Kitabı oxu: «Heimkehr»

Jan Eik
Heimkehr
Kappes 19. Fall
Kriminalroman
Jaron Verlag
Jan Eik, geboren 1940 als Helmut Eikermann, lebt als freiberuflicher Autor und Publizist in Berlin. Er schrieb eine Vielzahl von Sachbüchern, Kriminalromanen und -erzählungen sowie Hör- und Fernsehspielen. Bei Jaron erschienen von ihm u. a. «Schaurige Geschichten aus Berlin» (Neuausgabe 2013) sowie zwei humorvolle kleine Bücher zu den Besonderheiten der heimatlichen Sprache («Berliner Jargon», 2009; «DDR-Deutsch», 2010). Vor allem aber verfasste er mehrere Bände für die Krimiserien des Jaron Verlags: für die «Berliner Mauerkrimis» («Am Tag, als Walter Ulbricht starb», mit Horst Bosetzky, 2010), «Es geschah in Berlin» (zuletzt: «Polnischer Tango», 2012), «Es geschah in Preußen» (zuletzt: «Attentat Unter den Linden», mit Uwe Schimunek, 2012) und «Es geschah in Sachsen» («Katzmann und das schweigende Dorf», 2011).
Originalausgabe
1. Auflage 2013
1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH
© 2013 Jaron Verlag GmbH, Berlin Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin
ISBN 9783955520182
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelseite
Impressum
SEPTEMBER 1946
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
OKTOBER 1946
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
NACHBEMERKUNG
Es geschah in Berlin …
SEPTEMBER 1946
EINS
DURCH DIE WIPFEL der Kiefern flimmerte die Morgensonne. Die Luft roch nach Wald und Pilzen. Was für ein Tag! Der erste Tag in seinem neuen Leben. Er atmete tief und fühlte sich wie berauscht. Der fast vergessene Geruch drohte ihn zu überwältigen, so stark erinnerte er ihn an die Kindheit. Es schien ihm, als sei er mit den Eltern zum Baden hierher gefahren. Der Müggelsee lag gar nicht weit entfernt. Das Wasser und die sanften Wellen – ein Genuss aus einem anderen, sehr weit entfernten Leben. Wie lange war er nicht geschwommen? Würde er trotz seiner Verletzungen noch das gleiche Vergnügen daran haben?
Er war versucht, seinem Begleiter zuzurufen, er wolle erst mal zum See. Das war natürlich Unsinn. Sie hatten ein Ziel, das zu erreichen ihm schwer genug fiel. Der andere war ihm immer ein paar Schritte voraus. Bei aller Mühe gelang es ihm kaum, dessen Tempo mitzuhalten. Dieser überraschend aufgetauchte Cousin war in besserer körperlicher Verfassung als er.
Er riss sich zusammen und schlurfte weiter. Märkische Heide, märkischer Sand, summte es in seinem Kopf. Das stumpfsinnige Lied und den Sand hatte er während der gnadenlosen Ausbildung zur Genüge kennengelernt – und hassen gelernt. Mit knapp 20 hatten sie ihn zum Kommiss geholt und geschunden. Im nächsten Monat wurde er 27 Jahre alt. Ein Viertel seines bisherigen Lebens war er gezwungen gewesen, die Uniform zu tragen, deren schäbige Reste seinen ausgemergelten Körper umschlotterten.
Das war jetzt alles gleichgültig. Er war frei. Solange seine Kraft reichte, konnte er gehen, wohin er wollte. Dabei zog es ihn nirgendwohin. Er war zu Hause angekommen, wie immer dieses Zuhause in der zerbombten Stadt auch aussah. In halb Europa war er während dieses gottverfluchten Krieges gewesen. Er hatte sich in Norwegen zwei Finger erfroren und im italienischen Apennin einen Hitzschlag erlitten, bis ihn der Schrecken aller Schrecken ereilte: die Ostfront. In seinen Träumen heulte die Stalinorgel, rasselten die Panzer auf ihn zu. Wie lange würde es dauern, bis er das alles vergessen konnte?
Hinter ihm lagen zwei Jahre Gefangenschaft. Nachdem die Russen ihn nach den Kämpfen in Ostpreußen schwer verwundet aufgesammelt und zu seinem Glück in einem Lazarett abgeliefert hatten, wäre er dort beinahe von den Läusen aufgefressen worden. Er erwies sich als zäh, und seine Wunden verheilten, so dass man ihn in ein Gefangenenlager schickte, wo er den Hunger kennenlernte. Bis vor zwei Wochen hatte er die Tage in der Ungewissheit verbracht, ob er nicht doch noch mit einem der nach Osten gehenden Transporte verschwinden würde wie Tausende andere. Dann war der Zug gen Westen gerollt. Sie hatten ihn tatsächlich entlassen.
Er sog die Waldluft ein, als hätte er seit Jahren keine frische Luft geatmet. Seit gestern sah die Welt ganz anders aus. Was für ein friedliches Bild! Er hatte überlebt – nach all den Jahren in fremder, oft genug feindlicher Verlorenheit, wo einen das Unglück in der nächsten Minute ereilen konnte. Anfangs hatte es Zeiten gegeben, in denen es gar nicht schlecht aussah. In Holland beispielsweise. Am Ende jedoch, als niemand mehr wusste, ob der Ort, den man brennend verließ, sich noch in Russland oder in Polen befand, bevor das Grauen auf Ostpreußen übergriff, drohten nur noch Zerstörung und der alltäglich gewordene Tod.
Jetzt war beinahe alles gut. Die Begrüßung hatte er sich etwas herzlicher vorgestellt. Ein kühles «Willkommen» eben. Kein Wunder nach alldem, was hinter jedem lag. Alles würde sich einrenken, dessen war er sicher. Allein der Anfang schien wunderbar: Sie waren auf dem Weg, einen Festbraten zur Feier seiner Heimkehr zu beschaffen. Es gab noch glückliche Fügungen. Er war gerade zur rechten Zeit erschienen. Der Förster, ein guter Bekannter, hatte ein Wildschwein geschossen!
Nach seinen Erfahrungen mit den Russen erstaunte ihn, dass es in deren Besatzungsbereich Deutsche gab, die Waffen besaßen.
«Russischer Sektor» hieß das hier in Berlin. Ringsum erstreckte sich die «Zone». Er musste das neue Kauderwelsch lernen, doch es gab Wichtigeres. Zuerst einmal kamen das Essen, die Lebensmittelkarten, von denen jeder sprach. Obwohl ihm Klamotten beinahe ebenso wichtig erschienen. Er brauchte bloß an sich herunterzublicken. Die Schuhe bestanden nur aus Fetzen. Die vom Cousin großzügig angebotenen Stoffschuhe hatten sich als zu klein erwiesen.
Er durfte nicht ungeduldig werden. Eines nach dem anderen. Vor allem musste er sich nach Arbeit umsehen, so schwach er sich auch fühlte.
Sein Begleiter blieb stehen.
«Ist was?», fragte er.
Der Cousin schüttelte den Kopf. Mit prüfendem Blick maß er ein vier Finger dickes Eichenstämmchen, rüttelte daran und bog es weit nach allen Seiten. Das junge Holz brach nicht. Wortlos buddelte der Cousin ein klobiges Taschenmesser aus seinem Rucksack, klappte die breite Klinge heraus und begann, dicht über der Wurzel eine tiefe Kerbe in den Stamm zu hacken.
«Wozu brauchst du den?», fragte er.
Der andere blickte nicht auf. «Wir werden viel Feuerung brauchen diesen Winter», sagte er. «Auf dem Rückweg nehmen wir Kleinholz mit.»
Er sah sich um. Halbwüchsiges Gebüsch säumte den Pfad. Die Bäume waren bis weit hinauf zu den ersten Ästen kahl. Nirgends lag Reisig auf dem weichen Waldboden.
«Die Leute holen alles weg für den Winter», erklärte der andere. Mit seinem eleganten Schuhwerk trat er fest gegen die junge Eiche, doch die fiel nicht. Er schnitzte die Kerbe mittels kräftiger Hiebe noch etwas tiefer. Schließlich gelang es ihnen gemeinsam, den gut mannshohen Stamm umzulegen. Der andere kappte die Krone und ein paar Zweige und ließ sie achtlos liegen.
Sie gingen weiter. Der Cousin schnitzte mit seinem Messer an dem Eichenknüttel herum und blieb allmählich ein wenig zurück.
Auch er verlangsamte seine Schritte. Er spürte die Schwäche in allen Gliedern. Und den Hunger. Das war ein gewohntes Gefühl, doch er fühlte sich leicht ums Herz. Eine alberne Floskel, gewiss. Aber er hätte es nicht anders ausdrücken können. Dabei ging ihm diese verfluchte Märkische Heide nicht aus dem Sinn. Seit sie aus dem Bus gestiegen waren, dröhnte das blöde Lied in seinem Kopf, als gäbe es kein anderes. Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt beispielsweise. So was war jetzt Mode. Und amerikanische Musik mit jaulenden Saxophonen und einem Rhythmus, der in die Beine ging, aber nicht zum Marschieren anregte.
Im Lager hatten nur die russischen Wachmannschaften gesungen, schwermütige Melodien oder Soldatenlieder, die ganz anders klangen als die deutschen Landserhymnen. Den Deutschen war das Singen vergangen. Jeder wartete nur, wohin die ihn schicken würden – nach Hause oder nach Sibirien. Ein Drittes gab es nicht. Wohin der Transport wirklich ging, erfuhr man erst, wenn man die Papiere in der Hand hielt und in den Waggon kletterte.
Von den Kämpfen um Berlin hatten sie im Lager nichts erfahren. Dort machten die Gerüchte von der uneinnehmbaren Alpenfestung und dem Einsatz lange geheim gehaltener Wunderwaffen die Runde. Erst die dreitägige Siegesfeier der Russen und die grimmige Ansprache des nicht ganz nüchternen Kommandanten machten auch dem letzten Endsieggläubigen den Ausgang des Krieges klar. Nun sah er, dass auch hier gekämpft worden war. Verstreut lagen Stahlhelme, Gasmaskenbehälter und allerlei militärisches Zubehör herum. Schützenlöcher säumten den Pfad, der sich zwischen den Bäumen hindurchschlängelte.
Neben einem der Löcher blieb er stehen. Im gelben Sand lagen der verbeulte Deckel eines Kochgeschirrs und ein Uniformfetzen. Gerade wollte er sich zu seinem Begleiter umwenden, als ihn ein heftiger Schlag gegen den Hals in die Knie zwang. Er stolperte, fiel vornüber, versuchte sich mit den Händen abzustützen. Doch vor ihm war nur die Grube, in die er endgültig stürzte, als ihn ein neuer Hieb ins Genick traf, kräftiger sogar als der erste. Und noch einer. Um ihn herum versank der Wald in Dunkelheit und Schmerz.
ZWEI
HERMANN KAPPE hatte Glück gehabt. Wenn man es Glück nennen wollte, die Zehenspitzen auf einem rostigen Straßenbahntrittbrett untergebracht zu haben und sich wenigstens mit der linken Hand an einer Stange festzuklammern. Während die Finger zu erlahmen drohten, bemühte er sich vergeblich, seine Nase vom Rucksack des Vordermanns fernzuhalten, dem ein ekelhafter Geruch entströmte. Was mochte der Kerl darin transportieren? Jedenfalls nichts Essbares, wie Kappe hoffte, allein schon um seinen Magen zu beruhigen, in dem die Reste einer klitschigen Scheibe Brot im Morgenmuckefuck quollen. Eine zweite, gleichermaßen von einem Wasserstreifen durchzogene Stulle graulte sich in der Brotbüchse. Er fühlte das blecherne Ding durch das Leder der schäbigen Aktentasche, die er mit der Rechten umklammerte.
Jeden Morgen ärgerte er sich über diese hochstaplerische Tasche und ihren armseligen Inhalt. Sein Mittagessen, ebendiese Scheibe trocken Brot, hätte statt der leeren Brieftasche bequem in die Innentasche des Jacketts gepasst, und auf die schwachbraune Flüssigkeit in der abgesplitterten Emailleflasche konnte er zugunsten des Berliner Leitungswassers verzichten. Doch alles Reden nutzte nichts. Klara bestand darauf, dass er das Haus wie ein ordentlicher Mensch und Beamter mit einer Aktentasche unter dem Arm verließ. Wie leicht konnte sich über den langen Tag hin eine Gelegenheit ergeben, irgendetwas Nützliches, unter Umständen gar Nahrhaftes aufzutreiben, für das man ein Behältnis benötigte. Etwas «organisieren» nannte Klara das, obwohl sie die Abneigung ihres Gemahls gegen das Wort und erst recht gegen die Tätigkeit nur zu gut kannte.
Kappe, gewesener Kriminalkommissar, dem augenblicklichen Dienstgrad nach Ober-Inspektor, wenn auch kein Beamter mehr und wohl kaum mit der Aussicht, jemals wieder einer zu werden, neigte nach wie vor dazu, sich an die Vorschriften zu halten, und die schlossen nun einmal jegliche Art illegaler Warenbeschaffung aus. «Die eigene Familie dem Hungertod preisgeben» nannte Klara die bei Strafe der sofortigen Entlassung aus dem Polizeidienst vorgeschriebene Konsequenz – an die sich Kappe, selbst wenn er es gewollt hätte, nicht wirklich halten konnte. Im Gegensatz zu vielen seiner Verwandten, Bekannten und Kollegen rauchte er nicht, und er fragte vorsichtshalber nicht danach, wie und in welche Art von Lebensmitteln Klara die spärlichen Tabakwarenrationen verwandelte.
Vor allem Karl-Heinz paffte wie ein Schlot. Allerdings keine deutschen Zigaretten oder Zigarillos auf Markenzuteilung. Karl-Heinz war an Besseres gewöhnt und bevorzugte Lucky Strike. Allein des lieben Friedens wegen hatte Kappe sich daran gewöhnen müssen, die Schwarzmarktaktivitäten seines jüngsten Sprösslings zähneknirschend zu dulden, in denen der Lümmel es zu Klaras stiller Befriedigung binnen kurzer Zeit zu überraschender Meisterschaft gebracht hatte.
«Eines Tages schnappen sie dich, und du gehst ab in den Kahn!», prophezeite Kappe seinem Jüngsten, sooft er ihn sah, und das war in letzter Zeit nicht eben häufig der Fall. Wenn überhaupt, so kehrte Karl-Heinz gewöhnlich erst in den späten Nachtstunden in die elterliche Wohnung zurück, die aus Stube und Küche bestand. Ursprünglich, lange bevor Kappes in die Halbruine gezogen waren, hatte es sich um eine komfortable Dreizimmerwohnung gehandelt. Seit Februar des vergangenen Jahres ruhten die Mauerreste der einstigen Schlafstube zwei Etagen tiefer auf der zertrümmerten Kellerdecke, und hinter der zersplitterten Tür zum zweiten Zimmer bot eine einsturzgefährdete Freiluftecke Platz für zwei Blumenkästen, in denen Klara Tomaten zu züchten versuchte. Das wollte angesichts der Nordlage des ehemaligen Herrenzimmers nicht recht gelingen. Kirschgroß und grasgrün, versprachen die Früchte vorläufig keine Bereicherung des Speiseplans.
Dennoch war Kappe glücklich gewesen, mit Hilfe seines alten Freundes Theodor Trampe wenigstens diese «Ausbauwohnung» ausfindig gemacht zu haben. Klaras stiller Stolz, die Wohnung in der Großen Frankfurter Straße, war bei einem der letzten großen Angriffe im März 1945 durch einen Volltreffer zerstört worden. Glücklicherweise hatte sich Klara zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit der Tochter Margarete, der Enkelin Marlies und großen Teilen des mit ihnen evakuierten Hausrats in Wendisch Rietz befunden, so dass sogar die Bettstellen gerettet wurden. Schon Ende 1943 hatte Kappe die Familie dort vor den Bombenangriffen in Sicherheit gebracht. Er selber überlebte den Angriff als Luftschutzwache in den Gebäuderesten des Polizeipräsidiums und fand vorläufigen Unterschlupf bei seinem Bruder in der Yorckstraße.
Bald hieß es, die Evakuierten, wollten sie ihr Wohnrecht behalten, müssten bis Ende September 1945 nach Berlin zurückkehren. Kappe wandte einige Mühe auf, für sich und Klara in der ihm fremden Gegend rings um die Yorckbrücken eine Behausung zu finden. Statt im russisch besetzten Osten war er unversehens in Schöneberg gelandet, das seit dem Einmarsch der Amerikaner im Juli 1945 zu deren Sektor gehörte. Noch wusste niemand so recht, ob sich das als Vor- oder Nachteil erweisen würde.
Unverhofft war eines Tages Karl-Heinz erstaunlich gesund und munter aufgetaucht. Er war natürlich erst einmal bei Mama und Papa untergekrochen, wo es ihm anscheinend so gut gefiel, dass Kappe ihn im Verdacht hatte, sich keineswegs intensiv um eine eigene Bleibe zu bemühen. Da der Sohn, den es von der Schule weg direkt zur Waffen-SS gezogen hatte, nach anfänglicher Arbeitssuche offenbar nur sporadisch einer ordentlichen, das heißt legalen Tätigkeit nachging, sah es mit den Chancen auf eigenen Wohnraum schlecht aus.
«Ich lasse meinen Sohn doch nicht bei irgendeiner schlampigen Schlummermutter verkommen!», lautete Klaras Kommentar, wenn die Rede auf dieses Thema kam.
Machte Kappe sich im Morgengrauen auf den stets mit neuen Überraschungen aufwartenden Weg zum Dienst, dann ruhte der Sprössling, gluckenhaft von Klara behütet, auf der Chaiselongue in der Küche und träumte in Morpheus Armen von seinen Ami-Zigaretten oder wer weiß was. Jedenfalls nie vom Krieg, wie er glaubhaft versicherte: «Das ist vorbei. Daran verschwendet man doch keinen Gedanken!»
Von seinen Erlebnissen bei der Waffen-SS, zu der er sich siebzehnjährig freiwillig gemeldet hatte, sprach er nie. Er erwähnte nur hin und wieder beiläufig irgendwelche Kameraden, die er «rein zufällig» getroffen habe und die vermutlich dem gleichen Gewerbe nachgingen wie er. Skrupellos genug waren sie alle. Daran hatte die kurze amerikanische Internierung nichts geändert. In den davorliegenden zwölf Jahren hatte jeder gelernt, ausschließlich an seinen Nächsten zu denken – denn jeder war sich selbst der Nächste. Das hatte Karl-Heinz zutiefst verinnerlicht. Das Schicksal seines älteren Bruders Hartmut, von dem Hermann Kappe ebenso inständig wie Klara hoffte, dass er sich seit Stalingrad tatsächlich in russischer Gefangenschaft befand und eines Tages vor der Tür stehen würde, schien dem Jüngeren gleichgültig.
Die Straßenbahn hielt ruckend. Jemand wollte aussteigen. Der Rucksackträger musste sich notgedrungen zur Seite wenden und schlug Kappe das vor undefinierbarem Schmutz starrende Behältnis heftig gegen die rechte Gesichtshälfte. Kappe, gewöhnlich nicht zu Wutausbrüchen neigend, kam nicht umhin, sich mit einem kräftigen Kniestoß zu revanchieren, der ihn fast den Platz auf dem Trittbrett gekostet hätte. Die Fahrerei jeden Morgen stellte eine Zumutung dar, aber irgendwie musste er seine Dienststelle im nördlichen Stadtzentrum erreichen.
Im Verlauf der letzten Monate hatte Kappe die verschiedensten Möglichkeiten und Verkehrsmittel erprobt. Seine ständig geschwollenen Füße in den notdürftig selbst besohlten Schuhen ließen ihm keine Wahl. Alle Wege und Umwege hatten sich als gleichermaßen mühevoll erwiesen. Dabei kam das Verkehrsnetz allmählich wieder in Schwung. Pappvernagelte Straßenbahnen schepperten durch die Straßen. Seit der S-Bahn-Tunnel leer gepumpt worden war, fuhren die Nord-Süd-Bahn und neuerdings die Wannseebahn wieder. Im Straßenbahnnetz und bei der U- und Hochbahn klafften noch Lücken und gab es eingleisige Strecken. Der Hochbahnhof Nollendorfplatz glich einer Schrotthalde, und am Gleisdreieck war man dabei, den Viadukt in Richtung Hallesches Tor anzuheben und zu reparieren. Für die wenigen Buslinien mangelte es an Reifen und Benzin.
Nur wenige Tage nach dem Einmarsch der Russen, den Hermann Kappe im Keller unter dem Tabakladen seines Bruders er- und überlebt hatte, ohne dabei wesentlich mehr als seine goldene Taschenuhr einzubüßen, war er quer durch die Mondlandschaft der einstigen Innenstadt in Richtung Alex aufgebrochen. Er hatte bebend den Landwehrkanal auf einem schwankenden Steg überschritten, kaum weniger abenteuerlich die Spree gekreuzt und war tatsächlich bis in die Dircksenstraße vorgedrungen, wo einzig der Ziegelbau des Gefängnisses noch etwas von der einstigen Pracht des zerbombten Polizeipräsidiums verriet. In dem Gebäuderest sammelten sich nach und nach einige ehemalige Polizeibeamte, mit Argwohn und gehöriger Skepsis dem entgegensehend, was sie erwartete.
Der von den Russen ernannte Polizeipräsident hieß Oberst Markgraf und benahm sich auch so. Er machte mit den Kripo-Leuten nicht viel Federlesens, befragte sie in scharfem Ton nach Partei- und SS-Zugehörigkeit und verwies Kappe an den frischernannten Personalchef. Ehemalige SS-Leute wurden den Russen übergeben.
Auf die Weise war auch Kappes Schwiegersohn Arno verschwunden, der es in neun Jahren SS-Zugehörigkeit nur bis zum einfachen Sturmmann gebracht hatte und wegen Missachtung der eigenen Uniform als Gefreiter an die Ostfront geraten war, bis es einem einflussreichen Freund gelang, den gelernten Elektriker als Radarspezialisten zu Telefunken abkommandieren zu lassen. Dieser u. k.-Stellung – u. k. stand für unabkömmlich – verdankte Arno vermutlich sein Leben, das nun keinen Pfifferling wert schien, seit ihn die Russen «interniert» hatten – dem vorsichtig agierenden Kappe gelang es nicht herauszufinden, ob in Hohenschönhausen oder in Sachsenhausen, wo die Besatzungsmacht das Konzentrationslager weiter betrieb. Möglicherweise war Arno längst tot oder in Sibirien. Die russischen Lager und die Zustände darin waren zwei der hundert neuen Tabuthemen, an die man besser nicht rührte. Den meisten Leuten fiel das Schweigen nicht schwer – und das Denunzieren erst recht nicht. Sie hatten zwölf Jahre lang Zeit gehabt, sich darin zu üben.
Solche Gedanken, wenn sie nicht von denen ans Essen überlagert wurden, konnte Kappe nicht einmal verdrängen, wenn er wie jetzt einarmig an einer Straßenbahn hing. Immerhin fuhr er und würde zur S-Bahn gelangen, falls ihn der Ekel angesichts des stinkenden Rucksacks vor seinem Riechkolben nicht früher abspringen ließ.
Er hielt stand bis zum S-Bahnhof und fuhr durch den noch immer modrig riechenden Untergrund zum Oranienburger Tor. Die Schmutzmarke im oberen Viertel der Tunnelwand verriet, wie hoch das Wasser in dem bei Kriegsende gefluteten Tunnel gestanden hatte. Es galt als ziemlich sicher, dass die SS die Tunneldecke unter dem Landwehrkanal gesprengt hatte. Über die Zahl der geborgenen Leichen kursierten die abenteuerlichsten Gerüchte, sämtlich übertrieben, wie Kappe ebenfalls wusste. Dennoch war ihm bei den ersten Fahrten einigermaßen mulmig zumute gewesen. Doch woran hatte man sich nicht alles gewöhnt. Er fand es eher bemerkenswert, dass er nach dreieinhalb Jahrzehnten bei der Mordkommission seine Abneigung gegen den Geruch des Todes nicht eingebüßt hatte.
In der Oranienburger Straße kletterte er erleichtert ans Tageslicht. Hier standen noch ein paar weniger zerstörte Häuser zwischen den Ruinen. Seit neuestem bog hier wieder die Straßenbahn aus der Friedrichstraße ein. Das riesige Haus der Technik an der Ecke ragte als schwarze Brandruine auf. An der gelben Fassade des Postfuhramtes kündeten nur die Einschusslöcher von den heftigen Kämpfen in den letzten Tagen des Krieges.
Sein Weg führte Kappe durch die Artillerie- zur Linienstraße, wo man das Polizeipräsidium im Gebäude des ehemaligen Metallarbeiterverbandes einquartiert hatte, von den Nationalsozialisten als Gauleitung der Deutschen Arbeitsfront genutzt. Die Kriminaldirektion nutzte noch immer die einstigen Zellen in der Dircksenstraße, doch Kappe und einen Teil des Referats M hatte es in die Linienstraße verschlagen.
Kappe, von Berufs wegen auf ein einigermaßen funktionierendes Gedächtnis angewiesen, staunte immer wieder. Das Kriegsende lag nicht einmal anderthalb Jahre zurück, und schon war so vieles vergessen. Überall hatte man die Trümmer von den Fahrbahnen geräumt und die Granattrichter behelfsmäßig verfüllt, von den Bürgersteigen war der Schutt hinter aufgestapelte Ziegel und ausgeglühte T-Träger in die Ruinen geschippt worden. In den Erdgeschossen machten sich Läden und Werkstätten breit. Autos der Besatzungsmächte oder solche, die mit dem russischen Kennzeichen
, gelber Motorhaube und einem gelben Punkt als «in deutschem Besitz» markiert waren, holperten durch die Straßen.
Im Präsidium wies Kappe dem stramm grüßenden Wachtmeister seine viersprachige Legitimation vor und stiefelte hinauf in den vierten Stock. Das Gebäude, obwohl von Bomben verschont geblieben, glich einer notdürftig aufgeräumten Ruine. Türen hingen schief in den Angeln oder fehlten, die Fenster waren mit Pappe vernagelt. In seinem Büro beleuchtete das trübe Licht einer nackt von der Decke baumelnden Glühbirne das zusammengesuchte Mobiliar. Kappe hatte sich einen ausnehmend schweren Schreibtisch gesichert und in die Nähe des Fensters geschoben. Das wuchtige Stück bot einige Gewähr, es noch am nächsten Morgen vor zufinden. Einen Stuhl hatte er sich schon dreimal neu besorgen müssen. Und das im Berliner Polizeipräsidium!
Heute schien alles in Ordnung. Niemand hatte sein wackliges Sitzmöbel entwendet oder vertauscht, durch die winzige Scheibe im unteren Teil des Fensters fiel ein Strahl der Septembersonne auf die narbige Platte seines schwergewichtigen Antikmöbels. Das Glas, einst das Porträt des finster blickenden Fanatikers mit dem Chaplin-Bärtchen vor Fliegenschiss schützend, hatte Kappe eigenhändig zugeschnitten, nachdem er das Führerbild hinter dem Aktenschrank entdeckt und eilig zerfetzt hatte. Ein Glasschneider gehörte in diesen Zeiten zu den unentbehrlichen Werkzeugen, selbst wenn man Kriminalkommissar von Beruf war.
Kappe öffnete die Aktentasche, platzierte Stullenbüchse und Emailleflasche vor sich auf dem Schreibtisch und schloss dessen rechte Seite mit dem einzigen Schlüssel auf, der sich hatte auftreiben lassen. Kaum hatte er seine Utensilien im oberen Fach verstaut, als die Tür aufgerissen wurde und ein strammer Jüngling mit akkurat gestutzter schwarzer Haartolle hereinstürmte – ein Jüngling jedenfalls aus der Sicht des 58-jährigen Kappe. Udo Schieck war 31, gelernter Fotograf, verflossener mittlerer HJ-Führer und Unteroffizier, den die Russen irgendwo kurz vor dem Ural in einem Antifa-Kursus so gründlich umgeschult hatten, dass Kappe mitunter der Mund offen stand vor Staunen. Dabei war klar, dass man ihm, dem altgedienten Lakaien dreier Systeme, den eilfertigen Konvertiten Schieck keineswegs nur als Kriminaltechniker, sondern zur Kontrolle und Überwachung beigeordnet hatte. Von Kriminalistik verstand der nicht die Bohne, schlug aber allen Ernstes vor, die sich häufenden Mordfälle künftig mit den Methoden des dialektischen Materialismus aufzuklären.
Unter Materialismus konnte Kappe sich etwas vorstellen, was der Dialekt bei den Mordermittlungen sollte, blieb ihm dunkel, und er hütete sich, Schieck danach zu fragen. Der brachte es fertig und ritt eine halbe Stunde auf Marx und Lenin herum, bevor er mit einem langatmigen, von Kappe ohnehin nicht überprüfbaren Zitat des hochgeschätzten Generalissimus Stalin abschloss. Ein paarmal ließ Kappe den konfusen Vortrag schlecht verdauter Schlagworte an sich abperlen, ehe er Schieck bärbeißig zur Ordnung und in den kriminell-kriminalistischen Alltag zurückgerufen hatte: «Wir haben – ganz unabhängig von jeder Weltanschauung – Mord und Totschlag aufzuklären, Verehrtester!» Ihn «Genosse» zu nennen, wie es Schieck hartnäckig forderte, fiel Kappe nicht im Traum ein.
Selbstverständlich war Schieck noch vor Eintritt in die vorerst lichten Reihen der Kriminalpolizei Mitglied der KPD geworden. Begeistert hatte er im April deren Vereinigung mit der SPD gutgeheißen und seitdem nicht aufgehört, Kappe zum Beitritt in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands aufzufordern. Die kürzte sich selbst als SED ab, während der amerikanisch lizenzierte Tagesspiegel, den Kappe seit dem ersten Erscheinen bevorzugte, die Partei hartnäckig als SEP bekrittelte und ebenso hartnäckig am selbständigen Fortbestand der Sozialdemokratie festhielt. Der stand Kappe eingedenk seiner Erfahrungen durchaus nahe, ohne sich zur SPD-Mitgliedschaft zu entschließen. Für seinen Geschmack wurde im Augenblick sowieso viel zu viel von Politik geredet, insbesondere seit der Wahltermin im Oktober feststand.
Kettenraucher Schieck, der das Sprachrohr der Russen, die Tägliche Rundschau, als Lektüre bevorzugte, zündete sich die erste Zigarette an und trug die Neuigkeiten aus der Berliner Zeitung vor, die ebenfalls als russisch orientiert galt. Dass vorgestern am Bahnhof Bernau eine Razzia stattgefunden hatte, um Arbeitskräfte für den Rüdersdorfer Kalkbruch zu rekrutieren, wusste Kappe bereits. Und dass dem britischen Militärkommandanten in Gatow sein Boot geklaut worden war, versetzte die Kollegen vom entsprechenden Dezernat sicherlich in so große Aufregung, wie Schieck sie plötzlich erkennen ließ. Auf Abschnitt 7 der Raucherkarte M gab es sechs Zigarren oder eine Packung Kautabak, für F wie Frauen lediglich sechs Zigaretten. «Allerdings nur im sowjetischen Sektor», wie Schieck triumphierend hervorhob. Das war ein weiterer Dissens zwischen ihnen: Kappe sprach wie alle Welt nur vom «russi schen Sektor» und der entsprechenden Zone, Schieck beharrte auf «sowjetisch», was Kappe achselzuckend akzeptierte.
Gerade stolperte Schieck über eine Meldung, die besagte, der Rundfunk im amerikanischen Sektor Berlin würde heute seinen Sendebetrieb über Mittelwelle 492 Meter gleich 610 Kilohertz beginnen. «Oberbürgermeister Doktor Werner wird über diese Welle um fünfzehn Uhr eine Begrüßungsansprache halten.»
«Ja, und?», erkundigte sich Kappe. «Wollen Sie sich die anhören?»
Schieck, der eher klein geraten war und noch dazu auf einer Art niedrigem Schemel hockte, richtete sich steil auf. «Können Sie mir erklären, wozu die Amerikaner einen eigenen Rundfunk für ihren Sektor brauchen?», fragte er scharf.
Kappe hob die Schultern. «Die Russen haben doch auch ihren eigenen Sender.»
«Das ist der Deutsche Demokratische Rundfunk, der allen fortschrittlichen Kräften offensteht. Außerdem befindet sich der Sender im englischen Sektor!»
«Müsste das nicht ‹britischen› heißen?», korrigierte Kappe sanft, was Schieck zu einer ärgerlichen Handbewegung veranlasste.
«Ach nee», Kappe setzte noch einen drauf, «im britischen Sektor ist ja nur das russische Funkhaus. Die Sendemasten stehen bei den Franzosen in Tegel.» Schieck stammte aus Luckenwalde und wohnte weit außerhalb der Stadt. Seine Schwierigkeiten mit der Berliner Topografie und den Sektorengrenzen waren Kappe schon öfter aufgefallen.
«Jedenfalls hätte der Drahtfunk für die Amis allemal genügt!», stellte Schieck fest.
Kappe beließ es dabei. Um weiteren Auseinandersetzungen zu entgehen, beugte er sich tief hinunter und förderte aus den Untiefen seines Schreibtischs einen Packen Papier hervor, auf den die Bezeichnung Akten schwerlich zutraf. Dennoch handelte es sich um solche. Papier war knapp, da mussten eben die Rückseiten der im Hause aufgefundenen Hinterlassenschaft der nationalsozialistischen Gauleitung oder jede andere Art von einseitig Bedrucktem herhalten. Am besten schrieb es sich mit dem Kopierstift, den Kappe einem klecksenden Federhalter vorzog, auf der Rückseite ehemaliger Wehrmachtslandkarten, die sich einige Ämter des guten Papiers wegen gesichert hatten, um darauf Bescheinigungen zu drucken. Kappes Nachweis der Typhus-Schutzimpfung bot das präzise Kartenbild der Gegend von Villers-Laquenexy in Lothringen. Er hatte es kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen, und dabei war ihm zum Bewusstsein gekommen, dass er in seinem bisherigen Leben nie über die alten Grenzen des Deutschen Reiches hinaus gelangt war, ja eigentlich nur Berlin und einen Teil der Mark Brandenburg kannte. Zum Termin der KdF-Reise nach Madeira, zu der Klara ihn so heftig gedrängt hatte, wurde der vorgesehene Dampfer gerade als Hilfskreuzer im Atlantik versenkt.
Seufzend machte sich Kappe daran, den vor ihm liegenden Papierwust zu ordnen und den fälligen Abschlussbericht in Angriff zu nehmen. Eine Tätigkeit, die ihm auch nach 36 Dienstjahren nicht besonders lag. Immerhin hatte der vorige Chef der Mordkommission Kappes Ausführungen zweimal als besonders exakt und eindeutig gelobt. Unangenehmerweise war der Mann bald darauf als ehemaliger SS-Oberscharführer entlarvt und durch einen Nachfolger ersetzt worden, dessen Eignung zum Kriminalinspektor jemand irgendwo in den Weiten Russlands oder in Karlshorst festgelegt hatte. In Karlshorst, dem «Berliner Kreml», residierte die sowjetische Militäradministration.
Anscheinend genügte es, an den momentanen Chef namens Schneidereit auch nur zu denken, um ihn herbeizurufen. Forschen Schrittes stürmte er in den mangelhaft beleuchteten Büroraum, einen jungen Burschen im Schlepptau, den er munter als den vielversprechenden Kriminalanwärter Holtefret präsentierte. Der sei Kappe und Schieck mit sofortiger Wirkung zugeordnet.
So hatte sich Kappe die seit langem geforderte Verstärkung der Mannschaft nicht vorgestellt. Er wurde ohnehin den Eindruck nicht los, dass man ihm vorwiegend die hoffnungslosen Fälle zu
teilte und ihn allenfalls zu Rate zog, wenn es um Kriminelle der alten Garde und ihr Umfeld ging.
Schneidereit, ein Hektiker vor dem Herrn, wollte umgehend wieder verschwinden, allein schon um der Frage nach einem zusätzlichen Schreibmöbel und einer Sitzgelegenheit für den Neuen zu entgehen. Er wurde jedoch im Abgehen von einem Mitarbeiter aufgehalten, der kurz und knapp den Fund einer weiblichen Leiche in Buch meldete.
«Na bitte, meine Herren!», sagte Schneidereit zuversichtlich.
Kappe und Schieck erhoben sich. Das Platzierungsproblem für Holtefret hatte sich vorläufig erledigt.
«Komm Se!», forderte Kappe den strohblonden Jüngling auf, der ein wenig verwirrt schien. «Könn Se gleich mal erfahren, was bei uns so los ist.»
Befriedigt schaute Schneidereit seinen abrückenden Mannen hinterdrein.
DREI
SO ÜBELRIECHEND hatte Eddie Holtefret sich die Polizeiarbeit nicht vorgestellt. Die Frau – oder das, was von ihr übrig war – musste schon etliche Tage, wenn nicht Wochen in dieser Grube im Berliner Stadtforst gelegen haben, die einem eilig gegrabenen Schützenloch verteufelt ähnlich sah. Dafür hatte Eddie Holtefret einen Blick, seit er bei der Ausbildung zum Infanteristen selber mehrere Tonnen märkischen Sandes geschippt hatte, um seinen Körper anschließend in die mit einer Zeltbahn überdeckte Kuhle zu werfen und schussbereit den Feind zu erwarten. Als der dann wirklich kam, ließ er Eddie allerdings nicht die Zeit, ein Loch in den steinigen und zusätzlich gefrorenen Untergrund der Eifel zu buddeln, sondern fuhr mit einem Jeep so scharf auf ihn zu, dass nur ein armstarker Baum Eddie daran hinderte, sein junges Leben auf wenig heldenhafte Weise zu beschließen.
So war er als Zwanzigjähriger in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten, in der ihm seine spärlichen Englischkenntnisse ein einigermaßen erträgliches Los verschafften. Nur sein Vorname Adolf bot den Kameraden wie den Wachmannschaften hin und wieder Anlass zu Späßen und Schikanen, weshalb er sich bald nur noch Addi nannte, woraus die Amerikaner schnell Eddie machten. Eddies Lagerleben gipfelte schließlich in einem Schreibstubenjob, der es ihm im August 1945 gestattete, sich selbst unter Missbrauch von zwei mangelhaft gesicherten Dienstsiegeln aus dem Lager zu entlassen und den Weg ins heimatliche Berlin anzutreten.
Einen Beruf hatte Eddie Holtefret, Jahrgang 1924, wie so viele seiner Generation nicht erlernt. Dafür hatte die Zeit zwischen mittlerer Notreife, Einsatz als Flakhelfer und anschließender Einberufung einfach nicht gereicht. Dabei hatte Eddie, damals noch Adolf, einmal weitreichende berufliche Pläne verfolgt, war doch sein Onkel Ewald als Chemigraf und Klischeeätzer bei einer Tageszeitung tätig gewesen – ein gesuchter Fachmann, wie es hieß, und der Einzige in der Familie, der Adolfs Zeichentalent erkannte und förderte. Richtig Feuer gefangen aber hatte Adolf erst, als er aus heimlich belauschten Gesprächen der Erwachsenen erfuhr, dass hinter besagtem Ewald eine kurze Karriere als Banknotenfälscher lag, die dem begabten Onkel zwei Jahre Zuchthaus eingebracht hatte. Viel später, als Onkel Ewald ihn in die ersten Geheimnisse der schwarzen Kunst einzuweihen begann, hatte der ihm nebenbei eine wichtige Erkenntnis mitgeteilt: «Bestraft wird man nicht, weil man etwas Verbotenes getan hat, sondern weil man so dämlich ist, sich erwischen zu lassen.»
Nach der Gefangenschaft auf Um- und Schleichwegen endlich in Berlin gelandet, hatte sich der fehlende Beruf bei der Suche nach Arbeit als ein gewisser Mangel erwiesen. Eddie war nicht auf den Kopf gefallen und nach all den Jahren in der HJ, hinter dem bellenden MG in den Bergen des italienischen Apennin, nach dem verlustreichen Rückzug aus Frankreich und der Gefangenschaft wahrlich kein heuriger Hase mehr. Nordöstlich vom Alex in der Gegend des Georgenkirchplatzes aufgewachsen – ein Kiez, der kaum zu den bevorzugten Wohnadressen ehrbarer Bürger gehörte –, kannte und beherrschte er so manche, nicht immer gesetzeskonforme Überlebensstrategie kleiner Leute. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, in das zwischen den Ruinen seines einstigen Wohnviertels erblühende Geschäftsleben einzusteigen, zumal ihm alte Bekannte wohlwollend dazu rieten.
Eddie war ein vielseitiger und lernfähiger junger Mensch, der sich nicht mehr als nötig vor körperlicher Arbeit drückte. Zu einem aber taugte er nicht: zum Händler. Im Kaufmannsladen seiner älteren Schwester hatte er lieber den eiligen Kunden als den Verkäufer gespielt, und an den Schachergeschäften im Lager hatte er nur als Zuschauer teilgenommen. An die gängige Zigarettenwährung war er allerdings gewöhnt.
Die Wohnung seiner Eltern lag in Schutt und Asche, bei einer Tante in Tempelhof fand er eine notdürftige Unterkunft. Deren Schwippschwager Jochen wiederum betrieb ein erfolgreiches und vorerst zukunftssicheres Unternehmen, das sich vornehmlich unter Wasser abspielte. Jochen, hinter dem eine undurchsichtige Vergangenheit bei der Marine lag, betätigte sich nämlich als Taucher und suchte dringend Mitarbeiter. Er stellte Eddie sofort als Anlernling ein, was dessen Abenteuerlust entgegenkam und ihm anfangs ganz gut gefiel. Der bezog die Schwerarbeiterkarte und eine zusätzliche Milchration, mit der er bei der Tante die Miete beglich. Allmählich begann er, sich in der Spree und den flachen Berliner Kanälen heimisch zu fühlen, als ein Ereignis eintrat, das ihn zur jähen Aufgabe des Tauchgewerbes nötigte. Die zunehmende Kälte in den winterlichen Gewässern war zwar unangenehm, doch nicht der eigentliche Anstoß. Vor dem Kraftwerk Klingenberg strömte ohnehin das warme Wasser der Turbinenkühlung in den Fluss. Zusammen mit einem weiteren Taucher, der über ebenso viel Praxis verfügte wie Eddie, waren er und Jochen mit Räumarbeiten im schlammigen Untergrund beschäftigt, wo sich von der Bettstelle über abgesoffene Kähne bis hin zu größeren Stahlkonstruktionen beinahe alles fand, was Krieg und Großstadt hergaben. Gerade war Eddie aus den trüben Fluten aufgetaucht, um sich seiner Last auf dem Stahlponton zu entledigen, wo Jochen hockte und die Sauerstoffzufuhr kontrollierte, als eine dumpfe Explosion seinen Helm erschütterte und ihn selbst gegen die sich neigende Fahrzeugkante schleuderte. Ein heftiger Schlag in den Rücken nahm ihm die Luft. Die bleiernen Stiefel zogen ihn nach unten, kaum fand er die Kraft sich festzuklammern.
Der schreckensbleiche Jochen half ihm nach oben, und als Eddie sich umwandte, bot sich ein schauerliches Bild. Keine zehn Meter entfernt, ungefähr da, wo sich der Kollege in drei oder vier Meter Tiefe aufhalten musste, brodelte das Wasser bräunlich und brachte allerlei Unrat an die Oberfläche. Erst als Jochen mit fliegenden Fingern die Helmverschraubung gelöst hatte und Eddie zwei tiefe Atemzüge tat, erkannte er, dass der Unrat zu einem Gutteil aus einem zerfetzten Taucheranzug bestand und die Färbung des immer noch unruhigen Wassers deutlich in ein blutiges Rot spielte. Mitten in der Brühe schaukelte der blanke Helm.
Wortlos übergab sich Eddie.
«Munition», flüsterte Jochen hilflos. «Wie oft habe ich euch gesagt, ihr müsst vorsichtig sein!»
Eddie gab keine Antwort und stieg aus dem Taucheranzug. «Das war’s», sagte er schließlich und griff nach seinen Zivilklamotten. Vom Ufer her klangen Rufe herüber.
«Was heißt hier ‹Das war’s›?», protestierte Jochen. «Du kannst nicht einfach abhauen …»
«Ich kann!», widersprach Eddie. «Oder meinst du wirklich, ich habe den Scheißkrieg überlebt, um hier als Fischfutter zu enden?»
Keine halbe Stunde nach dem abrupten Ende seiner Taucherkarriere unterbreitete man ihm eine Offerte für eine angeblich weit weniger gefahrvolle Tätigkeit. Die beiden Polizisten, die seine Aussage bezüglich des Unfalls aufnahmen, musterten ihn wohlwollend und schlugen vor: «Warum kommste nicht zu uns? Da kriegste auch Karte I und brauchst nich ins kalte Wasser.»
«Oder warste bei der SS?», ergänzte der andere mit Blick auf Eddies Größe und seine blonde Tolle.
Ein bisschen mehr wollte man bei der Personalleitung schon wissen, doch zwei Tage nach Ausfüllen des Fragebogens fand sich Eddie als Angehöriger der Bereitschaftsinspektion Berlin-Mitte, Kleine Alexanderstraße 21–24, in der vertrauten Gegend seiner Kindheit wieder. War es ein Wunder, dass ihm schon nach wenigen Tagen eine junge Dame auf der Straße begegnete, zu der er als Knabe ebenso bewundernd wie vergeblich aufgeschaut hatte: Roswitha Blonowski, einst im selben Hinterhaus ansässig wie Eddies Familie und der Stern aller schlaflosen Jungenträume. Das Hinterhaus stand nicht mehr, doch Roswitha hatte nichts von ihrem Reiz eingebüßt. Rötlich getöntes Haar, gut angemalt und schick wie eh und je.
«Roswitha!», rief er, und sie blieb stehen, nachdem sie dem Uniformierten zuvor in einem scheuen Bogen auszuweichen versucht hatte.
Sie staunte. «Mensch, biste nich der kleene Adolf?»
Schwang da so etwas wie Bewunderung mit in ihrer rauchigen Stimme?
Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß. «Mein lieber Scholli, du hast dir aber rausjemacht!»
Eddie griente zufrieden und wagte es, seinen Arm um ihre Taille zu legen. «Da freue ich mich aber, dich zu treffen.»
«Na, und ick erst … Aber musstest de denn ausjerechnet bei de Polente jehn?»
Das klang schon weniger begeistert. Als Eddie ihr in einer Stampe in der Münzstraße bei einem Glas Dünnbier den Grund für seine augenblickliche Berufswahl erläuterte, zeigte sie sich einsichtig. «Man weeß ja heutzutare jar nich, wozu so wat jut sein könnte … Und unter Wasser», sie schüttelte sich, «det is nu wahrlich keen schöner Dot.»
Der nette Abend endete im Bett. Roswithas Kemenate lag in der nahen Wadzeckstraße, von der es nur ein Katzensprung zur Kaserne war – ein Sprung, den Eddie von da an des Öfteren tat, obwohl ihm bald bewusst wurde, weshalb ihn Roswitha nicht jederzeit empfangen konnte.
«Sieh mal, mein Süßa, von irjendwat muss der Mensch schließlich leben. Du von dein Stuhlbeen und die Uniform – ick von meine Kunden. Deswejen lieb ick dir doch nich wenijer …»
Das Stuhlbein war der hölzerne Polizeiknüppel, mit dem Roswitha gerne mal herumfuchtelte. Sie ging auf den Strich, wie sie es schon getan hatte, als ihr der dreizehnjährige Eddie verliebt hinterhergeguckt hatte. Am Georgenkirchplatz war sie nicht die Einzige gewesen. Und jetzt war sie es noch weniger. Aber keine reichte an sie heran, fand Eddie.
Der Dienst und die Kaserne samt Gemeinschaftsverpflegung dagegen stanken ihm bald. Alle naselang karrte man die Bereitschaft zu Razzien gegen die Schwarzhändler, die ja nichts anderes taten, als sich mühselig am Leben zu halten. Ein paarmal begegneten Eddie unter den Festgenommenen Bekannte, und ihm blieb nichts anderes übrig, als den dämlichen Papp-Tschako tiefer ins Gesicht zu ziehen, um mit seinem Blondschopf nicht sofort erkannt zu werden. Auf die Dauer war das nichts für einen intelligenten Menschen wie ihn.
Das Ende kam schneller und nicht weniger heftig als draußen in Klingenberg. In den antiken Bauten der Kleinen Alexanderstraße befanden sich auch die Diensträume des Kommandeurs der Schutzpolizei. Nachdem die Russen den ersten Kommandeur, einen Sozialdemokraten namens Karl Heinrich, hatten verschwinden lassen, nahm jetzt ein gewisser Wagner die Stellung ein. Und der fand eines schönen Märztages, es sei an der Zeit, der auf dem Kasernenhof herrschenden Schlamperei ein Ende zu bereiten. Man nutzte Teile des Geländes der Einfachheit halber als Lagerplatz für die Fundmunition aus der Umgebung, während auf dem restlichen Freiraum der Dienstsport absolviert wurde. An diesem Tag also galt es, die Munition für den Abtransport zusammenzuräumen.
Unter den Polizeiangehörigen befand sich kaum einer, der nicht über ausreichende Kenntnisse im Umgang mit Granaten, Panzerfäusten und ähnlich soldatischem Mordwerkzeug verfügte. Aber wie immer und überall gab es einen altklugen Schlauberger, der mit seinen Kenntnissen und seinem vorgeblichen Können prahlen und die Funktionsweise einer Eierhandgranate vorführen wollte. Das gelang ihm gründlich. Nachdem er das Ding – versehentlich oder nicht – entsichert hatte, warf er es in Panik in die ringsum gelagerte Munition, was eine wesentlich heftigere Explosion hervorrief, als Eddie sie in der Spree miterlebt hatte. Aus allen Richtungen flogen ihnen die Brocken um die Ohren. Das zweihundert Jahre alte Kasernengebäude, das mehr als einen Krieg überstanden hatte, stürzte ein und erschlug einen Fußgänger.
Den Umzug der Bereitschaft in das Marstallgebäude am Schloßplatz machte Eddie, von einem Splitter am Unterarm leicht verwundet, nicht mit. Standhaft weigerte er sich, fortan in der hässlichen Uniform Dienst zu tun, die ihm ein derart lebensgefährliches Erlebnis beschert hatte. Wenn überhaupt, dann kam für ihn nur die Kriminalpolizei in Frage, bei der es zwar nicht weniger bedrohlich zuging, mit der aber wenigstens der Hauch des Abenteuers verbunden war.
Als Halbwüchsiger hatte Eddie mit roten Ohren die Hefte von Frank Allan und John Kling gelesen. Außerdem steckte natürlich Roswitha hinter seinem mit dem Explosionsschock begründeten Entschluss. «Wenn schon bei der Plempe, dann Kripo», fand sie. Einen bei der Firma konnte man immer gebrauchen, und die Nachbarn würden endlich aufhören, sich über den dauernden Polizeibesuch im Hause das Maul zu zerreißen. Dass Eddie zu ihr in die fensterlose Kemenate zog, schloss sie kategorisch aus. Eddies Tante in Tempelhof reagierte auf die bloße Andeutung der Existenz einer weiblichen Person in seinem Leben mit der prompten Androhung der sofortigen Exmittierung. Eddie zog es vor, Roswitha nicht mehr zu erwähnen. Die nächsten zwei Monate verbrachte er sowieso auf einem Lehrgang für berufsunkundige Kriminalanwärter an der Polizeischule in Oberschöneweide, wo man ihm die Grundlagen kriminalpolizeilicher Arbeit beizubringen versuchte.
So stand es also um Adolf Eddie Holtefret, der für immer noch 255 Reichsmark im Monat zur Kripo gewechselt war. Nun fand er sich plötzlich bei einem Einsatz der Mordkommission wieder, in der ein brummiger alter Herr namens Kappe den Ton angab. Ein unangenehm naseweiser junger Mensch suchte dem das Kommando streitig zu machen, bis Kappe ihn anfuhr: «Sie sind hier der Fotograf, Schieck! Tun Sie gefälligst Ihre Pflicht!»
Das tat Schieck sichtlich widerstrebend und dabei unaufhörlich über die schlechten Lichtverhältnisse zwischen den halbwüchsigen Kiefern räsonierend.
Dass man dem eine echte Leica anvertraut hatte, bewunderte Eddie. Er wusste, was die Kamera auf dem schwarzen Markt wert war. Dabei fiel ihm Roswithas beiläufige Frage nach einem zuverlässigen Fotografen ein. Wofür sie den brauchte, hatte sie nicht näher erläutert, nur etwas von alten Negativen angedeutet. Jedenfalls schien ihm der besserwisserische Kollege Schieck keine zweckmäßige Wahl, was immer Roswitha im Schilde führen mochte. Sie weihte ihn nur gelegentlich in ihre Pläne ein und sagte für gewöhnlich: «Bei deinem Beruf ist es besser, du weißt nicht zu viel!» Also fragte er nicht, vermied es aber im Gegenzug, Einzelheiten aus dem Betrugsdezernat zu erzählen, nach denen sie sich erkundigte.
Dass er nun bei der Mordkommission gelandet war und gleich am ersten Tag einer übelriechenden Frauenleiche begegnen würde, hatten weder er noch Roswitha am gestrigen Abend geahnt. Angesichts des atemberaubenden Gestanks bereute Eddie seine eifrige Zustimmung zu der morgendlichen Versetzung. Ihm fiel nichts anderes ein, als sich eine Zigarette anzuzünden und sich damit Kappes ersten scharfen Rüffel einzuhandeln: «Wir befinden uns hier an einem Tatort, Verehrtester, zumindest an einem Auffindungsort! Da kommt es auf die kleinste vorhandene Spur an. Ihre Kippe kann das ganze Tatortprofil verderben!»
Eddie drückte erschrocken den Glimmstängel aus und verbrannte sich die Finger.
Schieck sah ihn von unten her schief an und sagte hämisch: «Vielleicht will er ja als Frauenmörder entlarvt werden …»
Eddie bückte sich nach dem Streichholz. Kappe knurrte etwas Unverständliches und beugte sich noch einmal über die Leiche. So dicht, dass Eddie beim bloßen Anblick übel wurde. Die Frau glich eher einem grausigen Kleiderbündel als einem Menschen.
«Machen Sie noch ein paar Aufnahmen von der Halspartie!», forderte Kappe den Fotografen auf. «Sie gucken sich das auch mal an, Holtefret! Sieht ganz nach Würgemalen aus.»
Eddie hatte in seinem Leben etliche tote Soldaten gesehen. Zum Glück zumeist aus der Ferne. Auch im Gefangenenlager hatte es Tote gegeben. Der Dolmetsch Eddie gehörte nicht zum Begräbniskommando. Jetzt aber zwang ihn die Pflicht oder vielmehr dieser abgebrühte alte Knochen Kappe dazu, neben dem Schützenloch in die Hocke zu gehen und auf die schwärzlich verfärbten Hautpartien zu blicken, die einmal der Hals einer möglicherweise hübschen jungen Frau gewesen waren. Er versuchte, die Luft anzuhalten, säuerlich stieg es ihm in die Kehle. «So sieht das also aus …», krächzte er und schaffte es nicht mehr aufzustehen, bevor sich sein dürftiger Mageninhalt über die Tote ergoss.
VIER
ALMA UMBREIT hatte Kuchen gebacken. Vor zwei Tagen schon, aber das machte nichts. Der einzigen Art von Kuchen, die man in diesen Zeiten backen konnte, machten ein paar Tage Lagerung mehr oder weniger nichts aus. «Kaffeegrund altert nicht», meinte auch die Nachbarin, von der das Rezept für die Kaffeetorte stammte, die zum größten Teil aus Kaffee-Ersatz bestand. Hinzugefügt hatte Alma sehr wenig Mehl und Grieß, kaum Fett und ein bisschen von dem braunen Zeug, das es im Vormonat auf die Zuckermarken gegeben hatte.
Es war so eine Sache mit der alliierten Versorgung, die vierteljährlich wechselte. Bei den Russen gab es Schwarzbrot und Kartoffeln, die Amerikaner lieferten duftendes Weißbrot, das nicht sättigte, und gelben Maisgrieß, dazu Trockenkartoffeln, die hart wie Bonbons waren oder nur einen mehligen Brei ergaben. Die eimerhohen französischen Kartoffelkonserven schmeckten abscheulich. Aber was es auch gab, satt wurde man nie. Schon gar nicht, wenn man wie Alma Umbreit die Karte V für Sonstige bezog. Zum Sterben eine Spur zu viel, zum Leben viel zu wenig.
Und doch hatte sie sich die Zutaten für die Kaffeetorte vom Munde abgespart, und in der Speisekammer wartete die Leberwurst im Napf darauf, endlich aufs klitschige Brot geschmiert zu werden. Natürlich keine echte Leberwurst, an deren Geschmack sich Alma Umbreit erinnerte. Nur ein Gemisch aus Mehl und Majoran mit allerhand anderen Zutaten, die ein Wurstaroma vortäuschten. Auch dies war ein Rezept der findigen Nachbarin, ohne deren Hilfe und gute Ratschläge sie vielleicht nicht mehr am Leben gewesen wäre. Alma war 63 Jahre alt und wohnte seit über zwanzig Jahren in Neukölln, Prinz-Handjery-Straße, Vorderhaus drei Treppen hoch, zwei Zimmer und Küche mit Bad, was schon beinahe als Luxus gelten musste.
Bis vor zwei Jahren war der Blick aus ihrem stets blitzblank geputzten Küchenfenster in den verwinkelten Hof des benachbarten Eckhauses gefallen. Als Alma sich an einem frühen Junimorgen nach dem gewohnten Bombenangriff aus dem Luftschutzkeller hinaufgequält hatte und ihre zentimeterdick mit Staub bedeckte Küche betrat, hielt sie den Lichtschein, der durch das zerborstene Fenster fiel, zunächst für den Widerschein der Brände ringsum. Doch dann erkannte sie, dass es sich um ein Ereignis handelte, das sie als Großstädterin kaum je in ihrem Leben beobachtet hatte. Das nahe Eckhaus war zu einem qualmenden Trümmerhaufen zusammengesunken. Almas Blick reichte daher plötzlich bis weit über den alten Friedhof und die Baumwipfel hinweg, hinter denen die Sonne aufging. Ihr blieb wenig Zeit, die neue Aussicht aus Küche und Schlafzimmer zu genießen. Dafür sorgten die Papptafeln, welche die Fensterscheiben bald ersetzten. Nur an schönen Tagen standen alle Fenster weit offen – so wie heute, obwohl es ein eher kühler Septembertag war. Alma fror ein wenig. Mit Schrecken dachte sie an den nahenden Winter und an die spärlichen Kohlevorräte in ihrem Keller, den sie nun auch noch mit diesen schrecklichen Leuten teilen musste, die man ihr in das schöne Vorderzimmer gesetzt hatte. Was sollte das werden?
Doch sofort brach sich ihr angeborener Optimismus Bahn: Alles würde sich wie von selbst lösen, wenn der Junge wieder da war. Heute musste er kommen, das spürte sie einfach. Immer wieder trat sie ans Küchenfenster und blickte über die Trümmer weg hinunter auf die Straße, soweit die sich überblicken ließ. Dabei konnte sie nicht einmal sicher sein, aus welcher Richtung er kommen würde. Aber wenn, dann gab es keinen Zweifel, dass sie ihn erkannte.
Drei lange Jahre hatte sie ihn nicht gesehen. Die Gewissheit, dass er überlebt hatte, war nie in ihr erloschen. Sie war ein gläubiger Mensch, und die Annahme, der Herr im Himmel könne eine ganze Familie zugrunde richten und nur sie, das letzte unfruchtbare Glied, übrig lassen, schien ihr unvorstellbar. Als daher vor einigen Tagen die Nachbarin, die es sich leistete, eine Tageszeitung zu abonnieren, ganz aufgeregt bei ihr geklingelt und ihr in dieser Zeitung den Namen Heinz Umbreit schwarz auf weiß gezeigt hatte, war eine Zentnerlast von ihrer Seele gefallen. Wirklich überrascht hatte es sie nicht, ihren Heinz unter den in den nächsten Tagen aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft Heimkehrenden zu finden. Angeblich hatten die Russen schon an die hunderttausend entlassen, und täglich kamen vier- bis fünftausend hinzu. Einmal war sie sogar voller Hoffnung zu einem Heimkehrerlager ganz in der Nähe von der Wohnung dieser Irmgard gefahren, hatte aber nichts erfahren oder ausrichten können. Nun also stand es sogar in der Zeitung!
Heinz war ihr Patenkind, der einzige und wohlgeratene Sohn ihres Bruders Karl. Der war im Sommer 1944 zusammen mit seiner Frau Emmi unter den Trümmern eines Wohnblocks in der Annenstraße umgekommen. Und Heinz’ junge Frau Irmgard lebte vermutlich ebenfalls nicht mehr. Anstelle des Hauses am Lichtenberger Polizeipräsidium in der Alfredstraße, in dem diese Irmgard möbliert gewohnt hatte, erhob sich nur noch eine Brandruine. Niemand wusste, was aus den Bewohnern geworden war.
Alma hatte denn auch keine weitere Mühe aufgewandt, nach Irmgard zu suchen. Das war sowieso keine passende Frau für ihren Heinz gewesen, zu albern und leichtfertig und außerdem viel zu schnippisch einer alten Frau gegenüber, die wahrhaftig Besseres verdient hatte. Geschminkt und die Haare gefärbt, von solchen Frauen hielt Alma nun einmal nichts. Ihr Heinz würde leicht eine andere finden, so gut, wie er aussah, und so gebildet, wie er war. Außenhandelskaufmann hatte er gelernt, und nur der schreckliche Krieg hatte verhindert, dass ein tüchtiger Geschäftsmann aus ihm geworden war.
Jetzt würde er einen neuen Anfang finden und zeigen, was er konnte. In der Zeitung der Nachbarin stand alle Tage, dass es aufwärtsging, und wenn sie selbst auch nichts davon spürte – der Junge würde seine Chancen zu nutzen wissen! Wohnen konnte er bei ihr. Bis sie gemeinsam die fremden Eindringlinge aus ihrem einstigen Wohnzimmer vertrieben hatten, würde sie ihm ihre Stube überlassen und selber auf dem roten Plüschsofa in der Küche schlafen. Ein Grund mehr, die Fremden möglichst gar nicht mehr in die Küche zu lassen. War schon schlimm genug, dass man mit solchen Leuten die Toilette teilen musste. Fehlte bloß noch, dass die in ihrer Wanne baden wollten! In den nächsten Tagen würden die wohl ihre Laube, in der sie im Sommer hausten, verlassen und hier auftauchen.
Sobald Heinz da war, musste sie mit ihm das Sofa in die Küche tragen. Zusammen mit der stets hilfsbereiten Nachbarin hatte sie es nicht geschafft. Schon vor ihrem nächtlichen Unfall auf der Treppe hinunter in den Luftschutzkeller war sie nie besonders kräftig gewesen, hatte für die schweren Arbeiten oft Hilfe gebraucht. Seit dem schrecklichen Selbstmord der Eltern in den Inflationstagen war der Bruder Karl immer für sie da gewesen. Später war es dann der heranwachsende Heinz, ein lieber Junge, der ihr jeden Wunsch von den Augen ablas.
Sehnsuchtsvoll stand sie am offenen Fenster und starrte hinaus. Kein Heinz weit und breit. Nur ein alter Mann, der eine dieser zweirädrigen Karren schob, mit denen auch die Untermieter alles transportierten. Alma besaß nur einen einfachen Bollerwagen, aber der war kaputt. Heinz mit seinen geschickten Fingern würde ihn reparieren. Wenn der Junge nur erst da wäre …
Vielleicht ging er ja zuerst in die Alfredstraße und fand dort die Ruine vor. Dann blieb ihm gar nichts anderes übrig, als sich auf den Weg zu ihr zu machen. Wo seine Tante Alma wohnte, hatte er gewiss nicht vergessen. Die U-Bahn fuhr von Lichtenberg wieder bis zum Alex und von dort zur Leinestraße. Oder er nahm die S-Bahn …
Und dann setzte für einen Augenblick ihr Herzschlag aus. Es klingelte! Zwar lang und kräftig, nicht zweimal kurz, wie sie es von Heinz gewöhnt war – dennoch! Der Junge durfte ja so klingeln, wie er wollte!
«Ja!», schrie sie, so laut sie konnte, und hatte die Küchentür schon aufgerissen, hinkte in den Korridor und kriegte vor Aufregung kaum die Sperrkette aus der Halterung. «Ja, ja!», sagte sie noch einmal, und dann war die Tür endlich offen, und im schummrigen Licht des Treppenhauses stand ein Landser in seiner lumpigen Kluft vor ihr, die Schirmmütze beinahe demütig in der Hand.
«Fräulein Umbreit?», fragte er, und ihr Herz tat einen weiteren schmerzhaften Sprung, denn das war nicht ihr Heinz, der da vor ihr das spärliche Licht verdunkelte. Das war nicht die vertraute, die ersehnte Stimme. Es handelte sich um einen gänzlich Fremden, dessen Gesicht sie nicht einmal zu erkennen vermochte.
Und sie hatte ihm, gegen alle Gewohnheit, bereitwillig die Tür geöffnet und stand ihm nun hilflos gegenüber. Dass sie Umbreit hieß, war über der Klingel zu lesen, das gehörte zu den Tricks solcher Kerle! Hatte sie nicht gerade erst in der Zeitung etwas über die falschen Grußbesteller, eine Seuche der Nachkriegszeit, gelesen? Die zogen umher, bestellten Grüße vermisster Angehöriger, denen es in Lagern angeblich schlechtging, kassierten Geld oder Lebensmittel oder quartierten sich gar für einige Tage bei den Gutgläubigen ein, um sie dann auszuplündern. Stand so einer vor ihr?
Der Mann redete ruhig und besonnen auf sie ein. Die Stimme klang nicht unangenehm. Und er hatte sie als Fräulein Umbreit angesprochen. Er wusste also, mit wem er es zu tun hatte. Für einen Augenblick fühlte sie sich beruhigt, bevor neues Misstrauen in ihr aufflammte. Wo überall im Haus hatte der bereits geklingelt? Irgendeine gedankenlose oder bösartige Person mochte ihm gesagt haben: «Versuchen Sie es mal bei Fräulein Umbreit. Die wartet schon lange auf ihren Neffen …»
Und richtig, während sie ihn von unten her anstarrte und ihm gar nicht richtig zuhörte, weil ihr so viel gleichzeitig durch den Kopf schoss, fiel Heinz’ Namen. «Sie sind doch seine Tante. Hält er sich nicht bei Ihnen auf?»
«Wie kommen Sie denn darauf?» Es klang viel patziger als beabsichtigt, und es tat ihr im selben Augenblick leid.
Der Mann wich einen halben Schritt zurück. Jetzt sah sie ihn im Profil. Ein scharf geschnittenes Jungengesicht mit einer markanten Nase und tiefliegenden Augen unter einem dicken Kopfverband. Ein bisschen unheimlich, aber keine Verbrechervisage. Nur, was wollte das schon sagen, in solchen Zeiten?
«Er hat oft von Ihnen gesprochen», sagte der junge Mann beinahe entschuldigend. «Deshalb hat er mir die Adresse gegeben, falls ich ihn nicht in der Alfredstraße antreffe.»
Alma horchte auf. Von Heinz’ Frau in der Alfredstraße wussten nicht allzu viele Leute. Heinz hatte eigentlich nur während seiner letzten kurzen Urlaubsaufenthalte in Berlin bei der gewohnt. Anfangs, in Holland, war es ihm noch gutgegangen, und er durfte ein paarmal nach Berlin reisen. Eine wundervolle Strickjacke hatte er Alma mitgebracht, reine Schafwolle und Gold wert im Winter. Heinz hatte bei einem solchen Kurzurlaub dann diese Irmgard kennengelernt und beim nächsten gleich geheiratet, der dumme Junge. Gegen ihren Rat natürlich, aber mit Karls ausdrücklicher Zustimmung. Männer eben.
Männer waren Alma zeitlebens ein wenig unheimlich geblieben, von Karl und Heinz einmal abgesehen. Sie fühlte sich unter Frauen wohl – wie in dem Büro, in dem sie viele Jahre gearbeitet hatte. Dort hatte sie nur Bojar gefürchtet, den unerbittlichen Chef, dem sie ein Gutteil ihres Unglücks verdankte. Hatte der nicht alle gezwungen, in die Partei einzutreten? Gewiss, keine der Frauen setzte dem etwas entgegen. Alle bewunderten den Führer. Auch Alma. Ihr Beitrag für die Winterhilfe war immer der höchste gewesen. Dann kam der Krieg, und all das schreckliche Unglück begann, die Bomben, die Ruinen, die Toten, die Soldaten, die irgendwo in der Fremde fielen. Und ihr Heinz mitten unter ihnen!
«Unsere Mauern brechen, unsere Herzen nicht», hatte es zum Schluss geheißen. Da war Almas Herz längst gebrochen. Für den Führer schlug es jedenfalls nicht mehr, nachdem Karl und Emmi auf so furchtbare Weise ums Leben gekommen waren und von Heinz jede Nachricht fehlte.
Irgendwer im Haus musste sie dennoch als Pg., als Parteigenosse also, denunziert haben. Seit einer Woche lag die Vorladung in der Schale auf dem Vertiko. Entnazifizierungskommission – wie sich das schon anhörte! Wer wollte da den Stab über sie, eine alte, gehbehinderte Frau, brechen? Eine Horde von Männern sicherlich, alles vorbildliche Antifaschisten. Wo die wohl alle den Krieg verbracht hatten? Wahrscheinlich würden sie versuchen, sie als Trümmerfrau zwangszuverpflichten. Das hatte sie schon von anderen Frauen gehört. Davor schützte sie glücklicherweise ihr lahmes Bein.
Jetzt aber stand erst mal dieser verdächtige Landser vor ihr im Treppenflur. «Was wollen Sie denn eigentlich?», fuhr sie ihn an und schielte gleich erschrocken zur Nachbarwohnung. Von da war keine Hilfe zu erwarten. Die Nachbarin war zur Markthalle gegangen. Wenn es dort etwas gab, konnte es Stunden dauern.
«Ich wollte mit Heinz reden», sagte der Landser. Es klang müde. «Das hatten wir so verabredet vor unserer Entlassung. Er weiß ja in Berlin viel besser Bescheid …»
Der junge Mensch machte einen ziemlich erschöpften Eindruck. War er tatsächlich mit Heinz zusammen entlassen worden? «Was wissen Sie denn sonst noch von Heinz?», fragte Alma, immerhin um einige Grade freundlicher.
Er winkte ab. «Wir sind beide halbe Invaliden», sagte er müde. «Ihn hat’s im Rücken und an der Hüfte erwischt und mich am Kopf.» Er wies auf den schmutzigen Verband.
«Das meine ich nicht. Hat er Ihnen sonst nichts von seiner Familie erzählt?»
Der Mann schien sie nicht gleich zu verstehen. Schließlich sagte er zögernd: «Seine Frau heißt Irmgard. Und die Eltern hießen Karl und Emmi. Sie sind in der Annenstraße umgekommen …»
Alma atmete auf. Das konnte er nur von Heinz wissen. Wenn er ihr hätte etwas antun wollen, war dazu ausreichend Gelegenheit gewesen. «Kommen Sie rein!», sagte sie kurz entschlossen. Die Nachbarin würde ihr die Hölle heiß machen wegen dieser Unvorsichtigkeit. Das war jetzt egal. Der Mann wusste etwas über ihren Heinz. Nur darauf kam es an.
In der Küche stand der Kuchen auf dem Tisch, und sein hungriger Blick entging ihr nicht. «Ich habe mich nicht einmal vorgestellt», sagte er. Er war größer als Heinz und wahrscheinlich älter. «Werner Böhnisch.» Er streckte seine Hand aus, die sie zögernd ergriff. «Aus Gartz an der Oder. Aber da liegt alles in Trümmern …» Er war unrasiert und roch streng.
Sie bot ihm einen Stuhl an.
Er sank darauf nieder, als hätte er seit Wochen nicht mehr gesessen. «Hat Heinz meinen Namen nicht erwähnt?», fragte er. «Wann kommt er denn zurück?»
«Das frage ich Sie!», entgegnete Alma, und die Tränen traten ihr in die Augen. «Hier hat er sich jedenfalls noch nicht gemeldet.» Sie baute sich mit einigen Schritten Abstand vor ihm auf und musterte ihn erwartungsvoll. «Ich denke, Sie sind zusammen entlassen worden?»
Er schüttelte den Kopf. Seine blonden Haare über dem schmutzigen Verband sahen ungewaschen und strähnig aus. Hoffentlich hatte der keine Läuse!
«Nicht direkt», sagte er. «Wir sind nur bis Frankfurt/Oder zusammen gewesen. Er müsste eigentlich schon vor zwei, drei Tagen entlassen worden sein.»
Alma nickte. So lange erwartete sie ihn ja. Ihr fiel etwas ein. «Aber Sie heißen Böhnisch mit B, und er heißt Umbreit mit U.»
Wieder schüttelte Böhnisch den Kopf. «Bei den Russen geht es nicht nach dem Alphabet», sagte er. «Die haben ihr eigenes System. Wer mit dem Hintern nicht mehr hochkommt, den entlassen sie. Die anderen …», er machte eine ungewisse Handbewegung, «… ab nach Sibirien.»
Alma schauderte es. «Sie meinen, dass die Heinz noch in letzter Minute …»
«Das glaube ich eigentlich nicht. Er hatte alle Papiere und hat sich von mir verabschiedet. ‹Wiedersehen in Berlin›, hat er gesagt. ‹Vergiss die Adressen nicht!›» Er blickte Alma, deren zerfurchtes Gesicht sich auf gleicher Höhe mit dem seinen befand, ungläubig an. «Und nun sagen Sie, er ist hier noch gar nicht aufgetaucht?»
Alma nickte beklommen. Das hatte sie insgeheim die ganze Zeit befürchtet, dass alles nur Propaganda war und gar nicht alle entlassen wurden, deren Namen in der Zeitung standen. Vielleicht hatte Heinz gutgläubig ihren Namen genannt und ihre Adresse, und sie hatten herausgefunden, dass sie demnächst vor diese Kommission musste, und hielten ihn deshalb zurück. Aber das konnte sie diesem Böhnisch nicht erzählen, wer weiß, was das für einer war. Zwölf Jahre lang hatten die Leute Angst davor gehabt, denunziert zu werden, und nun war alles noch genauso schlimm …
Ach was! Entschlossen ging sie zum Gaskocher und griff nach dem Kessel. «Ich brühe Ihnen wenigstens einen Kaffee auf», sagte sie. «Was anderes kann ich Ihnen nicht anbieten.»
Mit seinem Blick verschlang er den Kuchen.
«Den habe ich für Heinz gebacken», sagte Alma widerstrebend, bevor sie das Schubfach aufzog, um ein Messer herauszunehmen.
FÜNF
«WANN sind die Fotos fertig?», wollte Kappe wissen.
Schieck hob die Schultern. «Erst muss mal der Film entwickelt werden und trocknen. Vor morgen Mittag ist da nichts zu machen.»
Mit Mühe hatten sie sich in Buch in die S-Bahn gedrängt, die jetzt in den Bahnhof Gesundbrunnen einfuhr, wo viele umstiegen.
«Morgen Mittag?», erkundigte sich Kappe, als hätte er sich verhört. «Früher hatte ich so was nach zwei Stunden auf dem Tisch!» Er wusste, dass er mit dieser Bemerkung Schiecks Zorn erregte.
«Ja, ja, ihr hattet ein sagenhaftes Auto und studierte Techniker, und alles war überhaupt viel besser!», keifte der Fotograf ärgerlich und gleichwohl bemüht, nicht alle dicht um sie Gedrängten über ihren Gesprächsgegenstand aufzuklären. Dennoch konnte er sich nicht zurückhalten, leise und scharf hinzuzufügen: «Und alle waren bei der SS!»
«Die meisten», entgegnete Kappe ruhig. Er hatte genug davon, dass dieser Oberpimpf ihn ewig anstänkerte. Im Grunde war es gleichgültig, wann die Fotos vorlagen. Ein paar Stunden mehr oder weniger machten in dem Fall kaum etwas aus. Und ob die Frau sich damit identifizieren ließ, stand in den Sternen.
«Bringst du mir das mit dem Filmentwickeln bei?» Das war Holtefret, dem Schieck in der Hoffnung auf einen potenziellen jungen Genossen und damit auf einen Verbündeten gegen Kappe gleich das Du angeboten hatte.
Udo Schieck tat sich wichtig, lehnte aber nicht ab. «Kommt alles auf die Qualität der Chemikalien und die richtige Temperatur an», klärte er den künftigen Lehrling auf. «Da braucht man viel Fingerspitzengefühl.»
Eddie Holtefret nickte zufrieden. Als Junge hatte er eine Agfa-Box sein Eigen genannt und damit manchen, wie er jedenfalls fand, schönen Schnappschuss gemacht. Aber es dauerte, bis man die Bilder endlich in der Hand hielt, und es kostete. Wenn dieser Udo ihm das Entwickeln und das Vergrößern beibrachte, konnte er damit vor Roswitha glänzen, und sie brauchte nicht länger nach einem zuverlässigen Fotografen zu suchen. Vielleicht hatte die Mordkommission, abgesehen vom Leichengeruch, doch ihr Gutes.
In der Linienstraße verschwanden die beiden Fotokünstler in der ehemaligen Damentoilette, die Schieck sich als Dunkelkammer gesichert hatte und zu der nur er einen Schlüssel besaß.
Kappe wusch sich in der Herrentoilette die Hände und kehrte an sein Schreibmöbel zurück. Alles schien unverändert, nur der Stuhl fehlte. Wortlos, doch voller Ingrimm griff Kappe Schiecks Hocker und ließ sich darauf nieder. In einer Stunde war Feierabend. Er war noch nicht mal dazu gekommen, seine mittägliche Scheibe Brot zu essen. Dass ihm der Magen knurrte, darauf achtete er schon gar nicht mehr. Er trank einen Schluck von Klaras lauer Kaffeeplörre und verzog angewidert das Gesicht. Mein Gott, was man sich alles freiwillig antat!
Während er sich bemühte, das Brot möglichst langsam und sorgfältig zu kauen, sichtete er seine Notizen über die aufgefundene Leiche, die inzwischen hoffentlich bei den Gerichtsmedizinern gelandet war. Vielleicht fanden die etwas Brauchbares heraus. Seine eigenen Erkenntnisse lohnten kaum das Aufschreiben:
Nach anonym eingegangenem Anruf beim Polizeirevier in Buch Auffinden einer unbekannten weiblichen Leiche unbekannter Herkunft und unbekannten Alters. Todeszeitpunkt und -ursache ungewiss. Verwertbare Spuren: bisher keine.
Jemand hatte ihm ein Blatt auf den Schreibtisch gelegt, eine Pressenotiz, die der Polizeipräsident herauszugeben gedachte: Rückgang der Morde in Berlin.
Die Zahl war im August 1946 erstaunlicherweise tatsächlich auf 11 gegenüber 24 im Juni und 14 im Juli gesunken. Sogar die Selbstmorde hatten sich von 175 auf 133 vermindert, und nur 99 Verkehrstote standen 177 aus dem Juni gegenüber.
Woran das wohl lag? Im Gegensatz zu seinem Präsidenten gab Kappe sich da keiner Illusion hin. Elf Morde in einem Monat waren wahrlich noch immer genug, und täglich mehr als drei Tote auf den Straßen reichten bei dem bescheidenen Verkehrsaufkommen allemal. Für einen Augenblick dachte er an den Potsdamer Platz, wie er ihn einst gekannt hatte. War das länger als ein Menschenleben her? Würde nicht ein weiteres Menschenleben vergehen, bis der Verkehr dort wieder so rege floss wie einst?
Ohne anzuklopfen, betrat jemand den Raum. Irritiert blickte Kappe auf, er vermochte das Gesicht des Mannes jedoch in dem schlechten Licht nicht genau zu erkennen. Ein großer und in besseren Zeiten sicherlich kräftiger junger Mann jedenfalls, gekleidet in der bunten Tracht der Zeit: umgefärbte Uniformteile und darüber eine Art Joppe mit kariertem Muster, aus einer Decke vermutlich. Der Mann sagte: «Guten Tag! Bin ich hier richtig bei Kriminalinspektor Kappe?»
Kappe schoss das Blut zum Herzen. Für einen Augenblick glaubte er, ohnmächtig von Schiecks Hocker zu sinken. Die Stimme! Unter Tausenden hätte er sie erkannt. Und den Mann natürlich auch. Kappe stützte sich auf die Tischplatte und stand auf. «Hartmut!», entfuhr es ihm dumpf, und er schämte sich der Tränen nicht, die ihm nun in den Augen standen. Unbeholfen trat er auf seinen ältesten Sohn zu und umarmte ihn. Das war seit mindestens zehn, zwölf Jahren nicht mehr vorgekommen. Aber die Rührung durfte einen wohl übermannen, wenn der Kronprinz der Familie so plötzlich und unerwartet und noch dazu ohne erkennbare äußerliche Schäden vor einem stand.
Hartmut, einen halben Kopf größer als sein Vater, klopfte ihm mit der Handfläche auf den Rücken. «Ist ja schon gut», sagte er. «Ich bin wieder da.»
«Warst du schon zu Hause bei Mama?»
Hartmut schüttelte den Kopf. «Bin ja gerade erst angekommen», sagte er.
Kappe zog seinen Sohn näher zur Fensterluke und betrachtete ihn eingehend. Der Junge sah nicht einmal schlecht aus. «Wie hast du mich denn so schnell gefunden?»
Hartmut lachte. «Wo das Polizeipräsidium ist, habe ich mühelos erfahren …»
«Aber ich hätte ja auch …» Kappe ließ den Satz unvollendet.
Hartmut verstand dennoch. «Da hättest du dich aber sehr ändern müssen», sagte er. «Was sollten sie denn sonst mit so ’nem alten Mordkommissar wie dir anfangen?»
Kappe blieb ernst. «Hast du ’ne Ahnung! Hier sind schon ganz andere Leute verlorengegangen.»
«Na ja, das große Aufräumen ist wohl nötig», befand Hartmut leichthin. «Man hört ja, dass überall noch die Braunen drinstecken und ihre Köpfe recken.»
Kappe fragte nicht, wo der Sohn das gehört hatte, wenn er doch eben erst in Berlin eingetroffen war. Und was hieß «die Braunen»? War Hartmut nicht selber als begeisterter HJ-ler zu den Fliegern eingerückt? Hatte er als sein Vater nicht oft genug mit dem Jungen über die politischen und strategischen Fehler des größten Führers aller Zeiten gestritten, und hatte Hartmut ihn nicht seiner gefährlichen Ansichten wegen verwarnt?
Nun ja, die Zeiten hatten sich geändert, und Hartmut auch. Die Russen vollbrachten ja wahre Wunder der Umerziehung, wie Schieck oder der Polizeipräsident Markgraf bewiesen. Oder der Generalfeldmarschall Paulus, den sie im Februar vor dem Nürnberger Tribunal präsentiert hatten.
«Hast du schon eine Unterkunft?», erkundigte sich Kappe. Mit leichtem Schrecken dachte er daran, was für neue Probleme auf sie zukamen.
Hartmut jedoch winkte ab. «Mach dir keine Sorgen! Dafür ist gesorgt.»
Kappe konnte es noch immer kaum glauben. Immer wieder schüttelte er den Kopf. «Mein Gott, was wird deine Mutter sagen!»
«Ich hoffe, es geht ihr einigermaßen gut.»
«Na, du wirst sie ja nachher sehen. Das gibt ja ein richtiges Familienfest, wenn wir beide nach Hause kommen!»
«Karl-Heinz ist bei euch?»
Kappe nickte bedrückt. «Dein kleiner Bruder macht uns Sorgen», sagte er. «Aber damit will ich dich jetzt nicht behelligen. Wir haben ja noch den ganzen Nachhauseweg und den Abend miteinander.»
«Aber sonst kommt ihr zurecht?»
«Was bleibt uns anderes übrig? Verhungert sind wir jedenfalls noch nicht. Und irgendwas werden wir heute Abend auch zu deinem Empfang auf den Tisch bringen!»
«Ich fürchte, daraus wird nichts. Heute Abend hab ich leider etwas anderes vor. Grüß Mama erst mal von mir! Wir sehen uns am Wochenende.»
Was war das nun wieder? Befremdet blickte Kappe seinen Ältesten an. Was gab es Wichtigeres für den als die Familie? Dann begriff er. «Du triffst dich mit einer Frau», sagte er verständnisvoll. «Da muss Mama erst mal zurückstehen. Sie wird es nur nicht einsehen.»
Hartmuts nüchterne Antwort, im Augenblick gäbe es wichtigere Dinge als Frauen, überraschte Kappe. Was war mit dem Jungen los? Kam nach langen Jahren direkt aus der Kriegsgefangenschaft und spielte den Abgeklärten. «Hast du dich schon nach Arbeit umgeguckt?», wollte Kappe wissen.
Ein leichtes Grienen überzog Hartmuts Gesicht. «Deswegen bin ich ja hier», sagte er. «Sonst hätte ich dich kaum so schnell gefunden.»
Wieder dauerte es einen Augenblick, bis Kappe verstand. «Du willst zur Polizei?», fragte er ungläubig.
Hartmuts Antwort war nicht geeignet, seine Verwunderung zu mildern. «So ist es vorgesehen …»
Kappe stellte keine weitere Frage. Wenn etwas «so vorgesehen» war, dann kam es von ganz oben und blieb unwidersprochen. «Dann darf ich dich möglicherweise künftig zu meinen Chefs zählen», vermutete Kappe, bemüht, es nicht wie eine Frage klingen zu lassen.
«Ich glaube nicht», beruhigte ihn der Sohn. «Ich soll vorerst irgendwo aufs Revier.»
Im britischen oder amerikanischen Sektor, dachte Kappe, ohne es auszusprechen. Das war die übliche Taktik der Russen, ihre Leute als Ersatz für die Kommunisten unterzubringen, die von den Westalliierten entlassen worden waren. «Na gut, Herr Kollege in spe», sagte Kappe, und eine Spur von Bitterkeit klang in seiner Stimme mit. «Das sind ja eine ganze Menge Überraschungen auf einen Haufen. Nur wie ich deiner Mutter beibringen soll, dass du sie erst in ein paar Tagen sehen willst, weiß ich noch nicht.»
Kappes Ton brachte Hartmut doch ein wenig in Verlegenheit. «Wenn ich es schaffe, komme ich morgen Abend bei euch vorbei. Ich habe wirklich eine Menge um die Ohren, bis alle Papiere fertig sind …»
Kappe klopfte ihm auf die Schulter. «Tu Mama den Gefallen!», bat er väterlich. «Hast du überhaupt unsere Adresse?»
Hartmut nickte. «Die hat man mir schon gegeben.» Er drückte seinen Vater noch einmal an sich und verließ eilig den Raum.
Ein seltsamer Duft blieb zurück. Machorka, wie Kappe erkannte. Schwerfällig ließ er sich wieder hinter seinem Schreibtisch nieder. Was für ein unwahrscheinliches Glück: Beide Söhne hatten den Krieg überlebt. Und doch konnte Kappe nicht leugnen, so etwas wie Unzufriedenheit zu verspüren. Das mit Karl-Heinz ließ sich vielleicht noch hinbiegen, wenn die Zeiten erst wieder normaler waren. Bezüglich Hartmuts Wandlung war er da weniger zuversichtlich.
Kurz darauf betrat der Neue den Raum. «Kann ich noch irgendwas tun?», fragte er. Besonders unternehmungslustig klang es nicht.
Kappe blickte ihn melancholisch an. «Ist was drauf auf dem Film?», lautete seine Gegenfrage. Er misstraute Schiecks Fähigkeiten. Der hatte unlängst einen Film versaut und behauptet, es habe am Entwickler gelegen.
«Soweit ich das beurteilen kann, ist was zu erkennen. Muss aber erst trocknen.»
«Dann soll Schieck meinetwegen einen Fön nehmen!»»
Der Neue blickte ihn erstaunt an. «Der ist schon weg. Er musste ganz eilig zu einer Versammlung. Hat er Ihnen das nicht gesagt?»
Kappe griente bissig. «Da hat er dich nicht gleich mitgenommen?» Das Du floss ihm sonst nicht so leicht über die Lippen, aber bei dem Milchgesicht kam es wirklich nicht darauf an.
«In welcher Partei ist er denn?», erkundigte sich Holtefret.
Kappe hätte jetzt sagen können: In derselben, zu der mein ältester Sohn mit einiger Gewissheit bald gehören wird. Doch er hielt sich zurück. «Na rate mal!», sagte er. «Für Schieck gibt’s nur eine, und wenn es nach ihm ginge, wären wir alle längst seine Genossen.»
Holtefret hob die Schultern und sagte: «Ich mach mir nicht viel aus Politik.»
SECHS
ALFRED KNISPEL hatte den Russlandfeldzug als Kriegsversehrter und mit einem Dutzend Granatsplitter in verschiedenen Teilen seines ausgemergelten Körpers überstanden. Er besaß nur noch einen Arm und war dennoch ein fröhlicher Mensch geblieben. «Sie haben mich bei Welikije Luki nicht umgebracht, da werde ich wohl das bisschen Nachkrieg überstehen», lautete seine durch nichts zu erschütternde Devise, der seine Frau Martha kaum etwas abgewinnen wollte. Die Tochter Sonja dagegen teilte den Optimismus des Vaters und war mit dem Leben nicht unzufrieden. Immerhin bewohnte sie in der Knispel’schen Wohnung in der Petersburger Straße eine eigene schmale Kammer und verdiente selbst ihr Geld. Die Knispels waren mancherlei Entbehrungen gewohnt. Bei ihnen war es immer bescheiden zugegangen. Erst 1936 hatte Alfred nach fünf Jahren Arbeitslosigkeit eine schlechtbezahlte Anstellung in seinem Beruf als Polsterer gefunden, die ihn nicht davor bewahrte, 1942 zuerst nach Jugoslawien und dann gen Osten geschickt zu werden.
Bei Licht besehen war Alfred Knispel ein alter Sozialdemokrat. Jedenfalls hatte er bis 1933 SPD gewählt. Das beabsichtigte er auch bei der bevorstehenden Wahl zu tun, was man an seiner Arbeitsstelle gewiss nicht gerne sah, wo neuerdings nur noch von der SED als künftigem Heilbringer die Rede war. Alfred Knispel arbeitete nämlich beim Berliner Rundfunk. Zuerst hatte sich die neunzehnjährige Sonja in der Masurenallee erfolgreich als technische Assistentin beworben, und dann war Alfred dort bei der Hauskontrolle eingestellt worden – eine Tätigkeit, die ein Einarmiger gut ausüben konnte, wenn er wachsam war und Passierscheine auszufüllen verstand. Alfred schrieb mit seiner Linken besser als mancher Redakteur mit rechts. Das war einer der Scherze von Sonja, die beständig mit dieser sich ungeheuer wichtig gebärdenden Berufsgruppe zu tun und sich gegen ihre dreisten Annäherungsversuche zur Wehr zu setzen hatte. Sie hielt von den meisten nicht viel und machte daraus kein Hehl. Zuerst musste sie das Cuttern erlernen, was das Schneiden und Kleben von Tonbändern bedeutete und «Köttern» ausgesprochen wurde. Inzwischen aber war sie aufgestiegen und durfte die Folien, Schallplatten und Bänder für die Sendungen des Berliner Rundfunks auflegen und abspielen. Diese Arbeit machte ihr zwar Spaß, war jedoch zum Kummer ihrer Mutter auch nachts und sonntags notwendig.
Da sie im Schichtdienst tätig waren, hatten Vater und Tochter zwar öfter freie Zeit in der Woche, doch selten genug gemeinsam. Heute aber war so ein Tag, auf den Alfred Knispel sich schon lange gefreut hatte, wollte er doch endlich mal in die Pilze gehen. Sonja begleitete ihn, um ihm eine Freude zu machen. Außerdem tat ihr nach drei Nachtdiensten die frische Luft ganz gut. Martha verwies gerne auf ihre schmerzende Hüfte, wenn die beiden einen größeren Ausflug unternahmen.
Ausgerechnet an diesem Morgen waren anscheinend eine ganze Menge Leute auf die gleiche Idee gekommen wie Alfred Knispel. Jedenfalls war die S-Bahn voll. Oder fuhren die alle zum Hamstern? Die Strecke nach Erkner war eigentlich nicht die Gegend dafür. Dörfer gab es da so gut wie keine, es sei denn, man fuhr weiter in Richtung Fürstenwalde. Zu Alfreds Beruhigung verließen in Wilhelmshagen nur wenige Passagiere die S-Bahn. Der Wald rings um die Grenzberge nördlich der Bahnlinie war sein persönlicher Geheimtipp für die Pilzsuche. Früher war er mit dem Rad bis Hangelsberg gefahren, doch von der Petersburger Straße einarmig so weit zu radeln erschien ihm denn doch als ein zu gewagtes Abenteuer.
Er freute sich auf den Tag mit seiner Tochter. Zu reden gab es genug miteinander, das Funkhaus und seine zahllosen Mitarbeiter stellten einen unerschöpflichen Born für ihre Gespräche dar. Zu Hause regte sich Martha oft genug darüber auf, weil sie die Leute nicht kannte, über die da geredet wurde, und weder Alfred noch Sonja sich stattdessen ihren Hausfrauenklatsch anhören wollten. Heute konnten sie nach Herzenslust miteinander schwatzen, vor allem auf dem ersten Teil des Weges, der sie allmählich tiefer in den Wald führte.
«Die Amerikaner haben jetzt einen eigenen Sender aufgemacht», sagte Alfred. «Das Funkhaus ist wie ein Bienenkorb deswegen.»
«Es ist nur ein ganz schwacher Sender, sagen unsere Ingenieure. Man kann ihn kaum hören», widersprach Sonja. «Die sitzen im Verstärkeramt in der Winterfeldtstraße, wo sie nicht mal ein richtiges Studio haben.»
«Wahrscheinlich nur ein Provisorium vor der Wahl», vermutete Alfred. «Den Amis stinkt es, dass die Kommunisten im Äther den Ton angeben. War eben ziemlich schlau von den Russen, sich das Funkhaus mit allen Anlagen zu sichern. Dagegen kommt so schnell keiner an.»
«Was meinst du, wie lange das so bleiben wird mit den vier Sektoren in Berlin?»
«Vermutlich ewig und drei Tage. Sofern die Alliierten sich nicht noch mehr in die Haare geraten und die Russen die Amis nicht rausschmeißen.»
«Bei uns sagt jeder was anderes. Manche meinen sogar, es gäbe wieder Krieg …»
Alfred lachte. Es klang nicht fröhlich. «Das könnte den Herren so passen. Nicht mit uns!»
Eine Weile stapften sie wortlos durch den Sand.
«Vielleicht haben die Russen doch Recht mit der Vereinigung von Kommunisten und Sozialdemokraten», sagte Alfred dann. «Das gibt wenigstens ’ne starke Arbeiterpartei.»
Sonja war überrascht. «Ich denke, du hast dagegen gestimmt?»
«Hab ich auch!», sagte Alfred grantig. «Weil ich denen nicht traue. Die versprechen das Blaue vom Himmel runter. Genau wie die Kirche, bloß dass der Papst in Rom sitzt und Stalin in Moskau. Als Stellvertreter Gottes fühlen die sich beide.»
Sonja packte ihn am Ärmel. «Lass das bloß keinen hören!», warnte sie ihn. «Den Schmittke von der Musik haben sie einfach abgeholt. Der soll was gegen die Russen geäußert haben.»
«Quatsch!» Alfred wusste es besser. «Das ist ein alter Nazi, wie er im Buche steht, weiter nichts. Von der Sorte gibt es noch viel zu viele im Haus.»
«Woher willst du denn das wissen?»
«Du wirst schon sehen, da werden noch etliche verschwinden. In der Beziehung kennen die Russen kein Pardon.»
Sonja trottete träumend vor sich hin. «Manche von denen sind ja ganz nett», sagte sie. «Dieser Micha Storm zum Beispiel, der sieht nach was aus und spricht so gut Deutsch, dass man gar nicht glauben will, er sei ein Russe.»
«Das ist auch keiner. Das ist ein deutscher Emigrant.»
«Dazu ist der doch viel zu jung!»
«Ach Mädel, viele Kommunisten sind mit ihren Kindern nach Russland gegangen. Dein Onkel Georg beispielsweise …» Alfred verstummte.
«Ich denke, der ist im KZ umgekommen? Habt ihr jedenfalls erzählt.»
«Stimmt ja auch», murmelte Alfred mit gesenktem Kopf, «die Russen haben ihn an die Nazis ausgeliefert …»
Sonja blieb stehen. «Die Russen an die Nazis? Was ist denn das nun wieder? Die haben doch Krieg gegeneinander geführt!»
Alfred seufzte. «Ich erzähl’s dir später mal. Wir wollen uns nicht den schönen Tag verderben. Guck mal, da drüben steht der erste Pilz!»
Es war nur ein kahler Krempling, aber immerhin ein Anfang. Sie trennten sich und streiften rechts und links des Weges durch das Unterholz. Von Zeit zu Zeit riefen sie einander etwas zu. Alfred achtete darauf, seine Tochter nicht völlig aus den Augen zu verlieren. Die Zeiten waren unsicher. Wie leicht konnte so einem Mädel was passieren.
Die Pilzausbeute hielt sich in Grenzen. Als nach anderthalb Stunden die ersten Häuser von Woltersdorf in Sicht kamen und sie den Inhalt ihrer Körbe verglichen, kam da kaum eine Mahlzeit für die ganze Familie zusammen.
«Wir laufen im großen Bogen zurück», schlug Alfred vor. «Vielleicht haben wir auf dem Rückweg mehr Glück.»
Doch von Glück konnte keine Rede sein. Alfred, der seine Augen überall herumschweifen ließ, hatte nicht erwartet, dass der Reisighaufen, auf den er trat, unter seinem Gewicht nachgeben würde. Sein linker Fuß versank in einer Vertiefung, und auch der rechte fand plötzlich keinen Halt mehr. In weitem Bogen flogen die Pilze auf den Waldboden. Er stieß einen wütenden Schreckenslaut aus, aber der half ihm auch nicht. Bis weit über die Knie hatte er sich in dem Reisig verheddert, und unter seinen Füßen spürte er etwas Unangenehmes, in dem er langsam zu versinken drohte. «Sonja!», rief er, so laut er konnte. Erst beim dritten Mal antwortete sie. Es dauerte ein Weilchen, bis sie ihn fand. Inzwischen war es ihm gelungen, sich aus dem abgedeckten Loch zu befreien, aus dem ihm ein unangenehmer Geruch in die Nase stieg. Vergeblich versuchte er, seinen rechten Schuh im Waldgras von dem schmierigen Schmutz zu reinigen, der daran klebte.
Sonja, beruhigt, ihn auf beiden Beinen herumstiefeln zu sehen, machte sich daran, die Pilze aufzusammeln. «Ich dachte schon, dir ist was Schlimmes passiert», sagte sie. «Aber du bist bloß gestolpert, oder?»
Alfred sagte gepresst: « Mir ist nichts passiert …»
Sonja blickte auf. «Aber?», fragte sie. Sie kannte ihren Vater gut genug, um zu bemerken, dass ihm etwas Unangenehmes widerfahren sein musste. Besorgt fragte sie: «Hast du dich verletzt?»
Alfred schüttelte den Kopf. «Geh nicht so nahe an das Loch ran», sagte er mit rauher Stimme.
«Wieso, was ist denn damit?» Natürlich ging sie auf das Loch zu, und jetzt roch sie es auch. «Igitt, das stinkt ja so süßlich!» Im selben Augenblick erkannte sie den Geruch. So hatten die Leichen gerochen, die man aus dem Luftschutzkeller des Nebenhauses geborgen und auf der Straße abgelegt hatte. Sie verzog das Gesicht zu einer Grimasse und sagte: «Komm bloß weg hier, aber schnell!»
Alfred Knispel zögerte. «Ich weiß nicht so recht …», sagte er. «Geh du mal ’n paar Schritte weiter! Ich guck nach.»
«Wozu denn das? Vielleicht ist es ein totes Wildschwein oder so was.»
Alfred schüttelte den Kopf und machte sich schon an dem Reisig zu schaffen.
«Lass das doch! Das ist ja widerlich!», forderte Sonja, aber er ließ sich nicht beirren. Angeekelt wandte sie sich ab.
«Dachte ich mir», sagte Alfred nach einer Weile. «Ein Soldat, wie es aussieht.» Schwerfällig tappte er auf seine Tochter zu und legte den Arm um sie. «Armer Kerl …»
«Mein Gott, es sind so viele umgekommen. Ich verstehe nur nicht, weshalb es jetzt noch so stinkt, wo er doch bestimmt schon anderthalb Jahre hier liegt.»
«Eben nicht», sagte Alfred ernst, «der ist höchstens ein paar Tage tot.»
«Woher willst du denn das wissen?»
Alfred sah seine Tochter aus großen Augen an. Einmal mehr fiel ihr auf, wie grau und elend er aussah. «Ach Mädel», sagte er, «ich habe bei Welikije Luki genügend Leichen begraben …»
Pulsuz fraqment bitdi.