Kitabı oxu: «Elfenzeit 6: Zeiterbe»
Inhalt
Titelseite
Die Autoren:
Impressum
Karte
Was bisher geschah
Dramatis personae
Roman 11 Merlins Rückkehr
Prolog
1. Reise nach Rennes
2. Den Feind im Nacken
3. La Porte des Secrets
4. Kobolde auf Abwegen
5. Das Schloss der Dunklen Königin
6. Verfolger im Nacken
7. Nimues See
8. Bandorchus Ausflug
9. Der magische Wall
10. Die letzte Drohung
11. Salziger Nebel
12. Elfenspiele
13. Die Strafe
14. Gesucht und nicht gefunden
15. Das Portal
16. Der Wald von Brocéliande
17. Die Überfahrt
18. Eine nagende Frage
19. Auf den Spuren der Tochter
20. Die Herrin der Korrigans
21. Späte Erkenntnis
22. Von Heimweh und Angst
23. Merlins Grab
24. Die Sonnenfinsternis
25. Späte Rache
26. Tiefer Schlaf
27. Quell der Ewigen Jugend
28. Tal ohne Wiederkehr
29. Eloise
Epilog
Roman 12 Ragnarök
1. Der Attentäter
2. Mitternachtssonne
3. Der Anschlag
4. Isländischer Geburtstag
5. Der Schrei nach Vergeltung
6. Der fremde Reiter
7. Fanmórs Rache
8. Der Amerikaner und der Schotte
9. Der Pantalone
10. Der Weg nach Asgard I
11. Der Weg nach Asgard II
12. Die Forderung
13. Der Kampf beginnt
14. Der Wolf
15. Weltendämmerung
16. Der Sohn des Frühlingszwielichts
17. Die Innamorati
18. Schneefall
Epilog
Anhang
Wie es weitergeht …
Titelseite
Jana Paradigi
Uschi Zietsch
Elfenzeit
Band 6
Zeiterbe
Das Ende aller Welten naht!
Die Elfenzwillinge Rian und David werden trotz des Tabus auf eine Reise in die Vergangenheit geschickt, zum Zeitpunkt einer bedeutenden Sonnenfinsternis. Der Untergang sämtlicher Welten droht, und es scheint nur noch einen zu geben, der dies verhindern kann: Merlin!
Der seit Jahrhunderten im Bannschlaf gefangene Magier soll von ihnen befreit werden, um die Gegenwart zu retten. Aber wo befindet er sich?
Unterdessen hat es Nadja nach Island verschlagen, dem Land aus Feuer und Eis. Odin selbst will sie davor bewahren, mit in den Untergang gerissen zu werden. Denn auf dem Idafeld hoch in den Sphären treten alle an: Elfen, Walküren, Eisriesen, Einherier und wie sie alle heißen. Zehntausende rüsten sich zur letzten Schlacht, denn der Fenriswolf wird erweckt und Ragnarök zieht auf.
Mitten in den vernichtenden Kampf hinein erklingt der Schrei eines Neugeborenen: Der Sohn des Frühlingszwielichts, die letzte Hoffnung auf Frieden …
fabEbooks
Die Autoren:
Jana Paradigi lebt und schreibt in Österreich, sie schreibt erfolgreich in verschiedenen Genres, unter anderem auch für die Endzeit-Saga MADDRAX. www.janaparadigi.de
Uschi Zietsch publiziert seit 1986 erfolgreich in verschiedenen Genres und kann auf weit über zweihundert Veröffentlichungen zurückblicken. www.uschizietsch.de
Impressum
Dieser Titel ist auch als Paperback erschienen.
Bildmaterial: kellepics/Stefan Keller
Gestaltung und Logo: Michael Steinmann Agentur
Die Karte schuf Dirk Schulz
Lektorat und Redaktion: Uschi Zietsch
Handlungsrahmen und Serienkonzept: Uschi Zietsch
© dieser überarbeiteten und erweiterten Ausgabe 2020 by Fabylon Verlag
www.fabylon.de
eMail: team@fabylon-verlag.de
Originalausgabe. Alle Rechte vorbehalten.
ISBN: 978-3-946773-28-3
Karte
Was bisher geschah
Die Dunkle Königin Bandorchu ist frei, die Grenzen des Schattenlands offen. Bei dem ersten Aufeinandertreffen zwischen Bandorchu und Fanmór am Zeitgrab von Newgrange endet der Kampf unentschieden – die Menschenwelt muss geschützt werden, damit das Gefüge nicht auseinanderbricht, und die Dunkle Königin hat noch nicht genug Macht und zu wenige Kämpfer, um bis zum Äußersten zu gehen. Die beiden Herrscher trennen sich unversöhnt. Bandorchu macht sich mit ihren Anhängern auf den Weg, ein neues Schloss zu errichten – wo, weiß niemand.
Während der Wirren hat der Getreue Nadja Oreso entführt. Bereits hochschwanger, wird sie Gefangene des Elfenmaharadschas von Jangala und Opfer der Eifersucht seiner ersten Frau, die ihr viele Prüfungen auferlegt, bis sie die vermeintliche Rivalin endlich freigibt. Sie öffnet Nadja ein Tor – doch wohin?
David darf sich nicht auf die Suche nach Nadja machen, sondern erhält den Auftrag, seine Schwester Rian nach Frankreich zu begleiten, zum See von Nimue.
Unterdessen heften Lan-an-Schie, bekannt als Anne Lanschie, und ihr nunmehr zum Vampir gewordener Gefährte Robert Waller sich an die Fersen der beiden mörderischen Verbündeten Saul Tanner und Darby O’Gill/Alebin.
Mit diesem Band wird ein bedeutender Wendepunkt der Serie erreicht. Nichts wird danach mehr so sein, wie es war …
Dramatis personae
Nadja Oreso steht im Brennpunkt der Geschehnisse. Ihre Bedeutung in der heraufziehenden Götterdämmerung ist unermesslich – für alle Welten und alle magischen Wesen, seien es nun Elfen, Dämonen oder Götter.
Talamh, der Sohn des Frühlingszwielichts, wird mitten in die Götterdämmerung hinein geboren – und die Welten stehen still.
Merlin ist eng mit der Artussage verbunden. Als Königsmacher bekannt, der das zerrissene Land einen will, weiß man so gut wie nichts über ihn. Über seine Mutter gibt es verschiedene Annahmen und noch mehr über seinen Vater. Man ist sich nicht einmal sicher, ob er ein Mensch ist.
Nimue, die Herrin vom See, Hüterin des Schwertes Excalibur, ist unter vielen weiteren Namen und Bezeichnungen bekannt. Die Ziehmutter von Lancelot ist untrennbar mit der Artussage verbunden.
Rhiannon/Rian Bonet wird als Heilerin gebraucht, doch sie stößt an die Grenzen ihrer Macht.
Dafydd/David Bonet weiß noch nicht, ob er seine Seele, die Nadja ihm geschenkt hat, weiterwachsen lassen soll oder sich angesichts des nahenden Krieges in der Anderswelt auf seine elfischen Wurzeln besinnen soll.
Pirx trägt seit Sizilien ein schreckliches Geheimnis mit sich herum, das ihn quält.
Der Grogoch, genannt Grog, trägt ebenso schwer an dem Geheimnis, das ihn zum Schweigen verdammt.
Edmond Halley, 8.11.1656-25.1.1742, war Astronom, Mathematiker, Kartograph, Geophysiker und Meteorologe. Er hat in Oxford studiert und bereits mit 21 Jahren eine Methode zur Bestimmung der Planeten publiziert. Als fortschrittlicher Wissenschaftler, Multitalent und Entdecker könnte er sich unter den Strenggläubigen eine Menge Feinde gemacht haben. Sein Name ist heute noch geläufig durch den von ihm erstmals entdeckten Halleyschen Kometen. Er ist mit Newton seit 1684 bekannt.
Sir Isaac Newton, 4.1.1643-31.3.1727, ist aus der Mathematik und Physik nicht mehr wegzudenken, dazu war er auch noch Alchemist, Naturforscher und vieles andere. Er hat in Cambridge studiert und gelehrt.
Der Getreue steht im Dienst Bandorchus, obwohl er sie mit Nadjas Entführung hintergangen hat. Seine wahren Motive sind weiterhin ebenso unbekannt wie seine Identität.
Der Kau und Cor, der Spriggans – die beiden sind auch nach dem Fall des Schattenlands Helfer des Getreuen, boshafte Geschöpfe, die sich um niemanden scheren.
Die Innamorati:
Fabio Oreso/Fiomha Samtmund, Nadjas Vater, hat sich einst eine Seele wachsen lassen und ist zum Menschen geworden, um seine seit mehr als zweitausend Jahren ewige Liebe Julia, die Wandernde Seele, zu finden und mit ihr zusammenzuleben.
Julia Oreso/ Donna Letitia, die Wandernde Seele. Niemand weiß, wie alt sie ist und wie viele Leben sie geführt hat. Es ist daher besser, sich nicht mit ihr anzulegen.
Bandorchu, die Dunkle Königin, ist frei – und dabei, die Menschenwelt zu erobern.
Regiatus, der Cervide, wird einen unendlichen Schmerz erleiden.
Die Blaue Dame, Herrscherin des Loch Ness, kämpft für Nadja.
Ainfar, der Tiermann, ist an den Hof der Crain zurückgekehrt.
Gofannon, der dickliche alte Gott ist immer noch Fanmórs Bóon unterworfen und hofft endlich auf seine Freiheit.
Robert Waller wurde durch Annes Biss zu ihrem Gefährten – er ist nun ein Vampir mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Er ist einzigartig, genau wie Anne.
Anne Lanschie/Lan-an-Schie hat sich zum ersten Mal in ihrem langen Leben einen Gefährten erschaffen.
Tom Bernhardt, die gute Seele und Anker der Gemeinschaft, hilft, wo er kann, und gerät immer tiefer in den Strudel der Ereignisse.
Alebin/Darby O’Gill verfolgt den finstersten aller Pläne, und es ist ihm zuzutrauen, dass er den Untergang aller Welten beschleunigt.
Saul Tanner genießt seine verbleibende Lebenszeit im Bündnis mit Alebin.
Roman 11
Merlins Rückkehr
Jana Paradigi
Prolog
Sonntag, 14. April 1715
Flor schritt mit blinder Sicherheit durch den nachtschwarzen Wald. Es war Neumond. Der kleine, fahlweiße Himmelstrabant hatte sich zwischen Sonne und Erde geschoben und zeigte den Menschen seine dunkle Seite.
Die Unwissenden verkrochen sich in solchen Stunden in ihren Häusern. Von der Furcht getrieben, das Böse könnte aus den Schatten steigen und sich ihre Seelen einverleiben. Weil sie Sünder waren. Sie alle. Das zumindest wollte die christliche Kirche ihnen glauben machen. Um die natürliche Wahrheit zu verschleiern. Um die Magie zu unterdrücken, die in jedem einzelnen steckte. Eine Macht, die einem neben der sichtbaren eine viele größere Welt offenbarte. Eine, die dem glaubenden Geist erlaubte, mit dem Universum zu tanzen!
Für Flor war diese Nacht der vollkommenen Dunkelheit ein Moment, um zusammen mit den anderen neue Energie zu tanken. Etwas Großes stand bevor. Und dies war die Stunde, in der es beginnen würde.
Das wuchernde Moos auf den Schiefersteinen dämpfte die Schritte. Flor konnte die feuchte Kühle durch die dünnen Ledersohlen spüren. Nach der langen Winterruhe war die Natur dabei, sich unter einer wärmer werdenden Sonne aufzurichten. Neue Triebe verströmten ihren süßen Duft, als Zeichen, dass sie für die Insekten im Tausch Nektar bereithielten. Selbst der Boden hatte eine intensive erdig-würzige Note.
Falter schwirrten zwischen den mächtigen, alten Stämmen des Waldes auf und ab, hin und her gerissen zwischen der Sehnsucht nach dem Mond und den Verlockungen auf der Erde.
Flor lauschte dem leisen Zirpen, Surren und Brummen. Dem Klappern und Ächzen der Bäume, wenn sie von den Windböen getragen und geschaukelt wurden. Eine Symphonie der Nacht, heilige Musik und sakrale Einstimmung für das anstehende Ritual.
Ohne Zögern, beseelt von göttlichem Urvertrauen, lief Flor weiter durch den Wald, den Pfad entlang bis zum Versammlungsplatz. An dieser Stelle öffnete sich das Gehölz und formte eine kleine Lichtung. Der Quell ewiger Jugend plätscherte leise im Hintergrund. Doch auch hier hüllte der Neumond alles in tiefes mattschwarzes Dunkel.
Flor hielt inne, konzentrierte sich, sandte die Sinne über den engen Schutzradius des Körpers hinaus, um Ausschau nach den anderen zu halten. Allein die Körperwärme verriet sechs weitere Personen, die in einem Halbkreis standen. Sie waren vollzählig.
Auch die Wartenden schienen Flor bemerkt zu haben. Es raschelte, als jemand sich bewegte. Der heranwehende Geruch von Pech und verdicktem Öl drängte den Duft des Waldes zurück. Die Zeremonie nahm ihren Anfang.
Als die vorbereitete Glut auf die Feuerstelle geschüttet wurde, stoben grellweiße Funken auf und ließen die Umrisse der anderen erkennen. Die erste Fackel wurde entzündet und auf dem vorbereiteten Ständer angebracht, gefolgt von zwei weiteren.
Jetzt erst erkannte Flor, dass auf dem Boden die heilige Schutz-Sigille mit einer breiten Spur aus Salz aufgebracht worden war. Ein Kreis als stilisiertes Bildnis des Schlangeneis durchbrochen von zwei parallelen Linien, die für das Zweiersymbol des Mondes standen.
Flor griff nach dem Amulett unter dem Kapuzengewand, um nicht den Mut zu verlieren. Jedes Mitglied besaß solch ein Kleinod mit einer ganz eigenen Sigille, um die persönlichen Fähigkeiten zu verstärken. Ein Geschenk, das man zur Weihe erhielt. Damit wurde der eigene Weg innerhalb der Gildengemeinschaft festgelegt.
Flor hatte sich für jenen entschieden, der Wissen und auch Gefahr mit sich brachte. Ein Weg, der innige Gefolgschaft verlangte. Treue, Gehorsam und Mut. Die Courage, ein Opfer zu bringen, wenn es nötig war und mit dem Leben für die Werte und das Überleben der Gemeinschaft einzustehen. Diese Nacht würde die Erneuerung des Schwurs fordern. Und mehr.
Niemand sprach, als die Mitglieder sich im Kreis aufstellten. Sieben Geweihte für sieben Zacken eines Heptagramms. Mit Hilfe von Erde, Wasser, Feuer, Luft, Energie, Geist und Seele würden sie um göttlichen Beistand bitten und die Ahnen anrufen, sich ihrem Ansinnen anzuschließen. Eine Erneuerung stand bevor. Die kosmische Konvergenz, für die sie auserwählt worden waren. Die Zeit war gekommen. Die Prophezeiung würde sich erfüllen.
Gemeinsam intonierten die sieben Wächterseelen die uralten Worte, während der Mond sein Gesicht verbarg. Als es nach sieben mal sieben Strophen endete, griff Flor nach dem vorbereiteten Beutel, entknotete das Lederband und zog es auseinander.
Ein Mitglied nach dem anderen warf sein Opfer in die Glut. Als Letztes war Flor an der Reihe. Die Kräuter und Pflanzenteile verdampften unter vielfachem Zischen und gaben ihren innewohnenden Geist frei.
Am Ende trat Cormae vor an die Feuerstelle und zückte den Zeremoniendolch. Das Zeichen für die anderen, ebenfalls vorzutreten. Noch immer brannten die Gaben auf der Glut und hoben sich in schlanken Rauchschwaden empor. Das überbordende Geruchsgemenge raubte Flor schier den Atem. Die Welt begann zu schwanken.
Einen Augenblick lang flimmerte die Wirklichkeit. Dann war da Cormaes Hand, die Flor fest am Arm packte und ins Hier und Jetzt zurückholte. Ein Mitglied nach dem anderen ergriff den Dolch, krempelte den Ärmel der Kutte hoch und nährte das Ritual mit Blut.
Erneut stimmte Cormae sakrale Ferse an, Beschwörungsformel und zugleich Gebet. Eine Danksagung für die Gnade, die die Bürde mit sich brachte. Dann war es soweit. Cormae beugte sich vor und flüsterte Flor den zugedachten Auftrag ins Ohr.
1.
Reise nach Rennes
Dublin, Irland
David und Rian saßen in der Abflughalle von Gate 418 am Dublin Airport und warteten auf ihren Flieger nach Rennes. Sie folgten einem Ruf, den sie nicht ignorieren konnten. Ob sie wollten oder nicht.
Nadja war indes immer noch verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Alles in David schrie danach, sich unverzüglich auf die Suche nach ihr zu machen. Doch es ging nicht. Noch nicht. Der Dame vom See schlug man keine Bitte ab, egal wie groß oder klein sie sein mochte.
Die Regeln der Anderswelt waren in solchen Dingen unmissverständlich und streng. Obwohl sich Davids stückchenweise gewachsene Seele nach Nadja verzehrte, er sich sorgte und nichts mehr als ihre Unversehrtheit und Nähe herbeiwünschte, war die elfische Seite seines Selbst noch immer an die Sippe der Sidhe Crain gebunden. Ihren Regeln hatte er unbedingt zu gehorchen. Deshalb waren sie auf dem Weg nach Frankreich.
Nimue, Viviane, Herrin vom See, Hüterin der Quelle oder Königin des Wassers, wie sie in den verschiedenen Welten gerne genannt wurde, gehörte zu den Alten und Erhabenen. Eine göttergleiche Fee, so geheimnisvoll und unergründlich, dass selbst die Crain nicht viel über sie wussten. Bis auf jene Geschichten, die sich auch die Menschen in Mythen, Märchen und Liedern erzählten.
Vor langer Zeit hatte Nimue es gewagt, in die Geschicke Britanniens einzugreifen. Als Hüterin des Schwertes Excalibur hatte sie viele der Fäden gezogen, war Mitwisserin und Mitwirkende in jenem Drama gewesen, das König Artus und die Tafelrunde zu einer Legende hatte werden lassen. Unter anderem, weil sie Lancelot in ihrem sagenumwobenen Reich im See aufgezogen hatte.
Seit jenen längst vergangenen Tagen war sie nicht mehr gesehen worden, weder bei den Menschen noch in der Anderswelt. Bis vor kurzem hatte kaum jemand mit Sicherheit sagen können, ob sie überhaupt noch lebte. Bis die Blaue Dame David und Rian die Botschaft ihrer Schwester überbracht hatte.
Dennoch überraschte es David ganz und gar nicht, dass Nimue die Zeit überdauert hatte und weiterhin, wenn auch aus größerer Entfernung, Anteil an den Geschicken der Menschenwelt nahm. Doch warum würde ein so mächtiges Wesen Rian bitten, ihr mit heilkundiger Hand beizustehen? Litt auch sie an dem Verlust der Unsterblichkeit? Oder erhoffte sie sich anderweitig Unterstützung?
Und was hatte der Ruf um Hilfe damit zu tun, dass den Worten der Blauen Dame zufolge jemand versuchte, Merlin zu wecken?
»Hör auf, missmutig vor dich hin zu starren. Das steht dir nicht«, sagte Rian und grinste ihn von der Seite an. Ihre immerwährende Fröhlichkeit war Fluch und Segen zugleich. Wie schmal der Grat dazwischen sein konnte, merkte David besonders, seit er sich mit menschlichen Gefühlen herumschlagen musste. Stück für Stück weckte die wachsende Seele in ihm Gemütszustände, die mal verwirrend, mal ungewohnt berührend und manchmal auch schrecklich nervig waren.
»Ich halte diese Warterei einfach nicht aus«, gab er mit knurrigem Unterton zurück. »Wer weiß, was Nadja gerade alles durchmacht, seit der Getreue sie entführt hat.«
»Du sagst es! Wir wissen es nicht. Weder, wie es ihr geht, noch, wo sie steckt. Also geh nicht immer gleich vom Schlimmsten aus«, erwiderte seine Schwester.
Eine Tonband-Stimme vermeldete, dass der Aer Lingus Flieger EI1011 nun zum Einsteigen bereit sei und das Boarding in wenigen Augenblicken beginnen würde.
»Nadja wird sich wie immer wacker schlagen. Wenn der Getreue sie Bandorchu vor die Füße hätte werfen wollen, hätte er in Newgrange die perfekte Gelegenheit dazu gehabt. Doch er hat es vorgezogen, mit Nadja zu verschwinden. Warum? Das werden wir bald erfahren.«
»Gleich wäre mir lieber«, sagte David.
Sie standen auf, reihten sich in die Warteschlange ein, zeigten ihre Bordkarten und stiegen unbehelligt ins Flugzeug. Mit ihrem natürlichen Charme und etwas Elfenmagie hatte Rian ihnen zwei Plätze in der ersten Klasse besorgt. Vielleicht um wieder gut zu machen, dass David genau genommen ihretwegen zu dieser Mission gezwungen worden war. Als Begleiter und Beschützer seiner Zwillingsschwester. Denn die besonderen Heilkünste, nach denen die Dame vom See verlangte, waren allein Rians Metier. Aber vielleicht wurde Davids Schwert für das benötigt, was angeblich mit Merlin geschah … ob es stimmte, dass jemand versuchte, den Zauberer aus seinem Bannschlaf zu wecken? Wie sollte das möglich sein, da niemand zu wissen schien, wo Merlins Körper lag?
Nach dem Start des Fliegers entspannte sich David ein wenig. Er wusste sein kurzes Schwert wohlversorgt in der Gepäckablage über ihm. Die Menschen konnten es natürlich nicht als solches erkennen – nicht einmal in dem Moment bei der Sicherheitskontrolle, wenn der Scanner es anzeigte. Technik konnte nicht so leicht überlistet werden, Menschenaugen hingegen schon.
Der Blick auf die fedrig-weiße Wolkendecke unter ihm vermittelte ein Gefühl von Geborgenheit und schenkte gleichzeitig einen Hauch von Zuversicht.
Es wurde Zeit, dass David seine Gedanken auf das richtete, was vor ihnen lag. Frankreich. Die Bretagne und ein Wald, der selbst in der Menschenwelt für seine magische Ausstrahlung bekannt war: Brocéliande. Angeblich die letzte Ruhestätte von Merlin, dem größten aller Zauberer.
Ihr erstes Etappenziel war Paimpont. Gleich nebenan lag der See von Comper – Nimues See. Der Beschreibung nach befand er sich im Norden des weitläufigen Waldgebietes, das einstmals bis nach Huelgoat im Westen gereicht hatte.
Durch die Modernisierung und Urbanisierung über die Jahrhunderte hinweg stand nur mehr ein Bruchteil des Baumbestandes aus längst vergangenen Zeiten, doch die Geschichten lockten noch immer keltische Kultisten, Suchende und Touristen an. So stand es zumindest im Reiseführer, den Rian am Flughafen unnötigerweise besorgt hatte.
Ob tatsächlich aus neu erwachter Leselust oder nur um ihn zu ärgern – sie ließ keine Gelegenheit aus, ihm etwas daraus vorzulesen. Sobald sie eine nennenswerte Stelle entdeckt hatte, plapperte sie los. Und wie immer war in ihren Augen fast alles eine Erwähnung wert.
Was würde Nadja bei all dem durch den Kopf gehen?, überlegte David. Wie würde sie die weiteren Schritte planen? Denn darin war sie als Journalistin geradezu brillant. Eine der vielen Eigenschaften von ihr, die David vermisste.
Alles, was mit ihr zu tun hatte, fehlte ihm. Ihre bernsteinfarbenen Augen, wenn sie ihn auf durchdringende Art ansah. Ihr unbändiger Hunger, der Rians Gier nach Süßem ohne Zweifel Konkurrenz machte, und das, bevor Nadja schwanger geworden war.
Ihm fehlte ihre chaotische Ader, wenn es nicht gerade darum ging, ein Geheimnis zu lüften oder einen Bösewicht zu enttarnen. Denn auch wenn sie als Mensch ein bisschen schusselig war, in ihrem Beruf war sie das genaue Gegenteil. Da war sie ein Profi durch und durch. Ein Grund, warum sie sich überhaupt kennengelernt hatten. Weil sie verdammt hartnäckig sein konnte. Ein Wesenszug, der in mancher Hinsicht auch bei seiner Schwester zu finden war.
Obwohl der Flug kaum länger als zwei Stunden dauern würde, begann Rian gelangweilt auf ihrem Sitz vor und zurück zu rutschen und sich mit verdächtig glitzerndem Blick in der Kabine umzusehen.
»Untersteh dich, hier oben in der Luft irgendeinen Schabernack zu treiben«, mahnte David sie. Doch das schien sie wie immer nur noch mehr anzustacheln.
»Ich fürchte, du wirst eine Weile allein Trübsal blasen müssen. Mir steht der Sinn nach ein bisschen Abwechslung und einer anregenden Unterhaltung.« Mit diesen Worten stand Rian auf, quetschte sich mit ihrer modelmäßig schlanken Figur an ihm vorbei und steuerte zielsicher auf einen Kerl zu, der eine Reihe vor ihnen auf der gegenüberliegenden Seite saß.
»Ist hier noch frei?«, hörte David sie säuseln. Den bezirzenden Augenaufschlag dazu konnte er sich, auch ohne ihn zu sehen, ausmalen.
»Désolé. Quoi?«, erwiderte der Mann sichtlich perplex und wischte sich nach einem Blick auf Rians Erscheinung in typischer Hahnenbalzmanier mit der Hand über den nicht vorhandenen Kamm seiner kurzgeschnittenen Businessfrisur.
David stöhnte innerlich auf. Sie hatten wahrlich Besseres zu tun, als jetzt irgendwelche Typen aufzureißen und am Ende vielleicht auch noch in Schwierigkeiten zu geraten, weil ihre Eroberung sich mal wieder an Rian sprichwörtlich festgesogen hatte.
Immerhin schien der Kerl Manieren zu haben. Bevor Rian sich an ihm vorbeizwängen konnte, um auf den freien Mittelplatz zu gelangen, stand er auf, trat auf den Gang und ließ sie höflich gewähren.
David konnte allein am Sitz seiner Anzugjacke erkennen, dass seine Kleidung nicht von der Stange war. Die Schuhe glänzten frisch poliert und am rechten Handgelenk funkelte das Armband einer protzigen Markenuhr. Eine kleine Überraschung, denn seinem Seitenprofil nach zu urteilen war er relativ jung. Keine dreißig und schon im Big Business. Also offensichtlich ein Mann mit Talent.
»Hallo. Mein Name ist Rian Bonet. Mein Bruder und ich sind das erste Mal nach Rennes unterwegs«, plapperte Rian drauflos, als sie sich gesetzt hatten. »Um die Sehenswürdigkeiten der Bretagne zu besichtigen. Es soll da ja nur so vor magisch-mystischen Orten wimmeln!«
»Ravi de vous rencontrer. Angenehm, Mademoiselle«, antwortete der Franzose. »Mein Name ist Philippe Bourdieu.«
Erneut strich er sich über seine perfekt gestylten Haare, drehte sich ein Stücken weiter zu ihr herum und präsentierte David damit seinen Rücken. »Frankreich, und vor allem die Bretagne, ist immer eine Reise wert«, fuhr er fort und David fiel das erste Mal seine überraschend raue Stimme auf. Hatte er sein Alter unterschätzt?
Während er noch grübelte, sah er, wie seine Schwester den Kopf auf diese typisch lasziv-provokante Art neigte und sich ein klein wenig vorbeugte. »Was für ein wohlklingender, starker Name. Dann kennen Sie sich wohl in der Gegend um Rennes aus, Philippe?«
»Das tu ich in der Tat«, antwortete er fast schon entschuldigend, aber mit spürbarer Leidenschaft hinter seinen Worten. »Meine Familie stammt aus Lorient und hat ein Ferienhaus in der Nähe von Josslin, etwas weiter östlich und nicht direkt am Meer gelegen. Aber der Ort ist ein Kleinod historischer Baukunst.«
»Das klingt wunderbar!«, jauchzte Rian. »Vielleicht kommen wir auf unserem Weg ja bei Ihnen vorbei und Sie können mir die besten Plätze in der Umgebung zeigen? Solche, die nicht im Tourismusführer stehen?«
Mit siegesgewissem Lächeln sah sie zu David hinüber und zwinkerte. Langsam dämmerte ihm, worauf das hinauslaufen sollte. Sie war dabei, ihnen eine Mitfahrgelegenheit zu organisieren. Diesmal ganz ohne Elfenzauber, allein mit den Waffen einer Frau.
»Es wäre mir eine Freude! Ach, was sag ich! Es wäre mir ein wahrhaftiges Vergnügen, Sie an die Hand nehmen zu dürfen. Es gibt so wundervolle Flecken dort. Ich würde mit Ihnen am Flussufer des Oust entlang spazieren, Sie in das Schloss der Rohan entführen und Ihnen die Schätze zeigen, die sich dort in den endlosen Regalen der imposanten Bibliothek finden lassen.« Philippe beugte sich nun ebenfalls verschwörerisch vor. »Jetzt im Sommer sind auch viele der anderen Räumlichkeiten offen zu besichtigen, die sonst nur von den Abkömmlingen der bretonischen Könige bewohnt werden.«
»Von richtigen Königen? Dann sind Sie wohl auch einer, wenn Sie dort so einfach hineindürfen«, witzelte Rian mit kindlich-unschuldigen Kichern.
Der Kerl aalte sich sichtlich in ihrer Aufmerksamkeit und David betete einmal mehr darum, dass sie bald in Rennes landen würden.
Doch Zeit war eine widerspenstige Sache. Immer, wenn man wünschte, dass sie schneller lief, tat sie das genaue Gegenteil. Der Flug schien endlos zu dauern. David drückte sich tiefer in den Sitz und stierte durch das Seitenfenster in den trüber werdenden Himmel. Das weiße Wolkenmeer hatte sich zu einer Hügellandschaft aus Grautönen aufgebauscht. Vereinzelte Regentropfen klatschten gegen die Scheibe und zogen auf dem Glas ihre Bahn, bis sie sich in sich selbst verloren hatten.
Als die Maschine endlich landete, hatte sich das Wetter zu einem eindrucksvollen Gewitter zusammengebraut. Ein grauschwarzes Monster, das von Westen her näherkam. Wenn David sich also nicht gänzlich irrte, würden sie direkt darauf zu steuern und mitten hineinfahren müssen, um nach Paimpont zu gelangen.
»Keine Sorge, mein Mietwagen wird direkt an den Ausgang des Terminals gebracht«, erklärte Philippe Bourdieu und führte Rian beflissentlich Richtung Zollkontrolle, während David gemächlich folgte.
Das Gepäck des Franzosen bestand aus einem kleinen Rollkoffer, den er mit in die Passagierkabine gebracht hatte. Ihres bestand aus dem, was sie in den Taschen trugen. Und versteckt am Gürtel. Damit war der Weg frei, um den Flughafen zügig zu verlassen.
Wie von Rians neuem Verehrer versprochen, stand sein bestellter Wagen bereits bereit. Eine funkelnagelneue schwarze Limousine mit getönten Scheiben und Ledersitzen.
Sehr angenehm. Dies versprach nicht nur ein trockenes, sondern auch ein außerordentlich bequemes Plätzchen auf der Rückbank, während Rian vorne für die gute Laune ihres rekrutierten Chauffeurs sorgen würde.
Philippe steuerte den Wagen routiniert von der Flughafenumgehung auf die Autobahn 24 Richtung Lorient und damit indirekt auf Paimpont zu. Im Radio dudelten typisch französische Chansons, während von draußen der Regen unerbittlich herniederprasselte. Rian hatte es mit ihrer unvergleichlichen Art geschafft, Philippe dazu zu überreden, einen Zwischenstopp an ihrem Zielort einzulegen.
Das in der Fahrzeugkonsole eingelassene Navigationsgerät zeigte für die eingetragene Strecke eine Fahrtzeit von knapp einer Stunde an. Für David hieß das, einmal mehr quälende Warterei und Nichtstun, während seine Gedanken zurück zu Nadja drifteten. Immer wieder stellte er sich dieselben Fragen.
Was mochte der Getreue nur mit ihr vorhaben? Was er getan hatte, war Hochverrat an seiner Königin.
Die Dunkle Königin und ihre Eroberungspläne. Auch das war etwas, mit dem sie sich beschäftigen mussten, sobald sie den Auftrag der Dame vom See erledigt hatten. Seit der Getreue Bandorchu mit Hilfe des Zeitgrabs in Newgrange zurück und in diese Welt geholt hatte, standen die Tore zum Schattenland offen.
Die einstige Königin von Earrach hatte nicht nur ihr Exil verlassen, sie hatte eine ganze Armee mitgebracht. Genau wie Fanmór, der sich dank Pirx gerade noch rechtzeitig auf dem Schlachtfeld gegen sie gestellt hatte.
Der Kampf war eher ein Kräftemessen gewesen. Am Ende hatte die Dunkle Königin sich zurückgezogen. Wohin, das wussten aktuell nur ihre Anhänger.
Und der Getreue hatte sich gar nicht erst daran beteiligt, sondern war mit Nadja verschwunden. Vielleicht gehört ihre Entführung zu einem viel größeren Plan, den sie alle nur noch nicht durchschaut hatten. Möglicherweise war es eine Finte, um sie abzulenken. Fortzulocken und blind für die im Hintergrund ablaufenden Geschehnisse zu machen. Aber welche mochten das sein?
David knurrte vor Ärger so laut auf, dass Philippe am Steuer zusammenfuhr und David sich einen bösen Blick seiner Schwester einfing.
»Ignorier meinen Bruder einfach, Phil. Manchmal hat er diese Anfälle. Aber keine Angst, er ist harmlos«, beschwichtigte sie den Hasenfuß mit ihrem charmantesten Lächeln, während sie mit ihrer Hand sein Knie tätschelte.
David musste gegen seinen Willen grinsen. Die Menschen waren schon ein seltsames Volk. Manche so mutig und andere so schwach. Natürlich war Nadja genau genommen eine Halbelfe, aber ihre Mutter Julia Oreso war es nicht. Und gerade sie hatte, genau wie ihre Tochter, bewiesen, wie stark ein so zierliches, sterbliches Wesen sein konnte. Ihre Autorität lief zwei Schritte voraus. Diese Frau bekam für gewöhnlich, was sie wollte. Nur, dass sie dafür keine Elfenmagie einsetzte.
»Am besten, ihr nehmt euch ein Zimmer im Le Relais De Brocéliande. Da seid ihr mitten im Zentrum der Stadt und könnt einige der Sehenswürdigkeiten zu Fuß erreichen. Das angeschlossene Restaurant hat einen guten Ruf«, erklärte Philippe ihnen, während er die Autobahn wieder verließ und auf die Landstraße Nummer 773 Richtung Norden abbog.
Wenige Minuten später hatten sie ihr Ziel erreicht. Ein malerisches Örtchen, direkt an jenen gewaltigen Wald angrenzend, den man in Sagen und Geschichten Brocéliande nannte. Es wurde Zeit, sich von Philippe zu verabschieden. Wie, das sollte Rians Sorge sein.
»Du hast ja meine Nummer«, sagte Philippe nach einigem Hin und Her, während sie im Regen standen und langsam aufweichten. »Eine kurze Textnachricht genügt und ich hole dich ab.« Er blickte zu David und verzog entschuldigend das Gesicht. »Euch, meine ich natürlich. Ihr seid beide willkommen.«
»Das ist so lieb von dir, Phil. Wirklich«, antwortete Rian, küsste ihn mit spitzen Lippen auf die Wange und trat dann an Davids Seite. »Fahr vorsichtig, ja? Die Straßen können rutschig sein bei so einem Wetter.«
Philippe nickte mit seligem Lächeln. Noch einmal zögerte er, schien mit sich selbst zu ringen. Dann stieg er ein, wendete die Limousine und brauste so zackig davon, dass links und rechts die Wasserfontänen spritzten.
»Gut gemacht, Schwesterherz«, sagte David und grinste.
»Er war wirklich nett«, erwiderte sie, während sie sich in einer nutzlosen Geste die Hand über den Kopf hielt und lachte. »Wir sollten schauen, dass wir schleunigst ein Zimmer und danach etwas Ordentliches zu essen bekommen.«
In dem Moment krachte es. Ein Donnerschlag, so laut, dass sich die Zwillinge unwillkürlich duckten. Ein Blitz zuckte zwischen den Wolken hervor und erleuchtete den gesamten Himmel. Und nicht nur ihn.
Kurz bevor es wieder dunkel wurde, glaubte David etwas am Rand des angrenzenden Waldes vorbeihuschen zu sehen. Ein Tier vielleicht. Doch es war auf eine unwirkliche und doch seltsam vollkommene Art schneeweiß und dabei gleichzeitig geradezu ätherisch durchscheinend.
2.
Den Feind im Nacken
London – Freitag, 26. April 1715
Wir werden dich jagen, Weltvernichter!
Wir werden dich stellen!
Wir werden dich zur Strecke bringen.
Dein Blut und Wasser werden die Opferschale füllen,
um den Zorn Gottes zu zügeln,
solltest du weiterhin dem Teufel mit Zahl und Schieber huldigen.
Edmond Halley schluckte schwer und ließ die Hand sinken. Der Brief glitt ihm aus den zitternden Fingern und segelte zu Boden. Die Zeilen waren in großen, schwungvoll gezogenen Linien auf das Papier gesetzt. Ein geradezu kunstvolles Schriftbild. Der Inhalt dagegen zeugte von einer kleingeistigen Seele, von purem Hass, Rückwärtsgewandtheit und Aberglaube. Eine höchst gefährliche Mischung.
Als Wissenschaftler und logisch veranlagter Mensch hatte Edmond mit der Veröffentlichung seiner Arbeit in gewissem Maße Unglaube und auch Widerstände in der weniger gebildeten Bevölkerung erwartet. Aber eine Bedrohung seines Lebens erschien ihm in jeder Hinsicht maßlos übertrieben.
Dummheit war zu verzeihen. Ignoranz war selbst in den Adelsschichten zu finden und dabei teilweise als kapriziöse Marotte gepflegt. Fanatismus hingegen war die Brutstätte von Gewalt und Anarchie. Etwas, vor dem Edmond nicht beabsichtigte, sich zu beugen.
Was hatte er so Schlimmes verbrochen? Er hatte seiner kindlichen Leidenschaft nachgegeben und auch als gereifter Mann weiterhin hinauf in die Sterne geblickt. Nur dass er heute keine Geschichten hinter den Sternenbildern mehr suchte, sondern die Zahlen und Formeln der Flugbahnen und Anziehungskräfte, die den Kosmos zusammenhielten.
Weil er vorausberechnen konnte, wann und wo der Mond sich zwischen Sonne und Erde schieben und zu welchem Datum dies selbst bei Tage passieren würde, war er deswegen doch nicht der Verursacher einer Sonnenfinsternis. Sie würde kommen. So oder so.
Doch speziell die strengeren Ableger des Christentums wollten davon nichts hören. Sie sahen immer noch in jedweder Wissenschaft den Teufel sprechen. Auch dieser Drohbrief stammte eindeutig von den Christi Sanguis et Aqua, den Anhängern von Blut und Wasser Christi. Das ließ sich unschwer aus den gewählten Worten herauslesen, auch wenn sie zu feige gewesen waren, ihre Signatur unter die Zeilen zu setzen.
Die Standuhr in dem kleinen Arbeitszimmer schlug zur halben Stunde. Es wurde Zeit, sich auf den Weg zu machen. Es war eine große Ehre, vor den versammelten Mitgliedern der Royal Society sprechen zu dürfen. Und Edmond würde sich nicht von irgendwelchen Sektierern davon abhalten lassen. Nicht durch solch einen Akt, der Angst schüren und den Geist verzagen lassen sollte.
Als Wissenschaftler hatte er die Aufgabe, über die bekannten Grenzen hinaus zu blicken. Für ihn bedeutete das, auch das eigene Weltbild immer wieder herauszufordern. Sich mutig gegen das vermeintlich gefestigte Weltbild zu stellen. Nicht mit emotional überladenem Pathos, sondern mit Fakten und Beweisen im Gepäck.
Entschlossen rückte er seine Perücke zurecht, stand auf, stieg über den Drohbrief hinweg zu seinem Dokumentenschrank und zog die vorbereitete Kladde aus dem Regal. Dann warf er sich seinen besten Umhang über, den er für solcherlei Gelegenheiten und höhergestellte gesellschaftliche Auftritte hatte schneidern lassen. Gefertigt aus feinem Samtstoff, der in seiner Form einer Robe nahekam und andererseits schlicht genug gehalten war, um nicht protzig zu wirken. Denn unnötiger Prunk lenkte von dem eigentlichen Thema seiner Arbeit ab.
Heute war es die Berechnung der magnetischen Deklination und die damit einhergehende Lösung des Längenproblems in der Nautik. Die Ergebnisse würden die Routen in der Seefahrt präziser berechenbar machen und damit sowohl Risiko, als auch Reisezeit und Proviant einsparen. Und das alles mit Hilfe der Sterne.
Edmond Halley stand bereits im Türrahmen, als er noch einmal über die Schulter blickte und das Papier auf dem Boden neben seinem Schreibtisch fixierte. Für die Wissenschaft, dachte er. Gegen Tyrannei und Aberglaube. Schreite mutig voran, Edmond. Die Welt braucht dich und deinen klugen Kopf. Egal, wie schwer dir dieses Blatt Papier auch im Magen liegen mag.
Ein Zwiegespräch mit sich selbst, wie er es häufig tat, wenn er für längere Zeit nicht bei Frau und Kindern weilte. Die Zweitwohnung in London war eine kostspielige Sache und doch unabdingbar für ihn, um die nötige Ruhe für seine Arbeit zu finden.
Mary war eine gute Frau. Sie hatte ihm einen Sohn und zwei Töchter geschenkt. Brave strebsame Geister, die keinen Grund zur Klage gaben. Doch sie konnten nicht ändern, dass ein Teil davon nur Fassade war. Denn Herzen ließen sich nichts von Logik oder gesellschaftlichen Normen vorschreiben. Sie liebten, wen sie liebten. In Edmonds Fall war das vornehmlich die Wissenschaft.
Über London hing, wie an fast jedem Tag, der gewohnte graue Dunstschleier. Ein Geschenk der Themse an die Bewohner, wie es so schön hieß. Dazu strahlte der Himmel diese drückende Sommerhitze ab, von der man Kopfschmerzen bekam. Durch die Straßen wehte ein staubig-stickiger Wind und zerrte an Edmonds Umhang.
Kurz überlegte er, sich eine Kutsche zu nehmen. Doch der Blick in die Geldbörse belehrte ihn, sich besser auf seine Füße zu besinnen.
Das Gebäude der Royal Society war fünf Straßen entfernt. Deutlich kürzer, als er sonst zur Universität unterwegs war. Zusätzlich würde er die Abkürzung durch den St. James’ Park nehmen. Ein wenig Sauerstoff mochte helfen, das Dröhnen hinter den Schläfen verstummen zu lassen.
Zu dieser Jahreszeit flanierten die Menschen dort, um sich zu zeigen, unverfänglich Bekanntschaften zu knüpfen und aus der Ferne zu flirten, wie es die Vögel in den Bäumen, die Fische in den Seen und die Katzen in den Sträuchern taten. Ein Kreisen umeinander, durch Anziehung und Abstoßung choreografiert, das sich selbst im komplizierten Reigen von Sternen und Planeten wiederfand.
»Sie sind spät dran!«, hörte Edmond von der Seite eine bekannte Stimme rufen.
Herold Windsworth, ein weiteres Mitglied der Royal Society und Mathematik-Professor, der nicht mehr lehrte. Dennoch verpasste er kaum eine Sitzung der wissenschaftlichen Vereinigung, um seine persönlich gefärbte Sicht auf die Dinge kundzutun.
»Mitnichten!«, erwiderte Edmond. »Denn auf meiner Uhr wird es exakt dann zur vollen Stunde schlagen, wenn ich die Tür des Sitzungssaals öffne.«
»Ihre Zuversicht hätte ich in jüngeren Jahren gebraucht«, erwiderte der Professor und schloss mit zügigen Schritten zu ihm auf.
»Es ist weniger die Zuversicht, als die gewählte Perspektive, die es mir unmöglich machen wird, zu versagen«, scherzte Edmond.
So eine Plauderei half, den nagenden Schatten auf seiner Seele zu verdrängen. Doch auch auf seinem Weg gab es die erhobenen Zeigefinger, die Anklagen und Leugnungen, die ihm entgegenschrien.
»Wird uns der Mond auf den Kopf fallen und in ewige Nacht stürzen? Lesen Sie!«, rief ein Zeitungsjunge und hielt ihnen einen gedruckten Zettel hin.
Edmond spannte die Kiefer an. »Scharlatane«, zischte er und marschierte ungebremst weiter.
»Sie scheinen mir dieser Tage fast so oft in aller Munde zu sein wie das Königshaus und die Querelen zwischen Georg I. und den Jakobiten«, sagte Herold Windsworth ein wenig spöttelnd. »Halten Sie es immer noch für eine gute Idee, Ihre Theorien so öffentlich zu verbreiten?«
»Es sind keine Theorien. Es sind Fakten. Das sollten Sie als Mathematik-Gelehrter doch am besten wissen. Und was sonst sollte ich damit anfangen? Ich forsche nicht für die Schublade. Ich arbeite im Dienst der Menschheit.«
»Und es ist ein Segen, dass wir solch emsige Wissenschaftler in unseren Reihen haben«, lenkte der Professor beschwichtigend ein und zwirbelte eine seiner Perückenlocken. »In diesem Fall scheint mir allerdings die Frage erlaubt, ob die Menschheit dieses Wissen wirklich haben möchte.« Er deutete unmissverständlich auf Männer, die Papiere verteilten, auf denen in großen Lettern zu lesen war: »Tod all jenen, die den Teufel in Reagenzgläsern züchten«, oder: »Wenn der Teufel die Sonne verdunkelt, werden die Toten aus ihren Gräbern steigen.«
»Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Was heute neu ist, wird morgen normal sein«, antwortete Edmond Halley so ruhig es ihm möglich war. Doch die Angst hatte sich an ihm festgekrallt und kletterte langsam aber sicher seine Eingeweide hinauf und machte ihm den Magen flau.
Starrten ihn die Menschen an, an denen er vorüberging? Verfolgten sie ihn mit ihren Blicken? Flüche murmelnd und Schimpfworte hinter ihm ausspuckend?
Der Peitschenknall eines Kutschers ließ Edmond zusammenfahren und sich ducken. Der Professor blieb neben ihm stehen und sah ihn nun geradezu mitleidig an. »Sie hätten sich ein anderes Fachgebiet wählen sollen, mein Freund.«
Ich bin nicht Ihr Freund, wollte Edmond erwidern. Doch das geziemte sich nicht einem älteren Gentleman gegenüber. Und dazu noch einem so renommierten. Stattdessen biss er die Zähne zusammen und zuckte grimmig mit den Schultern. Er würde sich seine Worte für den Vortrag aufsparen. Wenn Leute vor ihm saßen, die sein Streben zu schätzen wussten.
Als sie das Eingangsportal des ehrwürdigen Baus erreichten, hielt Edmond inne, um sich zu sammeln. Er atmete einmal tief durch, klopfte sich den Staub von den Kleidern, rieb sich die Schuhe an den Hosenbeinen blank und straffte sich, bevor er dem Professor den Treppenaufgang hinauf und durch die Pforte folgte.
Wie kalkuliert, war er exakt zur anberaumten Zeit an Ort und Stelle. Die ehrwürdigen Herren hatten ihre Zigarren bereits beiseitegelegt und die Pfeifen ausgeklopft. Auch Herold Windsworth gesellte sich zu der Gruppe der Zuhörerschaft. Dutzende Augenpaare blickten Edmond erwartungsvoll hinter dem Rednerpult entgegen.
Die Begrüßung und Vorstellung durch den Principal – dem Vorstand der Fellow-Mitglieder – war knapp und ein wenig hölzern, wie Edmond fand. Doch er war es gewohnt. Sein Leben taugte nicht für amüsante Anekdoten. Die Ehrenabzeichen und Preise, die er bisher erhalten hatte, waren mittelmäßig dotiert gewesen. Gerade so, dass er über die Runden kam, ohne sich gänzlich in die Hände eines Mäzens begeben zu müssen.
»Die Seefahrt ist unser verlängerter Arm«, begann er seinen Vortrag. Gefolgt von einigen Ausführungen über die Historie der nautischen Karten und Routenberechnungen. Er zeigte die Stolpersteine und Herausforderungen dabei auf, um anschließend seine so überaus elegante Lösung zu präsentieren, die er aus den Himmelsplaneten abgelesen hatte.
»Wie kann man sich sicher sein, dass die Planeten den Bahnen folgen, die Sie glauben, berechnen zu können?«, fragte Paul Gutman. Er gehörte zu den Honorary Fellow of the Royal Society – Ehrenmitglieder, die sich um die Wissenschaft verdient gemacht hatten, ohne die formalen Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft zu erfüllen. Ein konservativer Wissenschaftler und Skeptiker gleichermaßen. Im Grunde eine gesunde Mischung, wenn man Dingen auf den Grund gehen wollte. Allerdings schien diese Gabe im Alter zu einer Art nörgelnder Besserwisserei zu verkommen. So schien es zumindest Edmond, wenn er die graue Ehrenbrigade, wie er sie gern nannte, betrachtete.
»Indem man sie beobachtet und versteht«, antwortete Edmond knapp und vielleicht ein wenig zu forsch, um eine Diskussion darüber gar nicht erst aufkommen zu lassen.
Während er auf einige weitere Fragen einging, bemerkte er aus dem Augenwinkel, dass eine weitere Person unauffällig in den Raum trat und in der hintersten Reihe Platz nahm. Verdeckt von der ausladenden Perücke eines ihm vage bekannten Chemikers, lugte nur eine Hälfte seiner Silhouette hervor. Doch Edmond hätte ihn wohl allein an seinem Schatten erkannt: Den amtierenden Präsidenten der Gelehrtengesellschaft – Sir Isaac Newton!
Still und unbewegt saß er da und hörte sich die Diskussion bis zum Ende an. Erst als die Herren sich im Salon zusammenfanden, um bei einem Glas Scotch über das Gehörte zu lamentieren, trafen sich ihre Blicke aus der Ferne.
Edmond neigte angedeutet den Kopf und prostete dem berühmtesten Kopf unter den Wissenschaftlern zu. Isaac erwiderte die Geste, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Ein leises Lächeln umspielte seine Lippen. Sein Blick strahlte etwas Schalkhaftes aus. Ein Mann, der sich im Inneren sein jugendliches Ich bewahrt hatte. Sorgsam weggesperrt für die vorüberziehenden Leute. Sichtbar nur für jene, die das Vergnügen hatten, ihn Freund nennen zu dürfen.
Es dauerte eine weitere Stunde, bis beide den obersten Herren, Professoren und Doktoren genügend ihrer Zeit geschenkt hatten, und sich endlich auf einen spätnachmittäglichen Kaffee gegenüberstanden.
»Du siehst aus, als hättest du dich durch einen Sturm bis in den Saal vorkämpfen müssen«, sagte Isaac zur Begrüßung.
»Das müssen die Flüche und Verwünschungen sein, die mir durch die Haare gefahren sind«, gab Edmond mit leicht erhobenen Mundwinkeln zurück.
Sie hatten sich ein wenig abseits gestellt und sprachen in gedämpftem Ton. Die Köpfe dicht beieinander, um das lauter werdende Schnattern der anderen auszublenden.
»Entschuldige, dass ich zu spät kam. Aber die Studenten wollten mich nicht gehen lassen«, sagte Isaac und seufzte bedauernd. »War es so schlimm, wie ich an dir abzulesen glaube?«
»War es nicht«, entgegnete Edmond. »Nicht hier und heute.«
»Was ist es dann, das dir den Kummer ins Gesicht zeichnet? Meine Reise? Ich habe dir angeboten, dich mitzunehmen. Diese Einladung gilt noch immer.«
Edmond zögerte. Er wollte seinen Freund nicht beunruhigen, doch anlügen wollte er ihn ebenso wenig. »Es sind diese ewig Heiligen, die mich beschäftigen.«
Isaac nickte. »Ich habe die Verteiler gesehen. Als wären wir zurück im Mittelalter bei den Hexenverbrennungen.«
Edmond verzog den Mund zu einem schmalen Lächeln. »Dann wäre ich wohl die Hexe.«
Isaac wiegte den Kopf hin und her, während er ihn mit Blicken maß. »Ein spitzer Hut würde dir gewiss stehen. Aber auf die Warze könntest du gut verzichten.«
»Wie steht es mit einem Besen? Sollte ich mir einen anschaffen?«, führte Edmond ihr Spielchen fort.
Sein Freund schmunzelte schief. »Wenn du mich auch mal auf ihm reiten lässt.«
»Isaac!«
Sie lachten.
»Im Ernst, Edmond. Komm einfach mit nach Frankreich. Das Haus ist groß genug für zwei brillante, egozentrische Wissenschaftler«, wiederholte Isaac sein Angebot.
Doch Edmond schüttelte den Kopf. »Das Zentrum der Sonnenfinsternis ist hier. Hier in Britannien. London ist der beste Ort, um sie zu erleben. In Frankreich mag es dunkel werden. Aber es wird nicht das gleiche Erlebnis sein. In gewisser Weise ist die Sonnenfinsternis so etwas wie mein viertes Kind. Das ich ganz allein auf die Welt bringen werde, weil ich es vorausberechnet habe.«
»Als Erster überhaupt«, fügte Isaac hinzu und nickte abermals.
Edmond fühlte einen Kloß im Hals. »Wann wirst du abreisen?«
»Morgen früh legt das Schiff ab. Ich sollte also wohl langsam meine Koffer packen.«
Stille.
Isaac schwenkte sein leeres Glas. »Es wird nicht für ewig sein, Ed. Das weißt du.«
»Natürlich. Ich verstehe, dass du ein wenig Ruhe vor deinen wissensdurstigen Studenten brauchst. Ein bisschen Erholung, um die Gedanken neu auszurichten.« Edmond lächelte bemüht.
Dennoch würde er ihn vermissen. Seine bloße Anwesenheit. Seine strahlenden Augen und seine klugen Gedanken. Und die Sicherheit, die er ihm gab. Besonders jetzt, da man ihn offen bedroht hatte. Doch er würde seinem Freund nichts von dem Brief erzählen, ihn nicht damit erpressen, um ihn hierzubehalten. Er würde die wenigen Tage bis zur Sonnenfinsternis allein durchstehen. Verbarrikadiert in seinem Arbeitsdomizil. Fern von seiner Familie, um auch sie zu schützen.
Wenn der Mond sich schließlich vor die Sonne schieben und nach wenigen Minuten das Tageslicht zurückkehren würde, würde sich die Sache von selbst erledigen. Ohne den Aufstieg eines Teufels oder sonst einer Hölle würden sich die Fanatiker mit ihren Weltuntergangsprophezeiungen selbst aus dem Rennen nehmen.
Der Alltag würde schneller zurück sein, als er es sich jetzt vorstellen mochte. Spätestens dann, wenn auch sein Freund von seinen Ferien zurück sein würde.
Isaac breitete die Arme aus, drückte ihn kurz und klopfte ihm dann übertrieben mit der einen Hand auf den Rücken. Doch mit der anderen suchte er Edmonds Finger und strich in einer flüchtigen Geste zärtlich über sie hinweg.
»Schreib mir, damit ich weiß, dass du gut angekommen bist«, raunte Edmond leise, weil seine Lippen zitterten.
»Und du mir, wenn die Horde dein Haus umstellt hat«, antwortete Isaac und drückte ihn ein letztes Mal, bevor sie sich voneinander lösten, sich strafften und voneinander abwandten. Isaac, um seine Sachen zu packen und Edmond, um den Schein zu waren.
Es wurde bereits dunkel, als Edmond das Haus der Royal Society schließlich verließ. Der Kopfschmerz vom Mittag hatte sich durch zu viel Scotch und lange Reden in ein wattiges Benommenheitsgefühl gewandelt.
London lag immer noch in dichten Dunst gehüllt. Das Atmen fiel ihm schwer. Die Laternen, die eine nach der anderen angezündet wurden, verstreuten ihr diffuses, milchig gelbes Licht über Straße und Bordstein und spiegelten sich in den verwinkelten Fenstern der Häuser.
Das Leben hatte sich an diesem trüben Freitag bereits nach drinnen verlagert. Familien saßen am Abendbrottisch, die Schwerenöter in den Bars und Bordellen und die Halunken und Bettler irgendwo in den Gebäudeeingängen und Abwasserkanälen.
Edmond erwog abermals, für den Rückweg eine Kutsche zu nehmen. Doch als er nach einer Ausschau hielt, war weit und breit keine in Sicht. Also marschierte er müde und ausgelaugt den Weg zu Fuß zurück zu seiner Wohnung.
Mistress Delainy, die Vermieterin seines Arbeitsdomizils, schien einmal mehr in ihrem Sessel am Kamin zu sitzen und zu stricken. Ihre Silhouette zeichnete sich trotz des dünnen Vorhangs dunkel vor der Lampe ab. Die restlichen Fenster waren dunkel.
Als Edmond seinen Schlüssel aus der Hosentasche fischte, erklang ein Poltern. Eine Ratte huschte den Bordstein entlang. Nur eine Ratte, dachte er erleichtert. Dann hörte er die Schritte. Schritte von mehreren Personen, die schneller wurden.
Instinktiv drehte Edmond sich um und zuckte zurück, als ein Holzknüppel knapp an seinem Kopf vorbei schwang.
»Verdammt!« Er keuchte vor Schreck auf, wankte einige Meter rückwärts, drückte die Tasche fest an den Körper und riss den freien Arm in die Höhe, um einen möglichen zweiten Schlag abzuwehren.
Stattdessen erwischte ihn ein tief angesetzter Fausthieb in den Magen, bevor er den Angreifer überhaupt kommen sah. Schwarz gekleidete Gestalten. Zwei, vielleicht drei. Ihre Mäntel blähten sich, während sie herumwirbelten, um zu einer neuen Attacke anzusetzen.
Edmond stieg der beißende Geruch von Ruß und Schmieröl in die Nase. Sie hatten sich getarnt. Deshalb erkannte er keine Gesichter. Das hier waren keine Trunkenbolde, die auf Streit aus waren. Dies war ein Angriff mit Vorsatz. Ein geplanter Überfall, der ihm galt. Ihm ganz allein.
Edmond fühlte pure Panik. Er war kein Kämpfer. Kein Soldat. War er nie gewesen. Seine Welt bestand aus Zahlen und Papier. Mühsam richtete er sich auf. Die Tasche hatte er nach dem Magenschwinger fallen gelassen. Seine Unterlagen. Er wollte danach greifen, sein Werk und sich selbst in Sicherheit bringen. Der Hauseingang war nur noch wenige Meter entfernt. Doch ein weiterer Schlag mit dem Prügel ließ ihn kopfüber zu Boden stürzen.
Abermals erklangen Schritte. Dann zerriss ein Schuss den nächtlichen Dunstschleier.
3.
La Porte des Secrets
Paimpont
David warf sich in seiner Unterwäsche auf das Hotelbett, drehte sich auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Noch etwas länger und wir wären bei diesem Regenguss im Stehen ertrunken.«
»Gern geschehen«, gab Rian schnippisch zurück, während sie seine und ihre Sachen in dem kleinen Badezimmer verteilte, um sie trocknen zu lassen.
»Ernsthaft. Noch eine halbe Stunde länger, und mir wären die Ohren geschmolzen bei so viel Süßholzraspelei. Er wäre die perfekte Besetzung für eine dieser Soap-Operas im Fernsehen.« David bewegte die Augenbrauen mehrmals hoch und runter.
»Du meinst solche, die du dir mit mir zusammen so gern anschaust?«, konterte seine Schwester.
»Nur, um etwas von deinem ewig währenden Süßigkeitenvorrat abzubekommen«, erwiderte er schmunzelnd und schleuderte Rian ein Kissen in den Rücken.
»Hey! Die Kissenschlacht spar dir lieber für dich und Nadja auf.« Kaum ausgesprochen, gefror Rian in der Bewegung und drehte sich dann langsam zu ihm um. »Entschuldige, das war wohl etwas gedankenlos von mir.«
Davids Herz krampfte sich zusammen, doch er mimte den Starken und zuckte mit den Achseln. »Du hast ja recht. Sobald wir sie gefunden und sicher zurückgebracht haben, werde ich sie in mein Bett zerren und nie wieder hinauslassen.«
»Chauvinist.« Rian mühte sich um ein Lächeln. Doch auch sie vermisste unübersehbar ihre beste Freundin und machte sich große Sorgen um sie.
Trotz des nagenden Gefühls, weil sie Nadja nicht selbst suchen gingen, sondern es Fabio überließen, entschieden sie, den Abend und die Nacht im Ort zu verbringen und erst am folgenden Tag bei hoffentlich besserem Wetter zum See von Nimue aufzubrechen. So wie die Blaue Dame es ihnen ausgerichtet hatte.
Rian schlug vor, sich mit etwas trockeneren Klamotten einen großen Café au Lait zu gönnen und danach die Umgebung zu erkunden, bevor es dunkel wurde.
Eine gute Idee, fand David. Und das nicht nur, weil er sich immer noch fragte, was für ein Tier er vorhin am Waldrand gesehen hatte. War es nur ein Trugbild gewesen? Oder ein Feentier, das Nadja geschickt hatte? Solchen Geschöpfen war es möglich, frei zwischen den Welten zu wechseln. Und sie waren vornehmlich weiß. Genau wie das, was David gesehen hatte. Oder zumindest glaubte, gesehen zu haben. Doch dann wäre es wohl kaum davongelaufen. Viel wahrscheinlicher war eine Reflexion der zahlreichen Blitze, die sich am Himmel wie ein Adergeflecht fortgepflanzt hatten. Oder?
Die Ungewissheit trieb David zusammen mit seiner Schwester hinaus auf die Straße. Das Café Librairie lag nur wenige Schritte entfernt die Rue du Général de Gaulle entlang. Ein kleiner verschwiegener Laden mit einer breiten Schaufensterfront und zwei einfachen Holztischen draußen an der Straße.
Rian war sofort hellauf begeistert, als sie einen Blick ins Innere warf. »Schau doch, es ist gleichzeitig eine Boutique!«
David verdrehte die Augen und folgte nur widerwillig. Manchmal war die kindliche Begeisterung seiner Schwester einfach zu viel des Guten. Besonders, wenn der Shopping-Wahn sie überfiel und er am Ende alles tragen musste. Zu seiner Überraschung fanden sich auf den Regalen und Ausstellungsflächen keine typischen Touristen-Souvenirs, sondern ausgesuchte Mineralien, liebevoll gestaltete Kunstobjekte und ein paar handgemachte Halsketten.
Es roch nach Kiefernharz und Tannenzapfen. Im Hintergrund spielte eine Musik, die aus Wind und vereinzeltem Vogelgezwitscher bestand. Aber das auffälligste war die Energie, die dieser Ort verströmte.
Rian schritt geradezu andächtig zwischen den Verkaufstischen entlang, berührte hier und da einen der glatt geschliffenen Halbedelsteine oder linste nach dem Preis einer Kette.
»Bonjour, Monsieur«, erklang eine voluminöse, warme Stimme. Eine ältere Frau war zu ihnen hereingekommen. »Mein Name ist Anne-Marie. Kann ich Ihnen helfen?« Ihr Französisch klang ein wenig härter, als David es bisher in der Region gehört hatte. Doch er konnte noch nicht ausmachen, ob es ein Akzent war oder einfach eine sprachliche Eigenheit.
»Bonjour«, erwiderte er mit einem leichten Kopfnicken. »Wir sind gerade erst angekommen und wünschen uns einen Café au Lait.«
Anne-Marie lächelte mit ihrem ganzen Gesicht. Die Fältchen in ihren Augenwinkeln mehrten sich, die Mundwinkel gehoben, erschienen kleine Grübchen in den vom Alter gezeichneten Wangen.
»Ich glaube, Sie suchen mehr als das, nicht wahr? Für den Anfang kann ich Ihnen mit Sicherheit weiterhelfen.«
David guckte sie ein wenig verdattert an. Wusste sie etwas? Las sie in ihm seine Sehnsucht und Sorge ab? »Weiterhelfen?«, brachte er ein wenig stotternd hervor. »Wie meinen Sie das?«
Jetzt lachte sie auf. Offen, herzlich und ein wenig verschmitzt. »Mit dem Kaffee, mein Herr. Dürfen es zwei sein? Für Sie und ihre wunderhübsche Begleitung?«
»Unbedingt!«, meldete sich Rian zu Wort und lehnte sich von hinten gegen ihren Bruder. »Das hier ist übrigens mein Zwillingsbruder David und mich können Sie Rian nennen.«
»Willkommen in Paimpont, dem Tor zum Zauberwald«, sagte Anne-Marie und ihre Augen blitzten erneut geradezu schalkhaft auf. »Hat dich einer der Steine gerufen?«, fragte sie mit einem angedeuteten Nicken in Richtung der Verkaufsauslage.
Sie war wie selbstverständlich ebenfalls ins Du verfallen. Eine Wirkung die Rian fast immer auf die Menschen hatte, wenn sie mit ihrer überbordend fröhlichen Art zu ihnen sprach.
»Am liebsten würde ich sie alle nehmen!«, entgegnete sie.
»Und was ist mit dir, David?«, wandte sich die Inhaberin nun wieder ihm zu. »Was brauchst du?«
Ein Kribbeln durchfuhr seinen Körper, als würde ihr Blick ihn von innen nach außen abtasten.
»Immer noch Café au Lait«, sagte er knapp und trat einen Schritt auf den Ausgang zu.
Rian warf ihm einen tadelnden Blick zu, doch Anne-Marie nickte lächelnd und eilte eifrig in den hinteren Teil des Ladens. »Ouais, ouais, ist schon unterwegs!«
»Du bist unverbesserlich«, sagte Rian, als sie es sich draußen an einem der massiven Holztische bequem gemacht hatten.
Das Gewitter hatte sich mittlerweile verzogen, doch die Straße glänzte immer noch nass. Die Häuserwände dampften in der milder werdenden Spätnachmittagssonne und verliehen der schmalen, ordentlich gekehrten Gasse etwas Mystisches.
Niemand sonst schien sich schon wieder hinaus zu trauen. Dachte David zumindest. Doch am westlichen Ende, dort, wo die Straße an den nahen See angrenzen musste, konnte er bei genauerem Hinsehen Menschen vor einem großen Dreikantgebäude ausmachen. Doch sie waren zu weit weg, um Genaueres erkennen zu können.
»La Porte des Secrets – Das Tor der Geheimnisse«, wisperte eine Stimme hinter ihm. David fuhr herum und blickte erneut in das lachende Gesicht von Anne-Marie, die mit der Bestellung zurück war. »Bei diesem Graupelwetter die beste Art, sich einen schönen Abend zu machen. Wenn ihr Glück habt, gibt es noch Karten«, erklärte sie, während sie den Kaffee servierte.
»Ist das eine Show?«, fragte Rian, während sie nach ihrer Tasche griff.
Anne-Marie wiegte den Kopf. »Theater, Museum, Märchenstunde. Im Grunde von allem etwas. Aber auf jeden Fall sehenswert, wenn man sich für den Wald und seinen Zauber interessiert.«
»Was für einen Zauber hat er denn?«, hakte David skeptisch nach. Das Ganze klang ihm mittlerweile doch zu sehr nach Verkaufsanzeige. Wahrscheinlich arbeitete sie mit dem Betrieb zusammen, um ihnen Besucher zuzuschanzen.
»Man sagt, es wäre die Heimstatt von Merlin«, gab die Inhaberin beflissentlich Antwort. »Die Welt glaubt, er wäre ein Zauberer gewesen. Vielleicht der größte, der je gelebt hat. Doch in Wahrheit war er ein Druide. Ein Anhänger der Vorläufer der Ancient Order of Druids. Die wussten schon in grauer Vorzeit mehr über die Gestirne als die Wissenschaftler heute. So heißt es. Sie schöpften ihre Stärke aus Licht und Schatten. Eine Magie, die auf der Dualität der Dinge beruht, so wie die Erde selbst.«
Sie beugte sich mit ihrem Tablett ein wenig vor und flüsterte verschwörerisch. »Auch heute noch sollen Merlins Abkömmlinge zu besonderen Anlässen ihre Rituale und Zeremonien im Hain abhalten.«
»Gibt’s darüber auch einen Vortrag?«, fragte David kühl und kassierte im nächsten Moment von seiner Schwester einen Hieb mit dem Ellenbogen in die Seite.
Und diesmal schien er es geschafft zu haben, Anne-Marie zu vergraulen. Ihr Blick ruhte einen Lidschlag lang auf ihm, dann richtete sie sich auf und ging hinein.
»Du bist unmöglich«, fuhr Rian ihn an. »Sie hätte uns vielleicht noch mehr über diese druidischen Vorfahren erzählen können.«
»Das ist doch alles Mumpitz und Touristenfängerei«, beharrte David. Doch sein Bauchgefühl war sich da auf einmal gar nicht mehr so sicher.
Ungewöhnlich stumm saßen sie eine Weile lang nebeneinander und ließen die Gedanken jeder für sich schweifen. Wie gern hätte David diesen Ort mit Nadja erkundet. Sie hätte die Gelegenheit ergriffen und wäre vorausgeeilt, um sich jede einzelne Ausstellung anzusehen.
Er trank von seinem Kaffee und leckte sich den Milchschaum von den Lippen. Nadja hatte schon oft mit Hilfe ihres journalistischen Gespürs die richtige Entscheidung für den folgenden Schritt getroffen, für den Weg zum nächsten Puzzlestück auf ihrer Suche und Mission. Vielleicht sollten er und Rian dieser Eingebung folgen und sich Das Tor der Geheimnisse näher ansehen. Einen Versuch war es zumindest wert.
Nachdem Anne-Marie auf einen Wink hin das Tablett mit der Rechnung auf den Tisch gestellt hatte, zog sie mit der anderen Hand einen Stapel Karten aus ihrer Tasche. Die Ränder wirken abgegriffen und speckig. »Wie wäre es zum Abschied mit einem Blick in die Zukunft, mon chère?«, fragte sie, während sie das Set mit einigen gekonnten Handgriffen auffächerte.
Davids Lippen wurden schmal. Nichts hätte er lieber getan, nichts mehr gewünscht, als vorauszusehen, was passieren würde. Doch die Antwort lag nicht in einem Kartenspiel. Er schüttelte den Kopf.
»Und Sie, Mademoiselle? Wollen Sie es riskieren?« Sie hatte erneut zur höflich-distanzierten Anrede gewechselt. Ob nun aus reinem Geschäftsgebaren oder weil David sie mit seinen schroffen Antworten ernsthaft beleidigt hatte.
Rian hob die Hand, als wollte sie nach einer Karte greifen. Dann zögerte sie. Ihr Blick wanderte zwischen David und dem Fächer hin und her. Bis sie schließlich die Entscheidung traf und zugriff.
Während die Rückseite schmucklos einfarbig, mit einer weißen Linie den Rand entlang gestaltet war, zeigte sich auf der Vorderseite die Handschrift eines wahren Künstlers.
Das Bild wirkte unglaublich zart und filigran. Eine Zusammenstellung aus wässrigen Blauschattierungen im Hintergrund, die von kräftigeren Linien überlagert waren. Gelbe, rote und braune Flächen formten die Gestalt einer Frau, die auf einem Stein saß und ihre Füße in den Strom einer Quelle tauchte. Kleine weiße Sprenkel wirkten dabei wie die Gischt des sprudelnden Wassers und ließen die Szene geradezu lebendig erscheinen. Die Frau selbst hielt ihr Gesicht durch eine Kapuze verborgen; den Kopf einem fahlen Mond zugewandt.
»Die Dame vom See«, entfuhr es Rian, während sie mit den Fingern die Konturen der Linien nachfuhr.
»Das Quellenmädchen steht für ein unmögliches Vorhaben«, sagte Anne-Marie mit seltsam überraschtem Tonfall.
Als David zu ihr hinaufblickte, sah er ihre Stirn in Falten liegen. »Kein gutes Omen also?«, hakte er nach.
»Es ist eine machtvolle, aber auch tückische Karte. Sie lockt mit einer großen Belohnung. Doch jene, die danach streben, erkennen meist zu spät, welches Opfer die ihnen gestellte Aufgabe bedeutet. Wählt euren Weg weise und mit Bedacht«, mahnte sie ernst, ja eindringlich, bevor sie erneut ihr Lächeln zeigte. »Aber vorher solltet ihr euch unbedingt die Show ansehen. Mein Neffe steuert die Lichttechnik.« Sie zwinkerte.
Etwas unschlüssig standen David und Rian schließlich wieder auf der Straße und sahen zu beiden Seiten. Es war rasch dunkel geworden. Nur die beleuchteten Fenster der angrenzenden Wohnungen spendeten ein wenig Licht. Sollten sie zurück zum Hotel gehen und etwas essen oder der wandelnden Werbebroschüre Folge leisten?
»Wir können ja mal hingehen und es uns von außen ansehen«, schlug Rian vor.
»Also schön.« Die Ablenkung würde seine Gedanken von der Düsternis fernhalten, die sich auf der kleinen, zarten Seele breitmachte.
Das Gebäude lag direkt neben einer Kirche, klein und unscheinbar klebte das Haus an dem monumentalen Seitenschiff. Und doch hatten sie etwas gemeinsam. Beide waren aus dunklen Schiefersteinen erbaut, die für diese Gegend typisch waren. Ein wenig grobschlächtig, strahlten sie trotz ihrer Schlichtheit eine gewisse Gemütlichkeit aus. Einen eigenen Charakter, im Gegensatz zu den modernen Stadtbauten.
La Porte des Secrets prangte über der weiß gestrichenen Eingangstür mit den eingesetzten Glasfenstern. Seitlich davon war das Logo an die Wand gemalt – eine symbolische Darstellung des Waldes. Einfach und kraftvoll zugleich, wie eine Rune.
Farbige Strahler beleuchteten das Haus, eingebettet in den Rhythmus von Gezwitscher und dem Sausen des Windes, wie David es bereits im Café vernommen hatte.
»Kommen Sie, treten Sie ein und lassen Sie sich von den Legenden rund um Brocéliande und seinen vielen Bewohnern verzaubern«, begrüßte sie eine Stimme. »Mein Name ist Pierre und ich werde auf dieser Tour Ihr Begleiter sein.«
Da sie nun schon da waren, kaufte David zwei Tickets und sie betraten den verschlungenen Pfad im Gebäude, der sie zu den verschiedenen Attraktionen führen würde.
Pierres Werkstätte machte den Anfang. Er erzählte ihnen, wie intensiv die Region einst von den Früchten des Waldes gelebt hatte. Von ihrem Holz, aber auch von den Tieren, die darin lebten.
»Das prachtvollste Tier war der Hirsch. Er durchschritt im Frühling, Sommer, Herbst und Winter den Wald und achtete darauf, dass alles im Gleichgewicht blieb«, erklärte die Stimme aus dem Lautsprecher, während sie die authentisch zusammengestellten Kulissen betrachteten.
»Vielleicht haben Sie sich schon gefragt, ob die kleinen Symbole auf unserer bretonischen Flagge eben diesen Hirsch darstellen. Doch mit dieser Vermutung liegen Sie falsch. So groß und imposant das Tier mit seinem Geweih auch sein mag, es steht in der Gunst der Bretonen nur an zweiter Stelle. Wappentier und heiligstes Geschöpf dieses Waldes ist das Hermelin.«
Gleichzeitig mit dieser Verkündigung betraten David und Rian den nächsten Abschnitt und standen unversehens in einem schummrigen Raum, der an den Wänden Szenen aus dem Wald nachstellte.
»Es ist eine Projektion«, staunte Rian. Denn die Figuren, die in einer Art Scherenschnitt-Technik gezeigt wurden, bewegten sich. Abermals erklang die Musik der Natur und bannte auch Davids Aufmerksamkeit, während Pierre seine Geschichten weiterspann.
»Da ist es wieder!«, rief David, als plötzlich ein weißes Tier in der Kulisse auftauchte und flink von einer Seite zur anderen lief.
Die restlichen Zuschauer, die sich in diesem Raum eingefunden hatten, drehten sich um und musterten David mit unverhohlenem Grinsen.
»Wieso wieder?«, frage seine Schwester hinter vorgehaltener Hand, um keine weitere Aufmerksamkeit zu erregen.
»Weil ich es bereits bei unserer Ankunft am Hotel gesehen habe«, gab David zu.
»Das weiße Hermelin, genau wie der weiße Hirsch und die ebenso schneeweiße Eule sind, der Sage nach, einige der Boten jener Fee, die unter dem Namen Viviane, Nimue oder auch Herrin vom See aus der Artus-Sage bekannt geworden ist.« Wieder war es Pierre, der für Aufklärung sorgte.
»Also beobachtet Nimue uns bereits?«, fragte Rian.
David zuckte unschlüssig mit den Schultern.
Als die Show vorbei war, blieben sie ein Stück zurück, während der Besucherstrom sich vorwärts, den Gang entlang zum nächsten Abschnitt bewegte.
»Ein bisschen seltsam sind diese Zufälle schon. Findest du nicht?«, sagte seine Schwester mit gedämpfter Stimme. »Du siehst weiße Tiere, dann schickt uns die Café-Besitzerin hierher und ich ziehe dazu auch noch Nimues Karte.«
»Oder die Karten waren gezinkt und hätten alle das gleiche gezeigt, weil sie Werbung für diese Touristen-Attraktion machen soll«, konterte David.
»Und das Hermelin?«, blieb Rian hartnäckig.
David verzog den Mund. »Es hat geregnet. Der Himmel war voller Blitze. Vielleicht habe ich auch nur eine weggeworfene Flasche gesehen, die am Parkplatzrand entlangrollte und nur weiß gewirkt hat.« Er wusste selbstverständlich, dass es Übernatürliches in vielfältiger Form in der Menschenwelt gab. Aber nicht alles was danach aussah, hatte wirklich einen magischen Ursprung. Dennoch. Ein leiser Zweifel blieb und nistete sich ein.
»Schau doch! Da sind Kobolde!«, rief Rian. Sie war vorgegangen und winkte David eilig zu sich.
»Du willst doch nicht etwa behaupten, Ceridwen wäre ein Kobold!«, tönte hinter David eine wohl bekannte Stimme. Pierre. Live und leibhaftig!
»Ceridwen, die Göttin?«, fragte Rian verwirrt.
»Oh, sie war vieles, aber allem voran war sie eine mächtige Fürstin und Druiden-Priesterin. Ihr Haar soll so schwarz wie die Nacht gewesen sein und so wundervoll glitzernd wie das Firmament«, berichtete der stämmige Mann routiniert und strich sich sinnend über seinen kastanienfarbenen Vollbart.
»Was hat sie mit den Korrigans zu tun?«, hakte Rian wie immer neugierig nach. Denn die Göttin war auf dem Bild von einer Schar kleiner Gestalten umringt.
»Der Legende nach ist die Fürstin mit einigen anderen Frauen in den Wald geflohen, um den Pfaffen zu entkommen. Die Kirche hat damals regelrecht Jagd auf alle Andersgläubigen gemacht. Es heißt, sie hätten sich mit der Natur vereinigt, um so zu wunderschönen, wie auch überaus gefährlichen Feen zu werden – magische Gestalten, die in die Zukunft blicken konnten, Krankheiten heilen und in jeder beliebigen Gestalt erscheinen konnten, um jenen zu helfen, die es verdienten. Die Bösen hingegen verfolgten sie und führten sie mit Hilfe von Trugbildern in die Irre.«
Es war schwer herauszulesen, wie viel Pierre davon wirklich glaubte und was einfach nur Teil einer guten Geschichte war. Ceridwen war in Earrach durchaus ein Begriff. Getroffen hatte David sie nie und wie es aussah, konnte er froh darüber sein.
»So, wie ihr die Fürstinnen, die ihr Korrigans nennt, hier in der Ausstellung findet, sehen sie sie nur tagsüber aus. Der Tribut, den ihre magischen Fähigkeiten fordern. Nachts verführerisch schön und am Tage zusammengeschrumpelt und knorrig wie die Wurzeln, mit denen sie ihre Tränke brauen und die Zauber wirken.« Pierre wandte sich an Rian und schnalzte einmal mit der Zunge. »Und da es dunkel ist, bin ich mir gar nicht so sicher, wen ich hier gerade vor mir habe.«
Der nächste Verehrer in der Reihe. David verzog das Gesicht. »Mein Magen knurrt, wir sollten zurückgehen, um es noch rechtzeitig zum Hotel zu schaffen, bevor das Restaurant schließt.«
»Ich begleite euch! In welchem wohnt ihr?«, lud sich Pierre mit unüberbietbarer Dreistigkeit ein.
Rian gluckste, als sie Davids Miene bemerkte. »Warum nicht. Ich höre gern Geschichten. Besonders, wenn sie von machtvollen Frauen handeln.«
Damit sank Davids Laune auf den Nullpunkt. War das die Retourkutsche für seine unfreundlichen Worte im Café? Wenn ja, hatte sie es ihm mit dieser Aktion doppelt und dreifach zurückgezahlt. So viel war sicher.
Den Rest der Ausstellung ließen sie ohne anzuhalten hinter sich. Ihr redseliger Begleiter gab am Ausgang bei der Kassiererin Bescheid, dass er Feierabend machen würde, und schon waren sie auf dem Weg zurück ins Le Relais de Brocéliande.
»Wird es nicht irgendwann langweilig, immer wieder dieselben Geschichten zu erzählen?«, fragte David, als sie sich an einen der Tische auf der von Kerzen erleuchteten Terrasse des Le Bistrot gesetzt hatten.
»Ich mache auch Führungen durch den Wald und zu den verschiedenen Sehenswürdigkeiten«, erklärte Pierre stolz.
Rian war erstaunt. »Ich dachte, das Gebiet ist mehrere Kilometer groß.«
»Das ist es auch. Wer nicht gut zu Fuß ist, kann sich im Bike Tour Shop ein Fahrrad oder E-Bike ausleihen. Gleich rechts um die Ecke vom Hotel. Die bieten selber Touren an. Aber die Informationen, die man dort erhält, sind nur das übliche oberflächliche Geschwafel.« Pierre sah sie nacheinander an. »Damit gebt ihr euch ganz sicher nicht zufrieden. Das habe ich schon auf den ersten Blick erkannt. Es ist diese Aura.«
David hatte gerade die Speisekarte aufschlagen wollen und gefror in der Bewegung. Das war schon das zweite Mal, dass jemand so etwas erwähnte. Hatten die Einwohner elfisches Blut in sich? Konnten sie erkennen, wen sie wirklich vor sich hatten?
Auch Rian wirkte einen Moment lang irritiert, fing sich dann und lächelte. »Was für eine Aura?«
Pierre grinste verschmitzt. »Es ist meine Gabe, die wahrhaft Suchenden in der Masse auszumachen. Die, die nicht nur ein hübsches Foto haben wollen, sondern sich für die machtvolle Essenz interessieren, die hinter all den Hochglanzprospekten steckt, mit denen in der Tourismusbranche geworben wird.«
David atmete erleichtert auf. In dieser von Mythen aufgeheizten Umgebung lief er offensichtlich Gefahr, paranoid zu werden.
Das Essen bestand aus guter französischer Küche und erschreckend kleinen Portionen. So, wie sich das für die bonne cuisine française eben gehörte. Es brauchte vier weitere Gänge und einen doppelten Nachtisch au chocolat, bis er und Rian sich satt und zufrieden zurücklehnten.
»Na, da hatte aber jemand verdammt großen Hunger«, kommentierte Pierre die leer geputzten Teller und lachte. »Aber ihr macht es schon richtig. Es ist ratsam, sich gut gesättigt in den Wald aufzumachen. Denn es besteht immer die Gefahr, sich darin zu verlaufen.«
»Weil er so weitläufig ist?«, hakte Rian nach.
Der Geschichtenerzähler schüttelte den Kopf. »Wegen der Steine.«
Die Elfenprinzessin hob die Brauen und auch David wurde gegen seinen Willen einmal mehr neugierig.
»Ja, wisst ihr es denn nicht? In diesem Wald verschwinden die Menschen wie die Fliegen überm Froschteich! Es ist diese besondere Kraft, die im Boden liegt. Schiefer. Aber nicht der übliche schwarzgraue. Blutig rot ist er. Wegen des Eisengehalts, sagen die Wissenschaftler. In den Legenden heißt es, die Baumfeen hätten den Boden mit ihrem Blut getränkt, um jene, die ihnen Böses wollten, in die Irre zu führen.«
Baumfeen in der Menschenwelt waren David neu. Ein untrügliches Anzeichen dafür, dass Pierre sich offenbar seine eigene Geschichte ausdachte.
»Was ist mit den Tieren?«, fragte David, um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. »Gibt es noch viele Arten, die im Wald leben?«
»Der Wald ist sommers wie winters reich an Futter. Wir haben immer noch Rehe hier, Füchse natürlich und Wildschweine«, zählte Pierre eifrig auf.
David tauschte mit seiner Schwester Blicke aus. »Was ist mit Hermelinen?«
»Ah, jetzt verstehe ich!«, rief der Geschichtenerzähler und nickte. »Unser Wappentier! Oui, oui. Man sieht sie selten, aber es gibt sie noch.«
Rian beugte sich vor und stützte die Ellenbogen auf den Tisch. »Auch weiße?«
Pierre schüttelte den Kopf. »Im Sommer? Non, tut mir leid, ma chère. Wenn du zu dieser Zeit ein weißes Hermelin siehst, dann bist du wohl schon auf dem Weg in den Himmel oder du hast zu viel Bordeaux getrunken.« Wieder lachte er und zeigte dabei seine Zähne.
David schürzte die Lippen. Was hatte er erwartet? Wenn das weiße Hermelin wirklich ein Bote der Herrin vom See war, dann würde es sich gewiss nicht jedem dahergelaufenen Menschen zeigen, sondern nur ihnen. Aber hatte es das getan? David zweifelte noch immer.
Nachdem sich die Zwillinge bei ihrem Begleiter bedankt und die Rechnung beglichen hatten, zog sich Pierre zurück und die Geschwister setzten sich im Kaminzimmer auf einen allerletzten Trunk zusammen, um den Tag Revue passieren zu lassen und das bevorstehende Abenteuer zu planen.
Ein älteres Ehepaar saß auf der braunen Ledercouch und hatte eine Landkarte vor sich auf dem kleinen runden Tisch ausgebreitet.
David und Rian schoben sich zwei der gemütlichen Sessel direkt an die Feuerstelle, um sich ein wenig aufzuwärmen. Der Regen am Nachmittag hatte die Temperaturen merklich abkühlen lassen.
»Wie wollen wir zum See kommen?«, fragte David auf Deutsch, um Außenstehenden das Mithören zu erschweren.
»Die Idee mit den Fahrrädern klingt doch nicht schlecht, sollte das Wetter sich von seiner freundlichen Seite zeigen«, gab seine Schwester zurück.
Der See von Comper lag nur knapp zehn Kilometer von Paimpont entfernt. Etwas abgelegen von den Hauptstraßen, soweit sich das auf der Karte der Hotel-Broschüre erkennen ließ. Am Nordufer lag das Château de Comper. Doch damit war nicht das Heim von Nimue gemeint. Das lag für den Unbedarften unsichtbar in der Mitte des Sees.
Erst jetzt fiel David auf, dass die Blaue Dame ihnen in Newgrange gar nicht verraten hatte, wie genau sie dort hineingelangen konnten. Doch der Abend war bereits zu weit fortgeschritten, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Dafür würden sich morgen eine Lösung finden.
Die Nacht brachte David Albträume, in denen er zusehen musste, wie der Getreue ihm Nadja stahl. Wie eine erlegte Beute baumelte sie über seiner Schulter. Leblos. Und so zerbrechlich klein, dass es David vor Schmerz fast das Herz zerriss.
Atemlos schreckte er hoch und fasste sich an die Brust. Dorthin, wo sein kleines Stück Seele saß und für elfische Augen manchmal sichtbar leuchtete. Wo bist du, Nadja? Wohin hat er dich und unser Kind verschleppt?
Zwischen den Vorhängen am Fenster schimmerte bereits das erste Morgengrau ins Zimmer. Zu aufgewühlt, um nochmals einzuschlafen, stand er leise auf, um Rian in ihrem Bett auf der anderen Seite des Zimmers nicht zu wecken. Doch als er zwischen dem Stoff der Gardinen hinaus auf den Wald blickte, glaubte er erneut zu träumen.
4.
Kobolde auf Abwegen
Irland, einige Kilometer von Newgrange entfernt
»Komm schon, alter Mann, wir müssen weiter!«, plärrte Pirx ungeduldig und hüpfte auf und ab.
»Irgendwann sind auch die Kräfte des besten Kobolds einmal verbraucht«, gab der Grogoch schnaufend zurück.
Seit dem Kampf am Zeitgrab waren sie ununterbrochen unterwegs. Ohne Schlaf und ohne etwas Ordentliches zu essen. Dabei liebte Pirx eine gute Mahlzeit und einen vollen Magen.
Was er nicht liebte, war die Dunkle Königin, und dennoch waren er und Grog auf der Suche nach ihr. Sie folgten der magischen Spur, die sie und ihre Schattenlandarmee auf der Flucht hinterlassen hatten. Unsichtbar für die Menschen, aber unverkennbar deutlich abzulesen für jene aus der Anderswelt, die noch alle ihre Sinne beieinanderhatten.
Seit zwei Tagen folgten sie dem dunklen Signum nach Südwesten und langsam dämmerte Pirx, wohin Königin Bandorchu wollte. Auch, wenn sie es nun nach so langer Zeit geschafft hatte, das Schattenland zu verlassen, brauchte sie dennoch Energie. Und die gab es in der Menschenwelt mittels Ley-Linien.
Die Dunkle Königin war offensichtlich zu einer solchen Strömung unterwegs. Vielleicht sogar zu einem Knoten, wie sie in Paris oder am Ätna bereits mit Hilfe der gesetzten Stäbe angezapft wurden. Soweit Pirx wusste, gab es weit und breit nur einen einzigen Ort, der dafür in Frage kam: Die Hügel von Tara.
»Sie wollen zum Sitz der Hochkönige«, sprach Pirx seine Vermutung laut aus.
Der Grogoch brummte sichtlich missmutig. Ob nun wegen des ewigen Marsches oder der schauderhaften Erkenntnis, blieb unklar. Wenn die Dunkle Königin auf so einem geschichtsträchtigen wie magischen Platz ihren neuen Wohnsitz errichten würde, hatten sie wahrhaft Übles zu befürchten.
Die Ruinen dort waren nicht nur irgendein Domizil der einstigen Herrscher gewesen. Von dort aus hatten sie Feldzüge befohlen und losgeschickt. Selbst Götter wie Nuada mit der silbernen Hand und Lugh hatten an diesem Ort geherrscht und ihre Macht vergrößert.
Pirx wusste, dass es Dutzende mehr gegeben haben musste, die auf Tara über die Epochen hinweg geherrscht hatten. Davon zeugten die vielen Kultstätten, Steinkreise und Ruinen, die sich auch heute noch in der Umgebung finden ließen.
Die Gegend war nur wenig besiedelt. Zu viel Energie pulsierte unter der Erde und bereitete den Menschen und dem Vieh allzu oft Kopfschmerzen. Auch Kobolde konnten die Ströme fühlen, die tief im Boden wie Lavaströme pulsierten. So stark, dass die Empfindung die eigentliche Spur von Bandorchu und ihrem Gefolge immer mehr überdeckte.
Kurz vor dem nächsten Dorf blieb Pirx alarmiert stehen. »Spürst du’s noch?«, fragte er seinen Koboldfreund.
»Was denn?«, fragte Grog.
»Die dunkle Spur.«
Der Grogoch hielt inne, lauschte, schnupperte und riss die Augen auf. »Da ist nichts mehr. Gar nichts.«
Pirx presste die Lippen zusammen und eilte vor und zurück, mal nach links und dann wieder nach rechts. Die Spur der Dunklen Königen war weg. Einfach fort!
Ratlos hockte sich Pirx auf den Boden, zog sich die rote Kappe vom Kopf und biss immer wieder hinein, um seinem Ärger Luft zu machen.
»Das bringt doch nichts«, sagte der Grogoch und kratzte sich ratlos den haarigen Bauch.
So saßen sie da. Eine ganze Weile lang. Bis der Bauch des kleinen Pixie so laut knurrte, dass es selbst die Krähen in den Bäumen gehört haben mussten. »Die perfekte Zeit für eine Einkehr«, versuchte Pirx sich die Sache schönzureden. Schließlich konnte man nie wissen, wohin einen eine aussichtslose Situation führen mochte.
Tara war nicht mehr weit, also machten sich die beiden Kobolde auf den Weg, um im nächsten Gasthof nachzusehen, was sie dort stibitzen konnten.
Der Ort wirkte wie von der Zeit vergessen. Eine kleine Ansammlung von verstreut liegenden Bauernhäusern. Ein verwahrloster Sportplatz, eine Tankstelle, Pferdekoppeln und ein Pub war alles, was sich auf den ersten Blick finden ließ.
Unsichtbar für die Menschen schlichen sich die Kobolde zur Tür des Pubs hinein, huschten unter den Tischen entlang und mopsten sich ein paar Chips hier, ein Würstchen dort. So lange, bis sie nichts mehr in ihre Bäuche hineinbekamen und kugelrund gefüttert unter einer Bank ein Päuschen machten.
»Das war verdammt lecker«, sagte Pirx und rülpste ungeniert.
Der Grogoch stieß ihn an, mahnte mit erhobenem Zeigefinger, leiser zu sein und brummte dann. »Es war in der Tat ein Festschmaus. Viel zu lecker.«
Pirx verdrehte die Augen. »Wenn’s mal nichts zu meckern gibt, meckert man eben über das, was gut war, wie?«
»Wir sollten uns besser wieder auf die Suche machen, statt hier fett und faul herum zu hocken«, gab Grog mit schuldbewusster Miene zurück.
Aber Pirx ließ sich sein Verdauungspäuschen nicht so einfach verderben. »Wir suchen doch! Vielleicht hat einer der Menschen etwas bemerkt.«
»Du meinst, denen ist die Armee aus fiesen Gestalten, die von einer wunderschönen, aber tödlichen Dame angeführt wird, aufgefallen? Die übersehen doch sonst immer alles, was nicht in ihr Weltbild passt.« Der Grogoch schmatzte skeptisch und rieb sich den vollen Bauch.
»Die Menschen mögen allgemein stumpfsinnig und ignorant sein, aber hin und wieder gibt’s eben doch Ausnahmen«, erwiderte Pirx und rückte sich sein Mützchen zurecht. »Vielleicht hat einer was gewittert. So rein gefühlsmäßig. Hat ne Erscheinung gehabt oder sowas. Das kommt in den besten Geschichten vor!«
»Wir sind hier aber nicht in einer Geschichte«, hielt Grog stoisch dagegen.
»Das kann man nie wissen. Schließlich könnten wir Helden werden, wenn wir die Dunkle Königin aufspüren. Und Helden werden immer zu Legenden.« Pirx rappelte sich auf die Beine und spähte unter der Bank hervor, die Nase schnuppernd erhoben.
Der Grogoch hingegen brummte nur. Vielleicht, weil es ihm doch ganz recht wäre, in einer Geschichte genannt zu werden. Oder aber, weil ihn das Stück Hühnchen drückte, das er sich am Ende genehmigt hatte.
Pirx hingegen roch etwas, das ihn neugierig machte. Allerdings war es bei all den Gerüchen, die sich in dem Gasthof versammelt hatten, nicht einfach, dem Odeur eine Richtung zuzuordnen.
»Hast du schon wieder Hunger?«, fragte Grog.
»Iwo!«, sagte Pirx.
»Was schnupperst du dann?«
Der kleine Pixie schüttelte sich und machte einen Schritt unter der Bank hervor und unter den Tisch. Geradewegs zwischen die schweren Stiefel von ein paar Bauern, die sich zu einem späten Frühschoppen zusammengefunden hatten. »Da liegt was in der Luft, das nicht von dieser Welt ist. So ein Hauch von Fäulnis und Grausamkeit, der geradewegs durchs Zimmer geweht ist.«
»Dann sind wir auf der richtigen Spur«, entgegnete der Grogoch und mühte sich ebenfalls zurück auf die Beine. Er musste einem Paar Schuhe ausweichen, als einer der Bauern seine Beine unversehens ausstreckte und übereinanderschlug.
Pirx pirschte sich unterdessen am Tischbein vorbei in den Gang hinaus. Die Kellnerin war damit beschäftigt, einige übervolle Teller auf ein Tablett zu laden. So leise wie möglich wuselten die beiden Kobolde gemeinsam Richtung Ausgang.
Gerade als Pirx zu einem großen Satz ansetzte, um die Klinke zu packen und herunter zu drücken, schwang die Tür nach innen auf und schleuderte den Pixie mit einem dumpfen Klatscher gegen den breiten Rücken eines Gastes.
»Was’n hier los! Wer will Streit?«, polterte der Kerl, sprang auf und fuhr herum; sein Gesicht rot vom Wein und der hochkochenden Wut.
Der schmächtige junge Mann im Eingang wusste gar nicht, wie ihm geschah. Schließlich konnte die Tür den Kerl rein logisch betrachtet bei dem Abstand gar nicht berührt haben. Aber Wein und Wut schlugen seit je her die Argumente von Sinn und Verstand. Also baute sich der Angerempelte vor dem vermeintlich Schuldigen auf, die Hände in die Hüften gestemmt, das Kinn zornig vorgereckt, wenn auch etwas wackelig in seiner Standfestigkeit. »Der kleine Pepe natürlich wieder«, lallte er angetrunken.
Pirx hatte sich nach dem unfreiwilligen Flugmanöver erstmal unter den Stuhl gerettet und rieb sich den Rücken.
»Alles in Ordnung?«, wisperte Grog und gesellte sich zu ihm.
»Geht so«, gab der Igelpixie zurück, weil es tatsächlich ganz schön wehtat.
Der junge Mann mit Namen Pepe blinzelte und schickte sich an, seinen Widersacher zu umrunden, um in die Wirtsstube zu gelangen. Doch so einfach ließ sich der Wuthannes nicht abspeisen.
»Weissde wohl nich, wassich gehört, hm?«, grantelte er mit schwerer Zunge. »Dann muss ich dir halt Maniern beibringn.«
Um den Gehalt seiner Drohung zu unterstreichen, wollte er Pepe am Kragen packen. Doch das schmächtige Bürschchen duckte sich unter der Hand weg und marschierte weiter, als wäre nichts.
Pirx staunte nicht schlecht. Und dann roch er es wieder. Diese verräterische Spur. Sie haftete an dem Schmächtigen, als hätte man ihn darin gebadet. Als wäre er durch einen Strahl aus Bosheit gelaufen und würde immer noch eine Fahne des Geruchs hinter sich herziehen.
Vielleicht hatte er den Pfad der Dunklen Königin gekreuzt, als sie hier vorbeigekommen war. Vielleicht hatte er direkten Kontakt gehabt. So genau ließ sich das nicht sagen. Flink eilten Pirx und der Grogoch Pepe hinterher, während der Raufbold, vor seinem Stuhl stehengelassen, immer noch schnaubte und sich schließlich setzte.
Pepe hingegen ging ohne einen Gruß oder sonst eine Regung am Tresen vorbei, in die Küche und weiter in einen Raum, der ganz offenbar die Vorratskammer darstellte. Kisten, Säcke und Frischware stapelten sich auf dem Boden und in den Regalen.
Von der Decke baumelte ein riesiger Schinken, der nach Rauch und Holzofen roch. Pirx lief schon wieder das Wasser im Mund zusammen. Vielleicht konnten sie später noch einmal vorbeischauen, um sich ein Stück davon einzupacken.
»Was sucht er bloß?«, wisperte Grog dicht an seinem Ohr.
Unbehelligt von den Angestellten kramte der schlaksige Kerl in den Stapeln herum, bis er schließlich fündig wurde. »Zahnstocher«, stand auf der Seite des Kartons geschrieben, den er nun packte und hinaustrug.
Pirx schob die Hand unter die Mütze und kratzte sich ratlos zwischen den Stacheln. »Was will man mit tausenden von kleinen Holzstöckchen?«
»Ich habe gesehen, wie ein Kind daraus den Eifelturm gebaut hat«, sagte der Grogoch und schubberte sich mit dem Rücken an einem der massiven Regale.
»Aber ich hab’s doch gerochen! Diese faulige, stinkige Signatur war eindeutig nicht von der Menschenwelt!«, beharrte Pirx.
»Vielleicht ist der Dunklen Königin langweilig?«, versuchte es Grog noch einmal.
»Papperlapapp! Wir gehen der Sache nach«, entschied der Pixie und sauste Pepe nach, gefolgt von Grog. Die Tür nach draußen schwang hinter ihnen zu.
Pepe hatte bereits einen gehörigen Vorsprung und eilte in schnellen Schritten in nördliche Richtung. Doch statt auf der Straße zu bleiben, bog er nach den letzten Häusern auf eine der Weidewiesen ab und marschierte querfeldein weiter. Ohne sich umzusehen oder sonst wie zu orientieren.
»Seltsam«, bemerkte der Grogoch, während er schnaufend versuchte, mit Pirx Schritt zu halten. »Als würde er schlafwandeln.«
Da war etwas Wahres dran. Pepe wirkte wie ferngesteuert. Ein willenloser Bote, der …
»Waaah! Wo ist er hin?«, rief Pirx und blieb stehen.
Eben noch hatte sich Pepe kaum fünfzig Schritt vor ihnen in Sichtweite befunden. Quasi direkt vor ihnen. Nun war er verschwunden. Von einer Sekunde auf die andere.
»Vielleicht ist er hingefallen«, mutmaßte der Grogoch. »Oder in ein Loch gesprungen.«
»Quatsch. Totaler Quatsch mit Soße!«, verkündete Pirx und eilte an genau die Stelle, an der er Pepe zuletzt gesehen hatte. Doch angekommen, waren dort weder Pepe noch ein Loch oder sonst etwas. Nur Wiese und dieses seltsam kribblige Gefühl.
5.
Das Schloss der Dunklen Königin
Hügel von Tara
Bandorchus Schritte hallten durch den Gang. Sie fühlte ihre Macht ihr neues Reich in einer Welt ohne erdrückende Grenzen und Albträume. Doch Freude darüber konnte sie nicht empfinden. So sehr das Schattenland ihr auch Gefängnis gewesen war, Qual und Folter, so war es doch mit der Zeit zur Heimat gewachsen, zu ihrem ureigenen Ort des schmerzvollen Glücks und der großen Pläne.
Es hatte etwas überraschend Enttäuschendes, frei zu sein. Keine Zwänge mehr, kein Bann, der ihre Gefühle wie Fesseln um sie schlang. Hier in der Menschenwelt konnte sie alles sein, alles tun und alles erreichen, von dem sie je geträumt hatte. Bis hinüber in das Reich der Sidhe Crain. Fanmórs Territorium. Es war fast schon zu leicht, um einen angemessenes Wettkampf abzugeben.
Bandorchu lenkte ihre Schritte den neu errichteten Kreuzgang entlang und setzte ihren Weg durch den offenliegenden Teil ihres neuen Schlosses fort. Ein uneinnehmbares Bollwerk würde es am Ende sein. Ein Zentrum der Kraft und Mittelpunkt von zwei Welten, sobald alles an seinem Platz war. Wenn jeder Spieler seinen Zug wie vorgesehen gemacht und jedes Puzzleteil sich eingefügt hatte.
»Herrin«, wagte ein Diener sie anzusprechen, als sie die roh gehauene Steintreppe betrat, die in den zukünftigen Hauptturm führen würde. »Herrin, der Weg ist noch nicht sicher. Die Stufen führen ins Leere. Ihr könntet hinabfallen, wenn …« Er verstummte mitten im Satz, als Bandorchu sich langsam umdrehte und ihren Blick in seinen senkte.
Spöttisch sah sie auf den Elfen hinab. Ein einstmals unsterbliches, stolzes Wesen, das weder Alter noch Verfall gekannt hatte. Doch die Zeit hatte ihn und alle anderen etwas Neues gelehrt: Die Furcht vor dem Tod.
»Das wird nicht meine Sorge sein«, sagte die Dunkle Königin mit ruhiger melodischer Stimme, während sie seinen Blick in ihrem gebannt hielt. »Es wird deine sein, dass ich nicht falle. Für jede Schramme werde ich mir etwas von deiner Haut abschälen, für jeden gebrochenen Knochen einen heilen aus deinem Leib reißen und für jeden Blutstropfen einen Eimer voll deines Lebenssaftes nehmen.«
Der Elf wurde grau vor Schreck. Das Licht seines Geistes flackerte wie ein Tier in der Falle auf der Rückwand seiner Augen, bei den Bildern, die ihre Worte heraufbeschworen. Nackte Panik stand ihm ins Gesicht geschrieben. Und doch würde er nicht fliehen, sondern sich seinem Schicksal ergeben, sollte sie ihre Worte wahrmachen. Denn er hatte ihr wie alle anderen bedingungslose Treue geschworen.
Die Königin verzog ihren Mund zu einem süffisanten Lächeln und beugte sich vor. Mit den Fingernägeln der linken Hand strich sie dem schmächtigen Elfenmann die Schläfe entlang und zeichnete gleichsam blutige Linien in seine aschefarbene Haut. »Geh und mach dich bereit, mich aufzufangen, sollte ich geruhen, mein Gleichgewicht zu verlieren«, raunte sie ihm dunkel, in verführerischem Timbre zu.
Dann stieß sie ihn von sich und setzte den Fuß auf die nächste Stufe. Grob behauener Stein, der in Spiralform hinaufführte. Gehalten von einem Gerüst aus Holz und Hanfseilen. Ein Hilfsmittel neben all der Magie, die hier am Werk war. Bandorchu trieb ihre Diener an. Ließ sie auch den letzten Tropfen Ley-Energie, den sie aus dem Boden saugten, für diesen Zweck nutzen.
Stufe um Stufe stieg die Dunkle Königin höher in den offenen Raum. Wind fing sich in ihrem langen, blonden Haar und hob es an, ließ es flattern. Als sie das Ende der Treppe erreicht hatte, breitete sie die Arme aus und sah hinab zu dem kleinen schmächtigen Elf, der unten schlotternd vor Angst auf sie wartete. Bereit, sie mit seinem eigenen Leib aufzufangen, ohne Rücksicht auf sein Leben.
Von hier oben konnte Bandorchu weit in das Land hinausblicken, konnte die Menschen sehen, die in der Umgebung unterwegs waren und blind blieben für das, was um sie herum geschah.
Genau wie der Getreue in Newgrange hatte auch sie einen magischen Schutzwall um den Hügel von Tara gewirkt und das Gebiet ein wenig entrückt – so, als hätte sie es aus der einen Realität gehoben und ein Stück daneben wieder abgestellt.
Nur die besonders Empfindsamen, die von Magie berührt worden waren oder jene, die unwissentlich einen Schluck Elfenblut in sich trugen, vermochten die Verschiebung vielleicht als Kribbeln oder feine Vibration wahrzunehmen, dort wo sich die Energieebenen der Welten aneinander rieben. Vielleicht mochten einige sogar einen Hauch verspüren, einen sonderbaren Geruch wahrnehmen oder leise murmelnde Stimmen hören. Für alle anderen war Bandorchus neues Heim und alles, was sich innerhalb des Walls befand, unsichtbar und gleichzeitig durchlässig wie Luft.
So wie die Menschen auch für die Magie der Megalithen, Steinkreise und Kammern, die als Ruinen auf dem Hügel über die Epochen hinweg überdauert hatten, taub und blind waren.
Touristenscharen trampelten auf den Zeugnissen der Geschichte herum, in ihren bunten Kleidern und reflektierenden Sonnenbrillen. Jeder eines dieser Geräte vor der Nase, um den Moment darin als Bild oder Video festzuhalten für die Zeit nach der Heimkehr. Doch Erinnerungen waren wertlos ohne das dazu passende Gefühl.
Auch in Bandorchus Welt war es an der Zeit, dass jemand trotz seiner unverzeihlichen Verfehlung endlich nach Hause kam. Jemand, der ihre geballte Wut zu spüren bekommen würde. Der Getreue hatte sich ihr widersetzt. Widersetzte sich immer noch! Dafür würde er büßen.
Sie hatte ihrem treuesten aller Diener in der Vergangenheit zu viel Leine gelassen. Ihm zu viele Kapriolen und Sonderbehandlungen zugestanden. Weil er im Gegensatz zu so vielen anderen nicht versagte, egal welchen Auftrag sie ihm gab. Egal wie unmöglich das Geforderte erschien oder wie groß die Opfer sein mochten, die damit verbunden waren. Der Getreue war seinem Namen immer gerecht geworden. Auf seine Weise.
Doch diesmal nicht. Sie hatte nach dieser Halbelfe verlangt. Wollte sie um jeden Preis, vor allem, da sie das besondere Kind in sich trug. Nadja Oreso war die Waffe, mit der die Königin alle Welten endgültig in die Knie zwingen konnte.
Noch immer starben sie. Sie alle. Jeden Tag ein bisschen mehr. Auch Bandorchu. Doch das hatte sie längst in ihre Pläne mit einkalkuliert. Und auch ihr dunkelster Diener würde sich am Ende beugen müssen. Freiwillig oder nicht.
Bevor sie sich allerdings um den Getreuen kümmern konnte, musste sie ihre Macht nähren. Seit sie mit ihren Anhängern in Tara angekommen war und über dem historischen Machtzentrum – von dem aus Götter und Feldherren die Welt erobert hatten – den ersten Grundstein gelegt hatte, erhielt sie zusätzliche Energie und war nicht mehr auf Menschenseelen angewiesen.
»Erst die Arbeit, dann das Vergnügen«, säuselte die Dunkle Königin gegen den Wind und blickte ein letztes Mal über ihr neues Reich hinweg. Dann machte sie einen Schritt nach vorn über die letzte Treppenstufe hinweg und ließ sich ohne Vorankündigung in die Tiefe fallen.
6.
Verfolger im Nacken
London – Freitag, 26. April 1715
Der zu Boden geschlagene Edmond Halley zuckte unter dem Schuss zusammen, in der festen Überzeugung, im nächsten Moment jenen Schmerz zu spüren, der einem unausweichlichen Tod vorausging. Doch er fühlte weder den Treffer noch Wunde oder Blut, das sich warm und verräterisch auf ihm ausbreitete. Stattdessen erklangen Rufe.
»Stehenbleiben! Im Namen des Gesetzes, bleiben Sie stehen!«
Schatten im fahlen Licht der Laterne. Wasser, das aus Pfützen spritzte. Schritte, die sich schnell entfernten. Von wie vielen Personen konnte Edmond nicht ausmachen. Die Geräusche vermischten sich in seinem Kopf zu einem chaotischen Missklang.
Zusammengekrümmt, die Augen geschlossen lag er da und wartete auf den nächsten Schlag. Doch es kam keiner. Ohne noch ein Gefühl für die Zeit zu haben, öffnete er die Lider. Doch die Welt zeigte sich schief und dunkel wie ein Höllenloch.
Verzweifelt suchte er nach einem Anker, einem Haltepunkt für seinen Verstand. Wo war seine Kladde? Nachdem er sie trotz des vernebelten Blicks kaum einen Meter entfernt auszumachen glaubte, streckte er einen Arm aus, um sie zu sich zu ziehen. Doch der Abstand war zu groß. Mühsam robbte er auf der Seite liegend vorwärts. Näher und immer näher heran, bis seine Fingerspitzen das durchweichte Leder berührten.
In dem Moment erklangen erneut Schritte. Zügig kamen sie heran. Edmond kniff die Augen zusammen, um sich totzustellen und weiteren Schlägen zu entgehen. Blind vernahm er, wie das Klacken der Schuhsohlen langsamer wurde und schließlich nah bei ihm verstummte. Jemand stand zwischen ihm und der Laterne und warf seinen Schatten. Edmond konnte die Präsenz des Fremden fast schon körperlich spüren, als er sich über ihn beugte.
»Mister? Hören Sie mich?« Eine Hand griff nach Edmonds immer noch ausgestrecktem Arm und rüttelte ihn leicht. »Mein Name ist Constable Donald Leonard Johnson. Können Sie mich verstehen?«
Edmond schlug die Augen auf und wollte antworten. Doch es kam nur ein unartikulierter Laut aus seiner Kehle. Mühsam drehte er den Kopf und versuchte sich aufzurichten. Scharfer Schmerz brannte in seiner Magengrube und strahlte bis hoch in die Brust aus.
»Halley«, brachte er schließlich immer noch atemlos hervor. »Ich heiße Edmond Halley.«
»Halley, der Astronom und Mathematiker?« Die Stimme des Constable klang überrascht und fast schon ehrerbietig. Offensichtlich gab es doch noch Männer in London, die die Wissenschaft dem Aberglauben vorzogen.
»Genau der«, gab Edmond zurück. Ein Hustenanfall trieb ihm die Tränen in die Augen. Doch soweit er in seinem Schockzustand beurteilen konnte, war er ohne größere körperliche Schäden davongekommen. Lediglich der Schmerz in Leibesmitte erschwerte ihm das Atmen.
Als er endlich saß, zog er sich mit zusammengebissenen Zähnen das Hemd aus der Hose nach oben. Im trüben Licht sah seine Bauchdecke rot, mit einem ins Violette gehenden Schimmer aus. Bei einer massiven Einblutung hätte sich das Bindegewebe wohl schon dunkelschwarz verfärbt.
»Benötigen Sie einen Arzt?«, fragte Johnson.
Edmond winkte ab und streckte ihm anschließend seine Hand entgegen. »Helfen Sie mir lieber auf. Aber langsam.«
Der Constable packte zu und zog Edmond vorsichtig auf die Beine. »Eigentlich war ich auf dem Nachhauseweg und hatte von der Straßenecke Pendelton verdächtige Geräusche gehört.«
»Das war mein Glück«, stellte Edmond immer noch etwas gepresst fest. Vorsichtig richtete er sich in seiner Gänze auf und atmete sacht einmal durch. Dann sah er sich erneut nach seiner Kladde um.
»Leider sind mir die Burschen entwischt. Nach meinem Warnschuss haben die sich sofort davongemacht. Heutzutage ist man nirgends mehr sicher vor diesen Räuberbanden«, merkte Johnson an und hob für Edmond die Tasche auf.
»Oder vor religiösen Fanatikern«, fügte Edmond hinzu.
Der Constable nickte andeutungsweise. Da er Edmond am Namen erkannt hatte, konnte er sich den Rest gewiss denken. »Möchten Sie Anzeige erstatten?«, fragte Johnson nach einer Pause.
Edmond strich seine Kleidung notdürftig glatt. Was würde Isaac ihm raten? Es auf sich beruhen lassen? Keinen weiteren Staub aufwirbeln? Oder in die Offensive gehen? Den Gegnern die Stirn bieten?
Kämpferisch geht der Stier zugrunde, hieß es in einem der Gedichtbände, die sie gemeinsam gelesen hatten. Edmond wollte ein Stier sein. Für die Sache, für die Wissenschaft und für das Ego. Ob das klug war, würde sich später herausstellen.
»Das will ich«, antwortete Edmond ernst.
Der Constable sah wenig erfreut aus. Kein Wunder. Er war ja nicht einmal im Dienst. Wahrscheinlich hielt ihn die ganze Sache vom Abendessen mit der Familie ab. Aber darauf konnte Edmond jetzt keine Rücksicht nehmen. Es gab Kämpfe, die man durch Schweigen und Stillhalten gewann. Durch seine Ausdauer und bloße Anwesenheit. Aber dieser hier brauchte Standfestigkeit und laute Widerworte.
»Ja, ich will Anzeige erstatten«, wiederholte Edmond mit fester Stimme und erhobener Hand. »Das hier war mehr als nur eine Lappalie. Es ging ihnen nicht darum, mir ein paar Schillinge aus der Tasche zu rauben. Sie wollten mich verletzen, ja vielleicht sogar umbringen!«
Constable Donald Leonard Johnson nickte knapp und kramte in seiner Manteltasche. »Natürlich, Sir. Das ist Ihr gutes Recht.«
Edmond verfolgte, wie der Wachmann nun in seiner Innentasche herumsuchte, doch er schien nicht fündig zu werden. Stattdessen ließ er die Hände sinken und sah Edmond das erste Mal direkt an. »In Anbetracht der fortgeschrittenen Uhrzeit und Ihres Zustandes, werden wir die Befragung besser morgen früh durchführen. Wäre Ihnen acht Uhr genehm?«
»Nichts zu schreiben dabei?«, fragte Edmond und drückte die Kladde dabei an seine Brust.
»So ist es«, gab der Constable zu.
»Kann passieren«, kommentierte Edmond und hob müde lächelnd einen Mundwinkel. Ihm gefiel Johnsons Art, nicht um den heißen Brei herum zu reden. Kein langes Geschwafel oder anbiederndes Gerede, um ja nichts Falsches zu sagen oder um sich aus der Verantwortung zu ziehen.
»Acht Uhr also«, erbat der Constable nochmals die Bestätigung. »Ist das hier Ihre Wohnadresse?« Er deutete auf die Eingangstür des Hauses.
»Ich wohne mit meiner Familie in Islington. Dies hier ist nur mein Arbeitsdomizil. Erster Stock. Meine Vermieterin, Mistress Delainy, wird Ihnen aufmachen und den Weg weisen«, sagte Edmond.
Trotz seines von Wut gespeisten Tatendrangs war er genau genommen froh, die Befragungsprozedur nicht noch heute Abend durchstehen zu müssen. Denn mit der wiedergewonnenen Klarheit wurden auch die Schmerzen immer deutlicher spürbar.
Das schien auch Johnson zu bemerken. Er drehte sich zum Gehen, zögerte und wandte sich nochmals um. »Wirklich alles in Ordnung, Sir? Ich kann Sie noch bis zur Schwelle begleiten. Es ist keine Schande, etwas wacklig auf den Beinen zu sein, nach so einer Attacke. Das kann selbst den stärksten Mann aus dem Tritt bringen.«
Edmond besah ihn sich genauer. Der Constable hatte klare helle Augen, die selbst im Halbdunkel der Straßenlaternen blau schimmerten. Der Nasenrücken war ein wenig schief. Vielleicht die Folge eines Kampfes oder anderweitigen Scharmützels im Dienst. Er war mittleren Alters, soweit sich das sagen ließ. Doch seine Haut war die eines Jugendlichen. Kaum Spuren eines Bartes. Und das, obwohl der Tag gewiss lang gewesen war und man in seinem Beruf gewiss keinen gesteigerten Wert darauf legte, sich zum Fünf-Uhr-Tee noch frisch rasiert zu zeigen.
Er war keiner dieser Schnösel, die zu sehr in ihr eigenes Spiegelbild verliebt waren. Einer, der sich unbequemen Situationen stellte, anstatt aus Bequemlichkeit wegzusehen oder gar die Hand aufzuhalten. Das war in diesen Zeiten nicht selbstverständlich. Schließlich wurden die Constables mehr schlecht als recht bezahlt.
Edmond beschloss, Donald Leonard Johnson zu mögen. Daher lächelte er ehrlich und schüttelte dann den Kopf. »Danke, Constable. Sie haben bereits genug getan. Mehr, als ich erwarten durfte. Ich danke Ihnen und wünsche einen guten Heimweg. Wir sehen uns morgen. Tee oder Kaffee?«
»Selbstverständlich Tee. Mit viel Milch«, erwiderte Johnson und deutete einen Salut an.
Nachdem Edmond sich ins Haus geschleppt hatte, fing ihn Mistress Delainy im Treppenaufgang ab. »Wer waren diese Männer?«, polterte sie in gewohnt forscher Art. War es denn wirklich zu viel verlangt, erst einmal nach seinem Befinden zu fragen?
»Irgendwelche Diebe und Rumtreiber«, antwortete Edmond, weil er keine Energie mehr hatte, sich näher zu erklären.
»Das sah mir aber eher nach etwas Persönlichem aus!«, insistierte die Hausherrin unnachgiebig.
Edmond stöhnte innerlich auf. Aber er musste sich zusammenreißen. Seine Professur machte ihn nicht gerade reich. Und mit der Hetze, die ihn in den letzten Wochen ungut in den Mittelpunkt rückte, würde er in nächster Zeit wohl kaum eine andere Bleibe finden. Vor allem nicht in so einer Lage. Das Arbeitszimmer war sein Rückzugsort und der einzige Platz, an dem er sein konnte, wie er wirklich war.
»Der Constable war ja da und wird die Angelegenheit klären«, versuchte er die zu erwartende Diskussion abzukürzen.
»Dass mir das nicht noch einmal vorkommt. Nicht vor meinem Haus«, sagte Mistress Delainy mit pikiert hochgerecktem Kinn.
»Natürlich, Madam.« Edmond Halley verbeugte sich schicksalsergeben vor der Matriarchin des Hauses und schickte sich an, die Treppe zu seinem Zimmer hinauf zu gehen.
»Und bluten Sie mir ja nicht die Möbel voll! Sowas geht nie wieder raus aus den Stoffen!«, rief Mistress Delainy ihm hinterher.
Edmond verzichtete auf eine Antwort, sperrte oben angekommen die Tür hinter sich zu und schleppte sich zum Bett, wo er sich angezogen in die Kissen sinken ließ.
Der nächste Morgen brachte Schmerzen und weitere blaue Flecken mit sich. Nicht nur auf seiner Bauchdecke, sondern auch am Rücken, den Schultern, der Brust und den Oberarmen. Er würde etwas Laudanum zu sich nehmen müssen, um sich auf den Beinen halten zu können. Immerhin war sein Gesicht verschont geblieben.
Punkt acht Uhr erschien Constable Donald Leonard Johnson zusammen mit Mistress Delainy, die ihnen wie erwartet Tee servierte. Mit einem extra Kännchen Milch für den Constable und etwas englischem Toast mit Butter und Honig.
»Nur zu, setzen Sie sich«, sagte Edmond und bot ihm den Sessel an, den er an den Arbeitstisch herangerückt hatte. Er war genau genommen keinen Besuch gewohnt. Nicht nur, weil seine Vermieterin es nicht gern sah, sondern weil er selbst seine Privatsphäre zu schätzen wusste. Selbst Isaac war erst ein einziges Mal hier gewesen, um ihn zu einem Konzertbesuch abzuholen. Eine Ausnahme, ihm zuliebe. Weil sein Freund neugierig gewesen war, wie er ohne Frau und Kinder hauste. Aber das war eine andere Geschichte, die hier nicht hergehörte.
Auch Edmond nahm Platz und schenkte Tee ein, während sich der Constable den Hut, den er heute dabeihatte, abzog und in Ermangelung eines Ablageplatzes schließlich auf das Fenstersims deponierte.
Johnson ließ sich Zeit, goss sich Milch ein und rührte um. Dann erst zückte er eine kleine, in Leder gebundene Kladde aus der Tasche des über die Stuhllehne geschlagenen Mantels und lehnte sich mit einem Seufzen zurück. »Lassen Sie uns ganz von vorn beginnen.«
Edmond gab ihm Name, Anschrift, Berufsstand. Danach berichtete er, wo er den Abend verbracht und wie er heimgekommen war, bevor ihn die Schläger überfallen hatten.
»Haben die Angreifer etwas zu Ihnen gesagt?«, fragte Johnson.
»Sie meinen neben all den wüsten Beschimpfungen?«, erwiderte Edmond. Er fühlte die Wut zurückkehren, wie sie in seinem schmerzenden Magen brodelte und ihm die Kehle hinaufkriechen wollte.
»Sie äußerten die Vermutung, dass es sich …« Johnson leckte sich die Oberlippe. »… dass der Überfall mit Ihrer Arbeit zusammenhängen könnte.«
Offenbar war der Constable im Dienst nicht mehr so geradeheraus wie am Abend zuvor.
»Sie meinen, ob ich glaube, dass meine Vorausberechnung der Sonnenfinsternis etwas damit zu tun hat? Ja, ganz sicher. Sie doch auch.«
Johnson straffte sich und griff nach der Teetasse. »In der Tat. Also hat offenbar die Gemeinschaft Christi Sanguis et Aqua ihre Drohungen wahrgemacht.«
Diesmal war es keine Frage, sondern eine Feststellung. Da war er also wieder, der Mann ohne Schnörkel.
»Sekte. Diese fanatisch religiöse Vereinigung ist eine Ansammlung von Sektierern der schlimmsten Sorte«, bestätigte Edmond und trank von seinem Tee. Schwarz, stark und ohne irgendeine Süße, die seiner Meinung nach nur in Kuchen oder Obst gehörte.
»Haben Sie irgendwelche Beweise für diese Anschuldigung?«, fragte der Constable ruhig und routiniert. Keinerlei Anflug von Zweifel oder Unglaube in der Stimme. Er machte einfach nur seine Arbeit.
»Ich erhielt einen Drohbrief just am gestrigen Morgen«, gab Edmond ebenso sachlich zurück und nippte erneut an seiner Tasse. »Zwar nicht unterzeichnet, doch die Symbolik würde wohl selbst ein Hausmädchen verstehen. Nicht dass ich eines hätte, um das zu demonstrieren.« Er lächelte angedeutet.
Der Constable hob flüchtig die Mundwinkel. »Kann ich ihn sehen?«
Edmond legt ihm den Brief auf den noch leeren Teller. »Essen Sie etwas. Der Honig ist wirklich vorzüglich.«
Johnson griff nach dem Dokument und studierte es eingehend. »Ihnen ist klar, dass Sie außerhalb der Stadt sicherer aufgehoben wären, bis … nun, bis diese Angelegenheit vorüber ist?«
»Sie denken, auf dem Land gibt es keine Scheiterhaufen, die für mich bereitstehen? Dann sind Sie wohl ein Stadtkind«, konterte Edmond und diesmal konnte er die Spitze in seiner Bemerkung nicht gänzlich unterdrücken.
Er war die Dummheit der Menschen so leid. Dieser Samen des Fanatismus, der überall spross, wenn man den Bornierten etwas Neues und für sie Unbegreifliches präsentierte. Egal, wie sehr es mit Daten und Fakten belegbar war. Der Mob wollte am Ende jemand brennen sehen. Aus reiner Lust an der Jagd und dem Schauspiel.
»Es ist Sommer. Sie könnten an die Küste fahren«, schlug Johnson vor. »Nur für ein paar Tage.«
»Und diese eine Sonnenfinsternis, die ich in meinem Leben zu Gesicht bekomme, irgendwo zwischen Schafen auf der Weide bewundern? Dafür bin ich nicht Wissenschaftler geworden.«
»Um zu sterben oder sich totschlagen zu lassen, aber gewiss auch nicht.«
Edmond lächelte gequält. »Touché.«
Vielleicht würde ihm die Royal Society in dieser Angelegenheit zur Seite stehen. Immerhin kam es auch ihr zugute, wenn die Mitglieder Ruhm und Ehre einheimsten. Warum sollten sie also nicht auch ihren Anteil daran tragen, wenn jemand jenen nach dem Leben trachtete, die die Basis dieser exklusiven Gesellschaft bildeten?
Zugegeben, Edmond war kein großer Fisch im Becken der Wissenschaftler, Professoren und Doktoranden. Er war weder adlig noch ein zum Ritter geschlagener Gentleman. Mit seinen Entdeckungen hatte es bisher nur für einige weniger bedeutende Orden gereicht. Eher pro forma verliehen denn für besonders Herausragendes. Genau das hatte die Entdeckung zur Berechnung der Planetenbahnen ja ändern sollen!
Doch stattdessen hatte er nun die Hexenjäger und Fanatiker am Hals. Und er fürchtete, dass die hochgestellten Würdenträger wenig Lust haben würden, die Royal Society in das gleiche Licht zu rücken. Auch wenn zumindest ihnen klar war, dass Edmonds Berechnungen sicher nicht die Ausgeburt des Teufels waren.
Der Constable schien an seinem Gesichtsausdruck abzulesen, dass er nicht gewillt war, auf Reisen zu gehen. »Es ist mir in diesen Zeiten nicht möglich, Ihnen eine Leibgarde zu stellen. Das müssen Sie verstehen«, versuchte er es auf anderem Wege.
»Weil ich ja nur ein kleiner Sternengucker bin, nicht wahr?«, ergänzte Edmond und stellte die Tasse etwas zu kraftvoll auf dem Unterteller ab.
»Bitte, Sir. Halten Sie mich nicht für parteiisch oder gar politisch. Das bin ich nicht. Und nebenbei bemerkt, finde ich es außerordentlich spannend, was Sie an unserem Himmel abzulesen vermögen. Aber am Ende bin ich nur ein einfacher Parish Constable ohne höhere Befugnisse.«
Mit unzufriedener Miene griff Johnson nun doch noch nach einem Toast und schmierte sich Butter darauf. »Aber vielleicht könnte ich die Route der Patrouillen für die nächsten Tage ändern lassen. Damit sie öfter an ihrem Haus vorbeigehen«, sagte er, nachdem er den Toast zusammengeklappt und einmal davon abgebissen hatte.
»Das ist mehr als ich erwartet habe«, entgegnete Edmond ehrlich gerührt und beugte sich vor. »Ernsthaft, Constable Johnson. Ich weiß Ihre Haltung wirklich zu schätzen.«
»Und ich Ihren Mut für die Sache«, erwiderte der Constable.
Einen Moment lang sahen sich die Männer unbewegt an. Auge in Auge. Kein Kräftemessen, sondern die Offenbarung von Gefühlen, die man in ihren jeweiligen Positionen nicht zu zeigen hatte. In dieser Gesellschaft war kein Platz für solcherlei Weichheit und Mitgefühl. Und doch fand man diese seltene Art von Menschlichkeit und Seelenanmut, wenn man nur den eigenen Blick dafür öffnete. Wenn man den Kern eines Wesens anerkannte und nicht nur seine Hülle.
Schließlich rückte der Constable den Sessel ein Stück zurück und griff nach seinem Hut. »Ich werde Sie auf dem Laufenden halten, was die Ermittlungen angeht. Aber machen Sie sich keine allzu großen Hoffnungen, dass wir die Kerle stellen werden, da Sie keinen genauer beschreiben konnten.«
Ein paar kräftige Gestalten, die sich im Dunklen anschlichen. Dazu mit ungehobelten Umgangsformen. Ja, da kamen viele in London in Frage.
»Das Prinzip zählt hier mehr als der Erfolg«, antwortete Edmond und erhob sich ebenfalls.
Zum Abschied schüttelten sich die Männer die Hand. »Passen Sie auf sich auf, Mr Halley.«
Am Nachmittag entschied Edmond, dass er trotz des Vorfalls zur üblichen Tee-Versammlung der Royal Society gehen würde, um die Stimmung unter seinen Kollegen auszuloten.
Er wollte gerade Richtung Park abbiegen, als ihm eine schlanke Gestalt in grauer Kutte auffiel, die zwischen den ersten Bäumen stand. Die Kapuze war nach unten gezogen, das Gesicht nicht auszumachen. Die Person hielt die Hände in den weit fallenden Ärmeln verborgen. Ganz so, wie es die Mönche und Prediger gern taten.
Edmond presste die Lippen aufeinander und blieb stehen. Die Gestalt blicke direkt in seine Richtung. Unbewegt, wie ein grauer, drohender Schatten zwischen den reichbehängten Kastanienbäumen.
Panik stieg in Edmond auf. Bilder des vergangenen Abends flackerten vor seinem inneren Auge. Er glaubte, den Schmerz erneut in seiner Magengrube zu spüren. Es ist helllichter Tag, ermahnte er sich. Niemand wird es wagen, dich jetzt anzugreifen, wo alle es sehen können. Der Mann ist nur ein ganz normaler Geistlicher. Er sieht nur zufällig in meine Richtung. Mehr nicht.
Doch sein Körper wollte ihm nicht recht glauben, die Beine nicht gehorchen, als er versuchte weiterzugehen. Nicht, wenn er diese Richtung einschlagen wollte. Sollte er umkehren? Fliehen? Vor einem Hirngespinst?
Nein. Auf keinen Fall wollte er sich der Angst beugen. Er würde einfach den Umweg über die Straße wählen, statt den angenehmeren Weg durch den Park. Dann würde sich zeigen, dass er sich etwas einbildete.
Mit einem kurzen verlegenen Blick in den Himmel drehte Edmond sich nach links und marschierte möglichst unbekümmert den Fußweg entlang. Weg vom Eingang des Parks. Weg von seinem potentiellen Attentäter.
Er hatte bereits eine Straße hinter sich gelassen, als er Schritte zu hören meinte. Auffällig hektische Schritte. Solche, die ihn verfolgten. Edmond spannte die Kiefer an. Hirngespinste waren das. Angstgestalten. Reine Phantasie! Aber so gewaltig, dass sie sein Herz rasen ließen. Schweiß trat ihm auf die Stirn, seinen Atem wurde zusehends kürzer und abgehackter.
Näher und immer näher schienen die Schritte zu kommen. Ledersohlen auf dem Kopfsteinpflaster. Trugen Mönche Lederschuhe? Seine Logik versuchte durch das Wirrwarr seiner Gefühle emporzusteigen, dagegen anzukämpfen. Ohne Erfolg.
Edmond glaubte, den Atem seines Verfolgers bereits im Nacken zu spüren. Doch immer noch wagte er nicht, sich umzudrehen. Bloß nicht stehenbleiben. Ja nicht innehalten. So wenig wie möglich Angriffsfläche bieten. In der Menge verschwinden. Ja, er musste sich verstecken. Zwischen den Menschen. Irgendwo. In einem der Läden.
Edmond blickte hektisch die schmalen Eingänge der Geschäfte entlang. Beim Schuster war zu wenig los. In der Parfümerie für Damen würde er zu sehr auffallen. Als nächstes kamen mehrere kleine Fensterausschnitte aus Bleikristall in Sicht, die Auslagen eines Hofschneiders, der auch die Fertigung von Kleidung für den vermögenden eleganten Herrn anbot. Braune und weiße Allonge-Perücken, Justaucorps in Samt und Seide mit breiten Ärmelaufschlägen mit Spitzenbesatz, Westen, Culottes und Jabots.
Kurzerhand trat Edmond ein.
»Guten Tag, Sir«, wünschte ein hagerer Mann in adrettem Justaucorps. In der angrenzenden, offen einsehbaren Schneiderei wurde fleißig gewerkelt.
»Guten Tag«, sagte Edmond und merkte, dass in seiner Stimme etwas Gehetztes lag. Also atmete er gezwungen einmal durch und trat hin zu den Auslagen für weiße Spitzenhalstücher.
»Was kann ich für Sie tun? Wünschen Sie etwas zu Ihrem aktuellen Kleider-Ensemble?« Der Mann, der wohl für den Verkauf zuständig war, klang höflich-reserviert und deutete auf die verschiedenen Auslagen ringsum.
Edmond konnte nicht anders, er blickte über die Schulter hin zum Eingang. Und tatsächlich, auf der anderen Seite einer Scheibe stand jemand und schaute herein. Edmond konnte ihn zwischen zwei Perückenständern nicht genau erkennen.
Was jetzt? Seine innere Stimme schrie ihn an, sich zu verstecken. Sich zu verkriechen und den Atem anzuhalten, bis die Gefahr vorüber war. Sein Verstand protestierte. Hier in der Öffentlichkeit? Vor Zeugen? Unmöglich.
Doch die Angst quoll in ihm über. »Einen Rock. Ich benötige einen festlichen Rock für eine Festrede«, stammelte Edmond und stürmte weiter zum rückwärtig gelegenen Regal mit den Stoffen, aus denen maßgefertigte Kleider wurden.
Im Vorbeigehen sah er, dass der Verkäufer die Augenbrauen hob und den Blick an Edmond entlang wandern ließ. Abschätzend, wen er da vor sich hatte. Doch Edmond war es egal. Er deutete auf einige Stoffe. »Haben Sie wohl irgendwo einen Spiegel, vor dem ich mir ein paar Tücher hinhalten kann, ob mir die Farben und Muster überhaupt stehen? Und das ungestört, ich meine … ohne, dass mir jeder dabei zusieht?«
»Gewiss doch, Sir, dafür haben wir ein kleines Séparée«, sagte der Mann indigniert. Ihm war deutlich anzumerken, dass er Edmond für keineswegs zahlungskräftig genug hielt, war aber zu sehr Gentleman, um ihn sofort hinauszukomplimentieren. Er suchte Edmond ein paar Reststoffe heraus, die für diesen Zweck gedacht waren, und führte ihn in ein kleines, durch Vorhänge von Geschäft und Schneiderei getrenntes Abteil mit einem halbhohen Spiegel.
Das Herz hämmerte in seiner Brust. Und weiter? Allzu lange konnte er sich nicht aufhalten, bis er hinausgeworfen wurde.
Um seinen Atem zu beruhigen, dachte er an die Berechnungsformeln des Längenproblems, über das er in seinem Vortrag gesprochen hatte.
Eine Männerstimme erklang im Eingang. Ein scharfer, herrischer Bariton. Doch zu weit weg, um das Gesagte klar verstehen zu können. Edmond ging rückwärts, bis er sich im Vorhang verwickelte. Wie dumm er doch war. Hier drinnen saß er in der Falle!
Erneut waren Schritte zu hören. Jemand blieb auf der anderen Seite des Vorhangs stehen. Edmond konnte elegante Schuhspitzen durch den Spalt zwischen Vorhang und Boden sehen.
Doch bevor der Vorhang beiseite geschlagen werden konnte, hörte Edmond ein leises Poltern, gefolgt von einem Stolpern und Fluchen, und die Schuhspitzen verschwanden. »Verzeihung, das tut mir wirklich leid. So ein Missgeschick aber auch.«
Die neue Stimme war zu Edmonds Überraschung weiblich und gehörte ganz offensichtlich einer Französin, die bemüht war, gutes Englisch zu sprechen. Sehr ungewöhnlich für eine Nichtadlige.
Der Mann mit der Baritonstimme beschimpfte sie. »Was hat ein ungeschicktes Weibsbild hier überhaupt verloren?«
»Oh, das tut mir sehr leid, was für ein Unglück«, stammelte die Frau in fast schon übertrieben bedauerndem Tonfall. »Ich muss den edlen Herrn übersehen haben, als ich nach meinem Mann Ausschau gehalten habe. Ist er hier?«
Edmond blinzelte.
»Das kommt wohl darauf an, wer Ihr werter Herr Gemahl ist«, antwortete der Verkaufsmann hörbar pikiert.
»Er sagte, er wolle hier hereinschauen!«, gab die Französin ein wenig näselnd zurück. »Er hat einen furchtbaren Geschmack. Daher muss ich ihm bei der Auswahl helfen.«
»Madam, wir sind ein anständiges Geschäft! Ich weiß nicht, was für verlotterte Sitten in Frankreich Einzug gehalten haben, doch hier sind Sie als Frau fehl am Platze und ich muss Sie augenblicklich bitten zu gehen!«
»Sie haben ihn also nicht gesehen?«, wiederholte die Frau.
»Sie gehen jetzt!«, forderte der Gentleman sie erneut auf.
Der Mann mit dem Bariton pflichtete bei. »Sind wir hier in einer Hafenbar, dass verdorbenes Weibsvolk einfach reinmarschieren kann?«
Ein Schotte, da war sich Edmond sicher. Es lag an der Betonung der harten Konsonanten.
Unter Protest wurde die Frau aus dem Geschäft gedrängt, und der Schotte verschwand ebenfalls unter Flüchen.
Edmond wischte sich fahrig über das Gesicht, löste sich aus dem Vorhang und stürmte an dem Verkaufsmann vorbei, warf ihm die Stoffe in den Arm. »Gefällt mir alles nicht!«, rief er und rannte hinaus auf die Straße.
Im Moment war niemand in der Nähe. Hoffentlich versteckten sich der unheimliche Schotte und die seltsame Französin nicht irgendwo, um die Verfolgung wiederaufzunehmen. Immer noch wie betäubt, schlug Edmond erneut den Weg zur Royal Society ein. Eher ein Reflex, denn im Grunde war ihm viel mehr danach, sich in sein Bett zu verkriechen und die Welt dort draußen Welt sein zu lassen.
»Sir! Warten Sie!«, rief hinter ihm ein Junge. »Mister Halley! Bitte, Sir!«
Edmond zog die Brauen zusammen, blieb stehen und drehte sich um. Ein Junge mit schmuddligen Hosen kam ihm keuchend nach. Er hielt einen Ausschnitt des Zeitungsartikels in Händen, der vor einer Woche über Edmond und seine Berechnung der Sonnenfinsternis gedruckt worden war.
Vorgewarnt musterte er den Jungen mit prüfendem Blick. Doch der Knirps musste erstmal wieder zu Atem kommen. Schnaufend stand er vornübergebeugt da, während sich sein Rücken im schnellen Rhythmus hob und senkte.
»Was willst du, Junge?«, fragte Edmond barsch.
»Eine Nachricht, Sir. Ich soll eine Nachricht überbringen.«
Edmond schwante nichts Gutes.
»Die Lady hat mir den Artikel gegeben, damit ich Sie erkenne, Sir«, erklärte der Junge, nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte.
»Welche Lady?«, fragte Edmond misstrauisch.
»Mistress Delainy. Weil es doch diesen Aufruhr gab und der Constable kommen musste. Sie sagte, ich soll Sie suchen.« Damit streckte er Edmond einen kleinen gefalteten Brief entgegen.
Es war tatsächlich Mistress Delainys Handschrift, das konnte Edmond sofort an den weiten Bögen der Anfangsbuchstaben erkennen.
Geehrter Mister Halley,
bitte kommen Sie umgehend nach Hause.
Es ist etwas Furchtbares geschehen!
Gezeichnet
Mistress Delainy
Das klang ernst, wenn auch ziemlich vage. »Seit wann suchst du mich?«, fragte Edmond.
»Ist schon ein Weilchen her, Sir. Hab mich aber wirklich beeilt, weil die Lady so aufgelöst schien. War erst im Park, weil’s hieß, da könnt ich Sie abfangen. Aber damit war’s nichts. Da bin ich hier entlang und zack, sind Sie mir ins Auge gesprungen. Ich hab nämlich gute Augen«, erklärte der Junge eifrig.
Edmond wusste, wieso. Er griff in die Hosentasche und reichte dem kleinen Boten eine Münze für seine Bemühungen. Dann eilte er den Weg zurück. Alles Weitere war vorerst nebensächlich.
7.
Nimues See
Paimpont
Rian belud ihren Frühstücksteller mit allem, was das Hotel-Büfett zu bieten hatte. Dampfende Croissants, knackig frisches Baguette mit einem großen Stück Butter und dazu Ei, Aufschnitt und eine Handvoll Beeren, die sie oben drüberstreute.
»Willst du den ganzen Ort durchfüttern?«, scherzte David.
»Ich sorge nur vor«, entgegnete Rian mit breitem Grinsen und setzte eine Erdbeere obenauf.
Ihr Bruder versuchte gute Laune zu verbreiten, doch sie sah die dunklen Ränder unter seinen Augen. Er wirkte mitgenommen. Ausgelaugt. Nadjas Entführung und seine Hilflosigkeit in dieser ganzen Angelegenheit setzten ihm sichtlich zu.
Aber es war, wie die Blaue Dame und auch Fabio es gesagt hatten. Sie mussten zusammenbleiben, sich gegenseitig unterstützen. Wenn die Herrin vom See nach einem verlangte, dann hatte man sich einzufinden. Und zwar auf schnellstem Wege. Oder, zumindest ohne größere Zwischenstopps. So lauteten die elfischen Regeln. Egal, ob sie in der Anderswelt bei den Sidhe Crain waren oder hier in der Menschenwelt.
Rian war versucht, David gut zuzureden. Aber sie wusste, es würde alles nur noch schlimmer machen. Schließlich hatte er jetzt ein Stück Seele und damit auch ein ganz neues Repertoire an Gefühlen, die sich wie Wildpferde gebärdeten, wenn man die falsche Bewegung machte.
Stattdessen genoss Rian ihr Mahl, holte sich ein weiteres Glas Orangensaft und blickte durch die Fensterfront hinaus auf die noch vom Morgentau feuchte Terrasse. Durch den gestrigen Regen war es vergleichsweise kühl für die Jahreszeit. Der Himmel spannte sich in einem klaren Blau über den Ort. Es würde ein schöner Tag werden. Viel zu schön, um ihn damit zu verbringen, in ein mystisches Schloss unter Wasser zu hinabzusteigen. Aber genau das war ihr Ziel.
»Wie wäre es, wenn wir uns auf Fahrrädern auf den Weg zum See machen?«, schlug Rian erneut vor. Pierre hatte schließlich erwähnt, dass es einen Verleih gleich um die Ecke gab.
David verzog das Gesicht, trank von seinem Kaffee und bequemte sich erst nach einer Weile zu einer Antwort. »Willst du nassgeschwitzt vor Nimue treten?«
»Ach was. Wir nehmen einfach diese elektronischen Dinger. Die, mit denen das Fahren nicht so anstrengend ist. Das wird wie Rollerfahren in Italien. Wind im Haar, Sonne im Gesicht und die Welt lächelt einem zu.«
Ihr Bruder verdrehte die Augen. »Wenn es sein muss. Aber du organisiert die Dinger.«
»Abgemacht!« Rian sprang auf, griff sich am Büfett noch einen Apfel für zwischendurch und winkte ihrem Bruder. »Komm endlich, dir wird schon kein Zacken aus dem Krönchen fallen, wenn du mal in die Pedale trittst. Wir haben einen Ausflug vor uns.«
Brocéliande Bike Tour war kaum zweihundert Schritte entfernt. Eher eine Lagerhalle als ein Laden. Dafür aber mit genug Rädern, um auch ohne Reservierung zwei passende für unwegsames Gelände herauszusuchen.
»Mit den dicken Profilen ist es zwar anstrengender zu fahren, aber dafür halten sie die vielen kleinen Kanten aus, die sich in die Reifen drücken, wenn ihr über die Schiefersteinwege fahrt«, erklärte Serge.
Ein junger, dunkelhäutiger Kerl mit wundervoll schwarzer Wuschelmähne. Seine Augen funkelten wie zwei geschliffene Tigeraugen-Gemmen. Die Blicke, die er Rian zuwarf und die Stimmlage machten deutlich, dass er durch und durch Franzose war.
Rian nutzte die Gelegenheit und ließ sich von ihm auf der kleinen Faltkarte aus dem Hotel die beste Strecke beschreiben, die sie zum See führen würde. Es gäbe natürlich auch die Möglichkeit einer App auf dem Smartphone, aber die Elfenprinzessin winkte ab.
»Wenn es schnell gehen soll, dann könnt ihr an der D773 entlang nach Norden fahren. Immer geradeaus, bis kurz vor La Loriette. Nach der kleinen Siedlung rechts ab zwischen den Feldern entlang. Der See de Comper und das Chateau mit dem Artus-Zentrum sind ausgeschildert.« Serge malte die Strecke mit seinem Finger nach und tippte dann ans obere Ende des Sees. »Da gibt es auch Souvenirs oder Führungen durch das Schloss. Ich würde euch ja selbst rumführen, wenn ich Zeit hätte. Gesehen und gehört hab ich das alles schon tausend mal.«
»Das wird nicht nötig sein«, unterbrach David ihn sichtlich ungeduldig. »Komm, Rian. Der Tag wartet nicht.«
Der Tag vielleicht nicht, aber Nimue, dachte Rian und setzte ein bedauerndes Gesicht auf. »Danke dir. Au revoir.« Dann warf sie ihm eine Kusshand zu und schwang sich in den Sattel.
Ein bisschen in die Pedale treten, um in Schwung zu kommen, dann schaltete sie den Motor dazu und es ging rasant raus aus dem Lagerhaus und rein ins nächste Abenteuer.
Sie brauchten kaum zwanzig Minuten, bis sie von der Hauptstraße abbiegen mussten. Wenige Augenblicke später tauchte der See zu ihrer Rechten auf. Selbst durch die zahlreichen Bäume ringsum konnte Rian die eigenwillig schimmernde Oberfläche erkennen.
Dem Rat folgend, fuhren sie bis ganz hoch zur Nordspitze. Dort war zwar mit den meisten Touristen zu rechnen, aber der Beschreibung nach würden sie von dort am besten Zugang zum See erhalten. Außerdem würde es weniger auffallen, wenn sie die Fahrräder am Schloss abstellten, statt mitten im Gestrüpp oder gar zwischen den Bäumen im Wäldchen.
Überraschenderweise glich das Chateau auf den ersten Blick eher einer wehrhaften Feste. Von weiteren Besuchern war noch keine Spur zu sehen. Auch sonst lief ihnen niemand entgegen, um etwas zu verkaufen oder sie zu einer Führung hinein zu lotsen.
»Ganz schön ruhig hier. Bist du sicher, dass wir richtig sind?«, fragte David, während er mit elegantem Beinschwung von seinem Fahrrad stieg.
Rian zuckte mit den Schultern, ließ das Rad ausrollen, bis sie in einem kleinen Hof ankam. Dort lehnte sie ihr Rad an die verwitterte Steinmauer und kramte die Karte aus der engen Hosentasche. »Das ist die Stelle, die der Verleiher uns markiert hat.«
Im Grunde war es völlig egal, ob das hier ein Publikumsmagnet war oder nicht. Sie brauchten keine Führung. Zumindest keine, die sich so einfach buchen ließ. Vielleicht war David das kleine Problem noch nicht aufgefallen, ihr aber schon. Die Blaue Dame hatte ihnen gesagt, wohin sie kommen sollten, aber nicht, wie sie das tun konnten. Denn natürlich gab es keinen offensichtlichen Pfad zu Nimues Palast. Und auch kein sichtbares Gebäude. Das alles lag unter Wasser. Magisch geschützt und seit Jahrhunderten im See verborgen.
»Lass uns am Ufer entlanggehen und die ungestörte Zeit ausnutzen«, schlug Rian vor.
Ihr Bruder gab einen leidlich begeisterten Laut von sich, stellte sein Fahrrad ebenfalls ab und marschierte ohne weitere Worte voraus, einen schmalen Trampelpfad entlang. Die Bäume standen auf der westlichen Seite in einer losen Doppelreihe, während es am östlichen Ufer weite Freiflächen und eine kleine Einmündung gab. Genau darauf steuerte ihr Bruder instinktsicher zu.
Der Nachteil des Geländes war, dass sie keinerlei Deckung hatten. Was auch immer sie versuchen würden, um den Durchgang in Nimues Welt zu öffnen, jeder ankommende Tourist würde sie dabei beobachten können.
Doch Rian hatte sich zu früh Sorgen gemacht, denn ihr Bruder lief an der Stelle vorbei, weiter über das teils sandige, teils grasbewachsene Ufer, bis sie eine spitz zulaufende Bucht fanden, die tief genug in den angrenzenden Wald reichte, dass sie vor den Blicken anreisender Gäste des Chateaus geschützt waren.
Soweit, so gut, dachte Rian.
David blieb weiterhin wortkarg. Statt mit ihr zu reden, suchte er das Wasser ab. Aber da war nichts. Kein Schloss. Kein Weg. Nicht einmal Enten oder auch nur eine einzige Wellenbewegung.
Je länger Rian auf den See blickte, umso mehr bekam sie Zweifel, ob er wirklich aus Wasser bestand. Die Oberfläche wirkte zu glatt. Zu homogen. Sie glänzte beinahe metallisch und doch gab es kaum Reflexionen der Umgebung darin. Als würde das Licht und alles, was es mit sich trug, darin absorbiert und in flüssiges Quecksilber umgewandelt.
An diesem Ort lag unverkennbar Magie in der Luft. Alte Magie. Elementarkräfte. Archaische Zaubernetze, die alles überlagerten. Im See. In der Erde. In den Bäumen. Selbst die Insekten und Vögel hatten an diesem Ort den Hauch der Anderswelt an sich.
Nur mit Mühe konnte sie den Blick losreißen. Ihr Bruder hingegen wirkte weitgehend unbeeindruckt. Statt zu glotzen, bewegte er seine Hände und versuchte es mit dem klassischen elfischen Öffnungszauber. Einfach so, aufs Geratewohl auf den See gesendet. Doch die Welt blieb, wie sie war. Verschlossen.
Nachdem David erfolglos einige weitere Zauber gewirkt hatte, versuchte Rian ihr Glück. Sie sammelte Energie, bis violetter Nebel um ihre Hände waberte. Dann rief sie nach den Geistern des Wassers, der Erde und der Luft. Doch nichts davon brachte sie ans Ziel.
»O Herrin, Ihr habt nach uns verlangt! Dann lasst uns auch ein!«, rief David und warf eine Handvoll Uferkiesel auf die makellose Wasseroberfläche.
Ein mehrstimmiges Blubb ertönte, als die Steine eintauchten. Doch etwas fehlte. Die Ringe!, erkannte Rian. Die Kiesel verursachten keinerlei Wellen, die sich ansonsten üblicherweise in größer werdenden Kreisen vom Zentrum des Eintauchens ausbreiteten.
Vielleicht stimmte ihr erster Eindruck. Vielleicht war der See gar keiner, sondern ein einziges großes Trugbild. So wie es in manchen Legenden über das Heim der Herrin vom See gesagt wurde. Angeblich hatte Merlin selbst diesen Ort erschaffen. Eine perfekte Illusion, so hieß es, mit allerlei magischen Barrieren versehen, um allein den Bewohnern den Zutritt oder das Verlassen zu ermöglichen.
Doch bereits seit Jahrhunderten hatte niemand Nimue mehr gesehen. Niemand hatte Einlass erhalten und die Herrin vom See tatsächlich gesprochen. Sie war eine Fee von unerforschlicher Macht, und wie Morgana den Elementargeistern zugehörig.
»Du solltest vielleicht höflich darum bitten!«, ermahnte Rian ihren Bruder.
Doch sie fühlte, dass die Ermahnung zu spät gekommen war. Ihre Gedanken verlangsamten sich, wie von Watte gebremst. Über dem Wasserspiegel zog Nebel auf. Wie weiße Flammen, die in den sonst klaren Himmel emporstiegen. Flackernd und züngelnd, sich gegenseitig verschlingend.
»Ich werde so müde, David«, murmelte Rian. Ihre Lider wollten sich schließen. Waren so unglaublich schwer.
»Bleib wach! Das ist der Ort!«, hörte sie ihren Bruder rufen. Doch der Sinn seiner Worte wollte sich ihr nicht mehr erschließen. Ein wohlig warmes Dunkel breitete sich um sie aus, umfing sie, hob sie auf und bettete sie in einen wunderbaren Schlaf.
Jemand schüttelte sie. Sie fühlte Kiesel gegen ihr Gesicht drücken. »Es ist ein Abwehrzauber. Hörst du, Rian?« Davids Stimme klang wie ein fernes Echo. Etwas zog an ihr. Schlang sich um sie und holte sie langsam ein, wie einen Fisch an der Angel. »Weil ich Magie gegen den See gewirkt habe.«
Abwehrzauber. Wie ein Verteidigungsreflex. Langsam begannen sich Rians Gedanken wieder zu sortieren. Aber warum war David verschont geblieben?
Weil er mittlerweile eine Seele in sich hat, blitzte die Erkenntnis in ihr auf. Die Magie schien nur gegen Elfen gerichtet zu sein.
David kniete neben ihr. Vorsichtig schob er eine Hand unter ihren Kopf und legte die andere über ihren Arm. Rian lag auf der Seite, so als hätte sie sich zum Schlafen direkt an Ort und Stelle zusammengerollt.
Mühsam versuchte Rian sich mit der Hilfe ihres Bruders aufzurichten. »Bist du in Ordnung?«, fragte sie, während sie sein Gesicht gegen den strahlend blauen Himmel zu fokussieren versuchte.
Sein blondes Haar umrahmte Augen, Nase und Mund wie ein seidiger Vorhang und tauchte seine Züge in Dunkelheit. Doch in seiner Brust strahle sein Seelenherz so hellviolett, wie sie es noch nie gesehen hatte. Wie hypnotisiert starrte Rian auf das Licht und streckte eine Hand danach aus.
»Träumst du von einem zweiten Frühstück?«, sagte David und hob schelmisch grinsend eine Augenbraue.
»Ich bin nur ausgerutscht. Also hilf mir auf«, gab sie trotzig zurück, packte seine Schulter und zog sich an ihm hoch. »Bestimmt sollte der Zauber eigentlich dich treffen. Als Strafe für dein ungehobeltes Verhalten.«
»Dann ist Nimue entgegen der Legenden offenbar doch alt und blind geworden«, entgegnete ihr Bruder und grinste noch ein bisschen breiter.
»David! Das ist kein Spaß!« Rian wollte ihn umstoßen, doch ihr Bruder war schneller, machte in der Hocke einen Satz zurück und erhob sich dann lässig.
Als sie nachsetzen wollte, hob er beschwichtigend die Hände. »Immerhin wissen wir jetzt, dass wir richtig sind.«
»Eine Frage, die wir nicht gestellt hatten. Natürlich sind wir hier richtig. Es gibt nur diesen einen See, in dem Lancelot der Legende nach aufgezogen wurde. Das Gewässer, aus dem Artus sein Schwert erhielt.« Rian klang schon fast so wie Nadja, wenn sie wieder einmal etwas von ihrem gesammelten Wissen über die Mythen und Mysterien der Menschheit preisgab.
Auch David schien diese Assoziation zu haben, denn sein Lächeln wurde mit einem Mal sanfter, fast wehmütig, bevor er die Brauen zusammenzog. »Nimue treibt ihre Spielchen mit uns, während Nadja irgendwo eingesperrt auf ihre Rettung hofft. Es ist so typisch für unser Volk. Typisch für all die Wesen, die in den Tag hineinleben, als gäbe es kein Morgen. Immer noch! Obwohl auch uns die Zeit in einen Wettlauf mit dem Tod eingereiht hat.«
Jetzt war es an Rian, ihn sacht am Arm zu berühren. »Ich weiß, dass sie dir fehlt. Dass du nach Nadja suchen willst, mehr als alles andere. Und das werden wir. Sobald wir Nimue aufgesucht und ihr mit meinen Heilkräften geholfen haben.«
David kniff die Augen zusammen. Erneut wurde das violette Leuchten heller, brannte sich förmlich in Davids Brust und wurde größer. Rian ahnte, was das bedeutete. Ihr Bruder hatte seine Seele ein weiteres Stück wachsen lassen. Damit kam er Nadja und dem Menschsein einen Schritt näher und entfernte sich gleichzeitig von Rian und seiner elfischen Familie.
Für einen Moment sah es so aus, als würden Wut und Verzweiflung in ihm siegen. Doch dann entspannte sich sein Gesicht, er ließ die Schultern sinken und das Glimmen erlosch. »Wie also können wir höflich bei der Dame vom See anklopfen?«, fragte er mit einem müde wirkenden Lächeln.
»Vielleicht funktioniert es zur Abwechslung mit Nachdenken«, entgegnete Rian, stupste ihn an und drehte sich schließlich wieder dem See zu.
Was genau wussten sie über das Gewässer, über Nimue und das Schloss? Merlin hatte es angeblich in der Mitte des Sees erbaut. Einen prunkvollen magischen Bau. Aber er war nicht einfach nur unsichtbar für die Menschen. Er war nicht da für sie. Man konnte nicht gegen die Mauern des Schlosses prallen, und die Türme und Gebäude verdrängten kein Wasser. Vielleicht war es wie das Areal rund um das Zeitgrab, in der Dimension verschoben. Oder sogar in der Zeit?
Rian bedauerte, dass sie Pirx und Grog beauftragt hatten, die Dunkle Königin zu verfolgen. Sie hätten ihr Koboldgespür gerade gut gebrauchen können.
Hoffentlich geht es ihnen gut, dachte sie. Vor zwei Tagen hatten sie sich getrennt und nichts mehr voneinander gehört. Jeder hatte seine Aufgabe. Und ihre war es, in dieses Schloss zu kommen!
Rian seufzte und wuschelte sich mit der Hand durch ihr kurzes blondes Haar. »Wie, verdammt noch mal, kommen wir da rein? Sie muss uns doch wenigstens einen Hinweis geben!«
»Rian?«, sagte David mit seltsam belegter Stimme. »Es gibt da etwas, das ich dir nicht erzählt habe. Weil ich dachte, es wäre nicht wichtig. Oder vielleicht auch, weil ich mir nicht sicher war, ob ich zu halluzinieren anfange. Aber wenn das so ist, dann passiert es gerade wieder.«
Rian drehte sich zu ihm um und folgte mit fragendem Blick seinem ausgestreckten Arm und dem Finger, der das Ufer entlang nach Süden deutete. Sie musste gegen die Sonne anblinzeln, die mittlerweile hoch am Himmel stand. Dem ersten Anschein nach war da nichts Besonderes. Doch ein leichtes Kribbeln in der Magengrube ließ sie genauer hinsehen.
Mit zusammengekniffenen Augen, beugte sie sich vor, fixierte den Uferbereich auf der anderen Seite des Sees, dort, wo sich Strand und Wald in einer Reihe von Sträuchern trafen.
Etwas Weißes schien dort zu kauern. Nicht viel größer als eine Ratte. Aber länglicher. Es bewegte sich einem Wiesel gleich durch das Dickicht, blieb immer wieder stehen und sah sie an. Es wirkte tatsächlich so, als würde das Tier zu ihnen herüberschauen.
»Das weiße Hermelin im Sommer«, flüsterte Rian.
»Die weißen Tiere«, fuhr David fort. »Der Hirsch, die Schlange, das Kaninchen und so weiter.«
Sie kamen in vielen Geschichten rund um Merlin vor. Allerdings konnte er in diesem Fall nicht der Herr über diese magischen Gestalten sein. Denn der größte aller menschlichen Zauberer war schon seit Jahrhunderten gebannt und in der Zeit verloren gegangen. Was genau geschehen war, wusste niemand, es gab nur Vermutungen. Hier irgendwo im Wald von Brocéliande sollte Merlin gefangen sein, wenn man den Mythen glauben wollte. Soweit sich Rian erinnerte, gab es sogar einen Sightseeing-Punkt dazu.
»Also gut, das Hermelin da drüben ist ein Bote. Was will es uns sagen?«, rätselte Rian.
»Ich nehme an, es will, dass wir ihm folgen«, sagte David.
Sie schnaufte. »Aber es hockt auf der anderen Seite des Sees.«
»Das sehe ich«, gab David knapp zurück. Ein Mundwinkel hob sich, als sie ihn anfunkelte.
Das Hermelin saß immer noch da, blickte sie an und schien tatsächlich zu warten. »Okay«, sagte Rian schließlich. »Dann wandern wir eben um den See herum.«
Nach gut zwanzig Minuten war es soweit. Noch ein paar Schritte, dann hatten sie die Stelle erreicht und es würde sich zeigen, ob sie sich etwas eingebildet hatten oder ob dort wirklich ein magischer Bote hockte, um sie in ein Schloss im See zu geleiten.
Als sie am Waldrand entlanggingen und die Büsche nach dem Hermelin absuchten, fühlte Rian erneut einen Hauch, der nicht von dieser Welt war. Abrupt blieb sie stehen und drehte sich um.
»Willkommen«, drang eine tiefe Bassstimme durch das Dickicht. Es raschelte und zu Rians und Davids großer Überraschung trat ein Hirsch zwischen den Bäumen hervor. So überaus strahlend weiß und majestätisch schön, dass Rian ein Laut der Entzückung über die Lippen kam.
»Ich bin der Wächter. Ihr seid die Suchenden«, ließ das Tier erneut seine voluminöse Stimme erklingen.
Die Zwillinge verbeugten sich und der Hirsch erwiderte ihre Geste. Er senkte sein Haupt mit dem gewaltigen Geweih, während er leise schnaubte.
»Heiliger Wächter, wir wurden von der Blauen Dame gesandt, weil Nimue, die Herrin vom See, nach uns rufen ließ. Kannst du uns in ihr Schloss geleiten?«, fragte Rian so sanft, als würde sie mit einem Kind sprechen, und so ehrfürchtig, als stünde sie einem leibhaftigen Gott gegenüber.
»Ich bin hier, um euch den Weg zu weisen. Doch gehen müsst ihr den Pfad des Erkennens selbst. So wollen es die Regeln, die dem Heim unserer Herrin Schutz gewähren«, kam die vage Antwort.
»Aber die Herrin erwartet uns«, wandte Rian ein.
»Der Weg ist schon seit Jahrhunderten verschlossen«, antwortete der Hirsch prompt.
Endlich dämmerte es ihr. Es war kein Rätsel, keine Aufgabe. »Nimue ist gefangen in ihrem eigenen Zuhause!«, rief sie.
Der weiße Hirsch schwieg. Seine Augen waren schwarz. Auf den Pupillen spiegelte sich der Wald, als würden sie die Natur in sich tragen. Nachdem Rian und David nichts weiter sagten oder taten, stampfte er mit den Vorderhufen ungeduldig auf und schnaubte erneut.
Seine Nase wirkte wie blank polierter Onyx, so schwarz und glänzend war sie. Bei jedem Ausatmen strömte ein Nebelhauch aus den Nüstern. Hatte er den Dunst über dem See erzeugt? Oder war er einfach nur Teil dieses Verwirrspiels?
Rian sah Hilfe suchend zu ihrem Bruder. »Wenn Nimues Schutzzauber sich gegen sie selbst gerichtet hat, dann haben wir ein ziemlich großes Problem. Wir sind nicht so mächtig, gegen Elementarmagie antreten zu können.«
»Einerseits, ja. Andererseits gehört zu jedem Schloss ein Schlüssel. Wenn der Weg also verschlossen ist, dann benötigen wir im Prinzip nur den Schlüssel?«, fragte David.
»So ist es«, bestätigte das majestätische Tier, offenbar erleichtert, und beruhigte sich etwas.
Rian blinzelte, als ihr klar wurde, dass ihr Bruder den Lösungsweg gefunden hatte. »Und der Schlüssel ist hier, weil ihr hier seid – du und das Hermelin. Wir müssen ihn also finden! Oder … erkennen?«
Der Hirsch senkte sein gewaltiges Geweih zu einem angedeuteten Nicken.
Sie und David blickten in das Dickicht, drehten sich um die eigene Achse. Einen Schlüssel für ein Schloss. Ein Schlüssel, den man in das passende Loch steckt und dreht. Ein Schlüssel, um eine Botschaft zu decodieren. Ein Schlüssel als Dechiffrierschablone, um im Gewöhnlichen das Ungewöhnliche zu entdecken, ging Rian die Möglichkeiten im Geiste durch, die ihr dazu einfielen. Es fühlte sich an, als wäre sie der Lösung bereits nahegekommen, ohne sie noch zu sehen.
Sie ließ den Blick abermals über den See schweifen. Der Dampf hing weiterhin wie züngelndes Schattenfeuer über der Wasseroberfläche. Die Nebelflammen stiegen unablässig empor, wiegten sich im Wind, tanzten und vergingen wieder. Ein Reigen aus Werden und Vergehen, gespeist aus dem immer selben Becken.
Je länger sie hineinblickte, desto öfter meinte Rian, Figuren darin zu erkennen. Unförmige Gestalten, Pflanzen, Tiere. Und plötzlich verstand sie es, wusste, was die Worte des Boten zu bedeuten hatten. »Sie zeigen uns den Weg«, sagte Rian und machte einige Schritte auf den See zu, ohne den Blick von den Formen abzuwenden.
»Wer?«, fragte David irritiert. Sie spürte, dass er ihr folgte, als sie sich auf den See zu bewegte.
»Du musst nur richtig hinsehen. Hineinsehen, ohne etwas Bestimmtes erkennen zu wollen«, sagte Rian, gebannt von dem Schauspiel, das sich ihr bot. »Als wären wir in unserer Welt. Wir haben zu sehr auf die Menschenwelt geachtet. Der See ist hier aber nur verankert, wie ein Tor, und wir müssen die Grenze überschreiten. Die Boten weisen uns den Weg.«
Der Hirsch blieb hinter ihnen zurück, während das Hermelin über den See lief, sich zwischen den Nebelsäulen hindurch schlängelte, hinein tauchte, nur um eine Körperlänge weiter vorn wieder aufzutauchen. Ein Umriss nur, aber auf magische Weise so real wie alles andere, das Rian wahrnahm.
»Komm«, sagte sie und hielt ihrem Bruder hinter ihr die Hand entgegen.
Diesmal blieb David stumm, als er seine Hand voller Vertrauen in ihre legte und sie sanft umschlang. Ihr Zwillingsblut ließ ihre elfische Seite im Gleichklang schlagen, so wie einst.
Gemeinsam folgten sie dem kleinen Boten. Und als Rian den ersten Schritt in den See hinein unternahm, da teilten sich der Nebel und das Wasser und gaben einen schmalen Pfad zwischen den Elementen frei.
8.
Bandorchus Ausflug
Hügel von Tara
Bandorchu saß auf ihrem Bett im frisch errichteten Schlafgemach und spießte mit einem Zahnstocher die Augen einer unartigen Dryade auf, die man ihr auf einem Teller serviert hatte.
Ohne ihre Besitzerin waren es nur mehr tote hölzerne Klötze, in deren Mitte eine bleiche, eichelförmige Pupille saß. Das Leben eines Menschen war genauso leicht zu beenden wie das eines Baumgeistes. Es war der Widerstand, den Bandorchu so sehr an den Nicht-Elfischen genoss. Dieser kindliche Trotz, gepaart mit einem starken Willen, der im Kontrast zu ihren verletzlichen Leibern stand. Doch gegen Magie waren sie machtlos. Selbst ein einfacher Kobold wie der Springgans konnte sie dazu bringen, willenlos Befehlen zu folgen. Und genau das würde sie sich zunutze machen. Das hatte er mit dieser albernen Zahnstocherlieferung eindrucksvoll bewiesen.
Die Dunkle Königin konzentrierte sich und sog die Energien, die über die Ley-Linien zu ihr strömten, in sich auf. Ihr treuer, schattenloser Diener hatte gut daran getan, die Stäbe an den nördlichen fünf Hauptknoten zu setzen, um ihr die Quelle der Macht zugänglich zu machen.
Auf diese Weise konnte sie ihr Reservoir zur Gänze auffüllen, zu hundert Prozent auftanken, statt sich weiter mit den Häppchen zufrieden geben zu müssen, die die Menschen ihr geboten hatten. Wirre, beschädigte Seelen, die Bandorchus Diener nach dem Übertritt in diese Welt aus den abgelegenen Gassen der Städte herangeschafft hatten. Doch damit war vorerst Schluss. Jetzt, da sie auf die geballte Energie aus der Erde zugreifen konnte.
Alle würden ihr zu Willen sein, wenn sie sich erst diese Welt und die der Sidhe Crain Untertan gemacht hatte. Der nötige Grundstein war gelegt, das Basislager im Aufbau. Nun galt es, den Schlachtplan genauer auszuarbeiten. Sie brauchte noch mehr Macht, mehr Energie! Sie würde ihre Heerschar zu einem einzigen vernichtenden Schlag in den Krieg führen. Also musste jedes noch so winzige Rädchen im Getriebe einwandfrei funktionieren.
Und ausgerechnet in dieser vielleicht alles entscheidenden Stunde war ihr wertvollster Diener nicht hier! »Wo bist du?«, rief die Dunkle Königin in den leeren Raum hinein. »Komm zu mir, damit ich dich für deinen Verrat büßen lassen kann!«
Doch der Getreue tauchte nicht auf. Trotzte ihr schon wieder! Einmal mehr wünschte Bandorchu sich ihr Hündchen herbei, um es zu treten, zu würgen und sich an seinem Leid sattzusehen. Kein anderer hatte es je so lange an ihrer Seite ausgehalten, in Knechtschaft und Pein. Hin und her gerissen zwischen Verzückung und Qual.
Mit einem Wutschrei sprang die Königin auf und befahl dem Mann ohne Schatten, zurückzukehren und sich ihr auszuliefern. Das Band zwischen ihnen war eng geknüpft. Sie und ihn verband so viel mehr als nur das Streben nach Macht. Sie waren voneinander abhängig. Er brauchte sie. Er zehrte von ihr. Und er würde kommen! Kommen müssen!
Mit einem giftig-süßen Lächeln auf den Lippen straffte sie sich, rückte ihre Robe zurecht, fuhr sich durch ihr langes, seidig schimmerndes Haar und war wieder die Dunkle Königin, Herrscherin über die Verbannten, Gebieterin ihrer Gefühle. Nichts konnte sie aufhalten. Gefasst und siegessicher trat sie aus der Kammer in den steinernen Palisadengang hinaus.
Die Wände waren aus massivem Granit gebaut. Wie ein Fort, eine Trutzburg, die dereinst jedem Ansturm standhalten würde. Aber noch war es nicht soweit. Noch brauchte es Vorbereitung und weitere Planung. Und es brauchte die Menschen. Diese unerschöpfliche Welt.
Sie brauchten Nahrung und Waffen, Handwerker, Schmiede, Bauleute. Und es brauchte Informationen. Ein Netzwerk, das sich über die Welt spannte, um über jedwede Entwicklung, die ihr Vorhaben betraf, auf dem Laufenden zu sein.
Menschenseelen waren so schwach und anfällig. Ein Fingerschnipsen reichte, um sie sich dienstbar zu machen, ihren Willen zu brechen, sie als brave Marionetten auf dem Schachbrett zu positionieren und nach ihren Wünschen zu verschieben. Es wurde Zeit, die Figuren zu wählen.
Die Schritte der Dunklen Königin hallten durch die Gänge und fingen sich im Turm der Wendeltreppe, als sie im Stechschritt hinabstieg. Das erste Mal, seit sie in Tara angekommen war und den Bau ihrer Trutzburg begonnen hatte, verließ Bandorchu ihre neue Heimstatt, trat aus dem schützenden Wall heraus, um sich unter die Menschen zu mischen. Gänzlich allein. Durch ihre eigene Macht geschützt.
Der Weg ins Dorf war nicht weit. Nach ein paar hügeligen Wiesen und Feldern tauchten die kleinen Hütten und Höfe vor ihr auf. Ein typisch irisches Idyll. Durchdrungen von Schafdung und schalem Ale. Die Menschen hier liebten es einfach, herzlich und streitlustig, so viel wusste Bandorchu über das Volk der Koboldfreunde und Freiheitskämpfer.
Mit erhabenem Gang stieg sie sicheren Schrittes über die Moosfelder der Weide, öffnete das Gatter und trat wie selbstverständlich hinaus auf die Dorfstraße.
Die Sonne neigte sich dem westlichen Horizont zu, um sich niederzulegen. Die Bauern waren dabei, ihr Tagwerk zu beenden, die Tiere zurück in ihre Ställe zu bringen, sie zu füttern und schließlich an das eigene Wohl zu denken. Wer nicht daheim bei seiner Familie hocken musste, ging unter Leute. Mit dem schwächer werdenden Licht wurden die Menschen redselig und gesellig.
Doch als die Dunkle Königin in ihrer weißen, beinahe durchsichtigen Robe, ihrem glatten, strahlendblonden Haar und ihrem zartelfischen Antlitz die erste Häuserzeile erreichte, kam die dörfische Welt zum Stillstand.
»Oh, wie wunderschön«, hauchte eine Bäuerin, die gerade dabei gewesen war, ihre Wäsche abzuhängen.
»Ist das ein Engel, Mama?«, fragte das Kleinkind an ihrem Rockzipfel.
Die Männer hingegen plusterten ihr imaginäres Gefieder, reckten die Köpfe, streckten die Brust heraus und strichen sich das Hemd über ihrer Bierwampe zurecht. Ein besonders eifriger Kerl eilte herbei, zog seine Kappe vom Kopf und verbeugte sich, als wäre Bandorchu eine Balldame und er ihr ergebener Tanzpartner.
»Was fürne Ehr’, so ne hübsche Dame hier zu ham«, sagte er und lächelte sein schönstes Zahnlückenlächeln.
Doch die Dunkle Königin war nicht unterwegs, um sich Schmeicheleien abzuholen. Es gab viel zu organisieren. »Wer ist der Krämer an diesem Ort? Wer der Fleischer? Und wer hat einen ordentlichen Karren mit kräftigen Pferden, um mir die gewünschten Güter zu transportieren?«, fragte sie mit klarer, lauter Stimme.
Die Männer sahen sich an und wirkten unschlüssig. Bis auf den buckelnden Speichellecker wollte sich keiner näher wagen. Also schob sich Bandorchu die Ärmel links und rechts bis zu den Ellenbogen hinauf, ließ die Finger einmal knacken, bevor sie erst nach der Magie in der Erde und dann nach den Seelen dieser Dummköpfe griff.
Einen nach dem anderen band sie an sich, machte sie alle zu ihren hörigen Opfern, raubte ihnen die Sinne und stahl ihnen ihren Willen. Genau wie es der Springgans zuvor bei dem Schäferjungen getan hatte, um ihr Zahnstocher zu besorgen.
Ihre Magie floss in schwarzvioletten Strängen zu jedem einzelnen, der sich im Umkreis von fünfzehn Metern auf der Straße befand. Ganz egal, wie sehr die Frauen und Kinder aus der Ferne protestierten oder schrien, die Männer ließen alles stehen und liegen, wandten sich ihrem neuen Mittelpunkt zu und folgten ihrem Ruf.
»Irwin! Wo willst du denn hin, Irwin?«, rief eine Alte ihrem Mann nach.
Der Greis kam in schleppendem Gang auf Bandorchu zu, ohne zu antworten oder sich auch nur nach seiner Frau umzudrehen. Sein Gesicht zeugte von jahrzehntelanger harter Arbeit bei Sonne, Regen und Sturm. Fasziniert betrachtete die Dunkle Königin die tiefen Furchen in seiner Haut. Ledrig und spröde, fast wie Baumrinde wirkte sie. Doch Bandorchu konnte spüren, dass in seinen Knochen noch reichlich Leben steckte.
Seine großen klobigen Hände baumelten seitlich aus abgetragenen Ärmelenden. Zwei gut geschulte Werkzeuge, die blind ihre Arbeit verrichten konnten.
»Was ist dein Talent?«, fragte die Dunkle Königin, als er vor ihr stehenblieb.
»Ich bin Fuhrmann. Ich transportiere das Holz, ziehe mit meinen Gäulen die Baumstämme aus dem Wald, säubere sie von Ästen und bring sie rüber in die nächste Stadt ins Lager oder direkt zum Verladebahnhof, wenn’s Holz weiter weg reisen soll«, antwortete der Mann gehorsam.
»Sag mir deinen Namen, Fuhrmann«, befahl Bandorchu mit zuckersüßer Stimme, während die Alte immer noch keifte und zeterte.
»Liam«, kam die prompte Antwort.
»Dann hör mir gut zu, Liam«, sprach sie und fasste seinen Kopf mit beiden Händen. »Du gehörst jetzt mir. Du wirst tun, was immer ich wünsche, bis ich dir etwas anderes befehle.« Erneut ließ sie die Magie aus sich heraus strömen, ihn umschlingen und schließlich in ihn dringen. Zielsicher bahnte sich ihr Zauber den Weg zum Zentrum seines Denkens und Handelns und hinab in sein Herz und seine Eingeweide. All das würde von nun an danach schmachten, ihre Stimme zu hören und ihre Kommandos zu empfangen. In ihm gab es nur noch sie als Sonne, die er zu umkreisen hatte, und ein paar elementare Überlebensinstinkte, die ihn atmen und verdauen ließen.
»Du wirst meiner Spur folgen und uns all dein Holz bringen und was du sonst noch an Waren in deinem Lager hast. Aber vorher versorgst du uns mit so viel Essen und Wein, wie auf deinen Karren passt.« Mit einem bittersüßen Kuss auf seine Lippen besiegelte sie den Bannzauber. Er stöhnte auf. Von Grauen überwältigt und doch verzückt. Denn die Erkenntnis, gefangen zu sein, wich bereits bei seinem nächsten Atemzug aus dem Bewusstsein. Mit leergefegtem Verstand stand er da, während ihm eine letzte Träne über die Wange rann.
»Hexe! Seht, was sie gemacht hat! Sie ist eine verdammte Ausgeburt der Hölle!«, schrie die Alte und kam ihrem Mann mit hoch erhobenem Teppichklopfer nach.
Bandorchu hob belustigt die Brauen, verschränkte die Arme vor der Brust und wartete ab. Ein bisschen Drama war nie verkehrt, als unterhaltsames Intermezzo.
»Seht ihr das denn nicht? Dass sie euch alle bezirzt?«, keifte die Frau, als sie heran war. Den Klopfer immer noch drohend erhoben, drehte sie sich, um die Umstehenden aufzurütteln. Doch die Blicke der Männer galten nur ihr – der Dunklen Königin Bandorchu.
»Schweig jetzt«, sagte sie, als die Alte immer lauter und hysterischer wurde. Eine Handbewegung reichte, um ihr die Stimme zu nehmen. Um ihr die Kehle zuzuschnüren und dann zuzudrücken.
Die Augen weit aufgerissen, die Hände an den Hals gelegt, keuchte die Greisin, kratzte sich die Haut auf bei dem verzweifelten Versuch, sich von dem unsichtbaren Henkersseil zu befreien, das sich von Sekunde zu Sekunde fester zuzog.
Oh, wie Bandorchu es genoss. Wie sehr sie es liebte, Verzweiflung zu säen, Hoffnung zu rauben und Todesangst zu schüren. Die Energie in ihr brodelte so heiß und gierig, dass ihr Herz zu hämmern begann. Brunftige Leidenschaft wallte in ihr auf, wollte einen Körper nehmen, ihn niederzwingen, sich untertan machen und schließlich genommen werden. Haut an Haut. Ineinander verschlungen. In Schmerz und Lust vereint, bis die Anspannung in einem Feuerwerk der Ekstase endete, sich auflöste und – zumindest für einen kurzen Moment – an ihre Stelle Befriedigung setzte.
»Der nächste!«, rief sie voller Gier, formte die Hand zur Faust, presste das letzte bisschen Leben aus der Frau und wandte sich den wartenden Männern zu.
Die Frau brach leblos zusammen, den Kopf unnatürlich schräg zur Seite gekippt, das Gesicht zu einer Fratze des Schreckens verzerrt. Das würde anderen eine Lehre sein.
»Schaff sie weg von hier«, befahl sie Liam.
Seine Augen spiegelten für einen Bruchteil Erkennen und Schmerz wider. Tief in ihm drinnen wusste er, was passierte, spürte er sein eigenes Herz brechen. Dennoch beugte er sich ächzend vor, packte seine tote Frau an den Haaren, als wäre sie ein Stück Holz, und zog sie routiniert die Straße hinab zurück zum Hof.
Mehr Menschen strömten aus den Häusern, redeten aufgeregt durcheinander und deuteten auf Bandorchu. Vielleicht war diese Demonstration ihrer Macht doch keine so gute Idee gewesen. Eine Tote mochte noch keine Schlagzeilen wert sein, aber ein Dutzend würde am Ende noch die Gesetzeshüter von außerhalb auf den Plan rufen. Unnötiger Trubel, der lästig werden konnte.
Also entschied sich die Dunkle Königin dafür, es für heute gut sein zu lassen. Zwei der umstehenden Burschen zog sie magisch mit sich, während sie dem Rest befahl, sich wieder um ihre alltäglichen Dinge zu kümmern. Es würde an ihnen sein, die ganze Sache ihren Familien zu erklären. Unnötig, sie auch noch zu bannen. Vorerst zumindest.
Es war so einfach, den menschlichen Geist zu verdrehen, ihn zu wenden und zu töten, wie es ihr beliebte. Die Energie, die sie dafür benötigte, war verschwindend gering, im Vergleich zu so manchem elfischen Opfer.
Kaum einer, mit Ausnahme des Getreuen, hatte sich je gegen ihre Einflussnahme gewehrt, hatte sich ihr trotzig widersetzt und ihre Nerven strapaziert. Andererseits waren es die kämpferischen Gegner, die sie schätzte. Ihre Pein war die schönste, weil in ihnen immer noch der Hoffnungsfunke glomm, sie könnten ihr entkommen. Doch das musste sie bei ihrem getreuen Diener nicht befürchten. Auch wenn er ihr trotzte, er war ihr verfallen. Mit Haut und Haar. Und eine leise Stimme sagte ihr, dass das verlorene Schaf auf ihren Ruf hin heimgekehrt war und sehnsüchtig seine Strafe erwartete.
Bandorchu lächelte grimmig bei diesem Gedanken, drehte sich um, wischte mit der Hand einmal elegant durch die Luft und trat zufrieden den Heimweg an. Ein violetter Windhauch fegte durch die Straße, umspielte die Menschen und ließ Verwirrung und Wut verrauchen, ließ sie vergessen und weitermachen mit ihrem kleinen nichtigen Leben.
Sie würde wiederkommen und erneut mit ihnen spielen. Bis sich alle Steinchen am richtigen Fleck versammelt hatten. Bis ihr Netz gespannt war und ihre Diener und Verbündeten bereit für die letzte Schlacht waren.
9.
Der magische Wall
Hügel von Tara
»Ich habe sie gehabt! Die Spur! Eben war sie noch da. Ganz frisch! Und dann wieder nicht mehr«, sagte Pirx und sprang aufgeregt über die Straße und in Feld hinein. »Vielleicht war die Dunkle Königin gar nicht vor uns, sondern hinter uns.«
»Wohl kaum«, antwortete der Grogoch und schmatzte unwillig.
Der alte Kobold war für Pirx’ Geschmack viel zu ruhig und gelassen. Es kam einfach nicht in Frage, dass sie Bandorchu verloren hatten. Vielleicht mal kurz verlegt, aber nie gänzlich verloren! Sowas durfte es nicht geben!
»Jetzt ist auch noch der Kerl einfach verschwunden. Wusch und weg!«, zeterte der Pixie fassungslos und biss sich vor Aufregung und Wut in seine rote Kappe.
»Erinnert mich an das Zeitgrab«, sagte Grog und schmatzte erneut. »Es ist nicht nur die Spur, die einfach abbricht. Es liegt etwas Magisches in der Luft. Schon die ganze Zeit.«
Pirx hielt inne und schnüffelte. Da hing so einiges in der Luft. Bier, Schnaps, Schweiß und Schafkacke überall. Aber jetzt, da sein Freund ihn darauf hingewiesen hatte, roch er es auch. Diesen Andershauch.
»Du denkst, sie haben nen Wall errichtet? Mitten auf den Feldern?« Pirx kratzte sich die Stacheln und schob die Kappe wieder auf den Kopf.
»Es muss ein gewaltig großer sein, wenn sie alle darin untergekommen sind«, sagte Grog und rieb sich grüblerisch das haarige Kinn.
»Gigantisch groß sogar! Schließlich wird die Königin nicht in einem Campingzelt wohnen wollen«, setzte Pirx die Überlegungen fort. »Aber wie sollen wir die Grenze finden?«
»Wir werden abwarten, bis wieder jemand die Stadt in derselben Richtung verlässt.«
Die Worte des Grogoch klangen einleuchtend. Also legten sie sich am Straßenrand auf die Lauer. Es dauerte mehrere Stunden, doch kurz bevor Pirx soweit war, die Sache abzublasen und sich etwas Essbares zu besorgen, sah er einen alten Tattergreis auf einem Wagen den Weg in ihre Richtung einschlagen.
»Vielleicht will er ins nächste Dorf«, meckerte Pirx, als der Grogoch ihn anschob, um an dem Gefährt dran zu bleiben.
»Schau doch, was er geladen hat«, hielt Grog dagegen. »Sieht aus, als wäre es für ein Picknick bestimmt, nur eben ein wirklich großes.«
Tatsächlich hatte der Alte Essen, Bier und Decken womöglich für ein ganzes Heerlager dabei. Pirx nahm seine Beinchen in die Hand, um zusammen mit dem schwerfälligen, aber nicht minderschnellen Grogoch die Verfolgung aufzunehmen.
»Irgendwann wird er auf die Wiese abbiegen«, prophezeite Grog. Und genauso kam es.
Ungefähr auf der gleichen Höhe wie zuvor, als sie den Jungen in den Feldern verloren hatten, lenkte der Fuhrmann sein Pferd von der Straße und auf die Wiese.
Der bis zum Bersten beladene Karren schwankte gefährlich bei der Aktion und Pirx musste einem Fässchen ausweichen, das sich aus der Seilverankerung gelöst hatte, über ein paar Kisten abwärts rollte und dann – durch einen letzten Schlag – in hohem Bogen auf die unsichtbaren Verfolger zuflog.
Mit hörbarem Krachen kam das Fässchen auf dem Boden auf, polterte gegen einen der zahlreichen Findlinge zwischen den Grashalmen und zerbarst. Roter Wein spritzte in alle Richtungen und besudelte Pirx.
»Pass doch auf, du Holzkopf!«, schimpfte der Pixie und hielt sich sofort den Mund zu.
»Kssssssh«, machte der Grogoch. »Du verrätst uns ja!«
Zu spät, zu spät. Doch die Kobolde schienen unverschämtes Glück zu haben, denn der Alte auf dem Kutschbock rührte sich nicht, blickte nicht zurück und machte auch sonst nicht den Eindruck, als hätte er etwas gehört. Nicht einmal das berstende Fässchen.
Pirx war beinahe froh darüber, dass die Dunkle Königin so gut darin war, den Menschen die Köpfe zu verdrehen und die Sinne zu rauben. Aber nur beinahe, denn er wusste, dass so etwas bei Bandorchu selten ohne Qual vonstattenging. Alles, was sie anfasste, hatte früher oder später Schmerzen zu erleiden.
Bei dem Gedanken erschauderte Pirx und hätte um ein Haar erneut den Augenblick verpasst, als der Alte samt Karren mir nichts dir nichts direkt vor seiner Nase verschwand.
»Potztausend«, murmelte der Grogoch.
Zusammen liefen sie zu der Stelle, zogen sicherheitshalber mit den Füßen ein paar Markierungen in den Boden und begannen dann, das vermeintliche Nichts mit Händen und allen zur Verfügung stehenden Sinnen abzutasten.
»Ich glaub, ich spür da was«, sagte Grog und sah aus, als würde er ein riesiges unsichtbares Ei begrabschen. »Knifflige Sache. Ganz knifflige Sache.«
Pirx gesellte sich zu ihm. Doch er musste sich mächtig anstrengen, um endlich ebenfalls den Strom der Energie ertasten zu können, der hier wie eine Fontäne aus der Erde zu kommen schien, um sich dann über dem Land als gigantischer Fächer auszubreiten.
»Sie zapft die Ley-Linien an«, bestätigte er nach genauerer Untersuchung. »Direkt aus dem Boden. Das muss ein mächtiger Strang sein. Oder sogar mehrere, die an einem Ort zusammenfließen.«
Grog nickte andächtig. »Klug von ihr. Sie hat sich ein Energiezentrum als neue Heimat ausgesucht.«
»Bestimmt ne alte Kultstätte! Eine dieser Steinwälle oder Hügelgräber, die es hier überall gibt. Megalithenzeug und sowas«, mutmaßte Pirx.
»Die Frage ist, wie wir da jetzt reinkommen«, brachte Grog das Problem auf den Punkt.
Ein Thema, auf das Pirx keine Antwort hatte. Noch nicht. Aber jetzt, da sie Bandorchu erneut auf der Spur waren, würden sie einen Weg durch die magische Barriere finden. Kostete es, was es wollte!
10.
Die letzte Drohung
London – Samstag, 27. April 1715
Edmond Halley hastete, den Brief seiner Vermieterin in Händen haltend, nach Hause. Die Nachricht klang dringlich und Edmond schwante Übles.
Hatte man sie an seiner statt überfallen? War man in seine Wohnung eingebrochen und hatte sie verwüstet? Seine Unterlagen zerstört oder gestohlen? Hatten die Eindringlinge vielleicht sogar seinen Notgroschen entdeckt, den er unter einer lockeren Bodendiele versteckt hatte? Er musste sich beeilen und nachsehen.
Im Laufschritt schaffte Edmond es bis zur Abzweigung der Dartmouth Street. Von hier aus konnte er die eng aneinander geschmiegten Häuser bereits sehen.
Mistress Delainy legte keinerlei Wert auf Prunk. Nur auf Sauberkeit und Ruhe. Die Menschentraube, die sich am Eingang versammelt hatte, versprach daher zweierlei: Eine unschöne Geschichte und eine übellaunige Vermieterin noch dazu. Hauptsache, dass es ihr gut ging.
Edmond holte Atem, straffte sich und trabte das letzte Stück in möglichst angemessener Haltung. Im Grunde lief ein Gentleman nicht. Niemals. Nicht einmal, wenn es um seine Forschung ging. Aber Edmonds Sorge war zu groß. Die Regularien der Royal Society waren in vielerlei Hinsicht alt und verstaubt. Das hatte er bereits mehrfach aufgrund seines vergleichsweise modernen Forschungsfeldes zu spüren bekommen.
Als hätten die Alteingesessenen Honoratioren Angst, die Weltordnung könnte einstürzen, wenn man Anstandsregeln und wissenschaftliche Konzepte auch einmal in Frage stellte oder erweitern wollte. Dabei war dies doch der Kern allen Strebens und Lernens! Sich ewiglich neu zu entdecken, neu zu erfinden und Dinge in Zusammenhänge zu bringen, die vorher undenkbar erschienen waren.
»Da sind Sie ja!«, begrüßte Mistress Delainy ihn mit schreckensbleicher Miene und zum Himmel gereckten Armen. Sie war eindeutig am Leben.
»Ihr Bote hat mich gerade erst erreicht«, entschuldigte sich Edmond und hob, der Etikette folgend, den Hut zu einem knappen Gruß, bevor er sie nach dem Grund der Nachricht fragte.
»Sehen Sie selbst«, sagte Mistress Delainy und deutete in einer übertrieben theatralischen Geste zur Eingangstür, während sie die andere Hand mit einem ebenso meisterlich inszenierten Stöhnen an die Stirn legte.
Edmond kannte seine Vermieterin gut genug, um zu erkennen, dass sie durchaus echauffiert, aber gewiss nicht völlig außer sich war. Für gewöhnlich beschränkten sich ernsthaft schockierte Menschen darauf, nur noch zu schreien, statt einen Auftritt wie fürs Theater hinzulegen.
Ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen folgte Edmond dem Fingerzeig. Doch seine Miene gefror, als er erkannte, um was es ging.
Das, was alle anderen Schaulustigen mit vorgehaltener Hand anstarrten, und was der Parish Constable mit seinen Leuten akribisch untersuchte, war eine Katze. Eine tote, schwarze Katze, die jemand wie eine Trophäe an die Tür genagelt hatte.
Edmond musste nicht lange überlegen, wer so etwas Grauenvolles getan haben konnte. Oder warum. Erst der Drohbrief. Dann der Mann, der ihn verfolgt hatte. Und nun die Katze – schlechtes Omen, Teufelsbotin und Wiedergängerin zwischen den Welten des Diesseits und Jenseits. Die Anhänger von Blut und Wasser Christi wollten überdeutlich seinen Tod. Und bewiesen mit dieser Gräueltat, dass es auch für ihn nicht nur eine leere Drohung bleiben würde, wenn er weiter in London bleiben und die Sonnenfinsternis nicht widerrufen würde.
Glaube rührte in den Herzen der Menschen so viel mehr an als die Logik. Der kühle Kopf schien dem wütenden Herz im Zweifelsfall haushoch unterlegen. Gefühle beschworen unkontrollierbares Verhalten herauf. Chaos war einer der wenigen Mechanismen, die die Ordnung in der Welt mit einem einzigen Wimpernschlag zu Fall bringen konnten. Weil Angst mächtiger war als der Verstand. Das hatte die Geschichte bereits mehrfach bewiesen.
Edmond starrte das arme Tier an. Das Fell räudig und zerzaust. Das Maul im Todeskampf aufgerissen und erstarrt. Die Zunge hing schlaff zur Seite heraus. Auf dem Boden hatten sich kleine Blutlachen unter den in den Leib gerammten Nägeln gebildet. Doch sie waren dunkel verfärbt und angetrocknet. Der Kadaver war bereits steif. Die Totenstarre war ein Vorgang, der ein Lebewesen zu einem Ding werden ließ. Wie ein Stein, ein Holzblock oder Ziegel. Nur eben mit schwarzem, räudigem Fell drumherum.
»Es tut mir leid«, flüsterte Edmond und presste die Lippen aufeinander.
»Das sollte es auch!«, kam die prompte Antwort von der Seite. Mistress Delainy kräuselte sichtlich angeekelt die Nase. »Es ist ja wohl eindeutig, dass dieser widerwärtige Anschlag Ihnen gilt. Nicht nur, dass ich darunter leide, dass man in der ganzen Stadt diese schrecklichen Schmähungen über Sie findet, jetzt wird auch noch mein Haus Ziel dieser Anschläge. So kann das nicht weitergehen.«
Edmond kniff die Augen zusammen und wünschte sich weit fort. Warum nur war er Wissenschaftler geworden? Warum dürstete er danach, den Menschen Wissen zu bringen, wenn die meisten es weder wollten noch verdienten?
»Wenn Sie nicht fähig sind, dieses Unglück zu stoppen, sehe ich mich gezwungen, Ihnen ab Montag die Wohnung aufzukündigen. Zu Ihrem und zu meinem Wohl wohlgemerkt. Wer weiß denn schon, was diesen Fanatikern als nächstes einfällt.«
Er hatte es kommen sehen, es in ihren Augen gelesen in den letzten Tagen, vielleicht auch schon Wochen davor. Schon da hatte sie mit dem Gedanken gespielt, ihn vor die Tür zu setzen, um sich den Ärger, den er neuerdings magisch anzog, vom Leib zu halten.
Aber sie hatte es bis jetzt nicht getan. Nicht ausgesprochen. Und das zeigte ihm, dass sie unter ihrem mit Schultertuch hochgeschlossenen schmucklosen Hauskleid sehr wohl ein weiches, liebenswürdiges Herz hatte.
Die Herzen sind Hüter unserer größten Schätze und gleichzeitig Erschaffer der ärgsten Gräuel, dachte Edmond bei sich. Es würde nichts helfen, mit Mistress Delainy zu diskutieren. Zu versuchen, es ihr auszureden. Wenn er die Wohnung behalten wollte – und das wollte er gewiss –, dann musste er sofort eine Entscheidung treffen.
»Ich werde mich an den Rat des Constable Johnson halten und die Stadt für ein paar Tage oder Wochen verlassen. Eine Reise nach Frankreich. Die Bretagne soll zu dieser Jahreszeit in geradezu magisches Licht getaucht sein. Der ideale Ort, um sich etwas Ruhe zu verschaffen und den Kopf frei für neue Ideen zu bekommen.«
Bei diesem Nachsatz zuckten die Mundwinkel der Vermieterin nach unten. Doch sie zwang sich zu einem Lächeln, als sie überaus freundlich fragte: »Ich wusste gar nicht, dass Sie dort Verwandte haben?«
Oh du Schlange! Habe ich dich eben noch liebenswürdig genannt? Berechnend bist du und unverschämt!, schoss es Edmond durch den Kopf, bevor er ebenso unverbindlich freundlich erwiderte: »Ein Kollege hat dort ein hübsches Anwesen und mich bereits vor einigen Tagen eingeladen, ihm dort über den Sommer Gesellschaft zu leisten und einige wissenschaftliche Dispute zu erörtern.«
»Der gute Sir Isaac Newton?«, wagte Mistress Delainy sich weiter vor. »Wie wunderbar. Ich habe gleich bei seinem ersten Besuch gemerkt, wie gut Sie sich miteinander verstehen. Nehmen Sie die Familie mit?«
Jetzt war es Wut, die alle anderen Gefühle in Edmond verdrängte. Er presste die Lippen aufeinander, unfähig, noch etwas Angemessenes zu erwidern. Stattdessen nickte er knapp und ging auf die Tür zu. Einfach nur, um dem Gespräch zu entfliehen, bevor er die Beherrschung verlor. Doch offenbar deutete Constable Donald Leonard Johnson die Annäherung als Interessenbekundung an dem eigentlichen Subjekt des allgemeinen Anstoßes.
»Straßenkater«, sagte er, während er weitere Notizen niederkritzelte. Und als Edmond nichts erwiderte: »War wohl schon tot, als man ihn dran genagelt hat. Zu wenig Blut.« Er deutete auf die kleinen Flecken am Boden. »Wahrscheinlich vorher erschlagen. So wie’s die Leute draußen auf dem Land tun, wenn die Mäuseräuber zu faul werden. Einfach an den Beinen packen und …«
»Constable, bitte!« Edmond schloss die Augen. Er war ein Tierfreund. Für ihn hatte jedes Lebewesen eine Daseinsberechtigung. Die Vorstellung, dass man es wie ein Stück nasse Wäsche gegen etwas schlagen könnte, ließ ihn innerlich erzittern. Die Menschheit war eine Bestie, schlimmer als jedes Raubtier, das in Büchern verzeichnet war.
»Verzeihen Sie, Sir«, sagte Johnson und mühte sich im nächsten Moment um besonders eifrige Pflichterfüllung. Er zählte die symbolischen Bedeutungen einer toten Katze auf und zog am Ende dieselben Schlüsse wie Mistress Delainy zuvor. »Solange die Sache mit der Sonnenfinsternis noch offen ist, erscheint es mir äußerst ratsam für Sie, unterzutauchen.«
Edmond rieb sich über sein Gesicht, drehte sich zur Straße und blickte über die vielen Menschen, die dicht gedrängt am Zaun hingen und gafften. »Ich verreise«, sagte er schließlich. »Mit dem Schiff. Gleich morgen früh werde ich mich erkundigen, wann das nächste Passagierschiff nach Frankreich ausläuft.«
Johnson hatte aufgehört, zu schreiben und stellte sich neben ihn. »Ist nicht leicht, die Speerspitze zu sein. Verstehen Sie, was ich meine? Sie stehen mit Ihrer Forschung ganz vorn in der ersten Reihe. Da trifft’s einen am härtesten. Da bekommt man sowohl die Kugeln ab, als auch die Bajonette. Die Ersten sind die mit der größten Leidenschaft. Weil sie sehenden Auges gegen den Feind anstürmen und sich für alle, die nach ihnen kommen, opfern. Aber manchmal ist es selbst in der ersten Reihe klug, innezuhalten und in Deckung zu gehen.«
Edmond spürte, wie der Constable ihm die Hand auf die Schulter legte und sie einmal kräftig drückte. Seine Worte waren auf so vielfältige Weise wahr. Und sie waren so tiefsinnig, dass sich Edmond fragte, wie ein Mann mit einem geradezu poetischen und wachen Geist ausgerechnet zu so einem Beruf kam. Er hatte ganz eindeutig mehr zu bieten als man ihm auf den ersten Blick ansah. Und vielleicht auch mehr zu verheimlichen.
Edmond wagte nicht, dem Constable in die Augen zu sehen. Aus Angst, sich selbst zu entblößen. Die Andeutungen von Mistress Delainy hatten deutlich gemacht, dass es in der Londoner Gesellschaft bereits genug Gerüchte um ihn und seinen besten Freund gab.
Verbrüderung im Geiste war das eine, eine körperliche etwas ganz anders. Und genau daran dachten sie alle, wenn es um solch abgenutzte Worte wie Liebe ging. Dabei gab es so viel mehr. Nuancen der Anziehung, Freundschaft, Zuneigung. Ganz ohne, dass dies in aufgewühlten Kissen und Decken enden musste. Erfüllung ließ sich auf so viele Arten erreichen. Selbst über die Distanz hinweg. Trotz all des Fortschritts dieser Tage, gab es andererseits noch so vieles, das steinzeitlich und festverwurzelt war.
Es dauerte eine weitere quälend lange Stunde, bis der Constable schließlich genug mögliche Indizien und Spuren aufgenommen hatte und die Katze endlich abgehängt werden konnte. Langsam aber sicher zerstreute sich das Publikum. Edmond wollte gerade ins Haus gehen, als er in einem Hauseingang schräg gegenüber eine Gestalt in Kutte und Kapuze zu sehen glaubte.
Sein Puls schnellte in die Höhe. Sollte er Johnson von den anderen Vorkommnissen erzählen? Unschlüssig blickte er zwischen dem Constable und dem Häusereingang hin und her. Doch auf den zweiten Blick war der Hauseingang dunkel und leer.
Edmond hielt vor Anspannung die Luft an und ging ohne weitere Abschiedsworte auf sein Zimmer, um seine Koffer zu packen.
11.
Salziger Nebel
London – Sonntag, 28. April 1715
Am Morgen wartete Edmond sicherheitshalber ab, bis der aufkommende Tag das Dunkelgrau in den Straßen vertrieben hatte. Dann holte er den alten Mantel mit dem Notgroschen in der Tasche aus dem Schrank, entstaubte ihn, schlang sich zusätzlich einen vergilbten Seidenschal um den Hals und zog sich den Hut tief in die Stirn.
Das Frühstück von Mistress Delainey stand unberührt auf dem Schreibtisch. Die Erlebnisse und Bilder des gestrigen Abends hatten ihm auf den Magen geschlagen. Bis in seine Träume hatten ihn die Unholde und Schattengestalten verfolgt. Immer noch glaubte er, das dissonante Schreien von Katzen zu hören, die ihn in Scharen von den Hausdächern herab anstarrten. Schwarze Ungetüme mit leuchtend gelben Augen und spitzen Zähnen.
Auf dem Weg zum Hafen achtete er darauf, so gut wie möglich in der Menge unterzutauchen. Immer wieder blickte er über die Schulter, lauschte auf verräterische Schritte hinter sich. Doch er konnte nichts Auffälliges entdecken.
Bis zum berechneten Termin für die Sonnenfinsternis blieben ihm noch ganze fünf Tage. Er würde also doppeltes Glück brauchen, um ein Schiff zu finden und zudem genug Wind auf der Überfahrt zu haben, damit sie die Strecke im besten Fall in zwei oder drei Tagen schaffen konnten. Im schlechtesten würde es bis zu einer Woche dauern. Doch daran wollte er gar nicht erst denken.
Einige Zeit irrte er an den Anlegestellen entlang und fragte bei den Schiffen nach, wohin sie führen, bis er endlich Glück hatte.
»Im Morgengrauen legen wir nach Saint-Malo ab«, informierte der Quartiermeister unerwartet freundlich. »Sie haben besonderes Glück, denn wie Sie sehen, ist die Santa Cruise das neueste Modell, äußerst windschnittig und wendig. Die meisten setzen ja mehr auf Gediegenheit, aber wenn Sie es wagen wollen, bekommen Sie einen Vorzugspreis.«
Ja, Edmond hatte schon von diesem schnellen neuen Typ namens Schoner gehört, der zum ersten Mal in Amerika vom Stapel gelaufen war, und auch, dass einige gekentert waren. Als ehemaliger Kommandant eines Kriegsschiffs während einer Expedition war er bedeutend stärkere Schiffswände und einen robusteren Aufbau gewöhnt, aber da er Neuem gegenüber stets aufgeschlossen war, wollte er das Risiko eingehen.
Die frühe Passage bedeutete, dass er im Dunkeln durch die Straßen zum Hafen würde laufen müssen. Nicht gerade das, was er sich unter den gegebenen Umständen wünschte. Doch mit etwas Glück würde der Notgroschen für die Überfahrt und zusätzlich für eine Droschke reichen. So hoffte er zumindest.
»Dann werde ich es wagen«, sagte er, auch wenn ihm ein wenig mulmig dabei war. Andererseits – die ständige Gefahr, in der er sich befand, war weitaus lebensbedrohlicher.
Am liebsten hätte er sich gleich auf dem Schiff einquartiert, aber das wurde rundheraus abgelehnt, weil noch eine Menge vor dem Ablegen zu erledigen sei, und da würden Landratten nur stören.
So sehr man also darauf erpicht war, Passagiere anzulocken, so zuvorkommend war man denn doch nicht mehr, sobald die Koje belegt war. Edmond grinste schief, stellte den Irrtum, dass er keine Landratte war, nicht klar, und machte sich auf den Heimweg.
Der nächste Morgen versprach, ungemütlich zu werden. Von der Sonne war längst noch nichts zu sehen, als Edmond, in seinen Mantel gehüllt, die Reisetasche in der Hand, nach draußen trat.
In den Straßen hing der typische Londoner Nebel. Der Himmel war bedeckt und sternenlos. Irgendwo in der Nachbarschaft bellte ein Hund. Ein Scheppern erklang. Dann war es wieder still.
Edmond hatte sein Kleingeld am Abend genau gezählt und einsehen müssen, dass es nicht genug war, um sich ein wenig mehr Komfort und Sicherheit zu kaufen. Das Geld auf der Bank würde er für solch eine Angelegenheit nicht anrühren. Schließlich hatte er trotz allem eine Familie zu versorgen. Also schloss er den Mantel, packte seine Tasche fest und lief in schnellem Schritt die Straße entlang Richtung Hafen.
Er achtete darauf, in der Mitte der Gassen zu laufen, solange er keinem Karren ausweichen musste. In einigen Hauseingängen und Hinterhöfen standen Gestalten herum oder kauerten am Boden. Streuner und Landstreicher. Aber keiner schien sich sonderlich für ihn zu interessieren.
Noch schliefen die Stadt und die Heimatlosen, die zu ihren Füßen hausten und sich von Abfällen und hingeworfenen Almosen ernährten.
Das Geräusch von Schuhsohlen auf dem Straßenpflaster ließ seine Gedanken abrupt ins Hier und Jetzt zurückkehren. Schweiß brach ihm aus. Angst kroch ihm das Rückgrat hinauf und ließ Gänsehaut auf seinen Armen wachsen. Er wagte nicht, sich umzudrehen oder anzuhalten. Stattdessen beschleunigte er seinen Gang, lief beinahe. Etwas, das zu einer unschönen Angewohnheit wurde.
Doch auch die verfolgenden Schritte beschleunigten. Dissonant diesmal. Waren es zwei Personen? Oder drei? Gehetzt blickte Edmond nach vorn. Die reglosen Gestalten in den Hauseingängen schienen gespannt den Atem anzuhalten und ihn zu beobachten. Eine Ratte huschte direkt vor ihm über die Straße. Das Fell ölig-glänzend grau.
Edmonds Gedanken überschlugen sich. Wie konnte er sich schützen?
Kaum zu Ende gedacht, mischte sich hinter ihm das Klappern von beschlagenen Pferdehufen in die Geräuschkulisse. Zügel schnalzten. Die Tiere steuerten im schnellen Trab auf ihn zu. Und endlich wagte Edmond es, sich umzudrehen – gerade noch rechtzeitig, um mit einem Satz zur Seite zu springen und der Kutsche auszuweichen! Das heitere Lachen und Kichern aus dem Inneren ließ auf Amouröses schließen. Also kein Anschlag. Alles nur Einbildung. Oder?
Edmond blieb stehen und lauschte. Das Pferdegetrappel entfernte sich rasant und war bereits kaum mehr zu hören. Stattdessen waren da wieder Schritte, die fest auf das Pflaster traten, wie bei jemandem, der es eilig hatte und zielstrebig auf etwas zusteuerte.
Und diesmal sah er sie. Zwei dunkel gekleidete Männer mit Dreispitz und Mantel, die links an der Häuserwand entlang auf ihn zukamen. Edmond dreht sich panisch um und lief los. Bis zum Hafen war es nicht mehr weit. Vielleicht würden sie ihn verschonen, wenn es zu viele Zuschauer gab. Tagelöhner, die die Schiffe beluden, oder Fischer, die für den ersten Fang des Tages ihr Boot fertigmachten.
Doch bevor er die Anlegestellen erreichen konnte, tauchte vor ihm eine vermummte Gestalt in grauem Umhang und Kapuze auf. Sie hatten ihn in der Zange!
Ohne nachzudenken, schlug sich Edmond in eine schmale Seitengasse, drängte sich durch die noch geschlossenen und verbarrikadierten Stände der Straßenhändler und setzte seinen Weg in einem kopflosen Zickzackkurs fort, bis er wie durch ein Wunder unbescholten doch noch weiter östlich die Kaimauer erreichte.
Während er lief, wich die Schwärze der Nacht allmählich einem schmutzigen Blaugrau. Der Nebel zog sich übers Wasser zurück. Die Schatten wurden kleiner. Öllampen tauchten die Kisten und Säcke, die an den Entladestegen warteten, in vereinzelte Kegel aus Licht. Je näher Edmond den Schiffen kam, umso mehr Menschen waren unterwegs.
Matrosen hingen in den Wanten der Schiffe, kümmerten sich um die Ladung oder schrubbten die Decks. Das Schwappen der Wellen an die Piers, die ersten Schreie der Möwen und die Kommandos der Offiziere übertönten Edmonds Panik.
Keuchend und nassgeschwitzt hielt er inne und wagte erneut einen Blick zurück. Niemand war zu sehen. Keine Verfolger. Am Bootssteg saß ein Bootsmann auf einem Fass. Edmond nannte seinen Namen und erklärte ihm, dass er eine Passage gekauft habe, und der Mann winkte ihn schweigend durch.
Edmond atmete durch. Endlich in Sicherheit. Mit der freien Hand griff er das Haltetau, um über den Steg an Bord zu gehen. Auf dem Schiff roch es nach nassem Holz, Seife und Salz. Der Wind wehte in einer kräftigen Brise von Nordost und ließ die englische Flagge auf der Spitze des Frontmastes flattern.
Der Quartiermeister wartete oben, nahm das verabredete Geld in Empfang und deutete ihm mit einem Fingerzeig den Weg zu seiner Kabine.
Edmond hatte es nicht eilig, dorthin zu kommen. Er fühlte jetzt, da er in Sicherheit war, die Aufregung, die einen beschlich, wenn man zu einer Reise aufbrach. Dieser Kitzel des Abenteuers. Die Möglichkeit, etwas Neues zu entdecken und seinen Horizont zu erweitern.
Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, trotz des ganzen Verdrusses. Er würde zu Isaac fahren! An einen Ort, wo sie für sich sein konnten. Sich geben konnten, wie sie wirklich waren, ohne auf die Augen und Ohren anderer achten zu müssen.
Die Sonne blinzelte über den Horizont, als die Santa Cruise ablegte. Ein langer Pfiff ertönte, der Steuermann bellte den Matrosen Befehle zu und sofort griffen die eingespielten Rädchen ineinander. Zwei junge Burschen stemmten sich gegen die Holme der großen Winde, um den Anker einzuholen. Die Seemänner zogen den Steg ein und lösten die Leinen, während der Rest in den Wanten hing, bereit, die Segel zu setzen.
Unter den aktuellen Windverhältnissen würde die Überfahrt höchstens drei Tage dauern. Genug Zeit also, um rechtzeitig vor Ort bei Isaac zu sein, um gemeinsam die Sonnenfinsternis zumindest am Rande noch miterleben zu können.
Der elegante Schoner glitt die Themse entlang und nahm gemächlich Fahrt auf. Edmond blickte ein letztes Mal zurück zur Anlegestelle. Die anderen Schiffe wurden weiterhin emsig beladen. Erste Straßenhändler boten ihre Waren an. Und mitten in diesem Gewusel sah Edmond erneut die verhüllte Gestalt stehen. Eine schmale graue Silhouette mit Kapuze, die dort an jenem Dock reglos verharrte, von dem aus sie abgelegt hatten. Wie ein Versprechen. Eine stumme Botschaft. Ich sehe dich. Du entkommst mir nicht. Wir sind dir auf den Fersen.
Edmond fröstelte. Schlagartig sank seine gute Reiselaune. Für die nächsten drei Tage war er mit gut drei Dutzend Menschen auf diesem Schiff eingesperrt. Hier würde es kein Entkommen geben. Keinen sicheren Ort. Außer vielleicht seine Kabine. Und auch das war nicht gewiss.
12.
Elfenspiele
Comper
Endlich hatte sich der Eingang zu Nimues Schloss offenbart. David ging an der Seite seiner Schwester langsam zwischen den hoch aufgewölbten Wasserwänden entlang auf die Mitte des Sees zu. Nach einigen Metern wandelte sich der schlichte Sandboden in massiven Fels, der sich nach ein paar weiteren Schritten als eine in den Stein gehauene Treppe entpuppte.
Stufe um Stufe führt sie der Weg tiefer hinab in den See. Und obwohl David vorher ohne Probleme von einem Ufer zum gegenüberliegenden hatte blicken können, schien in dieser Falte der Realität Entfernung in anderen Maßeinheiten zu existieren. Oder war es vielmehr die Zeit, die sich nicht mehr greifen ließ?
»Wie lange gehen wir diesen Weg schon?«, fragte er schließlich Rian, als immer noch kein Ende in Sicht kommen wollte.
Seine Schwester schien die Sache ganz nach ihrer Art deutlich lockerer zu nehmen. Während sie gemütlich zwischen den Wassermassen, die sich nun über ihnen zu einem Dach wölben, entlang spazierte, blickte sie flüchtig über die Schulter zurück. »Ich schätze, es dauert, solange es eben dauert, bis wir ankommen.«
David verdrehte die Augen. »Was für eine hehre Weisheit. Es könnte genauso gut ein Trick sein. Eine Endlosschleife, in der sich ungebetene Gäste zu Tode laufen.«
»Wir sind aber keine ungebetenen Gäste«, hielt Rian dagegen. »Wir sind auf ausdrücklichen Wunsch der Dame vom See hier.«
»Du bist angefordert, ich habe nur die Funktion des Leibwächters. – Ich glaube, da vorn ist etwas«, sagte David und deutete vor sich.
Tatsächlich ragte einige hundert Meter weiter wie aus dem Nichts gekommen eine gigantische Steinwand empor. Doch sie gehörte zu keinem Schloss, es gab kein Tor oder sonst einen Durchgang. Das Einzige, was nun unübersehbar vor ihnen lag, war eine kleine grün-türkis schimmernde Lagune, in die ein gigantischer Wasserfall von der Felswand aus herabstürzte.
David stöhnte entnervt auf. Die elfische Ader, alles zu einem endlosen Spiel und komplizierter als nötig zu machen, war etwas, auf das er zukünftig gern verzichten konnte. Immer nur Stolperfallen und Rätsel, in denen sich am Ende, wie hier geschehen, der Spielleiter selbst verfing.
Rian jauchzte bei dem Anblick des klaren Wassers und der schäumenden Gischt unterhalb des Wasserfalls im Gegensatz zu David auf und schickte sich an, angezogen wie sie war, ins Wasser zu steigen. »Komm schon, du Zähneknirscher. Das Wasser ist herrlich warm und die Wassertropfen tanzen wie kleine quirlige Feen in der Luft.«
»Wir haben wichtigeres zu tun als jetzt ein Bad zu nehmen«, hielt David dagegen.
Doch die Laune seiner Schwester war viel zu ansteckend, als dass er allzu lange widerstehen konnte. Mit einem eleganten Hechtsprung landete er im türkisgrünen Nass und machte zwei lange Schwimmzüge unter Wasser.
Unter der Oberfläche eröffnete sich eine Welt. Das Becken war wie ein Tunnel, der grob in den Stein gehauen worden war. Ein Schacht, dessen Boden man nicht sehen konnte, so tief hinab ging er. An den Rändern tummelten sich kleine bunt blinkende Fischschwärme.
David kam zurück an die Oberfläche und schwamm hinüber zum Wasserfall, um in die Regenbogen-Gischt zu tauchen, die sich um den steten Strom formte.
»Siehst du, wie gut die Idee war?«, rief Rian und kam auf ihn zu gepaddelt.
»Unsinnig, aber gut«, gab er zurück und streckte die Arme aus. Das Wasser prasselte auf ihn hernieder. Ein Gefühl, als würden schwere Nadelkissen auf seine Haut prallen. Aber da war noch etwas. Etwas, das ihn irritierte.
An seinen Fingerspitzen spürte er einen Luftzug. Kälter. Geradezu frostig. Neugierig durchstieß David mit Kopf und Oberkörper die Wasserwand, um zu sehen, was sich auf der anderen Seite befand.
Als er die Tropfen aus seinen Augen geblinzelt hatte, konnte er kaum glauben, was da zum Vorschein kam. Er blickte aus einer Höhle hinaus in eine magische Landschaft. Ein Teppich aus Eisblumen breitete sich vor ihm aus und ging ansatzlos in eine Blumenwiese über. Ein zart rosafarbener Himmel wölbte sich wie eine schützende Haube über die Szenerie. Zentrum von all dem war das kristallene Schloss, das sich in der Mitte erhob. Nimues Schloss. Endlich!
»Rian!«, rief David. »Rian, komm hier durch. Das musst du dir ansehen!«
Zu zweit kletterten sie durch das Portal und aus der eisigen Höhle ins Freie. Die Sonne war warm und wild. Doch sie konnte den Eisblumen nichts anhaben.
Ein kleiner Zauber half, die Kleider zu trocknen. David prägte sich die Lage des Ausgangs genau ein, um ihn später, wenn nötig, wiederfinden zu können. Dann marschierten sie los, auf das Schloss zu.
Schmetterlinge, so fein und zart wie Schneeflocken, flatterten von den Blüten auf und umtanzten die Besucher. Ihr Flügelschlag erzeugte leise Glöckchenklänge und malte Wölkchenspuren in die Luft.
»Wie unfassbar schön«, flüsterte Rian entzückt.
Vorsichtig durchschritten sie das Feld, bis sie die bunte Blumenwiese erreichten. Hier summte und brummte es vielstimmig. Insekten aller Art wanderten von einem Kelch zum nächsten und wirbelten dabei Blütenstaub auf. Es roch nach Honig und Vanille. Die Luft selbst schmeckte herb und gleichzeitig süß, belebend und träumerisch.
»Das hier ist unmöglich nur eine Illusion. Wie konnte Merlin das alles erschaffen? Er war doch nur ein menschlicher Zauberer, wenn auch der größte, den es je gegeben hat«, sagte Rian voller Staunen.
Während sie auf das Schloss zu gingen, beugte sie sich immer wieder vor und streifte mit den Händen die Knospen und Stängel, um unter dem wilden Summen der Insekten noch mehr Blütenstaub aufzuwirbeln.
David hatte keine Antwort auf ihre Frage. Er wusste genau wie alle anderen so gut wie nichts über Merlin.
Am Ende der Wiese fanden sie einen Weg, der sie in sanften Bögen durch die Landschaft bis an die Schlossmauern führte. Aus der Nähe wirkte das Gebäude wie ein natürlich gewachsener Kristall. Am Fuß milchig-weiß und zu den Spitzen der einzelnen Stelen hin immer durchsichtiger, sodass sich das Licht in allen Farben darin brach und als Regenbogen-Aura spiegelte.
»Wo habt ihr so lange gesteckt?«
David hörte die Worte, ohne die Sprecherin sehen zu können. Doch es war unverkennbar eine weibliche Stimme. In ihr lag kein Tadel, eher eine Neckerei. Doch das dahinterliegende Gefühl hatte nichts von der vorgespielten Leichtigkeit. Trauer schwebte zwischen den Zeilen und vielleicht sogar eine Spur von Angst.
»Meine Schwester wollte ein Bad nehmen«, entgegnete David.
»Ohne diesen Spaß hätten wir den Eingang erst gar nicht gefunden«, meldete Rian sich ebenfalls zu Wort. Im Gegensatz zu David drehte sie sich um die eigene Achse und suchte nach dem Ursprung der Worte.
Und endlich erlöste die Herrin vom See sie. In ein hauchdünnes weißes Kleid gehüllt, erschien sie auf den Stufen des Schlossportals. Dort, wo sich eben noch eine massive Tür befunden hatte, eröffnete nun ein Durchgang den Blick in das weitläufige Innere des kristallenen Baus.
Nimue lächelte sanft und breitete die Arme aus. »Kommt und tretet ein. Es ist Ewigkeiten her, dass dieses Gemäuer einen Gast empfangen hat. Und nun sind es gleich zwei. Zwillinge noch dazu.«
Rian überholte David, schritt eilig auf die Hausherrin zu und verneigte sich tief, als sie vor ihr stand. »Wir danken sehr für Eure Einladung und hoffen, Euer Vertrauen nicht zu enttäuschen.«
»Es ist weniger eine Einladung denn ein Hilferuf, und dass ihr die Richtigen seid, beweist eure Anwesenheit«, entgegnete Nimue, neigte den Kopf zum Gruß zu beiden und streckte dann die Hand nach Rian aus. Eine kurze Berührung nur, bevor sie sich umdrehte, als Willkommensgeste und Zeichen, dass sie ihr folgen sollten.
David musste unwillkürlich lächeln, während er den Frauen in das Innere des Schlosses folgte. Er war eben nur der Leibwächter und hatte fügsam hinterherzutrotten. Die Herrin vom See führte sie durch eine funkelnde und glitzernde Empfangshalle über eine gläserne Treppe hinauf in den ersten Stock und von dort aus über eine so zerbrechlich wirkende gewölbte Brücke in einen weiteren Anbau, dass David nicht sicher war, ob sie sein Gewicht tragen konnte. Denn anders als in der Menschenwelt berührten seine Füße hier den Boden.
Unter ihm breitete sich eine Wiese aus. Zartgrüne Halme bewegten sich in weichen Bewegungen im Wind hin und her.
Die beiden Frauen waren bereits in dem angrenzenden Raum auf der anderen Seite verschwunden, als David den Anbau betrat. Von außen hatte das Gebäude ebenso kristallen gewirkt wie der Hauptbau. Doch sein Inneres war gänzlich anders ausgestattet. Die Wände waren mit dunklem Holz vertäfelt, Kerzenleuchter spendeten warmes Licht, auf dem Boden fanden sich edle Teppiche, die klassische Motive des Mittelalters zeigten. Ritter auf ihren Pferden, wie sie sich im Lanzenkampf miteinander maßen, während das Königspaar auf der Tribüne thronte und huldvoll winkte.
»Setz dich, Prinzessin Rhiannon«, bat die Herrin vom See und deutete auf eine mit Samt bespannte Chaiselongue vor einem heimelig flackernden Kaminfeuer.
Seine Schwester folgte der Einladung, während David sich mit etwas Abstand im Hintergrund hielt und wachsam, seiner Rolle gemäß, stehenblieb. Dieser Raum war ganz offensichtlich eine Illusion, wenn auch nicht im magischen Sinne. Die Gemütlichkeit und Intimität der Einrichtung beschworen die alten Tage herauf. Tage, die Jahrhunderte zurücklagen und wahrscheinlich glücklichere Tage für Nimue symbolisierten.
So mochte Lancelot seine Lehrzeit verbracht haben, wenn er nicht gerade seine Nase in den Bibliotheksbüchern vergraben oder seine Kampfkunst draußen im Hof trainiert hatte. Vielleicht war das der Ort gewesen, an dem Merlin und Nimue ihrer Liebe Ausdruck verliehen hatten. Hier in ihrem sicheren Heim, fernab der Welt.
Die Herrin vom See hatte gegenüber von Rian in einem Sessel Platz genommen. Ihr Kopf war dem Kamin zugewandt, sodass David sie nur im Profil sehen konnte. Doch selbst darin ließ sich Sorge ablesen. »Ich danke euch beiden, dass ihr diesem Ruf so eilig gefolgt seid und alle Hindernisse überwinden konntet«, sagte sie.
Eine Pause entstand. Rian warf ihrem Bruder einen kurzen, hilfesuchenden Blick zu. Er hob zur Antwort die Schultern. Man tat gut daran, mächtige Wesen wie Nimue nicht zu irgendetwas zu drängen oder sie zu verärgern, außer man konnte mit den Flüchen leben, die einen daraufhin treffen mochten.
Nimue war äußerlich ein zartes Feenwesen. Ihr wahres Alter war unbekannt und sie galt bei den Menschen als mystisches Sinnbild für die wahrhaftig Liebende. Doch wie jeder Elementargeist war sie auch überaus gefährlich. Sie war diejenige, die den größten aller Zauberer ausgetrickst, gebannt und für alle Zeiten aus dem Spiel des Lebens genommen hatte.
»Denkt nicht, ich hätte die Veränderungen nicht mitbekommen«, fuhr Nimue schließlich fort. »Gewiss, ich habe dieses Reich schon seit Ewigkeiten nicht mehr verlassen. Ich bin selbst gefangen, wie ihr bereits herausgefunden habt. Aus dem Drang heraus, das Kostbarste zu schützen, das es gibt, habe ich mich darin verfangen und verirrt.« Wieder stockte sie. Pausierte. Während David sie mühsam kontrolliert ein und ausatmen sah, während ihr Blick unbewegt auf das Feuer gerichtet lag. Ohne ein Blinzeln oder auch nur ein Muskelzucken.
»Die Zeit«, gab Rian das Stichwort. »Sie hat alles verändert.«
»Ein lange vorausgeplantes erstes Steinchen in einer Reihe von Spielsteinen, die nun einer nach dem anderen fallen werden oder bereits gefallen sind«, nahm die Herrin vom See den hingeworfenen Köder auf und fuhr fort. »Ich habe Mittel und Wege zu sehen. Vielleicht nicht überall gleichzeitig. Aber das große Ganze lässt sich dennoch erschließen.«
»Was meint Ihr?«, hakte Rian vorsichtig nach. Ihr Blick lag voller Konzentration auf der Herrin vom See. Doch Nimue verschleierte ihr Innerstes. Eine spürbare Schutzaura umgab sie. Das erweckte Davids Misstrauen, und er blieb angespannt.
»Mein Blick reicht weiter als bis zu den Grenzen der Menschenwelt«, sagte Nimue. Ihr Mund zog sich voller Verbitterung und Abscheu zusammen. »Ich habe Gwynbaen gesehen. Wie sie sich gewandelt hat. Wie sie litt und immer noch leidet und dafür anderen noch schlimmere Qualen antut. Selbst für ein Wesen ohne Seele ist das zu viel. Sie hat Grenzen überschritten, die unantastbar sein sollten. Eine Ungeheuerlichkeit, die am Gleichgewicht rüttelt. Die Lawine baut sich gerade erst auf, Prinzessin. Und sie wird schon bald geradewegs auf uns und besonders auf Euch zurasen.«
»Bandorchu will unseren Vater! Sie will Fanmór stürzen, um das Reich der Sidhe Crain an sich zu reißen. Genau wie sie es mit der Menschenwelt gerade tut«, mischte sich David ein.
Nimue blinzelte. Das war alles. Er sollte hier sein, aber nicht reden. Diese Gefühlskälte tippte in David etwas an. Eine Wut, die tief aus seinem Inneren kam. Doch er beherrschte sich. Biss die Zähne zusammen und nahm es hin, dass er ignoriert wurde. Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, zu gehorchen und nicht nach Nadja zu suchen.
Bleib diplomatisch, ermahnte er sich in Gedanken. Du bist nicht einfach nur ein Elf. Du bist der Kronprinz.
»Ich fühle mich geschmeichelt, dass Ihr Euch offenbar um uns sorgt«, antwortete Rian, als wäre nichts gewesen. »So wie wir uns natürlich auch um Euch sorgen und Euch zur Verfügung stehen, so es in unserer Macht steht, zu helfen.«
Das Gespräch glich einem komplizierten Tanz, bei dem sich die Partner versuchten näher zu kommen, während sie einer alten Abfolge von Schritten, Verbeugungen und Drehungen folgten.
»Das könnt ihr. Und vielleicht seid ihr es, die das nötige Wunder vollbringen können.« Mit diesen Worten wandte Nimue sich ihnen beiden zu. Ihre Augen funkelten wie Sterne, so unergründlich schwarz und doch so leuchtend an der Oberfläche.
David las jetzt die Trauer in ihren Zügen. Winzige Fältchen, die sich um ihre Mundwinkel gebildet hatten. Dunkle Ränder unter den Augen, die das makellose Weiß durchbrachen, wie feine Risse im Porzellan.
Die immer junge Dame vom See, Sinnbild der Liebe und der ewigen Schönheit wirkte müde und kraftlos. Auch sie war nicht mehr unsterblich, wie alle Wesen aus der Anderswelt. Waren Rian und David bei ihr, um sie vor dem Tod zu bewahren? War sie krank?
David begann nervös auf der Stelle zu wippen. Wenn selbst eine so allmächtige Frau dem Sterben unterworfen war, war auch der eigene Tod nicht mehr weit.
»Wie können wir helfen?«, fragte Rian nun gerade heraus. »Welche Krankheit plagt Euch?«
David sah Tränen in den Augenwinkeln der Fee glitzern.
»Es geht nicht um mich«, erwiderte Nimue mit brüchiger Stimme. »Es geht um meine Tochter.«
David hob die Brauen und auch seine Schwester wirkte überrumpelt. Seit wann hatte die Dame vom See Nachkommen?
»Sie ist etwas ganz Besonders, müsst ihr wissen«, fuhr Nimue fort. »So zart und filigran wie das Netz des Morgentaus, das sich in der Dämmerung über die Blätter legt und wenige Augenblicke später bereits vergangen ist.«
»Was ist passiert?« Rians Stimme war kaum mehr als ein Wispern.
»Als die Zeit Einzug hielt, fing es an. Als würde sich ein Schatten auf Eloise legen. Wie eine Vorahnung oder tiefe Trübsal, die sich auf ihrem Gemüt niederließ«, berichtete Nimue stockend. »Natürlich habe ich nach dem Grund geforscht, habe alle mir zur Verfügung stehenden Kanäle geöffnet, meine Boten in die Welten ausgesandt, um es zu verstehen, um die Machenschaften dahinter zu durchblicken.«
Sie stöhnte auf, als würde ihr die Erinnerung körperliche Schmerzen bereiten. »Als der Getreue den ersten Stab in einen der Ley-Knoten versenkte, war es, als hätte er einen der Lebensfäden meiner Tochter durchschnitten. Und mit jedem weiteren Knotenpunkt, den die Dunkle Königin für sich gewann, schwanden die Kräfte meiner Tochter. Sie … liegt im Sterben.«
Nimue schluchzte erstickt auf und David war so erschlagen von der Welle an Schmerz, die sie ausstrahlte, dass er einen Schritt zurück wankte.
Abrupt stand die Herrin vom See im nächsten Moment auf, straffte sich und schritt auf die Tür zu. Erst an der Schwelle hielt sie inne. »Folgt mir. Ihr sollt es mit eigenen Augen sehen. Damit ihr es versteht.«
Auch Rian war aufgestanden, wechselte einen Blick mit ihrem Bruder. Gemeinsam kamen sie der Aufforderung nach. Nimue führte sie durch eine weitere Tür in einen schmalen gemauerten Gang, der nach wenigen Metern in eine Treppe mündete. Sie führte bergab. Endlose Stufen wanderten sie tiefer und tiefer. Alle zehn Schritte flammte ein magisches Licht auf, sobald sie sich der kelchförmigen Einfassung näherten. Doch der Abstieg wollte nicht enden. Weiter und weiter wanderten sie die Treppe hinab. Immer geradeaus, ohne ein Ende zu sehen. Nichts als Schwärze vor sich.
David kamen die Legenden und Geschichten, die es über diesen Ort gab, in den Sinn. Dass für Besucher draußen Jahre vergangen waren, während sie selbst glaubten, nur eine Nacht im Schloss verbracht zu haben. Bisher hatte das nur für Menschen gegolten – war das ein Irrtum? Wie lange waren sie schon hier? Wie lange liefern sie bereits Stufe um Stufe hinab?
Sein Magen krampfte sich zusammen. Was, wenn er alles verpasste? Wenn Nadja nicht nur für Tage oder Wochen, sondern für Monate oder gar Jahre in den Fängen des Getreuen blieb? Wenn sie ihr Kind gebar, ohne dass er bei ihr sein konnte?
Jeder weitere Schritt geriet zur Qual. Und gerade, als David glaubte, seine Panik hinausschreien zu müssen, sah er ein Licht am Ende der Treppe. Und ein Ende. Kunstvolle Mosaike umrahmten die hölzerne Pforte. Durch ein kleines Fenster in der Tür fiel Licht in den Gang.
Nimue vollführte eine knappe Handbewegung, um das magische Schloss zu öffnen. Als die Tür aufschwang, mussten David und Rian ihre Augen mit der Hand abschirmen, so weiß und strahlend hell war das Innere des Raums.
David sah sich blinzelnd um. Freistehende Säulen ragten in einen unerreichbar hohen Himmel. So wirkte es zumindest, auch wenn der Prinz nicht den Eindruck hatte, dass sie das Gebäude verlassen hatten. Das grelle Leuchten machte es unmöglich, die Maße des Raums abzuschätzen. Dort, wo die Wände sein mochten, erfassten Davids Augen nichts weiter als endloses Weiß.
Es gab keine Lampen und auch keine Einrichtung. Nur eine Liege in der Mitte. Auf ihr war ein ätherisches Wesen gebettet. Langes, weißblondes Haar, das wie feine Silberfäden wirkte und in seidigem Glanz über die Bettkante hinabwallte. Eine Decke umhüllte den Körper bis hinauf zum Kinn.
Rian war die Erste, die sich aus der Erstarrung löste und zögernd auf das Mädchen zuging. David folgte ihr wie hypnotisiert. Dieses Wesen war weder Mensch noch Fee noch etwas Vergleichbares, das er je erblickt hatte. So zart und zerbrechlich, wie aus Licht geformt und in einen Körper aus Glas gegossen.
»Dies ist Eloise«, sagte Nimue. Sie ging zum Kopfende der Liege, strich ihrer Tochter einige Haarsträhnen aus dem Gesicht und küsste ihre Stirn. »Das Kostbarste, was es geben kann.«
»Was ist sie?«, fragte Rian so leise, dass David sie kaum verstand.
»Sie ist das Geschenk purer Liebe«, antwortete die Herrin vom See. »Und sie ist Merlins Kind.«
David klappte der Kiefer nach unten. Noch nie hatte er gehört, dass Nimue und Merlin ein Kind gezeugt hatten. Und dazu noch eines, das nach all der Zeit immer noch lebte und aussah, als wäre es kaum älter als sechzehn.
Natürlich erbte ein Spross aus dem Schoß einer machtvollen Fee ebenfalls Feenkräfte. Das eine Mal mehr, das andere Mal weniger. Und bei einem Vater wie Merlin, dessen Herkunft unbekannt war, und von dem man nicht einmal wusste, ob er zu hundert Prozent ein Mensch war, mochte sich die Macht potenzieren. Aber nie hätte David sich vorstellen können, dass solch ein geradezu göttlich wirkendes Wesen aus dieser Verbindung entstanden sein könnte.
Rian schien sich besser im Griff zu haben. Ihr Blick glitt zwar sichtlich bewundernd und staunend über das Antlitz des Geschöpfes, doch dann wandelte sich ihre Miene. Sie hielt die Hände über dem Körper und streckte ihre heilerischen Fühler aus. »Erzählt mir genau, was passiert ist.«
»Ich weiß es nicht zu sagen. Nicht mit Bestimmtheit«, erwiderte Nimue mit zittriger Stimme. Tränen standen in ihren Augen und rannen ihr in silbrigen Spuren die Wangen hinab.
»Es ist, als hätte sich die Welt verkehrt. Als wäre das, was ihr einstmals Kraft gespendet hat, nun wie Gift für sie«, versuchte sie es zu beschreiben.
»Ihr meint die Ley-Energie?«, hakte Rian mit sanfter Stimme nach.
Die Herrin vom See nickte. Tränen tropften auf das Tuch, zerliefen und bildeten flüchtige Schneeflockenmuster auf dem filigran gewebten Stoff.
David fing den Blick seiner Schwester auf und erblickte Ratlosigkeit. Wenn es so war, dass die Kraft der Ley-Linien für Eloise wegen der Besetzung zu Gift geworden waren, dann … war die Lage aussichtslos.
David sah es in den Augen seiner Schwester, dass sie dieselben Schlüsse gezogen hatte und nichts tun konnte. Diese Bitte war unmöglich zu erfüllen.
Trotzdem nahm seine Schwester sich Zeit, tastete die magische Aura ab, berührte mit Nimues Erlaubnis sogar Eloises Gesicht und ihren Körper. Rian versuchte einen Zauber, versuchte es mit Lebensenergie, Reinigungsmagie und Bannbrechern. Doch nichts davon zeigte Wirkung. Nichts davon half.
Schließlich gab sie auf, senkte den Kopf, zog ihre Hände zurück und trat einen Schritt zur Seite. David konnte sehen, wie schwer es seine Zwillingsschwester fiel, ihr Versagen auszusprechen.
»Verzeiht, Hohe Frau«, begann sie zögerlich und so leise, als würde ihr Herz zu Nimues Herz sprechen. »Ich weiß, Ihr habt Eure Hoffnung in mich gesetzt, doch ich vermag das Wunder nicht zu vollbringen, das bei Eurer Tochter nötig wäre.«
»Das ist zu viel von ihr verlangt!«, mischte sich David ein, als er den Schmerz seiner Schwester nicht mehr ertragen konnte. Er stürmte vor an ihre Seite und wappnete sich für das Donnerwetter, das nun unzweifelhaft auf so eine Respektlosigkeit folgen würde.
Doch überraschenderweise zeichnete sich ein Lächeln auf dem Gesicht der Herrin vom See ab. »Glaubt mir, ich habe bereits alles versucht, was es an Heilkraft auf dieser und jeder anderen Welt zu finden gibt.«
»Warum sind wir dann hier?« Diesmal war es Rian, die sprach, bevor David dieselbe Frage deutlich ruppiger gestellt hätte. »Die Blaue Dame sagte, meine Heilkünste würden gebraucht!«
»Ja, weil ihr mir und meiner Tochter auf andere Art helfen könnt«, sagte Nimue ernst. »Genau genommen, seid ihr beide die Einzigen, die diese Aufgabe übernehmen können. Einen allerletzten Versuch, um Eloise zu retten.«
Rian hob fragend die Brauen. »Aber wie?«
»Ihr müsst für mich auf eine weite Reise gehen, um etwas zu finden, das ich vor langer Zeit verloren und versteckt habe«, antwortete Nimue und in ihrer Stimme schwang eine ganze Heerschar an Gefühlen mit.
David schüttelte den Kopf. »Nein. Das geht nicht. Wir haben keine Zeit. Nicht jetzt. Nicht unter diesen Umständen. Nadja zählt auf uns! Sie rechnet damit, dass wir sie suchen und befreien!«, rief er. »Hierher zu kommen, war eine Sache, aber das? Noch eine Reise? Nein, das kann ich nicht!«
Er spürte die Hand seiner Schwester, wie sie sich beruhigend auf seinen Rücken legte. Doch mehr nicht. Sie verbot ihm nicht den Mund, ruderte nicht zurück und entschuldigte sich nicht für seine Worte. Und das war ihm mehr Trost als alles andere in diesem Moment.
»Nadja«, wiederholte Nimue, als wollte sie den Klang des Namens schmecken. »Nadja Oreso, nicht wahr? Die kleine Halbelfe, die dir ins Herz gekrochen ist.«
Perplex schluckte David die weiteren Worte hinunter und fragte stattdessen: »Woher wisst Ihr so viel von ihr?«
»Ich nehme an, jeder in der Anderswelt kennt mittlerweile eure Geschichte. Eine Menschenfrau, die mit den Königszwillingen durch die Welt wandert, um unsere Unsterblichkeit wiederzufinden.«
David schmunzelte flüchtig. Es klang so unglaublich naiv und unmöglich, wenn jemand anderer es aussprach. Doch mit Nadja war so einiges möglich geworden, das auch er früher für Spinnerei gehalten hätte. Wie im Reflex legte er eine Hand auf seine Brust – dorthin, wo sein Stück Seele wuchs.
»Offenbar wisst Ihr noch nicht, dass Bandorchus Getreuer sie während des Kampfes zwischen den tapferen Kriegern der Sidhe Crain und den Dienern der Dunklen Königin entführt hat«, erklärte Rian.
Doch David wollte selbst sprechen und sich erklären. »Seither ist Nadja wie vom Erdboden verschluckt. Es gibt keine Nachricht, nichts. Jede Minute, die wir verstreichen lassen, ist sie diesem Monster weiterhin ausgeliefert. Sie und unser ungeborenes Kind. Ja, so ist es. Ich werde selbst Vater und muss mein Kind schützen!«
Nimue atmete sichtlich betroffen tief ein und nickte dann ein paar Mal. »Doch, ich wusste es. Ein Zwiespalt, der dich in der Tat innerlich zerreißen muss«, gab sie zu. »Aber ich werde alles für das Überleben meiner Tochter tun.«
David biss die Zähne zusammen. Er wollte sich nicht mit Nimue anlegen. Doch seine Geduld war am Ende.
»Ich schlage einen Handel vor. Dann könnt ihr abwägen, was zu tun das Beste ist. Sowohl für meine Tochter als auch für Nadja Oreso und das Kind«, sagte Nimue und blickte David zum ersten Mal direkt in die Augen.
»Ihr werdet meinen Wunsch erfüllen. Dafür suche ich in der Zwischenzeit nach der Halbelfe. Sobald ihr Erfolg hattet und zurückgekehrt seid, öffne ich euch einen Pfad, der direkt zu Nadja führen wird.«
David glaubte, seinen Ohren kaum zu trauen. Die Herrin vom See bot ihnen einen Handel an. Wenn es denn tatsächlich in ihrer Macht stand, Nadja zu finden und sie zu ihr zu bringen. Aber David hatte keinen Grund, an Nimues Worten und ihrer Ehrlichkeit zu zweifeln.
»Das … das wäre wirklich wunderbar«, stammelte er überwältigt. »Wir nehmen den Handel an. Was ist es, das wir für Euch tun sollen?«
»Ich werde euch ein Portal öffnen, durch das ihr an einen Ort reist, an den ich selbst nicht gelangen kann«, erklärte Nimue.
Doch Rian unterbrach sie sofort. »Es ging also von Anfang an gar nicht um meine Heilkünste?«
Die Herrin vom See lächelte. »Doch, aber nicht so, wie du dachtest.«
»Wohin genau wollt Ihr uns schicken?«, fragte David, den das nicht weiter interessierte, er wollte so schnell wie möglich den Handel erledigen.
Die Herrin vom See sah sie an und ihr Gesicht schien näher zu kommen. So nah, dass es Davids gesamtes Sichtfeld ausfüllte. Ihre Worte dröhnten in seinem Kopf, als sie sagte: »Ich schicke euch in die Vergangenheit, um etwas wiederzufinden, das die Welt verloren glaubt.«
Pulsuz fraqment bitdi.