Kitabı oxu: «Borne»
Zum Buch
In einer zerstörten Stadt der nahen Zukunft überlebt Rachel, indem sie in den Ruinen nach Überresten biotechnologischen Abfalls sucht. Ihre Beute bringt sie zu ihrem Partner Wick, der aus den gesammelten Überresten psychoaktive Drogen herstellt und verkauft. Die Stadt ist gefährlich, übersät mit den ausrangierten Experimenten der Firma – einem zerfallenen Biotech-Unternehmen – und geplagt von den unvorhersehbaren Raubzügen eines riesigen Bären namens Mord.
Im Fell von Mord findet Rachel bei einer ihrer Expeditionen Borne, ein undefinierbares Wesen, das auf sie eine merkwürdige Anziehung ausübt. Entgegen ihren Instinkten – jede Schwäche kann dich in dieser erbarmungslosen Stadt töten – nimmt sie Borne mit in ihr Versteck. Doch Borne ist viel mehr, als Rachel sich vorstellen kann. Er lernt sich zu bewegen, zu reden, seine Gestalt zu verändern und beginnt zunehmend, die delikate Balance der Macht in der Stadt zu bedrohen. Während sich neue Feinde der Firma formieren, führt Bornes Metamorphose Rachel vor Augen, wie sehr ihre prekäre Existenz auf Lügen und Geheimnissen beruht, deren Aufdeckung ihre Welt für immer verändern wird.
Über den Autor
Jeff VanderMeer wurde 1968 in Pennsylvania geboren und wuchs auf den Fidschi-Inseln auf. Er ist ein vielfach ausgezeichneter Science-fiction-Autor – u.a. mit dem Nebula Award, dem Hugo Award, dem World Fantasy Award und dem British Science Fiction Award – und Herausgeber zahlreicher Anthologien.
Jeff VanderMeer lebt in Tallahassee, Florida. Zuletzt erschien von ihm bei Kunstmann die Southern-Reach-Trilogie.

JEFF VANDERMEER
BORNE
ROMAN
Aus dem Englischen
von Michael Kellner
Verlag Antje Kunstmann
Für Ann
ERSTER TEIL
WAS ICH FAND UND WIE ICH ES FAND
Ich fand Borne an einem sonnigen, stahlblauen Tag, als der riesige Bär Mord sich in der Nähe unseres Zuhauses herumtrieb. Zunächst war Borne für mich einfach etwas, das wir vielleicht verwerten konnten. Ich wusste nicht, was Borne für uns bedeuten würde. Ich konnte nicht wissen, dass er alles verändern würde. Mich inklusive.
Auf den ersten Blick machte Borne nicht viel her: Er war dunkelviolett, etwa so groß wie meine Faust und klebte in Mords Pelz wie eine halb geschlossene, gestrandete Seeanemone. Ich fand ihn nur, weil er ungefähr alle dreißig Sekunden ein smaragdgrünes Leuchten aufblitzen ließ, wie ein Leuchtfeuer.
Als ich näher kam, stieg mir in Wellen der Geruch von Salzlake in die Nase, und einen Augenblick lang war die zerstörte Stadt um mich herum verschwunden, gab es keine Suche nach Nahrung und Wasser mehr, keine umherstreunenden Gangs und entlaufenen, modifizierten Kreaturen von unbekannter Herkunft, deren Absichten man nicht kannte. Keine verstümmelten, verbrannten Körper, die an kaputten Straßenlaternen hingen.
Stattdessen sah das Ding, das ich gefunden hatte, einen alarmierenden Augenblick lang aus wie aus den Gezeitenbecken meiner Jugend, bevor ich in die Stadt gekommen war. Ich konnte das Salz wieder riechen und den Wind spüren, und die vertraute Kälte des Wassers, das über meine Füße schwappte. Die lange Suche nach Muscheln, die schroffe Stimme meines Vaters und der Singsang meiner Mutter. Der honigwarme Sand, in den meine Füße sanken, während ich auf den Horizont und die weißen Segel starrte, die von fernen Besuchern auf unserer Insel kündeten. Falls ich jemals auf einer Insel gelebt hatte. Falls das jemals der Wahrheit entsprochen hatte.
Die Sonne hoch oben war von einem kariösen Gelb wie das Auge von Mord.
Ich hatte Mord den ganzen Vormittag über verfolgt, von dem Augenblick an, als er im Schatten eines Gebäudes der Firma weit im Süden erwacht war; so fand ich Borne. Der De-facto-Herrscher unserer Stadt hatte sich in die Lüfte erhoben und sich meinem Versteck genähert, um seinen Durst zu stillen, indem er den riesigen Schlund öffnete und mit der Schnauze durch das verseuchte Flussbett im Norden pflügte. Niemand außer Mord konnte aus diesem Fluss trinken und überleben; die Firma hatte ihn so geschaffen. Dann schwang er sich wieder hoch ins Blaue, ein Killer, leicht wie der Samen einer Pusteblume. Wenn er auf seinem Weg nach Osten unter dem finsteren Blick regenloser Wolken Beute fand, stieß er aus der Höhe hinab und befreite ein schreiendes Stück Fleisch von der Notwendigkeit zu atmen. Ließ von ihm nichts als eine blutige Gischt übrig, eine schäumende Wolke unvorstellbar fauligen Atems. Manchmal brachte ihn das Blut zum Niesen.
Niemand, nicht einmal Wick, wusste, warum die Firma den Tag nicht hatte kommen sehen, an dem Mord von ihrem Wächter zu einem Verhängnis geworden war – warum sie nicht versucht hatte, ihn zu zerstören, solange sie noch die Macht dazu hatte. Inzwischen war es zu spät, denn Mord war nicht nur zu einem Ungeheuer mutiert, sondern hatte durch irgendeinen Technikzauber, der der Firma abgepresst worden war, auch gelernt zu schweben, zu fliegen.
Als ich Mords Lagerplatz erreichte, wurde er in seinem unruhigen Schlaf von erdbebenartigen Rülpsern geschüttelt; seine Hüfte ragte über mir empor. Sogar wenn er auf der Seite lag, war er drei Stockwerke hoch. Sein befriedigter Blutdurst hatte ihn schläfrig gemacht, und auf der Suche nach einem Ruheplatz hatte er sich auf einem Gebäude niedergelassen, dessen Mauerreste aus Ziegelsteinen jetzt überall unter ihm hervorquollen und ihren Zweck als Schlafstatt erfüllten.
Mord hatte Zähne und Klauen, die blitzschnell zerfleischen und vernichten konnten. Seine Augen, die manchmal sogar beim Träumen offen standen, waren gewaltige, fliegenverkrustete Leuchtfeuer, Spione seines Geistes, der – so glaubten einige – in kosmischen Größenordnungen arbeitete. Aber für mich, den menschlichen Floh an seiner Flanke, bedeutete er vor allem eine gute Quelle für Wiederverwertbares. Mord zerstörte unsere kaputte Stadt, aber unfreiwillig belebte er sie auch wieder.
Wenn Mord sich von seinem Lager aus, das er in die beschädigte Seite des Firmengebäudes geschlagen hatte, mit Schaum vor dem Maul auf den Weg machte, verfingen sich allerlei Schätze in seinem klebrigen, verdreckten Pelz, der vor Aas und Chemikalien stank. Er beschenkte uns mit Packungen namenlosen Fleisches, Reste aus Firmenbeständen, und manchmal stieß ich auf Kadaver nicht wiederzuerkennender Tiere, mit durch Innendruck geborstenen Köpfen und grellweißen, hervorquellenden Augen. Wenn wir Glück hatten, regnete es, während er herumtapste oder hoch über uns hinwegglitt, manche dieser Schätze aus seinem Pelz, dann mussten wir nicht auf ihn hinaufklettern. An besonders guten, sprich schlechten Tagen fanden wir Käfer, die man sich ins Ohr stecken konnte, wie die, die mein Partner Wick herstellte. Aber wie im Leben überhaupt konnte man nie sicher sein, und so folgten wir Mord mit gesenktem Kopf und auf Knien in der Hoffnung, dass er liefern würde.
Wick warnte mich immer, dass einige dieser Dinge möglicherweise absichtlich dort platziert worden waren. Dass es Fallen sein könnten. Oder dass sie in die Irre führen sollten. Aber ich kannte mich mit Fallen aus. Ich stellte selbst welche. Wick wusste, dass ich sein »Sei vorsichtig!« in den Wind schlug, wenn ich morgens aufbrach. Ich ging das Risiko ein, um mein eigenes Überleben zu sichern und ihm zurückzubringen, was ich fand, damit er es inspizieren konnte wie ein Wahrsager einen Haufen Gedärme. Manchmal dachte ich, Mord würde die Sachen aus einem verqueren Verantwortungsgefühl heraus zu uns, seinen Spielzeugen, seinen Folterpuppen, bringen; ein andres Mal schien es mir, als hätte die Firma ihn dazu verleitet.
So mancher Sammler, der wie ich jetzt Mords Flanke begutachtete, überschätzte die Tiefe von Mords Schlaf und fand sich hochgehoben, haltlos, und zu Tode stürzen … ohne dass Mord es bemerkte, der wie ein Felsbrocken über sein Jagdgebiet dahinglitt, die Stadt, die sich diese Beteichnung noch nicht wieder verdient hatte. Und so riskierte ich nicht viel mehr als Erkundungstouren entlang seiner Flanke. Seether. Theeber. Mord. Er hatte viele Namen, die denen, die sie laut aussprachen, wundersam erschienen.
Schlief Mord also wirklich, oder hatte er in seiner verdorbenen, giftigen Abfallhalde von Kopf einen Trick ausgeheckt? Es war nicht leicht zu beurteilen. Ermutigt von seinem Schnarchen, das sich als ein gigantisches Erdbeben quer über den ganzen Atlas seines Körpers manifestierte, kletterte ich weiter auf seine Hüfte zu, während andere Sammler mich vom Boden aus wie ein Versuchskaninchen beobachteten. Und da stieß ich zufällig auf Borne, der sich im braunen, rauen Seetang von Mords Pelz verfangen hatte.
Borne summte leise vor sich hin, die halb geschlossene Öffnung auf der Oberseite wie ein Mund, dessen Muskelstränge sich ständig zusammenzogen und weiteten. Noch war Borne ein »es«, kein »er«.
Je näher ich kam, desto deutlicher ragte Borne aus dem Pelz heraus, wurde immer mehr zu einer Kreuzung aus Seeanemone und Tintenfisch: eine glatte Vase mit sich wellenden Farben, die von dunkelviolett über tiefblau bis meergrün changierten. Vier vertikale Grate zogen sich über die warme und pulsierende Haut, deren Textur glatt war wie die eines vom Wasser geschliffenen Steins, aber etwas gummiartig. Es roch nach Strandhafer an faulen Nachmittagen im Sommer, Meersalz und unterschwellig nach Passionsblumen. Erst viel später verstand ich, dass es für einen anderen anders gerochen, ja vielleicht sogar eine andere Form angenommen hätte.
Es sah nicht nach etwas Essbarem aus, und es war kein Erinnerungskäfer, aber auch kein Abfall, deshalb nahm ich es mit. Ich glaube, ich konnte gar nicht anders.
Mords Körper bebte, hob und senkte sich im Takt seines Atems, und ich stand mit angewinkelten Knien da, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Er schnarchte und zuckte, als würde er einen psychotischen Traum ausagieren. Seine faszinierenden Augen – so weit und schwarzgelb und vernarbt wie ein Meteor oder die gesprungene Kuppel des Observatoriums im Westen – waren fest geschlossen, der riesige Schädel nach Osten ausgestreckt, ohne sich um mögliche Gefahren zu kümmern.
Und hier war Borne, wehrlos.
Die anderen Sammler, viele von ihnen Befürworter einer unsicheren Waffenruhe, begannen ermutigt, an Mord hochzuklettern, sich ins Unterholz seines verdreckten, heiligen Pelzes zu wagen.
Borne schlug an meiner Brust wie ein zweites Herz.
»Borne.«
Namen von Menschen, von Orten bedeuteten so wenig, dass wir aufgehört hatten, andere mit der Suche danach zu belästigen. Die Karte der alten Welt schien von einem grotesken Märchen heimgesucht, das, wenn man es erzählte, nicht nach Worten klang, sondern nach Geräuschen als Folge einer Gräueltat. Zwischen den Trümmern der Erde unsichtbar zu bleiben, war alles, was ich suchte. Und ein gutes Paar Stiefel für die Zeit, wenn es kalt wurde. Und eine alte Dose Suppe, halb vom Schutt begraben. Diese Dinge bedeuteten Glückseligkeit; daneben blieben Namen kraft- und bedeutungslos.
Und trotzdem nannte ich ihn Borne.
WOHIN ICH BORNE BRACHTE
Man kann es nicht anders sagen: Wick, mein Partner und Liebhaber, war ein Drogendealer, und die Droge, die er verkaufte, war so schrecklich und so schön und so traurig und so süß wie das Leben selbst. Die Erinnerungskäfer, die Wick modifizierte oder aus Teilen herstellte, die er der Firma gestohlen hatte, brachten einem nicht nur etwas bei, wenn man sie sich ins Ohr schob, sondern konnten auch Erinnerungen löschen und hinzufügen. Menschen, die die Gegenwart nicht ertrugen, steckten sie sich ins Ohr, um die glücklicheren Erinnerungen anderer wachzurufen, aus lange vergangenen Zeiten und an Orte, die nicht mehr existierten.
Als ich Wick kennenlernte, war die Droge das Erste, das er mir anbot, was ich aber sofort ablehnte, weil ich die Falle darin witterte, auch wenn es wie ein Ausweg aussah. Wenn man sich den Käfer ins Ohr steckte, wuchsen inmitten einer Explosion von Minze und Limone phantastische Visionen von Orten, die es – wie ich hoffte – nicht gab. Der Gedanke, dass ein solcher Zufluchtsort tatsächlich existierte, war zu grausam. Er konnte dumm oder unvorsichtig machen.
Nur der gequälte Ausdruck auf Wicks Gesicht, seine Reaktion auf meinen Widerwillen, ließ mich bleiben und weiter mit ihm reden. Ich wünschte, ich hätte den Grund seines Unbehagens schon damals erfahren und nicht erst so viel später.
Ich legte die Seeanemone auf den klapprigen Tisch zwischen unseren Stühlen. Wir saßen auf einem der vermoderten Balkone, die aus einer glatten Steinfassade ragten und mich dazu inspiriert hatten, unseren Zufluchtsort »Balcony Cliffs« zu nennen. Der eigentliche Name des Gebäudes auf dem verrosteten Schild in der halb verfallenen, unterirdischen Lobby war nicht zu entziffern.
Hinter uns lag das Labyrinth, in dem wir lebten, und tief unter uns – verborgen durch einen Tarnschleier, den Wick angelegt hatte, um uns neugierigen Blicken zu entziehen – wand sich der verseuchte Fluss, der um den größten Teil der Stadt floss. Ein Gebräu aus Schwermetallen und Öl und Abfällen, das toxische Dämpfe verbreitete und uns daran erinnerte, dass wir vermutlich an Krebs oder Schlimmerem sterben würden. Hinter dem Fluss erstreckte sich eine Brache aus Buschland. Dort gab es nichts Gutes oder Gesundes, trotzdem tauchte an diesem Horizont manchmal noch jemand auf, wenn auch sehr selten.
Ich war an diesem Horizont aufgetaucht.
»Was ist das für ein Ding?«, fragte ich Wick, der sich ausführlich ansah, was ich mitgebracht hatte. Es pulsierte und leuchtete auf, harmlos und praktisch wie eine Lampe. Aber die Firma hatte die Stadt in der Vergangenheit nicht zuletzt damit terrorisiert, ihr Biotech auf den Straßen zu testen. Die ganze Stadt war zu einem gewaltigen Labor geworden und inzwischen halb zerstört, genau wie die Firma.
Wick lächelte das dünne Lächeln eines dünnen Mannes, es war mehr ein Zucken als ein Lächeln. Er hatte einen Arm auf den Tisch gelegt und das linke Bein über das rechte geschlagen, trug eine weit geschnittene Leinenhose, die er eine Woche zuvor gefunden hatte, und ein weißes Hemd, das vom langen Tragen gelb geworden war. Er sah beinahe entspannt aus. Aber ich wusste, es war nur eine Pose, die er einnahm, um der Stadt und auch mir einen Gefallen zu tun. Risse in der Hose. Löcher im Hemd. Jene so gern ausgeblendeten Details, die eine andere, genauere Geschichte erzählen.
»Was ist es nicht? Das muss die erste Frage sein«, sagte er.
»Also dann: Was ist es nicht?«
Er wollte sich nicht festlegen und zuckte mit den Schultern. Wenn wir über Funde sprachen, stand manchmal eine Wand zwischen uns, eine Reserviertheit, die mir nicht gefiel.
»Soll ich später noch mal wiederkommen? Wenn dir mehr nach reden ist?«, fragte ich.
Meine Geduld hatte im Laufe der Zeit nachgelassen, was nicht sehr freundlich war, denn er brauchte sie jetzt mehr als früher. Ihm ging das Rohmaterial für seine Kreationen aus, und außerdem setzte ihn unter Druck, dass seine Konkurrenten – besonders die Magierin, die den ganzen westlichen Teil der Stadt unter ihre Kontrolle gebracht hatte – auf sein Territorium und seine Gedanken übergriffen, Ansprüche erhoben. Sein attraktives Gesicht unter dem feinen, blonden Haar mit dem spitzen Kinn und den hohen Wangenknochen war dabei, sich aufzuzehren, wie eine Kerze von einer Flamme.
»Kann es fliegen?«, fragte er schließlich.
»Nein«, sagte ich lächelnd. »Es hat keine Flügel.« Obwohl wir beide wussten, dass das nichts bedeuten musste.
»Beißt es?«
»Mich hat es nicht gebissen«, sagte ich. »Warum? Sollte ich es beißen?«
»Sollten wir es essen?«
Natürlich meinte er das nicht so. Wick war immer vorsichtig, selbst wenn er vorpreschte. Immerhin öffnete er sich mir jetzt; ich wusste nie, wann das passierte. Vielleicht war das der springende Punkt.
»Nein, sollten wir nicht«, sagte ich.
»Wir könnten damit Ball spielen.«
»Du meinst, ihm helfen zu fliegen?«
»Wenn wir es schon nicht essen.«
»Es ist doch kein Ball mehr.«
Was nichts als die Wahrheit war. Eine Weile hatte sich das Wesen, das ich Borne getauft hatte, in sich zurückgezogen, jetzt aber – mit einer merkwürdig gewinnenden, zaghaften Anmut – wieder die Form einer Vase angenommen. Das Ding lag einfach auf dem Tisch und pulsierte und leuchtete rhythmisch auf, auf eine Art, die ich beruhigend fand. Das Blinken ließ es größer aussehen, oder es hatte tatsächlich angefangen, zu wachsen.
Wicks grün-braune Augen in seinem eingefallenen Gesicht waren jetzt weiter geöffnet, zeigten mehr Anteilnahme, während er über dem Rätsel grübelte, das ich ihm mitgebracht hatte. Diese Augen sahen alles, außer vielleicht, was ich in ihm sah.
»Ich weiß, was es nicht ist«, sagte Wick, wieder ernst geworden. »Es ist nicht von Mord. Ich bezweifle, dass Mord wusste, dass er es mit sich herumtrug. Aber es ist auch nicht unbedingt von der Firma.«
Mord konnte hinterlistig sein, und sein Verhältnis zur Firma veränderte sich ständig. Manchmal fragten wir uns, ob in den Ruinen der Firma eine Art Bürgerkrieg zwischen den Unterstützern von Mord und denen tobte, die bedauerten, ihn erschaffen zu haben.
»Aber wo hat Mord es her, wenn nicht von der Firma?«
Ein Zucken um Wicks Mund ließ seine feinen Gesichtszüge noch intensiver und faszinierender erscheinen. »Ich habe Gerüchte gehört. Über Dinge, die in der Stadt herumstreunen und weder Mord noch der Firma noch der Magierin gehören. Ich habe sie in den Randzonen gesehen, nachts in der Wüste, und ich frage mich…« Am Vormittag hatten mich Füchse und andere kleine Säuger beschattet. War es das, was Wick meinte? Ihre Ausbreitung war ein Rätsel – hatte die Firma sie hergestellt, oder war die Wüste dabei, auf die Stadt überzugreifen?
Ich erzählte ihm nichts von den Tieren, wollte sein eigenes Urteil hören und bohrte nach. »Dinge?«
Aber er ignorierte meine Frage und wechselte den Kurs. »Es ist nicht so schwer, mehr herauszufinden.« Er strich mit der Hand über Borne. Die purpurnen Würmer, die in seinem Handgelenk implantiert waren, schlängelten sich kurz heraus, um Borne zu analysieren, und zogen sich dann wieder unter seine Haut zurück.
»Erstaunlich. Es kommt von der Firma. Zumindest hat es jemand innerhalb der Firma hergestellt.« Während der Blütezeit der Firma vor zehn Jahren hatte er für sie gearbeitet, bevor sie ihn »verstoßen, weggeworfen« hatte, wie er es in einem seltenen, unbedachten Augenblick ausgedrückt hatte.
»Aber nicht von der Firma selbst?«
»Ein so reduziertes, schlankes Design bringt normalerweise nur ein Einzelner zustande.«
Es machte mich nervös, wenn Wick um etwas herumredete. Die Welt war ohnehin schon viel zu unzuverlässig, und wenn ich bei Wick etwas suchte, außer Sicherheit, dann war es Wissen.
»Glaubst du, es ist ein fehlgeschlagenes Projekt?«, fragte ich. »Ein Nachkömmling? Den sie im Müll entsorgt haben?«
Wick schüttelte den Kopf, aber sein strenges Stirnrunzeln beruhigte mich nicht. Wick war autark und selbstgenügsam. So wie ich. Jedenfalls glaubten wir das beide. Aber jetzt hatte ich das Gefühl, dass er mir eine wesentliche Information vorenthielt.
»Was denn dann?«
»Es könnte praktisch alles sein. Es könnte ein Signal sein. Ein Ruf nach Hilfe. Es könnte eine Bombe sein.« Wusste Wick es wirklich nicht?
»Vielleicht sollten wir es dann doch essen?«
Er lachte, wobei seine Gesichtszüge auseinanderfielen. Das Gelächter machte mir nichts aus. Jedenfalls damals nicht.
»Würde ich nicht. Am Ende ist es eine Bombe und kein Signal.« Er beugte sich vor, und ich dachte, er müsste das Vergnügen, das ich daran hatte, ihm ins Gesicht zu sehen, bemerken. »Aber wir sollten wissen, wofür es gut ist. Wenn du es mir überlässt, könnte ich es zumindest in seine Teile zerlegen und durch meine Käfer überprüfen lassen. Auf diese Art etwas herausfinden. Es auswerten.«
Inzwischen waren wir, auf unsere Art, gleichberechtigt. Partner. Manchmal nannte ich ihn »Boss«, weil ich für ihn auf Beutezug ging, aber ich hätte ihm die Seeanemone nicht zeigen müssen. Nichts in unserer Vereinbarung zwang mich dazu. Natürlich konnte er mir das Ding wegnehmen, während ich schlief … Aber das war nun einmal der Test unserer Beziehung: Waren wir symbiotisch oder Parasiten?
Ich schaute das Wesen an, das dort auf dem Tisch lag, und fühlte mich als seine Besitzerin. Das Gefühl sprang mich ganz unerwartet an – und nicht nur, weil ich mich beim Herumklettern auf Mord in Gefahr begeben hatte, um dann auf Borne zu stoßen.
»Ich glaube, ich werde es erst mal behalten«, sagte ich.
Wick sah mich lange an, zuckte mit den Schultern und sagte, etwas zu beiläufig: »Wie du willst.« Das Wesen mochte ungewöhnlich sein, aber wir hatten schon Vergleichbares gesehen; vielleicht glaubte er, dass es keinen großen Schaden anrichten konnte.
Dann holte er einen goldenen Käfer aus der Tasche, schob ihn sich ins Ohr, und seine Augen nahmen mich nicht mehr wahr. Er machte das immer, wenn ihn etwas auf die falsche Art an die Firma erinnerte und damit Selbstverachtung, Wut und Melancholie in ihm lostrat. Ich hatte ihm gesagt, dass er vielleicht Frieden finden würde, wenn er berichtete, was auch immer dort passiert war, aber er hörte einfach nicht auf mich. Er sagte, dass er mich schützte. Ich glaubte ihm nicht. Nicht wirklich.
Vielleicht versuchte er, die Einzelheiten eines persönlichen Scheiterns zu vergessen, das er sich nicht vergeben konnte, etwas, das er sich selbst zuschreiben musste, oder etwas, das er zum Ende hin getan hatte. Aber nachdem er gegangen war, erinnerte ihn der Job, den er gewählt hatte – oder zu dem er gezwungen worden war –, jeden Tag und jede Stunde an die Firma. Es war schwer abzuschätzen, weil ich kaum etwas über Biotech wusste, aber ich spürte, dass die Antworten, die ich von ihm haben wollte, womöglich technischer Natur waren, dass er womöglich fürchtete, ich würde die Details nicht verstehen.
Vielleicht hätte die Zukunft anders ausgesehen, wenn ich seine volle Aufmerksamkeit gehabt, wenn ich mich mit Wick über Borne gestritten hätte. Wenn er darauf bestanden hätte, mir Borne abzunehmen. Aber er tat es nicht. Er konnte nicht.
WO ICH LEBTE UND WARUM
Als ich Borne fand, verband Wick und mich eine komplizierte Beziehung. Wir waren durch unseren gemeinsamen, sicheren Ort aneinander gebunden; die Balcony Cliffs lagen im nordwestlichen Randbezirk der Stadt, mit Blick auf den verseuchten Fluss. Nach Westen hin, wo die Stadt sacht auf Meereshöhe abfiel, erstreckte sich das Territorium der Magierin. Im Süden fanden sich, nach Ödland und auch Oasen, die Überreste der Firma, von Mord bewacht. Ein großer Teil des Geländes erstreckte sich über ein riesiges, ausgetrocknetes Stück Meeresboden, das in die halb trockene, wüste Ebene jenseits der Stadt überging.
Wick hatte die Balcony Cliffs entdeckt und sich eine Zeit lang dort ohne mich behauptet. Aber erst, nachdem er mich aufgefordert hatte zu bleiben, war er dazu in der Lage, den Platz auch zu halten. Er brachte seine schwindenden Vorräte an Biotech und chemischem Blendwerk ein und ich mein Talent für physische und psychologische Fallen. Mithilfe von Wicks Plänen hatte ich die stabilsten Gänge entweder weiter befestigt oder freigeräumt, und die übrigen endeten jetzt in verborgenen Fallgruben oder Böden, die mit zerbrochenem Glas oder Schlimmerem übersät waren. Ich benutzte schreckenerregende, nostalgische Dinge: Bücher, deren Cover Totenköpfe zierten, eine blutige Wiege, die nie hätte zerstört werden dürfen, mehrere Dutzend Paar Schuhe (in einigen steckten noch die mumifizierten Füße). Die mürben Überreste eines hundeähnlichen Tiers, das hereingelaufen war und sich verirrt hatte, hingen von der Decke herab, Graffiti an der Wand sollten Eindringlingen Albträume bescheren. Wenn sie denn lesen konnten. Eine Horrorshow, die über Stolperdrähte Wicks Pheromone und Halluzinogene aktivierte. Es hatte Angriffe gegeben, Besetzer hatten ihr Glück versucht, aber wir hatten sie jedes Mal zurückgeschlagen.
Einer der Wege, die wir angelegt hatten, führte zu Wicks Räumen, ein anderer zur Treppe in der früheren Lobby, über die man Zugang zu einem befestigten Unterstand mit Sichtblende hatte, der sich nahe der oberen Schicht verbarg. Ein dritter endete nach einem Ablenkungsmanöver am Swimmingpool, den Wick zu einem Tank umgebaut hatte, in dem er wie ein durchgeknallter Wissenschaftler eine brodelnde Masse Biotech hielt. Von dort ging es weiter zu den Balkonen, die dem Ort seinen Namen gegeben hatten.
Meine besondere Aufmerksamkeit galt dem südlichen Rand des Hügels, der über die riesige Grenzfläche der zerstörten Südwestflanke der Stadt hinweg der Firma gegenüberlag – ich wollte mit voller Absicht ein Labyrinth schaffen, das ungebetene Besucher zusätzlich verwirrte. Am Ausgang mit seinen drei Gängen, von denen nur einer in Sicherheit führte, wurde es wieder einfacher. Dann kam die Tür, die von außen wie ein Teil des Hügels wirkte und durch den Duft nach Moos und Kletterpflanzen nicht zu erkennen war. Je näher man ihr kam, umso stärker entfaltete sich ein unerträglicher Gestank nach Aas, eines der genialsten Pheromone der Wahrnehmungsverzerrung, die Wick entwickelt hatte. Sogar ich hatte Probleme, durch diese Tür nach draußen zu gehen.
Überall in dem Kaninchenbau, zu dem wir die Balcony Cliffs verwandelt hatten, herrschten inzwischen Loyalitäten, die etwas Inniges hatten – inniger sogar als unser Schlafarrangement. Korridore? Tunnel? Selbst Unterscheidungen dieser Art waren dem Diktat unserer Grabungen zum Opfer gefallen, auch weil Wick überall spezielle Spinnen und Insekten zum Einsatz brachte. Ich behielt den Überblick über meine Fallen mittels einer Karte, und Wick, durch die Firma geschult, benutzte ein flunderähnliches Wesen in einer flachen Pfanne voller Wasser, auf dessen Oberseite sich ein feines, sich ständig veränderndes Liniennetz abzeichnete, sein Kommandostand.
Irgendwann waren unsere Verteidigungssysteme miteinander verschmolzen, etwa zur gleichen Zeit wie unsere Körper. Was zu unerwarteten Synergieeffekten geführt hatte. Aus einem von extremer Einsamkeit und Bedürftigkeit geprägten Zusammenschluss hatten wir zum gegenseitigen Trost eine Freundschaft entwickelt und uns von dort aus auf einen amorphen Grenzbereich der Gefühle zubewegt, der keine Liebe sein konnte – den ich mich weigerte Liebe zu nennen.
In schwachen Momenten strich ich mit meiner Hand über seine sehnige Brust, hänselte ihn wegen der blassen, fast durchscheinenden Haut, die sich gegen meine dunklen Schenkel abhob, und eine Zeit lang war ich im verborgenen Inneren der Balcony Cliffs glücklich. Es war mir ganz recht, dass wir dort ein Liebespaar sein konnten und später wieder reine Verbündete.
Aber die Wahrheit ist: Ich wusste, dass Wick in den Nächten, die wir miteinander verbrachten, völlig aus sich herausging und es sich erlaubte, verletzlich zu sein. Ich spürte das sehr stark, auch wenn ich mich vielleicht irre. Und falls ich deshalb etwas vor Wick verbarg, dann waren da doch immer die Balcony Cliffs, die uns aneinanderketteten. Unsichtbare Ströme, die von unseren Körpern und Gehirnen aus die Räume erfüllten, die dank unserer Fähigkeiten sicher waren. Sensoren, Stolperdrähte, die auf kleinste Berührungen oder Erschütterungen reagierten, als lägen wir in der Mitte von etwas Wichtigem. Sogar wenn wir aufeinanderlagen, konnte Wick diese Verbindung nicht lösen.
Außerdem sorgte die Geheimhaltung für Nervenkitzel, denn um unsere Sicherheit nicht zu gefährden, ließen wir uns draußen nicht zusammen sehen – wir gingen zu verschiedenen Zeiten durch unterschiedliche Gänge hinaus –, und etwas von diesem Nervenkitzel floss in unsere Beziehung mit ein. Jeder, der in hinterhältiger Absicht über die Balcony Cliffs schlich, musste glauben, dass unter dem kranken Kiefernwäldchen nichts als eine große, alte Müllhalde lag, mit Dutzenden von Schichten bröckelnder Tragbalken, menschlicher Überreste, zurückgelassener Kühlschränke, ausgebrannter Autos – zusammengepresst zu einer Masse, auf der es sich federnd, ja fast schwungvoll gehen ließ.
Aber darunter waren wir, lag das durch nichts zu erschütternde Dach der Balcony Cliffs, wie ein Querschnitt all dessen, was uns als Zuhause diente – alles, was eine Frau namens Rachel und einen Mann namens Wick miteinander verband. All das hatte eine geheime Form, die wir in uns trugen, eine Landkarte, die langsam in unseren Köpfen kreiste wie eine persönliche Kosmologie.
Dann brachte ich meine Seeanemone namens Borne in diesen Kokon hinein, diesen sicheren Hafen, diese riesige Falle, die zu erhalten viel Zeit und wertvolle Ressourcen kostete, während irgendwo eine Uhr tickte und die Tage zählte, die uns noch blieben. Uns war klar, dass die Vorräte an unverarbeitetem Biotech, das Wick erzeugte oder eintauschte, die Käfer und anderen wichtigen Teile, die er vor einer Ewigkeit bei der Firma hatte mitgehen lassen, irgendwann einmal zu Ende gehen würden, egal, wie viel wir jetzt noch hatten. Meine physischen Fallen würden ohne Wicks fast schon unheimliche Verstärkung andere Sammler auf Dauer nicht fernhalten können.
Jeder Tag brachte uns dem Punkt näher, an dem wir unser Verhältnis zu den Balcony Cliffs und unsere Beziehung neu definieren mussten. Und hier, im Kreuzungspunkt aller Wege, meiner Wohnung, höchst angespannt von allem, was uns verband, vögelten wir und liebten wir uns, gleichermaßen unbeeindruckt von allem, was uns Grenzen setzen konnte, von jedem Feind, der versuchen würde, hier einzudringen. Hier konnten wir gierig und egoistisch sein, hier erlebten wir uns ganz und gar. Oder zumindest glaubten wir das, denn was immer wir taten, es war der Gegenpol zur Welt da draußen.
In der ersten Nacht, nachdem ich Borne mit in unser Zuhause gebracht hatte, lagen wir in meiner Wohnung und lauschten dem fernen, dumpfen Prasseln des schweren Regens, der auf die moosbedeckte Oberfläche hoch über uns schlug. Wir wussten beide, dass es kein echter Regen war; echter Regen in dieser Stadt war flüchtig und kurz, und deshalb wagten wir es nicht, nach draußen zu gehen. Sogar der echte Regen war häufig giftig.
Wir redeten kaum. Wir vögelten nicht. Wir lagen einfach eng umschlungen da, während Borne auf einem Stuhl in einer Ecke des Schlafzimmers thronte, so weit von uns entfernt wie möglich. Wick hatte vom jahrelangen Hantieren mit den Materialien, die in seine Tanks mit Proto-Leben wanderten, kräftige Hände mit geradezu weichen Fingerspitzen, und ich mochte es, seine Hand in meiner zu spüren.
Wir waren so weit gekommen, dass wir zusammen schweigen und still daliegen konnten. Aber schon damals, in dieser ersten Nacht, änderten sich die Dinge durch Bornes Anwesenheit, und ich wusste nicht, ob unser Schweigen zum Teil darauf zurückzuführen war.
Am Morgen spähten wir durch eine der Geheimtüren und entdeckten, dass die rissige Erde mit Tausenden von kleinen, roten Salamandern bedeckt war, die sich im Todeskampf wanden. Verworren und komplex, langsame, suchende Gliedmaße, Obsidianaugen. Fast wie eine Fata Morgana. Ein Mosaik aus lebenden Fragezeichen, die völlig sinnlos aus dem verdunkelten Himmel herabgeregnet waren. Und im Westen konnten wir schon den wütenden Mord hören, das Beben, das sein Herumrennen auslöste. Wütend auf diesen unlogischen Regen, oder auf etwas anderes, jemand anderen?
Früher waren Kometen am Himmel erschienen, und die Menschen hatten sie für Himmelswesen gehalten. Jetzt hatten wir Mord, und Salamander. Was bedeuteten sie? Welches Schicksal erwartete die Stadt? Als die Sonne auf ihre Körper schien, lösten sich die Salamander minutenschnell in Flüssigkeit auf, wurden von der Erde absorbiert, und nichts als ein rötlicher Schimmer blieb zurück, der an einen mit winzigen Spuren neugieriger Lebewesen gesprenkelten Ölfleck erinnerte.
Wick schien sich wegen der Salamander keine großen Sorgen zu machen, abgesehen davon, dass er die Vorräte in seinem Swimmingpool wieder aufstocken musste.
»Kontaminiert«, sagte er, aber das hatte ich bereits seinem Gesichtsausdruck entnommen.
WARUM ICH IHN BORNE NANNTE UND WIE ER SICH VERÄNDERTE
Wick hatte mir nur wenig über seine Zeit bei der Firma erzählt, aber eine seiner Geschichten brachte mich auf den Namen »Borne«, Bürde. Über ein Wesen, das in seiner Werkstatt entstanden war, hatte er gesagt: »Es wurde geboren, aber ich habe es getragen.«
Wenn ich nicht auf einem Streifzug nach Sachen für Wick oder mich war, kümmerte ich mich um Borne. Dabei musste ich experimentieren, denn ich hatte mich noch nie um etwas oder jemanden gekümmert – außer als Kind um ein paar Einsiedlerkrabben und einen herrenlosen Hund, den ich nach einem Tag wieder abgeben musste. Ich hatte keine Familie, meine Eltern waren gestorben, bevor ich in die Stadt gekommen war.
Ich wusste nichts über Borne und behandelte ihn zunächst wie eine Pflanze. Auf Basis meiner ersten Beobachtungen schien das nur logisch. Borne fühlte sich zum ersten Mal wohl und entspannt genug, um sich zu öffnen, während ich gerade bei einem stillen Abendessen aus alten Notfallrationen der Firma saß, die ich unter Schutt in einem halb eingestürzten Keller gefunden hatte. Er stand mir auf dem Tisch gegenüber, enigmatisch wie immer. Da hörte ich unterm Kauen ein winselndes Geräusch und einen deutlichen Furz. Ich ließ die Packung sinken, die Öffnung an Bornes oberem Ende weitete sich und verströmte einen Duft nach Rosen und Tapioca. Seine Seiten bogen sich nach außen auf und ließen zarte, dunkelgrüne Tentakel erkennen, die, obwohl sie sich schlängelten, den Kern weiterhin verbargen. Ohne nachzudenken, sagte ich: »Borne, du bist ja gar keine Seeanemone – du bist eine Pflanze.«
Ich hatte mir schon angewöhnt, mit ihm zu sprechen, aber beim Klang meiner Stimme verschloss er sich schlagartig wieder, nahm seine, wie ich es nannte, Verteidigungshaltung ein und blieb so einen ganzen Tag lang. Also brachte ich ihn auf einem Teller ins Badezimmer, stellte ihn auf ein Regal unterhalb eines schrägen Lochs in der Decke, durch das nur selten und von sehr weit oben Sonnenlicht einfiel. Ich genoss dieses grünlich-modrige Licht am Morgen, bevor ich hinausging, um Wicks Arbeit zu erledigen.
Am Ende des zweiten Tages hatte er eine gelb-pinke Färbung angenommen und die Hartnäckigkeit seiner Abwehrhaltung deutete entweder auf Krankheit oder auf religiöse Verzückung hin – beides hatte ich draußen in der Stadt schon zu oft gesehen. Er roch verkocht. Ich holte Borne wieder vom Regal herunter und stellte ihn auf den Küchentisch. Inzwischen hatte ich allerdings bemerkt, dass die Würmer, die meinen Badezimmerabfall kompostierten und Nährstoffe ausschieden, die Wick in seinem Tank verwendete, »verschwunden« waren.
Ich hatte ein paar nützliche Dinge gelernt: Borne konnte Sonnenlicht gut aushalten. Borne war ein Nimmersatt, was Kompostwürmer betraf. Borne konnte sich aus eigener Kraft bewegen, tat das aber nicht in meiner Gegenwart. Borne suchte das Sonnenlicht geradezu. Nichts deutete noch darauf hin, dass Borne missgebildet oder ein Fehlversuch welcher Art auch immer war.
Ich stufte Borne hoch, von »Pflanze« auf »Tier«, ordnete ihn aber immer noch nicht in die Kategorie »zielgerichtetes Verhalten« ein. Das hätte ich aber tun sollen, denn im Anschluss an sein Badezimmerabenteuer machte er keine Versuche mehr, seine Bewegungen zu verschleiern. Wenn ich nach Hause kam, fand ich ihn in der Küche, obwohl er, als ich ging, im Schlafzimmer gewesen war – oder im Flur, wenn ich ihn auf dem Boden des Wohnzimmers zurückgelassen hatte. Wenn ich mich ihm näherte, blieb er still und reglos, nie konnte ich ihn auf frischer Tat ertappen. Ich hatte das Gefühl, Borne amüsierte sich darüber, aber wahrscheinlich war das nur eine Projektion meinerseits. Das brachte mich zum Lächeln. Ich machte mir eine Art Spiel daraus, zu erraten, wo er sein würde, wenn ich zurückkam. Und ich freute mich jetzt mehr als sonst darauf, nach Hause zu kommen.
Als ich das Wick erzählte, während ich ihm eine halbtote, himmelblaue Schnecke reichte, die ich in der Nähe der Firma gefunden hatte, fand er es gar nicht lustig.
»Und das macht dir keine Sorgen?«
»Warum sollte es?«
»Weil er seine Fähigkeiten vor dir verbirgt. Schon jetzt. Du weißt nicht, was er als Nächstes tun wird. Du erzählst mir, dass er planvoll vorgeht und vielleicht die Intelligenz eines Hundes hat, aber wir wissen immer noch nichts über seinen Zweck.«
»Du hast gesagt, Borne muss keinen Zweck haben.«
»Vielleicht habe ich mich geirrt. Du solltest ihn mir geben. Ich kann herausfinden, was er ist.«
Es lief mir kalt über den Rücken. »Nur, indem du Borne auseinandernimmst.«
»Vielleicht. Ja, natürlich. Ich habe hier keine hochentwickelten Geräte. Ich habe weder die Zeit noch die Fähigkeiten, nichtinvasiv vorzugehen.« Die Magierin vergrößerte ihren Einfluss, die Vorräte würden nicht ewig halten – das war der Rhythmus, der unser Leben regierte.
Für Wick war Borne nur eine weitere Variable, etwas, das er brauchte, um seinen eigenen Stress in den Griff zu bekommen. Das verstand ich, aber vielleicht war es eine vom Leben innerhalb der Balcony Cliffs erzeugte Lüge, dass wir irgendwann einmal über den nächsten Tag oder die nächste Woche hinausdenken würden. Und während ich noch über Bornes Eskapaden lachte, nistete sich dieser leichte Zweifel in mir ein.
Spontan umarmte ich Wick, hielt ihn fest im Arm, obwohl er versuchte, sich aus meiner Umarmung zu lösen. Das hier ist Geschäft, hier geht’s ums Überleben – so seine Botschaft. Ich sollte unsere Beziehung nicht mit dem Geschäft vermischen. Aber ich konnte nicht anders.
Trotzdem wollte ich ihm Borne nicht überlassen. Nicht aus Mitleid oder Überzeugung oder irgendetwas gleichermaßen Falschem. Und weil ich ihm Borne nicht überlassen wollte, hörte ich auf, mit ihm über Borne zu reden. Wenn er nach Borne fragte, fielen meine Antworten kurz und beiläufig aus. Es geht ihm gut. Er ist wirklich nicht mehr als eine Art Gemüse. Eine Topfpflanze, die laufen kann. Wick sah mich an, als durchschaute er mich, aber er ließ mir Borne.
Es war nichts als ein Test, ob wir einander noch Vertrauen schenken konnten, und jedes Mal, wenn ich die Grenzen dieses Vertrauens ein Stück weiter ausdehnte, rechnete ich damit, dass es diese Belastung nicht aushalten oder unter dem Gewicht der Bedeutung, die ich ihm zumaß, kollabieren würde.
WAS ICH IN WICKS WOHNUNG FAND
Vertrauen aber bedurfte auch eines gewissen Verrats. Lange bevor ich auf Borne stieß, hatte ich Wicks Quartier durchsucht, während er draußen seine Drogen verkaufte. Ich nehme an, er hatte dasselbe bei mir getan, aber wer weiß? Über diesen Aspekt des Vertrauens redet man nicht mit demjenigen, den es betrifft.
Mein Verrat erforderte Geschick – Schlösser öffnen, Fallen umgehen, Kameras ausschalten –, aber am Ende war es den Aufwand kaum wert. Ich fand nicht viel in den drei Räumen, das etwas über den Menschen Wick verraten hätte. Die Summe seiner Existenz in diesen vollgestopften Zimmern ergab fast nichts. Keine Familienfotos oder Porträts, nur wenige, persönliche Dinge.
Vielleicht hatte er beschlossen, mit so wenig auszukommen, um nicht an irgendwelche Geheimnisse erinnert zu werden? Ich stellte mir vor, dass es irgendwo tief in den Balcony Cliffs ein ganzes Lager voller Artefakte gab, die Wick dort weggeschlossen hatte, damit sie ihm nicht gefährlich werden konnten. Aber wenn es so etwas gab, dann habe ich diesen Ort nie gefunden.
Ich fand nur einen einzigen, schlichten Hinweis, den ich nach vorsichtigem Stochern im Schloss einer Schreibtischschublade behutsam ans Licht beförderte: die schematische Darstellung eines Fischs, die zusammengerollt in der äußeren Röhre eines kaputten Teleskops steckte, und eine Metallschachtel voller winziger, ausgetrockneter zinnoberroter Nautilusgehäuse.
Ich steckte eins für später ein und nahm mir die Fisch-Zeichnung vor. Ich hielt sie, immer noch aufgerollt, gegen das matte Licht der Leuchtkäfer, die Wick in die Decke eingelassen hatte. Ich wusste, dass sie ein Relikt von Wicks letztem Projekt bei der Firma war, über das er nur in betrunkenem Zustand sprach. Aus seinem provisorischen Swimmingpool-Tank war so etwas bestimmt nicht gekrochen. Noch nicht.
Welchem Zweck auch immer die Risszeichnung gedient haben mochte, am Ende zeigte sie nicht mehr als einen hässlichen Fisch, einen riesigen Zackenbarsch oder Karpfen. Eine Schnittansicht von der Seite, mit Linien, die vom Gehirn und anderen Teilen ausgingen, mit Zahlen und willkürlichen Buchstaben am Ende der Pfeile. Es half auch nicht, dass der Fisch das sehnsuchtsvolle Gesicht einer Frau mit heller Haut und blauen Augen trug, ein schauriger Anblick. Das machte mich vorsichtig, als hätte irgendein verrückter Wissenschaftler beschlossen, die Galionsfigur eines alten Segelschiffs Realität werden zu lassen.
Aber Vorsicht war nicht der richtige Begriff in Bezug auf das Gekritzel auf der Rückseite. Jüngere Anmerkungen am Rand trugen Wicks Handschrift, das konnte ich erkennen, und hatten etwas Sehnsüchtiges: kurze Anregungen, wie er das Fischprojekt wohl wiederbeleben könnte, das mit der Zeit offensichtlich im Sande verlaufen war. Aber es gab noch eine zweite Handschrift, die die Mitte des Blatts einnahm, mit – so schien es – älteren Anmerkungen, deren Leidenschaftlichkeit sich bis zum Wahnsinn steigerte. Die Handschrift wurde ausladender und scharfkantiger, immer weniger lesbar, und schließlich waren es nur noch dunkle Kritzeleien, tief in das Papier geritzt. Die Beschädigung verschleierte den Sinn, sagte mir aber doch mehr als genug. Und die wenigen Wörter, die ich in dem Chaos erkennen konnte, waren praktisch wertlos. Ganz am Ende und fast unlesbar hingekritzelt: »Keine Firma mehr.«
Ich legte das Teleskop aufs Bett und stöberte weiter, hatte Angst, dass Wick mich auf frischer Tat ertappen würde. Aber ich merkte schnell, dass es nicht mehr viel zu durchstöbern gab. So führte mich der sechste Sinn eines Sammlers wieder zum Teleskop zurück. Seine Oberfläche war von einer perlmuttartigen Patina überzogen. Ich hob es hoch, um es im Licht der Leuchtkäfer zu bewundern.
Dann stutzte ich. Es sah so aus, als wäre etwas in die Oberfläche geätzt worden. Und tatsächlich entpuppte sich die »metallene« Oberfläche von Nahem als ein so einheitliches Muster von winzigen, harten Fischschuppen, dass man die Stoßkanten praktisch nicht erkennen konnte. Die Oberfläche glänzte weiterhin silbrig, aber als ich sie in den Händen drehte, entdeckte ich, dass die Wärme meiner Finger die Schuppen dort, wo ich sie angefasst hatte, veränderte: Dort waren jetzt miniaturisierte Fotografien erkennbar. Hinterhältiger, raffinierter Wick – allerdings war mir der Zweck dieser Tarnung nicht klar. Die Fotos stammten aus der Zeit vor der Zerstörung der Stadt, waren Reproduktionen aus alten Büchern, schienen einer Geheimhaltung aber kaum wert zu sein.
Neugierig geworden fackelte ich nicht lange und berührte das Teleskop überall, erwärmte sämtliche Schuppen durch meine Hände, als würde ich ein Musikinstrument spielen, und starrte mit zusammengekniffenen Augen auf das Ergebnis.
Neben Fotografien von inzwischen zerstörten Orten gab es ein ganzes Verzeichnis von Stadtansichten. Es gab Listen von Orten, die mit »Zurückfordern« überschrieben waren, oder Kommentare wie: »Wie tötet man ein Gebäude? Man tut nichts.« Einiges davon stellte sich als Entsprechung von Microfiches heraus, auf denen die prächtige Geschichte der Stadt in einer Zeit erzählt wurde, bevor die Firma aufgetaucht war. Andere Fragmente waren so winzig, dass ich ihre Wichtigkeit nur erraten konnte und mich fragte, wie Wick sie wohl las, wenn er nicht irgendwo ein Lesegerät versteckt hatte. Nichts davon erinnerte mich an den Wick, den ich kannte – ein Einzelgänger, der nie von der Stadt vor den Zeiten der Firma redete und jede Hoffnung auf irgendeine Zukunft der Stadt aus seinen Gedanken verbannt zu haben schien. Doch als ich sah, dass es nicht nur alte Daten und Fotografien gab, verstand ich schließlich die Notwendigkeit der Geheimhaltung. Einige der Schuppen zeigten monströse Visionen von Projekten, die wohl nie abgeschlossen worden waren und die mir Angst einjagten, denn neben ihnen wirkte Mord banal. Das Wichtigste aber war, dass andere Schuppen eine ganze Reihe technischer Spezifikationen für Biotech enthielten, von dem ich wusste, dass Wick es kreiert hatte. Das waren Informationen, die wir unseren Feinden nicht überlassen sollten.
Manchmal fragte ich mich, ob ich Wick immer noch faszinierend finden würde, wenn ich all seine Geheimnisse entschlüsselt hätte, ob ich überhaupt wusste, wer er ohne sie war.
Zurück in meiner Wohnung ließ ich den gestohlenen Nautilus in ein Glas Wasser fallen und sah zu, wie er wieder zum Leben erwachte, eine glänzend purpurrote Farbe annahm, anfing, sich zu strecken, mich dabei fast herausfordernd anstarrte und sich dann spurlos auflöste, als hätte es ihn nie gegeben. Ein fauler Zauber. Ein Illusionstrick.
Das Elixier mit Wicks Geheimnissen zu trinken, kam nicht infrage. Ich schüttete das Wasser aus, wusch das Glas ab und warf es auf einen Stapel dreckiger Wäsche draußen im Flur.

Mein anderer Verrat war simpel: Ich mochte Borne viel zu gerne. Ich wusste instinktiv, dass ich ihn abgeben sollte. Aber ich wusste auch, dass sich etwas Katastrophales ereignen müsste, damit ich das tat. Je mehr Persönlichkeit Borne entwickelte, desto stärker fühlte ich mich zu ihm hingezogen.
Borne machte es mir aber auch nicht schwer, denn er fraß einfach alles – jeden Krümel, kleine Kieselsteine, auch Holzabfälle. Jeder Wurm, welcher Art auch immer, der in seine Reichweite kam, verschwand auf Nimmerwiedersehen. Borne fraß eine Menge Sachen, die ich als Müll aussortiert hätte, und in gewisser Weise machte er den Komposthaufen überflüssig. Ich glaube, wenn er hungrig genug gewesen wäre, hätte er sogar eine Abfalltonne gefressen.
Und obwohl das Leben mit Borne so mühelos war, hörte er doch nicht auf, mir Rätsel aufzugeben. Das größte und grundlegendste Rätsel? Obwohl so viel in Borne verschwand, kam doch nie etwas aus ihm heraus. Das kam mir ziemlich absurd vor, auf witzige Weise unheimlich. Es brachte mich sogar zum Kichern. Keine Speiballen. Kein Kot. Keine kleinen Pfützen. Nichts.
Außerdem wuchs Borne. Ja, er wuchs. Zunächst wollte ich es nicht wahrhaben, denn die Vorstellung eines Wachstums brachte die Vorstellung einer noch viel radikaleren Transformation mit sich – dass aus einem Kind ein Erwachsener wurde. Bei wie vielen Spezies führte das zu einer radikalen Veränderung, war der Erwachsene so ganz anders als der Jugendliche? Jedenfalls konnte ich am Ende des ersten Monats nicht länger verdrängen, dass Borne, wenn auch nur allmählich, seine Größe verdreifacht hatte.
Auch konnte ich nicht bestreiten, dass ich Borne vor Wick versteckte. Ich ließ Wick nicht mehr in meine Wohnung, und wenn doch, so stellte ich sicher, dass Borne in einem der hinteren Zimmer und nicht zu sehen war. Ich ignorierte Wicks Versuche, mit mir darüber zu sprechen, ob man Borne als gefährlich oder als ein Wesen einstufen müsste, vor dem man sich in Acht nehmen sollte.
Da Borne kein Verhalten zeigte, das man gefährlich nennen konnte, kam es mir nie in den Sinn, ihn als Gefahr zu betrachten. Ich empfand es auch zunehmend als etwas albern, von ihm als »er« zu sprechen, da er weder die Aggressivität noch die Ichbezogenheit an den Tag legte, die ich von den meisten Männern kannte. Stattdessen war Borne in diesen frühen Tagen ein unbeschriebenes Blatt, auf das ich nur Begriffe schreiben wollte, mit denen ich etwas anfangen konnte.
WAS WICK MIR ÜBER DAS FISCH-PROJEKT UND DIE FIRMA ERZÄHLTE
Das meiste, was ich über das Fisch-Projekt und die Firma wusste, hatte ich von Wick erfahren, wie Teile einer düsteren Fabel, die ich selbst zusammenfügen musste. Ich wusste nie, ob er sich an diese Erinnerungen klammerte, weil er sich die Welt vom Halse halten oder ein Stück von ihr in sich aufnehmen wollte. Die Firma war ungefragt in die Stadt gekommen, als es mit der Stadt bereits bergab ging und sie sich gegen den Eindringling nicht wehren konnte. Eine Zeit lang muss die Firma der Stadt und ihren Einwohnern wie eine Retterin erschienen sein. Eine Zeit lang muss allein die Aussicht auf Jobs schon ausgereicht haben. Ich versuchte, mir den jungen Wick vorzustellen, der von der Firma angelockt wurde und sich vom Lehrling zu einem Posten hocharbeitete, auf dem er eigene Kreaturen schuf. Allerdings verschwamm dieses Bild, wurde undeutlich. In meiner Vorstellung sah ich immer nur den ausgewachsenen Wick, so, wie ich ihn jetzt kannte.
Das Fisch-Projekt war sein Verderben gewesen, der Grund, warum er nach vielen Jahren im Dienst der Firma entlassen worden war. Aber obwohl der Fisch der Anlass seiner Verzweiflung war, erfüllten ihn die Erinnerungen an ihn doch mit Nostalgie.
»Ein Monstrum von einem Fisch«, sagte Wick zu mir, etwa ein Jahr, bevor ich auf Borne stieß.
Wir waren auf unserem Balkon, von dem aus man den schwarzen Himmel sehen konnte, und ignorierten das Gluckern und Rauschen des vergifteten Flusses. Manchmal konnten wir durch das Tarngeflecht, das Wick zu unserem Schutz angelegt hatte, auf den Balkonen nördlich des von uns kontrollierten Bereichs andere sehen. Sie wirkten wie Schaufensterpuppen oder Statuetten, hoffnungslos weit weg, auch wenn wir wussten, dass sie gefährlich werden konnten.
Das Jahr hatte erst begonnen, es war spät, ein frostiger Abend. Der Wind kam böig aus dem Dunkel, brach sich am Stein der Balkone und brachte einen schwachen Geruch nach Fluss mit sich; ich hörte das beruhigende Schuh-huh der Eulen und die Geräusche von etwas, das verstohlen durch das Unterholz schlich. Ich weiß noch, dass ich dachte, dass wir den Lebewesen, die wir nicht sehen konnten, herzlich egal waren, dass sie einfach ihren eigenen Geschäften nachgingen, ohne Notwendigkeit, uns in ihre Pläne einzubeziehen. Mir selbst war ich allerdings auch egal. Wir waren beide von Alkoholfischchen betrunken und erschöpft von einem langen Arbeitstag. An meinen Stiefeln klebte Blut von einem Streifzug, der schiefgegangen war, wenn auch nur ein bisschen.
Ich starrte von meinem Stuhl aus suchend hinauf zu den verschwommenen Sternen und in den Himmel, der sich drehte und waberte und zitterte, wie ruhig ich auch dasaß. Aber ich hörte Wick, der neben mir saß, weiter zu. Ich war immer noch wach. Meine Traurigkeit gab mir eine Klarheit, eine Form von Nüchternheit, die ich nicht verdient hatte, und Wick war betrunkener als ich.
»Ein wunderschöner Fisch! Mit einem breiten und schwermütigen Maul – wie man es bei manchen Hunden sieht. Herrlich und hässlich und er bewegte sich wie ein Leviathan. Und das an Land! Er konnte Luft atmen. Ich fand es großartig, dass er Luft atmete. Außerdem bekam er wunderschöne Augen: smaragdgrün und gold geädert.«
Diesen Teil hatte ich schon mal gehört, aber je mehr Wick sich über den Fisch erging, umso weniger hatten seine echten Gefühle mit dem Fisch zu tun. Jedenfalls nicht wirklich. Während die Zeit verging und die Sterne über uns langsamer wurden, sich wieder zu vertrauten Konstellationen zusammenfügten, umso mehr konzentrierten sich seine Gefühle auf Menschen in der Firma, die alten Freunde, die ihn fallengelassen hatten, oder die er fallengelassen hatte, und den neuen Mitarbeiter, der ihn betrogen hatte. Der Supervisor, der das Fisch-Projekt beaufsichtigte. All die Menschen, die er in sein Leben gelassen und die sich gegen ihn gestellt hatten. Oder sich veränderten. Oder einfach ihrer Natur entsprechend handelten, und Wick war eine Zeit lang in ihr Blickfeld gerückt und dann wieder daraus verschwunden.
Ich kannte sie nicht, und Wick berichtete nie genug, als dass es mich gekümmert hätte. Aber selbst als Erwachsene konnte ich mich nicht daran erinnern, dass ich jemals drei oder vier Menschen gleichzeitig vertraut hätte. Dass Wick einmal so viel Vertrauen gezeigt hatte, schien dumm und unverantwortlich: ein Luxus aus der alten Welt. Und ob er ihnen vielleicht mehr vertraut hatte als mir – darüber wollte ich nicht nachdenken.
Ich fragte mich auch, ob Wicks Blick auf die Firma, seine Bereitschaft zu vergeben, sich jemals mit meiner Ansicht zur Deckung bringen lassen würde. Für mich war die Firma der weiße Gierschlund am Stadtrand, der uns unserer Ressourcen beraubt und Chaos gestiftet hatte. Von wo aus, so die Gerüchte, fertige Produkte durch unterirdische Tunnel an weit entfernte Orte gebracht wurden, während für uns nur der Bodensatz in den Entsorgungsbecken blieb.
Manchmal traf ich auf einen der wenigen älteren Sammler, die mir Geschichten erzählten, wie die Stadt vor der Ansiedlung der Firma prosperiert hatte, und ihre Gesichter zeigten ein inneres Strahlen, das mich fast dazu brachte, meine Meinung über die Erinnerungskäfer zu ändern. Fast. Was sie mir erzählten, war wahrscheinlich nur die halbe Wahrheit, so wie wir von kürzlich Verstorbenen reden und nur ihre guten Seiten erwähnen. Darin bestand die Schönheit der Firma – dass sie siegte, wie auch immer. Dass sie die Geschichte unserer Stadt bestimmt hatte. Sogar, als sie scheiterte und nicht länger existierte, außer als Hülle, als Geist oder als riesiger, mörderischer Bär.
»Irgendetwas hat ihn umgebracht und zeigte ihn mir durch eine Kamera, die in einem meiner Spionagekäfer untergebracht war.« Obwohl Wick später sagte, dass eine andere Person ihn auf dem Gewissen hatte.
Und in einer weiteren Version: Dass er verwundet worden war und in einem Entsorgungsbecken außerhalb des Firmengebäudes noch eine Weile weiterexistiert hätte. In dieser Fassung hatte der Fisch noch fast ein Jahr lang überlebt – länger, als er sollte, und teilweise deshalb, weil Wick ihn fütterte – und war zum Schrecken des ganzen Geländes geworden: Der Fisch mit dem menschlichen Gesicht, der sich aus den Tiefen erhob, um alles zu verschlingen. Das Menschengesicht war fast von Anfang an tot, weil niedere Kreaturen im Wasser an ihm genagt und geknabbert hatten, es saugte sich im Zuge seines Zerfalls voller Wasser und wurde unförmig, und niemand hätte den Fisch wiedererkannt, noch würde sich das, was vom Fisch blieb, jemals vom Tod seines Gesichts erholen.
In einer vierten Fassung deutete Wick an, der Fisch könnte noch immer dort sein, tief unten im Wasser.
Wick, der Versionen erzählte. Wick verletzt. Wick, dessen alte Angst zurückkam – Wick, der immer wieder erzählte, wie er aus der Firma flog, als sein Fisch-Projekt sabotiert wurde, die Firma im Chaos versank, ohne Verbindung zu ihrem Hauptquartier, und er ohne den Schutz leben musste, an den er sich gewöhnt hatte. Und dann war er Drogendealer geworden, ein Überlebenskünstler, ein Mann, der so dünn und durchscheinend geworden war, dass er in einer Gruppe von Höhlen- oder Tiefseewesen gar nicht aufgefallen wäre.
In meinen dunkleren Momenten, wenn ich meinem wahren Ich nicht traute und dieses Ich damit betrog, dass ich die Anziehung zwischen uns als die von Antipoden sah, war mir klar, was Wick tatsächlich zugab – nämlich, damals mitgeholfen zu haben, eine so tödliche Waffe zu bauen, dass selbst ihre extreme Schönheit nicht rechtfertigen konnte, sie einzusetzen.
Die Wahrheit, die Wick bequemerweise bei den meisten seiner Erinnerungen aussparte, trat auf der Risszeichnung in seiner Wohnung deutlich zutage: Der Zweck dieses monströsen Fischs bestand darin, als Ordnungshüter und zur Kontrolle von Menschenmengen zu dienen, Angst zu verbreiten und möglicherweise auch zu töten. An irgendwelchen abgelegenen Orten hatte eine Regierung damals vielleicht noch Autorität, war stabil genug, die Ordnung wiederherzustellen, setzte alles daran, sie wiederherzustellen.
Aber in dieser Nacht auf dem Balkon tauchte, zum ersten und letzten Mal, ein anderes Monster in Wicks weitschweifiger Abhandlung über die Firma auf. »Mord kannte das Fisch-Projekt. Durch Mord habe ich verstanden, was ich bin.«
Wie sollte ich das verstehen? Waren Wick und Mord zur gleichen Zeit in der Firma gewesen? Als Mord noch kleiner war, als Mord noch nicht fliegen konnte? Wann immer ich bemerkte, dass Wick etwas Wichtiges herausgerutscht war, brach er abrupt ab, als würde er mir mein plötzliches Interesse ansehen, und verstummte. Dieses Schweigen war kein natürliches Ende des Gesprächs. Eher eine Sollbruchstelle, eine Grenze, die Wick nicht überqueren konnte.
WAS ICH ANDEREN ANTAT UND WAS SIE MIR ANTATEN
In der Stadt war die Grenze zwischen Albtraum und Realität fließend, so wie sich der Kontext der Wörter Killer und Tod mit der Zeit verschoben hatte. Vielleicht war Mord daran schuld. Vielleicht auch wir alle.
Ein Killer war jemand, der aus anderen Gründen als fürs nackte Überleben tötete. Ein Killer war ein Verrückter oder eine Verrückte, jedenfalls keine Person, die nur einen weiteren Tag überleben wollte. Einmal schlug ich eine Frau mit einem Stein. Wir begegneten uns, als wir in der gleichen verödeten Straße auf der Westseite der Stadt nach Brauchbarem suchten. Ich war auf ein geschmeidiges Stück Metall gestoßen, das gerade von einem rot funkelnden Stück einer fleischig aussehenden Pflanze aufgesaugt wurde. Ich wusste nicht, ob Wick damit etwas anfangen konnte, aber es war durchaus wahrscheinlich, da ich noch nie etwas Vergleichbares gesehen hatte.
Als ich mit meiner Trophäe in der Hand um eine Ecke bog, stieß ich auf die Frau. Sie war um die fünfzig, sehnig, wie es Überlebende oft sind, das graue Haar hing strähnig herab, ihre Kleidung war ein Patchwork aus grau und schwarz.
Sie sah mich und lächelte. Dann sah sie meinen Fund, und ihr Lächeln verschwand. »Gib mir das. Es ist meins.« Vielleicht meinte sie: »Es wird meins sein.«
Ich wartete nicht, bis sie nah genug war, um mit mir zu kämpfen, sondern kniete mich hin und griff mit der freien Hand nach einem Stein. Als sie von der Mitte der Straße her auf mich zugerannt kam, warf ich den Stein und traf sie an der Stirn. Sie knickte ein, fiel auf die Seite und atmete schwer. Dann stand sie auf, und ich warf noch einen Stein, wieder an ihren Kopf.
Diesmal taumelte sie rückwärts, legte die Hände auf ihre Knie, während sie sich krümmte. Ich konnte sehen, wie hellrotes Blut von ihrem Kopf auf den Boden tropfte. Sie setzte sich schwer auf den Schutt und legte eine Hand an den Kopf, schaute auf, und ich ließ den dritten Stein, den ich schon in der Hand hielt, wieder fallen.
»Ich wollte doch nur einen Blick darauf werfen«, sagte sie verwirrt, während sie sich immer wieder an die Wunde fasste. Ihre Augen begannen, glasig zu werden. »Nur einen Blick drauf werfen.«
Ich blieb nicht, um ihr zu helfen oder ihr den Rest zu geben. Ich ging.
Starb sie? Habe ich sie umgebracht, und wenn ja, bin ich dann eine Mörderin?
Es war nichts Neues, was da zwischen der Frau und mir passiert war, egal, wie sehr wir auch unter Gedächtnisverlust leiden mochten; es war so alt wie die Welt, und sogar noch älter. Die erste, die einzige Regel, die man beachten muss, ist, dass man sich so gut wie möglich schützen muss – man muss sich selbst so gut wie möglich schützen, und das ist das gute Recht jedes Einzelnen.
Aber eines Abends, drei Wochen, nachdem ich Borne gefunden hatte, war ich nicht wachsam genug. Eine Gang von Kindern pirschte über das Moos und den Müll, und bevor sich die Tür hinter mir schloss, waren sie drin. Sie folgten mir leise die Korridore entlang zu meiner Wohnung, folgten genau meiner Spur, um den Fallen und Pheromonen und Kampfspinnen auszuweichen. Ich bemerkte sie nicht, weil ich mit meinen Gedanken bereits bei Borne war und mich fragte, wo ich ihn dieses Mal finden würde.
Wick war in den fernsten Winkeln seines bröckelnden Drogenimperiums unterwegs. Keines meiner eigenen Verteidigungsmittel – die fleischfressenden Kakerlaken im Flur, die in die Tür eingebauten Krabbenspinnen, eine gute, alte Messerklinge – konnte sie stoppen.
Abgesehen von Mord, dem Giftregen und dem seltsamen, ausrangierten Biotech, die alle Tod oder Unannehmlichkeiten bringen konnten, waren die Kinder die fürchterlichste Macht der Stadt. Nichts in ihrem Blick ließ darauf schließen, dass sie Menschen waren. Sie hatten keine Erinnerungen an die alte Welt, die sie hätten erden oder mäßigen oder inspirieren können. Ihre Eltern waren wahrscheinlich tot oder noch Schlimmeres, und von klein auf waren sie an fürchterliche Gewalt gewöhnt, die sie grundlegend veränderte.
Sie waren zu fünft, und vier von ihnen hatten ihre Augen durch grün-goldene Wespen ersetzt, die sich in den Höhlen wanden und ihre Wahrnehmungsfähigkeit verbesserten. Ihre Hände zierten Krallen wie scharfe Kommas. Wenn sie atmeten, glühten Schuppen an ihren Hälsen rot auf. Aus dem nackten Rücken des Kleinsten heraus öffnete und schloss sich ein Blasebalg, wie ein Flügel; als Einziger hatte er noch schiefergraue Menschenaugen. Nach einer Weile wünschte ich, er hätte stattdessen auch Wespen.
Sie rochen nach Salzlake und Schweiß und Staub. Sie leckten sich die Lippen und ließen ihre Armmuskeln spielen, als wären sie kleine Eroberer. Damals wussten wir noch nicht, wie sie sich so hatten verändern können, wenn nicht auf Grund einer Kontaminierung durch die Firma, und konnten die neue Entwicklung, die sich da abzeichnete, weder deuten, noch wussten wir, woher sie kam.
Ich kämpfte, aber manchmal ist kämpfen nicht genug, ist aggressiv sein und Widerstand leisten nicht genug. Man kann sich nicht selbst die Schuld geben, wenn der Gegner in der Überzahl ist, sonst wird man verrückt.
Es war zwecklos. Ich war hilflos. Sie folterten mich stundenlang, auf verschiedene, unvorstellbare Weise. Der Kleinste schaute meistens einfach nur zu, stand neben dem Bett, starrte mich aus seinen schiefergrauen, riesigen Augen, deren Weiß nicht so weiß war wie seine bleiche Haut, stumpfsinnig an. Die Kinder waren auf irgendwelchen Drogen, die sie wahrscheinlich auf einem Haufen Giftmüll gefunden hatten.
Zwischen meinem Wimmern und Schreien und Zappeln, während die Laken sich rot färbten und die anderen ihren Triumph herausschrien, sagte ich wieder und wieder zu dem grauäugigen Kind: »Sieh nicht hin. Sieh nicht hin.« Ich redete mir ein, dass ich versuchte, ihn zu schonen, aber tatsächlich versuchte ich nur, mich selbst zu schonen. Für ihn war es längst zu spät.
Als sie ihrer Spielchen müde wurden, fingen sie an, alles Wertlose zu zertrümmern, kletterten einander auf die Schultern, um meine Leuchtkäfer zu töten.
Dann stießen sie auf Borne – er musste sich bewegt oder sonstwie ihre Aufmerksamkeit erregt haben. Und ihr Interesse an mir schwand. Auf ihrem Weg hinaus beschlossen sie, Borne mitzunehmen – aus einem blutverkrusteten Auge sah ich verschwommen, wie sie ihn sich schnappten.
Als sie Borne mitnahmen, flehte ich sie zum ersten Mal an. Zum ersten Mal spürte ich, wie wichtig Borne mir war. Aber es machte keinen Unterschied. Sie nahmen Borne mit und ließen mich in der Dunkelheit zurück, mit aufgerissener Wange, mit aus zum Teil sehr tiefen Wunden blutendem Gesicht und blutenden Armen und Beinen. Meine Haut brannte. Meine Haut war taub. Mein wundes Fleisch fühlte sich in der Hitze kalt an. Ich hatte keine Kraft mehr aufzustehen.
Die Stadt hatte mich heimgesucht, hatte mich daran erinnert, dass ich für sie weniger als wertlos war, dass nicht einmal die Balcony Cliffs sicher waren. Dass jede Verbindung zu unseren Verteidigungsanlagen gekappt werden konnte, einfach so.

Zeit verging, und ich war nicht mehr als ein zitterndes, entblößtes, entsetzliches Etwas. Ich heulte und kreischte, hatte jegliche Hemmung verloren; dafür sorgten die Schmerzen. Als ich das dritte oder vierte Mal wieder zu mir kam, lag mein Kopf auf Wicks Schoß, und er schaute mit einem seltsamen Gesichtsausdruck auf mich herab. Vor lauter Stress flackerte seine Haut grün, eine Nebenwirkung der Diagnosewürmer, die er in sich trug. Mein Körper fühlte sich weich und warm an, während er sich um mich kümmerte, aber dahinter lauerte ein Schmerz, der alles zu verschlingen drohte.
»Es tut mir so leid«, sagte Wick leise, als würde er mit einer Leiche sprechen. Die Anteilnahme, die ich vermisst hatte, war so deutlich herauszuhören und kam aus so tiefem Herzen – als hätte er geweint –, dass ich erstarrte, es erschreckend fand. Was ich brauchte, war seine Stärke, nicht Verzagtheit. »Bleib einfach ruhig liegen. Du solltest jetzt ein Weile keine Schmerzen haben.«
Doch ich hatte Schmerzen, wenn auch nur leichte. Aber ich nickte, um uns beide zu trösten, und schaute aus verquollenen Augen zu ihm auf. Die klaren und schönen Züge seines Gesichts konnte ich trotzdem erkennen, weiß Gott. Das war mir immer noch wichtig.
Er ließ einen Diagnosekäfer über meinen Körper krabbeln. Er war alt und abgegriffen, sein Panzer zerkratzt, aber die Beine fühlten sich weich und glatt an. Überall dort, wo er mich berührte, spürte ich sofort ein Glühen, das schnell wieder abklang. Meine Wunden hatte Wick bereits mithilfe von Heilschnecken geschlossen. Ich erinnerte mich noch von meiner letzten Verletzung an das kühl-kalte Gefühl, während sie über mich krochen. Meine Angreifer hatten Kreativität an den Tag gelegt, hatten Muster in mich hineingeschnitten, Wörter, die niemand verstehen konnte, sie am allerwenigsten. Und die Bewegung der Schnecken hatte die Wörter nachgezeichnet, ihnen absichtslos einen Sinn verliehen.
»Ich würde dich in den Arm nehmen«, sagte Wick, »aber ich habe Angst, dir wehzutun.«
Dann fiel mir ein, dass sie Borne mitgenommen hatten, und ich wollte Wick bitten … aber was? Sie zu verfolgen? Wick sagte, ich solle nicht reden, und: »Es tut mir leid, dass ich nicht hier war. Es tut mir leid, dass sie reingekommen sind.« Doch er war irgendwo anders, machte sich über andere Dinge Gedanken.
»Wie schlimm haben sie dich verletzt?«, fragte er dann mit einer Betonung, die mir klarmachte, was er meinte. Es war eine medizinische Frage, aber nicht die eines Arztes. Er hatte den Überfall auf mich in Gedanken durchgespielt und vermutete das Schlimmste – jetzt musste er wissen, wie weit er mit seiner Diagnose gehen sollte.
»Nur das, was du sehen kannst«, sagte ich, und Wicks Anspannung ließ nach, was mich irgendwie bewegte.
Meine Angreifer waren zu zielstrebig oder zu wenig Mensch gewesen, um mich zu vergewaltigen. Der Älteste von ihnen, der Kleine mit den grauen Augen, war ungefähr elf, hatte strohblondes Haar und zierliche Hände. Und selbst wenn sie es getan hätten, hätte ich es Wick vielleicht nicht erzählt. Aber sie hatten es nicht getan. Zwei von denen mit den Wespenaugen hatten ihre Zungen in meinen Mund geschoben, während sie mich schnitten, aber es hatte sich mehr nach dem Versuch angefühlt, mich mit etwas anzustecken. Ich hatte noch immer einen metallischen Nachgeschmack auf der Zunge.
Inzwischen weinte ich – ein stetiger Strom von Tränen, ohne dass mein Gesichtsausdruck sich änderte. Es gibt eine Grenze dessen, was man ertragen kann. Jenseits davon fängt man an zu spüren, dass der Aufwand, zu überleben, kaum aufzubringen ist. Es wäre besser gewesen, wenn ich auf der Straße überfallen worden wäre. Es wäre besser gewesen, jetzt da draußen auf einer Halde zu liegen, als hier im Herzen der Balcony Cliffs und Wicks Schuldgefühle, seine Sorgen, seine Rücksichtnahme verkraften zu müssen. Gesehen zu werden, wo ich doch am liebsten in ein dunkles Loch gekrochen wäre, zum Sterben oder um mich von meinen Verletzungen zu erholen.
Aber ich ließ Wick seine Arbeit tun und erzählte ihm, wie es passiert war, damit er unsere Verteidigungsmaßnahmen verstärken konnte. Ich war am Leben, und ich wusste aus Erfahrung, dass ich mit der Zeit genug vergessen würde, um wieder so zu tun, als ob wir eines Tages frei sein könnten. Frei von der Stadt, von Mord, von allem. Ich weiß nicht, ob man das Hoffnung nennen kann. Vielleicht war es einfach dumpfe Trägheit.
»Und sie haben Borne mitgenommen«, sagte ich etwas später, unsicher, ob ich die richtigen Worte gefunden hatte. Dass Borne verschwunden war, war ein Gedanke, mit dem ich mich erst mal auseinandersetzen musste, sonst würde ich zusammenklappen.
Wick runzelte die Stirn. »Aber sie haben Borne nicht mitgenommen.« Er nickte in Richtung Wohnzimmer. »Er ist dort drüben.«
Trotz meines tauben Unbehagens, und während der Käfer über meinen Oberkörper krabbelte, empfand ich überwältigende Verwirrung und Erleichterung.
»Haben sie ihn zurückgebracht?«
»Ich glaube nicht. Er war im Gang vor der Tür. Deine Angreifer sind fort. Ich habe ihn wieder hergebracht.«
»Danke«, sagte ich und wusste, dass ihm diese Entscheidung nicht leichtgefallen war.
»Er ist gewachsen«, sagte Wick.
Ich sagte nichts. Ich traute mich nicht. Zum ersten Mal bemerkte ich, dass Wick sich Sorgen machte oder grübelte, ohne dass es etwas mit mir zu tun hatte. Ich hatte es geschafft, Wick geschlagene zwei Wochen von Borne fernzuhalten.
Der Käfer hatte seine Arbeit beendet.
Wick stand auf. »Du musst dich ausruhen. Ich habe uns Essen mitgebracht. Und unsere Verteidigungsanlagen verstärkt. Ich muss einen Augenblick raus, aber ich bin bald wieder zurück.«
Ich verstand. Er musste sichergehen, dass die Angreifer tatsächlich weg waren. Er musste Schlösser auswechseln und sicherstellen, dass niemand auf dem gleichen Weg hereinkam. Was alles in allem hieß, weitere Ressourcen zu verbrauchen, die wir nicht hatten, und uns beide noch schneller in eine riskante Lage zu bringen. Der brennende Stachel – die brüllende Todesangst – dessen, was passiert war, würde ein paar Stunden lang nicht zurückkehren, als wäre er Lichtjahre entfernt. Ich streckte den Arm aus, um Wicks Wange zu berühren, aber er war zu weit weg.
»Ich hätte hier sein sollen«, sagte er.
»Wenn du nicht zurückgekommen wärst, wäre ich jetzt wohl tot«, sagte ich, aber das war kein Trost. Wenn die Stadt mich wirklich hätte umbringen wollen, dann hätte sie mich, wie die vielen anderen auch, umgebracht.
»Ich sollte Borne mitnehmen«, bemerkte Wick beiläufig.
Ich ächzte. »Nein. Bitte. Nicht.«
Es wäre für Wicks Seelenfrieden besser gewesen, wenn ich es gebrüllt oder genauso beiläufig gesagt hätte wie er. Aber das tat ich nicht. Ich sprach mit dünner, brüchiger Stimme, und Wick konnte nicht dagegen an.

Nachdem er gegangen war, dauerte es eine Weile, bis ich merkte, dass ich nicht schlafen konnte, und ich beschloss, aufzustehen. Es tat weh, aber ich war schon wieder rastlos, nicht an Bettruhe gewöhnt. Ich wollte los und Borne sehen. In meinem veränderten Bewusstseinszustand machte ich mir Sorgen, dass meine Angreifer ihn vielleicht auch verletzt hatten. Vielleicht wollte ich auch nur sichergehen, dass Wick ihn nicht mitgenommen hatte.
Er saß auf einem Stuhl in der Küche und pulsierte in einem schwachen Gold-Grün. Wick hatte einige meiner Leuchtkäfer repariert, aber nicht allzu viele, und so war alles, was ich sehen konnte, das Glühen von Borne.
Borne war mindestens fünfzehn Zentimeter größer als am Nachmittag und am Fuß dicker und kräftiger. Von der Sitzfläche aus ging er mir fast bis zur Schulter. Ich konnte keinerlei Verletzungen an ihm erkennen – seine Symmetrie war weiterhin perfekt. In der Dunkelheit sah er wunderschön aus. Voller Kraft.
»Ich bin’s nur«, sagte Borne.
Ich schrie gellend auf. Ich stolperte zurück, sah mich nach einer Waffe um – einem Knüppel, einem Messer, irgendwas. Seine Stimme klang wie das Krächzen des Jungen mit den grauen Augen.
»Nur ich«, sagte Borne. »Borne.«
Nur ich.
Die Würmer, die Wick mir eingesetzt hatte, kämpften damit, beruhigende Drogen freizusetzen. Ich zitterte. Ich stieß unkontrollierte Laute aus.
»Ich bin’s nur«, sagte Borne wieder, wie um die Wörter zu testen.
Ich zuckte zusammen und blieb mit dem Rücken zur Wand stehen. Er klang jetzt nicht mehr wie mein Angreifer, sondern wärmer und viel lyrischer. Diese Stimme sollte ich als seine normale kennenlernen, obwohl er viele Stimmen annehmen konnte.
»Rachel«, sagte Borne. »Du musst nicht. Angst haben.«
»Sag du mir nicht, was ich machen muss!«, brüllte ich ihn an. »Was bist du?«
Er machte Anstalten, vom Stuhl zu klettern.
»Bleib, wo du bist. Komm mir verdammt noch mal nicht näher!«
Ich rang nach Worten, die den Raum zwischen uns füllen würden.
In die Pause hinein sagte Borne: »Geh erholen. Bitte erholen. Keine Sorgen. Schlafen.« Er bedachte jedes Wort sorgfältig, bevor er es wählte, und schien unsicher, wie sie zusammenpassten.
»Schlafen?« Ich lachte bitter. »Ich gehe jetzt nicht schlafen. Du redest mit mir.«
»Ich bin Borne«, sagte das Ding vor mir. »Ich reden reden reden.«
Die Worte kamen mit einem honigsüßen Plätschern aus ihm heraus, was mich daran erinnerte, wie sehr er mich in den vergangenen Wochen amüsiert hatte. Aber woher kamen diese Worte? Borne hatte immer noch kein Gesicht, keinen richtigen Mund.
»Träume ich?«, sagte ich.
»Träume?«, sagte Borne.
»Wie bist du ihnen entkommen?«
»Ihnen?«, sagte Borne.
»Ja, ihnen – den Kindern, die mich angegriffen haben.«
»Kindern«, sagte Borne. »Mich angegriffen.«
Dann fing ich an davonzutreiben, ganz gegen meinen Willen, und zu schwanken, während die Heilwürmer in mir arbeiteten. Ich torkelte, merkte, dass ich an der Wand hinunterrutschte, auf meinem Hintern landete. Die Würmer hatten wohl entschieden, dass ich Schlaf brauchte. Alles wurde unscharf, verschwamm.
Nach einer Weile hatte ich den Eindruck, dass Bornes Gestalt über mir aufragte, dass etwas in meinen Venen herumkrabbelte. Ich lag in meinem Bett. Ich lag auf dem Fußboden. Ich lag im Wohnzimmer. Wach. Schlafend. Irgendwo dazwischen. Delirierend, tobend, unsicher, ob ich schon mitten in einem Albtraum war oder ob er gerade erst anfing. All die Dinge aus meiner Vergangenheit, die ich versucht hatte zu vergessen, drängten nun an die Oberfläche, ergossen sich aus meinem Mund, und Borne stand da und hörte zu. Ich erzählte ihm alles über mich. Dinge, die ich nicht einmal mir selbst eingestanden hatte, die sich so lange in mir angestaut hatten, dass ich jede Kontrolle über sie verloren hatte.
Damals konnte ich es nicht wissen, aber was ich Borne berichtete, rettete mir wahrscheinlich das Leben.
WOHER ICH KAM UND WER ICH WAR
Einst war es anders. Einst hatten Menschen ein Heim und Eltern und gingen zur Schule. Städte lagen in Ländern, und diese Länder hatten Regierungen. Man reiste des Abenteuers wegen, oder um sich zu erholen, nicht um zu überleben. Aber als ich erwachsen geworden war, war das alles nur noch ein schlechter Witz. Unglaublich, wie ein kleiner Fehltritt in eine Abwärtsspirale und die Abwärtsspirale in die Hölle führen konnte, wo wir wie Geister in einer verfluchten Welt weiterlebten.
Einst, als ich acht oder neun Jahre alt war, wollte ich noch Schriftstellerin werden, oder zumindest etwas anderes als Flüchtling. Keine Fallenstellerin. Keine Sammlerin. Kein Killer. Meine Notizbücher waren vollgekritzelt mit Gedichten darüber, wie sehr ich das Meer liebte. Mit Nacherzählungen von Fabeln. Sogar mit Szenen aus Romanen, die ich nie zu Ende schrieb und auch nie zu Ende schreiben werde. Borne hätte mein imaginärer Freund sein können.
Später sagte ich mir, dass ich Borne deshalb von meiner Vergangenheit erzählte; dass ich ihm deshalb erzählte, was ich Wick nie sagen konnte, genau so wie Wick mir nichts von einer Risszeichnung, einem Teleskop, dem Nautilus-Biotech sagen konnte. Aber vielleicht hätte in jenem Augenblick jeder als Zuhörer herhalten können.

Ich wurde auf einer Insel geboren, die nicht einem Krieg oder einer Seuche zum Opfer fiel, sondern dem steigenden Meeresspiegel. Mein Vater war in gewisser Weise Politiker – ein Mitglied der Ratsversammlung, die die größte Insel des Archipels regierte. In seiner Freizeit ging er gerne fischen und baute Dinge. Er sammelte alte nautische Karten und machte sich ein Vergnügen daraus, Fehler darin zu finden. Er hatte selbst ein Boot gebaut, das The Turtle Shell hieß. Während er meine Mutter umwarb, unternahm er mit ihr immer wieder »Picknicks auf See«, und das Land war nicht mehr als ein Strich am Horizont.
»Ich muss ihm wohl vertraut haben«, sagte meine Mutter, wann immer er die Geschichte erzählte. »Ich muss ihm wirklich vertraut haben, dass ich mit ihm so weit hinausgefahren bin.«
Meine Mutter stammte auch von der Insel, aber ihre Vorfahren waren von weit her gekommen, vom Festland, und als die beiden heirateten, gab es einen Skandal, denn so etwas war bis dahin noch nicht vorgekommen. Was mir den Namen »Rachel« einbrachte, der weder von der einen noch der anderen Familie herrührte. Ein Kompromiss.
Meine Mutter war Kinderärztin. Sie lächelte und lachte immer schnell, vielleicht zu schnell, denn sie lachte auch, wenn sie nervös oder verzweifelt war. Ich stellte fest, dass mein Vater sie aufmerksam beobachtete, vielleicht um sich zu vergewissern, was wann der Fall war. Sie mochte das scharf gewürzte Essen der Heimat ihrer Familie und fing an, kleine Modellschiffe zu bauen. Sie machte sich damit spielerisch über die Faszination lustig, die mein Vater für Boote empfand. Maßstabsgerechte Modelle aus Zahnstochern. Wie mein Vater las sie sehr gerne, und ich wuchs inmitten von Büchern auf.
Wir hatten, was wir brauchten, und mehr. Wir wussten, wer wir waren. Doch das konnte das steigende Meer nicht aufhalten, und die kleineren Inseln unseres Archipels verschwanden eine nach der anderen. Mit unserem Fernglas konnten wir ihre Lichter nachts vom Strand aus sehen. Und dann kamen die Nächte, in denen wir die Lichter nicht mehr sahen. Wir hatten es schon vorher gewusst, aber danach packten wir das Fernglas weg.
Als wir fortgingen und ein Schiff bestiegen und Flüchtlinge wurden, war ich erst sechs. Ich erinnere mich, weil meine Eltern mir die Geschichten später immer wieder erzählten. Sie erzählten sie mir sogar noch, als wir Flüchtlinge blieben und von Flüchtlingscamp zu Flüchtlingscamp, von Land zu Land zogen und glaubten, wir könnten dem Zusammenbruch der Welt entkommen. Aber die Welt brach fast überall zusammen.
An die Camps erinnere ich mich vage. Der allgegenwärtige Matsch, der durch die Überbelegung zu einem einzigen Schlammfeld wurde, die Mücken so fett, dass man den Mund geschlossen halten musste, und die extreme Hitze, die später von extremer Kälte abgelöst wurde. Die Zäune und Wachhunde, um die man sich offenbar besser kümmerte als um unsere Zelte. Die neuen Ausweispapiere, die wir beantragen mussten, weil die alten nie genügten. Das ausrangierte Biotech, das sie für uns in Tröge schaufelten. Wie Telefone und andere Apparate mit der Zeit verschwanden. Das Gefühl, immer ausgehöhlt und hungrig zu sein. Krankheiten, und immer Schnupfen oder Fieber. Die Menschen außerhalb, die Wachen, waren nicht anders als wir, und ich verstand nicht, warum sie draußen und wir drinnen sein sollten.
Aber ich erinnere mich auch daran, wie meine Eltern lachten und mir Dinge aus der Heimat zeigten, als ich alt genug war, um sie würdigen zu können. Fotografien, eine Zeremonienschale, die mein Vater unbedingt mitschleppen wollte, der handgemachte Schmuck meiner Mutter, ein Fotoalbum. Jedes Mal, wenn wir umzogen und von vorn anfingen, baute mein Vater etwas: ein Zelt, Umzäunungen oder einen Gemüsegarten. Meine Mutter packte mit an und kümmerte sich um die Kranken, obwohl die Länder, in denen wir lebten, ihre medizinische Ausbildung nicht anerkannten. War das uneigennützig? Sie kämpften um ihr Leben, um ihre Identität. Also war es nicht uneigennützig, aber es half den Menschen.
Mein Vater muss mir und meiner Mutter zuliebe heiter gewesen sein. Sie konnte eines Tages vielleicht in ihre Heimat zurückkehren. Er nicht, und es kam nur sehr selten vor, dass wir jemanden trafen, der auf der Insel gelebt hatte. Die Geschichten, die er erzählte, langweilten mich irgendwann in ihrer ewigen Wiederholung, aber heute ist mir klar, dass er einfach nur versuchte, diesen Ort durch den Kompass seiner Erinnerungen neu erstehen zu lassen.
Während all der Zeit vergaßen meine Eltern meine Bildung nicht. Nicht das, was man in der Schule lernte, sondern das, was wirklich wichtig war. Welche Werte zählten. Was man bewahren sollte. Was man loslassen konnte. Wofür man kämpfen und was man abwerfen sollte. Wo die Fallstricke lagen.
Einmal fanden wir einen gewissen Frieden. Mein Vater hatte uns zu einer anderen Insel gebracht: Es war nicht dasselbe, überhaupt nicht, aber ob aus einer vergeblichen oder einer tapferen Anwandlung heraus, oder beidem, wollte er das, was er kannte, wieder auferstehen lassen. Fast zwei Jahre führten wir dort ein gutes Leben. Eine Stadt, um darin zu leben, ein Strand zum Spazierengehen, ein botanischer Garten; ich konnte mit Kindern spielen, die aussahen wie ich. Wir lebten in einer kleinen Zweizimmerwohnung, und mein Dad baute im Garten ein Auslegerkanu mit einem Motor vom Schrottplatz. Meine Mutter arbeitete wieder als Ärztin und wurde in Naturalien bezahlt.
Wann immer Nachrichten vom Festland kamen – und jedes Mal deutete sich an, dass alles immer schlimmer wurde –, versuchten meine Eltern, diese von mir fernzuhalten, so lange sie konnten. Und eines Tages der Schock: Wir wurden von Soldaten auf eine überfüllte, dieselspuckende Fähre getrieben und aufs Festland gebracht, in ein weiteres Lager. Das grün-blaue Wasser, das Boot meines Vaters und unsere Wohnung waren Vergangenheit.
Von da an wurde alles schlimmer, nicht besser. Es wurde schlimmer und immer noch schlimmer, bis es nicht einmal mehr Lager gab. Es gab nur noch uns, die wir durch ein Land zogen, das in manchen Gegenden von Vernunft, in anderen von Wahnsinn regiert wurde. Freundlichkeit und Grausamkeit hatten manchmal die gleiche Quelle. Mein Vater hatte ein Messer im Stiefel, und meine Mutter und er trugen abwechselnd einen kleinen Revolver. Es war genauso wahrscheinlich, auf Gräben voller halb verkohlter Leichen zu stoßen wie auf mit Schrotflinten bewaffnete Farmer und ihre Söhne. Einmal lud uns ein grinsender Mann in sein Haus ein und versuchte, meine Mutter zu vergewaltigen. Mein Vater kam mit einer langen Narbe am linken Arm davon, und wir hielten uns von da an von Hauptstraßen fern.
Manchmal hungerten wir lieber, als uns den Reihen der Flüchtlinge anzuschließen, die auf eine Illusion zumarschierten, ein langsamer, trauriger Marsch. Die Nebenstraßen, auf denen wir uns bewegten, waren graue Schlangen vor der Schwärze der Wälder oder des Ödlands. Die fernen Lichter einer Hütte erweckten in uns erst Furcht und dann Vorsicht, und dann machten wir einen Bogen um sie.
Wir glaubten schon seit Monaten nicht mehr, dass es irgendwo einen Zufluchtsort für uns gab, da tauchte in der Ferne auf einem Hügel eine Stadt auf, die in der Dämmerung übernatürlich wirkte wie ein auf die Erde gefallener Kristalllüster oder ein gestrandeter, auf die Seite gekippter Ozeanriese. Ich konnte die Augen nicht abwenden und bekniete meine Eltern, dorthin zu gehen. Sie ignorierten mich. Sie sollten recht behalten. Tagelang schien die Stadt an unserem Horizont auf, und in der Nacht des neunten Tages – wir hatten uns an ihrem östlichen Rand durch Wald und Steppe gekämpft – ging sie in Flammen auf, gingen all die glitzernden Lichter in einer riesigen Feuersbrunst unter, die im Umkreis mehrerer Kilometer die Dunkelheit vertrieb. Von der Stadt her kamen die Bomber mit rot blinkenden Positionsleuchten geflogen, und wir unten auf der Erde staunten über diesen Anblick, denn wir hatten schon seit Jahren kein Flugzeug mehr gesehen. Etwas so Altes und so Neues. Wir fragten uns, ob die Flugzeuge bedeuteten, dass es wieder bergauf ging, dass es vielleicht wieder so etwas wie ein normales Leben geben würde. Aber das war bloß eine Illusion. Sie bedeuteten gar nichts.
Wir beeilten uns, weiter nach Osten zu kommen, und fürchteten den Exodus der Überlebenden, als wäre er eine Welle, die über uns zusammenschlagen würde, dabei waren sie nicht anders als wir. Dann kamen Tage mit dichtem, pulvrigem, schwarzem Rauch, der den rußigen Regen sättigte, und aus der Erde krochen Würmer und Kaninchen und anderes sterbendes Getier.
Nicht lange, und wir würden uns gerne an diese Tage erinnern. Aber die ganze Zeit über gaben meine Eltern die Hoffnung nie auf, suchten weiter nach einem sicheren Ort. Sie würden nie aufgeben. Sie gaben nie auf. Ich wusste das und weiß es auch jetzt, da sie tot sind.
Ich habe Borne noch mehr erzählt, aber ich kann mich nicht dazu bringen, es aufzuschreiben, weil es zu schrecklich ist, um es in Worte zu fassen. Außerdem steuert es auf den einen Punkt zu, an den ich mich nicht erinnern kann: Wie ich in diese Stadt kam, und was mit meinen Eltern passiert war. Meine letzten Erinnerungen sind Flutwellen und provisorische Flöße und die um sich greifende Stille toter oder sterbender Menschen im Wasser – und eine Spur von Land am Horizont. In meinen letzten Erinnerungen gehe ich zum zweiten und dritten Mal unter, meine Lungen voller Schlamm.
Aber als ich wieder zu mir kam, war ich in der Stadt und lief. Ich lief am Fluss entlang, als wäre ich schon immer dort gewesen.
Allein.
WAS ICH ALS NÄCHSTES TAT, AUCH WENN ES VIELLEICHT FALSCH WAR
Obwohl es in meinem Zimmer kein fließend Wasser gab, was jedem klarsichtigen Besucher sofort auffallen musste, trotz des Schimmels, der den Kampf mit den Leuchtkäfern in der Zimmerdecke aufgenommen hatte, trotz der schwer beschädigten Mauer mit dem Fenster, das auf einen Berg Müll hinausging … trotz alldem und der Geschehnisse auf den Straßen, wo eine müde und dreckige Person mit einer anderen, die ebenso müde und dreckig war, um ein Stück Schrott kämpfte, das in der alten Welt für wertlos oder ekelerregend befunden worden wäre … trotz alldem konnte ich mir immer noch eine Zeit ausmalen, in der die kleinen Dinge, die wir geliebt hatten, wieder zu uns zurückkehren würden.
»Ich bin’s nur«, sagte Borne, und eine ganze Zeit lang, während der ich zusammengekauert auf meinem Bett lag und versuchte, wieder gesund zu werden, antwortete ich nicht. Jedenfalls nicht wirklich. Ich warf ihm nur ein paar zusammenhanglose, überflüssige Worte hin. Von Zeit zu Zeit tauchte Wick neben ihm auf, nur um gleich wieder zu verschwinden. Manchmal spürte ich, dass er seinen Arm um mich gelegt hatte. Manchmal bemerkte ich, wie er mich mit einem Ausdruck von Schuld und, wie ich glaubte, Misstrauen anstarrte.
War er wegen Borne misstrauisch? Borne hatte sich seit dem Überfall noch einmal verändert. Er hatte die Form einer Seeanemone zugunsten der einer langen Vase oder eines Tintenfischs abgelegt, der auf einem abgeflachten Sockel stand. Die Öffnung an seinem oberen Ende hatte sich nach außen gerollt und zu etwas gestreckt, was ich als langen Hals interpretierte, aus dem fedrige Fasern wuchsen, was etwas aufgesetzt aussah. Die Fasern drängten sich mit einem lang gezogenen, weichen Seufzer aneinander und trennten sich wieder wie bizarr synchronisierte Tänzer. Er war jetzt so groß, dass sein oberes Ende das Bett um gut einen halben Meter überragte. Immer noch huschten Farben über seinen Körper oder trieben träge dahin wie vom Sturm zerfetzte, einander überlagernde, dunkle Wolken. Azur. Lavendel. Smaragdgrün. Immer wieder roch er nach Vanille.
Als ich so auf der Seite lag und ihn mit einer Mischung aus Neugierde und Angst anstarrte, bemerkte ich, dass Borne eine erstaunliche Ansammlung von Augen rund um seinen Körper ausgebildet hatte. Jedes Auge war klein und von den anderen völlig verschieden. Einige waren Menschenaugen – hatten blaue, schwarze, braune, grüne Pupillen –, einige Tieraugen, aber er konnte offensichtlich mit allen sehen. Sie machten mich ratlos, weil ich nicht wusste, was sie bedeuteten. Ich beschloss, sie als eine Art merkwürdigen Schmuck zu sehen, Bornes Entsprechung eines Gürtels.
Wenn Borne bemerkte, dass ich ihn anstarrte, gab er ein Geräusch von sich, das wie ein erstauntes Räuspern klang, und dann schluckte sein Körper alle Augen bis auf zwei, die an seinem Körper entlang nach oben und weiter auseinander wanderten. Manchmal wanderten sie wieder hinunter, bis auf Hüfthöhe, aber wenn sie ihre Position auf seinem Torso gefunden hatten, wurden sie größer, nahmen eine meerblaue Farbe an und ließen lange, dunkle Wimpern wachsen; sie bewegten sich unabhängig voneinander.
Er glaubte wohl, so normaler auszusehen.

Am sechsten Tag fühlte ich mich klarer und nur noch leicht benebelt. Wick war, wenn auch ungern, wieder hinausgegangen, um seinen Geschäften nachzugehen. Er hatte meine Angreifer nicht gefunden, und ich wusste, das würde er auch nie. Wir hatten nicht mehr über die Ereignisse gesprochen und sonst auch nicht viel. Wenn er hereinkam, gab ich sogar vor zu schlafen. Meine Energie reichte nur für Borne.
Vom Bett aus stellte ich Borne eine Frage. Es war tatsächlich die einzige Frage – eine gefährliche Frage, passend zur gefährlichen Gemütslage. Ich war immer noch auf Drogenwürmern, und ich wollte nützlich sein, etwas tun, anstatt einfach hier zu liegen.
»Was bist du?«
Mein Herz schlug schneller, aber ich hatte keine Angst. Nicht wirklich.
»Ich weiß nicht«, sagte Borne mit rauer und zugleich sanfter Stimme. Einen Augenblick lang war ich verwirrt und glaubte, er würde mit den Stimmen meiner beiden Eltern gleichzeitig sprechen. Dann, aufrichtig und eifrig: »Weißt du, was du bist?«
Ich ignorierte ihn. »Lass uns etwas spielen, um herauszufinden, was du bist.«
Borne schwieg einen Moment lang, seine Farben wurden blass. Dann flackerte er wieder auf.
»Okay«, sagte er. »Okay!«
»Dann musst du aber ehrlich sein.«
»Ehrlich.« Er schien das Wort von allen Seiten zu begutachten.
»Die Wahrheit sagen.«
Wellen von kräftigem Violett liefen über seinen Körper.
»Ehrlich. Ich kann ehrlich sein. Ich bin ehrlich. Ehrlich.«
Hatte ich ihn verärgert oder irgendein anderes Gefühl ausgelöst, oder probierte er nur das Wort aus?
»Du weißt eine Menge über mich«, wagte ich mich weiter vor. »Aber ich weiß nichts über dich. Bei dem Spiel geht es um Fragen. Willst du ein paar Fragen beantworten?«
»Ich will Fragen beantworten«, sagte Borne und klang unsicher. Verstand er das Wort »Fragen«?
»Bist du eine Maschine?«, fragte ich.
»Was ist eine Maschine?«
»Etwas Hergestelltes. Etwas, das von Menschen hergestellt worden ist.«
Das verwirrte Borne, und es dauerte eine ganze Weile, bis er sagte: »Du bist etwas Hergestelltes. Zwei Menschen haben dich hergestellt.«
»Ich meine, etwas aus Metall oder Fleisch Hergestelltes. Nicht durch einen natürlichen biologischen Prozess.«
»Zwei Menschen haben dich hergestellt. Du bist aus Fleisch hergestellt«, sagte Borne. Er schien aufgewühlt zu sein.
»Warum hast du mich nicht vor den Jungen bewahrt?«
»Bewahrt?«
»Gerettet. Mir geholfen. Sie abgehalten, mir wehzutun.« Es folgte eine Pause, und alles an Borne erstarb, bis er nur noch eine graue Form war. Selbst die Augen verschwanden.
Dann kamen mit einer Explosion von Rot- und Rosatönen und einem aufgewühlten, stürmischen Grün die Farben zurück. Die Augen sprangen als ein rotierender Halo wieder auf, eingelassen in die Haut knapp unterhalb seiner oberen Öffnung. »Aber ich habe geholfen! Ich habe geholfen! Ich habe Rachel geholfen. Ich habe geholfen«, sagte er in einem gequälten Tonfall.
Ich versuchte, das Zittern in meiner Stimme unter Kontrolle zu bringen. Der Geist von Mord kam über mich.
»Diese Jungen haben mir stundenlang wehgetan.« Ich spieh die Worte geradezu aus. »Das haben sie getan, und du hast nichts gemacht. Sie haben mich schwer verletzt. Und du hättest etwas tun können.«
Wieder Schweigen, dann ein Flüstern: »Ich konnte nicht. Ich habe nicht. Geholfen. Bis.«
»Bis was?«
»Bis ich sie gekannt habe.«
Ich merkte, dass »gekannt« nicht das Wort war, das er meinte. Dass das Wort, nach dem er suchte, vielleicht nicht existierte, dass er möglicherweise versuchte, mir ein oder zwei Dinge auf einmal zu sagen.
»Wie gekannt hast?«
»Ich bin nicht komplett«, sagte Borne. »Ich war nicht komplett. Ich bin nicht komplett.« Er versuchte es mit »zusammengebaut«, was aber nicht half, und beendete den Satz frustriert über die Wörter, was seine gefiederten Pseudofüßchen wie Stacheln abstehen ließ.
»Bist du jetzt komplett? Bewusst?« Ich wollte das Wort »aktiviert« vermeiden, weil es mir Angst einjagte.
»Mehr komplett«, sagte Borne.
»Du hast sie getötet«, sagte ich ruhig. Aber nicht, bevor sie mich quälen konnten, dachte ich wütend.
»Getötet?«
»Aufgehört zu existieren. Nicht länger am Leben. Tot. Nicht hier.«
Borne wurde von Verwirrung geschüttelt. »Ich kenne sie jetzt. Ich kenne sie.«
»Töten ist schlecht«, sagte ich. »Man sollte nicht töten. Nie töten.« Es sei denn, jemand greift dich an. Es sei denn, du musst. Aber ich dachte nicht daran, Borne den Unterschied klarzumachen, denn mir fehlte die Kraft dazu.
Seine Augen schienen mir nicht länger schön. Sie sahen noch gefangener und erschrockener aus. Bildete ich es mir nur ein, oder war eines von vertrautem Grau? Da wandte ich mich von Borne ab und versank eine Weile in Besinnungslosigkeit. Was einfacher war, als mich damit auseinanderzusetzen, was er gesagt hatte.
Aber warum sollte ich mich abwenden, wenn ich mich doch sicher fühlte?

In der siebten Nacht schlief ich in Wicks Unterkunft, und Mord schlief hoch oben über uns, ausgestreckt auf dem Meer von Lehm und Müll, das die Balcony Cliffs bedeckte. Wir erlebten seine Atemzüge wie eine geisterhafte Wasserbombe, die durch die verschiedenen Schichten hinabstürzte, durch die Balken, die Rigipsplatten, die Stützsäulen und angeschlagenen Torbögen. Sie drangen durch die Atome von einem Dutzend Decken und ließen unsere Körper vibrieren. Nachdem sie sich in unsere Ohren eingenistet hatten, spürten wir sie in unserem Fleisch, und sie klangen unter unserer Haut nach.
Auch sein Gestank drang zu uns, schwach, durch die Schächte und die tausend unregelmäßigen Schichten über uns, durch die Tunnel der Würmer und Käfer. Er kam verzögert, wie der Donner nach einem Blitz, aber dann schnürte er uns die Kehlen zu. Es war der Gestank all der Lebewesen, die Mord in der vergangenen Woche getötet hatte. Konnte Mord riechen, dass wir hier unten waren? Konnte er uns Mäuschen riechen? Uns kleine, menschliche Mäuschen?
Wick lag wie erstarrt da, unfähig, sich zu bewegen, voller Angst, dass es kein Zufall war, dass Mord wusste, dass Wick hier war, und im Morgengrauen kommen und uns aufspüren würde. Eine Zeit lang flüsterten wir nur und bewegten uns wie in Zeitlupe und verhielten uns in jeder Hinsicht so, als wären wir U-Boote und Mord über uns wäre ein Torpedoboot, das nach uns suchte. Sogar beim Flüstern legte Wick seinen Mund direkt an mein Ohr. Er konnte nicht aufhören, von Gerüchten zu erzählen, dass Mord-Proxys gesichtet worden waren, dass sie in der Stadt und im Hinterland nach etwas gesucht hatten. Was sie gesucht hatten? Wick wollte es nicht sagen, aber ich hatte das Gefühl, er wusste es.
Als Mord anfing, im Schlaf zu stöhnen, flüsterten wir nicht einmal mehr. Sein Stöhnen klang wie zermalmte, zertrümmerte Worte, die durch die Erddecke gefiltert wurden, und wir konnten sie nicht verstehen. Ich wusste nur, dass sie sich nach Angst anfühlten.
Ein paar Stunden später merkten wir, wie der Druck nachließ und die Balcony Cliffs erleichtert in ihre alte Form zurückzufedern schienen. Als wir am Morgen seinen Liegeplatz inspizierten, hatte Mords Körper dort einen tiefen Abdruck hinterlassen. Wäre er am Ende nach unten durchgekracht, wenn er die ganze Nacht geblieben wäre? Hätte er Ebene um Ebene durchschlagen, bis er, immer noch schlafend, durch unsere Decke gebrochen wäre? Der Gestank blieb noch ein oder zwei Tage, und wann immer ich ihn wahrnahm, schien sich ein schweres Gewicht auf meinen Kopf zu legen.
Ich war zu Wick gegangen, damit er nicht zu mir kam und an Borne erinnert wurde, aber sobald Mord fort war, fing er an, über Borne zu sprechen. Ich wünschte fast, Mord wäre noch da, damit Wick schwieg.
»Ich könnte ihn immer noch übernehmen«, sagte Wick.
»Wen?«, fragte ich, obwohl ich es wusste.
»Borne. Es wird Zeit. Am besten übernehme ich ihn und finde heraus, was mit ihm los ist. Während du gesund wirst.«
»Das musst du nicht.«
Er zögerte, wollte noch etwas sagen, entschied sich dagegen und schien zu akzeptieren, was ich gesagt hatte. Er nahm mich fest in den Arm, und als wäre ich ein Schild gegen Mord, schnarchte er bald leise an meiner Schulter. Ich ließ ihn, obwohl es schmerzte; um des Friedens willen. Weil es einfach war. Weil es uns beiden half.
Aber schlafen konnte ich nicht. Ich musste an die verrückten Gespräche denken, die Borne und ich führten, weil Borne nicht allzu viel über die Welt zu wissen schien, nur über Bruchstücke verfügte, die nicht recht zusammenpassten.
Borne: »Warum ist Wasser nass?«
Ich: »Das weiß ich nicht. Weil es nicht trocken ist?«
Borne: »Wenn etwas trocken ist, ist es dann nicht was?«
Ich: »Was oder nass?«
Borne: »Was.«
Ich: »Was, das liegt im Auge des Betrachters.«
Borne: »Warum?«
Ich versuchte, ihm was zu erklären.
Borne: »Wie was im Auge? Ist was wie Staub?«
Ich: »Ja, Staub ist trocken.«
Borne: »Ich habe Durst. Und ich brauche einen Snack. Ich bin hungrig. Ich bin hungrig. Ich bin hungrig.«
Unser Gespräch wurde von meiner Suche nach einem Snack für Borne unterbrochen, die auch diesmal nicht schwierig war. Er mochte am liebsten, was man »Junk Food« hätte nennen können, obwohl sich dieser Begriff ja schon lange erledigt hatte.
Vielleicht mochte ich Borne auch deshalb so gerne, weil Wick inzwischen immer nur ernst war. Noch eine ganze Weile hatte Borne keine Ahnung, was ernst bedeutete.
Am Morgen, als Mord und sein Gewicht nur noch ein schlechter Traum waren, versuchte es Wick sogar noch einmal.
»Ich kann ganz vorsichtig vorgehen, sanft«, sagte er. »Du bekommst ihn genau so zurück, wie er jetzt ist.«
»Nein.«
Sein Körper an meinem Rücken versteifte sich.
»Ich sollte nicht fragen müssen. Dir sollte klar sein, dass es das Beste ist.«
»Ist es nicht.«
»Du weißt, dass etwas nicht in Ordnung ist, Rachel.« Er brüllte es fast.
Wie die meisten Männer konnte Wick nicht anders, als der Panik vor einer Sache mit einem Wutausbruch über eine andere Ausdruck zu verschaffen. Also sagte ich nichts.
Aber er ließ nicht locker. »Gib mir Borne«, sagte er.
Ich drehte mich nicht einmal zu ihm um.
»Du musst ihn mir überlassen, damit wir herausfinden, was er ist. Er lebt hier mit uns, und du beschützt ihn, dass es schon unnatürlich ist. Dieses Ding, über das du überhaupt nichts weißt.«
»Nein.«
»Vielleicht beeinflusst er dich mit Biochemie«, sagte Wick. »Und du erkennst dich selbst nicht mehr wieder.«
Darüber lachte ich, obwohl es wahr sein konnte.
»Du hast kein Recht dazu, Rachel«, sagte er, und bei dem Wort »Recht« klang er sehr verletzt.
»Erzähl mir von deiner Zeit bei der Firma.« Ich hatte das Reden so satt, einfach nur satt, Punkt. »Erzähl mir alles über dein unheimliches Teleskop.«
Aber zum Teleskop wollte er nichts sagen. Er wollte in diesem Moment überhaupt zu nichts mehr etwas sagen, und ich auch nicht. Wir wussten beide, dass ein einziges weiteres Wort genügte, und ich würde dieses Bett verlassen, oder er würde mich bitten zu gehen.
Wick. Wick und Rachel. Ein Doppelporträt. Wick und ich, an den entgegengesetzten Ecken eines Rahmens, schon nicht mehr ganz im Bild. Wir beide inzwischen merkwürdig misstrauisch, obwohl er so für mich gesorgt hatte, vielleicht, weil er mehr Vorwürfe von mir erwartete, und um die Schuld abzumildern, über die er nicht reden wollte. Und vielleicht warf ich ihm auch insgeheim vor, dass er mich schwächte, dass ich mich von seinen Überwachungsmechanismen abhängig machte, den Käfern und Spinnen, statt dass ich mich auf meine eigenen Fallen verließ.
War das fair? Nein, war es nicht. Aber ich hatte selbst Schuldgefühle: Das Geheimnis, das ich ihm verschwieg, war viel größer als seines.
Borne kann sprechen. Borne hat meine Angreifer getötet und ihre Körper versteckt. Borne ist intelligent. Borne macht mich glücklich.
WAS ICH BORNE BEIBRACHTE UND WAS ER MIR BEIBRACHTE
Borne machte mich glücklich, aber Glück hat noch niemanden schlauer gemacht. Während meiner Genesung hatte ich große Schwierigkeiten, mich daran zu erinnern, was mich draußen erwartete, als müsste ich alles wieder erlernen, trotz der vielen Lektionen, die mir schon erteilt worden waren. Ich war noch ganz wackelig auf den Beinen, und schon gingen mir alle möglichen gefährlichen Ideen durch den Kopf. Als ob die kleinen Füchse und anderen Tiere aus der Wüste da draußen in meinen Gedanken Fangen spielten, bellten und Staub aufwirbelten und nur damit aufhörten, um mich von Weitem anzustarren und zu ermutigen, weiterzugehen. Ich träumte immer wieder mit offenen Augen, dass ich in einer echten Wohnung lebte, in einem jener Schutzgebiete aus meiner Vergangenheit. Alles würde wieder gut werden – ich hatte nur die Grippe oder eine Erkältung und war krankgeschrieben, bis es mir wieder besser gehen würde. Und was würde ich tun, wenn es mir besser ging? Wenn es mir besser ging, würde ich wieder zur Universität gehen und meinen Teilzeitjob weitermachen. Ich würde mein Studium abschließen, damit ich endlich Schriftstellerin werden konnte. Denn die zerstörte Stadt war nur ein böser Traum, und mein Leben als Sammlerin war ein böser Traum, und bald würde ich aufwachen, und auch die Bilder von meinem Ertrinken und davon, wie ich meine Eltern verlor und mit ihnen jede Verbindung zur Vergangenheit, würden sich als Illusion erweisen.
Je mehr Zeit und Energie Wick aufwandte, um mich zu beschützen, desto mehr überkamen mich solche Ideen. Sie hatten nur eine vage Beziehung zu meiner Flucht, den Versuchen, irgendwo unterzukommen, den Gefahren, die ich vor der Stadt gekannt hatte.
Aber der Verstand findet Wege, sich selbst zu schützen, errichtet Festungen, deren Mauern manchmal zu Fallen werden. Selbst als ich wieder anfing, mit Borne durch meine Räume zu gehen, selbst als ich mich hinaus in die Flure wagte. Es waren so traurige Hirngespinste, dass ich, ohne sie wahrzunehmen, an den Manifestationen vorbeieilte, die mir sagten, dass alles eine Lüge war. Ein in der Wand steckender Stuhl. Ein vor lauter Rost unbrauchbar gewordener Aktenschrank, jetzt nichts als eine Barrikade vor einem Tunneleingang. Keine Bibliotheken, keine Menschen.
Trotzdem verdanke ich diesen einsamen Wochen einige meiner schönsten Erinnerungen, und das liegt an Borne. Wick war viel unterwegs, um die Bewegungen der Magierin auszuspähen, Käfer an seine kleine Bande von Dealern zu verteilen … und vielleicht auch wegen unseres Streits.
Das gab Borne und mir mehr Zeit für unsere Erkundungen. Er war es inzwischen leid, in die Wohnung eingesperrt zu sein. Wenn ich wusste, dass Wick erst Stunden später zurückkehren würde, nahm ich Borne mit in die Gänge, war dabei reizbar aus Furcht, entdeckt zu werden, und hölzern als Folge der nur langsam heilenden Wunden.
Inzwischen war dieses Spiel, Wick nicht zu sagen, dass Borne sprechen konnte, eine reine Hilfskonstruktion. Er musste es erfahren. Aber weil ich es nicht zugegeben hatte und Wick das Thema nicht ansprach, wurde Borne zu einem offenen Geheimnis, das wie ein ganz eigenes Monster zwischen uns stand. Das machte mich leichtsinnig, als ob ich nur darauf wartete, dass Wick mich zur Rede stellte. Dass unsere Beziehung sich als komplette Lüge erwies, wenn er das nicht tun würde.
Ohne auf die Strapazen zu achten, die es für meinen Körper bedeutete, rannte ich mit Borne durch schwach beleuchtete, staubige Flure, wobei Borne Angst hatte, über seine kleinen Pseudofüße zu stolpern und an die Wand zu prallen und dort kleben zu bleiben, und lachend jammerte: »Du rennst zuuuuuuu schnell!« Oder: »Warum macht das Spaaaaaß?« Was auch mich zum Lachen brachte. Wenn man nicht rennen muss, aber die Möglichkeit hat, aus Spaß an der Freude zu rennen, wird es zu einem eigentümlichen Luxus.
Für gewöhnlich waren wir am Ende eines Gangs völlig ausgepumpt und mussten eine Pause einlegen, und dann stellte Borne seine Fragen – nicht nur die übliche nach einem Snack, weil er hungrig war (ich ließ ihn inzwischen Eidechsen und Ratten jagen, um seinen Appetit zu befriedigen). Er hörte nie auf, seine Fragen zu stellen, als hätte er einen Bärenhunger auf Antworten.
»Dieser Staub ist so trocken. Warum ist Staub so trocken? Braucht er nicht zum Ausgleich etwas Feuchtigkeit?«
»Dann ist er Matsch.«
»Was ist Matsch?«
»Nasse Erde.«
»Ich habe noch nie Matsch gesehen.«
»Nein, hast du nicht. Noch nicht.«
Ich zeigte Borne in einem alten Lexikon das Foto eines Wiesels, und er legte einen ausgefahrenen Tentakel darauf und sagte: »Ooooooh! Lange Maus!«, was mich bald auf den Gedanken brachte, Borne das Lesen beizubringen, allerdings brachte er es sich selbst bei. Wenn wir Verstecken spielten, fand ich ihn manchmal zusammengekauert an einem Stapel ausrangierter Bücher, und zwei Tentakel, die aus seinen Seiten herausragten, hielten ein Buch, während ein einzelner, der sich von seinem oberen Ende herabkringelte, als Lichtquelle diente.
Er hatte keine echten Vorlieben und las über alle möglichen Themen, wobei er seine vielen Augen begeistert hin und her bewegte und in einem gleichmäßigen Tempo las. Ich glaube nicht, dass er Licht zum Lesen brauchte, und auch keine Augen, aber ich wusste, dass er mich gerne nachmachte. Vielleicht glaubte er sogar, dass es höflich war, so zu tun, als bräuchte man Licht und Augen.
Aber im Grunde genommen hatte ich keine Ahnung, was er dachte oder wie er dachte, denn den größten Teil der Zeit hatte ich nichts als seine Fragen.
Schließlich nahm ich ihn mit zu Wicks Swimmingpool, zu Wicks Labor. Ich liebte diesen Swimmingpool, was vielleicht auch hieß, dass ich Wick liebte, gewissermaßen. Über dem Pool hatte es früher ein großes Oberlicht gegeben, das bis ans obere Ende der Balcony Cliffs reichte und von dem jetzt noch ein ebenso großes Loch übrig war, das Wick mit einem Illusionszauber von oben getarnt hatte.
Wenn das Licht im richtigen Winkel einfiel, schlug es grün-goldene Wellen, als hätten sich Moos und Flechten mit den Sonnenstrahlen vermischt und auf irgendeine grundlegende Art verwandelt. Das Licht brach sich glitzernd an den lebenden Fasern, die Wick dort als Teil seiner Arbeit angebracht hatte, und man sah Staubpartikel vorüberschweben und gelegentlich eine Wasserwanze oder einen Wasserläufer, und manchmal stieg aus dem Wasser Nebel auf, der sich in sich zurückrollte wie bestimmte Farnarten.
Es dauerte eine Weile, bis man sich an den dumpfigen, mit etwas Würzigem durchsetzten Geruch der Melange von Chemikalien gewöhnt hatte. Das Würzige konnte sowohl süß als auch sauer riechen, aber immer war es scharf. Wick brauchte Morgenlicht, um das zähe, ekelerregende, schimmernde Gebräu zu füttern, damit er seine Käfer und anderen Schöpfungen fertigstellen konnte. Aber auch unsere Ausscheidungen ernährten sie, obwohl der strenge Geruch eher an Algen und Torf erinnerte, und manchmal an bittere Chemikalien. Ich hatte mich schon vor so langer Zeit daran gewöhnt, dass ich ihn sogar angenehm fand.
Aalähnliche Kreaturen schlängelten sich durch den Sud, und Flossen von bizarren Fischen durchbrachen die Oberfläche, nur um gleich wieder abzutauchen.
»Was ist ein Swimmingpool?«, fragte Borne.
»Etwas, worin Menschen … schwimmen.«
»Aber es ist voller ekelhafter Dinge! Da drin leben ekelhafte Dinge. Einfach ekelhaft. Wirklich ekelhaft.« Das Wort »ekelhaft« hatte Borne kürzlich aufgeschnappt.
»Lass diese ekelhaften Dinge einfach in Ruhe, Borne, auch wenn du Hunger hast.« Ich schlug sanft einen Tentakel zur Seite, der sich in Richtung Wasser bewegte. Ich hatte keine Ahnung, welche Wirkung diese Chemikalien auf ihn haben würden. Außerdem wollte ich nicht, dass Borne Wicks Vorräte fraß, denn damit hätte er sich bestimmt noch beliebter gemacht.
Borne fasste zusammen: »Ein Swimmingpool ist etwas, worin Menschen gerne zwischen ekelhaften Dingen herumschwimmen.«
»So in etwa«, sagte ich kichernd. »In der echten Welt da draußen wirst du auf nicht viele davon stoßen.«
Ich hätte das am liebsten gleich wieder zurückgenommen, denn damit hatte ich zugegeben, dass dies hier nicht die echte Welt war. Dass wir in einer Blase lebten, aus Raum und Zeit, die nicht überdauern konnte, nicht überdauern würde.
Ich nahm ihn auch mit auf den Balkon, aber es stellte mich vor Probleme, weil Borne zu seinem Schutz eine Tarnung brauchte. Ich fand einen Blumenhut mit nur einem Einschussloch und entsprechendem braunen Blutfleck. Und ich fand eine Designersonnenbrille mit großen Gläsern. Ich hatte die Wahl, ihm entweder ein blaues Laken überzuziehen oder ein schwarzes Abendkleid, das ich aus einer halb verschütteten Wohnung gerettet hatte. Das Abendkleid war von Motten zerfressen und ausgeblichen, aber ich entschied mich dafür, weil ich es selbst nirgendwo tragen konnte und es mir inzwischen auch ein paar Nummer zu groß war.
Borne änderte also seine Gestalt, machte sich länger und schmaler als sonst, zog seinen »Bauch« etwas ein und die lächerliche Kluft an. Aber an Borne sah sie gut aus, und mir wurde erst später klar, dass er annäherungsweise meinen Körper nachgebildet hatte, dass ich eine unechte, plumpe Version meiner selbst mit grüner Haut vor mir hatte.
Aber das reichte ihm noch nicht.
»Was ist mit Schuhen?«, fragte er, und ich bedauerte jetzt, dass ich vor ein paar Tagen eine lange Tirade über den Wert von guten Schuhen vom Stapel gelassen hatte.
»Du brauchst keine Schuhe. Niemand wird deine Füße sehen.« Wahrscheinlich würde ihn sowieso niemand sehen.
»Alle tragen Schuhe«, zitierte er mich. »Einfach alle. Du trägst sie sogar im Bett.«
Das stimmte. Ich war nie darüber hinweggekommen, dass ich so oft im Freien geschlafen hatte. Wenn man schläft, wo leicht Gefahr droht, zieht man seine Schuhe nie aus, denn vielleicht hat man nur ein paar Sekunden, um seine Sachen zusammenzuraffen und loszurennen.
Borne wollte tatsächlich Schuhe. Er wollte das ganze Programm. Also gab ich ihm welche. Ich gab ihm mein einziges zusätzliches Paar, die Stiefel, mit denen ich in die Stadt gekommen war.
Großspurig bildete er Beine mit Füßen aus und langte mit seinen eben gewachsenen Händen nach unten, um die neuen Schuhe anzuziehen. Er veränderte seine Hautfarbe, bis sie meiner ansatzweise ähnelte. Aus der Öffnung an seinem oberen Ende kamen die durch den Hut gedämpften Worte: »Wir können gehen.«
Aber wenn Borne das ganze Programm wollte, dann wollte ich einen ganzen Menschen.
»Nicht bevor du einen Mund hast«, sagte ich, »und ein richtiges Gesicht.«
»Oh oh«, sagte er, weil er das vergessen hatte. Damals sagte er jedes Mal »Oh oh«, wenn er dachte, einen Fehler gemacht zu haben. Vielleicht versuchte er auch einfach, ein wenig »kompliziert« zu sein, was er zu dieser Zeit öfter tat, im Allgemeinen auf eine charmante Art.
Die Veränderung bedurfte nur einer Sekunde. Alle Augen verschwanden, dann tauchten zwei passende, nicht – nie mehr – graue auf, dazu eine nasenähnliche Wölbung, die ganz nach dem Kopf der Eidechse aussah, die er vor ein paar Stunden gefressen hatte, und eine Art Mund mit einem verrückten Grinsen. Unter diesem Hut. In einem schwarzen Abendkleid. Und in Stiefeln.
Er sah so seriös aus, dass ich ihn drücken wollte, und ich begriff nicht im Geringsten, welches Geschenk ich Borne damit gemacht hatte. Welchen anderen Zwecken eine Tarnung noch dienen konnte.
Wir gingen hinaus auf den Balkon. Borne behauptete, er könne durch die Sonnenbrille nicht sehen, und nahm sie ab. Sein neuer Mund formte ein ehrlich überraschtes »Oh«.
»Es ist wunderschön«, rief er aus. »Es ist wunderschön wunderschön wunderschön …« Noch ein neues Wort.
Und der Wahnsinn, das, worüber ich nie wieder hinwegkam, war: Es war tatsächlich wunderschön. Es war einfach unfassbar schön, und das hatte ich nie bemerkt. Im seltsamen dunklen, ozeanblauen Licht des späten Nachmittags plätscherte der Fluss unter uns lavendel-, gold- und orangefarben vor den zahlreichen Felsinseln mit ihren Baumgruppen dahin … und sah unglaublich aus. In diesem Licht nahmen die Balcony Cliffs einen tief leuchtenden Farbton an, der beinahe schwarz war, aber nicht ganz, fast blau, aber nicht ganz, und ihre vorspringenden Schatten waren massiv und kühl.
Borne wusste nicht, dass das alles tödlich war, vergiftet, wahrlich ekelhaft. Vielleicht war es das für ihn nicht. Vielleicht hätte er in dem Fluss schwimmen können und wäre unversehrt geblieben. Vielleicht begriff ich in diesem Augenblick auch, dass ich angefangen hatte, ihn zu lieben. Weil er die Welt nicht so sah, wie ich sie sah. Er sah die Fallen nicht. Weil er mich dazu brachte, selbst einfache Wörter wie »ekelhaft« oder »wunderschön« neu zu denken.
In diesem Augenblick wurde mir klar, dass ich beschlossen hatte, meine Sicherheit gegen etwas anderes einzutauschen. In genau diesem Augenblick. Und was auch immer als Nächstes passierte, ich war übergelaufen, und die Frage war nicht, wem ich trauen sollte, sondern, wer mir trauen sollte.
ZWEITER TEIL
WIE ES VORHER WAR UND WAS DANN PASSIERTE
Mord sah ich zum ersten Mal in der Dämmerung, sechs Jahre, bevor ich auf Borne stieß; ich hatte den ganzen Tag über so gut wie nichts gefunden, außer einem vereinzeltem Stück Fleisch, das zuckend und stinkend im Graben nahe einem halb offenen Abflussgitter lag. Ich wusste, dass es eine Falle war. Ich markierte den Bereich mit Kreide und machte mich auf den Weg weiter nach Westen, zu den Trümmern eines verwaisten Highways, die von Flechten, Rost und einzelnen Knochen bedeckt waren. Sie bildeten ein grün-rot-weißes Muster, das wie mit Absicht angeordnet aussah. Die Flechten waren keine von der guten Sorte, sonst hätte ich ein paar für später geerntet.
Der hohe Anteil von Chemikalien in der Luft über der Stadt sorgte seit jeher für einen bewegenden Sonnenuntergang, selbst wenn man erschöpft war oder auf verhängnisvolle Weise abgelenkt wurde oder schlicht keinen Sinn mehr für Poesie hatte. Orangefarbene und gelbe Streifen verschmolzen mit blauen und violetten. Ich warf prüfende Blicke nach Norden und Süden, es war niemand zu sehen. Irgendwo fand ich einen ausgeblichenen Liegestuhl und setzte mich hinein, aß ein paar fade, in der Woche zuvor gefundene Cracker. Während ich dem Sonnenuntergang zusah, verkrampfte sich mein Magen zu einem festen, schmerzenden Ball.
Ich war den ganzen Tag durch die Tunnel des fast völlig aufgegebenen Fabrikviertels geklettert und entsprechend verdreckt. Ich stank. Ich war erschöpft. Trotz meiner Vorsichtsmaßnahmen hätte jeder mich sehen können. Jeder hätte mich angreifen können. Es war mir egal. Manchmal musste man seine Deckung aufgeben, damit man nicht vergaß, wie es sich anfühlte, und ich hatte mein Limit für diese Woche erreicht. Dieses Fleisch, das irgendjemand als Köder für eine Falle verschwendet hatte – ein Verrückter, ein Kannibale, ein Perverser –, hatte mir zugesetzt.
Mord tauchte aus der Gruppe von Gebäuden direkt vor mir auf. Zunächst erschien er als eine große, unregelmäßige, dunkelbraune Kugel vor der orangefarbenen Sonne. Einen kurzen, angstvollen Augenblick lang glaubte ich, er sei eine Sonnenfinsternis. Eine chemische Wolke. Mein Tod. Aber dann fing diese »Sonnenfinsternis« an, sich leichtfüßig auf mich zuzubewegen, die Sonne immer mehr zu verdunkeln, den Himmel auszulöschen, und ich konnte jedes kleine Detail des riesigen, pelzigen Kopfes erkennen.
Ich konnte nicht wegrennen. Ich hätte rennen sollen, aber ich tat es nicht. Ich hätte aus meinem Liegestuhl aufspringen und versuchen sollen, einen der Entwässerungsstollen zu erreichen. Aber ich tat es nicht. Ich blieb in meinem Liegestuhl sitzen, den Cracker noch zwischen den Lippen, und sah zu, wie der Schatten des Ungeheuers über mich kroch.
Damals war Mord noch nicht so groß, und er lebte immer noch im Firmengebäude. Er türmte sich über mir auf wie ein lebendes Schlachtschiff, mit goldbraunem Pelz, makellos; er roch sauber, als hätte eine Armee von Firmenmitarbeitern stundenlang nichts anderes getan, als ihn zu bürsten.
Seine riesigen Augen strahlten und waren neugierig und seltsamerweise menschlich, nicht so blutunterlaufen und hervorstehend wie später. Seine glatten, weißen Fangzähne schienen weniger wie eine blutige Bedrohung, eher wie das Versprechen einer schnellen, sauberen Exekution. Er schwelgte darin, den Wind in seinem Pelz zu spüren.
Ich kann nur ansatzweise erklären, welche Wirkung Mord damals auf mich hatte. Als dieser seidige, prächtige Kopf auf mich zuglitt, als mich sein Blick streifte und dann weiterwanderte, mit einer Art heimlicher Belustigung, während dieser Pelz keinen Meter über meinem Kopf in der Luft hing und nach Jasmin roch … wie der ganze, gewaltige Körper über mir hinwegschwebte, da musste ich mein Verlangen zügeln, den Arm zu heben und ihn zu berühren.
Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich Zeuge war, wie ein Gott an mir vorüberschwebte, oder ob ich vielleicht hungerbedingt eine Halluzination hatte. Doch ich wollte Mord in diesem Augenblick umarmen. Ich wollte mich in seinem Pelz vergraben. Ich wollte mich an ihn klammern, als wäre er die letzte normale Sache auf der Welt, auch wenn es mein Ende bedeutet hätte.
Als Mord aus meinem Sichtfeld verschwunden war, wagte ich es nicht, über meine Schulter zurückzublicken. Ich hatte Angst. Angst, dass er mich mit einem gefräßigen Blick anstarrte. Angst, dass ich ihn aus einem dunklen Bedürfnis heraus herbeigezaubert hatte und es ihn in Wirklichkeit gar nicht gab. Wie konnte Mord überhaupt fliegen? Welches Wunder oder welches Unheil hatte das möglich gemacht? Ich wusste es nicht, und Wick hat sich nie dazu geäußert. Dass Mord vielleicht einmal menschlich gewesen war, schien damals wie eine entlegene, ferne Wahrheit, die nur auf einem weit entfernen Berggipfel fortlebte. Aber es war diese Fähigkeit, die einige in der Stadt glauben machte, dass wir gestorben waren und uns jetzt im Jenseits befanden. In irgendeinem Fegefeuer oder einer Hölle. Und ein Teil jener, die das glaubten, opferte sich für Mord auf – und das nicht, indem sie ihn aus einem Liegestuhl anstarrten, während sie auf einem Cracker kauten. Was für einen Unterschied machte es schon, wenn man bereits tot war?
Während es dunkel wurde und sich die Sterne ankündigten, saß ich da mit meinem letzten Cracker. Erst nach einer ganzen Weile fing ich an, zu frösteln und die merkwürdigen Geräusche wahrzunehmen, die näher kamen, und nach einer sicheren Unterkunft für die Nacht zu suchen.
Ich war erst seit Kurzem in der Stadt. Bald sollte ich auf Wick treffen und nach einigem Zögern zu ihm in die Balcony Cliffs ziehen.

Selbst im Wissen, dass Borne meine Angreifer getötet hatte – und obwohl ich immer noch viel zu wenig über Borne wusste –, konnte ich Wicks Wunsch nicht nachgeben. Gab es nicht so viel Gutes und Anständiges an Borne, das ich zum Vorschein brachte, völlig unabhängig davon, welchem Zweck er dienen mochte? Das war die zentrale Frage, die sich mir immer öfter in der Dunkelheit stellte, obwohl ich Wicks Antwort darauf ja bereits kannte.
Ich arbeitete in den nächsten Wochen so hart daran, Borne zu akzeptieren, dass er mir nicht länger merkwürdig erschien. Selbst als er größer und größer wurde, bis er schließlich größer war als Wick, sogar als er neue Formen ausprobierte – sich in einen Kegel, dann in einen Würfel und eine Kugel verwandelte, und wieder zurück in den umgedrehten Tintenfisch.
Wick war inzwischen den größten Teil der Zeit zu Hause und kümmerte sich um mich. Ich hätte dankbarer dafür sein sollen, aber ich nahm ihm seine Anwesenheit mehr und mehr übel. Wenn er da war, durfte Borne sich nicht bewegen, nicht reden und die Augen mussten verschwinden – er hatte in einer Ecke zu sitzen, während Wick und ich redeten. Er sah aus wie ein riesiges Fragezeichen. Dass Wick Borne keinen Blick gönnte, zeigte mir, wie sehr er sich meines neuen Freundes bewusst war.
Aber selbst wenn Wick fort war, kamen meine Gespräche mit Borne nur zögerlich und gestelzt in Gang. Ich hatte die Fragen vermieden, die ich ihm ganz am Anfang hätte stellen sollen, kam dann aber darauf zurück, weil ich keine Wahl hatte. Ich sah mich als Schutzschild gegen Wick, dessen Fragen drängender und dessen Schlussfolgerungen rigoroser sein würden.
Ich fing wieder an, mir Borne als Maschine vorzustellen. Im Müll stieß ich auf ein altes Buch und zeigte ihm das Foto eines Roboters, dann das einer durch Bioengineering veränderten Kuh. Was würden wir heute dafür geben, in der Stadt auf eine herumwandernde Kuh zu stoßen!
»Siehst du? So etwas?«
Er fuhr auf und bildete Pseudofüße aus, als würden sie aus seinen Poren sprießen. »Ich bin keine Maschine. Ich bin ein Mensch. Genau wie du, Rachel. Genau wie du.«
Zum ersten Mal hatte ich etwas gesagt, das ihn kränkte. Ich hatte ihn immer mal wieder verwirrt, aber nicht gekränkt.
»Es tut mir leid, Borne«, sagte ich, und es tat mir leid. Ich wechselte das Thema, aber nur ein wenig. »Weißt du denn, wie du in die Stadt gekommen bist?«
»Ich kann mich nicht erinnern. Da war Wasser, eine Menge Wasser, und dann lief ich herum. Ich lief einfach herum.«
»Nein«, sagte ich geduldig. »Das ist meine Erinnerung. Etwas, das ich dir erzählt habe.«
Borne überlegte einen Augenblick und sagte dann: »Ich weiß Sachen über Sachen, die nicht von mir sind. Aber es ist alles durcheinander. Ich bringe es durcheinander. Ich soll es durcheinanderbringen. In dem weißen Licht.«
Ich musste an das weiße Licht denken, von dem häufig bei Geschichten über den Tod die Rede ist. Ich war in einem Tunnel. Ich sah ein weißes Licht.
»An was kannst du dich bei dem Licht erinnern?«
Aber diese Frage beantwortete er nicht. Weil ihm keine Antwort einfiel, von der glaubte, dass sie mir gefallen würde.
»Ich habe mich gefunden, als du mich aufgesammelt hast! Du hast mich gefunden. Du hast mich gepflückt. Gepflückt.«
Das Wort »pflücken« war neu, aber er amüsierte sich immer wieder königlich darüber; er konnte gar nicht genug davon bekommen. Es klang ein bisschen wie das Gackern eines Huhns, das ich ihm beigebracht hatte: »bok bok bok«, während er wie ein verrückter Schuljunge die Gänge entlangrannte.
Aber als er es dieses Mal sagte, wurde seine Stimme dabei leiser und leiser, und er machte sich neben meinem Bett immer flacher, wie jedes Mal, wenn er über etwas redete, das ihm Angst machte.
»Weißt du, warum es dich gibt?«
Bornes neu ausgebildete Augenstiele, die ständig hervorschossen und sich dann wieder zurückzogen, sahen mich fragend an.
»Der Grund«, sagte ich. »Du weißt schon – warum man überhaupt am Leben ist. Bist du zu einem bestimmten Zweck gemacht worden?«
»Muss alles einen Zweck haben, Rachel?«
Seine Worte gingen mir an die Nieren, wie ich da im Wohnzimmer saß und an die schimmelfleckige Decke starrte.
Was war mein Zweck, meine Aufgabe? Für Wick und mich sammeln gehen, und jetzt auch für Borne? Nur überleben und … warten? Auf was?
Aber ich wollte Borne ein guter Freund, ein gutes Elternteil sein, also sagte ich: »Ja, alles hat einen Zweck. Und jeder, jeder Mensch und jede Person, hat eine Aufgabe oder findet eine.« Oder einen Zweck.
»Bin ich eine Person?«, fragte Borne, und seine Augenstiele wurden munter, wachsam.
Für mich war er eine Person, aber eine, die dabei war, die Grenzen dieses Begriffs zu verschieben.
»Bin ich eine Person mit Vernunft?«
»Ich weiß nicht, was du damit meinst«, sagte ich, wie sonst auch, wenn ich Zeit zum Nachdenken schinden wollte. Vernünftig.
»Wenn es Vernunft gibt, dann gibt es auch Unvernunft.«
»Denke schon. Ja.«
»Aber wie bekommt man Unvernunft? Wird sie einem angeboren?«
»Das ist eine schwierige Frage«, sagte ich. Normalerweise hätte ich mit einem Spruch wie »Willst du Unvernunft haben?« geantwortet oder ihm gesagt, dass es so oder so kommen konnte: angeboren oder durch ein Trauma verursacht. Aber ich war zu müde, ich hatte den ganzen Tag Fallen repariert.
»Ist sie schwierig, weil ich schon unvernünftig bin?«
»Nein. Möchtest du manchmal schweigen?« Borne mochte eine Person sein, aber er war eine schwierige Person, denn er wollte allem auf den Grund gehen.
»Schweigt man wegen der Unvernunft?«
»Schweigen ist gold.«
»Du meinst, weil es aus Licht ist?«
»Wie kannst du ohne Mund überhaupt reden?«, fragte ich, aber nicht unfreundlich.
»Weil ich voller Unvernunft bin?«
»Voller Vernunft, ohne Mund.«
»Ist ohne Mund wie Unvernunft?«
»Ohne Mund ist …« Aber dann konnte ich mein Kichern nicht mehr im Zaum halten.
Für mich waren diese Unterhaltungen mit Borne wie ein Spiel. In Wirklichkeit war es aber so, dass Bornes junger Verstand, der ganz in seiner Prägungsphase steckte, komplexe Zusammenhänge durch Sprache noch nicht ausdrücken konnte. Das lag teilweise daran, dass seine Sinne anders als meine arbeiteten. Er musste lernen, was dies oder jenes bedeutete, und sich gleichzeitig durch mich in der Welt der Menschen zurechtfinden. Es war eine sehr schwierige Gesamtkonstellation – die ganze Verwirrung, die Suche nach Geschlossenheit, das letzten Endes dreisprachige Aufwachsen in der Welt der Menschen. Von Borne kamen, solange wir uns kannten, jede Menge Annäherungen, und manchmal lag er mit dem, was er meinte, so knapp daneben, dass es auch etwas anderes hätte bedeuten können.
Ich verstand das alles erst sehr viel später, und dann versuchte ich, mir unsere Unterhaltungen wieder ins Gedächtnis zu rufen, um zu sehen, ob sie vielleicht noch andere Deutungen zuließen. Aber sie bedeuteten einfach, was sie bedeuteten, und mir ist klar, dass mich bei einigen mein Erinnerungsvermögen im Stich lässt – und das schmerzt mich.

Es wurde Zeit, wieder sammeln zu gehen, und am Abend vor meinem ersten Ausflug kam Wick, um nach mir zu sehen. In dieser Phase unserer Beziehung war es mehr oberflächliche Routine, eine Verpflichtung. Borne versetzte sich in seinen, wie er es später nannte, »Dumpfheits-Modus«, oder »den Bauch einziehen«. Er ließ die Augen verschwinden, wurde kleiner, watschelte in eine Ecke und blieb dort sitzen, unbeweglich und stumm.
»Wie geht’s dir?«, fragte Wick von der Tür aus. Tiefe Schatten ließen seine Wangenknochen deutlich hervortreten, und ich hatte das Gefühl, als würde mich eine abstrakte Idee ansprechen.
»Gut, danke«, sagte ich.
»Du wirst das morgen hinbekommen.«
»Ja«, antwortete ich, obwohl er gar keine Frage gestellt hatte.
Wick blieb einen Augenblick zögerlich stehen, seine Augen schimmerten wie Mineraliensplitter, aber er hielt Abstand. Es gefiel mir nicht, dass ich ihn offenbar verletzte, aber ich konnte nicht anders. Er hätte in Bezug auf Borne nicht so unnachgiebig sein müssen – das war sein Fehler –, und ich schwieg. Also drehte er sich um und ging zurück in den Flur, vielleicht, um sich einen Erinnerungskäfer ins Ohr zu schieben.
Wick ging, Borne blühte auf. So war das damals – und damals hatte sich auch die Lage in der Stadt verändert; merkwürdige Dinge wuchsen heran, und vertraute Dinge vergingen.
Seit ich das letzte Mal draußen war, war aus der Magierin eine beherrschende Kraft der Stadt geworden. Sie kontrollierte jetzt ein Gebiet im Nordwesten, das etwa dort anfing, wo der Einflussbereich der Firma endete, bis hin zum südlichen Rand der Stadt. Eine wachsende Armee von Gefolgsleuten half ihr, Drogen herzustellen und ihr Territorium gegen Mord und andere zu verteidigen; Wick hatte nur seinen seltsamen Swimmingpool, die Bastion der Balcony Cliffs, eine Sammlerin, die Fallen bauen konnte, aber Geheimnisse vor ihm hatte, und ein Wesen mit unbekanntem Potential, das er am liebsten entsorgt hätte.
Schlimmer war, dass sich die Gerüchte über Mord-Proxys bewahrheitet hatten und dass sie noch blutrünstiger zu sein schienen als ihr Stammvater. Gesetze waren ihnen völlig fremd, nicht einmal das Naturgesetz des Schlafs kannten sie. Und als gäbe es geheime Absprachen zwischen ihnen und der Firma, verbrachte Mord bei ihrem Auftauchen eine Reihe von Tagen schnaufend und keuchend vor dem Firmengebäude. Unter seiner zweifelhaften Schirmherrschaft wurde das Firmengebäude immer instabiler und unsicherer. Mord schlief davor, aber dann schien er seine Rolle als Beschützer wieder zu vergessen und krachte gedankenverloren mit seinem breiten Schädel in die Mauern. Wir konnten erkennen, dass in den oberen Stockwerken noch Menschen lebten – wie in einem Belagerungszustand, denn es blieb ihnen nichts anderes mehr, als auf Mords Launen einzugehen; während in den unteren Stockwerken, Gerüchten zufolge, niemand mehr das Sagen hatte.
Doch trotz dieser Gefahren gewährte Wick mir keine weitere Schonfrist. Wir hatten eine Abmachung, und ich musste wieder damit anfangen, meinen Part davon zu erfüllen. Ich würde wieder hinausgehen und sammeln. Ich wusste nicht, ob Wick es aus Mitleid oder Grausamkeit verlangte, oder woher dieser Impuls bei ihm kam. Es war mir auch egal. Es war an der Zeit, mich aufzuraffen.
Als Wick gegangen war, fuhr Borne einen Arm aus und nahm eine meiner Hände in seine »Hand«, eine vertretbare Nachbildung, wenn auch ein bisschen feucht.
»Rachel?«
»Ja, Borne?«
»Weißt du noch, was ich dir über das weiße Licht gesagt habe?«
»Ja.«
»Ein Teil von mir hatte einen Albtraum vom weißen Licht, während dein Freund hier war.«
Ich überlegte, ob ich ihm alle Fragen gestellt hatte, die ich ihm hätte stellen sollen.
Ein Teil von mir?
Du hast gerade geschlafen?
Du träumst?
Wenn Borne in diesem Ton mit mir redete, das wusste ich inzwischen, dann wollte er mir etwas anvertrauen, mir etwas Wichtiges mitteilen.
»Was für einen Albtraum?«, fragte ich. Woher kannte er das Wort Albtraum? Ich hatte es ihm nicht beigebracht, und er hatte es noch nie verwendet.
»Ich war an einem dunklen Ort. Aber er war voller Licht. Ich war allein. Aber es gab andere wie mich. Ich war tot. Wir alle waren … tot.«
»Nicht lebendig?« Manchmal sagte Borne, etwas sei tot, weil es sich nicht bewegte, wie ein Stuhl. Oder ein Hut.
»Nicht lebendig.«
»Wie im Himmel oder in einer Hölle?«
»Rachel«. Es klang wie ein leichter Tadel. »Rachel, ich weiß nicht, was das ist.«
Ich wusste es auch nicht. Wie sollte ich auch, die ich mit einem munteren Monster redete, in einem Loch im Erdboden wohnte, inmitten so vieler kaputter Dinge? Ich lachte, um diesen Gedanken zu verbannen, und zugleich, weil alles so lustig war.
»Mach dir nichts draus. Das ist ›Religion‹, das kann ich dir nicht beibringen … niemals.« Meine Eltern waren nicht religiös gewesen, und über die sektenartige Verehrung von Mord hatte ich herausgefunden, dass sich in der Stadt Religion nicht um Hoffnung oder Erlösung drehte, sondern darum, den Tod herauszufordern.
»Okay«, sagte Borne mit einem vorwurfsvollen Lächeln in den Augen. »Ich verstehe dich nicht immer, Rachel. Ich liebe dich, aber ich verstehe dich nicht.«
Liebe? Er hatte gerade zugegeben, dass Himmel und Hölle ihm nichts sagten. Was konnte er über die Liebe wissen? Ich machte weiter, wollte es jetzt wissen.
»Und was passierte dann?«
»Ich wollte aufwachen. Ich versuchte, uns alle aufzuwecken. Aber ich konnte es nicht. Ich konnte es nicht, weil ich tot war. Das ist das Wort: tot. Und ich musste unbedingt aufwachen, weil eine Tür aufging.« Auch eine Tür konnte bei Borne alles Mögliche sein, das mit einer Tür nichts zu tun hatte.
»Und was ist passiert, als die Tür aufging?«, fragte ich.
»Sie wollten, dass ich durchgehe. Ich wollte nicht durch die Tür gehen, aber nicht nur, weil ich tot war.«
»Was ist denn auf der anderen Seite der Tür?«
Jetzt richteten sich alle Augen Bornes auf mich, wie Reihen ferner, glitzernder Sterne, die sich von den tief violetten Erdtönen seiner Haut abhoben. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, ihn nicht zu kennen.
»Ich weiß nicht, was auf der anderen Seite ist, weil ich tot bin.« Das war alles, was er dazu noch sagte.
WAS GESCHAH, ALS ICH WIEDER NACH DRAUSSEN GING
Mein Plan war, mich wieder Mord zuzuwenden und ihm wie zuvor auf den Fersen zu bleiben. Das war immer noch der beste Weg, auf brauchbare Dinge zu stoßen – und außerdem der beste Test, ob ich wirklich wieder gesund war, ob ich es wagen konnte, in seine bebende Flanke zurückzukehren und jetzt alles zu riskieren, anstatt später herauszufinden, dass ich den Mut oder die Fähigkeiten dazu verloren hatte. Aber unter den gegebenen Umständen war das zu gefährlich. Stattdessen wollte ich mich auf dem Terrain umsehen, das von der Magierin kontrolliert wurde.
Ich war spät dran. Ich wachte gemächlich auf und tat, als wäre dies nur ein weiterer Tag, an dem ich mich regenerieren könnte. Aber als es früher Nachmittag wurde, konnte ich mir nichts mehr vormachen und hatte auch keine Entschuldigung mehr. Es war Zeit, aufzubrechen. Wick schlief immer noch, weil er viel länger als geplant draußen geblieben war, um sicherzugehen, dass ihm weder die Magierin noch Mord-Proxys gefolgt waren.
Ich packte meinen Rucksack mit einem kleinen Vorrat an Waffen und Ausrüstung. Zwei unserer letzten Neuro-Spinnen, die – wie Bio-Granaten – das Nervensystem eines Angreifers blockieren konnten. Zwei Erinnerungskäfer, um mich aus Schwierigkeiten manövrieren zu können. Einen Klumpen von etwas Uraltem, das vielleicht irgendwann mal Fleisch oder Brot gewesen sein mochte, aber, wie Wick mir versichert hatte, noch essbar war. Ein gutes, altmodisches, langes Messer, ein bisschen rostig, das ich in einem der Tunnel gefunden hatte. Eine Feldflasche gefüllt mit dem Wasser, das aus einem Loch in der Decke des Badezimmers tropfte.
Ich hatte schlechte Laune, fühlte mich gefährlich und stark.
Borne entdeckte mich, als ich das Wasser in meinen Rucksack packte. »Braucht Fischers Fritze in der Morgenfrische Frisches oder fischt er Frisches aus der Morgenfrische?«
Ich brauchte eine Weile, um zu verstehen, welche Wörter bei ihm welchen Platz in dieser Frage einnahmen. Den »Fischers Fritze« hatte er offenbar in einem Sprichwörterbuch aufgeschnappt.
»Wir alle brauchen Frisches in der Morgenfrische«, sagte ich, auch wenn das nicht ganz stimmte. Aber hier ging es nicht mehr nur um eine Frage, sondern um ein Frage-und-Antwort-Schema.
»Gehst du irgendwohin?«, fragte Borne. »Menschen mit Rucksäcken gehen immer irgendwohin. Menschen mit Rucksäcken sind Menschen, die einen Zweck haben.«
Ich hatte es vermieden, ihm in all seine Augen zu sehen, aber jetzt drehte ich mich mit dem gepacktem Rucksack auf dem Rücken um und sagte: »Ich gehe nach draußen. Ich gehe eine Runde sammeln. Ich bin zurück, bevor es dunkel wird.«
»Was ist ›eine Runde sammeln‹?«
»Frische fischen«, sagte ich. »Frische fischen für dich.«
»Ich will mitkommen«, sagte Borne, als wäre die Stadt nichts mehr als ein weiterer Gang in den Balcony Cliffs. »Ich komme mit. Beschlossen und verkündet. Ich komme mit.« Er war wie immer ganz erpicht darauf, etwas zu beschließen, bevor ich entscheiden konnte.
»Das geht nicht, Borne«, sagte ich. Ich dachte an all die Gefahren, die dort draußen lauerten, und ich glaubte nicht, dass Borne bereits so weit war, sich ihnen auszusetzen. Es ging nicht nur um die Magierin oder Mord. Auch meinesgleichen war gefährlich: Sammler, die sich unter Falltüren versteckten und wie Spinnen nur darauf warteten, zuzuschlagen; jene, die das, was sie fanden, umfunktionierten und gegen Nahrung eintauschten; jene, die einen fetten Fund machten und ihn verteidigten; die wenigen, die gelernt hatten, Nahrung auf ihrem eigenen Körper zu züchten und sich selbst auffraßen, mit immer geringerem Ertrag; andere, die dahinsiechten und starben, weil sie nicht clever genug waren oder ihnen das Glück fehlte, und deren Knochen auf der Ebene der verfallenen Gebäude zum Salz der Erde wurden, ohne den Hauch einer Erinnerung oder ein Zeichen zu hinterlassen, um uns, die wir überlebten, eine Warnung zu sein. Ich wollte nicht enden wie sie, wie keiner von ihnen, und ich wollte auch nicht, dass sie Ansprüche auf Borne erhoben.
Aber Borne ließ sich von meinem Widerspruch nicht beeindrucken.
»Ich habe eine Idee«, sagte er. »Sag jetzt nicht Nein.« Noch so ein beliebter Schachzug. Wann hatte ich jemals Nein zu ihm gesagt? Die Anzahl entsorgter Eidechsenköpfe in dem Abfalleimer in einem entlegenen Winkel der Balcony Cliffs war Beweis genug.
»Nein.«
»Aber ich hab doch gesagt, du darfst jetzt nicht Nein sagen!« Aufgeregt und wütend fing er an, sich in alle Richtungen gleichzeitig auszubreiten und die Wände wie ein stürmisches, grüngefärbtes surreales Meer zu bedecken, auf dem er zwei riesige, rot glühende Augen ausbildete. Sie starrten mich von der Decke her an. Es roch verbrannt. Er wusste, dass ich diesen Geruch nicht mochte. (Unglücklicherweise machte es ihm nichts aus, wenn ich aus Rache furzte.)
Ich kannte diese Art von Wutanfall bereits, und so erschrak ich nicht. Im Verlauf meiner Genesung hatte ich mich an vieles gewöhnt.
»Nächstes Mal vielleicht.« Das war mein Lieblingsmanöver.
Er zog sich zu Größe und Form eines stattlichen, grünen Hundes zusammen, und die beiden rot glühenden Augen wurden ein großes braunes und blickten warmherzig; dann ließ er sich von der Decke auf den Boden plumpsen. Eine Hundezunge streckte sich mir wild hechelnd entgegen, und er starrte mich von unten her an.
»Nächstes Mal! Nächstes Mal. Nächstes Mal?«
»Wir werden sehen«, sagte ich.
Er ging ins Badezimmer und schmollte. Er wurde zunehmend ungeduldig und launisch, was zum Teil an dem Fressen lag, das er von mir bekam und inzwischen langweilig fand, und zum Teil daran, dass er jeden Meter der Balcony Cliffs ausgekundschaftet hatte, auch wenn er dabei Wick aus dem Weg gehen musste. Ich denke auch, dass er die Tunnel und Gänge als klaustrophobisch empfand, selbst wenn er sich eine Zeit lang klein machen konnte. Aber ich wollte nicht, dass Borne hinausging.
Wenn meine Eltern mich liebevoll angesehen hatten, hatte ich ihre Liebe manchmal eher als Last empfunden und ihnen frech die Zunge herausgestreckt. Inzwischen sah ich Borne selbst so an.

Die Helligkeit draußen überraschte mich. Lichtstrahlen fielen in den merkwürdigsten Winkeln ein. Ich hatte drei oder vier verschiedene Routen benutzt, um etwaige Verfolger abzuschütteln, und kroch die letzten dreißig Meter durch einen Tunnel, schrammte mit den Schultern an den Wänden entlang – alles nur, um sicherzustellen, dass niemand herausfinden konnte, woher ich kam. Ich musste die Augen zusammenkneifen, als ich heraustrat, aber die pralle Hitze war mir nach dieser langen Zeit drinnen sehr willkommen. Wahrscheinlich war ich auf dem Territorium der Magierin gelandet, aber anders als die Mord-Proxys schlief sie auch manchmal, und sie kontrollierte ihr Gebiet eher wie der Kopf einer Widerstandsbewegung, denn direkt bekämpfen konnte sie Mord nicht.
Ich befand mich in einer ehemaligen Wohngegend, die aussah, als wäre sie bombardiert worden oder als hätte sich die Armee hier vor dem Ende verschanzt. Falls seitdem irgendjemand hier ein Haus besetzt hatte, dann ohne Spuren zu hinterlassen, denn diese waren immer eine Einladung für Aasgeier. Geschwärzte Stützmauern voller unregelmäßiger Löcher. Keine Türen mehr, keine Angeln. Kaum noch Dächer. Morsche und gebrochene Telegrafenmasten lehnten an den Mauern toter Häuserzeilen, die staubige Plätzchen anstelle von Vorgärten hatten. Vielleicht hatte Mord die Masten gefällt, da sie alle im gleichen Winkel abgeknickt waren. Wo Staub und Sand die Straßen erobert hatte, konnte ich mich an den Masten orientieren.
Ich war angreifbar, wie ich mich so durch die Stille bewegte, auch wenn ich mich im Schatten dieser nutzlosen Mauern aufhielt und darauf achtete, wenn möglich die Sonne im Rücken zu haben. Ich nahm Wege, auf denen niemand zu sehen war, höchstens in großer Entfernung. Ein paar wenige Seelen, die auf einer Treppe rasteten, das Haus hinter ihnen ein Gewirr aus eingestürzten Balken. Zwei Menschen rannten weg und schauten dabei über die Schulter zurück. Ein kräftig gebauter Mann in schwarzer Kutte schlug lässig mit einer Axt auf irgendetwas ein – Feuerholz, Fleisch? Ich blieb nicht, um es herauszufinden.
Damals war es keineswegs so, dass die Stadt still und unbelebt wirkte, weil niemand dort gelebt hätte; man konnte die Bewohner nur nicht immer sehen oder Anzeichen für ihre Bewegungen finden. Nur wenige hatten ein gutes, glückliches oder langes Leben. Aber wir existierten, und jedes Mal, wenn ich mich außerhalb der Balcony Cliffs aufhielt, versuchte ich, nicht zu vergessen, dass hier Leute schliefen, sich versteckten, sich in die Tiefe eingegraben hatten oder auf mich oder jemanden wie mich warteten, der sich hertraute, eine Falle oder Schlinge auslöste. Leute, die mich verfolgten, um herauszufinden, ob ich Essen oder Biotech bei mir trug.
Ich lief tief gebückt über eine Kreuzung, zu meiner nächsten Deckung, schlüpfte durch ein türgroßes Loch, das wohl zu einer Zeit in die Mauern gesprengt worden war, als man sichere Wege und Deckung vor Heckenschützen suchte. Eidechsen suchten das Weite, und ringsum war nichts, nur mein beschleunigter Atem, der Geruch nach Schweiß und das Knirschen der Schuhe auf dem staubigen Geröll. Und die vergilbenden Relikte eines Versuchs, einen Gemüsegarten anzulegen, ein paar Wäscheleinen, so aufgespannt, dass man sie von der Straße aus nicht sehen konnte, und noch so straff, dass sie nicht sehr alt sein konnten.
Ich bog um eine Ecke und gelangte auf einen Hof, der einen absonderlichen Anblick bot. Wenn nicht hier, wo dann. Drei Astronauten waren zur Erde gestürzt, tot. Sie waren wie Tulpen eingepflanzt worden und steckten bis zu den Rippen in der Erde; waren in ihren Anzügen vornüber gekippt, die Helmblenden geborsten und auf dem Boden verstreut. Auf den Helmen wucherten Schimmelpilze und Flechten. Knochen. Mein Herz machte einen Satz, hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Jemand war von weit, weit her in die Stadt gekommen – vielleicht sogar aus dem Weltraum! Was bedeutete, dass es da oben Menschen gab. Aber sie waren hier gestorben, so wie hier alles starb.
Dann begriff ich, dass es keine Astronauten waren, sie sahen nur so aus, weil die Sonne ihre ABC-Schutzanzüge ausgebleicht hatte, und fühlte mich perverserweise weniger traurig. Was mochte hier geschehen sein? Vielleicht waren es Ärzte gewesen, die in den letzten Tagen vor dem Chaos und vor der Firma hergeschickt worden waren, um eine Epidemie zu bekämpfen. Vielleicht waren sie aber auch etwas völlig anderes. Jetzt jedenfalls waren sie hier eingepflanzt, und aus ihren Gesichtern wuchs Merkwürdiges, und ich traute ihnen nicht. Ich glaubte nicht, dass sie vor einem Monat schon hier gewesen waren. Ich traute demjenigen nicht, der sie eingegraben hatte, obwohl er oder es vielleicht schon lange tot oder einfach über alle Berge war. Oder in Erde und Sand darunter lauerte.
Näher heranzugehen, war keine gute Idee, das hätte böse enden können, also sah ich mir die Details durch mein Fernglas an. Es sah gestellt aus, nicht lebensecht. Die Handschuhe über den Handknochen passten nicht zu den Anzügen und stammten offensichtlich aus einem geplünderten Laden. Ich glaubte, eine Bewegung hinter einer der Helmblenden zu sehen, die Spiegelung von jemandem in meinem Rücken, drehte mich um, sah niemanden. Aber das Gefühl blieb, ein Gefühl, dem ich immer vertraut habe.
Es gibt Tricks, einen Beschatter zu enttarnen. Der Nächstliegende ist, stehen zu bleiben, sich zu bücken und die Schnürsenkel neu zu binden – das reicht, um einen unbeteiligten oder unerfahrenen oder einfach nur inkompetenten Beobachter aus der Deckung zu locken. Und wenn jemand wirklich Böses im Schilde führt, dann wird das auch ihn aus der Deckung holen, weil er einen abgelenkt oder wehrlos glaubt.
Wieder die Andeutung einer Bewegung hinter mir, jetzt an der Ecke, um die ich zuvor gebogen war, um auf den Hof zu gelangen. Aber es hielt sofort an oder wurde zu etwas anderem. Was für eine merkwürdige Vorstellung, aber ich begann, auch meinen merkwürdigen Vorstellungen wieder zu vertrauen. Zu meiner Linken hinter mir lagen Reihen völlig zertrümmerter Häuser und rechts weitere einstöckige Häuser, in der Mitte dazwischen lag die staubige Straße.
Ich holte eine Spinne aus dem Rucksack, schob sie in meine Tasche, bog, den Hof mit den toten Astronauten meidend, schnell in die nächste Seitenstraße ein, deren Häuser noch intakt waren, und kletterte über einen Berg Schutt auf ein leicht geneigtes Spitzdach. Ich brauchte einen Blick aus der Vogelperspektive, obwohl das Stechen in meinem Knie und eine klopfende Stelle in der Schulter mir sagten, dass Klettern keine gute Idee war.
Ich lag bäuchlings auf rohen Ziegeln und gesplittertem Holz, und die nachlassende, träge Hitze strahlte vom Dach in meinen Körper ab. Das Dach war beschädigt, aber stabil. Der Himmel darüber war von einem hellen Petrol, das langsam in die Dämmerung überging. In der Ferne schien eine Fata Morgana von zarten Bruchlinien Berge zu versprechen. Soweit wir wussten, gab es dort aber keine Berge. Der Himmel belog uns einfach.
Unter mir konnte ich den Friedhof der gestapelten Reihenhäuser sehen, die sich mit den Straßen zu einer schäbigen Kreuzung, einem schiefen X verschworen hatten. Am Rand konnte ich sogar noch die Puppenköpfe der toten Astronauten in ihrem sonderbaren Hof erkennen.
Trotz meiner günstigen Position fühlte ich mich ungeschützt, wie erstarrt von dem Gefühl, Teil eines Dreiecksmanövers mit offenen Rechnungen zu sein – dem berauschenden Gefühl, zu spionieren, ein Spion zu sein oder sogar ein Heckenschütze, was mir Unwohlsein bereitete. Zudem befand ich mich hoch oben auf einem Dach, was in dieser Stadt inzwischen auch etwas anderes als früher bedeutete. Mord könnte sich auf mich stürzen, um mich aufzusammeln, bevor ich die Möglichkeit hatte, selbst dort unten etwas aufzusammeln – oder, weniger poetisch, Mord-Proxys könnten heraufklettern und mich fröhlich in Stücke reißen. Doch ich lag so lange da oben und spielte liegende Statue, dass ich schließlich ganz erleichtert war, als ich etwas erblickte, das ich zunächst nicht einordnen konnte: Eine Gestalt kam die Straße entlang. Ich spannte meine Muskeln an und presste mich noch dichter an das schräge Dach, starrte auf Licht und Schatten.
Eine große Figur in schwarzen Gewändern lief in meine Richtung. Jemand, der einen spitzen Hut mit breiter Krempe trug, den er sehr tief ins Gesicht gezogen hatte. Der Hut tanzte und glitzerte, und sein Gang war merkwürdigerweiße fließend und unzusammenhängend zugleich; hinterher wurde mir klar, dass er dem tolpatschigen Gang eines Babys im Körper eines Mannes glich. Die Arme hingen an seinen Seiten herunter, und auch die Hände waren untätig. Diese viel zu weißen Hände schienen keine Bedeutung zu haben, als wären Torso und Beine real und die Arme nur dazu da, eine Illusion zu vervollständigen.
In einiger Entfernung folgte dieser Gestalt ein kleines Tier, das um die Ecken spähte und starrte, so wie ich vom Dach aus spähte und starrte. Es hatte übergroße Ohren und eine raue, rosafarbene Zunge, und ein Blick durch mein Fernglas bestätigte, dass es eine Art Fuchs war, aber mit fremdartigen Augen. Ein neugieriges, umherstreifendes Geschöpf? Auf der Suche nach Aas? Oder ein Spion, ein Beobachter? Für wen oder was? Was immer es war, es hatte Instinkte wie ich, denn plötzlich hob es den Kopf, sah mich und war verschwunden, als wäre es nie da gewesen. Die Gestalt kam näher, und die Angst in meinem Magen verwandelte sich in lautloses Kichern, dann in Ärger und Sorge: Ich hatte den verkleideten Borne vor mir. Nur trug er gar keine Kleidung – er war einen Schritt weitergegangen und hatte die Kleidung einfach aus seiner Haut gebildet. Der Hut war seine obere Öffnung, und die glitzernden Sterne waren seine Augen, die er zu einem Muster geformt hatte.
Als er etwa ein Haus entfernt war, lehnte ich mich über das Dach. Ich war immer noch nicht so weit, aufzustehen und meine Silhouette als Ziel anzubieten.
»Borne«, sagte ich.
Borne blickte überrascht nach oben.
»Meine Güte!«, rief er aus. »Meine Güte!«
Dann wurde er größer und größer, drehte sich wie ein Korkenzieher, sprang wie federnd bis zum Dachrand, damit er mich mit seinem Zauberhut anstarren konnte, als wäre er kurzsichtig. Ich verlor fast meinen Halt.
»Borne!«
»Rachel!« Mit einem schnalzenden Laut sprang er wieder auf die Straße zurück und schaute zu mir herauf.
»Borne.« Jetzt fühlte ich mich benommen. Ganz offensichtlich war er seit dem Morgen um einiges gewachsen.
»Rachel. Du solltest mich nicht bemerken.«
»Und du solltest gar nicht hier sein! Es ist gefährlich.«
Ein Anflug von Ärger bei Borne, auch das gab es erst seit Kurzem: »Wenn es gefährlich ist, warum bist du dann rausgegangen?«
»Das ist meine Sache. Du hast mir nicht gehorcht. Du bist mir hinterhergelaufen wie jemand Böses. Böse. Ganz böse!« Auch wenn Borne nach wie vor zwischen Kindsein und Erwachsensein schwankte, reagierte er doch immer auf »Ganz böse«. Er wollte nie böse sein.
»Ich weiß«, sagte er niedergeschlagen. Aber war er das wirklich? Er wirkte immer noch ziemlich beschwingt. Etwas hatte ihn in Hochstimmung versetzt, und kein Tadel konnte ihn davon abbringen, wenn das schon die ganze, schreckliche Welt nicht geschafft hatte. Und auch bei mir machte sich jenseits meiner Schroffheit Hochstimmung bemerkbar, weil ich wieder draußen in der Welt war. Vielleicht spürte er das.
Bornes Kleider verschwanden, und er wurde wieder zu der ein Meter achtzig große Mischung aus Tintenfisch und Seeanemone mit ihrem Ring von kreisenden Augen. Ich war verunsichert, wich zurück, tastete nach einem Käfer, verkniff es mir. Er hatte noch nie so fremd ausgesehen wie in diesem Augenblick, nackt und allein auf der Straße, obwohl ich ihn zu Hause, den Balcony Cliffs, genau so kannte. Nichts und niemand hat jemals weniger zugehörig gewirkt.
Ich verspürte den Drang, ihn einfach auf dieser staubigen Straße stehen zu lassen und über so viele Dächer wie möglich zu springen, um von ihm wegzukommen. Würde mein Leben nicht leichter, besser werden, wenn er nicht mehr mein Problem war? Aber die Verlustangst, die sich schlagartig einstellte, brachte mich da oben auf dem Dach fast ins Taumeln. Ich konnte es einfach nicht.
Die Luft hatte plötzlich etwas Drückendes, was mich auf den – irrationalen – Gedanken brachte, dass Mord auf dem Weg hierher war, also stieg ich schnell vom Dach. Außerdem wollte ich nicht mehr hier draußen sein, wenn es dunkel wurde.
»Als was hattest du dich denn verkleidet?«, fragte ich.
»Ach, nichts Besonderes«, sagte Borne, ohne mich mit seinen Augen anzuschauen, was eine beachtliche Leistung war.
»Wie bitte?«
»Als Zauberer«, sagte er widerwillig und verschämt. »Aus einem der alten Bücher in den Balcony Cliffs.«
»Aus welchem?«
»Das weiß ich nicht. Zauberer gibt es in vielen. Sie sehen alle gleich aus.«
»Sie haben aber alle verschiedene Zaubersprüche.«
»Ach ja? Ist Wick ein Zauberer? Kennt er Zaubersprüche?«
»Ich bin ein Zauberer«, sagte ich. »Ich kenne den Spruch, der dich zurück in die Balcony Cliffs befördert.«
»Das ist kein Zauberspruch«, sagte Borne, schien sich aber nicht ganz sicher zu sein.
Zauberer waren zumindest keine Magier. Sollte er jemals von einem Magier verhext werden, dann waren wir alle verloren.
»Was soll ich nur mit dir machen, Borne?«
Ich fragte ihn, weil ich es nicht wusste. Es war dumm gewesen zu glauben, ich könnte ihn von den schädlichen Einflüssen der Stadt fernhalten. Wenn ich die Zeit dazu gehabt hätte, hätte ich ihm all die Gefahren erklärt, die um uns herum lauerten. Ich hätte ihm gesagt, was ich ihm bisher verschwiegen hatte: dass er für die meisten Sammler der ultimative Fund war. Dass niemand, der ihn sah, ihn als Person betrachten würde, sondern als ein Ding.
Auf dem Rückweg kamen wir noch einmal an den toten Astronauten in ihren Schutzanzügen vorbei; Borne winkte ihnen zum Abschied.
Als hätte er sie gekannt, als wären sie ihm gute Freunde gewesen.
Kurz darauf fühlte ich ein Kribbeln im Nacken, Blicke, die auf uns gerichtet waren. Bald entdeckte ich die Quelle, die uns in einigem Abstand auf weichen Pfoten wie ein Schatten folgte.
»Dieser Fuchs folgt dir immer noch, Borne. Sollte ich mir Sorgen machen?«
»Er ist mein Haustier«, sagte Borne.
»Dieser Fuchs ist gewiss nicht dein Haustier. Hast du ihn gestreichelt?«
»Nein, er hat mich nicht gelassen.«
»Weißt du, warum er dir folgt?«
»Ich habe es ihm befohlen.«
»Du hast es ihm befohlen?«
»Nein, natürlich nicht. Das wäre ja lächerlich. Ruchlos. Dumm. Uncool.«
»Warum schleichst du dich dann nicht an ihn an und frisst ihn wie eine Eidechse?«
»Er lässt mich nicht.«
»Auch wenn du dich auf die Lauer legst?« Ich hatte persönlich nichts gegen den Fuchs, aber er und seine Gefährten fingen an, mich zu beunruhigen.
»Er ist immer an«, sagte Borne.
»Was bedeutet das?«
»Er ist immer an, wie eine Glühbirne. Er ist nicht dunkel, wie die meisten Sachen.«
»Was bedeutet das?«, fragte ich wieder. Niemand hatte noch Glühbirnen. Wie konnte Borne sie kennen?
Borne antwortete nicht, und als ich mich das nächste Mal umblickte, war der Fuchs nicht mehr zu sehen.
Trotzdem stellte ich durch Täuschungsmanöver und Hakenschlagen sicher, dass uns kein lebendes Wesen auf dem Weg zur verborgenen Tür in die Balcony Cliffs beobachten konnte.

Mitten in der Nacht schreckte ich hoch und bemerkte, dass Borne wohl schon seit geraumer Zeit redete. Er hatte sich neben meinem Bett zusammengerollt, ein selbstgenügsames Bündel kurzer, grün leuchtender Tentakel mit einer Unzahl von wild um sich blickenden Augen, die auf dem Körper hin- und herschossen. Die Hälfte von ihnen war auf mich gerichtet, die andere auf die Tür. Ich hatte den Eindruck – der aber schon wieder am Verblassen war –, dass er mich noch wenige Augenblicke zuvor aus sehr viel kürzerer Distanz angesehen hatte.
»… aber ich weiß nicht warum sie mir gefolgt sind und ich wusste es nicht es war so staubig da draußen und alles so groß. Es war alles so groß da. Es gab sogar Himmel. Einen riesigen Himmel. Ein so riesiger Himmel dass er fast auf mich zu fallen schien. Und diese ganzen … Mauern. All diese Mauern. Und diese kleinen Dinger die mir folgten und es war heiß. Heißer. Es war heißer. Definitiv heißer. Ich hatte keinen Durst, aber ich hätte Durst haben können. Denn es war heiß. Und weit und groß. Das ist eine Stadt. So sieht also eine Stadt aus. Genau so. Genau so. Und da waren diese Astronauten. Die in der Erde steckten.«
An die Astronauten sollte er sich noch lange erinnern. In den nächsten Wochen besorgte er sich sogar drei Puppen und tat, als würde er sich mit ihnen unterhalten. Sie waren soeben vom Mond zurückgekommen und halfen jetzt dabei, die Erde neu zu bepflanzen, oder irgendein ähnlicher Blödsinn. Borne hatte so viele Tentakel, dass er ein ganzes Theaterstück hätte aufführen können, wenn er gewollt hätte.
Ich drehte mich um und versuchte, das pausenlose Geplapper zu ignorieren. Natürlich war es eine Reizüberflutung für ihn gewesen. Natürlich war das alles neu für ihn. Daran würde ich mich gewöhnen müssen, oder ich würde immer wieder von Bornes Überraschung überrascht werden. Wenn ich mich allerdings daran gewöhnte, dann hätten wir eine gemeinsame Erfahrung weniger, auch wenn es mich erleichterte. Sich vom ständigen Gefühl der Ehrfurcht eines anderen abstumpfen zu lassen, das musste man erst einmal schaffen.
Dann fiel mir etwas ein, und ich beugte mich hinab und tippte Borne dort an, wo ich sein oberes Ende vermutete.
»Hä? Was? Rachel?«
»Borne, wie bist du eigentlich aus der Wohnung gekommen? Als du mir gefolgt bist.«
Seine Reaktion war schleppend, träge. Ich hatte den Eindruck, dass sich nur ein kleiner Teil von ihm mit der Antwort auf meine Frage beschäftigte, während sein Körper zuckte und bebte und er eigentlich woanders war.
»Die Tür war offen. Sie war ganz offen, und es sah aus, als würdest du wollen, dass ich…«
Ich stützte mich auf die Ellbogen und fiel ihm ins Wort. »Nein, das war sie nicht, und nein, das wollte ich nicht.« Ich hatte die Tür mit einer ganzen Reihe von Schlössern gesichert, hauptsächlich, damit Wick nicht hereinkonnte.
»Der Spalt unter der Tür war offen.«
Ich brauchte einen Augenblick, um das zu verdauen. Borne hatte sich also dünn gemacht wie ein Pfannkuchen und, knochenlos, wie er war, unter der Tür hindurchgeschoben. Großartig.
Ich ließ Borne in seinen Traum zurückgleiten, welcher Zwischenbereich von Wachsamkeit und Schlaf es auch immer war, der es ihm erlaubte, zu träumen.
Aber ich war jetzt wach, also ging ich hinüber in Wicks Wohnung, weil ich dachte, er sei vielleicht von einem seiner nächtlichen Streifzüge zurück. Ich wollte mit ihm schlafen. Ich war nicht sicher, ob ich mit ihm schlafen oder schlafen meinte. Aber für eine Weile, einen Vormittag lang, wollte ich meine Sinne abschalten, damit sie keine Bedeutung mehr herstellen konnten.
Borne ganz allein aufzuziehen, war erschöpfend.
Wick stand an seinem geliebten Swimmingpool voller »ekelhaftem« Biotech, und ich nahm ihn gleich dort, auf dem Boden – aus heiterem Himmel, völlig unerwartet, mit einer gewissen List, aber er war durchaus willens. Nachdem ich draußen gewesen war, wo ich so alarmbereit und kontrolliert sein musste, war ich jetzt das genaue Gegenteil davon – und wieder erholt von dem Angriff. Ich konnte mich schmerzfrei bewegen.
Ich war draußen gewesen, und mir war nichts Schlimmes zugestoßen. Oder zumindest hatte nichts Schlimmes die Chance gehabt, mir zuzustoßen. Und auch drinnen stieß mir nun nichts Schlimmes zu.
»Nicht jetzt«, sagte er unseren alten Ritualen, unterschwelligen Signalen und Vorgehensweisen entsprechend, »ich arbeite!«
»Doch. Jetzt«, sagte ich.
»Aber ich versuche zu arbeiten.« Alles war da, die Freude und die alten Vorwürfe, die in Wahrheit bedeuteten, dass er nichts lieber wollte, als von der Arbeit abgehalten zu werden. Als von mir genommen zu werden, was seit Wochen nicht mehr vorgekommen war.
Also nahm ich ihn mir, bis er mir alles gegeben hatte und wir schweißnass glänzten. Unsere Körper kannten sich noch immer, und auch die Balcony Cliffs wussten, dass wir zusammengehörten. Ich spürte die mächtige Verbindung, die uns aneinanderkettete, meine Fallen und seine Überraschungseffekte, die ineinandergriffen, und hier waren wir, im absoluten Zentrum all dessen, das wir uns erschaffen hatten.
Selbst wenn wir danach nicht miteinander geredet und uns Zärtlichkeiten zugeflüstert hätten, die so persönlich waren, dass niemand außer uns sie verstand – selbst dann wäre es gut gewesen. Es fühlte sich an, als ob wir alles, das sich zwischen uns stellte, in Ordnung bringen könnten. Aber das führte auch dazu, dass ich meine Deckung aufgab, vielleicht weil Wick nach dem Sex immer spielerischer war als sonst.
Wick stand auf, zog zerschlissene Shorts und ein altes T-Shirt an und trat an den Rand des Pools. Er kniete auf einem Bein nieder und fischte etwas Schuppiges, Metallgraues aus den stinkenden Tiefen des Pools, während er mir über seine Schulter hinweg einen Blick aus seinen unwiderstehlichen Augen zuwarf.
Pulsuz fraqment bitdi.