Kitabı oxu: «Glanz und Elend der Geisteswissenschaften»

Das Wissen dieser Welt aus den Hörsälen der Universitäten.
Fachbereich
PHILOSOPHIE / WISSENSCHAFTSTHEORIE
Glanz und Elend der Geisteswissenschaften
Von Prof. Dr. Jürgen Mittelstraß
Glanz und Elend der Geisteswissenschaften
Die Geisteswissenschaften haben es schwer. Nicht nur, weil sie in der modernen Wissenschaftsentwicklung in den Schatten der Naturwissenschaften geraten sind und sich immer wieder gegenüber dem Vorwurf zu behaupten haben, Wissenschaften geringeren Standes zu sein, sondern weil es auch mit ihrer öffentlichen Wahrnehmung schlecht bestellt ist. Wo es um gesellschaftliche Bedeutung und Nutzen, zumal wirtschaftlichen Nutzen, geht, haben die Geisteswissenschaften schlechte Karten. Dabei spricht eigentlich alles für ein kooperatives Verhältnis zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, zwischen Geist und Natur. Handelt es sich doch bei Geist und Natur um die eigentlichen Schlüsselworte der europäischen Kultur, auch heute noch. Mit dem Begriff des Geistes verbindet sich der unbedingte Wille zu begreifen, sich im Denken und durch das Denken zu orientieren; mit dem Begriff der Natur verbindet sich der unbedingte Wille, dieses Begreifen nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf die Welt, die allem Begreifen vorausliegt, zu beziehen. Philoso phiehistorischen Ausdruck findet diese fundamentale Konstellation vor allem in der Philosophie des Deutschen Idealismus (bei Fichte, Hegel und Schelling), wissenschaftshistorischen Ausdruck in der Institutionalisierung der Natur- und Geisteswissenschaften im 19. Jahrhundert. Gegenstand des naturwissenschaftlichen Begreifens ist die Natur, Gegenstand des geisteswissenschaftlichen Begreifens der Geist bzw. das, was dessen Wirken ausmacht.
Insoweit scheint alles in bester Ordnung zu sein. Doch dieser Schein trügt, vor allem auf der Seite der Geisteswissenschaften. Deren derzeitige Lage ist, wenn man ihren Kritikern, ja Verächtern, und ihren eigenen Vertretern Glauben schenken will, prekär. Kritiker und Verächter, ob auf wissenschaftlicher oder gesellschaftlicher Seite, ge fallen sich gegenüber den Geisteswissenschaften mit immer neuen Aufweisen ihrer vermeintlichen Entbehrlichkeit, ihre Vertreter sind kleinmütig geworden und spielen geduldig die Rolle der Zauderer und Zerknirschten. Elend der Geisteswissenschaf ten oder viel Lärm um nichts?
Tatsächlich zeugt die beschriebene Situation eher von Mißverständnissen als von Einsichten – auf beiden Seiten, der Seite der Kritiker und der Seite der Geisteswissenschaftler selbst. Das will ich im Folgenden deutlich machen, indem ich zunächst von einer halbierten Kultur und dem Kleinmut der Geisteswissenschaftler spreche, dann von Aufgaben, die ohne die rechtverstandene Arbeit der Geisteswissenschaften unerledigt blieben, und einer selbstbewußteren Perspektive, mit der der Disput um die vermeintliche Unerheblichkeit und Nutzlosigkeit der Geisteswissenschaften ein Ende fände. Die Stichworte lauten: die Teilung der Welt, Selbstzweifel, alle Wissenschaft ist Geisteswissenschaft, die kulturelle Form der Welt.
1. Die Teilung der Welt
Krisen im System der Wissenschaft – wobei mit diesem System eine fachliche und disziplinäre Ordnung gemeint ist, die sich mal recht, mal schlecht in den institutionellen Strukturen einer Universität (Instituten, Fachbereichen, Fakultäten etc.) widerspiegelt – werden offenbar immer dann als besonders gravierend empfunden, wenn sie von den wissenschaftlichen Nachbarn geschürt und von den eigenen Vertretern bereitwillig aufgenommen und durch Selbstzweifel noch verstärkt werden. Eben dies ist heute in Sachen Geisteswissenschaften der Fall. Dabei spielt die Unterscheidung zwischen zwei Kulturen, nämlich der naturwissenschaftlichen und der geisteswissenschaftlichen Kultur, eine entscheidende Rolle. Sie ist die Erfindung eines Mannes, der beide Seiten zu verstehen glaubte, nämlich des Physikers, Romanciers und hohen britischen Staatsbeamten Charles Percy Snow in einer eher beiläufigen Rede aus dem Jahre 1959.1 Mit dieser semantischen Zuspitzung – zwei Wissenschaftstypen gleich zwei wissenschaftliche Kulturen – und einer sehr unterschiedlichen Beurteilung beider Seiten stürzen die Geisteswissenschaften in eine (wirkliche oder nur eingebildete) tiefe Krise. Nach Snow und einer sich auf ihn berufenden verbreiteten Vorstellung stürmt der naturwissenschaftliche Verstand in die Zukunft und arbeitet hart, während der geisteswissenschaftliche Verstand sich aus dieser Entwicklung abgemeldet, sich in der Vergangenheit wohlig eingerichtet habe und feiere. Außerdem hätten die Naturwissenschaften nicht nur “die Zukunft im Blut”2, sondern auch die Welt in der Hand, die Geisteswissenschaften allenfalls sich selbst. Die einen seien science, Messen und Wiegen, was Objektivität verbürgt, die anderen ‘Literatur’, Bildung und Erinnerung, was offenbar in nichts als Subjektivität führt.
Nun zeugen derartige Unterscheidungen nicht gerade von großer begrifflicher Subtilität, eher vom Umgang mit dem philosophischen Hammer als mit dem philosophischen Florett. Dennoch kommen sie nicht ganz unbegründet daher. Tatsächlich verhalten sich die Geisteswissenschaften in ihren Vorstellungs- und Denkgewohnheiten häufig so, “als wäre die überlieferte Kultur die ganze ‘Kultur’, als gäbe es das Reich der Natur gar nicht. Als wäre die Erforschung seiner Ordnung weder um ihrer selbst willen noch ihrer Folgen wegen interessant. Als wäre das wissenschaftliche Gebäu de der physikalischen Welt in seiner geistigen Tiefe, Komplexität und Gliederung nicht die schönste und wunderbarste Gemeinschaftsleistung des menschlichen Geistes”3. Shakespeare gelesen zu haben, so Snows provozieren des Beispiel, ist Kultur, den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu kennen, offenbar nicht.4
Das Beispiel ist zweifellos gut gewählt und zugleich irreführend. Die Verhältnisse sind in der Tat weder symmetrisch noch einfach ineinander überführbar. Der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik läßt sich eben nicht mit Hamlet vergleichen, und das Periodensystem der chemischen Elemente nicht mit Rilkes Vermessung der Seele. Nicht weil wir es hier mit zwei Welten zu tun haben, die sich nie begegnen, sondern weil sich die geisteswissenschaftliche Vernunft, die auf ihrem Felde zu begreifen sucht, nicht als objektives Wissen, als Tatsache zur Geltung bringt. Ihr Medium ist weit eher das Gespräch, der Diskurs, nicht das Labor und nicht das Lehrbuch. Andererseits macht das Beispiel sehr schön deutlich, daß in unserer Welt die Rationalitäten, hier die naturwissenschaftlichen und die geistes wissenschaftlichen Rationalitäten, auseinanderdriften. Die moderne Welt ist, wissenschaftssystematisch und kulturell gesehen, eine partikularisierte Welt; Grenzen der Theorien, der Erfahrungen, der Wahrnehmungen werden zu Grenzen der Welt. Und auch darum hat Snow recht: “Unsere Gesellschaft (...) gibt nicht einmal mehr vor, eine gemeinsame Kultur zu besitzen.”5
Das Resultat ist eine halbierte Kultur. Ihre Teile bilden eigene Welten, die objektive Welt des Naturwissenschaftlers und die subjektive, ‘literarische’ Welt des Geisteswissenschaftlers. Zugleich drückt sich in dieser Zerlegung die Unfähigkeit des modernen Menschen aus, in einer gemeinsamen Welt zu leben. Die Rede von den zwei Kulturen ist denn auch nicht nur Ausdruck der Einsicht, daß sich die moderne Welt in unterschiedliche Teile zerlegt, sondern auch ein Mythos, den sich das wissenschaftliche Bewußtsein geschaffen hat, um seine Unfähigkeit, die Unfähigkeit der Wissen schaft, noch in gemeinsamen Rationalitäten zu denken, besser zu verbergen. Und in diesem Punkte sind die Unfähigkeiten zwischen Naturwissenschaftlern und Geistes issenschaftlern gut verteilt. Nicht nur die Geisteswissenschaftler tun sich schwer, die Naturwissenschaften als Ausdruck einer gemeinsamen Kultur zu begreifen, auch Naturwissenschaftler machen es sich zu leicht, wenn sie die Kultur der Geisteswissenschaften lediglich als gebildete und forschende Erinnerung an vergangene Kulturen darzustellen suchen. Nur was Köpfe nicht mehr zusammenhalten können, wird zur eigenen Welt; nur wer das Partikulare für das Ganze hält, verliert es, ohne es zu bemerken.
Eigentlich sollte man in dieser Situation erwarten, daß zumindest die Geisteswissenschaften selbst an eine Überwindung der ihnen von Snow zugedachten marginalen Rolle und damit an eine Überwindung des Mythos von den zwei Kulturen denken. Doch weit gefehlt. Mit der so genannten Kompensationstheorie assistieren die Geisteswissenschaften eben jenem Mythos, den es doch zu überwinden gilt. Diese Theorie besagt, daß die Geisteswissenschaften Modernisierungsschäden zu kompensieren haben, die durch das Tempo naturwissenschaftlicher und technischer In novationen entstehen. In den Worten des Philosophen Odo Marquard: “Die Geisteswissenschaften helfen den Traditionen, damit die Menschen die Modernisierungen aushalten können: sie sind (...) nicht modernisierungsfeindlich, sondern – als Kompensation der Modernisierungsschäden – gerade modernisierungsermöglichend.”6 Marquards These “je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften”7 macht diese Vorstellung für viele Geistes wis senschaftler endgültig schmackhaft.
Pulsuz fraqment bitdi.