl, wie zu Hause. Besser als zu Hause.
. . . Die Tage fliehen . . . Mir ist so wohl und zugleich so unbestimmt bange um’s Herz; es treibt mich, Gott zu danken und Thränen sind mir nahe! O wonnige, lichte Tage!
. . . Es ist mir nach wie vor leicht um’s Herz und nur selten, selten ein wenig betrübt. Ich bin glücklich. Bin ich glücklich?
. . . Die gestrige Ausfahrt werde ich lange nicht vergessen. Was für eigenthümliche, neue, schreckliche Eindrücke! Als er plötzlich jenen Riesen packte und wie einen Ball in’s Wasser schleuderte, war ich nicht erschrocken . . . er aber flößte mir Schrecken ein. Und dann . . . welch ein unheilbringendes, fast grausames Gesicht, als er sagte: er wird schon herauskommen! Das zerriß mir das Innere. Ich habe ihn also nicht verstanden. Und dann, als Alle lachten, wie schmerzte es mich um ihn! Er schämte sich, ich fühlte es, er schämte sich vor mir. Er hat es mir nachher in der Kutsche gestanden, als es dunkel war und ich seine Gestalt betrachtete und mich vor ihm fürchtete. Ja, mit ihm läßt sich nicht scherzen und er versteht, sich Jemandes anzunehmen. Wozu aber die Wuth, die zuckenden Lippen, das Gift in den Blicken? Oder vielleicht geht es anders nicht? Vielleicht kann man nicht Mann und Kämpfer und dabei sanft und weich zugleich sein? Das Leben ist ein rauhes Ding, sagte er neulich zu mir. Ich wiederholte dieses Wort vor Andrei Petrowitsch; er war nicht derselben Meinung wie Dmitri. Wer von Beiden hat Recht? Und wie schön hatte dieser Tag begonnen! Wie wohl war mir an seiner Seite, auch wenn wir nichts sprachen . . . Ich bin aber doch froh über den Vorfall. Es mußte so kommen.
. . . Wieder Unruhe . . . Ich bin nicht ganz wohl.
. . . Ich habe in all diesen Tagen nichts hier hereingeschrieben, weil ich nicht schreiben mochte. Ich fühlte, daß, was ich auch schriebe, es wäre nicht, was mir auf der Seele liegt . . . Was ist’s denn, was mir aus der Seele liegt? Ich hatte mit ihm eine lange Unterhaltung, die mich über Vieles aufklärte. Er theilte mir seine Pläne mit. (Jetzt weiß ich auch, woher die Narbe am Halse . . . Mein Gott! wenn ich denke, daß er schon zum Tode verurtheilt gewesen ist, daß er nur mit genauer Noth entkam, verwundet wurde . . .) Er sieht einen Krieg kommen und freut sich darauf. Und bei alledem sah ich Dmitri noch nie so traurig. Worüber kann er . . . er! . . . sich betrüben? Papa kehrte aus der Stadt zurück, traf uns Beide und blickte uns ganz sonderbar an. Andrei Petrowitsch war bei uns, ich bemerkte, daß er sehr mager und bleich war. Er machte mir Vorwürfe, als verfahre ich gar zu kalt und nachlässig gegen Schubin. Ich hatte den Paul ganz vergessen. Wenn ich ihn sehe, will ich mein Unrecht wieder gut machen. Jetzt ist mir‘s nicht um ihn . . . ist mir‘s um Niemand auf der Welt zu thun. Andrei Petrowitsch sprach mit mir wie in einer Art Mitleid. Was soll das Alles bedeuten? Warum ist es so finster um mich her und in meinem Innern? Mich däucht, um mich her und in mir selbst geht ein Räthsel vor sich, das Wort muß gefunden werden . . .
. . . Ich habe diese Nacht nicht geschlafen, mein Kopf schmerzt. Wozu schreiben? Er ist heute so schnell fortgegangen, und ich hätte doch so gern mit ihm gesprochen . . . Er scheint mich zu vermeiden. Ja« er vermeidet mich . . .
. . . Das Wort ist gefunden, ein Licht ist mir aufgegangen! Mein Gott! erbarme Dich meiner . . . Ich liebe!
XVII
An demselben Tage« als Helene jenes letzte« verhängnißvolle Wort in ihr Tagebuch schrieb, saß Inßarow auf Berßenjew’s Zimmer und Letzterer stand mit dem Ausdrucke des Erstaunens auf dem Gesichte vor ihm. Inßarow hatte ihm soeben seinen Entschluß, nach Moskau zurückzukehren, mitgetheilt.
– Aber ich bitte Sie! rief Berßenjew, – jetzt beginnt die schönste Zeit. Was werden Sie in Moskau anfangen? Was für ein plötzlicher Entschluß! Oder hätten Sie vielleicht irgend eine Nachricht erhalten?
– Ich habe keinerlei Nachricht erhalten, erwiederte Inßarow, – kann aber meinen Grundsätzen nach nicht mehr hier bleiben.
– Aber wie ist es möglich!
– Andrei Petrowitsch, sagte Inßarow, – haben Sie die Güte, dringen Sie nicht weiter in mich, ich bitte Sie. Mir selbst fällt es schwer, von Ihnen zu scheiden, doch läßt sich dabei nichts ändern.
Berßenjew blickte ihn fest an.
– Ich weiß, sagte er darauf, – Sie sind nicht zu überreden. So ist’s also abgemacht?
– Durchaus abgemacht, entgegnete Inßarow, stand auf und entfernte sich.
Berßenjew ging ein paar Mal durch das Zimmer, nahm seinen Hut und begab sich zu Stachow’s.
– Sie haben mir etwas mitzutheilen? sagte Helene zu ihm, sobald sie allein waren.
– Ja; woraus haben Sie es errathen?
– Das ist einerlei. Reden Sie, was ist’s?
Berßenjew theilte ihr Inßarow’s Entschluß mit.
Helene erbleichte.
– Was hat das zu bedeuten? brachte Sie mit Mühe hervor.
– Sie wissen, sagte Berßenjew, – daß Dmitri Nikanorowitsch über seine Handlungen Rechenschaft zu geben nicht liebt. Ich glaube aber . . . Setzen wir uns, Helene Nikolajewna, Sie scheinen nicht ganz wohl zu sein . . . Ich glaube den wahren Grund seiner plötzlichen Abreise errathen zu können.
– Was, was ist der Grund? wiederholte Helene, indem sie Berßenjew’s Hand, ohne es selbst zu bemerken, heftig in ihren kalt gewordenen Händen preßte.
– Ja« sehen Sie, begann Berßenjew mit traurigem Lächeln, – wie erkläre ich Ihnen das denn gleich? Ich muß wohl vom Frühlinge, von jener Zeit, als ich mit Inßarow näher bekannt wurde, beginnen. Ich traf mit ihm damals in dem Hause eines Verwandten zusammen; dieser Verwandte hatte eine Tochter, ein sehr hübsches Mädchen. Ich glaubte zu bemerken, daß Inßarow nicht gleichgültig gegen sie war und sagte es ihm. Er lachte und gab mir zur Antwort, ich wäre im Irrthum, sein Herz sei unversehrt und wenn sich je etwas der Art mit ihm ereignete, so würde er auf der Stelle fortreisen, denn er wolle nicht – das waren seine eigenen Worte – um Befriedigung eines persönlichen Empfindens, untreu werden an seinem Vorhaben und an seiner Pflicht. Ich bin Bulgare, sagte er, ich kann keine russische Liebe brauchen.
– Nun . . . und was . . . glauben Sie jetzt . . . sagte Helene leise und mit abgewandtem Kopfe, wie Jemand, der den Todesstreich erwartet, doch ohne Berßenjews Hand aus der ihrigen zu lassen.
– Ich glaube, sagte er mit gedämpftem Tone« – ich glaube, es ist jetzt das eingetroffen, was ich damals blos vermuthete.
– Das heißt . . . Sie glauben . . . quälen Sie mich nicht! stieß plötzlich Helene aus.
– Ich glaube, vollendete hastig Berßenjew, – Inßarow hat jetzt ein russisches Mädchen liebgewonnen und, seinem Gelübde treu, den Entschluß gefaßt, zu entfliehen.
Helene preßte seine Hand noch fester zusammen und beugte noch tiefer ihren Kopf, als wolle sie die plötzliche Röthe, die Gesicht und Hals überzogen hatte, dem Auge eines Fremden entziehen.
– Andrei Petrowitsch, Sie sind gut wie ein Engel, sagte sie. – Er wird aber doch noch kommen, um Abschied zu nehmen?
– Ja, ich denke, er wird gewiß kommen, denn er wird doch nicht fortgehen wollen . . .
– Sagen Sie ihm, sagen Sie . . .
Doch das junge Mädchen trug es länger nicht: Thränen stürzten aus ihren Augen, sie lief zum Zimmer hinaus.
– So also liebt sie ihn, dachte Berßenjew, als er langsam nach Hause zurückkehrte. – Das hatte ich nicht erwartet; ich hatte nicht erwartet, daß es so weit sei! Ich bin gut, hat sie gesagt, fuhr er in seinen Betrachtungen fort. – Wer kann denn sagen, aus welchen Gefühlen und Regungen ich das Alles Helene mittheilte? Aus Güte geschah es nicht, aus Güte nicht. Immer das verdammte Verlangen nach Klarheit, den Drang, sich zu vergewissern, ob der Dolch wirklich in der Wunde steckt! Ich darf zufrieden sein . . . sie lieben einander, und ich habe ihnen geholfen . . . Einen künftigen Vermittler zwischen der Wissenschaft und dem russischen Publikum nennt mich Schubin; es scheint seit meiner Geburt meine Bestimmung gewesen zu sein, den Vermittler zu machen. Aber wenn ich mich täuschte? Nein, ich habe mich nicht getäuscht . . . Bitter war es Andrei Petrowitsch zu Muthe, und Raumer wollte ihm nicht in den Kopf.
Am folgenden Tage, gegen zwei Uhr, erschien Inßarow bei Stachow’s. Der Zufall wollte, daß gerade in diesem Augenblicke in Anna Wassiljewna‘s Gastzimmer Besuch war. Es saß dort die Frau eines Geistlichen aus der Nachbarschaft, eine sehr brave und achtbare Person, die aber mit der Polizei ein wenig in Conflict gerathen war, weil sie den Einfall gehabt hatte, sich bei der großen Hitze im Teiche am Wege zu baden, wo die Familie eines wichtigen Generals vorüberzufahren pflegte. Die Anwesenheit einer fremden Person war anfangs Helene willkommen, die ganz bleich geworden, als sie Inßarow‘s Schritte vernahm; doch drückte der Gedanke, er könne sich verabschieden, ohne mit ihr unter vier Augen gesprochen zu haben, ihr das Herz ab. Er selbst schien verwirrt, und wich ihren Blicken aus. – Wird er denn wirklich gleich Abschied nehmen? dachte Helene. Inßarow machte in der That Miene, sich zu Anna Wassiljewna zu wenden, Helene erhob sich rasch und rief ihn auf die Seite ans Fenster. Die Frau des Geistlichen war verwundert und versuchte sich umzuwenden; sie war aber so fest geschnürt, daß ihre Schnürbrust bei jeder Bewegung des Körpers knackte. Sie blieb also ruhig sitzen.
– Hören Sie, sagte Helene eilig, – ich weiß, weshalb Sie gekommen sind; Andrei Petrowitsch hat mir Ihren Entschluß mitgetheilt, ich bitte Sie aber, ich flehe Sie an, nicht heute Abschied von uns zu nehmen, sondern morgen, etwas früher, um elf Uhr, herzukommen. Ich muß Ihnen ein paar Worte sagen.
»Inßarow beugte schweigend den Kopf.
– Ich werde Sie nicht aufhalten . . . Versprechen Sie das?
Inßarow verbeugte sich wieder, sagte aber nichts.
– Lenotschka, komm her, sagte Anna Wassiljewna, – sieh doch, was für einen wundervollen Strickbeutel die Frau Pfarrerin hat.
– Ich habe ihn selbst genäht, setzte die Dame hinzu.
Helene verließ das Fenster.
Inßarow blieb nur eine Viertelstunde bei Stachow’s. Helene betrachtete ihn insgeheim. Er war verlegen, wußte nicht, wohin er blicken sollte und entfernte sich auf sonderbare Art . . . so plötzlich; er verschwand gleichsam.
Langsam verging dieser Tag für Helene; noch langsamer schlich die lange, lange Nacht dahin. Bald saß Helene auf ihrem Bett und hatte ihre Knie mit der Armen umschlungen und den Kopf auf dieselben gelegt, bald trat sie ans Fenster und preßte die heiße Stirn an das kalte Glas, und dachte und dachte bis zur Erschöpfung dieselben und immer dieselben Gedanken. Ihr Herz war zu Stein geworden, war aus der Brust förmlich verschwunden; sie fühlte es nicht mehr; aber im Kopfe pochten heftig die Adern, das Haar brannte ihr, die Lippen waren trocken. – Er wird kommen . . . er hat nicht Abschied genommen von Mama . . . er wird uns nicht täuschen . . . Hat Andrei Petrowitsch die Wahrheit gesagt? Es kann nicht sein . . . Mit Worten hat er nicht versprochen zu kommen . . . Verläßt er mich denn auf immer? . . . Das waren die Gedanken, die nicht von ihr wichen . . . sie gingen nicht und kamen nicht . . . sie wogten aber beständig in ihr, wie ein Nebel. – Er liebt mich! zuckte es plötzlich durch alle ihre Glieder und starr blickte sie hinaus in die Finsterniß; zu einem heimlichen Lächeln, Niemandem sichtbar, öffneten sich ihre Lippen . . . sie unterdrückte es aber sogleich, warf die gefalteten Hände in den Nacken und wiederum, wie ein Nebel, begannen die Gedanken den alten Reigen. Gegen Morgen entkleidete sie sich und ging zu Bett, konnte aber nicht einschlafen. Die ersten feurigen Strahlen der Sonne fielen in ihr Zimmer . . . – O wenn er mich liebt! rief sie plötzlich, und ohne Scheu vor dem sich über sie ergießendem Lichte breitete sie ihre Arme aus . . .
Sie erhob sich von ihrem Lager, warf sich in ihre Kleider und ging hinunter. Es war noch Niemand im Hause wach. Sie begab sich in den Garten; dort aber war es so still, so grün und frisch, die Vögel zwitscherten so zutraulich, die Blumen streckten so freudig ihre Kronen empor, daß ihr unheimlich wurde. – O! dachte sie« – ist’s wahr, so ist kein Grashalm glücklicher als ich, ist’s aber wahr? Sie kehrte auf ihr Zimmer zurück und, um sich nur die Zeit zu vertreiben, begann sie ihren Anzug zu wechseln. Es fiel und glitt ihr aber Alles aus den Händen, und sie saß noch halb entkleidet vor ihrem Totlettespiegel, als sie zum Thee herabgerufen wurde. Sie begab sich hinunter; die Mutter bemerkte ihr bleiches Aussehen, sagte aber blos: – Wie bist Du heute interessant, und nachdem sie einen Blick auf sie geworfen, setzte sie hinzu: – Dieses Kleid steht Dir sehr gut; ziehe es jedes Mal an, wenn Du Jemandem zu gefallen wünschest. Helene antwortete nichts, und setzte sich in einen Winkel. Es schlug unterdessen neun Uhr; noch zwei Stunden bis elf Uhr. Helene nahm ein, Buch vor, dann eine Handarbeit, dann wieder das Buch; dann nahm sie sich vor, hundert Mal eine Allee auf- und abzugeben und führte es aus; dann schaute sie lange Anna Wassiljewna zu, als diese Patience auslegte . . . sie blickte auf die Uhr: es war noch nicht zehn. Schubin kam ins Gastzimmer. Sie versuchte mit ihm zu sprechen und entschuldigte sich bei ihm, sie wußte selbst nicht, worüber . . . Jedes Wort, das sie sprach, kostete ihr nicht etwa Mühe, sondern befremdete sie selbst. Schubin beugte sich zu ihr nieder. Sie erwartete eine Neckerei, hob die Augen auf ihn und sah vor sich ein betrübtes und wohlwollendes Gesicht . . . Sie lächelte diesem Gesicht entgegen. Schubin gab das Lächeln zurück und entfernte sich schweigend und still. Sie wollte ihn zurückhalten, wußte jedoch nicht gleich, wie ihn rufen. Endlich schlug es elf Uhr. Sie begann zu warten, zu warten und zu lauschen. Sie war nicht mehr im Stande etwas zu thun; sie hörte auf zu denken. Ihr Herz war wieder erwacht, es sing an lauter und lauter zu pochen und sonderbar, die Zeit schien rascher zu vergehen. Eine Viertelstunde war vergangen, eine halbe Stunde, dann noch einige Minuten, wie es Helene schien, und plötzlich fuhr sie zusammen: die Uhr hatte nicht zwölf, sie hatte eins geschlagen. – Er wird nicht kommen, er wird ohne Abschied abreisen . . . Dieser Gedanke stieg ihr mit dem Blute zu Kopfe. Sie fühlte, daß ihr der Athem verging, daß sie sogleich in Thränen ausbrechen werde . . . Sie lief auf ihr Zimmer und fiel, das Gesicht in die gefalteten Hände gedrückt, auf ihr Bett.
Eine halbe Stunde lag sie unbeweglich; zwischen die Finger hindurch rannen ihre Thränen auf das Kissen. Auf einmal richtete sie sich auf und setzte sich hin; es war etwas Sonderbares in ihr vorgegangen: ihr Gesicht hatte sich verändert, die feuchten Augen wurden von selbst wieder trocken und bekamen den früheren Glanz wieder, die Brauen traten vor, die Lippen preßten sich zusammen. Noch eine halbe Stunde war verflossen. Helene neigte zum letzten Male das, Ohr, ob nicht eine bekannte Stimme an dasselbe gelangen werde? Sie erhob sich, setzte den Hut auf, zog die Handschuhe an, warf eine Mantille über die Schulter und schlich sich aus dem Hause. Eiligen Schrittes schlug sie den Weg zu Berßenjew’s Wohnung ein.
XVIII
Helene ging mit vorgestrecktem Kopfe und unbeweglich in die Ferne gerichtetem Blicke dahin. Sie fürchtete nichts, überlegte nichts; sie wollte noch ein Mal Inßarow sehen. So ging sie dahin, ohne zu bemerken, daß die Sonne schon längst hinter schweren, schwarzen Wolken verschwunden war und der Wind in Stößen durch die Bäume rauschte und mit ihrem Kleide sein Spiel trieb, daß eine Staubsäule plötzlich emporwirbelte und auf dem Wege daherzog. Es fielen bereits schwere Regentropfen, auch das bemerkte sie nicht; immer stärker wurde der Regen, es blitzte, der Donner rollte. Helene blieb stehen, blickte um sich . . . Zu ihrem Glücke befand sich nicht weit von der Stelle, wo das Gewitter sie ereilt hatte, eine kleine, alte Capelle neben einem eingefallenen Brunnen. Sie flüchtete dorthin und trat unter das niedrige Schutzdach. Der Regen goß in Strömen herab; rund umher war der Himmel mit Wolken bedeckt. In stummer Verzweiflung blickte Helene hinaus in das dichte Netz der rasch niederstürzenden Tropfen. Die letzte Hoffnung, Inßarow wiederzusehen, schwand für sie dahin. Ein altes Bettelweib trat in die Capelle, schüttelte das Wasser von sich ab, sagte mit einem Gruße: – »Vom Regen hergetrieben, Mütterchen,« und setzte sich ächzend und stöhnend auf einen Vorsprung neben dem Brunnen. Helene steckte die Hand in die Tasche, die Alte wurde diese Bewegung gewahr und ihr runzeliges und gelbes, vormals hübsches Gesicht, wurde belebt. – Ich danke Dir, mein Herzchen, sagte sie. Helene fand nicht ihren Beutel in der Tasche, und schon streckte die Alte die Hand aus . . .
– Geld habe ich nicht, mein Mütterchen, sagte Helene, – da nimm aber, vielleicht kann es Dir zu etwas nützen.
Sie gab ihr ihr Taschentuch.
– O, mein schönes Kind, sagte die Bettlerin, – wozu nützt mir Dein Tüchelchen? Für die Enkelin will, ich’s aufbewahren, wenn die einmal heirathen wird. Gott lohne Dir Deine Güte!
Es ertönte ein Donnerschlag-.
– Herr, Du mein Jesus! murmelte die Alte und bekreuzte sich drei Mal. – Scheint mir’s doch, ich hätte Dich schon einmal gesehen, setzte sie nach einer kleinen Weile hinzu. – Hast Du mir nicht einmal eine Gabe um Gottes willen gegeben?
Helene sah die Alte an und erkannte sie.
– Ja, mein Mütterchen, entgegnete sie. – Du fragtest mich noch, warum ich so betrübt sei?
– Richtig, mein Liebchen, richtig. Wusste ich‘s doch, daß ich Dich erkannt hatte. Du scheinst aber auch jetzt noch in Kummer zu leben. Und Dein Tüchelchen ist auch ganz naß, das sind Thränen. Ach, Ihr jungen Fräulein, habt Alle denselben Schmerz, den großen Kummer!
– Welchen Schmerz, Mütterchen?
– Welchen Schmerz? Ach, Du mein schönes Fräulein, mich Alte wirst Du nicht täuschen. Weiß ich doch, was Dich bekümmert, es ist kein Waisenkindsjammer, der Dich drückt. Bin auch jung gewesen, Herzchen, habe das auch, Alles durchgemacht. Ja wohl. Nun will ich Dir aber, für Dein gutes Herz, was sagen: Hast Du einmal einen rechten Mann gefunden, keinen Windbeutel, dann halte nur fest an ihm allein; halte fest bis ans Grab. Soll es kommen, wird es kommen, soll es nicht, so ist es Gottes Wille gewesen. Ja wohl. Was staunst Du mich so an? Kann ja auch Wahrsagerin sein. Du wirst sehen, mit Deinem Tüchlein trage ich all’ Deinen Kummer davon! Trage ihn davon, und weg ist er. Sieh’ einmal, der Regen hat nachgelassen; warte ihn noch ab, ich aber will gehen. Mir kommt er nicht das erste Mal. Vergiß also nicht, mein Liebchen, Kummer kam und Kummer ging, und nichts ist davon nachgeblieben. Oh Du mein lieber Gott!
Die Alte erhob sich von ihrem Sitze, verließ die Capelle und schleppte sich ihres Weges weiter. Helene blickte ihr erstaunt nach. – Was soll das? murmelte sie unwillkürlich.
Immer schwächer wurde der Regen, für einen Augenblick schien die Sonne hindurch. Schon wollte Helene ihre Zufluchtsstätte verlassen . . . da erblickte sie plötzlich, zehn Schritte von der Capelle, Inßarow. In einen Mantel gehüllt, kam er denselben Weg, den Helene gegangen war; er schien nach Hause zu eilen.
Sie stützte sich auf das verfallene Geländer, wollte, rufen, aber die Stimme versagte ihr . . . Inßarow ging vorüber, ohne den Kopf zu erheben . . .
– Dmitri Nikanorowitsch! entschlüpfte es endlich ihren Lippen. Inßarow blieb plötzlich stehen und blickte zurück . . . Im ersten Augenblicke erkannte er Helene nicht, trat jedoch sofort zu ihr heran. – Sie! Sie hier! rief er aus.
Schweigend trat sie in die Capelle zurück. Inßarow folgte ihr. – Sie sind hier? wiederholte er.
Sie verharrte in Schweigen und ließ blos einen langen, weichen Blick auf ihm ruhen. Er schlug die Augen nieder.
– Sie kommen von uns? fragte sie ihn.
– Nein . . . nicht von Ihnen.
– Nicht? wiederholte Helene und versuchte zu lächeln. – So also halten Sie Ihr Versprechen? Ich habe seit dem Morgen auf Sie gewartet.
– Erinnern Sie sich, Helene Nikolajewna, ich gab gestern kein Versprechen.
Helene lächelte abermals kaum merklich und fuhr mit der Hand über das Gesicht. Gesicht und Hände waren sehr bleich. – Sie wollten also ohne Abschied fortfahren?
– Ja, äußerte dumpf und barsch Inßarow.
– Wie? Nach unserer Bekanntschaft, nach jenen Unterhaltungen, nach Allem . . . Wenn ich Sie also nicht zufällig hier getroffen hätte (Helene’s Stimme klang, als wollte sie brechen und sie schwieg einen Augenblick) . . . wären Sie davongefahren und hätten mir die Hand nicht zum letzten Male gereicht, und es hätte Ihnen nicht leid gethan?
Inßarow wandte sich ab. – Helene Nikolajewna, ich bitte Sie, reden Sie nicht so. Ohnehin ist mir nicht froh zu Muthe. Glauben Sie mir, mein Entschluß hat mir große Ueberwindung gekostet. Wenn Sie wüßten . . .
– Ich will nicht wissen, unterbrach ihn Helene erschrocken, – weshalb Sie reisen . . . Es muß wohl so sein. Wir müssen uns wohl trennen. Ohne Grund werden Sie Ihre Freunde nicht betrüben. Scheiben aber Freunde so von einander? Wir sind doch Freunde, nicht wahr?
– Nein, entgegnete Inßarow.
– Wie? . . . stieß Helene hervor. Ihre Wangen überflog eine leichte Röthe.
– Eben deshalb reife ich fort, weil wir nicht Freunde sind. Zwingen Sie mich nicht, zu sagen, was ich nicht will, nicht sagen werde.
– Sie waren früher offen gegen mich, sagte Helene mit schüchternem Vorwürfe im Tone. – Wissen Sie’s wohl?
– Damals konnte ich offen sein, damals hatte ich nichts zu verheimlichen; jetzt aber . . .
– Nun, und jetzt? fragte Helene.
– Jetzt . . . Jetzt muß ich mich entfernen. Leben Sie wohl. Wenn Inßarow in diesem Augenblicke die Augen zu Helene aufgeschlagen hätte, hätte er gesehen, wie ihr Gesicht sich immer mehr verklärte, je mehr das seinige sich verfinsterte; er starrte jedoch den Boden an.
– Nun denn, leben Sie wohl, Dmitri Nikanorowitsch, sagte sie. – Geben Sie mir jetzt aber, da wir nun einander begegnet sind, Ihre Hand.
Inßarow streckte die Hand vor. – Nein, auch das kann ich nicht« sagte er und wandte sich wieder ab.
– Sie können es nicht?
– Ich kann es nicht. Leben Sie wohl. Und er schritt dem Eingange der Capelle zu.
– Warten Sie noch etwas, sagte Helene. – Sie scheinen mich zu fürchten. Ich habe aber mehr Muth als Sie, setzte sie, mit einem leichten Zittern am ganzen Körper, hinzu. – Ich kann Ihnen sagen . . . wollen Sie es wissen? . . . warum Sie mich hier getroffen haben? Wissen Sie, wohin ich ging?
Inßarow blickte verwundert Helene an.
– Ich ging zu Ihnen.
– Zu mir?
Helene bedeckte ihr Gesicht. – Sie wollten mich zwingen, Ihnen zu sagen, daß ich Sie liebe, flüsterte sie, – jetzt . . . habe ich es ausgesprochen.
– Helene! rief Inßarow.
Sie nahm ihre Hände vom Gesicht, warf einen Blick auf ihn und fiel an seine Brust.
Er hielt sie fest umschlungen und schwieg. Er brauchte ihr nicht zu sagen, daß er sie liebe. Aus seinem Ausrufe, allein, aus, der plötzlichen Umwandlung seines ganzen Wesens, aus der Bewegung der auf- und niederwogenden Brust, an welche sie sich so vertrauensvoll schmiegte, aus der Art, wie seine Finger ihr Haar berührten, konnte Helene verstehen, daß sie geliebt werde. Er schwieg, und sie forderte keine Worte. – Er ist da, er liebt . . . was brauche ich mehr? Die Stille des Glücks, die Stille des ungetrübten Hafens, des erreichten Zieles, jene himmlische Stille, die dem Tode selbst Sinn und Schönheit verleiht, erfüllte sie ganz mit ihrem überirdischen Frieden. Sie wünschte nichts, weil sie Alles besaß. – O mein Bruder, mein Freund, mein Geliebter! . . . flüsterten ihre Lippen; sie wußte selbst nicht, wem das Herz gehöre, ob es das seine, ob es das ihre war, das in ihrer Brust so beglückend schlug und zerfloß.
Er aber stand regungslos, mit kräftiger Umarmung hielt er dieses junge Leben, das sich ihm hingegeben hatte, er fühlte diese neue, unendlich kostbare Last an seiner Brust; Rührung, unsägliche Dankbarkeit hatten seine harte Seele gebrochen und nie geahnte Thränen traten ihm in die Augen . . .
Sie aber weinte nicht; sie sagte immer nur: – O mein Freund! o mein Bruder! – Und gehst Du mit mir überall hin? fragte er eine Viertelstunde später, sie immer noch in seinen Armen haltend und stützend.
– Ueberall hin, bis an’s Ende der Welt. Wo Du bist, bin auch ich.
– Und Du täuschest Dich nicht, Du weißt, daß Deine Eltern niemals in unsere Heirath willigen werden?
– Ich täusche mich nicht; ich weiß es.
– Du weißt, daß ich arm, fast ein Bettler bin?
– Ich weiß es.
– Daß ich nicht Russe bin, daß mir vom Schicksal nicht bestimmt ist, in Rußland zu leben, daß Du alle Deine Verbindungen mit dem Vaterlande, den Verwandten wirst abbrechen müssen?
– Ich weiß es, ich weiß es.
– Du weißt euch, daß ich mich einer schwierigen undankbaren Sache geweiht habe, daß ich . . . daß wir uns nicht allein Gefahren, sondern auch Entbehrungen, vielleicht der Erniedrigung werden aussetzen müssen?
– Ich weiß, weiß Alles . . . Ich liebe Dich.
– Daß Du alle Deine Gewohnheiten wirst lassen müssen, daß Du dort, allein, unter Fremden, vielleicht gezwungen sein wirst zu arbeiten . . .
Sie legte ihre Hand aus seine Lippen. – Ich liebe Dich, mein Geliebter.
Er küßte feurig ihre schmale, zarte Hand. Helene zog sie nicht von seinen Lippen zurück und sah ihm mit einer Art kindlicher Freude und heiterer Neugier zu, wie er bald ihre Hand, bald ihre Finger mit Küssen bedeckte . . .
Plötzlich wurde sie roth und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust.
Er hob freundlich ihren Kopf etwas in die Höhe und blickte ihr fest in die Augen.
– So sei Du mir gegrüßt, sagte er, – Du meine Gattin vor den Menschen und vor Gott!
XIX
Eine Stunde darauf trat Helene, ihren Hut in einer Hand, die Mantille in der anderen, leise in‘s Gastzimmer des Landhauses. Ihr Haar hatte sich leicht gelöst, auf jeder Wange war ein kleiner rosensarbiger Fleck zu bemerken, ein Lächeln kam nicht von ihren Lippen, die Augenlider senkten sich und halb geschlossen lächelten auch die Augen. Sie sank fast um vor Müdigkeit, und diese Müdigkeit war ihr angenehm, und überhaupt war ihr Alles angenehm. Alles schien ihr lieblich und freundlich. Uwar Iwanowitsch laß am Fenster; sie trat zu ihm heran, legte ihm die Hand auf die Schulter, streckte sich ein wenig und lachte unwillkürlich auf.
– Worüber? . . . fragte er verwundert.
Sie wußte nicht, was sie ihm sagen sollte. Sie hätte Uwar Iwanowitsch fast küssen mögen.
– Platt auf den Bauch, wie der Deutsche in Zarizino, sagte sie endlich.
Uwar Iwanowitsch zuckte mit keiner Miene und fuhr fort, Helene verwundert anzublicken. Sie ließ Mantille und Hut aus ihn fallen.
– Lieber Uwar Iwanowitsch, sagte sie, – ich will schlafen, ich bin müde, und sie lachte wieder und sank auf einen Lehnstuhl neben ihm.
– Hm, knurrte Uwar Iwanowitsch und bewegte die Finger. – Das, man sollte, ja . . .
Helene aber blickte um sich herum und dachte: – Bald werde ich mich von all’ diesem hier trennen . . . und sonderbar, nicht Furcht, noch Zweifel, noch Bedauern ist in mir . . . Doch nein, Mama thut mir leid! Dann stand wieder die Capelle vor ihren Gedanken, sie hörte wieder seine Stimme, sie fühlte sich von ihm umschlungen. Freudig, aber schwach, zuckte ihr Herz: die Erschöpfung des Glücks war auch über dieses Herz gekommen. Das alte Bettelweib fiel ihr ein: – Wahrhaftig, sie hat all, meinen Schmerz davongetragen, dachte sie. – O wie bin ich glücklich! wie unverdient! wie bald! Nur ein ganz klein wenig dem Willen nachgegeben, und süße, unaufhaltsame Thränen wären ihren Augen entströmt. Nur dadurch, daß sie lächelte, hielt sie dieselben zurück. Welche Stellung sie auch annehmen mochte, ihr schien, es gebe keine bessere, keine bequemere, ihr war’s, als werde sie gewiegt. Alle ihre Bewegungen waren langsam und weich; was war aus ihrer Hastigkeit, ihrem eckigen Benehmen geworden? Zoë trat herein; Helene war überzeugt, sie habe nie ein hübscheres Gesichtchen gesehen; Anna Wassiljewna kam; Helene war’s, als empfände sie einen Stich, aber mit welcher Zärtlichkeit umarmte sie ihre gute Mutter und küßte ihr die Stirn an dem Rande des Haars, das schon grau zu werden begann! Daraus begab sie sich in ihr Zimmer; wie lächelte dort ihr Alles entgegen! Mit welcher Empfindung verschämten Triumphes und Demuth setzte sie sich auf ihr Bettchen, auf dasselbe Bettchen, wo sie vor drei Stunden so bittere Augenblicke verlebt hatte! – Ich wußte ja aber schon dann, daß er mich liebt, dachte sie – und früher noch . . . Ach nein! nein! das ist nicht recht. Du bist meine Gattin . . . flüsterte sie, bedeckte das Gesicht mit den Händen und sank aus die Kissen.
Gegen Abend verfiel sie in Nachsinnen. Der Gedanke, daß sie Inßarow nicht bald wiedersehen sollte, machte sie traurig. Er durfte nicht, ohne Aussehen zu erregen, bei Berßenjew bleiben, und darum waren er und Helene über Folgendes übereingekommen: Inßarow sollte nach Moskau zurückfahren und sie vor dem Herbste noch zwei Mal besuchen; ihrerseits versprach sie ihm zu schreiben und wenn es möglich sei, ihm irgendwo in der Nähe von Kunzowo eine Zusammenkunft zu bestimmen. Zum Thee kam sie ins Gastzimmer herunter und traf daselbst alle Hausgenossen und Schubin, der sie von ihrem Eintritte ab aufmerksam beobachtete; sie wollte mit ihm, nach gewohnter Weise, ein freundschaftliches Gespräch anknüpfen, fürchtete sich jedoch vor seinem Scharfblick, ja vor sich selbst. Ihr schien, er habe sie nicht ohne Absicht mehr als zwei Wochen in Ruhe gelassen. Bald erschien Berßenjew und überbrachte Anna Wassiljewna einen Gruß von Inßarow und zugleich seine Entschuldigung, daß er, ohne ihr seine Empfehlung gemacht zu haben, nach Moskau zurückgereist sei. Zum ersten Male wurde an diesem Tage in Helene‘s Gegenwart Inßarow’s Name genannt; sie fühlte, daß sie roth wurde; sie fühlte zugleich, daß sie ihr Bedauern über die unerwartete Abreise eines so lieben Bekannten ausdrücken mußte; sie mochte sich aber nicht vorstellen und blieb nach wie vor unbeweglich und schweigsam sitzen, während Anna Wassiljewna ein »Ach!« ausstieß und klagte. Helene suchte in Berßenjew‘s Nähe zu bleiben; sie fürchtete ihn nicht, obgleich ein Theil ihres Geheimnisses ihm bekannt war; sie suchte bei ihm Schutz gegen Schubin, der sie immerfort, wenn auch verstohlen, aber doch aufmerksam betrachtete. Ueber Berßenjew kam an diesem Abend ein Zweifel an Helene, er hatte erwartet, sie trauriger zu finden. Zu ihrem Glücke entspann sich zwischen ihm und Schubin ein Streit über Kunst; sie zog sich zurück und vernahm die Stimmen Beider wie im Traum. . . Nach und nach erschien ihr auch das Zimmer, Alles um sie herum wie ein Traum . . . Alles: die Theemaschine auf dem Tische, die kurze Weste Uwar Iwanowitsch’s, die glatten Nägel Zoë‘s und das Portrait des Großfürsten Konstantin Pawlowitsch an der Wand, Alles schwamm durcheinander, hüllte sich in einen leichten Nebel und hörte auf, wirklich zu sein. Aber um Alle empfand sie ein stilles Leid. – Wozu leben die? dachte sie.
– Willst Du schlafen, Lenotschka? fragte sie die Mutter. Sie hörte die Frage der Mutter nicht.
– Eine halbgerechte Anspielung, sagst Du? . . . Diese heftig ausgesprochenen Worte Schubin‘s erregten plötzlich Helene‘s Aufmerksamkeit – Was fällt Dir ein, fuhr er fort, – darin gerade liegt das Pikante davon. Eine gerechte Anspielung erzeugt Muthlosigkeit . . . das ist nicht christlich; gegen den ungerechten Menschen bist Du gleichgültig . . . das ist dumm; der Halbgerechte aber flößt Dir Aerger und Ungeduld ein. Wenn ich zum Beispiel sagen wollte, Helene Nikolajewna sei in Einen von uns verliebt, zu welcher Gattung würde diese Anspielung gehören? Wie?
– Ach, Monsieur Paul, sagte Helene, – ich möchte Ihnen wohl meinen Aerger zeigen, aber wahrhaftig, ich vermag es nicht. Ich bin sehr müde.
– Warum gehst Du denn nicht schlafen, sagte Anna Wassiljewna, die Abends selbst einzunicken pflegte und daher Andere gern schlafen schickte. – Nimm Abschied von mir und gehe mit Gott. Andrei Petrowitsch wird es entschuldigen.
Helene küßte ihre Mutter, empfahl sich den Uebrigen und ging hinaus. Schubin folgte ihr bis zur Thür.
– Helene Nikolajewna, sagte er an der Schwelle leise zu ihr: – Sie treten Monsieur Paul mit Füßen, Sie treten ohne Barmherzigkeit auf ihm umher, und Monsieur Paul preist Ihre Füßchen und die Schuhe an Ihren Füßchen und die Sohlen dieser Schuhe.
Helene zuckte die Achseln und reichte ihm die Hand hin . . . nicht die, welche Inßarow geküßt hatte . . . In ihrem Zimmer angelangt, entkleidete sie sich sogleich, legte sich zu Bett und schlief ein. Ihr Schlaf war tief und ruhig . . . so schlafen selbst Kinder nicht: so schläft nur das genesene Kind, wenn die Mutter neben seiner Wiege sitzt, es anblickt und auf seinen Athem lauscht.
XX
– Komm zu mir auf einen Augenblick, sagte Schubin zu Berßenjew, als Letzterer sich bei Anna Wassiljewna verabschiedet hatte; – ich habe Dir Etwas zu zeigen.
Berßenjew begab sich aus dessen Zimmer in das Nebengebäude und erstaunte über die Menge Studien, Statuetten und Büsten, die, mit nassen Tüchern bedeckt, überall im Zimmer umher standen.
– Nun, Du machst ja Ernst aus Deiner Beschäftigung, wie ich sehe, bemerkte Berßenjew.
– Etwas muß man doch machen, entgegnete Jener. – Zieht das Eine nicht, muß das Andere d’ran. Ich beschäftige mich übrigens, wie der Corsicaner, mehr mit der Vendetta, als mit der edlen Kunst. Trema Bizanzia!
– Ich verstehe Dich nicht, sagte Berßenjew.
– Warte ein Weilchen. Betrachten Sie gefälligst, mein lieber Freund und Gönner, meine Rache Nummer Eins.
Schubin löste den Lappen von einer Figur, und erblickte die außerordentlich ähnliche, ausgezeichnete Büste Inßarow’s. Die Züge des Gesichts hatte Schubin bis in die kleinsten Einzelheiten treu aufgefaßt und in dieselben einen vortrefflichen Ausdruck gelegt: bieder, ehrlich, edel und kühn.
Berßenjew war entzückt.
– Das ist ja ein Meisterstück! rief er aus. Ich gratulire Dir. Das gehört auf die Ausstellung! Weshalb nennst Du aber diese ausgezeichnete Arbeit eine Rache?
– Deshalb nenne ich sie so, Sir, weil ich die Absicht habe, diese ausgezeichnete Arbeit, wie Sie dieselbe zu nennen beliebten, Helene Nikolajewna zu ihrem Namenstage zu überreichen. Verstehen Sie diese Allegorie? Wir sind nicht blind, wir sehen, was um uns her vorgeht, wir sind aber Gentleman, mein lieber Herr und nehmen gentlemännisch Rache.
– Und hier, fuhr Schubin fort, indem er eine andere Figur aufzudecken begann, – da nach den neueren Begriffen von Aesthetik der Künstler das beneidenswerthe Recht genießt, jede Abscheulichkeit in sich aufzunehmen, um dieselbe zu einer Perle der Kunst zu erheben, so haben wir, bei Erhebung dieser Perle Nummer Zwei, nicht mehr als Gentleman Rache geübt, sondern sind dabei ganz einfach, en canaille verfahren.
Er zog geschickt die Leinwand ab und es zeigte sich Berßenjew‘s Blicken eine Statuette in Dantan’schem Geschmack, von demselben Inßarow. Unmöglich konnte etwas Boshafteres und Witzigeres erfunden werden. Der junge Bulgare war als Schafbock, auf den Hinterfüßen stehend, die Hörner zum Stoße nach vorn gebeugt, dargestellt. Stumpfe Wichtigkeit, Zanksucht, Starrsinn, unbeholfene Beschränktheit waren deutlich in der Physiognomie des »Gemahles der feinwolligen Schafe« ausgedrückt und dabei war die Aehnlichkeit so überraschend, so unverkennbar, daß Berßenjew sich nicht enthalten konnte, laut aufzulachen.
– Was ein guter Spaß? fragte Schubin, – erkennst Du den Helden? Soll ich das auch auf die Ausstellung schicken? Das, mein Lieber, will ich mir selbst zu meinem Namenstage schenken . . . Erlauben mir Euer Hochwohlgeboren einen Bocksprung!
Und damit machte Schubin drei Sprünge und schlug sich dabei von hinten mit den Fersen.
Berßenjew hob das Tuch vom Boden auf und warf es über die Statuette.
– O Du Edelmüthiger, begann Schubin, – wer gilt denn gleich in der Geschichte für besonders edelmüthig? Nun, einerlei! Jetzt aber, fuhr er fort, feierlich und traurig, eine dritte, ziemlich beträchtliche Lehmmasse abdeckend, – jetzt wirft Du ein Etwas anschauen, was Dir einen Beweis geben wird von Deines Freundes Demüthigkeit und Scharfsinn. Du wirft Dich davon überzeugen, daß er, abermals als wahrhafter Künstler, das Bedürfniß und den Nutzen einer Selbstohrfeigung fühlt. Blicke her!
Die Leinwand fiel nieder und Berßenjew erblickte zwei gleichsam mit einander verwachsene Köpfe neben einander . . . Er begriff nicht sogleich, was das bedeute, erkannte aber nach einiger Betrachtung in dem einen Annuschka’s, in dem anderen Schubin’s eigenes Abbild. Es waren übrigens eher Carricaturen, als Portraits. Annuschka war als kräftiges, volles Mädchen, mit niedriger Stirn, aufgedunsenen Augen und keck aufgeworfener Nase dargestellt. In den wulstigen Lippen lag ein freches Lächeln; das ganze Gesicht drückte Sinnlichkeit, Sorglosigkeit und Verwegenheit, nicht ohne Gutmüthigkeit aus. Sich selbst hatte Schubin dargestellt als versoffenen, abgefallenen Zechbruder, mit eingefallenen Wangen, schlaff herabhängenden Strängen dünnen Haares, stumpfsinnigem Ausdrucke in den blöden Augen und leichenartig spitzer Nase.
Berßenjew wandte sich mit Abscheu ab. – Wie gefällt Dir das Pärchen, Bruder? fragte Schubin. – Würdest Du Dich nicht herablassen, eine passende Inschrift hierzu zu ersinnen? Zu jedem der beiden anderen Stücke habe ich schon eine erdacht. Unter der Büste soll stehen: »Ein Held« der sein Vaterland zu befreien beabsichtigt« Unter der Statuette: »Platz gemacht« Wurstmacher!«9 Und unter diesem Stücke . . . was meinst Du? . . . »Des Künstlers Pawel Jakowlewitsch Schubin Zukunft« . . . Ist es gut so?
– Höre auf, erwiederte Berßenjew. – Es war der Mühe werth, die Zeit an solch einem . . . Er fand nicht sogleich das passende Wort.
– Schmutz? willst Du sagen. Nein, Bruder, laß gut sein! soll etwas aus die Ausstellung kommen, muß diese Gruppe hin.
– Wirklich ist es Schmutz, wiederholte Berßenjew. – Und was soll der Unsinn? Es fehlen Dir ja alle die Anlagen zu einer solchen Ausbildung, mit denen leider unsere Künstler so reich begabt sind. Wahrhaftig, Du begehst eine Lüge an Dir selbst.
– Du glaubst? sagte Schubin mit finsterer Miene. – Wenn ich diese Anlagen nicht habe und ich sie doch bekommen werde, dann trägt die Schuld daran . . . eine gewisse Person. Weißt Du wohl, setzte er mit tragischem Stirnrunzeln hinzu, – ich habe schon versucht, mich dem Tranke zu ergeben!
– Lüge doch nicht!
– Bei Gott« ich habe es versucht, entgegnete Schubin und lächelte dabei und ward wieder heiter, – es ist aber nichts Angenehmes darin, ich bringe es nicht hinunter und nachher trommelt es im Kopfe. Sogar der große Luschtschichin . . . Charalampius Luschtschichin, der erste moskauer, nach Anderen der erste großrussische Trichter, hat erklärt, daß aus mir nichts werden wird. Die Flasche, wie er sich ausdrückt, hat mir nichts zu sagen.
Berßenjew holte zum Schlage gegen die Gruppe aus, Schubin hielt ihn zurück.
– Laß doch, zerschlage sie nicht, Bruder, das mag als eine Lehre, als Schreckbild stehen bleiben.
Berßenjew lachte auf.
– In diesem Falle will ich die Vogelscheuche verschonen, sagte er, – und die ewig reine Kunst soll leben!
– Sie lebe hoch! fiel Schubin ein. – Mit ihr wird das Gute besser und das Schlechte nimmt man schon mit!
Die Freunde drückten einander kräftig die Hand und schieden.
XXI
Die erste Empfindung Helene’s, als sie erwachte, war freudiger Schreck. – Ist es wahr? ist es wahr? fragte sie sich selbst und ihr Herz vermochte das Glück nicht zu fassen. Erinnerungen drängten sich ihr in Menge auf . . . sie verging ganz in denselben. Dann kam wieder die frühere wonnige, verzückte Ruhe über sie. Doch im Laufe des Morgens überfiel sie eine Unruhe und die folgenden Tage war ihr müde und trübe zu Muth. Ja, sie wußte es jetzt, wonach sie sich gesehnt, doch erleichterte sie das nicht. Jene unvergeßliche Zusammenkunft hatte sie für immer aus dem alten Geleise hinausgeworfen: sie befand sich nicht mehr in demselben, war ihm weit entrückt, und doch ging Alles um sie her den Gang der früheren Ordnung, als hätte sich nichts verändert; das alte Leben bewegte sich wie früher und rechnete wie früher auf Helene’s Theilnahme und Mitwirkung. Sie versuchte einen Brief an Inßarow zu beginnen, es ging damit nicht: die Worte standen auf dem Papiere wie todt, wie unwahr. Ihr Tagebuch schloß sie; unter die letzte Zeile zog sie einen großen Strich. Das gehörte der Vergangenheit an und sie lebte mit allen ihren Gedanken, mit ihrem ganzen Wesen in der Zukunft. Ihr war schwer ums Herz. Bei der Mutter, die von nichts unterrichtet war, zu sitzen, sie anzuhören, ihr zu antworten, mit ihr zu sprechen: es schien ihr ein Unrecht. Es war ihr, als trüge sie eine Lüge in sich; das empörte sie, obgleich sie über nichts zu erröthen hatte; mehr als ein Mal hatte sie ein fast unüberwindliches Verlangen angewandelt, Alles ohne Vorbehalt zu erzählen, geschehe was da wolle. – Warum, dachte sie, – hat mich Dmitri nicht damals schon, aus jener Capelle, irgend wohin entführt? Sie begann plötzlich Jedermann, sogar Uwar Iwanowitsch, zu scheuen, der jetzt mehr als je zuvor die Finger spielen ließ und befremdet schien. Nicht freundlich, nicht traulich, nicht wie ein Traum mehr schien ihr Alles, was sie umgab; wie ein Alp lastete es auf ihr, wie eine unabwälzbare, todte Luft und schien Vorwürfe an sie zu richten, Mißfallen gegen sie zu bezeigen, sie herauszufordern . . . Thue was Du willst, Du gehörst doch uns an. Selbst ihre armen Pfleglinge, die unbeachteten Vogel und Thiere, schienen sie mißtrauisch und feindselig anzublicken. Sie empfand Gewissensbisse und Scham vor ihren eigenen Gedanken. – Es bleibt doch immer mein Hans, dachte sie, – meine Familie, meine Heimath . . . Nein, es ist nicht mehr deine Heimath, nicht mehr deine Familie, rief ihr eine andere Stimme zu. Ihr wurde angst und sie ärgerte sich über ihren Kleinmuth. Das Weh begann erst und doch verließ sie schon die Geduld . . . War es das, was sie versprochen?
Nicht bald wurde sie Herrin ihrer selbst. Doch eine Woche verging, noch eine . . . Helene wurde etwas ruhiger und fand sich in ihre neue Stellung. Sie schrieb zwei kurze Briefe an Inßarow und trug sie selbst auf die Post: um keinen Preis, aus Scham wie ans Stolz, hatte sie einer Magd ihr Vertrauen geschenkt. Schon sing sie an, ihn selbst zu erwarten . . . Doch statt seiner erschien eines schönen Morgens Nikolai Artemjewitsch.
XXII
Noch nie hatte Jemand im Hause des Gardelieutenants a. D. Stachow denselben so übelgelaunt und zugleich so voll Selbstvertrauen und so wichtig gesehen, wie an diesem Tage. Er kam in Paletot und Hut, langsamen und breiten Schrittes, hart auftretend ins Gastzimmer herein, stellte sich vor den Spiegel und betrachtete sich lange, wiegte das Haupt mit ruhiger Strenge und nagte an seinen Lippen . . . Anna Wassiljewna empfing ihn äußerlich besorgt und im Herzen froh (sie empfing ihn nie anders); er nahm den Hut nicht einmal ab, begrüßte sie nicht und reichte Helene seinen Handschuh zum Kuß. Anna Wassiljewna richtete an ihn Fragen über seine Brunnencur . . . er gab ihr keine Antwort; Uwar Iwanowitsch trat herein . . . Stachow warf einen Blick auf ihn und sagte: – Bah! Sein Benehmen gegen Uwar Iwanowitsch war überhaupt kalt und herablassend, obwohl er ihm »Spuren echten Stachow’schen Blutes« nicht absprach. Es ist bekannt, daß fast alle russischen, adeligen Familien von dem Vorhandensein ausschließlicher, nur ihnen ungeborener Gattungseigenthümlichkeiten überzeugt sind; wir haben mehrmals Gelegenheit gehabt, Verhandlungen »Betheiligter« über ». . . sche« Nasen und ». . .sche« Nacken anzuhören. Zoë trat ins Zimmer und machte Nikolai Artemjewitsch einen Knicks. Krächzend ließ er sich in einen Lehnstuhl nieder, forderte Kaffee und nahm nun erst den Hut ab. Man brachte ihm den Kaffee; er trank eine Tasse und nachdem er der Reihe nach Alle im Zimmer mit Blicken gemustert, murmelte er durch die Zähne: – Sortez S’il vous plait, und setzte, zu seiner Frau gewendet, hinzu: – et vous, madame, restes, je vous prie.
Alle Anwesenden, außer Anna Wassiljewna, verließen das Zimmer. Ihr Kopf gerieth vor Aufregung ins Zittern. Die Feierlichkeit in Nikolai Artemjewitsch’s Auftreten machte sie ganz bestürzt. Sie war auf etwas Außerordentliches gefaßt.
– Was giebt es? rief sie, sobald die Thür sich geschlossen hatte.
Nikolai Artemjewitsch warf einen gleichgültigen Blick auf Anna Wassiljewna.
– Nichts Besonderes, warum haben Sie die Gewohnheit, immer die Miene eines Schlachtopfers anzunehmen? sagte er, bei jedem Worte die Mundwinkel herabziehend. – Ich habe Sie blos davon benachrichtigen wollen, das; wir heute zu Mittag einen neuen Gast haben werden.
– Wen denn?
– Kurnatowsky, Jegor Andrejewitsch. Sie kennen ihn nicht. Obersecretair im Senate.
– Er wird heute bei uns speisen?
– Ja.
– Und nur, um mir dies zu sagen, haben Sie Alle hinausgehen lassen?
Nikolai Artemjewitsch warf seiner Gattin wieder einen Blick zu, doch nun einen ironischen.
– Das verwundert Sie? Warten Sie doch mit Ihrer Verwunderung.
Er schwieg. Anna Wassiljewna schwieg auch einige Augenblicke.
– Ich wünschte doch . . . begann sie.
– Ich weiß, Sie haben mich von jeher für einen unmoralischen Menschen gehalten, unterbrach sie plötzlich Nikolai Artemjewitsch.
– Ich? stotterte befremdet Anna Wassiljewna.
– Und vielleicht haben Sie recht. Ich will nicht leugnen, daß ich Ihnen, in der That, zuweilen gerechten Anlaß zu Mißvergnügen gegeben habe (»die Grauschimmel« fielen ihr ein), obgleich Sie selbst zugeben werden, daß bei bewußtem Zustande Ihrer Constitution . . .
– Ich mache Ihnen ja keine Vorwürfe, Nikolai Artemjewitsch.
– C’est possible. Auf jeden Fall ist es nicht meine Absicht, mich zu rechtfertigen. Die Zeit – die Zukunft – wird mich rechtfertigen! Ich halte es jedoch für meine Schuldigkeit, Ihnen zu versichern, daß ich meine Pflichten kenne und . . . und den Vortheil der mir anvertrauten . . . mir anvertrauten Familie zu wahren weiß.
– Was bedeutet das Alles? dachte Anna Wassiljewna. (Sie konnte nicht wissen, daß am vergangenen Abend im englischen Club, in einer Ecke des Divanzinnners, über die Unfähigkeit des Russen, Speechs zu halten, gestritten worden war. – Wer bei uns versteht das Wort zu führen? Nennt mir Jemand! hatte einer der Streitenden ausgerufen. – Nun, Stachow, zum Beispiel, hatte ein Anderer geantwortet und dabei auf Nikolai Artemjewitsch gewiesen, der in der Nähe stand und vor Freuden fast gezwitschert hätte.)
– Zum Beispiel, fuhr Nikolai Artemjewitsch fort, – mein Kind Helene. Finden Sie nicht, daß es für sie Zeit sei, mit festem Schritte die Bahn zu betreten . . . zu heirathen, will ich sagen? All dies Philosophiren und Philanthropiren ist gut, jedoch nur bis zu einem gewissen Grade, bis zu einem gewissen Alter. Es ist Zeit, daß sie aus diesen Nebeln herauskomme, der Gesellschaft von allerlei Artisten, Scholaren und unbekannten Montenegrinern entsage und daß sie werde wie Alle,
– Wie soll ich Ihre Worte verstehen? fragte Anna Wassiljewna.
– Ich bitte mir Gehör zu schenken, erwiederte Nikolai Artemjewitsch mit jener oben bezeichneten Bewegung der Lippen. – Ich will es Ihnen gerade heraus. ohne allen Umschweif sagen: ich habe die Bekanntschaft. die Freundschaft dieses jungen Mannes. des Herrn Kurnatowsky gesucht. in der Hoffnung. ihn zum Schwiegersohn zu bekommen. Ich erlaube mir zu glauben, daß Sie, wenn Sie ihn gesehen haben würden, mich der Parteilichkeit oder Voreiligkeit nicht bezichtigen werden. (Nikolai Artemjewitsch redete und gewann sein Reden lieb.) Vortreffliche Bildung, Jurist, herrliches Benehmen, dreiunddreißig Jahre alt, Obersecretair, Collegienrath, Stanislaus am Halse. Ich hoffe, Sie werden mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ich nicht zu jenen pères de Comédie gehöre, die nur von Würden schwärmen; Sie haben mir aber selbst gesagt, daß Helene Nikolajewna an gediegenen, tüchtigen Männern Gefallen findet; Jegor Andrejewitsch ist der erste in seinem Fache; dann hat andererseits meine Tochter eine Schwäche für hochherzige Thaten; so erfahren Sie denn, daß Jegor Andrejewitsch, sobald er sich die Möglichkeit verschafft hatte, verstehen Sie mich wohl, die Möglichkeit, mit seinem Gehalte sicher auszukommen, sofort einer jährlichen Summe, die ihm sein Vater ausgesetzt hatte, zu Gunsten seiner Brüder entsagte.
– Und wer ist sein Vater? fragte Anna Wassiljewna.
– Sein Vater? Sein Vater ist auch ein in seiner Art bekannter Mann, von hoher Sittlichkeit, un vrai stoïcien, ein Major außer Diensten, wie ich glaube, der Verwalter aller Güter des Grafen B.
– Ah! ließ Anna Wassiljewna hören.
– Ah! warum ah? nahm Nikolai Artemjewitsch auf. – Sind Sie denn auch von Vorurtheilen angesteckt?
– Ich habe ja nichts gesagt, entgegnete Anna Wassiljewna.
– Nein, Sie sagten ah! . . . Wie dem nun auch sei, ich hielt es für nöthig, Sie von meinen Ansichten zu unterrichten und erlaube mir zu denken, . . . erlaube mir zu hoffen, daß Herr Kurnatowsky à bras ouverts empfangen werden wird. Das ist nicht etwa irgend ein Montenegriner.
– Freilich; es muß aber Wanka, der Koch, gerufen, ein Gericht mehr bestellt werden.
– Sie begreifen, daß dies mich nicht angeht, sagte Nikolai Artemjewitsch, er erhob sich, setzte den Hut auf und ging pfeifend in den Garten hinaus. (Es hatte ihm Jemand gesagt, man dürfe nur im eigenen Hause, auf dem Lande und auf der Reitbahn pfeifen.) Schubin sah ihn aus dem Fenster seines Zimmers und streckte schweigend die Zunge nach ihm aus.
Um vier Uhr weniger zehn Minuten fuhr eine Lohnkutsche bei der Thür des Stachow’schen Landhauses vor, und ein junger Mann, von gefälligem Aeußeren, einfach und elegant gekleidet, stieg aus dem Wagen und ließ sich anmelden. Es war Jegor Andrejewitsch Kurnatowsky.
Am anderen Tage schrieb Helene unter Anderem Folgendes ihrem Inßarow:
– Wünsche mir Glück, mein lieber Dmitri, ich habe einen Bräutigam. Er speiste gestern bei uns; Papa hat, glaube ich, seine Bekanntschaft im englischen Club gemacht und ihn eingeladen. Natürlich machte er gestern nicht als Bräutigam die Visite. Die gute Mama aber, welcher Papa seine Hoffnungen mitgetheilt, flüsterte mir ins Ohr, was für ein Gast das sei. Er heißt Jegor Andrejewitsch Kurnatowsky und ist Obersecretair im Senate. Ich will Dir zuerst sein Aeußeres beschreiben. Er ist nicht groß von Wuchse, kleiner als Du, hübsch gewachsen; seine Züge sind regelmäßig, er trägt das Haar kurz geschnitten und hat einen großen Backenbart. Seine Augen sind, wie die Deinigen, nicht groß, braun, rasch, die Lippen flach, breit; in den Augen und um die Lippen ein stetes, gewissermaßen officielles Lächeln, als wenn dasselbe dort immer du jour wäre. Er hält sich sehr einfach, seine Rede und Alles an ihm ist gemessen; er geht, lacht, ißt, wie wenn er eine Dienstangelegenheit verrichte. – Wie sie ihn studirt hat! denkst Du vielleicht in diesem Augenblicke Ja, und zwar um Dir eine Beschreibung von ihm zu geben. Und wie sollte man wohl den designirten Bräutigam nicht studiren! Es liegt etwas Eisernes . . . und Stumpfes und Leeres und zugleich – auch Ehrliches in ihm; man sagt, er soll in der That ein sehr rechtschaffener Mann sein. Du bist mir auch ein Mann von Eisen, aber doch nicht wie Der. Bei Tische saß er neben mir, uns gegenüber Schubin. Zuerst war die Rede von gewissen Handelsunternehmungen: es heißt, er sei darin bewandert und habe beinahe den Dienst aufgeben wollen, um Vorsteher einer großen Fabrik zu werden. Dazu kam es jedoch nicht. Darauf sprach Schubin vom Theater; Herr Kurnatowsky erklärte, und das muß ich ihm lassen, in ungeheuchelter Bescheidenheit, daß er von Kunst nichts verstehe. Da fielst Du mir ein . . . ich dachte aber: nein, Dmitri‘s und meine Unwissenheit in der Kunst ist doch anderer Art. Jener schien sagen zu wollen: ich verstehe nichts davon, übrigens ist es auch unnütz, wird aber in einem wohlgeordneten Staate geduldet. Für Petersburg und das comme il faut ist er übrigens ziemlich gleichgültig; ein Mal nannte er sich sogar einen Proletarier. – Wir, sagte er, machen die grobe Arbeit. Ich dachte: wenn Dmitri das gesagt hätte, wäre es mir unangenehm gewesen, dieser aber mag es sagen! mag damit großthun! Gegen mich war er sehr artig; mir klang’s aber, als spräche mit mir ein sehr nachsichtiger Vorgesetzter. Wenn er Jemand loben will, sagt er, der und der ist ein Mann von Grundsätzen – das ist sein letztes Wort. Er muß Selbstvertrauen, Arbeitsliebe haben, der Aufopferung fähig sein (Du siehst, ich bin unparteiisch), d.,h. der Aufopferung seines Vortheils, er ist aber ein großer Despot. Wehe denen, die ihm in die Hände gerathen! Dann kam das Gespräch auf Bestechungen . . . – Ich verstehe, sagte er, daß in vielen Fällen Derjenige, der sich Sporteln macht, nicht strafbar ist, er konnte nicht anders verfahren. Wenn er aber ertappt wird, muß er vernichtet werden.
– Einen Schuldlosen vernichten! rief ich aus.
– Ja, des Princips wegen.
– Welches Princips? fragte Schubin. Wurde nun dadurch Kurnatowsky verlegen, oder überrascht, genug, er sagte, das bedürfe keiner Erklärungen. Papa, der, wie es scheint, ganz von ihm eingenommen ist, griff das Wort auf und sagte, natürlich bedürfe es solcher nicht, und zu meinem Aerger wurde dies Gespräch abgebrochen. Abends kam Berßenjew und ließ sich in einen furchtbaren Wortstreit mit ihm ein. Noch niemals habe ich unseren guten Andrei Petrowitsch in solcher Aufregung gesehen. Herr Kurnatowsky leugnete keineswegs den Nutzen der Wissenschaft, der Universitäten u.s.w. . . . und dennoch war mir die Entrüstung Andrei Petrowitsch’s begreiflich. Jener betrachtet diese Dinge wie eine Art Gymnastik. Nach dem Essen trat Schubin zu mir und sagte: – Dieser da und noch ein Anderer (er kann Deinen Namen nicht aussprechen) sind beide praktische Männer, betrachten Sie aber, welch ein Unterschied: dort ist ein wirkliches, lebendiges, aus dem Leben genommenes Ideal, hier nicht einmal Pflichtgefühl, sondern blos Diensttreue und Geschick ohne inneren Gehalt. Schubin ist ein kluger Kopf, und ich habe seine gescheidten Reden um Deinetwillen behalten; was hättet ihr aber mit einander gemein, denke ich? Du glaubst, jener nicht, denn nur an sich selbst glauben ist unmöglich.
Er ging spät. Mama theilte mir mit, ich hätte ihm gefallen und Papa wäre entzückt . . . Ob er ihm nicht gar gesagt hat, daß ich auch Grundsätze habe? Beinahe hätte ich Mama erklärt, ich hätte aber bereits einen Mann. Warum mag Dich denn der Vater so gar nicht? Mit Mama ließe sich‘s noch irgendwie . . .
O mein Geliebter! Ich habe Dir diesen Herrn so umständlich geschildert, um meine Trauer zu betäuben. Ohne Dich lebe ich nicht, fortwährend sehe und höre ich Dich . . . Ich erwarte Dich, aber nicht bei uns, wie Du es anfangs gewollt hast . . . denke nur, wie das schwer und ungelegen sein wird! Du weißt aber, wie ich Dir geschrieben habe, in jenem Wäldchen . . . O mein Geliebter! Wie liebe ich Dich!
XXIII
Drei Wochen nach Kurnatowsky’s erstem Besuche zog Anna Wassiljewna, zu Helene’s großer Freude, nach Moskau in ihr großes hölzernes Haus an der Pretschistenka, ein Haus mit Säulen, weißen Leiern und Kränzen über jedem Fenster, mit Erker, Nebengebäuden, einem Gärtchen vor dem Hause, einem großen, grünen Hofe, einem Brunnen in demselben und einem Hundehäuschen neben dem Brunnen. Anna Wassiljewna pflegte niemals so frühzeitig das Landhaus zu verlassen, in diesem Jahre jedoch war sie, in Folge der ersten herbstlichen Kälte, von Katarrhen heimgesucht; Nikolai Artemjewitsch seinerseits trug nach beendigter Cur nach seiner Gemahlin Verlangen, zumal da Augustine Christianowna zu ihrer Cousine nach Reval gefahren war; auch war in Moskau eine ausländische Gesellschaft angekommen, die plastische Stellungen, des poses plastiques, sehen ließ, wovon eine Beschreibung in der »Moskauer Zeitung« die Neugier Anna Wassiljewna’s auf’s Aeßerste gereizt hatte. Mit einem Worte, ein längeres Verweilen auf dem Lande wäre ungelegen, ja sogar, nach Nikolai Artemjewitsch’s Versicherung, unvereinbar mit der Realisirung seiner »Pläne« gewesen. Die letzten zwei Wochen kamen Helene sehr lang vor. Kurnatowsky machte zwei Mal Besuche an Sonntagen, die übrige Zeit war er beschäftigt. Er kam eigentlich um Helene’s Willen, unterhielt sich jedoch mehr mit Zoë, der er sehr gefallen hatte. – »Das ist ein Mann,« dachte die bei sich, wenn sie sein gebräuntes und männliches Gesicht betrachtete und seine Reden voll Selbstgefühl und Herablassung hörte. Nach ihrer Meinung war Niemand mit einer so wunderbaren Stimme begabt, verstand Niemand so vortrefflich: »ich habe die Ehre gehabt,« oder »ich bin sehr zufrieden« zu sagen. Inßarow hatte Stachow’s nicht besucht, Helene war mit ihm jedoch insgeheim ein Mal in einem Wäldchen an der Moskwa, wohin sie ihn beschieden, zusammengekommen. Sie hatten kaum Zeit, einander einige Worte zu sagen. Schubin kehrte mit Anna Wassiljewna in die Stadt zurück; Berßenjew ein paar Tage später.
Inßarow saß in seinem Zimmer und las zum dritten Male Briefe, die ihm, aus Bulgarien mit einer »Gelegenheit« zugestellt worden waren; man hatte Bedenken getragen, sie durch die Post zu befördern. Sie hatten ihn sehr aufgeregt. Die Ereignisse drängten sich im Orient; dies Besetzung der Fürstenthümer durch russische Truppen hatte alle Gemüther in Gährung gebracht; das Gewitter zog sich zusammen, schon wehte der Hauch eines nahen, unansbleiblichen Krieges. Rund herum war das Feuer ausgebrochen und Niemand konnte voraussehen, wohin es seinen Weg nehmen, wo es Halt machen werde; alte Uebergriffe, verführte Erwartungen – Alles ward aufgerührt. Inßarow’s Herz schlug heftig, seine Hoffnungen gingen der Erfüllung entgegen. – Ist’s aber nicht zu früh? ist‘s nicht umsonst? dachte er, die Hände zusammen pressend. – Wir sind noch nicht bereit, doch, nun hilft nichts! Ich muß hin.
Ein leichtes Geräusch ließ sich hinter der Thür hören, sie ward rasch ausgerissen – Helene trat in’s Zimmer.
Inßarow erbebte am ganzen Leibe, er stürzte ihr entgegen, fiel vor ihr auf die Knie, umfing sie und schmiegte seinen Kopf eng an sie an.
– Du erwartetest mich nicht? sagte sie, fast außer Athem. (Sie war die Treppe im Laufe hinangestiegen.) – Geliebter! Geliebter! Sie legte ihre Hände aus seinen Kopf und warf einen Blick umher. – Hier also wohnst Du? Ich habe Dich bald aufgefunden. Die Tochter Deines Wirthes hat mich hierher geleitet. Vorgestern sind wir übergezogen. Ich wollte Dir schreiben, habe aber gedacht, es wird besser sein, ich komme selbst. Ich bin auf eine Viertelstunde zu Dir gekommen. Stehe auf, schließe die Thür.
Er stand auf, schloß behende die Thür, kehrte zu ihr zurück und faßte ihre Hände. Er konnte nicht sprechen: Freude preßte ihm die Brust zusammen. Lächelnd blickte sie in seine Augen . . . es lag so viel Glück in denselben . . . Sie fühlte sich beschämt.
– Warte, sagte sie, ihre Hände freundlich zurückziehend, – laß mich meinen Hut ablegen.
Sie löste die Bänder am Hute, warf ihn bei Seite, legte die Mantille ab, ordnete ihr Haar und setzte sich auf den kleinen, alten Divan.
Inßarow rührte sich nicht und betrachtete sie wie bezaubert.
– So setze Dich doch, sagte sie, ohne ihn anzusehen und auf den Platz neben sich deutend.
Inßarow ließ sich nieder, doch nicht auf den Divan, sondern auf den Fußboden, zu ihren Füßen.
– Da, ziehe mir die Handschuhe von den Fingern, sagte sie mit unsicherer Stimme. Ihr wurde Angst.
Er knöpfte zuvor den einen Handschuh auf und preßte nun heftig seine Lippen an die entblößte weiße, zarte Oberhand.
Helene wollte ihn mit der anderen Hand von sich abhalten, er begann auch diese zu küssen. Helene zog sie an sich, er warf den Kopf zurück, sie blickte ihm ins Gesicht, beugte sich vor . . . und ihre Lippen schlossen sich aneinander . . .
Eine Weile darauf riß sie sich los, sprang auf, sagte leise: – Nein, nein, und trat rasch an den Schreibtisch.
– Ich bin ja hier Frau im Hause, Du darfst vor mir keine Geheimnisse haben, sagte sie, indem sie sich bemühte, gleichgültig zu scheinen und ihm den Rücken zuzuwenden. – Welche Menge Papier! Was für Briefe sind das?
Inßarow machte ein ernstes Gesicht. – Diese Briefe? sagte er, sich erhebend. – Du kannst sie lesen.
Helene drehte sie in den Händen umher. – Es sind ihrer so viele und so fein geschrieben, und ich muß gleich fort . . . Sie mögen liegen bleiben! Es steckt keine Nebenbuhlerin dahinter? . . . Das ist ja auch nicht russisch, setzte sie hinzu; die feinen Blätter durchfliegend.
Inßarow näherte sich ihr und umfaßte sie. Sie wandte sich rasch um, lächelte ihn heiter an und schmiegte sich an seine Schulter.
– Das sind Briefe aus Bulgarien, Helene; die Freunde schreiben mir, ich solle zu ihnen kommen.
– Jetzt? Dahin?
– Ja . . . jetzt. So lange es noch Zeit ist, so lange man noch hinreisen kann.
Sie warf plötzlich ihre Arme um seinen Hals. – Du nimmst mich doch mit?
Er drückte sie an seine Brust. – »O mein liebes Mädchen, o mein Heldenherz, wie Du das gesagt hast! Ist’s aber nicht Wahnsinn von mir, dem Obdachlosen, Alleinstehenden, Dich mit mir zu ziehen . . . Und wohin gar!
Sie hielt ihm den Mund zu. – Pst . . . sonst werde ich böse und komme nie mehr zu Dir. Ist denn nicht Alles zwischen uns abgeschlossen, abgemacht? Bin ich denn nicht Dein Weib? Verläßt denn das Weib seinen Mann?
– Weiber ziehen nicht in den Krieg, sagte er mit halbtraurigem Lächeln.
– Ja, wenn sie zurückbleiben können. Kann ich denn hier bleiben?
– Helene, Du bist ein Engel! . . . Bedenke aber, ich werde vielleicht . . . in zwei Wochen Moskau verlassen müssen. Ich darf nicht mehr an die Vorlesungen in der Universität, nicht mehr an die Beendigung der Arbeit denken.
– Was thut es denn? unterbrach ihn Helene. – Du sollst bald reisen? Ja, willst Du’s, ich bleibe jetzt schon, sogleich, in diesem Augenblick bei Dir, für immer bei Dir, kehre nicht nach Hause zurück, willst Du‘s? Wir wollen gleich fort, willst Du?
Inßarow preßte sie mit verdoppelter Kraft in seine Arme. – So möge Gott mich strafen, rief er aus, – wenn ich eine böse That begehe! Von diesem Tage an sind wir auf ewig vereint!
– Ich soll bleiben? fragte Helene.
– Nein, Du mein reines Mädchen; nein, Du mein Schatz. Du sollst heute nach Hause zurück, sei aber bereit. Auf ein Mal läßt sich die Sache nicht machen; es muß Alles reiflich erwogen werden. Dazu ist Geld, sind Pässe, nöthig . . .
– Geld habe ich, unterbrach ihn Helene, – achtzig Rubel.
– Nun, das ist nicht viel, bemerkte Inßarow, – kann aber auch gebraucht werden.
– Ich kann aber einiges bekommen, aufnehmen, will die Mutter bitten . . . Nein, ich will sie um nichts bitten . . . Ich kann aber meine Uhr verkaufen . . . Ich habe Ohrgehänge, zwei Armbänder . . .
Spitzen.
– Es handelt sich nicht um Geld, Helene; aber den Paß, einen Paß für Dich, wie machen wir das?
– Ja, wie machen wir das? Ein Paß ist durchaus nöthig,
– Durchaus,
Helene lächelte.
– Was mir jetzt einfällt! Ich war noch ein kleines Mädchen, ich erinnere mich . . . Ein Stubenmädchen lief uns davon. Es wurde wieder eingefangen, man vergab ihm und es lebte nachher lange bei uns . . . man nannte es aber immerfort »Tatjana« die Entlaufene«. Habe ich doch damals nicht gedacht, daß auch ich dereinst vielleicht, wie Jene, eine Entlaufene sein werde.
– Helene« schäme Dich doch!
– Was denn? Freilich, es ist besser mit einem Passe zu reisen. Wenn es aber nicht angeht . . .
– Wir werden das Alles in Ordnung bringen, warte nur, sagte Inßarow. – Ich muß mich zuerst zurecht finden, darüber nachdenken. Wir wollen Alles mit einander besprechen, wie sich’s gebührt. Geld hätte ich auch.
Helene strich ihm mit der Hand das Haar von der Stirn. – O, Dmitri! Welch, eine Freude wird‘s sein, mit einander zu reisen!
– Ja, sagte Inßarow, – aber dort« wohin wir reisen . . .
– Nun? unterbrach ihn Helene, – wird es denn nicht auch eine Freude sein, mit einander zu sterben? Doch nein, weshalb denn sterben? Wir wollen leben, wir sind jung. Wie alt bist Du? Sechsundzwanzig?
– Sechsundzwanzig.
– Ich bin zwanzig. Noch viel Zeit liegt vor uns. Ah! Du wolltest mir davonlaufen? Du brauchst die russische Liebe nicht, Bulgare! Nun sieh zu, wie Du mich los wirst. Was wäre aber aus uns geworden, wenn ich damals nicht zu Dir gekommen wäre!
– Helene, Du weißt, was mich bewog, fortzugehen.
– Ich weiß es, Du hattest Dich verliebt und erschrakst. Hast Du denn aber keine Ahnung gehabt, daß Du wiedergeliebt wurdest?
– Auf meine Ehre schwöre ich es, nein, Helene.
Sie gab ihm rasch und plötzlich einen Kuß. – Dafür eben habe ich Dich lieb. Jetzt aber lebe wohl.
– Du kannst nicht länger bleiben? fragte Inßarow.
– Nein, mein Geliebter. Glaubst Du, es war mir leicht, allein aus dem Hause zu gehen? Die Viertelstunde ist längst vorüber. Sie legte Mantille und Hut an. – Komm morgen Abend zu uns. Doch nein, übermorgen. Es wird dort gezwungen und langweilig sein, dabei ist nichts zu machen: wenigstens werden wir einander sehen. Lebe wohl. Laß mich doch. Er umschlang sie noch zum letzten Male. – O! gieb Acht! Du hast meine Kette zerbrochen. O, Du mein Unbeholfener! Nun, das ist nichts. Um so besser. Ich werde auf die Schmiedebrücke gehen und sie zum Ausbessern geben. Wenn man mich fragt, sage ich, daß ich auf der Schmiedebrücke gewesen bin. Sie faßte den Griff an der Thür. – Ja, ich vergaß, Dir zu sagen: Herr Kurnatowsky wird mir wahrscheinlich nächstens einen Antrag machen. Ich werde ihm aber so antworten. Sie hielt den Daumen der linken Hand an die Spitze der Nase und spielte mit den übrigen Fingern in der Luft. – Leb’ wohl. Auf Wiedersehen. Jetzt kenne ich den Weg . . . Du aber verliere keine Zeit . . .
Helene machte die Thür ein wenig auf, wandte sich zurück nach Inßarow, nickte ihm mit dem Kopfe zu und schlüpfte zum Zimmer hinaus.
Einen Augenblick blieb Inßarow gleichfalls lauschend an der geschlossenen Thür stehen. Die Thür unten auf den Hof hinaus wurde zugeworfen. Er trat an den Divan, setzte sich und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Er hatte sich niemals in ähnlicher Lage befunden. – Wodurch habe ich eine solche Liebe verdient? dachte er. – Ist’s nicht ein Traum?
Ein leichter Duft von Reseda, den Helene in seinem ärmlichen, finsteren Stübchen zurückgelassen, erinnerte ihn an ihren Besuch. Zugleich mit dem Dufte schienen in der Luft des Gemaches der Klang der jugendlichen Stimme, das Geräusch des leichten, jugendlichen Schrittes und die Wärme und Frische des jugendlichen, jungfräulichen Körpers zurückgeblieben zu sein.
XXIV
Inßarow beschloß, genauere Nachrichten abzuwarten, machte aber inzwischen Vorbereitungen zur Abreise. Die Sache war sehr schwierig. Für ihn persönlich gab es keine Hindernisse, er konnte sich einen Paß verschaffen, – was aber war für Helene zu thun? Auf gesetzlichem Wege war es unmöglich, ihr einen Paß zu verschaffen. – Eine heimliche Heirath und darauf sich den Eltern vorstellen . . . Sie werden uns dann ziehen lassen, dachte er. – Wenn aber nicht? Wir fahren doch fort. Wenn sie aber gegen uns Klage führen . . . wenn . . . Nein, besser ist‘s sich irgendwie einen Paß zu verschaffen.
Er beschloß (natürlich ohne Jemand bei Namen zu nennen), einen ihm bekannten verabschiedeten oder abgesetzten Procureur, einen in allen geheimen Angelegenheiten erfahrenen Schlaukopf, um Rath zu fragen. Dieser ehrenwerthe Mann wohnte nicht in der Nähe; eine ganze Stunde schleppte Inßarow sich in einer elenden Droschke, fand ihn nicht einmal zu Hause und ward auf dem Rückwege von einem plötzlichen Regenguß völlig durchnäßt. Am folgenden Tage, ungeachtet eines ziemlich heftigen Kopfschmerzes, machte er sich nochmals zum verabschiedeten Procureur auf. Der Procureur hörte ihn aufmerksam an, schnupfte dabei aus einer Tabaksdose, deren Deckel mit dem Bilde einer vollbrüstigen Nymphe geziert war und betrachtete seinen Gast mit seinen kleinen schlauen, tabaksfarbenen Augen von der Seite; er hörte ihn bis zu Ende an und verlangte eine »eingehendere Darstellung der factischen Belege«; als er jedoch bemerkte, daß Inßarow es vermied, die Einzelheiten zu berühren (er war ohnehin nur ungern zu ihm gefahren), beschränkte er sich darauf, ihm den Rath zu ertheilen, sich vor Allem mit »Moneten« zu versehen« und bat ihn ein anderes Mal vorzusprechen. – Sobald Sie, setzte er hinzu, eine Prise über der offen gehaltenen Dose einziehend, – eine Zunahme von Vertrauen und eine Abnahme von Mißtrauen verspüren werden. Bezüglich des Passes, fuhr er fort und gleichsam vor sich hin, – das ist ein Werk menschlicher Hände; Sie reisen, will ich sagen, wer kann wissen, ob Sie eine Maria Bredichin sind oder eine Karoline Vogelmeier? Inßarow empfand eine Anwandlung von Ekel, dankte indessen dem Procureur und versprach, nächstens wiederzukommen.
Denselben Abend fuhr er zu Stachow’s. Anna Wassiljewna empfing ihn freundlich, machte ihm Vorwürfe, daß er sie gänzlich vergessen habe, und da sie ihn bleich fand, erkundigte sie sich nach seinem Befinden; Nikolai Artemjewitsch sprach kein Wort mit ihm und betrachtete ihn blos mit nachdenklich nachlässiger Neugier; Schubin benahm sich kalt gegen ihn; Helene aber setzte ihn in Erstaunen. Sie hatte ihn erwartet, hatte für ihn dasselbe Kleid angelegt, welches sie am Tage ihrer ersten Zusammenkunft in der Capelle angehabt hatte; sie begegnete ihm jedoch so ruhig, war so liebenswürdig und sorglos heiter, daß Niemand, der sie sah, hätte glauben können, das Schicksal dieses jungen Mädchens wäre bereits entschieden und nur die innere Ueberzeugung beglückter Liebe verleihe ihren Zügen Leben, ihren Bewegungen Leichtigkeit und Reiz. Sie machte statt Zoë‘s den Thee, scherzte und plauderte; sie wußte, daß Schubin sie beobachte, daß Inßarow keine Maske anzulegen vermöge, sich nicht gleichgültig zu stellen im Stande sei, und hatte sich auf Alles zum Voraus gefaßt gemacht. Sie hatte sich nicht geirrt: Schubin verwandte kein Auge von ihr, Inßarow war sehr schweigsam und finster im Verlaufe des ganzen Abends. Helene fühlte sich so glücklich, daß sie die Lust anwandelte, ihn zu necken.
– Nun, wie steht es? fragte sie ihn plötzlich: – schreitet Ihr Plan vorwärts? Inßarow wurde verwirrt.
– Welcher Plan? fragte er.
– Sie haben es vergessen? erwiederte sie, ihm ins Gesicht lachend; er allein war im Stande, die Bedeutung dieses glücklichen Lachens zu fassen: – Ihre bulgarische Chrestomatie für Russen?
– Quelle bourde! murmelte Nikolai Artemjewitsch durch die Zähne.
Zoë setzte sich ans Clavier. Helene zuckte kaum merklich die Schultern und wies mit dem Blicke Inßarow nach der Thür, als wolle sie ihn entlassen. Darauf berührte sie zwei Mal langsam den Tisch und blickte ihn an. Er begriff, daß sie ihm in zwei Tagen eine Zusammenkunft bestimme und sie lächelte rasch, als sie bemerkte, daß er sie verstanden hatte. Inßarow erhob sich und nahm Abschied: er fühlte sich nicht wohl. Kurnatowsky trat ins Zimmer, Nikolai Artemjewitsch sprang auf, erhob den rechten Arm hoch über den Kopf und ließ sanft seine Hand in die des Obersecretairs herab. Inßarow blieb noch einige Minuten, um seinen Nebenbuhler sich anzusehen. Helene machte insgeheim eine schelmische Bewegung mit dem Kopfe, der Hausherr fand es nicht nöthig, die Herren einander vorzustellen und Inßarow verließ nun das Zimmer, nachdem er noch zum letzten Male einen Blick mit Helene getauscht. Schubin schien mit sich zu Rathe zu gehen und ließ sich plötzlich mit Kurnatowsky in einen hitzigen Wortstreit über eine juridische Frage ein, von der er gar nichts verstand.
Inßarow schlief die ganze Nacht hindurch nicht und fühlte sich gegen Morgen schlecht; er brachte indessen doch seine Papiere in Ordnung und schrieb Briefe, sein Kopf war schwer und wüst. Gegen Mittag fühlte er Hitze: er konnte nichts essen. Gegen Abend steigerte sich die Hitze, es stellte sich Reißen in allen Gliedern und heftiger Kopfschmerz ein. Inßarow legte sich auf denselben kleinen Divan hin, wo vor Kurzem noch Helene gesessen, und dachte: – »Es geschieht mir recht, warum schleppte ich mich zu jenem alten Schufte,« und versuchte einzuschlafen . . . Schon hatte ihn die Krankheit erfaßt. Heftig pochte es in seinen Adern, in Fieberhitze glühte das Blut, gleich Vögeln schwirrten die Gedanken in seinem Kopfe. Er verlor das Bewußtsein. Wie zerschlagen lag er auf dem Rücken und plötzlich kam es ihm vor, als lache und flüstere Jemand leise über ihm; mit Mühe schlug er die Augen auf, der Schein des angebrannten Lichtes fuhr wie eine schneidende Klinge durch dieselben . . . Was ist dass der alte Procureur steht vor ihm in einem Schlafrocke aus Tarmalamm mit einem seidenen Tuche umgürtet, so wie er ihn Tags zuvor gesehen hatte . . . – Karoline Vogelmeier, murmelt der zahnlose Mund. Inßarow starrt ihn an, der Alte dehnt sich, schwillt, wächst, schon ist er kein Mensch mehr, sondern ein Baum . . . Inßarow ist gezwungen, die schrägen Aeste hinaufzuklettern. Er klammert sich fest an ihnen und fällt mit der Brust auf einen scharfen Stein, und Karoline Vogelmeier hockt dort, wie ein Hökerweib und lallt: – »Kuchen, Kuchen, Kuchen,« und dort fließt Blut, Säbel blitzen – ganz unerträglich . . . und alles verschwindet in einem dunkelrothen Wirbel.
XXV
– Es ist Einer zu Ihnen gekommen, muß wohl ein Schlosser sein, der Kerl, meldete den folgenden Abend der Diener Berßenjew’s seinem Herrn; ein Mensch, der sich durch strenges Benehmen gegen seinen Herrn und skeptische Geistesrichtung auszeichnete, – er will Sie sprechen.
– Laß ihn herein, sagte Berßenjew.
Der »Schlosser« trat« herein. Berßenjew erkannte in ihm den Schneider, den Zimmervermiether, bei dem Inßarow wohnte.
– Was giebt’s? fragte er ihm.
– Ich bin zu Euer Gnaden gekommen, begann der Schneider, langsam einen Fuß vor den anderen setzend und von Zeit zu Zeit Bewegungen mit der rechten Hand machend, deren zwei letzte Finger den Aufschlag seines Aermels zusammenhielten . . . – Unser Einwohner ist, wer weiß, was ihm fehlt, sehr krank.
– Inßarow?
– Ganz richtig, unser Einwohner. Wer weiß, was ihm fehlt, er war gestern Morgens noch auf den Beinen, Abends hat er zu trinken gefordert, meine Alte hat ihm Wasser gebracht und Nachts hat er angefangen zu faseln, wir haben es hören können, weil es nur eine Bretterwand ist; heute Morgen ist er schon ganz ohne Sprache, liegt ausgestreckt und brennt wie das Feuer, daß sich Gott erbarme! Da habe ich gedacht, wer kann wissen, was ihm, fehlt, vielleicht stirbt er noch, ehe man sich’s versieht; auf die Polizei, dachte ich, will ich gehen, es melden, der Mensch ist ja ganz allein; da sagt mir meine Alte: »Geh Du zu jenem Herrn, bei dem er auf dem Lande gewohnt hat, vielleicht wird er Dir rathen, oder selbst kommen«. Darum bin ich zu Euer Gnaden gekommen, wir können nicht wissen, darum . . .
Berßenjew nahm rasch seine Mütze, drückte dem Schneider einen Rubel in die Hand und fuhr mit ihm sogleich zu Inßarow.
Er fand ihn besinnungslos, unausgekleidet auf dem Divan liegend. Das Gesicht war schrecklich verändert. Berßenjew befahl sogleich dem Schneider und dessen Frau, den Kranken auszukleiden und ins Bett zu bringen und lief selbst fort, um einen Arzt zu holen. Der Arzt verordnete Blutegel, spanische Fliege, Calomel und befahl, ihm die Ader zu öffnen, Alles zu gleicher Zeit.
– Ist er gefährlich krank? fragte Berßenjew.
– Ja, sehr, erwiederte der Arzt. – Eine heftige Lungenentzündung; Peripneumonie in vollem Gange, vielleicht auch das Gehirn afficirt, doch das Subject ist noch jung. Seine Kräfte sind jetzt aber gegen ihn gerichtet. Man hat mich spät rufen lassen, wir wollen übrigens Alles anwenden, was uns die Kunst an die Hand giebt.
Der Arzt war selbst noch ein junger Mann und glaubte an seine Kunst.
Berßenjew blieb für die Nacht da. Wirth und Wirthin erwiesen sich als gute und flinke Leute, sobald Jemand da war, der ihnen sagte, was sie zu thun hätten. Der Wundarzt kam und es begannen die medicinischen Foltern.
Gegen Morgen kam Inßarow auf einige Minuten zur Besinnung, erkannte Berßenjew und fragte: – Ich muß wohl unwohl sein? blickte mit dem stampfen und matten Staunen eines Schwerkranken umher und verlor wieder das Bewußtsein. Berßenjew begab sich nach Hause, kleidete sich um, nahm einige Bücher und kehrte in Inßarow’s Wohnung zurück. Er hatte beschlossen, wenigstens für die erste Zeit, bei ihm zu bleiben. Vor das Bett hatte er einen Schirm gestellt und für sich selbst ein Plätzchen neben dem Divan eingerichtet. Der Tag verging nicht heiter und nicht schnell. Berßenjew entfernte sich nur um zu essen. Der Abend war, gekommen. Er zündete ein Licht mit einem Ubat-jour an und begann zu lesen. Alles war still rund umher. Jenseits der Scheidewand, bei den Wirthen, ließ sich zuweilen ein leises Flüstern, bald ein Gähnen oder Seufzen hören . . . Jemand nieste und wurde dafür flüsternd ausgescholten; hinter dem Schirme konnte man ein schweres, ungleiches Athemholen, von kurzem Stöhnen und unruhigem Hin – und Herwerfen des Kopfes unterbrochen, vernehmen . . . Ganz eigene Gedanken gingen Berßenjew durch den Kopf. Er befand sich in dem Zimmer eines Menschen, dessen Leben an einem Faden hing, eines Menschen, den, das wußte er, Helene liebte . . . Er erinnerte sich jener Nacht, als Schubin ihn einholte und ihm erklärte, Helene liebe ihn, Berßenjew. Und jetzt . . . – Was soll ich jetzt thun? fragte er sich. – Soll ich Helene von seiner Krankheit benachrichtigen? Soll ich noch warten? Diese Nachricht ist betrübender als jene, die ich ihr auch einst mitgetheilt habe; sonderbar, wie das Schicksal mich zwischen sie und ihn als Vermittler schiebt! . . . Er entschied, es werde besser sein, zu warten. Sein Blick fiel auf den mit einem Haufen Papier bedeckten Tisch . . . – Wird er wohl seine Pläne ausführen? dachte Berßenjew. – Wird denn Alles zu Grunde gehen? Und es that ihm das junge erlöschende Leben leid; er gab sich das Wort, es zu retten . . .
Die Nacht war nicht gut. Der Kranke redete viel irre. Einige Male stand Berßenjew von seinem Divan auf, trat auf den Zehen ans Bett und horchte traurig auf das unverständliche Lallen. Nur ein Mal brachte Inßarow mit momentaner Deutlichkeit: – »ich will nicht, ich will nicht, Du darfst nicht,« . . . hervor. Berßenjew fuhr zusammen und warf einen Blick auf Inßarow: sein leidendes und zugleich todtenähnliches Gesicht war unbeweglich und die Arme waren schlaff ausgestreckt . . . – »Ich will nicht,« wiederholte er kaum hörbar.
Am Morgen kam der Arzt, schüttelte den Kopf und verschrieb andere Medicin. – Bis zur Krisis ist es noch lange hin, sagte er, den Hut aufsetzend.
– Und nach der Krisis? fragte Berßenjew.
– Nach der Krisis? Das Eine oder das Andere: aut caesar, aut nihil.
Der Arzt entfernte sich.
Berßenjew ging einige Male in der Gasse auf und ab; er mußte frische Luft schöpfen. Er kehrte zurück und nahm ein Buch vor. Raumer hatte er schon längst beendigt, jetzt beschäftigte ihn Grote. Auf einmal knurrte leise die Thür und der, wie immer, mit einem schweren Tuch bedeckte Kopf der Schneiderstochter streckte sich vorsichtig ins Zimmer herein.
– Das Fräulein ist da, das mir neulich einen Zehner gegeben hat . . .
Der Kopf der Kleinen verschwand plötzlich und statt desselben zeigte sich Helene.
Wie vom Blitze getroffen sprang Berßenjew auf; Helene rührte sich nicht, that keinen Schrei . . . Sie schien in einem Augenblicke Alles begriffen zu haben. Furchtbare Blässe bedeckte ihr Gesicht, sie trat an den Schirm, blickte hin, schlug die Hände zusammen und stand wie versteinert. Noch eine Minute, und sie wäre über Inßarow zusammengebrochen; Berßenjew hielt sie zurück. – Was machen Sie? sagte er mit zitterndem Flüstern. – Sie können ihn tödten!
Sie wankte. Er führte sie zu dem Divan und ließ sie niedersitzen.
Sie blickte in sein Gesicht, betrachtete ihn dann von Kopf bis zu Fuß und senkte den Blick zu Boden.
– Liegt er im Sterben? fragte sie so kalt und gelassen, daß Berßenjew erschrak.
– Um Gottes willen, Helene Nikolajewna, begann er, – was sagen Sie da? Er ist krank, das ist wahr . . . und ziemlich gefährlich . . . Wir wollen ihn aber retten; dafür stehe ich Ihnen.
– Er ist ohne Besinnung? fragte sie wie vorhin.
– Ja, jetzt ist er bewußtlos . . . Das ist immer der Fall im Anfange solcher Krankheiten, das hat aber nichts zu bedeuten, ich versichere Sie, nichts. Trinken Sie etwas Wasser.
Sie richtete ihren Blick auf ihn und er begriff, daß sie seine Worte nicht gehört hatte.
– Wenn er stirbt, sagte sie, immer in demselben Tone, – sterbe auch ich.
In diesem Augenblick ließ Inßarow ein leises Stöhnen hören: sie bebte zusammen, faßte sich den Kopf und machte dann die Bänder ihres Hutes auf.
– Was wollen Sie? fragte Berßenjew.
Sie gab keine Antwort.
– Was wollen Sie? fragte er nochmals.
– Ich bleibe hier.
– Wie . . . Für lange?
– Ich weiß nicht, vielleicht für den ganzen Tag, die Nacht, für immer . . . ich weiß nicht.
– Um Gottes willen, Helene Nikolajewna, kommen Sie zu sich. Ich durfte freilich durchaus nicht erwarten, Sie hier zu sehen; ich glaube jedoch . . . Sie sind nur für kurze Zeit hier. Bedenken Sie, man kann Sie zu Hause vermissen . . .
– Was thut’s denn?
– Man wird Sie suchen . . . Wird Sie finden . . .
– Was thut’s denn?
– Helene Nikolajewna! Sie sehen . . . Er kann Sie jetzt nicht beschützen.
Sie senkte den Kopf, wie in Gedanken verloren, drückte ihr Taschentuch an den Mund und brach plötzlich in krampfhaftes, heftiges Schluchzen aus . . . Sie sank mit dem Gesichte auf den Divan, um ihr Schluchzen zu ersticken, ihr ganzer Körper hob sich und zuckte, wie der eines eben gefangenen Vogels.
– Helene Nikolajewna . . . um Gottes willen . . . wiederholte Berßenjew flüsternd.
– Ah? was ist das? ließ sich plötzlich Inßarow‘s Stimme hören.
Helene richtete sich auf, Berßenjew ward starr vor Schrecken . . . Einen Augenblick darauf trat er an das Bett. Inßarow‘s Kopf lag wie zuvor kraftlos aus dem Kissen;« die Augen waren geschlossen.
– Er phantasirt? fragte Helene leise.
– Es scheint, erwiederte Berßenjew, – das ist aber nichts; das kommt auch immer vor, besonders wenn . . .
– Wann wurde er krank? unterbrach ihn Helene.
– Vorgestern; seit gestern bin ich hier. Verlassen Sie sich auf mich, Helene Nikolajewna. Ich weiche nicht von hinnen; alle Mittel sollen angewandt werden. Wenn es nöthig ist, rufen wir eine Consultation zusammen.
– Er könnte sterben, wenn ich nicht hier bin, rief sie, die Hände ringend.
– Ich gebe Ihnen mein Wort. Sie jeden Tag von dem Gange der Krankheit zu unterrichten. und sollte sich wirklich Gefahr zeigen . . .
– Schwören Sie mir, Sie werden sogleich nach mir schicken, wann es auch sei, bei Tag, bei Nacht; schreiben Sie mir einen Zettel . . . Jetzt ist mir Alles gleich. Hören Sie? versprechen Sie es zu thun?
– Ich gebe Ihnen mein Wort, vor Gott.
– Schwören Sie mir’s.
– Ich schwöre es.
Sie ergriff plötzlich seine Hand und bevor er sie zurückzuziehen vermochte, hatte sie ihre Lippen an dieselbe gedrückt.
– Helene Nikolajewna . . . was beginnen Sie, stotterte er hervor.
– Nein . . . nein . . . nicht nöthig . . . ließ sich Inßarow undeutlich vernehmen und seufzte schwer auf.
Helene trat an den Schirm, hielt ihr Tuch fest in den Zähnen und warf einen langen, langen Blick auf den Kranken. Stille Thränen flossen ihre Wangen hinab.
– Helene Nikolajewna, sagte Berßenjew zu ihr, – er kann wieder zu sich kommen, kann Sie erkennen; Gott weiß, ob das gut sein wird. Auch erwarte ich jeden Augenblick den Arzt . . .
Helene nahm ihren Hut vom Divan, setzte ihn auf und blieb stehen. Ihre Blicke schweiften traurig im Zimmer umher. Es schien, sie erinnere sich . . .
– Ich kann nicht fort, sagte sie auf einmal leise.
Berßenjew drückte ihr die Hand. – Fassen Sie Muth, sagte er, – beruhigen Sie sich; Sie überlassen ihn meiner Obhut. Noch heute Abend spreche ich bei Ihnen vor.
Helene warf einen Blick auf ihn, sagte: – O mein guter Freund! und schluchzend stürzte sie hinaus.
Berßenjew lehnte an der Thür. Ein schmerzliches und bitteres Gefühl, in welchem doch einige Erquickung lag, preßte ihm die Brust zusammen. – Mein guter Freund! dachte er und zuckte die Achsel.
– Wer ist da? hörte man Inßarow’s Stimme.
Berßenjew trat zu ihm heran. – Ich bin hier, Dmitri Nikanorowitsch. Was wollen Sie? Wie fühlen Sie sich?
– Allein? fragte der Kranke.
– Allein!
– Und sie?
– Wer denn? fragte Berßenjew fast erschrocken.
Inßarow schwieg einige Minuten. Reseda, sagte er leise und seine Augen schlossen sich wieder.
XXVI
Acht ganze Tage schwebte Inßarow zwischen Leben und Tod. Fortwährend besuchte ihn der Arzt, den als jungen Mann der Schwerkranke interessiere. Schubin hatte von Inßarow’s gefährlichem Zustande gehört und ihn ein Mal besucht; Inßarow’s Landsleute, Bulgaren, waren auch hingekommen; unter denselben hatte Berßenjew jene zwei sonderbaren Gestalten, die durch ihren unerwarteten Besuch auf dem Lande sein Befremden erregt hatten, wiedererkannt; Alle bezeigten aufrichtige Theilnahme, Einige machten Berßenjew den Vorschlag, ihn am Bette des Kranken abzulösen; er ging aber, seines Helene gegebenen Versprechens eingedenk, nicht darauf ein. Er sah sie jeden Tag und theilte ihr – zuweilen mündlich, zuweilen durch kleine Zettel – alle Zwischenfälle im Verlaufe der Krankheit mit. Wie bebte ihr Herz, wenn sie auf ihn wartete, wenn sie ihn anhörte und befragte! Sie selbst verlangte beständig, Inßarow zu sehen; Berßenjew aber bat sie flehentlich, es nicht zu thun: Inßarow war selten allein. Den ersten Tag, als sie von seiner Krankheit hörte, wäre sie selbst fast erkrankt; kaum war sie zurückgekehrt, so hatte sie sich auf ihrem Zimmer eingeschlossen; sie wurde zum Essen gerufen und erschien im Speisesaale mit einem Gesichte, vor dem Anna Wassiljewna so sehr erschrak, daß sie sie durchaus sofort ins Bett bringen wollte. Es gelang Helene indessen, sich Gewalt anzuthun. – Wenn er stirbt, hatte sie beständig für sich gesagt, – überlebe ich ihn nicht. Dieser Gedanke hatte sie beruhigt und ihr Kraft verliehen, gleichgültig zu scheinen. Uebrigens belästigte sie Niemand besonders: Anna Wassiljewna hatte mit ihren Rheumatismen zu schaffen; Schubin hatte sich mit Wuth seiner Arbeit hingegeben; Zoë war in Schwermuth verfallen und wollte die Lectüre des Werther vornehmen; Nikolai Artemjewitsch war sehr unzufrieden über die häufigen Besuche des »Scholars»um so mehr, als seine »Pläne« in Betreff Kurnatowsky‘s sehr langsam verrückten, weil der praktische Obersecretair sich piquirt fühlte und sich aufs Warten gelegt hatte. Helene hatte Berßenjew nicht einmal gedankt: es giebt Dienstleistungen, für die es schwer fällt und man sich schämt, Dank zu sagen. Nur ein Mal, es war das vierte Mal, da sie ihn sprach ( als Inßarow eine sehr schlechte Nacht gehabt und der Arzt auf eine Consultation angespielt hatte), nur dies Mal erinnerte sie ihn an seinen Schwur. – Nun, so kommen Sie denn, sagte er zu ihr. Sie war aufgestanden und fortgegangen, sich umzukleiden. – Nein, sagte er, – warten wir noch bis morgen. Gegen Abend war es mit Inßarow besser geworden.
Acht Tage hatte diese Qual gedauert. Helene schien ruhig, konnte aber nichts essen und verbrachte die Nächte schlaflos. Ein stumpfer Schmerz lag in allen ihren Gliedern; es kam ihr vor, als ob ein trockener, heißer Dampf ihren Kopf fülle. – Unser Fräulein schwindet wie ein Licht, sagte ihr Stubenmädchen von ihr.
Endlich am neunten Tage trat eine Krise ein. Helene saß im Gastzimmer neben Anna Wassiljewna und las mechanisch derselben aus der »Moskauer Zeitung« vor; Berßenjew trat herein. Helene warf einen Blick auf ihn (wie flüchtig und ängstlich und scharf und besorgt war jeder erste Blick, den sie bei dessen Erscheinen aus ihn warf!) und errieth sogleich, daß er ihr eine gute Nachricht brachte. Er lächelte, nickte ihr leicht zu; sie richtete sich auf, ihm entgegen.
– Er ist zu sich gekommen, ist gerettet, in einer Woche wird er ganz gesund sein, rannte er ihr zu.
Helene streckte die Arme wie zum Schutze vor, und sagte nichts, nur ihre Lippen bebten, und Röthe ergoß sich über ihr ganzes Gesicht. Berßenjew begann mit Anna Wassiljewna zu sprechen, Helene aber ging fort aus ihr Zimmer, sank ans die Knie, betete und dankte Gott . . . Helle Freudenthränen entströmten ihren Augen. Sie empfand plötzlich eine ungewöhnliche Mattigkeit, neigte den Kopf auf das Kissen, sagte leise: – Armer Andrei Petrowitsch! und versank sogleich mit nassen Wimpern und Wangen in Schlaf. Schon lange hatte sie die Augen nicht geschlossen und schon lange nicht geweint.
XXVII
Berßenjew’s Voraussage traf nur zum Theil ein: die Gefahr war vorüber, doch kehrten Inßarow‘s Kräfte nur langsam zurück; der Arzt ließ Etwas von tiefer und allgemeiner Erschütterung des ganzen Organismus fallen. Indessen verließ der Kranke sein Bett und ging im Zimmer umher; Berßenjew war wieder in seine Wohnung übergezogen, doch besuchte er täglich seinen noch schwachen Freund erstattete auch wie zuvor täglich Helene Bericht über den Zustand des Genesenden. Inßarow durfte nicht an sie schreiben und machte blos, in seinen Gesprächen mit Berßenjew, flüchtige Andeutungen über sie; Berßenjew dagegen erzählte ihm mit erkünsteltem Gleichmuthe von seinen Besuchen bei Stachow’s, wobei er jedoch besonders betonte, wie Helene so sehr betrübt gewesen, jetzt aber ruhiger geworden sei. Helene schrieb auch nicht an Inßarow; sie hatte etwas Anderes im Sinne.
Eines Tages, als Berßenjew ihr mit heiterem Gesichte die Nachricht gebracht hatte, daß der Arzt Inßarow erlaubt habe, eine Cotelette zu essen, und Letzterer füglich in einiger Zeit werde ausgehen dürfen, wurde sie nachdenkend und ließ den Kopf hängen . . . – Errathen Sie, was ich Ihnen sagen will? begann sie darauf. Berßenjew wurde verlegen. Er hatte sie verstanden. – Vermuthlich, entgegnete er, mit einem Blicke auf die Seite, – wollen Sie mir sagen, daß Sie ihn zu sehen wünschen. Helene wurde roth und sagte kaum hörbar: – Ja!
– Was hindert Sie daran? Das, denke ich, wird Ihnen ja leicht sein. – Pfui! dachte er, – welch’ ein garstiges Gefühl hat mich beschlichen!
– Sie wollen sagen, weil ich schon ein Mal . . . sagte Helene. – Ich fürchte aber . . . er ist jetzt, wie Sie sagen, selten allein.
– Das läßt sich leicht machen, erwiederte Berßenjew, immer ohne sie anzusehen. – Ihn vorbereiten kann ich nun freilich nicht; geben Sie mir aber einen Zettel. Wer kann Ihnen verbieten, an ihn, als ihren guten Bekannten, für den Sie sich interessiren, zu schreiben? Es ist nichts Anstößiges dabei. Bestimmen Sie ihm . . . das heißt, schreiben Sie ihm, wann Sie bei ihm sein wollen.
– Ich schäme mich, sagte Helene leise.
– Geben Sie mir einen Zettel, ich will ihn hintragen.
– Das wird nicht nöthig sein, ich möchte Sie nämlich bitten . . . Sie müssen mir nicht böse werden, Andrei Petrowitsch . . . gehen Sie morgen nicht zu ihm.
Berßenjew biß sich die Lippen.
– Ah! Ja, ich verstehe, schon recht, schon recht. Er setzte noch etwas hinzu und ging rasch hinaus.
– Desto besser, desto bessert dachte er, indem er nach Hause eilte. – Nichts Neues habe ich erfahren, um so besser. Was klammere ich mich denn da an ein fremdes Nest? Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich habe gethan, was mein Gewissen mir gebot, jetzt ist es aber genug. Sie möge gehen! Es war kein eitles Wort, was mir mein Vater sagte: wir, mein Junge, sind keine Sybariten, keine Aristokraten, uns hat weder Geschick noch Natur verhätschelt, nicht einmal Märtyrer sind wir, – Arbeiter sind wir, gewöhnliche Arbeiter. So wirf Dir Dein Schutzfell über, Arbeiter, tritt an Deinen Werktisch, in Deiner dunkelen Werkstatt! Mag die Sonne Anderen leuchten!
Unser einsames Leben hat auch seinen Stolz und sein Glück! Am folgenden Morgen erhielt Inßarow mit der Stadtpost einen kurzen Zettel: – Erwarte mich, schrieb ihm Helene, – und laß Jeden abweisen. A. P. wird nicht kommen.
XXVIII
Inßarow durchflog Helene’s Zettel und begann sogleich sein Zimmer in Ordnung zu bringen, er bat seine Wirthin, die Arzneiflaschen fortzuschaffen, zog seinen Schlafrock aus und einen Ueberrock an. Vor Entkräftung und Freude ging ihm der Kopf in die Runde und pochte ihm das Herz. Die Knie knickten ihm zusammen; er ließ sich auf den Divan nieder und sah nach der Uhr. – Jetzt ist es drei Viertel aus Zwölf, sagte er zu sich selbst; – vor Zwölf kann sie unmöglich kommen, ich will bis dahin an etwas Anderes denken, sonst halte ich es nicht aus. Vor Zwölf kann sie unmöglich . . .
Die Thür flog auf und in leichtem, seidenem Kleide, ganz weiß, frisch, jugendlich und glücklich trat Helene herein und fiel mit schwachem Freudenruf an seine Brust.
– Du lebst, bist mein! rief sie und umfing und faßte seinen Kopf. Er verging vor Wonne, sein Athem versagte in dieser Nähe, bei diesen Berührungen, von diesem Glücke.
Sie setzte sich an seine Seite, schmiegte sich an ihn und schaute ihn mit jenem wonnigen und zärtlichen Blicke an, der nur aus den Augen eines liebenden weiblichen Wesens leuchtet.
Ihr Gesicht nahm plötzlich einen traurigen Ausdruck an.
– Wie hast Du abgenommen, mein armer Dmitri, sagte sie, seine Wangen streichelnd, – wie ist Dein Bart lang geworden!
– Auch Du hast abgenommen, meine arme Helene, entgegnete er, indem er ihre Finger mit den Lippen zu haschen versuchte.
Sie schüttelte lächelnd die Locken.
– Das hat nichts zu bedeuten. Gieb nur Acht, wie wir uns erholen werden! Ein Gewitter war über uns herausgezogen, wie an jenem Tage, als wir in der Capelle zusammentrafen, jetzt ist’s vorüber. Jetzt bleiben wir leben!
Er erwiederte ihr mit einem Lächeln.
– Ach Dmitri. was für Tage. was für martervolle Tage! Wie kann man Diejenigen überleben, die man liebt? Jedes Mal wußte ich zum Voraus, was mir Andrei Petrowitsch sagen würde, wahrhaftig, meine Lebensgeister hoben sich und sanken mit den Deinigen. Sei mir wiedergegrüßt, mein Dmitri!
Er wußte nicht, was er ihr sagen sollte. Er hätte ihr zu Füßen fallen mögen.
– Was ich auch noch bemerkt habe, fuhr sie fort, indem sie ihm das Haar zurückstrich, – ich habe die ganze Zeit über Muße genug gehabt, über Vieles nachzudenken, wenn der Mensch sehr, sehr unglücklich ist . . . mit welcher stumpfsinnigen Aufmerksamkeit giebt er auf Alles Acht, was um ihn her vorgeht! Zuweilen vertiefte ich mich ganz in Betrachtung einer Fliege und fühlte dabei Erstarrung und Grauen in der Seele! Das ist aber Alles vorbei, vorbei, nicht wahr? Alles ist hell, was vor uns liegt, nicht wahr?
– Du stehst vor mir, erwiederte Inßarow, – darum ist mir’s hell.
– Und mir doch auch! Erinnerst Du Dich noch, als ich bei Dir war, nicht das letzte Mal. . . nein! nicht das letzte Mal« wiederholte sie unwillkürlich zusammenschauernd« – jenes Mal, als wir mit einander sprachen, ich erwähnte, weiß selbst nicht warum, des Todes; da hatte ich keine Ahnung, daß er aus der Lauer stand. Du bist aber doch jetzt gesund?
– Ich fühle mich bedeutend besser, bin fast ganz hergestellt.
– Du bist gesund, bist nicht gestorben. O wie bin ich glücklich!
Eine kurze Pause trat ein.
– Helene! sagte Inßarow.
– Was, mein Geliebter?
– Sage mir, ist Dir nicht der Gedanke gekommen, daß diese Krankheit als Strafe über uns verhängt worden sei?
Helene blickte ihn ernsthaft an.
– Diesen Gedanken habe ich wohl gehabt, Dmitri. Ich dachte aber: wofür sollte ich denn Strafe leiden? Welche Pflicht hätte ich denn übertreten? Worin denn gefehlt? Vielleicht ist mein Gewissen nicht so beschaffen, wie das Anderer, es regte sich nicht; oder vielleicht habe ich etwas gegen Dich verschuldet? Ich könnte Dir ein Hinderniß werden, Dich aufhalten . . .
– Du wirst mich nicht zurückhalten, Helene, wir werden zusammenhalten.
– Ja Dmitri, das wollen wir, ich folge Dir . . . Es ist meine Pflicht. Ich liebe Dich . . . ich kenne keine andere Pflicht.
– O Helene! rief Inßarow, – welch unzerstörbare Bande legt mir jedes Deiner Worte an!
– Warum von Banden reden? fiel sie ein. – Wir sind Beide freie Leute. Ja, fuhr sie nachdenkend, mit gesenktem Blicke fort und mit einer Hand noch immer ihm das Haar zurechtstreichelnd, – ich habe in der letzten Zeit Vieles erlebt, wovon ich niemals einen Begriff gehabt! Wenn mir Jemand vorausgesagt hätte, daß ich, das wohlerzogene Fräulein, unter allerlei erdichteten Vorwänden, allein, das Haus verlassen werde, um, wohin? . . . zu einem jungen Manne, in dessen Wohnung zu gehen . . . wie entrüstet wäre ich gewesen! Und das ist Alles geschehen, und ich fühle nicht die geringste Entrüstung. Bei Gott, es ist wahr! setzte sie hinzu, sich gegen Inßarow wendend.
Er blickte sie mit dem Ausdrucke so grenzenloser Hingebung an, daß sie sanft ihre Hand auf seine Augen herabgleiten ließ.
– Dmitri! redete sie ihn an, – Du weißt es ja nicht, ich habe Dich ja dort, auf jenem schrecklichen Lager gesehen, als Du in den Krallen des Todes Dich befandest, besinnungslos warst . . .
– Du hast mich gesehen?
– Ja.
Er schwieg. – Und Berßenjew war dabei?
Sie nickte mit dem Kopfe.
Inßarow beugte sich zu ihr. – O Helene, flüsterte er, – ich darf meinen Blick nicht zu Dir erheben.
– Weshalb? Andrei Petrowitsch ist so gut! Ich habe mich nicht vor ihm geschämt. Und worüber hätte ich mich schämen sollen? Ich will es der ganzen Welt sagen, daß ich die Deine bin! . . . Zu Andrei Petrowitsch habe ich Vertrauen wie zu einem Bruder.
– Er hat mich gerettet! rief Inßarow. – Das ist der edelste, beste der Menschen!«
– Gewiß . . . Und weißt Du wohl, ihm habe ich Alles zu verdanken? Weißt Du wohl, er war der Erste, der mir sagte, daß Du mich liebst!t Und wenn ich Alles sagen dürfte . . . Ja« gewiß, er ist der edelste Mensch.
Inßarow blickte Helene fest an. – Er ist in Dich verliebt« nicht wahr?
Helene senkte die Augen. – Er hatte mich lieb, sagte sie halblaut.
Inßarow drückte ihr stark die Hand. – O Ihr Russen, sagte er, – Ihr habt ein goldenes Herz! Und er, er hat mich gepflegt, hat die Nächte nicht geschlafen . . . Und Du, Du, mein Engel . . . Ohne Vorwurf, ohne Wanken . . . und mir das Alles, mir . . .
– Ja, ja, Alles Dir, weil man Dich liebt. Ach Dmitri! Wie sonderbar ist es doch! Ich habe es, dünkt mich, Dir schon einmal gesagt, das ist aber gleich, ich wiederhole es gern und Dir wird es auch lieb sein zu hören . . . als ich Dich das erste Mal sah . . .
– Warum hast Du Thränen in den Augen? unterbrach sie Inßarow.
– Ich? Thränen? Sie trocknete ihre Augen mit dem Tuche. – O das Närrchen! Er weiß noch nicht, daß man auch vor Freude weint. Ich wollte Dir nur sagen, als ich Dich zum ersten Male sah, fand ich nichts Besonderes an Dir, wahrhaftig. Ich besinne mich, anfangs gefiel mir Schubin weit mehr, obgleich ich niemals Liebe für ihn gefühlt habe; was nun vollends Andrei Petrowitsch betrifft . . . o! da gab es eine Minute, wo ich dachte, wäre es nicht dieser? Du aber . . . nichts; dafür aber hast Du mir nachher . . . nachher . . . mit beiden Händen das Herz genommen!
– Habe Mitleid mit mir! sagte Inßarow. Er wollte ausstehen und fiel sogleich auf den Divan zurück.
– Was fehlt Dir? fragte Helene besorgt.
– Nichts . . . ich bin noch etwas schwach . . . Dieses Glück ist noch zu groß für meine Kräfte.
– So bleib ruhig sitzen. Bitte« nicht sich rühren, nicht aufgeregt sein, setzte sie, mit dem Finger drohend, hinzu. – Und warum hat man den Schlafrock abgelegt? Noch ist es zu früh, den Stutzer zu spielen! Ruhig gesessen, ich will Ihnen Mährchen erzählen. Man höre und schweige! Nach solcher Krankheit ist es schädlich, viel zu sprechen.
Sie begann ihm nun von Schubin, von Kurnatowsky zu erzählen und was sie in den letzten zwei Wochen erlebt hatte, und wie, nach den Zeitungen zu urtheilen, Krieg bevorstehe und, sobald er völlig hergestellt sein werde, man, ohne eine Minute zu verlieren, an die Mittel zur Abreise werde denken müssen. . . Dies Alles erzählte sie, an seiner Seite sitzend und an seine Schulter geschmiegt . . . Er hatte ihr zugehört, war bald bleich, bald roth geworden . . . einige Male hatte er sie unterbrechen wollen und plötzlich richtete er sich empor.
– Helene, sagte er in einem eigenthümlichen, scharfen Tone, – verlaß mich, gehe fort.
– Wie? fragte sie erstaunt. – Fühlst Du Dich schlecht? setzte sie lebhaft hinzu.
–– Nein . . . ich fühle mich wohl . . . aber, ich bitte Dich, verlaß mich.
– Ich verstehe Dich nicht. Du treibst mich fort? . . .
Was machst Du da? sagte sie plötzlich; er hatte sich fast bis zum Fußboden gebückt und mit seinen Lippen beinahe ihre Füße berührt. – Thue das nicht, Dmitri . . . Dmitri . . .
Er richtete sich auf.
– Dann verlasse mich!l Siehst Du, Helene, als ich erkrankte, verlor ich nicht sogleich das Bewußtsein; ich wußte, daß ich mich am Rande des Grabes befand; selbst während der Fieberhitze, des Phantasirens begriff ich, fühlte ich dunkel, daß der Tod herannahte, ich nahm Abschied vom Leben, von Dir, von Allem, jede Hoffnung hatte ich aufgegeben . . . und plötzlich dies Erwachen, dies Licht nach den Schatten, Du, . . . Du . . . neben mir, bei mir . . . Deine Stimme, Dein Hauch . . . Das übersteigt meine Kräfte! Ich fühle, daß ich Dich leidenschaftlich liebe, ich höre, Du nennst Dich selbst die Meine, ich stehe für nichts ein . . . Gehe fort!
– Dmitri . . . sagte Helene flüsternd und verbarg ihren Kopf an seiner Schulter. Sie hatte ihn jetzt erst verstanden.
– Helene, fuhr er fort, – ich liebe Dich, Du weißt es, ich bin bereit, mein Leben für Dich hinzugeben . . . warum bist Du aber jetzt zu mir gekommen, jetzt, da ich schwach, mich selbst zu beherrschen nicht im Stande bin, und all mein Blut in Wallung ist . . . Du bist mein, sagst Du . . . Du liebst mich . . .
– Dimitri, rief sie, wurde roth und schmiegte sich noch fester an ihn.
– Helene, habe Mitleid mit mir . . . gehe fort, ich fühle, ich kann sterben . . . ich kann diesem Drange nicht wiederstehen . . . meine ganze Seele strebt Dir entgegen . . . denke nur, fast hätte der Tod uns getrennt . . . und jetzt bist Du hier, in meinen Armen . . . Helene . . .
Sie bebte am ganzen Leibe. – So nimm mich hin, flüsterte sie kaum hörbar.
XXIX
Mit finsterem Gesichte ging Nikolai Artemjewitsch in seinem Cabinete aus und nieder. Schubin saß mit übergeschlagenen Beinen am Fenster und rauchte ruhig eine Cigarre.
– So hören Sie doch, ich bitte, auf, aus einer Ecke in die andere zu spazieren, sagte er, die Asche von der Cigarre abstreifend. – Ich warte immer, Sie werden etwas sagen, folge Ihren Bewegungen . . . daß mir der Hals davon schmerzt. Dann hat auch Ihr Gang etwas Gezwungenes, Melodramatisches.
– Sie möchten immer nur Spaß treiben, entgegnete Nikolai Artemjewitsch. – Sie wollen sich nicht in meine Lage versetzen; Sie wollen nicht begreifen, daß ich mich an diese Frau gewöhnt habe, daß ich Neigung zu ihr fühle, daß ihre Abwesenheit mich quälen muß. Schon rückt der October heran, bald wird der Winter da sein . . . Was kann sie in Reval machen?
– Vermuthlich strickt sie Strümpfe . . . für sich; für sich . . . nicht für Sie.
– Lachen Sie, lachen Sie nur; ich kann Ihnen aber sagen, daß ich keine Frau kenne, die mit ihr zu vergleichen wäre. Diese Ehrlichkeit, diese Uneigennützigkeit . . .
– Hat sie den bewußten Wechsel eingetrieben? fragte Schubin.
– Diese Uneigennützigkeit, wiederholte Nikolai Artemjewitsch, die Stimme erhebend, – ist Staunen erregend. Man sagt mir, es gäbe auf der Welt eine Million anderer Frauen; ich aber sage: zeigt mir diese Million; zeigt mir diese Million, sage ich: ces femmes . . . qu’on me les montre! Und sie schreibt nicht einmal, das ist um den Tod zu bekommen!
– Sie sind beredt wie Pythagoras, bemerkte Schubin; – wissen Sie aber, was ich Ihnen rathen würde?
– Was denn?
– Wenn Augustine Christianowna zurückkehrt . . . verstehen Sie mich?
– Nun ja; was ist dann?
– Sobald Sie sie wiedersehen . . . Folgen Sie aber auch dem Gange meiner Rede?
– Nun ja doch, ja.
– Versuchen Sie einmal, sie durchzuprügeln; was dabei herauskäme!
Nikolai Artemjewitsch wandte sich unwillig ab.
– Und ich glaubte, er würde mir in der That einen vernünftigen Rath geben! Was hätte man aber von ihm auch erwarten können! Ein Artist, ein Mensch ohne Grundsätze . . .
– Ohne Grundsätze! Und Ihr Günstling, der Herr Kurnatowsky, der Mann von Grundsätzen, soll Ihnen, heißt es, gestern im Spiel hundert Silberrubel abgenommen haben. Das ist doch nicht delikat, Sie werden es zugeben.
– Was ist denn dabei? Es war ja kein Hazardspiel. Freilich, ich hätte erwarten dürfen. . . Man weiß ihn aber in diesem Hause so wenig zu schätzen . . .
– Daß er gedacht hat: geht’s mit dem Einen nicht, geht’s mit dem Anderen! ergänzte Schubin; – bekomme ich ihn zum Schwiegervater oder nicht . . . das liegt noch verdeckt in der Urne des Schicksals, hundert Rubel sind immer ein guter Bissen für Einen, der keine Sporteln nimmt.
– Schwiegervater! Was für ein Schwiegervater bin ich ihm denn? Vous vous moquez, mon cher. Freilich, jedes andere Mädchen wäre froh, einen solchen Bräutigam zu bekommen. Sie werden selbst gestehen, ein gewandter, gescheidter, Mensch, hat sich ohne Protection heraufgearbeitet, hat in zwei Gouvernements schweren Dienst gehabt . . .
– In dem . . .schen Gouvernement den Gouverneur an der Nase geführt, bemerkte Schubin.
– Sehr möglich. Wahrscheinlich war es so recht. Ein praktischer Mensch, bewundert . . .
– Und guter Kartenspieler, bemerkte Schubin wieder.
– Nun ja, spielt gut Karten. Aber Helene Nikolajewna . . . Wie soll man die begreifen? Ich möchte wohl wissen, wo der Mensch zu finden wäre, der es unternähme, ihre Gedanken zu ergründen? Bald ist sie heiter, bald wieder traurig; wird auf einmal so mager, daß man sie nicht ansehen möchte, und nimmt dann plötzlich wieder zu und ganz ohne sichtbaren Grund . . .
Ein Diener von nicht empfehlendem Aeußeren trat mit einer Tasse Kaffee, Rum und Zwieback auf einem Theebrett herein.
– Dem Vater gefällt der Bräutigam, fuhr Nikolai Artemjewitsch, mit einem Zwieback gesticulirend, fort, – aber was kehrt sich die Tochter daran! In jener alten patriarchalischen Zeit war das am Platze, jetzt aber haben wir das Alles umgedreht. Nous avons changé tout ca. Jetzt unterhält sich ein Fräulein mit wem es ihm beliebt, liest, was ihm beliebt, spaziert allein, ohne Diener, in Moskau umher, ohne weibliche Begleitung, ganz wie in Paris; so ist es jetzt Sitte. Neulich frage ich, wo ist Helene Nikolajewna? Ausgegangen, heißt es. Wohin? Man weiß es nicht. Ist das etwa . . . Ordnung?
– So nehmen Sie doch Ihre Tasse und lassen Sie den Menschen gehen, äußerte Schubin. – Sie sagen ja selbst, man solle nicht devant les domestiques . . . setzte er halblaut hinzu.
Der Diener sah Schubin von oben bis unten an, während Nikolai Artemjewitsch die Tasse nahm, Rum hineingoß und ein Dutzend Zwieback zusammenraffte.
– Ich wollte sagen, begann er, sobald der Diener hinausgegangen war, – daß ich in diesem Hause nichts zu bedeuten habe. Das ist Alles. Denn zu jetziger Zeit urtheilt Jeder nach dem Aeußeren: der Eine, ein hohler und dummer Mensch, tritt mit Wichtigkeit auf . . . und wird geehrt; ein Anderer, vielleicht mit Talenten begabt, welche . . . welche großen Nutzen bringen könnten, dabei aber bescheiden auftritt . . .
– Sind Sie Staatsmann, Nikolinka? fragte Schubin mit feiner Stimme.
– Hören Sie auf Possen zu reißen! rief Nikolai Artemjewitsch ärgerlich. – Sie vergessen sich! Da haben Sie einen neuen Beweis, daß ich in diesem Hause nichts bedeute, gar nichts!
– Anna Wassiljewna verbittert Ihnen wohl das Leben . . . Sie Armer! sagte Schubin, sich reckend. – Eh, Nikolai Artemjewitsch, lassen wir diese Anzüglichkeiten! Besser wäre es, Sie dächten an ein nettes Geschenk für Ihre Gemahlin. In diesen Tagen ist ihr Geburtstag und Sie wissen, wie hoch sie die geringste Aufmerksamkeit von Ihrer Seite anschlägt.
– Ja, ja, entgegnete hastig Nikolai Artemjewitsch, – ich bin Ihnen sehr verbunden, daß Sie mich daran erinnert haben. Freilich, freilich; es ist durchaus nöthig. Ich habe auch zufälliger Weise so ein Ding, ein Fermoir, das ich neulich bei Rosenstrauch kaufte; nur weiß ich wahrhaftig nicht, ob es gut genug ist?
– Haben Sie das nicht für jene Revalenserin gekauft?
– Das heißt . . . ich nun ja . . . ich hatte die Absicht . . .
– Nun, dann ist es gewiß gut genug.
Schubin erhob sich von seinem Stuhle.
– Wohin gehen wir denn heute Abend, Pawel Jakowlewitsch, he? fragte Nikolai Artemjewitsch und blickte ihm freundlich in die Augen.
– Sie werden doch wohl in den Club fahren?
– Aber nach dem Club . . . nach dem Club!
Schubin reckte sich wieder.
– Nein, Nikolai Artemjewitsch, ich muß morgen arbeiten. Ein anderes Mal. Und er ging hinaus.
Nikolai Artemjewitsch machte ein finsteres Gesicht, ging ein paar Mal durch das Zimmer, langte aus dem Schreibepulte ein Sammetkästchen mit dem »Fermoir« hervor, betrachtete es lange und putzte daran mit einem seidenen Taschentuche. Darauf setzte er sich an den Spiegel und begann sorgfältig sein dichtes, schwarzes Haar zu kämmen, mit wichtiger Miene den Kopf bald rechts, bald links hin neigend und die Zunge gegen die Wange stemmend, ohne dabei den-Haarscheitel aus den Augen zu verlieren. Es hüstelte Jemand hinter seinem Rücken, er wandte sich um und erblickte den Diener, der ihm den Kaffee gebracht hatte.
– Was willst Du? fragte er ihn.
– Nikolai Artemjewitsch! entgegnete der Diener in etwas feierlichem Tone, – Sie sind unser Gebieter.
– Nun, was weiter?
– Nikolai Artemjewitsch, Sie haben die Gnade, es nicht für ungut zu nehmen: ich diene bei Ihnen von Kindheit an, und muß aus Diensteifer Euer Gnaden gehorsamst berichten . . .
– Was giebt es denn?
Der Diener machte eine gezwungene Bewegung.
– Euer Gnaden geruhten zu sagen, begann er, – Sie wüßten nicht, wohin Helene Nikolajewna auszugehen beliebt. Davon habe ich Kenntniß erlangt.
– Was für Unsinn schwatzest Du, Dummkopf?
– Wie es Euer Gnaden gefällt, ich habe aber das gnädige Fräulein vor zwei Tagen gesehen, als es in ein Haus zu gehen beliebte.
– Wo? was? in was für ein Haus?
– In der . . .schen Quergasse, neben der Powarskaja. Nicht weit von hier. Ich habe auch beim Hausknecht nachgefragt, was für Einwohner es hat.
Nikolai Artemjewitsch stampfte mit den Füßen.
– Schweig, Taugenichts! Wie unterstehst Du Dich? . . . Helene Nikolajewna besucht aus Mitleid Arme, und Du . . .fort, Esel!
Der erschrockene Diener rannte nach der Thür.
– Halt! schrie ihm Nikolai Artemjewitsch zu, – was, hat Dir der Hausknecht gesagt?
– Er hat ni . . . nichts gesagt. Hat gesagt, ein Stu. . . Student . . .
– Schweig, Hallunke! Wenn Du, Schurke, hörst Du, auch nur im Traume ein Wort davon gegen Jemanden . . .
– Erbarmen Sie sich, wie . . .
– Schweig! Wenn Du das geringste Wort davon . . . wenn Jemand Etwas . . . wenn ich erfahre . . . sollst Du mir auch unter der Erde keinen Platz finden! Hast Du gehört? Pack’ Dich!
Der Diener verschwand.
– Mein Gott! Was bedeutet das? dachte Nikolai Artemjewitsch, als er allein geblieben war: – Was hat mir dieser Klotz gesagt? Man muß es erfahren, was für ein Haus das ist und wer darin wohnt. Ich will selbst hin. Und dahin ist es gekommen!. . . Un laquais! Quelle humiliation!
Und nachdem er nochmals laut: »un laquais!« wiederholt hatte, verschloß er den Fermoir in das Schreibpult und begab sich zu Anna Wassiljewna. Er fand sie im Bette, mit verbundener Wange. Der Anblick ihrer Leiden reizte ihn noch mehr und er hatte sie bald bis zum Weinen gebracht.
XXX
Unterdessen war das Gewitter« das sich über dem Oriente zusammengezogen hatte, ausgebrochen. Die Türkei hatte Rußland den Krieg erklärt; die Frist, welche für den Rückzug der Truppen aus den Fürstenthümern bestimmt worden, war abgelaufen; schon war der Tag des sinopeschen Flottenbrandes nicht mehr fern. Die letzten Briefe, die Inßarow bekommen hatte, riefen ihn unverzüglich in die Heimath. Seine Gesundheit war noch immer nicht wieder hergestellt. er hustete. war schwach und hatte Anfälle fliegenden Fiebers; dennoch war er fast niemals zu Hause. Seine Seele stand in Feuer; er dachte nicht mehr an seine Krankheit. Beständig fuhr er in Moskau umher, besuchte insgeheim verschiedene Personen, war viele Nächte mit Schreiben beschäftigt und verschwand auf ganze Tage; seinen Wirth hatte er benachrichtigt, er werde die Wohnung bald verlassen und ihm sein anspruchsloses Mobiliar zum Geschenk machen. Helene ihrerseits machte gleichfalls Vorbereitungen zur Abreise. An einem unfreundlichen Abende saß sie in ihrem Stübchen, mit Säumen von Tüchern beschäftigt und lauschte mit unwillkürlicher Schwermuth dem Heulen des Windes. Ihr Kammermädchen trat herein und sagte ihm der Papa wäre in der Mama Schlafzimmer und ließe sie hinbescheiden . . . – Die Frau Mama weint, flüsterte sie Helene zu, – und der Herr Papa sind in Zorn . . .
Helene zuckte leicht mit den Achseln und trat in Anna Wassiljewna‘s Schlafzimmer. Die weichherzige Gattin Nikolai Artemjewitsch’s lag halb hingestreckt in einem Ruhesessel und roch an einem Tuche mit kölnischem Wasser; er selbst stand vor dem Kamin, den Rock bis zum Halse zugeknöpft, in hoher, steifer Halsbinde und gestärktem Kragen, durch seine Haltung etwas entfernt an irgend einen Parlamentsredner erinnernd. Mit einer oratorischen Bewegung der Hand wies er seiner Tochter einen Stuhl, und als diese, seine Bewegung nicht begreifend, ihn fragend ansah, sagte er mit Würde, doch ohne den Kopf zu wenden: – Ich bitte, nehmen Sie Platz. (Nikolai Artemjewitsch sagte zu seiner Frau immer Sie, zur Tochter . . . nur bei außergewöhnlichen Anlässen.) Helene setzte sich.
Anna Wassiljewna schneuzte sich unter Thränen. Nikolai Artemjewitsch steckte die Rechte in den Ausschnitt der Weste.
– Ich habe Sie rufen lassen, Helene Nikolajewna, begann er nach einigem Schweigen, – um mich mit Ihnen zu erklären, oder besser gesagt, um von Ihnen eine Erklärung zu fordern. Ich bin nicht mit Ihnen zufrieden, oder nein: das ist zu wenig gesagt; Ihr Betragen betrübt mich, beleidigt mich . . . mich und auch Ihre Mutter . . . Ihre Mutter, die Sie jetzt vor sich sehen.
Nikolai Artemjewitsch zog nur die Baßregister seiner Stimme auf. Helene sah ihn, dann ihre Mutter schweigend an und wurde bleich.
– Es gab eine Zeit. begann wieder Nikolai Artemjewitsch. – da Töchter sich nicht herausnehmen durften. auf ihre Eltern verächtlich herabzusehen. da elterliche Macht die Störrischen zittern machte. Jene Zeit ist leider vorbei; so wenigstens glauben Viele; ich versichere Sie aber, es bestehen noch Gesetze, die nicht erlauben . . . die nicht erlauben . . . mit einem Worte, es bestehen noch Gesetze. Ich bitte Sie, dieses festzuhalten: es bestehen Gesetze!
– Aber, lieber Vater . . . wandte Helene ein.
– Ich bitte, mich nicht zu unterbrechen. Wir wollen uns in Gedanken in die Vergangenheit zurückversetzen. Wir haben Beide, Anna Wassiljewna und ich, unsere Pflicht erfüllt. Wir haben Beide an Ihrer Erziehung nichts gespart, weder Geld noch Mühe. Welchen Nutzen haben Sie aus all’ diesen Mühen, diesen Ausgaben gezogen . . . das ist eine andere Frage; ich durfte jedoch mit Recht erwarten . . . wir Beide, Anna Wassiljewna und ich, durften mit Recht erwarten, Sie würden wenigstens jene moralischen Regeln wie ein Heiligthum bewahren, die wir . . . die wir Ihnen, als unserer einzigen Tochter . . . que nous vous avons inculqués, die wir Ihnen eingeflößt hatten. Wir hatten das Recht, zu erwarten, daß keinerlei neue »Ideen« dieses, so zu sagen unantastbare Heiligthum berühren werden. Und was sehen wir? Nicht von dem Ihrem Geschlechte und Ihrem Alter eigenen Leichtsinn will ich jetzt reden . . . wer aber hätte erwarten können, daß Sie sich soweit vergessen würden . . .
– Papa, sagte Helene, – ich weiß, was Sie sagen wollen . . .
– Nein, Du weißt nicht, was ich sagen will! schrie durch die Fistel Nikolai Artemjewitsch, der plötzlich aus seiner hochfahrenden parlamentarischen Haltung, der gemessenen Wichtigkeit seines Redeflusses und den Baßton seiner Stimme herausgefallen war; – Du weißt es nicht, freches Ding!
– Um Gottes willen, Nikolas, stammelte Anna Wassiljewna, – vous me faites mourir.
– Sagen Sie mir nicht, que je vous fais mourir, Anna Wassiljewna! Sie haben noch keine Vorstellung von dem, was Sie gleich hören werden! Bereiten Sie sich aus das Schlimmste vor, ich sage es Ihnen zum Voraus!
Anna Wassiljewna ward starr vor Schrecken.
– Nein, fuhr Nikolai Artemjewitsch, zu Helene gewendet, fort, – Du weißt nicht, was ich sagen will!
– Ich habe ein Unrecht gegen Sie begangen . . . sagte sie.
– Da, endlich haben wir’s!
– Ich habe ein Unrecht gegen Sie darin begangen, fuhr Helene fort, – daß ich Ihnen nicht schon längst bekannt habe . . .
– Und weißt Du wohl, unterbrach sie Nikolai Artemjewitsch, – daß ich Dich mit einem Worte vernichten kann?
Helene erhob ihre Augen auf ihn.
– Ja, meine Gnädige, mit einem Wortes Starren Sie mich nur an! (Er kreuzte die Arme über der Brust.) – Darf ich Sie wohl fragen. ob Ihnen ein gewisses Haus in der . . .schen Quergasse, unweit der Powarskaja bekannt ist? Sind Sie in jenem Hause gewesen? (Er stampfte mit dem Fuße.) – So antworte, Du Nichtswürdige, denke nicht List zu gebrauchen! Dienstboten, Dienstboten, Lakaien, mein Fräulein, de vils laquais haben Sie gesehen, wie Sie hineingegangen sind zu Ihrem . . .
Helene wurde feuerroth und ihre Augen glänzten.
– Ich habe keine List zu gebrauchen, sagte sie, – ja, ich bin in jenem Hause gewesen.
– Herrlich! Hören Sie, hören Sie, Anna Wassiljewna? Und Sie wissen vermuthlich, wer dort wohnt?
– Ja, ich weiß es: mein Mann . . .
– Dein . . .
– Mein Mann, wiederholte Helene. – Ich bin Dmitri Nikanorowitsch Inßarow‘s Gattin.
– Du? . . . bist verheirathet? . . . stammelte Anna Wassiljewna hervor.
– Ja, Mama . . . Verzeihen Sie mir. Vor zwei Wochen haben wir uns heimlich trauen lassen.
Anna Wassiljewna fiel in ihren Schlafstuhl zurück; Nikolai Artemjewitsch trat zwei Schritte zurück.
– Verheirathet! An diesen Lumpenkerl, diesen Montenegriner! Die Tochter eines Nikolai Stachow, eines alten Edelmannes, hat einen Herumstreicher, einen Plebejer geheirathet! Ohne elterlichen Segen! Und Du denkst, ich werde das dulden? ich werde nicht klagen? ich werde zulassen . . . daß Du . . . daß . . . Ins Kloster mit Dir, auf die Festung, ins Zuchthaus mit ihm! Anna Wassiljewna, haben Sie die Gefälligkeit, ihr auf der Stelle zu sagen, daß Sie sie enterben.
– Nikolai Artemjewitsch, um Gottes willen, stöhnte Anna Wassiljewna.
– Und wann, wie ist das geschehen? Wer hat Euch getraut? wo? wie? Mein Gott! Was werden jetzt unsere Bekannten, was wird die Welt sagen! Und Du, schamlose Heuchlerin, konntest nach einer solchen That unter dem elterlichen Dache bleiben! Du fürchtetest nicht . . . die Blitze des Himmels!
– Vater, sagte Helene (sie zitterte am ganzen Körper, doch war ihre Stimme fest), – es steht Ihnen frei, mit mir zu machen, was Ihnen beliebt, Sie thun mir aber Unrecht, wenn Sie mich der Schamlosigkeit und Heuchelei beschuldigen. " Ich habe Ihnen nicht . . . vor der Zeit Kummer bereiten wollen, doch hätte ich Ihnen in diesen Tagen nothgedrungen Alles sagen müssen, denn in der nächsten Woche reisen wir Beide, mein Mann und ich, von hier fort.
– Ihr reist fort? Wohin denn?
– In seine Heimath, nach Bulgarien.
– Zu den Türken! rief Anna Wassiljewna, und fiel in Ohnmacht.
Helene stürzte auf die Mutter zu.
– Fort! rief Nikolai Artemjewitsch, und faßte seine Tochter bei der Hand, – fort, Nichtswürdige!
Doch in diesem Augenblick ging die Thür des Schlafzimmers auf und es zeigte sich ein bleiches Gesicht mit leuchtenden Augen, es war Schubin.
–– Nikolai Artemjewitsch! rief er mit lauter Stimme, – Augustine Christianowna ist zurückgekehrt und läßt Sie rufen!
Nikolai Artemjewitsch wandte sich wüthend um und streckte drohend gegen Schubin die Faust aus, blieb dann einen Augenblick unschlüssig und verließ rasch das Gemach,
Helene fiel zu den Füßen ihrer Mutter nieder und umschlang deren Knie.
* * *
Uwar Iwanowitsch lag auf seinem Bett. Ein Hemd ohne Kragen, mit großem Knopfe, umfaßte seinen fleischigen Hals, bedeckte in weiten, nachlässigen Falten seine fast weiblich geformte Brust und ließ ein großes Kreuz von Cypresseholz und ein geweihtes Säckelchen durchblicken. Eine leichte Decke verhüllte seine stämmigen Glieder. Ein Licht brannte matt auf dem Nachttische neben einer Kanne mit Kwas; zu den Füßen Uwar Iwanowitsch’s, auf dessen Bett saß Schubin in Gedanken versunken.
– Ja, sagte dieser nachdenkend, – sie ist verheirathet und will davonreisen. Ihr lieber Neffe lärmte und schrie durch das ganze Haus; um es still abzumachen, hatte er sich im Schlafzimmer eingeschlossen, aber nicht blos Diener und Dienstmädchen . . . selbst die Kutscher haben Alles hören können. Auch jetzt noch ist er von rasender Tobsucht erfüllt, wäre fast über mich hergefallen und trägt sich herum mit seinem väterlichen Fluche, wie ein Bär mit seinem Klotze; doch ist das Alles nicht von Wichtigkeit. Anna Wassiljewna ist niedergeschmettert, und die Abreise der Tochter bekümmert sie bedeutend mehr, als die Heirath derselben.
Uwar Iwanowitsch machte Fingerbewegungen.
– Mutterherz, sagte er, – nun . . . und Anderes, noch?
– Ihr Neffe droht mit dem Metropoliten, fuhr Schubin fort, – mit dem Generalgouverneur, will beim Minister eine Klage einreichen, das Ende davon wird sein, daß sie doch davonfährt. Wer wird seine eigene Tochter ins Verderben stürzen! Bläht sich wie ein Hahn und läßt, doch bald die Flügel hängen!
– Sie haben kein Recht . . . bemerkte Uwar Iwanowitsch und that einen Schluck aus der Kanne.
– Wahr, wahr. Aber welch, einen Sturm von Klatschereien, Kritteleien, Gerede wird das in ganz Moskau geben! Sie hat keine Furcht davor gehabt . . . Sie setzt – sich über Dergleichen hinweg. Und fährt davon . . . und wohin? es schaudert Einen bei dem Gedanken! Ans Ende der Welt, in die Wildniß! Was harrt ihrer dort? Ich stelle sie mir vor, wie sie bei Nacht, im Schneegestöber bei dreißig Grad Kälte, aus irgend einer Fuhrmannsherberge abführt. Verläßt Heimath und Eltern, und doch begreife ich sie. Wen läßt sie hier zurück? Mit wem ist sie zusammengekommen? Mit Kurnatowsky’s, mit Berßenjew’s und Unsereinem, und das sind noch die Besseren. Um wen sollte sie trauern? Eines aber ist schlecht; es heißt, ihr Mann . . . hol’ es der Teufel, man möchte das Wort nicht über die Lippen bringen . . . es heißt, Inßarow speie Blut; das ist fatal. Ich habe ihn neulich gesehen; welch, ein Gesicht! er könnte zu einem Brutus sitzen . . . Sie wissen, wer Brutus war, Uwar Iwanowitsch?
– Was weiß ich? Ein Mann.
– Richtig; »ein ganzer Mann« war er. Ja, ein superbes Gesicht, aber nicht gesund, gar nicht gesund.
– Um sich herumzuschlagen . . . bleibt sich gleich, brachte Uwar Iwanowitsch vor.
– Um sich herumzuschlagen, freilich; Sie drücken sich heute sehr richtig aus; um aber zu leben, bleibt sich‘s nicht gleich. Sie möchte aber gewiß gern mit ihm das Leben genießen.
– Nun natürlich, die Jugend! erklärte Uwar Iwanowitsch.
– Ja wohl, Jugend, Ruhmdurst und Kraft, Leben, Tod, Kampf, Sturz, Sieg, Liebe, Freiheit, Heimath . . . Schön, schön. Wir wollen es Jedem wünschen! Das ist etwas Anderes, als bis zum Halse in einem Sumpfe stecken und sich den Anschein geben, es käme uns nicht darauf an, wenn uns in der That nichts darauf ankommt. Dort aber . . . sind die Saiten gespannt, laß sie schallen durch die ganze Welt oder zerreißen!
Schubin senkte den Kopf.
– Ja, fuhr er nach einer Pause fort, – Inßarow ist ihrer werth. Doch nein, Unsinn! Es ist Niemand ihrer werth. Inßarow . . . Inßarow . . . Wozu die falsche Bescheidenheit? Ich will gern glauben, daß er ein ganzer Kerl ist, daß er für sich einstehen wird, obschon er bis jetzt dasselbe, was Unsereiner geleistet hat . . . aber sind wir denn in der That ohne jedes Verdienst? Zum Beispiel ich, bin ich denn so ganz ohne Werth, Uwar Iwanowitsch? Wäre ich denn wirklich so ganz von der Vorsehung vernachlässigt worden? Hätte sie mir alle Fähigkeit, alles Talent versagt? Wer kann wissen, vielleicht wird Pawel Schubin’s Name mit der Zeit berühmt? Da liegt auf Ihrem Tische ein kupferner Groschen. Wer weiß, vielleicht irgend einmal, in hundert Jahren, wird dieses Kupfer zu einer Statue Pawel Schubin’s verschmolzen werden, die, ihm zu Ehren, eine dankbare Nachwelt errichtet?
Uwar Iwanowitsch stützte sich auf den Ellenbogen und blickte den erhitzten Künstler an.
– Das liegt noch weit im Felde, sagte er endlich, mit obligatem Fingerspiele; – es ist von Anderen die Rede, und Du . . . sprichst . . . von Dir.
– O großer Philosoph russischer Erde!t rief Schubin aus. – Jedes Ihrer Worte ist gediegenes Gold, und nicht mir . . . Ihnen muß eine Statue errichtet werden, und das übernehme ich. So wie Sie jetzt daliegen, in dieser Stellung . . . von welcher man nicht weiß, was in ihr verwaltet . . . ob Trägheit« oder Kraft? . . . ganz so will ich Sie gießen. Durch ihre gerechte Ermahnung haben Sie meiner Selbstsucht und meiner Eigenliebe einen Stoß versetzt! Ja! ja! wir wollen nicht von uns sprechen; wollen nicht großthun. Wir haben noch Niemand, wir haben keine Männer, wohin wir nur blicken.
Alles . . . entweder schofeliges, grämliches Pack, kleine Hamlets, Selbstverzehrer, oder dumpfe Nacht, unterirdisches Dunkel der Unwissenheit, oder Pflastertreter, Strohdrescher und Trommelschläger! Dann giebt es auch noch solche Leute, die sich selbst bis auf ihre geringsten Niederträchtigkeiten studirt haben, jeder ihrer Regungen den Puls fühlen und sich selbst den Bericht erstatten: das hier sind meine Gefühle, das hier sind meine Gedanken. Eine nützliche, kluge Beschäftigung! Nein, wenn es unter uns gescheidte Leute gäbe, wäre dies Mädchen nicht von uns gegangen, diese empfängliche Seele wäre nicht, wie ein Fisch im Wässer, entschlüpft. Nun, Uwar Iwanowitsch? Wann wird die Reihe an uns kommen? Wann werden bei uns die rechten Leute erscheinen?
– Gieb Zeit, erwiederte Uwar Iwanowitsch, – werden schon kommen.
– Werden schon kommen? O Mutterland!t O Schwarzerde! Du hast gesagt, sie werden schon kommen? Merken Sie sich’s, dies Wort schreibe ich auf. Warum löschen Sie aber das Licht aus?
– Ich will schlafen, gute Nacht.
XXXI
Schubin hatte nicht übertrieben. Die unerwartete Nachricht von Helene’s Heirath hätte Anna Wassiljewna beinahe umgebracht. Sie mußte das Bett hüten. Nikolai Artemjewitsch hatte von ihr verlangt, sie solle ihre Tochter nicht vor sich lassen; es schien ihm dieser Vorfall geeignet, sich als unumschränkten Herrn im Hause zu zeigen, seine Macht als Oberhaupt der Familie geltend zu machen; er schrie und donnerte beständig gegen die Dienstboten, und drohte jeden Augenblick: – »Ich will Euch zeigen, wer ich bin, ich will Euch lehren . . .wartet nur!« So lange er zu Hause war, sah Anna Wassiljewna Helene nicht und begnügte sich mit der Anwesenheit Zoë’s, die sich überaus dienstfertig bezeigte, dabei auch gelegentlich dachte: – Diesen Inßarow vorziehen . . . und wem?! Sobald jedoch Nikolai Artemjewitsch das Haus verließ (und das war ziemlich oft der Fall, da Augustine in der That zurückgekehrt war), kam Helene zu ihrer Mutter . . . und diese betrachtete ihre Tochter lange, mit Thränen in den Augen. Dieser schweigende Vorwurf drang tiefer in Helene’s Herz, als alles Andere; es war nicht Reue, was sie in solchen Augenblicken empfand, aber doch ein der Reue nahekommendes tiefes, grenzenloses Bedauern.
– Mütterchen, liebes Mütterchen! sagte sie, ihr die Hände küssend, – was sollte ich denn thun? Es ist ja nicht meine Schuld, ich liebte ihn, ich konnte nicht anders handeln. Beschuldigen Sie das Schicksal, es hat mir einen Mann zugeführt, der Papa nicht gefällt, und der mich Ihnen entführt.
– Acht unterbrach sie Anna Wassiljewna, – erinnere mich nicht daran. Wenn ich blos daran denke, wohin Du reisen willst, preßt es mir das Herz ab!
– Liebes Mütterchen, entgegnete Helene, – möge Ihnen das wenigstens ein Trost sein, daß es ärger hätte kommen, daß ich hätte sterben können.
– Auch ohnedies hoffe ich nicht mehr, Dich wiederzusehen. Entweder wirst Du dort irgendwo unter einem Zelte Dein Leben lassen (sie dachte sich Bulgarien ungefähr wie eine sibirische Moorstepper – oder ich werde die Trennung nicht ertragen . . .
– Reden Sie nicht so, gutes Mütterchen, wir werden uns noch sehen, mit Gottes Gnade. In Bulgarien giebt es ja Städte ganz wie hier.
– Was für Städte giebt es da! Jetzt ist dort Krieg; jetzt wird dort, denke ich, überall mit Kanonen geschossen . . . Du willst bald fahren?
–Bald . . . wenn nur Papa . . . Er will eine Klage einreichen, er droht uns mit Scheidung.
Anna richtete den Blick gen Himmel.
– Nein, Lenotschka, er wird nicht klagen. Ich selbst würde niemals meine Einwilligung zu dieser Heirath gegeben haben, ich wäre lieber gestorben; was geschehen, kann aber nicht geändert werden und meiner Tochter werde ich keine Schmach anthun lassen.
So vergingen einige Tage. Endlich faßte Anna Wassiljewna ein Herz und verschloß sich eines Abends in ihrem Schlafzimmer mit ihrem Manne allein. Alles im Hause war still geworden und horchte. Anfangs war nichts zu hören; dann ertönte Nikolai Artemjewitsch’s Stimme, hernach entspann sich ein Wertstreit, man vernahm Geschrei, wollte sogar Gestöhn vernommen haben . . . Schon wollte Schubin mit den Dienstmädchen und Zoë zu Hilfe eilen; der Lärm im Schlafzimmer wurde jedoch allmählich schwächer, ging in Gemurmel über und härte auf. Nur selten ließen sich schwache Anfälle von Schluchzen vernehmen . . . und auch diese hätten auf. Ein Geklirr von Schlüsseln ward vernommen, dann ein Geknarr des geöffneten Schreibpultes . . . Die Thür ging auf und Nikolai Artemjewitsch kam heraus. Er warf grimmige Blicke auf Jeden, der ihm in den Weg kam und fuhr in den Club. Anna Wassiljewna ließ Helene zu sich bescheiden, umarmte sie herzlich und sagte mit bitteren Thränen:
– Alles ist in Ordnung gebracht, er wird keinen Lärm machen und kein Hinderniß steht Dir im Wege, Du kannst reisen . . . uns verlassen.
– Sie werden erlauben, daß Dmitri hierher kommt, Ihnen zu danken? fragte Helene ihre Mutter, als diese sich etwas beruhigt hatte.
– Warte, mein Herz, ich kann den Bösen, der uns von einander trennt, noch nicht sehen. Vor der Abreise wird sich dazu noch Zeit finden.
– Vor der Abreise, wiederholte Helene betrübt.
Nikolai Artemjewitsch hatte eingewilligt, »keinen Lärm zu machen«; doch sagte Anna Wassiljewna ihrer Tochter nicht, welchen Preis er darauf gesetzt hatte. Sie sagte ihr nicht, daß sie ihm das Versprechen, alle seine Schulden zu bezahlen, gegeben und ihm sofort tausend Rubel eingehändigt hatte. Dann hatte er außerdem noch Anna Wassiljewna entschieden erklärt, er wünsche nicht mit Inßarow zusammenzutreffen und nannte ihn immer nur den Montenegriner; im Club jedoch hob er ganz ohne jeden Anlaß an, mit seinem Mitspielenden, einem Ingenieurgeneral außer Diensten, von der Heirath seiner Tochter zu sprechen. – Haben Sie gehört, warf er mit affectirter Nachlässigkeit hin, – meine Tochter hat vor lauter Gelehrsamkeit einen Studenten geheirathet. Der General sah ihn über die Brille an, brummte ein »Hm!« und fragte ihn dann, – was spielen Sie aus?
XXXII
Der Tag der Abreise rückte unterdessen heran. November war fast vorüber und ein längerer Verzug unmöglich. Inßarow hatte schon längst alle seine Vorbereitungen beendigt und brannte vor Begierde, Moskau sobald als möglich zu verlassen. Auch der Arzt drang in ihn: – Sie müssen in ein wärmeres Klima, sagte er zu ihm, – hier können Sie nicht gesund werden. Auch Helene quälte die Ungeduld; Inßarow’s Blässe und abgefallenes Aussehen machten ihr Sorge. Beim Anblicke seines veränderten Aeußeren beschlich sie oft eine unwillkürliche Furcht. Ihre Stellung im elterlichen Hause war unerträglich geworden. Die Mutter jammerte über sie, wie über eine Hingeschiedene und der Vater, behandelte sie mit verächtlicher Kälte; die bevorstehende Trennung verursachte auch ihm geheimen Kummer, er hielt es jedoch für Pflicht, als beleidigter Vater seine Gefühle, seine Schwäche geheim zu halten. Endlich äußerte Anna Wassiljewna den Wunsch, Inßarow zu sehen. Er ward in aller Stille durch die Hinterthür zu ihr eingelassen. Als er in ihr Zimmer getreten war, vermochte sie lange nicht das Wort an ihn zu richten, und konnte sich nicht einmal entschließen, ihn anzusehen; er setzte sich neben ihren Lehnstuhl und erwartete mit ruhiger Ehrfurcht ihr erstes Wort. Helene saß auch dort und hielt die Hand ihrer Mutter in der ihrigen. Endlich erhob Anna Wassiljewna die Augen und sagte: – Gott möge Ihnen vergeben, Dmitri Nikanorowitsch . . . und sie hielt inne; die Vorwürfe erstorben auf ihren Lippen. – Sie sind ja aber krank, rief sie, – Helene, er ist ja krank!
– Ich bin krank gewesen, Anna Wassiljewna, entgegnete Inßarow, – und bin auch jetzt noch nicht völlig – genesen; ich hoffe indessen, die heimathliche Luft wird meine Kräfte vollends wieder herstellen.
– Ja . . . Bulgarien! ließ Anna Wassiljewna hören und sie dachte dabei: – Mein Gott: ein Bulgare, halb todt, die Stimme wie aus einer hohlen Tonne, die Augen groß wie ein Teller, ein ganzes Skelett, der Rock als gehöre er nicht ihm, gelb wie eine Hundscamille . . . und sie, seine Frau, und sie liebt ihn . . . das muß doch ein Traum sein . . . Sie fand sich aber gleich zurecht. – Dmitri Nikanorowitsch sagte sie – Sie müssen durchaus . . . durchaus fortreisen?
– Ja, durchaus, Anna Wassiljewna.
Anna Wassiljewna blickte ihn an.
– Ach, Dmitri Nikanorowitsch, gebe Gott, daß Sie die Leiden nicht erdulden, die ich jetzt ertragen muß . . . Sie geben mir aber das Versprechen, sie zu beschützen, sie zu lieben . . . Noth werdet ihr nunmehr, so lange ich am Leben bin, nicht zu leiden haben!
Thränen erstickten ihre Stimme. Sie breitete die Arme aus, Helene und Inßarow fielen an ihre Brust.
* * *
Der verhängnißvolle Tag war endlich gekommen. Es war abgemacht worden, daß Helene von ihren Eltern zu Hause Abschied nehmen, sich aber dann aus Inßarow’s Wohnung auf den Weg machen sollte. Die Abreise war aus zwölf Uhr angesetzt. Eine Viertelstunde vor dieser Zeit stellte sich Berßenjew ein. Er vermuthete, er werde bei Inßarow dessen Landsleute, die demselben das Geleite zu geben wünschten, antreffen; sie waren aber alle schon vorher abgereist; ebenso auch die dem Leser bewußten geheimnißvollen zwei Unbekannten (sie waren bei Inßarow’s Hochzeit Zeugen gewesen). Der Schneider empfing mit einem Bücklinge den »lieben Herrn«; er hatte sich vor Betrübniß, vielleicht auch vor Freude, daß die Möbel ihm verblieben, stark angetrunken. Seine Frau führte ihn bald fort. Im Zimmer war bereits Alles zurecht gelegt: ein Mantelsack, mit Schnüren zusammengebunden, lag aus dem Fußboden. Berßenjew, versank in Gedanken: viele Erinnerungen tauchten in seiner Seele auf!
Zwölf Uhr war längst vorbei und der Fuhrmann bereits mit den Pferden da, die »Neuvermählten, zeigten sich noch nicht. Endlich wurden hastige Schritte auf der Treppe laut, und Helene, von Inßarow und Schubin gefolgt, trat herein. Ihre Augen waren von Thränen roth, sie hatte ihre Mutter ohnmächtig zurückgelassen; die Trennung war sehr schwer gewesen. Schon mehr als eine Woche hatte Helene Berßenjew nicht gesehen, er war in der letzten Zeit selten zu Stachow’s gekommen. Sie erwartete nicht, ihn anzutreffen. – Sie! rief sie, – ich danke Ihnen! sie warf sich ihm mit Ungestüm um den Hals; Inßarow umarmte ihn ebenfalls. Ein unbehagliches Schweigen trat ein. Was konnten diese drei Menschen einander sagen, was ging in diesen drei Herzen vor? Schubin erkannte die Nothwendigkeit, einen Ton, lebendige Worte in diese Stille zu bringen.
– Wieder sind wir drei versammelt, begann er, – und zum letzten Male! Wir wollen uns den Fügungen des Geschickes unterwerfen, uns im Guten des Vergangenen erinnern, und mit Gott . . . ein neues Leben beginnen! »Mit Gott hinaus ins Weite,« stimmte er an und hielt inne. Er fühlte sich plötzlich verwirrt und verlegen. Eine Sünde war es, dort zu singen, wo ein Todter sich befand, und in diesem Augenblicke, in diesem Zimmer, wurde jene Vergangenheit, von der er redete, die Vergangenheit derer, die dort versammelt waren, zu Grabe getragen. Sie wurde zu Grabe getragen, wenn auch um zu neuem Leben aufzuerstehen . . . abgestorben war sie aber doch.
– Nun« Helene, sagte Inßarow, zu seiner Frau gewandt, – jetzt, denke ich, ist Alles in Ordnung. Alles bezahlt, Alles eingepackt. Nur dieser Mantelsack muß hinuntergeschleppt werden! Heda! Wirth!
Der Wirth trat mit Frau und Tochter ins Zimmer. Er hörte, etwas taumelnd, Inßarow’s Befehl an, lud sich den Mantelsack auf die Schulter und lief rasch, mit den Stiefeln lärmend, die Treppe hinunter.
– Jetzt, nach russischem Brauch, müssen wir uns setzen.
Sie setzten sich: Berßenjew ließ sich auf dem kleinen Divan nieder; Helene nahm neben ihm Platz; die Wirthin mit ihrer Tochter hockten an der Schwelle nieder. Alle schwiegen, lächelten gezwungen und Niemand wußte warum. Jeden trieb’s, zum Abschied ein Wörtchen zu sagen, und Jeder (Wirthin und Tochter natürlich ausgenommen, die blos die Augen weit aufrissen) fühlte, daß in solchen Augenblicken nur etwas Plattes gesagt werden könne und daß jede gediegene, oder kluge, oder auch blos herzliche Rede nicht an ihrem Platze, fast eine Unwahrheit sei, Inßarow erhob sich zuerst und bekreuzigte sich . . . »Lebe wohl, du unser Stübchen!« rief er.
Küsse wurden ausgetheilt, schallende, doch kalte Abschiedsküsse, Glückwünsche auf die Reise, halb ausgesprochene Bitten, Versprechungen, einander zu schreiben, und die letzten, halb unterdrückten Abschiedsworte . . .
Helene bestieg mit weinenden Augen den Reiseschlitten; Inßarow bedeckte ihre Füße sorgsam mit einem Teppiche; Schubin, Berßenjew, der Wirth, dessen Frau und Tochter mit dem unausbleiblichen Tuche auf dem Kopfe, der Hausknecht, ein fremder Handwerker in gestreiftem Schlafrocke – sie standen Alle vor der Treppe, als plötzlich ein kostbarer Schlitten, mit einem raschen Traber bespannt, in den Hof fuhr und, den Schnee vom Kragen des Mantels schüttelnd, Nikolai Artemjewitsch heraussprang.
– Noch nicht fort, Gott sei Dankt rief er, und lief zu dem Reiseschlitten. – Da nimm, Helene, sagte er, sich unter das Schlittendeck vorbeugend und ein kleines Heiligenbild in Sammetfutteral aus der Rocktasche hervorlangend, – unseren elterlichen Segen noch zuletzt aus den Weg, – und er hängte ihr das Bild um den Hals. Sie brach in Thränen aus und bedeckte feine Hände mit Küssen; unterdessen holte der Kutscher aus dem Vordertheile des Schlittens eine halbe Flasche Champagner und drei Gläser hervor.
– Nun, sagte Nikolai Artemjewitsch und helle Tropfen rollten ans seinen Augen auf den Biber des Mantels, – zum Geleite . . . unsere Wünsche . . . Er goß den Champagner ein; seine Hände zitterten, der Schaum ergoß sich über den Rand und fiel aus den Schnee. Er nahm ein Glas, gab die beiden anderen Helene und Inßarow, der bereits neben ihr Platz genommen hatte. – Gott verleihe Euch . . . fing Nikolai Artemjewitsch an, und vermochte nichts weiter zu sagen . . . er stürzte sein Glas hinunter; die Anderen thaten es gleichfalls. – Jetzt solltet Ihr eigentlich, meine Herren, sagte er, zu Schubin und Berßenjew gewandt . . . doch schon trieb der Fuhrmann die Pferde an. Nikolai Artemjewitsch lief noch etwas neben dem Schlitten her. – Vergiß nicht, uns zu schreiben, sagte er mit gebrochener Stimme. Helene streckte den Kopf vor und sagte: – Leben Sie wohl, Väterchen, Andrei Petrowitsch, Pawel Jakowlewitsch, lebt Alle wohl, lebe wohl, Rußland! und sie fiel auf ihren Sitz zurück. Der Fuhrmann schwenkte die Peitsche und pfiff, die Schlittensohle knurrte, der Schlitten bog rechts zum Thore hinaus und verschwand in der Ferne.
XXXIII
Es war ein freundlicher Apriltag. Auf der breiten Lagune, die Venedig von dem schmalen Streifen angeschwemmten Landes, Lido genannt, trennt, glitt eine spitzschnabelige Gondel, von den Stößen des über das lange Ruder sich neigenden Gondoliers gleichmäßig gewiegt, dahin. Unter dem niedrigen Deck saßen auf weichen Lederpolstern Helene und Inßarow.
Helene’s Gesicht hatte sich seit dem Tage ihrer Abreise aus Moskau nicht sehr verändert; doch war der Ausdruck desselben ein anderer: er war gedankenvoller und ernster, der Blick kühner geworden. Ihr ganzer Körper war voller, das Haar schien üppiger und dichter die weiße Stirn und die frischen Wangen zu umrahmen. Nur an den Lippen wenn sie nicht gerade lächelten, verrieth ein kaum merkbarer Zug eine geheime, beständige Sorge. Der Ausdruck im Gesichte Inßarow’s war dagegen derselbe geblieben, doch hatten die einzelnen Züge desselben sich auffallend verändert. Er war noch mehr abgemagert, gealtert, bleicher und zusammengefallener; er hatte einen beständigen, kurzen, trockenen Husten, die tiefliegenden Augen glänzten in eigenthümlichem Feuer. Während der Reise hatte Inßarow fast zwei Monate in Wien krank gelegen und war erst gegen Ende März mit seiner Frau in Venedig angelangt; von dort hoffte er über serbisch Zara Bulgarien zu erreichen; andere Wege waren für ihn verschlossen. Schon wüthete der Kampf an der Donau; England und Frankreich hatten Rußland den Krieg erklärt und alle slavischen Länder waren in Gährung und zum Aufstande bereit.
Die Gondel legte am inneren Ufer des Lido an. Helene und Inßarow begaben sich auf einem engen, sandigen Pfade, der mit elenden Bäumchen besetzt war (man pflanzt jedes Jahr neue und sie verdorren regelmäßig), an das äußere Ufer des Lido, ans Meer.
Sie gingen längs dem Ufer hin. Vor ihnen rollte das adriatische Meer seine trübblauen Wellen; schäumend und brausend zogen sie heran und dann wieder fort, kleine Muscheln und Trümmer von Seegras auf dem Ufersande zurücklassend.
– Welch ein trauriger Ort! bemerkte Helene. – Ich fürchte, hier ist‘s zu kalt für Dich; doch ich errathe, weshalb Du hierher kommen wolltest.
– Kalt! erwiederte mit raschem, doch bitterem Lächeln Inßarow. – Ich wäre ein schöner Krieger, wenn ich die Kälte fürchtete. Hierher bin ich aber gekommen . . . ich will Dir sagen warum. Ich sehe dies Meer an und mir dünkt, meine Heimath liege mir näher. Dort ist sie ja, setzte er hinzu, die Hand nach Osten ausstreckend. – Der Wind weht auch von dort.
– Ob nicht dieser Wind das Schiff, das Du erwartest, hierher führt? sagte Helene; – sieh dort das weiße Segel, vielleicht ist dies das Schiff?
Inßarow blickte in die blaue Ferne hinaus, wo Helene hingewiesen hatte.
– Renditsch versprach in einer Woche Alles für uns zu besorgen, bemerkte er. – Auf ihn kann man sich, denke ich, verlassen . . . Hast Du’s gehört, Helene, setzte er mit plötzlicher Aufregung hinzu, – man sagt, die armen dalmatischen Fischer hätten ihre Bleiplatten . . . Du weißt, die Bleigewichte zum Versenken der Netze, geopfert . . . um Kugeln daraus zu gießen! Geld haben sie nicht, sie leben nur von Fischfang; doch mit Freuden haben sie ihr Letztes hingegeben und hungern jetzt. Das ist ein Volk!
– Aufgepaßt! schrie hinter ihnen eine brutale Stimme. Ein gedämpfter Hufschlag ließ sich vernehmen, und ein österreichischer Offizier in kurzem, grauem Waffenrock und, grüner Mütze ritt an ihnen vorüber . . . Sie hatten kaum Zeit gehabt auf die Seite zu treten.
Finster blickte Inßarow ihm nach.
– Er ist nicht daran schuld, sagte Helene« – Du weißt, sie haben hier keinen anderen Ort, um ihre Pferde zuzureiten.
– Er ist nicht schuld, entgegnete Inßarow, – er hat mir aber mit seinem Schreien, mit seinem Schnurrbart, seiner Mütze, mit seinem ganzen Aeußeren das Blut in Wallung gesetzt. Kehren wir zurück.
– Wir wollen zurückkehren, Dmitri. Hier weht es überdies stark. Du hast Dich nach Deiner Krankheit in Moskau nicht in Acht genommen, dafür hast Du in Wien, büßen müssen. Jetzt mußt Du vorsichtiger sein.
Inßarow antwortete nichts, nur das frühere bittere Lächeln umspielte seine Lippen.
– Möchtest Du nicht, fuhr Helene fort, – eine Fahrt auf dem Canal grande machen? Haben wir doch, seit wir hier sind, Venedig noch nicht ordentlich gesehen. Abends wollen wir ins Theater, ich habe zwei Logenbillets. Es soll eine neue Oper gegeben werden. Wollen wir doch den heutigen Tag uns selbst widmen, Politik, Krieg, Alles aus dem Sinn schlagen und nur Eins festhalten: daß wir zusammen leben, athmen, denken, daß wir auf ewig mit einander vereint sind . . . Willst Du?
– Du willst es, Helene, entgegnete Inßarow, – folglich will auch ich es.
– Ich habe es gewußt, sagte Helene lächelnd. – So komm denn, komm.
Sie kehrten zur Gondel zurück, stiegen hinein und ließen sich langsam zum Canal grande hinüberrudern.
Wer Venedig nicht im April gesehen hat, kennt schwerlich den ganzen Reiz dieser zauberreichen Stadt. Die Lieblichkeit und Milde des Frühlings paßt zu Venedig, wie die strahlende Kraft des Sommers zum prachtvollen Genua, wie das Gold und der Purpur des Herbstes zum großen alten Rom. Wie der Frühling rührt Venedigs Schönheit und erweckt sehnsüchtiges Verlangen; sie peinigt und neckt das unerfahrene Herz, wie das Versprechen eines nahen, nicht räthselhaften, aber doch geheimnißvollen Glückes. Alles in dieser Stadt ist hell und klar, und doch wie in einen schmmmeesiißen Duft liebdurchwehter Stille gehüllt; Alles in ihr schweigt und ist freundlich; Alles trägt den Charakter der Weiblichkeit wie ihr Name, nicht umsonst führt diese Stadt allein den Namen der Schönen. Die Masse von Palästen und Kirchen steht leicht und zauberisch da, wie ein harmonischer Traum eines jungen Gottes; es liegt etwas Feenhaftes, etwas eigenthümlich Fesselndes in dem grünlichgrauen Glanze und dem seidenartigen Schiller der stillen Welle des Canals, im lautlosen Dahingleiten der Gondeln, in der Abwesenheit roher städtischer Laute, des Gerassels, des Geräusches, des Tumults. »Venedig stirbt, Venedig ist verödet,« sagen auch die Bewohner; vielleicht aber hat gerade dieser letzte Reiz, der Reiz des Hinwelkens ihm in der höchsten Blüthe, im Triumphe seiner Schönheit gefehlt. Wer es nicht gesehen hat, kennt es nicht; weder ein Canaletto, noch ein Guardi (geschweige neuere Maler) . . . vermögen den Silberton des Himmels, diese verschwindenden und doch scheinbar so nahen Fernen, diesen wunderbaren Zusammenklang der schönsten Linien und verschmelzenden Farbentöne wiederzugeben. Ein Lebensmüder, mit dem Leben Zerfallener soll Venedig nicht besuchen; bitter wird es ihm sein, wie die Erinnerung an unerfüllte Träume früherer Tage; lieblich wird es dagegen Dem erscheinen, der sich gesund fühlt, in dem noch Kräfte schäumen; er trage nur sein Glück unter diesen zauberischen Himmel und wie wonnestrahlend dies Glück auch sei, Venedig wird es ihm noch mit unwelkbarem Glanze vergolden.
Die Gondel, in welcher Inßarow und Helene saßen, glitt still an der Riva del Schiavoni, am Dogenpalast, an der Piazzetta vorbei und in den Canale grande hinein. Zu beiden Seiten zogen sich Marmorpaläste hin; sie schienen langsam vorüberzugleiten und gönnten dem Blickes kaum Zeit, ihre Schönheiten zu fassen und zu unterscheiden. Helene empfand eine innige Freude, am Blau ihres Himmels stand ein dunkles Wölkchen . . . es entfernte sich: Inßarow fühlte sich an diesem Tage bedeutend besser. Sie fuhren bis an den Bogen der Rialtobrücke und kehrten dann zurück. Helene fürchtete für Inßarow die kühle Luft der Kirchen; sie erinnerte sich jedoch der Akademie Delle belle arti und hieß den Gondolier dahin rudern. Sie waren bald durch alle Edle dieser nicht großen Bilderhalle gegangen. Da sie weder Kenner, noch Dilettanten waren, hielten sie sich nicht vor jedem Bilde auf, thaten sie sich keinen Zwang an: eine anspruchslose Heiterkeit war unerwartet über sie gekommen. Auf einmal dünkte sie Alles possirlich (Kinder kennen diese Stimmung). Zum großen Aergerniß dreier anwesenden Engländer lachte Helene bis zu Thränen über den heiligen Marcus des Tintoretto, der wie ein Frosch ins Wasser vom Himmel herabspringt, um einen gemarterten Sklaven zu retten; Inßarow hingegen gerieth in Extase vor dem Rücken und den Waden jenes energischen Mannes in grünem Gewande, der im Vordergrunde der Himmelfahrt Tizian’s steht und die Arme nach der Madonna ausstreckt; diese Madonna – eine herrliche, weibliche Gestalt, die ruhig und majestätisch zu dem Schooße des Vaters hinaufsteigt – entzückte Inßarow und Helene; ihnen gefiel auch ein strenges, heiliges Bild des alten Cimia da Conegliano. Beim Hinausgehen aus der Akademie blickten sie sich noch ein Mal nach den hinter ihnen gehenden Engländern mit langen Hasenzähnen und hängenden Backenbärten um . . . und lachten; sie sahen ihren Gondolier an und mußten über dessen kurze Jacke und kurze Beinkleider lachen; sie sahen ein Hökerweib mit einem aufgebundenen Zopfe grauen Haares auf dem Scheitel . . . und mußten noch unbändiger lachen; endlich blickten sie einander ins Gesicht . . . und lachten wieder, und als sie nun in der Gondel saßen, drückten sie einander fest, recht fest die Hand. Sie kamen in ihren Gasthof, eilten auf ihr Zimmer und ließen sich das Essen bringen. Die heitere Stimmung verließ sie auch bei Tische nicht. Sie tranken einander zu, brachten Gesundheiten den moskauer Freunden, klatschten dem Cameriere Beifall zu einem wohlschmeckenden Gerichte Fische und verlangten durchaus lebendige Frutti di mari (kleine Weichthiere); der Cameriere machte Gesichter, scharrte mit den Füßen und schüttelte beim Hinausgehen den Kopf, wobei er ein Mal sogar seufzend: Poveretti (die Armen) hören ließ. Nach dem Essen begaben sie sich ins Theater.
Es wurde eine Verdi’sche Oper gegeben, eine im Grunde ziemlich flache Oper, die jedoch auf allen europäischen Bühnen die Runde gemacht hat und uns Rassen gut bekannt ist, die »Traviata«. Die Theatersaison war in Venedig bereits vorüber, und was von Sängern da war, ragte nicht über die Grenze der Mittelmäßigkeit hinaus, ein Jeder schrie nach Kräften. Die Rolle der Violetta führte eine Sängerin aus, die keinen Ruf hatte und, nach dem kühlen Verhalten des Publicums zu urtheilen, wenig beliebt, aber nicht ohne Talent war. Es war ein junges, nicht besonders hübsches, schwarzäugiges Mädchen mit einer nicht ganz fließenden und bereits gebrochenen Stimme. Sie war, naiv genug, ganz bunt und schlecht costümirt: ein rothes Netz umschloß ihr Haar, die Brust war in ein Kleid aus verschossenem himmelblauen Atlas gezwängt, dicke, waschlederne Handschuhe reichten ihr bis an die spitzen Ellbogen hinauf, und wie hätte sie auch, sie, die Tochter irgend eines bergamaskischen Hirten, wissen sollen, wie sich eine pariser Camelie kleidet! Auch hatte sie keine Bühnenkenntniß; es lag aber doch in ihrem Spiele viel Wahrheit und ungezierte Einfalt und ihr Gesang war von jener eigenthümlichen Leidenschaftlichkeit des Ausdruckes und des Rhythmus durchdrungen, die wir nur bei Italienern finden. Helene und Inßarow saßen zusammen in einer dunklen Loge, hart an der Bühne; die heitere Gemüthsstimmung, die in der Akademie Delle belle arti sie befallen hatte, dauerte noch immer fort. Als der Vater des unglücklichen Jünglings, der in das Netz der Verführerin gefallen war, in erbsenfarbenem Frack und verwühlter weißer Perrücke auf der Bühne erschien, den Mund schief aufsperrte und, schon im Voraus resignirt, ausgezischt zu werden, ein dumpfes Tremolo vorausschickte, wären Beide fast in lautes Lachen ausgebrochen . . . Violetta’s Spiel dagegen machte auf sie Eindruck.
– Diesem armen Mädchen wird fast gar kein Beifall geklatscht, sagte Helene, – und doch habe ich sie tausend Mal lieber als irgend eine selbstgefällige Berühmtheit zweiten Ranges, die blos grimassiren und die Glieder verrenken würde, um Effect hervorzubringen. Diese da scheint Ernst aus der Sache zu machen; sieh’ nur sie schenkt dem Publikum gar keine Aufmerksamkeit.
Inßarow beugte sich über den Rand der Loge und blickte Violetta scharf an.
– Ja, sagte er, – sie nimmt es ernst, es riecht nach Tod.
Helene verstummte.
Der dritte Act begann.
Der Vorhang ging in die Höhe . . . Helene schrak zusammen beim Anblick des Bettes, der herabgelassenen Gardinen, der Arzneifläschchen, der Lampe mit dem Lichtschirm . . . Jüngst Vergangenes fiel ihr sein . . . »Und die Zukunft? und die Gegenwart?« fuhr es durch ihren Kopf. Wie eine Antwort auf den erkünstelten Husten der Künstlerin, ließ sich in der Lage der hohle, ungekünstelte Husten Inßarow’s hören . . . Helene warf insgeheim einen Blick nach ihm und nahm sogleich eine unbesorgte, ruhige Miene an; Inßarow hatte sie verstanden, zeigte ein lächelndes Gesicht und stimmte ganz leise in den Gesang ein.
Er hörte jedoch bald auf. Violetta’s Spiel wurde immer besser, immer freier. Sie hatte alles Fremdartige, alles Ueberflüssige abgeworfen und sich selbst wiedergefunden; ein seltenes, das höchste Glück für den Künstler! Sie hatte mit einem Male jene Grenze übersprungen, die zu bezeichnen unmöglich ist, hinter welcher jedoch die Schönheit thront. Das Publikum kam in Bewegung, staunte und verwandte keinen Blick. Das unschöne Mädchen mit der gebrochenen Stimme fing an auf die Zuhörer zu wirken, sie zu fesseln. Aber die Stimme der Sängerin klang jetzt nicht mehr wie gebrochen; es war Wärme und Kraft in dieselbe gekommen. »Alfredo« trat auf; der Freudenschrei Violetta’s rief fast jenen Sturm hervor, der fanatismo genannt wird und gegen welchen all unser nordisches Beifallsgeschrei nichts bedeutet . . . Ein Augenblick und das Publikum wurde mäuschenstill. Das Duett begann, diese beste Partie der Oper; in welcher es dem Componisten gelungen ist, den ganzen Schmerz leichtsinnig vergeudeter Jugendkraft und den letzten Kampf verzweifelter und ohnmächtiger Liebe auszudrücken. Hingerissen, getragen vom Sturm des allgemeinen, Beifalls, mit Blicken, die von künstlerischer Freude und wirklichen Leiden in Thränen schwammen, gab sich die, Sängerin der Brandung, die sie emporgehoben hatte, hin, ihr Gesicht hatte sich verklärt, und vor dem grauenhaften Gespenste des plötzlich herannahenden Todes, entrissen sich ihrer Brust, mit solch himmelanflehender Macht die Worte: »Lascia mi vivere . . . morir si giovane« (laß mich leben . . . so jung sterben!)« daß das ganze Haus von wüthendem Beifall und begeisterten Rufen erzitterte.
Es überlief Helene eiskalt. Ihre Hand suchte nach der Inßarow’s, fand sie und drückte sie heftig. Er erwiederte den Druck; doch blickte weder sie ihn, noch er sie an. Jetzt war der Händedruck ein anderer, als der, den sie vor wenigen Stunden in der Gondel mit einander getauscht hatten.
Wieder durch den Canale grande kehrten sie in ihren Gasthof zurück. Die Nacht, eine helle, wilde Nacht, war bereits hereingebrochen. Dieselben Paläste kamen ihnen entgegengezogen, doch erschienen sie ihnen anders. Die vom Monde beleuchteten glänzten in weißlichem Goldschimmer, in welchem alle Einzelheiten der Ornamente und die Umrisse der Fenstereinfassungen und Balcone gleichsam verschwammen; während Alles deutlicher hervortrat an den Gebäuden, die, der leichte, gleichmäßige Schattenflor einhüllte. Die Gondeln mit ihren kleinen, rothen Lichtern, schienen noch lautloser und schneller hinzugleiten; geheimnißvoll glitzerten ihre gezackten, stählernen Schnäbel, geheimnißvoll hoben und senkten sich die Ruder in dem silbernen Glanzlichte der durchfurchten Wellen; von Zeit zu Zeit hörte man den kurzen und getragenen Ruf der Gondeliere (sie singen jetzt niemals); andere Laute wurden fast nicht vernommen. Der Gasthof, in welchem Inßarow und Helene wohnten, befand sich an der Riva dei Schiavoni; sie verließen etwas früher ihre Gondel und gingen einige Male auf dem Marcusplatze unter dem Bogengange umher, wo vor den kleinen Kaffeehäusern eine Menge unbeschäftigter Besucher versammelt war. Mit einem geliebten Wesen in einer fremden Stadt, unter fremden Menschen zu wandeln, gewährt ein eigenthümliches Vergnügen; Alles dünkt uns schön und bemerkenswerth, Allen wünschen wir Alles Gute, Frieden und das Glück, das uns selbst beseelt. Helene konnte sich jedoch nicht mehr dem Gefühle ihres Glückes sorglos überlassen: ihr Herz, durch die jüngsten Eindrücke erschüttert, vermochte sich nicht zu beruhigen; und als sie am Dogenpalast vorüberkamen, wies Inßarow schweigend auf die Schlünde der österreichischen Kanonen, die aus dem unteren Bogengange hervorgähnten und drückte den Hut tiefer in die Stirn. Er fühlte sich ermattet und . . . nachdem sie einen letzten Blick auf die Kirche des heiligen Marcus und deren Kuppeln geworfen hatten, die im Lichte des Mondes in ihrer bläulichen Bleibekleidung wie von Phosphor leuchtend erschienen, kehrten sie in ihren Gasthof zurück.
Die Fenster ihres Zimmers gingen aus den Theil der großen Lagune hinaus, der von der Riva dei Schiavoni bis an die Giudecca reicht. Ihrem Gasthofe fast gegenüber ragten die spitzen Thürme San Giorgios empor; rechts glänzte hoch in der Luft die goldene Kugel der Dogana . . . und prangte geschmückt wie eine Braut, das Meisterwerk Palladio’s, die Kirche del Redentore; links ragte ein dunkles Gewirre von Masten, Raen und Dampfschiffschornsteinen empor; hin und wieder hingen, gleich riesigen Flügeln, halbgereffte Segel und Wimpel, kaum vom Winde bewegt, herab. Inßarow setzte sich ans Fenster, Helene gönnte ihm aber nicht lange den Genuß der Aussicht; es stellte sich bei ihm plötzlich Hitze und ermattende Schwäche ein. Sie brachte ihn zu Bett und nachdem sie gewartet hatte, bis er in Schlaf versunken war, kehrte sie leise ans Fenster zurück. O wie still und lieblich war die Nacht, welch’ eine selige Milde wogte in dieser blauen Luft, wie mußten alle Leiden, alle Schmerzen verstummen und verschwinden unter diesem hellen Himmel, unter diesen heiligen, keuschen Strahlen! – O Gott! dachte Helene, – warum giebt es einen Tod, warum Trennung, warum Krankheit und Thränen? oder warum diese Schönheit, dieses beseligende Hoffen, warum das beruhigende Bewußtsein einer sicheren Zufluchtsstätte, eines untrüglichen Schutzes, unsterblichen Beistandes? Was sollen dieser lächelnde, segenspendende Himmel, diese beglückte, ruhende Erde? Ist denn Alles dies nur in uns, und außerhalb uns nur ewige Kälte und ewiges Schweigen? Sind wir denn allein . . . allein . . . und dort rund herum, in allen jenen unergründlichen Fernen und Tiefen . . . wäre Alles, Alles uns fremd? Warum denn aber jener Durst und jene Freude des Gebetes? (»Morir si giovane . . .« klang, es in ihren Ohren.) Läßt sich’s denn nicht erflehen, abwenden, retten . . . O Gott, mein Gott! darf ich denn nicht an ein Wunder glauben? Sie legte den Kopf auf die gefalteten Hände. – Genug? flüsterte sie. – Wäre es wirklich schon genug! Ich bin glücklich gewesen, nicht einige Augenblicke nur, nicht Stunden, auch nicht ganze Tage . . . nein, Wochen hindurch bin ich es gewesen. Und mit welchem Rechte? Es faßte sie ein Schauer vor dem eigenen Glück. – Wenn’s aber nicht sein kann? dachte sie. – Wenn’s nicht umsonst geboten wird? Es war ein Himmel . . . und wir sind nur irdische Geschöpfe, Menschen, arme sündhafte Menschen . . . Morir si giovane . . . O düsteres Gespenst, hebe Dich hinweg! Nicht für mich allein muß er leben!
– Wenn’s aber . . . eine Strafe wäre, dachte sie dann weiter, – wenn wir jetzt vollen Ersatz zu leisten hätten für unsere Schuld? Mein Gewissen schwieg, es schweigt auch jetzt, ist das aber ein Beweis der Schuldlosigkeit? Oh Gott, haben wir uns denn so sehr vergangen! Wolltest Du, der diese Nacht, diesen Himmel erschaffen, uns dafür strafen, daß wir einander geliebt haben? Und ist es so, ist er schuldig, bin ich schuldig, setzte sie in plötzlicher Aufwallung hinzu, – dann laß ihn, o Gott, dann laß uns Beide, wenigstens eines ehrenvollen Todes . . . dort, auf den Gefilden seiner Heimath sterben, nicht hier in diesem dumpfen Zimmer.
– Aber der Schmerz einer armen, vereinsamten Mutter? fragte sie sich, und fand keine Antwort. Helene wußte nicht, daß das Glück jedes Menschen im Unglücke Anderer begründet ist, daß sein Vortheil, sein Behagen, gleich wie die Statue eines Piedestals, des Nachtheils und des Unbehagens Anderer bedürfen. »Renditsch!« murmelte Inßarow im Schlafe.
Helene trat auf den Zehen zu ihm, beugte sich über ihn und trocknete den Schweiß von seinem Gesicht. Er warf sich einige Augenblicke auf dem Kissen hin und her und wurde dann ruhig.
Sie trat von Neuem an’s Fenster und verfiel wieder in Gedanken. Sie versuchte, sich selbst zu beruhigen, sich einzureden, daß kein Grund zu Befürchtungen vorhanden sei. Sie begann sogar sich ihrer Muthlosigkeit zu schämen. – Wo wäre denn die Gefahr und ist ihm denn nicht besser, sagte sie vor sich hin. – Wären wir heute nicht im Theater gewesen, so kämen mir all’ diese Gedanken nicht in den Kopf. In diesem Augenblicke wurde sie hoch über dem Wasser eine weiße Möve gewahr; ein Fischer vermuthlich hatte das Thier aufgeschreckt und nun flog es mit ungleichem Flügelschlage, als suchte es einen Ort, um sich niederzulassen. – Kommt die Möve hierher geflogen, dachte Helene, – so ist’s ein gutes Vorzeichen . . . Die Möve kreiste an einer Stelle herum, zog die Flügel ein – und ließ sich, wie angeschossen, mit kläglichem Schrei weit hinter einem dunkelen Schiffe nieder. Helene fuhr zusammen, und schämte sich gleich darauf dieser Regung; ohne sich auszukleiden, legte sie sich halb auf‘s Bett neben Inßarow, der schwer und kurz Athem holte.
XXXIV
Inßarow erwachte spät, mit dumpfem Schmerze im Kopfe und einem Gefühle von häßlicher Schwäche – so nannte er es – im ganzen Leibe. Er stand aber doch auf.
– Renditsch ist nicht gekommen? war seine erste Frage.
– Noch nicht, erwiederte Helene und reichte ihm die neueste Nummer des »Osservatore Triestino« hin, worin Vieles über den Krieg, die slavischen Länder und die Fürstenthümer enthalten war. Inßarow nahm das Blatt vor, während sie Kaffee für ihn zu bereiten begann. Es klopfte Jemand an die Thür.
– Renditsch! dachten Beide, doch der Klopfende fragte in russischer Sprache: – Ist’s erlaubt? Helene und Inßarow sahen einander befremdet an, und ohne ihre Antwort abzuwarten, trat ein elegant gekleideter Herr, mit kleinem, spitzem Gesichte und frechem Blicke herein. Er war ganz freudestrahlend, als wenn er eine große Summe gewonnen, oder eine angenehme Nachricht bekommen hätte.
Inßarow richtete sich etwas in feinem Stuhle empor.
– Sie erkennen mich nicht, redete ihn der Unbekannte an, indem er ungenirt zu ihm hintrat und Helene artig begrüßte. – Lupojarow, erinnern Sie sich, wir haben uns in Moskau bei E . . . s gesehen.
– Ja so, bei E. . . s, sagte Inßarow.
– Ja wohl, ja wohl! Ich bitte Sie, mich Ihrer Frau Gemahlin vorzustellen. Madame, ich habe immer die größte Achtung vor Dmitri Wassiljewitsch . . . (er verbesserte sich ): vor Nikanor Wassiljewitsch gehabt, und bin außerordentlich glücklich, daß ich endlich die Ehre habe, auch Ihre Bekanntschaft zu machen. Denken Sie doch, fuhr er zu Inßarow gewandt fort, – ich habe erst gestern Abend erfahren, daß Sie hier sind. Ich wohne auch in diesem Gasthofe. Was für eine Stadt, dieses Venedig . . . voller Poesie! Was aber schauderhaft ist: auf jedem Schritte die verdammten Austriaci! . . . daß sie der . . . diese Austriacis! Apropos, haben Sie davon gehört, an der Donau hat es eine entscheidende Schlacht gegeben: 300 türkische Offiziere sind geblieben, Silistria ist genommen, Serbien hat seine Unabhängigkeit proclamirt. Nicht wahr, als Patriot müssen Sie darüber entzückt sein? Ich selbst fühle in mir das slavische Blut kochen! Ich rathe Ihnen aber doch, vorsichtig zu sein: ich bin überzeugt, daß man ein Auge auf Sie hat. Es ist schrecklich, wie hier spionirt wird! Gestern trat ein verdächtiger Mensch an mich heran und fragte mich, ob ich Russe wäre. Ich sagte ihm, ich wäre Däne . . . Sie sind aber vermuthlich krank, mein lieber Nikanor Wassiljewitsch. Sie müssen sich behandeln lassen; Madame, Sie müssen Ihren Mann dazu anhalten. Gestern bin ich wie toll in den Palästen und Kirchen umhergerannt . . . Sie sind doch schon im Dogenpalast gewesen? Was für ein Reichthum überall! Besonders der große Saal und die Stelle des Marino Faliero; da steht es: decapitati pro criminibus. Ich bin auch in den berüchtigten Gefängnissen gewesen: das hat mir die Seele empört . . . ich habe von jeher, Sie werden sich vielleicht dessen erinnern . . . eine Vorliebe für sociale Fragen gehegt und mich gegen die Aristokratie erhoben . . . dorthin, in jene Gefängnisse möchte ich die Vertheidiger der Aristokratie führen; Byron hat recht gesagt: »I stood in Venice, on the bridge of sighhs«; er war übrigens auch Aristokrat. Ich bin immer ein Fortschrittsmann gewesen. Das junge Geschlecht ist ganz dem Fortschritt ergeben. Was sagen Sie aber zu den Anglo-Franken? Wir wollen doch sehen, ob sie viel ausrichten werden: Boustrapà und Palmerston. Sie wissen doch, Palmerston ist erster Minister geworden. Nein, Sie mögen sagen, was Sie wollen, mit der russischen Faust ist nicht zu scherzen. Ein ungeheurer Schelm dieser Boustrapà! Wenn Sie wollen, gebe ich Ihnen les Châtiments do Victor Hugo . . . ausgezeichnet! L’aveuir, le gendarme de Dieu . . . etwas kühn gesagt, aber welche Kraft, welche Kraft! Fürst Wäsemski10 hat auch gut gesagt: Europa spricht von Basch-Kadik-Lar, und behält Sinope im Auge. Ich liebe die Poesie. Ich habe auch Proudhon‘s letztes Werk, ich besitze Alles. Ich weiß nicht, wie Sie davon denken, ich bin aber zufrieden, daß Krieg ist; wenn man mich nur nicht zurückberuft, ich will jetzt eben nach Florenz, nach Rom; nach Frankreich geht es nicht . . . darum will ich nach Spanien . . . dort soll es reizende Frauen geben, aber Armuth und viel Ungeziefer. Ich würde auch nach Californien hin, uns Russen kommt es nicht darauf an, ich habe aber einem Redakteur das Versprechen gegeben, die, Handelsfrage in Betreff des mittelländischen Meeres gründlich zu studiren. Sie werden sagen, der Gegenstand sei nicht interessant, speciell, wir brauchen aber, wir brauchen Specialisten, wir haben genug philosophirt, jetzt ist die Praxis, die Praxis nöthig . . . Sie müssen aber sehr krank sein, Nikanor Wassiljewitsch, ich ermüde Sie vielleicht, thut nichts, ich bleibe noch ein Weilchen hier . . .
Und noch lange schwatzte Lupojarow in dieser Weise fort und versprach beim Fortgehen wiederzukommen.
Ermüdet von dem unerwarteten Besuche legte sich Inßarow auf das Ruhebett.
– Da habt Ihr, sagte er bitter, mit einem Blick auf Helene, – da habt Ihr Eure junge Generation! Es prahlt und brüstet sich Mancher, der im Herzen ein eben solcher Windbeutel ist, wie dieser Patron.
Helene erwiederte ihrem Manne nichts darauf: es verursachte ihr in diesem Augenblick die Schwäche Inßarow’s bedeutend mehr Unruhe, als der Zustand der ganzen jungen Generation Rußlands . . . Sie setzte sich neben ihn und nahm eine Arbeit vor. Er hatte die Augen geschlossen und lag regungslos, bleich und abgefallen da. Helene betrachtete sein scharf geschnittenes Profil, seine vorgestreckten Hände, und plötzliche Angst preßte ihr das Herz zusammen.
– Dmitri . . . redete sie ihn an.
Er fuhr auf. – Was giebt’s? Renditsch da?
– Nein, noch nicht . . . was meinst Du aber . . . Du hast Hitze, Du bist wirklich krank, sollten wir nicht nach einem Arzte schicken?
– Dieser Schwätzer hat Dich bange gemacht. Es ist nicht nöthig. Ich will etwas ausruhen und Alles wird vergehen. Nachmittag fahren wir wieder . . . irgendwohin.
Zwei Stunden vergingen . . . Inßarow lag immer noch auf dem Ruhebett, hatte aber nicht einschlafen können, obgleich er die Augen geschlossen hielt. Helene war nicht von seiner Seite gewichen; ihre Arbeit lag auf ihrem Schooße, sie rührte sich nicht.
– Warum schläfst Du denn nicht? fragte sie ihn endlich.
– Warte, wir wollen es so machen. Er nahm ihre Hand und legte sich dieselbe unter den Kopf. – So ist es . . . gut. Wecke mich gleich, sobald Renditsch kommt. Wenn er sagt, das Schiff sei bereit, fahren wir unverzüglich fort . . . Es muß Alles eingepackt werden.
– Das wird bald gemacht sein, entgegnete Helene.
– Was der Mensch da von einer Schlacht in Serbien geschwatzt hat, äußerte Inßarow eine Weile darauf, – ist wohl Alles seine Erfindung. Wir müssen, müssen aber durchaus fort. Da ist keine Zeit zu verlieren . . . Halte Dich bereit.
Er schlief ein und es wurde still im Zimmer.
Helene hatte den Kopf an die Rücklehne des Stuhles gestützt und blickte lange zum Fenster hinaus. Das Wetter hatte sich verändert; es war windig geworden. Große weiße Wolken zogen rasch am Himmel hin, in der Ferne schaukelte ein dünner Mast, ein langer Wimpel mit rothem Kreuze flatterte beständig, vom Winde gehoben, in Schlangenwindungen durch die Luft, sank, und ward von Neuem hinaufgeschnellt. Der Pendel der alten Uhr schnarrte schwer und müde. Helene schloß die Augen; sie hatte schlecht geruht und verfiel allmählich in Schlaf.
Sie hatte einen sonderbaren Traum. Sie schwamm in einem Boote mit unbekannten Leuten auf dem zarizinischen Teiche. Schweigend und regungslos sitzen sie da, es rudert Niemand; das Boot treibt allein dahin. Helene bangt nicht, doch ist sie traurig; sie möchte erfahren, wer diese Leute sind, warum sie sich unter ihnen befindet? Da sieht sie, der Teich wird breiter, die Ufer verschwinden . . . es ist kein Teich mehr, sondern ein bewegtes Meer: große azurblaue Wellen wiegen lautlos und majestätisch das Boot; es steigt etwas Schreckliches mit lautem Donner ans der Tiefe, die unbekannten Gefährten springen auf, schreien, bewegen die Arme . . . Helene erkennt sie, ihr Vater ist unter ihnen. Da zieht aber ein heftiger, weißer Wind über die Wogen . . . überall Wirbel und Alles ein Chaos . . .
Helene wirst einen Blick umher: Alles ist weiß wie vorhin; es ist aber Schnee, Schnee, unabsehbarer Schnee. Sie sitzt auch nicht mehr in einem Boote, sondern fährt, wie einst aus Moskau, in einem Reiseschlitten; sie ist nicht allein, neben ihr sitzt ein kleines Wesen, in einen alten Mantel gehüllt. Helene sieht es an: es ist Katja, ihre arme Jugendfreundin. Helene wird Angst. – Ist sie denn nicht gestorben? denkt sie.
– Katja« wohin fahren wir?
Katja giebt keine Antwort und hüllt sich fester in ihr Mäntelchen; sie friert. Helene friert auch; ihr Blick schweift den Weg entlang, durch den Schneestaub sieht sie eine Stadt in der Ferne. Hohe, weiße Thürme mit silbernen Kuppeln . . . – Katja, Katja, das ist Moskau? Nein, denkt Helene, – das ist das solowetzkische Kloster, da sind viele, viele kleine, enge Zellen, wie in einem Bienenstocke; darin ist es dumpf und eng . . . Dmitri sitzt dort gefangen. Ich muß ihn befreien . . . Plötzlich thut sich ein dunkler gähnender Abgrund vor ihr auf. Der Schlitten stürzt vor, Katja lacht. »Helene, Helene!« ruft eine Stimme aus dem Abgrund.
– Helene! tönte es deutlich an ihr Ohr. Rasch hob sie den Kopf in die Höhe, wandte sich um und erstarrte: Inßarow, weiß wie der Schnee ihres Traumbildes, hatte sich halb auf dem Ruhebett erhoben und sah sie mit großen, hellen, schrecklichen Augen an. Sein Haar hing wirr um die Stirn, die Lippen standen ganz sonderbar offen. Schrecken, mit einer eigenthümlichen stehenden Rührung vermischt, sprach aus seinen plötzlich verwandelten Zügen.
– Helene! sagte er, – ich sterbe.
Mit einem Schrei fiel sie auf die Knie und drückte sich an seine Brust.
– Es ist Alles aus, sagte Inßarow, – ich sterbe . . . Lebe wohl, meine Arme! Lebe wohl, meine Heimath! . . .
Er fiel zurück auf das Ruhebett.
Helene stürzte aus dem Zimmer, rief nach Hilfe, der Cameriere rannte nach einem Arzte. Helene brach über Inßarow zusammen.
In diesem Augenblick erschien an der Schwelle ein breitschulteriger, von der Sonne gebräunter Mann, in weitem Paletot von Fries und niedrigem Hute aus Wachsleinwand. Er blieb befremdet stehen.
– Renditsch! rief Helene, – Sie sind es! Kommen Sie, um Gottes willen, ihm ist schlecht! Was hat er? O Gott, guter Gott! Gestern noch ist er ausgegangen, eben sprach er noch mit mir . . .
Renditsch sagte nichts und trat nur auf die Seite. Ein kleines Männchen mit Brille und Perücke schlüpfte gewandt an ihm vorbei, es war der Arzt, der in demselben Gasthofe wohnte.
Er trat zu Inßarow.
– Signora, sagte er nach einigen Augenblicken, – der Herr Reisende ist gestorben . . . il signore forestiere e morto . . . an Aneurysma . . .
XXXV.
Am folgenden Tage, in demselben Zimmer, am Fenster, stand Renditsch; vor ihm saß, in einen Shawl gehüllt, Helene. Im Nebenzimmer, in einem Sarge, lag Inßarow. Helene’s Gesicht drückte Schrecken und Erschöpfung zugleich aus; an der Stirn, zwischen den Augenbrauen, zogen sich zwei Fältchen hin: sie verliehen den Augen einen gespannten, harten Ausdruck. Auf dem Fensterbreite lag ein geöffneter Brief von Anna Wassiljewna. Sie lud ihre Tochter nach Moskau ein, und wäre es auch nur für einen Moment, klagte über ihre Einsamkeit, über Nikolai Artemjewitsch, grüßte Inßarow, erkundigte sich nach seinem Befinden und ließ ihn bitten, seine Frau ziehen zu lassen.
Renditsch war ein Dalmatier, ein Seemann, dessen Bekanntschaft Inßarow während seiner Reise in die Heimath gemacht und den er nachher in Venedig ausgesucht hatte. Er war ein abgehärteter, ungeschliffener, kühner und den slavischen Interessen ergebener Mann. Er verachtete die Türken und haßte die Oesterreicher.
–– Wie lange müssen Sie in Venedig bleiben? fragte ihn Helene italienisch. Und ihre Stimme war ohne Leben wie ihr Gesicht.
– Einen Tag, um Ladung einzunehmen und keinen Argwohn zu erregen, und dann gerade nach Zara. Keine frohe Nachricht bringe ich den Landsleuten. Man wartete schon längst auf ihn; auf ihm ruhte unsere Hoffnung.
– Auf ihm ruhte unsere Hoffnung, wiederholte Helene mechanisch.
– Wann wollen Sie ihn bestatten? fragte Renditsch.
Helene vermochte nicht sogleich: »Morgen« zu sagen.
– Morgen? ich bleibe dann; ich will eine Handvoll Erde in sein Grab werfen. Auch muß ich Ihnen beistehen. Aber besser wäre es, er ruhete in slavischem Boden.
Helene warf einen Blick auf Renditsch.
– Capitain, sagte sie, – führen Sie mich mit ihm hinüber über’s Meer, fort von hier. Geht das an?
Renditsch bedachte sich. – Es geht schon an, es ist aber Scheererei dabei. Man wird mit der hiesigen verdammten Obrigkeit zu thun haben. Aber gesetzt, wir bringen Alles zu Stande, beerdigen ihn dort« wie schaffe ich Sie wieder hierher zurück?
– Es wird nicht nöthig sein, daß Sie mich zurück schaffen.
– Wie so? Wo wollen Sie denn bleiben?
– Ich werde schon einen Platz für mich finden, nehmen Sie uns nur mit, nehmen Sie mich mit.
Renditsch kratzte sich hinter den Ohren. – Das ist Ihre Sache, es wird aber viele Scheererei geben. Ich gehe, will es versuchen; erwarten Sie mich hier in zwei Stunden.
Er ging fort. Helene begab sich in das Nebenzimmer, lehnte sich gegen die Wand und blieb lange wie versteinert stehen. Dann ließ sie sich auf die Knie nieder, konnte aber nicht beten. Kein Vorwurf stieg in ihrer Seele auf; sie wagte nicht, die Frage in ihrem Innern laut werden zu lassen, warum Gott ihn nicht verschont, nicht Erbarmen gehabt, ihn nicht erhalten, für eine Schuld eine so übermäßige Strafe verhängt habe, wenn wirklich eine Schuld vorhanden gewesen sei? Jeder von uns ist schon dadurch schuldbelastet, daß er lebt, und es giebt keinen noch so bedeutenden Denker, keinen noch so großen Wohlthäter der Menschheit, der durch den Nutzen, den er stiftet, Anspruch erheben dürfte auf das Recht zu sein . . . Helene konnte aber nicht beten: sie war wie versteinert.
In jener Nacht stieß ein breites Boot von dem Gasthofe ab, wo Inßarow‘s gewohnt hatten. In dem Boote befanden sich Helene und Renditsch und eine lange Kiste, mit schwarzem Tuch bedeckt. Ungefähr eine Stunde währte die Fahrt. Sie erreichten ein kleines zweimastiges Schiff, das hart an der Ausfahrt des Hafens vor Anker lag. Helene und Renditsch stiegen auf das Schiff; Matrosen schafften die Kiste hinein. Um Mitternacht erhob sich ein Sturm; früh Morgens hatte das Schiff den Lido bereits hinter sich gelassen. Im Laufe des Tages stieg der Sturm zu furchtbarer Gewalt, die erfahrenen Seeleute in den Comptoirs des »Lloyd« schüttelten den Kopf und erwarteten nichts Gutes. Das adriatische Meer zwischen Venedig, Triest und dem Ufer Dalmatiens ist äußerst gefahrvoll.
Drei Wochen nach Helene‘s Abreise aus Venedig erhielt Anna Wassiljewna in Moskau einen Brief folgenden Inhalts:
»Meine lieben Eltern! Ich nehme für immer von Euch Abschied. Ihr werdet mich nicht mehr wiedersehen. Dmitri ist gestern gestorben. Für mich ist Alles aus. Ich fahre heute mit seiner Leiche nach Zara. Ich werde ihn der Erde übergeben, was aus mir wird, weiß ich nicht! Ich habe jetzt keine andere Heimath, als die Dmitri’s. Es wird dort ein Ausstand vorbereitet, man rüstet sich zum Kampfe; ich will unter die barmherzigen Schwestern treten; werde die Kranken, die Verwundeten pflegen. Ich weiß nicht, was aus mir werden wird, ich bleibe aber auch nach Dmitri’s Tode dessen Andenken und der Aufgabe seines Lebens treu. Ich habe Bulgarisch und Serbisch gelernt. Wahrscheinlich werde ich es nicht ertragen . . . um so besser. Ich bin an den Rand eines Abgrundes gezogen worden und muß hinabstürzen. Uns hat das Schicksal nicht umsonst vereint: wer weiß, vielleicht bin ich an seinem Tode schuld; jetzt ist an ihm die Reihe, mich nach sich zu ziehen. Ich habe Glück gesucht . . . und werde vielleicht den Tod finden. Es mußte wohl so kommen; es muß wohl eine Schuld gewesen sein . . . Der Tod deckt und sühnt Alles . . . nicht wahr? Vergeben Sie mir allen Kummer, den ich Ihnen verursacht habe; es hat nicht in meiner Macht gestanden, ihn abzuwenden. Nach Rußland zurückkehren . . . weshalb. Was sollte ich in Rußland machen?
Empfangen Sie meine letzten Küsse und Segenswünsche und verdammen Sie mich nicht.
H . . . . . «
Seit jener Zeit sind fast fünf Jahre verflossen und es ist keine weitere Nachricht über Helene eingegangen. Erfolglos sind alle Briefe und Erkundigungen geblieben; fruchtlos blieb auch eine Reise, die Nikolai Artemjewitsch nach Abschluß des Friedens persönlich nach Venedig und Zara unternahm; in Venedig erfuhr er, was der Leser bereits weiß, und in Zara vermochte Niemand ihm sichere Auskunft über Renditsch und das von diesem geführte Fahrzeug zu geben. Einem dunklen Gerüchte zufolge sollte vor einigen Jahren das Meer nach einem heftigen Sturme einen Sarg ans Ufer geworfen haben, in welchem ein männlicher Leichnam sich befunden . . . Nach anderen, glaubwürdigeren Nachrichten war jener Sarg nicht von dem Meere ausgeworfen, sondern von einer fremden Dame, die ans Venedig herübergekommen war, ans Ufer geschafft und daselbst der Erde übergeben worden; es erzählten Einige, jene Dame wäre später bei der Armee, die sich damals in der Herzegowina zusammenzog, gesehen worden, und beschrieben sogar ihren Anzug, schwarz vom Kopf bis zu den Füßen. Wie dem nun sei, Helene’s Spur ist für immer und unwiderruflich verschwunden, und es weiß Niemand, ob sie noch am Leben, ob sie sich irgendwo verborgen hält, oder ob das kleine Spiel des Lebens zu Ende ist, ob der leichte Gährungsproceß desselben aufgehört und der Tod sein Recht geltend gemacht hat. Es kommt vor, daß Mancher beim Erwachen mit unwillkürlichem Erstaunen die Frage an sich stellt: ob er denn wirklich schon dreißig . . . vierzig . . . fünfzig Jahre alt sei? Wie denn das Leben so schnell vergangen, wie doch der Tod um so viel näher gerückt sei? Der Tod gleicht dem Fischer, der einen Fisch in seinem Netze noch eine Zeit lang unter Wasser hält: der Fisch schwimmt wohl noch, doch ist er vom Netze umstrickt und der Fischer zieht ihn heraus . . . wann es ihm gut dünkt.
* * *
Was ist ans den übrigen Personen unserer Erzählung geworden? Anna Wassiljewna ist noch am Leben und hat nach dem Schlage, der sie betroffen, sehr gealtert; sie klagt weniger, ist aber viel niedergeschlagener als früher. Nikolai Artemjewitsch hat auch gealtert, ist grau geworden und hat, sich von Augustine Christianowna getrennt. Er zieht jetzt gegen alles Ausländische zu Felde. Seine Haushälterin, ein hübsches Weib von dreißig Jahren und russischer Abkunft« kleidet sich in Seide und trägt goldene Spangen und Ohrgehänge. Kurnatowsky, als Mann von Temperament und als energischer Brünetter, ein Freund lieblicher Blondinen, hat Zoë geheirathet; sie ist ihm sehr ergeben und hat, sogar aufgehört, deutsch zu denken. Berßenjew befindet sich in Heidelberg; er ist auf Kosten der Regierung hingeschickt worden; er hat Berlin und Paris besucht, und verbringt seine Zeit nicht nutzlos; aus ihm wird ein tüchtiger Professor werden. Zwei seiner Aufsätze haben die Aufmerksamkeit des gelehrten Publikums auf sich gezogen: Ueber einige Eigenthümlichkeiten des altgermanischen Rechtes in Bezug auf das gerichtliche Strafverfahren und: Von der Bedeutung des Stadtgemeindewesens als civilisirendes Element; man würde jedoch in beiden Aufsätzen den etwas schwerfälligen Styl und die Menge von Fremdwörtern gern vermissen. Schubin befindet sich in Rom; er ist ganz seiner Kunst ergeben und erfreut sich des Rufes eines der hervorragendsten und vielversprechendsten jungen Bildhauer. Strenge Puristen wollen finden, er habe nicht hinreichend die Antike studirt, es fehle ihm der »Styl«; sie zählen ihn zu der französischen Schule; er ist mit Bestellungen für Engländer und Amerikaner überhäuft. In der letzten Zeit hat eine Baechantin von ihm viel Aussehen erregt; der russische Graf Boboschkin, durch seinen Reichthum bekannt, hätte das Bildwerk beinahe für 1000 Scudi gekauft, er zog es indessen vor, einem anderen Bildhauer, einem Franzosen pur sang, 3000 Scudi für eine Gruppe zu zahlen« die »eine junge Bäuerin« vorstellte, »welche vor Liebe an der Brust des Genius des Lenzes stirbt«. Von Zeit zu Zeit tauscht Schubin Briefe mit Uwar Iwanowitsch, der allein ganz unverändert geblieben ist.
»Erinnern Sie sich,« schrieb er ihm unlängst, »was Sie mir in jener Nacht sagten, als die Heirath der armen Helene bekannt ward, ich auf Ihrem Bett saß und wir jene Unterhaltung mit einander hatten? Erinnern Sie sich, ich fragte Sie damals, ob wohl einmal bei uns rechte Leute erstehen würden? und Sie gaben mir die Antwort: »Sie werden schon kommen.« O, Schwarzerdenkraft! Da frage ich Sie nun noch einmal von hier, »aus dieser schönen, fernen Gegend«: Was glauben Sie, Uwar Iwanowitsch, werden Sie kommen? Nachdem Uwar Iwanowitsch diesen Brief gelesen hatte, spielte er mit seinen Fingern und richtete einen fragenden Blick in die Ferne.