Kitabı oxu: «Happy Endstadium»
JAN OFF
HAPPY ENDSTADIUM
ROMAN

Jan Off wurde 1967 im finnischen Tohmajärvi geboren. Seit seiner Übersiedlung in die BRD Ende der 1980er behauste er zahllose Groß- und Kleinstädte in Ost und West, was ihm die Möglichkeit verschaffte, das Treiben der Radikalen Linken unter zum Teil völlig konträren Bedingungen zu studieren. Zurzeit lebt Off in Hamburg, wo er seinen Beitrag zur Gentrifizierung leistet, indem er täglich zwei Mastino-Mischlinge ausführt, deren grimmiges Äußeres noch jedem, der dem Pärchen begegnet ist, ein urbanes Lebensgefühl zu vermitteln wusste.
www.jan-off.org
© Ventil Verlag UG (haftungsbeschränkt) & Co. KG, Mainz 2012
Alle Rechte vorbehalten.
print-ISBN 978-3-931555-36-8
e-ISBN 978-3-95575-604-3
Cover: Oliver Schmitt unter Verwendung eines Fotos von Lucja Romanowska
Ventil Verlag
Boppstraße 25, 55118 Mainz
www.ventil-verlag.de
»Optimale Kraftverteilung auf wechselndem Untergrund.«
BMW xDRIVE
Für Lucja
Miłość wszystko zwyciȩża
Inhalt
»Tränen machen stark«
»Funkelperlenaugen«
»Samba si! Arbeit no!«
»Wie frei willst Du sein?«
»Immer wieder kommt ein neuer Frühling«
»Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund«
»Hamburg im Dreivierteltakt«
»Dämonen und Wunder«
»Orange trägt nur die Müllabfuhr«
»Ich wär’ so gern wie Du«
»Beiß nicht gleich in jeden Apfel«
»Adios, Amor«
»Blinde Fenster«
»Das Glück hat viele Namen«
»Spuren einer Nacht«
»Feuer am Horizont«
»Risikofaktor 1:X«
»Abschied ist ein scharfes Schwert«
»Tränen machen stark«
[Kristina Bach]
Der Schlag kommt so unerwartet wie eine Erektion nach zwanzig Jahren Opium-Konsum. Er trifft mit Wucht auf mein linkes Ohr und bringt mein Trommelfell zum Vibrieren – ein Gefühl, als wäre ein Vogelschreck in meinen Gehörgängen gezündet worden. Reflexartig betaste ich die pochende Stelle und fühle Blut an den Fingerspitzen. Hoffentlich ist da nichts Entscheidendes kaputtgegangen.
Der Bulle schickt ein Lachen in den Raum. Es klingt aus tiefster Seele ehrlich.
»Da hat sich wohl jemand beim Versuch, sich der Verhaftung zu widersetzen, ein kleines Wehwehchen zugezogen.«
Dem Reiz, diese Bemerkung mit einer wohlgesetzten Beleidigung zu quittieren, ist nur schwer zu widerstehen. Nicht zuletzt, weil das Äußere meines Peinigers genügend Angriffsflächen böte. Er besitzt nicht nur eine echte Feuermelderfresse mit feisten, fleischigen Bäckchen und dem dazugehörigen Dreifachkinn, sondern auch ein Paar imposanter Biertitten, die von seinem eng am Körper liegenden Kunstfaser-Shirt auf eine Art und Weise betont werden, als ob er die Schläuche gern mal textilfrei und vor einem größeren Publikum präsentieren würde.
Alles andere als einfach, den Büttel nicht mit diesen Beobachtungen zu konfrontieren, zumal das Bedürfnis, die Sprachwerkzeuge zu benutzen, nach der Stille der Zelle ohnehin riesengroß ist. Aber genau das wollen sie ja – dass ich spreche, mich mal richtig ausspreche, mir die vermeintlichen Sünden von der Seele rede. Und so bin ich gut beraten, mich im Schweigen zu üben. Anna und Arthur halten das Maul! – keine Ahnung, wie oft mir diese fünf Worte in den letzten Jahren in Schriftform begegnet sind. Mit einem Mal jedenfalls hat die abgedroschene Parole mächtig an Aktualität gewonnen, geistert mir durchs Hirn wie eine unablässig wiederholte Regieanweisung.
Einen Satz allerdings darf ich sagen.
»Mir steht das Recht auf einen Anruf zu.«
»Ja und?« Im Blick des Bullen: gespielte Verblüffung.
Wider besseres Wissen wiederhole ich mein Anliegen: »Ich habe das Recht, zu telefonier’n.«
Der Staatsdiener stützt sich mit beiden Händen auf die Tischplatte, bringt sein Gesicht ganz dicht an das meine heran. Sein Atem verströmt etwas Medikamentöses. Vielleicht hat er eine Zahnbehandlung hinter sich oder er besorgt es sich hin und wieder mit einem Asthmaspray.
»Du willst also das Telefon benutzen?! Einen Anwalt anrufen oder etwas in der Richtung?!«
Ich spare mir das Nicken.
»Kannst du haben.« Er lächelt süffisant, bevor er fortfährt. »Ich hol dir das Telefon und dann schieb ich’s dir so tief in den Arsch, dass die Scheiße, die du verzapft hast, deinen Affenschädel flutet. Kannst deinem Anwalt ja dann einfach ein kurzes SOS furzen.« Er lacht, als ob er den Zwerchfellschüttler des Jahrhunderts kreiert hätte.
Als er sich wieder eingekriegt hat, federt er zurück in die Senkrechte und beginnt auf und ab zu tigern, ohne mich dabei allerdings aus den Augen zu lassen.
»Du meinst tatsächlich, du könntest hier was einfordern, du Traumtänzer?! Willst dir einen auf deine demokratischen Rechte abwichsen?! Willkommen in der Wirklichkeit 2.0, Abschaum. Wenn’s drauf ankommt, und in diesem Fall kommt es drauf an, dürfen wir alles. Alles, hörst du. Glaubst du, da draußen existiert auch nur eine Menschenseele, die dir und deinen verkommenen Freunden eine Träne nachweinen würde?! Ich wette, wenn die Leute wüssten, was ihr vorhattet, und wir euch jetzt raus ließen, würde es keine Viertelstunde dauern, bis man euch alle am nächstbesten Laternenmast aufgeknüpft hätte.« Er hat sich in Rage geredet und legt eine kurze Pause ein, um sich den Schweiß von dem rot glänzenden Stück Pavianarsch zu wischen, das er seiner Umwelt als Stirn verkaufen will. Dann brüllt er plötzlich los, als ob ihm seine Frau eröffnet hätte, dass sie sich in Kürze einer Geschlechtsumwandlung unterziehen werde. Offenbar nähert sich seine Performance ihrem Höhepunkt.
»Ihr seid schlimmer als Hitler, du und diese anderen Muttersöhnchen. Nicht zu vergessen: die Fotze. Die Fotze, die euch alle bei den Eiern hatte. Hat euch wahrscheinlich immer schön reihum rangelassen, das kleine Miststück, hä? Ins Gas müsste man euch schicken. Aber den Hahn schön langsam aufdrehen, damit ihr über eure verschissenen kleinen Leben noch mal nachdenken könnt, während ihr verreckt. Und das Ganze dann weltweit im Fernsehen übertragen. Ich würd’s mit meinen Kindern schauen, hörst du, du gottlose Missgeburt, mit meinen Kin-dern!«
Einer mehr, der nichts verstanden hat, denke ich, während ich zeitgleich versuche, die Drohkulisse nicht persönlich zu nehmen. Der Staatsdiener erledigt hier nur einen Job. Er muss Leuten wie mir Angst machen. Aber dann schlägt er wieder zu – auf dieselbe Stelle wie beim ersten Mal –, und Schmerz ist immer persönlich.
»Du verschissener Nazi!«, entfährt es mir, ohne dass ich darüber hätte nachdenken können.
Darauf hat er zweifellos spekuliert.
»Na, komm. Komm her, verpass mir eine.« Er grinst mich an und wedelt – die Arme in Hooliganmanier ausgebreitet – herausfordernd mit den Händen.
Entgegen jeder Vernunft beginne ich, tatsächlich meine Chancen abzuwägen, überlege mir, was geschehen würde, wenn ich jetzt aufstünde. Mein linkes Ohr fühlt sich taub an, dafür pfeift und rauscht es in meinem Schädelinneren, als ob man meinen Kopf an einen Kurzwellensender angeschlossen hätte. Gut möglich, dass ich das Gleichgewicht verlöre, noch bevor ich mich vom Stuhl gewuchtet hätte. Dann könnte mir der Bulle, dieser fleischgewordene Albtraum in Gestalt eines bäuerlichen Gabba-Jüngers, mit seinen Angeberturnschuhen gepflegt die Fresse eintreten. Dazu kommen noch die Zerrung oder der Faserriss im rechten Oberarm; oder was auch immer ich mir da während der Verhaftung eingefangen habe. Keine Frage, mein Gegner hätte leichtes Spiel. Trotzdem sollte ich vielleicht einen kleinen Ringelpietz wagen. Je sichtbarer die Verletzungen, desto besser lässt sich die Misshandlung später öffentlich machen. Aufstehen scheint dafür ohnehin nicht mehr vonnöten. Mein Peiniger ist bereits spürbar ungeduldig.
»Na, keine Traute? Oder willst du’s im Sitzen besorgt bekommen?« Er tänzelt überraschend leichtfüßig auf mich zu.
Ich bereite mich schon mal darauf vor, der nächsten Attacke wenigstens mit einem Ausweichmanöver zu begegnen, als sich plötzlich die Tür öffnet und der Spuk ein jähes Ende nimmt.
»Ist gut«, sagt eine sanfte weibliche Stimme, deren Besitzerin ich nicht erkennen kann, da mir die Fettschichten des Schergen die Sicht nehmen.
Zu meinem Erstaunen gehorcht der Versorger des Speckmantels ohne Widerrede. Er tritt einen Schritt zurück und gibt seinem Armfleisch die Möglichkeit, schlaff und lappig herunterzuhängen.
»Sie können uns allein lassen.«
Der Bulle folgt auch diesem Befehl und trabt aus dem Raum, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen. Ich muss an den Beginn seines Monologs denken und komme an einem Lächeln nicht vorbei. Sieht ganz so aus, als ob er derjenige wäre, den eine Fotze bei den Eiern hat.
Nun erst komme ich dazu, meine Retterin in Augenschein zu nehmen. (Und Retterin ist in diesem Moment tatsächlich der Ausdruck, der sich mir ins Hirn drängt.) Ich habe eine Frau erwartet, deren Äußeres nicht allzu sehr vom Schönheitsideal unserer Tage abweicht. Sicher, weil das bei Fernsehkommissaren häufig der Fall ist, so sie denn paarweise agieren. Ist der eine älter und von eher skurriler Gestalt, kommt der andere meist jünger und vergleichsweise ansehnlich daher. Die Dame, mit der ich es hier zu tun habe, ist allerdings weder jünger noch hübscher noch dünner als der Appetitzügler, den sie gerade des Zimmers verwiesen hat. Vielleicht bin ich in einer Dienststelle gelandet, die nebenher als Endlagerstätte für adipöse Beamte fungiert. Meine neue Aufsichtsperson jedenfalls bringt bei einer geschätzten Körpergröße von 1,70 Meter sicher ihre zweihundert Pfund auf die Waage. Um davon abzulenken, hat sie sich eine blasslila Strähne in die herausgewachsene Dauerwelle färben lassen und sich eine Brille ins Gesicht geschraubt, die mit ihren übergroßen Gläsern an einen dieser wahnsinnigen, von dunklen Welteroberungsplänen zerfressenen Wissenschaftler erinnert, wie sie häufig in Comics zu finden sind. Mir soll das egal sein. Mir genügen ihre mütterliche Stimme und die Tatsache, dass sie mir den Schläger vom Hals geschafft hat. Darüber hinaus entspannt mich der Gedanke, dass ich es nun mit dem angenehmeren Teil des Duos zu tun habe. Was die psychologische Raffinesse angeht, scheint sich das Arsenal der Wächterameisen nicht wesentlich vergrößert zu haben: Erst trommelt der Höhlentroll ein bisschen auf seiner (und/oder deiner) Brust herum, dann lassen sie den Teesieder aus der Kiste, um dich einzuseifen.
»Rösner«, sagt der Teesieder und reicht mir die Hand.
Ich sehe keinen Grund, unhöflich zu sein, und schüttle die dargebotenen Engerlinge.
Nachdem das erledigt ist, zieht sich Frau Rösner einen Stuhl an den Tisch und nimmt Platz.
»So«, sagt sie, »dann fangen Sie mal ganz von vorne an.«
»Ich fange mit gar nichts an«, entgegne ich, wild entschlossen, bei ihr erst gar keine Hoffnungen aufkommen zu lassen. »Ich will den Anruf machen, der mir zusteht. Außerdem verlange ich, einem Arzt vorgeführt zu werden.«
»Sie wollen einen Arzt? Sind Sie krank?« Während sie das sagt, schaut sie mir derart besorgt in die Augen, dass ich an ihrem Wahrnehmungsvermögen zu zweifeln beginne. Ihr kann doch das, was ihr Kollege gerade mit mir veranstaltet hat, unmöglich entgangen sein.
Ich zeige auf mein zermatschtes Ohr.
»Krank trifft es nur bedingt, wenn ich auch gewissermaßen ein Opfer der Schweinegrippe geworden bin. Darüber hinaus haben es sich Ihre Häscher nicht nehmen lassen, mir schon während der Verhaftung eine Verletzung zuzufügen.«
»Eine Verletzung?« Obwohl ich das für unmöglich gehalten hätte, gelingt es ihr, noch eine Spur betroffener zu gucken. Sie muss wirklich einen an der Murmel haben.
»Wo denn?«, fragt sie.
Und ich Narr bin aufgrund ihres seltsamen Gebarens derart abgelenkt, dass ich für einen Augenblick meine Deckung vergesse.
»Am rechten Oberarm«, entgegne ich reflexartig.
»Ach. Lassen Sie mal seh’n!« Sie langt blitzschnell über den Tisch, packt mein rechtes Handgelenk und zieht dann mit einer solchen Gewalt an meinem Arm, als ob sie ein Stück davon mit nach Hause nehmen wollte.
Das tut so weh, besonders an der defekten Stelle zwischen Ellenbogen und Schultergelenk, dass ich schreien muss.
»Also ich kann da nichts entdecken«, sagt sie, nachdem sie losgelassen hat und mein Schrei zu einem kläglichen Wimmern verebbt ist. »Wahrscheinlich nur der Schock angesichts ihrer neuen Lebenslage – so eine Art Phantomschmerz … Und jetzt wollen wir mal anfangen.«
Ich bin fassungslos; ich habe im wahrsten Sinne des Wortes die Fassung verloren und größte Mühe, meine Tränen zurückzuhalten. Die Frau, die mir da gegenübersitzt und mich so aufmunternd anlächelt, ist nicht der Weichspüler, der Lindenblütentee, der Mutterersatz, für den ich sie gehalten habe. Das alte Spiel böser Bulle/guter Bulle hat – zumindest hier und heute – ausgedient. Stellt sich nur die Frage, wie das neue Spiel heißt: Gestapo-Ähnlichkeitswettbewerb? Fakir-Erlebniswochen?
Wir hatten oft darüber gesprochen, wie eine Verhörsituation am besten zu bewältigen sein würde, und waren uns schnell einig geworden, dass jeder letztlich seine eigene Strategie entwickeln müsse. Der eine beamt sich weg, indem er Kindheitserinnerungen oder Landschaftsbilder abruft, der andere murmelt ohne Pause vor sich hin oder weiß sich dadurch zu behelfen, dass er seine unfreiwilligen Zuhörer mit Fußballgesängen beschallt. So oder so waren nahezu all unsere Überlegungen darauf angelegt, endlos quälenden Befragungen zu begegnen, nicht körperlicher Drangsal. Und wenn wir diesen Aspekt doch mal thematisiert hatten, dann immer als Beiwerk, dem aufgrund der bestehenden Gesetze ein gewisser Rahmen vorgegeben war. Natürlich fielen Menschen hin und wieder auf Polizeiwachen Treppenstufen hinunter, schlugen sich durch eigenes Ungeschick die Köpfe an Einsatzwagen ein oder kollidierten dergestalt mit dem Demonstrationsrecht, dass Augenverletzungen unausweichlich blieben. Systematische Misshandlungen jedoch waren in unseren Planspielen nicht vorgekommen.
Was aber, wenn sie in unserem Fall beschlossen hatten, einfach auf bestehende Gesetze zu scheißen? Wenn die Nummer, die sie hier mit mir abziehen, nicht aufhört, also am Ende tatsächlich System besitzt? Abartig genug scheint das, was wir getan haben, in ihren Augen jedenfalls zu sein. Während ich mir diese Möglichkeit ausmale, kriecht mir kalte Angst den Rücken hoch – Angst vor weiteren Schlägen oder schlimmeren Grausamkeiten, aber auch die Angst davor, die anderen ans Messer zu liefern.
Frau Rösner unterbricht meine Gedanken.
»So, nun aber frisch ans Werk«, sagt sie. »Ich bin Ihre ebenso aufmerksame wie geduldige Zuhörerin.«
Sie nimmt ihre Brille ab, fördert aus den Weiten ihrer Strickjacke ein Stofftaschentuch zutage und beginnt, akribisch die Gläser zu polieren.
Unweigerlich muss ich an eine Geschichte denken, die mir Lasse mal erzählt hat. Sie spielt zu einer Zeit, in der er noch bei seinen Eltern wohnte, einem schwerreichen Architekten-Ehepaar mit einer hochmodernen, selbst entworfenen Villa in einem der wenigen Nobelvororte. Lasse hatte damals gerade sein Coming-out gehabt und war von seinen ebenso aufgeschlossenen wie verständnisvollen Erzeugern gebeten worden, ihnen seinen Boyfriend doch gelegentlich vorzustellen. Als der entsprechende Knabe dann tatsächlich vorbeikam, waren die Vorbereitungen für das gemeinsame Abendessen noch nicht abgeschlossen, also sprach nichts dagegen, sich in Lasses Zimmer ein bisschen Oralverkehr zu gönnen. Gerade als Lasse im Mund seines Freundes gekommen war, wurde von unten zu Tisch gebeten, und dorthin begaben sich die beiden Teenager dann auch. Nachdem Getränke gereicht worden waren, eröffnete Lasses Mutter den Smalltalk mit der Frage, welche Schule der Gast denn besuchen würde. Lasses Freund wollte antworten, wurde aber von einem plötzlichen Hustenreiz überwältigt, der sich zu einem Anfall heftigen Ausmaßes auswuchs, bis seiner Kehle schließlich ein Klümpchen milchig-weißen Schleims entstieg, das – von den Konvulsionen in seiner Brust befeuert – über den Tisch hinweg auf die Brillengläser der ihm direkt gegenübersitzenden Fragestellerin geschleudert wurde. Unnachahmlich, wie Lasse am Ende seiner Erzählung die Szene nachgespielt hatte, in der seine Mutter, im vergeblichen Versuch, Haltung zu bewahren, die Brille abnimmt, mit ihrer Damastserviette die Substanz, die keine zehn Minuten zuvor den Schwanz ihres Sohnes verlassen hat, von den Gläsern tupft und an den vom Husten Gepeinigten gewandt, die Aufforderung erklingen lässt, er solle nur ordentlich von den Lachsröggelchen nehmen. Die würden seiner Gesundheit gewiss gut tun.
Ich habe Lasses Mutter nie gesehen, noch nicht mal auf einer Fotografie. Umso leichter fällt es mir in diesem Moment, sie durch Frau Rösner zu ersetzen. Vor meinem inneren Auge sehe ich das Ejakulat in aller Deutlichkeit auf das zerknautschte Gesicht der Beamtin zufliegen. Und das hilft ungemein.
Als sie mir erneut nahelegt, endlich mit einem Geständnis über den Tisch zu kommen, habe ich alle Mühe, mir die Frage zu verkneifen, ob das Sperma von ihrer Sehhilfe denn nun bald entfernt sei.
Im Anschluss tritt eine Pattsituation ein. Frau Rösner poliert weiterhin die Gläser, ich schweige.
Nach einer gefühlten Ewigkeit beendet sie schließlich ihre Tätigkeit, setzt sich die Brille wieder auf und beugt sich vor.
Ich zucke instinktiv zurück, aber diesmal hat sie keine sadistischen Schweinereien im Sinn. Stattdessen tätschelt sie mir nachsichtig die Wange.
»Ein bisschen mundfaul, der Junge, hm?«, sagt sie. Und dann, mit der Strenge eines militärischen Vorgesetzten: »Hören Sie. Ich gebe Ihnen jetzt eine Stunde, damit Sie noch mal in sich gehen und Ihren kleinen Aufsatz ausformulieren können. Danach unterhalten wir uns. Verstanden?«
Ich lasse das unkommentiert.
»Soll ich Degowski wieder reinrufen, damit Sie Gesellschaft haben?«, fragt sie, nachdem sie sich vom Stuhl gequält hat.
»Wen?«, murmle ich verständnislos.
»Degowski, den charmanten Kollegen, den Sie bereits kennengelernt haben.« Sie lacht schallend, während sie auf die Tür zugeht.
»Funkelperlenaugen«
[Pur]
Endlich allein, wandern meine Gedanken augenblicklich zu Julia. Ich sehe sie in einer Zelle, ähnlich der, in der man mich hat schmoren lassen, bevor ich hierher verbracht wurde. Stelle mir vor, wie sie von kleingeistigen Wachteln, die es unter normalen Umständen schon als Gnade betrachten müssten, von ihrer verbrauchten Atemluft umweht zu werden, verlacht und gedemütigt wird. Sicher, Angst kennt sie nicht. Aber die Ohnmacht wird auch ihr zu schaffen machen. Ein Gedanke, bei dem sich mir der Magen zusammenzieht.
Ich versuche, die trostlose Sequenz durch Bilder aus glücklicheren Tagen zu ersetzen, und habe plötzlich wieder Frau Rösners so überaus angenehmes Schnurren im Ohr. »Dann fangen Sie mal ganz von vorne an«, säuselt sie, lockend wie ein Radiojingle, das zum Flatrate-Saufen einlädt. Und genau das tue ich. Ich gehe zurück auf Los und rufe noch einmal die Erinnerung an mein erstes Zusammentreffen mit Julia ab – diese eine Begegnung, die alle auf der weiteren Strecke liegenden Weichen und Signalanlagen dauerhaft außer Funktion zu setzen wusste.
Jan hatte ihren Namen irgendwann ins Spiel gebracht. Er würde demnächst umziehen, erzählte er eines Abends, während ich den Kühlschrank mit dem Bier füllte, das er mitgebracht hatte. Eine neue WG. Zwei Typen, eine Frau. Eine ganz besondere Frau. Julia. Ob ich die kennen würde …
»Nein«, antwortete ich wahrheitsgemäß, denn zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht wissen, dass mir Julia schon ein paar Mal über den Weg gelaufen war.
»Ein Zimmer wäre noch frei. Hast du nicht Lust?«
»Nur wenn mich in nächster Zeit eine Querschnittslähmung oder die Taucherkrankheit befällt«, erwiderte ich. Ich verspürte keinerlei Verlangen mehr nach Putzplänen und Einkaufslisten, war nach vier Jahren Gemeinschaftsleben in den unterschiedlichsten Konstellationen vielmehr heilfroh, endlich wieder selbst darüber entscheiden zu können, wie ich meinen Hausrat verrotten ließ.
Eine Einstellung, die so schnell über Bord ging wie ein armamputierter Ausguck bei Windstärke zwölf, als Jan zwei Wochen später in der neuen Wohnstatt einen Umtrunk gab.
Es herrschte mächtig Gedränge, und so wurde mir die Dame des Hauses nur flüchtig vorgestellt. Aber das genügte, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Denn Julia war mir bereits aufgefallen, bei Konzerten oder Demos, und noch jedes Mal hatte mir ihr Anblick den Atem geraubt. Sie besaß das stolze Gesicht einer Cäsarentochter, mit hohen Wangenknochen und klaren, hellblauen Augen, die stets durch dich hindurchzublicken schienen; dazu lange blonde Haare, die meist zum Pferdeschwanz gebunden waren. Im krassen Gegensatz zu dieser Hanseatenschleifen-Optik stand ihre Garderobe, die ziemlich martialisch daherkam: Cargohosen, Kapuzenpullover, Windbreaker, Doc Martens – selbstredend alles in Schwarz. Ein Kontrast, der für mich das Maximum an Erotik darstellte. Hier wohnte sie also. Und wer mit ihr hier wohnte, besaß das Anrecht, mit ihr zu frühstücken, in ihre Gedankenwelt einzutauchen, ihre Vorlieben und Abneigungen zu erfahren, ihr bei den alltäglichsten Verrichtungen zuzusehen, kurz: ihr nahe zu sein.
Ich wandte mich an Jan, der sich gerade mit einer Salatschüssel an mir vorbeizwängte.
»Sag mal, dieses Zimmer, von dem du letztens gesprochen hast, ist das noch zu haben?«
»Soweit ich weiß, schon«, entgegnete er.
»Gut, ich nehm’s.«
Jan lachte.
»Ist das dein Ernst?«
»Ja«, sagte ich nur und versuchte wie jemand dreinzublicken, der dringend ein Obdach braucht.
»Willst du’s dir vorher nicht wenigstens anseh’n?«
»Nicht nötig«, erwiderte ich und schwafelte irgendwas von wegen Schimmelbefall, Totalsanierung und dringendem Umzugsbedarf.
Jan bedachte mich mit einem wissenden Grinsen.
Später – ich hatte schon einigermaßen getankt – stand plötzlich Julia vor mir.
»Hab gehört, du möchtest hier einziehen?« Sie musterte mich eingehend.
Ich nickte dümmlich.
»Na, zumindest scheinst du nicht ganz unsportlich zu sein. Komm Dienstagabend mal vorbei, dann reden wir.«
»Mach ich«, quetschte ich hervor.
Dann war sie auch schon wieder verschwunden. Und so blieb mein alkoholgesättigtes Gehirn allein mit der Frage zurück, warum sie gerade die Fitness eines potentiellen Wohnungsgenossen so sehr interessierte.
Am Dienstagabend spielte genau dieser Punkt dann seltsamerweise überhaupt keine Rolle mehr.
Wir befanden uns in dem Raum, der von allen Bewohnern gemeinsam genutzt wurde. Ich saß auf einem altersschwachen Sofa. Die anderen, also Julia, Lasse, Jan und Kleingeld hatten sich mir gegenüber auf verschiedene Stühle verteilt, die einen losen Halbkreis bildeten. Auf dem Teppich zwischen uns leckte sich Julias Rottweilermischling Ulrike genüsslich die Hoden. Ich hatte mich bereits mit Lasse und Kleingeld bekannt gemacht, mich auch Julia noch einmal namentlich vorgestellt und erwartete nun die üblichen Ausführungen zu Themen wie Miete und Nebenkosten sowie ein lockeres Gespräch über unsere gegenseitigen Vorstellungen von Zusammenleben. Was mich betraf, war ich fest entschlossen, mich auch noch der albernsten Regel zu unterwerfen. Hauptsache, sie würden mich aufnehmen. Hauptsache, Julia würde mich akzeptieren. Denn am Ende würde sie es sein, deren Stimme den Ausschlag gab. Das war so deutlich zu spüren wie ein Schlag auf den Solarplexus. Sie besaß diese natürliche Autorität, die ihr, gepaart mit ihrem Aussehen, zwangsläufig Macht über Menschen verlieh.
Es war dann auch Julia, die das Gespräch eröffnete. Und zwar nicht mit den erwarteten Formalien, sondern mit einer Frage, die mich vollkommen unvorbereitet traf.
»Wo würdest du dich denn politisch einordnen?«
Herrje! Mein politisches Weltbild war nicht anders als diffus zu nennen. Zwar hätte ich auf Anhieb zig Missstände aufzählen können, die mein Blut zum Kochen brachten, angefangen bei der ungerechten Verteilung von Gütern bis hin zur Unfreiheit des Einzelnen. Des Weiteren war mir durchaus bewusst, dass für beinahe alle der himmelschreienden Übel, die mich umtrieben, das kapitalistische System verantwortlich zeichnete, also das Hamsterrad, in dem auch ich gefangen war. Aber wie nun genau die neue Welt von morgen aussehen sollte, hätte ich nicht sagen können. Vor allen Dingen hatte ich keine Bezeichnung bei der Hand, die meinen wankelmütigen, unausgegorenen Ansichten eine allgemeingültige Form hätte geben können. Musste ich mich zu den Sozialrevolutionären oder zu den Sozialisten zählen? War ich Kommunist oder Hedonist? Oder beides, falls sich die Begriffe nicht aufhoben? Oder doch eher Anarchist, beziehungsweise Anarchosyndikalist? Ich besaß nicht den Hauch einer Ahnung. Natürlich hätte ich mir stattdessen mit einer Floskel behelfen können, einem Allgemeinplatz à la Frei sein, high sein, Terror muss dabei sein. Aber das würde der Schönheit mir gegenüber, in deren Gesicht sich bereits ein spöttischer Ausdruck breitmachte, nicht genügen. Verdammt, auf diesen Punkt hätte mich Jan ruhig vorbereiten können.
Ich blickte auf den Hund zu meinen Füßen, was meiner Konzentration allerdings auch nicht auf die Sprünge half. Stattdessen wurde ich von der Frage abgelenkt, warum ein Tier, das unübersehbar einen Penis sein Eigen nannte, mit einem weiblichen Namen bedacht worden war, noch dazu mit einem derart althergebrachten. Wer bitte schön hieß denn heutzutage noch Ulrike?! Ul-ri-ke – ich ließ mir die Silben auf der Hirnrinde zergehen. Und plötzlich hatte ich sie, die rettende Lösung, die Worte, die meiner Reputation den notwendigen Dienst erweisen würden. Also erklärte ich mit fester Stimme, wobei ich meinen Blick langsam über die Gesichter der anderen wandern ließ: »Um es mit Ulrike Meinhof zu sagen: Die Konfrontation mit der Staatsgewalt ist zu suchen und unbedingt erforderlich.«
Das Zitat stammte zwar gar nicht von der RAF-Mitbegründerin, sondern, soweit ich mich erinnern konnte, von Rudi Dutschke. Aber ich hatte auf die Schnelle kein anderes finden können. Außerdem spielte der Wahrheitsgehalt in diesem Fall keine Rolle. Wer kannte sich mit Zitaten schon aus?! Wichtig war nur, dass der Satz schön kämpferisch klang und von Ulrike Meinhof hätte sein können. Denn wenn ich auch nicht zu hundert Prozent sicher sein durfte, dass die Namensgebung des Hundes etwas mit der Roten Armee Fraktion zu tun hatte, hätte ich doch jede Wette angenommen, dass Madame Meinhof zu den Menschen gehörte, die Julia verehrte – zumindest heimlich. Die Kompromisslosigkeit, mit der die ehemalige Journalistin ihren Weg vom Wort zur Tat beschritten hatte, musste einer Frau wie Julia einfach zusagen.
Sie sah denn auch einigermaßen verblüfft aus, nachdem die letzte Silbe meines Statements verhallt war.
»Klingt nicht schlecht«, sagte sie mit einem leichten, beinahe widerwilligen Zögern. Und kam dann doch um die Andeutung eines Lächelns nicht herum.
Ich nahm das mit einer tiefen Befriedigung auf, wie ich auch nicht ohne Stolz registrierte, dass sich von Seiten meiner männlichen Gegenüber kein Widerspruch regte. Offenbar war keinem aufgefallen, dass ich mich an der eigentlichen Fragestellung vorbeigemogelt hatte. Demgemäß stand einem unangestrengten Geplauder über profanere Dinge nichts mehr im Wege.
Erst als wir zum Ende kamen, wurde es noch einmal kritisch.
»Ach, eins noch«, warf Julia ein, während mir Lasse gerade einige der häuslichen Gepflogenheiten auseinandersetzte. »Wir leben hier übrigens vegan. In dieser Hinsicht gibt’s keine Kompromisse. Da müsstest du schon mitziehen.«
Ich sah zu Jan hinüber. Hatte gar nicht gewusst, dass mein bester Freund Veganer war. Hatten wir nicht letztens noch Hawaiitoast bei mir gegessen?!
»Heißt das, wenn ich mir mal ’n Schnitzel … muss ich das, äh, also draußen …?«, stotterte ich überrascht und hätte mir am liebsten die Zunge abgebissen – auch wenn die natürlich ebenfalls unter die Rubrik fleischhaltige Produkte fiel.
Julia sah mich an, als ob auf meiner Stirn eine Hakenkreuztätowierung erschienen wäre.
»Nee, nee, vegan ist kein Problem«, beeilte ich mich daraufhin zu sagen. »Ich esse ohnehin fast nur Hülsenfrüchte.«
Jetzt war es an Jan, zu mir herüberzusehen.
Und damit war es vollbracht.
»Wir rufen dich in ein oder zwei Stunden an«, sagte Julia und entließ mich mit einem knappen Nicken.
Noch bevor ich meinerseits ein Abschiedswort hätte formulieren können, hatte sie sich bereits den anderen zugewandt. Sicher, um gleich die Diskussion über das Für und Wider meiner Person zu eröffnen.
Das Zimmer hatte ich immer noch nicht gesehen.
Zurück in meiner Wohnung, hatte ich einige Mühe, nicht alle zwei Sekunden auf mein Mobiltelefon zu starren. Erstaunlich, welch hypnotische Kraft so ein toter Gegenstand zu entwickeln in der Lage ist. Ich versuchte mich abzulenken, indem ich im Netz vegane Rezepte studierte. Nicht, dass ich mir später noch den Vorwurf machen musste, ich hätte es an der notwendigen Dosis positiven Denkens fehlen lassen. Nach einer gefühlten Ewigkeit und ungezählten Anleitungen für Soja-Quiche und Konsorten erklangen schließlich diese nagetierähnlichen Laute, die mir als Klingelton dienten. Im Display des Handys Jans Name.
»Alles klar. Kannst einziehen«, sagte er.
Ich hatte Mühe, mir eins dieser Geräusche zu verkneifen, wie sie häufig weiblichen Teenagermündern entfahren, sobald musizierende Schönlinge eine Bühne betreten. Stattdessen sagte ich: »Perfekt, dann bring ich morgen gleich die ersten Kisten rum.«
»Scheint dir ja echt im Nacken zu sitzen, der Schimmel«, sagte Jan.
»Wie kommt es eigentlich, dass Julias Hund einen weiblichen Namen trägt?«, lenkte ich ab.
»Ach, das hängt mit der dringend notwendigen Aufhebung der Geschlechterrollen zusammen.«
»Ah, klar. Natürlich.«
Da meine neue Behausung nur vier Straßenzüge von der alten entfernt lag, stellte der Transport meiner Habe keine sonderlich große Herausforderung dar. Eile war ebenfalls nicht geboten. Um einen Nachmieter zu finden, blieben mir gut zwei Wochen. Dennoch besaß ich ein gesteigertes Interesse daran, schon am ersten Tag all die Dinge mitzunehmen, die mir ein sofortiges Übernachten ermöglichten. Insbesondere die Matratze und die Europaletten, die ihr als Unterlage dienten, waren in dieser Hinsicht unverzichtbar. Zum Glück besaß Jan einen altersschwachen, aber geräumigen Fiat Ducato, mit dem sich das Überführen problemlos bewältigen ließ.
Wie klug mein Schachzug gewesen war, zeigte sich keine vierundzwanzig Stunden später.
Nachdem Jan und ich die Einzelteile meiner Schlafstatt mit Kleingelds Hilfe in den dritten Stock gewuchtet hatten, war es mir geboten erschienen, zwei Kästen Bier springen zu lassen. Infolge dieser kleinen Feier schlief ich tief und traumlos, und als ich erwachte, schien bereits die Mittagssonne in mein neues, recht geräumiges Altbauzimmer. Während ich meine Lunge mit Nikotin, Teer und Kondensat verarztete, befühlte ich mein Gesicht und befand die Stoppeln auf meinen Wangen für deutlich zu lang. Also durchwühlte ich die über den Raum verteilten Umzugskisten, bis ich mein Rasierzeug gefunden hatte, und schlappte ins Bad.
Ich setzte die Klinge gerade zum zweiten oder dritten Mal an, als Julia durch die Tür schlüpfte. Da kein Schlüssel im Schloss steckte, hatte ich mich außerstande gesehen, für die notwendige Intimsphäre zu sorgen.
Für Julia besaß dieser Umstand offenbar keinerlei Bedeutung. Sie lachte mich unverkrampft an. »Und? Was Schönes geträumt?«
Ich war einigermaßen perplex ob dieser Frage. Nicht zuletzt, weil sie so gar nicht in das Bild passen wollte, das ich mir von Julia gemacht hatte.
Meine offenkundige Verwirrung veranlasste sie, eine Erklärung nachzuschieben: »Es heißt doch, dass alles, was dir in der ersten Nacht im Traum begegnet, in Erfüllung geht.«
Das war mir neu.
»Wusste ich gar nicht«, sagte ich denn auch, während mir zeitgleich die Tatsache ins Bewusstsein stieg, dass ich außer einer undurchdringlichen Schwärze überhaupt nichts im Traum zu Gesicht bekommen hatte. Wenn das meine Zukunft darstellen sollte, dann vielen Dank.
Meine nähere Zukunft allerdings sah alles andere als düster aus. Während ich nämlich mit meiner Rasur fortfuhr, begann Julia sich aus dem olivenfarbenen Tanktop und der schwarzen Jogginghose zu schälen, die ihr als Schlafgarderobe dienten. Dass ich sie dabei im Spiegel beobachten konnte, schien sie kein bisschen zu stören.
Zwar hatte ich aufgrund meiner Position keine vollständige Sicht auf das Jahrhundertereignis. Aber dieses Paar formvollendeter mittelgroßer Brüste, das da hin und wieder hinter der verschwommenen Totenmaske aus bläulich-weißem Rasierschaum hervorblitzte, genügte vollkommen, meine Hormone den Ententanz proben zu lassen. Um den Zauber nicht zu zerstören, wagte ich es nicht, meinen Stand auch nur um einen Millimeter zu verändern. Stattdessen fuhrwerkte ich mit der Klinge sinnentleert in meinem Gesicht herum wie ein Sehbehinderter, der das Fell eines Mammuts zu gerben hat. Hatte ich zwei Tage zuvor noch geglaubt, mein Mobiltelefon würde eine hypnotische Kraft auf mich ausüben, merkte ich nun, was Hypnose wirklich bedeutete. Julias Anblick hielt mich gefangen, als ob mir gleich ein ganzer Stamm von Schlangenbeschwörern die Flötentöne blasen würde.
Der magische Moment endete abrupt, als Julia hinter mir vorbeiging, um in die Duschkabine zu steigen.
»Ich fürchte, du hast dich geschnitten«, sagte sie.
»Was?« Ich fokussierte den Blick, bis mein Gesicht wieder klar zu erkennen war, und entdeckte zwei Blutspuren, die gerade dabei waren, an der Spitze meines Kinns zu einer historischen Vereinigung anzusetzen.
Später in meinem Zimmer kam ich nicht daran vorbei, Hand an mich zu legen. Während ich die harmlose Szene aus dem Bad auf vielfältigste Weise ausufern ließ, hörte ich aus dem Off meines Gehirnkästchens ohne Unterlass eine Stimme zu mir sprechen, die mich davon unterrichtete, dass es Julia wohl eher nicht gefallen würde, als Masturbationsvorlage benutzt zu werden. Trotzdem gelang es mir, in Rekordgeschwindigkeit abzuspritzen. Nur gut, dass sich meine Tür abschließen ließ.
»Samba si! Arbeit no!«
[Roberto Blanco]
Noch am selben Abend sollte ich erfahren, warum Julia sich während des allerersten Gesprächs, das wir in diesem unserem Leben miteinander geführt hatten, so augenfällig für den Grad der meinem Leib innewohnenden Leistungsfähigkeit interessiert hatte.
Ich war gerade mit einer Packung Katenrauchschinken vom Billigdiscounter zurückgekehrt, die ich heimlich in meinem Zimmer zu verdrücken gedachte, als ich Kleingeld im Flur begegnete.
»Gut, dass ich dich sehe«, sagte er. »Wir zieh’n nachher was durch. Kurze Besprechung in der Küche gegen zehn. Du bist doch dabei, oder?«
Weil ich bei dem Begriff Durchziehen im ersten Moment an Rauschgift dachte und nicht recht verstand, warum vor dem gemeinsamen Genuss eines Pfeifchens noch eine Besprechung abgehalten werden musste, schwieg ich irritiert.
Kleingeld schien das als Missfallensbekundung zu deuten.
»Keine Sorge, ist nichts Großes. Nur ’n bisschen Sachbeschädigung«, erklärte er.
Nun verstand ich, was er meinte, und beeilte mich, meine Zustimmung zu bekunden. Denn gewiss würde auch Julia bei der Unterredung und der sich anschließenden Straftat zugegen sein.
»Wunderbar.« Kleingeld wollte schon an mir vorbei, hielt dann aber noch einmal inne: »Was hast’n da in der Tüte?«
»Backpflaumen und Sojakeimlinge«, log ich.
»Ja … dann mal guten Hunger, ne.« Er sah mich gleichermaßen bewundernd wie angeekelt an.
»Haben alle ihre Handys aus?«, fragte Julia, nachdem ich neben Jan am Küchentisch Platz genommen hatte. Julia und Kleingeld saßen uns gegenüber.
Ich zog mein Telefon aus der Hosentasche und schaltete es pflichtschuldig aus. Um von meiner Nachlässigkeit abzulenken, erkundigte ich mich nach Lasse.
»Der hat Frühschicht«, sagte Kleingeld und griff nach einer halbvollen Flasche Club-Mate.
Lasse, soviel hatte ich bereits mitbekommen, arbeitete als Krankenpfleger und musste nicht selten schon um fünf Uhr morgens aus dem Haus. Kleingeld lebte offiziell von der Fürsorge, in erster Linie aber von seinem gottgegebenen Talent, Menschen auf der Straße anzuschnorren. Julia und Jan, die beide studierten, bezogen Bafög und jobbten nebenbei.
»Also gut«, begann Julia den offiziellen Teil des Abends, »heute nehmen wir uns diese Edelboutique in der Morbus Hansen vor. Kleingeld macht die Tür, Jan und ich kümmern uns um die Schaufenster. Und du«, sie sah mich eindringlich an, »schnappst dir ’ne Sprühdose und übernimmst die Öffentlichkeitsarbeit. Jemand ’ne Frage dazu?«
Wie Kleingeld und Jan hätte auch ich jetzt gern den Kopf geschüttelt. Aber das konnte ich nicht, denn ich hatte eine Frage, und zwar eine essentielle. Also hob ich die Hand und sagte: »Ja, ich.«
Julia wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht und fixierte mich erneut mit ihren Huskyaugen.
Das Anliegen, das ich vorbringen wollte, war mir unangenehm genug. Nun hatte ich zusätzlich noch damit zu kämpfen, mich nicht in diesem Blick zu verlieren. Aber natürlich verlor ich mich. Und zwar dergestalt, dass ich, hätte man mich zwischen siebzigtausend entfesselte Fußballanhänger gesteckt und mir ein Mikrofon in die Hand gedrückt, ohne zu zögern um Julias Hand angehalten hätte. Stattdessen hörte ich mich nach einer endlos erscheinenden Pause Folgendes stammeln: »Also … ich würde gern wissen, was ich da … äh, was ich schreiben … also da hinsprühen soll … an diese Boutique.«
Julia prustete los. Und auch die anderen konnten sich ein spöttisches Kichern nicht verkneifen.
Kleingeld war der Erste, der sich wieder in der Gewalt hatte.
»Na, was schon?! Irgendwas, das den Arschlöchern zeigt, was wir von ihnen halten, natürlich.«
»Ich hatte nur überlegt, ob ich vielleicht irgendwas Spezielles …«, versuchte ich, meine Würde wenigstens im Ansatz wieder herzustellen.
Niemand reagierte darauf.
Vielmehr sagte Julia: »Schön, dann ist das auch geklärt. Also weiter: Um Viertel nach eins geht’s los. Wir brechen jeweils zu zweit auf und treffen exakt um ein Uhr dreißig am Laden aufeinander. Jan und ich dreh’n dann noch ’ne kleine Extrarunde und stoßen drei bis vier Minuten später wieder zu euch. Euer Part sollte bis dahin erledigt sein. Hab ich irgendwas vergessen?«
Ich sah auf die Tischplatte wie früher im Mathematikunterricht, wenn nach Freiwilligen zum Vorrechnen an der Tafel gesucht wurde. Jan war weniger mundfaul.
»Vielleicht sagst du noch kurz was zur Dauer der Aktion«, streberte er.
»Ah, klar, das ist wichtig.« Julia belohnte ihn mit einem anerkennenden Blick. »Egal, wie’s läuft, spätestens, wenn die Steine geflogen sind, hau’n wir ab. Natürlich wieder in verschiedene Richtungen. Und jeder checkt bitte noch mal, ob ihm nicht ’n Zivi oder sonst wer an den Hacken hängt, bevor er hier aufschlägt.« Ein letzter Blick in die Runde, dann das Schlusswort: »Okay, um eins seh’n wir uns wieder hier in der Küche. Ich leg mich bis dahin noch ’n bisschen ab.«
»Gute Idee«, ließ sich Kleingeld vernehmen, griff sich seine Mate-Flasche und folgte ihr in den Flur.
Ich erhob mich ebenfalls, allerdings nur um den Kühlschrank zu öffnen.
»Auch ’n Bier?«, fragte ich Jan über die Schulter.
»Alkohol ist vor Aktionen eigentlich nicht so gern gesehen.«
»Alter, ein Bier!« Ich griff mir zwei Flaschen und begab mich zurück an den Tisch.
Nachdem wir uns zugeprostet hatten, tauchte Ulrike plötzlich neben mir auf und legte mir seinen schweren Kopf auf die Oberschenkel.
Während ich ihm mit der Linken unkonzentriert durchs Fell fuhr, wurde mir plötzlich etwas bewusst, das mir schon wesentlich früher hätte auffallen müssen: Es hatte, was die Aufgabenverteilung betraf, keinerlei Diskussionsprozess gegeben. Zumindest keinen, in den ich mit einbezogen worden war. Die aus diesem Fakt gefolgerte Einschätzung meinen Status betreffend, also die Erkenntnis, dass ich hier offenbar weniger galt als der Rest, ließ Zorn in mir aufsteigen, der sich – gepaart mit der Erinnerung an das Schamgefühl, das das Gelächter der anderen mir beschert hatte – in einer Frage Bahn brach, die im Ton vielleicht ein wenig scharf daherkam.
»Sag mal, läuft das eigentlich immer so bei euch?«
»Was denn?« Jan sah von der halbfertigen Selbstgedrehten auf, die er zwischen den Fingern hielt. Er wirkte aufrichtig irritiert.
»Na, dass ihr festlegt, wer wann welche Aufgabe zu übernehmen hat, ohne dass das vorher auch nur im Ansatz gemeinschaftlich besprochen wird.«
»Ach, das meinst du.« Jan gab sich Feuer und sog genüsslich den Rauch ein. Dann sagte er mit einem Lächeln auf den Lippen: »Da fühlt sich wohl jemand in seinem Ego angegriffen, was?«
Ich wollte schon protestieren, aber er schnitt mir mit einer Handbewegung das Wort ab.
»Entspann dich wieder, Sportsfreund. Wir hatten das schon länger geplant. Und zwar mit Lasse. Wenn die Hotten im Krankenhaus nicht seinen Dienstplan geändert hätten, wärst du gar nicht gefragt worden. Hat dir das keiner erzählt?«
»Nein«, sagte ich, keineswegs versöhnt angesichts der Tatsache, als Reservespieler aufs Feld geschickt zu werden.
»Hey, es wäre einfach müßig gewesen, das alles noch mal lang und breit auseinanderzudividieren. Außerdem …« Jan zögerte.
»Na, was?«
»Außerdem wollte … wollten wir erst mal seh’n, wie du dich anstellst.«
Einen Moment lang glaubte ich, aus der Wirklichkeit katapultiert worden zu sein. Da saß mir also mein bester Freund gegenüber und erklärte mir in aller Seelenruhe, dass er mal sehen wolle, wie ich mich anstellte. Na gut, dann stellte ich mich eben an. Und zwar gleich.
»Sag mal, dir hat wohl der letzte Vegi-Burger das Stammhirn zerfressen!«, schrie ich. »Wie lange kennen wir uns jetzt schon?! Dreizehn Jahre? Vierzehn? Und da willst du überprüfen, ob ich mich für so ’ne Lachnummer eigne?«
Jan zuckte entschuldigend mit den Achseln.
»Komm, Mann, ich weiß, dass auf dich Verlass ist. Aber die anderen kennen dich gerade mal ’n paar Tage. Ist doch normal, dass sie dich erst mal auschecken wollen.«
Ich war noch immer derart aufgebracht, dass ich dieses durchaus nachvollziehbare Argument um ein Haar überhört hätte. Mir lag schon der Satz auf der Zunge, dass die drei angehenden Aushilfsterroristen ihren mittelmäßigen Schülerstreich doch am besten ohne mich verüben sollten. Aber dann tauchte für den Bruchteil einer Sekunde Julia mit einem schweren Pflasterstein in der Hand vor meinem inneren Auge auf, und ich besann mich wieder.
»Na gut, da mag was dran sein«, lenkte ich ein. »Aber das hättest du vielleicht besser für dich behalten.«
»Tut mir leid. Ist mir so rausgerutscht.«
»Schon gut.« Ich wechselte das Thema: »Sag mal, du bist doch nicht wirklich Veganer geworden, oder?«
»Na ja«, sagte Jan, »Ich versuch’s.« Und dann nach einer kurzen Pause: »Klappt aber meistens nur an ungeraden Tagen, die mit einem Vokal beginnen.«
»Da bin ich ja beruhigt. Ich hab auch so alle paar Stunden meine Schwächephasen.«
Wir sahen uns verschwörerisch an, dann brachen wir in befreiendes Gelächter aus. Das übliche Verhalten von Schwächlingen, die ihre mangelnde Willensstärke hinter großkotzigem Gehabe zu verbergen suchen.
Schließlich drückte Jan seine Kippe aus und stemmte sich in die Höhe.
»Ich denke, ich entspann mich auch noch ’n bisschen.«
»Jesus, man könnte meinen, wir planen ’nen Anschlag auf die Innenbehörde.«
»Ein ausgeruhter Geist ist die vornehmste Waffe des Revolutionärs«, sagte Jan lachend. Dann war er verschwunden.
Ulrike folgte ihm, als ob er einen für das menschliche Ohr nicht vernehmbaren Pfiff gehört hätte.
Ich saß also allein in der Küche, trank weitere Biere und dachte über markige Zeilen nach, die den oder die Betreiber der Boutique das Fürchten lehren und mir im Kreise meiner neuen (und alten) Freunde Anerkennung und Beifall einzubringen vermochten. Den Zweiflern würde ich schon zeigen, was sie von meinen Qualitäten in Bezug auf klandestine Unternehmungen zu halten hatten!
Leider war ich bis viertel vor eins noch nicht so weit, wie ich gehofft hatte. Um genau zu sein, verfügte ich über ganze zwei Sätze, von denen der eine zusätzlich noch einer knackigen Beschimpfung bedurfte. Auf meinem virtuellen Notizblock stand zum einen die altbekannte Parole Kapitalismus tötet!, zum anderen der selbst erdachte Polenböller Verpisst euch nach Entenhausen, ihr …! Ohne Zweifel unbefriedigend, aber was sollte ich machen?! Inspiration lässt sich nun mal nicht erzwingen. Dafür hatte sich – dem Alkoholpegel sei Dank – meine innere Einstellung drastisch verbessert. Ich war bereit loszuschlagen. Der Rest konnte getrost der Spontanität des Augenblicks überlassen werden.
Voller Tatkraft räumte ich die leeren Flaschen unter die Spüle. Dann ging ich in mein Zimmer und stopfte mir den verbliebenen Schinken in den Mund.
Keine fünfzehn Minuten später stand ich wieder in der Küche; natürlich in einer Kluft, die unserem Vorhaben angemessen war: schwarze Turnschuhe, deren Logos ich mit Klebeband abgedeckt hatte; schwarze Baggy Pants, in der ein Paar Arbeitshandschuhe steckten; schwarze Jacke ohne Markenaufdruck; schwarzes Halstuch; schwarze Wollmütze. Genau die richtige Garderobe für einen nächtlichen Spaziergang.
Da ich als Erster erschienen war, drängte sich die Idee auf, meinen Enthusiasmus mit einem weiteren Bier zu füttern. Ich rang die Versuchung nieder, indem ich die Sprühdose, die ich drei Minuten zuvor aus meinen Beständen gefischt hatte, noch einmal prüfend in der Hand wog. Sie war schon benutzt worden, schien aber noch voll genug zu sein.
Als gleich darauf die anderen auftauchten, war ich froh, dem sirenengleichen Werben des Gerstensafts die Stirn geboten zu haben. Musste ja nicht sein, dass ich mir kurz vorm Aufbruch noch eine spitze Bemerkung einfing.
Julia und Kleingeld verglichen Armbanduhren, die ich noch nie an den beiden gesehen hatte. Dann sagte Julia an Kleingeld gewandt: »Okay, haut ihr schon mal ab. Jan und ich warten noch ’ne Minute. Seht zu, dass ihr nicht zu früh da seid. Sobald wir uns begegnet sind, legt ihr los.«
Kleingeld quittierte diese Sätze mit einem knappen Nicken, dann sah er mich an.
»Fertig?«
»Fertig«, sagte ich, wobei ich mich bemühte, meinen alkoholgesättigten Atem nicht in seine Nase steigen zu lassen. Für eine Sekunde fühlte ich mich, als ob wir eine x-beliebige amerikanische Krimiserie nachspielen würden – Fertig, Sergeant? Fertig! Gleich würden wir dieser Bande abgebrühter Crackdealer gepflegt die Tür eintreten. Ich hatte Mühe, ein Kichern zu unterdrücken.
Während Kleingeld den Reißverschluss seiner Jacke hochzog und sich die Mütze aufsetzte, musterte ich meine Mitstreiter. Sie sahen aus wie ich selbst: gut verpackt in sportliche, schwarze Klamotten, die kaum etwas von ihrer Identität preisgaben. Beim jährlichen Maskenball des Polizeisportvereins hätten sie uns sicher zu unserer gelungenen Kostümwahl gratuliert.
Kleingeld nahm einen letzten Schluck Mate. Dann zogen wir ab.
Da mein Begleiter einen Umweg wählte, war es uns möglich, ein zügiges, aber nicht zu hohes Tempo einzuschlagen. Auf Passanten mussten wir wie zwei Kino- oder Kneipengänger wirken, die nach der Spätvorstellung oder dem letzten maßvoll genossenen Glas Wein festen Schrittes ihrer Wohnstatt entgegenstrebten. Aber Passanten waren keine zu sehen. Für eine Montagnacht selbst in unserem als Amüsierviertel geltenden Bezirk nichts Ungewöhnliches, zumindest in den Seitenstraßen, durch die wir uns bewegten.
Nachdem wir seit dem Verlassen des Hauses geschwiegen hatten, unterbrach Kleingeld meinen Gedankenstrom urplötzlich mit einer Frage, deren Sinn ich nicht gleich verstand: »Und? Hast du dir was Hübsches einfallen lassen?«
»Bitte?«
»Weißt du schon, was du gleich sprühen wirst?«
»Ja, klar«, log ich mit vorgetäuschter Selbstsicherheit. Ich verspürte keinerlei Drang, mich über die dürftige Ausbeute meines bisherigen Denkprozesses zu verbreiten. Nicht, dass hier auf der Straße noch eine Diskussion losbrach. Oder noch schlimmer: Dass Kleingeld meinte, mir vorsagen zu müssen.
Zum Glück fragte er nicht weiter nach.
In meinem biergesättigten Köpfchen herrschte auch so genug Betrieb. Verpisst euch nach Entenhausen – das klang doch zünftig! Aber was konnte ich ans Ende stellen? Ihr Bastarde? Ihr Hurensöhne? Nein, deutlich zu sexistisch und außerdem vom Thema wegführend. Vielleicht ihr Krämerseelen? Ohne Zweifel ein klangvoller Ausdruck, aber schwang da nicht ein zu großer Happen verkürzte Kapitalismuskritik mit? Verdammt, roch nicht die ganze Aktion genau danach?! Egal, hier ging es ohnehin nicht um Politik. Hier ging es um Herzensbildung. Jedenfalls für mich. Julia sollte das gefallen, was da in ein paar Minuten wie ein böser Ausschlag von der Fassade abstrahlen würde, nicht mir. Ich entschied, das Ende einfach wegzulassen. Das sparte nebenbei noch Zeit. Und Zeit war schließlich ein nicht unbedeutender Faktor im Kampf gegen die Zeitverwertungsmaschinerie.
Nicht minder wichtig war selbstverständlich das Timing. Unseres schien heute zu stimmen. Denn als Kleingeld und ich in die Morbus Hansen-Straße einbogen, sahen wir unsere Hausgenossen schon auf uns zukommen. Beide trugen Sporttaschen, Julia die ihre leger über der Schulter, Jan die seine in der Rechten. Wir passierten uns keine zehn Meter vom Laden entfernt, natürlich ohne uns eines Blickes zu würdigen.
Kleingeld schlüpfte in seine Handschuhe und zog sich das Halstuch über die Nase, ich tat es ihm gleich, und dann standen wir auch schon vor den liebevoll dekorierten Schaufenstern des Markenanbieters. Freundlicherweise war zwischen der Eingangstür und der rechten der beiden verglasten Präsentationsflächen ein Streifen sauber verputztes Mauerwerk verblieben, dessen Breite für meine Zwecke völlig ausreichte – zumindest, wenn ich die Worte untereinander schrieb.
Ich zog die Sprühdose aus meiner Hosentasche, schüttelte sie kurz und machte mich an die Arbeit. Während ich der Weltöffentlichkeit die ersten drei Buchstaben überantwortete, sah ich Kleingeld aus den Augenwinkeln am Türschloss herumwerkeln. Ich nahm an, dass er irgendwas Metallisches in den Schließkanal schob (eine umgebogene Büroklammer oder ein Stück Draht beispielsweise), das er mit einer Zange gleich dergestalt abbrechen würde, dass nichts mehr aus dem Schloss herausragte, bevor er sein perfides Werk mit einer Ladung Sekundenkleber zum Abschluss brachte. Bei diesem Gedanken richtete ich meine Konzentration wieder auf meine eigene Aufgabe. Nichts war bei dem, was ich hier tat, schließlich schlimmer als das Produzieren von Rechtschreibfehlern. Noch mal schnell den Inhalt der Dose in Bewegung gebracht, schon ging es an die zweite Silbe. Ein hübsch geschwungenes p, gefolgt von einem munteren i – dann versiegte der Farbstrahl schlagartig.
Ich setzte ab, gab ein weiteres Mal den Barmixer und versuchte es erneut. Nichts! Also noch mal geschüttelt. Diesmal so heftig, dass mir das dadurch ausgelöste Klackern wie der Widerhall sich drehender Panzerketten in den Ohren dröhnte. Das Ergebnis blieb niederschmetternd. Da musste irgendwas mit der Düse sein. Sicher verstopft. Ich zog mir den rechten Handschuh von der Flosse und begann, mein Arbeitsgerät zu untersuchen. Kleingeld, dem meine Schwierigkeiten nicht entgangen waren, warf mir einen missbilligenden Blick zu. Ich zuckte in stummer Verzweiflung die Schultern. Was sollte ich machen? Zur nächsten Tag- und Nachttankstelle laufen und eine neue Dose erwerben?!
Unterdessen hatte ich einen größeren Klumpen getrockneten Lacks geortet und kratzte mit dem Zeigefingernagel an dem Plocken herum wie ein Grabräuber an der oxidierten Schicht eines metallenen Fundstücks. Es half nichts. Auch nachdem ich die Verunreinigung entfernt hatte, wollte das Behältnis seinen Inhalt nicht mehr preisgeben.
Kleingeld hatte seine Solidarmaßnahme für die regionalen Schlüsseldienste unterdessen zum Abschluss gebracht und nun ausreichend Muße, sich mit mir zu beschäftigen.
»Lass es sein!«, raunte er mir zu und griff mir an den Oberarm, um zu verhindern, dass ich die Dose erneut als ruhestörende Rassel einsetzte.
Ich wollte energisch protestieren, schließlich ging es in diesem Moment um nichts Geringeres als um meine Befähigung für weitere nächtliche Strafexpeditionen, aber dann vernahm ich hinter mir das Geräusch sich rasch nähernder Schritte und ich wusste, dass ich verloren hatte. Ich drehte mich um und sah Julia und Jan auf uns zukommen – beide hielten ihre Sporttasche nun in der Linken, während die Rechte fest um einen Pflasterstein geschlossen war. Noch bevor sie uns erreicht hatten, holten sie aus und ließen ihre Wurfgeschosse durch die Luft segeln. Ich vernahm dieses dumpfe Knirschen, das immer dann entsteht, wenn Glas nicht vollständig zersplittert, sondern nur eingedrückt wird, gefolgt vom Poltern der auf den Gehweg zurückschnellenden Steine. Dann verstärkte Kleingeld den Druck auf meinen Bizeps und gemahnte mich im Flüsterton, der mir nach dem gerade abgeebbten Lärm reichlich albern vorkam, dass wir jetzt abzuhauen hätten.
Ich riskierte einen letzten Blick, sah Jan mit beiden Händen eine halbe Gehwegplatte aus der inzwischen abgestellten Tasche heben, und nahm die Beine in die Hand.
Gemeinsam rannten Kleingeld und ich bis zur nächsten Straßenkreuzung, dann trennten wir uns. Ich überquerte die Fahrbahn, wobei ich vom Galopp in ein ruhiges Ausschreiten wechselte, während mein Begleiter nach links abbog.
Unter normalen Umständen wäre ich nach ein oder zwei Haken auf dem kürzesten Weg in unser trautes Heim zurückgekehrt. Angesichts des gerade erlebten Waterloos erfüllte mich dieser Gedanke jedoch mit Schaudern. Und so lief ich stattdessen an die zwanzig Minuten in die immergleiche Richtung. Um ein Haar hätte ich dabei vergessen, die Sprühdose zu entsorgen. Ich versenkte das hundertfach verfluchte Stück Hexenwerk im Müllcontainer einer Dönerbude.
Als ich schließlich umkehrte, tat ich das im Bewusstsein der absoluten Niederlage. Hohn und Spott würden noch das Geringste sein, was ich mir von den anderen würde anhören müssen. Vielleicht hatte ich ja Glück und sie waren schon zu Bett gegangen.
Eine närrische Hoffnung, wie ich nach meinem Eintreten in den Flur erkennen musste. Denn meine Mitstreiter schienen offenkundig auf mich zu warten. Sie saßen bei Kerzenlicht in der Küche und reagierten auf mein Erscheinen mit einer Mischung aus Erleichterung und angestauter Aggression.
»Na, endlich«, entfuhr es Jan, »wir haben uns schon Sorgen gemacht.«
Kleingeld ergänzte diesen Befund mit den Worten: »Um genau zu sein, haben wir damit gerechnet, dass du eingefahren bist.«
Noch bevor ich ein Wort der Entschuldigung hervorbringen konnte, hatte sich Julia erhoben und vor mir aufgebaut.
»Gibt es irgendeine Erklärung dafür, dass du hier mit einer derartigen Verspätung antanzt?«, fragte sie, und dabei lag nichts in ihrem Blick, was auch nur ein Minimum an Trost versprach.
»Ich brauchte einfach ’ne Weile, um die Pleite mit dieser verkackten Dose zu verdauen«, sagte ich, was zwar der Wahrheit entsprach, aber in diesem Moment so kläglich klang wie die Ausrede eines Erstklässlers, der absichtlich auf dem Schulweg getrödelt hatte.
»Ach, weil also irgendwas nicht so läuft, wie du das gerne hättest, meinst du, du kannst mal eben komplett auf die Gruppe scheißen«, ätzte Julia.
Während mir die Empörung, die ihre Pupillen versprühten, einen Flammenteppich auf die Wangen legte, kristallisierten sich aus dem Gedankenbrei in meinem Kopf zwei Wünsche heraus – beide gleichermaßen dem Verlangen entsprungen, aus der defensiven Position, in der mich befand, zurück in die Vorwärtsbewegung zu kommen: Julia, ohne dass sie dabei ihre Vorhaltungen unterbrach, auf dem Küchentisch zu vögeln oder mir einen Schluck Bier die Kehle hinabrinnen zu lassen.
Da letzteres deutlich leichter zu haben war, schob ich mich an meiner Anklägerin vorbei und öffnete die Kühlschranktür.
»Ja, und jetzt natürlich erst mal schön einen saufen, auf den Erfolg«, höhnte Julia hinter meinem Rücken, noch bevor ich den Kronkorken von der Flasche hatte.
»Komm, entspann dich ’n bisschen«, intervenierte Jan. »Gegen ein Feierabendbier ist doch nun wirklich nichts einzuwenden.«
»Für mich ’ne Mate, bitte«, ließ sich Kleingeld vernehmen.
Ich erfüllte ihm sein Begehr.
Aber Julia war noch nicht fertig: »Von mir aus kann sich jeder ’n Trip einklinken und mit ’ner Flasche Wodka nachspülen. Aber erst, nachdem wir die Aktion besprochen haben. Und das gilt natürlich besonders dann, wenn einige Dinge grob schiefgelaufen sind.«
Das Zielfernrohr ihrer rechtschaffenen Verärgerung richtete sich erneut auf mich: »Hast du diese Sprühdose eigentlich mal auf ihre Funktionsfähigkeit geprüft, bevor du sie eingesteckt hast?«
»Ja, hab ich. Und sie hat ja auch funktioniert. Wenigstens am Anfang …«
»Aber daran, dir ’ne Ersatzdose mitzunehmen, hast du nicht zufällig gedacht, oder?!«
Ich blieb ihr die müßige Antwort schuldig und nahm stattdessen einen ausgiebigen Schluck Holsten Edel.
Das machte sie richtig wütend.
»Dir ist das alles scheißegal, ne?! Herrgott, wenn die Bullen nicht schon aus ihrem Misthaufen gekrochen wären, würde ich dich am liebsten noch mal losschicken, damit du diese Versagernummer zu Ende bringst.«
Jetzt war es an mir, einen aufgebrachten Ton anzuschlagen. Verehrung hin oder her, allein aus strategischen Gründen war ich gut beraten, mich nicht völlig zum Honk machen zu lassen. Angriffsmöglichkeiten boten sich reichlich. Ich wählte die erste, die mir durch den Kopf schoss.
»Klar, die Botschaft ist ja bei so ’nem krassen Kommandounternehmen auch immer das Allerwichtigste. Nicht, dass die werktätigen Massen am Ende den Tag noch ohne die weisen Worte der Revolution beginnen müssen. Vielleicht machst du dir besser mal klar, dass ich da sonst was an die Mauer hätte schreiben können. Der Sinn unserer Großtat hätte sich trotzdem nicht vermitteln lassen. Für die meisten Leute ist das nichts weiter als die Beschädigung fremden Eigentums. Und zwar aus reiner Zerstörungswut oder jugendlichem Leichtsinn, oder noch schlimmer: aus purem Neid. Selbst ich könnte nicht mal eben erklär’n, inwiefern zwei kaputte Scheiben und ein verklebtes Schloss in der Lage wären, dem System zu schaden.«
Verdammt, mit der letzten Bemerkung war ich deutlich zu weit gegangen. Um das zu erkennen, hätte es den vernichtenden Blick aus Julias Augen gar nicht gebraucht. Zum Glück kam ihr Kleingeld mit einer Antwort zuvor.
»Mann, auf das System ist geschissen. Erst mal müssen wir unsern Kiez sauber halten.«
Kiez? Hatte Kleingeld tatsächlich Kiez gesagt? Nach meinem Dafürhalten das Unwort des Jahrhunderts. Alle, die auch nur eine Tätowierung am Leib trugen oder sich ein Stück Metall ins Gesicht hatten schrauben lassen, wohnten plötzlich im oder noch schlimmer: auffem Kiez. Und wenn sie doch mal einen Stadtteil behausten, der sich dieser Zuschreibung erfolgreich erwehrte, dann wollten sie wenigstens in ihrer Freizeit durch oder über den Kiez ziehen und dabei Getränke konsumieren, denen die Werbeindustrie das Gütesiegel Schlüpferstürmer der Subkultur verliehen hatte – Astra beispielsweise oder Fritz-Kola oder Sterni. Und natürlich musste der Kiez stets verteidigt werden, gegen Schwaben oder Touris oder Investoren oder wen auch immer. Fehlte nur noch ein entsprechender Aufnäher, vielleicht mit dem Aufdruck Ich bin stolz, ein Kiezbewohner zu sein.
Bei einem derart schwachen Aufschlag war es ein Leichtes, den Ball knapp hinters Netz zurückzuspielen: »Ach, wir entscheiden jetzt also, wer sich hier ansiedeln darf und wer nicht?!«
»Nee, das vielleicht nicht … Aber wir sollten wenigstens dafür sorgen, dass sich die Scheiß-Yuppies hier nicht noch breiter machen, als sie’s ohnehin schon getan haben.« Kleingeld war wirklich ein Geschenk des Himmels.
»Na, klar, die Yuppies«, höhnte ich mit süßlicher Stimme. »Die sind natürlich an allem schuld.« Den Zusatz vielleicht sind sie sogar unser Unglück konnte ich mir gerade noch verkneifen. Stattdessen sagte ich: »Und wer legt das fest, wer Yuppie ist und wer nicht? Du? Oder ich? Oder das Komitee zur Reinhaltung des Stadtteils? Und wenn die so ’nen fiesen Yuppie ausgemacht haben, darf der das Viertel dann nicht mehr betreten? Oder nur noch tagsüber? Vielleicht mit Passierschein? Oder steckt man so einen nicht besser gleich ins Umerziehungslager beziehungsweise ins Latte-macchiato-Ghetto? Alter, es ist doch völlig aberwitzig zu glauben, das Glück dieses Planeten hinge vom Verschwinden einer bestimmten Bevölkerungsschicht ab, mal ganz davon abgesehen, dass die Gruppe, über die wir hier sprechen, noch nicht mal klar zu definieren ist.«
Kleingeld starrte mich über seine Mate-Flasche hinweg feindselig an, blieb aber, wie ich es erwartet hatte, vollkommen still.
Es war Jan, der die Antwort übernahm: »Es geht doch überhaupt nicht um Yuppies, oder wenn, dann nur vordergründig. Es geht darum, dass hier seit Jahren die Mieten explodier’n, dass alteingesessene Bewohner verdrängt und aus ihren sozialen Bindungen gerissen werden und dass wir dem irgendwas entgegensetzen müssen.«
Damit hatte er natürlich Recht. Trotzdem wollte oder konnte ich jetzt nicht einfach klein beigeben. Außerdem stellte sich immer noch die Frage, ob der Angriff auf ein Bekleidungsgeschäft tatsächlich ein probates Mittel war, um den Prozess, von dem Jan gesprochen hatte, aufzuhalten.
»Und du meinst, mit ein paar eingeschmissenen Schaufenstern lässt sich der Zuzug von unliebsamen Personengruppen stoppen?«
»Na, klar, das schreckt ab. Die Versicherungsprämien steigen und die Angst auch. Davon ab: Wir sind ja gar nicht gegen Veränderungen, auch nicht gegen den Zuzug von Reichen oder Yuppies oder wie auch immer du die Leute nennen willst, die sich hier ’ne Eigentumswohnung klarmachen. Nur: Die Mischung muss stimmen. Aber wieso erklär ich dir das eigentlich?! Du weißt das doch alles selbst.«
»Ja, klar«, gab ich zögerlich zu. »Und trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob unsere Methode die richtige ist. Das System als Ganzes ist der Fehler. Ist es da nicht kontraproduktiv, den Fokus auf seine einzelnen Teile zu legen?«
Die Replik kam augenblicklich. Und zwar von Julia: »Für jemanden, der vor zwei Tagen noch Ulrike Meinhof zitiert hat, hast du ’ne Menge gequirlter Scheiße im Kopf. Aber hey, sobald du herausgefunden hast, wie das System beseitigt werden kann, ohne seine Einzelteile anzugreifen, kannst du uns dazu ja mal ’n erhellendes Referat halten. Aber vielleicht übst du vorher noch ’n bisschen sprühen.«
Treffer! Versenkt! Ich sah hilfesuchend zu Jan, aber der ignorierte meinen Blick geflissentlich.
»Und damit weiterhin viel Spaß bei eurer Kaffeehaus-Revolution«, setzte Julia noch einen drauf, bevor sie sich abrupt umwandte und erhobenen Hauptes das Zimmer verließ.
Kleingeld folgte ihr, ohne Jan oder mich eines Grußworts für würdig zu befinden.
Ich trank in einem Zug mein restliches Bier aus, entnahm dem Kühlschrank zwei neue und ließ mich Jan gegenüber auf einen Stuhl fallen.
Nachdem wir beide eine Weile auf die Türöffnung gestarrt und schweigend an unseren Flaschen genuckelt hatten, durchbrach Jan die Stille schließlich mit genau der Frage, mit der zu rechnen gewesen war.
»Sag mal, was ist eigentlich los mit dir?« Sein Gesicht trug einen Ausdruck, wie er normalerweise Menschen zu eigen ist, die in Therapieeinrichtungen arbeiten.
»Keine Ahnung«, stöhnte ich leise, während ich mir eine Zigarette aus der Packung fingerte. »Ist wohl einfach nicht mein Tag heute. Dieser Anfängerfehler vorhin hat mich völlig aus der Spur gebracht.«
»Versteh ich ja. Aber das kann doch nicht der Grund dafür sein, hier mal eben den großen Rundumschlag zu führen.«
»Nein«, sagte ich, »das liegt wohl eher an was anderem.«
Jan hakte zum Glück nicht weiter nach, setzte allerdings ein wissendes Lächeln auf. Dann sagte er: »Du solltest morgen auf jeden Fall noch mal mit Julia sprechen. Und mit Kleingeld besser auch.«
Ja, das sollte ich wohl. Sonst hatte es sich bald erledigt mit aufregenden Begegnungen im Badezimmer.
»Wie frei willst Du sein?«
[Howard Carpendale]
In Anbetracht des Bußgangs, der mir bevorstand, hatte ich es unterlassen, mir einen Rausch anzutrinken. Die Vorstellung, Julia mit einem mittelschweren Kater gegenüberzutreten, war nicht gerade stimulierend gewesen. Zwei Bier mit Jan, zwei weitere in meinem Zimmer, dann hatte ich brav das Licht gelöscht. Das Ergebnis dieser klugen, dieser zumindest theoretisch klugen Maßnahme: ein halbgarer Promille-Level, der mich nicht schlafen ließ. Stunde um Stunde wälzte ich mich von einer Seite auf die andere, während meine Gedanken mal zu den Ereignissen des vergangenen Abends wanderten, mal Sätze formulierten, die Julia milde zu stimmen vermochten, mal die Antwort auf die Frage abwogen, ob ich nicht vielleicht doch noch ein Bier …
Es musste fünf oder sechs geworden sein, bevor sich die Notbeleuchtung in meinem Kopf endlich abgeschaltet hatte.
Entsprechend spät war es, als ich erwachte. Längst war die Phase des Tages angebrochen, in der man sich in einer anständigen deutschen Firma mit Mahlzeit zu begrüßen pflegt. Rasch befriedigte ich mein Verlangen nach Nikotin, dann zog ich mich an. Die Idee, mir eine weitere Kippe und damit eine Gnadenfrist zu genehmigen, verschwand genauso schnell, wie sie gekommen war. Der Wunsch, die lästige Angelegenheit hinter mich zu bringen, war stärker. Und so nahm ich all meinen Mut zusammen und trat hinaus auf den Flur.
Der Rest der Wohnung empfing mich mit einer ungewohnten Stille – weder war Musik zu hören, noch Stimmengewirr, noch das enervierende Geräusch unserer für gewöhnlich in der Heavy Rotation vor sich hin rumpelnden und pfeifenden Vorkriegswaschmaschine. Offenbar war der Rest der Rasselbande ausgeflogen. Einem ersten Moment der Erleichterung folgte die Erkenntnis, dass ich die Ungewissheit und dieses flaue Gefühl, das eben jener Ungewissheit wie ein liebeskranker Sonderschüler hinterherdackelte, nun noch länger, ja, möglicherweise stundenlang mit mir herumzutragen hatte.
Als ich auf dem Weg zum Bad an Julias Zimmer vorbeikam, meinte ich hinter ihrer Tür allerdings ein Geräusch zu vernehmen. Ich presste mein Ohr ans Holz, und tatsächlich: Da war ein leises Klirren, so, als würde jemand mit Gläsern hantieren. Sie war also doch zu Hause! Das flaue Gefühl gewann an Größe. Nun gab es keinen Aufschub mehr. Oder vielleicht doch? War es nicht wesentlich cleverer, eine unverfängliche Gesprächssituation herbeizuführen? Sich beispielsweise in die Küche zu setzen und dort auf Julia zu warten? Ich könnte Brötchen holen und Kaffee kochen … Ohnehin hatte ich mich zuallererst einmal in einen halbwegs präsentablen Zustand zu versetzen, mir also wenigstens eine Berberdusche angedeihen zu lassen.
Ich hatte meinen Gehwerkzeugen gerade den Befehl erteilt, wieder Fahrt aufzunehmen, als in erschreckend geringer Entfernung plötzlich Julias Stimme erklang.
»Warte, ich hol ’ne neue«, sagte sie.
Dann wurde auch schon die Tür aufgerissen, und ich hatte alle Mühe, den entscheidenden Schritt zur Seite zu machen, um nicht umgerannt zu werden. Julia, die sich gezwungen sah, ihrerseits auszuweichen, stieß einen ärgerlichen Laut aus und blieb abrupt stehen. Zwischen ihren Augenbrauen bildete sich eine Falte, die nichts Gutes verhieß.
»Ich wollte gerade zu dir«, sagte ich schnell, bevor ihr noch der Gedanke kam, ich könne an der Pforte zu ihrem Privatgemach gelauscht haben. Verdammt, ich hatte mir noch nicht mal die Zähne geputzt!
»Ja?«
»Ich wollte … also wegen gestern …«, setzte ich an, verlor den Faden aber gleich wieder, als mir Julias Aufzug bewusst wurde.
Sie trug nichts als Slip und T-Shirt und hielt eine leere Sektflasche in der Linken. Und dann gab sie, während ich dieses Bild noch einzuordnen versuchte, plötzlich den Blick auf ihr Bett frei. Und in diesem Bett saß, den freien Oberkörper an die Wand gelehnt, ein Sektglas in der Hand … Lasse!
Aber das konnte nicht sein. Lasse stand doch auf Männer. Zumindest hatte Jan das erwähnt. Und der kannte Lasse schließlich schon länger. Oder war Lasse vielleicht bi?
»Ja?«, sagte Julia wieder.
Ich war nicht der Lage, meine Verwirrung zu verbergen: »Sollte Lasse nicht im Krankenhaus sein?«
»Ah, du wolltest mit mir über die nachlassende Arbeitsmoral im Gesundheitswesen sprechen«, gab Julia belustigt zurück. Und dann etwas weniger sarkastisch: »Lasse macht blau.«
Der Simulant prostete mir fröhlich zu: »Gastritis.«
»Ach so … ja, das ist natürlich, äh …« Ich wandte mich wieder an Julia: »Eigentlich wollte ich mich bei dir wegen gestern Abend entschuldigen. Ich habe mich da irgendwie in Rage geredet. Warum, kann ich gar nicht sagen. Was ich aber sagen kann, ist, dass so etwas nie wieder vorkommen wird. Nie wieder. Versprochen!«
»Deine Versprechungen kannst du dir erst mal sonst wohin schieben«, entgegnete Julia, sah dabei aber längst nicht so verstimmt aus, wie es ihre Worte hätten vermuten lassen. »Es geht doch hier einzig und allein um die Frage, ob du hinter dem stehst, was wir wollen. Falls ja, müssen wir über gestern Abend kein Wort mehr verlieren. Falls nein, sollten wir besser getrennte Wege geh’n. Denn eins brauchen wir ganz bestimmt nicht, und das ist Unentschlossenheit.« Damit ließ sie mich stehen, um endlich die leere Flasche gegen eine volle auszutauschen, die sie dann gleich gemeinsam mit Lasse …
»Hey, ich bin entschlossen!«, rief ich ihr hinterher, während ich wie ein Drogenopfer auf ihre sich wiegenden Hinterbacken starrte. Und dann, mehr zu mir selbst: »Ich bin fest entschlossen.«
Nachdem Julia in der Küche verschwunden war, begab ich mich ins Bad, klappte die Klobrille hoch und entleerte meine Blase im Stehen – ein Vergnügen, das ich mir schon lange nicht mehr gegönnt hatte.
Als ich danach erneut an Julias Zimmer vorbeikam, war die Tür wieder verschlossen. Von drinnen waren Musik und unangenehm vertrauliches Gekicher zu hören. Ich zog mir die Jacke an und schlüpfte in meine Adidas Allround. Ich brauchte frische Luft.
Ich besorgte mir beim Bäcker einen Kaffee, ließ mich auf einer der Bänke nieder, die den – heute wohltuend unbelebten – Kinderspielplatz säumten, und überdachte meine Lage: Jan hatte ich, was die Teilnehmerliste für den großen Hahnenkampf betraf, natürlich von Anfang an auf dem Zettel gehabt. Schließlich war er aus demselben Grund in die WG gezogen wie ich. Auch Kleingeld war zweifelsohne in Julia vernarrt. Allerdings gestand ich ihm aufgrund seines Äußeren eher geringe Chancen auf den Turniersieg zu. Er war nicht nur mit einer Figur gestraft, die sich zuallererst durch einen gewaltigen Schmerbauch auszeichnete, der von den Stelzen eines Bulimikers getragen wurde, sondern auch derart schlampig gekleidet, dass er Julias Anforderungsprofil unmöglich entsprechen konnte. Was nützt das teuerste Mob-Action-Jöppchen, wenn es wie ein blutverkrusteter Leichensack am Leib hängt?! Demgemäß war ich bisher von einem lockeren Dreikampf ausgegangen, der sich eher früher als später zum Duell verschlanken würde. Dass nun Lasse die Schar der Anwärter verstärkte, ja, offenbar schon einen Vorrundenentscheid gewonnen hatte, versetzte mich in nicht geringe Aufregung.
Aber Halt! Nur ruhig. Vielleicht pflegten Julia und Lasse ja nur eine ganz eigene Form der Freundschaft, eine, die ein gewisses Maß an körperlicher Nähe nicht ausschloss. Und wenn nicht? Wenn nicht? Nun, wenn da doch mehr stattfand, würde ich mich eben doppelt ins Zeug legen müssen.
Keineswegs entspannt ob dieser Aussicht, erhob ich mich und begann ziellos durch die Straßen zu streifen. Immer wieder schob sich dabei die Szene aus dem Flur hinter meine Pupillen, und ich hörte mich selbst, wie ich Julia voller Pathos meine uneingeschränkte Loyalität versicherte. Was dieses Dilemma betraf, war die Lösung zum Glück eine leichtere. Zwar würde ich mich hüten, meine innersten Überzeugungen zu verraten. Und natürlich würde ich mich auch weiterhin an sämtlichen Diskussionsprozessen innerhalb unseres Quintetts beteiligen – wenn auch vielleicht etwas zurückhaltender. Zukünftige Aktionen allerdings sollten ab sofort meine vorbehaltlose Unterstützung genießen.
Für den Fall, dass sie meinen politischen Ansichten noch einmal zuwiderliefen, hatte ich mir in der zurückliegenden Nacht bereits einen simplen Kniff zurechtgelegt: Ab sofort würde ich alles, was wir taten, unter der Rubrik Freizeit und Abenteuer verbuchen. In der genormten Gesellschaft stellte ja schon das kleinste Aufbegehren gegen die staatliche Ordnung einen Akt der – wenn auch temporären – Freiheit dar, den es unabhängig vom sonstigen Nutzen zu feiern galt. Außerdem war das Leben kurz und die Liebe gewiss wichtiger als sture Prinzipienreiterei.
Unterdessen hatten mich meine Schritte in die Nähe der Morbus Hansen geführt. Und obwohl ich nun wirklich jeden Grund gehabt hätte, mein Heil im Vergessen zu suchen, konnte ich der Verlockung nicht widerstehen, kurz am Tatort vorbeizuschlendern. Vielleicht hatte ja ein übereifriger Hausmeister meinem jämmerlichen »Graffito« schon den Garaus gemacht.
Leider war dem nicht so. Zwar waren die Scheiben bereits notdürftig mit Klebeband stabilisiert worden. Die fünf zusammenhängenden Lettern, die mein ganz persönliches Versagen dokumentierten, leuchteten allerdings nach wie vor in einem grellen Rot, das an die Wangen eines Harlekins erinnerte. Verpi verkündeten sie dem aufmerksamen Flaneur – was ja nichts anderes heißen konnte als Verpickelte Teenager mit sexuellen Problemen haben versucht, dieses Geschäft mit einer ihrer albernen Parolen zu verunstalten, mussten sich am Ende aber dem eigenen Analphabetismus geschlagen geben.
Ich wäre dem Schandmal am liebsten selber zuleibe gerückt, zur Not mit den Fingernägeln. Da mir das aus naheliegenden Gründen versagt war, meldete sich der für Frustbewältigung zuständige Teil meines Gehirns mit einem anderen Vorschlag. Er forderte jählings Bier ein. Und damit lag er – wie so häufig – goldrichtig: Ein kleiner Tröster aus der Flasche war nun wahrlich das Mindeste, was ich mir gönnen durfte.
Am Ende der Straße gab es einen Imbiss namens Astrids Aalverwandtschaften. Und den steuerte ich jetzt an. Da konnte ich die Freuden, die ein kaltes Holsten zu bereiten vermochte, gleich noch mit den Wonnen einer Portion Fischfrikadellen multiplizieren.
Ich war derart auf die schnelle Befriedigung meiner oralen Sehnsüchte fixiert, dass ich der restlichen Gästeschar erst Beachtung schenkte, nachdem ich dem sympathischen Muttchen mit der vorbildlich besudelten Kittelschürze, das ja nur Astrid selbst sein konnte, euphorisch meine Bestellung ins Ohr trompetet hatte. Viel los war ohnehin nicht: Ein Pärchen in den Fünfzigern, das sich schweigend eine Portion Labskaus teilte, und ein junger, leicht heruntergelebter Bursche, der mich anstarrte, als hätte er den Leibhaftigen persönlich vor sich, während er gleichzeitig versuchte, einen sogenannten Riesenknacker in seiner Jackentasche verschwinden zu lassen … Kleingeld! Was machte der denn hier?
Nun, das war ja allzu offensichtlich. Ich schob mich an den Stehtisch, an dem er lehnte, und schenkte ihm ein breites Lächeln.
»Na, schmeckt’s?«
»Ich war schnorren«, kam es ohne direkten Bezug zu meiner Frage aus Kleingelds Mundhöhle zurück, in der hektisch letzte Schweinefleischbrocken zermalmt wurden.
Eine Aussage, die vielleicht darauf hinweisen wollte, dass das ketzerische Tun, dessen Zeuge ich hier wurde, seinen Ursprung in der harten Fron des Geldverdienens hatte. Mir war das herzlich egal. Hauptsache, der Sünder fühlte sich ertappt, ergab sich doch dadurch die für mich strategisch günstige Gelegenheit, ihm einen Beweis meines Großmuts zu liefern.
»Keine Sorge«, sagte ich also, »du kannst dein Stück Aas ruhig wieder aus der Tasche holen. Ich bin ja auch nicht nur wegen der Beilagen hier.«
Das schien den Verängstigten ein wenig zu beruhigen. Er brachte den phosphathaltigen Prengel wieder zum Vorschein, zögerte aber noch, hineinzubeißen.
Ich nahm einen Schluck Bier und schielte zum Tresen, um zu sehen, was meine Bestellung machte. Dann sagte ich: »Ich wollte mich übrigens bei dir entschuldigen. Ich hätte mich gestern Abend auf keinen Fall dermaßen hinreißen lassen sollen. Aber in der politischen Auseinandersetzung verliere ich manchmal jedes Maß, weißt du.«
Kleingeld nahm den Themenwechsel mit sichtbarer Erleichterung auf.
»Kein Ding«, sagte er, während er sich mit Daumen und Zeigefinger der freien Hand ein Stückchen Pelle aus dem Oberkiefer zog, das er nach einem kurzen prüfenden Blick wieder zwischen den Lippen verschwinden ließ. »Und vielleicht hast du mit dem, was du gesagt hast, gar nicht mal so Unrecht.«
»Lass uns einfach nicht mehr davon sprechen, zumindest nicht beim Essen.«
Kleingeld nickte bedächtig und sah sich endlich in der Lage, seine Mahlzeit fortzusetzen.
Nachdem ich mir zwischenzeitlich meine Frikadellen an den Tisch geholt hatte, herrschte eine geradezu vertraute Stimmung.
»Julia war gestern echt sauer auf dich«, bemerkte Kleingeld.
»Ist mir nicht entgangen.«
»Sie hat schon darüber nachgedacht, dich rauszuschmeißen.«
»Und? Was hältst du davon?«
»Also was mich betrifft, kannst du bleiben.«
Als wir den Laden verließen, brachte Kleingeld eine Dose Pfefferminzpastillen zum Vorschein.
»Hier, für den Atem.«
Ich griff dankbar zu.
»Immer wieder kommt ein neuer Frühling«
[Peter Alexander & Heintje]
»… keine exklusiven Shopping-Gelegenheiten, keine trendy Brandstores, in denen sich ohnehin nur die bedienen können, die der Mahlstrom namens Kapitalismus seit jeher an die Oberfläche spült. Wir brauchen auch keine Wellnesstempel oder Wohlfühloasen und erst recht keine gediegene Erlebnisgastronomie. Unsere Erlebniswelten schaffen wir uns immer noch selbst. Und solange Standortlogik und Stadtmarketing-Strategien das Recht auf Wohnraum tagtäglich der Lächerlichkeit preisgeben, behalten wir uns das Recht vor, ebenfalls aktiv in die Umgestaltung unserer Umgebung einzugreifen – stellvertretend für die Vielen, die niemals eine Chance hatten, den Kampf um ein menschenwürdiges Dasein überhaupt zu beginnen. Grundbesitz vergesellschaften! Kommando Schwarzer Freitag«
Ich ließ das Blatt, von dem ich abgelesen hatte, auf die Tischplatte segeln und blickte erwartungsfroh in die Runde.
Die Begeisterung hielt sich in Grenzen.
»Schwarzer Freitag? Da fällt mir nichts zu ein … außer Robinson Crusoe natürlich.« Kleingeld wieherte, als ob ihn dieser Beleg seines Erstklässlerhumors tatsächlich begeistern würde.
Um unser gutes Verhältnis nicht gleich wieder zu gefährden, verzichtete ich darauf, ihm übers Maul zu fahren. Stattdessen sagte ich so ruhig wie möglich: »Damit ist natürlich der Zusammenbruch der Börse gemeint. Also eigentlich der Ende der Zwanziger. Aber so ein Ereignis ist ja wiederholbar.«
»Okay, ganz putzig. Aber: Kommando? Ist das nicht ein bisschen sehr dick aufgetragen?«, wandte Jan ein.
»Na, wenn wir Angst und Schrecken verbreiten wollen, sind Formulierungen, die an die Zeit des bewaffneten Kampfs erinnern, doch gar nicht das Schlechteste«, gab ich zurück.
»Ja, für den Staatsschutz vielleicht. Die warten doch nur auf so was. Und die Zeitungen sowieso.«
»Die Pfeifen vom Staatsschutz sollten, was unsere inhaltliche Ausrichtung angeht, nun wirklich die Letzten sein, die uns interessieren. Und wenn du dich an dem orientieren willst, was die Medien mögen, organisierst du vielleicht besser ’ne Lichterkette.«
Julia unterbrach unser Geplänkel.
»Also ich find’s gut. Was meinst du, Lasse?«
Was meinst du, Lasse?! Warum nicht gleich: Was meinst du, Lasse-Schatz?!
»Ich denke auch, dass wir’s so stehen lassen können. Das mit dem Kommando klingt allerdings wirklich zu abgehoben. Das sollten wir ändern. Vielleicht in Autonome Zusammenhänge?«
Autonome Zusammenhänge?! Jesus, wie ich diesen Ausdruck verabscheute. Natürlich bezog er sich auf Menschen, also auf einen (losen) Personenzusammenhang. Wem das allerdings nicht bekannt war (und dazu zählte sicher das Gros der Bevölkerung), konnte auf den Begriff nur mit Verwirrung reagieren. Denn Zusammenhänge hat es ja nicht wenige auf diesem Planeten. Von welchen war also hier die Rede? Etwa von dem zwischen mangelnder Hygiene und der Ausbreitung von Krankheiten? Oder dem zwischen einem katastrophalen Fernsehempfang und einer erhöhten Geburtenrate? Und was hatte schließlich der Zusatz autonom im Zusammenhang mit derlei Zusammenhängen zu bedeuten? Da hatte selbst der Kreuzworträtselfreund eine schöne Nuss zu knacken. Davon ab, klang der Begriff einfach altertümlich, genau wie Volksküche (am besten noch mit x statt sk geschrieben) oder Lauti und was da sonst noch alles an sprachlichen Blindgängern durch die Welt irrlichterte, als ob die Achtziger nie zu Ende gegangen wären. Kein Wunder, dass die hiesige Linke seit Jahren keinen Fuß mehr auf den Boden bekam. Wer schon in seiner Wortwahl eine derart strenge Traditionspflege betrieb, musste von Außenstehenden zwangsläufig als altbackener Trachtenverein wahrgenommen werden, dem beizutreten nur trüben Tassen Gewinn versprach.
Das alles hätte ich jetzt natürlich sagen können. Aber ich hielt hübsch den Mund, auch als Lasses Vorschlag unter dem zustimmenden Gemurmel der anderen angenommen wurde. Ich hatte mein Ziel längst erreicht, müßig jetzt noch über Nebensächlichkeiten zu debattieren.
Als Julia ein paar Tage zuvor laut darüber nachgedacht hatte, ob es Sinn machen würde, unsere nächsten Aktionen mit einer Art Bekennerschreiben zu unterfüttern, hatte ich mich ohne zu zögern bereiterklärt, einen entsprechenden Entwurf zu verfassen. Denn da war sie, die Gelegenheit zur allumfassenden Rehabilitation.
Eine Hoffnung, die sich bewahrheitet hatte. Ob nun Kommando Schwarzer Freitag, Autonome Fenstervorhänge oder Landschlachterei Herbert Schygalla & Söhne unter der Erklärung stand, spielte keine Rolle. Wie es auch zu verzeihen war, dass man meinen agitatorischen Fertigkeiten nicht den Tribut gezollt hatte, der ihnen doch unzweifelhaft zustand. Allein die Formulierung behalten wir uns das Recht vor, ebenfalls aktiv in die Umgestaltung unserer Umgebung einzugreifen hätte nach meinem Empfinden stehende Ovationen verdient gehabt. Eine bessere Umschreibung für die unverhohlene Androhung von Krawall ließ sich wohl schwerlich finden, oder? Na, sei’s drum. Die Erklärung selbst war akzeptiert worden. Und damit war ich wieder im Geschäft, genauer: im Rennen um die Schürfrechte auf dem steinigen Acker der Minne.
Tatsächlich gewährten mir die anderen die Teilnahme an den nächsten Aktionen mit einer Selbstverständlichkeit, als ob es mein anfängliches Versagen nie gegeben hätte. Auch in die Vorbereitungen war ich von nun an miteinbezogen. Ich gab dieses Vertrauen zurück, indem ich mich meinen Aufgaben mit der Hingabe eines Gläubigen widmete. Nach dem bewährten Muster nahmen wir uns die Filiale eines Mobilfunkanbieters vor, der wir einen hübschen Farbbeutel-Anschlag auf einen dieser Gourmettempel folgen ließen, die sich mittlerweile auch in unserer Gegend ausbreiteten wie Staphylokokken in der Latrine eines Pfadfinderlagers.
Kurz darauf erledigten wir in einer Nacht zwei Läden gleichzeitig. Kleingeld und ich brachten die Scheiben eines Maklerbüros zum Bersten, während sich Julia in Begleitung der anderen Buben noch einmal um die Klamotten-Klitsche in der Morbus Hansen kümmerte.
Auf das Mitführen von Sprühdosen wurde bei all diesen Gelegenheiten dankenswerterweise verzichtet. Dafür hatten wir ja unser Flugblatt, von dem wir stets ein paar Exemplare am Ort des Geschehens zurückließen. Jan hatte den Schrieb in der Uni-Bibliothek noch einmal abgetippt und dort auch vervielfältigt.
Wie nicht anders zu erwarten, interessierten sich die Zeitungen für den theoretischen Hintergrund unseres Wirkens jedoch herzlich wenig. Es war wie gewohnt von Chaoten und gewissenlosen Gewalttätern die Rede. Und das noch nicht mal in großer Aufmachung und nur selten bebildert. Nun, wir waren natürlich nicht die Einzigen, die es häufiger hinaus in die Nacht zog, und so hatte der Nachrichtenwert unserer und vergleichbarer Taten im Verlauf der letzten Monate naturgemäß nachgelassen. Stattdessen wurden die Schlagzeilen seit kurzem von einer anderen Form des Feierabendvergnügens beherrscht, hinter dem allerdings ebenfalls linksradikal motivierte Volksfeinde vermutet wurden: In schöner Regelmäßigkeit gingen in den frühen Morgenstunden Personenkraftwagen in Flammen auf, hauptsächlich Modelle der gehobenen Preisklasse. Und wenn es um das Wohl seines Lieblingsfetischs geht, legt der Deutsche ja bekanntlich eine Sensibilität an den Tag, der kein noch so großer medialer Aufwand gerecht werden kann.
»Warum Autos?«, fragte Jan beim morgendlichen Studium des örtlichen Boulevardblatts.
»Warum nicht?!«, lautete Lasses lapidare Antwort.
Und damit war zu diesem Thema auch schon alles gesagt.
Glaubten wir zumindest, bis wir feststellen mussten, dass das Treiben der Hassbrenner und Schizo-Zündler auch auf unser Leben erhebliche Auswirkungen hatte. Zwar war die Zivi-Dichte in unserem Viertel schon immer recht hoch gewesen. Nun aber nahm die Bullenpräsenz orwellsche Ausmaße an. Wannen und Staatsschutzschleudern, wohin das Auge blickte. Um den Feinden der Fortbewegung das Handwerk zu legen, ließen die Sicherheitsorgane immer häufiger sogar Hubschrauber in den Nachthimmel aufsteigen. Die Brandstifter störte das wenig, sie wichen einfach auf andere Bezirke aus. Wir aber sahen uns aufgrund dieser Entwicklung gezwungen, unseren stadtplanerischen Aktivitäten erst einmal eine Pause zu verordnen.
So plätscherte das WG-Leben eine Weile recht unspektakulär dahin, beschränkte sich auf gemeinsames Kochen und andere häusliche Aktivitäten, bis Julia eines Vormittags in meinem Zimmer erschien.
Ich war gerade dabei, CDs in ein Regal zu räumen, hatte ihr Eintreten nicht bemerkt und fuhr erschrocken herum, als sich mir ihre Hand auf die Schulter legte.
»Hey«, sagte sie und lächelte mich an.
Ich lächelte zurück. Und dann drückte sie mir, ohne dass sich ihr Gesichtsausdruck dabei veränderte, eine Packung Kondome in die Hand.
Eine unendliche Sekunde lang sah ich mich am Ziel all meiner Sehnsüchte. Die stummen Gebete, die ich Nacht für Nacht an den Schutzpatron der Onanisten gesandt hatte, waren endlich erhört worden. Denn was konnte diese zugegebenermaßen unkonventionelle Geste anderes bedeuten, als …
Und dann sagte Julia: »Vollmachen!« Und die Seifenblase, die sich in dem törichten Zellhaufen ausgebreitet hatte, den ich mein Gehirn nannte, zerplatzte.
»Äh, vollmachen? Aber … womit denn?«, stotterte ich, aufrichtig durcheinander, weil ich mir auf dieses Ansinnen partout keinen Reim machen konnte.
Wollte Julia Wasserbomben anfertigen und damit auf Passanten zielen? Aber um den Hahn aufzudrehen, brauchte sie ja wohl kaum meine Hilfe. Nein, sie musste etwas anderes im Schilde führen. Aber was? Vielleicht eine künstliche Befruchtung, für die sie eine Samenspende …
Julia erlöste mich aus meiner Verwirrung.
»Na, mit dem hoffentlich harnsäurereichen Inhalt deiner Blase natürlich. Weniger vornehm ausgedrückt: Du sollst die Dinger mit Pisse füllen.«
Mit den Wasserbomben hatte ich also gar nicht so falsch gelegen.
»Ah, ich verstehe. Und was machen wir, nachdem ich den hoffentlich harnsäurereichen Inhalt meiner Blase diesen Latexhüllen überantwortet habe?«
»Das erfährst du später. Wäre nur gut, wenn die Kondome nicht gleich bei der ersten Berührung platzen würden. Drittel Tennisballgröße reicht in etwa. Meinst du, du schaffst das innerhalb der nächsten zwei Stunden?«
»Ich werde mich auf nichts anderes konzentrieren, Genossin Waffentechniker.«
Und so stand ich kurze Zeit später vor der Kloschüssel – den ersten Präser etwa einen halben Zentimeter über die Spitze meines Schwanzes gezogen – und übte mich im Unterbrechen meines Harnflusses. Das gelang zuerst auch ganz gut. Als es dann aber ans Zuknoten ging – eine Tätigkeit, die mir schon als Kind das Spielen mit Ballons verleidet hatte –, ließ meine Selbstbeherrschung gewaltig nach. Schließlich sah ich mich gar genötigt, das Gefummel mit der glitschigen Hülle zu unterbrechen und mich dem (im wahrsten Sinne des Wortes) brennenden Verlangen meines Leibes vollständig zu unterwerfen. Nun konnte ich zwar das erste Kondom, das ich immer noch in der Linken hielt, in aller Ruhe mit einem hübschen Doppelknoten versehen, verfügte aber über keinerlei Möglichkeiten mehr, diesem ersten Erfolgserlebnis weitere folgen zu lassen. Ich war das Manöver deutlich zu euphorisch angegangen.
Jetzt waren Forschergeist und vor allem Bedacht gefragt. Der nächste Versuch musste gelingen. Als Erstes ging ich in die Küche und setzte eine Kanne Kaffee auf. Zusätzlich entnahm ich dem Kühlschrank einen halben Liter Pepsi.
Während ich beiden Getränken abwechselnd zu Leibe rückte, dachte ich angestrengt nach. Ich brauchte unbedingt ein paar Hilfsmittel, in jedem Fall einen Trichter. Kurz kam mir der Filter der Kaffeemaschine in den Sinn, aber selbst der größte revolutionäre Eifer sollte Grenzen kennen. Nein, es musste noch etwas anderes geben. Sorgfältig sah ich mich um, scannte die Schränke und Regale, die Ablage und den Boden … und dann hatte ich es: Natürlich! Unser Leergut!
Schnell hatte ich zwei leere Plastikflaschen aus der Sammlung gefischt. Der einen säbelte ich unter Zuhilfenahme eines Brotmessers den Boden ab, die andere beließ ich, wie sie war. Ja, so würde es gehen. Zufrieden setzte ich mich an den Tisch und steckte mir eine Zigarette an. Nun hieß es weiter trinken und abwarten.
Als ich mich nach etwa einer Stunde in der Lage sah, den zweiten Versuch in Angriff zu nehmen, gestaltete sich der Vorgang so glatt, als ob ich ein Leben lang darauf hintrainiert hätte. Ich agierte wie eine Laborfachkraft, die sich auf dem Gebiet der Natursektfabrikation bereits ein beachtliches Renommee erworben hat, füllte in aller Ruhe zuerst die unbeschädigte Flasche, um hernach die gewünschte Menge durch den improvisierten Filter laufen zu lassen, über dessen Ende ich vorher eins der Präservative gestreift hatte.
Nachdem die Packung, die mir Julia in die Hand gedrückt hatte, dergestalt verarbeitet war, verfügte ich über vier vorschriftsmäßig verschlossene Ballons, die in etwa der gewünschten Größe entsprachen (nur das Exemplar aus der ersten Versuchsreihe war ein wenig praller geraten). Zusätzlicher Pluspunkt: Ich hatte noch nicht mal wirklich herumgesaut. Nichtsdestotrotz spülte ich die Urin-Castoren noch einmal mit Wasser ab, bevor ich sie vorsichtig in eine Plastiktüte gleiten ließ.
Etwas unangenehm war es mir schon, als ich mit der unappetitliche Fracht kurz darauf in Julias Zimmer trat.
Julia dagegen schien völlig frei von derartigem Erziehungsballast.
»Und?«, fragte sie erwartungsvoll.
»Erledigt.«
»Wunderbar, dann können wir ja loslegen. Zieh dich möglichst schick an. Wir geh’n shoppen.«
Schick anziehen? Heute war offenbar der Tag der persönlichen Herausforderungen. Ich kämpfte mich durch meine Garderobe, die zu einem nicht geringen Teil noch immer in Umzugskisten lagerte. Nach diversen Anproben entschied ich mich schließlich für ein schlichtes schwarzes Poloshirt und die einzige Blue Jeans, die ich besaß. Danach brachte ich meine Frisur in Form und ließ ausgiebig Deo an meine Achseln. Was Jacke und Schuhwerk betraf, hatte ich leider nicht allzu viel Auswahl. Also zog ich das an, was ich bei dem vorherrschenden Wetter täglich zu tragen pflegte: Meine guten Allround und das Carhartt Brooks Jacket (Nylon lined). Immerhin war beides frei von größeren Verunreinigungen. Ein abschließender Blick in den Spiegel ließ mich folgendes Fazit ziehen: Richtig schick sah ich nicht aus. Passabel traf es wohl eher (um mal die Ausdrucksweise meine Mutter zu bemühen). Aber wenn Julia mich nicht gerade zu den teuersten Adressen der Stadt schleppen wollte, sollte es reichen.
Ihr Anblick ließ allerdings darauf schließen, dass es genau dort hingehen sollte: kniehohe Stiefel, Strumpfhose, halblanger Rock, Steppjacke mit Kunstpelzbesatz, überdimensionierte Handtasche – alles in diesem Stil, der trotz des Verzichts auf allzu offensichtlichen Luxus nicht verhehlen will, dass er für ein Leben ohne finanzielle Sorgen steht. Wenn ich Julia nicht gekannt hätte, hätte ich sie ohne zu Zögern für die Hauseigentümerin gehalten, die mal eben von der Elbchaussee herübergekommen war, um eine Inspektion ihres Besitzstands vorzunehmen. Der Sonnenbrille, die Julias penibel zum Pferdeschwanz gebundenes Haar zierte, hätte es gar nicht mehr bedurft.
»Wow!«, entfuhr es mir in einem Ausbruch unkontrollierter Begeisterung.
Julia verdrehte die Augen.
»Spar dir deine sexistische Einzellerscheiße. Und bevor du fragst: Nein, die Klamotten sind nicht bezahlt. Die gab’s umsonst von der Frauenbefreiungsfront, um Typen wie dich zu paralysieren, ohne dafür Munition zu vergeuden.«
Ich hielt es für geboten, das Thema zu wechseln.
»Hast du die Kondome?«
Julia ließ mich einen Blick in ihre Tasche werfen.
Ich erkannte die Tüte, die ich mir gegriffen hatte, entdeckte daneben aber noch mindestens zwei weitere Plastebeutel. Hatten die anderen etwa auch …?
»Haben die anderen etwa auch …?«
»Aber sicher.«
Nachdem wir eine Weile durchs Viertel geschlendert waren, hakte sich Julia bei mir ein. Dann ging es in den ersten Laden, eine Klitsche namens Rarer Stoff, die sich auf sündhaft teure Designermode spezialisiert hatte. Für mich hätte der Film in diesem Moment ruhig an Geschwindigkeit verlieren können. Denn war das nicht eine dieser Szenen, die sich das von Geldsorgen und Figurproblemen gebeutelte Publikum stets so sehnlich herbeiwünscht: Ein junges, sorgloses Paar, das da voller Lebensfreude ein exklusives Geschäft betrat, um die werktätigen Massen am ererbten Vermögen teilhaben zu lassen, ohne auf den Cent zu achten? Sicher, neben der blonden Schönheitskönigin fiel der männliche Teil des Duos deutlich ab, aber die MasterCard Platinum, die er gleich zücken würde, wog seine optischen Unzulänglichkeiten mehr als auf …
Julia ließ mich los und begann mit einer bemerkenswerten Mischung aus Neugier und Überdruss an den wenigen im Raum verteilten Kostbarkeiten vorbeizuschlendern, während ich Ulrike halten durfte, der heute ausnahmsweise an der Leine geführt wurde.
Da wir aktuell die einzige Kundschaft darstellen, war es nur natürlich, dass sich die Inhaberin, eine zierliche Mittfünfzigerin im nadelgestreiften Hosenanzug, verpflichtet fühlte, ein wenig Smalltalk zu betreiben.
Sie ging in die Hocke und begann, Ulrikes Quadratschädel zu tätscheln.
»Wie heißt er denn?«
»Ulrich«, log ich, während ich aus dem Augenwinkel registrierte, dass Julia mit einem Fetzen über dem Arm in der Umkleidekabine verschwand.
»Schönes Tier. Rottweiler-Labrador, oder? Ich hatte auch mal auch so einen. Ist in Spanien leider von der Guardia Civil erschossen worden, als er einen Mountainbiker vom Rad geholt hat.«
Sie sah mit einem wehmütigen Lächeln zu mir auf, gönnte mir einen Blick in ihr sonnengebräuntes, von Lachfalten durchzogenes Gesicht, das den Eindruck vermittelte, sie hätte ihr halbes Leben auf Segelbooten verbracht.
Verdammt, die Dame schien ausgesprochen nett zu sein. Zum Glück unterbrach Julia unseren Plausch.
»Liebling, kannst du mir mal helfen, bitte?«
Mit einer Geste des Bedauerns ließ ich meine Gesprächspartnerin zurück, befahl Ulrike sich abzulegen und schlüpfte hinter den Vorhang.
Natürlich erwartete mich dort kein klemmender Reißverschluss, sondern ein technisches Problem ganz anderer Art.
»Ich komm da nicht ran«, flüsterte Julia und zeigte an die Decke. Dann drückte sie mir eins der Kondome in die Hand und holte eine Tube Sekundenkleber aus ihrer Handtasche.
Während sie das Haftmittel großzügig auf der Latexhülle verteilte, sagte sie, immer noch im Flüsterton: »Möglichst direkt neben die Lampe, damit es auch wirklich platzt.«
Ich machte mich lang und drückte die heimtückische Fracht vorsichtig gegen den metallenen Rand des Deckenstrahlers, damit sie nicht jetzt schon kaputt ging und Julia und mir eine ungewollte Golden-Shower-Party bescherte.
Aber der Kleber hielt, was er versprach.
Julia schenkte mir ein diabolisches Grinsen. Dann sagte sie so laut, dass es auch im Verkaufsraum zu vernehmen sein musste: »Nee. Also das geht ja mal gar nicht. Das ist so dermaßen retro …« Währendessen gab sie mir mit einer Handbewegung zu verstehen, dass ich die Kabine wieder verlassen durfte.
Eine halbe Minute später kam sie selbst heraus, drückte der Inhaberin das Stück Stoff in die Hand, das ihr als Alibi für die Umkleide gedient hatte, und steuerte auf den Ausgang zu.
Ich folgte ihr mit Ulrike im Schlepp, konnte aber dem Drang nicht widerstehen, mich in der geöffneten Tür noch einmal umzudrehen.
Die Hundeliebhaberin winkte mir freundlich zu.
»Schauen Sie bald mal wieder rein«, rief sie. »Und bringen Sie Ulrich mit.«
»Ulrich?!«, fragte Julia, als wir auf der Straße standen.
»Klingt ziemlich retro, was?« Ich hielt ihr den Arm hin. »Wollen wir weiter, Liebling?«
Julia verpasste mir einen Stoß in die Rippen, hakte sich dann aber erneut bei mir unter.
Die Strecke bis zum nächsten Einsatzort nutzte ich, um meine Neugier zu befriedigen.
»Meinst du, die Hitze der Lampe reicht wirklich aus, um das Gummi zerplatzen zu lassen?«
»Aber klar. Wir haben das vor ein paar Jahren schon mal in Peepshows und Videokabinen probiert, als diese PorNO-Kampagne lief. Ein paar der notgeilen Arschlöcher hat es tatsächlich erwischt, auch wenn das in der Öffentlichkeit natürlich nie die große Welle gemacht hat. Dafür gab’s mächtig Aufregung bei den Betreibern. Zumal am Anfang keiner wusste, wer überhaupt dahintersteckt.«
Ich dachte an meinen ersten und bisher letzten Peepshowbesuch, der, na klar, an meinem achtzehnten Geburtstag stattgefunden hatte, also ebenfalls ein paar Jahre zurücklag. Da konnte ich ja nachträglich von Glück reden, die Lokalität trockenen Hauptes verlassen zu haben.
»Aber die Chance, dass sich gerade jemand in der Umkleide befindet, wenn sich die Schleusen des himmlischen Strafgerichts öffnen, ist doch ziemlich gering.«
»Stimmt. Es reicht allerdings völlig aus, wenn es einmal funktioniert. Du darfst die psychologische Komponente nicht unterschätzen.«
Da hatte sie Recht. Psychologie ist ja bekanntlich alles, gerade beim Erwerb von Kleidung.
Getreu dieser Devise verteilten wir die restlichen Kondome – eine Prozedur, die wenn es nach mir gegangen wäre, ewig hätte dauern können.
Aber Hosianna, nur drei Tage später gab es eine Fortsetzung. Und wieder war ich es, der Julia begleiten durfte. Klar, Kleingeld kam aufgrund seines Äußeren noch nicht einmal ansatzweise in Frage. Auch Jan hätte mit seinem rasierten Schädel und seiner Bauernvisage schon einen Smoking tragen müssen, um an Julias Seite nicht wie ein Barbar zu wirken. Warum allerdings Lasse nicht in die engere Wahl genommen wurde, erschloss sich mir nicht. Na, vielleicht hatte ich beim ersten Mal einfach einen guten Job gemacht.
Dergestalt motiviert genoss ich auch die zweite Exkursion in die Welt der höherpreisigen Mode. Und siehe da: Wir schafften es tatsächlich in die Zeitungen. Noch am selben Abend traf es eine Unternehmergattin aus dem Umland, die den Reportern voller Entsetzen die Worte in die Notizblöcke diktierte, sie hätte im ersten Moment geglaubt, der heimtückische Säureanschlag würde ihr das gesamte Gesicht verätzen. Schon am nächsten Tag meldete sich ein weiteres Opfer, das bisher aus Scham geschwiegen hatte. Und damit wurde die Sache auch überregional interessant. Die Frankfurter Rundschau titelte gar mit der Schlagzeile Eine Stadt sucht den Pipi-Bomber.
Das Bekennerschreiben sparten wir uns diesmal. Denn imagefördernd war die Angelegenheit für die Bewegung, der wir uns zugehörig fühlten, nun wahrlich nicht. Vielmehr genossen wir die Entwicklung im Stillen. Und die war nicht ohne. Der Einzelhandel wurde spürbar nervös. Einige Läden hatten schon damit begonnen, Taschenkontrollen an den Eingängen durchzuführen, andere gaben sich öffentlich der Überlegung hin, ihre Umkleidekabinen mit Kameras auszustatten.
So hätte es weitergehen können. Und das wäre es sicher auch, hatten Julia und ich unseren nächsten Einkaufsbummel doch schon terminiert, wenn, ja, wenn sich nicht Kräfte in unseren beschaulichen Alltag gedrängt hätten, die zu bekämpfen uns in den nächsten Wochen all unsere Zeit kosten sollte.
»Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund«
[Nicole]
Wann genau die Inbreeding Criminals in unserer Wohngegend aufgetaucht waren, hätte ich gar nicht sagen können, wobei der Begriff aufgetaucht den Vorgang ohnehin nicht richtig beschrieb. Denn gelebt hatten sie ja schon immer hier. Nicht wenige von ihnen konnten Eltern ihr Eigen nennen, die in den Achtzigern die hiesige Hausbesetzerszene und damit den Ruf des Viertels begründet hatten, von dem heute so viele Interessengruppen zu profitieren versuchten. Andere hatten türkische oder kurdische Vorfahren, die weit weniger freiwillig in den seinerzeit abgewirtschafteten Stadtteil gezogen waren.
Miteinander rumgehangen hatten sie sicher schon seit Kindertagen. In den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung traten sie später, im Teenageralter, als ihnen erste kleinere Straftaten zur Last gelegt wurden. Zu diesem Zeitpunkt zierten ihre Tags schon zahlreiche Wände. Aber wem hätte das auffallen sollen, bei den Unmengen vergleichbarer In- und Aufschriften?! Davon ab, hätte den neumodischen Scheiß ohnehin kaum jemand entziffern können.
Mittlerweile war sie allerdings ein fester Teil unseres Gemeinwesens: die Gang – unsere Gang, unser vierteleigener Gangsternachwuchs mit einem Faible für HipHop und krummbeinige, muskulöse Hunde. Im Durchschnitt waren die Buben ein paar Jahre jünger als ich, also um die zwanzig, und obwohl sie gern mal mit Messern herumfuchtelten, hielt sich die Furcht vor ihnen in Grenzen. Denn für gewöhnlich lebten sie nach dem Grundsatz Wenn du uns nicht in die Quere kommst, lassen wir dich ebenfalls in Ruhe.
Ein paar Mal hatten sie vor linken Treffpunkten herumgestresst. Aber das waren samt und sonders testosteron- und drogensubstituierte Schubsereien gewesen, die sich durch den Einsatz von ein wenig Diplomatie noch jedes Mal schnell erledigt hatten.
Es gab also keinerlei Anzeichen dafür, dass es ausgerechnet mit den Inbreeding Criminals, oder dem IC, wie die Rasselbande in der Nachbarschaft gern genannt wurde, zu einer folgenschweren Konfrontation kommen würde. Und das wäre es wohl auch nicht, wenn mir nicht dieser grenzdebile Sexshopverkäufer den letzten Nerv geraubt hätte.
Doch der Reihe nach: Im Verlauf unserer Nachschubproduktion waren uns die Kondome ausgegangen, also war ich schnell zum Fachhandel an der Ecke gelaufen. Nachdem ich dem schmalbrüstigen Jüngling, der dort hinterm Tresen agierte, mein Begehr angetragen hatte, entspann sich folgender absurder Dialog:
»Irgendwelche Extras? Mit Noppen oder Rillen? Gerippt vielleicht?«
»Nein, danke.«
»Wir haben auch welche mit Geschmack. Schoko oder Banane zum Beispiel.«
»Vielen Dank.«
»Tutti-Frutti? Oder Spearmint?«
Ich verzog das Gesicht, um anzuzeigen, dass ich hier nicht den halben Tag verbringen wollte, und schüttelte den Kopf.
»Wie wär’s mit Orangenduft?«
»Hör mal, ich brauch einfach nur ’n paar stinknormale Gummis.«
Für den Bruchteil einer Sekunde wirkte der Schmalbrüstige derartig beleidigt, dass ich schon glaubte, er würde die Verkaufsverhandlungen abbrechen. Dann fing er sich wieder: »Und die Größe?«
»Ist egal.«
Er sah mich misstrauisch an.
Verdammt, bei der aktuellen Hysterie da draußen war es vielleicht ratsam, in diesem Punkt nicht zu nachlässig zu sein.
»Tschuldigung, was rede ich denn?!«, korrigierte ich mich also und nutzte die Gelegenheit für eine wohltuende Lüge: »XXL natürlich.«
»Okay«, sagte er, hörbar erleichtert. »Latexfrei? Oder sonst noch was, das zu beachten wäre? Extrastark vielleicht?«
Ich hatte alle Mühe, einen Tobsuchtsanfall zu unterdrücken.
Als ich endlich wieder auf der Straße stand, war mir der Sinn nach weiteren Frage-und-Antwort-Runden verständlicherweise abhanden gekommen. Ich brauchte dringend einen Moment der Stille, ein paar Sekunden der inneren Einkehr und der Kontemplation. Ein frommer Wunsch, dessen Erfüllung das Schicksal erfolgreich zu sabotieren wusste. Kaum dass ich mir nämlich eine Zigarette angezündet und mich in Bewegung gesetzt hatte, passierte ich zwei minderjährige Eckensteher, von denen einer unaufgefordert das Wort an mich richtete.
»Hast mal ’ne Kippe, Digger?«
Unter normalen Umständen wäre ich diesem Wunsch wahrscheinlich nachgekommen. Entnervt wie ich war, sah ich mich allerdings noch nicht mal in der Lage, meinen Schritt zu verlangsamen. Während ich vorbeieilte, reichte es gerade mal für ein gereiztes: »Tut mir leid, ich bin Nichtraucher.«
»Çüş, Mann, der Penner will dich verarschen«, hörte ich den Begleiter des Schnorrers noch sagen. »Siehste das nich’? Der raucht doch, ey, der raucht doch grad eine, Digger-Aller.«
Es brauchte einen Augenblick, bis der Angesprochene diese Information verarbeitet hatte. Dann reagierte er, wie er reagieren musste: »Ey, warte! Komm zurück! Komm zurück und entschuldige dich. Oder hast du keinen Respekt, du Missgeburt?!«
Das hätte mir noch gefehlt, dass ich mich bei einer Rotznase, der gerade die ersten zwei Schamhaare gewachsen waren, dafür entschuldigte, ihren Weg in die Nikotinabhängigkeit nicht gefördert zu haben. Ich nahm eine minimale Tempoverschärfung vor, drückte das Kreuz durch und entfernte mich, ohne mich noch einmal umzusehen.
Dieses Verhalten nahmen die Knaben zum Anlass, mir weitere Verwünschungen hinterherzuschicken.
»Komm zurück, du Hurensohn. Ich schlag dir deine behinderte Fresse ein.«
»Wir sind IC, wir ficken dich, Junge!«
Ich blieb einen Moment an der seltsamen Titulierung Junge hängen – vom Alter her hätte ich schließlich locker als staatlich bestellter Fürsorger der beiden Schreihälse durchgehen können –, bevor die Buchstabenkombination IC (in diesem Fall englisch ausgesprochen) an die Tür meines Bewusstseins klopfte. Falls diese Information nicht dem weiten Reich der Lüge entstammte, die Gang mittlerweile also wirklich eine Krabbelgruppe unterhielt, hatte ich es mir gerade mit einem ganzen Rudel lästiger Zeitgenossen verdorben. Unsinn! Ich schob diese Überlegung kurzerhand beiseite. Die Vorstellung, dass die Buben einem kriminellen Zusammenschluss angehörten, war einfach zu albern. Unvermittelt ärgerte ich mich darüber, der lachhaften Drohung überhaupt einen Gedanken gewidmet zu haben. Stattdessen hätte ich besser umkehren und die zwei Flachpfeifen übers Knie legen sollen.
Zurück in der Wohnung, kam ich nicht umhin, mir Luft zu verschaffen, indem ich eine ausführliche Schilderung des Vorfalls vom Stapel ließ, den ich nun meinerseits mit allerlei Beschimpfungen anreicherte.
Julia hörte sich die Tirade artig an, nur um mich anschließend unverhohlen auszulachen.
»Du bist doch nicht etwa unter die NPD-Wähler gegangen?! Zumindest klingst du schon wie einer. Fehlen nur noch der Schäferhund und der Hausmeisterkittel.«
»Sehr witzig«, gab ich gekränkt zurück.
Sie legte mir eine Hand auf die Schulter.
»Mensch, beruhige dich wieder. Die kleinen Pisser sind doch harmlos.«
»Harmlos? Das ist übelstes Macker- und Sexistenpack. Und komm mir jetzt bloß nicht damit, dass wir es hier mit Kindern zu tun hätten. Die verändern sich auch nicht, wenn sie älter werden.«
»Schon mal was von struktureller Gewalt gehört?«
»Ja, klar. Aber …«
Julia schnitt mir das Wort ab.
»Na, dann weißt du ja, warum die so drauf sind.«
Ich wollte dem noch etwas entgegenhalten, aber für Julia war die Diskussion offenbar beendet.
»Komm, wir haben zu arbeiten«, sagte sie und wies auf die Kanne äußerst harntreibenden Brennnessel-Tees, die sie während meiner Abwesenheit gekocht hatte.
Mit neuen Urin-Bomben ausgestattet, drehten wir kurz darauf eine weitere Runde durch den lokalen Haute-Couture-Handel. Wir hatten schon zwei Läden abgeklappert, als wir an der unlängst eröffneten Starbucks-Filiale vorbeikamen.
Julia verlangsamte ihren Schritt.
»Willst du da rein?«, fragte ich erstaunt.
»Nur kurz die Toilette bestücken.« Sie zwinkerte mir zu. »Nimm du mal Ulrike. Bin gleich wieder da.«
Ich ließ mir die Leine geben und friemelte mit der freien Hand das Päckchen Kippen aus meiner Hosentasche. Dann schlenderte ich – dem Hund folgend, der ein paar Duftmarken kontrollieren wollte – an der Glasfassade entlang. Während ich der Kundschaft gedankenverloren beim Latte-Schlürfen zusah, hörte ich hinter mir plötzlich eine sich überschlagende Stimme: »Ey, das issa! Das is der Asi, der mich gestern gedisst hat. Und guck ma, ey, die Sau raucht ja schon wieder.«
Ich drehte mich um und erblickte einen schlaksigen Burschen, der aufgeregt in meine Richtung zeigte. Obwohl ich mich an das mintgrüne, mindestens zwei Nummern zu kleine Baseballkäppi, das wie ein Wasserkopf auf seinem Haupt thronte, nicht erinnern konnte, brauchte es kein Übermaß an Kombinationsvermögen, um zu erraten, dass ich es hier mit der Zigarettenschnorrenden Nervensäge zu tun hatte. Der Kompagnon, den er diesmal dabei hatte, war allerdings ein anderer: ungefähr mein Alter, kahl rasiert, von eher kleinem Wuchs, dafür muskelbepackt wie ein Zuchtbulle. Im Falle einer sofortigen Freigabe von Anabolika-Werbung hätte er zweifelsohne einen längerfristigen Modelvertrag erhalten – wenn auch die Tätowierungen an Hals und Händen vielleicht nicht die ganz großen Gagen eingespielt hätten.
Immerhin konnte er sprechen.
»Der Mongo da drüben, oder was?«, hakte er unnötigerweise nach, während er schon auf mich zukam. »Hey, du Penner, hast vorhin meinen Kumpel hier angemacht, ne?!«, tönte er. »Große Fresse gehabt, ne?!«
Ich hätte jetzt gerne angeführt, dass der Begriff große Fresse gewiss Auslegungssache sei. Eine derartige Äußerung aber hätte den närrischen Gedanken vorausgesetzt, dass Debattieren in Fällen wie diesen auch nur einen Hauch von Sinn ergab. Stattdessen war hier die alte Devise des großen Faustkämpfers Philipp Schiemann gefragt, die da lautet: Irre gucken und dann voll durchzieh’n! Also schmiss ich meine Kippe weg und griff – nachdem ich den schiemannschen Rat den aktuellen Gegebenheiten angepasst hatte – nach meinem Pfefferspray. Zeitgleich zog ich Ulrike näher zu mir heran.
»Na, dann zeig mal, ob du dich auch grade machen kannst«, sagte das wandelnde Wachstumshormon und baute sich drohend vor mir auf.
Der mintgrüne Wasserkopf ließ es sich nicht nehmen, die Situation mit blutdürstigen Handlungsanweisungen zu befeuern.
»Box ihn wech, Digger-Aller-Digger! Schlag ihm seine Spastifresse kaputt!«, feixte er aus der wohligen Sicherheit der zweiten Reihe.
Ich sah auf Ulrike herab, der sich zu meiner großen Erschütterung den Schwanz zwischen die Hinterbeine geklemmt hatte, und entgegnete so ruhig, wie es mein galoppierender Herzschlag zuließ: »Wenn du noch einen Schritt näher kommst, kann ich für den Kampfhund hier nicht garantier’n.«
Eine Sekunde lang sah es so aus, als ob diese Strategie Erfolg haben würde. Der Muckibuden-Ochse kniff nachdenklich die Augenbrauen zusammen, was mich schon glauben ließ, in seinem vakuumversiegelten Gehirn würde so etwas wie Sorge um die eigene Unversehrtheit aufsteigen, bis er unvermittelt den Körperschwerpunkt nach hinten verlagerte und mit voller Wucht in Ulrikes Schnauze trat. Der Hund jaulte auf. Ich brachte das Pfefferspray zum Vorschein. Zum irre gucken blieb keine Zeit mehr. Während der erste Schlag meine Schulter streifte, begann ich die Dose zu leeren, wobei ich mich darauf konzentrierte, dass der heimtückische Reizstoff, den sie enthielt, aus möglichst geringer Entfernung das Gesicht meines Widersachers einnebelte. Das tat er auch, nur Wirkung wollte er keine entfalten. Der entfesselte Mittelgewichtler prügelte weiter auf mich ein, als ob ich ihm lauwarme Luft in die Visage gepustet hätte. Entweder war bei der Abfüllung des Behälters etwas grob schief gelaufen, oder – was wahrscheinlicher schien – mein Gegner merkte einfach nichts mehr. Vielleicht hatte er Tilidin oder ein anderes dieser neuen Mittel genommen, die sich bei den Sido-, Bushido- und Frauenarztverstehern so großer Beliebtheit erfreuen – dieses Zeug, das dich vollkommen unempfindlich gegen Schmerzen macht.
Davon hätte ich jetzt auch gern eine Dosis intus gehabt. Denn die Schläge setzten mir langsam zu. Zwar versuchte ich den Fäusten, die auf mich zukamen wie ein Meteoritenhagel, so gut es ging auszuweichen, ja, ich schlug sogar selbst ein paar Luftlöcher, aber der Urgewalt, die da auf mich eindrang, hatte ich einfach nichts entgegenzusetzen. Die logische Folge dieses ungleichen Gefechts war ein schwerer Kopftreffer, der mich zu Boden gehen ließ.
Um den Sturz abzufedern, ließ ich instinktiv die Leine los. Ulrike nutze die Gunst des Augenblicks und spurtete davon, während ich bereits die ersten Tritte in den Unterleib kassierte. Ich krümmte mich zusammen und schloss die Augen. Jetzt half nur noch beten. Dummerweise kannte ich keine längeren Fürbitten, und so blieb es bei einem kläglichen lass mich nicht im Stich, Herr, bevor sich unvermittelt die BILD-Schlagzeile des morgigen Tages hinter meine Pupillen schob: Sozialschmarotzer ins Koma geprügelt! Verdammt, sollte es das schon gewesen sein? Sollten all meine hochtrabenden Pläne tatsächlich hier und heute ihr Ende finden?
Offenbar nicht. Denn während ich noch mit den Launen des Schicksals haderte, vernahm ich plötzlich das vom Stimmbruch gebeutelte Organ des Käppiträgers.
»Çüş, Mann, was will denn die Fotze?!«, höhnte er.
Und dann hörte ich ihn nur noch schreien, und zwar so wie jemanden, der sich nicht entscheiden kann, ob ihm der Schmerz oder die Angst vor weiteren Schmerzen mehr zu schaffen macht.
Keine Sekunde später hatten die Tritte aufgehört. Dafür entbrannte in nächster Nähe neuer Kampfeslärm.
Ich öffnete die Augen und meinte im ersten Moment einem Flashback aufzusitzen. Mein Peiniger sah sich in die Auseinandersetzung mit einer Blondine verwickelt. Und diese Blondine, die auch noch vortrefflich austeilte, war keine Geringere als … Julia! Ich rappelte mich auf und kam gerade noch rechtzeitig in die Senkrechte, um den Fleischklumpen umkippen zu sehen. Nun war es an mir, ein paar Tritte an den Mann zu bringen.
Julia packte mich am Arm und riss mich zurück.
»Lass gut sein«, keuchte sie, »der hat genug.«
Tatsächlich machte der gefallene Kirmesboxer nicht den Eindruck, als ob er an einer Fortsetzung des Fights interessiert gewesen wäre. Zwar reichte es, während er bäuchlings davon robbte, noch für ein paar herausgepresste Flüche. Aber nachdem er sich am nächsten Laternenpfahl mühsam in die Höhe gezogen hatte, humpelte er schließlich von dannen, ohne uns noch eines Blickes zu würdigen. Von seinem Schutzbefohlenen war zu diesem Zeitpunkt schon nichts mehr zu sehen.
Julia, die noch immer schwer atmete, strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und lächelte mich an.
»Und? Mit dir alles klar?«
Am liebsten hätte ich ihr in diesem Moment die Klamotten vom Leib gerissen und sie wie ein vor dem Ertrinken Geretteter, der ich in gewisser Weise ja auch war, darum gebeten, gleich hier auf dem Bürgersteig ein Rudel Sechslinge mit mir zu zeugen. Stattdessen befühlte ich mein Gesicht und sagte: »Scheint soweit alles heil geblieben zu sein.«
»Vielleicht solltest du trotzdem zum Arzt.«
»Nee, lass mal«, beruhigte ich sie und klopfte meine Taschen in guter alter Charles-Bronson-Manier nach Zigaretten ab. »Erzähl mir lieber, wo du so zu kämpfen gelernt hast.«
»Muay Thai. Seit sechs Jahren«, entgegnete sie nicht ohne Stolz. Und dann: »Shit, wo ist eigentlich Ulrike?«
»Äh, der hat wohl weniger Kampfsporterfahrung und ist sicherheitshalber stiften gegangen.«
Zum Glück war der Fahnenflüchtige schnell wieder eingefangen. Wir fanden ihn unter der Bank einer nahen Bushaltestelle, von wo aus er uns halb verängstigt, halb freudig entgegenstarrte.
»Scheiße«, sagte Julia, nachdem sie ihn hervorgelockt und sich sein blutendes Maul besehen hatte.
Vorläufige Diagnose: ein abgebrochener Eckzahn.
Ich musste an unser Gespräch vom Vortag denken und konnte es mir nicht verkneifen, auf eine von Julias Bemerkungen Bezug zu nehmen: »So harmlos sind die kleinen Pisser dann doch nicht.«
»Nein«, sagte sie ernst und sah auf Ulrike herab, »harmlos ist wirklich das falsche Wort.«
Trotz ihrer Sorgenfalten wurde mein Gefühlshaushalt angesichts der gewonnenen Schlacht immer noch von Euphorie regiert, und so fiel es mir nicht schwer, ein paar aufmunternde Worte fallen zu lassen.
»Komm, jetzt geh’n wir erst mal nach Hause. Dann seh’n wir zu, dass wir Ulrike zum Tierarzt kriegen. Und wenn das erledigt ist, feiern wir. Schließlich hast du gerade ein echtes Schwergewicht zur Strecke gebracht.«
Sie lächelte schwach.
»Das mit dem Feiern überleg ich mir noch.«
Wieder in der Wohnung erhielt meine Hochstimmung einen ersten Dämpfer. Nachdem wir Lasse und Kleingeld Bericht erstattet hatten – Jan hatte sich nach einer knappen Beschreibung von Ulrikes Verletzungen umgehend bereit erklärt, den Gang zum Tierarzt zu übernehmen –, sagte Lasse etwas, das bis zu diesem Moment noch keinerlei Einlass in mein von Dopamin und Noradrenalin geflutetes Hirn gefunden hatte.
»Wenn die beiden Klappspaten wirklich von den Criminals waren, könnte es hier im Viertel bald ungemütlich werden.«
Augenblicklich sah ich eine entfesselte Meute vor mir, die mit Baseballschlägern und Eisenstangen bewaffnet die Straßen nach Julia und mir durchkämmte. Dann fiel mir etwas ein, das geeignet schien, meine aufkeimende Furcht in Schach zu halten.
»Meinst du wirklich, dass die vor ihren Freunden zugeben werden, von einer Frau aufgemischt worden zu sein?«
»Das vielleicht nicht«, entgegnete Lasse. »Trotzdem können sie diese Demütigung unmöglich auf sich sitzen lassen.«
»In jedem Fall gehst du bis auf weiteres nicht mehr allein vor die Tür«, sagte Julia an mich gewandt.
Na, wunderbar. Nun hatte ich also den Status eines Fünfjährigen, und das nur, weil ich mich einer Übermacht an Muskelsträngen und Gewaltbereitschaft nicht hatte erwehren können.
Selbstredend protestierte ich gegen diese Herabwürdigung, sprach erbost davon, dass ich durchaus in der Lage sei, auf mich selbst aufzupassen, und man mir doch bitte im Hinblick auf meine Bewegungsfreiheit keine Vorschriften machen möge. Insgeheim hatte ich da allerdings längst beschlossen, meine Ausflüge in die Außenwelt fürs Erste tatsächlich auf ein Minimum zu beschränken – natürlich, ohne dass es auffiel – und mich dabei zumindest vorzusehen.
Die anderen ließen meine Einwände unkommentiert, tauschten aber vielsagende Blicke aus.
Ich erhob mich, um das Kühlelement zu wechseln, das ich mir bis eben an die Wange gedrückt hatte, und mir bei dieser Gelegenheit ein neues Bier zu holen.
Pulsuz fraqment bitdi.