Kitabı oxu: «Der Islam»
James V. Schall SJ
DER ISLAM
Friedensreligion oder
Gefahr für die Welt?

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Originaltitel: On Islam
A Chronicle Record, 2002–2018
© Ignatius Press, San Francisco 2018
Cover: Fotograf © Guenter Guni, iStockPhoto.com
Coverentwurf: John Herreid
DER ISLAM
Friedensreligion oder Gefahr für die Welt?
James V. Schall SJ
© Media Maria Verlag, Illertissen 2019
Übersetzung: Dr. Gabriele Stein
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-9479317-3-6
www.media-maria.de
Inhalt
Einleitung
Die sieben Trappistenmönche: die Welt ohne Reue
1.Hilaire Belloc über die »augenscheinlich unbekehrbare« Religion
2.Über den Islam
3.Märtyrer und Selbstmordattentäter
4.Der elfte September: fünf Jahre später
5.Politik und Physik: Stanley Jaki über die Wissenschaft im Islam
6.Die Ambivalenz des Islams
7.Eine dschihadistische Eroberung?
8.Die Brüchigkeit des Islams
9.Noch einmal Regensburg
10.Zum »Dialog« mit dem Islam
11.»Versuchen Sie zu verstehen«: Mossul
12.Der Islamische Staat
13.Lektionen aus Paris vom 7. Januar 2015
14.Christen, die enthauptet wurden
15.Dialoge ohne Lösungen
16.Über die »Ursachen des Terrorismus«
17.Ein »kriegerischer Akt«: Paris
18.Die Schießereien von San Bernardino: ein anderer Blickwinkel
19.Gedanken zum Roman Unterwerfung
20.Realismus und Islam
21.Orlando aus heutiger Sicht
22.Noch einmal: die Lehre von den zwei Wahrheiten
23.Manchester, London und die Ziele des Islams
24.Die Anschläge in Barcelona waren Teil eines sich ausbreitenden weltweiten Krieges
25.Über die Zukunft des IS
26.Was ist eigentlich der Koran?
Schluss
Nachwort
Bibliografie
Einleitung
Während des Philosophiestudiums hatte ich mich flüchtig mit den muslimischen Philosophen beschäftigt. Die Namen al-Fārābī, Averroës und Avicenna kamen in den Schriften des Aquinaten häufig vor. Genau genommen setzt sich die ganze Summa contra Gentiles mit der muslimischen Sicht auf Aristoteles, Plato, die Bibel und andere grundlegende Schriften auseinander. In gewisser Hinsicht wirkt es wie eine Ironie der Geschichte, dass der Voluntarismus, der für das muslimische Denken so maßgeblich werden sollte, beinahe identisch ist mit der Willensphilosophie, die dem öffentlichen Leben der westlichen Welt in großen Teilen zugrunde liegt. Der Voluntarismus vertritt die philosophisch-theologische Auffassung, dass es in den Dingen oder in der menschlichen Natur keine rationale Ordnung gibt. Hinter der gesamten Wirklichkeit steht ein Wille, der immer auch anders sein könnte. Er ist an keinerlei Wahrheit gebunden. Von jeder Position kann mit demselben Recht immer auch das Gegenteil gelten. Wenn alles, was existiert, nicht auf der Vernunft, sondern auf einem göttlichen oder menschlichen Willen basiert, dann kann das Böse gut und das Gute böse sein. Benedikt XVI. hat am 12. September 2006 in seiner Regensburger Vorlesung auf den Voluntarismus sowohl im Islam als auch im Säkularismus Bezug genommen.
Doch dass man sich in Europa ernsthaft mit der militärischen Kampfkraft der Muslime befasst hätte, schien mir Jahrzehnte zurückzuliegen. Christopher Dawson, Bernard Lewis und Arnold Toynbee allerdings – um nur einige zu nennen – waren sich über die Tragweite dieser Frage im Klaren.
Allem Anschein nach hatten sich die Wissenschaft, Philosophie, Theologie, Ökonomie und Literatur der neueren Zeit vor allem mit Fragen beschäftigt, die innerhalb der westlichen Zivilisation selbst aufkamen. Europa hatte in die übrige Welt einschließlich Chinas, Indiens, Afrikas sowie Nord- und Südamerikas expandiert. Die Schiffe der europäischen Mächte waren um das südliche Afrika herumgesegelt, das heißt, sie hatten die muslimische Welt, die die Landrouten in den Osten beherrschte, ganz einfach umgangen. Rund 200 Jahre lang waren die islamischen Gebiete von den Briten, Franzosen, Niederländern, Italienern, Portugiesen oder Russen kontrolliert gewesen. Die Deutschen hatten Interesse am Nahen Osten und an Teilen Afrikas bekundet und dort ihren Einfluss ausgeübt. Die Muslime galten größtenteils als rückständig, fanatisch und einer umfassenden Reform und Erziehung im westlichen oder gar christlichen Sinne bedürftig. Der intellektuelle Diskurs war weitgehend von den Fragestellungen der deutschen, englischen und französischen Philosophie beherrscht. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war überwiegend von Marx geprägt.
Vor diesem Hintergrund geht meine Aufmerksamkeit für den Islam als Weltmacht, mit der man rechnen muss, auf meine erste Lektüre von Hilaire Bellocs 1937 erschienenem Buch The Crusades zurück. Das Ende habe ich nie vergessen. Dort hieß es, dass der Islam, sollte er jemals wieder so mächtig werden wie einst, auch dasselbe tun würde wie damals: im Namen Allahs expandieren.
In den ersten zwei Jahrhunderten nach Mohammed eroberten muslimische Armeen Nordafrika, Spanien, den Nahen Osten und Teile Südeuropas und gelangten ostwärts bis nach Indien. Was mich – für manche vielleicht unverständlich – an Bellocs Ausführungen am meisten beeindruckte, war seine Erkenntnis, dass eine tot geglaubte Idee oder religiöse Bewegung jahrhundertelang schlafen und dann zurückkehren kann, um ihre ursprüngliche Mission zu erfüllen. In den Jahrzehnten zwischen Bellocs Buch und den Ereignissen im Vorfeld der Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon (2001) war die Welt mit Kräften wie dem Nationalismus, dem Marxismus, der Demokratie und dem Sozialismus beschäftigt, die auch in den islamischen Gebieten nicht ohne Wirkung blieben.
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nahmen mehrere Kommentatoren Bezug auf das, was Belloc in seinem Buch The Great Heresies geschrieben hatte: dass die christliche Zivilisation weniger als 100 Jahre vor dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg um ein Haar von einer muslimischen Armee überrannt und vernichtet worden wäre. »Wien […] wurde beinahe erobert und nur von der christlichen Armee unter dem Befehl des Königs von Polen gerettet – an einem Datum, das eigentlich zu den berühmtesten in der Geschichte zählen sollte: dem 11. September 1683.«1 Und – für diejenigen, die solche Geschichten mögen – noch einmal gut 100 Jahre früher konnte die Insel Malta einen massiven türkischen Flottenangriff unter dem Kommando von Sultan Süleyman des Prächtigen abwehren. Die berühmten Malteserritter unter Jean Parisot de La Valette hielten stand, töteten den algerischen Admiral Dragut und sahen zu, wie die geschlagene Flotte davonsegelte. Das war am 11. September 1565.
Die Anschläge vom 11. September 2001 auf amerikanischem Boden waren schockierend, doch was mich persönlich auf die Vorgänge in der islamischen Welt aufmerksam werden ließ, war etwas, das sich einige Jahre zuvor in einem entlegenen, von französischen Trappistenmönchen bewohnten Bergkloster in Algerien zugetragen hatte. Später ist daraus ein ergreifender französischer Film entstanden (Von Menschen und Göttern, 2010). Auf die schiere Brutalität, mit der diese Männer ermordet worden waren, war ich nicht vorbereitet gewesen. Mittlerweile haben wir uns durch die öffentlichen Enthauptungen von Christen in muslimisch kontrollierten Ländern beinahe daran gewöhnt. Dass sich jeder beliebige Mensch all diese Geschehnisse in ihrer ganzen Grausamkeit bewusst machen kann, wenn er einfach nur hinsieht, ist einer der Gründe, die mich bewogen haben, im Folgenden diese Chronik meiner eigenen Reaktionen und Analysen zu einer Reihe von Ereignissen vorzulegen, die sich zwischen 2002 und 2018 zugetragen haben. Eine Kollegin, mit der ich vor mehreren Jahren in Georgetown zusammengearbeitet habe, war mit dem polnisch-französischen Schriftsteller Laurent Murawiec verheiratet, der die blutige Geschichte des Islams sehr genau verfolgt hat. Ich bin keineswegs der Ansicht, dass die Geschichte des Islams ausschließlich blutig ist. Es ist nur so, dass das Blutvergießen ein Teil seiner Geschichte ist – ein Teil, der gerade jetzt, in unserer Zeit, weitergeschrieben wird und an Bedeutung gewinnt.2
Ich beende diese Einleitung mit einem Artikel, den ich verfasst habe, nachdem ich zum ersten Mal von der Ermordung der guten und unschuldigen Mönche gehört hatte. Die Erinnerung daran soll in die nachfolgende Chronik zu verschiedenen Ereignissen und Fragen einführen, die mit dem erwachenden Selbstbewusstsein des Islams und seiner Erschließung neuer spiritueller und dschihadistischer Energiequellen nach und nach überall auf der Welt akut geworden sind. Das vorliegende Buch ist eine Art Ideengeschichte, die zeigt, wie ich zu der Überzeugung gelangt bin, dass der Islam ein bedeutender Faktor im aktuellen Weltgeschehen ist. Es ist kein »islamfeindliches« Buch. Ehrlich gesagt muss man den Islam als politischer Beobachter geradezu dafür bewundern, wie es ihm gelungen ist, seine expansive Dynamik in unsere Zeit hinüberzuretten. Und man beginnt zu begreifen, weshalb die westliche Welt die volle Bedeutung dieser Dynamik nicht ermisst.
Im Grunde denke ich, dass der Islam genau das ist, was er zu sein behauptet: eine Religion, die nach wie vor die Mission hat, alle Menschen der Herrschaft Allahs zu unterwerfen. Mein eigentliches Problem mit dieser Mission – die im Koran selbst ihre Wurzeln hat – betrifft nicht den bemerkenswerten Erfolg und die Ausbreitung des Islams. Mein Problem betrifft seine Wahrhaftigkeit. Der praktisch einzige Ort, an dem man heutzutage über solche Dinge sprechen kann, ist ein Buch. Eine öffentliche Diskussion findet nur selten statt, und mit den akademischen Diskussionen sieht es kaum besser aus. Ich behaupte nicht, ein beschlagener Islamwissenschaftler zu sein. Aber ich glaube, dass wir das, was ein Einzelner oder eine Gruppe im Laufe der Zeit tut, mit gesundem Menschenverstand betrachten und beurteilen können. Am Ende bilden wir uns eine Meinung, die am ehesten geeignet ist, das, was wir beinahe täglich sehen und beobachten, zu erklären.
Aus einer Reihe von Gründen – angefangen beim Niedergang des Christentums in der westlichen Welt, der sich in Europa und Amerika insbesondere in den rückläufigen Geburtenzahlen äußert, bis hin zum Erfolg der Muslime, die überall in Europa und Amerika Enklaven errichten, die von ihnen kontrolliert werden – sieht der Islam einer glänzenden Zukunft entgegen. Wenn die islamische Expansion ins Stocken gerät oder sich verlangsamt, dann nur vorübergehend. Die Stadt Tours im 8. und Wien im 16. Jahrhundert konnten der muslimischen Invasion in Europa Einhalt gebieten, aber nur zeitweise. New York und Paris sind heute ebenfalls Schauplätze dieser Schlacht, doch auch sie sind nicht die letzten Orte, an denen wir solche Dinge erleben werden.
Sprechen wir also – in einem ersten Versuch, die aktuelle Lage zu verstehen – über dieses Blutbad in Algerien. Damals hat es mich wachgerüttelt und mir ist klar geworden, womit die Welt es zu tun hat. 1996 schien das, was den französischen Mönchen in ihrem Kloster in den Atlasbergen widerfahren war, noch ein isoliertes Geschehen zu sein. Heute ist es in ganz unterschiedlichen Gegenden der Welt alltäglich geworden.
Wenn ich mir diesen »Zwischenfall« – falls ein so neutrales Wort hier überhaupt angebracht ist – ins Gedächtnis rufe, dann kommt mir in den Sinn, was Robert Royal in seinem Buch The Catholic Martyrs of the Twentieth Century3 geschrieben hat. Viele dieser Menschen, so Royal, werden im Verborgenen getötet. Niemand nimmt es zur Kenntnis. Sie sind gestorben und haben mit ihrem Tod Zeugnis abgelegt. Ich denke an das 15. Kapitel bei Johannes, wo es heißt: »Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich schon vor euch gehasst hat. Wenn ihr von der Welt stammen würdet, würde die Welt euch als ihr Eigentum lieben. Aber weil ihr nicht von der Welt stammt, sondern weil ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt. […] Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen.« Dieses Gehasstwerden für das, was man ist, scheint mir genau auf uns zuzutreffen, und zwar nicht nur gegenüber der muslimischen, sondern auch gegenüber unserer eigenen Welt mit ihrer inzwischen weitgehend »verhassten« christlichen Vergangenheit. Das vorliegende Buch ist also eine Chronik, eine Bilanz der Ereignisse und meiner Bemühungen, sie im Licht der Philosophie, im Licht des Islams selbst und im Licht der – christlichen wie muslimischen – Offenbarung zu verstehen.
1Hilaire Belloc, The Great Heresies, Ignatius Press, San Francisco 2017, 92–93.
2William Kilpatrick, »Good Islam vs. Bad Islam«, Crisis Magazine, 4. Mai 2016, http://www.crisismagazine.com/2016/good-islam-vs-bad-islam.
3Robert Royal, The Catholic Martyrs of the Twentieth Century, Crossroad Publishing Co., New York 2000.
Die sieben Trappistenmönche: die Welt ohne Reue4
Eines Abends – ich verbrachte gerade einige Einkehrtage in einem alten Jesuitennoviziat – las ich in der englischen Ausgabe der Zeitung L’Osservatore Romano vom 12. Juni 1996 einen unvergesslichen Brief. Darin schrieb Dom Bernardo Olivera, der Generalabt der Zisterzienser der strengen Observanz, auch Trappisten genannt, über die brutale und völlig willkürliche Ermordung von sieben Trappistenmönchen im algerischen Atlasgebirge durch die muslimische Gruppierung Groupe Islamique Armé (GIA).
Dom Bernardo erinnerte daran, dass sich die Gründung von Cîteaux 1998 zum hundertsten Mal jährte. Er erwähnte die vielen Mönche seines Ordens, die in diesem Jahrhundert getötet worden waren: die sieben in Algerien ermordeten Mönche und die anderen katholischen Brüder und Ordensschwestern, die man dort und an anderen Orten aus demselben Grund massakriert hatte. Er erwähnte, was Johannes Paul II. in Tertio millennio adveniente über das Zeugnis des Martyriums in der Kirche schrieb. »Dieses Zeugnis darf nicht in Vergessenheit geraten«, betonte Dom Bernardo.
Der Artikel erzählt die unmittelbare Vorgeschichte dieser sieben Mönche, die ohne Zweifel sehr gute und demütige Menschen waren. Sie wussten, dass sie in einer gefährlichen Region lebten. Der apostolische Delegat, der Erzbischof und ein Beamter der muslimischen Behörden vor Ort hatten ihnen für den Fall, dass sie in eine sicherere Unterkunft umziehen würden, ihren Schutz angeboten.
Doch bei den Trappisten gibt es das Gelübde der Ortsgebundenheit. Mehrere Jahre lang hatten sie alle Optionen in Erwägung gezogen, sich aber jedes Mal zum Bleiben entschieden.
Am 29. Dezember 1993 schrieb einer der Trappisten, Pater Christophe, einen Brief an den Anführer des GIA-Kaders, der dem Kloster an Heiligabend einen bedrohlichen Besuch abgestattet hatte:
»Bruder, erlaube mir, Dich so anzusprechen, von Mensch zu Mensch, von einem Glaubenden zum anderen. […] Im gegenwärtigen Konflikt […] scheint es uns unmöglich, Partei zu ergreifen. Die Tatsache, dass wir Ausländer sind, verbietet uns dies. Unser Stand als Mönche bindet uns an die Wahl, die Gott für uns getroffen hat und die in einem einfachen Leben, körperlicher Arbeit, Gastfreundschaft und darin besteht, mit allen, insbesondere den Armen, zu teilen. […] Diese Gründe für unsere Lebensweise sind für jeden von uns eine freie Entscheidung. Sie binden uns bis zum Tod. Ich glaube nicht, dass es Gottes Wille ist, dass dieser Tod durch Euch über uns kommt.«
Im Frühjahr dieses Jahres, im März 1996, nahm der GIA, der inzwischen einen neuen Anführer hatte, die Mönche gefangen. Die Anklage: Evangelisierung. Dagegen gab es keine Berufung. Der Emir erklärte: »Mönche, die bei der Arbeiterklasse leben, dürfen von Rechts wegen getötet werden.« Mit ihrer Gefangennahme änderte sich die rechtliche Situation der sieben Mönche: Es war nun legitim, sie wie nicht muslimische Kriegsgefangene zu behandeln, das heißt, sie zu ermorden, sie zu versklaven oder sie gegen muslimische Gefangene auszutauschen.
Die Franzosen hatten einen Gefangenen, den der Emir gegen die Mönche austauschen wollte. Er schickte Warnungen an das französische Auswärtige Amt, dass die Mönche hingerichtet werden würden, wenn der Austausch nicht zustande käme. Der Emir brachte die Angelegenheit auf eine einfache Formel: »Es ist Ihre Entscheidung. Wenn Sie ihn freilassen, werden wir sie auch freilassen; wenn Sie sich weigern, werden wir ihnen die Kehlen durchschneiden. Gepriesen sei Gott.«
Am Ende entschied der französische Präsident, dass man sich mit solchen Terroristen nicht auf einen Handel einlassen könne. Mit dem Ergebnis, dass die Mönche um den 21. Mai 1996 herum auf die erwähnte, grausame Weise umgebracht wurden.
Dom Bernardos Brief, dem ich diese Darstellung der Ereignisse entnommen habe, überlässt kaum etwas der Fantasie und doch schwingt beinahe etwas Mystisches darin mit. Unwillkürlich kommt uns der unerwartete Abschnitt über das Martyrium in der Enzyklika Veritatis splendor von Johannes Paul II. in den Sinn. Gläubige, friedfertige Menschen werden um einer juristischen Spitzfindigkeit willen und zur »Ehre Gottes«, wie die Mörder behaupteten, getötet.
Die Geschichte liest sich wie eine klassische Tragödie oder eher noch wie der Tod des heiligen Thomas Morus, der, glaube ich, gemeinsam mit ein paar Mönchen und einem Bischof ermordet wurde.
Der älteste der ermordeten Mönche war Bruder Luc, der während der Einkehrtage des Ordens im Januar 1994 achtzig Jahre alt geworden war. Dom Bernardo erinnerte sich in seinem Brief an eine Nonne in Angola, die als Lesung für die Messe anlässlich ihrer ersten Profess die Stelle über die Feindesliebe ausgesucht hatte. Dieses Empfangen und Vergeben schien ihm der Schlüssel zum Leben dieser Männer zu sein.
Beim Abendessen zum Abschluss der Einkehrtage hatte Bruder Luc eine Kassette abgespielt, die er für seine Beerdigung aufbewahrte. Es ist kaum zu glauben, aber das Lied, das er abspielte, war Edith Piafs Je ne regrette rien.
Für mich ist die Vorstellung, dass ein alter Trappistenmönch von einem Mitglied des GIA ermordet wird, mehr als erschütternd. Der herzlose Gläubige gehorcht seinem Gesetz und schneidet einem freundlichen alten Mann die Kehle durch, der an seinem achtzigsten Geburtstag im Refektorium das Lied von Edith Piaf hatte singen hören, das auf seiner Beerdigung gespielt werden sollte.
Ich habe diese CD mit Edith Piafs Je ne regrette rien. Immer wenn ich sie höre, bete ich für die sieben Trappistenmönche – und für die Muslime, die sie getötet haben.
4James V. Schall, »Goodbye without Regret«, Crisis, 1. November 1996, 58, http://www.crisismagazine.com/1996/sense-and-nonsense-goodbye-without-regret.
1. Hilaire Belloc über die »augenscheinlich unbekehrbare« Religion5
I
Eine der schwierigsten Übungen in politischer Klugheit besteht meiner Meinung nach darin, das Regime eines Ortes, den man besucht, an dem man lebt oder an dem man einen ernst zu nehmenden Gegner antrifft, philosophisch akkurat zu beschreiben. Denn um ein Regime korrekt darzustellen, benötigen wir ein Urteilskriterium, anhand dessen wir entscheiden können, ob ein beliebiges Regime gut oder schlecht ist. Ohne einen solchen Maßstab – mit anderen Worten: ohne eine universale Philosophie – beschränken wir uns darauf, substanzlose Namen zu vergeben. Diese Möglichkeit, Regime so zu beschreiben, wie sie sind, setzt zweierlei voraus: erstens eine universale politische Philosophie, deren Grundlagen zwar durchaus auf gegenwärtige Regime bezogen, aber von ihnen unabhängig sind; und zweitens ausreichend staatsbürgerliche Freiheit, um solche Prinzipien zu artikulieren, ohne Gefängnis oder Tod befürchten zu müssen.
Ein solcher Versuch, das Wesen eines Regimes zu ergründen, kann – das haben uns die Philosophen, angefangen bei Sokrates, gelehrt – ein gefährliches Unterfangen sein. Normwidrig agierende Fürsten und Machthaber oder wie immer wir sie nennen wollen, sind nicht erpicht darauf zu erfahren, was sie wirklich sind. Und Bürger sind nicht erpicht darauf, die Dinge beim Namen zu nennen, weil sie oft selbst mit den Prinzipien des Regimes übereinstimmen – eine Wahrheit, die Plato uns schon vor langer Zeit gelehrt hat, als er über den Zusammenhang zwischen unseren Seelen und unseren Regierungsformen sprach. Fürsten und Volk hören es lieber, wenn man ihnen sagt, dass sie ohnehin schon die höchsten moralischen Normen repräsentieren, Gottes Willen tun oder die »beste aller möglichen Regierungen« haben – unabhängig davon, was diese nach klassischen philosophischen Maßstäben tatsächlich verkörpern. Doppelt schwierig wird dieses Unterfangen, ein gegebenes politisches System zu identifizieren, wenn das Regime sich zudem direkt oder indirekt als das Ergebnis oder Werkzeug von Normen definiert, die in einer Offenbarung oder Religion wurzeln. In diesem Fall haben wir es nicht länger mit einem Regime im Sinne einer rein politischen Größe, sondern mit einer Regierungsform zu tun, die transzendente Ursprünge oder Legitimationen für sich in Anspruch nimmt. Damit stellt sich unweigerlich die Frage nach der Wahrheit der jeweiligen Offenbarung. Wie Leo Strauss gezeigt hat, zogen es muslimische Philosophen im Mittelalter vor, ihre Philosophie im Privaten zu betreiben, weil ihnen bewusst war, welche Probleme es nach sich ziehen konnte, wenn sie öffentlich über die theoretischen Grundlagen des Regimes spekulierten, in dem sie selbst lebten. Nach außen hin tat der Philosoph, was in puncto Frömmigkeit und religiöser Praxis von ihm erwartet wurde. Doch auch wenn er in der Öffentlichkeit so tat, als wäre er religiös, gab er der privaten Philosophie als einer Erklärung für die Wahrheit der Dinge den Vorzug vor der Religion. Diese Entscheidung für den privaten Raum war für einen Philosophen im Islam tatsächlich der einzig gangbare Weg, weiterhin – wenn auch mit Vorsicht – Philosophie zu betreiben und dennoch am Leben zu bleiben.
Strauss zufolge bedeutete diese Hinwendung zur Philosophie, dass der Philosoph eine Theorie ausarbeiten musste, in der die angebliche Offenbarung, die die öffentliche Ordnung beherrschte, sich ihrerseits der Philosophie unterzuordnen hatte. Die Philosophie urteilte über die Offenbarung, das heißt, der Philosoph hatte den Zweck und den Inhalt der Offenbarung nach rein rationalen Maßstäben zu erklären. Die Fundamente, auf denen die Glaubwürdigkeit der Religion erklärtermaßen beruhte – mit anderen Worten: die politische Theologie der Religion –, waren intellektuell unhaltbar, weil sie von der Philosophie nicht gänzlich verstanden werden konnten. Die Vorstellung etwa, dass der Text des Korans Mohammed direkt und ohne Mittler auf Arabisch mitgeteilt wurde, ist – auch ohne dass man den Inhalt des Buchs auf widersprüchliche oder falsche Lehren überprüft – nach rationalen Begriffen schlichtweg unglaublich.
Diese Aufgabe, sich – auch wenn man selbst nicht daran glaubte – mit einem muslimischen öffentlichen Leben abzufinden, bewältigten die Philosophen, indem sie die im Koran geschilderte Lebensweise als einen »Mythos« behandelten, der eigens und kunstreich entworfen worden war, damit die Herrschenden die uneinsichtigen Massen auf Kurs halten konnten. Dieses Mythosverständnis ist sehr alt und reicht mindestens bis in die Zeit Epikurs zurück. Schon Aristoteles hatte gesagt, dass ein Tyrann, wenn er an der Macht bleiben will, die örtlichen frommen Gebräuche respektieren solle; er solle die Massen beschäftigen, erschöpfen und unterhalten, aber nicht dulden, dass irgendetwas im Privaten gesprochen werde. Eine ähnliche Position wurde im spätmittelalterlichen Europa von einer Denkrichtung vertreten, die man unter dem Namen »Lateinischer Averroismus« kennt. Ihr zufolge gab es zwei »Wahrheiten«: eine Wahrheit der Offenbarung und eine Wahrheit der Vernunft. Beide durften einander widersprechen – was immer dies letztlich für die Einheit der menschlichen Seele bedeuten mochte. Wir müssen sie nicht miteinander »versöhnen«. Im Rahmen dieser Theorie konnte, wenn alle sie mittrugen, der Philosoph philosophieren und der Gläubige glauben, ohne dass einer von ihnen sich wegen der offensichtlichen Widersprüche zu sorgen brauchte.
Der Mythos der Religion war also politisch nützlich, aber weder wahr noch mit der Philosophie kompatibel. Der Philosoph führte ein geheimes oder zurückgezogenes Leben wie es, seinen eigenen Worten in der Apologie zufolge, auch Sokrates geführt hat, um nicht schon zu einem früheren Zeitpunkt getötet zu werden. Es gilt als sicher, dass kein Philosoph, der sich öffentlich äußert und vor einem mythisch-religiösen Gemeinwesen angeklagt wird, überleben kann. So sind die Spielregeln. Und deshalb war es ausgeschlossen, dass mehr als nur ein paar Philosophen den Mythos, der die jeweilige Offenbarung erklärte, als falsch durchschauten und um die Schwierigkeit wussten, die Wahrheit darüber zu erkennen, ob wir dem, was wir – mit oder ohne die Vorstellung vom Sündenfall – über die Opazität (Trübung, das Gegenteil von Transparenz, Anm. d. V.) der menschlichen Natur wissen, mehr oder weniger entsprechen.6 An der Oberfläche würde alles ruhig bleiben. Die Religion war in der Tat ein nützliches Mittel, den unvermeidlichen Aufruhr der Massen, denen es an Selbsterkenntnis oder Selbstbeherrschung mangelte, in Schranken zu halten. Die Philosophie und die Wahrheit sind nicht für jedermann gedacht. Bezeichnenderweise musste der heilige Thomas zuallererst mit der Vorstellung aufräumen, dass Offenbarung und Philosophie einander widersprächen, ehe sich die Auffassung durchsetzen konnte, dass die Wahrheit der Offenbarung und die Wahrheit der Vernunft ein und derselben übereinstimmenden Wahrheits- und Wirklichkeitswelt zuzurechnen sind. Und damit war es auch nötig geworden, in der Frage nach der Wahrhaftigkeit der jeweiligen Offenbarungen Stellung zu beziehen.
II
Wenn man bedenkt, dass der Islam in vielerlei Hinsicht der älteste und hartnäckigste Gegner des Christentums gewesen ist – ein Gegner, der nur selten einen Rückweg offenlässt, wie die Situation in den Ländern beweist, die einst, in welchem Jahrhundert auch immer, von muslimischen Armeen oder Kaufleuten erobert worden sind –, dann ist es verwunderlich, wie wenig die Amtskirche bislang über den Islam hat verlauten lassen. Nach wie vor ist offenbar die Summa contra Gentiles des heiligen Thomas die größte von christlicher Seite unternommene Anstrengung zu definieren, was der Islam ist. Obwohl der Islam ein enormes historisches Faktum ist – die am schnellsten wachsende Religion in der Welt von heute, der mindestens ein Fünftel der Weltbevölkerung angehört und die in schöner Regelmäßigkeit überall dort, wo man es ihr erlaubt, neue Moscheen errichten lässt –, gibt es zum Beispiel keine Enzykliken mit dem Titel »Was ist der Islam?«. Wir haben nichts, das sich etwa mit Rundschreiben wie Mit brennender Sorge oder Divini Redemptoris vergleichen ließe, keinen Syllabus errorum und keine Canones, wie sie auf dem Trienter Konzil formuliert worden sind. Fast könnte man meinen, die Kirche hätte den Wahrheitsansprüchen des Islams niemals Bedeutung beigemessen. Wir setzen uns in unseren Dokumenten unter theologischen Gesichtspunkten mit zahlreichen christlichen Irrlehren, nicht aber mit dem Islam auseinander, der in gewisser Hinsicht selbst einmal eine christliche Irrlehre war. Oberflächlich betrachtet scheint dieser Mangel merkwürdig: beinahe als wäre der Islam nicht wichtig genug gewesen, um ihn ernst zu nehmen – oder als wäre damit eine gewisse Gefahr einhergegangen.
Was wir allerdings haben, sind neuere Verlautbarungen über unsere Gemeinsamkeiten mit dem Islam und anderen Religionen. Unsere zeitgenössische Herangehensweise ist liberal und irenisch (friedliebend, Anm. d. V.): ein Dialog, wenn und wann immer möglich, und niemals Konflikt, auch dann nicht, wenn er provoziert wird. Probleme – einschließlich der vielen im letzten Jahrhundert in islamischen Ländern getöteter Christen – sprechen wir nur sehr ungern und wenn, dann nur auf denkbar allgemeine Weise an, sodass der Eindruck entsteht, nicht der Glaube oder die Praxis des Islams, sondern die westliche Ideologie sei die Ursache aller Probleme. Wir wenden die Analysemethoden westlicher Philosophien oder Ideologien auf islamische Länder an und erwarten uns davon eine Formel, die ihr inneres Ethos erklärt. Wir benutzen wissenschaftliche Methoden, die uns blind machen für das, was vor sich geht. Kurz, wir führen keinen echten Dialog mit den Muslimen, sondern reden mit uns selbst. Es erschreckt uns, wenn Muslime uns aufgrund dessen, was wir über Gott und Christus glauben, als »Ungläubige« bezeichnen. Und das ist nicht einfach eine rhetorische Übertreibung, sondern nennt das beim Namen, was dem Islam als Bedrohung erscheint: ein anderes Gottesbild oder, genauer, die Vorstellung der Dreifaltigkeit und der Menschwerdung. Die Anziehungskraft des Islams scheint zu einem großen Teil direkt von der Leugnung dieses komplexen Gottesbildes abzuhängen, das hochzuhalten und zu verbreiten wir verpflichtet sind.
Das 21. Jahrhundert wird, so viel scheint klar, nicht wie noch das 20. Jahrhundert von der Auseinandersetzung mit den Weltideologien, sondern eher von der Auseinandersetzung mit den Weltreligionen geprägt sein. Das haben nur wenige Intellektuelle erwartet. In puncto Moral und Lebenskraft befindet sich der Westen bereits im Niedergang. Roger Scrutons Bemerkung trifft ins Schwarze: »Dass die Medien sich ins Kampfgeschehen eingeschaltet haben, hatte eine zerrüttende Wirkung auf die Wahrnehmung des Krieges. Und angesichts der rückläufigen Geburtenraten und der zunehmenden Langlebigkeit der Bevölkerung sind die westlichen Gesellschaften noch weniger bereit, ihren schwindenden Vorrat an Söhnen in der Schlacht aufs Spiel zu setzen.«7 Der Islam hingegen hat einen reichlichen Vorrat an Söhnen, von denen offenbar viele bereit sind, für seine Verteidigung oder Ausbreitung ihr Leben hinzugeben. Muslimische, hinduistische, chinesische und buddhistische Bewegungen scheinen im Laufe des vermeintlich so skeptischen 20. Jahrhunderts nicht schwächer, sondern stärker geworden zu sein.
Die christlichen Bevölkerungen stehen in Indien, China, in buddhistischen und in muslimischen Ländern unter Druck. Viele Christen verlassen diese Länder freiwillig, meist werden sie jedoch dazu gedrängt. Die meisten der Christen, die früher in arabischen Ländern gelebt haben, leben heute im Westen. Sie haben mit ihren Füßen abgestimmt. Die Muslime andererseits sind – zum Teil aufgrund ihres beträchtlichen zahlenmäßigen Wachstums – zusammen mit Chinesen, Hindus, Buddhisten und anderen Vertretern verschiedener Weltreligionen überall in Europa und Amerika präsent. Der moderne Säkularismus wirkt geradezu wie eine kulturelle Kuriosität, die sich auf kleine akademische Enklaven in kleinen Winkeln der Welt beschränkt. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass große Teile der modernen politischen Philosophie von der Vorstellung ausgegangen sind, die Bedeutung der Religion müsse verringert werden, um Religions- und Bürgerkriegen vorzubeugen. Angesichts der strikten Abschottung dieser Religionen an ihren historischen Orten und ihres mangelnden Sinns für eine echte, auf der Würde der Person basierende religiöse Freiheit wirkt der Skeptizismus oder Atheismus, verglichen mit diesen Ländern, aus denen es – außer vielleicht nach innen wie im Fall der mittelalterlichen muslimischen Philosophen – kein Entrinnen gibt, geradezu wie eine gesunde Alternative.
III
Vor diesem Hintergrund ist es vielleicht hilfreich, sich noch einmal näher mit den Gedanken über die Zukunft des Islams zu befassen, die sich Hilaire Belloc in den 1930er-Jahren gemacht hat. Bellocs Kommentare über den Islam sind aus heutiger Sicht deshalb so bemerkenswert, weil er die Fähigkeit hatte, historische Entwicklungen vor dem Hintergrund einer spirituellen Kraft oder Macht zu beurteilen. Obwohl er Soldat und Militärhistoriker war, der großen Wert auf die Fakten, auf Daten und Namen von Schlachten und Schlachtfeldern, Generälen und Soldaten legte, hat Belloc nie geglaubt, dass letztlich die materielle Macht darüber entscheidet, was zwischen Menschen und Zivilisationen geschieht. »Kulturen entspringen aus Religionen; die Lebenskraft, die jede Kultur aufrechterhält, ist letztlich ihre Philosophie, ihre Einstellung zum Universum; der Niedergang einer Religion zieht den Niedergang der Kultur nach sich, die ihr entspricht – was der derzeitige Zusammenbruch des Christentums mit allergrößter Deutlichkeit beweist.«8 Ihm war bewusst, dass die muslimischen Länder in den rund 300 Jahren seit der Schlacht von Wien am 11. September 1683 nach und nach aus dem modernen Szenario der ernst zu nehmenden Bedrohungen herausgefallen waren. Sie galten als rückständig und waren es auch. Und das ist trotz der Ölvorkommen, mit deren Wert sie wenig oder gar nichts zu tun hatten, noch immer weitgehend der Fall.
Belloc war sich darüber im Klaren, dass der jahrhundertelange Einfluss des Westens den Islam nicht verändert hatte. Was die Grundlagen anging, war der Islam von der westlichen Besetzung gänzlich unberührt geblieben. Wie Belloc in Survivals and New Arrivals schreibt:
»Wir stellten uns seine Religion [die des Islams] als eine Art Fossil vor, dessentwegen wir uns nicht zu beunruhigen hätten. Das war fast sicher ein Fehler. Es ist so gut wie sicher, dass wir in naher Zukunft mit dem Islam zu rechnen haben werden. Vielleicht wird er aufsteigen, wenn wir unseren Glauben verlieren. Denn nachdem diese Unterjochung der islamischen Kultur durch dem Namen nach christliche Nationen bereits abgeschlossen war, begannen die politischen Eroberer dieser Kultur an ihr zwei beunruhigende Merkmale festzustellen: erstens, dass ihr spirituelles Fundament sich als unerschütterlich erwies; und zweitens, dass ihr Einflussbereich nicht etwa kleiner, sondern im Gegenteil langsam größer wurde.«9
Heute – so viel sei gesagt – rechnen wir mit dem Islam. Europa und große Teile Amerikas haben den Glauben weitgehend verloren, wie Belloc es schon vor dem Zweiten Weltkrieg hatte kommen sehen, und der Islam ist dort auf dem Vormarsch. Und auch in Afrika und Asien expandiert der Islam.
Belloc war beeindruckt von der Kompaktheit des Islams, seiner inneren Geschlossenheit – was auch immer deren Ursache sein und mit welchen Methoden sie auch aufrechterhalten werden mochte. Wie er im selben Buch schreibt:
»Der Islam würde keinerlei missionarischen Bemühungen des Christentums je tatenlos zusehen. Die sogenannten christlichen Regierungen, die zu ihm Kontakt hatten, hat er in spiritueller Hinsicht stets verachtet. Die glühenden und aufrichtigen christlichen Missionare wurden in der Regel höflich empfangen und in einigen Fällen erbittert attackiert, erhielten jedoch nie die Gelegenheit, den Islam zu beeinflussen. Ich halte die Aussage für zutreffend, dass der Islam die einzige spirituelle Quelle auf Erden ist, die sich dem Katholizismus als uneinnehmbare Festung entgegengestellt hat. Seine Anhänger bilden die einzige religiöse Gemeinschaft, aus der es keine nennenswerte Anzahl von Konversionen gibt.«10
Eine ähnliche Beobachtung formuliert Belloc in The Great Heresies:
»Der Islam ist augenscheinlich unbekehrbar. Die missionarischen Anstrengungen der großen katholischen Orden, die seit annähernd 400 Jahren mit dem Versuch beschäftigt sind, aus Mohammedanern Christen zu machen, sind überall nahezu vollständig gescheitert. An einigen Orten haben wir den mohammedanischen Herrscher aus dem Land gejagt und seine christlichen Untertanen von der mohammedanischen Kontrolle befreit, aber bei der Bekehrung einzelner Mohammedaner haben wir fast keine Ergebnisse erzielt.«11
Belloc erkannte an, dass der Islam florierte, weil er grundlegende Wahrheiten über Gott beinhaltete, wie auch immer diese interpretiert wurden. »Der Mohammedanismus hat dauerhaft Wurzeln geschlagen, ein Eigenleben entwickelt und ist schließlich so etwas wie eine neue Religion geworden«, schrieb er in The Great Heresies. »Wie alle Irrlehren lebte der Mohammedanismus von den katholischen Wahrheiten, die er bewahrt hatte. Sein Festhalten an der persönlichen Unsterblichkeit, an der Einheit und unendlichen Majestät Gottes, an seiner Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, an der Gleichheit der menschlichen Seelen im Angesicht ihres Schöpfers – darin bestand seine Stärke.«12 Die Stärke des Islams waren in Bellocs Augen seine Tugenden.
Doch allein schon aus diesem Grund – weil der Islam für den Katholizismus uneinnehmbar ist – muss die Kirche dieser wachsenden Kraft in der Welt größere Beachtung schenken. Es genügt nicht, Gewalt im abstrakten Sinne zu verurteilen. »Geht hin und lehrt alle Völker« ist nur möglich, wenn die Völker es zulassen, dass man ihnen predigt. Die westlichen Theorien von der Religionsfreiheit haben sich, ganz gleich, ob von weltlicher oder religiöser Seite formuliert, im Islam nicht durchgesetzt, und diese Tatsache wird nur selten kritisiert. Die wenigen Christen oder Angehörige anderer Religionsgemeinschaften müssen sich in den meisten muslimischen Ländern in der Praxis mit einem Status als Bürger zweiter Klasse zufriedengeben und stehen unter dem ständigen Druck, zum Islam konvertieren zu sollen.
IV
Bellocs These zufolge begann der Islam als eine christliche Irrlehre, die an den jüdischen Elementen des christlichen Glaubens – der Einheit und Allmacht Gottes – festhielt, aber sämtliche christlichen Aspekte, also die Menschwerdung und die Gottheit Christi verneinte, was zur Folge hatte, dass Christus nur mehr als Prophet betrachtet und auch die Kirche, das Priestertum und die Sakramente geleugnet wurden. Der Islam war so erfolgreich, weil er, wie er selbst von sich sagt, eine einfache Religion ist. Es war nicht schwierig, seine wenigen Lehrinhalte und Frömmigkeitsregeln zu verstehen und zu befolgen. Die Ausbreitung des Islams erfolgte fast immer mit Waffengewalt; nach jeder Eroberung übernahmen muslimische Kalifen oder Sultane die Herrschaft. Sie waren intolerant, aber mehr oder weniger bereit, die politische Unterwerfung gegen Abgabenzahlungen zu akzeptieren. Mindestens zweimal in der Geschichte des Westens wurde Europa beinahe vom Islam überrannt: einmal im achten Jahrhundert in Poitiers und einmal im 17. Jahrhundert in Wien.
Interessanterweise feiert die Kirche seit damals bestimmte Feste, um dieser Siege zu gedenken. Das bekannteste ist das Rosenkranzfest, das der hl. Pius V. am 7. Oktober 1571 zur Erinnerung an den Sieg in der Seeschlacht von Lepanto eingeführt hat. »Der Name Lepanto sollte allen Menschen mit einem Sinn für Geschichte als einer von etwa einem halben Dutzend großer Namen in der Geschichte der christlichen Welt in Erinnerung bleiben.«13 Fragt sich nur, ob in der heutigen Zeit, da man sich praktisch für alles entschuldigt, nicht irgendein Papst dieses Fest zum Zeichen seines guten Willens wieder abschaffen wird. Ein Zyniker würde vielleicht hoffen, dass wir zunächst einmal abwarten, ob sich der Islam für die Eroberungen christlicher Länder von Spanien bis hin nach Afrika und Asien und die Massaker dort entschuldigt, mit denen er seine anfängliche Expansion vorangetrieben hat.
Diese früheren Päpste jedenfalls wussten, dass sie einen Feind und dass sie großes Glück gehabt hatten, nicht unter muslimische Militärherrschaft geraten zu sein. Der Kreuzzugsaufruf Urbans II. kann, obwohl oft missverstanden, im Großen und Ganzen als der verspätete und weitgehend erfolglose Versuch der europäischen Christen betrachtet werden, sich gegen den Islam zu verteidigen. Belloc war der Ansicht, dass das Kreuzfahrerheer von Anfang an unterbemannt und der Heroismus seiner Anführer oft größer war als ihre strategischen Fähigkeiten – und dass die Niederlage bei Hattin 1187 gegen Saladin eine der bedeutendsten Schlachten der Weltgeschichte war, weil sie die Herrschaft des Islams über weite Weltgegenden bestätigte, die noch heute großenteils islamisch kontrolliert sind. Anders als Stanley Jaki war Belloc nicht der Auffassung, etwas in der islamischen Theologie selbst hindere den Islam daran, sich jemals zu einer industriell oder militärtechnologisch irgendwie bedeutenden Macht zu entwickeln. Das Ausbleiben einer solchen Entwicklung war für Belloc reiner Zufall, während es für Jaki in der Vorstellung von einem absoluten göttlichen Willen und der daraus folgenden Verneinung stabiler Sekundärursachen wurzelte. Jaki führte die Wut im modernen Islam zu einem Großteil darauf zurück, dass es ihm nicht gelungen oder er nicht dazu in der Lage war, sich aus eigener Kraft zu modernisieren.14 In den meisten Fällen stammen Waffen und Equipment der muslimischen Staaten nach wie vor aus ausländischen Produktionen, sind in der Regel von minderer Qualität und mit Ölgeld bezahlt.
Die »neue« Waffe, die der Islam am 11. September 2001 präsentierte, ging mit einer Art fanatischer Entschlossenheit einher, jede nur denkbare Methode des Terrors einzusetzen – auch dann, wenn dabei Einzelne ihr Leben lassen, die, weil sie Ungläubige getötet haben, landläufig oft als »Märtyrer« betrachtet werden. Für diese Methode benötigt man nur wenig an Technologie. Und der Westen verfügt über eine allenfalls minimale moralische Ausrüstung, um auf derartige Taktiken zu reagieren. Denn wer nicht um sein eigenes Leben fürchtet, ist nur sehr schwer aufzuhalten – das wussten schon Aristoteles und Machiavelli. Doch keiner der beiden hatte dabei die Vorstellung im Sinn, dass jemand sein Leben zu diesem speziellen Zweck opfert. Genau genommen hat der Islam schon immer in der Geschichte des Westens in den Herzen derer, die unter seiner Herrschaft oder an seinen Grenzen lebten und für die unmittelbare Zukunft mit einem Angriff rechnen mussten, so etwas wie Terror ausgelöst. Belloc spielt auf dieses Phänomen an:
»Da diese Dinge so sind, scheint ein Wiederaufflackern des Islams, scheint die Vorstellung abwegig, dass dieser Terror, unter dem wir jahrhundertelang gelebt haben, wiederkehrt und unsere Zivilisation erneut gegen die Macht um ihr Leben kämpft, die tausend Jahre lang ihr schlimmster Feind gewesen ist. Wer in der heutigen muslimischen Welt wäre imstande, das komplizierte Gerät der modernen Kriegsführung herzustellen und zu warten? Wo ist die politische Maschinerie, auf die sich die islamische Religion stützen müsste, wenn sie in der modernen Welt eine gleichberechtigte Rolle spielen wollte?«15
Heute scheint diese Frage weniger rhetorisch, denn am Ende zählen Zahlen und es zählt die Entschlossenheit von Menschen, beim Einsatz moderner Maschinen – zum Beispiel ganz gewöhnlicher Flugzeuge – und in Ausführung dessen zu sterben, was für sie ein verbriefter religiöser Auftrag ist, während wir uns alle Mühe geben, es als schlichten und grundlosen »Terrorismus« zu klassifizieren. Hinzu kommt, dass dieser Terrorismus oder die von ihm ausgehende Bedrohung inzwischen allgegenwärtig ist. Aufseiten des Islams selbst sind bislang keine großen Bemühungen zu beobachten, seine eigenen »Terroristen« unter Kontrolle zu bringen oder jenen ihre Sympathie zu bekunden, die unter ihnen zu leiden haben oder sich vor ihnen schützen müssen.
Die Unbekehrbarkeit des Islams führt uns zu mehreren, womöglich radikalen Überlegungen. Unter Christen ist das Diktum verbreitet, dass das Blut der Märtyrer die Saat des Glaubens sei. Es hat im Laufe der Jahrhunderte viele, viele Christen gegeben – und es gibt sie noch immer –, die von muslimischer Hand das Martyrium erlitten haben. Wie im Fall des türkischen Massakers an den Armeniern ist eine Rechtfertigung immer zur Hand: dass die Christen Allah gelästert hätten. Allein schon die Existenz des Christentums ist nach muslimischen Begriffen eine Lästerung, solange wir an der Wahrheit der Inkarnation – dass Gott Mensch geworden ist – festhalten. Diese historischen Martyrien scheinen – im Hinblick auf etwaige Konversionen oder auch nur im Hinblick auf eine gewisse Aufmerksamkeit unsererseits – wenig oder gar nichts bewirkt zu haben.
Überdies haben wir es mit dem Parallelphänomen des muslimischen Märtyrers zu tun: des Menschen, der im Namen Allahs tötet – ob er nun in einer Kirche auf den Philippinen einen Sprengstoffgürtel detonieren lässt, französische Trappistenmönche in Algerien enthauptet oder Flugzeuge ins World Trade Center steuert. Solche Mörder werden in einem irgendwie fundamentalen Sinn als Märtyrer dargestellt. Und auch die Vorstellung von einem »Heiligen Krieg« ist dem Islam nicht unvertraut. So sehr sich die Kirche auch bemüht und aufzuzeigen versucht, dass solche Taten durch nichts zu rechtfertigen sind, werden die, die solche Taten verüben, doch noch immer zumindest in einigen maßgeblichen muslimischen Kreisen als echte Märtyrer betrachtet, die Allahs würdig, weil bestrebt sind, die Religion zu verteidigen oder auszubreiten. Wenn wir versuchen, dieser Position auf, nun sagen wir, naturrechtlicher Basis zu widersprechen, dann stellen wir fest, dass dieser Diskurs dem Selbstverständnis des Islams in vieler Hinsicht völlig fremd ist. Die Grundlage unserer Argumentation wird gar nicht als gültig anerkannt.
Belloc war der Ansicht, dass der Islam als Irrlehre begonnen und sich später, als er Verantwortung übernehmen und seine Erfolge auf dem Schlachtfeld erklären musste, auf kultureller Ebene zu einer neuen Religion entwickelt habe. Die erstaunlichen Erfolge auf dem Schlachtfeld mussten verwaltet werden.
»Der Mohammedanismus war eine Irrlehre: Das ist der wesentliche Punkt, den wir festhalten müssen, ehe wir auch nur einen Schritt weitergehen. Er hat als Irrlehre begonnen, nicht als neue Religion. Er war kein heidnisches Gegenstück zur Kirche: Er war kein fremder Feind. Er war eine Verkehrung der christlichen Lehre. Seine Lebenskraft und Ausdauer ließen ihn schon bald als eine neue Religion erscheinen, doch die, die seinen Aufstieg miterlebten, sahen ihn als das, was er war – keine Leugnung, sondern eine Adaptation und Fehlanwendung des Christlichen.«16
Wie die meisten Wissenschaftler anerkennen, stammt das, was der Islam aus der Offenbarung übernommen hat, großenteils eher aus dem Judentum als aus dem Christentum. Der Islam hat vieles von dem bewahrt, was Christentum und Judentum gemeinsam haben: die Transzendenz Jahwes, die Schöpfung, die göttliche Gerechtigkeit und Bestrafung, die besondere Beziehung des Volkes zu Gott.
Dennoch war der Islam anders als der Arianismus und andere frühe Irrlehren. Er entstand außerhalb der antiken christlichen Welt. Für ihn war Christus nicht Gott, sondern ein menschlicher Prophet. Damit leugnete er den wichtigsten Grundsatz des christlichen Glaubens.
»Mit dieser Leugnung der Menschwerdung war auch die gesamte sakramentale Struktur hinfällig. Er [der Muslim] wollte nichts von der Eucharistie mit ihrer Realpräsenz wissen; er setzte dem Messopfer und damit auch der Institution eines besonderen Priestertums ein Ende. Mit anderen Worten, er gründete seine Irrlehre wie so viele weniger bedeutende Irrlehrer auf Vereinfachung.«17
In Saudi-Arabien ist es – auch wenn nicht oft darüber gesprochen wird – selbst im privaten Bereich verboten, die Messe zu lesen. In anderen muslimischen Ländern ist die Messfeier unter Einschränkungen erlaubt und wird ständig durch die verschiedensten formellen und informellen Praktiken erschwert. Die Religionsfreiheit ist kein Begriff, der gleichsam natürlich aus dem muslimischen Denken hervorginge, sondern eine westliche Vorstellung, ja eine weitgehend westliche Idee. Die Religionsfreiheit zu praktizieren gilt im Islam im Grunde als mangelnde Unterwerfung gegenüber Allah – und das auch dort, wo nicht muslimische Kultformen erlaubt sind.
Belloc war der Meinung, dass der Islam sich vor allem aus einem guten Grund so rasch ausbreitete: weil er Schlachten gewann. Dieser Erfolg sollte moderne Pazifisten nachdenklich stimmen, was jedoch meist nicht geschieht. Doch den Islam als eine Religion der Einfachheit zu bezeichnen, ist für Bellocs Begriffe eher ein Kompliment. Er weist darauf hin, dass er viele Menschen aus der Zwickmühle des Zinswuchers und vor dem Richter gerettet habe. Er befreite Sklaven, wenn sie konvertierten, und machte sie innerhalb des Systems zu Brüdern. Die Bruderschaft im Glauben hat Vorrang vor allen anderen Beziehungen. Belloc unterscheidet zwischen der anfänglichen Ausbreitung des Islams im Nahen Osten und seiner Expansion in persisches und mongolisches Gebiet – von Mesopotamien bis nach Indien und ins Oströmische Reich. »Der typische Gleichmut der asiatischen Gesellschaft fühlte sich sofort von dieser neuen Idee einer sehr einfachen, persönlichen Regierungsform angesprochen, die durch die Religion geheiligt war und mit theoretisch absoluter Macht von einem Zentrum aus regierte.«18 Durch diese Eroberungen lernte der Islam die griechische Philosophie und andere Kulturen kennen und legte so den Grundstein für einen Großteil seiner wissenschaftlichen und künstlerischen Errungenschaften. »Der Islam war die eine Irrlehre«, so Belloc, »die das Christentum durch seine frühe materielle und intellektuelle Überlegenheit um ein Haar vernichtet hätte.«19
Um die »Toleranz« des Islams insbesondere den Buchreligionen gegenüber ist viel Aufhebens gemacht worden. In vielen Fällen war diese Toleranz jedoch schlicht der Tatsache geschuldet, dass bei großen eroberten Völkern nicht binnen Kurzem ein Gesinnungswandel herbeigeführt werden konnte. Belloc vertrat die Auffassung, dass »das muslimische Temperament nicht tolerant« gewesen sei. »Es war im Gegenteil fanatisch und blutrünstig. Es empfand keinerlei Respekt und nicht einmal Neugier gegenüber jenen, von denen es sich unterschied. Es war auf absurde Weise selbstgefällig und blickte voller Verachtung auf die christliche Hochkultur seiner Umgebung herab. Und diese Verachtung hat es sich bis heute bewahrt.«20 Der praktische Kompromiss bestand in dieser Situation darin, dass die Christen bleiben durften – aber nur innerhalb sehr eng umrissener Grenzen und Beschäftigungen. Sie mussten Abgaben zahlen. Und viele wurden nach und nach vom Islam absorbiert, weil sie keine Chance sahen, ihm zu entkommen.
V
Dieser historische Befund – die Beständigkeit des Islams, seine Geschlossenheit, seine Treue zu sich selbst – verdienten, so Belloc, nähere Betrachtung. Der Islam war »die gravierendste aller Irrlehren« gewesen. Nun stellte sich die Frage: Warum hatte er überlebt? »Millionen moderner Menschen der weißen Zivilisation – das heißt der Zivilisation Europas und Amerikas – haben den Islam vollständig vergessen.«21 1938 konnte man das noch schreiben – 2003 nicht mehr. Die Frage, die sich heute stellt, lautet nicht einfach: »Warum hat er überlebt?«, sondern: »Warum war er erfolgreich?«. Man kann nicht umhin anzuerkennen, dass Belloc das Problem vorhergesehen hat: »Er ist de facto der gravierendste und ausdauerndste Gegner, den unsere Zivilisation je gehabt hat, und kann jederzeit in der Zukunft zu einer ebensolchen Bedrohung werden, wie er es in der Vergangenheit gewesen ist.«22 Eine solche Offenheit erlaubt uns weder unsere moderne Kultur noch die moderne Kirche.
In der Regel, glaubte Belloc, erzielen Irrlehren gewisse Anfangserfolge, ehe sie abebben und schließlich verschwinden. Beim Islam war das nicht so. Der Islam blieb, was die Zahl seiner Gläubigen und die Kraft seiner Überzeugungen anging, auch dann noch stark, als er bereits besiegt war. Inwiefern ist der Islam also anders als die anderen Irrlehren? Weil er einfach sei, sich auf die Gerechtigkeit gründe und dem Christentum gegenüber eine Verbesserung darstelle, meinen einige westliche Denker. Belloc wies dieses Argument mit der Begründung zurück, dass auch andere Irrlehren diesen Anspruch vertreten hätten und dennoch verschwunden seien. Historisch betrachtet gewann der Islam beständig neue Rekruten: die Türken, die Mongolen.
»Die Ursachen dieser Lebenskraft [des Islams] sind sehr schwierig zu sehen und können vielleicht nicht endgültig geklärt werden. Ich persönlich würde es in Teilen darauf zurückführen, dass der Islam deswegen, weil er von außerhalb kam, weil er eine Irrlehre war, die nicht innerhalb der christlichen Gemeinschaft, sondern jenseits ihrer Grenzen entstanden ist, immer über einen Vorrat an Menschen, an Neuankömmlingen verfügen konnte, die hinzuströmten und seine Kräfte wiederaufleben ließen. Dies kann jedoch nicht die vollständige Erklärung sein.«23
Heute, so vermute ich, gewinnt der Islam seine neuen Rekruten vor allem aus seinem eigenen Bevölkerungswachstum, mit dem er in das Vakuum vorstößt, das die niedrigen Geburtenraten des Westens hinterlassen haben. Die Kreuzzüge haben den Islam nicht geografisch gespalten. Belloc war der Meinung, dass der Islam vielleicht an Kraft verloren hätte, wenn Afrika durch die Kreuzzüge (1095–1200) von Asien abgeschnitten worden wäre. Interessanterweise vertreten viele Befürworter der Besetzung des Iraks heute dieselbe Theorie: dass der Islam aufgespalten sei und auf diese Weise seine geopolitische Macht verringert werden müsse.
Belloc war jedoch der Ansicht, dass der Islam, obwohl er sich auf seine militärische Stärke stützte, auch eine kulturelle Kraft besaß.
»Der Erfolg des Islams beruhte nicht darauf, dass er in Fragen der Philosophie und Moral etwas Befriedigenderes angeboten hätte, sondern, wie ich schon geschrieben habe, darauf, dass er dem Sklaven und dem Schuldner die Chance auf Freiheit bot und dass seine extreme Einfachheit den unintelligenten Massen gefiel, die den Mysterien, die untrennbar mit dem tiefen intellektuellen Leben des Katholizismus und mit der Radikalität seiner Menschwerdungslehre verbunden waren, ratlos gegenüberstanden.«24
Diese Position ähnelt der von Eric Voegelin, der die Auffassung vertrat, viele westliche Christen seien deshalb so empfänglich für moderne Ideologien, weil sie de facto nicht an das letzte, transzendente Ziel des Glaubens glaubten.25
Genau genommen vermutete Belloc einen Zusammenhang zwischen dem Scheitern der Kreuzzüge und dem Aufstieg des modernen Europa, das sich zunächst auf sich selbst konzentriert habe, ehe es mit der Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Asien die technischen Mittel fand, die islamischen Länder zu umgehen. Belloc vertrat sogar den Standpunkt, der Erfolg der Reformation sei in Teilen durch das Scheitern der katholischen und päpstlichen Politik in den Kreuzzügen bedingt gewesen. (Bellocs Buch The Crusades ist nach wie vor eine der erschütterndsten Darstellungen dieser gescheiterten Unternehmung.)
Wären die Truppen, die den Kreuzfahrern am Ende des ersten Kreuzzugs noch blieben, zahlenmäßig um ein weniges stärker gewesen und hätten sie Damaskus und die Reihe der Städte am Wüstensaum erobert, dann hätte die ganze Weltgeschichte einen anderen Verlauf genommen. Die Welt des Islams wäre in zwei Hälften geteilt und der westliche Teil außerstande gewesen, sich dem östlichen zu nähern.26
Die alten römischen Gebiete in Nordafrika wurden nicht zurückerobert. »Sie scheiterten, aber sie schufen das moderne Europa«, schreibt Belloc. Die Reformation sei eine Folge des geschwächten Zentrums und der mit der Bildung der modernen Nationen verloren gegangenen Einheit gewesen.
Am allerdeutlichsten war sich Belloc jedoch der Tatsache bewusst, dass das Christentum, anders als der Islam, seinen inneren Zusammenhalt, seinen Glauben nicht hatte bewahren können. »Das christliche Europa ist eins und sollte seiner Natur nach eins sein; doch es hat seine Natur vergessen, als es seine Religion vergaß.«27 Diesen Verlust des inneren Zusammenhalts im Westen setzte Belloc zu einem möglichen Wiedererstarken des Islams in Beziehung. Dass der Westen nicht verstehen konnte oder wollte, wie anziehend der Islam mit seiner inneren Geschlossenheit war, erklärte sich zum Teil daraus, dass er die Bedeutung von Religion generell herunterspielte. »Ich habe es schon immer für möglich und sogar für wahrscheinlich gehalten«, so Belloc,
»dass der Islam sich von Neuem erheben und dass die Generation unserer Söhne oder Enkel die Wiederaufnahme dieses furchtbaren Kampfs zwischen der christlichen Kultur und jener Macht erleben würde, die tausend Jahre lang ihr größter Gegner gewesen ist. […] Die Zukunft kommt immer überraschend, aber die politische Weisheit besteht in dem Versuch, sich ein zumindest unvollständiges Urteil darüber zu bilden, worin diese Überraschung bestehen könnte. Und ich für meinen Teil kann nicht umhin zu glauben, dass die Rückkehr des Islams eine der bedeutenderen unerwarteten Entwicklungen der Zukunft sein wird. Da alle politischen Bewegungen und Veränderungen in der Religion wurzeln und da wir es hier mit einer sehr großen Religion zu tun haben, die zwar physisch gelähmt, in moralischer Hinsicht aber überaus lebendig ist, stehen wir vor einem instabilen Gleichgewicht, das nicht von Dauer sein kann.«28
Interessant ist, dass wir sogar jetzt, da der Islam in den Blickpunkt unserer Aufmerksamkeit zurückgekehrt ist, diese Rückkehr nicht als etwas Religiöses sehen wollen, das sich aus dem islamischen Denken selbst erklärt.
VI
Wie sollen wir Bellocs deutliche Worte bewerten? Der Islam umspannt die halbe Welt und teilt sich in zahlreiche »Nationen« auf, wobei der Nationalismus allerdings keine islamische Idee ist. Die zentralen Organe der Kirche sind offenbar dagegen, dass irgendetwas Grundlegendes gegen die islamische Bedrohung unternommen wird. Sie ziehen es vor, die Mittel der Diplomatie in Anwendung zu bringen und die verbreiteten Angriffe auf Christen überall in der Welt entschlossen zu ignorieren. Es ist interessant, dass diverse Vatikanbeamte als Grund für den Gewaltverzicht die Befürchtung anführen, dass der Islam sich erheben und die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzen könnte. Sie haben recht; die Gefahr ist real. Normalerweise wäre diese Sichtweise ein Argument dafür, nach Möglichkeit etwas gegen das betreffende Problem zu unternehmen, ehe Schlimmeres passiert – insbesondere dann, wenn das Problem im Islam selbst und in seiner Unfähigkeit wurzelt, normale, friedliche Gesellschaftsstrukturen zu akzeptieren. Fast alle kleineren Kriege der heutigen Zeit haben eine islamische Komponente. Innerhalb des Islams gibt es verschiedene Auslegungsschulen: angefangen bei den wohlfinanzierten wahhabitischen Extremisten in Saudi-Arabien bis hin zu den eher milden Versionen bestimmter schiitischer Gruppierungen.
Da wir tatsächlich nicht über eine gemeinsame Philosophie verfügen, vertreten Geopolitiker wie Theologen die Auffassung, dass wir nach Wegen suchen müssen, den Islam von innen her neu zu interpretieren, indem wir seine eigenen Texte und Überlieferungen dazu verwenden, den Extremisten den Wind aus den Segeln zu nehmen, die derzeit ihre Chance wittern, die muslimische Weltherrschaft zu errichten. Auf den ersten Blick erscheint dies absurd. Doch, wie Belloc sagt, überraschende Dinge wie der Aufstieg des Islams oder des Christentums vor ihm oder, noch davor, des Judentums geschehen nun einmal. Das wirft die Frage auf, ob es nicht letztlich doch etwas gibt, was objektiv für die Realität der Heilsgeschichte spricht.
Bellocs Einschätzung war insbesondere für die Katholiken ernüchternd. Er lebte vor der »Ökumene«, doch deren Wirksamkeit wäre ihm im Falle des Islams sicherlich fragwürdig erschienen, auch wenn es ein Zeichen politischer Klugheit sein mag, es den muslimischen Philosophen nachzutun und keinerlei Wahrheiten auszusprechen, die außerhalb des Korans liegen. »Missionarische Bemühungen hatten auf ihn [den Islam] keine nennenswerte Wirkung«, so Bellocs Schlussfolgerung.
»Nach wie vor bekehrt er die heidnischen Wilden en gros. Er zieht sogar von Zeit zu Zeit den einen oder anderen exzentrischen Europäer an, der sich seiner Gemeinschaft anschließt. Niemals aber wird der Mohammedaner ein Katholik. Kein Bruchteil des Islams entsagt jemals seinem heiligen Buch, seinem Sittenkodex, seinem geordneten Gebetssystem, seiner einfachen Lehre. Angesichts dessen sollte jeder, der über eine gewisse Kenntnis der Geschichte verfügt, sich die Frage stellen, ob wir es nicht in Zukunft erleben werden, dass die politische Macht der Mohammedaner wieder erstarkt und der alte Druck des Islams auf das Christentum erneuert wird.«29
Das sind deutliche und historisch wahre Worte. Und heute kommen sie uns geradezu prophetisch vor. Nur wenige seiner Zeitgenossen haben Belloc große Aufmerksamkeit geschenkt. Obwohl es in unseren Tagen hin und wieder geschieht, dass Muslime zum Christentum konvertieren, bleibt es eine Tatsache, dass die Konversion in Ländern, in denen das islamische Gesetz gilt, verboten und auch außerhalb der muslimischen Welt aus sozialen und kulturellen Gründen nur schwer durchführbar ist.30
Alles in allem kann ich nicht umhin, der »augenscheinlich unbekehrbaren Religion« – dem radikalen Islam – dafür dankbar zu sein, dass er uns aufgerüttelt hat. Wir könnten die These aufstellen, dass all unsere Studien, all unsere Beschäftigung mit westlicher Ideologie und Macht womöglich verfehlt gewesen sind. Stattdessen hätten wir auf unsere Seelen achten und nach der besten Erklärung für unser Dasein und unsere Bestimmung suchen sollen. Der Islam hat eine andere Seele und eine andere Bestimmung, die er mit seinen bewährten Mitteln bis an die Enden der Erde zu tragen versucht – eine Idee, zu der ihn ironischerweise womöglich der Schluss des Matthäusevangeliums inspiriert hat.
5James V. Schall, »Belloc and the ›Apparently Unconvertible‹ Religion«, Vital Speeches of the Day 69, 1. April 2003, 375–382.
6Vgl. Leo Strauss, Persecution and the Art of Writing, Greenwood, Westport, Conn. 1973, 11–24; Ralph Lerner, Muhsin Mahdi, Medieval Political Philosoph, Cornell University Press, Ithaca 1978, 1–21.
7Roger Scruton, The West and the Rest: Globalization and the Terrorist Threat, ISI Books, Wilmington 2002, 59.
8Hilaire Belloc, The Great Heresies, Ignatius Press, San Francisco 2017, 99.
9Hilaire Belloc, Survivals and New Arrivals, MacMillan, New York 1929, 252.
10Ebd.
11Hilaire Belloc, The Great Heresies, 73.
12Ebd., 96.
13Hilaire Belloc, The Great Heresies, 92.
14Stanley L. Jaki, The Road of Science and the Ways to God, University of Chicago Press, Chicago 1978, 35–36.
15Hilaire Belloc, The Great Heresies, 98.
16Hilaire Belloc, The Great Heresies, 59–60.
17Hilaire Belloc, The Great Heresies, 61–62.
18Hilaire Belloc, The Great Heresies, 66.
19Ebd., 68.
20Ebd., 69.
21Hilaire Belloc, The Great Heresies, 71.
22Ebd.
23Hilaire Belloc, The Great Heresies, 97.
24Hilaire Belloc, The Great Heresies, 78.
25Eric Voegelin, Science, Politics, and Gnosticism, Regnery/Gateway, Chicago 1968, 109.
26Hilaire Belloc, The Great Heresies, 86.
27Hilaire Belloc, The Great Heresies, 95–96.
28Hilaire Belloc, The Great Heresies, 95–96.
29Hilaire Belloc, The Great Heresies, 97. Kursivsetzung im Original.
30Konversionen vom Christentum zum Islam und vom Islam zum Christentum kommen in Asien, Afrika, dem Nahen Osten und unter Migranten vor, die nach Europa und Nordamerika einwandern. Verzeichnisse solcher Übertritte sind leicht im Internet auffindbar.
2. Über den Islam31
Einer Meldung der Nachrichtenagentur Zenit zufolge hat in der Großen Moschee von Rom ein muslimischer Geistlicher dazu aufgerufen, die »Feinde des Islams« zu vernichten und »überall in der Welt den Sieg der islamischen Nation sicherzustellen«.32 Auf diesen Ausbruch hin hoben sich in Italien nicht wenige Augenbrauen. In Amerika vertreten der frühere Kommentator von Fox News, Bill O’Reilly, und andere die Auffassung, dass der Dritte Weltkrieg bereits begonnen habe. Krieg gegen wen? Gegen den Islam. Doch was ist das für ein Islam, der einen Weltkrieg führt?
Der Islam ist eine Religion. Es gibt unter den islamischen Ländern keine nennenswerte Militärmacht. Der Islam besteht aus etwa einer Milliarde Gläubigen. Von einigen Einzelfällen abgesehen liegen uns keinerlei Informationen über Muslime vor, die zu irgendeiner anderen Religion oder weltlichen Philosophie übergetreten wären. Das Christentum hat keinerlei Spuren hinterlassen. Wenn es zu Konversionen kommt, dann andersherum. Der Großteil der muslimischen Gläubigen verteilt sich auf etwa 22 Nationen. Dort wird im Grunde alles von Mitgliedern der Religion kontrolliert. Eine starke Präsenz – aber nicht die Mehrheit – der muslimischen Gläubigen lebt in Indien und China. Muslime finden sich zunehmend auch in westlichen Ländern – insbesondere jenen mit rückläufigen Geburtenzahlen und einer zunehmend überalterten Bevölkerungen.
Die politischen Strukturen in den muslimischen Nationen weisen die üblichen Merkmale militärischer Willkürherrschaften auf: zivile Intoleranz gegenüber anderen Religionen und Praktiken und in den meisten Fällen Armut. Als freie Gesellschaften können – wenn denn überhaupt – nur wenige muslimische Nationen bezeichnet werden. In den betreffenden Gebieten bedeutet das Wort »Toleranz« etwas anderes als das, was wir für gewöhnlich darunter verstehen. Ein Nichtmuslim kann, so vorsichtig man es auch immer ausdrücken mag, nur als Bürger zweiter Klasse überleben. Jeder, der mit der Geschichte der modernen Märtyrer vertraut ist, sieht, dass ihre Zahl in muslimischen Ländern unverhältnismäßig hoch ist. Verkompliziert wird das Bild obendrein dadurch, dass die muslimischen »Terroristen«, die bei Bombenanschlägen oder in Kämpfen getötet werden oder Selbstmord begehen, sich für Märtyrer im Namen des Islams halten und auch von der örtlichen öffentlichen Meinung als solche betrachtet werden.
Die landläufige westliche Doktrin, die Präsident George W. Bush als Grundlage für seinen Krieg gegen den »Terrorismus« diente, besagt, dass der Islam eine friedliche Religion sei. Dass diese gewaltbereite Gruppe von »Terroristen« von einem erheblichen Anteil der Muslime – gemessen an der gesamten Anzahl von Muslimen vielleicht circa zehn Prozent – aktiv unterstützt wird, hätte demnach nichts mit der Religion zu tun. Die meisten Kriege oder Aufstände in unserer gegenwärtigen Welt haben eine muslimische Komponente. Strategen geraten in Verlegenheit, wenn sie diese neuartige nationale und internationale Bedrohung in klassischen Begriffen definieren sollen. Sie scheint nicht unmittelbar von einer Entität auszugehen, die man als Nationalstaat bezeichnen könnte, auch nicht von einem islamischen Nationalstaat. Es gibt jedoch islamische Staaten, die diese staatenlosen »Terroristen« unterstützen, finanzieren oder schützen.
In einer Audienz mit dem katholischen Episkopat von Ägypten hat Papst Johannes Paul II. Folgendes gesagt:
»Der Dialog mit dem Islam, der mehrheitlichen Religion der Bevölkerung, ist außerordentlich wichtig in eurem Land, weil ihm auch die Rolle als Vorbild des Dialogs zwischen den großen Weltreligionen zukommt, und dieser ist besonders notwendig nach den tragischen, vom Terrorismus verursachten Ereignissen, die den Beginn des dritten Jahrtausends gekennzeichnet haben und die von der öffentlichen Meinung unter Umständen auf religiöse Beweggründe zurückgeführt werden könnten. Ich möchte noch einmal daran erinnern, wie wesentlich es ist, dass die Religionen der Welt ihre Bemühungen vereinen, um den Terrorismus anzuprangern und gemeinsam für Gerechtigkeit, Frieden und Brüderlichkeit unter den Menschen zu wirken.«33
Der Papst ist ganz offensichtlich der Ansicht, dass nur eine »irrige« öffentliche Meinung glaubt, dieses Problem habe mit dem Islam als einer Religion zu tun. Er stellt das Recht auf Selbstverteidigung zwar nicht infrage, macht jedoch leider auch keine näheren Angaben dazu, weshalb er glaubt, den »Terrorismus anzuprangern« könne Anschläge verhindern.
Unter dem Titel »In the Name of Islam« veröffentlichte der Londoner Economist eine umfangreiche Studie mit Fakten aus der gesamten muslimischen Welt, um zu einer ausgewogenen Beurteilung der bestehenden Bedrohung zu gelangen. Die Studie erkannte die Existenz eines realen Problems an, das schwerlich missverstanden werden kann:
»Wenn Menschen versuchen, Sie zu töten, und wenn sie auch noch gut darin sind, dann ist es klug, sich ihre Gründe anzuhören. Und Mr Bin Laden hat seinen ›Krieg‹ ausdrücklich im Namen des Islams begonnen. Drei Jahre vor den Twin Towers machte er sich die Mühe, eine umfängliche ›Erklärung der Internationalen Islamischen Front für den Heiligen Krieg gegen die Juden und Kreuzfahrer‹ abzugeben, in der er feststellte, dass ›jeder Muslim, der dazu in der Lage ist, die persönliche Pflicht hat, Amerikaner und ihre zivilen wie militärischen Verbündeten zu töten‹.«34
Starker Tobak. Der Economist fand keinen Weltplan im eigentlichen Sinne und versuchte daher, die Problematik auf verschiedene Gründe zurückzuführen, die nicht in einer solchen terroristischen Rhetorik wurzeln.
Was schließe ich daraus? Es gibt kein drängenderes Problem als das, eine exakte Antwort auf die Frage »Was ist der Islam?« zu finden. Nicht wenige Muslime haben sich bereits für eine Antwort entschieden. Wir nennen sie »Terroristen«. Unsere eigenen Ideologien hindern uns oft daran, irgendetwas außer unseren eigenen Theorien zu sehen. Der Heilige Vater und andere betonen, dass es neben Krieg und militärischer Verteidigung einen anderen Weg gibt, dieses Problem zu lösen. Auch das ist eine Theorie. Um an alledem zu arbeiten, benötigen wir eine islamische Theorie, die die Prämissen der päpstlichen Theorie akzeptieren kann. Das ist es, was fehlt. Wir könnten eine wirklich aussagekräftige Enzyklika Über den Islam gebrauchen.
31James V. Schall, »On Islam«, Crisis, 1. Januar 2004, 63, http://www.crisismagazine.com/2004/sense-and-nonsense-on-islam.
32»In Rome, a Muslim’s Call for a ›Holy War‹ Raises Concern«, Zenit, 13. Juni 2003, https://zenit.org/articles/in-rome-a-muslims-call-for-a-holy-war-raises-concern/.
33Johannes Paul II., Ansprache an die ägyptischen Bischöfe anlässlich ihres »Ad-Limina«-Besuches, 30. August 2003, 7.
34Peter David, »In the Name of Islam«, Economist, 13. September 2003.
3. Märtyrer und Selbstmordattentäter35
Nach den Bombenanschlägen auf die Londoner U-Bahn (am 7. Juli 2005) bezeichnete der Vater von Mohammed Atta, dem Todespiloten, der die Zerstörung des World Trade Centers angeführt hatte, diejenigen seiner Glaubensbrüder als Verräter, die besagte Bombenanschläge als »terroristische« Akte verurteilt hatten. Er sprach sich für weitere Attentate aus und kündigte sogar an, 5000 Dollar (offenbar der marktübliche Preis für einen solchen Akt) für einen Bombenanschlag zu spenden. So viel brauchte es seiner Einschätzung nach, um einen Anschlag wie den in London zu finanzieren: einen weiteren »Freiwilligen«, der andere tötet, indem er sich selbst tötet.
Selbstmordattentäter, die als Märtyrer gefeiert werden
Am 30. Juli 2005 berichtete der Londoner Spectator von der Beisetzung in absentia eines der Londoner Selbstmordattentäter, Shehzad Tanweer, in Pakistan. Es wurde aus dem Koran vorgelesen; eine große Menschenmenge war anwesend. Tanweer galt nach seinem »heroischen« Akt, der sieben Menschen getötet hatte, landläufig als »Märtyrer«. Das ist das Thema, über das ich diskutieren will: die Vorstellung, dass ein Selbstmordattentäter ein »Märtyrer« sei, ein Held, den man nachahmen solle und der unterstützt werden müsse, wohingegen die, die sich solchen Taten entgegenstellen, verurteilt werden, selbst wenn sie Muslime sind.
Am 20. August 2005 hielt Benedikt XVI. in Köln eine Ansprache vor führenden Vertretern des Islams, in der er nach einer gemeinsamen Grundlage von Muslimen und Christen suchte; bei dieser Gelegenheit sagte er:
»Ich bin sicher, auch Ihre Meinung zum Ausdruck zu bringen, wenn ich unter allen Sorgen diejenige hervorhebe, die aus dem sich immer weiter ausbreitenden Phänomen des Terrorismus entspringt. […] In verschiedenen Teilen der Welt wiederholen sich fortlaufend terroristische Aktionen, die Menschen in Kummer und Verzweiflung stürzen. […] Terrorismus, welcher Herkunft er auch sei, [ist] eine perverse und grausame Entscheidung […], die das unantastbare Recht auf Leben mit Füßen tritt und die Fundamente jedes geordneten Zusammenlebens untergräbt.«36
Selbstmordattentate sind wahrscheinlich eine Form von »Terrorismus« – übrigens ein abstrakter Begriff, der Aussagen darüber vermeidet, »von wem« und »zu welchem Zweck« die betreffenden Taten verübt werden.
Die Frage ist, ob diese »gemeinsame Grundlage« existiert und wenn ja, worauf sie sich stützt. Zwischen der aktiven Förderung und der absoluten Verurteilung von Selbstmordattentaten gibt es ganz sicher keine gemeinsame Grundlage. Sie sind entweder richtig oder falsch. Wenn sie falsch sind, kann keine Organisation oder Bewegung, die sie aus prinzipiellen oder politischen Erwägungen heraus unterstützt, als Religion oder Philosophie anerkannt werden, so ernsthaft oder aufrichtig ihre Vertreter auch sein mögen. Gelten diejenigen Muslime, die die Selbstmordanschläge auf einer »gemeinsamen Grundlage« mit Christen und Juden – etwa auf der Basis des Naturrechts oder der Vernunft – verurteilen, nach herrschenden muslimischen Maßstäben auch als »Ketzer«? Ist irgendeine Situation denkbar, in der zu Selbstmordanschlägen ermutigt werden sollte?
Der von unbehaglich großen Teilen des Islams eindeutig vertretene Standpunkt, dass Selbstmordanschläge in moralischer Hinsicht begrüßenswert seien, ist sicherlich für viele Muslime ein Grund, Selbstmordattentäter als Märtyrer zu bezeichnen. Historisch gesehen war ein Märtyrer kein Selbstmörder und konnte auch keiner sein. Selbst Sokrates musste bei seinem Prozess erklären, weshalb es kein Selbstmord war, dass er den Tod aus den Händen des Staates akzeptierte und sein Todesurteil sogar selbst vollstreckte. Und es war auch kein Selbstmord, dass Christus sich freiwillig kreuzigen ließ. Ein Märtyrer ist nämlich das genaue Gegenteil eines Selbstmordattentäters. Ein Märtyrer ist jemand, der – eben dadurch, dass er zu Unrecht getötet wird – das sokratische Prinzip aufrechterhält, demzufolge es niemals richtig ist, sich selbst oder anderen unrecht zu tun.
Ein Selbstmordattentäter – um es einmal etwas direkter zu formulieren – kann zwar andere zu Märtyrern machen, aber niemals selbst ein Märtyrer sein. Sowohl Johannes Paul II. als auch Benedikt XVI. haben erklärt, dass derartige Taten niemals rational oder religiös gerechtfertigt werden können, auch wenn einige Religionen oder Sekten genau das versuchen. Hier verläuft eine Linie im Sand. Selbstmordattentate gutzuheißen und zu unterstützen heißt, dass man etwas in sich Böses als gut hinstellt. Das hat schwerwiegende Konsequenzen. Wenn Selbstmordanschläge – von terroristischen Anschlägen, die keinen Selbstmord beinhalten, ganz zu schweigen – befürwortet werden, weist dies darauf hin, dass die Lehre der Personen oder Gruppen, die die Argumente für diese Befürwortung liefern, nicht wahr sein kann.
Muslimische Ambivalenz?
Der italienische Journalist Sandro Magister hat in einem ausführlichen Beitrag die Verbindung zwischen den Anführern muslimischer Gruppen in Deutschland – mit Hauptquartieren in Köln und München – und den ägyptischen und syrischen Netzwerken der Muslimbruderschaft nachgezeichnet. Wir wissen, dass zumindest einige der Angriffe auf das World Trade Center ursprünglich in Deutschland geplant worden sind.
1994 wurde ein häufiger Besucher der Münchner Moschee, Mahmud Abouhalima, in den Vereinigten Staaten zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt, weil er ein Jahr zuvor den Autobombenanschlag auf das World Trade Center in New York organisiert hatte. Doch erst nach dem Einsturz der Twin Towers am 11. September 2001 wurden intensivere Nachforschungen angestellt, um die Verbindungen zwischen dem Terrorismus und den radikalislamischen Kreisen in Deutschland aufzudecken.37
Als 2005 in der BBC-Sendung Panorama darüber diskutiert wurde, ob die britische muslimische Gemeinschaft vor den Extremisten in ihren eigenen Reihen die Augen verschließe, »verurteilte« der führende britische muslimische Politiker Sir Iqbal Sacranie »von britischen Muslimen, ganz gleich wo verübte Selbstmordattentate«, und sagte, dass es zwischen dem Leben eines Palästinensers und dem Leben eines Juden keinen Unterschied gebe und dass alles Leben heilig sei. Dann aber sorgte ein hochrangiger Sprecher einer der wichtigsten Mitgliedsorganisationen des Muslim Council of Britain, der Muslim Association of Britain, mit einer Äußerung für Verwirrung, die den Eindruck erweckte, dass er »für die Verklärung von Selbstmordattentätern Verständnis habe«.38 Es ließen sich zahlreiche muslimische Quellen zitieren, die diesen letztgenannten Standpunkt billigen.
Angeführt von Premierminister Tony Blair und Präsident George W. Bush haben sich religiöse und politische Führer der westlichen Welt nach Kräften darum bemüht, die Unterscheidung zwischen dem »friedlichen« Islam und dem Terrorismus aufrechtzuerhalten. Wenn diese liberale und theologische Unterscheidung zuträfe, wäre damit implizit gesagt, dass nur »friedliche« Muslime »echte« Muslime wären. Leider beanspruchen auch die Terroristen die Deutungshoheit über die islamische Lehre für sich und führen hierfür gewichtige historische und doktrinelle Belege an. In gewisser Hinsicht wäre es »illiberal«, sie nicht beim Wort zu nehmen. Eines der Probleme bei der Einschätzung des Islams besteht darin, dass es im Islam selbst keine allerhöchste Autorität gibt, die entscheidet, welche der beiden Interpretationen die gültige ist. Für jede Fatwa, die Selbstmordattentate als falsch bezeichnet, wird aus ebenso glaubwürdiger Quelle eine andere erlassen, die sie für richtig erklärt. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass Blair und andere sich immer häufiger dafür aussprechen, dass Muslime Verantwortung übernehmen, aufstehen und in öffentlich wahrnehmbarer Form nicht nur gegen den Terrorismus als Praxis, sondern auch dagegen Stellung beziehen, dass er als wesentlicher Bestandteil islamischer Quellen begriffen wird.
Die Prüfung Pius’ XII. war der Nationalsozialismus. Die Prüfung Johannes Pauls II. waren der Kommunismus und der absolutistische Liberalismus. Die Prüfung Benedikts XVI. war, zum Besseren oder zum Schlechteren hin, der Islam – und zwar im Kontext zu der Frage, ob die absolutistische liberale Theorie ihn zu zähmen vermag oder nicht. Doch anders als der Nationalsozialismus und der Kommunismus und anders als viele seiner akademischen Analysen kann der Islam nicht in erster Linie in den Begriffen der (oft deutschen) philosophischen oder gesellschaftlichen Strömungen des Westens gedacht werden. Genau genommen werden Versuche, das, was vor sich geht, mithilfe dieser Kategorien zu verstehen, die Wahrheit vermutlich eher verdunkeln als erhellen.
Geht man von seiner Vorgeschichte und seinen theologischen Voraussetzungen aus, ist eine neutrale oder tolerante Regierung im Islam weder existent noch gewollt. In seinen zivilen Gemeinwesen der Gegenwart und der Vergangenheit sind der Islam und der Staat in unterschiedlichen Konstellationen eng miteinander verwoben. Von Nichtmuslimen verlangt der Islam in den Gebieten, die er politisch kontrolliert, Unterwerfung; das hat Bat Ye’or in ihrem Buch Eurabia anschaulich gezeigt. Juden und Christen wird unter Umständen eine besondere Art der Unterwerfung zugestanden, die bisweilen Toleranz genannt wird und doch Unterwerfung bleibt. Die Kopten in Ägypten sind hierfür das vielleicht älteste noch existierende Beispiel.39 Und die verfolgten Christen im Sudan das anschaulichste.
Das letzte Ziel
Der erste Schritt im Umgang mit jeder Bewegung oder Religion besteht darin herauszufinden, was sie ist und was sie über sich selbst denkt. Natürlich ist das, was jemand seinen eigenen Worten zufolge denkt, und das, was er zu tun oder zu praktizieren gedenkt, nicht immer dasselbe. Doch nicht wenige Denker wie beispielsweise Hitler oder Lenin haben uns von vornherein gesagt, was sie dachten und was sie zu tun gedachten, und dann sind sie hingegangen und haben es getan. Niemand hatte ihnen geglaubt – bis sie das, wovon sie gesagt hatten, dass sie es zu tun gedachten, wirklich taten.
In diesem Sinne sagen uns Mohammed und der Islam selbst mit Worten und Taten, was sie getan haben und was sie tun würden, wenn sie es könnten. Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass Europa, wenn es nach dem Willen der islamischen Kriegsherren gegangen wäre, heute muslimisch wäre. Zu ebendiesem Zweck ließen sie ihre Truppen nicht nur in Afrika und den Nahen Osten, sondern auch in Europa einmarschieren. Und sie verstanden diesen Zweck als religiös: Die Armeen hatten eine Mission. Es ist derselbe Zweck, den die sogenannten »terroristischen« muslimischen Gruppierungen noch immer verfolgen. Europa ist heute nur deshalb nicht muslimisch, weil die muslimischen Armeen in hart umkämpften Schlachten in Frankreich und Österreich zurückgeschlagen wurden. Viele islamische Denker vertreten die Auffassung, dass jedes einstmals muslimisch kontrollierte und sodann zurückeroberte Gebiet (Spanien zum Beispiel) ihnen noch immer gehört. Es gibt keine legitime »Zurückeroberung« – damit waren die spanischen Wahlen von 2004, nur drei Tage nachdem Spanien selbst von terroristischen Bombenanschlägen erschüttert worden war, im doppelten Sinne eine Ironie der Geschichte.
Überdies ist der größte Teil der Welt, der heute offiziell muslimisch ist, deshalb muslimisch, weil der Islam in seiner gegenwärtigen Gestalt noch immer auf die eine oder andere Weise von den langen Reihen seiner militärischen Siege und Eroberungen geprägt ist. Diese Situation ist, wie wir es auch drehen und wenden, schlichtweg eine Tatsache. Terroristische Aktionen werden heute in aller Regel damit begründet, dass muslimisches Territorium (Spanien, Israel, die Balkanstaaten) zurückerobert oder der muslimische Friede herbeigeführt, das heißt, die ganze Welt dem Gesetz des Islams unterworfen werden soll. Eine solche Herrschaft wäre in der Tat eine Art »Frieden«, nämlich das Ende aller äußeren Widerstände.
Die derzeitige islamische Aufteilung in ein »Haus des Krieges« (die nicht muslimischen Länder) und ein »Haus des Friedens« wäre damit Geschichte. Ohne Zweifel ist der unerwartete Aufstieg eines sichtbar militanten Islams in den vergangenen Jahrzehnten die Folge gewisser muslimischer Theorien, denen zufolge der Westen moralisch schwach und degeneriert und nicht willens oder nicht in der Lage ist, sich einem geballten, vom »Heldenmut« der Selbstmordattentäter beflügelten Angriff zu widersetzen. Dass es, wie die beiden Irakkriege gezeigt haben, keine nennenswerte muslimische Armee gibt, die gegen gut ausgerüstete Truppen bestehen könnte, heißt nicht, dass kein Krieg stattfindet. Es heißt vielmehr, dass wir es mit einem unbegrenzten oder uneingeschränkten Krieg zu tun haben, der mit unkonventionellen Waffen geführt wird.
Das Einzige, was heute wirklich neu ist, ist die Tatsache, dass es dem Islam, wenn er geduldig ist, infolge des rapiden Geburtenrückgangs unter den europäischen Bevölkerungen und des gleichzeitigen rapiden Anstiegs der muslimischen Geburtenzahlen in den betreffenden Gebieten wirklich gelingen könnte, in Europa und anderen Regionen die Kontrolle zu übernehmen. Dieses Drama sollte besonders für diejenigen Katholiken interessant sein, die einst an der Bedeutung von Humanae vitae gezweifelt haben. So gesehen erscheint die Enzyklika heute als eines der wichtigsten Dokumente des 20. Jahrhunderts. Vor diesem Hintergrund ist es vorstellbar, dass der Islam unter Umständen nur deshalb keinen Erfolg haben wird, weil er eben nicht den »friedlichen« demografischen Weg beschritten, sondern die eine Macht herausgefordert hat, die imstande ist, systematisch gegen ihn vorzugehen. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob der politische Wille, sich der terroristischen Agenda zu widersetzen, in Demokratien langfristig aufrechterhalten werden kann. Die Terroristen ihrerseits scheinen gewieft genug, um zu verstehen, dass dieser Krieg nicht nur mit Armeen, sondern auch mit Ideen und Abendnachrichten geführt wird.
Gegen eine gefährliche Bedrohung kann man nur wenig tun, solange man sich nicht über ihre wahre Natur im Klaren ist. Und selbst wenn Einigkeit darüber herrscht, dass sie real ist – ich denke hier etwa an das Münchner Abkommen oder an die sowjetische Kontrolle über Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg –, müssen auf die Einsicht, wenn sie denn stichhaltig ist, auch der Wille und die Entschlossenheit folgen, etwas zu unternehmen. Europa ist, so die berühmt gewordene Beschreibung eines deutschen Verlegers, ein Kontinent, der absolut nicht den Mut aufbringt, der ihm drohenden Gefahr ins Auge zu sehen. Die viel gepriesene europäische »Diplomatie«, die – wie bei dem Versuch, den Iran von der Herstellung von Nuklearwaffen abzubringen – keine Gewalt, sondern »andere« Mittel anwendet, ist schlichtweg nicht effektiv.
Der Schrecken des terroristischen »Märtyrertods«
Vielleicht ist auf allen nur möglichen Ebenen – von der Theologie über die Politik und die Medien bis hin zum gesunden Menschenverstand – nichts so klärungsbedürftig wie der Unterschied zwischen Selbstmordattentat und Martyrium. Schon die bloße Assoziation – dass sie als Manifestationen ein und derselben Sache miteinander in Verbindung gebracht werden – scheint geradezu obszön. Fürs Erste sollten wir festhalten, dass die muslimischen Apologeten und ihre Anhänger die Auffassung vertreten, ein Selbstmordattentäter sei ein Märtyrer. Ein Selbstmordattentat ist ein Akt, zu dem sich der Täter entscheidet, um seine persönliche Geschichte mit Allah dadurch zu verbessern, dass er sich der Förderung muslimischer Ziele (die gleichzeitig politisch und theologisch sind) verschreibt und sich selbst und andere im Dienst dieser »Sache« tötet. Dieses Vorgehen hat, was immer wir davon halten mögen, in einem großen Teil der muslimischen Welt seine Verfechter oder Sympathisanten. Stimmen, die diese Verbindung zwischen Selbstmord und Martyrium aktiv kritisieren, finden sich in der muslimischen Welt – auch wenn es sie gibt – eher selten.
Für uns ist es, zynisch gesprochen, schön und gut, wenn wir unsere eigenen, unzureichenden Kategorien verwenden und denken, die verschiedenen Bin Ladens dieser Welt würden Selbstmordattentate lediglich als eine Form der Realpolitik und ohne religiösen Beigeschmack einsetzen. Und vielleicht fühlen wir uns dadurch bestätigt, dass nur selten al-Qaida-Anführer selbst solche Attentate verübt haben, auch wenn nicht wenige von ihnen von diversen sowohl muslimischen als auch amerikanischen Streit- oder Polizeikräften erschossen worden sind. Selbstmordattentate sind definitiv ein Mittel des Krieges, aber das heißt, theologisch gesprochen, nicht, dass sie nicht auch als ein Akt der Hingabe, als Martyrium, verstanden werden können. Kriege können »heilig« sein.
Eines jedenfalls ist hinreichend klar und sogar bei Aristoteles nachzulesen: Wenn ein Mensch entschlossen ist, sein Leben hinzugeben, um jemand anderen anzugreifen oder zu töten, dann ist es sehr schwer und oft unmöglich, ihn aufzuhalten. Gruppen oder Institutionen wie der Geheimdienst und Scotland Yard sind in Teilen eigens dazu ausgebildet zu verhindern, dass solche Selbstmordattentäter Politiker und ihre Familien töten. Eine Anzahl amerikanischer Präsidenten ist von Menschen getötet worden, denen ihr eigenes Leben nicht wichtig war. Doch ihre Gründe waren selten religiöser Natur. Diese Macht eines Menschen, dem sein eigenes Leben nicht wichtig ist, bedeutet in der Praxis, dass wir jemanden, von dem wir wissen, dass er dabei ist, eine selbstmörderische Mission zu erfüllen, unter allen Umständen aufhalten und nötigenfalls zuerst töten müssen, um Unschuldige zu beschützen. Die einzige Alternative ist, es geschehen zu lassen, denn Töten – das beweisen Tausende von Fällen – ist alles, was die Terroristen tun wollen und tun werden. Zwischen dem 11. September 2001 und 2005 hat es einer Webseite zufolge, die die Zeiten und Orte solcher Anschläge auflistet, 2400 terroristische Akte in verschiedenen Teilen der Welt gegeben.40 Die Täter waren Muslime und die Taten beinhalteten die Tötung anderer Menschen (waren aber natürlich nicht ausschließlich Selbstmordanschläge).
Der islamische Selbstmordattentäter glaubt nicht, dass er bei seiner »Mission« Unschuldige tötet. Nach seinem subjektiven Verständnis tötet er »Feinde« Allahs, selbst wenn die Getöteten Frauen, Kinder, alte Menschen oder einfach nur Passanten sind. Diese Vorstellung existiert natürlich nur in einem radikal irrenden Gewissen – aber sie existiert offenbar. Selbstmordattentate geschehen selten zufällig, sondern deshalb, weil jemand den Befehl dazu erteilt und ein anderer diesen Befehl befolgt. Selbstmordattentate dienen einem ganz präzisen Zweck: durch die Ausführung von Befehlen dazu beizutragen, dass der Islam sich in naher oder ferner Zukunft auf seine »angestammte« Größe ausbreitet. Welteroberung in Allahs Namen. Diese große »Sache«, so abwegig sie in unseren Ohren auch klingen mag, verleiht solchen Akten, die wir Übrigen als »Terrorismus« bezeichnen, ganz offensichtlich Adel und Würde.
Das irrende, todbringende Gewissen
Wie ich unmittelbar nach dem 11. September 2001 geschrieben habe,41 ist es sogar gemäß den Grundsätzen der katholischen moralischen Wahrheit – wonach man einem wahrhaft irrenden Gewissen Folge leisten muss42 – vorstellbar, dass die Selbstmordattentäter gemeinsam mit ihren Opfern in den Himmel kommen, wenn wir davon ausgehen können, dass sie echte Gläubige waren und ihrem Gewissen gefolgt sind, ohne dass sie innerhalb ihrer Kultur oder ihrer persönlichen Geschichte eine Chance gehabt hätten, ihren Irrtum zu korrigieren. Diese Sichtweise macht die Tat nicht gerecht oder ungeschehen, aber sie nimmt das ernst, was manche Muslime ganz offensichtlich glauben.
In seiner Enzyklika Veritatis splendor hat Johannes Paul II. sich ausführlich mit dem Begriff des Todes des Märtyrers auseinandergesetzt. Ironischerweise hatte er 1993, als er das Dokument verfasste, nicht die Selbstmordattentäter im Sinn, obwohl sie auch damals schon aktiv waren. Für seinen Glauben zu sterben, ist ein alter und nobler Gedanke. Er verweist darauf, dass es Dinge gibt, die wichtiger sind als das Leben. Allzu viele Menschen sind im Laufe ihres Lebens an einen Punkt gekommen, wo ihnen nur die Wahl blieb, zu sterben oder etwas Böses zu tun. Mit der Entscheidung, am Leben zu bleiben und ihren Überzeugungen oder ihrem Tugendverständnis abzuschwören, hätten sie implizit genau den Grundsatz geleugnet, der gerade auf dem Spiel stand. Die einzige Möglichkeit, an diesem Grundsatz festzuhalten, war, den Tod zu akzeptieren. Dies war jedoch keine Entscheidung für den Tod um seiner selbst willen – und damit kein Selbstmord. Das Todesurteil wurde nicht gutgeheißen, aber seinen Vollstreckern und jenen, die es verhängt hatten und somit moralisch dafür verantwortlich waren, wurde der Tradition gemäß vergeben, wie das Beispiel des heiligen Stephanus und des heiligen Thomas Morus veranschaulicht, die darin dem Vorbild Christi gefolgt sind.
»Dem Anspruch des evangelischen Radikalismus entsprechend kann die Liebe den Glaubenden zum äußersten Zeugnis des Martyriums bringen«, schreibt Johannes Paul II.43 und er fährt fort: »In der bedingungslosen Achtung gegenüber jenen unaufgebbaren Forderungen, die sich aus der Personwürde eines jeden Menschen ergeben, jenem von den sittlichen Normen verteidigten Anspruch, welche die in sich schlechten Handlungen ausnahmslos verbieten, erstrahlt die Beziehung zwischen Glaube und Moral in ihrem ganzen Glanz.«44 Zu solchen Handlungen gehört, wie das Dokument ausdrücklich erklärt, auch »der freiwillige Selbstmord«.45
Doch Selbstmordattentate sind nicht einfach ein »freiwilliger Selbstmord«. Im Vietnamkrieg gab es buddhistische Mönche, die sich selbst verbrannten, um gegen dieses oder jenes zu protestieren. Obwohl die Tat an sich schlimm genug war, hatten diese Mönche nicht die Absicht, andere mit in den Tod zu reißen.
Der moderne Selbstmordattentäter hingegen hat genau diese Absicht: andere mitzunehmen. Und wer sind diese »anderen«? Es können Soldaten sein; das geschieht üblicherweise in Gegenden, wo die offensichtlichen Unterschiede zwischen Streitkräften und Zivilisten bewusst verwischt werden. Es können aber auch – und das kommt häufig vor – Passagiere in Bussen oder Flugzeugen oder Menschen sein, die ihre Einkäufe erledigen. Oder einfach irgendwer. Der Anschlag richtet sich gegen Unschuldige, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen und die Bürger zu beunruhigen oder sogar zu Vergeltungsmaßnahmen gegen Außenstehende zu veranlassen.
Wenn die hier vorgelegte Analyse im Großen und Ganzen zutrifft, dann folgt daraus vor allem eines: Jede Gruppe, Religion, Philosophie oder Weltanschauung, die diese Praxis der Selbstmordattentate befürwortet und durchführt, lehrt nicht die Wahrheit. Es geht hier nicht einfach darum, zwei Gruppen innerhalb ein und derselben Religion voneinander zu unterscheiden. Es geht um die Frage, ob es überhaupt möglich ist, dass in dem Teil der betreffenden Religion, der Selbstmordattentate als eine Form des »Martyriums« für seine religiöse »Sache« gutheißt, irgendeine Wahrheit enthalten ist.
35James V. Schall, »Martyrs and Suicide Bombers«, Ignatius Insight, 24. August 2005, http://www.ignatiusinsight.com/features2005/schall_martyrsbombers_aug05.asp.
36Benedikt XVI., Ansprache bei der Audienz für die Vertreter einiger muslimischer Gemeinden im Erzbischöflichen Sitz von Köln, 20. August 2005.
37Sandro Magister, »From Cologne to the Conquest of Europe: How the Muslim Brotherhood Is Challenging the Pope«, Chiesa, 18. August 2005, http://chiesa.espresso.repubblica.it/articolo/37837bdc4.html?eng=y.
38»Muslim Leaders ›in Denial‹ Claim«, BBC, 21. August 2005, http://news.bbc.co.uk/2/hi/uknews/4166402.stm.
39Vgl. First Things, März 2005, 47–50.
40The Religion of Peace, http://www.thereligionofpeace.com.
41Vgl. http://www.tcrnews.com, 15. September 2001.
42Johannes Paul II., Veritatis splendor, 6. August 1993, 57–64.
43Johannes Paul II., Veritatis splendor, 89.
44Ebd., 90.
45Johannes Paul II., Veritatis splendor, 80.
4. Der elfte September: fünf Jahre später46
I
Die Zerstörung der Türme des World Trade Centers jährt sich bald zum fünften Mal. Wir fragen uns: »Waren die 3000 Menschen, die skrupellos dabei getötet worden sind, in irgendeiner Weise ›legitime‹ Ziele?«, und: »Worum ging es bei diesem Anschlag?«. Von der Richtigkeit und Klarheit unserer Antwort hängt alles ab: einschließlich der Sinnhaftigkeit der Vernunft selbst. Doch wir stehen ratlos vor den unzähligen kontroversen und widersprüchlichen Thesen darüber, was die eigentliche Ursache dieses Ereignisses gewesen sein mag – eines Ereignisses, das heute ohne weitere Erklärungen einfach nur »9/11« genannt wird: der 11. September.
Es scheint, als könne man in dieser Situation nichts Besseres tun, als sich eine solide und wohlüberlegte Meinung zu bilden. Genau das will ich im Folgenden versuchen. Eine Meinung ist ein begründetes Urteil auf der Basis geeigneter und verfügbarer Hinweise auf mögliche Handlungen oder Erklärungen. Die Meinung, auf deren Grundlage man handelt, kann falsch sein, aber wir handeln immer mit einem gewissen Mangel an Klarheit. Wenn wir jedoch nicht einmal versuchen, uns eine plausible und stichhaltige Meinung über menschliche Ereignisse und ihre Bedeutung zu bilden, dann handeln wir zudem in vielen entscheidenden Fällen verantwortungslos.
Alles menschliche Handeln beruht auf unvollständigen Informationen. Die Angst, sich in der Praxis zu irren, ist nicht der Anfang der Weisheit, sondern der Anfang einer selbst gewählten Lähmung. Wie Eric Voegelin gesagt hat, müssen wir nicht alle Irrtümer unserer Zeit übernehmen. Doch wir können auch nicht so tun, als gäbe es diese Irrtümer nicht; wir müssen mit ihnen umgehen. Alles politische Tun, auch die Kriege – vor allem die Kriege –, basiert auf Meinungen. Die Dinge sind selten schwarz oder weiß. Das Äußerste, was wir erreichen können, ist eine »praktische« Gewissheit oder ein »praktisches« Urteil, wie Aristoteles es genannt hat. Doch Meinungen sind nicht einfach vage Vermutungen. Im besten Fall basieren sie auf Evidenz und Erfahrung. Sie können (und im Fall der Klugheit tun sie das auch) zur Wirklichkeit vordringen, die im Fluss der anderen Ansichten feststeht. Und Meinungen sind, wenngleich dies verlockend sein mag, auch keine Entschuldigungen für einen theoretischen Skeptizismus.
Der menschliche Geist ist, mit Cicero gesprochen, in der Lage, für eine Tatsache oder ein reales Ereignis beinahe jede Erklärung zu »erfinden«. Das ist letztlich auch das, worum es in Kriminalromanen geht. Die »Erfindung« ist die Gedankenkette, über die wir an einen Punkt gelangen, wo das Geschehene für uns verständlich wird. Selbst wenn die Akteure und die Folgen einer Tat hinlänglich bekannt und geklärt sind, sind noch immer die unterschiedlichsten Beweggründe denkbar. Diese Bandbreite der Interpretationen sollte uns nicht überraschen. Schließlich existiert auch nach fünf Jahren noch immer eine Handvoll Professoren – wer auch sonst? –, die sich nicht davon abbringen lassen, dass der 11. September ein amerikanisches Polit-Komplott gewesen sei und rein gar nichts mit irgendwelchen Muslimen zu tun gehabt habe. Wenn jemand ein Motiv hat, ist nahezu alles vorstellbar. In den letzten fünf Jahren ist für den Anschlag beinahe jede erdenkliche Ursache benannt worden – außer vielleicht der einleuchtendsten. Wenn wir uns die unterschiedlichen Analysen anschauen, die von diversen islamischen Quellen, von Europa, von Professoren, von Experten und von Politikern der verschiedensten Lager vorgelegt worden sind, dann können wir nur staunen über die Fruchtbarkeit des menschlichen Geistes, der für dasselbe Ereignis völlig entgegengesetzte Erklärungen findet. Das einzige Korrektiv für unser mäanderndes Denken ist die unumstößliche Realität des Ereignisses selbst. Alles ist auf ein heilloses Gewirr an Spekulationen reduziert.
In der Regel werden diese Erklärungsalternativen auch etwas über die zugrunde liegenden Prinzipien der sie vertretenden Person oder Gruppe verraten. Darin sehe ich aber keinen Beweis dafür, dass alles subjektiv wäre. Jeder behauptet ja immer noch, dass er mit Fakten und auf der Grundlage der Evidenz argumentiert. In diesem Sinne steht zweierlei nebeneinander: die Kenntnis der Fakten und die Bedeutung, die wir diesen Fakten beimessen, damit sie unseren eigenen Zwecken dienen. Üblicherweise lenkt unsere Politik oder unsere Philosophie unser Augenmerk weniger auf die Fakten, die wir sehen, als auf die Bedeutung, die wir ihnen geben. Doch auch wenn es noch immer Menschen gibt, die behaupten, dass die Mondlandung vor einigen Jahrzehnten niemals stattgefunden hätte, sagt heutzutage niemand, dass die Twin Towers noch stehen. Ich war noch vor Kurzem auf der anderen Flussseite in New Jersey und habe die Skyline von Manhattan gesehen. Die Türme sind weg. Einmal war ich bei einem Georgetown-Bankett ganz oben in einem dieser Türme zugegen; die Räume, in denen wir waren, sind einfach verschwunden, aber ich weiß, dass ich dort gewesen bin. Doch die Tatsache, dass sie nicht mehr da sind, erklärt nicht, warum sie nicht mehr da sind – und das gilt auch für die Mehrzahl der Gründe, die wir seither zu hören bekommen haben, wenngleich sie in der Regel eine gewisse Wahrheit oder Plausibilität besitzen, denn sonst wären sie völlig unglaubwürdig (allerdings ist die Theorie, dass es sich um ein amerikanisches Komplott gehandelt habe, tatsächlich völlig unglaubwürdig).
Natürlich wissen wir – um die Frage nach der Ursache auf einer anderen Ebene anzugehen –, dass das World Trade Center zerstört worden ist, weil junge muslimische Männer, die sich mit einiger Cleverness genau darauf vorbereitet hatten, Passagierflugzeuge entführt und in die Türme geflogen haben. Wir kennen sozusagen die physikalischen Abläufe, das heißt, wir wissen, was mit solchen Gebäuden geschieht, wenn in ihrer Flanke Flugzeuge explodieren. Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob diese Männer oder ihre Auftraggeber sich wirklich so gut mit der Statik von Baukonstruktionen auskannten, dass sie das überwältigende Resultat, das sie erzielt haben, genau vorausberechnen konnten. Vielleicht hat es sie selbst überrascht, dass ihr Plan so erstaunlich gut aufging. Jedenfalls wissen wir, dass viele Menschen in muslimischen Städten dieses Ereignis als einen »Erfolg« bejubelt haben. Soweit ich weiß, haben wir von denen, die die Tat für sich reklamieren, keinerlei Entschuldigung erhalten. Sie haben die Opfer, die sie im Visier hatten, nicht vorgewarnt. Sie haben ihren Erfolg nicht bedauert, im Gegenteil: Sie waren hochzufrieden. Und niemand von ihnen hat Wiedergutmachungen für den verursachten Schaden angeboten. Das bedeutet, dass das, was sie getan haben, in ihrer eigenen Vorstellung kein Unrecht, sondern ein Akt der Tugend war. Die Piloten und ihre Handlanger waren ihrer eigenen Einschätzung zufolge keine »Mörder«, sondern »Märtyrer«.
Ich habe von Anfang an die Auffassung vertreten, dass die Angriffe bereits in den vorangegangenen zwei Jahrzehnten mit diversen Anschlägen auf Schiffe, Botschaftsgebäude und Flugzeuge an anderen Orten auf der Welt begonnen hatten und dass sie nicht weltlich oder politisch, sondern religiös motiviert waren. Das, was da vor sich ging, erwuchs aus einem theologischen Verständnis des muslimischen Auftrags in der Welt. Selbst diejenigen Muslime – so viele oder wenige es auch sein mochten –, die es nicht für das Klügste hielten, gerade diese Mittel einzusetzen, konnten die Legitimität der damit verbundenen Zielsetzung nichtsdestoweniger nachvollziehen.
Ferner habe ich die Auffassung vertreten, dass wir, wenn wir diese Motivation nicht anerkennen würden, dem, was da geschah, in gewisser Hinsicht nicht gerecht würden; das heißt, dass wir den Menschen nicht gerecht würden, die den Zerstörungsplan entworfen und durchgeführt hatten. Stattdessen ergingen wir uns in weitschweifigen Erklärungen, die kompliziert, ausgeklügelt, »wissenschaftlich« und häufig eigennützig waren, die aber nicht dem entsprachen, was wir sahen und was diese Männer über sich selbst sagten. Im Grunde hatte ich den Eindruck, dass wir de facto nicht nur unsere Feinde, sondern auch uns selbst kleinredeten, wenn wir von einem Krieg gegen den »Terrorismus«, gegen »Fanatiker« oder »Wahnsinnige« sprachen.
Wenn wir andererseits von einem »Krieg der Zivilisationen« sprechen wollen, dann ist das schön und gut, solange wir uns an Christopher Dawson halten und begreifen, dass die Zivilisationen selbst Ausdruck von Religionen oder Pseudoreligionen sind, die wir heute als »Ideologien« bezeichnen. Keine Zivilisation in der Geschichte der Menschheit eignet sich weniger für eine rein weltliche Erklärung ihres Tuns als der Islam. Unser Bemühen, diesen Krieg in den Begriffen der westlichen Philosophie oder Wissenschaft zu erklären, geht, so durchdacht es auch immer sein mag, am Kern der Sache vorbei: an der Überzeugung nämlich, dass jeder Mensch Muslim sein sollte, dass dies Allahs Wille auf Erden ist und dass es keine längere Phase der Ruhe geben kann, solange diese Unterwerfung nicht zum Abschluss gebracht ist und daraufhin »Friede« einkehrt. Dieses Motiv ist für die Wissenschaft unsichtbar, aber sichtbar genug für all diejenigen, die darin eine Mission erkennen, die über die Zeit, über Jahrhunderte hinweg Bestand hat. Das ist unser größtes Handicap: dass wir uns nicht vorstellen können, dass eine solche Zielsetzung über längere Zeiträume hinweg Bestand haben und in unterschiedlichen Formen – einschließlich der aktuellen – wiedergeboren werden kann.
II
Sehen wir uns zunächst einige jener Meinungen an, die behaupten, der Krieg sei nicht in erster Linie religiös motiviert. Eine dieser Ansichten betrachtet die Religion als eine Art Überbau, der letztlich von wirtschaftlichen Faktoren abhänge. Entweder sei die wirtschaftliche Unterentwicklung durch die Prinzipien des Islams selbst verursacht, oder die verarmten islamischen Nationen seien zufällige Opfer der Habgier anderer. Dieser quasi marxistische Ansatz erklärt also alles auf der Grundlage einer ökonomischen Theorie. Nicht der Islam ist das Problem, sondern die Wirtschaft.
Andere Quellen beharrten darauf, dass es im Irakkrieg um Öl ging. Zwar trifft es zu, dass das Öl dem Islam enorme Reichtümer beschert, die er darauf verwendet, seine Expansionsversuche zu finanzieren. Mit diesen Reichtümern werden überall in Europa und den Vereinigten Staaten Moscheen gebaut und unterhalten. Doch der Wert des Öls hat wenig oder gar nichts mit Wirtschaftssystemen oder Erfindungen muslimischer Provenienz zu tun. Selbst die Theorie vom nationalen Territorium, die einem Staat oder einem Scheich die Kontrolle über bestimmte Ölvorkommen gibt, ist das Ergebnis westlicher politischer Ansichten über privates und öffentliches Eigentum. Und wenn man die Theorie ins Spiel bringt, die man zuweilen in katholischen Kreisen hört, dass nämlich Bodenschätze nicht in erster Linie Eigentum derer, denen der betreffende Grund und Boden gehört, sondern Eigentum der »Menschheit« sind, dann könnte man besagten Staaten sogar das Recht absprechen, diese Bodenschätze in dem von ihnen kontrollierten Land zu fördern.
Eine andere Sichtweise ist die des berühmten Schriftstellers Salman Rushdie, die besagt, dass im Islam selbst eine neue Form des Totalitarismus entstanden sei, die dem Nationalsozialismus oder dem Faschismus ähnele. Rushdie hat gemeinsam mit verschiedenen anderen Autoren und Intellektuellen vor Kurzem ein Manifest gegen den Islamismus unterzeichnet, in dem es unter anderem heißt: »Nachdem die Welt den Faschismus, den Nazismus und den Stalinismus besiegt hat, sieht sie sich einer neuen weltweiten totalitären Bedrohung gegenüber: dem Islamismus. […] Wie alle Totalitarismen nährt sich der Islamismus aus der Angst und der Frustration.«47 Diese Sichtweise räumt zwar ein, dass es bei einigen Muslimen einen »totalitaristischen« Antrieb gibt, verneint jedoch, dass dieser Antrieb irgendetwas mit dem Islam direkt oder mit seiner Logik zu tun habe. Demnach wären diejenigen Muslime, die behaupten, dass sie Allahs Willen tun, in Wirklichkeit Häretiker – ganz gleich, wie lautstark sie ihrerseits die Auffassung vertreten, Rushdie habe in seinen Romanen Verrat an Allah begangen und den Tod, zu dem sie ihn verurteilt haben, daher verdient. Der kanadische Kolumnist David Warren hat die Vorstellung heruntergespielt, dass wir es mit einem neuerlichen Wiedererstarken des Islams zu tun haben. Der Islam stelle nach allen militärischen und wirtschaftlichen Maßstäben keinerlei nennenswerte militärische Bedrohung dar. Das reale Wirtschaftswachstum sei in all seinen Ländern, verglichen mit anderen Nationen, nahezu am Boden. Selbst die von Terroristen verwendeten Sprengstoffe seien im Westen entwickelt und meist auch dort hergestellt worden. Deshalb befinde sich der Islam in einem Zustand der Lethargie. Bedingt durch seine eigenen Theorien und Defizite könne er nicht einmal gegen schwache Gegner etwa aus islamischen Ländern durchschlagend agieren. Dieselbe Ansicht wird natürlich auch von vielen der leidenschaftlichsten Befürworter islamischer Gewaltanwendung vertreten. Sie sind der Auffassung, dass der verderbte Westen sogar die muslimischen Werte untergräbt und deshalb vernichtet werden muss. Diese These von der moralischen Verderbtheit des Westens hat auch im Christentum zahlreiche Verfechter, und es ist nicht wenig Wahres daran.
Der Wissenschaftler Samir Khalil Samir SJ nimmt einen anderen Standpunkt ein. Seiner Ansicht nach ist das aktuelle Problem im Nahen Osten nicht religiöser, sondern politischer Natur. Es reiche zurück bis zur Gründung des unabhängigen Staates Israel in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals hätten die Westmächte dem Nahen Osten einen jüdischen Staat aufgezwungen: eine Art Wiedergutmachung dafür, dass es ihnen nicht gelungen war, die Juden vor Hitler zu beschützen. Auf diese Weise sei ein Unrecht durch ein anderes kompensiert worden. Die islamische Welt selbst habe, allgemein gesprochen, mit Hitler rein gar nichts zu tun gehabt. Also sei die politische Lösung, die man vorlegte, um den Juden eine Heimat zu geben, gleichzeitig ein Unrecht an den arabischen Bevölkerungen gewesen, die bereits in der betreffenden Region lebten.
Samir stellt die Existenz Israels nicht infrage und erkennt deren Rechtmäßigkeit voll und ganz an; an dieser Situation ist nichts zu ändern. Doch seine These, dass Kriege – insbesondere die der jüngeren Vergangenheit – »niemals etwas bewirken«, ist etwas zu einfach. (Ob das wohl auch für den Zweiten Weltkrieg gilt?) Man mag sich daran erinnern, dass die meisten muslimischen Staaten nur deshalb auf ihren derzeitigen Territorien existieren, weil Muslime Kriege geführt haben, die in Sachen langfristige Kontrolle nur als »erfolgreich« bezeichnet werden können. Viele dieser eroberten Gebiete in Afrika, Europa, dem Nahen Osten und Asien waren einst christlich. Im Falle Spaniens scheint (oder schien) die Rückgewinnung der bei früheren Invasionen auf der Halbinsel von Muslimen eroberten Gebiete von Dauer zu sein – sofern man den aktuellen Geburtenrückgang in Spanien und den Zustrom muslimischer Einwanderer nicht berücksichtigt. Tatsache ist, dass ganz Europa schon längst islamisiert sein könnte, wenn die muslimischen Invasoren nicht in den beiden Schlachten bei Tours und vor den Toren Wiens zurückgeschlagen worden wären. Samir jedenfalls macht den Vorschlag – und dieser Vorschlag ist gut, soweit er reicht –, eine nahöstliche Union mit internationalen Friedenstruppen zu gründen und gleichzeitig eine grundlegende Übereinkunft über gemeinsame diplomatische Prinzipien zu treffen. Er befasst sich nicht mit der früheren Geschichte des Islams, sondern beginnt mit der Lage nach dem Zweiten Weltkrieg. Er gibt zu, dass seine Lösung ein Stück weit »utopisch« ist, meint aber, es sei den Versuch immerhin wert. Ich habe mit diesem Vorschlag nur ein Problem: Er scheint nicht in Betracht zu ziehen, dass auch auf der anderen Seite, nämlich bei denjenigen Gruppen innerhalb des Islams, die wir heute als »Terroristen« bezeichnen – jenen Menschen also, die glauben, dass das, was sie da tun, der Wille Allahs sei und dem Sendungsauftrag des Islams entspreche –, eine »utopische« Motivation besteht.
Einer weiteren Meinung zufolge sind die sogenannten »Terroristen« innerhalb des Islams eine Minderheit und im Allgemeinen nicht von koranischen Texten, sondern von der westlichen Philosophie und insbesondere von faschistischen und nationalsozialistischen Quellen inspiriert. Auch daran ist ohne Zweifel etwas Wahres. Das historische Problem der muslimischen Welt ist ihre gescheiterte Modernisierung. Dass man nach Sündenböcken sucht, um dieses Scheitern zu erklären, gehört zur Tragödie des modernen Islams. Man könnte die Ansicht vertreten, das Problem würde seine Wurzel im muslimischen Denken haben, doch da dieser Ansatz für viele inakzeptabel ist, muss man sich etwas einfallen lassen, um diese Gewaltmittel so erfolgreich einzusetzen, wie es im letzten Jahrhundert geschehen ist. Das ist die sogenannte islamo-faschistische Interpretation mit all ihren Varianten.
All diese Ansichten haben etwas für sich, das man nicht ignorieren sollte. Doch auch wenn die aggressivsten Vorkämpfer der jüngsten Schrecknisse zugegebenermaßen in der moralischen Schwäche des Westens ihre große Chance erkannt und viele ihrer Anführer im Westen studiert haben, ist die eigentliche Erklärung immer noch eine religiöse. Ganz offensichtlich sträuben sich unsere hauseigenen Philosophien – Liberalismus, Multikulturalismus und Ökumenismus – nach Kräften dagegen, der Religion einen so prominenten Platz einzuräumen, dass sie gezwungen sind, sich auf ihrem eigenen Terrain mit ihr auseinanderzusetzen. Also wird die religiöse Erklärung von vornherein ausgeschlossen und wir müssen uns nach anderen Begründungen umsehen. Sobald wir versuchen, unsere Probleme in nicht religiösen Begriffen zu erklären, hören wir auf, nach der Gültigkeit der religiösen Ansprüche zu fragen, auf denen der Islam beruht – seiner ursprünglichen Inspiration, seinen Texten und der darin enthaltenen Lehre.
Viele würden zweifellos belustigt oder sogar empört auf den Vorschlag reagieren, dass das erste Prinzip der praktischen Politik darin bestehen sollte, theologische Positionen ernst zu nehmen und das, was darin jeweils vertreten wird, auf seine Gültigkeit hin zu überprüfen. Wenn man nach dem Ausschlussverfahren vorgeht, ist dies jedoch – da die anderen Erklärungen eben nicht alles erklären – tatsächlich die vernünftigste Herangehensweise an das langfristige Problem, mit dem wir aus dieser Richtung konfrontiert werden. Und es ist paradoxerweise auch die »ökumenischste« Herangehensweise: weil sie bereit ist, die theologische Sicht derer ernst zu nehmen, die glauben, dass der Islam ausgesandt sei, allen Völkern das Gesetz und die Anbetung Allahs zu bringen. Es sind nicht die »gemäßigten« Muslime, die wir ernst nehmen müssen, sondern die radikalen.
Damit kommen wir zu einer zentralen Frage: Stehen für diese Aufgabe intellektuelle »Hilfsmittel« zur Verfügung? Mit Blick auf die recht offenkundige Weigerung von islamischer Seite, die Lehre des Islams zum Gegenstand einer öffentlichen Debatte oder Analyse zu machen, könnte man den Standpunkt vertreten, dass wir uns nicht auf eine derartige Diskussion einlassen sollten. Das würde nur noch mehr Unruhe stiften. Es ist besser, sich an die eher praktischen Berührungspunkte zu halten: gewisse Aspekte familiärer Werte, wirtschaftliche Probleme, den Ölpreis und so weiter.
Andererseits leugnet der Islam gerade die beiden zentralen Wahrheiten des christlichen Glaubens: Sowohl die Dreifaltigkeits- als auch die Menschwerdungslehre gelten nach muslimischen Begriffen als blasphemisch. Christen werden bestenfalls als Polytheisten betrachtet. Die Messfeier oder die Bibel oder jedwedes andere Mittel, das Christentum (oder einen anderen Glauben) zu erklären, ist, außer in einigen sehr begrenzten Fällen, in jedem existierenden muslimischen Staat verboten. In ziviler Hinsicht sind die wenigen in diesen Ländern ansässigen Christen bei objektiver Betrachtung enorm benachteiligt. Die Literatur darüber, wie Gläubige anderer Religionen in islamischen Staaten zu Bürgern zweiter Klasse gemacht werden, lässt, wenn man einen irgendwie objektiven Maßstab anlegt, nur eine Schlussfolgerung zu. Doch diese Einschränkungen sind die logischen Folgen theologischer Positionen. Es hilft nicht, sich darüber zu beklagen, solange wir nicht irgendwann bereit sind, ihre logische Wahrhaftigkeit zu hinterfragen. Dass man in diesen Dingen keinen größeren Druck ausübt, wird sogar unter anderem genau damit begründet, dass man die Situation der in diesen Ländern verbliebenen Christen dadurch noch verschlimmern oder sogar ihr Leben gefährden könnte.
Ich bin nicht der Ansicht, dass der Versuch, sich Klarheit darüber zu verschaffen, was der Islam ist, einen feindseligen Akt gegenüber dem Islam oder seinen Institutionen darstellt. Ich denke im Gegenteil, dass die Ursache der gegenwärtigen Probleme zumindest teilweise darin gesucht werden muss, dass man vor dieser Klarheit jahrhundertelang zurückgescheut ist. Wir haben auf christlicher Seite tatsächlich keine maßgebliche Verlautbarung zu der Frage »Was ist der Islam?«. Es genügt nicht, darüber zu sprechen, dass man die Anhänger anderer Religionen »respektiert«, solange man sich nicht näher damit befasst, was sie glauben und wie sie ihren Glauben praktizieren. Es geht eher darum, auf die behutsamste und vernünftigste Weise nach der »Wahrheit« dessen zu fragen, was sie über sich selbst denken. Wie zerstörerisch sie uns gegenüber auch auftreten mögen: Es sind die sogenannten »Terroristen« selbst – die für ihre Taten eine religiöse Motivation in Anspruch nehmen –, die die Christen (und jeden sonst) dazu zwingen, sich auf diesen theoretischen Kern des Problems zu konzentrieren.
Pulsuz fraqment bitdi.