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Kitabı oxu: «König Lear der Steppe»

Şrift:

Wir waren an einem Winterabend bei einem alten Universitätsfreunde versammelt. Das Gespräch kam auf Shakespeare. Es war ein hoher Genuß für uns, seine so tiefen wie wahren Gestaltungen, die gleichsam ans dem Innersten des menschlichen Wesens herausgebildet sind, wieder einmal vor uns vorüberziehen zu lassen. Wir bewunderten ihre ewige Frische, ihre Lebenswärme. Jeder von uns erinnerte sich, einem Doppelgänger Hamlets oder Othellos oder einem echten Fallstaff schon irgendwo begegnet zu sein, ja Einige von uns wollten in ihren Erlebnissen sogar Möglichkeiten von Richard dem Dritten und selbst Macbeth’s entdeckt haben.

»Und ich, meine Herren,« rief unser Wirth, ein schon älterer Mann, »ich kannte einen König Lear.«

»Wie?« riefen wir etwas überrascht.

»Ja der That, meine Herren; wollen Sie, daß ich Ihnen von ihm erzähle?«

»Machen Sie uns dies Vergnügen,« riefen wir, und unser Freund ließ sich nicht weiter bitten.

I

Meine ganze Kindheit, fing er an, und meine erste Jugend bis zum fünfzehnten Jahre brachte ich auf dem Lande, auf dem Gute meiner Mutter zu einer reichen Gutsbesitzerin des Gouvernements . . . Wohl als der lebendigste Eindruck dieser schon entfernten Zeit blieb in meiner Erinnerung die Figur unseres nächsten Nachbars; eines gewissen Martin Petrowitsch Charloff. Dieser Eindruck könnte auch nur l schwer verwischt werden; in meinem ganzen Leben bin ich seitdem etwas Charloff Aehnlichem nicht wieder begegnet. Stellen Sie sich einen Menschen von riesigem Wachse vor. Auf seinem Rumpfe sitzt, ein wenig zur Seite, ohne Andeutung eines Halses, ein ungeheurer Kopf darauf erhebt sich, beinahe von den struppigen Augenbrauen beginnend, ein ganzes Bündel wirrer, gelbgrauer Haare. Die Farbe des Gesichts spielte in’s Aschgraue, die Gesichtshaut schien abgeschunden zu ein. Aus der Mitte desselben ragte, wie eine Beule, eine dicke Nase hervor, blitzten selbstbewußt die blauen kleinen Augen, und öffnete sich der ebenfalls kleine, aber schiefe Mund, gleicher Farbe mit dem Gesichte und mit geborstenen Lippen. Die Stimme, welche diesem Munde entstieg, war zwar ein wenig rauh, dafür aber auch desto kräftiger und lauter . . . Ihr Klang erinnerte an das Klirren von Eisenstangen, die auf schlechtem Pflaster gefahren werden. Charloff’s gewöhnliche Art zu sprechen war daher, als ob er bei starkem Wind über ein breites Thal hin Jemand etwas zuzurufen hätte. Es fiel schwer, den Ausdruck dieses Gesichts zu bestimmen, bei seinen Dimensionen war es mit einem Blicke gar nicht zu umfassen. Abstoßend war er jedoch nicht. Bei allem Sonderbaren und Ungewöhnlichen lag in ihm etwas Imposantes. Was er für Hände hatte, wahre Kissen, und was für Finger, was für Füße! Ich erinnere mich, daß ich ohne respectvolle Angst weder auf seinen drei Ellen breiten Rücken noch aus seine Schulterblätter blicken konnte, die zwei Mühlsteinen glichen. Aber besonders staunte ich über seine Ohren. Sie sahen ganz Bretzeln ähnlich, mit denselben Krümmungen und Biegungen. Von diesen Ohren waren die Wangen ’an beiden Seiten förmlich in die Höhe gepreßt. Martin Petrowitsch trug Winter und Sommer dieselbe Casaquine aus grünem Tuch, um dieselbe einen Tscherkessengürtel geschnallt und bäuerische Stiefel. Ein Halstuch habe ich nie bei ihm gesehen; um was hatte er es auch binden sollen? Er athmete langsam und schwer wie ein Stier, aber bewegte sich ohne Geräusch. Trat er in ein Zimmer, so hätte man glauben mögen, er fürchte, Alles zu zerschlagen und umzustoßen. Er wechselte nur vorsichtig den Platz, meistens sich zur Seite bewegend und gleichsam schleichend. Er besaß eine wirklich herkulische Kraft und genoß in Folge dessen eine große Achtung im ganzen Umkreise: unser Volk liebt es, vor Riesen sich stets zu beugen. Ganze Legenden hatten sich über ihn gebildet: man erzählte, daß, als er einst allein einem Bären begegnete, er denselben niedergerungen, daß, als er in seinem Bienengarten einen Dieb aus einem anderen Dorfe getroffen, er ihn sammt Pferd und Wagen über den Zaun geschleudert habe, und Aehnliches.

Charloff selbst prahlte nie mit seiner Kraft. »Wenn ich eine gebenedeite Rechte habe, so war es Gottes Wille!« sagte er. Er war stolz, aber nicht auf seine Kraft, sondern auf seinen Stand, seine Herkunft, seinen Verstand und seine Menschenkenntniß.

»Unser Geschlecht kommt von »Wscheden« her, (so sprach er das Wort Schweden aus); vom Wscheden Charlus stammt es ab,« versicherte er. »Dieser kam während der Regierung des Iwan Wassiliewitsch des Dunklen (in der Zeit war es also!) nach Rußland, und dieser Wschede Charlus wollte kein finnischer Graf, sondern ein russischer Edelmann sein und hat sich in das goldene Buch eingezeichnet. Davon stammen wir, die Charloff’s, ab!«

»Aber Martin Petrowitsch,« versuchte ich ihm zu erwidern, »einen Iwan Wassiliewitsch den Dunklen hat es ja gar nicht gegeben; wir hatten nur einen Iwan Wassiliewitsch den Schrecklichen. Der Dunkle wurde aber der Großfürst Wassilij Wassiliewitsch genannt.«

»Lüge nur zu!« antwortete mir Charloff, »wenn ich es sage, so ist es wahr!«

Einst fiel es meiner Mutter ein, ihn wegen seiner wirklich merkwürdigen Uneigennützigkeit in’s Gesicht zu loben.

»Sie haben, Natalia Nikolaewna!« rief er beinahe ärgerlich, »auch was Gescheidtes gefunden, mich zu loben! Wir Edelleute können nicht anders, damit nicht ein Bauer, ein unterthäniger Mensch über uns etwas Schlechtes zu denken wage! Ich – Charloff, führe meine Familie von da her – (hier zeigte er mit dem Finger ganz hoch über sich auf die Decke) und ich soll keine Ehre besitzen?! Wie wäre denn das möglich?« Ein anderes Mal fiel es einem bei meiner Mutter zu Gaste weilenden hohen Beamten ein, sich über Martin Petrowitsch lustig zu machen. Dieser erzählte wieder vom »Wscheden« Charlus, der nach Rußland gekommen war . . .

»Unter dem Bohnen-König!« unterbrach der Beamte.

»Nein, nicht unter dem BohnenKönig, sondern unter dem Großfürsten Iwan Wassiliewitsch dem Dunklen.«

»Und ich meine,« fuhr die hohe Persönlichkeit« fort, »daß Ihr Geschlecht noch älter sei, und selbst in die Zeit vor der Sündfluth reicht, als es noch Mastodonten und Megaloterien gab.«

Diese gelehrten Bezeichnungen waren Martin«Petrowitsch fremd, aber er bemerkte doch, daß der hohe Beamte über ihn herziehe.

»Das kann sein!« rief er, »unser Geschlecht ist wirklich sehr alt. Als mein Großahn nach Moskau kam, da lebte dort, wie man erzählt, ein Narr, der Eurer Excellenz in nichts nachgab, und solche Narren werden nur einmal in tausend Jahren geboren!«

Die hohe Persönlichkeit wurde wüthend, Charloff, aber warf den Kopf zurück, bewegte sein Kinn nach vorne, lachte auf und entfernte sich eiligst. Zwei Tage darauf erschien er wieder. Meine Mutter machte ihm Vorwürfe.

»Es war eine Lection für ihn,« unterbrach Charloff, »dränge dich nicht blindlings heran, frage erst, mit wem du zu thun hast. Er ist noch zu jung, man muß ihn noch belehren!« Der Beamte war gleichen Alters mit Charloff; diesem Riesen galten aber alle Anderen für noch nicht ausgewachsen. Er rechnete zu viel auf sich selbst und hatte entschieden vor Niemandem Angst. »Kann man denn mir etwas anhaben? Wo wird sich auf der Welt ein Mensch dazu finden?« pflegte er zu fragen und ließ dann plötzlich ein kurzes, aber betäubendes Lachen erschallen.

II

Meine Mutter war sehr wählerisch in ihrem Umgange, aber Charloff empfing sie mit besonderer Freundlichkeit und sah ihm Vieles nach; er hatte ihr nämlich vor etwa fünf und zwanzig Jahren das Leben gerettet, indem er ihren Wagen am Rande eines tiefen Abgrundes aufhielt, in den die Pferde bereits gestürzt waren. Die Strang und Geschirrriemen waren gerissen, aber Martin Petrowitsch hatte das ergriffene Rad nicht aus den Händen gelassen, obwohl das Blut ihm aus den Nägeln spritzte. Durch meine Mutter war er auch verheiratet worden, und zwar mit einer siebzehnjährigen Waise, die sie in ihrem Hause erzogen hatte; er selbst war damals ein Vierziger. Die Frau des Martin Petrowitsch war kränklich und zart; man sagte, er habe sie auf seiner Handfläche in sein Haus getragen; auch dauerte ihre Ehe nicht lange. Doch hinterließ sie ihm zwei Töchter. Auch nach dem Tode der Gattin des Martin Petrowitsch erwies meine Mutter dem Letzteren allerlei Gefälligkeiten, sie sorgte, daß seine älteste Tochter in das Gouvernements Pensionat aufgenommen wurde, wählte späterhin einen Gatten für dieselbe, und hatte bereits für die zweite gleichfalls einen solchen in Aussicht genommen.

Charloff war ein tüchtiger Wirth, er besaß circa sechshundert Morgen Land und hatte sich allmälig sehr gut darauf eingerichtet. Er erfreute sich des vollsten Gehorsams seiner Bauern. Wegen seiner Wohlbeleibtheit ging er beinahe niemals zu Fuß: die Erde trug ihn nicht. Er fuhr immer auf einem niedrigen Rennwagen umher, und lenkte selbst sein Pferd, eine magere dreißigjährige Stute mit einer ungeheuren Wundnarbe auf der Schulter. Sie hatte diese Wunde in der Schlacht bei Borodino unter einem Wachtmeister der Garde-Cavallerie davongetragen.

Dass arme Thier hinkte beständig, und zwar auf allen vier Füßen zugleich; im Schritt zu gehen, war ihm unmöglich, es trippelte einen hüpfenden Trapp; es fraß Beifuß und Wermuth an den Grenzreihen – eine Eigenthümlichkeit, die ich bei anderen Pferden nicht bemerkt habe. Ich erinnere mich, daß es mir stets ein Räthsel gewesen, wie dieser halblebende Klepper die ungeheure Last bewegen konnte, ich wage übrigens nicht zu sagen, mit wie vielen Centnern das Gewicht unseres Nachbars berechnet wurde. Hinter dem Rücken des Martin Petrowitsch befand sich auf dem – Rennwagen sein pechschwarzer Laufbursche Maksimka. Wie er mit dem Gesicht und seinem ganzen Körper sich dicht an seinen Herrn schmiegte, mit den nackten Beinen sich auf die hintere Achse des Wagens stemmend, glich er einem Blatte oder Insecte, das zufällig an die sich vor ihm erhebende riesige Masse angeweht worden war.

Derselbe Laufbursche rasirte einmal in der Woche Martin Petrowitsch. Man erzählte, daß er sich bei der Ausführung dieser Operation auf den Tisch stelle, und Witzbolde behaupteten, daß er dabei um das Kinn seines Herrn herumlaufen müsse. Charloff liebte es nicht, lange zu Hause zu sitzen, und daher sah man ihn oft umherfahren, stets in demselben Wagen, die Leinen in der einen Hand, die andere aber, den Ellbogen nach vorne, keck auf sein Knie gestemmt und mit einer ganz kleinen Mütze auf der Spitze feines Kopfes. Er blickte mit seinen kleinen Bärenaugen munter umher, fuhr mit seiner dröhnenden Stimme sämmtliche vorüberfahrende Bauern, Städter und Kaufleute an, schickte den Priestern, denen er nicht grün war, fromme Wünsche nach und ließ einmal, als er mir begegnete (ich war mit der Flinte ausgegangen) solch’ einen Jagdruf gegen einen neben dem Wege liegenden Hasen los, daß mir die Ohren bis zum Abend davon gellten.

III

Meine Mutter empfing, wie ich bereits gesagt habe, Martin Petrowitsch mit Freundlichkeit; sie wußte, welche tiefe Achtung er für sie hegte. »Herrin, gnädige Frau, unserer Felder Frucht« nannte er sie. Pries er sie als seine Wohlthäterin, so sah meine Mutter ihrerseits in ihm einen ihr ergebenen Rieseln der nöthigenfalls sich keinen Augenblick bedenken würde, allein gegen einen ganzen Haufen empörter Bauern für sie einzutreten, und obgleich die Möglichkeit eines solchen Conflicts gar nicht nahe lag, so wäre es doch nach den Ansichten meiner Mutter nicht richtig gewesen, in Ermangelung des Gatten, den sie früh verloren, einen solchen Beschützer, wie Martin Petrowitsch zu unterschätzen. Er war außerdem ein grader Mensch, der sich bei Niemandem einzuschmeicheln suchte, keine Schulden machte und keinen Wein trank. Auch war er nicht ohne alle Bildung, obgleich er gar keine Erziehung bekommen hatte. Martin Petrowitsch genoß das volle Vertrauen meiner Mutter; als sie daran dachte, ihr Testament zu machen, wählte sie ihn zum Zeugen, und er mußte nach Hause fahren, blos um seine eiserne Brille mit den runden Gläsern, ohne die er nicht schreiben konnte, zu holen; aber auch mit der Brille auf der Nase gelang es ihm kaum im Zeitraume einer Viertelstunde, seinen Rang, Tauf, Vaters und Familiennamen, in ungeheuern viereckigen Buchstaben mit Abkürzungen und Verzierungen unter Stöhnen und Schwitzen auf’s Papier zu bringen. Als seine Arbeit vollendet war, erklärte er, er sei müde und: »Schreiben oder Flöhe fangen sei dasselbe für ihn.«

Ja, meine Mutter achtete ihn . . . aber weiter als bis in’s Speisezimmer ließ man ihn nicht kommen. Ein allzu starker Duft zog ihm nämlich voran: ein Duft nach Erde, nach Waldwildniß, nach Morast. »Ein wahrhaftiger Waldteufel!« sagte von ihm meine alte Bonne. Beim Mittagsessen wurde für Martin Petrowitsch ein besonderer Tisch in die Ecke gestellt; er fühlte sich dadurch nicht beleidigt – er wußte, wie es Anderen neben ihm zu sitzen unbequem war – und er selbst konnte da freier schalten, auch aß er so, wie wohl Niemand seit Polyphem. Man beobachtete die Vorsicht, ihm allein gleich beim Anfang des Mittagessens einen Topf mit wohl sechs Pfund Grütze zu serviren.

»Du wirst mich sonst durch Essen ruiniren!« scherzte meine Mutter.

»Ich bringe es auch zu Staude!« antwortete er lächelnd.

Meine Mutter liebte, seinen Mittheilungen über Wirthschaftsfragen zuzuhören, konnte jedoch nicht lange seine Stimme aushalten.

»Was ist mit Dir, mein Lieber!« rief sie, »Du mußt Dich davon curiren! Du hast mich ganz betäubt. Du Trompete, Du!«

»Natalia Nikolaewna, meine Wohlthäterin!« pflegte Martin Petrowitsch zu antworten, »über meine Kehle habe ich keine Macht! Und welche Arznei könnte bei mir wirken – urtheilen Sie selber? Ich werde lieber für ein Weilchen schweigen.«

Ich meine auch, daß keine Arznei auf Martin Petrowitsch gewirkt hätte; er war übrigens nie krank.

Zu erzählen verstand er nicht und liebte es nicht. »Von langen Reden kriegt man kurzen Athem!« bemerkte er tadelnd. Nur wenn man ihn auf das Jahr 1812 brachte (er hatte in den Freischaaren gedient und eine bronzene Medaille bekommen, die er an Festtagen an dem Bande des Wladimir-Ordens trug), wenn man ihn über die Franzosen ausfragte, dann erzählte er einige Anekdoten, obgleich er stets versicherte, daß wirkliche Franzosen nie nach Rußland gekommen wären, blos Marodeure wären vom Hunger getrieben, hereingelaufen, und von diesem Pack hätte er viele in den Wäldern todtgeschlagen.

IV

Auch dieser unerschütterliche, selbvertrauende Riese hatte seine Augenblicke melancholischen Nachdenkens. Ohne jeden sichbaren Grund fing er manchmal sich zu langweilen an, schloß sich dann in sein Zimmer ein und summte – ja summte allein wie ein ganzer Bienenschwarm; oder er rief seinen Laufburschen Maksimka und befahl ihm, aus dem einzigen Stück Literatur, »das sich in sein Haus verirrt hatte, einem einzelnen« Theil der »Muße des Fleißigen« von Nowikowsky, laut vorzulesen – oder zu singen. Und Maksimka, der durch merkwürdiges Spiel des Zufalles dahin gelangt war, silbenweise lesen zu können, begann mit dem üblichen Entzweihauen der Wörter und Umstellung des Accentes, Phrasen wie die folgende vorzuschreien:,aber ein leidenschaftlicher Mann macht aus dieser leeren Stellé, die er in den Wesen findet, ganz entgegengesetzte Schlüsse. Jedes Wesen für sich, sagte er sich, ist nicht im Stande mich glücklich zu machen!« u.s.w.1

Oder er singt mit sehr dünner Stimme, von der man nur einzelne Laute wie: »i . . a . . e . . . la . . 2c. hören konnte. Martin Petrowitsch aber nickt mit dem Kopfe, äußert etwas von der Vergänglichkeit des Daseins, »daß Alles in sich zerfallen, wie unnütziges Kraut ausdorren, vergehen und nicht mehr sein werde!« Er hatte zufällig ein Bild in die Hände bekommen, das ein brennendes Licht darstellte, auf welches von allen Seiten die Winde mit vollen Wangen bliesen. Unter dem Bilde befanden sich die Worte: »Das ist das menschliche Leben.« Das Bild gefiel ihm ungeheuer. Es hing in seinem Arbeitszimmer, aber zu gewöhnlichen Zeiten, bei Abwesenheit der melancholischen Stimmung, war die Vorderseite zur Wand gekehrt, damit es ihn nicht verwirre. Charloff, dieser Koloß, hatte Angst vor dem Tode! Zur Hilfe der Religion, zum Gebet griff er selbst während der Melancholieanfälle nur selten und glaubte durch seine Verstandeskraft ihrer Herr werden zu können. Er war durchaus nicht religiös, man sah ihn nur selten in der Kirche, doch versicherte er, daß er nur deshalb nicht hingehe, weil er wegen seines Körperumfanges Andere hinauszudrängen befürchte. Gewöhnlich endete der Anfall damit, daß Martin Petrowitsch zu pfeifen anfing – und plötzlich mit donnernder Stimme seinen Wagen anzuspannen befahl und in die Nachbarschaft fuhr. Dann pflegte er die Hand, in welcher die Zügel nicht lagen, über seinem Hute zu schwenken, als ob er damit sagen wollte, daß jetzt ihm Alles einerlei sei; er war eben Rasse durch und durch.

V

Leute, welche die Kraft eines Martin Petrowitsch besitzen, sind gewöhnlich phlegmatisch; er jedoch erhitzte sich im Gegentheil sehr leicht, namentlich brachte ihn außer sich ein gewisser Bitschkoff, der Bruder seiner verstorbenen Frau, der sich in unserem Hause als Hofnarr oder Parasit eingenistet hatte. Von seinen Kindesbeinen an hatte man ihn stets nur »Souvenir« genannt und so blieb er auch für Alle »Souvenir«, selbst für die Diener, welche ihn übrigens »Souvenir Thimotheewitsch« nannten Seinen wirklichen Namen schien er selbst nicht zu kennen.

Es war ein elender, von Allen verachteter Mensch, mit einem Wort ein Schmarotzer. An der einen Seite des Mundes fehlten ihm alle Zähne, deshalb schien auch sein kleines, runzliches Gesicht schief zu sein. Er machte sich stets etwas zu schaffen, mischte sich in Alles; bald schmiegte er sich in das Mägdezimmer, bald in das Wirthschaftsamt hinein, bald ist er beim Pfaffen, bald beim Dorfältesten; überall jagt man ihn weg, er aber macht sich möglichst klein, spitzt seine schiefen Augen und lacht so widerwärtig, so wässrig, als ob er eine Flasche spühle. Es schien mir immer, daß Souvenir, hätte er Vermögen gehabt, ein scheußlicher Mensch, sittenlos, boshaft, ja grausam geworden wäre. Die Armuth hatte ihm nothgedrungen die Flügel gestutzt. Trinken durfte er nur an Feiertagen; auf den Befehl meiner Mutter kleidete man ihn aber sehr anständig, weil er Abends ihre Partie Piquet oder Boston bilden half.

Souvenir wußte nichts, als ewig zu wiederholen: »Erlauben Sie, ich werde sofort —« »Was sofort?« fragte ihn ärgerlich meine Mutter. Er bekommt Angst, nimmt eine unterthänige Miene an und flüstert: »Wie Sie befehlen!« Unter der Thüre, lauschen, klatschen und namentlich sticheln und necken, waren seine einzigen Sorgen, und er stichelte in einer Weise, als ob er sich für etwas zu rächen hätte. Martin Petrowitsch nannte er »Brüderchen« und war stets wie der leibhaftige Teufel hinter ihm her. »Weßhalb haben Sie die Schwester Margarita Timotheewna in die andere Welt befördert?« pflegte er ihn anzufallen, sich vor ihm drehend und giftig lachend. Einst saß Martin Petrowitsch im Billardzimmer, dem kühlsten des ganzen Hauses, in dem Niemand je eine Fliege gesehen hatte, und welches deshalb von unserem Nachbar, einem Feinde der Hitze und Sonne, sehr geschätzt wurde. Er hatte seinen Platz zwischen dem Billard und der Wand. Souvenir trippelte um ihn herum, neckte ihn, schnitt ihm Gesichter. . . Martin Petrowitsch wollte ihn wegstoßen – und bewegte beide Hände wie abwehrend gegen ihn nach vorne, Souvenir gelang es zu seinem Glücke, ihm zu entwischen – die Hände seines Brüderchens stießen sich am Billardrande und das schwere ländliche Billard stürzte zu Boden trotz der sechs Schrauben die dasselbe festzuhalten bestimmt waren . . . Zu welchem Brei wäre Souvenir verwandelt worden, wäre er unter die mächtigen Hände gerathen!

VI

Ich war immer neugierig, Martin Petrowitsch’s Wohnort und Haus zu sehen. Einst schlug ich ihm vor, ihn zu Pferde bis Eskowo, so hieß sein Gut, zu begleiten. »Ah! Du willst Dir meine Wirthschaft ansehen,« sagte Martin Petrowitsch, »gut, ich will Dir den Garten, das Haus, die Tenne, Alles zeigen. Ich habe was zu zeigen!« Wir machten uns auf den Weg. Von unserem Gut bis Eskowo ist’s kaum eine viertel Meile. »Da ist sie, meine Herrschaft!« donnerte Martin Petrowitsch, sich anstrengend, seinen unbeweglichen Kopf mir zuzudrehen und mit der Hand nach rechts und links deutend. »Das Alles ist mein!« Charloff’s Gutshof befand sich auf einer sacht aufsteigenden Anhöhe, an deren Fuße, einem kleinen Teiche entlang, einige schlichte Bauernhäuschen standen. Beim Teiche schlug eine alte Frau im carrirten Unterrock auf dem Floß stehend mit dem hölzernen Schlägel die ausgewundene Wäsche.

»Aksinja!« dröhnte Martin Petrowitsch’s Stimme, und ein Schwarm Krammetsvögel erhob sich vom anliegenden Haferfelde. »Du wäscht wohl Deinem Manne die Hosen?«

Die Frau drehte sich jählings um und verbeugte sich tief.

»Ja, die Hosen, Herr,« hörte man ihre schwache Stimme.

»So ist es gut! Sieh’ hierher,« fuhr Martin Petrowitsch fort, sich zu mir wendend, als wir bei einem halb verfaulten Zaune vorbeitrabten, »das ist, mein Hanf – und jener da gehört den Bauern; siehst i Du den Unterschied? Und das ist mein Garten, die Aepfel und die Birnenbäume habe ich selbst gepflanzt. Früher war hier kein Baum zu sehen. So macht man es, lerne!«

Wir fuhren in den mit Brettern umzäunten Hof. Gerade dem Thore gegenüber erhob sich ein ganz altes, kleines Häuschen mit Strohdach und einem Balcon auf dünnen Säulen; etwas seitwärts stand ein anderes, ganz neues, mit einem kleinen Aufbau oben in der Mitte; es machte aber den Eindruck ziemlicher Gebrechlichkeit.

»Lerne hier wiederum,« sagte Charloff, »siehst Du, in welcher Hütte unsere Väter gewohnt haben und was für einen Palast ich mir erbaut habe!«

Dieser Palast sah jedoch einem Kartenhäuschen ähnlich. Ungefähr fünf bis sechs Hunde, einer zottiger und unförmlicher als der andere, empfingen uns mit Gebell.

»Schäferhunde,« bemerkte Charloff. »Echte aus der Krim! Kuscht euch, verfluchte! Wartet – ich hänge euch alle auf!«

Auf dem Balcon des neuen Hauses zeigte sich ein junger Mensch im langen Rock von Nanking, der Mann der ältesten Tochter des Martin Petrowitsch. Er kam schnell zum Wagen herab, half ehrerbietig dem Schwiegervater herunter und gab sich selbst den Anschein, als wolle er mit der einen Hand den Riesenfuß er greifen, den dieser, nach vorne geneigt, mit einer Art von Anschwung über das Sitzbrett auf die Erde setzte; nachdem half er mir vom Pferde.

»Anna!« rief Charloff, »der Sohn der Natalia Nikolaewna ist zu uns gekommen; man muß ihn bewirthen. Und wo ist Eulampia?«

(Anna hieß die ältere, Eulampia die jüngere Tochter.)

»Sie ist nicht zu Hause; sie ist auf das Feld gegangen, Kornblumen zu pflücken,« antwortete Anna sich im Fenster bei der Thüre zeigend.

»Gibt es frischen Käse?« fragte Charloff.

»Ja wohl.«

»Auch Sahne?«

»Ebenfalls.«

»Bringe Alles auf den Tisch; und ich will Ihnen unterdessen mein Arbeitszimmer zeigen, kommen Sie hierher,« fügte er hinzu, sich zu mir wendend und mit dem Zeigefinger mich herbeiwinkend. Bei sich zu Hause redete er mich nicht mit »Du« an, als Wirth wollte er – höflich sein. Er führte mich durch den Corridor. – »Hier hause ich,« sagte er, seitwärts durch eine breite Thür schreitend. »Das ist mein Zimmer. Seien Sie willkommen!«

Das Arbeitszimmer war ein großes, nicht tapezirtes und beinahe ganz leeres Zimmer; an den Wänden hingen an unegal eingeschlagenen Nägeln zwei Peitschen, ein dreieckiger vergilbter Hut, eine einläufige Flinte, ein Säbel, ein seltsames Pferdegeschirr mit großen Blechknöpfen und das Bild, ein brennendes Licht mitten unter den Winden darstellend. In einer Ecke stand ein hölzerner Divan, eine bunte Decke darüber. Hunderte von Fliegen summten oben unter der Decke des Zimmers; übrigens war es kühl in demselben, nur herrschte hier unvermischt jener besondere Erdgeruch, welcher Martin Petrowitsch überall begleitete.

»Wie gefällt Dir das Arbeitszimmer?« fragte nun Charloff.

»Seht gut.«

»Sieh’, hier hängt ein holländisches Pferdegeschirr,« fuhr Charloff fort, wieder mich dutzend. »Ein prachtvolles Pferdegeschirr! Ich habe es bei einem Juden eingetauscht. Betrachte es ordentlich.«

»Es ist wunderschön.«

»Ein besseres kann man für die Wirthschaft nicht bekommen! Rieche doch . . . was für ein Leder!«

Ich roch daran. Es roch nach ranzigem Thran.

»Setzen Sie sich doch da auf den Stuhl, seien Sie hier zu Haus,« sagte Charloff und ließ sich selber auf den Divan nieder. Er schien einzuschlafen, denn er schloß die Augen, ja schnarchte selbst ein wenig. Ich betrachtete ihn schweigend und konnte ihn nicht genug bewundern. »Ein Berg, ein wirklicher Berg!« dachte ich. Plötzlich regte er sich. »Anna!« schrie er, und dabei hob und senkte sich sein mächtiger Bauch wie die Welle auf dem Meere. »Was machst Du? Beeile Dich! Oder hast Du es nicht gehört?«

»Alles ist fertig, Vater, kommen Sie nur herein!« ließ sich die Stimme der Tochter vernehmen.

Ich war überrascht über die Schnelligkeit, mit der die Befehle des Martin Petrowitsch ausgeführt wurden, und begab mich mit ihm in das Speisezimmer, wo auf dem mit rothem und weißgerändertem Tischtuche bedeckten Tische schon ein Imbiß bereit stand: Käse, Sahne, Weißbrot, zerstoßener Zucker mit Ingwer. Während ich mit dem Käse beschäftigt war, hatte Martin Petrowitsch, nachdem er: »Iß, mein Lieber, iß, verachte unser Dorfessen nicht! gemurmelt, sich wieder in die Ecke gesetzt und war wieder eingeschlummert. Vor mir stand unbeweglich mit gesenkten Augen Anna Martinowna und durch das Fenster konnte ich sehen, wie ihr Mann mein Reitpferd im Hofe herumführte, und eigenhändig die Trensenkette desselben rieb.

VII

Meine Mutter war der ältesten Tochter Charloffs nicht gewogen, sie nannte dieselbe »die Stolze,« und wirklich erschien Anna Martinowna fast nie bei uns, um ihre Ehrerbietung zu bezeugen und verhielt sich in Anwesenheit der Mutter gemessen und kalt, obgleich sie derselben ihre Erziehung im Pensionat, ja selbst ihren Mann verdankte; an ihrem Hochzeitstage hatte sie sogar von meiner Mutter fünfhundert Rubel und einen gelben, allerdings schon getragenen türkischen Shawl erhalten. Sie war eine Frau von mittlerem Wuchs, mager, aber sehr lebendig und flink in ihren Bewegungen, mit dichtem, braunem Haare; ihr schönes, brünettes Antlitz mit mattblauen Augen machte einen eigenthümlich angenehmen Eindruck. Sie hatte eine gerade und feine Nase, dünne Lippen und ein spitz zulaufendes Kinn. Jeder, der sie ansah, dachte sicherlich: »Wie klug Du bist, aber auch wie böse!« Und bei allem Diesem hatte sie etwas Anziehendes, selbst einige Muttermale, die auf ihrem Gesichte bemerkbar waren, kleideten sie und erhöhten die Empfindungen, die sie erweckte. Die Hände in das Busentuch gelegt, betrachtete sie mich verstohlen von oben nach unten (ich saß, sie stand); ein Lächeln, das nichts Gutes verrieth, flog bald über ihre Lippen, bald über ihre Wangen, welche lange Augenwimpern beschatteten. »Ach, Du verzogenes Herrchen!« schien dies Lächeln ausdrücken zu wollen. Jedesmal, wenn sie Athem holte, erweiterten sich die Nasenflügel, was ganz eigenthümlich aussah, doch meinte ich, daß, wenn Anna Martinowna mich lieben oder mich mit ihren dünnen, zarten Lippen küssen wollte – ich vor Wonne zur Decke springen würde! Ich wußte, daß sie sehr streng und eigen war, daß die Bauernfrauen und Mägde sie wie das liebe Feuer fürchteten – das ging mich aber nichts an! Anna Martinowna beunruhigte meine Phantasie! . . . Übrigens war ich erst fünfzehn Jahre . . . und in diesem Alter . . .

»Martin Petrowitsch regte sich wieder. »Anna!« rief er »klimpre uns etwas auf dem Piano vor, die jungen Herren lieben das!«

Ich sah mich um: ein elendes Zerrbild eines Pianoforte fand sich wirklich im Zimmer.

»Zu Befehl, Vater,« antwortete Anna Martinowna. »Was soll ich spielen? das wird den Herrn nicht amusiren.«

»Was hast Du im Pensionat gelernt?«

»Ich habe Alles vergessen – auch sind die Saiten gesprungen.«

Anna Martinowna hatte eine angenehme, helle Stimme: der Ton derselben war ein wenig klagend . . . und erinnerte etwas an den, welchen die Raubvögel hören lassen. »Nun,« brummte Martin Petrowitsch und dachte nach . . . »Nun,« fing er wieder an, »wollen Sie denn nicht meine Tenne besehen, dieselbe in Augenschein nehmen? Wolodka wird Sie begleiten. He Du, Wolodka!« rief er seinem Schwiegersohn, der noch immer mit – meinem Pferde auf dem Hofe herumging, »begleite den Herrn zu der Tenne und führe ihn überhaupt umher: zeige ihm meine Wirthschaft. Ich aber will mein Schläfchen machen. Auf glückliches Wiedersehen!«

Er ging hinaus, ich folgte ihm. Anna Martinowna fing sofort, wie ärgerlich, den Tisch aufzuräumen an. An der Thürschwelle drehte ich mich um und verbeugte mich: sie schien es nicht zu bemerken, nur glaubte ich, daß sie noch boshafter lächelte.

Ich nahm dem Schwiegersohne Charloff’s mein Pferd ab und führte es am Zügel. Wir kamen zur Tenne – aber da hier nichts besonders Merkwürdiges zu finden war, und er bei mir, einem jungen Knaben, keine außerordentliche Liebe zur Landwirthschaft vermuthen konnte, so gingen wir durch den Garten zum Dorfwege zurück.

VIII

Der Schwiegersohn von Charloff war mir bereits bekannt. Er hieß Wladimir Wassiliewitsch Sletkin. Er war eines Waise, der Sohn eines kleinen Beamten, der die Geschäfte meiner Mutter besorgt hatte, und daher auch ihr Zögling. Nachdem er die Kreisschule verlassen, hatte er zunächst in unserm Wirthschaftsamt gearbeitet; später fand man bei dem kaiserlichen Proviantmagazin eine Stelle für ihn, und endlich hatte man ihn mit der Tochter Charloff’s verheiratet. Meine Mutter nannte ihn »Judenbengel« und wirklich erinnerte er durch sein krauses Haar und seine schwarzen, stets feuchten, gekochten Pflaumen ähnlichen Augen, durch seine Habichtsnase und seinen breiten Mund an den jüdischen Typus, nur war er sehr weiß und machte im Ganzen den Eindruck eines recht hübschen Menschen. Er war äußerst gefällig, aber nur, so lange es nicht seinen Vortheil berührte. Ja solchem Falle verlor er den Kopf, ja er weinte sogar; einer Bagatelle wegen war er im Stande, den ganzen Tag zu jammern, hundertmal an ein gegebenes Versprechen zu erinnern, sich beleidigt zu fühlen und zu stöhnen, wenn es nicht sofort erfüllt wurde. Er liebte, mit der Flinte umherzuschweifen, und wenn es ihm gelang, einen Hasen oder eine Ente zu erlegen, so steckte er mit großer Befriedigung seine Beute in die Jagdtasche und pflegte dabei auszurufen: »Nun jetzt, Kindchen, entgehst Du mir nicht! Jetzt wirst Du mir von Nutzen sein!«

»Ein schönes Pferd haben Sie da,« sagte er mit seiner schleppenden Stimme, mir in den Sattel helfend. »Hätte ich doch so ein Pferd! Doch wie soll ich dazu kommen? Dies Glück ist nicht für mich. Wenn Sie doch Ihre Frau Mutter darum bitten . . . sie daran erinnern wollten!«

»Hat sie denn Ihnen eins versprochen?«

»O, hätte sie es gethan! nein, aber ich glaubte, daß sie in ihrer großen Güte. . . «

»Wenden Sie sich doch lieber an Martin Petrowitsch?«

»An Martin Petrowitsch?« wiederholte langsam Sletkin, »Ihm gelte ich nicht mehr als ein elender Laufbursche wie Maksimka! Er hält uns ganz schrecklich knapp, keinen Dank bekommt man von ihm für all’ die große Mühe . . .«

»Ist das wahr?«

»Bei Gott! Wenn er etwas abgeschlagen und gesagt hat: »Mein Wort ist heilig!« so ist es für allemal zu Ende. Man bitte oder bitte nicht, man kommt zu nichts. Anna Martinowna, meine Frau, genießt auch nicht dieselbe Gunst wie Eulampia Martinowna.«

»Ach Gott, mein Gott!« unterbrach er sich plötzlich in Verzweiflung die Hände zusammenschlagend. »Sehen Sie hierher! einen ganzen Scheffel Hafers, unseres Hafers, hat ein Bösewicht abgemäht! Canaille! Leben Sie nun unter diesen Leuten! Räuber sind es, wirkliche Räuber! Richtig sagt das Volkssprüchlein: »Traue nicht dem Eskowo, Béskowo, Erina, Belina!« (so hießen die vier Nachbardörfer) Gott, Gott, ist das ein Unglück! Das gibt ja einen Schaden von anderthalb oder gar zwei Rubeln!«

In der Stimme Sletkin’s war förmliches Schluchzen; ich gab dem Pferde die Sporen und ritt von ihm weg.

Noch konnte ich sein Wimmern vernehmen, als ich plötzlich bei einer Biegung des Weges der zweiten Tochter Charloff’s, Eulampia, begegnete, welche, wie Anna Martinowna gesagt hatte, in’s Feld nach Kornblumen gegangen war. Ein dichter Kranz dieser Blumen umgab ihren Kopf. Wir wechselten schweigend Grüße. Eulampia war wie ihre Schwester sehr hübsch, nur auf andere Art. Sie war von hohem Wuchs, kräftig gebaut; Alles war groß bei ihr: der Kopf, die Füße, die Hände, die schneeweißen Zähne und namentlich die hervortretenden, umschleierten, dunkelblauen Augen, trotz einiger übertriebenen Dimensionen (nicht umsonst war sie die Tochter Martin Petrowitsch), war sie dennoch schön. Sie wußte augenscheinlich nicht, was sie mit ihrem blonden Haargeflechte anfangen sollte und trug es dreifach um die Stirne gewunden. Ihr Mund war wunderschön, frisch wie eine Rose, dunkel roth gefärbt und wenn sie sprach, so hob sie aller liebst die Mitte der Oberlippe. Doch lag in dem Ausdruck ihrer großen Augen etwas Strenges, ja Wildes. »Reines, freies Kosakenblut!« sagte Martin Petrowitsch von ihr. Ich fürchtete sie ein wenig. . . Diese colossale Schönheit erinnerte mich zu sehr au ihren Vater.

Ich ritt weiter und hörte, wie sie mit gleich mäßiger, voller, ein wenig scharfer und ungeschulter Stimme zu singen anfing. Dann verstummte sie. Ich wandte mich um und sah von der Anhöhe aus, wie sie neben dem Schwiegersohne Charloff’s, vor dem beraubten Haferfelde stand. Sletkin bewegte seine Hände hin und her, dieselben bald gegen sie, bald gegen den Hafer richtend.

Sie stand unbeweglich. Die Sonne übergoß sie mit ihren Strahlen und der Korublumenkranz auf ihrem Haupte verbreitete weithin einen bläulichen Schimmer um ihre hohe Gestalt.

IX

Ich habe wohl bereits erwähnt, daß meine Mutter auch für diese Tochter Charloff’s einen Mann in Aussicht genommen hatte. Es war der ärmste aller unserer Nachbarn, der Major a. D. Gawril Fedulitsch Gitkoff, ein nicht mehr junger Mann oder, wie er sich nicht ohne Selbstgefallen und gleichsam zu seiner Empfehlung ausdrückte, »mit allen Hunden gehetzt.«

Er konnte kaum lesen und schreiben und war ziemlich dumm, doch hegte er die heimliche Hoffnung, als Verwalter bei meiner Mutter anzukommen, da er sich für einen guten, »Vollführer« hielt. »Wenn nichts Anderes, doch den Bauern die Zähne auszuschlagen und sie zu zählen, verstehe ich gar fein!« äußerte er, dabei mit den eigenen Zähnen knirschend, »denn daran,« erklärte er, »bin ich eben von meinem früheren Dienst her gewöhnt.« Wäre Gitkoff weniger dumm gewesen, so hätte er längst begriffen, daß es ihm gerade als Verwalter bei meiner Mutter anzukommen rein unmöglich war, denn dazu hätte man erst den wirklichen Verwalter, einen energischen und tüchtigen Polen, Wikentij Ossipitsch Kwitzinski mit Namen, dem meine Mutter ihr ganzes Vertrauen schenkte, entlassen müssen. Gitkoff hatte ein langes Pferdegesicht, dasselbe war ganz und gar mit graublonden Haaren selbst an den Wangen bis unter die Augen bewachsen, und während des stärksten Frostes mit Schweiß, wie mit Thau tropfen bedeckt. Wenn er meine Mutter erblickte, sprang er auf und stand vor ihr, als hätte er einen Stock verschluckt. Sein Kopf zitterte vor Diensteifer, seine, riesigen Hände klapperten an den Seiten und seine ganze Haltung schien auszurufen: »Befiehl und ich folge blindlings!« Meine Mutter urtheilte richtig über seine Fähigkeiten, was übrigens sie nicht hinderte, an seiner Verbindung mit Eulampia zu arbeiten.

»Wirst Du nur mit ihr fertig werden, mein Lieber?« fragte sie ihn einst.

Gitkoff lächelte selbstzufrieden.

»Erlauben Sie, Natalia Nikolaewna! Eine ganze Compagnie habe ich in Ordnung gehalten, wie nach Nöten mußten die Kerls bei mir tanzen. Was bedeutet dem gegenüber ein Mädchen! Rein gar nichts!«

»Das war eine Compagnie, mein Lieber, hier handelt es sich um ein adeliges Mädchen!« bemerkte die Mutter unzufrieden.

»Erlauben Sie, Natalia Nikolaewna!« rief er wieder. »Das zu verstehen bin ich vollends im Stande. Mit einem Wort: sie ist ein Fräuleins ein zartes Wesen . . .«

»Uebrigens,« entschied die Mutter, »wird sich Eulampia nicht leicht etwas anthun lassen.«

X

Einst, es war Mitte Juni und bereits gegen Abend, meldete der Diener die Ankunft von Martin Petrowitsch. Meine Mutter war erstaunt; wir hatten ihn zwar eine Woche lang nicht gesehen, aber er besuchte uns nie so spät. »Es ist etwas vorgefallen!« rief sie halblaut. Das Gesicht von Martin Petrowitsch, als er sich in das Zimmer hereinwälzte und sofort auf den Stuhl bei der Thür niederließ, hatte einen ungewohnten Ausdruck, es war so nachdenkend und selbst bleich, daß die Mutter unwillkürlich und laut ihren Ausruf wiederholte.

Martin Petrowitsch glotzte sie mit seinen kleinen Augen an, schwieg, holte tief Athem, schwieg wieder und erklärte endlich, daß er gekommen sei in einer Angelegenheit . . . welche derartig sei . . . daß in Folge dessen . . . Nachdem er diese Worte unverbunden ausgestoßen, erhob er sich plötzlich und ging zur Thür hinaus.

Die Mutter klingelte und befahl dem hereintretenden Diener, sofort Martin Petrowitsch einzuholen und ihn durchaus wieder zu ihr zu führen, doch dieser hatte sich bereits auf seinen Wagen gesetzt und war davon gefahren.

Am nächsten Morgen war meine Mutter, die durch das seltsame Benehmen und den ungewöhnlichen Gesichtsausdruck des Martin Petrowitsch befremdet, ja erschreckt worden, eben im Begriffe, Jemanden zu ihm zu schicken, als er plötzlich selbst erschien.

Dieses Mal war er, wie es schien, ruhiger.

»Erzähle, mein Lieber,« erzähle, rief meine Mutter, als sie ihn sah, »was ist mit Dir geschehen? Ich habe wirklich gestern Zweifel gehabt, ob nicht unser alter Riese seinen Verstand verloren habe?«

»Meinen Verstand, gnädige Frau, habe ich nicht verloren,« antwortete Martin Petrowitsch. »Das kann Anderen, aber mir nicht widerfahren! Ich muß mich aber mit Ihnen berathen.«

»Worüber?«

»Nur zweifle ich, daß es Ihnen angenehm sein werde . . .«

»Sprich nur, sprich, mein Lieber, aber einfacher. Rege mich nicht auf. Wozu sprichst Du in dieser Weise? Rede einfacher. Oder hat Dich vielleicht Deine Melancholie wieder heimgesucht?«

Charloff wurde finster.

»Nein, nicht die Melancholie – die kommt zu mir nur um Neumond; aber erlauben Sie, gnädige Frau, Sie um ihre Meinung hinsichtlich des Todes zu befragen?«

Meine Mutter fuhr auf.

»Worüber?« frug sie erstaunt.

»Ueber den Tod. Kann der Tod sich irgend Jemandes auf dieser Welt erbarmen?«

»Was hast Du da ausgedacht, Väterchen? Wer von uns ist unsterblich? Magst Du selbst als Riese auf die Welt gekommen sein, aber auch für Dich gibt’s ein Ende,«

»Ein Ende, ja ein Ende!« wiederholte Charloff und hielt ein. »Ich habe ein Traumgesicht gehabt . . . « sagte er nach einer Pause.

»Was sagst Du?« unterbrach ihn die Mutter.

»Ein Traumgesicht,« wiederholte er, »ich bin ja ein Traumseher.«

»Du?«

»Ich! wußten Sie es nicht?« Charloff holte Athem. »Ja so war es . . . Etwa vor einer Woche, gnädige Frau – es war grade der Vorfastentag zum Petri-Fasten, – da hatte ich mich nach dem Mittag essen, ein wenig auszuruhen, hingelegt und bin dabei eingeschlafen. Da erscheint mir ein schwarzes Fohlen; es läuft in mein Zimmer hinein auf mich zu; läuft wie spielend umher und weist mir die Zähne. Pech schwarz war dieses Fohlen!«

»Und weiter?« rief die Mutter.

»Und wie mit einmal wendet sich dasselbige Fohlen um, schlägt aus und trifft mich grade an die empfindlichste Stelle des Arms, am linken Ellbogen! . . . Ich wache auf, meine Hand bewegt sich nicht, der Fuß ebenfalls nicht. Es ist der Schlag, glaube ich; aber nein, ich habe mich ausgereckt und bin wieder in Bewegung gekommen, nur ein Knistern lief mir durch die Glieder, das fühle ich auch jetzt noch. Oeffne ich die Hand, da knistert es sogleich.«

»Martin Petrowitsch, die Hand ist Dir eingegeschlafen.«

»Nein, gnädige Frau, Sie urtheilen falsch. Es war eine Vorbedeutung . . . mich nämlich vor dem Tode zu warnen.«

»Unsinn!« warf meine Mutter ein.

»Eure Warnung! Bereite Dich vor, Sterblicher! Und daher, gnädige Frau, habe ich Ihnen, ohne weiter zu zögern, Folgendes mitzutheilen »Nicht wollend,«« schrie plötzlich Charloff, »daß dieser selbige Tod mich, den Knecht Gottes, unvorbereitet ereile, habe ich in meinem Sinne Folgendes beschlossen: Schon jetzt bei meinem Leben, mein Eigenthum zwischen meine beiden Töchter Anna und Eulampia zu theilen, wie es mir der Herrgott in’s Herz legen wird.« Martin Petrowitsch hielt inne, ächzte und fügte hinzu: »Ohne weiter zu zögern.«

»Nun, das ist eine gute That!« bemerkte die Mutter, »nur beeilst Du Dich damit umsonst.«

»Und da ich diese Angelegenheit,« fuhr noch lauter Charloff fort, »mit nöthiger Ordnung und Gesetzlichkeit zu Ende führen will, so bitte ich höflichst, Ihren Sohn Dmitri Semenowitsch – Sie selbst zu belästigen, gnädige Frau, wage ich nicht – bitte also diesen Sohn Dmitri Semenowitsch, meinem Verwandten Bitschkoff aber lege ich es geradezu zur Pflicht auf, bei der Vollziehung des formellen Actes, sowie bei der Uebergabe der Güter an meine beiden Töchter zugegen zu sein, welcher Act übermorgen, um zwölf Uhr, in dem mir gehörigen Gut Eskowo, auch Kosülkino genannt, bei Anwesenheit der zuständigen Behörden, wie sonstiger Zeugen, die bereits eingeladen sind, zu geschehen hat.«

Martin Petrowitsch konnte kaum diese offenbar von ihm auswendig gelernte Rede, die er mit häufigem Seufzen unterbrach, beenden . . . Es schien, als ob es ihm an Luft in der Brust fehle: sein bleiches Gesicht wurde purpurroth, und er trocknete sich mehrmals den Schweiß.

»Und Du hast bereits die Theilungsurkunde aufgesetzt?« fragte die Mutter. »Wie hattest Du Zeit dazu?«

»Allerdings . . . – ach! Ohne zu essen und zu »trinken! . . . «

»Hast Du sie selbst geschrieben?«

»Wolodka . . . – ach! hat mir geholfen.«

»Und hast Du den Genehmigungsantrag ein gereicht?«

»Ja, eingereicht, und das Gericht hat die Urkunde bestätigt und das Kreisgericht ist bereits benachrichtigt und die Specialcommission . . . ach! . . . zur Ausführung commandirt.«

Die Mutter lächelte.

»Du hast, Martin Petrowitsch, bereits Alles wie ich sehe, eingeleitet und wie schnell! Hast wohl kein Geld gespart?«

»Ja, gnädige Frau, ich habe nichts gespart!«

»So ist es also, und Du sagst, daß Du meinen Rath hören willst. Meinetwegen kann mein Sohn zu Dir fahren,« ich schicke mit ihm auch Souvenir, Kwitzinski sage ich es auch . . . Und hast Du Gawril Fedulitsch eingeladen?«

»Gawril Fedulitsch Gitkoff . . . ist meinerseits . . . benachrichtigt worden. Er als Bräutigam muß hinkommen . . . « Martin Petrowitsch hatte seinen Redefluß augenscheinlich zu sehr in Anspruch genommen. Außerdem schien es mir seit einiger Zeit, daß er dem von meiner Mutter für seine zweite Tochter gefundenen Schwiegersohne nicht besonders gewogen war, er erwartete wahrscheinlich eine bessere Partie für seine Eulampia.

Er erhob sich vom Stuhle und machte einen Kratzfuß.

»Ich danke für Ihre Einwilligung,« sagte er.

»Wohin eilst Du?« fragte die Mutter, »bleibe ein Weilchen, ich lasse einen Imbiß serviren.«

»Danke sehr!« antwortete Charloff. »Aber ich kann nicht . . . Ach, ich muß nach Hause!«

Er zog sich zurück und schob sich nach seiner Gewohnheit seitwärts zur Thür.

»Warte, warte,« fuhr die Mutter fort. Willst Du wirklich Dein ganzes Vermögen ohne jeden Rest Deinen Töchtern überlassen?«

»Freilich, ohne jeden Rest.«

»Und Du selbst . . . wo wirst Du wohnen?«

Charloff setzte ärgerlich seine Hände in Bewegung. »Wie wo? in meinem Hause, wo ich bisher gewohnt habe . . . wie jetzt, so auch in der Zukunft. Was kann da für eine Veränderung eintreten?«

»Und Du bist Deiner Töchter und Deines Schwiegersohnes so sicher?«

»Das ist Wolodka, den sie zu erwähnen geruhen? Dieser Lappen! Den werde ich, wohin ich Lust habe, stoßen – hierher, dorthin . . . Was hat der zu sagen? Sie aber, das heißt meine Töchter, müssen mich bis zum Sarge hin ernähren und kleiden . . . Das ist ja ihre erste Pflicht! Ich werde übrigens nicht lange ihnen im Wege sein. Nicht hinter den Bergen ist der Tod – bereits hinter den Schultern!«

»Der Tod ist in Gottes Hand allein« bemerkte die Mutter. »Ihre Pflicht ist es allerdings. Aber, Martin Petrowitsch, bedenke, daß Deine älteste Tochter bekanntlich sehr stolz ist, und die Zweite schaut auch wie eine Wölfin umher.«

»Natalia Nikolaewna!« unterbrach Charloff, »was sagen Sie da? Daß sie . . . meine Töchter . . . Daß ich . . . Den Gehorsam sollten sie vergessen? Selbst im Schlaf fällt es ihnen nicht ein . . . Sich widersetzen? Wem? Dem Vater . . . es wagen?! Und der Fluch ist der weit? Im Gehorsam, ja in Angst haben sie ihr Leben zugebracht – und jetzt! . . . Gott mein Gott!«

Charloff hustete, wurde heiser.

»Schon gut, schon gut,« beruhigte ihn die Mutter, »ich verstehe nur nicht, warum Du gerade jetzt Dein Vermögen ihnen zutheilen willst? Nach Deinem Tode bekommen sie es ja doch. An diesem Allem ist wohl Deine Melancholie schuld.«

»Ach, gnädige Frau!« entgegnete Charloff, nicht ohne Aerger. »Sie führen nichts als Melancholie im Munde! Hier wirkt eine höhere Kraft, und Sie sagen Melancholie! Darum, gnädige Frau, habe ich dieses ausgedacht, weil ich in meiner Gegenwart, noch lebend, noch unter meinen Augen entscheiden will, was Jede besitzen soll; und womit ich eine Jede beglücke, damit soll sie walten, dafür soll sie Dankbarkeit fühlen und üben, und was der Vater und Wohlthäter bestimmt, das soll sie auch für die größte Wohlthat halten und . . .«

Die Stimme versagte Charloff.

»Schon gut, schon gut, mein Lieber!« unterbrach ihn die Mutter, »sonst erscheint ja am Ende das schwarze Fohlen wieder.«

»Ach, Natalie Nikolaewna, erwähnen Sie das nicht! Das war der Tod der mich zu holen kam . . . Doch jetzt, leben Sie wohl, gnädige Frau! Sie aber, gnädiger Herr, wandte er sich zu mir, werde ich die Ehre haben, übermorgen bei mir zu erwarten.«

Martin Petrowitsch ging hinaus, die Mutter blickte ihm nach und schüttelte vielsagend den Kopf.

»Nichts Gutes wird daraus!« flüsterte sie, »wirklich nichts! Hast Du bemerkt,« wandte sie sich zu mir, »daß er beim Sprechen die Augen wie vor der Sonne zusammendrückte, wisse, daß das ein schlimmes Zeichen ist. Solchen Menschen ist es schwer um’s Herz und Unglück droht ihnen. Fahre übermorgen mit Wikentij Ossipitsch und dem Souvenir zu ihm.«

XI

An dem bestimmten Tage fuhr unser großer, viersitziger Familienwagen, von sechs Schecken gezogen und den ersten Leibkutscher, den graubärtigen und dicken Alexeiwitsch, auf dem Bock, gemächlich beim Haupteingang unseres Hauses vor. Die Wichtigkeit des Actes, den Charloff vornahm, die Feierlichkeit, mit der er uns eingeladen, hatten ihre Wirkung auf meine Mutter nicht verfehlt. Sie selbst hatte den Befehl gegeben, die erwähnte außergewöhnliche Equipage anzuspannen und sagte mir und dem Souvenir, uns in schwarzen Frack zu werfen. Sie wollte augenscheinlich ihrem Schützling Ehre erweisen. Was Kwitzinski betrifft, so ging er immer im Frack und weißer Binde. Den ganzen Weg plapperte Souvenir wie eine Elster, stellte Betrachtungen an, womit ihn sein »Brüderchen« beglücken werde und nannte ihn dabei Götze und Vogelscheuche. Kwitzinski, ein ernster und cholerischer Mann, hielt es nicht länger aus. – »Was haben Sie,« sprach er mit seinem abgemessenen politischen Accente, »für eine Lust, ein ungereimtes Zeug zu schwatzen? Als ob es unmöglich wäre, still zu sitzen, ohne dies »nichtsnutzige« (das war sein Lieblingswort) Gewäsch!« »Sofort, sofort,« antwortete Souvenir unzufrieden und heftete seine schiefen Augen auf’s Wagenfenster. Kaum war eine Viertelstunde vergangen, kaum waren die gleichmäßig laufenden Pferde unter dem eleganten Riemzeug des neuen Pferdegeschirrs warm geworden, als wir bereits bei Charloff anlangten. Durch das weit geöffnete Thor fuhren wir in den Hof hinein; der kleine Vorreiter, dessen Fäßchen kaum die Mitte des Pferdeleibes erreichten, sprang zum letzten Male mit kindlichem Geschrei im weichen Sattel auf; die Ellbogen des alten Alexeiwitsch breiteten sich seitwärts aus und erhoben sich gleichzeitig; man hörte ein leises »Brr« – und stehen blieb der Wagen. Die Hunde empfingen uns nicht mit ihrem Gebell, selbst die Dorfjungen in den langen auf den vollen Bäuchen ein wenig geöffneten Hemden waren heute nicht da. Der Schwiegersohn Charloff’s empfing uns ans der Thürschwelle. Mir fielen namentlich, wie ich mich erinnere, die Birkenäste auf, die zu beiden Seiten des Einganges wie zu Pfingsten auf gesteckt waren. »O festlichster der Tage!« summte vor sich hin Souvenir, indem er zuerst aus dem Wagen stieg. Und richtig: Alles verrieth Feierlichkeit. Charloff’s Schwiegersohn trug ein seidenes Halstuch mit einer Atlasschleife vorne und einen ungewöhnlich engen schwarzen Frack. Der hinter seinem Rücken herausschauende Maksimka hatte seine Haare so gut mit Bier pomadisirt, daß sie davon sogar trieften. Wir traten in das Empfangszimmer ein, und erblickten in dessen Mitte Martin Petrowitsch, unbeweglich sich erheben – ja »sich erheben«, muß man von ihm wie von einem Berge sagen. Ich weiß nicht, was Souvenir und Kwitzinski beim Anblick dieser colossalen Figur fühlten, mich überkam ein Gefühl der Ehrfurcht. Martin Petrowitsch hatte eine graue Casaquine mit stehendem schwarzen Kragen angezogen, wahrscheinlich die, welche 1812 die Uniform der Freischaaren bildete. Auf Charloff’s Brust sah man die bronzene Medaille; ein Säbel hing an seiner Seite, seine linke Hand ruhte auf dessen Griff, mit der Rechten stützte er sich auf den mit rothem Tuch bedeckten Tisch. Zwei eng beschriebene Blätter lagen darauf Charloff rührte sich nicht, er holte nicht einmal tief Athem wie sonst. Was für eine Würde lag in seiner Erscheinung, welches Vertrauen zu sich selbst, zu seiner unbeschränkten und unzweifelhaften Macht! Er grüßte uns kaum mit einer Kopfbewegung sprach dumpf ein »Bitte!« und deutete mit dem linken Zeigefinger auf die in Reihe aufgestellten Stühle. An der rechten Wand des Empfangszimmers standen die Töchter Charloff’s in festlicher Kleidung. Anna trug ein seidenes, grün und pensée schillerndes Kleid mit gelbem, seidenem Gürtel, Eulampia ein rosa seidenes mit dunkelrothen Bändern. Neben ihnen machte Gitkoff sich bemerklich in neuer Uniform, mit dem gewöhnlichen Ausdruck stumpfer und gieriger Erwartung in den Augen und einer außergewöhnlichen Quantität Schweiß im haarigen Gesichte. An der linken Wand des Zimmers saß der Priester in abgetragenem tabakfarbigen Talar, ein alter Mann mit borstigem, braunem Haare. Dieses Haar, die kummervollem matten Augen, die großen, groben Hände, die ihn selbst zu belästigen schienen, und wie zwei unförmliche Massen auf seinen Knieen ruhten, die unter dem Talar hervorragenden Schmierstiefel – Alles zeugte von einem arbeitsvollen, unerfreulichen Dasein; sein Kirchspiel war eines der ärmsten. Neben ihm saß der Landrath, ein fettes, bleiches, unreinliches Herrchen mit schwämmigen, kurzen Hündchen und Fäßchen, schwarzen Augen, schwarzem kurzgeschnittenem Schnurrbart und einem beständigen, zwar vergnügten und doch widerwärtigen Lächeln. Er galt für den größten Freund von Bestechung und selbst für einen Tyrann, wie man sich damals auszudrücken pflegte; trotzdem hatten sich nicht allein die Gutsbesitzer, sondern auch die Bauern an ihn gewöhnt und hatten ihn sogar nicht ungern. Er blickte ungenirt und ein wenig von Oben herab auf seine Umgebung; man sah ihm an, daß ihm diese ganze Procedur belästige. Im Grunde genommen, interessirte ihn allerdings nur das bevorstehende Frühstück mit der lieben Wodka. Grade im Gegensatze zu ihm nahm der neben ihm sitzende Notarius, ein magerer Mensch, mit langem Gesichte, mit einem Backenbart, der sich von den Ohren zur Nase zog, wie es unter Alexander l. Mode war, den größten Antheil an den Anordnungen des Martin Petrowitsch und lenkte seine großen, ernsten Augen nicht von ihm ab. Es war wohl Folge seiner übertriebenen Aufmerksamkeit und Theilnahme, daß er seine Lippen beständig hin und her bewegte, ohne sie jedoch zu öffnen. Souvenir hatte sich an ihn gemacht und sprach mit ihm leise, nachdem er mir vorher eröffnet hatte, daß der Notar der schlimmste Freimaurer des ganzen Gouvernements sei. Die Specialcommission des Kreisgerichtes besteht bekanntlich aus dem Landrath, dem Notarius und dem Land-Polizeilieutenant. Doch war der Lieutenant entweder gar nicht zugegen oder er hielt sich so verborgen, daß ich ihn nicht bemerkte. Uebrigens hieß er auch in unserem Kreise der »Abwesende«. Ich setzte mich neben Souvenir, Kwitzinski neben mich. Auf dem Gesichte des praktischen Polen war deutlich der Aerger zu lesen über diese »nichtsnutzige« Fahrt, über den unnöthigen Zeitverlust »Herrschaftliche, russische Phantasien!« schien er sich zu denken. »Oh, diese Russen!«

XII

Als wir uns Alle gesetzt hatten, hob Martin Petrowitsch seine Schultern, räusperte sich, betrachtete uns mit seinen Bärenaugen und fing, nachdem er geräuschvoll Athem geholt, folgendermaßen an: »Meine Herren! Ich habe Sie eingeladen aus folgender Ursache: Ich werde alt, meine Herren, Krankheiten befallen mich . . . Eine Warnung ist mir bereits zu Theil geworden, und die Stunde des Todes naht, wie der Missethäter in der Nacht . . . Ist’s so richtig, ehrwürdiger Vater?« fragte er nach dem Priester gewendet.

»Der Priester sammelte sich einen Augenblick.

»Richtig, richtig!« sagte er dann schleppend und nickte mit dem Bart.

»Und deshalb,« fuhr Martin Petrowitsch fort, plötzlich die Stimme erhöhend, »nicht wollend, daß derselbige Tod mich unvorbereitet treffe, habe ich in meinem Sinne Folgendes beschlossen,« und er wieder holte Wort für Wort die Phrase, die er vor zwei Tagen bei meiner Mutter hergesagt hatte. »In Folge dieses meines Beschlusses,« schrie er noch lauter, »ist von mir diese Urkunde (er schlug mit der Hand auf die auf dem Tische liegenden Papiere) aufgesetzt, und die zuständigen Behörden sind als Zeugen eingeladen worden, und worin dieser mein Wille besteht, darüber geben die folgenden Punkte Auskunft. Bis heute war ich der Herr – jetzt habe ich’s satt!«

Martin Petrowitsch setzte seine runde, eiserne Brille auf die Nase, nahm eins von den beschriebenen Blättern und las: »Theilungsurkunde, betreffend das dem Portepee Fähnrich a. D, ständischem Edelmanne Martin Charloff gehörige Vermögen, von ihm selbst, bei vollem und gesundem Verstande, und nach eigenem Ermessen aufgesetzt, und in welcher bestimmt wird, welche Grundstücke seinen beiden Töchtern Anna und Eulampia (»Verbeugt Euch!« – sie verbeugten sich) über lassen werden, und auf welche Art die Leibeigenen und sonstiges Eigenthum, todtes und lebendes, auf diese beiden Töchter übergehen sollen, aus der Hand des Gebers.«

»Das ist seine Redaction,« flüsterte mit dem ihm eigenen, unveränderlichen Lächeln der Landrath Kwitzinski zu, »er hat sie wegen der Schönheit des Stils vorzulesen gewünscht. Die gesetzliche Urkunde ist in der vorgeschriebenen Form verfaßt ohne alle diese Blumen.« Souvenir fing zu kichern an.

«Doch meinem Willen gemäß!« warf Charloff, dem diese Bemerkung des Landraths nicht entgangen war, fragend ein: »In allen Punkten gemäß?« antwortete dieser »schnell und vergnügt. »Nur die Form kann man wie Sie, Martin Petrowitsch, wissen, durchaus nicht um gehen! Auch unnöthige Einzelheiten sind aufgefallen. Denn das Gericht konnte sich doch unmöglich mit scheckigen Kühen und türkischen Enten befassen!«

»Komme Du her!« rief Charloff seinem Schwiegersohne zu, welcher mit uns in das Zimmer getreten und mit unterthäniger Miene bei der Thür stehen geblieben war. Er eilte blitzschnell zum Schwiegervater.

»Da lies! Mir fällt es schwer. Verschlucke nichts, daß ja sämmtliche Anwesenden sich damit durchdringen können!«

Sletkin nahm das Blatt in beide Hände und las, zwar zitternd aber deutlich, »mit Geschmack und Gefühl« die – Theilungsurkunde. In ihr war mit der größten Sorgfalt bezeichnet, was Anna und was Eulampia zukam, und wie sie sich theilen sollten. Charloff unterbrach von Zeit zu Zeit das Lesen mit den Worten: »Das ist für Dich Anna, für Deine Mühe!« oder »dieses, Eulampia, schenkte ich Dir!« Und die beiden Schwestern verbeugten sich, Anna mit dem ganzen Körper, Eulampia blos mit dem Kopfe. Das Gutshaus (das neue Haus) bekam Eulampia, als jüngste Töchter nach »uraltem Brauche«. Die Stimme des Lesers zitterte beim Kundgeben dieser ihm so unangenehmen Bestimmung. Gitkoff aber verrieth seine Befriedigung dadurch, daß er an seinen Lippen leckte. Eulampia sah ihn verstohlen an; dieser Blick hätte mir an Gitkoff’s Stelle nicht gefallen; der verachtende Gesichtsausdruck, welcher Eulampia,: wie jeder echten russischen Schönen, eigen war, hatte in diesem Augenblicke einen ganz besonderen Charakter angenommen. Martin Petrowitsch behielt sich das Recht vor, in den von ihm gegenwärtig eingenommenen Zimmern zu wohnen und machte sich, unter dem Titel »Appanage« vollen Unterhalt »in Naturalien,« sowie fünf Rubel monatlich für Kleider und Schuhwerk aus. Den letzten Satz der Theilungsurkunde wollte, Charloff selbst lesen. »Und diesen meinen väterlichen Willen,« lautete derselbe, »sollen meine Töchter ausführen und denselben heilig und unvebrüchlich – wie ein Gebot befolgen, denn ich bin nächst Gott ihr Vater und Haupt und habe Niemandem Rechenschaft zu legen; und wenn sie meinen Willen erfüllen werden, so wird mein väterlicher Segen mit ihnen sein; er füllen sie meinen Willen, was Gott verhüte, nicht, so ereilt sie unentrinnbar mein väterlicher Fluch, für jetzt und für alle Zeiten. Amen!«

Charloff erhob das Blatt hoch über seinen Kopf. Anna fiel sogleich auf die Knie und berührte mit der Stirn die Diele; mit einer noch jäheren Bewegung warf sich ihr Gatte Sletkin nieder.

»Und Du?« wandte sich Charloff zu Eulampia. Sie wurde ganz roth und verbeugte sich ebenfalls bis zur Erde; Gitkoff bog seine ganze Figur nach vorne.

»Unterschreibt!« rief Charloff laut, mit dem Finger auf das Ende des Blattes zeigend. »Hier . . . danke und nehme an, Anna! – Danke und nehme an, Eulampia!«

Beide Töchter standen auf und unterschrieben eine nach der anderen. Sletkin hatte sich auch erhoben und griff gleichfalls nach der Feder; doch schob ihn Charloff damit zur Seite, indem er ihn mit dem Mittelfinger am Halstuch derart berührte, daß Sletkin laut aufschluchzte. Nach Vollziehung der Urkunde herrschte kurze Zeit Stille im Zimmer. Plötzlich stöhnte Martin Petrowitsch laut auf und bewegte sich, nachdem er »Nun jetzt . . . ist Alles Euer!« mühsam hervorgebracht, nach seiner Art zur Seite hin. Die Tochter und der Schwiegersohn sahen einander an, gingen dann auf ihn zu und küßten seine Arme ein wenig über dem Ellenbogen; höher hinauf konnten sie nicht reichen.

XIII

Der Landrath las die eigentliche formelle Urkunde, die Schenkungsurkunde von Martin Petrowitsch ausgesetzt, vor. Dann trat er mit dem Notarius auf den Balcon und eröffnete den versammelten Nachbarn, Zeugen, Charloff’schen Bauern und dem Hofgesinde das stattgefundene Ereigniß. Man ging zur Besitznahme seitens der neuen Gutsbesitzerinnen über, welche ebenfalls auf dem Balcon erschienen waren. Der Landrath deutete mit der Hand auf dieselben, wenn er, die Augenbrauen zusammenziehend, und da durch seinem sorglosen Gesichte plötzlich einen strengen Ausdruck gebend, den Bauern den Gehorsam gegen die Herrschaft einprägte. Diese Ermahnungen hätte er übrigens wohl bei Seite lassen können; stillere Physiognomien als die der Bauern von Charloff wird man kaum auf der ganzen Welt finden. In fadenscheinige Röcke und durchlöcherte Pelze eingehüllt und fest umgürtet, wie es bei allen festlichen Gelegenheiten bei uns Sitte ist, standen sie wie unbeweglich und wie versteinert da; sobald aber der Landrath einen Ausruf, wie: »Hört Ihr’s, Teufel! versteht ihr’s!« zum besseren Verständniß seiner Anrede ein schaltete, verbeugten sie sich Alle wie nach dem Commando. Jeder von diesen Teufeln hielt seine Mütze mit beiden Händen fest und richtete beharrlich seine Augen nach dem Fenster, durch das man die Gestalt von Martin Petrowitsch erblickte.

Nicht weniger Angst hatten die Zeugen. »Sind Euch,« rief der Landrath, »irgend welche Hindernisse gegen die Besitznahme seitens dieser einzigen und rechtmäßigen Erbinnen sowie Töchter des Martin Petrowitsch Charloff bekannt?«

Alle Zeugen schienen in sich selbst zusammenzuschrumpfen.

»Sind Euch welche bekannt? Hunde!« rief wieder der Landrath.

»Euer Hochwohlgeboren, nichts ist uns bekannt!« antwortete tapfer ein verkrüppelter, glatt rasirter Greis, ein gewesener Soldat.

»Ist das ein Wagehals! dieser Eremeitsch!« sagten von ihm die anderen Zeugen beim Auseiandergehen.

Ungeachtet der Aufforderung des Landrathes wollte Charloff nicht auf dem Balcon mit seinen Töchtern zusammen erscheinen. »Meine Unterthanen werden auch ohne dies sich meinem Willen fügen!« antwortete er. Nach Beendigung des Actes hatte ihn eine Art Kummer beschlichen. Sein Gesicht war bleich geworden; dieser neue ungewöhnliche Ausdruck des Kummers paßte so wenig zu den gewaltigen und starken Gesichtszügen des Martin Petrowitsch, daß ich wirklich nicht wußte, was ich denken sollte. »Sollte einer seiner Melancholieanfälle gar wieder im Anzuge sein?« Die Bauern ihrerseits fühlten nicht weniger das Unklare der Lage. Und in der That, man hatte ihnen ein Räthsel aufgegeben: »Der Herr ist gesund – da steht er, und was für ein Herr – Martin Petrowitsch! – und auf einmal wird er nicht mehr über uns herrschen – das sind Wunder!« Ich weiß nicht, ob Charloff die Gedanken, welche die Köpfe seiner Unterthanen bewegten, errathen hatte, oder wollte er zum letzten Mal von seinem Herrenrechte Gebrauch machen, genug, plötzlich öffnete er das Fenster, steckte seinen Kopf heraus und schrie mit seiner Donnerstimme: »Gehorchen!« dann machte er das Fenster zu. Die Zweifel der Bauern wurden allerdings weder gehoben, noch gemindert. Ihre Aehnlichkeit mit einer Steinmasse nahm aber eher zu als ab; sie schienen nicht einmal mehr sehen zu können Das Hausgesinde bildete eine besondere Gruppe. Es bestand aus zwei kerngesunden Mägden mit kurzen Kleidern, welche Waden sehen ließen, denen man sonst nur auf Michel Angelos jüngstem Gericht begegnet, und aus einem zusammengesunkenen, ganz morschen, halbblinden Greise, der sich in eine kurze Friesdecke hüllte, und zu Potemkins Zeiten Waldhornist gewesen sein soll. Den Laufburschen Maksimka hatte Martin Petrowitsch zu seinem Dienste vorbehalten. Diese Gruppe verrieth schon mehr Leben, wenn auch nur dadurch, daß diejenigen, aus denen sie bestand, sich beunruhigt aneinander drängten.

Die neuen Gutsbesitzerinnen selbst hatten eine wichtige Miene angenommen, namentlich Anna;« sie preßte die dünnen trockenen Lippen zusammen und blickte hartnäckig auf die Erde. Ihre strenge Haltung versprach dem Hofgesinde nichts Gutes. Auch Eulampia’s Augen waren zu Boden gesenkt; nur einmal wandte sie sieh um und betrachtete langsam und wie verwundert ihren Bräutigam Gitkoff, der ebenfalls neben Stettin auf dem Balcon zu erscheinen für seine Pflicht gehalten hatte. »Was will der hier?« schienen ihre schönen vertretenden Augen zu fragen. Sletkin hatte sich am meisten verändert. In seinem ganzen Wesen offenbarte sich eine hastige Begehrlichkeit, als ob er Appetit bekommen hätte; die Bewegungen des Ober und Unterkörpers waren noch ebenso unterthänig, wie früher geblieben, doch wie freudig gesticulirte er mit den Händen, wie rührig bewegte er mit den Schulterblättern. »Endlich,« dachte er wohl, »ist die Reihe auch an mich gekommen!« Nachdem der Landrath, welchem bei dem Gedanken des nahen Frühstücks bereits das Wasser im Munde zusammen lief, die Procedur der Besitzübertragung zu Ende geleitet hatte, rieb er sich bereits die Hände, wie man es vor dem Herunterstürzen des ersten Glases Wodka zu thun pflegt. Es stellte sich aber heraus, daß Martin Petrowitsch vorher noch einen Dankgottesdienst mit Wasserheiligung celebriren lassen wollte. Der Priester legte den abgetragenen, kaum noch zusammen haltenden Ornat an; der altersschwache Diener kam aus der Küche heraus, mit Mühe den Weihrauch in dem alten Rauchfaß aufblasend. Der Gottesdienst begann; Charloff beschränkte sich darauf beständig zu seufzen, seine Beleibtheit erlaubte ihm nicht, sich bis zur Erde zu beugen, dafür aber zeigte er gesenkten Hauptes, mit der Rechten sich bekreuzend, mit dem Zeigefinger der anderen Hand auf den Boden. Sletkin erglänzte förmlich in Freude; er war selbst dem Weinen nahe. Gitkoff statt sich zu bekreuzen, bewegte nach militärischer Art kaum die Finger zwischen dem dritten und vierten Uniformknopf. Kwitzinski blieb als Katholik im Nebenzimmer; dafür betete der Notarius so heiß, seufzte so theilnahmsvoll mit Martin Petrowitsch, und bewegte so eifrig die Lippen, die Augen gegen Himmel gerichtet, daß ich mich durch seinen Anblick ebenfalls erbaut fühlte und auch heiß zu beten anfing. Nach Beendigung des Gottesdienstes und Weihung des Wassers, wobei alle Anwesenden, selbst der blinde Waldhornist aus der Zeit Potemkins, ja selbst der Pole Kwitzinski die Augen mit dem heiligen Wasser näßten, dankten Anna und Eulampia, auf Befehl des Martin Petrowitsch ihm nochmals, sich bis zur Erde verbeugend, dann endlich trat der er sehnte Augenblick des Frühstücks ein. Es waren viele und schmackhafte Speisen aufgetragen. Wir hatten uns alle schrecklich satt gegessen. Die unvermeidliche Flasche Champagner vom Don war ebenfalls erschienen. Der Landrath, als der von uns Allen am meisten mit gesellschaftlichen Gebräuchen Vertraute und auch als Repräsentant der Regierung, brachte den ersten Toast auf die Gesundheit »der schönen Besitzerinnen« aus. Darauf schlug er vor, die Gesundheit des »Allerehrwürdigsten, Allergroßmüthigsten Martin Petrowitsch« zu trinken. Beim Worte »großmüthigsten« schrie Sletkin laut auf und eilte, seinen Wohlthäter mit Küssen zu bedecken . . .

»Schon gut, schon gut, es ist nicht nöthig!« brummte wie ärgerlich Charloff, ihn mit dem Ellen bogen bei Seite schiebend . . .

Doch da folgte eine unerquickliche Scene.

XIV

Souvenir nämlich hatte vom Anfang des Frühstücks an unaufhörlich getrunken, jetzt erhob er sich plötzlich, roth wie Zinnober, ließ sein mattes, wider wärtiges Kichern hören und zischte, mit dem Finger auf Martin Petrowitsch zeigend:

»Der Großmüthige! der Großmüthige! Wir wollen sehen, ob diese Großmuth nach seinem Geschmack sein wird, wenn man ihn, den Knecht Gottes, mit nacktem Rücken . . . auf den Schnee legen wird!«

»Was lügst Du, Narr?« sagte Charloff mit Verachtung.

»Narr! Narr!« wiederholte Souvenir. »Der liebe Herrgott allein kann entscheiden, wer von uns der richtige Narr sei! Sie aber, Brüderchen, haben meine Schwester in‘s Grab gelegt, dafür haben Sie auch jetzt sich selbst Ihr Pech bereitet – hi! hi! Hi!«

»Wie dürfen Sie unseren theuern Wohlthäter beleidigen?« winselte Sletkin; er machte sich von der Schulter des Martin Petrowitsch, an die er sich gedrängt hatte, los und drang auf Souvenir ein. »Wissen Sie denn nicht, daß, wenn er, unser Wohlthäter, es wünscht, wir augenblicklich die Schenkungsurkunde vernichten werden?«

»Und doch werdet Ihr ihn mit dem blanken Rücken auf den Schnee werfen! . . .« wiederholte Souvenir sich hinter Kwitzinski verbergend.

»Schweige!« donnerte Charloff, »ich schlage Dich sonst zu Muß, nur feucht wird es sein, wo Du jetzt stehst! Schweige auch Du, Hund!« wandte er sich zu Sletkin, »mische Dich nicht ein, wo man es Dir nicht befiehlt! Wenn ich, Martin Petrowitsch Charloff, diese Urkunde aufzusetzen beschlossen habe, wo ist der, welcher sie vernichten kann? Gegen meinen Willen handeln? . . . Auf der ganzen Welt gibt es keine solche Gewalt . . .«

»Martin Petrowitsch!« rief plötzlich mit seiner wohlklingenden Baßstimme der Notarius, der ebenfalls viel getrunken, wodurch er übrigens nur an Würde gewonnen hatte. »Der Herr Bitschkoff mag die Wahrheit sprechen! Sie haben allerdings eine edle That vollbracht, doch können Sie vielleicht, Gott behüte, statt schuldiger Dankbarkeit das Gegentheil davon ernten.«

Ich blickte verstohlen auf die beiden Töchter von Martin Petrowitsch. Anna verschlang förmlich den Redenden mit den Augen und ich habe nie mehr ein so böses, schlangenartiges und in der Bosheit selbst so schönes Gesicht gesehen; Eulampia hatte sich um gewandt und die Arme auf die Brust gekreuzt; ein verachtendes Lächeln spielte, wie noch nie zuvor, auf ihren vollen, rosigen Lippen.

Charloff erhob sich vom Stuhle, machte den Mund auf, doch versagte ihm die Stimme den Dienst . . . »Er schlug plötzlich mit der Faust auf den Tisch, so daß Alles im Zimmer aufsprang und klirrte.

»Vater!« rief schnell Anna, »die Herren kennen uns nicht, deshalb denken sie auch so schlecht von uns. Verderben Sie sich nicht Ihre Gesundheit! Sie er zürnen sich für nichts, blicken Sie doch darum nicht so böse!«

Charloff blickte auf Eulampia, sie rührte sich nicht, obgleich der neben ihr sitzende Gitkoff sie in die Seite stieß.

»Danke Dir, meine Tochter Anna!« rief Charloff mit dumpfem Tone, »Du bist mein kluges Kind, Dir und Deinem Mann vertraue ich vollständig!« Sletkin schrie wieder auf, Gitkoff bewegte seine Brust nach vorne, und setzte selbst mit dem Fuße auf den Boden auf, doch Charloff bemerkte diese Anstrengung, seinen Diensteifer zu offenbaren, gar nicht. »Dieser Taugenichts,« fuhr Charloff fort, mit seinem Kinn auf Souvenir zeigend, »ist froh, wenn er mich necken kann, Ihnen aber, mein gnädiger Herr,« wandte er sich zum Notarius, »gebühret es nicht, über Martin Charloff zu urtheilen! Ihr Verstand ist zu kurz dazu, zwar sind Sie ein Mann im Amt, doch führen Sie ganz leere Worte! Uebrigens ist die Sache geschehen. Meine Beschlüsse kennen keine Veränderung . . . jetzt gehabt Euch wohl! ich gehe. Ich bin hier nicht mehr Wirth, sondern Gast; Du, Anna, sorge wie Du kannst, ich gehe in mein Arbeitszimmer. Es ist genug!«

Martin Petrowitsch wandte uns den Rücken und ging langsam, ohne ein Wort hinzuzufügen, aus dem Zimmer.

»Die plötzliche Entfernung des Wirthes mußte unsere Gesellschaft auflösen, um so mehr, da auch die beiden Wirthinnen bald darauf verschwanden. Sletkin bemühte sich umsonst, uns zurückzuhalten. Der Landrath konnte nicht umhin, dem Notarius seine unpassende Offenheit vorzuwerfen.

»Ich mußte es sagen!« antwortete dieser, »es lag mir auf dem Gewissen!«

»Sie sehen, daß er ein Freimaurer ist!« flüsterte Souvenir mir zu.

»Gewissen!« entgegnete der Landrath, »als ob dasselbe bei Ihnen sich nicht ebenfalls in der Rocktasche befände, wie bei uns andern Sündern!«

Der Priester, der ebenfalls bereits ausgestanden war und das baldige Ende der Tafel ankommen sah, beförderte schleunigst noch ein Stück nach dem andern in seinen Mund.

»Sie haben, wie ich sehe, einen guten Appetit!« bemerkte Sletkin.

»Das ist Vorrath!« antwortete der Priester mit demüthigem Lächeln, ein veralteter Hunger lag in dieser Antwort.

Die Wagen fuhren vor – wir trennten uns. Auf dem Rückwege hinderte Niemand Souvenir, sich wie ein Affe zu geberden und zu plappern, denn Kwitzinski hatte erklärt, daß ihm diese »nichtsnutzigen« Ungehörigkeiten widerwärtig seien und war zu Fuß – zurückgekehrt. Seinen Platz im Wagen nahm Gitkoff ein. Der Major a. D. hatte ein sehr unzufriedenes Gesicht und bewegte, wie ein Schwabe die Fühlhörner, seinen Schnurrbart bald nach rechts, bald nach links.

»Aha! Euer Hochwohlgeboren,« neckte ihn Souvenir, »die Subordination hat ein Loch gekriegt? Warten Sie nur, es kommt noch besser! Sie werden auch erfahren, wo der Pfeffer wächst! Sie Bräutigam, Bräutigam, Unglücksbräutigam!«

Souvenir konnte sich gar nicht satt sprechen; der arme Gitkoff aber bewegte nur immer seinen Schnurrbart.

Zurückgekehrt, erzählte ich Alles meiner Mutter, sie hörte mir aufmerksam zu und schüttelte einige Male mit dem Kopfe. »Nichts Gutes wird daraus!« sprach sie. »Diese Neuerungen gefallen mir nicht.«

XV

Nächsten Tag kam Martin Petrowitsch zu uns zum Mittagessen. Die Mutter wünschte ihm Glück zu dem guten Ende der von ihm betriebenen Angelegenheit. »Du bist jetzt ein freier Mann,« sagte sie, »Du mußt Dich leichter fühlen.«

»Leichter ist es mir allerdings geworden, gnädige Frau,« antwortete Martin Petrowitsch obgleich in seinen Gesichtszügen von dieser Veränderung nichts zu merken war. »Jetzt wird man auch für das Heil seiner Seele sorgen können und sich für die Todes stunde vorbereiten . . .«

»Und weßhalb?« unterbrach ihn die Mutter, »fühlst Du noch immer Knistern im Arme?«

Charloff öffnete und schloß ein paar Mal die Hand. »Ja, das fühle ich noch, gnädige Frau, und noch Folgendes will ich Ihnen mittheilen, wie ich einzuschlafen anfange, da schreit mir Jemand im Kopfe: »Nimm dich in Acht, nimm dich in Acht! . . .«

»Das kommt von den Nerven!« bemerkte die Mutter und sprach vom gestrigen Tage, auch spielte sie auf die Schlußscene des festlichen Schenkungsactes an . . .

»Ja, ja!l« unterbrach sie Charloff »du geschah, etwas . . . Ungehöriges. Nur Eines will ich Ihnen sagen,« fügte er bedächtig hinzu. »Mich haben gestern nicht die dummen Worte des Souvenir verwirrt – auch nicht die des Herrn Notarius, der allerdings ein einsichtiger Mann ist – mich brachte aus der Fassung . . .« Hier schwieg Charloff.

»Wer?« fragte die Mutter.

Charloff maß sie mit den Augen: »Eulampia!« .

»Eulampia? Deine Tochter? Aus welche Weise, denn?«

»Erlauben Sie, gnädige Frau, sie steht wie versteinert, wie ein wirklicher Götze da! Hat sie denn kein Gefühl? Ihre Schwester Anna – die war, wie es sich gehörte. Die – ist fein! Eulampia aber; ich habe sie doch früher – wozu es noch länger verbergen – sogar vielfach vorgezogen . . . Thue ich ihr denn nicht leid? Wenn ich ihnen Alles überlasse so heißt das doch, daß es mit mir schlimm gehe, daß ich kein Bewohner dieser Erde sei, – und sie bleibt wie versteinert! Hätte sie wenigstens einen Laut von sich gegeben! Verbeugen – kann sie sich schon, aber Dank sieht man nicht!«

»Warte nur,« sagte die Mutter, »wir«werden sie mit Gawril Fedulitsch verheiraten . . . bei ihm wird sie schon zu fühlen lernen.«

Martin Petrowitsch sah die Mutter finster an.

»Ja, vielleicht bei Gawril Fedulitsch. Sie setzen viel Vertrauen in ihn?«

»Ja freilich.«

»Mag schon sein. Sie müssen das besser wissen. Bei Eulampia aber, will ich bemerken, wie bei mir, so auch bei ihr, ist derselbe Charakter – Kosakenblut, das Herz aber eine glühende Kohle.«

»Hast Du denn ein solches Herz, mein Lieber?«

Charloff antwortete nicht. Man schwieg einen Augenblick.

»Wie willst Du denn, Martin Petrowitsch,« begann die Mutter wieder, »für das Heil Deiner Seele sorgen? Wirst Du zum heiligen Metrophanius, oder gar nach Kieff pilgern? Oder willst Du nach dem Kloster zu Optino gehen, da es in der Nähe ist? Es soll sich jetzt da ein gar heiliger Mönch aufhalten . . . Vater Makarias, heißt er, einen solchen hatten wir schon lange nicht gehabt! Er durchschaut sofort alle Sünden.«

»Wenn sie wirklich sich als eine undankbare Tochter zeigen sollte,« sagte mit heiserer Stimme Charloff, »so wird es mir leichter fallen, sie mit eigenen Händen zu tödten!«

»Was ist mit Dir? Gott behüte Dicht komme zu Dir selbst!« rief meine Mutter aus. »Was für Worte hast Du eben ausgesprochen? Nun haben wir die Geschichte! Warum hast Du mir nicht gefolgt, als Du mich um Rath fragtest? Jetzt wirst Du Dich peinigen, und nicht an das Heil Deiner Seele denken. Wirst Dich peinigen und doch immer noch zu kurz kommen! Jetzt beklagst Du Dich, hast Angst . . .«

Dieser Vorwurf schien Charloff grade in’s Herz zu treffen. Sein ganzer Stolz kam wie eine Welle bei ihm herauf. Er schüttelte sich und bewegte das Kinn nach vorne.

»Ich gleiche nicht den Leuten, gnädige Frau,« fing er finster zu sprechen an, »die sich da beklagen und Angst haben. Ich wollte nur Ihnen, meiner Wohlthäterin und einer von mir so hoch geachteten Person, meine Gefühle offenbaren. Der allmächtige Gott (hier erhob er seine Hand über den Kopf) weiß, daß eher der Erdball in Stücke zergehen wird, als daß ich mich von meinem Worte lossage, oder . . . (hier schnaubte er sogar) Angst bekomme, oder das, was ich gethan, bereue! Ich hatte ja Gründe dazu! Meine Töchter werden aber den mir schuldigen Gehorsam nicht vergessen, für jetzt und in Ewigkeit. Amen!«

Meine Mutter hatte sich die Ohren zugedrückt. i »Was läßt Du Deine Stimme erdröhnen, meine Lieber, wie eine Trompete? Wenn Du Deiner Hausgenossen so sicher bist, so ist ja, Gott sei Dank, Alles gut. Du hast mir den Kopf mit Deinem Gebrüll zermalmt.«

Martin Petrowitsch entschuldigte sich, seufzte ein paar Mal und beruhigte sich. Die Mutter sprach wieder von Kieff, vom Kloster Optino, vom Mönch Makarias . . . Charloff stimmte ihr zu, sagte: »Ja man wird . . . wirklich an das Heil . . . der Seele denken müssen,« und weiter nichts. Er wurde bis zur Abfahrt nicht wieder heiter; bald öffnete er seine Hand, bald drückte er sie zusammen, betrachtete die Fläche derselben, sagte, daß ihm am Schrecklichsten sei, ohne Beichte zu sterben, vom Schlage getroffen, das; er sich fest vorgenommen habe, nicht böse zu werden, da vom Zorn das Blut in den Kopf steige . . . Er habe sich übrigens jetzt von Allem losgesagt; weßhalb sollte er sich erzürnen? jetzt mögen Andere sich abmühen und sich das Blut verderben.«

Sich der Mutter empfehlend, sah er sie sonderbar an; nachdenkend und forschend, dann zog er durch eine schnelle Handbewegung, den Band der »Muße des Fleißigen« aus der Tasche heraus und übergab denselben der Mutter.

»Was ist das?« fragte sie.

»Lesen Sie . . . hier,« sprach er eilig, »wo die Seite eingebogen ist . . . über den Tod nach. Es scheint, mir, daß derselbe hier ganz prächtig behandelt ist; es zu verstehen aber ist mir rein unmöglich. Sie werden es mir vielleicht erklären können? Wenn ich wieder komme, erklären Sie es mir, bitte!«

Mit diesen Worten ging er hinaus.

»Es ist schlimm, sehr schlimm!,« bemerkte die Mutter, als er hinter der Thür verschwunden war, und machte sich an die »Muße des Fleißigen!« Auf der von Charloff bezeichneten Seite standen folgende Worte:

»Der Tod ist eine wichtige und große Arbeit der Natur. Er ist nichts Anderes, als daß der Geist – der leichter, feiner und viel durchdringlicher ist, als die Elemente, in deren Gewalt er gebannt ist, ja selbst als die elektrische Kraft – welcher sich auf chemische Weise reinigt und nach vorwärts drängt, so lange, bis er nicht für sich einen ebenso geistigen Platz findet…2

Meine Mutter las ein paar Mal diese Stelle, rief endlich »pfui!« und warf das Buch zur Seite.

Ein paar Tage darauf bekam sie die Nachricht, daß der Mann ihrer Schwester gestorben sei und fuhr mit mir auf das Gut ihrer Schwester. Unser Aufenthalt sollte ursprünglich nur einen Monat dauern, wir blieben jedoch bis zum Spätherbst und kamen erst Ende September nach Hause.

XVI

Die erste Nachricht, mit welcher mir mein Kammerdiener Porfirij (er war auch unser Jägermeister) entgegen kam, war, daß eine Unzahl Waldschnepfen angeflogen waren, und daß sie namentlich im Birkenwäldchen bei Eskowo (dem Gute Charloffs) förmlich wimmelten. Bis zum Mittagessen blieben mir noch etwa drei Stunden; ich ergriff sofort die Flinte, die Jagdtasche und lief schnurstracks, von Porfirij und meinem Jagdhunde begleitet, nach dem Charloff’schen Wäldchen. Es gab da wirklich eine Masse von Waldschnepfen, und wir erlegten nach einigen dreißig ab gefeuerten Schüssen ihrer fünf Stück. Mit der Beute nach Hause eilend, bemerkte ich einen Bauer, welcher pflügte. Sein Pferd war stehen geblieben, und er zog beharrlich, mit weinerlicher Stimme, doch grimmig fluchend, mit der aus einem Stricke gebildeten Leine an dem auf die entgegengesetzte Seite gewandten Kopfe des Pferdes. Ich betrachtete den unglücklichen Klepper aufmerksamer. Die Rippen desselben waren beinahe gänzlich herausgetreten, und die mit Schweiß begossenen Seiten hoben und senkten sich krampfhaft und ungleichmäßig wie ein verdorbener Schmiedebalg. Ich erkannte sofort in ihm die alte, magere, dürre Stute mit der Wundnarbe auf der Schulter, die so viele Jahre dem Martin Petrowitsch gedient hatte:

»Lebt Herr Charloff noch?« fragte ich Porfirij.

Die Jagd hatte uns Beide bis jetzt so in Anspruch genommen, daß wir bis zu diesem Augenblick über nichts Anderes gesprochen hatten.

»Ja freilich; und weßhalb fragen Sie darnach?«

»Das ist ja sein Pferd? hat er es denn verkauft?«

»Das Pferd ist allerdings das seinige, doch verkauft hat er es nicht; weggenommen hat man es ihm und diesem Bauer gegeben.«

»Wie weggenommen? War er denn damit einverstanden?

»Nach seinem Einverständniß hat Niemand gefragt. Hier sind in Ihrer Abwesenheit Sachen vor gekommen,« sagte Porfirij auf meinen fragenden und erstaunten Blick mit einem leichten Lächeln, – »daß Gott behüte! Jetzt setzt Herr Sletkin da Alles in Bewegung . . . «

»Und Martin Petrowitsch?«

»Martin Petrowitsch ist jetzt da zum allerletzten Menschen herabgesunken. Zu essen gibt man ihm noch kaum – was wollen Sie mehr? Man hat ihn ganz und gar klein gekriegt, wenn nicht heute, so morgen jagt man ihn ganz und gar weg.«

Der Gedanke, daß man einen solchen Riesen – »wegjagen« könne, wollte mir nicht in den Kopf hinein. »Was sagt denn Gitkoff dazu?« fragte ich endlich. »Er hat doch die zweite Tochter geheiratet?«

»Geheiratet?« wiederholte Porfirij und lachte jetzt aus vollem Halse. »Man läßt ihn gar nicht mehr in das Haus hinein. Wir brauchen Sie nicht mehr, sagt man ihm; belieben Sie zum Rückzug zu blasen. Ich habe es ja gesagt: Sletkin regiert!«

»Und die Braut?«

»Sie meinen Eulampia Martinowna? Ach, gnädiger Herr, ich möchte Ihnen schon was erzählen. . . aber Sie sind noch zu jung! Das ist es. Sachen geschehen hier – aj, aj, aj! Halt! Diana ist ja stehen geblieben!«

Wirklich, mein Hund stand, als wäre er eingegraben vor einem großen, jungen Eichenbusche, der das schmale Thal schloß, welches hier beim Fahrwege endete. Ich und Porfirij liefen heran; aus dem Busch flog eine Waldschnepfe, wir gaben Beide Feuer, doch fehlten wir. Die Waldschnepfe suchte sich einen anderen Platz, wir verfolgten sie . . .

Die Suppe war bereits auf dem Tische, als ich zurückkam. Meine Mutter war angehalten. »Was soll das heißen?« rief sie verdrießlich, »gleich den ersten Tag läßt Du zum Mittagessen aus Dich warten?« Ich brachte ihr die erlegten Waldschnepfen, sie sah dieselben nicht einmal an. Außer ihr waren im Zimmer Souvenir, Kwitzinski und Gitkoff zugegen.

Der Major a. D. hatte sich in die Ecke des Speisezimmers gedrückt, gerade wie ein schuldiger Schuljunge; der Ausdruck seines Gesichtes verrieth eine Mischung von Verlegenheit und Aerger, seine Augen waren roth . . . Man könnte selbst glauben, daß er unlängst geweint habe. Die Mutter blieb schlechter Laune; es kostete mir keine große Mühe zu errathen, daß mein spätes Kommen nicht die Ursache davon war. Während des Mittagessens sprach sie beinahe kein Wort; der Major lenkte manchmal seine flehenden Blicke auf sie, doch aß er trotzdem ganz gehörig; Souvenir zitterte, Kwitzinski allein bewahrte seine gewöhnliche selbstbewußte Haltung.

»Wikentij Ossipitsch!« wandte sich meine Mutter an ihn, »ich bitte Sie, morgen dem Martin Petrowitsch einen Wagen zu schicken, da ich erfahren habe, daß er keinen eigenen mehr besitzt, und lassen Sie ihm sagen, daß er unter allen Umständen kommen soll, daß ich ihn sprechen wolle.

Kwitzinski wollte etwas entgegnen, doch hielt er für besser, es für sich zu behalten

»Auch bestellen Sie dem Sletkin,« fuhr die Mutter fort, »daß ich ihm befehle, hierher zu kommen. . . Hören Sie es . . . befehle!«

»Diesen Taugenichts . . . müßte man . . . « versuchte Gitkoff halblaut zu bemerken, doch sah ihn die Mutter mit solcher Verachtung an, daß er sich sofort umwandte und schwieg.

»Hören sie es? Ich befehle!« wiederholte die Mutter.

»Ich höre es,« sagte folgsam, aber mit Würde Kwitzinski.

»Martin Petrowitsch, kommt nicht!« flüsterte Souvenir mir zu, als wir nach dem Mittagessen das Speisezimmer verließen. »Sie sollten sehen, was aus ihm geworden ist! Der Verstand kann es nicht fassen! Ich vermuthe, daß er, was man ihm auch sagen möge, es nicht versteht. Ja, man hat dem Bären die Tatzen abgehauen!«

Und Souvenir ließ wieder sein alterschwaches Lachen vernehmen.

XVII

Die Prophezeihung Souvenir’s traf ein. Martin Petrowitsch wollte nicht zu der Mutter kommen. Sie beruhigte sich dabei nicht und schickte ihm einen Brief. Er ließ ihr darauf ein kleines Quartblättchen zukommen, worauf mit großen Buchstaben folgende Worte geschrieben waren: »Bei Gott, ich kann nicht kommen. Die Schande wird mich tödten. Mag lieber so zu Grunde gehen. Danke Ihnen. Quälen Sie mich nicht. Charloff. Sletkin kam, wenn auch nicht an dem Tage, – an welchem zu kommen die Mutter ihm »befohlen« hatte, sondern erst den nächstfolgenden. Die Mutter ließ ihn in ihr Arbeitszimmer führen. Gott weiß, worüber sie gesprochen haben mögen, doch lange gesprochen haben sie nicht; eine Viertelstunde, nicht mehr, Sletkin trat hochroth aus dem Zimmer meiner Mutter, mit einem so giftig bösen und so frech herausfordernden Gesichtsausdrucke, daß ich, ihm im Empfangszimmer begegnend, ganz betroffen stehen blieb, und Souvenir, der ihm ebenfalls da begegnete, zu lachen aufhörte. Die Mutter verließ ihr Arbeitszimmer eben falls mit rothem Gesichte, und befahl ganz laut, daß matt Herrn Sletkin unter keinen Umständen mehr annehmen dürfe, und wenn es den Töchtern von Martin Petrowitsch zu kommen einfallen sollte – frech genug dazu seien sie schon – so solle man sie ebenfalls abweisen. Beim Mittagessen erst rief sie plötzlich ans:

»Ein ekeliger Judenbengel ist dieser Sletkin! Ich bin es noch gewesen, die ihn an den Ohren aus dem Schmutz herausgezogen hat. Er verdankt mir Alles, rein Alles – und doch wagt er mir zu sagen, daß ich mich umsonst in ihre Angelegenheiten mische! Daß Martin Petrowitsch kindisch – und ihm Recht zu geben unmöglich sei! Recht zu geben! wie gefällt Euch das? Ach, dieser undankbare hergelaufene Bube! Dieser scheußliche Judenjunge!«

Major Gitkoff, der sich auch unter den zur Tafel Gezogenen befand, glaubte, daß Gott selbst ihm die Gelegenheit gebe, auch mitreden zu dürfen . . . Die Mutter verwies ihn jedoch gleich zur Ruhe.

»Du bist mir der Allerbeste, mein Lieber!« rief sie, »wußtest nicht mit einem Frauenzimmer fertig zu werden und bist noch ein Officier! Hast eine Compagnie commandirt! Ich kann mir vorstellen, wie sie Dir gehorchte! Wolltest noch mein Verwalter sein! Du wärest mir ein schöner Verwalter!«

Kwitzinski, der am Ende des Tisches saß, lächelte nicht ohne Bosheit; der arme Gitkoff aber bewegte nur seinen Schnurrbart hin und her, hob die Augen brauen auf und versenkte sich mit seinem haarigen Gesichte in die Serviette.

Nachmittags ging er auf den Balcon, um nach Gewohnheit seine Pfeife zu rauchen – und er schien mir so elend, so verwaist zu sein, daß, obgleich ich ihm nicht gewogen war, ich nicht umhin konnte, an ihn heranzutreten:

»Wie sind Sie denn, Gawril Fedulitsch,« fing ich ohne weitere Umschweife an, »mit Eulampia Martinowna auseinander gekommen? Ich glaubte, Sie wären bereits verheiratet.«

Der Major a. D. sah mich trostlos an.

»Der niederträchtige Bösewicht!« fing er in seinem Schmerze an, jede Silbe einzeln mühsam hervor bringend. »Mit seiner giftigen Zunge hat er es mir angethan und alle meine Lebenshoffnungen zu Grunde gerichtet, in den Staub getreten. Ich möchte Ihnen wohl, Dmitri Semenowitsch, alle seine Scheußlichkeiten erzählen, doch habe ich Angst, Ihre Mutter zu erzürnen (– Sie sind noch zu jung, das ist es eben! – hatte, wie es mir augenblicklich einfiel, schon Porfirij zu mir gesagt). »Auch so schon . . .« Er ächzte.

»Dulden . . . immer dulden . . . nichts Anderes bleibt mir übrig! (er stieß sich an die Brust). Dulde, alter Krieger, dulde! Dem Kaiser hast Du treu, treu und redlich gedient. . . ohne Makel; ja! Hast weder Mühe noch Dein Blut geschont, und jetzt bist Du so weit gekommen! Wäre es beim Regiment – hinge es von mir ab,« – fuhr er nach kurzem Schweigen fort, krampfhaft an seinem Weichselrohre saugend, »du hätte ich ihn . . . mit Spießruthen, hätte ich ihn . . . bei dreifachem Ruthenlaufen . . . bis zum Tode . . .«

Gitkoff nahm die Pfeife aus dem Munde und richtete seinen Blick in die Ferne, als labe er sich an dem heraufbeschworenen Bilde.

Souvenir näherte sich uns und fing den Major zu necken an. Ich verließ sie und beschloß, was es auch koste, mit eigenen Augen Martin Petrowitsch wiederzusehen . . . Meine kindliche Neugierde war aufs Höchste gespannt.

XVIII

Den anderen Tag begab ich mich wieder mit der Flinte, aber ohne Porfirij, nach dem Eskow’schen Wäldchen. Der Tag war ausgezeichnet schön; ich glaube, außer Rußland gibt es keine solchen Tage im September. Es war so still, daß man auf hundert Schritt hören konnte, wie das Eichhörnchen in den trockenen Blättern herumlief, wie ein abgebrochener Zweig erst ein wenig an den anderen Zweigen hängen blieb und endlich auf das weiche Gras fiel – für ewig fiel; er wird sich da nicht mehr regen, bis er verwest. Die Luft war weder warm, noch kühl, nur aromatisch war sie, wie säuerlich, und reizte ein wenig die Augen und die Wangen. Das, wie ein Seidenfaden dünne, lange Spinngewebe, mit kleinem Knäuel in der Mitte, flog langsam heran, und sich an den Gewehr lauf heftend, schwebte es waagerecht in der Lust – ein Zeichen von anhaltend schönem Wetter! Die Sonne leuchtete so mild wie sonst der Mond. Die Waldschnepfen begegneten mir ziemlich häufig, ich beachtete sie nur wenig; ich wußte, daß das Gehölz beinahe bis zum Gutshofe Charloff’s, ja sich sogar bis zum Zaune seines Gartens erstrecke – und ging nach dieser Richtung hin, obgleich ich davon, wie ich in den Gutshof gelangen konnte, nur eine schwache Vorstellung hatte und selbst zweifelte, ob ich eigentlich mich dahin begeben dürfe, da meine Mutter sich mit den neuen Besitzern von Eskowo überworfen hatte.

Plötzlich hörte ich in kurzer Entfernung Menschen stimmen. Ich horchte . . . Jemand ging in dem Wäldchen . . . gerade auf mich zu.

»So hättest Du ihr auch sagen sollen« sprach eine weibliche Stimme.

»Erzähle mir!« unterbrach eine andere, die Stimme eines Mannes. »Als ob man Alles mit einem Male erreichen könnte!«

Die Stimmen waren mir bekannt.

Ein blaues Frauenkleid wurde durch die entblätterten Haselnußsträucher sichtbar, neben ihm zeigte sich ein dunkler, langer Rock. Noch ein Augenblick und auf der lichten Stelle im Walde, fünf Schritt von mir, erschien – Sletkin und Eulampia.

Beide wurden bei meinem Anblicke verlegen. Eulampia ging ein paar Schritte zurück, dem Gebüsche zu. Sletkin überlegte einen Augenblick, dann näherte er sich mir. Auf seinem Gesichte ließ sich keine Spur von jener unterwürfigen Demuth erkennen, mit welcher er etwa vor anderthalb Monaten auf dem Charloff’schen Gut mein Pferd herumgeführt und die Trensenkette gerieben hatte, aber ich konnte ebenfalls nicht das Herausfordernde auf seinem Gesichte lesen, was mich Tags vorher an der Schwelle des Arbeitszimmers meiner Mutter in Staunen versetzt hatte. Das Gesicht war wie früher weiß und hübsch, nur schien es fester und breiter zu sein.

»Es sind wohl viele Waldschnepfen angeschwärmt gekommen?« fragte er mich, die Mütze ein wenig lüftend, lächelte und fuhr mit der Hand über die schwarzen Locken. »Sie jagen in unserem Wäldchen . . . Seien Sie willkommen! Wir hindern Sie nicht . . . im Gegentheil!«

»Heute habe ich keine erlegt,« antwortete ich aus seine erste Frage, »Ihr Wäldchen aber werde ich sofort verlassen.«

Sletkin zog schnell seine Mütze an: »Aber erlauben Sie, warum denn? Wir stehen Ihnen nicht im Wege – wir sind damit ja ganz einverstanden. Eulampia Martinowna wird ihnen dasselbe bezeugen. Eulampia Martinowna, kommen Sie hierher! Wohin sind Sie verschwunden?«

Der Kopf Eulampia’s zeigte sich aus dem Gehölz, doch kam sie nicht zu uns heran. Sie war in der letzten Zeit noch schöner – es schien, als wäre sie noch gewachsen, noch voller geworden.

»Mir ist es,« fuhr Sletkin fort, »um es Ihnen zu gestehen, selbst angenehm, daß ich Ihnen begegnet bin. Ihre Mutter geruhte gestern sich gegen mich zu erzürnen, wollte gar keine Gründe meinerseits anhören ich bin aber, wie ich es vor Gott und Ihnen bezeugen will, gar nicht schuldig. Mit Martin Petrowitsch kann man nicht anders verfahren. Er ist ganz und gar in Kindheit versunken. Wir können doch nicht alle seine Launen erfüllen, Sie werden es selbst zugeben müssen. Achtung aber erweisen wir ihm, wie es sich gebührt, fragen Sie meinetwegen Eulampia Martinowna selbst.«

Eulampia rührte sich nicht, das gewöhnte hochmüthige Lächeln irrte auf ihren Lippen und nicht freundlich blickten ihre schönen Augen.

»Warum haben Sie aber, Wladimir Wassiliewitsch, Martin Petrowitsch’s Pferd verkauft?« Mir lag namentlich dies Pferd am Herzen, das sich jetzt im Besitz eines Bauern befand.

»Warum wir sein Pferd verkauft haben? Aber versetzen Sie sich doch in unsere Lage, wozu war das selbe nütze? es fraß nur umsonst. Beim Bauer wird es wenigstens pflügen. Martin Petrowitsch aber, wenn er Lust hat, auszufahren, hat uns ja nur darum zu bitten. Wir werden ihm einen Wagen nicht abschlagen. In den Tagen, wo nicht gearbeitet wird, soll er ihn mit Vergnügen haben.«

»Wladimir Wassiliewitsch!« rief Eulampia mit gedämpfter Stimme, als wenn sie ihn heranrufen und doch ihren Platz nicht verlassen wollte. Sie hatte einige Wegerichhalme um die Finger gewickelt, und sie aufeinander schlagend, hieb sie ihnen die Köpfe ab.

»Dasselbe gilt auch vom Laufburschen Maksimka,« fuhr Sletkin fort; »Martin Petrowitsch beklagt sich, daß wir denselben ihm fortgenommen und in die Lehre gegeben haben. Aber urtheilen Sie selbst; was wäre aus ihm bei Martin Petrowitsch geworden? An’s Zeit todtschlagen hätte er sich gewöhnt, weiter nichts! Nicht, einmal zu bedienen, wie es sich gehört, verstand er in Folge seiner Dummheit und seines kindischen Wesens. Jetzt aber haben wir ihn zu einem Riemer in die Lehre gegeben. Es wird ein guter Meister aus ihm werden, er wird viel verdienen, und auch uns einen guten Obrok3 zahlen können. In unserer kleinen Wirthschaft ist das von Bedeutung! In unserer Wirthschaft darf man Nichts vernachlässigen!«

Und diesen Menschen hatte Martin Petrowitsch »Lappen« genannt! dachte ich bei mir. »Wer liest aber jetzt Martin Petrowitsch vor?« fragte ich.

»Was soll man ihm denn vorlesen? ein Buch war da, es ist aber, Gott sei Dank, verloren gegangen. . . Was soll das Lesen in seinen Jahren?«

»Und wer rasirt ihn?« fragte ich weiter.

Sletkin lachte beifällig, als hätte ich einen Witz gerissen. »Aber Niemand! Anfangs brannte er sich den Bart mit dem Lichte ab, jetzt hat er ihn stehen lassen. Er kleidet ihn prächtig!«

»Wladimir Wassiliewitsch!« rief mit Nachdruck Eulampia. »Wladimir Wassiliewitsch!«

Sletkin machte ihr ein Zeichen mit der Hand.

»Schuhe, Kleider hat er, er ißt dasselbe, was wir, was will er denn mehr? Er selbst hat doch versichert, daß er in dieser Welt nichts Anderes will, als für das Heil seiner Seele sorgen. Hätte er doch einsehen wollen, daß, wie es auch gekommen sei, jetzt Alles unser ist. Man spricht auch davon, daß wir ihm das Monatsgeld nicht auszahlen, wir haben ja aber selbst häufig keinen Pfennig Geld, und wozu braucht er dasselbe, da er doch Alles geliefert bekommt? Wir gehen aber mit ihm, ich sage es Ihnen in voller Wahrheit, wie Verwandte um. Die Zimmer, in denen er lebt, sind uns z. B. ungemein nöthig, ohne dieselben kann man sich gar nicht umdrehen, wir ändern jedoch gar nichts – wir dulden! Selbst dafür sorgen wir, daß er Zerstreuung habe. Zum Petrifesttage habe ich ihm ganz ausgezeichnete Angelhaken gekauft – echt englische, theuere Haken, damit er angeln könne. Karausche haben wir ja genug in unserem Teiche. Er sollte sich hinsetzen und angeln; wenn er eine, zwei Stunden säße, »da würde es auch eine Fischsuppe geben! Es ist eine für alte Leute ganz passende Beschäftigung!«

»Wladimir Wassiliewitsch!« rief zum dritten Male und entschieden Eulampia und warf die Stengel, die sie um die Finger drehte, weit von sich. »Ich gehe fort, Wladimir Wassiliewitsch!« wiederholte sie und verschwand im Gehölze.

»Sofort, Eulampia Martinowna, sofort!« schrie Sletkin. »Jetzt ist selbst Martin Petrowitsch mit uns einverstanden,« fuhr er zu mir gewandt fort. »Anfangs fühlte er sich beleidigt, tobte selbst, bis er endlich zur Einsicht gelangte. Sie wissen, es war ein so hitziger Mensch, jetzt ist er aber ganz still geworden Warum? – weil er seinen eigenen Vortheil eingesehen hat! Ihre Mutter hat mir, Gott weiß wie, zugesetzt. Es ist auch erklärlich; sie ist eine große Herrin, sie hält viel auf ihre Macht, nicht weniger wie früher Martin Petrowitsch, doch kommen Sie selbst einmal zu uns, überzeugen Sie sich selbst, und legen Sie bei Gelegenheit ein Wort für mich bei Ihrer Mutter ein. Ich fühle sehr wohl die Wohlthaten, die mir Natalia Nikolaewna erwiesen hat, doch müssen wir doch auch leben können!«

»Warum aber hat Gitkoff einen Korb bekommen,« fragte ich.

»Den Fedulitsch meinen Sie? dieser Tollpatsch!« Sletkin zuckte die Achseln. »Ueberlegen Sie doch selbst, worin konnte er nützlich sein? War sein Leben lang Soldat, und will jetzt plötzlich Landwirth werden. Ich kann, sagt er, mit den Bauern fertig werden, weil ich eben in’s Gesicht zu schlagen gewohnt bin. Rein gar nichts versteht er. Auch in’s Gesicht muß man mit Verständniß hauen! Eulampia Martinowna hat ihn selbst ausgeschlagen. Er paßt durchaus nicht für uns. Unsere ganze Wirthschaft wäre ja mit ihm zu Grunde gegangen!«

»Au! au!« tönte der Waldruf aus der vollen Stimme Eulampia’s.

»Sofort! sofort!« antwortete Sletkin. Er reichte mir die Hand, ich drückte dieselbe, wenn auch nicht besonders gern.

»Empfehle mich Ihnen, Dmitri Semenowitsch!« sagte er, mir die ganze Reihe seiner weißen Zähne zeigend, »schießen Sie hier, wie viel Sie Lust haben, die Vögel kommen angeflogen, gehören daher auch Niemandem, wenn Sie aber einem Hasen begegnen, erbarmen Sie sich seiner – der gehört uns! Ach ja, eine Bitte: wird Ihre Hündin nicht bald Junge haben? Schenken Sie mir einen davon, Sie würden mich da mit ungemein verbinden!«

»Au!« hörte man wiederum Eulampia’s Stimme in weiter Ferne.

»Au! au!« antwortete Sletkin und verschwand in dem Gehölze.

XIX

Ich erinnere mich, daß mich, als ich allein geblieben, der Gedanke beschäftigte, wie es möglich geworden, daß Charloff den Sletkin nicht so geschlagen habe, daß es auf der Stelle nur naß von ihm geworden wäre, und wiederum, daß Sletkin dies Schicksal nicht befürchtete. Augenscheinlich muß Martin Petrowitsch wirklich »stille« geworden sein, dachte ich, und noch mehr bekam ich Lust nach Eskowo zu gelangen, um mir, wäre es auch nur mit einem Auge, den Koloß anzusehen, den ich mir eingeschüchtert und zahm gar nicht vorstellen konnte.

Ich hatte bereits den Saum des Wäldchens er reicht, als sich plötzlich unter meinen Füßen selbst, mit lautem Flügelschlage eine große Waldschnepfe erhob und in das Innere des Waldes flog. Ich zielte, die Flinte, versagte. Ich wurde ärgerlich; der Vogel war zu gut und ich beschloß zu versuchen, ob ich ihn nicht wieder heben könne. Ich ging in der Richtung seines Fluges, und nach etwa zweihundert Schritten sah ich auf einer kleinen Wiese unter einer schattigen Birke – nicht die Waldschnepfe, sondern denselben Herrn Sletkin.

Er lag auf dem Rücken, hatte beide Hände unter den Kopf gelegt und blickte mit zufriedenem Lächeln nach oben in den Himmelsraum, indem er sein linkes Bein, das er auf das rechte Knie gelegt hatte, ein wenig schaukelte. Er bemerkte mein Kommen nicht.

Auf der Wiese, einige Schritte von ihm entfernt ging langsam, mit gesenktem Haupte, Eulampia umher.

Es schien, als ob sie etwas in dem Grase suchte, vielleicht Pilze. Von Zeit zu Zeit neigte sie sich, streckte die Hand aus, dabei sang sie halblaut. Ich stand und horchte. Anfangs konnte ich nicht verstehen, was sie sang, doch bald vernahm ich deutlich folgende bekannte Verse des alten Liedes:

 
Komm heran, komm heran, du schwarze Wolke,
Tödte doch, tödte doch den Schwiegervater
Donnere nieder, donnere nieder die Schwiegermutter,
Werde selbst die junge Gattin tödten.
 

Eulampia sang immer lauter und lauter; mit besonderem Nachdrucke betonte sie namentlich den letzten Vers. Sletkin lag auf dem Rücken und lächelte immer, sie aber bewegte sich beständig im Kreise um ihn.

»Wie Du aber bist,« sagte er endlich, »was Euch Frauen nicht Alles durch den Kopf fährt.«

»Und weßhalb?«

Sletkin hob ein wenig den Kopf in die Höhe. »Wie weßhalb? Was hast Du da eben für Worte hören lassen?«

»Aus einem Lied kann man doch, mein theuerer Wladimir, kein Wort auslassen!« antwortete Eulampia, sah sich um und erblickte mich. Wir schrien Beide zugleich auf und liefen Beide nach entgegen gesetzten Richtungen davon.

« Was Sletkin geantwortet, weiß ich nicht, ich verließ eiligst das Wäldchen. Nachdem ich eine enge Waldwiese durchschritten, befand ich mich plötzlich vor dem Charloff’schen Garten.

XX

Ich hatte weder Zeit noch Ursache, über das, was ich eben gesehen, nachzudenken. Ich bewegte mich längs des Gartenzaunes, und erblickte nach einigen Augenblicken durch die silberschillernden Pappeln (sie hatten noch nichts von ihrem Schmucke verloren und breiteten sich so üppig mit ihren glänzenden Blättern ans) den Hof und das Haus von Martin Petrowitsch. Der ganze Gutshof schien mir gereinigt und geordnet zu sein; überall erblickte man die Spuren einer beständigen und strengen Aufsicht. Anna Martinowna erschien auf dem Balcon und blickte lange, ihre mattblauen Augen zusammendrückend, nach der Richtung des Wäldchens hin.

»Hast Du den Herrn gesehen?« fragte sie einen durch den Hof gehenden Bauern.

»Wladimir Wassiliewitsch?« antwortete dieser, seine Mütze vom Kopfe reißend, »der ist wohl nach dem Wäldchen gegangen.«

»Das weiß ich; ist er aber nicht zurückgekehrt? hast Du ihn nicht gesehen?«

»Nein . . . gesehen habe ich ihn nicht«

Der Bauer stand noch immer unbedeckt vor Anna Martinowna.

»Schon gut, gehe,« sagte sie; »doch nein – warte. Wo ist Martin Petrowitsch?« weißt Du es?«

»Martin Petrowitsch,« antwortete der Bauer mit seiner singenden Stimme, bald die rechte, bald die linke Hand erhebend, als ob er nicht wisse, wohin er zeigen solle, – »der sitzt da beim See mit einer Angel Er sitzt im Schilf mit der Angel. Ob er Fische fangen will, mag der liebe Gott wissen.«

»Schon gut – geh’ jetzt!« wiederholte Anna Martinowna – und hebe da das Rad auf, was liegt es da herum!«

Der Bauer lief, ihren Befehl auszuführen, sie aber stand noch einige Augenblicke auf dem Balcon und blickte immer fort nach der Richtung des Wäldchens hin. Dann machte sie mit der geballten Hand eine drohende Bewegung und kehrte in das Haus zurück. »Aksinja!« hörte man ans dem Innern des selben ihre befehlende Stimme rufen.

Anna Martinowna sah heute gereizt aus und ihre ohnehin feinen Lippen preßte sie heute besonders fest zusammen. Sie war nachlässig angezogen, ein Theil ihrer auseinander gefallenen Haarflechten fiel auf ihre Schultern. Trotz der Nachlässigkeit ihrer Kleidung, trotz ihrer Gereiztheit schien sie mir verlockend genug, und ich hätte mit größtem Vergnügen ihre schmale, ebenfalls etwas boshafte Hand geküßt, mit der sie ärgerlich einige Male die aufgelösten Haare zurückgeworfen hatte.

XXI

Ist denn Martin Petrowitsch wirklich ein Angler geworden; fragte ich mich, während ich nach dem See ging, der auf der andern Seite des Gehölzes gelegen ist. Ich stieg auf das Wehr, welches den See nach dem Dorfe absperrt, und blickte nach allen Seiten – von Martin Petrowitsch war keine Spur zu sehen. Ich ging das eine Ufer des See’s entlang – und er blickte endlich nahe bei seinem Anfange, in der Nähe eines kleinen Einschnittes, unter flachem, eingetretenem Schilfe einen ungeheuren Klumpen. Ich betrachtete diesen genauer, es war Charloff. Ohne Mütze, mit zerzaustem, struppigem Haare, in einem an den Nähten zerrissenen leinenen Rocke, saß er unbeweglich auf bloßer Erde, die Füße unter sich zusammengezogen; er saß so unbeweglich, daß bei meinem Nahen eine Wasserschnepfe zwei Schritt von ihm sich von dem getrockneten Schlamme erhob und mit den Flügeln zuckend und pfeifend weiter über die glatte Wasserfläche flog. Es hatte sich also wohl lange Nichts in ihrer Nähe gerührt und sie aufgeschreckt. Die ganze Erscheinung Charloff’s war so außergewöhnlich, daß mein Hund, als er ihn bemerkte, plötzlich stehen blieb, den Schwanz zwischen die Beine klemmte und laut bellte. Charloff wendete ein wenig seinen Kopf, und glotzte mich und den Hund mit verwilderten Augen an. Der Bart veränderte ihn unglaublich; derselbe war zwar kurz, doch dicht, kraus, mit weißen Zwickeln untermischt, dem Krimer-Fell ähnlich. In seiner rechten Hand steckte der Angelstock; das Ende desselben schwankte über dem Wasser hin und her. Mein Herz wurde beklommen, doch faßte ich mich, ging zu ihm heran und grüßte ihn. Er blinzelte langsam mit den Augen, als ob er geschlafen hätte.

»Sie angeln wohl hier, Martin Petrowitsch?« fing ich an.

»Ja . . . ich angle«, antwortete er mit heiserer Stimme und zog den Angelstock in die Höhe; an dessen Ende hing ein Stück Schnur, etwa eine Elle lang – und ohne Haken.

»Die Schnur ist bei Ihnen gerissen,« bemerkte ich und sah erst jetzt, daß Martin Petrowitsch weder Würmer noch einen Behälter für die Fische hatte . . . Und was konnte das für ein Angeln im September sein?!

»Gerissen?« wiederholte er und fuhr mit der Hand über das Gesicht. »Das ist einerlei.«

Und er warf wieder seine Angel.

»Sie sind der Sohn der Natalia Nikolaewna?« fragte er mich nach ein paar Minuten, während welcher ich ihn nicht ohne heimliches Erstaunen betrachtet hatte. Er war zwar sehr mager geworden, doch schien er immer noch ein Riese; aber in was für Lumpen war er gekleidet, wie heruntergekommen sah er aus!

»Ganz richtig, ich bin der Sohn von Natalia Nikolaewna B . . .«

»Sie ist gesund?«

»Meine Mutter ist gesund. Sie hat ihre Weigerung zu kommen sich sehr zu Herzen genommen,« fügte ich hinzu, »sie hatte gar nicht erwartet daß Sie nicht zu ihr kommen wollen würden.«

Martin Petrowitsch senkte den Kopf.

»Und warst Du . . . da?« fragte er, den Kopf zur Seite werfend.

»Wo?«

»Da . . . auf dem Gutshof. Warst Du nicht? geh’ hin! Was hast Du hier zu suchen? Geh’ doch hin! Mit mir zu sprechen brauchst Du nicht. Ich liebe es nicht.«

Er schwieg.

»Du denkst an gar nichts Anderes, als mit der Flinte Dich herumzutreiben. In meinen jungen Jahren that ich dasselbe. Mein Vater jedoch . . . und wie habe ich ihn geachtet! nicht so wie jetzt es Sitte ist! mein Vater, der hat mir mit der Peitsche was versetzt – da ist mir die Lust daran vergangen! Das Herumtreiben hatte ein Ende. Und weßhalb habe ich ihn geachtet . . ? Ach! . . .

ja!«

Charloff schwieg wieder.

»Du aber bleibe hier nicht!« fing er wieder an. »Gehe auf den Gutshof. Dort wird jetzt wie noch nie gewirthschaftet. Wolodka . . . « hier hielt er ein wenig inne. »Mein Wolodka, der hat Geschick für Alles. Ein Prachtjunge ist er und welche Canaille dazu!«

Ich wußte nicht, was ich denken sollte, Martin Petrowitsch sprach vollkommen ruhig.

»Sieh Dir auch die Töchter an. Du erinnerst Dich wohl, ich hatte zwei Töchter. Es sind gute Wirthschafterinnen – sehr geschickt! Ich aber, mein Lieber, bin alt geworden; habe mich zurückgezogen! Zur Ruhe nämlich« (Schöne Ruhe! dachte ich herumblickend.)

»Martin Petrowitsch!« sagte ich laut, »Sie müssen durchaus zu uns kommen.«

Charloff sah mich an.

»Geh fort, mein Lieber, so wird’s besser!«

»Betrüben Sie die Mutter nicht, kommen Sie.«

»Geh’ fort, mein Lieber, geh’ fort!« wiederholte Charloff – »was hast Du mit mir noch zu sprechen?«

»Wenn Sie keinen Wagen haben, wird die Mutter den ihrigen schicken.«

»Geh’ fort!«

»Aber wirklich, Martin Petrowitsch!«

Charloff ließ den Kopf hängen – und mir schien daß seine dunkel gewordenen, wie mit Erde überzogenen Wangen sich geröthet hatten.

»Wirklich, kommen Sie,« fuhr ich fort. »Was sitzen Sie hier, wozu quälen Sie sich?«

»Wie so . . . quäle ich mich?« unterbrach er mich.

»Ja, freilich quälen Sie sich!« wiederholte ich.

Charloff schwieg und schien in schwere Gedanken versunken zu sein.

Durch dies Schweigen ermuthigt, entschied ich mich, offen zu sein und ohne Umschweife zu verfahren. (Vergessen Sie nicht, ich war erst fünfzehn Jahre alt.)

»Martin Petrowitsch!« fing ich an, mich zu ihm hinsetzend. »Ich weiß ja Alles, Alles bis auf das Kleinste! Ich weiß, wie Ihr Schwiegersohn mit Ihnen verfährt, allerdings nicht ohne Zustimmung Ihrer Töchter, und freilich sind Sie jetzt in einer schlimmen Lage . . . doch wozu verzweifeln?«

Charloff schwieg noch immer, nur ließ er die Angel fallen. Für wie klug hielt ich mich aber; ich meinte, ein Philosoph zu sein . . .

»Allerdings,« sprach ich weiter, »haben Sie unvorsichtig gehandelt, als Sie Alles Ihren Töchtern überließen. Es war sehr großmüthig von Ihrer Seite, und ich will ihnen darüber keine Vorwürfe machen. In unserer Zeit ist’s ein gar seltener Zug! Doch wenn Ihre Töchter so undankbar sind, so müssen Sie Ihrerseits dieselben mit Verachtung strafen! ja gerader mit Verachtung und sich nicht grämen . . .«

»Lass’ mich in Ruhe!« zischte plötzlich Charloff mit Zähneknirschen, und seine auf den Teich gerichteten Augen zeigten ein böses Feuer. »Geh’ fort!«

»Aber Martin Petrowitsch . . .«

»Fort! sonst schlage ich Dich todt!«

Ich war eben ganz an ihn herangerückt, doch beim letzten Wort sprang ich unwillkürlich auf. »Was sagen Sie, Martin Petrowitsch?«

»Ich schlage Dich todt, sage ich, fort!!«

Wilddröhnend wie ein Gebrüll rangen diese Worte sich aus Charloff’s Brust heraus, er selbst aber wandte nicht den Kopf um und fuhr fort, mit dem Ausdruck der Wuth vor sich hinzustieren.

»Ich packe Dich und werfe Dich sammt allen Deinen närrischen Rathschlägen in’s Wasser – dann wirst Du wissen, was es alte Leute zu belästigen heißt! Du Gelbschnabel!«

»Er ist verrückt geworden!« dachte ich bei mir.

Ich sah ihn genauer an und wurde wie versteinert: Martin Petrowitsch weinte! Eine Thräne nach der andern rollte aus seinen Augen über die Wangen . . . Das Gesicht aber wurde immer grimmiger.

»Fort!!« schrie er noch einmal, »ich tödte Dich sonst, bei Gott! damit Andere ein Exempel daran haben!«

Er schüttelte sich mit seinem ganzen Körper und wies mir fletschend die Zähne, wie ein Eber. Ich ergriff die Flinte und lief davon. Mein Hund folgte mit Gebell mir nach, auch ihn hatte Schreck überfallen.

Nach Hause gekommen, erlaubte ich mir selbst verständlich nicht einmal eine Andeutung von dem, was ich gesehen, bei meiner Mutter, doch als ich Souvenir begegnete, erzählte ich ihm, der Teufel weiß warum, Alles. Dieser widrige Mensch freute sich so sehr über meine Erzählung, lachte so hämisch grinsend, er sprang selbst vor Schadenfreude, daß ich ihn bei nahe geprügelt hätte.

»Das möchte ich doch sehen,« wiederholte er vom Lachen fast erstickend, »wie dieser Götze, dieser Wschede Charlus in den Schlamm hereingekrochen ist und dort sitzt . . .«

»Gehen Sie doch nach dem See hin zu ihm, wenn es Sie so interessirt.«

»Ja freilich, aber wenn er mich tödtet?«

Souvenir war mir schrecklich langweilig geworden, und ich bereute meine unpassende Geschwätzigkeit . . . Gitkoff, dem er meine Erzählung mitgetheilt hatte, faßte die Sache anders auf.

»Man wird sich an die Polizei wenden müssen,« entschied er; »vielleicht wird es auch nöthig sein, nach Militär zu schicken.«

Seine Vorahnung hinsichtlich des Militärs bestätigte sich nicht, doch geschah allerdings etwas Außerordentliches.

XXII

Mitte October, etwa drei Wochen nach meinem Zusammentreffen mit Charloff, stand ich am Fenster des Zimmers, das ich im zweiten Stock bewohnte und schonte, ohne an Etwas zu denken, doch niedergeschlagen, auf den Wirthschaftshof und die hinter ihm liegende Straße. Bereits seit fünf Tagen hatten wir das abscheulichste Wetter. An Jagd war nicht zu denken. Alles Lebendige hatte sich verborgen. Selbst die Sperlinge zwitscherten nicht mehr, und die Krammetsvögel waren verschwunden. Der Wind heulte bald dumpf, bald pfiff er. Die Färbung des niedrigen, lichtlosen Himmels spielte aus einem unheimlichen Weiß in ein bleiernes Blau, das noch bösartiger aussah – und der Regen, welcher strömte, beständig, unaufhörlich strömte, peitschte immer heftiger; stets schiefer schlugen die Regentropfen an die Fensterscheiben und rieselten zischend an ihnen herab; Die vollständig abgefegten Bäume waren grau geworden; es schien, als könne nichts mehr ihnen entrissen werden – der Wind aber fing immer wieder an ihnen zuzeiten an. Ueberall hatten sich Pfützen gebildet, auf welchen erstorbene Blätter schwammen, große Wasserblasen, platzend und von Neuem entstehend, aufsprangen und auf der dunklen Fläche hin und her glitten. Der Schmutz war bodenlos, die Kälte drang in die Zimmer, in die Kleider, in die Knochen. Frösteln überlief den ganzen Körper – und wie übel wurde es Einem zu Muthe; Ekel, nicht Traurigkeit war’s, was man empfand! Es kam mir vor, als ob nie mehr auf dieser Welt weder Sonne noch Glanz, noch Farben erscheinen könnten, daß dagegen stets dieser Schmutz, dieses Schlüpfrige, diese graue Nüsse, diese säuerliche Feuchtigkeit sich behaupten würden – daß dies Sausen und Heulen des Windes in alle Ewigkeit dauern werdet So stand ich vor dem Fenster, als plötzlich Alles sich noch mehr verdunkelte, eine bläuliche Dunkelheit Alles überzog – und doch war es zwölf Uhr Mittags. Da schien es mir mit einem Male, als wenn ein Bär durch unseren Hof – durch das Hofthor zum Hauseingang gelaufen wäre. Allerdings nicht auf allen Vieren, nein, aber so wie man ihn auf Bildern zeichnet, wenn er sich auf die Hinterpfoten stellt. Ich traute meinen Augen nicht. Wenn ich auch einen Bären gesehen, so war es jedenfalls etwas Ungeheures, Schwarzes, Zottiges. Ich konnte noch nicht errathen, was es eigentlich war, als ich plötzlich unten einen wüthenden Lärm vernahm. Es schien, als wäre etwas ganz Unerwartetes, Schreckliches in unser Haus gedrungen. Es entstand ein Laufen, ein Reimen . . .

Ich stürzte die Treppe hinunter, nach dem Speisesaale.

In der Thür des Empfangszimmers, das Gesicht mir zugekehrt, stand wie eingegraben meine Mutter; hinter ihr erblickte man einige erschrockene Frauengesichter, der Hausmeister, zwei Lakaien, ein Laufbursche, mit vor Verwunderung aufgesperrtem Munde, drängten sich um die Thür des Vorzimmers, und mitten im Speisesaale lag auf den Knieen das mit Schmutz bedeckte, zerzauste und zerfleisschte, durchnäßte Ungeheuer. Solchermaßen triefte es von Wasser, daß es dampfte und das Wasser auf die Erde lief. Schwerfällig und wie in der Agonie hob und senkte sich das selbe Ungeheuer, das eben vor meinen Augen durch den Hof gelaufen war. Und wer war dies Ungeheuer? Charloff! Ich zog mich zur Seite und erblickte nicht sein Gesicht, aber seinen Kopf, den er über die vom Schmutz zusammengeklebten Haare mit beiden Händen umfaßt hielt. Er athmete schwer, krampfhaft, es schien etwas in seiner Brust überwallen zu wollen – und auf dieser ganzen, bespritzten, dunklen Masse konnte man deutlich nur das Weiße der kleinen, wild herum irrenden Augäpfel bemerken. Es war ein schrecklicher Anblick. Ich erinnerte mich an den Beamten, welchen er für den Vergleich mit einem Mastodonten so energisch zurechtgewiesen hatte. Doch wirklich, so müßte ein vorsindfluthliches Thier ausgesehen haben, das sich eben vor einem anderen Unthier, von dem es mitten in dem Urschlamme oder in vorweltlichen Morästen angefallen worden, gerettet hatte.

»Martin Petrowitsch!« rief endlich meine Mutter aus und schlug die Hände zusammen. »Bist Du es? Gott, o Gott, Du Allmächtiger!«

»Ich . . . Ich . . .bin es,« hörte man ihn stammeln; mit Anstrengung und Schmerz verließ jeder Laut seine Brust. »Ach! ja – ich!«

»Was ist mit Dir? mein Gott!«

»Natalia Nikola . . . ewna ich kom . . . me zu Ihnen gerade vom Hause . . . bin zu Fuß gekommen.«

»In diesem Schmutze! Du siehst ja einem Menschen nicht ähnlich. Steh’ auf, setze Dich wenigstens . . . Und Ihr«, wandte sie sich zu den Mägden, »holt schnell Handtücher. Haben wir keine trockenen Kleider?« fragte sie den Hausmeister.

Dieser zeigte mit Handgeberden, daß solche für einen solchen Wuchs nicht zu finden seien . . . »Doch kann man eine Bettdecke bringen,« meinte er, »auch ist eine neue Pferdedecke da.« . . .

»Steh doch auf, steh auf, Martin Petrowitsch, setze Dich!« wiederholte die Mutter.

»Weggejagt hat man mich, gnädige Frau!« stöhnte plötzlich Charloff – und warf seinen Kopf nach hinten und streckte seine Hände vorwärts. »Weggejagt, Natalia Nikolaewna! Meine Töchter haben mich aus meinem Hause weggejagt . . .«

»Ach!« schrie meine Mutter auf.

»Was sagst Du? Weggejagt! Welche Sünde!« Sie bekreuzte sich. »Steh aber auf, Martin Petrowitsch, thue mir den Gefallen!«

Zwei Mägde traten ein mit Handtüchern und blieben vor Charloff stehen; man sah es ihnen an, daß sie keine Ahnung hatten, wie sie solchen Schmutz wegbringen könnten.

»Weggejagt, gnädige Frau, weggejagt!« wiederholte unterdessen Charloff. Der Hausmeister kam zurück mit einer großen, wollenen Decke und blieb ebenfalls unentschlossen stehen. Der Kopf von Souvenir zeigte sich durch die Thür und verschwand wieder.

»Martin Petrowitsch! Steh’ auf! setze Dich! erzähle mir, wie Alles vorgefallen ist,« befahl meine Mutter in entschiedenem Tone.

Charloff erbob sich. – Der Hausmeister wollte ihn dabei unterstützen, doch beschmutzte er sich bloß die Hand, und zog sich, von den Fingern den Schmutz abschüttelnd, nach der Thür zurück. Sich hin und her wiegend und wankend erreichte Charloff einen Stuhl und setzte sich; die Mägde traten mit den Handtüchern zu ihm heran, doch schob er sie bei Seite, und wollte von der Decke ebenfalls nichts wissen. Uebrigens bestand meine Mutter nicht darauf; es war zu klar, daß Charloff ohne Weiteres trocken zu benommen eine Unmöglichkeit sei – nur von der Diele entfernte man schnell seine Spuren.

XXIII

»Wie? Man hat Dich weggejagt?« fragte meine Mutter Charloff, als dieser ein wenig zu sich gekommen war.

»Gnädige Frau! Natalia Nikolaewna!« fing er mit Anstrengung an – und wieder entsetzte ich mich über das ruhelose Umherirren seiner Augäpfel – ich werde die Wahrheit sprechen, am meisten bin ich selber schuld!«

»So ist es besser; Du wolltest damals meinem Rathe nicht folgen!« sprach die Mutter sich in einen Sessel niederlassend und führte von Zeit zu Zeit ihr stark parfümirtes Taschentuch zur Nase . . . Charloff duftete unerträglich, der Waldmorast riecht nicht so stark.

»Ach, gnädige Frau! nicht darin besteht meine Schuld, aber im Stolze. Der Stolz hat mich zu Grunde gerichtet, wie einst den König Nebucadnezar. Ich dachte mir: Gott hat Verstand genug dir zugemessen, was du also beschließest, das ist daher auch richtig . . . hier kam noch die Angst vor dem Tode dazu . . . ganz und gar bin ich irre geworden. Du willst, dachte ich, noch zu allerletzt deine Kraft, deine Macht zeigen! . . . du willst sie beschenken – und bis zum Tode sollen sie Dankbarkeit fühlen . . .« Hier kochte es förmlich in Charloff . . . »Wie einen krätzigen Hund mit einem Fußtritte hat man mich aus dem Hause gejagt! Das ist ihre Dankbarkeit! . . .«

»Aber auf welche Weise denn?« fing wieder meine Mutter an.

»Den Laufburschen Maksimka haben sie mir weg genommen,« fuhr Charloff, meine Mutter unterbrechend, fort (während seine Augen beständig umherirrten und er die Hände gefaltet vor’s Gesicht hielt) »den Wagen weggenommen, das Monatsgeld verkürzt – nicht bezahlt – ganz und gar haben sie mich verkümmern lassen – und immer schwieg ich, duldete immer! Und ich duldete wieder aus Stolz, damit meine bösen Feinde meiner nicht spotten sollten. Da! seht den alten Narren, jetzt bereut er es, auch Sie, meine Gnädige, haben mich gewarnt. »Du wirst doch zu kurz kommen!« Da habe ich auch geduldet . . . Heute aber komme ich in mein Zimmer – und es ist schon besetzt – und mein Bett in einen Dachwinkel hinausgeworfen! – Du kannst auch da schlafen, man duldet Dich ja blos aus Gnade. Uns ist Dein Zimmer für die Wirthschaft nöthig – und das sagt mir wer? Wolodka Sletkin, dieser Sklave, dieser Hund! . . . « Charloff versagte die Stimme.

»Und Deine Töchter, was sagen die?«

»Und ich habe immer geduldet,« fuhr Charloff in seiner Erzählung fort, »bitter kam’s mir an, und wie bitter! auch schämte ich mich . . . Das Licht Gottes mochte ich nicht anblicken! Darum bin ich, meine Gnadige, auch nicht zu Ihnen gekommen immer wegen dieses Schimpfes, dieser Schande! Ich habe, meine Gnädige ja Alles versucht: Liebkosungen, Drohungen und Erwahnungen. Gebeugt hab’ ich mich selbst, gebeugt, mich so gebeugt (Charloff zeigte mit Geberden, wie er sich erniedrigt habe), und Alles umsonst! Und dies Alles habe ich erduldet! Zuerst hatte ich andere Gedanken: Du nimmst und zerschlägst Alles, zerschmetterst sie, daß nichts von dieser bösen Aussaat übrig bleibe! . . . Sie sollten es fühlen! Aber nachher – da habe ich mich gedemüthigt. Ein Schmerzenskreuz, dachte ich mir, ist dir auferlegt, du mußt dich eben zum Tode vor bereiten. Und plötzlich – heute; wie einen Hund! – und wer? – Wolodka! Was meine Tochter aber betrifft, wo haben diese ihren eigenen Willen? – das sind Wolodka’s Sklavinnen! – und was für Sklavinnen!«

Die Mutter staunte. – »Bei Anna kann ich es noch begreifen, sie ist die Frau . . . Warum aber Deine Zweite . . . «

»Eulampia? die ist es noch mehr als Anna! Ganz wie sie da ist, hat sie sich dem Wolodka hingegeben. Aus diesem Grunde hat sie auch Ihren Soldaten ausgeschlagen. Auf den Befehl Wolodka’s geschah es. – Anna, die sollte sich eigentlich beleidigt fühlen, sie kann, ja überdies die Schwester nicht leiden, und doch fügt sie sich. – Bezaubert hat sie der verfluchte Sletkin! Auch mag’s ihr gar nicht unlieb sein, daß aus Eulampia, die ja früher so stolz gewesen, jetzt so etwas geworden ist . . . Ach, ach, ach! Gott, mein Gott!«

Die Mutter sah mit Unruhe mich an, vorsichtig ging ich ein wenig zur Seite, damit man mich nicht wegschicke.

»Es thut mir unsäglich leid, Martin Petrowitsch,« sagte sie, »daß mein gewesener Zögling Dir so viel Kummer zugefügt und sich als ein so scheußlicher Mensch gezeigt hat, auch ich habe mich in ihm geirrt. Wer konnte aber von ihm so was erwarten!«

»Gnädige Frau,« stöhnte Charloff und schlug sich auf die Brust, »ich kann die Undankbarkeit meiner Töchter nicht ertragen! Ich kann es nicht, meine Gnädige! Ich habe ihnen Alles, Alles gegeben! Auch das Gewissen macht mir Vorwürfe. Vieles, ach, Vieles habe ich mir überlegt, am Teiche sitzend und Fische fangend. Hättest du wenigstens Jemandem in deinem Leben geholfen, dachte ich da, hättest du Almosen gespendet, deinen Bauern die Freiheit gegeben, da du sie dein Leben lang so gepeinigt hast. – Du hast dich ihretwegen vor Gott zu verantworten. Jetzt erst werden dir ihre Thränen heimgezahlt. Welch’ Schicksal haben sie auch jetzt! Tief war ihr Elend schon zu meiner Zeit, die Sünde will ich nicht verheimlichen – doch jetzt ist es bodenlos. Alle diese Sünden habe ich auf mein Gewissen genommen; mein Gewissen habe ich für meine Kinder geopfert, und was wurde mir dafür? Wie einen Hund, mit einem Fußtritte, haben sie mich aus dem Hause gejagt! . . .«

»Hör’ doch auf, Martin Petrowitsch, darüber nachzugrübeln,« bat die Mutter.

»Und als er es mir gesagt hatte, der Wolodka nämlich,« versetzte Charloff mit immer steigender Erregung, »als er mir gesagt, daß ich in meiner Stube nicht mehr wohnen soll, in meiner Stube, wo ich jeden Balken mit eigener Hand gelegt – als er es mir gesagt – Gott weiß, wie mir da wurde! Im Kopfe ging es mir herum, im Herzen fühlte ich einen Dolchstich. . . Ich erwürge ihn, oder ich laufe weg!. . . da bin ich zu Ihnen, meine Wohlthäterin, gelaufen. . . und wo sollte ich denn mein Haupt hinlegen? Da regnet es, ist so schmutzig. . . wohl zwanzigmal bin ich gefallen! und jetzt . . . hier . . . in solchem Zustande . ..«

Charloff warf einen Blick auf sich und regte sich auf dem Stuhle, als ob er aufstehen wollte.

»Höre doch auf, Martin Petrowitsch, höre auf,« sprach rasch meine Mutter, was ist das für ein Unglück? Daß Du die Diele verunreinigt hast? Was schadet das? Ich will Dir aber folgenden Vorschlag machen, höre mich! Man wird Dich jetzt in ein besonderes Zimmer führen, man gibt Dir ein reines Bett. – Du aber zieh Dich ans, wasche Dich, leg’ Dich hin und schlafe. . .«

»Gnädige Natalia Nikolaewna!l Wie soll ich schlafen?« sagte trostlos Charloff, »wie mit Hämmern klopft es in meinem Gehirn! Man hat mich ja wie unnützes Vieh . . .«

»Leg’ Dich hin, schlafe,« wiederholte mit Nachdruck die Mutter, »nachher wollen wir Thee trinken – und uns mit Dir besprechen. Verliere den Muth nicht, alter Freund! Hat man Dich aus Deinem Hause weggejagt, so wirst Du in meinem stets ein Obdach finden . . . ich habe ja nicht vergessen, daß Du mir das Leben gerettet hast.«

»Wohlthäterin,« stöhnte Charloff und bedeckte sich das Gesicht mit den Händen. . . »Retten Sie mich jetzt!«

Dieser Hilferuf rührte meine Mutter zu Thränen.

»Gerne helfe ich Dir, Martin Petrowitsch, mit Allem, was ich nur kann; nur mußt Du mir versprechen, mir in Zukunft zu folgen, und alle schlechten Gedanken von Dir zu weisen.« —

Charloff entfernte die Hände vom Gesicht.

»Wenn es nöthig sein sollte,« versetzte er, »da kann ich auch verzeihen . . .«

Die Mutter nickte zustimmend mit dem Kopfe; »Es freut mich sehr, Dich in solch’ echt christlicher Stimmung zu sehen; doch darüber später. Vorläufig bringe Dich selbst in Ordnung und schlafe.« – »Führe Martin Petrowitsch in das grüne Arbeitszimmer des seligen Herrn,« wandte sich die Mutter zum Hausmeister, »und daß Alles, wonach er verlangen sollte, sofort bereit sei; lass’ seine Kleider trocknen und reinigen – sollte Wäsche nöthig sein, so rede mit der Wirthschafterin – hörst Du?«

»Zu Befehl!« antwortete der Hausmeister.

»Und wenn er aufwacht, so lass’ den Schneider sein Maß nehmen, man wird auch den Bart rasiren müssen. Doch nicht gleich, später! . . .«

»Zu Befehlt« wiederholte der Hausmeister . . . »Martin Petrowitsch, belieben Sie mir zu folgen.«

Charloff stand auf, sah meine Mutter an, wollte sich ihr nähern, doch blieb er stehen, verbeugte sich tief, bekreuzigte sich dreimal, auf das heilige Bild blickend, und folgte dann dem Hausmeister.

Ihnen nach schlich ich ebenfalls aus dem Zimmer.

XXIV

Der Hausmeister führte Charloff in das grüne Arbeitszimmer und lief sofort, die Wirthschafterin zu holen, da das Bett unbezogen war. Souvenir, der uns im Vorzimmer begegnet und zusammen mit uns in das Zimmer gesprungen war, begann sofort damit, »sich wie gewöhnlich gebehrdend und kichernd Charloff zu umkreisen, der, Arme und Beine etwas ausbreitend und in Gedanken versunken, mitten im Zimmer stehen geblieben war. Das Wasser rann unaufhörlich von ihm ab.

»Wschede! heiliger Wschede Charlus!« greinte Souvenir, sich nach vorne überbeugend und sich die Seiten haltend, »großer Begründer des ruhmvollen Geschlechtes der Charloff! geruhe auf Deinen Nachkommen zu blicken! Wie gefällt er Dir? kannst Du ihn erkennen? Hi, hi, hi! Eure Durchlaucht, reichen Sie mir doch Ihre Hand! Warum haben Sie denn schwarze Handschuh angezogen?«

Ich hätte Souvenir zurückhalten, ihn beschämen wollen . . . doch wie konnte ich das!

»Parasit, Schmarotzer hast Du mich genannt! »Du hast kein Obdach!« sagtest Du mir. Und jetzt bist Du ja ebenfalls zum Schmarotzer wie ich, der Sündige, geworden! Martin Petrowitsch und Souvenir, der Hergelaufene – sind jetzt dasselbe! Wirst Dich auch von Almosen nähren . . . Man nimmt eine verschimmelte Brotkruste, die ein Hund berochen und unberührt gelassen hat und wirft sie Dir vor . . . Da iß! hi, hi, hi!«

Charloff stand immer noch unbeweglich, mit gespreizten Beinen, seine beiden Arme von dem übrigen Körper abhaltend.

»Martin Charloff! ständischer Edelmann,« fuhr Souvenir fort, »wie hochnasig er war . . . pfui hier, pfui da! Kommt mir nicht zu nah, ich schlag’ Euch sonst todt« . . . so begegnete er Einem! Und als er sein Vermögen aus allzu großem Verstande zu vertheilen und zu vergeben angefangen, wie hochfahrend war er da! »Dankbarkeit!« schrie er, »Dankbarkeit!« Warum hast Du mich nicht bedacht, mir nichts geschenkt? Ich wäre vielleicht erkenntlicher gewesen. Wahr habe ich damals gesagt, daß man ihn mit dem blanken Rücken auf den Schnee . . .«

»Souvenir!« schrie ich, doch Souvenir hörte nicht. Charloff rührte sich nicht; es schien, als ob er jetzt erst zu fühlen anfange, wie naß Alles an ihm war, und erwarte, daß man ihn davon befreie. Doch der Hausmeister kam noch immer nicht.

»Und bist noch ein Krieger,« fing Souvenir wieder an; »im Jahre Zwölf rettete er das Vaterland, zeigte seine Tapferkeit! Das ist es ja, den halberfrorenen Marodeuren die Hosen herunterzuziehen, das ist unsere Sache – wenn aber ein Frauenzimmer mit dem Fuße stampft, wo steckt denn dann der Muth?«

»Souvenir!« schrie ich zum zweiten Male.

Charloff sah Souvenir von der Seite an, bis dahin, schien es, hatte er nicht einmal seine Anwesenheit bemerkt und nur mein Ausruf hatte seine Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt.

»Höre Du!« brummte er dumpf, »sieh’ Dich vor, daß kein Unglück geschehe!«

Souvenir wälzte sich förmlich vor Lachen.

»Ach! wie Sie mich erschreckt haben, ehrwürdiges Brüderchen! Wie Sie fürchterlich sind! Ah, Sie sollten Sich doch wenigstens die Härchen kämmen, sonst werden sie ja, Gott verhüte es, zusammentrocknen, man wird sie ja dann mit der Sense abmähen müssen!« Souvenir wurde immer übermüthiger. »Sie wagen noch groß zu thun! Ein Bettler und macht sich breit! Wo ist jetzt Ihr Obdach, sagen Sie es mir doch? Sie haben ja stets damit geprahlt! Ich habe ein Haus, sagten Sie, und Du bist obdachlos! Ein erbliches Haus!«

»Herr Bitschkoff!« rief ich, »was thun Sie, kommen Sie doch zu Sich!«

Doch er fuhr fort zu greinen, und hüpfte und sprang um Charloff herum. . .

Der Hausmeister und die Wirthschafterin waren immer noch nicht gekommen.

Mir wurde bange. Ich bemerkte, daß Charloff, der im Gespräch mit meiner Mutter allmälig ruhiger geworden war und gegen Ende desselben selbst sich in sein Schicksal gefügt zu haben schien, wieder anfing, gereizt zu werden . . . Er athmete schneller; hinter den Ohren schwoll es bei ihm plötzlich an; die Finger bewegten sieh; die Augen irrten wieder mitten in der dunklen Maske des beschmutzten Gesichtes herum.

»Souvenir! Souvenir!« schrie ich. »Hören Sie auf; ich sage es sonst der Mutter!«

Doch Souvenir war wie vom Teufel besessen.

»Ja, ja, mein Allerwerthester,« zischte er wieder, »wir Beide befinden uns in einer sehr kitzlichen Lage! Ihre Töchter aber mit Ihrem Schwiegersohne Wladimir Wassiliewitsch lachen Sie aus in Ihrem Hause, und wie lacht man Sie da aus! Hatten Sie doch wenigstens, Ihrem Versprechen gemäß, dieselben verflucht! Doch auch dazu sind Sie nicht im Stande! Und Sie wollen sich mit Wladimir Wassiliewitsch messen? Wolodka belieben Sie ihn zu nennen? Was für ein Wolodka ist er für Sie? Er ist Wladimir Wassiliewitsch, Herr Sletkin, Gutsbesitzer, Herr und Du was bist Du?«

Ein wüthendes Gebrüll übertönte Souvenirs Worte. . . Es quoll über bei Charloff Seine Fäuste ballten und erhoben sich, sein Gesicht wurde blau. Schaum bedeckte die geborstenen Lippen; er zitterte vor Wuth.

»Haus! sagst Du,’« donnerte er mit seiner eisernen Stimme. »Fluch! Sagst Du . . . Nein, verfluchen werde ich sie nicht . . . Daraus machen sie sich nichts. Das Haus aber . . . ihr Haus werde ich zerstören, und kein Obdach sollen sie haben, wie ich! sie sollen Martin Charloff kennen lernen! Noch ist meine Kraft nicht hin! Sie sollen wissen, was es über mich zu lachen heißt! . . . Sie sollen kein Obdach haben!«

Ich starrte; noch nie war ich Zeuge eines solchen grenzenlosen Zornes gewesen. Nicht ein Mensch, nein, ein wildes Thier bewegte sich vor mir! Ich starrte . . . Souvenir aber hatte sich vor Angst unter den Tisch verkrochen.

»Sie sollen es nicht haben!« brüllte Charloff zum letzten Mal und stürmte, nachdem er den eintretenden Hausmeister und die Wirthschafterin zu Boden geworfen, aus dem Hause. . . Wie ein ungeheurer Klumpen wälzte er sich durch den Hof und verschwand hinter dem Thore.

XXV

Meine Mutter wurde sehr zornig, als der Hausmeister bei ihr erschien, um ihr mit verlegener Miene die neue und unerwartete Entfernung von Martin Petrowitsch zu melden. Er wagte nicht, ihr den Grund seines Weggehens zu verbergen und ich sah mich genöthigt, seine Aussage zu bestätigen. »Du bist also daran Schuld,« schrie sie den Souvenir an, der wie ein Hase vorausgelaufen war und bereits die Hand der Mutter küßte, »Deine bissige Zunge ist an Allem Schuld!« – »Erlauben Sie, ich werde sofort, sofort« . . . lallte schluchzend und die Ellbogen nach hinten ziehend, Souvenir.

»Sofort, sofort! Ich kenne Dein »Sofort,« wieder holte die Mutter mit strengem Tadel und wies ihn hinaus. Dann klingelte sie, ließ Kwitzinski rufen und gab ihm den Befehl, sofort sich mit einem Wagen nach Eskowo zu begeben, Martin Petrowitsch aufzusuchen und ihn um jeden Preis zurückzubringen.

»Kommen Sie nicht ohne ihn zurück,« so schloß sie. Der finstere Pole verneigte sich schweigend und ging hinaus.

Ich begab mich wieder nach meinem Zimmer, setzte mich wieder an das Fenster und dachte lange über das vor meinen Augen Vorgefallene nach. Es war ein Räthsel für mich; ich konnte gar nicht begreifen, warum Charloff, der beinahe ohne Klagen die Beleidigungen von Seiten seiner Hausgenossen gelitten, sich nicht beherrschen und die Neckereien und den Spott eines so verachteten Mannes, wie Souvenir, nicht er tragen konnte. Ich wußte damals nicht, welch’ unerträgliche Bitterkeit manchmal in dem unbedeutendsten Vorwurfe, wenn er selbst von unwürdigen Lippen fließt, enthalten sein kann . . . Der verhaßte Name Sletkins, von Souvenir ausgesprochen, fiel wie ein Funke in das Pulver; die seit Langem krankhafte Stelle hielt diesen letzten Stich nicht aus.

Eine Stunde war vergangen. Unser Wagen fuhr in den Hof, doch in ihm befand sich unser Verwalter allein. Die Mutter aber hatte gesagt: »Kommen Sie nicht ohne ihn.« Kwitzinski sprang schnell aus dem Wagen und eilte auf den Balcon. Sein Gesicht hatte einen besorgten Ausdruck, den man sonst beinahe nie bei ihm bemerkte. Ich ging sofort nach unten und trat gleich hinter ihm in das Empfangszimmer.

»Nun, haben Sie ihn gebracht?« fragte die Mutter.

»Ich habe ihn nicht mitgebracht,« antwortete Kwitzinski. »ich konnte ihn nicht mitbringen.«

»Warum nicht? Haben Sie ihn gesehen.«

»Ja freilich.«

»Was ist denn mit ihm geschehen? Ein Schlaganfall?«

»Nein, ihm ist Nichts geschehen.«

»Warum haben Sie ihn denn nicht hergebracht?«

»Er zerstört sein Haus.«

»Wie?«

»Er steht auf dem Holzdache des neuen Hauses – und zerstört dasselbe . . . es mögen wohl an vierzig Bretter und etwa fünf Dachsparren und noch mehr heruntergeworfen sein.«

(Mir fielen die Worte Charloffs ein: »Sie sollen kein Obdach haben.«)

Die Mutter sah Kwitzinski mit starrem Blicke an. »Allein . . . auf dem Hause und zerstört das Dach.«

»So ist’s. Er geht auf dem Boden herum und zerstört Alles, rechts und links. Er hat ja, wie Sie, gnädige Frau, wissen, eine fast übermenschliche Kraft! Das Dach ist auch, um die Wahrheit zu gestehen, schlecht gebaut – die Sparren stehen breit auseinander, die Bretter sind einzöllig, die Nägel nur schwache Bretternägel.«

Die Mutter blickte mich an, als ob sie sich dadurch überzeugen wollte, daß sie richtig gehört habe. »Dachsparren . . . Bretternägel« . . . wiederholte sie, augenscheinlich den Sinn dieser Worte noch nicht er fassend.

»Was thaten Sie denn?« versetzte sie endlich.

»Ich komme eben nach Instructionen. Ohne Leute kann man nichts beginnen; die dortigen Bauern haben sich Alle vor Furcht verkrochen.«

»Und seine Töchter, was machen die?«

»Nichts – man läuft herum, schreit . . . was soll das helfen?«

»Und Sletkin, was thut der?«

»Er schreit am meisten . . . Doch irgend Etwas zu unternehmen ist er nicht im Stande.«

»Und Martin Petrowitsch steht auf dem Dache?«

»Er steht auf dem Boden und zerstört das Dach.«

»Ja, ja«, wiederholte die Mutter, »Dachsparren . . . Bretternägel . . .«

Der Fall war ein außergewöhnlicher.

Was sollte man anfangen? Zur Stadt nach der Polizei schicken? Die Bauern versammeln? Meine Mutter war ganz außer Fassung, der zum Mittagessen angekommene Gitkoff ebenfalls. Zwar sprach er von Militär, doch gab er keinen Rath, nur blickte er die Mutter unterthänig und ergeben an. Kwitzinski, ein sehend, daß er keine Instructionen erhalten werde, meldete, mit der ihm eigenen spöttischen Ehrerbietung, daß, wenn man ihm einige Kutscher, Gärtner und andere Knechte mitzunehmen erlaube, er einen Versuch machen wolle . . .

»Ja, ja,« unterbrach ihn die Mutter, »versuchen Sie, lieber Wikentij Ossipitsch, aber bitte, schneller . . . ich nehme die ganze Verantwortlichkeit auf mich.«

Kwitzinski lächelte kalt. »New Eins erlauben Sie, gnädige Frau, Ihnen zu sagen: für den guten Aus gang kann ich nicht bürgen, denn die Körperkraft des Herrn Charloff ist gar zu groß, auch ist er sehr desperat . . er hält sich eben für allzusehr beleidigt«

»Ja, freilich,« rief die Mutter, »und an Allem ist dieser widerwärtige Souvenir schuld. Nie werde ich es ihm verzeihen. Gehen Sie, Wikentij Ossipitsch, nehmen Sie die Leute, fahren Sie!«

»Nehmen Sie, Herr Verwalter, nur viele Stricke mit – auch Feuerhaken,« sprach Gitkoff mit seiner Baßstimme . . . »und wenn ein großes Netz bei der Hand wäre, so wäre auch das mitzunehmen gerathen . . . Bei uns im Regiment war ebenfalls einmal . . .«

»Sie haben mir, gnädiger Herr, keine Vorschriften zu machen,« unterbrach ihn Kwitzinski ärgerlich . . . « »auch ohne Ihre Rathschläge weiß ich, was nöthig ist.«

Gitkoff hielt sich für beleidigt und erklärte, »daß er in der Hoffnung, daß man auch ihn hinzugehen beauftragen würde, sich erlaube . . .«

»Nein, nein,« mischte sich die Mutter ein . . . »bleibe Du nur hier . . . Wikentij Ossipitsch mag da allein handeln . . . fahren Sie, Wikentij Ossipitsch!«

Gitkoff fühlte sich noch mehr beleidigt; Kwitzinski verbeugte Und entfernte sich; ich eilte in den Stall, sattelte selbst schnell mein Reitpferd und ritt dann im Galopp Eskowo zu.

XXVI

Der Regen hatte nachgelassen, doch wehte der Wind mit verdoppelter Heftigkeit grade mir entgegen. Auf halbem Wege hätte sich beinahe der Sattel unter mir umgedreht; der Bauchriemen wars zu locker ge schnallt. Ich stieg vom Pferde und zog den Riemen mit den Zähnen an; plötzlich höre ich, daß mich Jemand beim Namen ruft . . . Souvenir lief auf den jungen Saaten hinter mir her. »Aha,« rief er mir schon von Weitem zu, »die Neugierde treibt auch Sie? Es ist auch nicht anders möglich . . . so ein Kunststück sieht man in seinem Leben nicht zum zweiten Male . . . «

»Sie wollen Ihr Werk bewundern,« bemerkte ich unwillig, schwang mich auf’s Pferd und brachte es wieder in Galopp, doch der unvermeidliche Souvenir blieb mir nicht viel nach, kicherte selbst im Laufen und trieb seine Possen weiter. Endlich – war Eskowo erreicht – da ist der Damm, »der lange Zaun und der Garten des Gutshofes. . . Ich ritt an’s Thor, sprang vom Pferde, band es an und blieb starr vor Verwunderung stehen . . .

Von dem vorderen Drittel des Daches auf dem neuen Hause, von dem Aufbau in der Mitte desselben war nur das Gerippe geblieben. Latten, Bretter, Holzstücke lagen in unförmlichen Haufen zu beiden Seiten des Hauses auf der Erde. Allerdings war das Dach nach Kwitzinskis Ausspruch schlecht – trotzdem aber schien die Sache unglaublich. Auf der Diele des Bodens, Staub und Schmutz aufwühlend, bewegte sich ungeschickt aber rührig eine grauschwarze Masse und rüttelte bald an dem noch aufrecht stehenden Ziegelschornstein (der andere war bereits herunter gestürzt), bald riß sie ein Brett los und schleuderte dasselbe hinunter, bald richtete sie den Angriff gegen die Dachsparren selbst – es war Charloff. Ganz wie ein Bär sah er aus: Kopf, Rücken, Hände waren die eines Bären, auch setzte er die Füße breit auf, ohne sie im Gelenk zu biegen – vollkommen nach Bärenart. Der scharfe Wind umwehte ihn von allen Seiten und hob sein in Büschel zusammengeklebtes Haar; es war schrecklich anzusehen, wie stellenweise sein rother nackter Leib durch die Löcher der zerrissenen Kleider zum Vorschein kam; ebenso schrecklich war sein wildes, rauhes Brummen anzuhören. Auf dem Hofe sah es lebendig aus: Frauen, Dorfjungen, Mägde drängten sich am Zaun; einige Bauern bildeten, zusammen, gedrängt, einen besonderen Haufen. Der mir bereits bekannte alte Priester stand ohne Kopfbedeckung auf dem Balcon des anderen gegenüber liegenden Häuschens und erhob von Zeit zu Zeit, schweigend und hoffnungslos, das große kupferne Kreuz, und hielt es mit beiden Händen empor, um die Blicke Charloff’s darauf zu lenken. Neben dem Priester stand Eulampia und sah, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, starr auf den Vater. Anna steckte bald den Kopf zum Fenster hinaus, bald verschwand sie wieder: bald sprang sie auf den Hof, bald kehrte sie in das Haus zurück. Sletkin, ganz bleich, gelb, im alten Schlafrock, ein Fez auf dem Kopfe, eine einläufige Flinte in der Hand, lief mit kurzen Schritten von Ort zu Ort. Er war ganz und gar zum Juden geworden; er erstickte, er drohte, er zitterte, er zielte bald auf Charloff, bald warf er das Gewehr über die Schulter – und dann zielte er wieder, er schrie, er weinte. – Mich und Souvenir erblickend, warf er sich förmlich auf uns:

»Sehen Sie, sehen Sie, was hier vorgeht!« winselte er, »sehen Sie! er ist verrückt, tobsüchtig geworden – und macht so etwas! Ich habe bereits nach der Polizei geschickt – aber es kommt Niemand. Niemand kommt! Wenn ich nach ihm schieße, so kann man ja mir nichts anhaben, denn ein Jeder hat das Recht, sein Eigenthum zu vertheidigen! Und ich werde schießen! Bei Gott! ich schieße!« Er lief zum Hause heran: »Martin Petrowitsch! nehmen Sie sich in Acht; wenn Sie nicht sofort heruntergehen, so schieße ich.«

»Schieße los,« tönte es dumpf vom Dache – »schieße, bis dahin, da hast Du was.«

Ein langes Brett flog von oben herunter und, nachdem es ein paar Mal in der Luft umgeschlagen, fiel es auf die Erde, zu Füßen Sletkins nieder. Dieser sprang förmlich in die Höhe, Charloff aber lachte.

»Gott, Du Gerechter, erbarme Dich meiner,« – lispelte Jemand hinter meinem Rücken. Ich wandte mich um, es war Souvenir. »Aha!« dachte ich, Jetzt ist ihm das Lachen vergangen.«

Sletkin ergriff einen in der Nähe stehenden Bauer am Kragen.

»Klettere hinaus, klettere doch! Klettert, ihr Teufel!« schrie er, ihn aus allen Kräften schüttelnd »rettet mein Eigenthum.«

Der Bauer machte zwei Schritte vorwärts, war den Kopf zurück, bewegte die Hände hin und her, schrie: »He! Sie! Herr!« blieb noch einen Augenblick stehen und machte Kehrt.

»Eine Leiter, eine Leiter her,« wandte sich Sletkin zu den anderen Bauern.

»Wo soll man die denn hernehmen?« lautete die Antwort.

»»Und wäre auch eine Leiter da,« sprach langsam eine Stimme, »wer hätte Lust hinaufzuklettern? Sucht Euch andere Dummköpfe! Der dreht Einem den Hals um – im Nu.«

»Schlägt Einen sofort todt,« setzte ein blonder, dumm aussehender Bursche hinzu.

»Und etwa nicht«« bejahten die Uebrigen.

Es scheint mir, daß, wenn selbst die augenscheinliche Gefahr nicht vorhanden gewesen wäre, die Bauern den Befehl ihres neuen Herrn nicht gern ausgeführt haben würden. Es war, als ob sie es mit Charloff hielten – nur staunten sie freilich über sein Treiben.

»Ach, ihr Räuber . . . « stöhnte Sletkin, »ich werde Euch Alle . . .«

Doch hier fiel mit schwerem Gekrach der letzte Schornstein herunter – und mitten in der augenblicklich sich erhebenden Wolke von gelbem Staub ließ Charloff einen durchdringenden Schrei ertönen, hob die blutenden Hände in die Höhe und wandte uns sein Gesicht zu. Sletkin legte wieder auf ihn an.

Eulampia riß ihn am Ellenbogen zurück.

»Laß mich,« schrie er sie grimmig an.

»Wage es nicht,« entgegnete sie – und zornig blitzten ihre Augen unter den zusammengezogenen Augenbrauen, »der Vater zerstört sein Haus. Es ist sein Gut!«

»Du lügst, es ist unser.«

»Du sagst unser – ich aber: sein!«

Sletkin zischte vor Bosheit; Eulampia sah ihn mit stierem Blicke an.

»Ah! willkommen, willkommen, liebe Tochter!« donnerte Charloff von oben, »willlommen Eulampia Martinowna! Wie geht es Dir mit Deinem Liebhaber? – Küßt Ihr Euch, liebt Ihr Euch auch zärtlich?«

»Vater!« erscholl die helle Stimme Eulampias.

»Was? Tochter!« antwortete Charloff und trat an den Rand der Hauswand. Auf seinem Gesichte zeigte sich, wie ich bemerken konnte, ein sonderbares Lächeln – heiter, wie geklärt, und gerade deshalb so unheimlich, so besonders schrecklich . . .

Viele Jahre später habe ich dasselbe Lächeln bei einem zum Tode Verurtheilten gesehen.

»Höre auf, Vater, komme herunter. Wir sind schuldig! wir geben Dir Alles zurück. Komm herunter l«

»Wie darfst Du in unserm Namen sprechen?« mischte sich Sletkin ein.

Eulampia zog ihre Augenbrauen noch mehr zusammen. »Ich gebe Dir meinen Theil zurück – gebe, Dir Alles! Höre auf! Komm, Vater! Verzeihe uns; verzeihe mir!«

Charloff lächelte immer noch – »Zu spät, meine Liebe,« und jedes Wort klang wie Erz. »Zu spät hat sich Dein steinernes Herz erweicht! Mit mir rollt es jetzt unaufhaltsam bergab! Sieh mich jetzt nicht an, ich bin ein Verlorener! Sieh Dir lieber Deinen theuern Wolodka an – es werden also doch solche Schönheiten geboren! Blicke auf Deine Schwester, die Schlange, da steckt sie ihre Fuchsnase heraus und hetzt ihren Mann! Nein, Kinder! Ihr wolltet mich des Obdachs berauben – da will ich auch Euch nicht Stein auf Stein, nicht Balken auf Balken lassen! – Mit eigenen Händen habe ich sie gelegt, mit eigenen Händen reiß’ ich sie nieder mit bloßen Händen! Nicht einmal eine Axt habe ich mitgenommen!l« Er blies sich in beide Hände und griff wieder nach den Dachsparren.

»Höre auf, Vater!« rief unterdessen Eulampia, und ihre Stimme wurde wunderbar freundlich, »vergiß das Geschehene. Glaube mir – Du hast mir ja immer geglaubt. Steige herunter, komm’ zu mir in’s Zimmer, »leg’ Dich auf mein weiches Bett. Ich will Dich trocknen, will Dich erwärmen, will Deine Wunden verbinden, Du hast ja Deine Hände ganz zerrissen! Du wirst bei mir, wie in Christi Schooße sein, gut essen, noch besser schlafen! Ja! Wir waren schuldig; wir haben uns vergessen, wir haben gesündigt, verzeihe!«

Charloff schüttelte den Kopf.

»Male mir Nichts vor! Das fehlte noch, daß ich Euch glauben sollte! Den Glauben habt Ihr ja in mir getödtet! Ein Adler war ich – und bin Euretwegen ein Wurm geworden – und Ihr, Ihr habt den Wurm zertreten wollen?! Genug! Ich habe Dich geliebt, Du weißt es selbst – jetzt aber bist Du mir nicht mehr Tochter, ich Dir nicht mehr Vater. Du aber, schieße, Schuft! kleiner Riese!« schrie er Sletkin plötzlich an. »Was zielst Du bloß? Oder hast Du Dich des Gesetzes erinnert,« sprach Charloff langsam, »das da bestimmt, daß, wenn Derjenige, der ein Geschenk empfangen, einen Angriff gegen das Leben des Schenkers macht, derselbe das Recht hat, Alles zurückzufordern? Ha, ha, ha! Fürchte Nichts, Gesetzkundiger! . . . Ich werde nichts zurückfordern . . . ich zerstöre es ja selbst . . . drücke los!l«

»Vater!« bat zum letzten Male Eulampia.

»Schweige!«

,Martin Petrowitsch! lieber Martin Petrowitsch,« verzeihen Sie großmüthig«, lallte auch Souvenir.

»Vater, lieber Vater!«

»Schweige, Hündin!« schrie Charloff. Souvenir sah er nicht einmal an – nur spie er nach dessen, Richtung hin.

XXVII

In diesem Augenblick erschien Kwitzinski mit seinem ganzen Gefolge – auf dem Wagen – am Thore. Die müden Pferde schnaubten die Leute sprangen, Einer nach dem Andern, in den Schmutz.

»Aha!« schrie Charloff aus vollem Halse, »die Armee, da ist sie ja, die Armee! Eine ganze Armee stellt man gegen mich auf. Gut denn! Nur sage ich im Voraus, daß ich Jeden, der zu mir hierher auf’s Dach kommt, sofort, den Kopf nach unten, hinunter befördern werde! Ich bin ein strenger Wirth, liebe ungebetene Gäste nicht. Also!«

Er ergriff mit beiden Händen das erste Paar Dachsparren, auf denen die Vorderfronte des Aufbaues ruhte und fing mit aller Kraft an ihnen zu rütteln an; vorn am Boden sich zurückbiegend, zog er jene gleichsam sich nach und sang und Arbeiterweise: »Noch einmal! Noch ’mal! Uff!«

Sletkin lief zu Kwitzinski und begann zu klagen und zu stöhnen! Dieser bat ihn, sich nicht einzumischen und schritt dann sofort zur Ausführung seines Planes. Er stellte sich nämlich vor das Haus hin und begann, um Charloff’s Aufmerksamkeit abzulenken, diesem zu erklären, daß er sich mit einer unadeligen Sache befasse . . .

»Noch ’mal, noch ’mal!« sang Charloff.

. . . »Daß Natalia Nikolaewna mit seinen Handlungen durchaus unzufrieden sei und dergleichen von ihm nicht erwartet habe . . .«

»Noch einmal! noch einmal! Uff!« sang Charloff.

Unterdessen hatte Kwitzinski die vier stärksten und kühnsten Kutscher nach der entgegengesetzten Seite des Hauses geschickt; sie sollten das Dach von hinten her erklettern. Charloff entging dieser Plan zum Angriff nicht; er ließ plötzlich die Dachsparren los und lief schnell nachdem hinteren Theil des Hauses. Sein Aussehen war so schrecklich, daß zwei Kutscher, welche bereits bis auf den Boden geklettert waren, sich im Nu an der Regentraufe zur Erde niedergleiten ließen, zur nicht geringen Freude und zum lauten Jubel der Dorfjungen. Charloff drohte ihnen mit der geballten Faust und, zum Vordertheil des Hauses zurückkehrend, er griff er wiederum die Dachsparren, rüttelte weiter an ihnen, immer nach Arbeiterweise summend.

Plötzlich hörte er damit auf und blickte in die Ferne.

»Maksimka, lieber Maksimka! Freund! bist Du es, den ich sehe?«

Ich wandte mich um . . . Aus dem Haufen der Bauern sich gleichsam loslösend trat der Laufbursche Maksimka, lächelnd und die Zähne zeigend, vor. Sein Meister, der Riemer, hatte ihn wahrscheinlich auf einige Zeit nach Hause entlassen.

»Klettere zu mir herauf, Maksimka, mein treuer Diener,« fuhr Charloff fort. »Wir wollen uns zusammen gegen ungläubige Tartaren und diebische Lithauer vertheidigen.«

Maksimka, immer lächelnd, wollte sofort auf das Dach klettern . . . doch man ergriff ihn und brachte ihn auf die Seite. Gott weiß, warum! . . . Etwa zum Beispiel für die Anderen? Von großer Hilfe wäre er für Martin Petrowitsch nicht gewesen.

»Schon gut! Wartet nur!« sprach Charloff mit drohender Stimme und ging wieder an seine Arbeit.

»Wikentij Ossipitsch! Erlauben Sie«; wandte sich Sletkin zu Kwitzinski. »ich schieße, nur um ihm Angst einzujagen; die Flinte ist nur mit Bekassinenschrot geladen.«

Doch Kwitzinski hatte noch keine Zeit, ihm zu antworten, als schon das vordere Paar Dachsparren, an dem Charloff’s Hände schon so lange gerüttelt hatten, sich zur Seite neigte und krachend zur Erde stürzte; zugleich mit ihnen, nicht im Stande, das Gleichgewicht zu halten, stürzte auch Charloff und fiel dröhnend zu Boden.

Alle erzitterten, schrieen auf. . . Charloff lag unbeweglich, die Brust der Erde zugekehrt; seinen Rücken drückte das obere Quergebälk des Daches ein, welches der fallenden Vorderfront nachgefolgt war. . .

XXVIII

Man lief zu Charloff hin, man zog ihn unter dem Balken hervor, legte ihn aus den Rücken: er schien leblos, am Munde zeigte sich Blut, er athmete nicht. »Die Seele ist ihm herausgeschlagen,« sagten die ihn umgebenden Bauern. Man lief zum Brunnen nach Wasser, man brachte einen ganzen Eimer davon und übergoß seinen Kopf; Schmutz und Staub wurden dadurch vom Gesicht entfernt, doch der leblose Ausdruck blieb. Man trug eine Bank heran, stellte sie dicht an’s Haus, und nachdem man mit Mühe den ungeheuern Körper Charloffs aufgehoben, setzte man ihn darauf, seinen Kopf an die Hausmauer anlehnend. Maksimka kam heran, beugte das eine Knie und stützte, das andere Bein ausstreckend, ein wenig theatralisch die Hand seines früheren Herrn. Eulampia, bleich wie der Tod, stellte sich dicht vor den Vater hin und unbeweglich wandte sie ihre großen Augen von ihm nicht ab. Anna mit Sletkin kamen nicht heran. Alle schwiegen, Alle erwarteten etwas. Endlich hörte man ein Röcheln im Halse Charloffs, das stoßweise kam, als ob er ertränke. Dann bewegte er leise die Hand, die rechte – (die linke hielt Maksimka), öffnete ein Auge, das rechte, ächzte, nachdem er langsam um sich geblickt hatte, wie ein von riesiger Trunkenheit Befallener, stieß Silbenweise die Worte: »Hab’ . . mich . . zer . . schlagen« heraus und fügte, als wenn er nachgedacht hätte, hinzu: »Das . . ist . . das schwar . . ze . . Foh . len.« Dann ergoß sich ein dicker Blutstrahl aus seinem Munde und der ganze Körper zitterte heftig.

»Es ist aus!« dachte ich. . . aber Charloff öffnete noch das rechte Auge (seine linke Augenwimper blieb bewegungslos wie bei einem Todten) und dasselbe starr auf Eulampia heftend, sprach er kaum hörbar: »Nun. . . Toch. . . ter . Ich . . will . . nicht ver . . .« Kwitzinski rief mit einer raschen Handbewegung den Priester heran, der noch immer auf dem Balcon stand. Der Alte näherte sich, mit den schwachen Knien sich in den engen Talar verwickelnd. Plötzlich verzogen sich vom Krampfe ergriffen die Beine und die Gesichtszüge Charloffs, zugleich veränderte sich und erzitterte das Gesicht Eulampias. Maksimka fing an sich zu bekreuzen . . . Auch mir wurde ängstlich, ich lief zum Thor und lehnte mich fest an dasselbe an. Einen Augenblick später hörte ich hinter mir ein dumpfes Gerede – und ich begriff, daß Martin Petrowitsch zu leben aufgehört habe.

Das Quergebälk hatte ihm den Hinterschädel zerschlagen und beim Falle war auch sein Brustkasten eingedrückt worden, wie sich bei der Obduction herausstellte.

XXIX

Was wollte er ihr sterbend sagen? fragte ich mich, auf meinem Pferde nach Hause zurückkehrend. Wollte er sagen: ich will nicht – ver . . . fluchen – oder – ver . . . zeihen?

Es regnete noch immer stark; trotzdem ritt ich im Schritt. Ich wollte noch länger allein bleiben, länger mich ohne jede Störung meinen Gedanken überlassen. Souvenir kehrte auf einem der von Kwitzinski mitgenommenen Wagen zurück. Wie jung und leicht sinnig ich auch damals war – doch der plötzliche allgemeine, nicht bloß theilweise Umschwung, der in allen Herzen durch die Erscheinung des Todes, sei er erwartet oder unerwartet (gleichviel!), hervorgebracht wird, die Feierlichkeit seines Erscheinens, die Wichtigkeit und Wahrhaftigkeit desselben, mußte auf mich den allertiefsten Eindruck machen. Ich war auch erregt . . . doch bemerkte mein noch unklarer, kindlicher Blick sofort Vieles: ich nahm wahr, wie Sletkin rasch und ängstlich die Flinte wie gestohlenes Gut von der Schulter nahm, dieselbe weit von sich warf, wie er und seine Frau im Augenblick zum Gegenstande einer zwar schweigend, aber allgemein sich vollziehenden Entfremdung wurden: es war plötzlich leer um sie her geworden . . . Auf Eulampia, deren Schuld doch sicherlich nicht geringer als die der Schwester war, erstreckte sich die Entfremdung nicht. Sie weckte selbst einen gewissen Grad von Mitgefühl für sich, als sie sich zu den Füßen des todten Vaters niederwarf. Aber daß auch sie schuldig war, wurde von Allen empfunden. »Man hat dem Alten ein Leid angethan!« sagte ein alter, greiser Bauer mit großem, dickem Kopfe, sich wie ein Richter des Alterthums mit beiden Händen und Bart auf seinen Stock stützend; »auf Eurem Gewissen wird die Sünde lasten; Ihr habt ihm ein Leid an gethan.« Dieses Wort wurde sofort von Allen als ein unveränderlicher Urtheilsspruch angenommen. Die Gerechtigkeit des Volkes hatte ihren Spruch gefällt, ich fühlte es sofort. Ich bemerkte ebenfalls, daß anfangs Sletkin nicht wagte, etwas anzuordnen. Ohne ihn hob und trug man die Leiche in’s Haus, ohne ihn zu fragen, ging der Priester nach der Kirche, um das nöthige Kirchengeräth zu holen; der Kirchendiener lief in’s Dorf, um Nachricht zur Stadt zu senden. Anna Martinowna selbst wagte nicht, mit ihrer gewöhnlich so gebietend klingenden Stimme zu sagen daß man den Kessel feuern solle, um heißes Wasser für die Leichenwäsche bereiten zu helfen. Ihr Befehl klang wie eine Bitte . . . und doch wurde heute grob darauf geantwortet . . .

Mich aber beschäftigte beständig hauptsächlich die Frage, was eigentlich Charloff im Verscheiden habe seiner Tochter sagen wollen. Wollte er ihr verzeihen oder sie verfluchen? Ich entschied mich endlich dafür, daß er ihr habe verzeihen wollen.

Drei Tage darauf wurde Martin Petrowitsch auf Kosten meiner Mutter, die sich seinen Tod sehr zu Herzen genommen und keine Ausgaben zu scheuen befohlen hatte, beerdigt. Sie selbst fuhr nicht nach der Kirche, weil sie die beiden Ungerathenen und den widerwärtigen Judenbengel – so drückte sie sich aus – nicht sehen wollte; sie schickte Kwitzinski, mich und Gitkoff hin, den sie übrigens seit der Zeit nicht anders als »Frauenzimmer« nannte. Souvenir durfte nicht vor ihre Augen treten, und noch lange zürnte ihm meine Mutter, ihn nicht anders als »Mörder meines Freundes« nennend. Diese Mißgunst lastete schwer »auf Souvenir, er ging beständig auf den Zehen in dem Zimmer umher, welches an dasjenige grenzte, in dem sich gerade meine Mutter befand, er fiel einer Art von Melancholie anheim, die, seinem Wesen entsprechend, sich in einer widerwärtigen Unruhe offenbarte.

In der Kirche und während der Procession schien Sletkin sich wieder vollkommen gefaßt zu haben. Er ordnete Alles an, machte sich, wie früher, beständig etwas zu schaffen und paßte gierig auf, daß ja nicht ein Pfennig unnöthig ausgegeben werde. Maksimka in neuer, von meiner Mutter geschenkter Casaquine, ließ im Kirchenchore solche Tenorlaute hören, daß sicherlich Niemand an seiner Anhänglichkeit für den Verstorbenen zweifeln konnte! Die beiden Schwestern waren, wie es sich gehörte, in Trauerkleidern, doch schienen sie mehr befangen als betrübt zu sein, namentlich Eulampia. Anna gab sich einen demüthigen, frommen Anschein, doch zwang sie sich nicht zu Thränen und fuhr nur mit ihrer schönen Hand über ihr Haar und Gesicht. Eulampia war beständig nachdenkend. Jenes allgemeine unwiderrufliche Urtheil, das ich am Todestage Charlof zu bemerken glaubte, schien mir auch jetzt auf den Gesichtern aller in der Kirche Anwesenden, in allen ihren Bewegungen, ihren Blicken geschrieben zu sein, aber es gab sich schon milder und so zu sagen – unbetheiligter kund. Alle diese Leute schienen zu wissen, daß die Sünde, die auf der Charloff’schen Familie lastete, diese gewaltige Sünde, jetzt dem Urtheil des einzig gerechten Richters vorliege, und daß sie deshalb nicht nöthig hatten, sich zu beunruhigen und zu entrüsten. Sie beteten inbrünstig für das Heil des Verstorbenen, den sie im Leben nicht geliebt, den sie sogar gefürchtet hatten. Der Tod war hier eben allzu hart aufgetreten.

»Hätte er doch wenigstens gesoffen,« sagte auf dem Kirchplatz ein Bauer zu dem andern.

»Auch ohne zu trinken, wird man betrunken;« antwortete dieser, »wenn es das Schicksal so will.«

»Man hat es ihm angethan,« wiederholte der erste Bauer das entscheidende Wort.

»Angethan,« sprachen die anderen ihm nach.

»Der Verstorbene hat Euch stark unterdrückt,« fragte ich einen der Bauern, in welchem ich einen Charloff’schen Leib eigenen wiedererkannte.

»Er war allerdings ein Herr,« antwortete der Bauer – »und doch – man hat es ihm angethan.«

»Angethan,« hörte man in der Menge.

Eulampia stand am Grabe wie eine Verlorene. Das Nachdenken peinigte sie . . . ein schweres Nachdenken. Ich bemerkte, daß sie mit Sletkin, der sie ein paar Mal ansprach, wie früher mit Gitkoff, wenn nicht schlimmer, verfuhr.

Einige Tage darauf verbreitete sich in unserem Kreise das Gerücht, das; Eulampia Martinowna Charloff auf immer das väterliche Hans verlassen habe, nachdem sie ihrer Schwester und deren Manne ihr ganzes Vermögen abgetreten und nur einige hundert Rubel mit sich genommen,.

Anna hat sie wohl abgefunden,« bemerkte die Mutter, »nur wir Beide«, wandte sie sich zu Gitkoff, mit dem sie Piquet spielte – er vertrat ihr den Souvenir— »haben die Sache nicht anzufassen verstanden.«

Bald darauf siedelten wir mit der Mutter nach Moskau über – und viele Jahre vergingen, ehe ich die beiden Töchter von Martin Petrowitsch wiedersah.

XXX

Doch ich sah sie wieder. Der Anna Martinowna begegnete ich auf die natürlichste Weise. Als ich nach dem Tode meiner Mutter unser Gut, das ich seit über fünfzehn Jahren nicht gesehen, wieder einmal besuchte, bekam ich vom Friedensrichter (damals ging in ganz Rußland mit der bis heute nicht vergessenen Langsamkeit der Austausch der Streuländereien vor sich) die Einladung, mit den übrigen Besitzern eines Vorwerks auf das Gut der Gutsbesitzerin, verwitweten Anna Sletkin, zu kommen. Die Nachricht, daß der meiner Mutter so verhaßte »Judenbengel mit pflaumenartigen Augen« nicht mehr auf der Welt existirte, betrübte, um es zu gestehen, mich nicht im Geringsten; doch interessirte es mich, seine Witwe zu sehen. Sie galt bei uns im Kreise für eine ausgezeichnete Wirthin. Und wirklich ich fand den Hof, das Gut, das Haus selbst (ich blickte unwillkürlich auf das Dach: es war jetzt von Eisen) in schönsten Zustande. Alles war in größter Ordnung, an seinem Platze, reinlich und – wo es nöthig war – frisch angestrichen; eine Deutsche hätte darauf stolz sein können. Anna Martinowna selbst war natürlich gealtert; aber jener eigenthümliche, trockene wie boshafte Reiz der mich ehemals so aufgeregt hatte, war noch nicht gänzlich verschwunden. Sie war ländlich, aber geschmackvoll gekleidet; sie empfing uns nicht freundlich – letzteres Wort konnte von ihr überhaupt nicht gebraucht werdend aber höflich; sie zuckte, als sie mich, den Zeugen jenes schrecklichen Vorfalles, erblickte, nicht einmal mit den Wimpern. Mit keinem Worte erwähnte sie meiner Mutter, noch ihres Vaters, noch ihrer Schwester oder ihres Mannes; es schien, als ob ihr Mund versiegelt wäre.

Sie hatte zwei reizende schlanke Töchter mit allerliebsten Gesichtchen, die heiter und freundlich aus ihren schwarzen Augen blickten; sie hatte auch einen Sohn, der zwar dem Vater ähnelte, aber doch ein prächtiger Junge war. Während den Verhandlungen der Gutsbesitzer benahm sich Anna ruhig, mit Würde, und offenbarte weder besondere Hartnäckigkeit noch Habsucht. Dennoch verstand Niemand besser seinen Vortheil wahrzunehmen als sie; Niemand wußte seine Rechte so klar darzulegen und sie zu vertheidigen; alle betreffenden Gesetze, selbst Ministerialrescripte waren ihr genau bekannt; sie sprach wenig und mit leichter Stimme, doch jedes Wort von ihr erreichte seinen Zweck. Wir schlossen damit, daß wir auf alle ihre Forderungen eingingen und solche Zugeständnisse machten, daß es zum Bewundern war. Auf dem Heimwege äußerten manche Beisitzer ihre Unzufriedenheit mit sich selbst, alle ächzten und schüttelten die Köpfe

»Welch’ kluge Frau!« sagte der Eine.

»Eine feine Canaille,« warf ein Anderer, weniger delicat, ein . . . »sie bettet Einem weich, aber es schläft sich hart.«

»Und wie sie geizig ist!« fügte ein Dritter hinzu, »ein Gläschen Wodka und einen Bissen Caviar pro Mann – da hört ja Alles aus!«

»Was soll man Besseres von ihr erwarten?»platzte ein Anderer heraus, der bis jetzt geschwiegen hatte, »wer weiß denn nicht, daß sie ihren Mann vergiftet hat?«

Zu meiner großen Verwunderung hielt es Niemand für nothwendig, eine so schreckliche, sicherlich auf Nichts beruhende Verleumdung zu widerlegen. Das wunderte mich um so mehr, als Alle ungeachtet der von mir angeführten Auzüglichkeiten, auch den undelicaten Gutsbesitzer nicht ausgenommen, doch die größte Achtung für sie an den Tag gelegt hatten.

Der Friedensrichter gerieth selbst in Pathos: »Würde sie einen Thron besteigen,« rief er, »so hätten wir eine zweite Semiramis oder Katharina II. ! . . . Gehorsam der Bauern – exemplarisch! Erziehung der Kinder – exemplarisch! Welcher Kopf, welcher Verstand!«

Semiramis und Katharina bei Seite . . . so war es doch kein Zweifel, daß Anna Martinowna ein sehr glückliches Leben führte. Sie selbst, ihre Familie, ihre ganze Umgebung athmete innere und äußere Zufriedenheit und die angenehme Ruhe der geistigen und körperlichen Gesundheit! In wie weit sie dies Glück verdiente – ist eine andere Frage. Solche Fragen stellt man sich übrigens nur in der Jugend. Alles in der Welt, das Gute und Schlechte, wird dem Menschen zugetheilt, nicht nach seinem Verdienst, aber nach bis jetzt unbekannten, doch logischen Gesetzen, auf welche näher einzugehen, ich nicht wagen kann, obwohl es mir manchmal scheint, als ob ich eine, wenn auch nur dunkle, Vorstellung von denselben hätte. —

XXXI

Ich fragte den Friedensrichter nach Eulampia und erfuhr, daß sie, nachdem sie ihr Haus verlassen, gänzlich verschollen sei – Und wahrscheinlich jetzt schon lange das Zeitliche gesegnet habe.« —

So sprach unser Friedensrichter . . . doch ich bin überzeugt, daß ich Eulampia wiedergesehen habe. Und zwar bin ich ihr unter folgenden Umständen begegnet:

Etwa vier Jahre nach meinem Zusammentreffen mit Anna Martinowna wohnte ich während des Sommers in Murino, einem kleinen Dörfchen bei Petersburg, das hauptsächlich von kleinen Beamten und dergleichen zum Sommeraufenthalt gewählt wird. Die Jagd bei Murino war damals ausgezeichnet, und ich ging wohl jeden Tag mit der Flinte aus. Ich hatte einen Gefährten bei meinen Spaziergängen einen gewissen Wikulitsch, einen Kreinbürger; es war kein dummer, und ein herzensguter Junge, aber wie er sich selbst bezeichnete, ohne alle Lebensordnung. Wo nicht überall und was Alles war dieser Mensch nicht schon gewesen! Nichts konnte ihn in Verwunderung setzen, er wußte Alles – doch liebte er nur die Jagd – und den Wein. Einmal kehrte ich mit ihm nach Murino zurück, und wir mußten an einem vereinsamt stehenden Hause, bei dem sich zwei Wege kreuzten und welches mit einem hohen Bretterzaune umgeben war, vorüber gehen. Nicht zum ersten Male sah ich dieses Haus – und jedesmal hatte es meine Neugierde erregt: es lag in ihm etwas Geheimnißvolles, Verschlossenes, Finsteres, etwas, was an ein Gefängniß oder Krankenhaus erinnerte. Vom Wege aus konnte man nur das hohe, mit dunkler Farbe angestrichene Dach erblicken; am ganzen Zaun befand sich nur ein Thor, und dieses schien stets fest verschlossen zu sein; nie hörten die Vorübergehen den hinter ihm irgend einen Laut. Trotzdem hatte man den Eindruck, daß dieses Haus sicherlich von Jemandem bewohnt werde, es hatte gar nicht das Aussehen eines verlassenen Gebäudes. Im Gegentheil, Alles an ihm schien so stark und fest, so dicht, daß man darin wohl hätte eine Belagerung aushalten können.

»Was ist das für eine Festung?« fragte ich meinen Begleiter.

»Wissen Sie es nicht?«

: Wikulitsch sah mich schlau an: »Nicht wahr, ein merkwürdiges Gebäude, es bringt dem hiesigen Landrath große Einkünfte!«

»Wie das?«

»Nun, Sie haben doch wohl schon von der Secte Chlisti unter unseren Schismatikern gehört, die, welche keine Priester anerkennen?«

»Ja wohl!«

»Hier nun wohnt ihre Haupt-Mutter!«

»Eine Frau?«

»Freilich – sie nennen dieselbe Gottesmutter.«

»Wie ist es möglich?«

»Gewiß, sie soll furchtbar strenge sein, sie herrscht da unbeschränkt. Tausende von Rubeln gehen durch ihre Hände. Ging es nach mir, so hätte ich alle diese Göttermütter . . . doch wozu darüber Worte machen!«

Er rief seinen »Pegasus«, ein sonderbares Exemplar von Jagdhund, von seltener Spürkraft, aber ganz untauglich das Wild zu stellen. Wikulitsch sah, sich genöthigt, ihm die eine Hinterpfote in die Höhe zu binden, damit er nicht so unsinnig herumlaufe.

Wikulitschs Mittheilung haftete in meiner Erinnerung; ich machte manchmal absichtlich einen Um weg, nur um an dem geheimnißvollen Hause vorbeizukommen. Einst, als ich es erreicht hatte, da hörte ich – o Wunder! den Riegel hinter dem Thore zurückschieben, dann knarrte der Schlüssel im Schlosse – die Thorflügel öffneten sich langsam – es erschien ein gewaltiger Pferdekopf unter wundersam bemaltem Krummholze, und ein kleiner Wagen, in der Art, wie ihn unsere Kaufleute, die auf dem Lande herum fahren, zu halten pflegen, fuhr bedächtig auf die Straße. Auf dem ledernen Kissen des Wagens, mir zunächst, saß ein Mann von etwa dreißig Jahren, von seltener Schönheit, eine höchst einnehmende Erscheinung. Er war mit einem reinlichen, schwarzen Bauernrock bekleidet und trug eine tief in die Stirne gedrückte schwarze Mütze. Er lenkte behutsam das wohlgefütterte, wie eine Tonne dicke Pferd. Neben dem Manne saß auf der andern, mir entfernten Seite des Wagens, kerzengrade, eine Frau von hohem Wuchs. Ihren Kopf bedeckte ein werthvoller türkischer Shawl. Sie trug ein dunkelblaues Merinokleid und darüber einen kurzen, eng anschließenden, olivenfarbigen Sammetrock; ihre weißen Hände lagen, die eine auf der andern, andächtig auf der Brust gekreuzt. Der Wagen bog links ein – die Frau war kaum zwei Schritte von mir entfernt; sie wandte ein wenig den Kopf und ich erkannte – Eulampia. Ich erkannte sie sofort, ich war nicht einen Augenblick unsicher; man konnte es auch nicht sein; solche Augen, wie die ihren, namentlich eine solche Lippenbildung – hochmüthig und sinnlich zugleich – habe ich sonst bei Niemand gesehen. Ihr Gesicht war länger, trockener geworden, die Haut dunkler; hie und da war eine Falte sichtbar, doch namentlich war der Gesichtsausdruck verändert! Es ist schwer mit Worten zu beschreiben, in welchem Grade derselbe selbstbewußt, streng und stolz war! Nicht einfaches Bewußtsein der Herrschaft verrieth jeder Zug, nein, Uebersättigung von derselben. Aus dem verachtenden Blicke, dessen sie mich würdigte – sprach eine lange, tief eingewurzelte Gewohnheit, nur dem vollsten, keine Grenzen kennenden, blinden Gehorsam zu begegnen. Die Frau lebte augenscheinlich nicht von Verehrern, sondern von – Sklaven umgeben; sie hatte augenscheinlich selbst die Zeit vergessen, wann irgend welcher Befehl oder irgend welcher Wunsch von ihr – nicht sofort erfüllt worden wäre. Ich rief sie laut beim Namen. Sie fuhr ein wenig zusammen und blickte mich zum zweiten Male an – nicht erschreckt, aber hochmüthig zürnend, als ob sie sagen wollte, »wer wagt, mich zu beunruhigen?« Die Lippen kaum öffnend, ertheilte sie darauf einen Befehl; der neben ihr sitzende Mann regte sich, schlug heftig mit der Leine auf das Pferd – dieses setzte sich in scharfen Trab – und der Wagen verschwand

Seitdem habe ich Eulampia nicht wieder gesehen. Auf welche Weise die Tochter von Martin Petrowitsch Charloff Gottesmutter bei den Chlisti geworden – dafür habe ich keine Erklärung; doch wer weiß – vielleicht hat sie schon eine neue schismatische Secte – gestiftet, welche sich dann möglicherweise nach ihrem Namen »Eulampisten« nennt oder nennen wird. Alles ist möglich auf dieser Welt.

Das wollte ich Ihnen von meinem König Lear, seinen Hausgenossen und seinen Schicksalen erzählen.

Der Erzähler schwieg – wir plauderten noch ein Weilchen und gingen dann nach Hause.

1.»Muße des Fleißigen.« Periodische Zeitschrift, Moskau 1785. Band 3, p. 23, Z.11.
2.Muße des Fleißigen 1785. Band III, p. 215.
3.Geld, das die Leibeigenen an den Gutsbesitzer zahlten, um das Gut verlassen und anderswo einen Verdienst suchen zu dürfen.

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04 dekabr 2019
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