Kitabı oxu: «Geister sind unser Geschäft»
Jana Scheerer
Geister sind unser Geschäft
Aus den Akten der Detektei Donnerschlag
Mit Illustrationen von Uwe Heidschötter

Haralds Detektiv-Regeln

1 Gib niemals den Hut ab!
2 Ein Detektiv darf nicht die Fassung verlieren, und wenn er sie doch verliert, muss er so tun, als hätte er sie noch.
3 Hinterlasse bei den Ermittlungen keine Fingerabdrücke.
4 Jeder ist verdächtig.
5 Alles ist wichtig, bevor es sich als unwichtig herausgestellt hat.
6 Ein Detektiv sollte stets eine Wäscheklammer mit sich führen, denn er muss seine Nase unter Umständen in übel riechende Angelegenheiten stecken.
7 Liste die bekannten Fakten stets schriftlich auf.
8 Streitlust und Rechthaberei sind im Umgang mit Zeugen selten zielführend.
9 Lege dich niemals mit der Polizei an!
10 Ein Detektiv kann nicht immer feinfühlig sein. Er muss jede Ermittlungs-Chance wahrnehmen.
11 Ermittle stets allein. Oder mit vertrauenswürdigen Partnern. Und Partnerinnen.
12 Pizza fördert die Kombinationsgabe.
13 Einem echten Detektiv ist nichts peinlich. Er tut, was die Ermitt-lungen erfordern, ohne Rücksicht auf sein persönliches Befinden.
14 Frühstücke stets ausgiebig, denn die Ermittlungen lassen dir vielleicht keine Zeit für weitere Mahlzeiten.
15 Ein Detektiv fürchtet nichts und niemanden.
16 Sei ein Chamäleon. Passe dich deiner Umgebung an, das ist die beste Tarnung.
17 Ein Detektiv handelt niemals ungesetzlich. Außer, die Umstände erfordern es.
18 Auch das Offensichtliche darf man nicht aus den Augen verlieren.
19 Ziehe keine voreiligen Schlüsse.
20 Ein kluger Detektiv weiß, wann er die Klappe halten muss.
21 Ein Detektiv kümmert sich nicht um die Vergangenheit, sondern schaut stets nach vorn.
22 Vergewissere dich vor Aufnahme der Ermittlungen, ob die Opfer des Verbrechens zuerst Hilfe benötigen.
23 Ein Detektiv kommt niemals zu spät.
24 Um erfolgreich zu ermitteln, muss ein Detektiv die eigenen Vorlieben zurückstellen können.
25 Sei dem Täter stets eine Nasenlänge voraus.
26 Beweismittel sind nicht zum Verzehr bestimmt.
27 Ein Detektiv gibt sich nicht mit übernatürlichen Erklärungen zufrieden.
28 Formuliere deine Fragen so, dass sie die Antwort der Zeugen möglichst wenig beeinflussen.
29 Ein guter Detektiv erkennt, wann er mit seinem Latein am Ende ist.
30 Ein Detektiv macht selten Fehler. Aber wenn doch, muss er sie eingestehen können.

Kapitel 1 In dem ich dem Hilferuf einer Dame in Not folge, einen neuen Fall wittere und vergesse, den Müll mit rauszunehmen.
Es war ein Tag wie Aalsuppe: feucht, trüb und voller unangenehmer Überraschungen. Seit Tagen hatte es nicht aufgehört zu regnen. Ich saß in meiner langweiligen Detektei, lauschte dem langweiligen Prasseln der Tropfen und tippte gelangweilt auf meiner Schreibmaschine. Dabei behielt ich die Uhr im Blick. Meine Kollegin Trix Dobbsen hatte sich mit dem 15-Uhr-Zug aus Humbug angekündigt, um mit mir und unserer Partnerin Wiebke Jansen meinen heutigen Geburtstag zu feiern. Ich freute mich schon darauf, bei Kuchen und Kakao in den Erinnerungen an unseren letzten Fall zu schwelgen. Das verstieß zwar gegen meine Detektiv-Regel Nummer 21: Ein Detektiv kümmert sich nicht um die Vergangenheit, sondern schaut stets nach vorn, aber zurzeit war leider kein neuer Fall in Sicht, egal, wie scharf ich auch nach vorne schaute. Am Haken an der Wand hingen mein Hut und mein Mantel und schienen genauso sehnsüchtig auf einen Einsatz zu warten wie ich.
Ein energisches Klopfen setzte meinen Überlegungen ein jähes Ende. Ich horchte auf. Stand da etwa ein Fall vor der Tür?
»Ja bitte?«, rief ich mit fester Stimme.
Doch es war nur meine Sekretärin. Auf der linken Hand balancierte sie eine Kuchenplatte mit einem saftigen Zitronenkuchen. Den schneeweißen Zuckerguss zierte ein Detektivhut aus braunem Marzipan.
Ich kombinierte: Sie wollte ihrem hart arbeitenden Chef zum Geburtstag eine Freude bereiten. Gerührt zwinkerte ich ihr zu. »Du verwöhnst mich, Schätzchen!«
Ihre wohlgeformte rechte Augenbraue hob sich so weit nach oben, dass sie an der Deckenlampe hängen zu bleiben drohte.
»Ich hab mich wohl verhört! Schätzchen?«
»Äh, Oma meine ich natürlich.«
Ihre Augenbraue entspannte sich, nur um einen Moment später wieder hochzuschnellen.
»Was tippst du denn da schon wieder für einen Quatsch auf der Schreibmaschine zusammen, Harald? Wisch lieber den Tisch ab, damit ihr hier nachher anständig Geburtstag feiern könnt! Ich versteh einfach nicht, warum du unbedingt in deiner kalten, ungemütlichen Detektei mit den beiden Kuchen essen willst. Nee, nee, nee, nee. Hast du überhaupt genug Sitzgelegenheiten für deine Gäste?«
Ich sah mich um. »Äh … nein.«
»Eben. Du kannst die alten Küchenstühle nehmen, die in dem kleinen Kellerraum nebenan stehen. Und denk dran, dass du um drei Trix vom Bahnhof abholen musst. Am besten nimmst du dann gleich den Müll mit raus, nä?«
»Alles klar, Oma.«
Sie setzte den Kuchen auf meinem Schreibtisch ab. »Euren Kakao stelle ich in den Kühlschrank. Ich bin dann mal oben, nä?«
»Ist gut, Oma!«
Okay, okay, okay, ich gebe es zu: Ich hatte natürlich keine Sekretärin. Meine Detektei bestand noch immer bloß aus ein paar alten Möbeln in unserem Keller. Aber wenigstens sagte mir meine Großmutter nicht mehr täglich, dass ich den »blöden Hut« abnehmen sollte. Und sie drohte auch nicht mehr ständig damit, meine Detektei zu schließen. Nur, wenn ich mal wieder eine Fünf in Mathe mit nach Hause brachte.
Als sie weg war, holte ich die beiden alten Stühle und stellte sie in meine Detektei. Dann setzte ich mich wieder an meine Schreibmaschine und tippte: langweilig, langweilig, langweilig …
Ich war gerade beim fünfundzwanzigsten langweilig angekommen, als ein markerschütternder Schrei die Stille durchschnitt.
»Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiieh! Was ist denn das? Harald!«
Ich sprang auf und stürmte in die Küche.
Dort stand meine Großmutter – blass wie ein verschreckter Käsekuchen. »Harald, das … das … das Wasser …«, stammelte sie und zeigte auf den Wasserhahn.
Hätte ich meinen Hut aufgehabt, wäre er mir bei diesem Anblick vor Überraschung hochgegangen: Aus dem Hahn lief grellgrünes Wasser! Es war so penetrant neonfarben, dass es beinahe zu leuchten schien. Vorsichtig näherte ich mich der Spüle.
»Achtung, das Wasser ist sicher giftig!«, rief meine Großmutter.
Ich holte unter der Spüle die gelben Putzhandschuhe hervor und zog sie über. Dann hielt ich meinen Zeigefinger unter den Wasserstrahl, führte die Hand zur Nase und schnupperte. Das grüne Wasser, das aus dem Hahn lief, roch nach – Hähnchen! Schnell drehte ich den Wasserhahn zu.
»Verstehst du das, Harald?« Meine Oma zitterte. »Wieso ist denn das Wasser plötzlich grün?«
Darauf hatte ich leider auch keine Antwort. In meinem Kopf befanden sich nur Fragen: Waren wir der einzige Haushalt, bei dem grünes Wasser mit einem seltsamen Geruch aus der Leitung kam? Wie entstanden die Färbung und das Aroma? Handelte es sich um einen Unfall oder um eine bewusste Manipulation? Wer war dafür verantwortlich?
»Kann ich dich einen Moment alleine lassen?«, fragte ich meine Großmutter. Meine Detektiv-Regel Nummer 22 lautet nämlich: Vergewissere dich vor Aufnahme der Ermittlungen, ob die Opfer des Verbrechens zuerst Hilfe benötigen.
Meine Großmutter wischte sich einige Schweißperlen von der Stirn. »Mit mir ist alles in Ordnung, glaub ich.«
»Super, bis gleich!« Ich rannte hinunter in meine Detektei, platzierte meinen Hut auf dem Kopf, zog den Mantel an, steckte meinen Notizblock und mein Mobiltelefon in die Tasche und sprang die Treppe hoch. Auf dem Weg zurück in die Küche schaute ich im Badezimmer vorbei und kontrollierte das Wasser am Waschbecken und in der Dusche. Es war genau wie in der Küche – Farbe: Grün, Aroma: Hähnchen. Mit meinem Telefon machte ich ein kurzes Video davon, wie das grüne Nass aus Hahn und Brause lief. Zur Beweissicherung.
Zurück in der Küche, drehte ich den Wasserhahn an der Spüle wieder auf. Das Wasser hatte die gleiche grüne Färbung wie vorhin und roch jetzt noch stärker nach Hähnchen. Auch hier machte ich eine kurze Filmaufnahme.
Die Standuhr schlug.
»Nee, nee, nee, nee«, jammerte meine Großmutter, »schon halb drei. In eineinhalb Stunden ist Onkel Freddie da, um mich abzuholen, aber mit dem grünen Wasser kann ich euch doch gar nicht hier alleine lassen.«
»Doch, Oma, kannst du«, versicherte ich ihr mit beruhigend tiefer Stimme. »Verbring mal schön die Osterfeiertage mit Onkel Freddie. Außerdem sind Trix und ich ja nicht allein. Heute Abend kommt schließlich Magnus.« Sie hatte extra meinen großen Bruder aus Humbug herbestellt, damit er auf Trix und mich aufpassen konnte. Das war natürlich vollkommen unnötig.
Meine Großmutter seufzte. »Na gut. Und am Ostermontag bin ich ja schon wieder da.«
»So ist es«, stimmte ich ihr zu. »Es besteht also überhaupt kein Grund zur Sorge.« Schnell drückte ich ihr einen Kuss auf die Wange. »Gute Reise und viel Spaß, Oma.«
»Danke, Harald, aber …«
»Ich muss jetzt dringend los zum Bahnhof. Perfekt, dass Trix gerade heute kommt.«
Meine Oma seufzte noch mal. »Harald, das ist bestimmt kein …«
Mit neunundneunzigprozentiger Sicherheit ging dieser Satz mit »… Fall für euch« weiter, aber ganz genau weiß ich es nicht.
Denn ich war längst draußen, unterwegs im Ruckelnser Regen, mit einer Mission: das Rätsel des grünen Wassers aufzuklären.

Kapitel 2 In dem ich eine Zeugenbefragung per Fahrrad mache, keine Katze geschenkt bekomme und zwei unterschiedliche Zwillinge kennenlerne.
Meine Detektiv-Regel Nummer 23 lautet: Ein Detektiv kommt niemals zu spät. Also schwang ich mich auf mein Fahrrad und trat ordentlich in die Pedale. Wie so oft hatte ich Gegenwind. Aber immerhin wurde der Regen schwächer und hörte irgendwann ganz auf.
Unterwegs sah ich mich nach Passanten um, die ich nach der Farbe ihres Leitungswassers befragen konnte. Als Erste entdeckte ich Frau Hinnerksen, die beste Freundin meiner Großmutter. Sie schloss gerade das Tor ihres Vorgartens hinter sich und stieg auf ihr Rad.
»Moin, Frau Hinnerksen«, rief ich ihr zu, »kommt bei Ihnen zufällig grünes Wasser aus dem Hahn?«
»Genau, Harald, giftgrünes!« Frau Hinnerksen winkte mir fröhlich zu. Sie liebte Sensationen jeder Art. »Und es riecht nach Hähnchen! Nebenan in Frau Sörensens Apotheke ist aber alles normal.«
»Nebenan ist das Wasser nicht grün?« Ich bremste, blieb stehen und notierte mir das.
»Ja, Harald, ist das nicht seltsam? Ich fahre jetzt gleich mal ins Rathaus zu Frau Schuhpisser, um mich über das grüne Wasser zu beschweren. Als Bürgermeisterin ist sie dafür ja wohl zuständig, nä? Und anschließend sage ich Frau Jansen wegen ihrer Schafe Bescheid. Das ist ja auch richtig schlimm, nä? Tschüs, Harald!«
»Was ist denn mit Jansens Schafen?«, hakte ich nach, doch Frau Hinnerksen war schon davongefahren und hörte mich nicht mehr.
Während ich weiterradelte, dachte ich über die neuesten Entwicklungen nach. Wenn auch bei Frau Hinnerksen grünes Hähnchenwasser aus der Leitung kam, waren vermutlich noch mehr Haushalte betroffen. Aber warum war nebenan bei Frau Sörensen das Wasser nicht grün? Zu den beiden Gebäuden führte sicherlich eine gemeinsame Wasserleitung. Wenn Frau Hinnerksen grünes Wasser hatte, Frau Sörensen aber nicht, musste der Grund direkt in der Zuleitung zu Frau Hinnerksens Haus liegen.
Und zu unserem eigenen auch.
Um ein Bild von der Verbreitung des grünen Wassers zu bekommen, rief ich beim Fahren allen Passanten zu: »Moin, ist bei Ihnen das Wasser grün?«
Circa die Hälfte der Leute antwortete mit »Ja«, die andere Hälfte schaute mich entweder verständnislos an oder sagte »Zum Glück nicht!« Bei denen, die ich kannte, notierte ich mir im Kopf den Namen.
Als ich schließlich den Bahnhof erreichte, war ich heiser und vollkommen außer Atem. Ich hatte mich so beeilt, dass ich fünf Minuten zu früh war. Also nutzte ich die Zeit, um meine Umfrage auszuwerten. Ich holte mein Mobiltelefon aus der Manteltasche. »Trix«, sprach ich hinein, »markiere folgende Adressen.«
»In-Ordnung-Harald«, antwortete aus meinem Telefon eine Stimme, die sehr nach Trix klang.
Ich lachte zufrieden. Trix hatte bei unserem letzten Fall ihren Sprachassistenten in »Harald« umgetauft und mit meiner Stimme versehen. Dafür musste ich mich natürlich revanchieren. Wiebke hatte mir dabei geholfen. Sie kannte sich zwar auch nicht so gut mit Technik aus wie Trix, aber zusammen hatten wir es einigermaßen hinbekommen.
»Also, Trix, hör zu.« In mein Telefon sprach ich die Anschriften der Leute, die mir auf der Straße mitgeteilt hatten, dass ihr Wasser grün war.
»Die-Adressen-sind-markiert-Harald.«
»Danke, Trix.«
Die Karte auf meinem Handy zeigte, dass die betroffenen Haushalte kreuz und quer über Ruckelnsen verteilt waren. Als Gegenprobe gab ich auch die Adressen derjenigen Leute ein, bei denen das Wasser nicht grün war. Und tatsächlich: Genau wie im Fall von Frau Hinnerksen und Frau Sörensen lagen die Häuser und Wohnungen mit und ohne grünes Wasser oftmals direkt nebeneinander.
Ich steckte mein Mobiltelefon ein. Was hatte das alles zu bedeuten? Und was war mit Jansens Schafen los? Hatten sie vielleicht von dem grünen Wasser getrunken und es nicht vertragen? Ich nahm mir vor, gleich mit Trix am Deichabschnitt 23 vorbeizugehen. Dort, etwas abseits gelegen, weideten Jansens Schafe zurzeit.
»Es fährt ein: Regionalbahn aus Humbug«, verkündete der Lautsprecher, »dieser Zug endet hier.«
Der rote Zug zuckelte heran und kam mit einem angeberischen Quietschen zum Stehen. Leise piepend öffneten sich die Türen. Ein paar ältere Damen, ein Ehepaar mit Fahrrädern und eine Familie mit ihrem ungefähr fünfjährigen Sohn stiegen aus. Ich kombinierte: Es handelte sich um Touristen, die ihren Urlaub im Juwel am Schlick verbringen wollten. Diese Bezeichnung hat sich unsere Bürgermeisterin Frau Schuhpisser ausgedacht, um Touristen in den Ort zu locken. Frau Schuhpisser übertreibt gerne. Ruckelnsen ist alles andere als ein Juwel. Das mit dem Schlick stimmt allerdings. Wenn das Meer sich bei Ebbe zurückzieht, liegt vor Ruckelnsens Küste eine riesige Fläche aus diesem braunen, matschigen, stinkenden Zeug.
»Harald! Hallo!« Trix stieg aus der hintersten Tür des letzten Waggons. Wie immer war sie in einen schwarzen Anzug mit passender Fliege und einem roten Einstecktuch gekleidet. Sie hatte einen schwarzen Leinenbeutel mit der Aufschrift Humbug! dabei. Außerdem schleppte sie einen kleinen braunen Lederkoffer und einen riesigen weißen Korb mit. Ich kombinierte: Es konnte sich nur um einen Präsentkorb handeln, der mit den verschiedensten Leckereien gefüllt war. Gerührt eilte ich Trix entgegen.
Kaum dass ich bei ihr angekommen war, überreichte sie ihn mir auch schon. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Harald!«
Der Korb war verdammt schwer. »Danke, Trix, aber die Geschenke müssen warten. Wir haben nämlich einen neuen F…«
»Miau!«, tönte es aus dem Korb.
Miau?
»Äh, Trix? Meine Oma und ich haben bereits eine Katze, dieser Fakt ist dir doch bekannt, oder?«
Trix rückte ihre Fliege zurecht. »Natürlich, ich habe Miss Moneypenny ja extra mitgebracht, damit Fräulein Karnelia Gesellschaft hat. Die beiden kennen sich schließlich seit unserem letzten Fall und wollen sich bestimmt gerne mal wiedersehen.«
»Öhm … ah ja, verstehe. Gute Idee.« Ehrlich gesagt war Fräulein Karnelia alles andere als gesellig. Ihr einziger Kontakt zu anderen Katzen bestand darin, den dicken Kater von nebenan zu vermöbeln. »Tjaaaaa… da wird Fräulein Karnelia sich aber freuen«, behauptete ich. »Und übrigens hat unsere Detektei einen neuen …«
»Das bezweifele ich, alle Katzen sind Einzelgänger«, sprach eine näselnde weibliche Stimme dazwischen.
»Oh nein, nicht schon wieder die beiden!«, flüsterte Trix.
Ich wandte mich um. Hinter uns standen zwei zierliche Frauen, die offenbar gerade aus der mittleren Tür des letzten Wagens gestiegen waren. Die beiden hatten eine karierte Reisetasche dabei, aus der eine Leselampe mit grünem Schirm herausragte – ein Teil, wie man es normalerweise zu Hause auf dem Schreibtisch stehen hat. Nicht gerade praktisch für eine Reise. Noch auffälliger als ihr Gepäck waren die Frauen selbst. Sie trugen identische grüne Kleider und glichen sich auch sonst wie ein Ei dem anderen. Nein, korrigierte ich mich, sie sahen sich sogar um einiges ähnlicher, als Eier das für gewöhnlich tun. Beide hatten weit auseinanderstehende wasserblaue Augen, ein blasses Gesicht, hohe Wangenknochen und eine elegante schmale Nase, auf der je eine schwarze, eckige Brille saß. Ihre kinnlangen dunklen Haare waren so exakt geschnitten, als hätte der Friseur dazu ein Geodreieck benutzt. Lediglich die rot geschminkten Münder zeigten einen Unterschied: Während die eine Frau lächelte, sah die andere aus, als hätten ihre beiden Mundwinkel eine dringende Verabredung unter dem Kinn. Sie holte eine E-Zigarette hervor, zog lässig daran und pustete mir den süßlichen Dampf ins Gesicht.
»Die Katzen werden sich garantiert gegenseitig die Augen auskratzen«, verkündete sie.
Trix presste die Lippen aufeinander.
»Es gibt sicher auch Katzen, die Gesellschaft zu schätzen wissen, Klara«, sagte die andere Frau. »Hör doch endlich auf, Trix damit aufzuziehen.« Ihre Stimme klang dunkel und sanft. Sie beugte sich zu Miss Moneypennys Katzenkorb herunter. »Du freust dich auf deine kleine Katzenfreundin, was? Pspspspspsps!«
Die Katze fauchte sie an.
Erschrocken zog die Frau den Kopf zurück. Sie ließ die Mundwinkel sinken, während die ihrer Schwester nach oben schnellten. Die beiden erinnerten mich an die Pole einer Batterie, die niemals beide positiv oder beide negativ geladen sein können.


Trix seufzte tief. »Harald, das sind Klara Schwartz« – sie zeigte auf die Frau mit der E-Zigarette – »und Aurora Schwartz. Wir saßen während der Fahrt im selben Abteil.«
Klara sah Trix herausfordernd an. »Bis die liebe Trix sich von uns weggesetzt hat. Angeblich, weil ihrer Katze die Zugluft in unserem Abteil nicht bekam. In Wirklichkeit sind wir ihr wohl einfach zu sehr auf die Nerven gefallen.«
»Stimmt«, stellte Trix trocken fest. »Und das ist Harald Donnerschlag.«
Aurora lächelt mir zu. »Hallo, Harald.«
Klara musterte mich, als wäre ich eine Nacktschnecke im Teigmantel.
»Herzlich willkommen in Ruckelnsen, dem Juwel am Schlick!«, sagte ich höflich. »Leider ist bei uns zurzeit das Leitungswasser grün, aber das werden wir in Kürze aufgeklärt haben.«
»Interessant«, bemerkte Klara unbeeindruckt.
Aurora hingegen riss erschrocken die Augen auf. »Grünes Wasser? Bist du sicher? Bist du vollkommen sicher? Es ist wirklich … grün?« Sie fasste sich an die Stirn, als hätte sie plötzlich furchtbare Kopfschmerzen.
Klara hakte sich bei ihr unter. »Alles in Ordnung, Auroralein?«
Aurora atmete schwer. Sie nickte langsam. »Ja, ja. Alles in Ordnung.«
Allerdings wirkte sie ganz und gar nicht so, als ob auch nur irgendetwas in Ordnung wäre.
Trix zupfte an ihrer Fliege. »Das Leitungswasser ist echt grün, Harald?«
»Ja. Neongrün«, bestätigte ich, »und es hat ein eher unappetitliches Hähnchenaroma. Doch das Problem wird bald behoben sein.«
»Hähnchenaroma?« Aurora schüttelte den Kopf. »Das passt allerdings nicht dazu.«
»Was passt nicht wozu?«, hakte ich nach.
»Ach, nichts.« Aurora wich meinem Blick aus.
»Ist das hier ein Verhör?«, fragte Klara giftig.
»Nee, Harald ist bloß von Natur aus sehr neugierig«, sagte Trix in einem Tonfall, als würde sie über einen kleinen, nervigen Hund sprechen.
Klara nickte. »Das merkt man.«
Fragen zischten durch meinen Kopf wie Silvesterraketen: Was wollten diese Schwestern in Ruckelnsen? Warum hatte Aurora auf die Nachricht über das grüne Leitungswasser so erschrocken reagiert? Und was meinte sie mit Das passt allerdings nicht dazu? Das Hähnchenaroma? Wozu passte es nicht? Zu der grünen Färbung des Wassers?
»Faszinierend. Ist er in eine Art Trance gefallen?«, hörte ich Klaras nasale Stimme. »Oder schläft er mit offenen Augen?«
»Das ist ganz normal bei ihm«, antwortete Trix. »Er kombiniert.«
Klara lachte. »Ach so, deshalb auch seine seltsame Kleidung. Spielt er Detektiv, oder was?«
Bevor ich ihr erklären konnte, dass ich nicht Detektiv spielte, sondern tatsächlich ein Detektiv war, quäkte der Lautsprecher dazwischen: »Auf Gleis zwei steht für Sie bereit: Regionalbahn nach Humbug. Abfahrt 15:15 Uhr.«
Aurora sah den Zug sehnsuchtsvoll an. »Ach, am liebsten würde ich gleich wieder zurückfahren.«
Klara schüttelte den Kopf. »Unsinn, Auroralein, wir ziehen das jetzt durch!«
»Was wollen Sie denn durchz…«, fing ich an, doch Trix zupfte mich am Mantel.
»Sicher wartet deine Oma schon mit dem Geburtstagskuchen, Harald.« Sie hängte den Stoffbeutel über die Schulter und griff sich ihren Koffer. »Wir müssen leider dringend weg. Tschü-hüs! Vergiss Miss Moneypenny nicht, Harald.«
Zähneknirschend schleppte ich den Katzenkorb hinter ihr her. »Ich kann ja verstehen, dass dir die beiden auf die Nerven gehen, Trix. Aber: Um erfolgreich zu ermitteln, muss ein Detektiv die eigenen Vorlieben zurückstellen können. Das ist meine Detektiv-Regel Nummer 24.«
»Oh, sorry«, sagte Trix. »Die Regel kannte ich nicht. Werde ich mir gleich notieren.«
Großzügig hörte ich über den spöttischen Tonfall hinweg.
Vor dem Bahnhof setzte ich den Katzenkorb auf meinen Gepäckträger und hängte Trix’ Koffer an den Lenker. Dann holte ich mein Mobiltelefon aus der Manteltasche. »Trix, wie kommen wir auf dem schnellsten Weg zum Deichabschnitt 23?«
»Das fragst du mich? Du wohnst doch h…«
»Die-Strecke-ist-berechnet-Harald«, wurde Trix von ihrer eigenen Stimme aus meinem Telefon unterbrochen. »Gehe-tausend-Meter-geradeaus-dann-links-abbiegen-und-siebenhundert-Meter-laufen-kann-ich-sonst-noch-etwas-für-dich-tun.«
Die echte Trix sah mich für einen Moment verständnislos an. Dann lachte sie und klopfte mir anerkennend auf die Schulter – so fest, dass ich beinahe gestolpert wäre. »Das ist wirklich gut, Harald. Die perfekte Revanche.«
Irgendwie war ich enttäuscht. Ein klein wenig hätte Trix sich über meine Retourkutsche ruhig ärgern können.
Stattdessen sagte sie gut gelaunt: »Gehen wir?«
Also gingen wir los.
»Was wollen wir denn überhaupt am Deichabschnitt 23?«, fragte Trix.
»Jansens Schafe …«, fing ich an.
»Miau-hau-hau-hau!«, warf Miss Moneypenny dazwischen. Ihr schien der Transport per Fahrrad nicht besonders zu gefallen. Trix schob ihr ein paar Kitty-Glitter-Katzensnacks in den Korb und verwandelte so das genervte Miauen in zufriedenes Schmatzen.
Ich nutzte die Ruhe, um Trix detailliert meine bisherigen Ermittlungen im Fall des grünen Leitungswassers darzustellen. Trix hörte konzentriert zu.
»Und laut Frau Hinnerksen stimmt irgendwas nicht mit Jansens Schafen«, beendete ich meinen Bericht. »Vielleicht haben sie von dem Wasser getrunken und es nicht vertragen. Deshalb machen wir jetzt einen kleinen Umweg am Deichabschnitt 23 vorbei. Der ist ganz in der Nähe des Bahnhofs, wir sind gleich da.«
»Miau-hau!«, maunzte es schon wieder dazwischen. Ich drehte mich zum Gepäckträger um – und entdeckte Fräulein Karnelia! Sie lief neben meinem Fahrrad her und miaute laut. Ich konnte es kaum glauben. Bei schlechtem Wetter ging Fräulein Karnelia sonst nie raus.
Aus dem Korb kam ein fröhliches »Miau« zurück. Es klang wie eine Begrüßung.
»Schau mal, Trix, Fräulein Karnelia scheint sich wirklich über den Besuch zu freuen«, sagte ich und zeigte auf die Katze, die sehnsuchtsvoll zu meinem Gepäckträger hochblickte.
»Das kann doch unmöglich von dem grünen Wasser kommen!«, rief Trix.
»Wieso Wasser? Ich rede von Fräulein Karnelia.« Ich wandte mich wieder nach vorne.
Und brauchte keine Erklärungen mehr.
Vor uns lag der Deich. Dort standen die Schafe und kauten lässig wie immer vor sich hin.
Nur dass heute grüne Totenköpfe auf ihrem Fell prangten.

Kapitel 3 In dem Wiebkes Mutter sich höchst verdächtig verhält, wir einen Tatort untersuchen und unser erstes Beweisstück finden.
Ich stellte das Fahrrad ab und wollte Trix zum Deich hinterherrennen. Doch ein zweistimmiges »Miau-hau!« hielt mich davon ab. Schnell hob ich den Katzenkorb vom Gepäckträger, öffnete das Gitter und ließ Miss Moneypenny heraus. Dann folgte ich Trix.
Die Schafe grasten vor sich hin und wirkten gänzlich unbeeindruckt. Wahrscheinlich hatten sie heute noch nicht in den Spiegel geschaut.
»Da ist ja Schnucki MäcGaffin«, sagte Trix. »Oh nein, es hat auch was abbekommen.«
Was abbekommen war leicht untertrieben. Das Fell des Schafs zierten zahlreiche grüne Totenköpfe. Sogar die Wolle auf seinem Kopf war grün gezeichnet. Ehrlich gesagt stand ihm das Totenkopf-Muster richtig gut. Schnucki sah aus wie ein lässiges Punker-Schaf. Fast erwartete ich, dass es mich gleich um einen Euro anschnorren würde.

»Harald, Trix!« Wiebke rannte auf uns zu. »Ist das nicht schrecklich?«
Hinter ihr stapfte ihre Mutter den Deich herunter. Frau Jansen wirkte ziemlich wütend.
Als die beiden bei uns ankamen, umarmte Wiebke erst mich und dann Trix. »Herzlichen Glückwunsch, Harald. Schön, dass du da bist, Trix.« Dann wanderte ihr Blick zu den Schafen. Sie schüttelte traurig den Kopf. »Wer macht denn so was? Die armen Tiere.« Ihr standen Tränen in den Augen.
Frau Jansen strich ihr sanft über den Rücken.
»Totenköpfe«, murmelte Wiebke. »Meint ihr, jemand hat was gegen uns? Vielleicht ist es eine Drohung oder so.«
»Das können wir zu diesem Zeitpunkt leider nicht ausschließen«, stimmte ich zu. »Aber möglicherweise richtet sich die Drohung nicht an euch persönlich. Die grüne Farbe der Totenköpfe legt vielmehr einen Zusammenhang mit dem grünen Leitungswasser nahe.«
Wiebke sah mich erstaunt an. »Grünes Leitungswasser?«
»Ja, und Hähnchenaroma hat es außerdem.« Ich holte mein Mobiltelefon heraus und spielte das Video ab, das ich von dem grünen Wasser in unserem Bad gemacht hatte.
Frau Jansen blickte auf den Handybildschirm, atmete hörbar ein und fing an zu husten.
»Alles okay bei dir, Mama?«, erkundigte sich Wiebke.
»Ja, alles in Ordnung.« Frau Jansen keuchte. »Hab mich nur verschluckt.« Sie räusperte sich ein paarmal. »Bist du sicher, dass das Wasser Hähnchenaroma hat, Harald?«
Ich bestätigte das.
»Hm. Das passt eigentlich nicht dazu«, murmelte Frau Jansen vor sich hin.
Ich studierte aufmerksam ihr Gesicht. Sie presste die Lippen aufeinander, und ihre Augen wanderten unruhig hin und her. Es sah aus, als würde sie angestrengt über etwas nachdenken.
»Bei uns ist das Wasser ganz normal«, sagte Wiebke. »Ist es nur bei euch grün, Harald? Oder auch bei anderen Leuten?«
Ich steckte das Telefon zurück in die Manteltasche. »Nach aktuellem Ermittlungsstand sind gleichzeitig circa zehn andere Haushalte betroffen.« Konzentriert betrachtete ich die angesprühten Schafe. »Hm. Totenköpfe sind ein allgemein bekanntes Symbol für Toxikalität.«
»Blök!«, machte Schnucki MäcGaffin.
»Stimmt«, pflichtete auch Trix mir bei, »der Totenkopf bedeutet so viel wie: Vorsicht, giftig!«
Wiebke streichelte Schnucki über den grün bemalten Kopf. »Also meint ihr, dass die Totenköpfe sich auf das grüne Wasser beziehen und zum Ausdruck bringen sollen, dass es giftig ist?«
Ich trommelte mit den Fingern einen langsamen Rhythmus auf meinem Hut. Das erhöht stets meine Kombinierfähigkeit. »Möglicherweise. Allerdings muss das Wasser deshalb nicht tatsächlich giftig sein. Vielleicht will der Täter nur, dass wir dies annehmen.«
»Du, Mama?« Wiebke zupfte ihre Mutter an der Jacke. »Kommst du hier alleine klar? Ich glaube, das ist ein Fall für uns.«
Frau Jansen schüttelte den Kopf. »Nein, Wiebke, das ist kein Fall für euch. Die Sache ist kein Spaß. Da können Kinder nichts ausrichten.«
Wiebke wurde unter ihren Sommersprossen rot. »Wir sind keine Kinder!«
»Oh doch, keine Diskussion!« Frau Jansen verschränkte die Arme vor der Brust.
»Wollen Sie wegen der Schafe die Polizei rufen?«, erkundigte ich mich.
Jetzt bildeten sich auch in Frau Jansens Gesicht rote Flecken. »Nein, das werde ich nicht tun. Ich vermute, dass es sich um Viehkennzeichnungsfarbe handelt, die lässt sich in ein paar Wochen auswaschen. Es gibt also keinen Sachschaden. Wiebke, du fährst nach Hause und hilfst Oma, den Stall sauber zu machen. Hier können wir sowieso nichts ausrichten. Und ich muss jetzt kurz zum Tierfutterhandel. Hab was Dringendes vergessen.«
»Da kann ich dich doch begleiten.«
»Nein, kannst du nicht, Wiebke, sonst werden wir mit dem Stall nie fertig. Ab mit dir!«
»Na gut, ich komme dann später in die Detektei nach.« Wiebke warf uns noch einen genervten Blick zu, dann stieg sie auf ihr Rad und fuhr los.
Ihre Mutter dampfte in die entgegengesetzte Richtung davon.
Als sie außer Hörweite waren, sagte Trix: »Das passt eigentlich nicht dazu.« Sie klang fast wie Frau Jansen.
Mir war sofort klar, was Trix meinte. »Ja, das ist mir auch aufgefallen. Sowohl Frau Jansen als auch Aurora Schwartz haben gesagt, etwas passe nicht dazu. Die Frage ist nur: Was passt nicht wozu?«
Trix zupfte an ihrer Fliege. »Hm. Das Hähnchenaroma passt nicht zu dem grünen Leitungswasser, würde ich sagen. Es klingt fast, als wüssten sie etwas darüber.«
Das sah ich genauso. »Ja, es wirkt ganz so, als ob grünes Leitungswasser ihnen als Idee nicht unbekannt wäre – nur eben ohne Hähnchenaroma. Wobei es schon sehr merkwürdig ist, dass beide ähnlich reagiert haben. Sie kennen sich ja nicht mal, oder? Aber wir sollten jetzt erst mal den Tatort untersuchen.«
Wir fotografierten die Schafe von allen Seiten. Mit der Schere meines Taschenmessers schnitt ich bei Schnucki MäcGaffin eine Locke des grün gefärbten Fells ab. Ich steckte sie in eine der durchsichtigen Plastiktüten, die ich stets zur Verwahrung von Beweismitteln mit mir führe. Anschließend untersuchten wir das Gras Zentimeter für Zentimeter auf Spuren. Leider war zunächst außer jeder Menge Schafsköttel nichts zu finden. Die Schafe sahen uns gelangweilt kauend zu. Ja, Detektivarbeit kann verdammt dröge sein. Ich unterdrückte gerade ein Gähnen, da rief Trix plötzlich: »Huch, was ist das denn?«
Ich rannte zu ihr.
»Ich bin auf irgendwas getreten.« Trix holte ein Taschentuch hervor und hob damit etwas auf. »Hier.« Sie hielt ein kleines, silbrig schimmerndes Döschen in der Hand. Grashalme klebten daran. Trix zeigte auf den Deckel. »Da ist ein Monogramm eingraviert. Die Buchstaben M. und S.« Sie schüttelte das Döschen. »Vermutlich sind Tabletten drin. Das könnte eine Spur zum Täter sein. Andererseits kann es natürlich auch eine vollkommen unbeteiligte Person hier verloren haben.«
Ich entnahm meiner Manteltasche eine weitere Plastiktüte. »Frau Jansen kann das Döschen schon mal nicht gehören. Sie heißt Jeske mit Vornamen, ihre Initialen sind also J. J. Vielleicht weiß Wiebke, ob die Buchstaben M. S. zu irgendwem passen, der sich auf diesem Deich um die Schafe kümmert.«
Trix ließ das Beweisstück vorsichtig in die Tüte gleiten. »Wir sollten das Döschen nachher in der Detektei genauestens auf Fingerabdrücke untersuchen.«
Ich steckte die Tüte ein. »Und um das grüne Leitungswasser müssen wir uns auch kümmern.« Es wurde Zeit, dass wir eine echte Spur fanden. Meine Detektiv-Regel Nummer 25 lautet: Sei dem Täter stets eine Nasenlänge voraus. Davon konnte gerade keine Rede sein. Wir kannten weder den Täter noch seine Nase und hatten keine Ahnung, was er als Nächstes plante.
Als wir an meinem Fahrrad ankamen, sah Trix sich suchend um. »Wo ist denn Miss Moneypenny? Der Katzenkorb steht ja leer auf dem Boden. Hast du sie etwa rausgelassen?«
Ich winkte beruhigend ab. »Fräulein Karnelia hat sie abgeholt, und die beiden sind zusammen losgezogen.«
Trix grinste. »Alle Katzen sind Einzelgänger.« Sie klang exakt wie Klara. »Von wegen!«
Wir nahmen den Weg auf der Seeseite des Deiches. Erstens ging das am schnellsten, und zweitens konnte Trix so gleich mal das Meer bewundern. Theoretisch jedenfalls. Praktisch war gerade Ebbe und statt blauem Wasser nur brauner Schlick zu sehen. Er stank heute mal wieder besonders exquisit. Ich schaute Trix von der Seite an. Rümpfte sie die Nase? Aber sie schien den Gestank gar nicht zu bemerken.
Ich schob mein Fahrrad mit dem Koffer und dem leeren Katzenkorb neben mir her und dachte angestrengt nach. Warum waren Frau Jansen und Aurora Schwartz beide der Meinung, Hähnchenaroma passe nicht zu grünem Wasser? Kannten sie sich? Oder war ihre ähnliche Reaktion Zufall? Wem gehörte das Pillendöschen? Und gab es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen dem grünen Wasser und den grünen Totenköpfen?
Nach einer Weile überquerten wir den Deich und bogen rechts in Richtung Ortszentrum ab. Langsam wurde die Bebauung dichter, und schließlich kamen wir in Ruckelnsen-City an, wenn man das so sagen kann. Hier reihte sich Fisch-Imbiss an Fisch-Imbiss, mit ein paar Cafés und Souvenirgeschäften dazwischen.
Plötzlich blieb Trix stehen und hielt mich am Mantel fest. Sie flüsterte: »Schau mal unauffällig da rüber.«
Ich folgte mit den Augen ihrem Blick. Und sah gerade noch Frau Jansen im Eingang des Ruckelnser Teestübchens verschwinden.
Zusammen mit Klara und Aurora Schwartz.

Kapitel 4 In dem wir Frau Jansen und die Schwartz-Zwillinge observieren, Trix ihre Lieblingsbonbons bekommt und der Gast König ist.
Trix und ich blieben in einiger Entfernung stehen und behielten das Teestübchen im Auge. Durch die beschlagenen Scheiben des Cafés waren schemenhaft drei Gestalten zu erkennen.
»Sie setzen sich zusammen an den Tisch am Fenster«, flüsterte Trix. »Das ist es also, was Frau Jansen plötzlich so dringend erledigen musste. Von wegen Tierfutterhandel! Offenbar kennt sie Klara und Aurora.«
Ich nickte. »Da drin können wir die drei leider schlecht observieren. Das Teestübchen besteht nur aus einem einzigen Raum. Da sehen sie uns sofort. Und Frau Jansen ahnt bestimmt, dass wir ermitteln. Wenn wir in dem Café auftauchen, werden sie bloß belangloses Zeug reden.«
Ein Klappen ließ mich verstummen. Jemand hatte das Fenster auf Kipp gestellt! Trix deutete auf den Holunderbusch, der den Vorgarten des Teestübchens zierte. Ich nickte, lehnte mein beladenes Fahrrad an das Haus nebenan und hockte mich dann mit Trix hinter den Strauch.
»Wenn du hier schon dampfen musst, dann wenigstens bei offenem Fenster, Klara«, war eine Stimme von drinnen zu hören. »E-Zigaretten sind mindestens so gesundheitsschädlich wie normale.«
Ich kombinierte: Das hatte Aurora gesagt.
»Beruhig dich, Auroralein, das Fenster ist ja jetzt offen.« Nasal und bestimmt: Klara.
»Jetzt lenkt nicht ab, ihr beiden! Was soll das mit dem Leitungswasser und den Schafen? Das hätte ich euch nicht zugetraut. Jahrelang habt ihr nichts von euch hören lassen, und dann taucht ihr plötzlich wieder auf und macht so was!«
Ich nickte Trix zu. Das war ganz klar Frau Jansens Stimme.
»Aber wir …«, fing Aurora an.
Klara fiel ihr ins Wort. »Wir haben mit dem grünen Wasser nichts zu tun, Jeske. Wir sind genauso überrascht wie du. Und was ist überhaupt mit deinen Schafen?«
»Das wisst ihr doch ganz genau: Ihr habt sie mit grünen Totenköpfen besprüht!«
»Was?«, keuchte Aurora.
»Glaub mir, Jeske.« Das war wieder Klara. »Wir wussten bis gerade eben nicht mal davon.«
»Wollt ihr etwa behaupten, das wäre Zufall?« Frau Jansen war die Wut deutlich anzuhören. »Auf einmal seid ihr wieder in Ruckelnsen, und rein zufällig geschieht genau das, was wir damals …«
»Na, wer hockt denn da im Hollerbusch drin?«, erscholl plötzlich hinter uns eine laute, kratzige Stimme.
Trix und ich duckten uns noch etwas tiefer.
»Tut da mal rrrrrauskommen aus euerm Busch, ihr Lunkohren!«
Seufzend krochen Trix und ich hinter dem Busch hervor. Besser brachen wir die Observation ab, als dass Klara, Aurora und Frau Jansen womöglich auf uns aufmerksam wurden.
Einen Moment später standen wir vor einem schlecht rasierten, untersetzten Mann, der in ein schmutziges blaues Fischerhemd gekleidet war.
»Das ist Käpt’n Flock«, flüsterte ich Trix zu, »er …«
»Und jetzt verrrrrradet mir mal, wem ihr da was abgelauscht habt, nä?«, rief Käpt’n Flock dazwischen. Wie immer war seine Aussprache sehr feucht. Trix wurde von einem Spucketropfen getroffen und machte einen kleinen Schritt nach hinten.
»Wir haben nicht gelauscht, Käpt’n Flock«, erklärte ich möglichst leise, »wir ermitteln.«
Der Käpt’n winkte mit einer übertriebenen Geste ab. »Jau, Mensch, Harald, das hatt’ ich ja ganz vergessen, dat du ja so wat wie ’n Meisterdetektiv bist, nä? Und deine lüdde Freundin hier auch, oder wat?«
Trix räusperte sich. »Mein Name ist Dobbsen. Trix Dobbsen. Ich bin Privatermittlerin.«
Käpt’n Flock lachte rasselnd. »Angenehm, nä? Und mein Name is Flock. Thorsten Flock. Aber sag ruhig Käpt’n Flock zu mir, dat machen hier alle so, nä?« Er schüttelte Trix die Hand. »Mir tut das Ruckelnser Heimat- und Schifffahrtsmuseum gehören.«
»Meine Oma wartet mit dem Geburtstagskuchen auf uns«, sagte ich schnell.
Der Käpt’n schüttelte auch mir die Hand. »Ach ja, alles Gute zu deinem Ehrentag, Harald! Aber Kuchen kann ja zum Glück nicht kalt wern, nä? Am besten kommt ihr gleich mal mit zum Museum, da darf Trix sich meine hochinteressanten Exponate ankieken.«
»Aber unser Kakao, der kann kalt werden«, behauptete ich. Käpt’n Flock wusste ja nicht, dass der Kakao bereits im Kühlschrank stand, weil ich ihn eiskalt am liebsten mochte. »Komm, Trix!« Ich griff mir mein Fahrrad und lief los. »Bis bald, Käpt’n Flock!« Wir ließen ihn stehen.
»Was sollte das denn jetzt?«, keuchte Trix, während sie neben mir herrannte. »Der wirkte doch ganz lustig.«
Ich schüttelte den Kopf. »Wenn der anfängt zu erzählen, kommt man nicht mehr weg. Und wenn man Pech hat, singt er sogar. Dabei wird seine Aussprache noch feuchter.«
Wir verlangsamten unseren Schritt.
Trix grinste. »Und ich dachte, ein Detektiv müsste für die Ermittlungen seine eigenen Vorlieben zurückstellen können.«
Ich winkte ab. »Käpt’n Flocks Gequatsche hat doch mit unseren Ermittlungen nichts zu tun. Viel interessanter finde ich das Gespräch, das wir gerade am Teestübchen mithören konnten. Frau Jansen hat gesagt: Auf einmal seid ihr wieder in Ruckelnsen, und rein zufällig geschieht genau das, was wir damals … Wie ging der Satz wohl weiter?«
»Genau das, was wir damals … was wir damals befürchtet haben?«, schlug Trix vor. »Was wir damals machen wollten? Oder vielleicht sogar: was wir damals gemacht haben? Welche Variante hältst du für am wahrscheinlichsten?«
»Auch das müssen wir ermitteln«, stellte ich fest. »So, wir sind da.« Ich lehnte mein Fahrrad an unseren Zaun.
»Wem gehört denn der schicke rote Geländewagen?« Trix zeigte auf das Auto, das auf der Straße vor unserem Haus parkte. Auf dem Dachgepäckträger thronte ein Kajak. »Schönes Teil«, kommentierte sie. »Damit kann man hier sicher gut herumpaddeln.«
»Keine Ahnnung, wem das gehört.« Ich nahm Koffer und Katzenkorb vom Fahrrad herunter und drückte beides Trix in die Arme. Dann schloss ich die Haustür auf.
»Wir sind da-ha!«, rief ich. Im selben Moment fiel mir ein, dass meine Großmutter ja längst von Onkel Freddie abgeholt worden war. Trotzdem bekam ich eine Antwort: »Mi-au-hau!«
»Miss Moneypenny!«, rief Trix.
Wir folgten dem Miauen in die Küche. Dort saßen Fräulein Karnelia und Miss Moneypenny einträchtig nebeneinander und fraßen.
»Meine Oma scheint vor ihrer Abreise noch die Näpfe gefüllt zu haben«, stellte ich fest.
»Ist deine Großmutter weggefahren?«
»So ist es. Sie verbringt die Osterfeiertage bei meinem Großonkel. Am Ostermontag ist sie zurück. Aber wir sind nicht alleine. Sie hat extra Magnus aus Humbug herbestellt, um auf uns aufzupassen. Er kommt heute Abend.«
Trix zuckte mit den Schultern. »Wenn es deine Oma beruhigt.«
Ich verdrehte die Augen. »Am besten bringen wir erst mal dein Gepäck in das Gästezimmer oben. Und dann gehen wir runter in die Detektei.«
»Okay, kann ich vorher noch einen von den Eukalyptusbonbons haben?«
»Ja, klar«, antwortete ich automatisch. Doch dann stutzte ich. »Was für Eukalyptusbonbons denn?«
»Na, diese da.« Trix nahm etwas von der Anrichte und hielt es mir vor die Nase: ein in grünes Papier eingewickeltes Bonbon. »Da liegen noch mehr.«
Tatsächlich. Auf der Anrichte verstreut lagen grün eingewickelte Bonbons. »Komisch. Wir haben sonst nie Eukalyptusbonbons im Haus. Weder meine Oma noch ich mögen die.«
Trix wickelte das Bonbon aus und steckte es in den Mund. »Verstehe ich nicht. Die sind doch köstlich.«
Ich verspürte ein höchst unangenehmes Gefühl im Magen.
Und einen Moment später war mir auch klar, warum. »Atme mal bitte in die andere Richtung, Trix. Du riechst wie mein Mathelehrer.«
Trix lachte, was eine noch dickere Eukalyptuswolke in meine Richtung schickte. »Wieso das denn?«
»Er lutscht ständig solche Bonbons. Ich glaube, er bestellt sie sogar extra aus Australien. Hier gibt es die gar nicht zu kaufen.«
»Exquisit«, kommentierte Trix mit vollem Mund. »Wie kommt deine Oma denn dann an die ran? Hat sie die auch in Australien bestellt?«
Das konnte ich mir selbst nicht erklären. »Ich habe keinen blassen Schimmer.«
Trix nahm sich gleich noch ein Bonbon und wickelte es aus. »Weißt du, was auffällig ist an den Dingern?«
»Außer der Tatsache, dass sie bestialisch stinken?«
Trix hielt mir das eckige Bonbon hin. Es funkelte im Licht wie ein Diamant. »Sie sind grün. So wie das Leitungswasser und die Totenköpfe auf den Schafen. Grün scheint die Farbe des Tages zu sein.« Sie griff sich die übrigen Bonbons von der Anrichte und ließ sie in ihre Jackentasche gleiten. »Ich stelle diese Beweisstücke mal sicher.«
Aber: »Beweismittel sind nicht zum Verzehr bestimmt«, erinnerte ich Trix. »Das ist meine Detektiv-Regel Nummer 26.«
Sie grinste. »Keine Sorge. Gegen eine von deinen Detektiv-Regeln würde ich niemals verstoßen.«
Mit dem Koffer und dem Katzenkorb beladen, stiegen wir die knarzende alte Treppe hoch. Ich zeigte Trix ihre Unterkunft und ließ sie dabei nicht aus den Augen. Ich fragte mich, was sie von dem Zimmer hielt. Es war klein und hatte eine schräge Decke, weil es direkt unter dem Dach lag. Das alte Doppelbett aus dunklem Holz füllte fast den ganzen Raum aus. Trix war ganz anderes gewohnt. Zu Hause residierte sie in einer riesigen Villa.
Doch Trix sah richtig begeistert aus. »Total gemütlich!«
Wir stellten den Koffer und den Katzenkorb in eine Ecke.
»Mein Zimmer ist gleich nebenan«, erklärte ich Trix, als wir wieder auf den Flur traten. »Und das da ist unser zweites Gästezimmer.« Ich zeigte auf eine blaue Tür gegenüber. »In der Hochsaison vermieten wir beide Zimmer an Urlauber. Aber jetzt in der Nebensaison stehen sie leer.«
Die Tür ging auf. »Dem muss ich ausdrücklich widersprechen, nicht wahr?«, sagte jemand.
In der Tür stand ein älterer Herr, den ich noch nie gesehen hatte.
Trix machte ein Geräusch, als hätte sie einen Beutel Murmeln verschluckt. Dann fing sie wie verrückt an zu husten.
»Habe ich euch erschreckt?«, rief der Mann.
»Uns erschreckt nichts«, erwiderte ich, »Gefahr ist unser Geschäft.« Dabei klopfte ich Trix auf den Rücken, die immer noch Geräusche von sich gab wie ein Seehund mit Schluckauf.
Aus den Augenwinkeln betrachtete ich den Fremden, der eine bedröppelte Miene machte. Er war nicht viel größer als ich und hatte graue Locken, die sich vorne zu einer Halbglatze lichteten. Gekleidet war er in ein weißes Hemd mit weiten Ärmeln, eine rot glänzende Weste, die mit einem gelben Blumenmuster bestickt war, und eine schwarze Cordhose. Durch die Gläser einer goldenen Brille blickte er uns freundlich an. Doch das Bemerkenswerteste an ihm war seine Nase. Sie sah aus, als hätte er sie als Kind zu lange an einer Schaufensterscheibe platt gedrückt. Man konnte von vorne in seine Nasenlöcher hineinschauen wie in einen Autobahntunnel mit zwei Röhren. Wahrscheinlich schaltete er jedes Mal die Scheinwerfer ein, bevor er sich in der Nase bohrte.

Trix hustete und hustete.
Der Nasen-Herr sah uns bedauernd an. »Hat Frau Donnerschlag euch denn gar nicht mitgeteilt, dass sie in der Tat so freundlich war, mir das Zimmer zu vermieten?«
Ich räusperte mich. »Nein, dieser Fakt ist mir nicht bekannt.«
Trix hustete noch stärker.
»Trix? Alles in Ordnung?«
»Bonbon – verschluckt«, röchelte sie.
Der Nasen-Herr warf ihr einen besorgten Blick zu. »Ist es sehr schlimm? Soll ich das Heimlich-Manöver bei dir zur Anwendung bringen?«
»Heimlich-was? Nein!«, keuchte Trix.
»Was ist denn das Heimlich-Manöver?«, erkundigte ich mich, während ich Trix noch stärker auf den Rücken klopfte.
»Das Heimlich-Manöver ist nach seinem Erfinder, dem amerikanischen Arzt Henry J. Heimlich, benannt, nicht wahr?«, erläuterte der Mann in aller Seelenruhe. »Dabei wird der Bauchraum komprimiert, um einen Überdruck zu erzeugen, der den Fremdkörper aus der Luftröhre katapultiert.«
Trix machte ein Geräusch wie ein lungenkranker Frosch, dann flog etwas Grünes in hohem Bogen aus ihrem Mund.
Der Mann duckte sich gerade noch rechtzeitig. Das Bonbon zischte über ihn hinweg in sein Zimmer.
Er lächelte und entblößte dabei eine breite Lücke zwischen den Schneidezähnen. »Offenbar hat allein die Beschreibung des Heimlich-Manövers schon ausgereicht, nicht wahr?«
Trix wischte sich die Tränen aus den Augen. Ich kombinierte: Sie war für die nächsten Minuten nicht ansprechbar.
»Meine Großmutter hat Ihnen also das Zimmer vermietet, ja?«, nahm ich das Gespräch mit dem Nasen-Typen wieder auf. »Wollen Sie Urlaub in Ruckelnsen machen?«
»In der Tat. Ich möchte die Osterfeiertage nutzen, um die Gegend ein wenig mit meinem Kajak zu erkunden. Ich brauche in der Tat Bewegung, ich hab ein wenig Bauchfett angesetzt in letzter Zeit.« Er klopfte auf seinen stattlichen Bauch. »Und natürlich will ich mir morgen Abend die berühmten bunten Osterfeuer am Strand ansehen. Das muss ja in der Tat eine ganz tolle Sache sein, nicht wahr?«
»Ja, Sie werden nicht enttäuscht sein«, prophezeite ich ihm. »In die Flammen wird Leuchtfarbe gekippt, sodass sie in allen Farbschattierungen flackern. Es ist ein beeindruckender Anblick.«
»Genau so hat mir die nette Frau Schuhpisser das vorhin auch geschildert. Unglaublich großartig – das waren ihre Worte. Von ihr habe ich auch eure Adresse bekommen. Wenn ich das richtig verstehe, betreibt sie nicht nur die Zimmervermittlung im Ort, sondern ist hier auch die Bürgermeisterin?«
Ich nickte. Trix schnäuzte sich.
»Frau Schuhpisser teilte mir außerdem mit, dass in eurem schönen Ort das Leitungswasser heute leider eine grüne Färbung angenommen hat. Aber sie sagte, die Wasserwerke würden einen Tankwagen mit Trinkwasser vor dem Rathaus aufstellen. Das habe ich dann gleich deiner Großmutter mitgeteilt, nicht wahr? Sie hat mir netterweise eine Kanne Kakao zu trinken gegeben und mir versichert, dass ihr nach eurer Rückkehr zeitnah Wasser holen gehen würdet. Es wäre gut, wenn ihr das in der Tat sofort erledigen könntet. Die grüne Giftbrühe möchte ich dann doch nicht zu mir nehmen, nicht wahr? Ich bin schließlich hier, um mich zu erholen, und nicht, um meine Gesundheit zu ruinieren.«
Ich knirschte mit den Zähnen. Meine Oma hatte ganz offensichtlich meinen Kakao an diesen Fremden verschenkt! Und wir hatten wirklich Wichtigeres zu tun, als eimerweise Wasser herzuschleppen. Doch leider war der Nasen-Typ ein Feriengast. Der Gast ist König. Das war zwar keine Detektiv-Regel, aber meine Großmutter bestand trotzdem darauf.
»Selbstverständlich. Wasser kommt gleich«, grummelte ich also.
»Danke schön, sehr zuvorkommend. Ach ja – ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Remmer Klaus. Remmer ist der Vorname, nicht wahr?«
»Angenehm«, antwortete ich, »mein Name ist Harald Donnerschlag. Und das ist Trix Dobbsen.«
»Trix ist der Vorname«, röchelte Trix. Sie klang immer noch ziemlich mitgenommen.
Remmer Klaus lächelte. »Es freut mich, eure Bekanntschaft zu machen, nicht wahr?«
Dann haute er uns die Tür vor der Nase zu.
Trix krächzte: »Ich schlage vor, wir gehen nun in der Tat sofort Wasser holen, nicht wahr?«
Ich nickte. »Und anschließend machen wir zeitnah mit den Ermittlungen weiter!«
Pulsuz fraqment bitdi.