Kitabı oxu: «Vom Bundeshaus ins Passantenheim»

Şrift:

Jakob Wampfler

mit Markus Richner

Vom Bundeshaus ins Passantenheim

Jakob Wampfler

mit Markus Richner

Vom Bundeshaus ins Passantenheim

Über den Aufstieg nach unten

Vom Postboten zum Hoffnungsboten


Das verwendete Papier ist FSC-zertifiziert. Als unabhängige, gemeinnützige, nichtstaatliche Organisation hat sich der Forest Stewardship Council (FSC) die Förderung des verantwortungsvollen und nachhaltigen Umgangs mit den Wäldern der Welt zum Z iel gesetzt.


Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte biblio­grafische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.

Lektorat: Stephan Richner Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Fotos Umschlag: Mirjam Zurbrügg Fotos Innenteil: Aus persönlicher Sammlung Sophie und Jakob Wampfler Grafiken Innenteil: Peter Meyer Satz und Herstellung: Edition Wortschatz, Cuxhaven

© 2018 Sophie und Jakob Wampfler-Blees


Edition Wortschatz, Sauerbruchstraße 16, 27478 Cuxhaven ISBN 978-3-943362-50-3 Dieses Buch ist auch in gedruckter Form erhältlich. Bestell-Nr. 588 878

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Autors

www.edition-wortschatz.de


Inhalt

Vorwort von Pfr. Geri Keller 7

Der ominöse Cowboyhut 9

1. Plötzlich im Rampenlicht 10

2. Sophie taucht auf 20

3. Liebe in der Luft 27

4. Bund fürs Leben 33

5. Von Jesus erzählen 40

6. Unterwegs für Jesus 46

7. Lebensretter und frontale Versuchung 50

8. «Hier hast du einen Vater» 53

9. Der strahlende Strassenfeger 59

10. Jetzt erst recht 61

11. Vaters Tod 63

12. Prophetie am Stammtisch 70

13. Der Mann mit den Hunden 72

14. Deine Probleme sind meine Probleme 76

15. Alles vergeben und vergessen 85

16. Berührt von Gottes Vaterliebe 88

17. Ein später Neuanfang 90

18. Lasset die Jugendlichen zu mir kommen! 95

19. Red Bull vom Himmel 99

20. Adrian 102

21. Gottesdienst auf dem Bauernhof 106

22. Behüte dein Herz! 111

23. Die doppelte Hunderternote 113

24. Mit Ernst Sieber im Marriott 116

25. Wir ziehen weiter 121

26. Salutisten 127

27. London 130

28. Vom Bundeshaus ins Passantenheim 135

29. Weihnachtsgans, Silberdistel und Säm 141

30. Epesses-Köbu 147

31. Ein trautes Heim 152

32. Ein reich gesegnetes Leben 156

Kontaktaufnahme 162

Anhang A: Vom Bschüttloch i Himmel 163

Anhang B: Das Gelübde der Heils­armeesoldaten 164

Anhang C: Die Heils­armee 165

Vorwort von Pfr. Geri Keller

Vor rund 13 Jahren ging an unserem Schweizer Bestsellerhimmel ein neuer Stern auf: Jakob Wampflers legendärer Erstling: Vom Wirtshaus ins Bundeshaus. Auch Tageszeitungen und Medien bis hin zum Schweizer Fernsehen rissen sich damals das Buch unter den Nagel und sorgten damit für seine weite Verbreitung. Wie meist bei solchen Geschichten, die sich wie ein Märchen anhören, möchte man am Schluss eigentlich wissen, wie’s dann weiterging und ob das Glück von Dauer war. Genau auf diese Frage gibt der Autor in diesem neuen Band ehrlich und erschöpfend Auskunft.

Mit dem Titel: Vom Bundeshaus ins Passantenheim schlägt der Verfasser eine Brücke zum bekannten Erstlingswerk. Aber im Grunde gilt auch hier: Der Weg ist das Ziel. In diesem Buch entfaltet sich das ganze Panorama eines Lebens mit Jesus Christus. Es ist das wohl originellste Handbuch für Evangelisation, das ich kenne, und gleichzeitig finden wir Einsichten in das Geheimnis einer Ehe, die absolute Aha-Erlebnisse sind. Doch schön der Reihe nach. Jakob Wampfler kam ja nicht nur ins Bundeshaus, sondern zuerst und vor allem ins Vaterhaus seines Gottes. Und da gelten andere Regeln, auch andere „Kleidervorschriften“ im Geist. Bekehrung ist das eine, doch eine Neuschöpfung unserer Persönlichkeit das andere! Wir sollen wieder dem gleichen, der uns nach seinem Bild geschaffen hat. In solchen Prozessen ist die Ehe wohl einer der wirksamsten Brandbeschleuniger, besonders wenn die beiden Ehepartner ganz unterschiedliche Persönlichkeiten sind. Genau diese Gnade ist Jakob Wampfler zuteil geworden, als der Herr buchstäblich ein „Elfchen“ in sein Leben brachte: Sophie, eine hochbegabte, musische und feinfühlige Frau, die in Oratorienchören mitsingt. Natürlich haben die beiden mehr gemeinsam, als man auf Anhieb denken könnte. Aber da war Geduld und gegenseitige Achtsamkeit vonnöten. So wurden und sind sie einander eine Gottesgabe auf dem Weg zu einer reifen Vater- und Mutterschaft.

Und dann gibt es neben dem Segen zahlreicher Lebensfreundschaften noch eine weitere Gnade in ihren Leben. Schon als Kinder haben wir es gesungen: „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die Heils­armee.“ Im Heils­armee-Korps Thun fanden sie ein geistliches Zuhause. Im Reich Gottes soll es ja keine Einzelkämpfer geben, Begabung hin oder her. Selbst unser dreieiniger Gott lebt in sich Gemeinschaft und Verbindlichkeit; wie viel mehr sind wir dazu berufen. Als uniformierte Salutisten stehen Jakob und Sophie nun unter höherem Befehl und können es auch in der Öffentlichkeit zum Ausdruck bringen: Wir gehören mit Haut und Haar unserem Herrn und Heiland und schämen uns des Evangeliums nicht.

In 32 Kapiteln führt uns der Autor durch einige der wichtigsten Erlebnisse in seinem Leben und Dienst. Was für ein Bilderbuch der Gnade und Treue Gottes! Wie oft haben wir es schon gehört, dass das Leben in der Nachfolge Christi das grösste Abenteuer sei. Hier haben wir die Bestätigung, schwarz auf weiss. Als zum Beispiel unserem Diemtigtaler Freund die Steine um und an den Kopf flogen auf einer Lastwagenbrücke im afrikanischen Kenia. Dort empfing er seine Feuertaufe, sodass es ihn fortan noch mehr trieb, Verlorenen von Jesus zu erzählen ohne Rücksicht auf Verluste. Vor allem für Alkohlkranke und Süchtige aller Art schlägt sein Herz. Da erwacht der Löwe in ihm, der dem Feind mit dem Schwert des Geistes und mit anhaltendem Gebet die Beute aus dem Rachen reisst. Nicht umsonst hat ihm Gott auf diesem Gebiet eine ganz besondere Vollmacht gegeben, die aus den Wunden Jesu und aus seinen eigenen, geheilten Wunden heraus wächst.

Ein besonderer Dank gebührt dem Verfasser, dass er uns teilhaben lässt an Gottes verborgenen Versöhnungswegen in Menschenleben und Familien. Vor allem im Kapitel über „Vaters Tod“ betreten wir heiligen Boden. Aber auch Jakobs Freundschaft mit Adrian, dessen Leben von Downsyndrom und Krankheit geprägt war, oder mit Verwahrlosten und jungen und alten Vaterlosen – überall begegnet uns die Nähe und das Erbarmen unseres Vaters im Himmel. Wie wahr sind doch die Worte jenes alten Liedes: Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht!

Anlässlich des 150-Jahr-Jubiläums der Heils­armee im Sommer 2015 finden wir dann den Autor mit seinen Thuner Freunden in London auf den Spuren des Gründers der Heils­armee. Das Ganze war nicht nur die Erfüllung seiner Träume; nein, es war ein Kuss vom Himmel! Sogar die Spelunke entdecken sie wieder, die William Booth seinerzeit gekauft und zu einer Stätte des Segens gemacht hatte. Als sie später am Grab des Gründerehepaares niederknien, um vor Jesus nochmals ihre Ganzhingabe festzumachen, erleben sie einen heiligen Moment der Ewigkeit.

Jetzt, wo dieses Buch herauskommen soll, ist die Luft voll von Blütenstaub, der sich wie ein Teppich über alles legt. Ich nehme es als ein Bild auch für unser Buch. Möge der Blütenstaub von Leben und Hoffnung, der aus seinen Seiten herausfällt, viele Menschen erreichen und sie zum Staunen bringen über unsern grossen Gott und Heiland der Welt!

Der ominöse Cowboyhut

«Was ist denn das für eine Marotte, dass Du ständig einen Cowboyhut auf deinem Kopf trägst?», werde ich immer wieder gefragt?

Nun, das hat mehrere symbolische Bedeutungen. Als ich vor Jahren nicht mehr sämtliches zur Verfügung stehende Geld versoff und verkiffte, konnte ich es mir leisten, den Westen der USA zu bereisen. Mit drei Freunden zusammen erlebte ich unvergessliche Wochen. Es war meine erste ganz grosse Reise. Entsprechend war ich pausenlos überwältigt von der Natur und den Sehenswürdigkeiten dieser Gegend. Und so hatte ich auch das Bedürfnis, mir einen Cowboyhut zu besorgen.

Diesen Cowboyhut kaufte ich mir in einer Art Freiluftkiosk im berühmten kalifornischen Death Valley, also im Tal des Todes. Heute jedoch befinde ich mich im Tal des Lebens – des ewigen Lebens.

Und wenn ich diesen Hut auf dem Kopf trage, so bin ich logischerweise «behutet». Viel wichtiger jedoch als «behutet» zu sein ist es, wenn wir behütet sind. Dies jedoch können wir einzig und allein bei unserem treuen himmlischen Vater und Gott erleben. Es lohnt sich total und es ist überlebenswichtig – auch für Dich.

1. Plötzlich im Rampenlicht

Meine Geschichte sollte also in Kürze als Buch veröffentlicht werden. Es würde den Titel «Vom Wirtshaus ins Bundeshaus» tragen, was in etwa die Zusammenfassung meiner bisherigen «Karriere» war. Eigentlich hatte ich es bis anhin nicht sonderlich weit gebracht. Nach 23 Jahren Alkoholsucht war ich endlich frei von sämtlichen Suchtmitteln und in der Lage, mein Leben unter Kontrolle zu halten. Aber eigentlich müsste ich korrekter sagen: Jesus Christus hat mein Leben unter Kontrolle gebracht. Er allein ist der Grund, weshalb ich noch immer lebe. Und er war auch der einzige Grund, weshalb meine Lebensgeschichte in Kürze in Buchform erscheinen sollte. Ohne Jesus gäbe es da nämlich keine Geschichte zu erzählen. Höchstens eine Tragödie.

Der grosse Tag der Veröffentlichung kam immer näher. Und meine Nervosität wuchs immer mehr. Mein Verleger und Ghostwriter hielt mich ständig über den Produktionsfortschritt auf dem Laufenden. Oft schien mir, als würde ich neben mir stehen und das Geschehen als unbeteiligter Beobachter verfolgen. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, weshalb 1‘000 Exemplare des Buches an meinen damaligen Arbeitsplatz geliefert wurden. Irgendwelche Überlegungen mochten dahintergesteckt haben, aber in all meiner Aufregung habe ich wohl jedem Einfall, den irgendjemand hatte, einfach zugestimmt. Wie auch immer: Am 17. April 2005 wurden 1‘000 Bücher im Bundeshaus abgeliefert. «Zuhanden Jakob Wampfler». In einem Vorraum fand ich genügend Platz, um die Bücher zu deponieren.

«Diese Bücher müssen aber schnell wieder weg!», protestierte mein Chef.

Er war wenig begeistert über diese Aktion. Und ich, ehrlich gesagt, etwas überfordert. Auf mein Versichern, meine Arbeit pflichtbewusst zu verrichten und die Bücher umgehend zu mir nach Hause zu transportieren, beruhigte er sich wieder.

Für denselben Abend konnte ich einen Freund engagieren, der die Fracht zu mir nach Hause brachte. Damit war das Buch an meinem Arbeitsplatz aber bereits zum ersten Mal das Gesprächsthema – wenn auch aus einem speziellen Grund.

Um meinen Vorgesetzten doch noch eine Freude zu machen, überreichte ich ihnen am selben Tag eine visierte Ausgabe meines Buches. Auch wenn einzelne Personen gegenüber dem Buch negativ eingestellt blieben, konnte doch der grösste Ärger abgewandt werden. Ja, die meisten freuten sich sogar über mein Werk.

Davon, was durch eine Buchveröffentlichung auf mich zukommen konnte, hatte ich keine Ahnung. Im Vorfeld kontaktierte ich einmal Lukas Hartmann und bat um einige Tipps. Er ist ein bekannter Schweizer Buchautor und Ehemann der Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Mit ihm verbindet mich eine jahrelange Freundschaft und er war gerne bereit, einmal einen Blick auf mein Manuskript zu werfen. In der Folge erhielt ich von ihm eine grandiose Beratung über vieles, das es rund um eine Buchveröffentlichung zu wissen galt. Bis dahin hatte ich keine Ahnung davon, welche Rolle die Medien spielen konnten, was genau ein Rezensionsexemplar ist und wohin ein solches idealerweise geschickt wird. Lukas Hartmann stellte mir sogar eine ganze Liste von geeigneten Medien zusammen, welche ich mit Rezensionsexemplaren versorgen konnte.

Die Veröffentlichung von «Vom Wirtshaus ins Bundeshaus» meldete ich auch in verschiedenen Buchhandlungen in Bern an. Während sich einige Verkäuferinnen und Verkäufer zurückhaltend zeigten, fand ich im christlichen Bücherladen Vivace offene Türen. Am offiziellen Erscheinungstag des Buches, das war der 20. April 2005, verbrachte ich den ganzen Tag im Vivace, wo ich Bücher unterzeichnete und vor allem auch viele gute und tiefe Gespräche führte.

Ein Freund aus dem Bundeshaus arrangierte für mich einen kleinen Auftritt im Schweizer Fernsehen. So tauchte an besagtem Tag auch ein Filmteam auf, um einige Aufnahmen von mir zu machen. Das Material würde dann zu einem Beitrag von wenigen Minuten zusammengeschnitten und zu einem späteren Zeitpunkt in der Sendung «Schweiz aktuell» gezeigt werden. Mit solchen Möglichkeiten hatte ich wirklich nicht gerechnet.

Schon in den darauffolgenden Tagen gab es viele Reaktionen. Im Bundeshaus sprachen mich Leute an und fragten, was denn der Inhalt sei. Solche Momente waren für mich besondere Gelegenheiten, um Menschen von dem zu erzählen, was ich erlebt hatte: Jesus Christus hatte mich frei gemacht. Nachdem ich ein wirklich harter Säufer war, kiffte und auch sonst einen äusserst ungesunden Lebensstil pflegte, war ich jetzt frei. Und dies schon seit 1999. Zu damaligem Zeitpunkt waren es sechs Jahre. In dieser Zeit wurde ich sporadisch mal in Kirchen und andere Gruppen eingeladen, um meine Geschichte zu erzählen. Das tat ich immer gerne. Durch das Buch hatte ich jetzt ganz neue Gelegenheiten, Menschen zu erzählen, wie Jesus mich frei gemacht hatte.

Der Rummel nahm sehr schnell zu – mehr als ich erwartet hatte. Und wieder einmal kümmerte sich Prof. Dr. Heinrich Koller um mich. Als Direktor des Bundesamtes für Justiz war er schon derjenige gewesen, der mir im Jahr 1992 die Chance eines Arbeitsplatzes im Bundeshaus gegeben hatte. In den sieben folgenden Jahren hatte ich mir manchen Blödsinn geleistet, der zu einer Kündigung hätte führen können. Herr Koller stand aber die ganze Zeit hinter mir. Als ich 1999 in angetrunkenem Zustand und im Besitz vertraulicher Bundesratsakten in einer Wirtschaft aufgefunden wurde, lehnte er sich weit aus dem Fenster und gab mir noch einmal eine Chance. Er setzte sich allen entgegen, die mich sofort entlassen wollten. Doch dann folgte ein sehr ernstes Gespräch unter vier Augen.

«Herr Wampfler, ich gebe Ihnen jetzt noch eine Chance – das ist ihre letzte!» Der Ernst in Herrn Kollers Augen war nicht zu übersehen.

«Sie haben Ihre Grenzen mehr als ausgelotet. Wenn Sie noch einmal in angetrunkenem Zustand zur Arbeit kommen oder sich aufgrund von Suchtmittelkonsum einen Lapsus leisten, sind Sie Ihren Job los. Haben Sie mich verstanden?»

Ich nickte. Inzwischen war sogar mir klar, dass ich mit keiner Sonderbehandlung mehr rechnen durfte. Doch Herr Koller sah mich weiterhin eindringlich an und sagte mit fester Stimme:

«Was ist denn eigentlich mit Ihrem Glauben an Gott, Herr Wampfler? Hilft Ihnen denn dieser Glaube nichts?»

Das sass!

Ich war derart getroffen, dass ich noch dort, auf dem Stuhl sitzend, innerlich zu Gott zu schreien begann. Unbedingt brauchte ich eine Veränderung in meinem Leben!

In diesem Moment hatte ich keine Erwiderung bereit. Es ist traurig, wenn man sich als Christ ausgibt, jedoch ein mieses Doppelleben führt. Und genau ein solcher Mensch war ich – das wusste ich in diesem Augenblick ganz genau.

Dann änderte sich Kollers Stimme, während er mir eine Karte über den Tisch schob.

«Hier ist meine Karte», sagte er, und sah mich freundlich an. «Auf dieser Karte finden Sie meine Natelnummer. Sollten Sie jemals den Drang verspüren, irgendetwas zu konsumieren, dann rufen Sie mich an! Ich bin 24 Stunden am Tag für Sie da!»

Dankbar nahm ich die Karte entgegen.

«Das ist Ihre letzte Chance, Herr Wampfler», hielt Herr Koller noch einmal fest. «Es liegt jetzt an Ihnen, eine ernsthafte Entscheidung zu treffen. Ich frage mich nur: Sind Sie zu 100-prozentiger Abstinenz bereit? Nehmen Sie heute Nachmittag frei und überlegen Sie sich, wie Sie sich Ihr weiteres Leben vorstellen. Ich erwarte Ihre Antwort morgen.»

Es folgte ein kurzer Moment des Schweigens.

«Das ist Ihre letzte Chance. Nehmen Sie diese Chance wahr! Ich werde für Sie beten!»

«Ja, das werde ich!», erwiderte ich, bevor ich sein Büro verliess. Irgendwie war ich wach geworden. Endlich verstand ich die Ernsthaftigkeit meiner Lage.

Aufgerüttelt verliess ich das Bundeshaus. Die vergangenen sieben Jahre hatte ich ein Leben der Kompromisse geführt. Natürlich wollte ich frei sein von Alkohol und Drogen. Ich wollte auch ernsthaft ein Leben als Christ führen. Trotzdem bildete ich mir immer wieder ein, dass ein bisschen Alkohol oder ein einziger Joint schon nicht so schlimm sei. In der Folge führte diese Einstellung zu vielen Problemen.

Vor dem Bundeshaus wartete mein Freund Heinz Hügli auf mich.

«Jetzt ist nicht Zeit zum Diskutieren», wies er mich an. «Gehen wir spazieren!»

Wir schlenderten der Aare entlang. Es war der 19. August 1999. Ich traf den Entscheid, ganze Sache zu machen, und betete ernst – ja, verzweifelt.

In der Offenbarung lesen wir, wie Jesus sich an den Gemeindeleiter in Laodizea richtet und folgende Worte sagt: «Weil du lau bist und weder kalt noch heiss, werde ich dich ausspeien aus meinem Mund.»1

Damals, im Jahr 1999, entsprach meine eigene Temperatur mit Sicherheit dem «lau», welches Jesus letztlich ausspeien wird. Er hasst dieses scheinbar Christliche, welches sich zwar zu ihm bekennt, letztlich aber voller Kompromisse und Halbheiten ist.

«Jesus Christus», betete ich. «Es tut mir leid, dass ich dich immer und immer wieder betrogen habe und eigene Wege gegangen bin. Vergib mir meinen Eigensinn und meinen Stolz! Bitte vergib mir meine Sünden, meine Kompromisse und mein Denken, alles besser zu wissen! Von heute an will ich dir gehorsam sein und meine Hände von allen Suchtmitteln lassen. Bitte hilf mir dabei!»

Und dann sagte ich den vielleicht wichtigsten Satz meines ganzen Lebens:

«Ich will aufhören zu ‹bescheissen›2!»

Das war der Tag, an dem sich Jesus über mich erbarmte. Es war der Tag, an dem ich von meinen Süchten befreit wurde. An diesem Tag verschwanden all mein Alkohol, alle Drogen und Tabletten aus meinem Leben. Und Jesus hat mich tatsächlich und nachhaltig frei gemacht. In der Folge wurde ich nicht müde zu bezeugen, was Jesus Christus an mir getan hatte.

Dieser Tag lag nun schon sechs Jahre zurück. Jetzt hatten wir 2005 und meine Geschichte war gerade dabei, in Form eines Buches einiges an Sand aufzuwirbeln. In all dieser Zeit war ich Herrn Koller immer dankbar geblieben, dass er mich nicht fallengelassen hatte. Für mich war es eine besondere Ehre, als sich Herr Koller sogar bereit erklärte, das Vorwort in «Vom Wirtshaus ins Bundeshaus» zu schreiben.

Wahrscheinlich war ihm meine Dankbarkeit sehr wohl bewusst. Auf jeden Fall blieb er jetzt als Unterstützer an meiner Seite. Gerade in dieser hektischen Zeit der Buchveröffentlichung war ich äusserst froh, jemanden an meiner Seite zu haben, der mich am Arbeitsplatz etwas abschirmte und Grenzen setzte.

Herr Koller wurde zuweilen von Vertretern der Medien aufgesucht. Eine besonders brisante Frage wurde ihm sowohl vom Zürcher Tagesanzeiger wie auch vom «Fenster zum Sonntag» gestellt. «Herr Koller, weshalb haben Sie Herrn Wampfler immer wieder eine Chance gegeben, obwohl er Sie so oft enttäuschte?»

Die Antwort von Herrn Koller war erstaunlich. Er sagte: «Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Irgendwie musste ich einfach so handeln.»

Einmal sagte eine Journalistin zu Herrn Koller: «Jetzt haben Sie viele Jahre wie ein Vater ins Leben von Jakob Wampfler investiert. Ihr Aufwand hat sich nun ausbezahlt gemacht. Er ist stabil und hat sogar ein Buch veröffentlicht.» Die Worte sollten ein Lob an Herrn Koller sein. Aber dieser intervenierte sehr schnell.

«Nein, nein! Meine Aufgabe an Herrn Wampfler ist noch nicht vorbei. Noch immer bete ich jeden Tag für ihn. Und noch immer bin ich für ihn da.»

Diese Worte berührten mich sehr.

Eines Tages wurde ich unerwartet ins Büro des damaligen EJPD3-Generalsekretärs gerufen. Er hatte mein Buch gelesen und bat mich um eine Widmung.

«Und wie ist es eigentlich mit unserem Chef, Herrn Blocher?», fragte er. «Ist er schon im Besitz ihres Buches?»

«Keine Ahnung!»

«Das wollen wir doch gerade herausfinden», sagte er und griff zum Telefon. Während er wählte, hängte er noch an: «Vielleicht hat er ja gerade einen Moment Zeit für Sie?»

Tatsächlich wurde ich ins Büro von Bundesrat Blocher gerufen.

Ich war höchst überrascht, dass er sich für mich interessierte. Trotzdem hielt sich meine Freude in Grenzen. Herr Blocher hatte sich nämlich kurze Zeit zuvor darüber beschwert, wie Bundesangestellte ihrer Arbeit in Birkenstöcken nachgingen. «Das ist keine angemessene Bekleidung!», meinte er. Natürlich trug ich zu besagtem Zeitpunkt Birkenstöcke. Doch was sollte ich tun? Die Einladung ausschlagen war sicher keine gute Option.

Nach einer kurzen Begrüssung sagte Herr Blocher mit einem Augenzwinkern: «Jetzt will ich doch auch einmal ein paar Worte mit dem bekanntesten Mitarbeiter der Bundesverwaltung wechseln.»

Eigentlich hatte ich schon eine Bemerkung auf der Zunge, dass er bezüglich Bekanntheit wohl kaum etwas zu klagen hätte –, aber ich zwang mich, für einmal den Mund zu halten. War vielleicht besser so.

Herr Blocher lud mich ein, auf einem Polstersessel Platz zu nehmen. Er setzte sich zu mir und er sprach zwanzig Minuten mit mir über ganz verschiedene Themen. In seiner früheren Firma habe er sich auch oft um Mitarbeiter mit Alkoholproblemen gekümmert.

Schliesslich schien der Bundesrat das Gespräch langsam zum Abschluss bringen zu wollen.

«So, Herr Wampfler, sagen Sie mir jetzt nur noch: wie viel kostet Ihr Buch?»

«Es kostet 20 Franken, Herr Blocher», erwiderte ich.

«Dann nehme ich eines. Aber bitte mit Widmung. Schreiben Sie doch einfach ‹Für Silvia und Christoph Blocher ›.»

Auf einem echten Marmortisch schrieb ich die Widmung und überreichte das Buch ganz feierlich dem neuen Besitzer. Dieser öffnete seine Geldbörse und nahm einen grossen Geldschein hervor. Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen: Herr Blocher streckte mir tatsächlich eine 1000er-Note entgegen.

«Hier ist etwas für Ihr Buch und jetzt wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag!»

Damit war der Besuch zu Ende und ich verliess das Büro mit einer Tausendernote in meiner Hand – und Birkenstöcken an meinen Füssen.

Doch nicht nur im Bundeshaus wurde ich oft auf «Vom Wirtshaus ins Bundeshaus» angesprochen. Es dauerte nicht lange, bis sich die Medien bei mir meldeten. Ich hatte einen grossen Aufwand betrieben, Zeitungen, Radiosender und Magazine anzuschreiben und Rezensionsexemplare zu verschicken. Diese Arbeit schien sich bezahlt zu machen. Zuerst meldete sich die BernerZeitung, kurz darauf der Bund, der Berner Oberländer, Radio 24 und zahlreiche andere. Das öffentliche Interesse an meiner Lebensgeschichte überraschte mich sehr.

Schnell sah ich mich von Medienterminen und persönlichen Gesprächen in Beschlag genommen. Noch immer befand ich mich in einem sonderbaren Zustand – es war mir nicht möglich, all das Geschehene richtig zu verarbeiten. Kaum war ein Interview mit einer Zeitung vorbei, stand auch schon das nächste an.

Mehrere Wochen nach Veröffentlichung wurde ich aber doch noch einmal überrascht. Mein Handy klingelte.

«Wampfler», meldete ich mich zu Wort.

«Guten Tag, Herr Wampfler», tönte es mir entgegen. «Mein Name ist Patrick Rohr vom Schweizer Fernsehen.»

«Hoppla», dachte ich bei mir selbst. «Was will denn der ‹Rohr› von mir?» Seine Sendung ‹Quer› hatte ich schon oft und gerne gesehen. Nach kurzen einführenden Worten kam er auf den Punkt.

«Herr Wampfler, wären Sie bereit in meiner Sendung als Querkopf aufzutreten?»

«Ja, das mache ich gerne. Für mich ist das eine grosse Ehre», erwiderte ich ohne langes Nachdenken. Und schon stand ein weiterer Termin fest – und sogar ein grösserer Auftritt beim Schweizer Fernsehen. Der kurze Beitrag, der bereits für «Schweiz aktuell» gedreht worden war, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgestrahlt worden.

Eine kleine Sache musste Patrick Rohr dann aber doch noch loswerden.

«In unserer Sendung wurde noch nie jemand als Querkopf eingeladen, der eine so geringe Bekanntheit hat wie Sie», führte er aus. Und ja: darüber hatte ich mich auch schon gewundert. Das «Problem» sollte dann einfach so gelöst werden, dass vorgängig eine kurze Reportage über mein Leben gedreht werden sollte. Auf diese Weise konnte ich den Zuschauern kurz vorgestellt werden. Ich war gerne bereit, einem Filmteam Einblick in mein Leben zu gewähren.

Einige Zeit später kam ein dreiköpfiges Filmteam zu mir nach Bern. Jemand führte die Interviews, während die anderen zwei die Kameras bedienten. Sie stellten mir viele Fragen über meine Vergangenheit. Um dem Zuschauer einen Einblick in mein früheres Leben als Alkoholiker geben zu können, suchten wir die Plätze auf, wo ich damals verkehrt hatte. Dort wurde ich wiederholt von unterschiedlichen Menschen erkannt, die sofort grüssend auf mich zukamen. Es ergaben sich einige ungestellte Szenen, welche das Filmteam festhalten konnte.

Einige Szenen wurden aber auch bewusst inszeniert. Beim Besuch der stadtbekannten Kneipe «Traube» musste ich mich an den Stammtisch setzen und meinen früheren Saufkumpanen mit einem Glas Cola zuprosten. Gleichzeitig beantwortete ich Fragen des Reporters.

Wir machten auch einen kleinen Abstecher zum Stauffacher, der Buchhandlung der Stadt Bern. Eine Verkäuferin hatte «Vom Wirtshaus ins Bundeshaus» gelesen und war hell begeistert. Daraufhin versuchte sie, das Buch bestmöglich zu bewerben. Was wir dann im Geschäft antrafen, war auch für mich eine Überraschung. Mein Buch wurde gross angepriesen. In vielen hohen Stapeln wurde es dem Käufer präsentiert und sogar in der aktuellen Stauffacher-Bestsellerliste war es aufgeführt. Auf Rang 8.

So stand ich also in diesem Buchgeschäft, sah mich auf der Bestsellerliste, während mein Buch intensiv beworben wurde. Begleitet war ich von einem Filmteam, welches davon überzeugt war, dass meine Geschichte sogar für den Zuschauer im Schweizer Fernsehen interessant war. Ganz ehrlich: Ich hatte zum damaligen Zeitpunkt keine Ahnung, was mit mir geschah. Mit solchen Dingen hatte ich nicht gerechnet. Wahrscheinlich hatte dies niemand.

Irgendwie ergab es sich dann so, dass mein Kurzporträt in «Schweiz aktuell» und mein Auftritt in der Sendung «Quer» am selben Abend ausgestrahlt werden sollten. Ich kann mir bis heute nicht vorstellen, wie es dazu kam.

An diesem Abend war ich sehr aufgeregt. Live im Fernsehen aufzutreten war für mich schon eine ganz grosse Sache. Vorbereitend wurde ich geschminkt und sorgsam auf die Sendung vorbereitet.


Bruder Klaus Wampfler

Die Show selbst war ziemlich schrill. Zumindest in meinen Augen – den Augen eines Diemtigtalers. Die damalige Miss Schweiz wurde in eine Flüssigkeit eingelegt, wo sie während der ganzen Sendung bleiben musste. Erst am Ende wurde sie herausgehoben. Das war irgendeine Veranschaulichung zum Thema des Abends: «Fröhliche Wissenschaft».

Es gab sehr viele Eindrücke, die auf mich einprasselten. Das Schönste war, als ich Jesus Christus als denjenigen bezeugen konnte, der mich freigemacht hatte. Aber auch die Anwesenheit von mir nahestehenden Personen im Studiopublikum bedeutete mir sehr viel. Dass sogar mein Bruder Klaus, der unter meinem Suchtverhalten jahrelang leiden musste, nach Leutschenbach (Zürich) gefahren war, berührte mich sehr. Er hatte den Weg auf sich genommen, um meinen Auftritt live mitzuerleben.

Als wir nach der Sendung in den Räumlichkeiten des Schweizer Fernsehens noch beim Essen zusammensassen, konnte ich mich endlich entspannen. Die vergangenen Wochen waren derart hektisch gewesen, dass ich kaum Zeit und Gelegenheit gefunden hatte, innerlich zur Ruhe zu kommen und das Ganze zu verdauen.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass der ganze Rummel um mein Buch und auch um meine Person nach dem Abend im Schweizer Fernsehen noch einmal stark zunehmen würde. Bevor ich aber weiter von diesen Erlebnissen berichte, möchte ich erst den Menschen vorstellen, der mir in all diesen Erlebnissen am nächsten stand.


1 Offenbarung 3,16

2 Schweizerdeutsches Wort für mogeln oder schwindeln

3 Eidgenössisches Justiz- und Polizeidepartment

2. Sophie taucht auf

Am 18. Mai 1951 wurde Sophie Blees geboren. Die Geburt war zu früh und das kleine Mädchen wog gerade 1‘200 Gramm. Deshalb wurde sie in eine Isolette gelegt und behutsam gehegt und gepflegt. Dass sie heute lebt, ist alles andere als selbstverständlich, ihr Start ins Leben war jedenfalls eine Gratwanderung zwischen Leben und Tod.

Sophies Mutter stammte aus dem ländlichen Trubschachen im Emmental, wo sie in einer grossen Familie aufwuchs. Sophie hatte zwar keine Geschwister – ihr älterer Bruder starb kurz nach der Geburt – dafür aber zahlreiche Cousinen und Cousins. Die Grossfamilie war so etwas wie eine Dynastie in einer strengen christlichen Gemeinde. Dort wurde ein klarer Verhaltenskodex gelehrt, den einzuhalten wichtig war, um ein anerkannter Teil der Gemeinschaft zu sein.

Als kleine Familie lebten sie an verschiedenen Orten am Thunersee. Eine sehr schöne Gegend. Sonntags legten sie den mehr als einstündigen Weg zu ihrer Gemeinde zurück, einer Gemeinde, die sich anderen Kirchen überlegen fühlte. Sie glaubten fest, dass sie im Besitz der Wahrheit waren. Jede abweichende Meinung wurde als Irrtum abgetan. Es war unvorstellbar, diese Gemeinde zu verlassen und sich einer anderen Gemeinschaft anzuschliessen. Dazu kam, dass aus Mutters Verwandtschaft viele prägende Leiter der Gemeinde hervorgegangen waren.

Was Sophie in dieser Gemeinde sehr prägte, war der starke Druck, sich den Vorgaben anzupassen. Obwohl es nie so ausgesprochen wurde, stand doch klar im Raum: «Verhalte dich so, wie wir sagen, und du gehörst zu uns.» Regelverstösse, egal wie belanglos diese auch sein mochten, hatten unmittelbar einen grossen Verlust an Gunst zur Folge. Für Sophie war ganz klar: «Wenn ich mich korrekt verhalte, bin ich von Gott geliebt – falls ich Fehler mache, stösst er mich weg.» Und diese Fehler bestanden primär darin, den Vorgaben anderer Leute nicht tadellos nachzukommen.

Die Familie ihres Vaters war Sophie völlig unbekannt. Ihr wurde gesagt, seine Eltern seien während des Zweiten Weltkriegs umgekommen. Irgendwann erfuhr Sophie, dass ihr Vater ein uneheliches Kind war und bei einer Pflegefamilie in Basel aufwuchs. Diese wenigen Informationen waren eigentlich schon alles, was sie über die Herkunftsfamilie ihres Vaters wusste. Einen Verwandten väterlicherseits hatte sie nie kennengelernt.

Es war klar, dass sich Sophies Vater nach echter Zugehörigkeit sehnte. Eine Sehnsucht, die wahrscheinlich nie gestillt wurde. Er blieb wurzellos. Heute glaubt Sophie, dass ihr Vater ein Leben lang auf der Suche nach Familie und tiefer Zugehörigkeit war – selbst dann noch, als er selbst eine Familie hatte. Es schien, als würde er in der Gemeinde, am Arbeitsplatz und auch in der Familie irgendwie nicht so ganz dazugehören. Er bemühte sich ernsthaft und an seinem Verhalten war wirklich nichts auszusetzen, doch irgendwie blieb er eine einsame Person. Das Lebensgefühl des Entwurzelt-Seins und mangelndes Gefühl von Zugehörigkeit bestimmten auch Sophies Leben. Sie schien das Lebensgefühl ihres Vaters geerbt zu haben.

Ihre eigene Kindheit beschreibt Sophie als schöne und unbeschwerte Zeit. Sie wurde geliebt und verspürte Lebensfreude. Schon früh wurde sie musikalisch gefördert. Ihre Mutter weckte in ihr auch eine Liebe für die Literatur. Bücher sollten sie ihr Leben lang begleiten. Sie war fest überzeugt, in eine privilegierte Familie hineingeboren zu sein. Als Einzelkind wurde sie nach Strich und Faden verwöhnt. Sie fühlte sich als Prinzessin und genoss so manche Privilegien. Mithilfe im Haushalt wurde von ihr nicht verlangt und auch sonst entbanden ihre Eltern sie von unangenehmen Verantwortungen.

Während ihrer Teenagerzeit zog die Familie ins Emmental, wo ihr Vater eine gute Anstellung als Verwalter in einem Bundesbetrieb gefunden hatte. Eigentlich hätte sie mit dem Zug zur Schule fahren müssen, aber ihr Vater empfand dies als eine zu grosse Zumutung. Soweit möglich fuhr er sie zur Schule. Und wenn er verhindert war, schickte er einen seiner Angestellten, um Sophie den benötigten Taxidienst zu leisten. Oft nahm er sie mit an seinen Arbeitsplatz, wo er ihr viele Dinge zeigte und sie ihm behilflich sein durfte. Bis heute sind das für Sophie schöne Erinnerungen geblieben.

Sophie wünschte sich, Lehrerin zu werden, und besuchte nach der Schulzeit das Lehrerseminar. Ihre schulischen Leistungen waren schon immer einwandfrei gewesen und sie glänzte auch am Seminar. Es war ihr ein grosses Anliegen, alles perfekt zu machen. Niemand sollte jemals ihre Leistungen bemängeln können. Das Muster zog sich durch ihr ganzes Leben: Sie glaubte, perfekt sein zu müssen, um die Anerkennung der Menschen zu gewinnen, und fürchtete, abgelehnt zu werden, wenn sie die Erwartungen anderer nicht erfüllte. So war es in ihrer Gemeinde, in der Familie und auch in der Ausbildung.

Trotz den sonntäglichen Gottesdienstbesuchen war Sophie nie klar geworden, dass eine echte, lebendige Beziehung mit einem liebenden und barmherzigen Gott möglich war. Ein Verständnis von Gottes bedingungsloser Annahme hatte sie nicht. Stattdessen verinnerlichte sie die elitäre Haltung ihrer Gemeinde. Sie glaubte, durch die Zugehörigkeit dieser Gruppe im Besitz der Wahrheit und anderen Menschen damit überlegen zu sein. Stolz liess in ihrer jungen Seele tiefe Wurzeln wachsen.

Während sich Sophie mit ganzem Einsatz für gute Noten am Lehrerseminar einsetzte, wurde ihr Vater krank. Es war eine psychische Erkrankung. Bis heute ist sich Sophie nicht ganz sicher, was die Ursache davon war. In der Familie sprachen sie nicht darüber.

Doch dann war er plötzlich da; der Tag, der Sophies Leben in ein Vorher und Nachher teilte. Es war der 5. Februar 1970. Das war der Tag, an dem sich Sophies Vater das Leben nahm.

Es war ein Schock – sowohl für Sophie wie auch für deren Mutter.

In der Folge klammerten sich Mutter und Tochter stark aneinander. Über Trauer und Verlust sprachen sie aber nicht. Irgendwie mussten sie funktionieren. Sophie war am Ende des dritten Jahres am Seminar und hatte noch ein weiteres Jahr vor sich. Emotionale Krisen konnte sie sich nicht leisten – so dachte sie zumindest.

Verdrängen war schon immer eine stark ausgeprägte Eigenschaft der Familie gewesen. Dinge wurden nicht ausdiskutiert. Insbesondere Unangenehmes wurde einfach ignoriert. Für sie als elitär denkende Menschen war es äusserst unangenehm, die eigene Fehlerhaftigkeit einzugestehen. Es schien einfacher, Negatives totzuschweigen.

Doch der Suizid des Vaters nagte sehr an Sophie. Insgeheim gab sie sich selbst die Schuld dafür. Sie selbst hatte es schön gehabt und ihr Vater war gut zu ihr gewesen. Es musste einfach an ihr gelegen haben. Sie verdrängte solche Gedanken, und mit jemandem darüber zu sprechen, lag weit ausserhalb des Vorstellbaren.

Da sie in einer Dienstwohnung lebten, mussten sie nach dem Tod des Vaters ausziehen. Sie zogen nach Bern, wo sie versuchten sich gegenseitig zu stützen. Sophie machte den Einkauf und putzte die Wohnung, während sich die Mutter um alles andere kümmerte.

Kurz nach dem Umzug erkrankte die Mutter an Diabetes und hatte daraufhin noch drei Herzinfarkte. Es war offensichtlich, dass es schlecht um ihre Gesundheit stand. Doch auch darüber sprachen die beiden nicht. Stattdessen investierte Sophie alle Kraft in ihr letztes Ausbildungsjahr. Das schien ihr Wert und Stabilität zu geben. Und tatsächlich schloss Sophie ihre Ausbildung ab.

Daraufhin trat sie ihre erste Stelle an. Es folgte ein Desaster. Während Sophie bisher durch Anstrengungen gute Leistungen bringen konnte, war sie jetzt dem Verhalten der Schüler ausgesetzt, welches sie nicht kontrollieren konnte. Vor einer Klasse zu stehen und diese zu unterrichten, war für Sophie eine riesige Herausforderung. Perfektion war hier unmöglich. Schnell einmal sah sie sich als Versagerin, was eine steile Abwärtsspirale ihrer Psyche in Gang brachte.

Bis zu einem Nervenzusammenbruch dauerte es nicht lange. Und da flossen plötzlich die Tränen. Die ganze Zeit, seit dem Tod ihres Vaters, hatte sie keine Tränen zugelassen. Aber jetzt brachen die Dämme. Sie war am Ende.

Die Stelle musste sie aufgeben und für Sophie stand fest: «Ich bin eine Versagerin.»

Nach kurzer Zeit wurde Sophie auf eine Stelle als Buchhändlerin aufmerksam gemacht. Sie war sehr interessiert und erhielt den Job dann auch. Mit neuem Elan machte sich Sophie an die Arbeit. Sie investierte viel, eignete sich ein grosses Wissen über die Literaturwelt an und wurde eine hervorragende Beraterin. Durch diese erbrachten Leistungen hatte sie wieder das Gefühl, wertvoll zu sein und dazuzugehören. Nach einer Weile absolvierte sie die Ausbildung zur Buchhändlerin.

Am 6. Juni 1989 starb Sophies Mutter im Alter von 76 Jahren.

Inzwischen war Sophie 38 Jahre alt, hatte aber noch nicht gelernt, sich selbst zu versorgen. Sie wusste nicht, wie man Kleider wäscht, und auch das Kochen war so eine Sache. Sie war in der Lage, Wasser zu kochen und eine Instantsuppe zuzubereiten. Damit war sie aber auch schon am Ende ihres Lateins. Sie ernährte sich ungesund und war auf die Hilfe anderer angewiesen. Zwei Cousinen ihrer Mutter wuschen ihre Kleider. Sophie war sehr dankbar dafür, denn schliesslich war sie sich nur allzu deutlich ihrer Überforderung bewusst. Sie war aber auch äusserst sensibel darauf, die Erwartungen der beiden Frauen zu erfüllen. Sie war sich sicher, dass diese ihre Unterstützung sofort eingestellt hätten, wenn sie deren Verhaltenskodex nicht eingehalten hätte.

Zwei Jahre lang wuschen die beiden Frauen Sophies Kleider. Gleichzeitig versuchten sie, ihr alle «wichtigen» Lebensprinzipien beizubringen. Sophie wusste, dass sie die Gunst der Frauen erhalten musste, um nicht fallengelassen zu werden. Ironischerweise legten die Frauen wöchentlich einen langen Weg zurück, um Sophies Kleider zu holen und dann auch wieder zu bringen. Sie wuschen und bügelten die Kleider – aber sie zeigten Sophie nicht, wie sie selbst Kleider waschen konnte. Die inzwischen 40-Jährige glaubte, dass Kleiderwaschen eine derart schwierige Sache sei, dass sie dies unmöglich erlernen konnte.

Es war wie ein unausgesprochener Pakt: Die beiden Frauen wuschen Sophies Kleider – in Gegenleistung besuchte diese mit den beiden zusammen die Gottesdienste der Gemeinde, sass an deren sonntäglichen Mittagstisch und hielt sich an alle Ratschläge, die sie ihr gaben. Wenn sie deren Anweisungen gut befolgte, waren die beiden zufrieden und beschenkten sie zusätzlich mit vorgekochten Menus und vielen anderen Dingen. In all dem verstärkte sich das Gefühl in Sophie, dass sie es selbst nicht auf die Reihe kriegen würde und auf die Hilfe anderer angewiesen war – selbst in den kleinen alltäglichen Dingen.

Trotz ihrer Überforderung hielt sich ein hartnäckiger Stolz in ihr. Sie glaubte noch immer, sich durch perfektes Verhalten und gute Leistungen von anderen Menschen abheben zu können. Wahrscheinlich versuchte sie dies auch krampfhaft zu glauben, denn Perfektion war für sie der einzige Weg zum Erlangen von Wert und Bedeutung.

1991 musste Sophie umziehen. Die frühere Wohnung war für sie als Einzelperson einfach zu teuer. Über eine andere Verwandte ihrer Mutter fand sie eine günstigere Mietwohnung in Ostermundigen. Natürlich gehörte die Verwandte, welche im selben Haus wohnte, auch zu Sophies Gemeinde. Sie nahm Sophie unter ihre Fittiche und sagte, wie sie sich zu verhalten hatte. Das alte Spiel wiederholte sich also einmal mehr. Diese Frau brachte Sophie bei, wie sie ihre Haushaltung selbst führen konnte. Doch sie pochte vehement darauf, dass Sophie sich genau an ihre Anweisungen hielt.

An dieser Stelle muss natürlich erwähnt sein, dass die hilflose und unsichere Sophie Menschen richtiggehend anzog, die über ihr Leben bestimmen wollten. Und sie hatte sich nie dagegen gewehrt.

Es folgten Jahre, in welchen Sophie verschiedene Stellen als Buchhändlerin innehatte. Irgendwann kam sie in eine christliche Buchhandlung. Trotz ihrer Berufserfahrung schaffte sie es nicht, die Anforderungen dieses Buchladens zu erfüllen. Sophie hatte schlicht zu wenig Kenntnisse über den spezifisch christlichen Buchmarkt. Worauf sie aber ganz sensibel reagierte, war erneut die Botschaft: «Wenn du es genauso machst, wie wir sagen, bist du geliebt und angenommen – falls du versagst, bist du raus!» Eine solche Botschaft war mit Sicherheit nicht die Absicht der dortigen Leitung, für die übersensiblen Ohren von Sophie war die Botschaft aber einmal mehr klar: «Sei perfekt und Gott liebt dich.»

Sie schaffte es nicht. Glücklicherweise fand sie kurz darauf eine neue Anstellung im Blaukreuz-Verlag.

Durch die Arbeit im Blaukreuz-Verlag traf Sophie auf bekennende Christen, welche eine grosse Faszination auf sie ausübten. Es waren Menschen, die ihren Glauben auf eine lebendige und anziehende Weise lebten. Sophie liebte die Gemeinschaft mit diesen Leuten und war dankbar, an deren Leben teilhaben zu dürfen.

1995 verlor Sophie ihre Stelle im Blaukreuz-Verlag. Dies war die Folge einer längeren finanziellen Krise des Verlages. Die nächste Stelle trieb sie dann an die Grenzen ihrer Kräfte, was 1998 in einer schwerwiegenden Erschöpfungsdepression endete. Sophie hatte wirklich alles gegeben. Allein schon die 700 Überstunden, die sie geleistet hatte, sprechen eine deutliche Sprache. Doch der Einsatz war zu gross für sie. Und der ständige Drang, alles perfekt machen zu müssen, wurde ihr einmal mehr zum Verhängnis. Die Erschöpfungsdepression zwang sie schliesslich, ihre Stelle aufzugeben.

Inzwischen begann sich ihr Leben aber zum Guten zu verändern. Die Freunde vom Blaukreuz-Verlag blieben weiterhin an ihrer Seite. Sie luden Sophie zu sich nach Hause ein, wo sie viele gute Stunden verbrachten. Schon bald besuchte sie auch regelmässig die Anlässe der Gemeinde ihrer Freunde. Und dort hörte sie von einem liebenden Gott, der nicht an unserer Leistung und Perfektion interessiert ist, sondern vielmehr an unserem Herz. Der Gedanke, dass Gott sie, Sophie Blees, bedingungslos liebte, liess ihr warm ums Herz werden. Konnte das wirklich wahr sein? Sehnte sich Gott tatsächlich nach einer persönlichen Beziehung mit ihr?

Es war wunderbar, die Wahrheiten zu entdecken, die ihr bisher verborgen geblieben waren.

Die Veränderung vollzog sich langsam. Sophie erlebte keine gros­sen Durchbrüche und emotionalen Momente. Sie kann auch kein Datum nennen, an welchem sich etwas ganz Besonderes ereignet hat. Trotzdem weiss sie, dass sich etwas ereignet hat. Gott legte einen lebendigen Glauben in ihr Herz. Erst leise und unbemerkt, doch dann begannen sich Früchte zu zeigen. Freunde und Seelsorger halfen ihr, falsche religiöse Denkweisen abzulegen und zu einem lebendigen Glauben durchzudringen.


3. Liebe in der Luft

Nach Beendigung ihrer Anstellung im Blaukreuz-Verlag pflegte Sophie weiterhin regen Kontakt mit Doris und Gerold Huber. Mehrmals ging sie sogar mit ihnen in die Ferien.

Interessant war diese Freundschaft aber auch deswegen, weil ich damals ebenfalls regelmässig bei Hubers ein- und ausging. Aber Sophie und ich sind uns nie begegnet. Zumindest einige Jahre lang nicht. Während bei Sophie die frühere Arbeitsstelle den Kontaktpunkt zu Hubers herstellte, war es bei mir der Kontakt zum Blauen Kreuz – ein Kontakt, welcher für mich als ehemaligen Alkoholiker sehr wichtig war.

Im Jahr 2000 feierte Gerold Huber seinen 55. Geburtstag. Den ganzen Tag war das Haus geöffnet und die Gäste konnten kommen und sich in der reichhaltigen Festwirtschaft bedienen. Wie es ihrer Grosszügigkeit und Gastfreundschaft entsprach, hatten Hubers zu diesem Anlass sehr viele Leute eingeladen. An diesem Tag begegnete ich Sophie zum ersten Mal.

Sie hatte dieses wunderbare herzliche Lachen, welches ihr Umfeld sofort ansteckte. Mich hatte ihr Lachen jedenfalls sofort in den Bann gezogen und ich liess nichts unversucht, um sie durch Witze und lustige Geschichten zum Lachen zu bringen. Erfolg hatte ich dabei immer wieder, schliesslich war ich ja auch schon früher in den Kneipen ein Meister der Unterhaltung gewesen.

Wie ich später erfuhr, war meine anfängliche Wirkung auf Sophie etwas weniger überwältigend. Ihr Gedanke zu meiner Person war nämlich: «Dieser Mensch spricht aber langsam.» Noch heute kann Sophie sich daran erinnern, wie sie sich hin und wieder gefragt hatte, ob ich meine Sätze überhaupt jemals zu Ende bringen würde.

Von meiner Seite hätte ich Sophie gerne etwas näher kennengelernt. Sie hatte wirklich mein Herz erwärmt. Zu mehr als etwas Smalltalk brachten wir es allerdings nicht. Für Sophie war ich damals lediglich ein Typ, der an einer Geburtstagsparty viel und vor allem langsam sprach.

Kurze Zeit später fragte mich Gerold Huber, ob ich interessiert sei, mit ihnen einen Hauskreis zu beginnen.

«Ja, da bin ich interessiert. Wie würde das denn konkret aussehen?», antwortete ich und Gerold schilderte mir kurz, wie er sich die Sache vorstellte. Als er erwähnte, dass Sophie ebenfalls dabei sein würde, war mein Interesse zusätzlich geweckt. Sehr sogar!

So starteten wir diesen Hauskreis unter der Leitung von Doris und Gerold. Die Anzahl Teilnehmer variierte immer etwas, wir blieben aber stets eine kleine Gruppe. Somit hatte ich die Gelegenheit, mehr von Sophie zu erfahren und sie kennenzulernen.

Die Zeit nahte, wo Gerold und Doris nach Madeira in die Ferien verreisen wollten. Sophie war damals psychisch instabil und Hubers machten sich offensichtlich Sorgen um ihr Wohlergehen. Wie würde es Sophie ergehen, wenn sie im Ausland waren? «Irgendjemand muss nach Sophie sehen», müssen sie sich gesagt haben. So kam Gerold eines Tages mit diesem Anliegen auf mich zu.

«Jakob, wie du weisst, gehe ich mit Doris in die Ferien», begann er.

«Ja, das ist schön», erwiderte ich und wünschte ihm eine gesegnete Zeit.

«Nun ist da aber noch die Situation mit Sophie. Doris und ich machen uns Gedanken, wie es ihr während unserer Abwesenheit ergehen wird.»

Ich nickte und fragte mich, worauf Gerold hinauswollte.

«Wir haben uns jetzt überlegt, ob es für dich vielleicht möglich wäre, zwischendurch mal bei Sophie anzurufen und nach ihrem Ergehen zu fragen. Könntest du das tun?»

«Ja, das kann ich gerne machen!», sagte ich, während mein Herz einen grossen Freudensprung machte.

Die praktische Umsetzung dieser Bitte war dann nicht etwa nur ein gelegentlicher Anruf bei Sophie. Ich begann, ihr Briefe zu schreiben. Und zwar viele. Es gab Tage, an denen sie gleich mehrere Umschläge von mir aus ihrem Briefkasten nahm. Und sie schrieb zurück – wenn auch deutlich weniger oft als ich. Zwischendurch telefonierten wir. Aber das Briefeschreiben war in diesen Wochen doch meine Freizeitbeschäftigung Nummer eins.

Ich bin sehr froh, dass sich Sophie von meinem «Briefsturm» nicht bedrängt fühlte. Sie schätzte es, handgeschriebene Briefe in ihren Händen zu halten. Ihr Erleben schriftlich festzuhalten und mir zu schicken, war ihr in diesen Wochen eine grosse Hilfe. Für Sophie ist das Schriftliche die bevorzugte Ausdrucksweise. So genoss sie den Briefwechsel mit mir, obwohl sie damals an einer Beziehung überhaupt nicht interessiert war. Sie nannte mich immer «frère Jacques» und drückte damit aus, was sie in mir sah: einen Bruder.

Irgendwie schien ich Sophies Vertrauen gewonnen zu haben, denn sie schrieb mir sehr viel über Dinge, die sie in ihrem Alltag beschäftigten. Auch wenn unsere Telefongespräche jeweils mehr als eine Stunde dauern mochten, vertieften wir unsere Beziehung aber primär über das Schreiben von Briefen. Nach der Rückkehr von Hubers führten wir unseren Briefwechsel fort. Mein Dialekt war für Sophie allerdings etwas gewöhnungsbedürftig. Sie entschied sich, ein Vokabular anzulegen, damit sie sich die Bedeutung aller meiner «unverständlichen» Ausdrücke merken konnte.

Sophies breite Wissen über Literatur und viele andere Dinge öffnete mir neue Welten. Wissbegierig nahm ich alles auf, was sie mir über die Welt der Bücher zu erzählen hatte. Eine Welt, die ich selbst auch immer mehr zu lieben begann.

So kamen Sophie und ich uns langsam näher. Sie suchte dennoch weiterhin keine Liebesbeziehung mit mir und freute sich einfach, einen Seelenverwandten gefunden zu haben. So musste ich mich damit begnügen, Sophies Sympathie zu besitzen. Meine Gefühle für Sophie waren inzwischen allerdings ganz schön in Bewegung geraten.

Ich erinnere mich noch gut an den Abend, als die bekannte blinde Fürbitterin Helga Anton für einen Vortrag nach Bern kam. Gemeinsam mit Hubers nahmen Sophie und ich an diesem Anlass teil. Vom Vortrag habe ich aber so gut wie nichts mitbekommen. Das lag weniger am Thema, welches mich eigentlich sehr interessierte. Der Vortrag war auch gewiss nicht eintönig oder langweilig. Es war ganz einfach so, dass meine Gedanken und Sinne alle bei Sophie waren. Ja, die Liebe hatte mich ganz schön erwischt.

Die Zeit verging. Inzwischen hatten wir das Jahr 2001 und Sophies 50. Geburtstag stand kurz bevor. Einmal mehr zeigten sich Doris und Gerold Huber von ihrer freigebigsten Seite und wollten für Sophie eine grosse Party in ihrem Haus veranstalten.

«Du sollst dich um nichts kümmern müssen», sagten sie und trugen ihr auf, 50 Gäste einzuladen. Das sei die angemessene Anzahl für einen 50. Geburtstag. Für Sophie war ein derartiger Liebesbeweis etwas ganz Besonderes und sie freute sich sehr auf diesen Tag.

Im Vorfeld dieser Party war ich gewillt, die Schmetterlinge, die schon lange in meinem Bauch flatterten, endlich freizulassen. Ich würde Sophie also einen Antrag machen. Ich war ein wenig nervös, als ich mich am Tag vor Sophies 50. Geburtstag bei ihr einlud. Mein Vorwand war, dass wir ein paar Dinge bezüglich der Party zu besprechen hätten. Sie lud mich zum Abendessen ein und ich erschien pünktlich an ihrer Tür.

Kurze Zeit später sassen wir gemütlich am Tisch und liessen es uns schmecken. Mein eigentliches Thema schob ich noch etwas vor mir her. Ich wartete auf den richtigen Augenblick. Doch wie es in derartigen Situationen oftmals der Fall ist, entpuppte sich kein Moment als der passende.

Die Zeit verging wie im Flug und so kam der Moment, wo ich mich auf den Heimweg machen musste. Bis jetzt hatte ich es nicht geschafft, Sophie meine Liebe zu ihr zu bekennen. Die Zeit wurde knapp.

Als wir gemeinsam zum Bahnhof schlenderten, wusste ich, dass ich keine Zeit mehr zu verlieren hatte. In höchstens zehn Minuten würden wir den Ort erreichen, wo wir uns verabschieden würden. Sophies Worte, dass sie glaube, noch viele Mahlzeiten mit mir zu geniessen, hallten noch immer in meinen Ohren. War sie jetzt etwa doch bereit für eine gemeinsame Zukunft mit mir? Ich musste nun endlich Worte finden und die Sache klären!

Irgendwie schaffte ich es, meine Liebe für Sophie zu bekennen. In diesen Minuten war ich extrem aufgeregt. Was hatte ich genau gesagt? Und was hatte Sophie geantwortet? Die Erinnerung an diese Minuten verschwand in einem romantischen Nebel und schon spazierten wir weiter – Hand in Hand. Meine Geschichte sollte also ihre Fortsetzung an der Seite dieser Frau finden. Ich war bei meiner Sophie angekommen.

Eine liebe Nachbarin begegnete uns, als wir Hand in Hand zum Bahnhof gingen. Freundlich grüsste sie uns und wir grüssten zurück. Selbstverständlich hatte sie bemerkt, dass wir ein Paar waren. Das war aber o. k. und für uns ganz natürlich. In den folgenden Wochen sollten wir jedoch noch vollkommen andere Erfahrungen machen. Etliche Menschen aus unserem Umfeld reagierten äusserst negativ auf unsere Beziehung, in Einzelfällen sogar richtig feindselig.

Und dann war sie da: Die grosse Party zu Sophies 50. Geburtstag. Ohne dass wir viel gesagt hätten, haben die meisten Gäste natürlich bemerkt, dass sich zwischen Sophie und mir etwas getan hatte. Alles in allem war es ein richtig schönes Fest. Die Liebe der vielen Gäste berührte Sophie tief. Und auch ich liess es mir nicht nehmen, einen Beitrag zu leisten. Einige Zeit zuvor hatte ich gelernt, was ein «Elfchen» ist. Das ist ein Gedicht, bei dem jede Strophe aus elf Wörtern besteht. Das schien mir interessant und so entschied ich, für meine Sophie ein schönes «Elfchen» zu dichten und ihr und der ganzen Gesellschaft dann zu präsentieren. Für mich war dies ein besonderer Moment.

Es war eine sehr schöne Party im Beisammensein mit Sophies besten Freunden. Es war, als würden wir die Gunst aller geniessen. Doch der Schein trog. Da waren viel mehr Einwände gegen unsere Beziehung, als wir geahnt hatten. Viele unserer Freunde freuten sich aber sehr herzlich mit uns.

Schon früher hatte mir Sophie erzählt, wie sie Annahme und Liebe immer verdienen musste. In der christlichen Gemeinschaft ihrer Verwandtschaft war dies besonders ausgeprägt. Dort hatte sie schon als Kind gelernt, dass sie nur dann angenommen war und dazugehörte, wenn sie eine Vielzahl von äusseren Verhaltensregeln einhielt. Traurigerweise standen diese Regeln in keinem Zusammenhang mit einem lebendigen Glauben an Jesus Christus.

Doch auch später geriet sie immer wieder an gutmeinende Christen, die sie unter ihre Fittiche nahmen. Immer hatte sie das Gefühl, deren Massstäben genügen zu müssen. Durch ihre unsichere Art zog sie wahrscheinlich auch gerade diejenigen Christen an, denen es eine Genugtuung war, wenn sich Menschen durch ihr Engagement veränderten. Damit berührten sie aber regelmässig einen sehr sensiblen Punkt bei Sophie. Wenn jemand ihr sagte, wie sie eine gewisse Sache zu tun hatte, glaubte sie, dass sie keine Wahl hätte, als einfach zu gehorchen. Sie glaubte, dass sie sonst die Liebe dieser Menschen verlieren würde. Und genau davon war sie abhängig. Traurigerweise wurde ihre Furcht immer wieder bestätigt, indem Menschen unzufrieden wurden, wenn sie deren Erwartungen nicht erfüllte.

Und Sophie erhielt sehr viele Ratschläge und auch direkte Anweisungen. Für mich, der ich mein Leben lang gewohnt war, die Meinung anderer Menschen zu ignorieren, waren die Dynamiken bei Sophies Beziehungen eine grosse Herausforderung.

«Du musst dir das nicht gefallen lassen!», sagte ich oft zu ihr, wenn ich mich daran störte, auf welch bevormundende Weise sie von anderen Menschen behandelt wurde. Bei Christen wurde das noch zusätzlich verstärkt, indem diese ihre Meinung oft sehr geistlich verkauften. Für manche Gläubige schien es nur eine richtige Art zu geben, wie etwas getan werden konnte. Und genau dieser Art musste Sophie sich anpassen – sonst war es einfach «falsch» oder sogar «unbiblisch».

Früher hatte ich derartige Aussagen auch gehört, diese aber grosszügig ignoriert. Und heute muss ich zugeben, dass ich gut beraten gewesen wäre, mehr auf andere Menschen zu hören – besonders auf reife Christen. Aber zu sehen, wie Sophie unter den vielen Anweisungen litt, war für mich sehr schwer. Immer versuchte sie, allen alles recht zu machen. Damit konnte ich schlecht umgehen. In meinem Herzen schrie es unaufhörlich: «Lasst Sophie doch einfach ihren eigenen Weg gehen und bemuttert sie nicht andauernd!»

Oft sprach ich Leute direkt auf deren Verhalten und ihre Wirkung auf Sophie an. Es kam auch vor, dass ich dabei richtig wütend wurde. Dadurch gewannen wir etwas Raum, um unseren eigenen Weg finden zu können. Doch der Preis war hoch: Viele Beziehungen wurden auf diese Weise in Mitleidenschaft gezogen, einige zerbrachen sogar. Das war einerseits schmerzhaft, andererseits musste Sophie unbedingt aus diesem Muster von «Bemutterung» und Abhängigkeit herauskommen.


4. Bund fürs Leben

Für mich war es wichtig, Sophie meinen Eltern und Geschwistern vorzustellen. Sophie freute sich auf dieses Treffen. Familienleben kannte sie ja schon länger nicht mehr. Zu meiner Freude schien sie das Zusammensein mit meinen nächsten Angehörigen zu geniessen. Anschliessend schrieb sie mir, wie es sie berührte, nach ihren einsamen Jahren wieder Vater, Mutter, Schwester, Bruder und in Kürze sogar einen Ehemann zu gewinnen.

Ja, unsere Beziehung war schnell ernst geworden und die Heirat eine klare Sache. Sophie war auch schon 50 Jahre alt und ich 41. Wir hatten nicht die Absicht, eine Heirat noch viele Jahre hin­aus­zuschieben.

Wenige Monate nach Beginn unserer Beziehung verlobten wir uns im engen Kreis der Familie. Die Verlobungsfeier war ausgesprochen schön. Zu diesem Anlass machte Sophie Filet im Teig – daran erinnere ich mich noch sehr gut.

In den folgenden Wochen machten wir uns auch schon ans Planen für unsere Hochzeit. Diese sollte dann nicht mehr im kleinen, sondern in einem grösseren Rahmen stattfinden. Während der Vorbereitungszeit wurden einige Beziehungen strapaziert. Meist waren es Auseinandersetzungen mit gutmeinenden Leuten, welche Sophie seit Jahren unterstützend zur Seite gestanden hatten. Irgendwie hatte sich das wertvolle Helfen dann aber zu ungesunden Abhängigkeiten entwickelt.

Während sich Sophie lange Zeit angepasst hatte und tat, was man ihr riet, wollten wir jetzt unseren Weg selbst finden. Als Paar mussten wir beispielsweise selbst entscheiden können, wo wir unser gemeinsames Heim haben und wie wir dieses einrichten wollten. Doch genau an solchen Punkten entfachten sich mehrmals ernsthafte Konflikte mit wertvollen Freunden, die eigentlich nur unser Bestes wollten. Wir hingegen sahen uns in unserer Entwicklung aber an einem Punkt angekommen, wo wir selbst Verantwortung für unser Leben übernehmen wollten.

Es ist sehr traurig, dass wir wertvolle Beziehungen zu guten Menschen verloren, weil wir unterschiedliche Vorstellungen hatten, wie stark sie unser Leben bestimmen durften. Aber Sophie und ich waren überzeugt, unsere Ehe selbst zu führen. Während sich viele über unsere Liebe freuten, drohten uns einige an, dass wir für eine erfolgreiche Ehe nicht fähig sein würden. Für sie war unsere Beziehung ein grosser Fehler.

Die Herausforderungen unserer ersten Ehejahre liessen uns erkennen, dass die Einwände der Kritiker nicht ganz aus der Luft gegriffen waren. Zum Glück hatten wir aber auch sehr treue Freunde an unserer Seite, die uns unterstützten und halfen, in unserer Ehe zu erstarken. Dank deren Hilfe gelang es uns in den ersten Ehejahren, unsere Beziehung auf ein solides Fundament zu stellen. Wir durften auch lernen, Hilfe von Freunden anzunehmen, ohne erneut in falsche Abhängigkeiten zu geraten. Gerade diese Freundschaften sollten uns in späteren Jahren von grösstem Wert sein.

Doch zurück zu unserem Hochzeitsfest. Trotz einiger zwischenmenschlicher Konflikte, die uns in jener Zeit belasteten, war unsere Vorfreude ungetrübt. Sophie und ich liebten uns und wir freuten uns auf unsere gemeinsame Zukunft. Wir freuten uns auch über die vielen Gäste, die kommen würden, um unsere beginnende Ehe zu feiern.

Das gemeinsame Planen machte uns Freude. Stundenlang diskutierten wir über all die Fragen, die halt so aufkommen: Wer wird Trauzeuge sein? Wer wird uns trauen? Und wen laden wir ein? Diese und viele andere Dinge mussten besprochen und Entscheide getroffen werden.

Und dann kam er, der 7. September 2002. Unser Grosser Tag!


Brautpaar mit Pastor Paul Jeremias

Der Traugottesdienst fand im Evangelischen Gemeinschaftswerk (EGW) in Schwarzenburg statt. Paul Jeremias, ein Freund der ersten Stunde, hatte sich bereit erklärt, uns zu trauen. Oder wie wir oft sagten: Er traute sich, uns zu trauen. Zahlreiche Gäste erschienen und wir genossen den Gottesdienst in vollen Zügen. Die Blaukreuzmusik Bern umrahmte den Gottesdienst und erfreute die Hochzeitgesellschaft auch während des anschliessenden Aperos mit einem kurzen Konzert. Der Liedermacher Markus Dolder überraschte uns während des Gottesdienstes mit dem vertonten Text aus Psalm 124: «Unsere Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat, ER ist für uns da.» Nach dem Gottesdienst gab es weitere Überraschungsbeiträge von Gästen. Da waren Drehorgelspiel und vieles andere. Wir waren überwältigt!

Beim Apero herrschte ein fröhliches Beisammensein – wie es bei Hochzeiten so ist. Aber meine Begeisterung und Freude waren viel intensiver, als ich dies bei irgendeinem anderen Anlass jemals verspürt hatte. Sophie ging es genauso. Die Unterschiedlichkeit der Gäste war ein Abbild unseres bisherigen Lebensweges. Einerseits waren öffentlich angesehene Leute wie Prof. Dr. Heinrich Koller anwesend, anderseits sassen aber auch ungepflegte und angetrunkene Männer und Frauen in den Kirchenbänken. Auch sie zählten wir zu unseren Freunden und wir freuten uns über ihr Kommen.

Während des Gottesdienstes beobachtete ich eine Szene, die sich sehr tief in mein Gedächtnis einbrannte. Herr Koller war so gerührt, dass ihm Tränen runterliefen! Und dann war es ausgerechnet der Seelsorger vom Blauen Kreuz, Heinz Hügli, unser guter und treuer Freund, welcher zu Herrn Koller hinging und ihm ein Taschentuch anbot.

Da waren die unterschiedlichsten Leute, die wichtige Rollen in unserem Leben gespielt hatten, die sich nun an unserer Hochzeit mit uns freuten und sich auf ganz persönliche Weise begegneten …

Das ganze Fest war stark vom Blauen Kreuz geprägt. Für das abendliche Fest hatten wir uns für das Blaukreuzheim in Aeschi entschieden. Damit war von Anfang an klar, dass auch dieser Teil der Hochzeitsfeier gänzlich ohne Alkohol abgehalten wurde.

Sophie und ich wurden reich beschenkt. All die Glückwünsche und überraschenden Beiträge! Wir waren einfach sprachlos. Das grösste Highlight erreichte uns dann aber völlig unerwartet. Monate zuvor hatte Sophie einmal zu mir gesagt, dass sie es sehr schön finden würde, wenn der Jodlerklub von Zwischenflüh singen könnte.

«Liebe Sophie, das wäre grandios», gab ich ihr Recht. «Aber das wird kaum möglich sein. Zu diesem Zeitpunkt sind die meisten dieser Sänger noch mit ihren Tieren auf der Alp. Ein Auftritt an unserer Hochzeit wird ihnen kaum möglich sein.»

Ich wollte nicht, dass sich Sophie falsche Hoffnungen machte. Ich selbst rechnete keinen Augenblick damit, die Jodler an unserem Fest zu sehen.

Doch dann waren sie plötzlich da! Weder Sophie noch ich hatten gesehen, wie sie den Raum betraten. Das ging sehr schnell. Plötzlich hörte ich einen leisen summenden Klang und wandte den Kopf. Da stand die ganze Formation des Jodlerklubs! Und schon ging es los: ein privates Konzert an unserer Hochzeit.

Sophie und ich hatten beide Tränen in den Augen.

Mein Bruder Klaus, selbst aktiver Sänger im Jodlerklub, war unser Trauzeuge und hatte von Sophies Wunsch erfahren. Nachdem er unter den Jodlern einmal beiläufig erwähnte, wie Sophie sich über einen Beitrag freuen würde, war die Reaktion einstimmig: «Da kommen wir gerne!» Als sie dann «Abendgloggen4» sangen, eines von Sophies Lieblingsliedern, schien die Welt für einen Moment stillzustehen.

Viele mögen sich vielleicht fragen, wie wir unser Hochzeitsfest denn überhaupt finanzieren konnten. Meine Finanzkraft war mit Sicherheit keine grosse Hilfe. Ich hatte in dieser Zeit kaum Ersparnisse. Aber Sophie hatte etwas Geld. Es war irgendwie klar, dass sie die Kosten übernehmen würde. Es ist typisch für unsere damalige Beziehung, dass wir während der Hochzeitsplanung nicht über die Finanzierung des Festes gesprochen hatten.

Sophie nahm also die Rechnung entgegen und steckte sie ungelesen in ihre Handtasche. Sie hatte auch nicht die Absicht, mir die Rechnung zu zeigen, schliesslich war sie es ja, die bezahlte. Meine Neugierde war aber gross. Und da ich gesehen hatte, wie Sophie den Umschlag in ihre Tasche steckte, wartete ich nur noch auf den geeigneten Augenblick, um einen unbemerkten Blick reinzuwerfen.


Familie Käser aus Sumiswald

Nervös nahm ich die Rechnung aus dem Umschlag. Meine Augen glitten über die Auflistung der einzelnen Kostenpunkte. Hinter jedem Posten stand die Summe «Null». Als ich den Gesamtbetrag gefunden hatte, staunte ich noch mehr: null Franken! Ich war irritiert.

Doch dann klärte sich die Sache auf: Unter dem Totalpreis stand ein Vermerk. «Die Kosten wurden von Familie Markus und Ruth Käser aus Sumiswald übernommen.» Hatte diese Familie überraschend die ganze Rechnung des Blaukreuzheimes bezahlt! Bis heute wissen wir nicht, wie viel unser Fest gekostet hat.

So starteten wir unsere Ehe. Ein Leben gemeinsam zu gestalten musste aber erst einmal gelernt sein. Sophie und ich sind wirklich sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Dazu kam, dass wir beide eine zerrüttete Vergangenheit hinter uns hatten.


4 Abendglocken

5. Von Jesus erzählen

Unsere ersten Ehejahre waren sehr ausgefüllt. Während Sophie an ihrem Arbeitsplatz sowohl auf fachlicher wie auch persönlicher Ebene extrem gefordert war, erkrankte meine Mutter an einer bisher kaum erforschten Krankheit. Es handelt sich um eine Gleichgewichtskrankheit, welche ganz unterschiedlich verlaufen kann. Deshalb reiste ich oft nach Zwischenflüh, um meine Eltern zu unterstützen, denn auch bei meinem Vater machten sich nach und nach Krankheiten bemerkbar.

Als Paar nahmen wir rege am Gemeindeleben der Reformierten Kirche Jegenstorf teil. Es gefiel uns sehr dort und wir machten wichtige Schritte auf unserem Glaubensweg.


Elternhaus in Zwischenflüh (rechts im Bild: Schulhaus)

Dann erschütterten uns mehrere Suizide in meiner Verwandtschaft. Wenn ich mich erinnere, war es eine hektische Zeit, in welcher Sophie und ich auch irgendwie den Weg als Ehepaar finden mussten. Wir sind heute sehr dankbar, dass uns in jener Zeit gute Freunde zur Seite standen. Ein besonders treuer und hilfsbereiter Freund rief Sophie jeden Morgen vor ihrem Arbeitstag an, betete mit ihr und sprach ihr Mut zu. Solch grandioser Einsatz von Freunden ist einfach unbezahlbar.

So ausgefüllt unser Leben in jenen Jahren auch war, träumte ich doch immer davon, mehr von Jesus erzählen zu können. Dieses Anliegen hatte ich eigentlich schon lange, genaugenommen seit ich im Jahr 1996 die Gelegenheit hatte, einen Einsatz in Kenia zu machen.

Damals machte ich eine Therapie bei Samachia in Pieterlen. Dem dortigen Leiter Erich Amstutz war es wichtig, dass wir Teilnehmer praktische Erfahrungen mit Jesus machen konnten. Deshalb plante er einen Einsatz in Kenia. Die deutsche Missionsgesellschaft DiGuNa («Die Gute Nachricht») würde Gastgeber sein und uns in einige ihrer Dienstzweige einführen. Wir konnten uns entscheiden, ob wir mit Teams in Schulen oder Gefängnisse gehen wollten. Gerne entschied ich mich, einen Blick hinter die Gitter zu werfen. Es folgte die vielleicht bewegendste Zeit meines ganzen Lebens.

Drei Wochen lang fuhren wir auf einem offenen Lastwagen kreuz und quer durchs Land und besuchten siebzehn Gefängnisse. Die meisten waren Männergefängnisse, aber eines oder zwei waren auch für Frauen.

Vic Paul, unser Leiter von DiGuNa hielt in jedem Gefängnis eine kurze Predigt auf Swahili und zwei von uns durften anschliessend ihre Lebensgeschichte erzählen. Natürlich brauchten wir jeweils einen Übersetzer. Bereits ein Jahr vor dem Einsatz begannen wir in der Schweiz, Lieder in Swahili einzuüben. Diese durften wir jetzt vortragen. In all die schwarzen Gesichter der Menschen zu blicken, die uns aufmerksam zuhörten, bewegte mich sehr.

Nicht nur die Einsätze begeisterten mich, sondern auch die Gastfreundschaft der Afrikaner. Meistens wurden wir vom Gefängnisdirektor persönlich in Empfang genommen. Oftmals liess uns dieser sogar in seiner Wohnung übernachten. Und wohlverstanden: Wir waren ein Team von achtzehn Personen! Einige dieser Direktoren und ihre Frauen überliessen uns ihre Schlafzimmer und einer verliess aus Platzgründen sogar das Haus. In der Schweiz hatte ich so etwas noch nie erlebt.

Der eindrücklichste Einsatz war danach im grössten Gefängnis von Nairobi. Da standen wir vor ungefähr 2‘000 Häftlingen, welche gespannt verfolgten, was wir ihnen zu sagen hatten. Wie üblich, hielt Vic Paul zu Beginn eine evangelistische Predigt. Danach folgte der Erlebnisbericht einer Frau aus unserem Team. Dann kam ich an die Reihe. Nachdem ich meine Geschichte erzählt hatte, fühlte ich mich gedrängt, den «Gemscheli-Jäger5» zu singen. Während ich sang, sah ich inmitten all dieser schwarzen Männer, eine weisse Gestalt, die sich von ganz hinten langsam nach vorne schlängelte. Schliesslich stand der weisse Mann mit Tränen in den Augen vor mir und suchte das Gespräch.

Er war Deutscher und der einzige weisse Häftling in diesem Gefängnis. Mein Jodellied hatte ihn berührt und er dankte mir für diesen Beitrag. Im persönlichen Gespräch konnte ich ihm noch mehr von Jesus erzählen und sogar mit ihm beten.

Als wir den Lastwagen bestiegen, um uns auf den Rückweg zu machen, stellte ich fest, dass irgendetwas nicht stimmte. Verschiedene Personen, darunter Vic Paul unterhielten sich mit erregten Stimmen. Nach ein paar Minuten wurden wir über das Problem informiert:

«Es herrschen Unruhen in der Stadt. Und wir haben keine andere Möglichkeit, als das betroffene Gebiet zu durchqueren.»

Ein Raunen ging durch unsere Gruppe. Wir Schweizer sind Derartiges nicht gewohnt. Wie sollten wir damit umgehen? Es blieb uns nichts anderes übrig, als unseren Leitern zu vertrauen.

Je weiter wir fuhren, desto aggressiver wurde die Stimmung. Während anfänglich einzelne Raufbolde am Strassenrand standen, fanden sich bald schon auf beiden Strassenseiten grosse Menschenmassen, welche gewillt waren, ihrer Wut Ausdruck zu verleihen.

Vic Paul versuchte, den Lastwagen schnell durch die Menge hindurch zu lenken.

«Duckt euch runter!», schrie er. Und schon begannen Steine durch die Luft zu fliegen. Wir alle versuchten, so gut es möglich war, auf dem Lastwagen Schutz zu finden. Vic Paul drückte aufs Gas.

Steine knallten ans Fahrzeug.

Plötzlich erhielt ich einen harten Schlag am Kopf und es wurde schwarz vor meinen Augen. Ein Stein hatte mich getroffen. Bald erlangte ich mein Bewusstsein wieder, musste mich aber erst einmal orientieren. Wir fuhren noch immer mit dem Lastwagen durch Nairobi.

Auf der weiteren Fahrt muss ich wirre Worte von mir gegeben haben. Meine Kameraden merkten jedenfalls, dass mit mir etwas nicht stimmte. Auf der Missionsstation angekommen, wurde ich von einem Arzt untersucht – wahrscheinlich war es ein Missionsarzt, aber an Details kann ich mich nicht mehr erinnern. Jedenfalls war schnell klar, dass ich eine Hirnerschütterung erlitten hatte. Ich sollte ein paar Tage im Bett bleiben und das grelle Tageslicht meiden.

Die Phase der Ruhe waren für mich eine Gelegenheit, die Erlebnisse der vergangenen Zeit Revue passieren zu lassen. Es war, als hätte Gott in mir etwas geweckt, das ich vorher nie wahrgenommen hatte. Die Befriedigung, anderen Menschen von Jesus zu erzählen, war das eine. Doch auch die Strassenschlacht und meine daraus erfolgte Verletzung sprachen sehr deutlich zu mir. Es erwachte eine Leidenschaft in mir, Jesus gerade dort zu bezeugen, wo ich auf Ablehnung und sogar Hass und Gewalt stossen konnte.

In diesen Tagen las ich in der Bibel die Geschichte, wie die Apostel verhaftet wurden, weil sie von Jesus sprachen. Daraufhin wurden sie hart misshandelt und weggeschickt. Sie hätten nun ihren Auftrag in Frage stellen können. Doch sie reagierten ganz anders: «Sie nun gingen voll Freude vom Hohen Rat hinweg, weil sie gewürdigt worden waren, Schmach zu leiden um seines Namens willen.»6

Welch eine Aussage! Hier steht tatsächlich, es sei eine Ehre, um Jesu Willen geschlagen zu werden!

Während ich mit meiner Hirnerschütterung im Bett lag, gingen mir diese Dinge durch den Kopf, und ich fühlte eine tiefe Sehnsucht, Menschen von Jesus zu erzählen – gerade dort, wo es mit einem persönlichen Risiko verbunden ist. Diese Sehnsucht, welche ich damals in Kenia nur schwer in Worte fassen konnte, sollte mich von da an nicht mehr verlassen.

Ich wollte mich nicht damit zufriedengeben, Menschen in wohlbehüteten Gemeindegebäuden von Jesus zu erzählen. Nein, ich wollte hinaustreten und den Menschen begegnen, die ihren Fuss niemals in diese Häuser setzen würden.

Nach diesen Erfahrungen im fernen Afrika war es aber noch ein weiter Weg. Damals hatte ich noch sehr viele Rückfälle und musste erst einmal mein eigenes Leben unter die Herrschaft von Jesus stellen und echte Freiheit empfangen.

Nach dem Jahr 1999, als ich total frei wurde, ergab sich vereinzelt eine Gelegenheit, von Jesus zu erzählen. Einmal druckte der Blau­kreuz-Verlag ein Traktat mit meiner Lebensgeschichte. Es war genial, wie durch diese kleine Schrift Menschen angesprochen und berührt werden konnten. Ich hatte auch die Gelegenheit, zu unterschiedlichen Anlässen irgendwo meine Geschichte vor Publikum zu erzählen – sehr oft kam dies aber nicht vor.

Im Jahr 2004, inzwischen war ich zwei Jahre verheiratet, fand an meinem damaligen Arbeitsplatz im Bundeshaus eine Schulung statt. An das Thema erinnere ich mich nicht mehr, aber in einem Teil davon wurden wir mit folgender Frage konfrontiert:

«Welchen Traum wollen Sie in Ihrem Leben noch verwirklichen?»

Einen kurzen Moment gaben sie uns Zeit, diese Frage zu beantworten. Und dann wurden wir mit den üblichen Sprüchen wie «Wenn du an deine Vision glaubst, kann sie wahr werden!» motiviert. Oder: «Alles ist dir möglich, wenn du wirklich willst!» Solche Slogans waren mir inzwischen zur Genüge bekannt.

«Welchen Traum will ich verwirklichen?» Diese Frage brannte sich bei mir aber doch ein. Eine Antwort hatte ich auch schnell gefunden: «Ich möchte ein Buch mit meiner Geschichte veröffentlichen.»

Zu diesem Zeitpunkt sprach ich mit niemandem darüber. Während der Schulung nicht und später nicht einmal mit Sophie – ja, in Sachen Ehe hatte ich noch einiges zu lernen.

Die Frage, wie ich denn ein Buch veröffentlichen könnte, beschäftigte mich von diesem Tag an. Mir war schnell einmal klar, dass ich dafür Hilfe brauchte. Selbst zu schreiben, traute ich mir nicht zu.

Nach einiger Zeit erfuhr ich von einem Schriftsteller, der Biografien für andere verfasste. Nach kurzer Bedenkzeit nahm ich mit ihm Kontakt auf und erkundigte mich über ein mögliches Vorgehen und die anfallenden Kosten. Mit Sophie sprach ich noch immer nicht über mein geplantes Projekt. Damals schien es mir einfach besser, sie nicht mit leeren Ideen zu belästigen, sondern zu warten, bis ich einen konkreten Plan hatte. Wie bereits gesagt: Zu diesem Zeitpunkt hatte ich wirklich noch wenig Ahnung, wie ein Mann mit seiner Ehefrau umgehen sollte.

Schliesslich, wenige Monate bevor ich das Projekt in Angriff nehmen wollte, konfrontierte ich Sophie mit meinen Plänen.

«Sophie», begann ich begeistert. «Ich werde ein Buch über meine Lebensgeschichte schreiben. Dazu habe ich einen Ghostwriter gefunden, der mir hilft. Im Januar geht’s los und ich werde dann gleich drei Wochen bei ihm im Graubünden verbringen.»

Mein Plan stand fest. Welche Wirkung diese Ansage auf Sophie hatte, kümmerte mich wenig. Sicher würde sie sich mit mir freuen, denn schliesslich liebte sie Bücher über alles …

Ein besserer Ehemann zu werden, sollte dann ein Projekt werden, das mich wahrscheinlich noch bis zum Lebensende begleiten wird. Das schriftliche Festhalten meiner Lebensgeschichte kam damals aber ungehindert in Gang. Es folgten viele Stunden des intensiven Arbeitens und letztlich ein Warten auf den grossen Tag, wo mein Buch veröffentlicht wurde. Damals hatte ich absolut keine Ahnung, welche Türen mir dieses Buch öffnen würde.


5 «Gämsen-Jäger», ein traditionelles Schweizer Jodellied

6 Apostelgeschichte 5,41

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208 səh. 31 illustrasiyalar
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9783943362503
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