Kitabı oxu: «Sprache als psychotherapeutische Intervention»

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Die Autoren

Matthieu Villatte, Ph. D., arbeitet als Wissenschaftler und psychotherapeutischer Trainer am Evidence-Based Practice Institute in Seattle. Er leitete Workshops über die Anwendung der Relational Frame Theory und der Kontextuellen Verhaltenswissenschaft in der psychotherapeutischen Arbeit in den USA, Kanada, Australien, Südamerika und Europa. Er ist außerdem Mitherausgeber des Journal of Contextual Behavioral Science. In seiner gegenwärtigen Arbeit legt Villatte den Fokus darauf, den Bekannheitsgrad von evidenzbasierter Psychotherapie zu erhöhen. Er hat Artikel und Buchbeiträge über die Relational Frame Theory, die Kontextuelle Verhaltenswissenschaft und die erlebnisorientierte kognitive Verhaltenstherapie veröffentlicht.

Jennifer L. Villatte, Ph. D., ist Klinische Psychologin. Sie widmet sich dem Ziel der Herstellung gesundheitlicher Chancengleichheit durch die Anwendung der Kontextuellen Verhaltenswissenschaften. Sie ist Professorin (Assistant Professor) für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften an der Universität Washington. Hier arbeitet sie eng mit Pionieren in den Bereichen Computertechnik, Human-Centered Design (einer am Menschen orientierten Gestaltung der Technik) und Data Science an der Maximierung der Effektivität und Reichweite von Verhaltensinterventionen zur Verbesserung des Wohlbefindens des Einzelnen und der Gesellschaft.

Steven C. Hayes, Ph. D., ist Inhaber einer Stiftungsprofessur am Department of Psychology an der Universität Reno (Nevada, USA). Er war Präsident zahlreicher wissenschaftlicher und Fachverbände, unter anderem der Association for Behavioral and Cognitive Therapies und der Association for Contextual Behavioral Science. Seine Arbeit wurde unter anderem mit dem Award for Impact of Science on Application der Society for the Advancement of Behavior Analysis und dem Lifetime Achievement Award der Association for Behavioral and Cognitive Therapies ausgezeichnet. Er ist Autor von 41 Büchern und über 575 wissenschaftlichen Fachartikeln. Dr. Hayes widmet sich dem Verstehen von Sprache und Kognition und wendet seine Erkenntnisse im Dienst der Linderung menschlichen Leids und der Verbesserung des Wohls der Menschheit an. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören die Bücher: Acceptance and Commitment Therapy, Second Edition: The Process and Practice of Mindful Change und Mindfulness and Acceptance: Expanding the Cognitive-Behavioral Tradition.

Die Übersetzer

Cornelia Fedder, Diplom-Verwaltungswirtin.

Thorsten Kienast, Prof. Dr. med., MBA, niedergelassener Psychotherapeut und Psychiater, Professor und Privatdozent, Medicalschool Hamburg, Charité Berlin.

Valerija Sipos, Dr. phil., leitende Psychologin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Helios Hanseklinikum Stralsund.

Ulrich Schweiger, Prof. Dr. med., Chefarzt der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie und Psychosomatik und Psychotherapie, Helios Hanseklinikum Stralsund, Professor für Psychiatrie, Universität zu Lübeck.

Matthieu Villatte Jennifer L. Villatte Steven C. Hayes

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Englische Originalausgabe: Mastering the Clinical Conversation. Language as Intervention.

Alle Rechte vorbehalten

© 2016 The Guilford Press, New York and London

Für die deutsche Ausgabe:

1. Auflage 2020

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-033014-6

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-033015-3

epub: ISBN 978-3-17-033016-0

mobi: ISBN 978-3-17-033017-7

Vorwort der Übersetzer

Liebe Leserinnen und Leser, vor Ihnen liegt, in deutscher Übersetzung, einer der wichtigsten Texte der gegenwärtigen internationalen Psychotherapieliteratur. Matthieu und Jennifer Villatte und Steven Hayes haben das Wagnis unternommen, erstmals in einem systematischen Lehrbuch zu beschreiben, wie Therapeuten Sprache als Intervention zur Veränderung von Verhalten anwenden können. Sie stützen sich dabei auf die von Hayes mitentwickelte Relational Frame Theory.

Auch erfahrene Therapeutinnen werden in dem Buch eine Fülle von interessanten Anregungen finden oder auch plausible theoretische Erklärungen für Dinge, »die sie schon immer so gemacht haben«. Viele dieser Dinge sind auch gut lehrbar, d. h. werden die Ausbildung junger Psychotherapeutinnen beeinflussen.

Viele Abschnitte des Buches sind leicht zu lesen. Sie knüpfen an allgemeiner psychotherapeutischer Erfahrung an und illustrieren wichtige Sachverhalte mit ausführlichen Beispielen. Manche Abschnitte sind aber auch »harte Kost«. Möglicherweise müssen Sie sie mehrfach lesen, um sie zu verstehen. Lassen Sie sich davon nicht abschrecken! Nehmen Sie das Glossar im Anhang zu Hilfe oder schlagen Sie Begriffe, die Ihnen nicht vertraut sind, bei Wikipedia oder auf der Website der Association for Contextual Behavioral Science nach. Wenn Ihnen gar nicht nach Theorie zumute ist, dann lesen Sie einfach nur die Kapitel 5 bis 8 ( Kap. 5, Kap. 6, Kap. 7, Kap. 8) mit ihren vielfältigen praktischen Beispielen.

Das Buch »Sprache als psychotherapeutische Intervention« wendet sich an alle, die sich für die Fortentwicklung von Psychotherapie interessieren, unabhängig von ihrer Ausbildung in spezifischen Verfahren oder Methoden. Gleichzeitig ist es unvermeidlich, dass in dem Buch die Herkunft der Autoren aus der Acceptance & Commitment Therapy (ACT), einer Methode der Verhaltenstherapie, sichtbar wird. Dies bedingt auch, dass einige aus ACT stammende Termini technici verwendet werden. Nutzen Sie auch hier das Glossar, um sich damit vertraut zu machen.

Ein wichtiges Anliegen war uns, in der Übersetzung eine geschlechtergerechte Sprache zu finden. Wir haben uns hierbei aus Gründen der guten Lesbarkeit für die Methode des Splittings entschieden, das heißt männliche und weibliche Personenbezeichnungen werden in wechselnder Reihenfolge verwendet. Es handelt sich dabei im Regelfall um ein generisches Femininum oder Maskulinum.

Wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei der Lektüre und praktischen Anwendung des Buches!

Cornelia Fedder

Thorsten Kienast

Valerija Sipos

Ulrich Schweiger

Inhalt

1  Vorwort der Übersetzer

2  1 Die Macht der Sprache

3  1.1 Traditionelle Zugänge zur Sprache in der Psychotherapie

4  1.2 Kontextuelle Verhaltenswissenschaften und Sprache

5  1.3 Sprache ist erlerntes Verhalten

6  1.4 Die Evolution der Sprache

7  1.5 Sprache ist eine Form des Lernens

8  1.6 Wie wird Sprache erlernt?

9  1.7 Zusammenfassung des Kapitels

10  2 Sprache und Psychopathologie

11  2.1 Probleme bei der Flüssigkeit und Flexibilität des Herstellens von Bezugsrahmen

12  2.2 Probleme in Zusammenhang mit Erlebnisvermeidung

13  2.3 Regelgeleitetes Verhalten und Inflexibilität

14  2.4 Schwierigkeiten, die durch Sinnstiftung und Kohärenz entstehen

15  2.5 Probleme mit Motivation

16  2.6 Sprache – Bedeutung in der Psychotherapie

17  2.7 Zusammenfassung des Kapitels

18  3 Symbolische Werkzeuge der Veränderung

19  3.1 Ein struktureller Rahmen für die Verwendung von Sprache in der Psychotherapie

20  3.2 Bezugsrahmen als therapeutische Instrumente

21  3.3 Beispiel aus der Praxis

22  3.4 Zusammenfassung des Kapitels

23  4 Psychologische Diagnostik

24  4.1 Schaffung eines erlebnisorientierten Kontextes für die Diagnostik

25  4.2 Diagnostik von Kontextsensitivität

26  4.3 Diagnostik der Kohärenz

27  4.4 Die Anwendung der Relational Frame Theory in spezifischen Modellen der Psychotherapie

28  4.5 Beispiel aus der Praxis

29  4.6 Zusammenfassung des Kapitels

30  5 Aktivierung und Gestaltung von Verhaltensveränderung

31  5.1 Sprache nutzen, um Veränderung des Verhaltens zu aktivieren

32  5.2 Einsatz von Sprache zur Gestaltung von Verhaltensänderung

33  5.3 Beispiel aus der Praxis

34  5.4 Zusammenfassung des Kapitels

35  6 Das Konstruieren eines flexiblen Selbstkonzeptes

36  6.1 Das Selbstkonzept

37  6.2 Schwierigkeiten mit Selbstkonzepten

38  6.3 Das Selbst aus der Perspektive der Relational Frame Theory

39  6.4 Das flexible Selbst

40  6.5 Beispiel aus der Praxis

41  6.6 Zusammenfassung des Kapitels

42  7 Fördern des Erlebens von Sinnhaftigkeit und Motivation

43  7.1 Die Sprache von Sinnhaftigkeit und Motivation

44  7.2 Sinnhaftigkeit im Leben und Motivation in der Praxis

45  7.3 Beispiel aus der Praxis

46  7.4 Zusammenfassung des Kapitels

47  8 Herstellen und Anwenden erlebnisorientierter Metaphern

48  8.1 Metaphern sind Geschichten, die Verhaltensveränderung fördern

49  8.2 Auswahl und Konstruktion wirksamer therapeutischer Metaphern

50  8.3 Einsatz der Metapher

51  8.4 Anwenden verblasster Metaphern

52  8.5 Beispiel aus der Praxis

53  8.6 Zusammenfassung des Kapitels

54  9 Trainieren erlebnisorientierter Fertigkeiten durch formale Übungen

55  9.1 Überblick

56  9.2 Formale erlebnisorientierte Techniken in der Praxis

57  9.3 Beispiel aus der Praxis

58  9.4 Zusammenfassung des Kapitels

59  10 Förderung der therapeutischen Beziehung

60  10.1 Anwendung der Relational Frame Theory auf die Therapeutin

61  10.2 Konstruieren einer flexiblen therapeutischen Beziehung

62  10.3 Beispiel aus der Praxis

63  10.4 Zusammenfassung des Kapitels

64  11 Epilog

65  12 Leitfaden für das Anwenden der Relational Frame Theory in der Psychotherapie

66  12.1 Psychologische Diagnostik ( Kap. 4)

67  12.2 Verhaltensänderungen aktivieren und gestalten ( Kap. 5)

68  12.3 Aufbau eines flexiblen Selbstkonzeptes ( Kap. 6)

69  12.4 Fördern des Erlebens von Sinnhaftigkeit und Motivation ( Kap. 7)

70  Glossar

71  Literatur

72  Stichwortverzeichnis

1 Die Macht der Sprache

Jede psychologische Intervention beruht auf dem Einsatz von Sprache. Sogar Techniken, die Stille betonen, die Imagination oder Hypnose nutzen oder mit Übungen eine direkte Verbindung zum Hier und Jetzt herstellen, erreichen ihr Ziel, indem sie sprachliche Mittel einsetzen. Psychotherapeuten nehmen selten direkt auf das Leben ihrer Patienten Einfluss – Veränderungen erzeugen sie vornehmlich durch Gespräche. Erfolgreiche Therapeuten sind durch Begabung oder Übung in der Lage, Sprache als Werkzeug zu nutzen: Sie verfügen über eine präzise Ausdrucksweise und können durch aufmerksames und verständnisvolles Zuhören psychisches Wohlbefinden über einen Dialog herstellen. Sprache ermöglicht den Aufbau einer therapeutischen Beziehung, ermöglicht Einsicht und drückt Empathie aus. Sie vermittelt Konzepte, unterstützt das Erlernen neuer Fertigkeiten und begleitet therapeutische Übungen. Sprache ist nicht nur der Träger der therapeutischen Intervention – sie ist die Intervention.

Sprache ist nicht nur ein unverzichtbares Werkzeug, um positive Veränderungen in der Psychotherapie zu fördern. Sie ist an der Entwicklung und der Aufrechterhaltung der meisten Formen von Psychopathologie beteiligt. Sprache lenkt die menschliche Aufmerksamkeit. Sobald wir unsere Aufmerksamkeit etwas zugewandt haben, beginnen wir zu beschreiben, zu bewerten und zu analysieren. Unsere eigenen Erfahrungen mit Emotionen, Gedanken, Erinnerungen, Lernerfahrungen und körperlichen Empfindungen vermischen sich rasch mit Argumenten und Narrativen, die uns im selben Maße beeinflussen wie die Erfahrungen selbst.

Die Macht der Sprache bei der Transformation menschlicher Erfahrungen zeigt sich in der psychotherapeutischen Praxis. Sprache kann ein harmloses Objekt in eine schreckliche Bedrohung verwandeln; Vorstellung kann nicht mehr von Realität unterschieden werden; die Erinnerung an ein lange zurückliegendes Trauma kann neue Wunden entstehen lassen; die Antizipation eines unwahrscheinlichen Ereignisses kann zu einer Barriere werden, Glück zu empfinden. Die Art und Weise, wie wir über unsere Erfahrungen sprechen, kann uns aus der Welt, in der wir leben, wegführen und uns in einer sich ausbreitenden inneren Welt gefangen halten. Ohne sprachliche Prozesse könnten wir uns nicht über zukünftige Katastrophen sorgen, über vergangene Fehler grübeln oder Wahnideen für richtig halten; wir könnten niemandem Schuld zuweisen, keine perfektionistischen Ansprüche verfolgen oder daran zweifeln, ob unser Leben Sinn oder Ziel hat. Der Sprache fällt anscheinend oft unser Wohlergehen zum Opfer.

Andererseits wäre es ohne Sprache unmöglich, sich Hoffnung zu machen, von einem besseren Leben zu träumen, über Ideale nachzudenken oder sich von Menschen berührt zu fühlen, denen wir noch nie begegnet sind. Psychotherapeuten sind häufig von der Belastbarkeit der menschlichen Seele überrascht, über die Fähigkeit des Menschen zu kooperieren, Kontakt herzustellen und sich um Verständnis zu bemühen. Diese Phänomene lassen sich auf Kernprozesse zurückführen, die der Sprache zugrunde liegen. Mit Hilfe dieser Prozesse erschaffen und hinterfragen Menschen Gesetze, Literatur, Philosophie, Geschichte, Theologie und Kunst. Es ist folgerichtig, dass wir die Fachrichtungen, die sich mit diesen Produkten von Sprache befassen, »Geisteswissenschaften« (Humanities) nennen. Die Produkte der Sprache definieren den Menschen als Spezies.

Die Vorteile von Sprache beschränken sich nicht nur auf Kommunikation und die Fähigkeit zu verstehen; Sprache hat einen starken Einfluss auf viele Formen von Verhalten. Nur Menschen sind in der Lage, schreckliche Ereignisse abzuwenden, indem sie vernünftige Regeln und Ratschläge befolgen. Wir können aus mathematischen Formeln und physikalischen Gesetzen nützliche und schöne Dinge erschaffen, z. B. Raumschiffe und Kathedralen. Wir können Absichten und emotionale Zustände anderer erschließen, daraus vorhersagen, wie sie sich verhalten werden, und unser eigenes Verhalten daran anpassen. Wenn wir uns in die Lage eines anderen versetzen, können wir verhindern, dass ein anderer Mensch schikaniert wird, oder wir können jemandem ein perfektes Geschenk aussuchen.

Wir können vergleichen, analysieren, bewerten und planen. Dadurch können wir Probleme effizienter lösen als andere Spezies. Wir können in harten Zeiten unsere Hoffnung und Motivation bewahren, indem wir uns eine schönere Zukunft vorstellen.

Sprache, so wie wir den Begriff in diesem Buch verwenden, ist der Kern der meisten komplexen menschlichen Fertigkeiten, einschließlich des Denkens, der Vorstellungskraft, des Erinnerns, der Selbsterkenntnis und des Perspektivwechsels. Unsere relativ schwache und wehrlose Spezies war in der Lage, nach nur einigen tausend Jahren der Nutzung dieses machtvollen Instruments eine dominante Rolle auf diesem uralten Planeten einzunehmen. Augenscheinlich handelt es sich um eine Fertigkeit, die gleichermaßen schöpferisch und zerstörerisch sein kann. Dementsprechend ist Sprache seit langer Zeit ein Phänomen, dem im Bereich der Psychologie, aber auch in anderen Bereichen, die sich mit der Verbesserung der menschlichen Existenz befassen, großes Interesse entgegengebracht wird.

1.1 Traditionelle Zugänge zur Sprache in der Psychotherapie

Jedes ausgereifte Psychotherapieverfahren befasst sich mit der Rolle von Sprache, Symbolen und Bedeutung. Die Psychoanalyse ist seit jeher bemüht, Konflikte bei Patienten durch Verständnis der symbolischen oder verdeckten Bedeutung alltäglicher Ereignisse aufzulösen. Dazu werden Techniken wie Traumdeutung und freie Assoziation eingesetzt. Die Humanistische Psychotherapie zielt darauf ab, das menschliche Potential zugänglich zu machen, indem vergleichende und bewertende Sprachprozesse durch bedingungslose Zuwendung und Empathie abgeschwächt werden. Bei der Anwendung der kognitiven Therapie modifizieren Therapeuten dysfunktionale Schemata und belastende Gedanken durch den Sokratischen Dialog und kognitive Umstrukturierung. Ganzheitliche und gegenwartsfokussierte Psychotherapiemethoden wie Gestalt-Therapie und achtsamkeitsbasierte Therapien warnen vor exzessiven verbalen Analysen und betonen die Wichtigkeit von Achtsamkeit und direkten Erfahrungen. Gleichzeitig leiten sie dieses Vorgehen durch sprachliche Techniken an. Von allen gängigen psychotherapeutischen Traditionen zeigte lediglich der Behaviorismus ein nur begrenztes Interesse an Psychotherapie auf der Basis von Sprache und symbolischer Bedeutung. B. F. Skinner stellte die Behauptung auf, dass radikaler Behaviorismus ein Erklärungsrahmen für das Verständnis von Zielen und Absichten sei (1974, p. 61). Seine Analyse von sprachlichem Verhalten führte zu einer begrenzten Auswahl praktischer Anwendungen für Patienten. Es gab viele Zweifel, ob ein wissenschaftlicher Ansatz, der auf empirischen Studien mit Tieren basierte, Einsicht in das komplexeste menschliche Verhalten bieten könne.

Bisher haben die unterschiedlichen Herangehensweisen an die Bedeutung von Sprache und Symbolen dazu geführt, dass die verschiedenen Behandlungstheorien sich eher voneinander entfernt als sich aufeinander zubewegt haben. Keiner dieser Denkansätze hat bisher zu einer allgemein anwendbaren Theorie der Rolle der Sprache in der Psychotherapie geführt. Sie haben sich darauf konzentriert, welche Folgen spezifische symbolische oder kognitive Inhalte auf Patienten haben, stellen aber keine Anleitung dafür dar, Sprache als Wirkstoff in der Psychotherapie einzusetzen. Sprache ist ebenso nützlich und allgegenwärtig wie unsere Atemluft. Wir schenken ihr erst Beachtung, wenn etwas schiefgeht – wenn wir nicht die richtigen Worte finden, die Kommunikation zusammenbricht oder Missverständnisse entstehen. Bisher fehlte es an einer Theorie der Sprache, die aufzeigt, wie wir dieses Werkzeug bewusst innerhalb eines Spektrums von psychotherapeutischen Systemen und Behandlungsmanualen nutzen können. Bisher fehlte es auch an einer verhaltenswissenschaftlichen Perspektive auf Sprache, die Lebendigkeit fördert und schädliche Reaktionen auf psychologischen Schmerz minimiert.

Wir sind auf der Suche nach einem Werkzeugkasten, der gute Dienste bei der Analyse klinischer Probleme liefert und Behandler aus allen psychotherapeutischen Richtungen auf dieser Basis befähigt, sinnvolle Arbeitskonzepte zu entwickeln. Das ist das Anliegen dieses Buches.

1.2 Kontextuelle Verhaltenswissenschaften und Sprache

Das vorliegende Lehrbuch stellt eine Theorie von Sprache vor. Diese beleuchtet die Komplexität menschlichen Verhaltens und bietet pragmatische Werkzeuge, die therapeutische Techniken aller Verfahren unterstützen können. Der Ansatz hat einen überraschenden Ursprung, einen Ableger der Verhaltenspsychologie (Behaviorismus), der als kontextuelle Verhaltenswissenschaft bekannt ist (Contextual Behavioral Science (CBS); Hayes, Barnes-Holmes & Wilson, 2012; Zettle, Hayes, Barnes-Holmes & Biglan, 2016). Die Überraschung besteht darin, dass Behaviorismus der psychologische Ansatz ist, der beinahe an den Klippen von Sprache und Kognition gescheitert wäre. Sprache war das Phänomen, das jenseits der Grenzen behavioralen Denkens lag: Eine speziell dem Menschen vorbehaltene Fähigkeit, die durch einen naturalistischen, ganzheitlichen Zugang zur Psychologie nie erklärt werden könne. Zumindest ging man davon aus.

Contextual Behavioral Science ist kein Behaviorismus der alten Schule. Sie hat kein geringeres Ziel, als menschliches Leid zu lindern und die menschliche Entfaltung voranzutreiben, indem sie grundlegende wissenschaftliche Modelle zum Verständnis komplexen Verhaltens entwickelt und bereitstellt. CBS ist ein System aus philosophischen Thesen, wissenschaftlichen Daten und methodischen Standards, die alle Aspekte von Theorieentwicklung, empirischer Forschung und Umsetzung von Wissen in praktische Anwendung beeinflussen. Der Zugang zu Sprache, den Sie in diesem Buch entdecken werden, kann für Therapeuten nützlich sein. Er kann verfahrensübergreifend angewandt werden, gerade weil er in den kontextuellen Verhaltenswissenschaften verwurzelt ist.

Im Zentrum der Contextual Behavioral Science steht eine ganzheitliche und pragmatische Weltanschauung1 , der funktionale Kontextualismus. Die Basis sind spezifische philosophische Annahmen zum Konzept Wahrheit, die für die Entwicklung, Überprüfung und Bewertung von Theorien und wissenschaftlichen Beweisen eingesetzt werden können. Das Maß, an dem sich Fortschritt festmachen lässt, ist die Wirksamkeit – »Wie gut hilft mir dieser Denkansatz dabei, meine Ziele zu erreichen?« In der kontextuellen Verhaltenswissenschaft steht das Ziel, Leid zu lindern und Wohlbefinden zu fördern, im Zentrum. Wir möchten daher unsere Leserinnen dazu ermutigen, die Konzepte und Techniken, die in diesem Buch vorgestellt werden, über das Kriterium Wirksamkeit des funktionalen Kontextualismus zu prüfen und damit zu experimentieren – »Helfen die Techniken mir dabei, meine Patienten besser zu verstehen?«, »Verbessern sie die therapeutische Beziehung?«, »Machen sie meine Interventionen effektiver?«. Danach können Sie überprüfen, ob es hilfreich für Sie war, Wirksamkeit als Maßstab dafür zu wählen, ob etwas als »gut« oder »wahr« einzuschätzen ist.

Contextual Behavioral Science definiert Verhalten als Aktivität eines gesamten Organismus innerhalb eines bestimmten Kontextes. Dementsprechend ist alles, was ein Mensch tut, ein Verhalten. Das schließt Denken, Erinnern, Aufmerksamkeit, Fühlen und Wahrnehmung mit ein. Viele Leser werden es gewohnt sein, Verhalten von Denken oder Verhalten von Emotion zu unterscheiden und empfinden den hier beschriebenen Gebrauch des Wortes möglicherweise als merkwürdig oder sogar falsch. Der funktionale Kontextualismus verwendet die obige Definition jedoch, weil sie bei der Behandlung von Patienten erlaubt, eine überschaubare Menge von verhaltenswissenschaftlichen Prinzipien bei einer großen Vielfalt von praktisch relevanten Themen anzuwenden. Der Pragmatismus dieses Ansatzes erlaubt dem Therapeuten einen flexiblen Umgang mit der Vielfalt menschlicher Erfahrungen sowie den zahllosen, nicht vergleichbaren Kombinationen, die sich aus den Wechselwirkungen zwischen Patienten, Settings und situationsabhängigen Faktoren ergeben. Gleichzeitig bleibt der Ansatz in der Psychologie als Wissenschaft verankert.

Sie werden vielleicht bemerken, dass diese Definition von Verhalten keine Trennung zwischen der Aktion eines Organismus und dem Kontext, in dem sie auftritt, vornimmt. Grund dafür ist, dass die CBS als Teil einer umfassenden Evolutionswissenschaft Verhalten im Hinblick auf seine Vielfältigkeit und den daraus entstehenden Vorteil wertet, und weiter: CBS verfolgt ein sehr pragmatisches Ziel: dabei ist der einzige Weg festzustellen, ob ein Verhalten effektiv ist, die Überprüfung, wie gut es in einem bestimmten Kontext funktioniert. Mit Kontext ist das Umfeld gemeint, in dem ein Verhalten auftritt. Kontext beschreibt alles, was dieses Verhalten beeinflusst, also wann, wie und warum etwas geschieht. Kontext bezieht sich sowohl auf zeitlich vorangehende wie auch auf gegenwärtige Faktoren, die auf das Verhalten des Organismus Einfluss nehmen. Dazu gehören biologische, gesellschaftliche und kulturelle Variablen, die Entwicklungs- und Lerngeschichte sowie gegenwärtige innere (z. B. kognitive, affektive) und äußere Einflüsse. Verhalten wird also durch vielfältige Faktoren des jeweiligen Kontextes beeinflusst. Es ist daher möglich, dieses Verhalten zu ändern, indem der Einfluss ausgewählter Faktoren geschwächt oder verstärkt wird.

Das Verändern von einzelnen Elementen des therapeutischen Kontextes, einschließlich der Sprache, kann das Erleben der Patientin erheblich verändern. Dies beeinflusst auch Ebenen, die Psychotherapeuten nicht direkt zugänglich sind, wie die physiologische, kognitive, emotionale oder motivationale Ebene. Dies gibt die Macht, Veränderung zu erzeugen, fest in die Hände des Therapeuten und des Patienten. Sie können die Mechanismen der Veränderung in der Therapie identifizieren und gezielt beeinflussen. Dies ermöglicht besonders effiziente Interventionen, die ein breites Spektrum therapeutischer Ziele beeinflussen, indem sie zentrale behaviorale Prozesse und Funktionen ansprechen, anstatt sich auf spezifische Formen von Gedanken, Emotionen oder Verhalten zu beschränken.

Das Buch hat folgende allgemeine Ziele: Therapeuten und ihre Patienten sollen befähigt werden, 1) zu identifizieren, welche kontextuellen Elemente ihr Verhalten beeinflussen und 2) die Kraft der Sprache zu nutzen, um den Kontext so zu verändern, dass er adaptives Verhalten begünstigt. Unser Ansatz basiert auf einer kontextuell-verhaltenswissenschaftlichen Theorie von Sprache und Kognition, der Bezugsrahmentheorie (Relational Frame Theory, RFT; Hayes, Barnes-Holmes & Roche, 2001). RFT gründet sich auf einem dynamischen Forschungsprogramm. In diesem Zusammenhang sind bereits über 150 empirische Publikationen entstanden. Sie betreffen die Bereiche Psychopathologie, Theory of Mind, implizite kognitive Prozesse, Intelligenz, regelgeleitetes Verhalten, Problemlösen, Selbstkonzept und andere für die Behandlung von Patienten wichtige Themen (Dymond & Roche, 2013). Die Grundsätze von RFT werden bereits erfolgreich in folgenden Bereichen angewandt: Förderung von Bildung, Behandlung von entwicklungsbedingten Beeinträchtigungen, Gesundheitsverhalten, Verminderung von Risikoverhalten, Leistungssteigerung, Behandlung von Problemen in intimen Beziehungen, Organisationsmanagement, Förderung von kulturellen und sozialen Transformationsprozessen. Akzeptanz- und Commitment Therapie (ACT; Hayes, Strosahl & Wilson, 1999, 2012) ist die erste Psychotherapie, die sich explizit auf RFT bezieht. ACT ist eine evidenzbasierte Behandlungsmethode für ein breites Spektrum von Gesundheitsproblemen (siehe Liste der evidenzbasierten Programme der American Psychological Association, Division 12 und der U.S. Substance Abuse and Mental Health Services Administration). Das vorliegende Buch ist allerdings kein ACT-Manual. Es soll keinen neuen, besseren Weg beschreiben, ACT anzuwenden. Es behauptet auch nicht, dass Sie ACT erlernen müssen, um RFT bei Ihren Patienten anzuwenden. Es soll weder ACT noch irgendeine andere Behandlungsmethode ersetzen. Es ist die Absicht dieses Buches, Prinzipien zu erkunden und zu erläutern, die für einen gemeinsamen elementaren Mechanismus aller Psychotherapiemethoden gelten – Sprache.

1.3 Sprache ist erlerntes Verhalten
1.3.1 Aufbau von und Reagieren auf symbolische(n) Beziehungen

Der moderne Mensch existiert seit weniger als 200.000 Jahren (McDougall, Brown & Fleagle, 2005). Die meisten psychologischen Prozesse, die Auswirkungen auf uns haben, sind jedoch viel älter. Die Lernprozesse der operanten und klassischen Konditionierung sind vermutlich mehr als 500 Millionen Jahre alt (Ginsberg & Jablonka, 2010); Habituation ist noch älter. Sprache dagegen ist möglicherweise erst vor 100.000 Jahren entstanden (Nichols, 1992). Selbst wenn Sprache – wie einige vorbringen – auf die Zeit zurückgehen sollte, als sich die Hominiden entwicklungsgeschichtlich von den Schimpansen trennten, wäre sie trotz allem eine relativ junge Entwicklung. Fünf Millionen Jahre sind nur ein Augenblick auf dem Zeitstrahl der Evolution.

Irgendwann in den letzten paar hunderttausend Jahren begann der moderne Mensch, symbolische Beziehungen zu konstruieren, die es ihm erlaubten, mental Dinge zusammenzufügen oder sie voneinander zu trennen; Ähnlichkeiten zu erkennen und Unterschiede festzustellen; Analogien herzustellen und Ergebnisse vorauszusagen. Aus bescheidenen Anfängen, die darin bestanden, Dingen Namen zu geben, ist eine Sammlung erstaunlicher und einzigartiger menschlicher Fähigkeiten entstanden – zu analysieren und zu planen, Werte festzulegen und zu vergleichen, sich Szenarien einer Zukunft vorzustellen, die noch niemals erlebt worden sind, sich seiner selbst bewusst zu sein oder sich in die Sichtweise anderer hineinzuversetzen. Diese Verhaltensweisen werden in anderen Konventionen auch symbolisches Verhalten, kognitive Prozesse höherer Ordnungen oder Exekutivfunktionen genannt. Wir nennen sie Sprache.

Im alltäglichen Gebrauch wird der Begriff Sprache üblicherweise für die Fähigkeit zu kommunizieren verwendet. In diesem Buch verwenden wir den Begriff in einem wesentlich umfassenderen Sinn. Wir definieren Sprache zunächst als die erlernte Fähigkeit, Beziehungen zwischen Objekten und Ereignissen aufzubauen und uns in Übereinstimmung mit diesen Beziehungen zu verhalten, die teilweise auf der Grundlage sozial etablierter Hinweisreize entstehen. Der letzte Satz besagt lediglich, dass diese Beziehungen nicht nur auf intrinsischen2 Merkmalen der Dinge beruhen, auf die Bezug genommen wird. Wenn wir Ihnen mitteilen würden: »Das ist Alfred«, lernen Sie, dass diese zwei Dinge (die Person und der Name) dasselbe sind. Dieses Wissen beeinflusst, wie Sie auf beides reagieren. Zum Beispiel würden Sie die Person ansehen, wenn Sie den Namen hören. Dennoch gibt es keinerlei vorgegebene Übereinstimmung zwischen der Person und dem Namen. Die Beziehung ist symbolisch und basiert auf dem kleinen Wort »ist«. Der Hinweisreiz (d. h. ist) gibt nun vor, wie Sie auf die Person und den Namen reagieren sollen. Dieses Vorgehen basiert auf einer sozialen Konvention. Die Bedeutung dieses Hinweisreizes muss erlernt werden und hängt davon ab, wer spricht und wer zuhört. Auf der einen Seite hat das Wort »ist« eine bestimmte Bedeutung für deutschsprachige Personen. Denn Sie würden durch diese sprachliche Auskunft nichts über die Person und den Namen lernen, wenn Sie keine Kenntnisse der deutschen Sprache erworben hätten. Andererseits steckt in dem Wort »ist« nichts Außergewöhnliches. Es wäre Ihnen auch möglich, einen Bezug zwischen dem Namen und der Person herzustellen, wenn wir Ihnen ein vollkommen anderes Set an sozial codierten Hinweisreizen anbieten (»C’est Alfred«) natürlich vorausgesetzt, Sie haben Französisch gelernt. Das meinen wir, wenn wir durch soziale Konventionen definierte Hinweisreize als Symbole bezeichnen und Beziehungen, die auf diesen willkürlich anwendbaren Hinweisreizen beruhen, als symbolische Beziehungen bezeichnen. Mit diesem Hintergrundwissen können wir unsere Definition vereinfachen: Sprache ist das erlernte Verhalten, das symbolische Beziehungen aufbaut und auf sie reagiert.

Diese Fähigkeit, symbolische Beziehungen aufzubauen und auf sie zu reagieren, ist etwas Besonderes. Sie nimmt Einfluss darauf, auf welche Weise Menschen ihre Welt erfahren, mit welcher Bedeutung sie Objekte und Ereignisse versehen. Sie besitzt somit eine Wirkung auf menschliches Denken, Fühlen und Handeln. Sprache ist nichts, was wir haben; sie ist eine Fähigkeit, die wir erlernen und auf eine Vielzahl von Situationen anwenden können, die weit über Kommunikation hinausgehen.

Aus der Perspektive der Bezugsrahmentheorie (Relational Frame Theory, RFT) sind für Sprache keine Worte erforderlich; beispielsweise nutzt die Mathematik (eine andere Art von Sprache) Zahlen und Symbole, um Beziehungen darzustellen. Sprachliche Symbole müssen auch weder geschrieben noch ausgesprochen werden. Es können Gesten sein, z. B. wenn wir unseren Daumen heben, um Zustimmung auszudrücken, oder Piktogramme wie das rote Oktagon, das Autofahrern anzeigt, dass sie stoppen müssen. Die Symbole, die eine Sprache ausmachen, ziehen ihre Bedeutung nicht aus sich selbst heraus. Sie erlangen ihre Bedeutung dadurch, dass sie Teil eines Netzwerks von symbolischen Beziehungen sind. Die Zugehörigkeit eines Objektes oder Ereignisses zu einem solchen Netzwerk beeinflusst die psychologischen Reaktionen auf Objekte oder Ereignisse, einschließlich Bewertungen, Präferenzen, Motivationen, Handlungsimpulsen sowie physiologische und emotionale Reaktionen. Therapeuten gehen mit Sprache sehr sorgfältig um, weil symbolische Beziehungen einen tiefgreifenden Einfluss auf letztlich alle klinisch relevanten Verhaltensweisen haben – eine Tatsache, die Sie zum Vorteil Ihrer Patienten nutzen können.

Wissenschaftler diskutieren kontrovers darüber, ob die Fähigkeit symbolische Beziehungen herzustellen ein spezifisches Merkmal des Menschen ist. In jedem Fall ist es eine charakteristische menschliche Eigenschaft. Wissenschaftler gehen davon aus, dass lediglich Menschen in der Lage sind, alle Besonderheiten symbolischer Beziehungen zu nutzen, ohne sich dabei auf intrinsische Eigenschaften eines Objektes zu stützen (z. B. Größe, Form oder Farbe). Wir können einem Objekt Wichtigkeit und Bedeutung zuweisen, die ihm nicht inhärent sind. So können wir beispielsweise sagen: »Christina Aguilera ist eine »größere« Berühmtheit als Meatloaf«. Dabei ist Meatloaf 20 cm größer und 50 kg schwerer als Aguilera. Das verwendete Symbol kann auf einer aktuellen (kulturellen) Modeerscheinung beruhen. Da sich ein Symbol im Laufe der Zeit und abhängig vom sozialen Umfeld verändern kann, muss seine Bedeutung deshalb in dem konkreten Kontext interpretiert werden, in dem es verwendet wird. Auf die Frage, was das Wort »cool« bedeutet, gehen einem möglicherweise unterschiedliche Definitionen durch den Kopf. Wenn man aber sagt »Christina Aguilera ist cooler als Meatloaf«, ist klar, dass nicht ihre Temperatur gemeint ist.

Es gibt auch andere Definitionen von Sprache, die für unterschiedliche Zielsetzungen gelten, wie beispielsweise im Bereich der Linguistik, Philosophie oder Literatur. Es gibt auch technisch präzisere und detailliertere Definitionen aus der Relational Frame Theory (z. B. Hayes et al., 2001; Törneke, 2010). Wir möchten nicht in eine Debatte darüber abschweifen, was die wahre Definition ist, ob Sprache am besten als Verhalten definiert werden sollte oder als kognitive Funktion oder als etwas grundlegend anderes. Unser Vorschlag ist, dass es für Psychotherapeuten besonders nützlich ist, Sprache als erlerntes Verhalten zu betrachten. Unser Ziel ist es, in diesem Buch diese Theorie auf seine praktische Bedeutung herunterzubrechen und allgemeinverständlich zu machen. Lassen Sie uns mit dem Begriff »Bezugsrahmen« oder im englischen »Relational Frame« aus dem Namen Bezugsrahmentheorie (Relational Frame Theory) beginnen.

1.3.2 Herstellung eines Bezugsrahmens

Bezugnahme bedeutet, eine Sache in Beziehung zu einer anderen zu setzen. Das Wort »Mutter« hat ein spezielles Verhältnis zum Wort »Kind« oder wenn wir etwas als »größer« bewerten, nehmen wir Bezug auf etwas, das »weniger groß« ist. Indem wir Objekte und Ereignisse in Beziehung zueinander setzen, lernen wir etwas über sie. Wenn jemand sagt »Michèle ist die Mutter von Matthieu«, dann kann man weitere Informationen ableiten, ohne dass ein weiteres Wort gesprochen werden muss: Matthieu ist das Kind von Michèle, Matthieu und Michèle sind Mitglieder derselben Familie, Michèle ist eine Frau, Matthieu ist jünger als Michèle. Man erhält alle diese Informationen, ohne dass sie einem ausdrücklich mitgeteilt wurden, indem man die enthaltene Information in ein Netzwerk von Bedeutung und Verstehen einbindet. Aus diesem Grund erhöht die Fähigkeit, Objekte und Ereignisse symbolisch in Beziehung zu setzen, die Effizienz des Lernens um ein Vielfaches.

Viele Arten des Lernens stellen im weitesten Sinne Beziehungen her. Symbolische Beziehungen aber weisen einige spezielle Eigenschaften auf, mit der die unglaubliche Kreativität von Sprache erklärt werden kann. Symbolische Beziehungen haben einen enormen Einfluss darauf, wie wir unsere Welt erleben. Rahmung (Herstellung eines Bezugsrahmens, engl. Framing) ist eine Metapher für diesen Prozess.

Stellen Sie sich vor, Sie blicken auf eine Landschaft, in der die Sonne durch die Äste majestätischer Nadelbäume scheint, die einen klaren Bergsee umrahmen. Wenn Sie auf diese Szene durch einen Fensterrahmen schauen, fühlen Sie sich vielleicht dazu angeregt, das, was Sie sehen, aktiv erleben zu wollen. Sie würden sich bereitmachen, eine Wanderung zu unternehmen, Schwimmen zu gehen oder ein Picknick vorzubereiten. Ihre Aufmerksamkeit wird sich auf Einzelheiten der Landschaft richten, die mit diesen Aktivitäten in Zusammenhang stehen, wie die Steigung eines Wanderweges, die Abgeschiedenheit einer zum Schwimmen geeigneten Bucht, oder einen Baumstamm, der sich als perfekter Picknicktisch eignen würde. Wenn die Landschaft nun jedoch in Gold eingefasst ist und in einer Kunstgalerie hängt, reagieren Sie möglicherweise passiver und denken vielleicht über das Bild als Objekt von Schönheit oder Inspiration nach. Sie werden eher dazu neigen, die Komposition des Bildes zu bemerken oder das Farbenspiel zu würdigen. Wäre die Szene durch einen Theatervorhang und eine Bühne begrenzt, würden Sie die Landschaft vielleicht nicht sonderlich beachten, weil Sie sich gedanklich mit der Geschichte befassen, die sich bald vor diesem Hintergrund entfalten wird. Eine Szene. Drei (Bezugs)Rahmen. Eine ganze Vielfalt an Wahrnehmungen und Reaktionen. Die Landschaft hat sich nicht verändert, aber die Auswirkung auf Sie schon.

Ein Beispiel aus dem täglichen Leben hilft dabei zu illustrieren, wie unser Verhalten dadurch beeinflusst wird, dass wir Objekte und Ereignisse konzeptuell entsprechend ihrer Beziehung zu anderen Dingen einfassen. Haben Sie jemals etwas gekauft, mit dem Sie sich nicht ausreichend auskannten? Vielleicht ein Auto, einen Computer oder eine besondere Flasche Wein? Aufgrund der Vielfalt an Auswahl, die moderne Geschäfte heute anbieten, war es möglicherweise schwierig für Sie, sich für ein Produkt zu entscheiden. Möglicherweise haben Sie einen Verkäufer um Rat gebeten, der einige Ihrer Optionen miteinander verglichen hat (z. B. dieser Computer ist billiger als jener, aber er ist langsamer; dieser Wein passt hervorragend zu Fleisch und jener besser zum Dessert). Während der Verkäufer beschrieb, verglich und die Unterschiede unter den Angeboten aufzeigte, errichtete er ein Netzwerk von Beziehungen (chilenische Weine sind billiger als Bordeaux; der Bordeaux, der am linken Ufer der Garonne wächst, ist anspruchsvoller als der vom rechten Ufer; 2009 war ein guter Jahrgang; dieser Wein passt gut zu Fleisch aber nicht zu Fisch). Dieses Geflecht von Beziehungen ähnelt den Bilderrahmen aus dem vorherigen Beispiel: Sie veränderten den Blick, mit dem Sie Ihre Optionen betrachteten. Sie begannen, einige Möglichkeiten auszuschließen und fühlten sich zu anderen eher hingezogen. Vielleicht waren Sie in der Lage, das Produkt selbst auszuprobieren, in einer Probefahrt oder einer Geschmacksprobe, und Sie begannen, neue Beziehungen herzustellen, die in das Geflecht eingebunden wurden. Letztendlich entschieden Sie sich für einen Kauf teilweise aufgrund der Einschätzung, die sich aus dem Beziehungsnetzwerk ergab, und nicht nur auf der Grundlage Ihrer direkten Erfahrung mit einem bestimmten Auto, Computer oder einer Weinsorte. Sprache hat Ihrer Erfahrung mit den Produkten einen konzeptuellen Rahmen gegeben und die Art und Weise beeinflusst, wie Sie sie wahrgenommen und darauf reagiert haben.

Bezugsrahmen (Relational Frames) beeinflussen nicht nur Ihren Verstand, sondern auch Ihre Emotionen und Wünsche. Neuroökonomen am California Institute of Technology (Caltech) erforschten dieses Phänomen, indem sie eine doppelt verblindete Weinprobe in einem funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI)-Scanner durchführten. Probanden testeten fünf Flaschen Cabernet Sauvignon, die sich lediglich durch ihren Verkaufspreis unterschieden, der zwischen $ 5 und $ 90 lag. Die Probanden wussten nicht, dass sie immer denselben Wein probierten, der jeweils mit den Preisen $ 10, $ 45 oder $ 90 ausgezeichnet war. Was haben sie herausgefunden? Die Probanden empfanden größeren Genuss beim Trinken des »teureren« Weins ungeachtet der Tatsache, dass sie dasselbe Produkt tranken. Indem auf die Weine als »anders« und »teurer« Bezug genommen wurde, erhöhte sich sowohl das subjektive Empfinden von Genuss als auch die Gehirnaktivität, die mit Befriedigung assoziiert ist (Plassmann, O’Doherty, Shiv & Rangel, 2007).

Innerhalb der Literatur über Relational Frame Theory gibt es eine Vielfalt an sehr präzisen technischen Bezeichnungen, die sich mit den Besonderheiten dieses Prozesses befassen. Diese Literatur steht dort für weitere Recherchen zur Verfügung. Unsere Absichten hier sind einfacher und pragmatischer. Die zentrale Idee ist erst einmal: Sprache ist ein Prozess, bei dem wir lernen, mit Dingen auf der Grundlage von Symbolen in Beziehung zu treten. Dieser Prozess beeinflusst die Art und Weise unseres Lernens und wie wir unsere Welt erfahren. Wir untersuchen nun zunächst die technischen Einzelheiten ein wenig genauer, indem wir überlegen, warum sich die Fähigkeit, auf der Grundlage von Symbolisierung zu lernen, überhaupt entwickelt hat. Es geht dabei sicherlich nicht nur darum, Autos zu verkaufen oder den Genuss von Wein zu verbessern.

1.4 Die Evolution der Sprache

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie groß das menschliche Gehirn im Verhältnis zum Rest unserer Körper ist? Menschen haben den höchsten Enzephalisationsquotienten (Quotient von Gehirnmasse zur Körpermasse) aller Säugetiere. Ein besonders großes Gehirn ist eine Herausforderung für Wirbeltiere, die lebendigen Nachwuchs gebären. Das Gehirn muss durch den Geburtskanal. Evolutionsprozesse haben eine gute Lösung für dieses Problem entwickelt; Menschen werden mit einem kleinen Gehirn geboren, das durch die gesamte Kindheit und Adoleszenz und sogar bis in das frühe Erwachsenenalter hinein wächst und sich weiterentwickelt. Diese Lösung bietet unserer Spezies einzigartige Vorteile. Das menschliche Gehirn ist exakt auf die Umwelt, in der es funktionieren soll, eingestellt. Das schließt den sozialen und kulturellen Kontext, in dem es sich entwickelt, mit ein. Der Nachteil ist, dass Kinder stark von anderen Menschen abhängig sind. Nur so werden ihre Bedürfnisse erfüllt und sie können überleben. Auch diejenigen, die für sie verantwortlich sind, sind wegen dieser zusätzlichen Bürde verletzlicher. Diese Abhängigkeit erfordert, dass Eltern so um das Wohlergehend der Kinder besorgt sind, dass sie auf all die Geräusche und Gerüche, die mangelndes Wohlbefinden des Säuglings anzeigen, reagieren. Sie reagieren mit dem Bedürfnis, sich dem Kind zu nähern, um es zu versorgen, statt zu fliehen oder es anzugreifen. Eine starke zwischenmenschliche Bindung, die durch kooperationsfördernde Emotionen, gegenseitige Aufmerksamkeit, durch Perspektivwechsel und Empathie getragen wird, erhöht die Überlebenschance sowohl für Kinder und Eltern als auch für die anderen Mitglieder der Gruppe, mit der sie eng in Verbindung stehen. Dieses Niveau zwischenmenschlicher Bindung ist außerordentlich nützlich. Es führt dazu, dass die evolutionäre Selektion eher auf der Ebene der Gruppe stattfindet als auf der Ebene des einzelnen Individuums (Nowak, Tarnita & Wilson, 2010; Wilson & Wilson, 2007). Das Überleben des Menschen hängt von einer Kultur der Kooperation ab und gedeiht in einer Kultur prosozialen Verhaltens. Sprache unterstützt beide Faktoren.

Die Relational Frame Theory ergibt dann vor allem Sinn, wenn man annimmt, dass Sprache und Kognition Formen von Kooperation sind, die zunächst entstanden, um die stark ausgeprägte soziale Natur menschlicher Gruppen zu erweitern und zu nutzen (Hayes & Sandford, 2014). Betrachten wir eine der ersten Gelegenheiten, bei denen wir bei Kindern Sprache beobachten können: das Benennen. Ein kleines Kind lernt, »Apfel« zu sagen, indem ihm ein bestimmter roter, runder Gegenstand gezeigt wird. Dabei wird auf den Gegenstand gezeigt und »Apfel« gesagt. Hierdurch wird eine Beziehung zwischen dem Symbol (»Apfel«) und dem Objekt (Apfel), hergestellt. Beachten Sie, dass diese Beziehungen stets in beide Richtungen funktionieren: Wenn ein Objekt auf eine bestimmte Weise mit einem Symbol in Beziehung steht, dann bedeutet dies auch, dass umgekehrt das Symbol und das Objekt eine bestimmte Beziehung zueinander haben. So können einige funktionale Eigenschaften eines Objektes in einem anderen Objekt erlebt werden, weil sie bidirektional in Beziehung stehen. Sobald das Kind gelernt hat, dass »Apfel« dasselbe bedeutet wie Apfel, wird es unter bestimmten Bedingungen auf das Symbol ähnlich wie auf das Objekt reagieren. Wenn es Äpfel nicht mag, wird es die Nase rümpfen, sobald es »Apfel« hört, auch wenn es den für es unangenehmen Geschmack oder die Frucht selbst nicht erlebt.

Die Bidirektionalität, die symbolischen Beziehungen eigen ist, ist kein Bestandteil allgemeiner Lernprozesse. Bei Pawlow’s Hunden lief der Speichel, sobald sie den Glockenton hörten. Aber sie spitzten nicht die Ohren, wenn ihnen Futter vorgesetzt wurde. Bidirektionalität ist jedoch der Kern der charakteristischsten Form menschlichen Lernens – dem sprachlichen Lernen. Warum haben Menschen begonnen, sich darauf zu verlassen?

Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir soziale, hilfsbereite Primaten sind. Um zu verdeutlichen, wie Symbole Kooperationen verbessern können, stellen Sie sich nun einmal vor, welche Rollen eingenommen werden können. Stellen Sie sich vor, ein Kind sieht, dass jemand einen Apfel hochhält und sagt: »Dies ist ein Apfel« (das ist die Rolle des Sprechers: einen Apfel sehen → sage das Wort »Apfel«). Später kann man das Kind danach fragen, ob Äpfel auf der anderen Seite eines Canyons oder um die Ecke herum zu finden sind (die Rolle des Zuhörers: »Hör zu! Sind dort Äpfel?« → »Suche nach Äpfeln«). Die Beziehung der Benennung »ist« begann wahrscheinlich mit einfachen Objekten und Aktionen, die davon lebten, dass Menschen soziale Wesen sind. Menschen können die Perspektive des Sprechers oder des Hörers einnehmen. Sie lernen die eine Seite der Beziehung und leiten die andere Seite ab. Die Gemeinschaft hatte eine starke Motivation, die Ableitung wechselseitiger Beziehungen zu üben, weil Kooperation zum Erfolg der Gruppe führt. Und sobald Menschen gelernt hatten, dies zu tun, verfügten sie über eine Schablone für andere Arten von symbolischen Beziehungen.

Das Wechseln zwischen der Rolle des Sprechers und des Hörers ist ebenfalls ein Aspekt, warum es nach tausenden von Jahren kultureller Evolution so nützlich ist, mit Hilfe von Symbolen zu kommunizieren. Durch die Anwendung symbolischer Kommunikation können wir das Verhalten anderer Menschen und sogar unser eigenes beeinflussen, einfach indem wir sprechen oder denken. Zu Beginn stand die einfache soziale Interaktion, z. B. ein Kind, das einen Erwachsenen um einen Apfel bat, selbst wenn gerade keiner in Sichtweite war. Die menschliche Kultur hat diese Fähigkeit wiederum zu abstraktem Denken, dem Erzählen von Geschichten, dem Lösen von Problemen und auf all die unzähligen weiteren Fähigkeiten erweitert, die wir täglich beobachten können.

1.5 Sprache ist eine Form des Lernens

Sprache stand den Menschen nicht plötzlich als vollentwickeltes Werkzeug zur Verfügung. Sie entwickelte sich aus Lernprozessen, die mindestens 5000-mal älter sind als Sprache. Sprache stellt aus zwei Gründen einen einzigartigen Lernprozess dar: sie ist der einzige Lernprozess, der selbst erlernt werden muss, und der, sobald man ihn beherrscht, alle anderen Formen des Lernens verändert. Alle Methoden der Psychotherapie fördern bestimmte Arten des Lernens, ob sie nun Einsicht, Erwerb von Fertigkeiten, kognitive Umstrukturierung oder Selbstaktualisierung genannt werden. Im folgenden Abschnitt werfen wir einen kurzen Blick auf die unterschiedlichen Lernprozesse, die die menschliche Psychologie beeinflussen. Der Zugang, den die Relational Frame Theory zu Sprache wählt, ist am besten zu verstehen, wenn er mit diesen anderen Lernprozessen verglichen und die Unterschiede herausgearbeitet werden. Für Therapeuten, die sich detaillierter mit Lernprinzipien befassen wollen, empfehlen wir als gut verständliche und pragmatische Einführung The ABC of Human Behavior (Ramnerö & Törneke, 2008).

1.5.1 Habituation

Eine der einfachsten Arten des Lernens ist die Habituation, was so viel bedeutet wie das Nachlassen von Reaktion auf einen Stimulus (oder einen Hinweisreiz aus der Umwelt). Habituation stellt sich ein, wenn ein Reiz regelmäßig wiederholt wird. Säuglinge erschrecken sich und fangen an zu weinen, wenn sie plötzlichen lauten Geräuschen ausgesetzt werden. Wenn dieselben Geräusche aber anhaltend auftreten, wird die Schreckreaktion abklingen und der Säugling kann möglicherweise trotz des Lärms schlafen. Wenn ein Organismus über ein zentrales Nervensystem verfügt, dann hat dies eine Rolle bei erfolgreicher Habituation (Thompson, 2009). Aber auch einzellige Organismen wie die Amöbe oder das Pantoffeltierchen sowie einzelne Zellen innerhalb von mehrzelligen Organisationen wie die Makrophagen des menschlichen Immunsystems zeigen Habituationsreaktionen (Harris, 1943; Nilsonne, Appelgren, Axelsson, Frederikson & Lekander, 2011). Diese Beobachtung legt nahe, dass Habituation schon so alt ist, wie es Zellen gibt. Sie stellt möglicherweise sogar die erste Form des Lernens dar. Habituation spielt bei einigen für die Behandlung bedeutsamen Phänomenen eine Rolle wie beispielsweise der Arousalreaktion in Gefahrensituationen. Oft werden die Effekte von Expositionstherapie mit Habituation erklärt, doch die tatsächlichen Mechanismen sind wahrscheinlich komplexer, denn Habituation mischt sich ohne weiteres mit anderen, phylogenetisch jüngeren Lernprozessen (Gallagher & Resick, 2012) einschließlich Sprachprozessen (Kirkanski, Liebermann & Craske, 2012).

1.5.2 Respondentes Lernen

Stellen Sie sich vor, ein Mädchen tritt einer Katze auf den Schwanz und die Katze reagiert damit, dass sie das Bein des Mädchens zerkratzt. Nach dieser unglücklichen Erfahrung entwickelt das Mädchen Angst und fängt zu weinen an, wann immer es diese Katze sieht. Dieses Verhalten kann generalisieren, das Mädchen weint dann immer, wenn es irgendeine Katze sieht. Dieses Phänomen nennt sich respondentes Lernen. Menschen lernen dabei, auf ein Element des Kontextes auf der Grundlage der Ähnlichkeit mit anderen Objekten oder Ereignissen, die vergleichbare Reaktionen auslösen, zu reagieren. Das Mädchen sieht nun eine Katze, hat Angst und weint.

Das Kratzen der Katze ist ein Stimulus – ein Element der Umwelt, das die Reaktion des Mädchens auslöst. Die unmittelbare Reaktion des Mädchens auf das Kratzen der Katze benötigt keinen Lernprozess; es bedarf auch keines Lernprozesses, um beim Kratzen der Katze Schmerz zu empfinden oder den Impuls zu haben, das Bein wegzuziehen. Eine solche Reaktion wird manchmal auch reflektorisch oder instinktiv genannt. Dies trifft jedoch nicht auf die Reaktion des Mädchens auf andere Stimuli zu, die zusätzlich vorhanden waren, als es von der Katze gekratzt wurde, wie beispielsweise der Garten, in dem sich der Vorfall ereignete, seine Beschäftigung zu dem Zeitpunkt oder die Größe und die Farbe der Katze. Keiner dieser ebenfalls in diesem Kontext vorhandenen und benannten Faktoren würde eine reflektorische Notfallreaktion hervorrufen. Nachdem jedoch all diese Merkmale Teil des Kontextes waren, in dem das Mädchen gekratzt wurde, ist es möglich, dass jedes einzelne von ihnen zukünftig eine Reaktion wie Angst oder Weinen hervorruft. Dieser Prozess wird respondentes Lernen genannt, auch bekannt als »assoziatives Lernen« oder »klassische Konditionierung«.

Etliche Parameter entscheiden darüber, welche Elemente des Kontextes bei respondentem Lernen zu Auslösern ähnlicher Reaktionen werden. Vor allem neue und besonders hervorstechende Aspekte eines Kontextes sind hierfür prädestiniert. Wenn dem Kind beispielsweise der Garten, in dem es gekratzt wurde, unbekannt war, kann er leichter mit dem schmerzhaften Stimulus verknüpft werden. Das Mädchen wird in Zukunft ängstlicher, wenn es sich dem Garten nähert. Wenn der Garten aber ein Ort ist, den das Mädchen bis dahin oft aufgesucht hatte, ist dieser bereits mit einer Vielzahl an positiven, neutralen oder negativen Erfahrungen verknüpft, die mit dem Kratzer am Bein des Mädchens konkurrieren und sein Verhalten vorbestimmen werden. Es ist dann eher weniger wahrscheinlich, dass der Garten die Funktion eines Stimulus für eine Angstreaktion übernimmt. Die Katze selbst war ein besonders hervorstechendes Merkmal der Umwelt – wahrscheinlich das Merkmal, welches das Kind beim Entstehen des Kratzers am meisten wahrgenommen hat. Daher ist die Katze besonders prädestiniert dafür, künftig ängstliche Reaktionen hervorzurufen.

Bei einer Generalisierung solcher Stimuli neigen kontextuelle Elemente, die Ähnlichkeiten mit der Katze aufweisen (nun geht es also um erlernte bzw. konditionierte Stimuli), ebenfalls dazu, eine ängstliche Reaktion hervorzurufen. Hat die angreifende Katze z. B. langes schwarzes Fell, wird das Kind auf eine Katze mit langem grauem Fell ängstlicher reagieren als auf eine mit kurzem orangenem Fell. Solche Reaktionen schwächen sich jedoch allmählich ab, wenn das Kind nach und nach lernt, zwischen anfangs als sehr ähnlich wahrgenommenen Objekten und Ereignissen zu unterscheiden. So kann es sein, dass es dann z. B. weniger ängstlich auf Katzen mit kurzem Fell reagiert, egal welcher Farbe, und vielleicht gar nicht ängstlich auf Katzen mit jeder anderen Fellfarbe als Schwarz.

Die Parameter des respondenten Lernens haben sich in einigen Fällen durch evolutionäre Prozesse verändert. Zum Beispiel kann das Vermeiden giftiger Nahrungsmittel durch respondentes Lernen sogar dann erlernt werden, wenn Übelkeit erst viele Stunden nach dem Verzehr des verdorbenen Nahrungsmittels auftritt (Bernstein, 2000), obwohl klassische Konditionierung typischerweise am besten funktioniert, wenn die Reaktion unmittelbar auf einen Stimulus erfolgt. Vermutlich geschieht dies, weil die Fähigkeit, giftige Nahrung zu vermeiden, eine große Auswirkung auf die Überlebenstüchtigkeit hat. Respondentes Lernen ist in einigen Fällen leichter als in anderen. So hat die Evolution kontextuelle Faktoren in funktionale Kategorien eingeteilt. Menschen lernen dadurch leichter, Angst vor einem sich wie eine windende Schlange verhaltenden Objekt zu haben als vor einer Steckdose, obwohl in der modernen Welt Steckdosen viel gefährlicher sein können. Auch einfache Lernprozesse wie diese unterliegen Veränderungen, geknüpft an die sich permanent ändernden Kontextbedingungen im Leben der Menschen.

1.5.3 Operantes Lernen

Aber auch weitere Lernprozesse können die Reaktion des Kindes auf das Kratzen der Katze hin beeinflussen. Wenn es z. B. vor der Katze davonläuft, dann verschwindet die Katze aus seinem Blickfeld. Wenn die Katze aus dem unmittelbaren Umfeld verschwindet, ist es nicht mehr möglich, von der Katze gekratzt zu werden. Weglaufen führt also zu einem wichtigen Ergebnis. Vermeidung oder Flucht werden möglicherweise als bevorzugte Reaktion auf den Anblick einer Katze ausgewählt. Ohne es zu planen oder darüber nachzudenken, wendet das Kind die logischste und am meisten angepasste Lernstrategie an, die sich bei allen Spezies von Tieren findet: Lebensbedrohliche Situationen werden vermieden, indem Stimuli, die Gefahren ankündigen, gemieden werden. Dies ist die Grundlage der operanten Konditionierung oder des Lernens durch Konsequenzen.

Jedoch können auch Folgen, die nicht in direkter Beziehung mit der unmittelbaren Gefahr stehen, das Verhalten des Kindes beeinflussen. So sind die Eltern des Kindes möglicherweise bekümmert, wenn sie die Angst und den Schmerz sehen, die es erleidet, und versuchen es zu beruhigen, wenn es Angst vor Katzen hat. Getröstet zu werden ist eine angenehme Konsequenz und führt möglicherweise dazu, dass Angstsymptome durch diese positive soziale Verstärkung häufiger auftreten. Diese Art des Lernens wird operantes Lernen genannt. Dabei wirkt das Verhalten auf die Umwelt ein, um Konsequenzen zu verändern.

Konsequenzen können aber auch die Wahrscheinlichkeit reduzieren, dass ein bestimmtes Verhalten eintritt. Verhalten, dem unangenehme Konsequenzen folgen, wird in seiner Häufigkeit abnehmen. So folgte z. B. auf die Annäherung an die Katze und das versehentliche Treten auf ihren Schwanz eine schmerzhafte Konsequenz. Das Kind wird sich zukünftig eher seltener der Katze nähern.

Manchmal erfolgt eine unvorteilhafte Konsequenz aber auch durch die Wegnahme von etwas Angenehmem Wenn das Mädchen z. B. einen Lolli hatte, den es während der Flucht vor der Katze verloren hat, dann wäre dies ein weiterer Grund dafür, nicht mehr in der Nähe der Katze zu spielen.

Ein ähnlicher Effekt kann eintreten, wenn die Eltern feststellen, dass die Angst des Kindes vor Katzen größer wird, wenn sie das Kind, sobald es klagt, in den Arm nehmen. Möglicherweise entscheiden sie sich dann dafür, es in solchen Situationen nicht mehr zu trösten, um auf diese Weise das Verhalten nicht mehr zu verstärken. Dieses Prinzip heißt Löschung. Es beschreibt, was geschieht, wenn die aufrechterhaltende Konsequenz eines operant erlernten Verhaltens nicht mehr eintritt. Die Häufigkeit des Klagens wird vermutlich zunächst kurzfristig ansteigen (Extinction Burst) und dann, wenn das Halten und Trösten dauerhaft nicht mehr erfolgen, zurückgehen.

Respondentes und operantes Lernen werden gelegentlich auch assoziatives Lernen genannt, wir aber ziehen den Begriff »Kontingenzlernen« vor. Eine Kontingenz ist schlichtweg eine »wenn… dann« Beziehung. Beim respondenten Lernen gibt es eine Stimulus - Stimulus Kontingenz, beim operanten Lernen eine vorangehende Bedingung – Reaktion – Konsequenz Kontingenz. Wenn wir später in diesem Kapitel Sprache als relativ junge Lernform behandeln, wird deutlich, dass das Verwenden des Begriffs »assoziativ« im Hinblick auf operante und klassische Konditionierung eher verwirrend wirkt. Assoziative Modelle der Entstehung von Bedeutung sind so alt wie die Psychologie, haben aber nie besonders gut funktioniert. Relationales Lernen liegt der Ausbildung von Sprache zugrunde. Dieses Lernen mit der oben genannten Art von assoziativem Modell zu verwechseln, würde das Neue an der Relational Frame Theorie und die daraus folgenden Vorteile nur schwer erkennen lassen.

1.5.4 Soziales Lernen

Tiere mit ausgeprägtem Sozialverhalten, und dazu gehört auch der Mensch, weisen eine Vielfalt von Verhaltensweisen auf, die sie vermutlich durch den Kontakt zu anderen Mitgliedern ihrer Gruppe erlernt haben. Einige Verhaltensmuster sind genetisch angelegt, andere aber basieren auf Nachahmung und wieder andere entstehen durch Interaktion und Kontingenzlernen. Beispielsweise müssen Jungvögel vermutlich den Gesang ihrer Gattung hören (möglicherweise noch im Ei), um ihn als ausgewachsene Vögel korrekt wiedergeben zu können. Es wird eine Art Schema angelegt, das die Jungvögel später nutzen können, um zu überprüfen, ob sie das Lied richtig ausführen (Catchpole & Slater, 1995). Kinder verfügen bei ihrer Geburt über ein elementares Nachahmungsverhalten auf Gesten (z. B. das Ausstrecken der Zunge). Komplexere Nachahmungsprozesse beruhen aber auf dem Prozess des Kontingenzlernens (Ray & Heyes, 2011). Trotzdem ist soziales Lernen nicht nur Nachahmung. Wenn z. B. ein junger Schimpanse einen erwachsenen Artgenossen dabei beobachtet, wie er leckere Ameisen aus einem Baumstamm herauszieht, dann kann sich auch das Jungtier auf den Baumstamm zubewegen und nach Versuch und Irrtum herausfinden, wie es an sein Abendessen herankommt. Die soziale Natur des Menschen bietet viele Gelegenheiten für ein Zusammenspiel sozialer und kultureller Prozesse mit anderen Lernprozessen. Durch Sprache wird diese Art von Zusammenspiel zwischen sozialen und Lernprozessen beim Menschen noch wahrscheinlicher.

1.5.5 Relationales Lernen

Die Fähigkeit, Objekte und Ereignisse miteinander in Verbindung zu bringen, wird durch operantes Lernen erworben und durch soziales Lernen erleichtert. Daher ist es nicht überraschend, dass die meisten Tiere sehr schnell in der Lage sind, Dinge und Ereignisse auf der Grundlage ihrer intrinsischen Merkmale in der natürlichen Umgebung miteinander in Verbindung zu bringen, z. B. ihre relative Größe, Farbe oder Geschwindigkeit (siehe Reese, 1968, für eine frühe Zusammenfassung dieser umfangreichen Literatur). Die moderne Evolutionswissenschaft ist sich ziemlich sicher, dass der Mensch spezialisierte Fertigkeiten entwickelt hat, um Ereignisse symbolisch miteinander in Bezug zu setzen. Sie nimmt an, dass die Unterschiede zwischen Mensch und Tier umso größer werden, je komplexer die betroffenen Beziehungen sind (Penn et al., 2008). Evolutionsforscher stimmen darin überein, dass »implizite Systeme von Beziehungen höherer Ordnung« es Menschen möglich machen, »neue Beziehungen innerhalb dieser Bereiche zu erkennen und zu bewerten« (Penn et al., 2008, p. 118).

Die Evolutionswissenschaft hat bisher weder genauer spezifiziert, woher dieses »implizite System von Beziehungen höherer Ordnung« stammt, noch welche Eigenschaften es besitzt und wie diese reguliert werden. Ein solches Verständnis könnte die Grundlage für eine praktische Anwendung in der Therapie sein. Es geht um die Steuerung des symbolischen Lernens und den Einsatz von Sprachprinzipien, um damit die psychologische Funktionsfähigkeit zu fördern. Dies ist es, was die Relational Frame Theory und dieses Buch anbieten wollen. Der folgende Teil dieses Kapitels wird einen Einblick geben, wie symbolisches relationales Verhalten erlernt wird und wie es zu einem eigenständigen Lernprozess aufsteigt.

1.6 Wie wird Sprache erlernt?

In den letzten zwei Jahrzehnten haben Forscher im Bereich der Relational Frame Theory (RFT) über 150 Studien durchgeführt, in denen die Stadien relationalen Lernens bestätigt werden konnten, die der Sprachentwicklung zugrunde liegen. RFT Forschung ist bekanntermaßen schwer verständlich. Das gilt sogar für jene, die sich sehr dafür interessieren und mit den Begrifflichkeiten und der experimentellen Methodik vertraut sind. Fairerweise sei erwähnt, dass das Testen von Hypothesen der RFT häufig herausfordernde und zeitintensive Vorbereitungen erfordert. Um Hypothesen zu testen, müssen individuelle Lernsituationen erzeugt werden, die die Sprachentwicklung innerhalb des natürlichen Umfeldes des Probanden nachahmen. Der Proband darf die Situationen aber niemals zuvor erlebt haben. Diese Herausforderungen führten zur Entwicklung methodologischer Innovationen und neuartiger Forschungsparadigmen. Hierdurch entstanden praktisch anwendbares Wissen und Anwendungsmöglichkeiten, die alle Facetten des menschlichen Verhaltens berühren. Wir beabsichtigen hier nicht, das Thema RFT Forschung zu vertiefen (dazu siehe Dymond, May, Munnelly & Hoon, 2010 und Dymond & Roche, 2013 für aktuelle Reviews). Gleichzeitig zeigt unsere Erfahrung bei der Ausbildung von Therapeuten in RFT, dass es leichter fällt, die Prinzipien der RFT zu verstehen, wenn ein Einblick darin vorhanden ist, wie Forscher in diesem Bereich ihre Experimente durchführen. An dieser Stelle wollen wir Sie warnen: Die nächsten Seiten sind ein wenig speziell. Wir bitten Sie in aller Bescheidenheit darum, durchzuhalten während wir diese RFT Prinzipien vorstellen. Wir versprechen Ihnen, dass Sie bald für Ihre Mühe belohnt werden!

1.6.1 Kontextuelle Hinweisreize definieren Beziehungen

Wie gelingt der Schritt von der direkten Interaktion mit der Welt zum symbolischen Sprechen und Denken? Es beginnt damit zu erlernen, Dinge, die im Lernumfeld vorhanden sind, miteinander auf eine bestimmte Art und auf der Grundlage von Hinweisreizen, zu verknüpfen. Betrachten Sie das folgende Beispiel: Ein Kleinkind spielt ein pädagogisches Spiel, das darin besteht, dreidimensionale Figuren in dementsprechend geformte und farblich markierte Öffnungen zu stecken, die auf einem Brett angeordnet sind. Das Kind sieht sich das Brett an und erkennt Aussparungen in der Form von Dreiecken, Kreisen und Vierecken. Jedes Loch ist blau, rot oder gelb umrandet. Gleichzeitig liegt ein Haufen Plastikelemente in den Formen von Dreiecken, Kreisen und Vierecken und in den Farben Blau, Rot und Gelb vor seinen Füßen auf dem Boden. Durch Versuch und Irrtum lernt das Kind, die richtige Figur in Abhängigkeit von der Beziehung, die sie zu den Löchern hat, auszusuchen. Beispielsweise versucht es zunächst, ein Dreieck in ein rundes Loch zu stecken. Wenn es feststellt, dass die Ecken des Dreiecks verhindern, dass die Figur in das runde Loch passt, nimmt es eine neue Figur in die Hand und findet heraus, dass das runde Element, das keine Ecken hat, perfekt hineinpasst. Es ist begeistert, wenn die Figur im Loch verschwindet, und fährt damit fort, Figuren verschwinden zu lassen, indem es die Form der Elemente und die Aussparungen der Öffnungen passend miteinander verknüpft.

Nun stellen Sie sich vor, dass die Eltern in der Nähe sind, um zu helfen, während das Kind dabei ist zu lernen, die Objekte in die passenden Öffnungen zu platzieren. Wenn das Kind ein rotes Dreieck in das dreieckige Loch steckt, das rot eingefasst ist, rufen die Eltern: »Hurra!«. Wenn es aber stattdessen ein blaues Dreieck dort hineintut, sagen sie: »Nein, das ist nicht das richtige. Guck mal… welches hat die gleiche Farbe?« Weil das Kind noch nicht über Sprachkompetenzen verfügt, versteht es die verbalen3 Hinweisreize nicht, die die Eltern ihm gerade gaben. Möglicherweise nehmen die Eltern die Hand des kleinen Kindes, führen sie zum roten Dreieck und sagen: »Siehst du, das hat die gleiche Farbe,« und loben es, wenn es die Figur in das richtige Loch steckt. In dieser Situation schaffen die Eltern einen sozialen Kontext, der es dem Kind erlaubt, die Bedeutung eines kontextuellen Hinweisreizes zu erlernen, in diesem Fall das Word »gleich«, das die Art der Beziehung beschreibt, die die Farbe der Figur und die Farbe des Loches haben.

Sobald das kleine Kind gelernt hat, dass das Wort »gleich« eine Beziehung der Äquivalenz zwischen zwei Dingen herstellt, können seine Eltern ihm beibringen, andere Objekte und Ereignisse auf dieselbe Weise in Beziehung zu setzen, z. B. dass »Katze« und das in Fell gehüllte Lebewesen zu seinen Füßen das gleiche sind. Viele kontextuelle Hinweise können dieselbe Art von Beziehung herstellen (z. B. »ist«, »wie«, »ähnlich«, »gleich«). Sie müssen diese Beziehung nicht mit Worten ausdrücken. Beispielsweise kann Gleichheit durch die Anwendung von Symbolen wie »=» oder durch Gesten hergestellt werden, wie wenn man mit dem Zeigefinder auf jemanden zeigt, während der Namen laut ausgesprochen wird.

Dieses Beispiel verdeutlicht, wie Sprache sich zunächst auf der Basis von operantem Erlernen von Beziehungen entwickelt, die von Merkmalen des Lernkontextes bestimmt werden. In diesem Fall beruhte die Beziehung auf intrinsischen Merkmalen – der Form und der Farbe der Figuren und der Löcher. Zu erlernen, intrinsische Beziehungen zu entdecken, ist ein Vorläufer des symbolischen Lernens. Es ist nicht in sich selbst symbolisch und es ist auch keine Fähigkeit, über die nur Menschen verfügen. Säuglinge, Fische oder Tauben können mit Leichtigkeit Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Farben und Formen erlernen, aber sie können keine Werte miteinander vergleichen, die sozial festgelegt werden.

1.6.2 Beziehungen können symbolisch sein

Einmal gelernt, können kontextuelle Hinweisreize, mit deren Hilfe Beziehungen spezifiziert werden, auf jedes Objekt oder Ereignis in unserem Umfeld angewandt werden. Für ein kleines Kind, das noch nicht in der Lage ist, symbolische Beziehungen herzustellen, ähnelt ein Wort, das es hört, den Sternen am Nachthimmel – ohne Beziehung zueinander und frei von Bedeutung und Zweck. Sobald es aber lernt, Dinge als gleich oder bei oder heller als zu bewerten, kann es diese fernen Punkte auf unendlich viele Arten in Beziehung zueinander setzen. »Siehst du diese neun Sterne dort? Das ist das Sternbild Löwe, weil es wie ein Löwe aussieht. Das ist das Sternbild deiner Schwester – sie wurde im August geboren, was sie zu einem Löwen im Horoskop macht.« Wenn jemand dem Kind zeigt, wie die Sterne zu Sternbildern verbunden werden können, ergeben Elemente, die einst isoliert voneinander waren, plötzlich einen Sinn. Wenn das Kind die Sterne dann oft genug als Sternbild betrachtet, wird es schwer, sie so zu sehen wie früher; sie sind nicht mehr unzusammenhängend und ohne Bedeutung. Wenn das Kind 15 Jahre später eine Reise macht, die es weit von seiner Familie fortführt, wird es die neun Sterne betrachten und sich seiner Schwester nahe fühlen. Es könnte sogar lernen, Sternbilder bei der astronomischen Navigation zu nutzen, um dadurch zu klären, wo es sich auf diesem Planeten befindet. Dies entspricht dem Einfluss, den Sprachentwicklung auf symbolisches Lernen besitzt.

Die Relational Frame Theory nennt dieses Verhalten symbolisch, weil relationale kontextuelle Hinweisreize beliebig eingesetzt werden können. Sie gründen auf sozialen Konventionen und sind unabhängig von den intrinsischen Eigenschaften der Dinge, die miteinander in Beziehung gesetzt werden. Wir können morgen gemeinsam entscheiden, dass Apfel jetzt das Wort für Banane ist, und Banane das neue Wort für Apfel. Dies ist damit gemeint, wenn wir sagen, dass relationale Hinweisreize soziale Konventionen sind: Wenn wir alle entscheiden würden, die Benennung von Dingen zu verändern, könnten wir das tun. Wir müssen dazu nur die relationalen Hinweisreize spezifizieren. Was zunächst willkürlich erscheint, wird bald als gültig akzeptiert. Genau dies geschieht, wenn wir uns dazu entscheiden, den Namen eines Konzepts zu verändern, weil er nicht länger angemessen erscheint. Zum Beispiel werden die Länder der Dritten Welt nun Entwicklungsländer genannt, weil man das für respektvoller hält. Das kann sich aber auch wieder ändern. Es dauert eine Weile, unsere Gewohnheiten zu verändern, aber eine simple Veränderung einer sozialen Konvention kann zum Auftreten dieser neuen Bezeichnung führen.

Weiterhin hat diese Fertigkeit den folgenden außergewöhnlichen Vorteil: Der Einsatz sprachlicher Symbole ermöglicht es, letztlich alles in die Gegenwart zu bringen. Und zwar auch dann, wenn es physikalisch gar nicht in der menschlichen Umwelt vorhanden ist. Stellen Sie sich vor, dass das Kind mit seinen Spielsachen spielt. Das rote Dreieck ist unter dem Brett versteckt. Wenn die Eltern das Kind fragen: »Wo ist das rote Dreieck?«, dann wird das Kind, das inzwischen ein rudimentäres Sprachverständnis entwickelt hat, und daher versteht, was diese Worte bedeuten, erkennen, dass das rote Dreieck nicht vorhanden ist. Es wird anfangen, das Dreieck an verborgenen Plätzen zu suchen. In den nächsten Kapiteln werden wir sehen, dass dies ein kraftvolles Werkzeug ist, um Elemente aus dem Leben von Patienten in den Behandlungsraum zu bringen. Das Erfassen und Verändern psychologischer Probleme wird möglich, ohne direkt in das natürliche Umfeld des Patienten eingreifen zu müssen.

1.6.3 Es gibt eine Vielzahl symbolischer Beziehungen

Wenn Dinge nur durch ihre Ähnlichkeiten miteinander in Beziehung gesetzt werden könnten, wäre der Nutzen von Sprache äußerst begrenzt. Möglicherweise begann Sprache tatsächlich mit der Beziehung der Gleichheit. Das ist die einfachste Beziehung und besonders bedeutsam für Kooperation. Hier ist die Beziehung zwischen zwei Objekten in beide Richtungen genau gleich – wenn zwei Objekte äquivalent sind, dann bedeutet »dies ist wie das« das gleiche wie »das ist wie dies.« Das erleichtert es, Informationen über ein Ereignis in Abhängigkeit von seiner Beziehung zu einem anderen zu abstrahieren (z. B. die Bedeutung eines Bezugsobjektes für eine Person in das Hier und Jetzt zu übertragen, indem der Name des Objektes genannt wird. Ein Beispiel hierfür ist die Aussage: »Du wirst mein Haus leicht finden. Es sieht aus wie ein altes viktorianisches Haus.«) Diese Fähigkeit wurde von jener kooperativen Spezies von Primaten, genannt »Mensch«, vortrefflich genutzt. Es gibt jedoch keinen Grund zur Annahme, dass damit die Auswirkungen von »Bezugnahme« ausreichend oder vollständig beschrieben wären. Das sind sie nämlich nicht.

Eine Welt voller Symbole, die sich in unser tatsächlich wahrgenommenes Umfeld einfügt, wird erst richtig komplex, wenn man sich der Vielfalt der möglichen Bezugnahmen bewusst wird. Forscher, die sich mit der Relational Frame Theory befassen, haben die Herstellung von Bezugsrahmen innerhalb unterschiedlicher Domänen nachweisen können: Gegensätze (z. B. Dymond & Barnes, 1996), Vergleiche (z. B. Dymond & Barnes, 1995), Hierarchie (z. B. Slattery & Stewart, 2014), zeitliche Struktur (z. B. O’Hora, Roche, Barnes-Holmes & Smeets, 2002) oder Perspektive (z. B. McHugh, Barnes-Holmes & Barnes-Holmes, 2004). Die genannten und viele weitere Bezugsrahmen sind von Bedeutung, wenn es darum geht, Fragestellungen in der Behandlung von Patienten zu analysieren und angemessene Therapien festzulegen. Darauf werden wir in den folgenden Kapiteln genauer eingehen. Beachten Sie im Moment lediglich anhand der folgenden Aussage einer Patientin, wie kritische Aspekte in ihrem Leben miteinander verknüpft sind:

»Wenn ich nur selbstbewusster wäre, dann könnte ich Gespräche mit anderen beginnen, meine Gedanken mit Freunden teilen, alles tun, was ermöglicht, sich jemandem nahe zu fühlen. Aber ich werde nie glücklich sein, weil ich wertlos bin. Sie können sich nicht vorstellen, wie das für mich ist. Sie sind erfolgreich. Ich bin ein Versager.«

So ausgedrückt spiegelt diese Aussage ein Netzwerk an Beziehungen wider, das in sich stabil ist. Wir wiederholen, was die Patientin sagt, und heben dabei die für das Beziehungsnetzwerk kritischen Hinweisreize besonders hervor.

»Ich werde niemals eine enge Beziehung haben, weil Nähe Verhalten wie das Beginnen eines Gespräches und den Austausch von Gedanken beinhaltet. Die Voraussetzung dafür ist Selbstbewusstsein, und ich bin nicht selbstbewusst. Darum sind ich und Glück inkompatibel, weil Glück von Selbstbewusstsein abhängt, und ich bin eindeutig nicht selbstbewusst – ich bin wertlos. Außerdem sind Sie und ich völlig gegensätzlich, weil Sie meine Perspektive nicht verstehen können, und Sie Eigenschaften haben, die das Gegenteil von meinen sind. Deshalb können Sie nicht wissen, wie es für mich ist.«

Aus der Perspektive der RFT liefert jede dieser Beziehungen entscheidende Informationen über die Art, wie die Patientin ihr Leben durch den Filter der Sprache wahrnimmt. Dadurch erhalten wir Hinweise darauf, welche psychologische Intervention für ihre Probleme geeignet sein könnte.

1.6.4 Symbolische Beziehungen ermöglichen, dass alles alles Mögliche bedeuten kann

Hier unterscheiden sich Menschen von anderen Lebewesen. Dies ist die Wegscheide, an der es Menschen möglich wurde, die Welt der Symbole zu betreten; der Punkt, an dem relationales Lernen sich von intrinsischen Beziehungen hin zu offenen »(Bezugs)Rahmen« (Relational Frames) entwickelte, in die nun alles Mögliche gestellt werden kann. Ab jetzt geht es um Sprache.

Dieser winzige Schritt nach vorn begann möglicherweise nur mit Benennung, vermutlich bestimmt durch den Hinweisreiz ist oder Hinweisreizen, die eine ähnliche Funktion haben (z. B. das Zeigen auf ein bestimmtes Objekt, das durch ein bestimmtes, durch den Mund erzeugtes Geräusch, begleitet wird), sowie einem Akt der kooperativen Kommunikation, der direkt verstärkt wurde, so wie bei jedem operanten Verhalten. Aber die Bedeutung von ist hat sich jetzt ausgedehnt und beinhaltet nun unzählige erlernte Beziehungen, die in Netzwerken organisiert sind. Dieser Prozess der Erweiterung begann als operantes Lernen, aber durch die Loslösung von intrinsischen Beziehungen wurde der Übergang zu etwas wirklich Neuem geschaffen. Diese Erweiterung stützt sich auf Jahrtausende von kulturellen und sozialen Prozessen und wurde zum Kernstück der menschlichen Psyche: symbolisches Verhalten.

Lassen Sie uns ansehen, wie das Prinzip der symbolischen Erweiterung funktioniert. Denken Sie an zwei konkrete Nomina – irgendwelche zwei unterschiedliche Objekte. Tun Sie das wirklich, bevor Sie weiterlesen. Denken Sie an zwei konkrete Nomina. Nun stellen Sie sich vor, Ihre Zukunft hinge davon ab, dass Sie folgende Frage beantworten: »Inwiefern ist [sagen Sie den Namen des ersten Objektes] der Vater von [sagen Sie den Namen des zweiten Objektes]?« Lassen Sie sich Zeit – lesen Sie diese Wörter nicht nur. Führen Sie diese Aufgabe durch als sei es wirklich ausgesprochen wichtig, eine gute Antwort darauf zu finden, weil Ihre Zukunft davon abhängt.

Wir haben diese Übung in unzähligen Workshops durchgeführt und legten dabei viele unterschiedliche Beziehungen zugrunde, auch sehr unklare (z. B. »gibt Aufschluss über das Wesen von«). Nach ein paar Minuten präsentieren die Gruppen immer Antworten, und zwar richtig gute Antworten! Sie geben oft Antworten, die sehr aufschlussreich sind, und die dazu führen, dass die gesamte Gruppe die Objekte anders sieht, weil die Beziehung zwischen diesen beiden Objekten scheinbar intrinsisch existiert. Haben Sie eine gute Antwort auf Ihre Herausforderung ist der Vater von gefunden? Wenn die Antwort besonders passend war, scheint es so zu sein, als ob das erste Objekt tatsächlich auf eine bestimmte Art und Weise der Vater von dem zweiten ist.

Diese Übung verdeutlicht gut, welche Fallen die menschliche Psyche bereithält. Wir können jede Art von symbolischer Beziehung zwischen beliebigen Objekten und Ereignissen herstellen. Dann fangen wir an zu glauben, dass diese Beziehungen auch außerhalb der eigenen Vorstellung existieren. Diese Illusion ist Teil dessen, was Verhaltenspsychologen zunächst blockiert hat, als sie sich mit der menschlichen Sprache befassten. Sie übersahen, wie stark relationale Hinweisreize daran beteiligt sind, symbolische Bedeutung zu erschaffen. Stattdessen konzentrierten sie sich auf den später einsetzenden Prozess der Sprache, der den Menschen dabei unterstützt, sich mit den natürlichen (intrinsischen) Eigenschaften von Dingen auseinanderzusetzen. Es ist jedoch nicht möglich, auf diese Weise symbolisches Verhalten von Menschen zu verstehen, weil der entscheidende Teil fehlt, dieser kritische Faktor, dass relationale Hinweisreize auf alles verwendet werden können und dabei dort Beziehung erstellen können, wo es zuvor keine gab.

1.6.5 Kontextuelle Hinweisreize beschreiben Funktionen

Einer der üblichen Einwände dagegen, symbolische Bedeutung aus der Perspektive des Behaviorismus zu betrachten, kann in der folgenden Frage zusammengefasst werden: Wenn ein Symbol und ein Ereignis als »gleich« benannt werden, warum lutscht ein Mensch nicht einfach an dem Wort »Bonbon« oder ergreift vor dem Wort »Tiger« die Flucht? Die Antwort darauf ist: Durch symbolische Beziehungen ausgelöste psychologische Funktionen (z. B. Geschmack, Angst) werden gleichzeitig durch kontextuelle Hinweisreize kontrolliert. Einige dieser Hinweisreize sind nicht symbolisch: der Anblick von Druckerschwärze auf dem Papier hält uns mit ziemlicher Sicherheit davon ab, an dem Wort »Bonbon« zu lutschen. Einige Hinweisreize bezeichnen symbolische Ereignisse, wie z. B. das Wort »schmecken« in der Frage: »Wie schmeckt ein Apfel?« im Gegensatz zu dem Wort »aussehen« in der Frage: »Wie sieht ein Apfel aus?« In diesen Fällen ist die Beziehung von »Apfel« zu echten Äpfeln dieselbe, aber die funktionalen Hinweisreize »schmecken« und »aussehen« stehen für spezifische Funktionen, die durch das Wort aufgrund der zugrundeliegenden Beziehung von Gleichheit hervorgerufen werden. Manchmal können diese funktionalen Hinweisreize nonverbaler Natur sein. Zum Beispiel wird eine andere Funktion ausgelöst, wenn man einen bedrückenden Gedanken laut singt, als wenn man ihn in einer normalen Tonart spricht.

Kontextuelle Hinweisreize werden eingesetzt, um unter der Vielzahl möglicher Funktionen eines Ereignisses innerhalb eines symbolischen Netzwerkes auswählen zu können. Das ist ähnlich wie beispielsweise bei einem Kugelschreiber, der als folgendes angesehen werden kann: ein Schreibutensil, eine Röhre, ein Zeiger, ein Hebel, eine Verlängerung usw. Kontextuelle Hinweisreize können aber auch dazu dienen, den Einfluss symbolischer Ereignisse auf das Verhalten von Personen zu mindern. Singen, Meditieren, das Wiederholen von Wörtern, das Betrachten unlösbarer Paradoxien und ähnliche Interventionen können als »episymbolische« Steuerungssysteme gesehen werden. Sie verändern die Auswirkungen symbolischer Ereignisse auf Verhalten in ähnlicher Weise, wie epigenetische Prozesse die Genexpression modifizieren (Wilson, Hayes, Biglan & Embry, 2014).

1.6.6 Die Bedeutung von Objekten und Ereignissen wird durch relationale Netzwerke transformiert

Wenn alle beschriebenen Merkmale zusammenkommen, verändern Netzwerke symbolischer Beziehungen die Funktion – d. h. die Bedeutung und die Wirkung – der in ihnen enthaltenen Objekte und Ereignisse. Greifen wir die Aussage der Patientin noch einmal auf. Die Sprache, die die Patientin gebrauchte, beschreibt nicht nur unterschiedliche Erfahrungen. Sie impliziert auch eine bestimmte Art und Weise des Umgangs mit diesen Erfahrungen. Zum Beispiel bedeutet: »Wenn ich selbstbewusster wäre, könnte ich mit anderen sprechen«, dass mehr Selbstbewusstsein nötig wäre, um mit anderen zu sprechen. Es wäre eine notwendige und hinreichende Bedingung. Allerdings impliziert die Äußerung: »Aber ich bin wertlos«, dass es sinnlos ist, daran zu arbeiten, mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln. Eine aussichtslose Situation.

Sprache verändert häufig die Art, wie wir Objekte und Ereignisse erleben, indem sie uns auf funktionale Elemente hinweist, die sich ohne Sprache nicht erschließen würden. Bedenken Sie was passiert, wenn Sie Wein probieren, anschließend die Beschreibung auf dem Etikett lesen und ihn danach nochmals probieren. Wenn Sie kein Experte sind, schmecken Sie zunächst vielleicht nur Trauben und Alkohol. Nachdem Sie aber das Etikett gelesen haben, auf dem steht, dieser Wein schmeckt nach Tabak und Schokolade, nehmen Sie möglicherweise diese Geschmacksnoten wahr. Die Beschreibung auf dem Etikett lässt eine Äquivalenzbeziehung zwischen Wein, Tabak und Schokolade entstehen. Der Bezug »schmeckt nach« weist auf die relevanten funktionalen Merkmale hin, die hier angesprochen sind (z. B. der Geschmack ist gleich, aber nicht die Farbe). Eine Kombination chemischer Merkmale führt dazu, dass Wein so schmeckt, wie er schmeckt, und der Sprache ist es zuzuschreiben, dass uns bewusst wird, was es zu schmecken gibt.

Etwas Ähnliches geschieht, wenn eine Therapeutin ihre Patientin fragt: »Könnten Sie mir sagen, was in Ihrem Körper passiert, wenn Sie Angst spüren?« und die Patientin antwortet: »Meine Muskeln sind angespannt.« Dadurch, dass die Therapeutin das symbolische Netzwerk der Patientin anspricht, kommt es zu einem besseren gemeinsamen Verständnis des Erlebens von Angst bei der Patientin. Anstatt anzunehmen, dass die Patientin das gleiche fühlt wie andere Patienten, wenn sie ängstlich sind, kann man durch Nachfragen nun dem Begriff »ängstlich« eine Funktion zuschreiben, die das Empfinden der Patientin besser beschreibt. Die Therapeutin könnte weitere Fragen anschließen, wie z. B.: »Wo genau fühlen Sie die Anspannung?« oder »Wenn Sie den angespannten Bereich mit einem Stift umfahren würden, wie ist die Form und Größe?« Mit jeder Frage wird das mit der Anspannung verbundene Empfinden genauer erarbeitet. Es hat nun eine Qualität erreicht, die durch die Lage, die Form und die Größe definiert ist.

Im oben beschriebenen Prozess geht es unter anderem darum, Eigenschaften der inneren und äußeren Umwelt zu erkennen, die bereits ursprünglich da waren. Aber, wie in dem Beispiel »ist der Vater von«, können relationale Netzwerke auch neue Funktionen erzeugen, die sich erst im Nachhinein erschließen. Experimente, die eine Täuschung beinhalten, lassen erstaunliche Situationen entstehen. In solchen Versuchen wird deutlich, dass eine willkürliche Auswahl von kontextuellen Hinweisreizen die Wahrnehmungsfunktionen der Probanden verändert. Stellen Sie sich vor, Sie haben Gäste zum Abendessen eingeladen. Sie schenken ihnen billigen Wein ein. Gleichzeitig sagen Sie: »Das ist ein exzellenter Wein. Er wurde mir empfohlen, um das Essen, das vor euch steht, abzurunden. Bei dem Wein ist die Säure im perfekten Gleichgewicht, er hat ein feines, elegantes Bouquet mit Fruchtaromen, Noten von Schokolade und schwarzem Tee«. Voraussichtlich nehmen viele Ihrer Gäste tatsächlich diese Aromen wahr. Möglicherweise sind einige einfach nur höflich und geben vor, dass sie das schmeckten, was der Beschreibung entspricht. Auch wenn Sie das Experiment auflösen, bleiben vermutlich einige dabei, dass Sie wirklich Schokolade und schwarzen Tee herausgeschmeckt haben. Die einfache Aussage: »Dieser Wein schmeckt wie Schokolade« hat die Wahrnehmungsfunktionen in Bezug auf den Wein unabhängig von seiner tatsächlichen Zusammensetzung transformiert.

1.6.7 Relationale Netzwerke erweitern sich schnell, weil Ableitungen gebildet werden

Sobald kontextuelle relationale Hinweisreize verinnerlicht sind, können sie flexibel und in Kombination mit anderen relationalen Stimuli angewandt werden. Stellen Sie sich vor, ein Vater sagt zu seinem Sohn im Zoo: »Guck dir den kleinen Panther an! Er sieht genauso aus wie seine Mutter, nur kleiner!«. Ein Verhältnis von Gleichheit zwischen dem Panther und seinem Jungen wird durch den Hinweisreiz genauso hergestellt, während ein vergleichendes Verhältnis durch den Hinweis aber kleiner bestimmt wird. Wie bei allen Beziehungen kann hier eine bidirektionale Beziehung abgeleitet werden: Wenn das Junge kleiner ist, dann ist die Panthermutter größer.

Stellen Sie sich vor, dass das Mädchen, das vor Katzen wegläuft, und der kleine Junge, der den Panther im Zoo sah, in der gleichen Klasse der Grundschule sind. Sie werden beste Freunde und reden gerne stundenlang über die Erfahrungen ihres jungen Lebens. Eines Tages fragt das kleine Mädchen: »Welches ist dein Lieblingstier?« Der Junge sagt: »Panther! Ich liebe Panther! Ich habe einen Panther und sein Junges im Zoo gesehen.« Das kleine Mädchen fragt: »Was ist ein Panther?«. »Er ist wie eine große, große Katze!«, sagt der kleine Junge. Das kleine Mädchen hört auf zu lächeln, schreit: »Katzen sind gefährlich!« und rennt weg. Als sie nach Hause kommen, fragen der kleine Junge und das Mädchen ihre Eltern: »Ist es wahr, dass Panther sehr gefährlich sind?«.

An dieser Situation ist faszinierend, dass das Mädchen noch nie einen Panther gesehen hat, und dass dem Jungen noch nie gesagt wurde, dass Panther gefährlich sind. Trotzdem denken nun beide, dass Panther gefährlich sind. Das gleiche Prinzip, das wir im vorangegangenen Teil dieses Kapitels behandelt haben, führte bei dem kleinen Mädchen dazu zu denken, Panther sind gefährlich. Als der kleine Junge sagte: »Er ist wie eine große, große Katze«, stellte er eine vergleichende Beziehung zwischen Katzen und Panthern her. Dabei benutzte er die kontextuellen Hinweisreize wie und groß. Katzen haben für das kleine Mädchen die Funktion, gefährlich zu sein. Durch das Herstellen einer Beziehung zwischen den beiden Begriffen wird die Funktion des Hinweisreizes Panther transformiert. Sie sind jetzt auch gefährlich, und wahrscheinlich sogar gefährlicher, weil sie größer sind. Der Junge hat ebenfalls etwas gelernt, was ihm nicht direkt erzählt wurde. Einfach ausgedrückt könnten wir sagen, dass er abgeleitet hat, Panther sind gefährlich, weil Katzen gefährlich sind. Aus der Sicht der Relational Frame Theory macht dies deutlich, wie abgeleitete Beziehungen sich aus bidirektionalen Beziehungen (wie im Lernen zum Wort »Apfel«) zu ganzen Netzwerken aus hergeleiteten Beziehungen erweitern, in denen sie sich miteinander verknüpfen.

Ergebnisse der Forschungsarbeiten zur Relational Frame Theory erlauben es, diese Sprachprozesse nachzuvollziehen und Prinzipien für den Einsatz in der Therapie zu entwickeln. Ein typisches Experiment besteht zunächst darin, eine Beziehung zwischen zwei Stimuli herzustellen. Der Proband lernt, aus einer Auswahl an Stimuli (aaa, bbb und ccc) aaa zu wählen, immer wenn die Buchstabenreihe xxx gemeinsam mit dem kontextuellen Hinweisreiz »ist das Gleiche wie« präsentiert wird. So wird eine Äquivalenzbeziehung hergestellt ( Abb. 1.1). Im Laufe des Experimentes wird dem Probanden statt der Serie xxx nun die Buchstabenreihe aaa präsentiert, gekoppelt an den kontextuellen Hinweisreiz »ist das Gleiche wie«, während der Proband sich jetzt für einen der folgenden Stimuli entscheiden muss: xxx, bbb oder ccc ( Abb. 1.2). Anders ausgedrückt müssen die Probanden unmittelbar nachdem sie verinnerlicht haben, dass aaa das Gleiche ist wie xxx, die Frage beantworten: »xxx ist das Gleiche wie __________?« Das ist es genau das, was Sie als Leser in diesem Absatz vermittelt bekommen haben. Wir haben Ihnen gesagt, dass aaa das Gleiche ist wie xxx, aber wir haben Ihnen nicht gesagt was xxx entspricht. Nun, wie schwer ist es, diese Frage zu beantworten? Es ist wahrscheinlich sehr leicht. Und trotzdem verlangt diese einfache Frage, dass Sie sich entgegen der gelernten Richtung der Beziehung bewegen.

In der Relational Frame Theory wird dieses Prinzip wechselseitige Ableitung (Mutual Entailment) genannt; d. h., eine gelernte Beziehung zwischen einem Stimulus A und einem Stimulus B bedeutet, dass auch die umgekehrte Beziehung zwischen B und A gültig ist. Wenn A gleich B ist, dann leiten Sie intuitiv auch daraus ab, dass B gleich A ist. Wenn A das Gegenteil von B ist, dann können Sie ableiten, dass B das Gegenteil von A ist. Wenn A größer ist als B, dann können Sie ableiten, dass B kleiner ist als A, usw. Dank diesem Prinzip lernen Kinder schnell die Bedeutung neuer Worte, sobald kontextuelle Hinweisreize in ihrem verbalen Repertoire hinterlegt sind. Alles, was man ihnen sagen muss, ist, dass x gleich y ist. Dann können sie x in neuen Sätzen benutzen, wenn sie über y sprechen wollen. Wenn z. B. ein Kind fragt: »Was bedeutet hungrig?« und sein Vater ihm sagt: »Das ist, wenn du eine Weile lang


Abb. 1.1


Abb. 1.2

nicht gegessen hast und du spürst, dass du etwas zu Essen brauchst.« Dann kann das Kind sagen: »Ich bin hungrig«, wenn es das Beschriebene spürt. Die Beziehung hungrig sein = Essen benötigen führt zur Herleitung der wechselseitigen Bedingung Essen benötigen = hungrig sein.

Lassen Sie uns etwas weitergehen. Jetzt, da Sie durch die wechselseitige Bedingung wissen, dass aaa das Gleiche ist wie xxx und andersherum, stellen Sie sich vor, wir hätten Ihnen auch gesagt, dass xxx das Gleiche ist wie zzz. Was können Sie über die Beziehung zwischen aaa und zzz ableiten? Anders ausgedrückt, wenn A = B und B = C, wie ist dann die Beziehung zwischen A und C? Dank des Prinzips der Herleitung können Sie sagen, dass A = C und C = A, oder dass aaa das Gleiche ist wie zzz und zzz das Gleiche ist wie aaa ( Abb. 1.3) Die Herleitung »B ist das Gleiche wie A« erfolgte, nachdem Sie gelernt hatten, dass A das Gleiche ist wie B. Sie beruhte auf einer gegenseitigen Wechselwirkung. Jedoch gilt dieses Prinzip nicht bei der Aussage A ist das Gleiche wie C (und umgekehrt), weil kein kontextueller Hinweisreiz jemals diese beiden Stimuli direkt miteinander in Beziehung gebracht hat. Dies gilt ebenso für aaa ist das Gleiche wie zzz. Bevor wir Ihnen die Frage stellten, inwiefern diese miteinander in Beziehung stehen, wurden sie niemals gleichzeitig im selben Satz erwähnt. In der Relational Frame Theory heißt diese Art der Herleitung kombinatorische Ableitung (Combinatorial Entailment): Sie müssen zwei Beziehungen miteinander verknüpfen, um eine dritte abzuleiten. Anstatt sich der technischen Definition »wechselseitige und kombinatorische Bedingung« zu bedienen, ist es einfacher, sich zu merken, dass symbolische Beziehungen wechselseitig sind und sich zu Netzwerken verknüpfen. Das Erlernen von zwei Beziehungen zwischen drei Stimuli kann zur Ableitung von vier weiteren Beziehungen führen. Wie unser Kollege J. T. Blackledge sagt: »Kaufen Sie zwei, Sie bekommen vier gratis!«4


Abb. 1.3

Die Netzwerke können die Funktionen der Dinge, die in ihnen enthalten sind, verändern. Lassen Sie uns zu den Katzen und den Panthern zurückkehren. Das Mädchen erzählte dem kleinen Jungen, dass Katzen gefährlich sind. Vorher wusste er nur, dass Panther wie große Katzen sind. Wenn wir diese beiden Sätze in Relational Frame Theory Begriffe übersetzen, dann wurde ihm erzählt, dass A = B (Katzen = gefährlich), und er wusste bereits, dass C = A (Panther = Katzen). Als er fragte: »Ist es wahr, dass Panther sehr gefährlich sind?« leitete er die Beziehung C = B durch die Anwendung einer kombinatorischen Ableitung her. Weil er dies auch hinsichtlich der Größe wusste – C > A5 (Panther sind wie große Katzen) – konnte er sogar herleiten, dass Panther sehr gefährlich sind, obwohl ihm dies niemals gesagt wurde.

In der Relational Frame Theory basieren Sprache und Kognition6 auf den Eigenschaften der Herstellung von Bezugsrahmen: Wechselseitige Beziehungen verknüpfen sich zu Netzwerken, die dann die Funktion von Ereignissen verändern. All dies wird durch den relationalen und funktionalen Kontext gesteuert. Dies macht das Denken beim Menschen aus.

1.6.8 Die Möglichkeit der Ableitung symbolischer Beziehungen erklärt die schöpferische Vielfalt der Sprache

Das Prinzip der Ableitung ist ein Grundstein des Zugangs der Relational Frame Theory zur Sprache. Es erklärt die schöpferische Vielseitigkeit, eine der entscheidenden Eigenschaften von Sprache. Dank Sprache können Menschen neue Netzwerke von Beziehungen erschaffen, einschließlich solcher Sätze und Schemata, die sie nie gelernt oder durch eigenes Erleben erfahren haben. Außerdem kann die Funktion von Stimuli durch die Ableitung neuer Beziehungen und der Präsentation geeigneter funktionaler Hinweisreize verändert werden. Wir verweisen hierzu auf das Beispiel des kleinen Mädchens. Weil es einen Bezug zwischen Panthern und Katzen hergestellt hat, denkt es nun, dass Panther sehr gefährlich sind. In den nächsten Kapiteln werden wir sehen, dass psychotherapeutische Interventionen effektiver angewandt werden, wenn die Therapeutin Kenntnisse über Ableitungsprozesse hat, die in den relationalen Netzwerken der Patienten aktiv sind.

Beachten Sie das folgende Beispiel eines unserer Patienten, eines Studenten, der unter Zwangsgedanken mit dem Thema Kontamination litt. In der ersten Therapiesitzung berichtete er von einem Dokumentarfilm im Fernsehen, der zu einer Verschlechterung seines Zustandes geführt hatte. Als er hörte, dass Cholera durch verschmutztes Wasser übertragen wird, führte dies dazu, dass er den Kontakt mit Wasser vermied. Er steckte nun in einer Zwickmühle: Sollte er duschen und riskieren, mit Cholera angesteckt zu werden? Oder sollte er dies unterlassen und riskieren, durch andere Bakterien krank zu werden? Um das Problem zu lösen, beschloss er, den ganzen Körper mit Händedesinfektionsmittel zu reinigen. Dies brachte ihm eine Zeit lang etwas Erleichterung. In seinem relationalen Netzwerk tauchte das Thema Wasser rasch immer wieder auf. Er konnte nicht weiter in seinem Chemiebuch lesen, wenn er die Buchstaben »H2O« sah. Da dies die chemische Formel von Wasser ist, wurde er sehr nervös, schloss das Buch und beschloss, es nicht wieder zu öffnen. Bald wurde es für ihn unerträglich, in den Chemieunterricht zu gehen, weil er sich nicht dem Risiko aussetzen wollte, mit Wasser in Kontakt zu kommen – und sei es nur in seiner Vorstellung. An diesem Beispiel können wir sehen, dass der ursprüngliche Bezug zwischen Wasser und Ansteckung, der durch das Sehen einer Dokumentation hergestellt wurde, durch eine Erweiterung des symbolischen Netzwerks des Patienten zu der Herleitung einer neuen Beziehung zwischen dem Chemieunterricht und Ansteckung führte. Die ursprüngliche, ursächliche Beziehung zwischen Wasser und Cholera, dann die Äquivalenzbeziehung von Wasser und H2O und schließlich eine hierarchische Beziehung zwischen H2O und dem Chemieunterricht (H2O ist eine der Formeln, die im Chemieunterricht verwendet werden) führte zu einer Transformation der Funktion des Chemieunterrichts. In den Chemieunterricht zu gehen stand nun in einer kausalen Beziehung dazu, sich mit Cholera anzustecken, obwohl keine unmittelbare Erfahrung oder eine unmittelbare Information jemals diese Verbindung hergestellt hat. Anstatt zu erleben, dass Cholera durch Wasser übertragen wird, hat unser Patient vielmehr erfahren, dass psychologische Funktionen wie Angst, Ekel und Vermeidung durch ein Netzwerk von Sprache übertragen werden.

Dieses Beispiel veranschaulicht die Exzesse der menschlichen Sprache. Es macht aber auch deutlich, warum sich Sprache in der Spezies Mensch fortlaufend kulturell weiterentwickelt hat. Evolution bedient sich eines einfachen Prinzips: Variation und selektive Retention. Ohne Variation ist Evolution unmöglich. Dies gilt ebenso für die Evolution von Verhalten wie für die genetische Evolution. Lassen Sie uns unser Prinzip »kaufen Sie zwei, Sie bekommen vier gratis« erweitern, indem wir ein einfaches Beispiel nutzen, das Terrence W. Deacon 1998 beschrieben hat. Angenommen wir vermitteln acht Symbol → Objekt Beziehungen. Wenn Tiere Beziehungen in einer bestimmten Richtung erlernen, dann reagieren sie auch genau in diese Richtung. Wenn wir sie aber Menschen vermitteln, dann ist jede Beziehung wechselseitig erlernt. Es bestehen daher 16 Beziehungen, nicht acht. Aber alle Symbole können auch zueinander in Beziehung stehen. Und jedes Objekt kann zu jedem Objekt einen Bezug haben. Und jede Beziehung zwischen Objekten kann zu jeder anderen Beziehung zwischen Objekten in Bezug stehen (wenn z. B. zwei Dinge gleich sind, und zwei weitere Dinge wiederum gleich sind, dann sind diese Beziehungen zueinander ebenfalls Gleichheitsbeziehungen). Dasselbe gilt für Symbole. Und jedes Symbol kann durch Kombination zu jedem Objekt in Bezug stehen. Dies kann man unendlich weiterspinnen. Wie viele mögliche Beziehungen bestehen letztendlich innerhalb eines Netzwerkes mit nur acht Symbol → Objekt Beziehungen? Die unglaubliche Antwort lautet: annähernd 4.000! Nun, das ist Variation!

Dieses Chaos wird durch kontextuelle Steuerung der Herstellung von Beziehungen und kontextuelle Kontrolle über die Änderung von Funktionen gemanagt. Bisher sind Menschen nicht sehr geschickt darin, kontextuelle Kontrolle gezielt auszuüben. Einfacher ausgedrückt bedeutet dies, dass Menschen nicht wirklich gut darin sind, ihre Psyche an die Leine zu nehmen. Sie sind sehr gut darin, relationale Netzwerke zu generieren und zu erkunden. Dies ist die Quelle großer Errungenschaften auf den Gebieten der Wissenschaft, Literatur oder Philosophie. Dies ist aber auch die Quelle eines großen Teils des menschlichen Leidens. So kann es sogar angsteinflößend sein zu duschen, wenn dies innerhalb eines riesigen relationalen Netzwerks so angelegt ist.

Die Steuerung relationaler Prozesse ist für die Menschen eine große Herausforderung, sowohl individuell als auch kulturell. Die Wissenschaft der Relational Frame Theory zeigt Wege dafür auf, wie Therapeuten Sprachprozesse bewusst einsetzen können, um ihre Arbeit erfolgreicher zu machen. Diesem Thema widmen wir im Folgenden unsere Aufmerksamkeit.

1.7 Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel stellt die Grundprinzipien dar, die Sprache mit ihren Möglichkeiten zum Aufbau symbolischer Beziehungen zwischen Objekten und Ereignissen zu einer einzigartigen Form des Lernens machen. Hier sind die wichtigen Kernaussagen, die für die Lektüre des folgenden, eher praxisorientierten Teils dieses Buches hilfreich sind:

• Der Begriff »Sprache« bezeichnet ein erlerntes Verhalten, das es ermöglicht, symbolische Bezugnahmen zu etablieren und darauf zu reagieren. Dieses Verhalten ist deswegen außergewöhnlich, weil es die Art und Weise, wie Menschen ihre Welt erleben, verändert, Objekte und Ereignisse mit Bedeutung versieht und damit ihren Einfluss auf Gedanken, Gefühle und Handlung verändert.

• Beziehungen herzustellen bedeutet, auf eine Sache in Abhängigkeit von einer anderen Sache zu reagieren. Einige Tierarten sind in der Lage, spezifische Beziehungen herzustellen oder auch zu lernen, wie sie Dinge anhand intrinsischer Merkmale zueinander in Beziehung setzen können. Aber nur der Mensch kann symbolische Beziehungen herstellen. Die Fähigkeit, Dinge symbolisch miteinander in Beziehung zu setzen, erhöht die Effizienz, mit der Menschen lernen, in dramatischer Weise. Ganze Netzwerke abgeleiteter Beziehungen können sich aus einer kleinen Anzahl erlernter Beziehungen ergeben.

• Symbolische Beziehungen »formen« (frame) menschliche Erfahrungen und verändern dadurch deren Bedeutung und Auswirkung. Menschen kombinieren die Informationen, die in diesen verschiedenen Beziehungen enthalten sind, und leiten daraus ein umfangreiches Netzwerk von Bedeutung und Verstehen ab. Die Art und Weise, wie Menschen innerhalb dieses Netzwerks über Dinge denken, fühlen und handeln, wird stark durch deren symbolische Beziehung zu weiteren Objekten und Ereignissen beeinflusst.

• Relationales Lernen ergibt sich aus einer Kombination von Evolution und einer besonderen Art von operanter Lerngeschichte. Menschen lernen, Objekte und Ereignisse eher auf der Basis sozial etablierter Hinweisreize miteinander in Beziehung zu setzen. Dies geschieht weniger auf der Grundlage der intrinsischen Eigenschaften der Dinge. Das macht Sprache zu einer Form der Zusammenarbeit. Sprache fußt hier auf der sozialen Natur menschlicher Gruppen und verstärkt somit eine Kultur prosozialen Verhaltens, in der Menschen gedeihen können.

• Symbolisches Verhalten basiert ursprünglich auf Kontingenzlernen. Trotzdem verändert es die Auswirkung aller Lernformen dadurch, dass symbolische Beziehungen die Art und Weise verändern, wie vorangehende und nachfolgende Stimuli den Lerneffekt beeinflussen.

• Es gibt viele Arten symbolischer Beziehungen oder »Bezugsrahmen«, beispielsweise der Koordination, der Unterscheidung, des Gegensatzes, des Vergleichs, der Hierarchie und der Perspektivübernahme. Sie alle können an Analyse und Lösung von therapeutischen Problemen beteiligt sein.

• Symbolische Beziehungen sind nicht schlichtweg als einfache Worte zu sehen – sie sind stark mit nahezu allem verwoben, was für Menschen bedeutungsvoll ist. Gedanken und mentale Bilder, Erinnerungen, Meinungen, Stimmung und Affekt, Selbstwahrnehmung und Bewusstsein sind abhängig von symbolischen Beziehungen. Dieser Denkansatz erlaubt es Therapeuten auf eine kohärente und wirksame Weise, mit einer geringen Zahl von behavioralen Prinzipien ein breites Spektrum von Störungen zu behandeln.

• Die meisten Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen, die für den therapeutischen Prozess von Bedeutung sind, beinhalten ein Zusammenspiel von symbolischen Beziehungen und anderen, erlernten und nicht erlernten Prozessen. Therapeuten können das Thema Sprache nicht vermeiden. Selbst dann nicht, wenn Sprache nicht zu den zentralen Bestandteilen ihrer Therapiemethode gehört. Selbst Methoden, die Stille betonen, Imagination nutzen, Hypnose induzieren oder Achtsamkeitsübungen durchführen, entfalten ihre Wirkung dadurch, dass sie symbolische Beziehungen einsetzen.

• Die Fähigkeit, symbolische Beziehungen abzuleiten, sowie die Veränderungen der Hinweisreize durch symbolische Beziehungen, eröffnen eine Vielfalt von Verhaltensmöglichkeiten und stellen so ein enormes evolutionäres Potenzial dar. Sprache ist die Quelle der größten menschlichen Errungenschaften, aber sie ist auch die Quelle eines großen Teils menschlichen Leids. Auf der Zeitachse der Evolutionsgeschichte ist symbolisches Lernen eine relativ junge Errungenschaft. Die Menschheit ist noch dabei zu lernen, wie sie die Macht dieser Fertigkeit nutzen kann, ohne unbeabsichtigt Leid zu erzeugen. Die Gespräche, die in der Psychotherapie stattfinden, und die Behandlungsmethoden, die dort angewandt werden, sind also auch Teil eines Lernprozesses. Dabei üben Therapeutinnen und Patientinnen, mit Bezugsrahmen und kontextuellen Hinweisreizen so umzugehen, dass sich Wohlergehen entwickeln kann.

1 Mit Weltanschauung ist hier eine »World Hypothesis« im Sinne des von Stephen Pepper geprägten Begriffs gemeint. Für eine erste Orientierung hierzu lesen sie den Eintrag »World Hypothesis« in Wikipedia.

2 Mit intrinsisch meinen wir nicht »unabhängig von unserer Wahrnehmung«, sondern »unabhängig von unserer symbolischen Interpretation«. Demnach ist, im Kontext dieser Definition, die Farbe einer Rose, die wir als rot sehen, intrinsisch, weil sie nicht von Sprache abhängt, sondern von unserer Wahrnehmung (einige Tiere oder Menschen mit beeinträchtigter Sehfähigkeit sehen sie anders).

3 Obwohl der Begriff »verbal« in der Behaviorismus-Literatur zum Thema Sprache als Synonym für das Wort »symbolisch« genutzt wird, nutzen wir diesen Begriff in diesem Buch nur, wenn es sich auf Symbole bezieht, die aus Wörtern bestehen, um dadurch eine Verwechslung für Leser zu vermeiden, die mit dieser Literatur nicht vertraut sind. Nach unserer Definition können auch non-verbale Reize symbolisch sein (z. B. Gesten, Piktogramme). Wir nennen nicht-symbolische Hinweisreize und Funktionen »intrinsisch«. Wenn wir jedoch den Begriff »verbale Interaktion« nutzen, dann beziehen wir uns im Allgemeinen auf symbolische Interaktionen (einschließlich Gesten, Körperhaltungen, Gesichtsausdrücke, Ton der Stimme usw.), um der allgemeineren Verwendung dieses Begriffes zu entsprechen.

4 Technisch gesehen ist es allerdings niemals vollkommen »gratis«, weil wir uns auf den Prozess der Ableitung einlassen müssen. Sobald dieser Prozess aber erlernt und gut verinnerlicht wurde, erfolgt er so schnell und natürlich, dass er sich automatisiert und mühelos anfühlt, wenn die Beziehungen, die hergeleitet werden sollen, relativ einfach sind. Wenn wir versuchen, ein komplexes Problem zu lösen, erleben wir den Prozess der Ableitung meist als sehr anstrengend.

5 In diesem Buch steht »<« für »kleiner als oder weniger als« und »>« steht für »größer als oder mehr als«.

6 Gelegentlich weiten wir den Begriff »Sprache« um den Zusatz »Kognition« aus, um Sie daran zu erinnern, dass aus der Sicht der Relational Frame Theory das Denken und das Sprechen dem Aufbau von und dem Reagieren auf symbolische Beziehungen entspricht.

2 Sprache und Psychopathologie

Es ist verwunderlich, dass trotz des Erfolges der Spezies Mensch psychisches Leid so allgegenwärtig ist. Keine andere Spezies fürchtet sich, soweit wir das wissen können, vor Entbehrung, auch wenn sie im Überfluss lebt, hat Ängste, ohne Gefahren ausgesetzt zu sein oder fühlt Einsamkeit, obwohl sie in einer liebevollen Gemeinschaft lebt. Durch Sprache werden die Quellen von Fülle, Sicherheit und Fürsorge zum Ausgangspunkt von Kampf, Angst und Isolation. Symbolisch-relationales Lernen fördert das Wohlergehen der Menschen und stört es gleichzeitig, da Stärke und Kampf denselben Ursprung haben.

2.1 Probleme bei der Flüssigkeit und Flexibilität des Herstellens von Bezugsrahmen
2.1.1 Fertigkeitendefizite im logischen Denken und Problemlösen

Die Qualität der kognitiven und sozialen Fertigkeiten bei Kindern sowie die Fähigkeit, wirkungsvoll zu kommunizieren, korreliert mit der Fähigkeit, effektiv symbolische Bezugsrahmen herzustellen (Kishita, Ohtsuki & Stewart, 2013). Auch weitere Fertigkeiten korrelieren mit dieser grundlegenden Fähigkeit: Anwendung von Analogien und Metaphern (Lipkens & Hayes, 2009), Vornahme von Perspektivwechsel sowie Anwendung der Theory of Mind (Barnes-Holmes, McHugh & Barnes-Holmes, 2004). Sie korreliert mit der verbalen Intelligenz von Personen (O’Hora, Pelaez, Barnes-Holmes & Amesty, 2005), mit der Fähigkeit, Sprache zu verstehen und sich sprachlich ausdrücken zu können (Devany, Hayes & Nelson, 1986). Alle diese Zusammenhänge basieren auf der Fertigkeit, symbolische Beziehungen verstehen und auf sie reagieren zu können (z. B. Weil, Hayes & Capurro, 2011), auf der Flexibilität und Flüssigkeit dieser relationalen Reaktionen (z. B. O’Toole & Barnes-Holmes, 2009), und darauf, wie sie durch geeignete kontextuelle Hinweisreize gesteuert werden (z. B. Rehfeldt & Barnes-Holmes, 2009).

Hierbei handelt es sich offensichtlich nicht nur um rechnerische Korrelationen. Verbesserungen der symbolisch-relationalen Fertigkeiten führen zu Verbesserungen der kognitiven und sozialen Kompetenzen. So erhöht das Trainieren der relationalen Fertigkeiten bei gesunden Kindern, aber auch bei Kindern mit Lernbehinderungen den IQ um 12 bis 15 Punkte (Cassidy, Roche & Hayes, 2011). Das Üben von relationalen Fertigkeiten hat außerdem Auswirkungen auf die Umsetzung von Theory of Mind sowie die Fähigkeit Perspektivwechsel vornehmen zu können (Weil et al., 2011). Somit wird erklärbar, warum Defizite im logischen Denken oder in Problemlösefertigkeiten immer auch mit einem Mangel an relationalen Fertigkeiten einhergehen. Die Fertigkeiten sind möglicherweise nicht verfügbar, werden nicht ausreichend kompetent und flexibel angewandt oder werden nicht in angemessener Form durch den Kontext gesteuert.

Fehlende Fertigkeiten, logische Schlussfolgerungen zu ziehen, ineffektive Problemlösestrategien oder die Unfähigkeit, kreative Alternativen zu entwickeln, sind wichtige Elemente psychischer Störungen. Einige Menschen haben hier ausgeprägte spezifische Defizite. Letztlich aber neigen alle Menschen zu bestimmten kognitiven Verzerrungen und sind in komplexen oder emotional aufgeladenen Situationen anfällig für eine Verschlechterung der Qualität ihres logischen Denkens. Menschen mit geistigen Behinderungen haben ausgeprägte Probleme im Bereich des logischen Denkens und der Problemlösefertigkeiten. Die meisten Patienten, die sich in Psychotherapie befinden, haben keine geistige Behinderung. Sie sind trotzdem häufig impulsiv und nicht in der Lage abzuschätzen, welche Folgen ihr Verhalten hat. Oft treffen sie ungünstige Entscheidungen, weil sie nicht in der Lage sind, sinnvolle Alternativen zu entwickeln. Sie neigen zu kognitiven Verzerrungen, beispielsweise dazu zu verallgemeinern oder in Kategorien von Schwarz oder Weiß zu denken, anstatt die Zwischenstufen zu erkennen.

Viele psychotherapeutische Interventionen zielen auf diese Punkte ab. So vermitteln Therapeutinnen Kindern, wie sie impulsive Entscheidungen vermeiden können, indem sie die langfristigen Konsequenzen des Verhaltens gedanklich durchspielen. Sie vermitteln Erwachsenen, dass sie Probleme besser lösen können, wenn sie Ziele formulieren, Handlungsalternativen erarbeiten und die Ergebnisse ihres Verhaltens auswerten (z. B. Nezu, Nezu & D’Zurilla, 2013). Und letztlich identifizieren und untersuchen viele Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) gedankliche Irrtümer.

Logisches Denken und die Fähigkeit, Probleme lösen zu können, sind entscheidend für das Funktionieren von Menschen. Psychische Probleme entstehen dann, wenn hier Fertigkeitendefizite bestehen. Aus Sicht der RFT können diese Probleme unmittelbar über die Analyse der Fertigkeiten zur Herstellung von Beziehungen (relationale Skills) erfasst werden. Wer gute relationale Fertigkeiten erlernt hat, verfügt über die Basiskomponenten von Rationalität. Dies gilt besonders, wenn diese Fertigkeiten schnell und relativ fehlerfrei angewandt werden und eine gute kontextuelle Steuerung aufweisen.

2.1.2 Defizite bei Perspektivübernahme und Empathie

Menschen sind soziale Wesen. Um gut zu funktionieren, müssen sie einander verstehen, sich um andere kümmern und sich in andere hineinversetzen können. Diese Fertigkeiten sind hauptsächlich, aber nicht ausschließlich symbolischer Natur. Die Fähigkeit, die Perspektive eines anderen einzunehmen, hat in der verhaltenswissenschaftlichen Literatur unterschiedliche Bezeichnungen. Die bekannteste dürfte der Begriff »Theory of Mind« sein.

Defizite in der Perspektivübernahme und in den Theory of Mind (ToM) Fertigkeiten bringen enorme Schwierigkeiten mit sich. Kindern mit schwach ausgeprägten Fertigkeiten in diesem Bereich fällt es schwer, die Motive und das Verhalten anderer zu verstehen. Sie haben Schwierigkeiten Menschen in ihrem zwischenmenschlichen Umfeld einzuschätzen, aus Geschichten und Parabeln zu lernen oder Freude an Beziehungen zu anderen Menschen zu empfinden.

Die Perspektive eines anderen Menschen einzunehmen, ist nach Ansicht der RFT ein relationales Verhalten. Es gründet auf der Fähigkeit zur Perspektivübernahme und wird durch kontextuelle Hinweisreize wie beispielsweise Ich – Du (interpersonell), hier – dort (räumlich) und jetzt – damals (temporal) gesteuert (ausführliche Informationen hierzu finden sich bei McHugh & Stewart, 2012). Diese Reaktionen werden deiktische Bezugnahme genannt, weil sie durch Zeigen vermittelt werden (abgeleitet von altgriechisch δείκνυμι = zeige). Ein Stift ist hier und ein Behälter dort. Gehe ich zum Behälter, dann ist der Behälter hier und der Stift dort. Wenn Kinder deiktisch-relationale Verhaltensweisen lernen, müssen sie verstehen, dass sie nur von einem bestimmten Standpunkt aus Sinn ergeben. Die RFT vertritt den Standpunkt, dass deiktische Bezugnahme im Rahmen der kindlichen Entwicklung zunimmt (McHugh et al., 2004), aber auch, dass sie gezielt trainiert werden kann. Es liegen erste Ergebnisse dazu vor, dass ein Training die Fähigkeit zur Perspektivübernahme und die erfolgreiche Anwendung von Theory of Mind Skills verändern kann (Weil et al., 2011).

Die Fähigkeit der Perspektivübernahme ist Voraussetzung dafür, Empathie zu empfinden (Vilardaga, Estévez, Levin & Hayes, 2012). Empathie ist die Veränderung des menschlichen Erlebens und Verhaltens, die entsteht, wenn ein Mensch sich in das Erleben einer anderen Person hineinversetzt, also zu einem gewissen Grad in der Lage ist, den Standpunkt einer anderen Person zu teilen. In Begriffen der RFT ausgedrückt, ist die Fähigkeit, sich in die Gefühle eines anderen hineinzuversetzen, eine Transformation von Funktionen. Sie beruht auf der Fähigkeit, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Ohne Perspektivübernahme und Empathie sind Menschen von der interpersonellen Umwelt isoliert. Sie sind nicht in der Lage, mit anderen in Kontakt zu treten oder etwas für sie zu empfinden. Defizite in diesen Fertigkeiten führen zu ernsten Problemen, wie einer gestörten Selbstwahrnehmung bei Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung (Rehfeldt, Dillen, Ziomek & Kowalchuk, 2007), mit fehlender Freude an interpersonellen Kontakten (wie bei schizoider Persönlichkeitsstörung) (Villatte, Monestès, McHugh, Freixa i Baqué & Loas, 2008), oder mit Schizophrenie (Villatte, Monestès, McHugh, Freixa i Baqué & Loas, 2010a, 2010b). Um Gemeinsamkeit mit anderen genießen zu können, sind einige Voraussetzungen notwendig. Menschen brauchen ausreichende Fertigkeiten zur deiktischen Bezugnahme, um die Welt mit den Augen eines anderen betrachten zu können. Sie müssen den Emotionen anderer mit Empathie begegnen und dazu bereit sein, diese Emotionen selbst zu fühlen. Die Kombination dieser drei Fertigkeiten ist die wesentliche kognitive Grundlage (Vilardaga et al., 2012) für zwischenmenschliche Fürsorge. Sie untergräbt die Tendenz, andere als Objekte zu behandeln und zu entmenschlichen (Levin et al. 2015).

2.2 Probleme in Zusammenhang mit Erlebnisvermeidung
2.2.1 Alles kann zu einer Quelle von Leid werden

Ein Stimulus, der keine Hinweise auf Gefahr enthält, und bisher auch nicht damit assoziiert war, kann durch Sprache dennoch aversiven Charakter erwerben. Das Sprechen über ein zurückliegendes Trauma kann dieselben Emotionen und Empfindungen auslösen, die durchlebt wurden, als es entstand. Ganz ähnlich wie wenn man sich vorstellt, in eine saure Zitrone zu beißen – möglicherweise verzieht man den Mund oder entwickelt Speichelfluss. Jedes Verhalten auf der emotionalen, kognitiven, motivationalen und Wahrnehmungsebene, das ein Objekt oder ein Ereignis bei uns hervorruft, kann unmittelbar ausgelöst werden, indem wir über etwas nachdenken oder sprechen, das damit in Zusammenhang steht.

Allein der Umgang mit diesem Automatismus stellt für Menschen eine Herausforderung dar. Um ihn in Gang zu setzen, genügen Erinnerungen an Worte und Symbole. Gleichzeitig bewirkt er, dass Menschen sich jederzeit und überall an zurückliegende leidvolle oder schwierige Momente erinnern können, sobald sie mit einigen wenigen Hinweisreizen konfrontiert werden. Wie bei allen Lebewesen hinterlässt die Lebensgeschichte Spuren – es gibt keinen Mechanismus, mit dem Menschen sie löschen können. Aber anders als bei anderen Lebewesen kann die Vergangenheit durch symbolische Beziehungen zur Gegenwart werden. Diese menschliche Fähigkeit kann zu einer Entkoppelung zwischen Emotionen, Ereignissen und Verhalten führen. Andere Lebewesen verspüren Angst in Situationen, die schmerzlichen Erfahrungen der Vergangenheit ähneln. Menschen sind anders. Sogar das Wort »Entspannung« kann bei einem Menschen, der an einer Panikstörung leidet, zu Angst führen und eine Panikattacke auslösen. Wo immer Menschen hingehen, die Möglichkeit Leid zu empfinden begleitet sie.

Leid, das allein durch Hinweisreize ausgelöst wird, ist ein häufiges Phänomen in der psychotherapeutischen Praxis. Ein Beispiel ist eine Patientin, die einen sexuellen Übergriff in der Kindheit erlebt hat. Sie hasst das Wort »Vergewaltigung«. Sie erstarrt und beginnt zu weinen, wann immer ihr das Wort begegnet: in Unterhaltungen, Liedertexten oder im Fernsehen in Werbung für eine Kampagne gegen sexuelle Gewalt. Dieser relationale Prozess erschwert es ihr, in der Therapie über diesen Teil ihres Lebens zu sprechen. Sie fängt jedes Mal zu weinen an, wenn das Gespräch sich diesem Thema nähert. Sie macht sogar Abwehrbewegungen mit ihren Armen, um sich zu beschützen, wenn sie erwartet, dass das Wort ausgesprochen wird. Die Kraft und die Beharrlichkeit dieses Verhaltens sind für die Patientin belastend, aber auch überraschend. Vor der Therapie erzählte sie niemandem von der traumatischen Erfahrung. Sie hat die Tat niemals als »Vergewaltigung« bezeichnet. Wie kann das Wort so viel Macht über sie haben? Aus Sicht der RFT sind die psychologischen und physiologischen Reaktionen auf das Sprechen über wichtige Ereignisse leicht nachvollziehbar. Symbolische Beziehungen sind bidirektional. Wenn A = B ist, dann ist B = A. Löst ein Ereignis schmerzhafte Emotionen aus, dann lösen auch Stimuli, die eine Äquivalenzbeziehung zu diesem Ereignis haben, schmerzhafte Emotionen aus, sobald Hinweisreize vorhanden sind.

Entscheidend ist hier, dass nicht die intrinsische Natur des Stimulus, sondern die symbolische Beziehung den Schmerz auslöst. Unter dem Einfluss eines kontextuellen Hinweisreizes können ja zwei beliebige Stimuli symbolisch miteinander in Beziehung gebracht werden – sogar solche, die keinerlei Ähnlichkeit miteinander haben oder niemals gleichzeitig aufgetreten sind. Die Patientin erlebt starke Angst, wenn sie laute oder ärgerliche Stimmen hört, obwohl der Mann, der sie angegriffen hatte, sich dabei still verhielt. In ihrem relationalen Netzwerk stehen laute Stimmen in Beziehung zu schrecklicher Gefahr, obwohl sie selbst niemals angeschrien worden war. Sowohl Stille wie auch laute Stimmen liefern also den Kontext für das ängstliche Verhalten der Patientin. Auch angenehme Stimuli können auf diese Weise zu einer Quelle von Leid werden. Das führt dazu, dass Menschen auf erfreuliche Ereignisse so reagieren, als seien sie schmerzhaft. Die liebevolle und sanfte Berührung eines engen Freundes löst bei der Patientin Ärger und Rückzug aus. Die Berührung erinnert sie so stark an den Mangel an Zuwendung während ihrer Kindheit, dass sie nicht mit den angenehmen Gefühlen in Kontakt tritt, die eine liebevolle Umarmung auslöst.

Sprache erinnert Menschen nicht nur an zurückliegenden Schmerz, sie verstärkt den Schmerz auch durch den Gebrauch symbolischer Hinweisreize. Eine Studie verdeutlicht diesen Prozess (Dougher, Hamilton, Fink & Harrington, 2007): Ein relationales Netzwerk A-B-C wurde hergestellt. Dabei wurden Techniken, ähnlich wie im ersten Kapitel beschrieben, angewandt. Es wurde jedoch eine vergleichende Beziehung zugrunde gelegt (d. h. A < B < C). Anschließend verknüpften die Forscher unter Anwendung des Prinzips des respondenten Lernens den Stimulus B mit einer aversiven Erfahrung, indem sie den Probanden einen leichten elektrischen Schlag versetzten. Die Ausprägung der emotionalen Reaktionen auf die Konfrontation mit je einem der drei Stimuli innerhalb des relationalen Netzwerks waren bei A niedriger, aber bei C höher, sogar höher als die, die bei B beobachtet wurden. Wenn respondentes Lernen per se für die Transformation der Funktion von A und C verantwortlich wäre, dann wäre die Reaktion auf all diese Stimuli ähnlich ausgeprägt wie die Reaktion auf B gewesen. Genau das war jedoch nicht der Fall. Symbolische Prozesse sorgen dafür, dass Funktionen durch Sprache transformiert werden. Das kleine Mädchen aus Kapitel 1 ( Kap. 1) machte uns dies deutlich: Panther sind nicht nur Katzen, sie sind große Katzen. Es ist anzunehmen, dass das Mädchen mehr Angst vor Panthern als vor Katzen hatte. Dies beruht auf der Generalisierung des symbolischen Prozesses durch den symbolischen Bezug und die dadurch entstehende Intensivierung von Schmerz.

Diese Intensivierung entsteht häufig im Rahmen von Grübel- und Sorgenprozessen. Menschen suchen ständig nach neuen Formulierungen für die Vergangenheit, um damit zukünftige Ereignisse besser zu steuern. Dabei stellen sie sich zukünftige Ereignisse viel schlimmer und schwieriger vor, als sie jemals eintreten. Sie treten in eine Situation mit A < B < C ein. Dann ist die Gegenwart schlecht und die Zukunft noch schlimmer.

2.2.2 Symbolische Generalisierung von Vermeidung

An dem Beispiel mit dem Mädchen, das Angst vor Katzen hat, ist auch noch folgender Aspekt spannend: Es hat nicht nur Angst, sondern es flüchtet auch. Das Mädchen reagiert nicht nur ausgeprägt emotional auf Katzen oder symbolische Stimuli, die sich auf Katzen beziehen, es entzieht sich ihnen bewusst und vermeidet sie. Die meisten Lebewesen ziehen sich in solchen Situationen instinktiv zurück und lernen, der Quelle des Schmerzes aus dem Weg zu gehen. Kühe meiden elektrische Zäune, Menschen haben Respekt vor heißen Öfen. Alle Lebewesen vermeiden oder fliehen vor Schmerz, wann immer es möglich ist. Es ist daher folgerichtig, dass sich Lebewesen, die der Sprache mächtig sind, auch von symbolischen Stimuli fernhalten, die die Funktion eines Auslösers schmerzhafter Empfindungen oder Emotionen übernommen haben.

Diese Annahme wurde in Studien der Relational Frame Theory überprüft. So trainierten Dymond, Roche, Forsyth, Whelan und Rhoden (2007) Teilnehmer in einem Experiment. Sie sollten zunächst gemäß eines relationalen Netzwerkes A = B = C reagieren, in dem A und C implizit miteinander in Beziehung stehen (Combinatorial Entailment). Anschließend wurde der Stimulus A durch respondentes Lernen mit einem furchterregenden Bild und Geräusch assoziiert. Jedes Mal, wenn A auf dem Bildschirm erschien, folgten das furchterregende Bild und das Geräusch. Nachdem diese Verbindungen erlernt worden waren, konnten die Probanden durch das Drücken der Leertaste das furchterregende Bild und das Geräusch vermeiden. Wie vermutet lernten sie schnell, bei Erscheinen des Stimulus A durch ein Drücken der Leertaste das Erscheinen von Bild und Geräusch zu unterbinden. Zusätzlich erlangte B, das während der relationalen Lernphase in direkter Beziehung zu A stand, die Funktion von A, d. h. B kündigte ebenfalls Angst an. Außerdem erlangte C, das nie gemeinsam mit A präsentiert wurde, sondern nur in indirekter, impliziter Beziehung zu A stand, dieselbe Funktion. Im Ergebnis drückten die Probanden die Leertaste auch dann, wenn sie C auf dem Bildschirm sahen. Das Vermeidungsverhalten generalisierte also durch Sprache.

Dies entspricht dem Ereignis, bei dem das Mädchen wegläuft, als der Junge Katzen erwähnt. Rufen Sie sich in Erinnerung: Die reale Katze, die das Mädchen kratzt, erlangt ihre furchtauslösende Funktion durch respondentes Lernen (direkte Assoziation zwischen Katze und Kratzen). Katzen im Allgemeinen erlangen ihre Funktion durch den üblichen Prozess der Generalisierung (auf der Grundlage ihres ähnlichen Aussehens). Das Wort »Katze« erlangt seine Funktion allerdings durch seine symbolische Beziehung zu tatsächlichen Katzen. Dies erklärt wahrscheinlich auch, warum unser Patient, der an einer Zwangsstörung leidet, aufhört in seinem Chemiebuch zu lesen, wenn er »H2O« liest ( Kap. 1). Die Äquivalenzbeziehung zwischen Wasser und H2O transformiert die Funktion von H2O. Die Kombination von Buchstaben und einer Zahl löst dann Angst aus. Sie erinnert den Patienten daran, dass Wasser Cholera übertragen kann. Unsere Patientin, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, zeigt ein ähnliches Vermeidungsverhalten, wenn sexuelle Gewalt, deren Opfer sie geworden war, erwähnt wird. Sie hört auf zu sprechen, wendet den Blick ab oder wechselt das Gesprächsthema. Sie vermeidet Fernsehsendungen, die einen Bezug zu dem haben, was ihr widerfahren ist. Gespräche mit Freundinnen sind dadurch eingeschränkt. Sie vermeidet, Worte zu hören, die mit ihrem Leid in Beziehung stehen.

In allen geschilderten Fällen ist die Bandbreite möglicher Verhaltensweisen, die den Betroffenen zur Verfügung stehen, deutlich eingeengt. Dies geschieht durch einen symbolischen Stimulus, der über Verknüpfungen schmerzhafte Emotionen auslöst. Während das kleine Mädchen ein paar Sekunden vorher lustig über alles spricht, verringert das Hören des Wortes »Katze« unmittelbar ihren Handlungsspielraum. Es ist, als ob ein Alarmsignal ihr nahelegt, alles fallen zu lassen und möglichst schnell zum Notausgang zu rennen. Vergleichbar ergeht es den Patienten, die bei Konfrontation mit dem Wort »Wasser« oder »sexuelle Gewalt« aufhören zu lesen, nicht mehr zur Schule gehen, nicht mehr sprechen oder keine Videos mehr ansehen.

2.2.3 Hilfreiche versus problematische Vermeidung

Symbolische Stimuli schränken das Verhaltensrepertoire ein. Das ist in vielen Fällen vollkommen angemessen. Wettervorhersagen, die Anwohner dazu aufrufen, ihr Haus während eines Sturmes nicht zu verlassen, sind nützlich, wenn Sie in einer Region leben, in der Wirbelstürme häufig vorkommen. Das Beachten dieser Hinweise verringert die Handlungsmöglichkeiten: Die Betroffenen können sich nicht mehr uneingeschränkt frei bewegen. Trotzdem ist es eine weise Entscheidung, bei Sturmwarnung zu Hause zu bleiben. Hier ist symbolische Kontrolle vorteilhaft, weil sie Unheil verhindert. Manchmal kann Sprache Menschen überlisten und sie dazu bringen, harmlose (oder gar vorteilhafte) Stimuli zu vermeiden. Das bringt sie dann von einem vorteilhafteren Weg ab.

Betrachten Sie folgendes Beispiel: Sie wandern in einem Wald und beschließen nach einigen Stunden, den Heimweg anzutreten. Unglücklicherweise verirren Sie sich. Als Sie auf eine Kreuzung treffen, finden Sie keinen Wegweiser, der anzeigt, welcher der drei Wege zurück zu Ihrem Auto führt. Sie entscheiden sich rein zufällig für einen Weg und hoffen, dass er Sie sicher zu Ihrem Auto führen wird. Sie nehmen den Weg nach links, aber nach 10 Minuten geraten Sie in einen Sumpf und sinken tief ein. Glücklicherweise können Sie nach Ästen greifen und sich herausziehen. Bei ihrer Rückkehr zur Kreuzung treffen Sie auf einen anderen Wanderer, der sich ebenfalls verlaufen hat. Natürlich erzählen Sie ihm sofort, dass er den linken Weg nicht einschlagen soll, damit er nicht auch in den Sumpf gerät.

Lassen Sie uns an dieser Stelle innehalten und analysieren, was bisher geschehen ist. Sie haben die Folgen Ihres Handelns durch direkte Exposition erfahren (Sie folgten dem linken Pfad und gerieten in einen Sumpf). Der andere Wanderer erlernt diese Konsequenz durch Sprache (er hört: »Wenn Sie diesem Pfad folgen, werden Sie in einen Sumpf geraten.«). Sie beide werden in Zukunft den linken Pfad meiden. Ihre Vermeidung ist das Ergebnis von direktem Lernen, während seine Vermeidung auf relationalem Lernen beruht (die symbolische, wenn-dann-Beziehung zwischen dem linken Pfad und dem Hineinfallen in den Sumpf).

Fahren wir mit dem Beispiel fort: Sie erzählen dem anderen Wanderer, dass Sie Ihren Weg zurück zu Ihrem Auto suchen. Er sagt Ihnen dann, dass er weiß, wo der Parkplatz ist. Er bietet Ihnen an, Sie dorthin zu bringen. Sie folgen ihm entlang des Hauptweges, anstatt den rechten oder linken Weg zu nehmen. Nun ist es an Ihnen, durch Sprache zu lernen, und die direkte Erfahrung des anderen Wanderers zu nutzen. Sie wandern weitere Stunden und erreichen endlich den Eingang zum Wald. Es ist spät und wird schon dunkel. Ihr Begleiter läuft zu seinem Wagen, erleichtert darüber, dass er nach dem langen Ausflug endlich am Ziel ist. Aber trotz der schwachen Beleuchtung erkennen Sie sofort, dass dies nicht der Eingang ist, an dem Ihr Auto steht. Der andere Wanderer hat Sie zu dem Eingang im Osten gebracht, an dem er sein Auto geparkt hatte und nicht zum Zugang im Norden, an dem Ihr Auto steht. Es stellt sich heraus, dass Sie den Weg nach rechts hätten nehmen müssen, um zu Ihrem Wagen zu gelangen. Jetzt wäre ein sehr langer Marsch nötig, um nach Hause zu gelangen. (Sie sollten lieber den anderen Wanderer bitten, Sie im Auto mitzunehmen!).

Dieses Beispiel verdeutlicht drei Arten von Vermeidung. Zwei davon sind im Allgemeinen nützlich, während die dritte grundsätzlich problematisch ist. 1) Sie lernen, Gefahr zu vermeiden, indem Sie direkt mit den Konsequenzen Ihres Verhaltens konfrontiert werden. Sie lernen durch das Einsinken im Sumpf den linken Pfad in Zukunft zu meiden. 2) Der andere Wanderer lernt durch Sprache, Gefahr zu vermeiden. Sie raten ihm davon ab, den linken Pfad zu wählen. Obwohl er diesen Weg nie eingeschlagen hatte, weiß er dadurch, dass er ihm nicht folgen soll. 3) Als der andere Wanderer Ihnen sagt, dass Sie den Hauptweg und nicht den rechten Weg wählen sollen, lernen Sie durch Sprache, etwas zu vermeiden was eigentlich gut für Sie wäre. Sie entscheiden sich für etwas, das nicht hilfreich ist. Diese letzte Art der Vermeidung ist problematisch, da sie willkürlich den Kontakt mit vorteilhaften Konsequenzen verhindert.

2.2.4 Sprache behindert den Erfolg von Erlebnis-Vermeidung

Die symbolische Generalisierung von Vermeidung hat Vor- und Nachteile. Menschen können Gefahren und Probleme vermeiden, ohne sich ihnen jemals auszusetzen. Das ist ein klarer Vorteil. Sprache ermöglicht es also, eine große Menge von nützlichem Vermeidungsverhalten zu erlernen. Menschen sparen dadurch viel Zeit, Energie und Leid. Sie passen ihr Verhalten an, ohne zunächst direkt negative Konsequenzen erleben zu müssen. Menschen lernen, ihre Finger nicht in Steckdosen zu stecken, nicht zu schnell zu fahren, nicht unfreundlich zu Polizisten zu sein oder wichtige Termine nicht zu verpassen. Gleichzeitig führt Sprache aber dazu, dass Menschen Gefahren vermeiden, die nur konstruiert sind. Wenn Menschen alles glauben, was andere oder sie selbst sich sagen, dann wird die Funktion von Ereignissen und die Art der Interaktion mit ihnen stärker durch Sprache beeinflusst, als durch die intrinsischen Merkmale dieser Ereignisse. Sprachprozesse sind vermutlich die Ursache für die Neigung von Menschen, das Erleben von schmerzlichen Gedanken, Emotionen und Wahrnehmungen zu vermeiden.

In den vorangegangenen Abschnitten haben wir gesehen, dass symbolische Stimuli (z. B. Wörter) dieselben physiologischen, kognitiven und emotionalen Reaktionen hervorrufen können wie die tatsächlichen Objekte und Ereignisse. Dies beruht auf den wechselseitigen und sich in einem Netzwerk organisierenden Eigenschaften symbolischer Beziehungen. Wenn Gedanken und Worte an schmerzhafte Erlebnisse erinnern, erleben Menschen schnell besonders unangenehme Momente erneut. Wenn Opfer eines Unfalls oder eines Gewaltverbrechens den Ort des Geschehens aufsuchen, macht sie das häufig unruhig, traurig oder ängstlich. Das geschieht auch dann, wenn sie nur an den Ort und das, was dort geschah, denken. Viele Menschen machen die Erfahrung, dass sich die Muskeln anspannen oder der Herzschlag schneller wird, wenn sie an einen Vortrag am Arbeitsplatz oder in der Schule denken. Bei Menschen, die an einem substanzbezogenen Problem leiden, bewirkt der bloße Gedanke an die Substanz, dass sie konsumieren wollen. Es ist logisch, Schmerz vermeiden zu wollen. Symbolische Generalisierung führt gleichzeitig dazu, dass Menschen ständig schmerzhaften Stimuli ausgesetzt sind. In der Folge konzentrieren sie sich darauf, symbolische Formen von Leid zu vermeiden, sogar dann, wenn keine Gefahr besteht. Wie setzen Menschen das um? Sie versuchen zu vergessen oder nicht daran zu denken. Sie dissoziieren. Sie drücken es weg. Sie versuchen positiv zu denken. Sie weigern sich, über bestimmte Themen zu sprechen. Sie tun so, als gäbe es diese Stimuli nicht.

Die schwierigste Aufgabe ist jedoch, einen sicheren Ort zu finden, an dem kein symbolischer Stimulus vorhanden ist. Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit, die nüchtern bleiben wollen, ziehen es vor, Alkohol zu meiden. Sie bevorzugen Restaurants, die keinen Alkohol ausschenken oder Wohnlagen, in denen es nicht möglich ist, schnell Alkohol zu kaufen. Sie gehen Menschen aus dem Weg, die Alkohol trinken, oder Situationen, in denen Alkohol angeboten wird. Opfer von Gewalt bevorzugen Orte, an denen das Risiko von Gewalt gering ist, wie z. B. ein Haus mit verschlossenen Türen. Menschen, die sich vor Verunreinigung oder Ansteckung fürchten, halten sich lieber an einem Ort auf, der hygienisch sauber ist, und beschäftigen sich unermüdlich damit, ihn sauber zu halten. Trotz all dieser Anstrengungen können Menschen in einem mit Türen gesicherten, sterilen, alkoholfreien Raum unter Druck geraten, weil sie Erinnerungen an Gewaltsituationen oder Angst vor Ansteckung haben oder einen Drang nach Alkohol spüren. Psychologische Funktionen (z. B. Suchtdruck, Erschrecken, Ekel) breiten sich durch symbolische Beziehungen auf alles aus, mit dem sie in Berührung kommen, einschließlich Gedanken und Empfindungen. Wenn sie sich in einem vollkommen sterilen Umfeld aufhalten, denken sie beispielsweise plötzlich an ein Krankenhaus. Daraus können sich Gedanken an Krankheiten ergeben, die wiederum Emotionen von Angst oder Ekel auslösen. Die Absicht, eine Sache zu tun, um eine andere zu verhindern, setzt symbolisch alle Handlungen mit dem in Beziehung, was vermieden werden soll. Einige bekannte Experimente machen dieses Phänomen anschaulich. Beispielsweise wurden Probanden gebeten, nicht an einen weißen Bären zu denken (Wegner, 1989). Die Probanden testeten eine Reihe von vernünftigen Strategien, wie z. B.: an etwas anderes zu denken oder leise vor sich hin zu singen. Fast alle Teilnehmer berichteten von einem starken Anstieg der Häufigkeit, mit der sie an weiße Bären dachten. Diejenigen, die kurzfristig erfolgreich waren, entdeckten ein absurdes Phänomen: Sobald sie überprüften, ob ihre Strategie erfolgreich war (»Denke ich an einen weißen Bären?«), war der weiße Bär wieder in ihren Köpfen. Bewältigungsstrategien, die anfangs erfolgreich sind (z. B. »ich werde mich ablenken oder meditieren, bis ich ruhig werde«), werden in das Programm symbolischer Vermeidung eingebunden und führen dazu, dass Menschen mit den Dingen, denen sie sich zu entziehen versuchen, häufiger konfrontiert werden.

Forscher im Bereich der Relational Frame Theory haben in mehreren Studien Sprachprozesse untersucht, die dazu führen, dass sich Auslöser von Vermeidungsverhalten ausdehnen und verselbständigen. In einem Experiment (Hooper, Saunders & McHugh, 2010) hatten Probanden zunächst eine typische relationale Lernaufgabe mit der Gleichung A = B = C. In diesem Fall waren die Stimuli zwei bedeutungslose Wörter und ein richtiges Wort: »Boceem = Gedeer = Bear«. Anschließend wurden die Probanden darum gebeten, nicht an einen Bären (Bear) zu denken, während sie sich eine Serie von Stimuli ansahen, die einer nach dem anderen auf einem Bildschirm erschienen. Unter diesen Stimuli befanden sich die Wörter »Gedeer« und »Boceem«, weitere bedeutungslose Wörter und das Wort »Bear«. Wie Sie sich vorstellen können, ist es schwierig, nicht an einen Bären zu denken, wenn man das Wort »Bär« direkt vor Augen hat. Um es leichter zu machen, durften die Teilnehmer die Leertaste drücken, wenn sie einen Stimulus vom Bildschirm entfernen wollten. Folgerichtig drückten die Probanden die Leertaste jedes Mal, wenn das Wort »Bear« auf dem Bildschirm erschien. Sie entfernten aber ebenfalls das Wort »Gedeer«, das mit »Bear« in der Studie einer wechselseitigen Verbindung stand (Mutual Entailment). Außerdem entfernten sie das Wort »Boceem«, das durch eine implizite Bedingung (Combinatorial Entailment) einen Bezug zu »Bear« hatte. Sie entfernten kein anderes der bedeutungslosen Wörter, die alle nicht mit »Bear« in Verbindung standen. Stimuli, die ausschließlich durch Sprache mit dem Objekt in Verbindung stehen, das in Gedanken vermieden werden soll, werden ebenfalls zu Objekten der Vermeidung. Die Probanden vermieden nicht nur das Wort »Gedeer«, das direkt mit »Bear« in Beziehung stand (»Gedeer« ist wie »Bear«), sie vermieden ebenfalls »Boceem«, das nur durch eine abgeleitete Beziehung mit »Bear« verknüpft war (»Boceem« ist wie »Gedeer«). Auch wenn ein Stimulus in einer gegensätzlichen Beziehung zu »Bear« steht, neigen Probanden dazu, ihn zu vermeiden (Stewart et al., 2015). Wenn Menschen an etwas Schönes denken, um einen schmerzhaften Gedanken zu vermeiden, holt der Schmerz sie schnell ein. Sobald Sprache im Spiel ist, kann sich der Schmerz unbegrenzt ausbreiten. Es ist nicht möglich, Quellen von Leid in einem eingeschränkten Gebiet zu halten.

Sprache kann die Funktion jedes Ereignisses verändern. Jedes Ereignis kann aversiv werden, da jedes Ereignis symbolisch mit anderen Ereignissen verknüpft werden kann, die aversiv sind. Es ist unwahrscheinlich, dass neprijatelji ukrasti für Sie eine Bedeutung hat. Nehmen Sie aber an, dass eine Leserin dieses Buches sehr bemüht ist, eine bestimmte Erinnerung zu vermeiden: Sie hat in der Vergangenheit einen Freund bestohlen. Schon der geringste Hinweis darauf lässt unsere arme Leserin vor Scham fast im Boden versinken. Lassen Sie uns annehmen, die Leserin hat Spaß am Gitarre Spielen und Fahrradfahren, und sie liest den nächsten Absatz.

Liebe Leserin, bitte stellen Sie sich vor, Sie spielen auf ihrer Gitarre, während Sie Rad fahren. Dabei spielt eine Person namens Neprijatelji die Gitarre. Ach, übrigens bedeutet neprijatelji auf Kroatisch »Feinde«. Was ist das Gegenteil von »Feind«? Und übrigens lautet das kroatische Wort für »stehlen« ukrasti. Neprijatelji ukrasti.

Wir konstruieren hier ein Netzwerk mit der unmoralischen Absicht, dass es für unsere Leserin unmöglich wird, Rad zu fahren, ohne aus dem Nichts heraus ein unangenehmes Schamgefühl zu erleben. Der vorherige Absatz löst möglicherweise genau dies bei unserer armen Leserin aus. Sprache kann die Funktion eines jeden Ereignisses verändern. Durch Ableitung vermag Sprache veränderte Funktionen nahezu endlos und grenzenlos durch ein symbolisches Netzwerk zu verbreiten. Deshalb ist gezielte Erlebnisvermeidung so schwierig.

Wenn wir unsere Patientinnen fragen, ob ihre Versuche, unangenehme Erinnerungen zu vergessen oder keinen Schmerz zu empfinden, erfolgreich sind, antworten sie meistens mit Nein. Warum halten wir trotzdem alle so bereitwillig an dieser Strategie fest? Einmal mehr spielen Sprachprozesse bei diesem Paradox eine wichtige Rolle.

2.3 Regelgeleitetes Verhalten und Inflexibilität
2.3.1 Regelgeleitetes Verhalten kann zu mangelnder Kontextsensitivität führen

Bemerkenswert ist die folgende Kehrseite des symbolischen Lernens: wenn Menschen auf der Grundlage von Regeln lernen, untergräbt dies die lenkende Funktion der unmittelbaren Erfahrung (d. h. Lernen von Kontingenzen). Die Paradoxie liegt darin, dass die mangelnde Sensitivität gegenüber direkter Erfahrung nicht auf ungünstigen Eigenschaften des symbolischen Denkens beruht. Im Gegenteil, gerade weil die symbolischen Fertigkeiten einen so großen und raschen Nutzen haben, drängen sie andere Quellen des Lernens und menschlichen Verhaltens an den Rand.

Stellen Sie sich folgendes vor: Sie besuchen zum ersten Mal eine Stadt und möchten wissen, wo sich die besten Restaurants befinden. Sie schlagen in einem Reiseführer nach und essen in einigen der dort empfohlenen Restaurants. Jedes Mal verlassen Sie das Lokal sehr zufrieden. Das Essen ist hervorragend, der Service schnell und freundlich, und die Preise entsprechen genau Ihrem Budget. Wenn Sie das nächste Mal in der Stadt sind, freuen Sie sich schon darauf, Ihre Lieblingsrestaurants zu besuchen, wo Sie guten Service und hervorragendes Essen zu einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis bekommen. Jahr für Jahr besuchen Sie die gleichen Orte und sind stolz darauf, dass Sie die besten Lokale kennen.

Eines Tages erzählt Ihnen ein Freund, dass er vor kurzem in derselben Stadt war und dort in einigen großartigen Restaurants gegessen hat. Keines davon steht auf Ihrer Liste. Einige liegen in einem Teil der Stadt, den Sie nie besucht haben, weil Ihnen von einem Besuch abgeraten wurde. Ihr Freund dagegen hatte sich die Zeit genommen, unterschiedliche Stadtteile zu erkunden, verschiedene Gerichte auszuprobieren und einige Restaurants zu testen. Er wollte herausfinden, ob Essen, Service und Preis in einem guten Verhältnis stehen. Im Laufe der Zeit hatten sich einige Teile der Stadt entwickelt und auch die Restaurants dort wurden besser. Obwohl Sie selbst schnell und zweckmäßig herausgefunden hatten, wo die besten Restaurants waren, wurden Sie dadurch unempfindlich für die Veränderung der Stadt. Ihr Freund, der die Stadt selbst erkundete, fand Restaurants mit interessantem Essen und günstigeren Preisen an unerwarteten Stellen.

Menschen lernen einen großen Anteil an dem, was sie später umsetzen, durch Regeln. Regeln sind eine Erweiterung des grundlegenden relationalen Lernens. Zwei Ereignisse können unabhängig von ihren intrinsischen Merkmalen beliebig in Beziehung miteinander gesetzt werden. Dasselbe Prinzip macht es möglich, Regeln aufzustellen, die von den Konsequenzen, die sie beschreiben, unabhängig sind. Der Grund ist relativ einfach: Regeln entstehen durch eine Kombination symbolischer Beziehungen. Diese Kombinationen können arbiträr sein. Wir könnten beispielsweise behaupten, dass das Lesen dieses Buches Sie zu einem guten Therapeuten oder aber auch zu einem guten Koch machen wird, indem wir die Aussage »Lesen dieses Buches« in eine konditionale Beziehung (wenn… dann) setzen. Damit haben wir eine Regel aufgestellt, die die Konsequenz der Handlung genau beschreibt. Diese Konsequenz kann eine Auswirkung auf Ihre Entscheidung haben, das Buch weiterzulesen. Dabei kann es ausschlaggebend sein, ob die vorausgesagten Konsequenzen unplausibel, unerwünscht oder angsteinflößend sind. In jedem Fall ist die Regel verständlich und wird Ihr Verhalten beeinflussen.

Forscher im Bereich der Relational Frame Theory konnten experimentell zeigen, wie eine Kombination abgeleiteter Beziehungen zur Entwicklung von Regeln führt (O’Hora, Barnes-Holmes, Roche & Smeets, 2004). Wie in vielen Experimenten der RFT Forschung bestand der erste Schritt darin, ein völlig neues relationales Netzwerk herzustellen. So wird sichergestellt, dass die Probanden keinen vorherigen Kontakt mit den verwendeten Stimuli hatten. Die Probanden in diesem Experiment mussten lernen, was »vorher« und »nachher« bedeutet, als lernten sie es zum ersten Mal. Dabei wurden willkürlich gewählte Hinweisreize verwendet (z. B. !!! für »vor« und ## für »nach«). Außerdem mussten sie Äquivalenzklassen für Farbbezeichnungen (z. B. ()() = gelb, ^^ = rot) erlernen. Die Probanden sollten anschließend farbige Knöpfe in der richtigen Reihenfolge betätigen, nachdem sie bestimmte Hinweisreize wie »()() – ## – ^^« (d. h. gelb – nach – rot) erhalten hatten.

Netzwerke dieser Art ermöglichen, dass Regeln die Konsequenzen eines bestimmten Verhaltens festlegen, ohne dass die Person mit den tatsächlichen Auswirkungen in Kontakt tritt. Eine Regel wie: »Wenn Sie angespannt sind, atmen Sie langsam und Sie werden sich besser fühlen.«, beinhaltet beispielsweise ursächliche Beziehungen (wenn – dann) und auch Äquivalenzbeziehungen zwischen »sich besser fühlen« und Wahrnehmungen, die man mit einem entspannten Zustand in Verbindung bringt, usw. Diese Beziehungen sind vergleichbar mit künstlich hergestellten Beziehungen wie »()() – ## – ^^«.

Wenn Menschen mit Hilfe von Regeln lernen (wie im vorherigen Bespiel mit einem Reiseführer), lernen sie zwar schneller, zahlen dafür aber einen Preis. Regelgeleitetes Lernen wird der Situation häufig nicht so gerecht, wie Verhalten, das durch direkte Erfahrung und Rückmeldung geprägt ist. Der Schlüssel für die Steuerung des Verhaltens ist dann ein symbolisches Netzwerk, das auf einer gemeinsamen Sprache basiert. Regeln erzeugen Verhalten, das keine Sensitivität gegenüber Veränderungen hat, die von der Regel nicht antizipiert werden. Dies ist ein Grund, warum Menschen sehr lange in regelgeleitetem Verhalten verharren, das in der aktuellen Lebenssituation überhaupt nicht mehr hilfreich ist.

Experimentelle Forschung im Bereich von regelgeleitetem Verhalten bestätigte immer wieder diesen Effekt (siehe Hayes, 1989 für eine umfangreiche Zusammenfassung). In einer Studie hatten die Probanden die Aufgabe, einen roten oder einen blauen Knopf zu drücken, die abwechselnd aktiviert wurden, um Punkte mit einem bestimmten Geldwert zu sammeln (Hayes, Brownstein, Zettle, Rosenfarb & Korn, 1986). Wenn der rote Knopf aktiv war, erhielten die Probanden einen Punkt, wenn sie den Knopf durchschnittlich zehnmal gedrückt hatten. Beim blauen Knopf erhielten sie einen Punkt, nachdem sie einmal für etwa 10 Sekunden gedrückt hatten. Die Probanden waren in zwei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe erhielt die Information: Die beste Strategie ist, den roten Knopf schnell und den blauen Knopf langsam zu drücken. Die andere Gruppe musste eigenständig lernen. Wie Sie sich vorstellen können, entwickelten die Probanden, die den Tipp erhalten hatten, sehr viel schneller ein Verhaltensmuster, das Ihnen viele Punkte einbrachte, als die Probanden, die sich die beste Vorgehensweise selbst erarbeiten mussten.

Nachdem beide Gruppen das Verhaltensmuster verinnerlicht hatten, wurden heimlich die Bedingungen verändert. Jetzt wurde ein Punkt vergeben, nachdem der blaue Knopf im Durchschnitt 10 Mal gedrückt worden war. Der rote Knopf musste nur einmal und für etwa 10 Sekunden gedrückt werden, um einen Punkt zu erhalten. Die Probanden wurden über diese Veränderung nicht informiert. Sie konnten allerdings fortlaufend die Entwicklung ihres Punktestandes beobachten. Die Probanden, die in der ersten Phase ihr Verhaltensmuster durch direkte Erfahrung entwickelt hatten, passten sich an die neuen Umstände viel schneller an als jene, die in der ersten Phase zutreffende Instruktionen erhalten hatten. Die Regel half ihnen, schneller zu lernen, machte sie aber gleichzeitig weniger sensibel für Veränderungen in ihrer Umwelt. Die Möglichkeit einer Veränderung war in der ursprünglichen Information nicht vorgesehen.

In gewisser Weise ist das Problem sogar erwünscht. Unempfindlichkeit gegenüber Veränderung bietet einen Vorteil. Wenn wir laut rufen: »Lauf nicht auf die Straße!«, wollen wir nicht, dass Kinder die Relevanz dieser Anweisung erst durch Versuch und Irrtum testen. Ein einziges vorbeifahrendes Auto könnte ein Test zu viel sein. Aber Sprache und Kognition neigen dazu, sich auf Gebiete auszuweiten, in denen sie nutzlos oder sogar schädlich werden, wenn sie den Kontakt mit direkter Erfahrung verhindern. Dieses Phänomen ist nicht auf Anweisungen von außen beschränkt. Manchmal verursacht auch das Aufstellen eigener Regeln ausreichend psychologisches Unheil in Bereichen wie Einfühlungsvermögen, Kreativität, Spiel, Sex und Beziehungen. Wir können einerseits Probleme lösen, indem wir Vernunft und Problemlösestrategien anwenden. Gleichzeitig erschaffen wir durch die Dominanz von Sprache und Kognition neue Probleme.

Ein besseres Verständnis des dominanten Einflusses der Sprache kann zur Lösung dieses Problems durch die Steuerung des Kontexterlebens beitragen. Menschen können dann »die Sprache an die Leine« nehmen, dafür sorgen, dass sie hilfreich und flexibel ist, sie aber gleichzeitig begrenzen, wenn sie das nicht ist.

2.3.2 Verschiedene Arten von regelgeleitetem Verhalten können zu Inflexibilität führen

Bisher lag das Hauptaugenmerk auf Prozessen, die bedeutsam bei der Entwicklung von Regeln sind. Genauso wichtig sind jedoch die Prozesse, die zum Einhalten von Regeln führen. Wir werden uns in diesem Teil zunächst mit zwei dieser Prozesse befassen.

Betrachten Sie folgendes Beispiel: Eine Mutter sagt zu ihrem Kind: »Zieh deinen Mantel an – es ist kalt draußen.« Das Kind zieht den Mantel aber nur an, um Ärger mit der Mutter aus dem Weg zu gehen. In diesem Fall wird die Übereinstimmung zwischen dem in der Regel beschriebenen und dem tatsächlichen Verhalten von anderen beobachtet und belohnt. Dies nennt man Pliance (es handelt sich hier um einen Terminus technicus, der in ACT bewusst gewählt wurde, und an den Begriff »Compliance« (Regelkonformität) angelehnt ist). Pliance ist der Ausgangspunkt für regelgeleitetes Verhalten. Sie ist entscheidend für die moralische und soziale Entwicklung von Kindern. Beim Entdecken einer neuen und gefährlichen Welt ist die Übernahme von Erfahrungen der Eltern ein enormer Vorteil. Das Überleben hängt vom Funktionieren des regelgeleiteten Verhaltens ohne viel Ausprobieren und Erklären ab. Beispielsweise haben Eltern meist nicht genug Zeit ihren Kindern zu erklären, warum sie sich von zerbrochenem Glas fernhalten, nicht auf die Straße laufen oder vorsichtig gehen sollten, wenn der Fußboden feucht ist.

Ein großer Teil des regelgeleiteten Verhaltens, das zwischenmenschliche Interaktionen steuert, war wahrscheinlich ursprünglich Pliance. Kinder, die lernen »bitte« oder »danke« zu sagen, haben vermutlich keine Ahnung, warum sie das tun sollen. Der einzige Grund ist, dass die Eltern darauf bestehen. Möglicherweise halten die Eltern Dinge zurück, bis Kinder die »Zauberworte« benutzen. Später stellen Menschen fest, dass dieses Verhalten weitere Vorteile mit sich bringt, beispielweise soziale Beziehungen fördert. Ursprünglich gründet das Verhalten darauf, dass auf regelgeleitetes Verhalten positive soziale Konsequenzen folgen. Menschen lernen ganz einfach Regeln einzuhalten. Das systematische Nichtbefolgen einer Regel entspricht ebenfalls einer Form der Pliance, nämlich »Counterpliance«. Sie wird ebenfalls durch soziale Konsequenzen auf die Regelbefolgung bestimmt. Dabei ist die Beziehung zwischen Handlung – Regel umgekehrt (z. B. »Ich werde diese Regel nicht befolgen, weil Menschen in meiner Kultur nicht gerne Regeln einhalten.«). Anders ausgedrückt brauchen sowohl Regelkonformität als auch Rebellion eine Dominanz von sozialen Verstärkern für regelgeleitetes Verhalten.

Menschen halten aber auch Regeln ein, weil sie mit den Konsequenzen des in der Regel spezifizierten Verhaltens in Kontakt kommen. Ein Beispiel ist ein Junge, dem seine Mutter sagt: »Zieh deinen Mantel an – es ist kalt draußen«. Er macht anschließend die Erfahrung, dass dieses Verhalten tatsächlich vor unangenehmen Temperaturen schützt. Die Befolgung einer Regel aufgrund der Erfahrung von Verstärkung im Kontakt mit Konsequenzen, die durch eine Regel bestimmt wurden, nennt man Tracking7 . Es handelt sich ebenfalls um einen ACT Terminus technicus. Es handelt sich um einen metaphorischen Ausdruck, der beschreibt, dass man mit einer Regel einem symbolischen Pfad (Track) folgt, ähnlich wie man es mithilfe einer Landkarte tut. Die Konsequenzen sind beim Tracking auch vorhanden, wenn sie nicht in einer Regel gefasst waren. Das Tragen eines Mantels, wenn es kalt ist, verhindert das Frieren, egal ob dieser Hinweis gegeben wurde oder die Mutter weiß, dass er befolgt wurde. Bei Pliance ist das anders – hier gibt es die Belohnung nur, »wenn man tut, was gesagt wurde«. Hierzu ist erforderlich, dass jemand weiß, was gesagt wurde, und wie man sich verhalten hat. Beachten Sie, dass der Unterschied zwischen Tracking und Pliance nicht einfach auf der sozialen Verstärkung beruht. Wenn eine Therapeutin ihrer Patientin erklärt, wie sie sich erfolgreich mit einem Mann oder einer Frau verabredet, und die Regeln sind hilfreich, dann folgt sie diesen Regeln und macht günstige zwischenmenschliche Erfahrungen. Die Menschen, mit denen sie sich getroffen hat, werden sich aber nicht deshalb wieder mit ihr verabreden wollen, weil sie die Regeln eingehalten hat, sondern weil sie sich zwischenmenschlich geschickt verhalten hat. Dabei ist es egal, wie dies zustande kam. Tracking kann also einen interpersonellen Aspekt haben. Im Gegensatz dazu braucht Pliance immer zwischenmenschlichen Kontakt. Hier erfolgt die Verstärkung auf der Grundlage der Verbindung zwischen Regel und Verhalten. Nur Menschen können diesen Zusammenhang erkennen.

Pliance und Tracking haben Vor- und Nachteile. Beide helfen, schnell zu lernen, ohne zuerst die Konsequenzen des Verhaltens tatsächlich erfahren zu müssen. Wenn allerdings soziale Konsequenzen zu Regelbefolgung per se hinzugefügt werden, wie es bei Pliance der Fall ist, führt dies zu verminderter Sensitivität gegenüber natürlichen Konsequenzen. Ein Junge kann beispielsweise seinen Mantel gehorsam anziehen, obwohl es zu warm ist, weil die Mutter ihn mit den Worten: »Guter Junge!« lobt. Der Versuch, gut dazustehen, sich anzupassen oder recht zu haben, hebelt dann den ursprünglichen Sinn von Regeln – nämlich effektiver zu sein – aus. Ein derartiges Handeln nach sozialer Erwünschtheit kann zu den klassischen psychologischen Problemen führen, die auf »sollte«, oder »muss« Regeln basieren. Dies wurde bereits von den Pionieren der Kognitiven Verhaltenstherapie (CBT), wie Albert Ellis, sehr deutlich dargestellt.

Regeln können zunächst im Rahmen von Tracking befolgt werden, dann aber in Pliance übergehen. Stellen Sie sich vor, Sie haben sich entschieden, einige Restaurants auf eigene Faust auszuprobieren, anstatt zuerst Kritiken zu lesen. Das dauert eine Weile, aber irgendwann haben Sie mit dieser Methode die besten Lokale entdeckt. Dann sagen Sie sich etwas wie: »Hier gefällt es mir, ich muss unbedingt nochmal herkommen!«. Sie geben diese Regel mit Stolz über Ihre eigene Urteilsfähigkeit möglicherweise an andere weiter. Ursprünglich wird die Regel durch das Essen von guten und günstigen Speisen aufrechterhalten (Tracking). Das Befolgen der Regel wird aber irgendwann nicht mehr durch qualitativ gutes Essen aufrechterhalten, sondern durch das Rechthaben desjenigen, der die Regel erstellt hat, und das sind… Sie! Wenn das geschieht, kann sich die Qualität des Essens verschlechtern und Sie werden trotzdem fortfahren, Ihrer Regel zu folgen und sie an andere weiterzugeben. Dieser sinnwidrige Effekt verstärkt sich wahrscheinlich noch weiter, wenn Sie Ihre Ansichten mit anderen teilen. Denn obwohl Sie selbst diese Regeln aufgestellt haben, können Beobachter die Übereinstimmung zwischen Regeln und Verhalten überprüfen und bestätigen. Rechthaben kann in der Tat dazu führen, dass man Restaurants aufsucht, weil man sie irgendwann als gut bezeichnet hat, nicht, weil sie es noch sind. Nach jedem Essen denkt man, unabhängig von tatsächlicher Qualität und Preis: »Dies ist wirklich das beste Lokal in der Stadt, ich hatte Recht damit, dass ich wieder hergekommen bin!«. Dann ist Tracking zu Pliance geworden.

Dies kann sehr leicht im Rahmen einer Therapie geschehen. Stellen Sie sich folgende Situation vor: Ein Patient leidet an einer Depression und beginnt, folgende Regel zu tracken: »Wenn ich mir sinnvolle Aktivitäten vornehme und sie auch dann durchführe, wenn ich eigentlich gar keine Lust habe, wird mein Leben zufriedenstellender werden.« Der Therapeut unterstützt diesen Ansatz auf eine ungeschickte Weise oder zu einem unpassenden Zeitpunkt. Dies ermuntert den Patienten dazu, der Regel zu folgen, um dem Therapeuten zu gefallen. Seine Lebenszufriedenheit bleibt aber unverändert. So kommt es zu einer Verzögerung der Entwicklung einer gesunden Eigenverantwortung. Später in diesem Buch zeigen wir, wie Therapeutinnen soziale Unterstützung ohne dieses Risiko geben können.

Pliance kann aber auch zu Tracking werden. Stellen Sie sich folgendes Beispiel vor: Sie kommen das erste Mal in eine Stadt. Sie besuchen eine Freundin, die bereits eigene Erfahrungen mit den dortigen Restaurants hat. Bei Ihrer Ankunft schlägt sie vor: »Lass uns in dieses Restaurant gehen. Ich glaube, es wird dir gefallen!« Sie denken, es ist höflich, dem Vorschlag einer aufmerksamen Gastgeberin zu folgen, und gehen mit. In diesem Fall ist das Befolgen der Regel der Freundin Pliance, nicht Tracking. Stellen Sie sich weiter vor: Sie genießen das Essen und denken »Mir gefällt dieses Restaurant wirklich. Sie weiß tatsächlich genau, was ich mag«. Bei Ihrem nächsten Besuch in der Stadt werden Sie dem Vorschlag Ihrer Freundin folgen, weil Sie gutes Essen mögen, und nicht nur, weil es sich so gehört.

Die Veränderung vom Sich-Anpassen, Einen-guten-Eindruck-machen, Recht-haben-wollen hin zu Tun-was-funktioniert ist bedeutsam. Die Verlagerung von Pliance zu Tracking ist der Schlüssel dafür, die durch regelgeleitetes Verhalten ausgelöste fehlende Sensitivität gegenüber der Umwelt zu verringern. Bei Pliance ist ein Mangel an Sensitivität gegenüber der Umwelt wahrscheinlicher. Es geht hier um soziale Unterstützung für Regelkonformität – unabhängig von den natürlichen Konsequenzen eines Verhaltens.

Stellen Sie sich folgendes Beispiel vor: Ein Patient denkt: »Ich muss verbergen, dass ich angespannt bin, damit man mir mit Respekt begegnet.« Bei einem öffentlichen Vortrag wird ihm eine Frage gestellt. Er reagiert mit Rechtfertigungen oder sogar aggressiv, um dadurch seine Anspannung zu überspielen. Diese Strategie bringt ihm vermutlich nicht viel Respekt vom Publikum ein. Nehmen wir an: Das Verhalten beruht auf Pliance. Der Patient hat die soziale Regel erlernt, belastende Gefühle nicht nach außen zu tragen. Unter diesen Umständen wird das Verhalten nicht sensitiv auf den Zusammenhang zwischen erwarteter und tatsächlicher Konsequenz sein. Die Person wird nicht überprüfen, ob das Verhalten wirklich funktioniert.

Mangelnde Sensitivität, die auf Pliance basiert, kommt viel häufiger vor, wenn die Regel keine Konsequenz benennt. Tracking hingegen basiert auf spezifischen Konsequenzen, nicht nur auf der Befolgung von Regeln. Hierzu gibt es aber Ausnahmen. Tracking beinhaltet manchmal implizite Konsequenzen. Hierzu folgendes Beispiel: Ein Kellner sieht Sie etwas verloren in der Nähe der Küchentür umherirren und sagt: »Am Ende des Ganges links«. Das bedeutet dann, dass Sie die Toilette dort finden. Im Allgemeinen fördert ein Mangel an definierten Konsequenzen jedoch Pliance. Hierzu folgendes Beispiel: Eine Mutter sagt zu ihrem weinenden Kind, »Beruhig dich doch!«. Sie legt dabei nicht fest, was das Sich-Beruhigen für das Kind in der Konsequenz bedeutet. Dann ist ausschließlich die Bitte der Mutter der Schlüssel für die Entscheidung des Kindes, wie es sich weiter verhalten soll. Möglicherweise versucht das Kind dann, seine Gefühle unter Kontrolle zu bringen, um seiner Mutter einen Gefallen zu tun, oder um Kritik zu vermeiden. Das geschieht auch dann, wenn das Weinen selbst keine problematischen Konsequenzen mit sich bringt.8

Tracking kann ebenfalls mangelnde Sensitivität gegenüber der Umwelt erzeugen, aber das geschieht auf eine andere Art und Weise. So kann eine Regel kurzfristig zutreffend sein, aber nicht langfristig gelten. Dies geschieht beispielsweise, wenn ein Patient eine angsterregende Situation meidet, um sich dadurch besser zu fühlen. »Sich-Besser-Fühlen« tritt oft auch dann ein, wenn die Vermeidung das Problem letztendlich größer macht. Kurzfristige Konsequenzen haben einen größeren Einfluss als langfristige Konsequenzen. Deshalb reicht dieser kleine Erfolg aus, um die Regel zu bestätigen und die Vermeidungsstrategie aufrechtzuerhalten.

Es gibt noch einen weiteren Mechanismus. Tracking kann zu mangelnder Sensitivität gegenüber der Umwelt führen, wenn es zu spezifischen Konsequenzen führt, die Konsequenzen aber mit einer geringeren Häufigkeit eintreten als bei anderen Strategien. Betrachten Sie folgendes Beispiel: Jemand geht davon aus, dass es der beste Weg zu einer intimen Beziehung ist, schnell sehr persönliche und auch schwierige Informationen offenzulegen. Im Durchschnitt ist das eine ungünstige Strategie. Einige Menschen jedoch reagieren darauf, indem sie aufmerksamer und fürsorglicher sind. Das führt dann dazu, dass die Person die Regel weiter anwendet.

2.4 Schwierigkeiten, die durch Sinnstiftung und Kohärenz entstehen

Symbolische Beziehungen müssen sich sinnvoll in kohärente Netzwerke einfügen. Nur dann ist Sprache hilfreich. Kohärente Netzwerke sind ein Geflecht von Superautobahnen, durch das man genau, zuverlässig und schnell Bedeutung in einem riesigen System symbolischer Verbindungen erkennen kann. Doppeldeutigkeiten oder Unstimmigkeiten in einem relationalen Netzwerk entsprechen gesperrten Straßen. Sie zwingen dazu, die Geschwindigkeit zu reduzieren, die Situation zu durchleuchten und neue Wege zu erschließen. So reduzieren Menschen Komplexität und lösen komplexe Probleme schnell durch Sprache.

Denken Sie an folgende Frage: Wie kann man bei einer Multiple-Choice Prüfung hohe Punktzahlen erreichen, auch wenn man mit dem Thema nicht besonders gut vertraut ist? Jemand, der sich mit dieser Art von Prüfung auskennt, erkennt stimmige und nicht stimmige Beziehungen innerhalb des Textes. So kann er unplausible Antworten aussortieren. Die verbleibenden Inhalte liefern häufig hilfreiche Informationen. Ist die Antwort für Frage 10 entweder »a« oder »b«, und nimmt er an, dass »b« die richtige Antwort ist, dann kann evtl. »c« die richtige Antwort zu Frage 30 sein; wenn »a« bei Nr. 10 richtig ist, dann kann »c« bei Nr. 30 nicht richtig sein. Der Prüfungsteilnehmer wird den Test immer wieder durchgehen, bis seine Antworten eine in sich stimmige Struktur haben. In 9 von 10 Fällen verbessert ein derartiges Vorgehen die Ergebnisse von Testteilnehmern. Und zwar auch dann, wenn sie eigentlich wenig über den Prüfungsgegenstand wissen. Entscheidend ist, Kohärenz und Inkohärenz zu erkennen.

Das Erkennen von Kohärenz und Inkohärenz ist eine eindrucksvolle Fertigkeit – sie verringert die Anzahl der Konzepte, die Menschen im Kopf behalten müssen, und hilft dabei, schnell zu reagieren, auch wenn das verfügbare Wissen begrenzt ist. Menschen wenden ihre zentralen Netzwerke bei doppeldeutigen oder komplexen Situationen an. Dies macht es möglich, Situationen Bedeutung zu geben und sie vorhersehbar zu machen (siehe Quinones & Hayes, 2014 für eine Demonstration dieses Prozesses unter Anwendung der Relational Frame Theory). Menschen neigen dazu, weiter so zu denken, wie sie es gewohnt sind; Ereignisse so zu interpretieren, wie sie es vorher schon getan haben. Das ist ähnlich wie bei jedem anderen Verhalten. Das Besondere bei relationalem Verhalten ist die Breite der Auswirkungen. Eine zentrale Überzeugung wie »Man sollte Menschen nicht vertrauen« kann auf fast jede interpersonelle Situation und auf die eigene Person angewandt werden. Genau deshalb verhalten sich kognitive Schemata so heimtückisch. Wenn Kohärenz per se der einzige Wegweiser für Verhalten ist, bleibt man gefangen in seinen zentralen Ideen, Überzeugungen und Konzepten (d. h. den zentralen relationalen Netzwerken).

Die Anwendung zentraler Netzwerke auf ein breites Spektrum von Situationen führt in drei Bereichen zu besonderen Schwierigkeiten: 1) einige symbolische Netzwerke generieren sich selbst bestätigendes Verhalten; 2) die meisten Arten von Verhalten brauchen Kontakt mit Kontingenzen, um erlernt zu werden und 3) eine Bestätigung der Kohärenz muss nicht unbedingt in Effizienz münden.

Betrachten Sie zur Verdeutlichung folgende Beispiele. Punkt 1: Eine Patientin hat die Regel »Man sollte Menschen nicht trauen« aus ihrer Erfahrung abgeleitet oder sie wurde ihr vermittelt. Sie fängt an, sich selbst zu schützen, indem sie Mitmenschen auf Abstand hält, ihnen nicht viel von sich erzählt oder sie anlügt. Dieses Verhalten führt zu Gegenreaktionen der anderen (Konflikte, Abbruch des Kontakts, Anschuldigungen usw.). So beweist dieses Verhalten vermeintlich die Annahme »Man sollte Menschen nicht trauen«.

Punkt 2: Ein Mensch ist mit einer Situation konfrontiert, auf die symbolische Problemlösung nicht angewandt werden kann. Viele Fertigkeiten müssen anhand von Erfahrung erlernt werden. Gleichzeitig gibt es viele Momente im Leben, die nichts mit dem Lösen von Problemen im ursprünglichen Sinne des Begriffs zu tun haben. Betrachten Sie folgendes Beispiel: Sie betrachten einen wunderschönen Sonnenuntergang. Das Genießen eines Sonnenuntergangs ist keine Situation, in der ein Problem gelöst werden muss. Wenn Sie sagen würden: »Lieber Gott, das ist ein hübscher Sonnenuntergang, aber vielleicht fehlt da drüben noch ein bisschen Blau«, dann ist das keine Reaktion, die das Gefühl der Ehrfurcht in diesem Moment fördert. Überzogenes oder fehlerhaft angewandtes Problemlöseverhalten kann es erschweren, ein gut eingeübtes Klavierstück zu spielen oder einen Tennisball zu treffen. Es kann innere Ausgeglichenheit zerstören oder die Fähigkeit verschütten, Liebe, Wertschätzung, Freude und Glück zu empfinden.

Punkt 3: Ein Patient beharrt auf Verhaltensmustern, obwohl ihm die Erfahrung sagt, dass sie nicht funktionieren. Die Begründung ist, dass sie funktionieren sollten, bei anderen funktionieren, früher funktioniert haben oder es nicht fair ist, dass sie nicht funktionieren. Ein großer Teil der Psychopathologie hängt mit diesem Phänomen zusammen.

Eine alte, aber nach wie vor interessante Weise, sich mit diesem Aspekt psychologischer Probleme auseinanderzusetzen, ist die Idee, dass selbstzerstörerisches Verhalten zu einem Selbstläufer werden kann. Mowrer (1948, 1950) nannte es das »neurotisches Paradoxon«. Aus der Sicht der Relational Frame Theory persistieren psychologische Probleme, wenn Regeln Erfahrungen ausstechen. Ein Beispiel: Sie folgen der Regel »Ich muss diesen Abschnitt meines Lebens vergessen, um glücklich sein zu können«, obwohl es unmöglich ist, diese Regel umzusetzen. Wenn Sie diese Regel umsetzen wollen, kollidieren zwei Prozesse: Der 520 Millionen Jahre alte Prozess des Lernens anhand von Kontingenzen und der 100.000 bis 2 Millionen Jahre alte Prozess des Lernens mit Hilfe von Symbolen. Vereinfacht ausgedrückt beherrscht der menschliche Verstand manchmal das Verhalten auf eine ungesunde Art. Dies beruht auf schlechten Angewohnheiten. Dabei ist mit dem Wort »Verstand« allerdings nur die Sammlung des relationalen Verhaltens gemeint.

Kurzfristig erfolgreiche Strategien im Umgang mit schwierigen Gedanken, Emotionen oder Wahrnehmungen erscheinen als die beste Herangehensweise: Fernsehen als Ablenkung von traumatischen Erinnerungen hilft eine Zeit lang. Exzessives Händewaschen lindert zeitweise die Angst vor Ansteckung. Die Verlagerung der Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Körperteil, um den Schmerz an einer anderen Stelle nicht zu fühlen, verringert Leid für ein paar Minuten. Diese kurzfristigen Erfolge können stark genug sein, um zusammen die »ewige Liste der besten Strategien zum Vermeiden von Schmerzen« zu ergeben. Diese Präferenz wiederum beeinflusst dann zukünftiges Verhalten ähnlich, wie es die Bewertungen in Reiseführern bei der Auswahl von Restaurants tun. Sprache verschleiert die langfristigen negativen Auswirkungen dieser Strategien. Die tatsächlichen Folgen dieser Verhaltensweisen haben daher nur einen geringen Einfluss auf das aktuelle Verhalten. Das ist der Grund, warum keine neuen Erfahrungen gesammelt werden, und das Vermeidungsverhalten bestehen bleibt, obwohl es langfristig von Nachteil ist.

Die Relational Frame Theory gibt hier einen wichtigen Hinweis: Es ist für die Therapeutin hilfreich, ein Bewusstsein für jene Prozesse zu entwickeln, die dazu beitragen, dass hilfreiche Kontingenzen ausgeblendet werden. Sie braucht Aufmerksamkeit dafür, die Kontextbedingungen zu erkennen, die diese Prozesse fördern oder abschwächen. Eine Therapeutin, die den Ursprung einer unangemessenen Problemlösung bei ihrem Patienten in einer zu weiten Anwendung einfacher symbolischer Prozesse sieht, findet leichter heraus, wie sie hier eine Distanzierung erreichen kann. Sie erkennt dann möglicherweise, dass ihr eigenes Bestreben, das Problem mit der Problemlösung bei ihrem Patienten zu lösen, ebenfalls eine zu breite Anwendung von Problemlösestrategien darstellt. Das motiviert sie dazu, andere nützliche Strategien in der Behandlung einzusetzen, auf die wir später in diesem Buch eingehen.

2.5 Probleme mit Motivation
2.5.1 Sprache bringt entfernte und abstrakte Konsequenzen in die Gegenwart

Ein großer Anteil menschlichen Verhaltens ist symbolisch motiviert – dies ist entscheidend für den praktischen Nutzen von Sprache. Menschen können sich wunderbare Welten vorstellen – einschließlich solcher, die nie existiert haben. Mit Sprache kann man die Übereinstimmung des eigenen Verhaltens mit einer angenehmen Vision und dem tatsächlichen Fortschritt beim Erreichen von Ergebnissen verfolgen. Stimuli, die zuverlässig die Fortschritte auf dem Weg zu einem wichtigen Ziel anzeigen, motivieren im direkten Kontingenzlernen das Verhalten. Menschen können dies mithilfe von Sprache bewerkstelligen, die in jedem Moment Bedeutung und Zielorientierung bereitstellt.

Menschen, die eine bessere Welt erreichen oder ein besseres Leben erschaffen wollten, haben eine große Zahl von heldenhaften Dingen getan. Kämpfer für soziale Gerechtigkeit stellen sich vor, benachteiligten Menschen zu besseren Lebensbedingungen zu verhelfen. Sie engagieren sich über Jahre und Jahrzehnte und unternehmen Schritte, die wenig positive Konsequenzen haben, außer, Übereinstimmung mit der Vision zu haben (und vielleicht kleine Zeichen von Fortschritt, wie beispielsweise das Engagement anderer für dasselbe Ziel). Es ist dabei nicht so, dass Konsequenzen keinen Einfluss auf den Kampf für soziale Gerechtigkeit haben – es ist vielmehr so, dass die Konsequenzen symbolisch verankert sind.

Ein wichtiger Bereich, in dem dieser Prozess von zentraler Bedeutung ist, ist die Selbststeuerung. Wenn kurzfristig wirksame Konsequenzen einen stärkeren Einfluss ausüben als langfristig wirksame Konsequenzen, dann ist eine Möglichkeit, Verhalten zu verändern, das Entfernen kurzfristig wirksamer Konsequenzen. Dies tun Verhaltenstherapeuten, wenn sie Zugriff auf die unmittelbare Umwelt des Patienten haben. Wenn Therapeuten in einem Krankenhaus feststellen, dass ihre Zuwendung kurzfristig das selbstverletzende Verhalten eines Patienten verstärkt, können sie ihre Aufmerksamkeit auf angemesseneres Verhalten lenken (z. B. wenn der Patient um Hilfe bittet). Es ist allerdings oft schwierig oder auch unmöglich, Konsequenzen zu entfernen, die sofort greifen. Beispielsweise ist die Reduktion von Entzugssymptomen eine intrinsisch verstärkende Qualität des Substanzmissbrauchs. Es ist dann unmöglich, das Verhalten und seine Auswirkungen voneinander zu trennen.

Sprache unterstützt Menschen dabei, Verhalten auf langfristige Konsequenzen auszurichten. Tatsächlich ist ein Großteil des Alltagsverhaltens durch Denken und Sprache symbolisch mit langfristigen Konsequenzen verbunden. Wenn morgens der Wecker klingelt, können Menschen durch Sprache mit wichtigen Konsequenzen in Kontakt treten. Möglicherweise denken sie: »Ich kann es kaum erwarten, meine Freunde zum Frühstück in der Stadt zu treffen«. Dabei stellt sich in der Vorstellung der Geruch des Kaffees, der Geschmack der frischen Croissants oder Freude auf den Gesichtern der Freunde ein. Diese Vorstellung (die Transformation von Funktionen aufgrund der Herstellung von Bezugsrahmen) steigert die Motivation aufzustehen.

Als nächstes folgt ein Beispiel für einen weiteren wichtigen symbolischen Prozess, der von der Relational Frame Theory identifiziert wurde: Augmenting.9

Augmenting etabliert neue Konsequenzen (gestaltendes Augmenting) oder verändert das Interesse an bestehenden Konsequenzen (motivierendes Augmenting). Augmenting funktioniert unter anderem, indem es mit Hilfe der Sprache weit entfernte Konsequenzen in die Gegenwart holt.

Ein kurzer Ausflug in die Forschung zur Relational Frame Theory hilft dabei zu verstehen, was genau gemeint ist. Ju und Hayes haben im Jahre 2008 ein Experiment vorgestellt, das zeigt, wie Motivation durch relationales Lernen aufgebaut werden kann. Zunächst lernen die Probanden, dass ein angenehmes Bild auf dem Bildschirm erscheint, wenn sie die Leertaste drücken, sobald ein grünes Licht auf dem Bildschirm zu sehen ist. Anders ausgedrückt lernen sie, dass ein spezifischer Hinweisreiz die Verfügbarkeit eines bestimmten Verstärkers anzeigt. Etwas Ähnliches passiert, wenn Sie in ein Restaurant gehen und sich die Speisekarte anschauen. Wenn Ihr Lieblingsgericht auf der Speisekarte steht, wissen Sie, dass Sie es bestellen können. Wenn es nicht auf der Speisekarte steht, geht das wahrscheinlich nicht.

Anschließend wird ein relationales Netzwerk (A = B = C) erstellt, um eine Äquivalenzbeziehung zwischen einem angenehmen Bild und zwei neuen Stimuli herzustellen, die vor dem Experiment keinerlei besondere Bedeutung hatten. Zum Beispiel wird eine Äquivalenzbeziehung zwischen dem Bild einer wunderschönen Landschaft, dem Symbol ◊ und den Buchstaben VUG hergestellt. Etwas Ähnliches passiert, wenn ein Kind, das Chips mag, lernt, dass sein Lieblingsessen mit dem Klang »Chips« in Verbindung steht, und dass es C-h-i-p-s geschrieben wird. Das tatsächliche Essen wird symbolisch äquivalent zu den anderen zwei Stimuli, obwohl deren Erscheinungsbild nicht besonders ähnlich ist. Im letzten Teil des Experiments lassen die Forscher das grüne Licht entweder alleine aufleuchten oder in Gegenwart der symbolischen Stimuli, die mit dem angenehmen Bild in Zusammenhang stehen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Probanden sich eher dafür entscheiden, das Bild zu sehen, wenn das grüne Licht zusammen mit einem symbolischen Stimulus auf dem Bildschirm erscheint als dann, wenn es alleine zu sehen ist. Dies spricht dafür, dass das Vorhandensein des Verstärkers alleine nicht so motivierend ist, wie die Kombination mit weiteren symbolischen Stimuli. Stellen Sie sich vor, Sie sind mit einem Freund in einem Restaurant. Während Sie sich fragen, was Sie bestellen sollen, sagt Ihr Freund: »Oh, die Lasagne, die ist hier besonders lecker!«. Dieser Ausruf würde die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Lasagne bestellen, erhöhen – und dieser Effekt würde auf Augmenting beruhen.

Augmenting erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen handeln, um eine bestimmte Konsequenz zu erreichen. Der entscheidende Punkt an diesem Prozess ist, dass er ermöglicht, dass man durch sehr weit entfernte Konsequenzen beeinflusst wird. Jean-Louis Etienne, ein bekannter französischer Wissenschaftler und Forscher, duschte einst jeden Morgen kalt, um sich auf eine Expedition an den Nordpol vorzubereiten. Das war sicherlich keine angenehme Erfahrung. Der Gedanke, dadurch auf die Kälte vorbereitet zu sein, die ihn einige Monate später erwartete, gab ihm ausreichend Motivation, sich mit dieser unangenehmen Erfahrung auseinanderzusetzen. Augmenting bringt in der Zukunft liegende Konsequenzen in die Gegenwart. Das macht Sprache zu einem starken Verbündeten. Sie hilft dabei, Verhalten auf vorteilhafte Konsequenzen auszurichten, mit denen man sonst nicht in Kontakt kommen würde. Sie erlaubt sogar Kontakt mit Konsequenzen, die man niemals direkt erlebt. Wenn Eltern Geld sparen, das an ihre Kinder nach ihrem Tod vererbt wird, dann wissen sie, dass sie niemals die Konsequenzen ihres Verhaltens sehen werden. Der Gedanke: »Mit diesem Geld werden unsere Kinder ein sicheres Leben haben«, verleiht ihnen die Kraft, sich so zu verhalten. Gedanken wie: »Ich muss meine Angst loswerden um glücklich zu sein«, oder »Ich sollte Menschen nicht trauen, damit sie mich nicht verletzen können« kann Verhalten auf eine ähnliche Weise beeinflussen. In den meisten Abschiedsbriefen bei Suiziden wird davon gesprochen, dass der Tod den Schmerz auslöscht (z. B. »Ich werde nicht mehr leiden, wenn ich mich töte«). Dies trifft im wahrsten Sinne zu, aber es kostet das Leben. Niemand, der lebt, weiß, wie es ist zu sterben. Trotzdem verändern die symbolischen Beziehungen, die in dieser Aussage stecken, die Funktion des Sterbens, sodass es nun wünschenswerte Konsequenzen hat. Der Schmerz, der damit verbunden ist, sich selbst zu verletzen, wird durch die Hoffnung überlagert, Erlösung von Leiden zu erreichen. Selbst wenn Menschen glauben, Sprache zu ihrem Vorteil zu nutzen, sind die damit verbundenen Fallen nicht fern. Die einzige Möglichkeit, diese Fallen zu vermeiden ist, auf die unmittelbare Erfahrung zu achten und Sprache so einzusetzen, dass sie zu nachhaltiger Zufriedenheit führt.

2.5.2 Motivation, die auf Sprache beruht, kann zu Adaptive Peaks10 führen

Augmenting ist der Schlüssel zu der menschlichen Fähigkeit, Werte zu erkennen und fortzuentwickeln, Probleme zu lösen, sich um die Zukunft Gedanken zu machen oder andere zu beschützen. Es kann allerdings auch zu einem problematischen Mangel an Sensitivität gegenüber der Umwelt führen. In der Evolutionsforschung gibt es ein Konzept, das dieses Phänomen erklärt. Ein Adaptive Peak ist das vorteilhafte Ergebnis eines Anpassungsprozesses. Er bietet aber keine Grundlage für eine künftige vorteilhafte Entwicklung. Im Bereich des Verhaltens kann beispielsweise ein Adaptive Peak dann entstehen, wenn Menschen nach kurzfristigem Nutzen streben und dabei langfristige Nachteile eingehen. Eine bestimmte kurzfristige Strategie ist in einem chaotischen Lebensumfeld, in dem Konsequenzen schwer vorherzusehen sind, möglicherweise erfolgreich, und zwar auch dann, wenn das aus der Strategie abgeleitete Verhalten anderen impulsiv oder unlogisch erscheint. Das Verhalten von Kindern in Familien, in denen sie missbraucht werden, ist ein Beispiel dafür. Sie reduzieren Verwundbarkeit durch Impulsivität. Das Problem entsteht, wenn die Umwelt sich verändert. Zum Beispiel dann, wenn das Kind erwachsen wird und prinzipiell in der Lage ist, seine Umwelt in seinem Sinne zu beeinflussen, gleichzeitig aber die früher adaptiven impulsiven Verhaltensmuster erhalten bleiben. Um voranzukommen, muss die Patientin nun neue Strategien erlernen, deren Nutzen sich aber häufig erst langfristig zeigt. Diese Form des Lernens ist schwierig: Sie setzt voraus, dass man den Adaptive Peak verlässt, und sich (der Metapher folgend) auf die Suche nach einem neuen Berg macht, den man besteigen kann.

Augmenting kann diese Situation auf einer symbolischen Ebene entstehen lassen. Ein Mensch, der entschlossen ist, sich niemals mehr von anderen verletzen zu lassen, sich niemals unsicher zu fühlen, niemals Unrecht zu haben oder niemals einsam zu sein, kann, motiviert durch diese sprachlich formulierten Ziele, Handlungsmuster entwickeln, die einem Adaptive Peak entsprechen. Nehmen Sie an, der Konsum von Drogen nimmt einem Patienten das Gefühl der Unsicherheit, der sich symbolisch dazu entschieden hat, dieses Gefühl zu meiden. Dieses Verhalten »funktioniert«: Der Konsum führt dazu, dass er sich weniger unsicher fühlt. Aber es führt zu einem Adaptive Peak, der die Person einschränkt und isoliert. Symbolisch hergestellte Ziel-Mittel Beziehungen sind für dieses Problem besonders anfällig. Dies gilt besonders dann, wenn das resultierende Verhalten nicht an relevante Konsequenzen angepasst ist, also empirisch falsch ist. Eine junge Frau erbricht, um besonders schlank zu sein, weil dieser Zustand vermeintlich zu Anerkennung führt; ein Workaholic arbeitet ununterbrochen, weil finanzieller Erfolg vermeintlich zu Glück führt. Wenn diese Patienten ihre Ziele nicht erreichen, intensivieren sie ihre Anstrengungen. Die symbolische Ebene beeinflusst die Sensitivität für Konsequenzen, indem Sprache Konsequenzen entweder als bedeutsam verankert oder die Wirksamkeit bestehender Konsequenzen verringert oder vergrößert.

Der Prozess des Augmenting, der zu einem Adaptive Peak führt, zeigt, dass nicht alle psychologische Probleme mit Vermeidung zu tun haben. Viele Beispiele von wirkungslosem Verhalten sind Versuche, sich belohnenden Konsequenzen zu nähern. Die Patienten sitzen am Ende fest, weit weg von möglicherweise bedeutsameren Zielen. Recht haben wollen, Substanzen zur Leistungssteigerung konsumieren, intensive Wahrnehmungen haben oder alles unter Kontrolle haben wollen, sind Beispiele dafür, wo positive Verstärkung nur eingeschränkt zur Verfügung steht oder man einen hohen Preis dafür zahlt.

2.6 Sprache – Bedeutung in der Psychotherapie
2.6.1 Symbolische Beziehungen sind zentral für alle menschlichen mentalen Konzepte

Psychologie und Psychotherapie beinhalten viele Ideen über Mechanismen und Funktionen der menschlichen Psyche: Bewusstsein, Bedeutung, Sinn, Emotionen, Verstehen, Empathie oder Self-Compassion11 . Aus der Perspektive der Relational Frame Theory stehen diese Konzepte für psychologische Prozesse, die symbolische Beziehungen beinhalten. Wenn es der Leserin gelingt, diese Verbindung zu erkennen, kann sie die RFT-Prinzipien dafür nutzen, um zu verstehen, wie Entwicklung und Kontext symbolischen Verhaltens den spezifischen Fokus ihrer psychotherapeutischen Arbeit beeinflusst. Dies gilt unabhängig davon, welches therapeutische Verfahren sie anwendet.

Dieses Buch verfolgt nicht das Ziel, die Orientierung der Leser an bestimmten Verfahren zu ändern. Wir (die Autoren) selbst haben eine kontextuell-verhaltenstherapeutische Ausrichtung. Alle Verfahren der Psychotherapie haben Ideen zu psychischen Funktionen des Menschen, die zur Entwicklung wirksamer evidenzbasierter Therapien geführt haben. Alle diese Behandlungsmethoden sollten mit der Relational Frame Theory übereinstimmen – ansonsten wäre die Relational Frame Theory fehlerhaft.

2.6.2 Therapeuten können Sprache nicht vermeiden

Symbolische Beziehungen bestehen überall und sind für den Menschen von zentraler Bedeutung. Therapeuten können auch dann das Thema Sprache und Kognitionnicht vermeiden, wenn Sprache kein Schwerpunkt der verwendeten Behandlungsmethode ist. Es gibt Psychotherapiemethoden, die anstreben, Emotionen und Erfahrungen jenseits von Sprache zu erreichen. Die Relational Frame Theory erklärt, warum das möglicherweise eine gute Idee ist. Aber der Ansatz ist nicht deshalb gut, weil er Sprache und Kognition vermeidet, denn symbolische Beziehungen sind nicht nur »Worte« – es sind Beziehungen, die tief verflochten mit allem sind, was für Menschen bedeutungsvoll ist: Bilder, Erinnerungen und Körperwahrnehmung. Das Bewusstsein selbst beinhaltet symbolische Beziehungen. Symbolische Beziehungen bauen auf einer großen Zahl körperlicher und behavioraler Funktionen auf. Gleichzeitig ist der Mensch nicht nur durch symbolisches Handeln oder Exekutivfunktionen definiert. Dennoch können keine Therapiemethode und kein Versuch, menschliches Verhalten zu verändern, ohne eine gute Theorie über die Herstellung symbolischer Beziehungen erfolgreich sein.

Symbolisches Verhalten ist zunächst aus dem Kontingenzlernen hervorgegangen. Trotzdem nimmt es einen starken Einfluss auf alle Formen von Lernen. Symbolische Beziehungen können darüber entscheiden, was als Konsequenz, was als diskriminativer oder unbedingter Stimulus wirkt. Lassen Sie uns nochmals auf eines unserer Beispiele zurückkommen. Eine Person lernt, dass P > Q > R ist. Nun erhält die Person jedes Mal, wenn Q erscheint, einen unangenehmen elektrischen Reiz. Was wird wohl geschehen, wenn P erscheint? Wir kennen die Antwort: Die Person wird stärker reagieren, wenn P erscheint, als wenn Q erscheint, obwohl bei P niemals ein unangenehmer Reiz vorhanden war (Dougher et al., 2007). Diese Ergebnisse machen deutlich, dass kein noch so umfassendes Wissen über verhaltenswissenschaftliche Prinzipien ausreicht, um die menschlichen psychischen Funktionen zu verstehen, wenn symbolische Beziehungen nicht berücksichtigt werden. Das, was Menschen erlebt haben, ist wichtig – gleichzeitig können Therapeutinnen menschliches Verhalten nicht ausreichend verstehen, wenn sie nur die 520 Millionen Jahre alten Prozesse (operante oder klassische Konditionierung) oder solche, die noch älter sind (Habituation) berücksichtigen. Probleme bei Patienten beinhalten typischerweise eine Interaktion von symbolischem Verhalten und anderen erlernten und ungelernten Prozessen. Psychologische Diagnostik und Psychotherapie müssen also diese Wechselwirkungen berücksichtigen und konstruktiv in den therapeutischen Prozess einbeziehen.

2.6.3 Die Ergebnisse sind komplex, die Prozesse aber viel simpler

Aus der Perspektive der Relational Frame Theory bestehen symbolische Fertigkeiten darin, Beziehungen zwischen Ereignissen abzuleiten und ihre Funktionen mit Hilfe kontextueller Steuerung zu verändern. Das ist alles. Es ist also möglich, eine Vielzahl von Beziehungen herzustellen. Anschließend können Ereignisse in diese Beziehungen eingeordnet werden – ungefähr so, wie Fotos in Rahmen platziert werden können. Daher der Begriff Bezugsrahmentheorie. Im weitesten Sinn ist es das Ziel empirischer Methoden in der Psychotherapie, Therapeuten in die Lage zu versetzen, das Verhalten ihrer Patienten vorherzusagen, aber auch zu beeinflussen, was sie tun, und somit die Ziele der Therapie zu erreichen. Dieses Buch stellt sich der Herausforderung, die RFT als ein Werkzeug zu präsentieren, das Therapeuten in die Lage versetzt, genau dies zu tun, und zwar unabhängig davon, welche therapeutische Methode sie einsetzen. Wenn das gelingt, zeigen wir damit auch, dass die menschliche Komplexität möglicherweise einer nur kleinen und handhabbaren Anzahl relationaler Prozesse entspringt.

Der strukturelle Rahmen und die Werkzeuge, die wir aus diesen Prozessen ableiten, werden im nächsten Kapitel genauer beschrieben. Mit vielen der vorgestellten Techniken sind Sie möglicherweise bereits vertraut. Dies gilt jedenfalls dann, wenn Sie eine erfahrene und mit einer Vielzahl an Behandlungsmethoden vertraute Therapeutin sind. Das Ziel besteht nicht darin, eine neue Behandlungsmethode vorzustellen. Die Relational Frame Theory ist eine universelle Sprache, die Sie in die Lage versetzen soll, Techniken aus unterschiedlichen Psychotherapiemethoden in einen kohärenten strukturellen Rahmen zu integrieren. Damit können Sie mit größerer Sensibilität und Präzision Ihren Patienten Techniken anbieten, die funktionieren. Das Ziel ist, Sie dabei zu unterstützen, Sprache als therapeutisches Werkzeug einzusetzen, indem Sie die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Relational Frame Theory anwenden.

2.6.4 Sprache verändert die Kontextsensitivität

Symbolische Beziehungen verändern die Funktion psychologischer Ereignisse und beeinflussen das Verhalten. Sie können die Sensitivität gegenüber Elementen des Kontextes vergrößern oder verringern. Eine einfache Anweisung wie: »Pass auf« richtet die Aufmerksamkeit auf eine potentielle Gefahr, verringert gleichzeitig die Sensitivität gegenüber anderen Erfahrungen, die in demselben Moment weniger relevant sind. Im therapeutischen Kontext kann die Therapeutin den Patienten auffordern, seine körperlichen Wahrnehmungen zu beobachten, oder darüber nachzudenken, was ihm im Leben wichtig ist. Diese symbolischen Interventionen werden genutzt, um die Sensitivität des Patienten gegenüber Schlüsselthemen in seinem psychologischen Leben zu verändern. Die Auswahl der Interventionen hängt davon ab, was im gegebenen Kontext am nützlichsten ist (z. B. Motivation zu erhöhen, Vermeidungsverhalten zu reduzieren).

Therapeuten setzen Sprache ein, um Veränderungsprozesse bei ihren Patienten zu unterstützen. Dabei müssen sie berücksichtigen, dass Sprache jedoch auch eine herabgesetzte Kontextsensitivität erzeugen kann. Dieses Phänomen hat sehr wahrscheinlich bereits bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der psychologischen Probleme des Patienten eine wichtige Rolle gespielt. Die Anwendung von Regeln und Anweisungen kann hilfreich sein, wenn sie Patienten in die Lage versetzen, neues Verhalten schneller zu erlernen. Gleichzeitig können Regeln zu einer Generalisierung und Veränderungsresistenz von uneffektivem Verhalten führen. Wenn die Therapeutin Sprache aber so einsetzt, dass sie den Patienten auf Kontingenzen hinweist, die sein Verhalten beeinflussen (z. B. durch Fragen, aktives Zuhören oder Metaphern), dann kann er seine eigenen Schlüsse ziehen und Fertigkeiten erwerben, die auf eigener Erfahrung basieren. Er wird dadurch flexibler und selbstständiger ( Kap. 5 und Kap. 8). Die Therapeutin kann Regeln auch nutzen, um den Erwerb von Fertigkeiten durch Erfahrung zu fördern. Diese Regeln enthalten dann ein Gegenmittel gegen fehlangepasste mangelnde Kontextsensitivität. Beispielsweise beschreibt die Regel »Achten Sie auf die Auswirkungen Ihres Verhaltens, um bessere Entscheidungen zu treffen!« ein übergreifendes Prinzip, das die Bedeutung von Erfahrung betont und damit die Aufmerksamkeit auf die Kontingenzen fördert, die für hilfreiche Entscheidungen relevant sind ( Kap. 9).

2.6.5 Das Gehirn hat keine Reset Taste

»Verlernen« ist kein bekannter psychologischer Prozess. Es gibt viele Lernprozesse, die Verhalten abschwächen (z. B. Vergessen oder Extinktion). Symbolische Netzwerke sind ein Ergebnis der individuellen Lerngeschichte. Sie entwickelt sich durch Hinzufügen, nicht durch Wegnehmen. Menschen können vergessene Dinge schneller wieder erlernen als vollkommen neue Dinge. Extinktion funktioniert durch Inhibition von Lernen, neuem Lernen oder Flexibilität von Verhalten, nicht jedoch durch Verlernen. Dieses Prinzip ist besonders wichtig, wenn es um Gedanken geht (d. h. symbolische Beziehungen), weil Ableitungsprozesse die Inhibition von Denken schwieriger machen als die Inhibition anderen Verhaltens. Es ist möglich, das Gehen oder Essen für Stunden zu inhibieren, aber es ist unmöglich, dasselbe mit dem Denken zu tun. Das bedeutet nicht, dass Menschen ihr Denken nicht steuern können. Es ist beispielsweise möglich, absichtlich an etwas Bestimmtes zu denken. Aber es ist unmöglich, sich auf diesen einen Gedanken über einen langen Zeitraum hinweg zu konzentrieren, denn das würde erfordern, dauerhaft andere Gedanken zu unterdrücken.

Deshalb kann es in der Psychotherapie nicht darum gehen, eine symbolische Beziehung zu löschen, wenn sie für ein psychologisches Problem verantwortlich ist. Vielmehr geht es darum, die relative Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass die Patientin sie anwendet. Therapie strebt an, den Einfluss der symbolischen Beziehung auf das Verhalten zu beschränken, beispielsweise indem sie andere, hilfreichere symbolische Beziehungen stärkt. Psychotherapeutische Methoden arbeiten darauf hin, im Bereich der symbolischen Beziehungen den Kontext des Denkens zu verändern. Sie nutzen Hinweisreize, um neue Beziehungen herzustellen oder die Funktionen bestehender Beziehungen zu transformieren. Es ist daher während der psychotherapeutischen Arbeit wichtig, beide Prozesse zu beachten. Das verhindert, dass Therapeutinnen oder Patientinnen die Funktionen beim Versuch der Veränderung symbolischer Netzwerke versehentlich auf eine ungünstige Art verändern. Das Ziel von Interventionen ist nicht das Vorhandensein oder die absolute Abwesenheit eines bestimmten Gedankens, sondern die Fähigkeit, das eigene Denken so zu lenken, dass durch einen kumulativen und integrativen Prozess nützliche symbolische Beziehungen entstehen. Für das Verständnis von Psychopathologie ist es wichtig zu bedenken, dass Patienten aus nachvollziehbaren Gründen nach der Reset Taste suchen, um sie anzuwenden. So versuchen viele, ein Trauma zu vergessen oder einen bewertenden Gedanken zu unterdrücken. Dies führt zur letzten allgemeinen Schlussfolgerung dieses Kapitels.

2.6.6 Es ist nicht logisch, es ist psycho-logisch

Das symbolische Verhalten des Menschen ist die Grundlage menschlicher Logik. Symbolische Handlungen sind jedoch nicht einfach nur logisch. Sie sind psychologisch.

Um diese Idee besser zu verstehen, nehmen Sie einmal an, dass Sie zunächst glauben, A bewirkt B. Später kommen Sie zu dem sicheren Schluss, dass A doch nicht B bewirkt. Aus logischer Sicht ist der Gedanke hier zu Ende. A bewirkt nicht B. Aus der psychologischen Sicht ist dies nicht ganz so einfach, auch wenn Sie jetzt tatsächlich glauben, dass A nicht B bewirkt. Teilweise beruht dies darauf, dass die Beziehung zwischen A und B ein erlerntes Verhalten ist, und Erlerntes fortbesteht. Beispielsweise glaubt ein Kind, sein Vater sei aus dem Grund gestorben, weil es kurz vor seinem Tod gedacht hat: »Ich wünsche mir, dass er stirbt«. Sogar wenn man dem Kind erklärt, dass diese Schlussfolgerung nicht den Tatsachen entspricht, kann es an dem Gedanken festhalten, es sei schuldig. Es gibt keine Löschfunktion – das Verhalten (der Gedanke »Ich war es«) wird stets mit einer gewissen Stärke in seinem Repertoire vorhanden sein. Es fühlt sich möglicherweise weiterhin schuldig. Es vermeidet Erinnerungen an den Vater. Viele Dinge erscheinen im weiteren Umgang mit diesem beunruhigenden Gedanken erst einmal folgerichtig oder schlüssig: sich damit auseinandersetzen, sich davon ablenken; Rückversicherung von anderen suchen; Auslöser vermeiden, die zu diesem Gedanken führen. Sie erhöhen aber mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den Einfluss und die Häufigkeit des Gedankens sogar noch. Um Kohärenz wiederherzustellen, ohne den Gedanken zu löschen, muss die Geschichte des Kindes in die Analyse der Situation mit einbezogen werden: Es hatte einst den Gedanken, es sei für den Tod des Vaters verantwortlich. Da Gedanken nicht gelöscht werden können, ergibt es Sinn, dass es auch heute noch denkt, es sei verantwortlich.

Es gibt einen weiteren Grund, warum Therapeuten vorsichtig im Umgang mit Kohärenz sein müssen: Kohärenz per se ist kein Garant für Wohlbefinden. Man kann logische Antworten auf existentielle Fragen finden, und trotzdem unglücklich sein. Stellen Sie sich eine Mutter vor, deren Kind bei einem Autounfall mit ihr am Steuer verletzt wurde. Wenn sie über dieses Ereignis nachdenkt, sagt sie sich: »Ich bin verantwortlich für seine Verletzungen«. Unabhängig von den genauen Umständen des Unfalls wird es immer möglich sein, eine kohärente Begründung für diesen Gedanken zu finden. Wenn sie zu schnell gefahren ist, klingt es logisch zu schussfolgern, dass sie tatsächlich verantwortlich ist. Aber sogar dann, wenn sie vorsichtig gefahren ist, ist dies möglich. Sie hätte an dem Tag eine andere Strecke fahren können, oder sie hätte dem anderen Fahrzeug ausweichen können, wenn sie aufmerksamer gewesen wäre, usw. Kohärenz ist leicht zu finden, sie kann aber nutzlos oder schädlich sein, wenn sie nicht zu effektivem Verhalten führt. Psychologische Interventionen können sich daher nicht an einer beliebigen Form von Kohärenz orientieren. Sie brauchen Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit in Bezug auf ein damit in Verbindung stehendes Ziel, d. h. eine Form von funktionaler Kohärenz.

Das symbolische Verhalten des Menschen ist ein zweischneidiges Schwert – es beeinflusst menschliches Handeln im Guten wie im Schlechten. Es kann die Sensitivität für den Zusammenhang zwischen Verhalten und seinen Konsequenzen erhöhen oder verringern. Es kann Veränderung fördern oder Menschen in ineffektiven Strategien verharren lassen. Es kann bei Problemlösungen helfen oder das Leben als etwas erscheinen lassen, das erst dann beginnt, wenn alle Probleme gelöst sind. Es kann Menschen dabei unterstützen, sich ihrer Werte bewusst zu sein und sie mit Hingabe zu verfolgen. Es kann Menschen aber auch dazu bringen, nutzlos über die unglückliche Vergangenheit zu grübeln oder sich angstvoll um die Zukunft zu sorgen.

2.7 Zusammenfassung des Kapitels

Dieses Kapitel untersucht die Auswirkungen der Relational Frame Theory auf das Verständnis von Psychopathologie. Hier die Zusammenfassung der wichtigen Schlüsselelemente:

• Flexibilität und die flüssige Herstellung von Bezugsrahmen stehen in Zusammenhang mit vielen für den Menschen wichtigen Funktionsbereichen und sind entscheidend für psychische Gesundheit. Dazu gehören Perspektivübernahme, Empathie, Problemlösestrategien und das Treffen von Analogieschlüssen.

• Die Fähigkeit, symbolische Beziehungen herzustellen, macht alles zu einer potentiellen Quelle von Schmerz. Sogar positive Erfahrungen können wegen der bidirektionalen Natur von Beziehungen Leid erzeugen. Sobald Menschen wissen, was sie wollen, wissen sie auch, was sie nicht haben. Wenn Menschen etwas finden, das sie glücklich macht, leben sie mit der Angst vor Verlust.

• Alle Lebewesen vermeiden Quellen von Schmerz und Gefahr. Menschen tun dasselbe mit symbolischen Bedrohungen. Vermeidung ist im Bereich intrinsischer Gefahren grundsätzlich hilfreich (z. B. mit der Hand nicht auf eine heiße Herdplatte zu fassen). Dagegen ist es fast unmöglich, symbolische Quellen von Schmerz vollständig und langfristig zu vermeiden, weil sie durch abgeleitete Beziehungen stets erneut auftauchen (z. B. kann ein lustiger Film, der zur Vermeidung von Traurigkeit angesehen wird, den Gedanken auslösen: »Wenn der Film zu Ende ist, werde ich wieder traurig sein.«).

• Erlebnisvermeidung ist eine logische Reaktion auf unangenehme symbolische Beziehungen. Gleichzeitig ist sie eine direkte Quelle von psychischem Leid. Symbolische Beziehungen sind das Ergebnis der individuellen Lerngeschichte eines Menschen. Die Lerngeschichte funktioniert durch Hinzufügen, nicht durch Wegnehmen. Versuche, symbolische Beziehungen, die Leid hervorrufen, zu vermeiden oder loszuwerden (z. B. Erinnerungen an Traumata, Sorgen, geringes Selbstvertrauen) haben häufig paradoxe Effekte, weil sie genau das vermiedene symbolische Netzwerk aktivieren und weiter ausbauen.

• Erlebnisvermeidung funktioniert langfristig nicht. Sie erfordert große Anstrengung. Die Vermeidung symbolischer Ereignisse hält Menschen von wichtigen Bereichen ihres Lebens fern (z. B. vermeiden sie intime Beziehungen, um Abstand zu traumatischen Erinnerungen zu halten).

• Menschen lernen, indem sie Kontingenzen konkret erfahren oder indem sie mit Beschreibungen von Kontingenzen in Kontakt kommen (Regeln oder Instruktionen). Das Lernen durch Regeln und Instruktionen ist häufig effizienter, aber es macht weniger sensitiv für Veränderungen der Kontingenzen (z. B. suchen sich Menschen Restaurants anhand von Kritiken aus und bemerken dann nicht, dass sich die Qualität des Essens mit der Zeit verschlechtert).

• Mangelnde Sensitivität gegenüber sich verändernden Kontingenzen kann zu ineffektiven Formen von Beharrlichkeit führen (z. B. hoffen Patienten, dass eine Depression sich verbessert, wenn sie den ganzen Tag über im Bett bleiben, obwohl sich die Depression dadurch tatsächlich verschlechtert).

• Sprache als Netzwerk symbolischer Beziehungen hat eine inhärente Kohärenz. Sprache verlangt von den Nutzern, dass sie Kohärenz durch die Konstruktion von Logik und Sinn aufrechterhalten. Sprache filtert die meisten Interaktionen mit der Umwelt. Dies kann zu drei Formen von therapeutisch relevanten Problemen führen:

– Verzerrung von Erfahrungen, um die Kohärenz von Ideen und Überzeugungen aufrechterhalten zu können (z. B. Vermeidung von Situationen, die Unsicherheit auslösen, oder Überhören von Kritik, um Selbstvertrauen zu erhalten).

– Lernen und Problemlösen ausschließlich durch Sprache, auch in Situationen, in denen direkte Erfahrung effizienter ist (z. B. Grübeln über vergangene Fehler anstatt Wiedergutmachen eines tatsächlich entstandenen Schadens).

– Ausschließlicher Verlass auf Kohärenz (d. h. die Konstruktion von Sinnhaftigkeit) als alleinige Richtschnur bei gleichzeitigem Verzicht darauf, die Effektivität des eigenen Verhaltens zu überprüfen (z. B. streitet ein Paar darüber, wer Recht hat, auch wenn dies das Vertrauen in die Liebesbeziehung zerstört).

• Die Fähigkeit, symbolische Beziehungen aufzubauen, versetzt den Menschen in die Lage, Motivation aus entfernten und abstrakten Konsequenzen zu ziehen. Dies kann eine wesentliche Quelle von Zufriedenheit sein, die sich beispielsweise dann einstellt, wenn man hart arbeitet und sich der Erfolg Jahre später einstellt, oder ein Verhalten, das im Einklang mit wichtigen eigenen Werten steht, jedoch zunächst schmerzhafte Konsequenzen mit sich bringt. Die Fähigkeit, symbolische Beziehungen aufzubauen, kann aber auch zu Adaptive Peaks führen. Dies gilt dann, wenn die vorteilhaften Konsequenzen, die auf ein Verhalten folgen, mit einem hohen Preis assoziiert sind, oder das Erreichen noch wichtigerer Quellen des Wohlbefindens verhindern. Beispielsweise kann das Einhalten einer strengen Diät zu einem befriedigenden Gefühl von Kontrolle führen, aber auch die Gesundheit schädigen und verhindern, gemeinsam mit anderen in angenehmer Atmosphäre zu essen.

• Der Ansatz der Relational Frame Theory führt zu wichtigen Konsequenzen für die Psychotherapie:

– Symbolische Beziehungen sind zentral für alle komplexen menschlichen mentalen Konzepte und Kognition. Dazu zählen Gedächtnis, Stimmung, Überzeugungen, Selbstregulation, Selbstkonzept, Bewusstsein und Werte. Daraus folgt, dass alle Formen menschlichen psychologischen Leids mit Hilfe der Prinzipien der Relational Frame Theory analysiert werden können.

– Alle Methoden der Psychotherapie nutzen Sprache, selbst wenn sie den Einsatz von Worten, Regeln und Anweisungen beschränken. Die Prinzipien der Relational Frame Theory sind deshalb für jede Therapie, unabhängig von der angewandten Methode, relevant.

– Die grundlegenden Prinzipien der Relational Frame Theory sind relativ einfach, aber die Kombination dieser Prinzipien versetzt Therapeuten in die Lage, auf hohem Niveau von Komplexität zu verstehen und zu intervenieren.

– Sprache ist ein machtvolles Werkzeug, um Aufmerksamkeit zu lenken und zu fokussieren. Dies kann zu einer verminderten Wahrnehmung von anderen Elementen des Kontextes führen, die möglicherweise wichtige Informationen enthalten. Die unzureichende Berücksichtigung wichtiger Aspekte des Kontextes hat erhebliche Folgen für Verhalten: Das Verhalten wird übergeneralisiert, rigide über Zeit und Situationen hinweg oder schwer zu verändern. Um Rigidität und Übergeneralisation zu vermeiden, sollten Therapeuten Regeln mit Vorsicht verwenden und Sprache auf eine Weise einsetzen, die den Erwerb von Fertigkeiten durch Erfahrung fördert (z. B. durch Fragen, aktives Zuhören, Metaphern oder Regeln, die das Beobachten von Kontingenzen fördern).

– Therapeuten können ihren Patienten bei psychischen Problemen nicht dadurch helfen, dass sie symbolische Beziehungen beseitigen oder ersetzen (das heißt, Gedanken können nicht ausradiert werden). Stattdessen können Therapeuten Sprache nutzen, um neue symbolische Beziehungen zu etablieren oder die Funktion bestehender Beziehungen zu transformieren. Dies generiert zusätzliche Möglichkeiten des Einflusses auf dominante symbolische Beziehungen und es ermöglicht das Entwickeln neuen oder anderen Verhaltens.

– Therapeuten können sich nicht alleine auf Logik verlassen, um ihren Patienten dabei zu helfen, mit Problemen umzugehen, die auf symbolischen Beziehungen basieren. Sie müssen den Kontext berücksichtigen, der zu problematischem symbolischem Verhalten führt, und sie müssen eine Form von Sprache und Kognition pflegen, die Wohlbefinden begünstigt.

7 Beachten Sie, dass ab Kapitel 5 der Begriff »Tracking« auch für das Verhalten verwendet wird, funktionelle Beziehungen zwischen psychologischen Erfahrungen zu beschreiben. Beispielsweise wenn ein Patient die Auswirkungen eines Verhaltens beobachtet und beschreibt. Wir nutzen den Begriff in diesem Buch also umfassender als in der traditionellen Verhaltenswissenschaftlichen Literatur. Unser Ziel ist es, die Nutzung von Fachbegriffen in der Alltagssprache zu erleichtern. In diesem Buch meint Tracking sowohl die Beschreibung funktioneller Beziehungen (d. h. das Erstellen einer Regel, die mindestens eine kausale Verbindung zwischen einer Handlung und dem Kontext beinhaltet), als auch das Befolgen einer Regel unter dem Einfluss der Konsequenzen, die die Regel benennt.

8 Dieses Beispiel könnte ein Fall von interpersonellem Tracking anstatt Pliance sein, wenn das Kind einer Regel folgt, die genau die zwischenmenschlichen Konsequenzen benennt, die es gerade erlebt.

9 Augmenting ist ein Terminus technicus der Acceptance & Commitment Therapy. Er leitet sich von »to augment«, [engl.] etwas vergrößern ab.

10 Anmerkung der Übersetzer: Der Begriff Adaptive Peak hat noch keine feste Übersetzung in der deutschen Sprache. Er ist definiert als ein relatives Maximum in einer Landschaft von genetischer Adaptation. Selektion führt dazu, dass sich die Zusammensetzung des Genotyps einer Population hin zu einer Kombination entwickelt, die einem Adaptive Peak für die jeweilige Umwelt entspricht. Ein Konflikt entsteht, wenn für eine optimale Anpassung an eine veränderte Umwelt mehrere Mutationen erforderlich sind, jede einzelne Mutation aber nachteilig ist. Zur Bewältigung muss eine Phase suboptimaler Adaptation durchlaufen werden.

11 Mitgefühl mit sich selbst (noch keine etablierte deutsche Übersetzung)

3 Symbolische Werkzeuge der Veränderung

Was führt bei Menschen zu Verhaltensveränderung? Für sprachbefähigte Erwachsene sind es hauptsächlich Sprache oder vergleichbare andere symbolische Werkzeuge. Im vorherigen Kapitel ging es um die ungünstigen Auswirkungen von Sprache. Es ist aber auch wichtig zu verstehen, dass Sprache der Schlüssel ist, um diesen Effekten entgegenzuwirken.

Sprache ist aus evolutionärer Perspektive ein relativ neues Phänomen. Obwohl sie bei der Steuerung menschlichen Verhaltens eine dominante Rolle hat, spielen auch ältere Prozesse bei der Veränderung von Verhalten eine Rolle. Psychotherapie kann mit diesen älteren Prozessen viel bewirken: soziales Lernen, Habituation, Kontingenzlernen und vieles mehr. Aber auch hier ist sie auf Sprache angewiesen.

Aus der Perspektive der Relational Frame Theory geht es in der Therapie nicht nur um Worte. Auch Bedeutung, Emotion und Werte spielen eine Rolle. Der Effekt von Blicken oder einem Lächeln, die zwischen zwei Personen ausgetauscht werden, werden stark davon beeinflusst, welche Bedeutung sie für diese Personen haben. Emotionen und Wahrnehmung werden davon durchdrungen, wofür sie stehen, welche Bedeutung, Ursprung oder implizite Ziele ihnen zugeschrieben werden. Sobald man versteht, dass die zentrale Eigenschaft von Sprache darin besteht, Netzwerke von Beziehungen zwischen Ereignissen herzustellen und abzuleiten und dadurch die Funktion dieser Ereignisse zu verändern wird deutlich, dass kein Aspekt der Verhaltensveränderung beim Menschen ausgespart bleibt, der nicht durch symbolische Fertigkeiten berührt würde.

In diesem Kapitel wird das Handwerkszeug vorgestellt, das im weiteren Verlauf des Buches genutzt wird, um Ihre Arbeit als Psychotherapeutin zu bereichern. Die Relational Frame Theory stellt hierbei einen strukturellen Rahmen zur Verfügung. Dieses Buch untersucht einige der spezifischen Sprachwerkzeuge, die innerhalb dieses Rahmens angewandt werden können.

3.1 Ein struktureller Rahmen für die Verwendung von Sprache in der Psychotherapie

Das Herstellen von Bezugsrahmen hat vielfältige Auswirkungen auf das Verständnis von Psychopathologie und Entwicklungsblockaden. Entsprechend weitgefächerte Auswirkungen in alle Richtungen haben auch die symbolischen Werkzeuge der Veränderung. Sprache ist Fluch und Segen zugleich. Therapeuten müssen Sprache auf einer tieferen Ebene verstehen, sodass sie dieses Werkzeug so feinfühlig einsetzen können, wie ein Chirurg sein Skalpell gebraucht, und nicht Gefahr laufen, sich sprachlich »wie ein Metzger« zu verhalten. Es ist möglich, Bezugsrahmen in der therapeutischen Praxis professionell anzuwenden, ohne sich ausschließlich darauf zu spezialisieren. Viele wichtige Details sind in der Psychotherapie bereits bekannt. Ein großer Teil dieses Buches konzentriert sich darauf, wie die unterschiedlichen Werkzeuge, die Sprache bietet, gezielt eingesetzt werden können. Wir werden jedoch zunächst damit beginnen, diese einzelnen Werkzeuge und ihre spezifische Anwendung vorzustellen.

3.1.1 Die übergreifenden Ziele: flexible Kontextsensitivität und funktionale Kohärenz
Förderung der Sensitivität für den Kontext

Was bedeutet Kontextsensitivität? Der Begriff Kontextsensitivität beschreibt das Ausmaß, mit dem man die verschiedenen Elemente des Kontextes oder Einflussgrößen wahrnimmt und darauf reagiert. Unterschiedliche Arten von Einflussgrößen wirken sich auf Verhalten aus. Einige davon sind intrinsisch und basieren auf direkten Erfahrungen, andere auf biologischen Faktoren und deren evolutionären Entstehungsgeschichte, wieder andere sind symbolisch und beruhen auf gelernten, abgeleiteten Beziehungen oder Kombinationen davon. Wenn Menschen auf eine bestimmte Einflussgröße reagieren, dann sind sie per Definition weniger sensitiv für andere Einflussgrößen. Wäre es nicht so, würden sie sich anders verhalten. Die ersten beiden Kapitel haben dieses Prinzip anhand von vielen Beispielen erläutert. Der Polarforscher Jean-Louis Etienne bereitete sich jeden Morgen zu Hause mit einer kalten Dusche auf seine Reise zum Nordpol vor. Er hielt dies durch, da er eine hohe Sensitivität für eine gute Vorbereitung auf die damals noch weit in der Zukunft liegende Situation hatte und in diesem Zusammenhang eine geringere Empfindlichkeit für die unangenehme Kälte auf seinem Körper entwickeln wollte. Direktes Lernen kann zu Insensitivität führen, beispielsweise, wenn kurzfristige Konsequenzen den Einfluss langfristiger Folgen ausschalten. Sprache ist jedoch noch anfälliger dafür, Insensitivität zu erzeugen, weil sie arbiträre Kontingenzen erschaffen und wirken lassen kann. Das können sogar Konsequenzen sein, die noch niemand erlebt hat – sie verändern Verhalten, weil sie die Wirksamkeit anderer Einflussgrößen abschwächen.

Die Beziehung zwischen Sprache und Kontextsensitivität. Die Fertigkeit, Kontingenzen mit Hilfe von Sprache zu konstruieren und an andere Menschen weiterzugeben ist ebenfalls gleichzeitig Fluch und Segen. Sprache kann eine gesunde Distanz (Insensitivität) zu bestimmten Kontingenzen fördern. Sprache kann dabei helfen, die Frustration zu überwinden, die damit verbunden ist, jeden Morgen aufzustehen, hart zu arbeiten, sich zu bemühen, Misserfolge zu erleben und sich dennoch wieder aufzuraffen. Dies gilt dann, wenn die obige Handlungskette mittels symbolischer Beziehungen mit der Erwartung verknüpft ist, ein entferntes Ziel zu erreichen – beispielsweise Gerechtigkeit für alle oder eine Welt frei von Missbrauch, was bisher noch nirgends gelungen ist. Sprache kann weiterhin die Sensitivität gegenüber nützlichen Kontingenzen vergrößern. Man bemerkt Dinge, auf die man sonst nicht geachtet hätte, wie z. B. bei der Aufforderung »Pass auf!«, wenn ein Auto auf einen zufährt. Menschen können so Dinge lernen oder lehren, die zu subtil, entfernt oder auch zu komplex sind, als dass sie sich direkt erschließen. Beispiele sind die Verordnung eines Medikaments durch einen Arzt oder Erklärungen zur Struktur des Kosmos durch einen Physiker. Der Leiter einer Expedition zum Südpol kann bereits vor dem Aufbruch alternative Routen durchgehen und prüfen. Patienten können sich für eine Chemotherapie bei einer Tumorerkrankung entscheiden, obwohl sie wissen, dass sie quälend sein wird. Man kann bedeutsame Ziele verfolgen, wie das, menschliches Leiden zu lindern, auch wenn ein unmittelbarer Erfolg ausbleibt.

Das Potential von Sprache ist unter anderem deshalb groß, weil kontextuelle Faktoren aus der Umwelt eine enorme Vielfalt des Verhaltens erzeugen und steuern können. Dieses Potential ist der eigentliche Motor menschlicher Entwicklung und Genialität. Denken Sie beispielsweise an den Kreativitätstest, bei dem den Teilnehmern ein einfaches Objekt wie ein Stift vorgegeben wird. Anschließend sollen sie möglichst viele Möglichkeiten entwickeln, wie das Objekt genutzt werden kann. Ein Stift kann natürlich zum Schreiben benutzt werden. Mit Hilfe von Sprache können aber auch andere Funktionen abgeleitet werden: Er kann als Tubus bei einer Tracheotomie in einem Notfall benutzt werden; er kann aber auch als Waffe benutzt werden, um jemanden zu erstechen. Dasselbe Objekt – komplett unterschiedliche Funktionen. Um diese unterschiedlichen Funktionen zu erkennen, muss die Sensitivität für verschiedene kontextuelle Elemente flexibel sein. Wenn man schreiben möchte, fokussiert man sich auf die Tinte im Stift; wenn man jemandem helfen möchte zu atmen, fokussiert man sich auf die Form und das hohle Innere; wenn man sich verteidigen möchte, konzentriert man sich auf die scharfe Spitze. Diese Merkmale müssen nicht durch Versuch und Irrtum erprobt werden; sie können durch Sprache abgeleitet werden.

Bedeutung für psychologische Probleme und Interventionen. Sprache kann aber auch für nützliche Kontingenzen blind machen. Menschen bleiben dann bei Verhaltens- und Denkweisen, die nicht funktionieren. Bei den meisten psychischen Problemen gibt es einen Aspekt von ineffektiver Beharrlichkeit. Eine Patientin bleibt bei ihren Zwangshandlungen, weil sie glaubt, sich so vor Kontamination zu schützen; ein Patient vermeidet intime Beziehungen, weil er glaubt hässlich zu sein; ein anderer bleibt den ganzen Tag über im Bett, weil er denkt, dass Aufstehen zu anstrengend wäre. Die vermeintlichen Konsequenzen eines Verhaltens überlagern andere Einflussgrößen, die hier angemessenes Verhalten unterstützen würden. Wenn Sie an das obige Beispiel mit dem Stift denken, ist es so wie wenn der Betroffene nur an die Funktion »Schreiben« denken und sich nichts darüber hinaus vorstellen kann.

Die Förderung einer gesunden Flexibilität durch Sprache ist ein wichtiges Ziel in der Therapie. Entscheidend ist dabei, die Fähigkeit zu erlernen, symbolische Beziehungen schnell und flüssig herzustellen, d. h. man muss schnell, klar und kohärent denken. Hilfreich ist aber auch eine flexible Sensitivität für den jeweiligen Kontext. Effektives Denken braucht Sensitivität für die entscheidenden Aspekte des Kontextes, ähnlich wie ein Navigationssystem die Funksignale mehrerer Satelliten benötigt, um den richtigen Weg zu finden. Menschen brauchen den Kontakt mit der Welt. Er kann sie dabei anleiten, geeignete Bezugsrahmen abzuleiten und Funktionen zu verändern. Wir möchten, dass eine verbesserte Fähigkeit, Zusammenhänge zwischen Verhalten und dessen Kontext wahrzunehmen und zu beschreiben, psychische Funktionen steuert. Menschen brauchen ein Bewusstsein dafür, was funktioniert und was nicht; was relevant ist und was nicht. Wir möchten, dass Erfahrungen die momentane Situation und Werte das Denken von Menschen leiten.

Psychotherapie basiert auf Sprache. Sprache führt besonders schnell und wirkungsvoll zu eingeschränkter Kontextsensitivität. Es stellt sich deshalb die Frage, wie Psychotherapeuten ihren Patienten dabei helfen können, besser in Kontakt mit nützlichen Einflussgrößen aus dem Kontext zu kommen, ohne einen weiteren problematischen Mangel an Sensitivität zu erzeugen.

Stellen Sie sich einen wohlmeinenden Therapeuten vor, der beobachtet, dass sein Patient Intimität vermeidet. Der Therapeut versucht das Problem zu lösen, indem er seinen Patienten auf die Dinge hinweist, auf die er durch sein Verhalten verzichtet. Er setzt also Sprache ein, um die Sichtweise des Patienten auf die Konsequenzen seines Verhaltens zu verändern. Der Patient soll so sensitiver für die nachteiligen Auswirkungen seines Versuchs werden, das Gefühl von Verletzlichkeit zu vermeiden, das Intimität mit sich bringt. Wenigstens sollte er weniger sensitiv für die kurzfristigen Erfolge dieser Strategie werden. Das Vermitteln einer neuen Regel kann dem Patienten eine Strategie erschließen, die in diesem Kontext effektiver ist. Jedoch stärkt dies nicht automatisch seine Fertigkeit, sein Denken besser mit seiner unmittelbaren Erfahrung in Kontakt zu bringen. Der Patient hat dadurch noch nichts über die Fallstricke der Sprache und die irreführenden Kontingenzen der Erlebnisvermeidung gelernt. Er hat lediglich eine neue Art des Verhaltens als Reaktion auf einen spezifischen Stimulus erlernt, die unabhängig von ihrer Effektivität (unter Umständen fälschlicherweise) auf unterschiedliche Kontexte übertragen werden kann (= Übergeneralisierung). Sich durch eine neue, von einem Therapeuten vorgegebene Regel leiten zu lassen, kann erfolgreich sein. Gleichzeitig kann es ungesunde Formen von Pliance verstärken, beispielsweise den Gedanken, dass er eine Autoritätsperson braucht, die ihm sagt, wie er handeln muss, weil er seinen eigenen Ideen nicht trauen kann. Wenn ein Patient effektive Regeln von seinem Therapeuten übernimmt, anstatt eigene Erfahrungen auszuwerten und ihnen zu folgen, birgt dies außerdem die Gefahr einer erhöhten Abhängigkeit vom Therapeuten.

Wir sagen nicht: »Therapeuten dürfen ihren Patienten keine Regeln an die Hand geben!«. Auch diese Regel wäre kontextabhängig. Wir ermutigen Therapeuten, über folgenden Punkt nachzudenken: In der Therapie vermittelte Regeln sollten den Patienten in die Lage versetzen, mit Kontingenzen in Kontakt zu treten, die effektives und flexibles Verhalten auf eine natürliche Art unterstützen. Betrachten Sie folgendes Beispiel: Ein Patient, der an einer Depression leidet, wird von seinem Therapeuten dazu ermuntert, wieder Dinge zu unternehmen, die ihn langfristig zufrieden machen. Wenn er dies tut, kommt er zwangsläufig mit neuen Einflussgrößen in Berührung. Das Risiko der Abhängigkeit vom Therapeuten oder des Verharrens in einem übertriebenen regelbasierten rigiden Verhalten nimmt ab. Dieser Transfer von Einflussfaktoren geschieht allerdings nicht immer automatisch. Es ist leichter, wenn der Therapeut Sprache mit einem Bewusstsein für ihre Schattenseiten einsetzt.

Ein erfahrener Therapeut ist sich dieser Gefahren bewusst und ist mit seinen Formulierungen vorsichtig. Anstatt zu sagen: »Sie müssen mehr angenehme Dinge unternehmen«, wird der Fokus eher darauf liegen, offene Fragen dazu zu stellen, was Freude machen könnte. Er regt Überlegungen an, welche Erfahrungen der Patient mit den unbefriedigenden Auswirkungen von Inaktivität und Isolation gemacht hat. Er sucht nach Informationen über die Werte des Patienten, arbeitet Handlungsmöglichkeiten heraus oder richtet den Fokus darauf, wie der Erfolg von Verhaltensveränderung überprüft werden kann. Auf dieser Basis können allgemeinere Regeln abgeleitet werden, ohne Gefahr zu laufen, dass es zu Übergeneralisierung, Kontextinsensitivität oder zu Pliance kommt. Ein solcher Ansatz versetzt den Therapeuten in die Lage, die geschickte Nutzung und die flexible Kontextsensitivität der Sprachprozesse des Patienten zu fördern. Und zwar auch dann, wenn man die Vorteile neuer Regeln erprobt.

Das übergreifende Ziel ist, die flexible Kontextsensitivität zu erhöhen. Dazu ist es wichtig, dem Patienten zu helfen, mit seiner Erfahrung im weitesten Sinne – nicht einer speziellen Erfahrung, sondern einer Vielzahl an Erfahrungen – in Kontakt zu treten. So kann das effektivste Verhalten für einen bestimmten Kontext ausgewählt werden. Metaphorisch gesprochen besteht eine Ähnlichkeit mit der Unterstützung eines Kindes beim Zusammensetzen eines Puzzles. Man ermutigt es, sich alle Teile genau anzusehen, die Farben und Formen zu beachten und dann die auszusuchen, die zusammenpassen. Flexible Kontextsensitivität ist jedoch in einer durch Sprache geschaffenen Welt nicht ausreichend, um effektives Verhalten zu unterstützen. Es ist nicht so, dass man Dinge bemerkt und darauf entsprechend ihrer intrinsischen Eigenschaften reagiert. Jede Beobachtung ermöglicht eine unendliche Vielzahl an symbolischen Funktionen. So kann ein Puzzleteil transformiert werden und dann zu jedem anderen Teil passen. Patientinnen brauchen schnelle, flexible Denkprozesse bezüglich der Ereignisse, die sie erleben. Sie benötigen auch einen flexiblen Umgang mit dem Denken an sich. Nur dann können sie das Puzzle so zusammensetzen, dass es passt und bleibendes Wohlbefinden unterstützt.

Fördern der funktionalen Kohärenz

Was ist Kohärenz? Kohärenz ist eine Schlüsseleigenschaft von Sprache und Kognition. Sie ist durch die relative Konsistenz relationalen Verhaltens definiert. Symbolische Relationen müssen innerhalb desselben Netzwerkes ausreichend konsistent sein, um wechselseitige und kombinatorische Implikationen zu ermöglichen. Einfacher ausgedrückt müssen symbolische Relationen konsistent sein, um Sprache als ein Werkzeug der Kommunikation und der Einflussnahme nutzen zu können. Dieser Prozess beginnt mit der Bedeutung einzelner Worte (wenn »Apfel« → rundes, rotes Objekt, dann rundes, rotes Objekt → »Apfel«) und dehnt sich zu Beziehungsnetzwerken aus, die an Komplexität zunehmen (z. B. wenn Robert kleiner ist als Josef, der wiederum kleiner ist als Fritz, dann ist Fritz größer als Robert). Konsistenz in der Sprache ist unter anderem deshalb notwendig, weil Menschen Sprache nutzen, um gegenseitiges Verstehen aufzubauen und sich gegenseitig zu beeinflussen. Verständnis und Einflussnahme sind nur dann möglich, wenn die Beziehungen, die durch symbolische Hinweisreize und ihre Implikationen entstehen, für den Sprecher und den Zuhörer in gleicher Weise funktionieren. Das, was der Sprecher »meint«, soll dem entsprechen, was der Zuhörer »versteht«. Wenn ein angemessener Spracherwerb vorliegt, wird man es als bevorstehende Bedrohung verstehen, wenn jemand das Wort »Gefahr« ruft. Würde Gefahr manchmal »sei vorsichtig« und manchmal »du bist in Sicherheit« bedeuten, ohne klare Hinweise darauf, welche Bedeutung gerade gilt, wäre es unmöglich, auf dieses Wort angemessen zu reagieren.

Damit Sprache ihre interpersonelle Funktion erfüllen kann, müssen Zuhörer kohärente Beziehungen sowohl zwischen Symbolen als auch zwischen Symbolen und intrinsischen Elementen der Umwelt ableiten können. Aus den Worten »wenn der Küchenwecker läutet, hol den Kuchen aus dem Ofen«, muss der Zuhörer eine konsistente und erwartete konditionale Beziehung innerhalb des Satzes ableiten können (wenn Klingel, dann hole Kuchen), dann kann das tatsächliche Läuten des Weckers die Auswirkungen auf das Verhalten haben, die das Erreichen der Ziele des Sprechers – nämlich das Herausholen des Kuchens aus dem Ofen – ermöglichen.

Kohärenz ist allgegenwärtig. Kohärenz ist zentral für die Ableitung von Relationen. Deshalb unternimmt man große Anstrengungen, sie herzustellen, sogar dann, wenn es um die Beziehung zwischen zufälligen Ereignissen geht. Sobald die Ereignisse benannt werden, werden sie Bestandteil eines symbolischen Netzwerks. Das gilt auch dann, wenn man die Ereignisse nicht versteht oder sie keinen Sinn ergeben. Das Formulieren der Sätze »das ergibt keinen Sinn« oder »ich kenne weder den Namen noch die Bedeutung dieser Sache« erzeugt eine Form von Kohärenz. Diese Ereignisse gehören nun in die Kategorie der Dinge, die »keinen Sinn ergeben« oder »unbekannt« sind.

In einem vorangegangenen Kapitel dieses Buches wurden symbolische Beziehungen mit Sternbildern verglichen. Sobald sie konstruiert sind, ist es schwer, sie nicht zu erkennen. Es ist so, als gäbe es sie tatsächlich. Sternbilder sind aber mit der Art, wie Sterne im Universum tatsächlich angeordnet sind, nicht fest verbunden. Es sind lediglich symbolische Anordnungen, die auf die Welt angewandt werden. Man kann auch alternative Sternbilder zeichnen, wenn man andere Formen zugrunde legt. Ein ähnlicher Prozess liegt dem Spiel cadavres exquis (»exquisite Leichen«) zugrunde, das französische Surrealisten Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden haben. Dieses Spiel besteht darin, Satzteile zufällig aus einer Urne zu ziehen, und den Sinn des so entstanden Satzes zu erschließen. Es ist immer möglich, irgendeinen Sinn in diesen zufällig aneinandergereihten Satzfragmenten zu finden. Der Satz, der diesem Spiel ursprünglich seinen Namen gab, war: »Der exquisite Leichnam soll den neuen Wein trinken.« Beim Lesen ist man wahrscheinlich in der Lage, ein sinnvolles Bild zu konstruieren. Dies geschieht auf der Grundlage der konkreten Dinge, die diese Worte ins Bewusstsein rufen, auch dann, wenn sie zufällig in einem Satz kombiniert wurden.

Das normale Denken zwingt der Welt ständig Kohärenz auf. Die gesellschaftliche Umwelt erwartet, dass Gedanken, Gefühle und Verhalten auf eine kohärente Weise begründet werden (z. B. »Warum hast du das getan?«; »Bist du traurig, weil ich gehe?«). Dieser Prozess ist pragmatisch sinnvoll (gegenseitiges Verstehen und Vorhersehbarkeit), er kann aber toxisch werden, wenn er zu arbiträren Rechtfertigungen führt und Regeln fälschlich als grundlegende Elemente der Welt angesehen werden.

Die innere Konsistenz wird zu einer Art essenzieller Kohärenz erweitert, wenn man versucht zu zeigen, dass eigene Ideen »wahr« oder »korrekt« sind. Sie sollen dann nicht nur zueinander passen, sondern auch eine intrinsische Äquivalenz zu den Eigenschaften der Welt haben. Dieser Prozess beginnt bereits mit dem Erlernen von Sprache. Die Fähigkeit, Dinge symbolisch miteinander in Beziehung zu setzen, ist eine arbiträr anwendbare Erweiterung der Fähigkeit, Beziehungen herzustellen, die auf intrinsischen Eigenschaften beruhen. Es verwundert daher nicht, dass die Kohärenz symbolischer Netzwerke durch einen Vergleich mit den intrinsischen Eigenschaften der realen Welt begründet wird. Nehmen Sie beispielsweise an, ein Kind lernt, dass »ein Apfel kleiner ist als eine Wassermelone«, und daraus den Gedanken ableitet »eine Wassermelone ist größer als ein Apfel«. Solche Aussagen sind in sich kohärent (wenn A < B, dann B > A), aber das allein reicht normalerweise nicht aus, um diese Aussagen für wahr zu halten. Sie müssen von Hinweisreizen begleitet sein, die auf ihre intrinsische Äquivalenz mit Eigenschaften des Objektes hinweisen (»Sieh her, sie ist tatsächlich größer!«). Sobald es zu einer Gewohnheit wird, Äquivalenzbeziehungen zwischen persönlichen relationalen Netzwerken und direkten Erfahrungen herzustellen, werden eigene Ideen so verteidigt, als ob es darum ginge, sich gegen einen körperlichen Angriff zu wehren, als wäre die symbolische mit der eigentlichen Welt verschmolzen. Magrittes berühmtes Gemälde, das eine Pfeife oberhalb des Schriftzuges »Ceci n’est pas une pipe« darstellt, trägt den Titel »Der Verrat der Bilder«. Aus der Sicht der Relational Frame Theory hätte man es ebenso gut »Der Verrat der Symbole« nennen können.

Implikationen für psychologische Probleme und Interventionen. Kommen wir zur praktischen Anwendung zurück. Patienten begeben sich häufig in Psychotherapie, um Kohärenz in dem zu finden, was sie erleben. Patienten wollen wissen, was wahr ist, und erwarten dabei sowohl innere symbolische Konsistenz als auch eine intrinsische Äquivalenz mit der Umwelt (z. B. »Warum bin ich so wie ich bin?«; »Bin ich krank?«; »Stimmt es, dass Menschen, die missbraucht wurden, nie wieder völlig gesund werden?«). Sie erwarten von dem Therapeuten, dass er sie mit einer grundlegenden Wahrheit ausstattet, die ihren Erfahrungen Sinn gibt und das Unbehagen lindert, das mit Inkohärenz einhergeht. Essenzielle Kohärenz ist im Allgemeinen problematisch, weil (1) es nur dann möglich ist, gleichzeitig innere Konsistenz und intrinsische Äquivalenz aufrechtzuerhalten, wenn potentiell wichtige Elemente ignoriert werden und (2) sie stärkeren Einfluss ausüben kann als andere, nützlichere Arten der symbolischen Interaktion mit der Umwelt, wie beispielsweise bei konditionalen Beziehungen (die stattdessen auf die Nützlichkeit von Gedanken hinweisen). Diese beiden Probleme werden hier näher betrachtet.

Schlüsselelemente von Erfahrungen zu ignorieren und sie zu transformieren, um die Konsistenz von Gedanken zu schützen oder wiederherzustellen, ist in der Psychologie ein bekannter Prozess (z. B. Anpassung durch Assimilation, kognitive Dissonanz). Angesichts der Vielfalt eigener Erfahrungen ist es schwierig, alle Teile zusammenzufügen und gleichzeitig zu zeigen, dass das Ergebnis die einzig mögliche Konstruktion ist und es dabei kein Element außer Acht lässt. Viele Gedanken und Ideen stehen direkt miteinander in Konflikt. Man ist gleichzeitig der Ansicht, man sei ein guter und ein schlechter Mensch. Man hat gleichzeitig eine positive und eine negative Haltung der Zukunft gegenüber. Man liebt und hasst seine Arbeit. Patienten meinen aber häufig, dass alle ihre Gedanken und Emotionen miteinander in Einklang stehen müssen. Dieser Ansatz kann aber nur dann funktionieren, wenn man immer unempfindlicher für Aspekte der eigenen Gedanken und Emotionen wird. Betrachten Sie die Aussage: »Ich bin…«. Sie werden dazu aufgefordert, drei positive Attribute über sich einzufügen, und schreiben: »ehrlich, fürsorglich, fleißig«. Die Inkonsistenz dieser Aussage kann schnell anhand von einfachen Fragen zum Vorschein gebracht werden: »Immer? Bei jedem? In allen Situationen?« Das unangenehme Gefühl, das sich bei diesen Fragen einstellt, zeigt die Übertreibung, die in diesen Aussagen steckt. Nein, natürlich nicht. Nicht immer. Nicht bei jedem. Nicht überall. Wie kann man ehrlich sein und gleichzeitig manchmal lügen? Wie kann man fürsorglich sein, und trotzdem die Bedürfnisse anderer ignorieren oder Freunde im Stich lassen? Jede Aussage zu einer Eigenschaft ist eine Übertreibung. Diese Aufgabe beinhaltet eine wichtige Lektion: Um die intrinsische Äquivalenz zwischen konsistenten symbolischen Netzwerken und Elementen der Welt aufrechtzuerhalten, muss man einigen Aspekten der eigenen Erfahrung gegenüber insensitiv sein. Wenn aber wichtige Elemente ignoriert werden, um eigene Ideen passend zu machen, dann werden diese Ideen für eine Interaktion mit der Umwelt weniger nützlich sein.

Manchmal wird die Aufrechterhaltung einer Konsistenz symbolischer Netzwerke durch das radikale Ignorieren der eigentlichen (intrinsischen) Welt12 erreicht, anstatt durch den Versuch, intrinsische Äquivalenz zu erhalten. Anstatt die grundlegende Wahrheit einer Idee zu verteidigen, wird die Notwendigkeit direkter Erfahrungenzur Evaluation dieser Idee zurückgewiesen. Im vorigen Kapitel wurde eine Art der Regelbefolgung, Pliance genannt, erwähnt. Man reagiert dabei auf symbolische Netzwerke unabhängig von den natürlichen Konsequenzen, die durch die Regel spezifiziert sind, sondern basierend auf zwischenmenschlichen Konsequenzen des regelgeleiteten Verhaltens (z. B. das Kind zieht seinen Mantel an, obwohl es draußen warm ist, nur weil seine Mutter es sagt). In diesem Fall kommt es nur darauf an, der Regel Folge zu leisten. Die Verstärkung erfolgt durch das soziale Umfeld (oder durch denjenigen, der die Regel befolgt), unabhängig davon, was geschieht, wenn die Regel befolgt wird. Das, was in diesem Fall ausschlaggebend ist, ist eine Art sozialer Kohärenz. Kinder, die gesellschaftliche Normen in Frage stellen (»Warum müssen wir…?«), hören als Antwort häufig: »Weil es nun mal so ist« oder »Weil ich es sage«, was gemäß der Relational Frame Theory so viel bedeutet wie: »Das Netzwerk ist in sich und gesellschaftlich konsistent, und nur das ist wichtig.« Wenn sie gehorchen, werden sie gelobt, wenn nicht, werden sie bestraft.

Das Problem in Zusammenhang mit der sozialen Kohärenz ist ähnlich dem der essenziellen Kohärenz: ein Verlust der relationalen Flexibilität (man muss auf eine bestimmte Art denken und handeln) und ein Verlust der Sensitivität gegenüber der direkten Erfahrung (natürliche Konsequenzen des Verhaltens werden ignoriert). Dies führt zum zweiten Problem, das mit grundlegender und sozialer Kohärenz einhergeht: dem Einfluss dieser Arten der Kohärenz auf das Verhalten.

Wenn essenzielle oder soziale Kohärenz das dominante Ziel ist, versuchen Patienten es zu erreichen, indem sie sich entweder an den intrinsischen Eigenschaften festhalten, die vermeintlich ihren Vorstellungen entsprechen, oder diese Eigenschaften vollkommen ignorieren. Unabhängig von der Auswirkung dieser Ideen auf wichtige Dinge in ihrem Leben, richten Patienten ihr Verhalten an ihnen aus, um eine dieser Formen von Kohärenz aufrechtzuerhalten. Das Konzept der Welt, das die Patienten sich so konstruieren, macht es ihnen unmöglich, sich auf ein erfülltes Leben zuzubewegen: »Eine Liebesbeziehung ist unmöglich, weil es eine Tatsache ist, dass ich nicht liebenswert bin«; »Es ist eine Tatsache, dass Angst nicht auszuhalten ist, und ich werde nichts tun, was mich ihr aussetzt«; »Es ist eine Tatsache, dass mein Ehepartner Unrecht hat, also können wir nicht zusammen bleiben.« Soziale Verstärker halten diese Entwürfe aufrecht. Dann ist es für die Patienten noch schwieriger, auf die natürlichen Konsequenzen effektiv zu reagieren: »Ich kann nicht über meine Gefühle sprechen, weil man das in meiner Familie nicht macht«; »Als Mann erwartet man von mir, dass ich meine Familie versorge, also muss ich arbeiten, auch wenn ich krank bin«; »Ich kann meinem Partner nicht sagen, dass ich mehr Zeit mit ihm verbringen möchte, weil er glaubt, das ist albern.« In jedem Beispiel ist die soziale Kohärenz wichtiger, als Dinge zu tun, die das eigene Wohlbefinden unterstützen.

Wie kann man Patienten dabei unterstützen, Kohärenz im Dienste werteorientierten Verhaltens anzustreben, und dabei die Fallen der essenziellen und sozialen Kohärenz vermeiden? Die Antwort liegt darin, Kohärenz mit Flexibilität und Effektivität in Verbindung zu bringen. Gelingt dies, wird Kohärenz funktional: »Wahr« ist, was in Bezug auf einen gewissen Zweck funktioniert. Die unterschiedlichen Elemente eines Netzwerkes gehören noch zusammen, aber intrinsische Äquivalenz oder arbiträre interpersonelle Verstärkung sind nicht das, was die Kohärenz rechtfertigt. Die Art, wie Elemente zusammenpassen, kann sich abhängig vom Einfluss, den diese symbolischen Anordnungen auf die Welt in einem bestimmten Kontext haben, verändern. Ein Kugelschreiber kann ein Tubus sein, wenn er in diesem Moment benutzt wird, um jemanden beim Atmen zu unterstützen. In der funktionalen Kohärenz ist das Wesen einer Beziehung zwischen symbolischen Netzwerken und der intrinsischen Welt primär konditional. Wenn die symbolische Verwandlung eines Kugelschreibers in einen Tubus eine effektive Wirkung auf die Welt hat, dann ist Kohärenz erreicht. Es ist nicht nötig zu ergänzen, dass der Kugelschreiber tatsächlich ein Tubus war, oder dass seine wirkliche Eigenschaft die eines Tubus ist. Er kann kurz darauf dazu benutzt werden, eine Notiz aufzuschreiben. Trotzdem braucht er im essentialistischen Sinne kein Kugelschreiber zu sein.

Der Therapeut kann Patienten dazu hinführen, Sprache distanzierter zu betrachten. Das hilft, essenzielle Kohärenz aufzuweichen. Dies ist nicht einfach, weil sich einmal abgeleitete Bedeutungen durch Symbole ausbreiten. Es ist unmöglich, Äquivalenz zwischen der symbolischen und der tatsächlichen Welt zu unterdrücken, auch wenn es sich dabei nur um ein mentales Konstrukt handelt. Versuchen Sie, einer Unterhaltung im Detail zu folgen, ohne auch ihre Bedeutung zu hören. Das ist fast unmöglich. Sobald das Wort »Milch« fällt, stellt man sich eine weiße Flüssigkeit vor. Wenn man zum ersten Mal eine fremde Sprache hört, dann nimmt man ihren Klang wahr. Für einen Muttersprachler ist dies jedoch extrem schwierig. Essenzielle Kohärenz ist so tief in diesen Symbolen verankert, dass es große Mühen macht, den Denkprozess so zu betrachten, wie man eine Blume oder einen doppelten Regenbogen betrachtet: Man sieht eher eine Erscheinung als das, was sie bedeuten.

Viele Behandlungsmethoden konzentrieren sich darauf, Menschen dabei zu unterstützen, von Sprache einen Schritt zurückzutreten. Dazu gehören unter anderem Meditation, paradoxe Techniken, Kontemplation, Singen, Stille, Yoga, Koans, psychedelische Drogen, spirituelle Rituale, Tanz, Körperarbeit, Defusionstechniken und Aufmerksamkeitstraining. Nur ein Teil dieser Techniken wurde bisher in die evidenzbasierte psychotherapeutische Praxis integriert. Zu einigen liegen mittlerweile Meta-Analysen oder Untersuchungen zu mediierenden Faktoren vor, die ihre Wirksamkeit belegen (siehe Hayes, Villatte. Levin & Hildebrandt, 2011). Diese Behandlungstechniken beschränken zeitweise den Kontakt mit symbolischen Funktionen und interner Konsistenz und intensivieren den Kontakt mit Funktionen, die auf nonverbalen Erfahrungen basieren. So wird die essenzielle Kohärenz verringert. Andere nützliche Funktionen werden verfügbarer. Neue Wege, Dinge miteinander in Beziehung zu setzen, werden eröffnet, weil symbolische Flexibilität wächst.

Doch auch Sprache selbst kann dabei helfen, essenzielle Kohärenz zu verringern und funktionale Kohärenz zu vergrößern. Viele der oben genannten Methoden (z. B. paradoxe Techniken, Koans, Defusionsmethoden, Achtsamkeitstraining) basieren im Wesentlichen auf Sprache. Man kann relationale Netzwerke so konstruieren, dass sie den eigenen Erfahrungen Sinn geben, und die Flexibilität eigener Ideen vergrößert. Inkonsistenzen innerhalb eines bestehenden Netzwerkes werden mit mehr Gelassenheit akkommodiert, gleichzeitig wird die Aufmerksamkeit auf die Effektivität des eigenen Verhaltens gelenkt. In einer Therapie werden Patienten dazu angehalten, relationale Flexibilität zu üben, indem sie sich mit einer Vielfalt an Hypothesen auseinandersetzen und unterschiedliche Perspektiven einnehmen. Zugleich werden sie dazu aufgefordert, ihre vielfältigen und häufig widersprüchlichen Handlungen, Gedanken, Emotionen und Wahrnehmungen als psychologische Ereignisse zu erfassen, die sie beobachten und lediglich als einen Teil ihres Selbst erkennen können. Sie sollen funktionale Kohärenz üben, indem sie die funktionalen Beziehungen verfolgen, die Gedanken, Handlungen und Konsequenzen miteinander verknüpfen und ihre Ziele mit bedeutsamen Werten in ihrem Leben in Verbindung bringen. Techniken wie kontemplative Übungen können Teil dieser offensichtlich verbalen Interventionen werden und so Patienten helfen, mittels Sprache mit ihren Erfahrungen effektiver in Beziehung zu treten. Alle diese Techniken sind darauf ausgerichtet, Funktionen der Sprache zu transformieren. Die grundlegende Botschaft dabei ist, dass alle relationalen Netzwerke auf ihre funktionalen Auswirkungen hin überprüft werden können. Dies macht es leichter, Hypothesen, Perspektivübernahme oder Selbsterkenntnis als solche zu erkennen und einzuordnen.

In den nachfolgenden Kapiteln zu therapeutischen Interventionen wird verdeutlicht, dass soziale und essenzielle Kohärenz nicht immer problematisch sind. Sie können sogar nützlich sein, wenn funktionale Kohärenz nicht gut durch beobachtbare Kontingenzen gestützt wird. So kann eine Therapeutin beispielsweise soziale Kohärenz nutzen, indem sie den Patienten dazu auffordert, eher ihr zu vertrauen, als auf seine eigenen Erfahrungen zu hören. Das kann angemessen sein, wenn gegenwärtig die Urteilsfähigkeit eingeschränkt ist (z. B. wenn der Patient hoffnungslos oder sehr verstört ist), oder weil es ihm an Erfahrungen mangelt, die effektives Handeln unterstützen. Aber selbst hier ist ab einem bestimmten Punkt funktionale Kohärenz erforderlich, um Autonomie zu fördern ( Kap. 5). Ein gewisser Grad an essenzieller Kohärenz13 ist an den Konzepten »Selbst« und »Sinn des Lebens« beteiligt, weil sie Stabilität brauchen, obwohl es sich um symbolische Konzepte handelt, und daher durch das Herstellen von Bezugsrahmen beeinflussbar sind. Die Kapitel 6 und 7 ( Kap. 6 und Kap. 7) werden darstellen, dass das Konzept des Selbst als Behälter psychologischer Erfahrungen, und dass das Ausrichten des Lebens auf Werte und Ziele gute Wege darstellen, um Flexibilität zu erhalten, auch wenn symbolische Konstruktionen als essentiell angesehen werden.

Zusammengefasst besteht das übergreifende Ziel darin, funktionale Kohärenz zu fördern. Dazu ist es wichtig, Patienten dabei zu helfen, auf der Grundlage von Ganzheitlichkeit und Effektivität zu denken und Entscheidungen zu treffen. So sollen alle psychologischen Erfahrungen in flexible Netzwerke integriert werden. Verhalten soll im Dienst eines bedeutungsvollen Lebens stehen

3.1.2 Die übergreifende Strategie: Den Kontext verändern, um symbolische Funktionen zu transformieren
Transformation symbolischer Funktionen

Sprache beeinflusst die Art und Weise, wie Menschen Ereignisse wahrnehmen und auf sie reagieren. Einige Beispiele für die Transformation von Funktionen wurden in den ersten Kapiteln dieses Buches vorgestellt. Dabei wurde deutlich, dass dieser Prozess sowohl Vor- als auch Nachteile aufweist. Weil durch Sprache alles jede Bedeutung erlangen kann, kann fast jedes Ereignis im Leben Menschen die Stärke verleihen, einen werteorientierten Pfad einzuschlagen, aber auch Barrieren aufbauen, die schwer zu überwinden sind. Therapeutische Arbeit ist effektiv, wenn sie eine Veränderung von Funktionen ermöglicht, also die Bedeutung der Erfahrungen des Patienten und deren Einfluss auf sein Verhalten verändert. Der geschickte Gebrauch von Sprache kann symbolische Funktionen fördern, die effektives Verhalten eher unterstützen als verhindern.

Sprache setzt Ereignisse miteinander in Beziehung, aber sie wählt auch die Funktionen von Ereignissen aus, die bereits miteinander in Beziehung stehen. Denken Sie an einen Apfel. Können Sie sich an das Geräusch erinnern, das entsteht, wenn man in einen frischen Apfel beißt? Nun konzentrieren Sie sich darauf, wie es sich in Ihrem Mund anfühlt, wenn Sie ein großes Stück eines knackigen, kalten Apfels kauen – die Textur des Fruchtfleisches, wenn es gekaut wird. Erinnern Sie sich daran, wie der Apfel schmeckt?

Keine dieser Erfahrungen ist neu. Sie standen sofort mit der Aufforderung »Denken Sie an einen Apfel« zur Verfügung. Bis einige weitere Wörter hinzugefügt wurden, waren die vielen Funktionen des Apfels diffus und schwirrten auf eine unorganisierte und ungeordnete Weise durch den Kopf. Anschließend wurden die Funktionen Geräusch (das saftige Knacken eines Apfels), Textur und Geschmack hinzugefügt. Man hätte dies lange so weiterführen können, indem man auf Gewicht, Form, Textur der Schale, Farbe usw. eingegangen wäre. Man hätte den Leser an die Metaphern erinnern können, in denen Äpfel genutzt werden, wie beispielsweise »mein Augapfel« oder »der Apfel fällt nicht weit vom Stamm«. In diesem Kontext geht es lediglich darum aufzuzeigen, wie viele Funktionen bereits implizit angelegt sind, wenn es nur um das einzelne Wort »Apfel« geht. Jemand in der Werbebranche wird selektiver sein, mal das Geräusch, dann den Geschmack oder auch zugeschriebene Funktionen, wie die in der christlichen Tradition verankerte Geschichte von Eva, die Adam einen Apfel anbietet, in den Vordergrund rücken – abhängig davon, ob das Ziel darin liegt, Saft zu verkaufen, Computer oder Reisen nach Las Vegas.

Therapeuten stehen den gleichen Herausforderungen gegenüber. Sie müssen spezifische sprachliche Werkzeuge nutzen, um den Kontakt mit den vorhandenen Funktionen eines relationalen Netzwerkes zu erhöhen, die positive Veränderung fördern. Gleichzeitig müssen sie den aktuellen Kontakt zu vorhandenen Funktionen, die keine positive Veränderung fördern, verringern. Neue Funktionen müssen auf eine angemessene Weise geordnet und bestehende Funktionen mit neuen Ereignissen verknüpft werden, damit der Patient mit Handwerkszeug ausgestattet ist, wenn es darum geht, neue Funktionen auszuwählen.

Betrachten Sie das Beispiel Intimität: Für die Vertiefung von Intimität ist es notwendig, Gefühle miteinander zu teilen. Die Funktionen dieses Teilens sind jedoch vielfältig. Das Teilen von Gefühlen mit anderen kann reizvoll sein, wenn es bedeutet, ein Gefühl von tiefer Verbundenheit zu entwickeln. Es kann aber auch eine aversive Reaktion oder Vermeidung hervorrufen, wenn es mit der Angst vor Zurückweisung oder der Erfahrung, verurteilt zu werden, in Zusammenhang gebracht wird. Wenn Menschen das Teilen von Gefühlen vornehmlich mit Angst vor Zurückweisung verbinden und nicht als eine Gelegenheit sehen, Verbundenheit zu erhöhen, dann ist es unwahrscheinlich, dass sie Gefühle mit anderen austauschen. Wenn sich der Therapeut darauf konzentriert, die Angst vor Zurückweisung zu verringern, oder darauf, dem Patienten diese Angst auszureden, um damit Intimität besser zu ermöglichen, dann kann er dadurch ironischerweise den Kontakt zu genau den Funktionen erhöhen, die größere Intimität verhindern. Er kann das Ziel (Intimität zu steigern) möglicherweise besser erreichen, indem er sich auf die Sehnsucht nach einer echten Verbindung fokussiert. Eine paradoxe Version dieses Vorgehens ist, Funktionen zu nutzen, die als Hinweisreiz Vermeidung hervorrufen, um dadurch Zugang zu Funktionen zu erhalten, die stattdessen Hinwendung fördern. Ein Beispiel dafür findet sich in folgendem Therapiegespräch, in dem einer der Autoren (Steven Hayes) mit einer Frau spricht, die sich von ihrem anspruchsvollen Vater abgelehnt und vernachlässigt fühlt (Hayes, 2009; das Transkript wurde redigiert, um eine angemessene Länge zu gewährleisten und Anonymität herzustellen14):

Therapeut: »Wenn Sie sich eines dieser Gespräche auswählen, und es langsam Wort für Wort betrachten, finden Sie dann etwas Schmerzliches darin?«

Patientin: »Ein bisschen. Okay. Ich bin am Telefon, ich spreche mit ihm und ich denke, dass sich wieder alles um ihn dreht. Ich merke das intuitiv. Wenn er anruft, dann weiß ich, dass es nicht um »Susanne, was ist wirklich los? Wie geht es dir?« geht. Ich glaube nicht einmal, dass mein Vater mich kennt, dass er weiß, wer ich bin. Vielleicht liegt darin ein Teil des Schmerzes.«

Therapeut: »Gut. Da ist aber auch etwas, das bemerkenswert ist… Wäre folgende Feststellung fair? Wenn Sie den verletzten Anteil beiseiteschieben, dann machen Sie etwas Ähnliches mit sich selbst? Es schmerzt Sie, nicht gesehen zu werden, nicht wirklich als die Person gesehen zu werden, die Sie sind. Sie setzen sich damit auseinander, aber die Emotionen, die dabei hochkommen, wenn Sie mit Ihrem Vater kommunizieren, werden nicht deutlich und haben keinen Platz. Ist es dann nicht so, dass das was Ihr Vater mit Ihnen macht, Sie auch mit sich selbst machen?«

Patientin: »Wiederholen Sie das bitte. Ich hab’s nicht ganz verstanden.«

Therapeut: »Gut. Was ich Sie frage, ist Folgendes: Ist es ok, Sie selbst zu sein, mit Ihren Gefühlen und den Gedanken, so wie sie sind?«

Patientin: »Ach so. (Pause) Bin ich einverstanden damit, wie ich bin und mit dem, was ich fühle? Meinen Sie das?«

Therapeut: »Ja.«

Patientin: »Das ist tatsächlich schwer für mich. (Pause). Ich merke es, jetzt, wo ich es sage… Ich bewerte mich ständig und sage mir, ich sollte so oder so sein… was ungefähr dem entspricht, von dem ich sage, dass er es mit mir macht. (lacht) Das hasse ich am Leben!«

Therapeut: (lacht) »Aber Sie wissen, wenn Sie sich mit dem Schmerz auseinandersetzen, lehrt es Sie manchmal etwas. Und hier ist etwas, das es Sie lehren kann. Möglicherweise ist dieser Schmerz wertvoll für Sie, weil er Ihnen etwas darüber vermittelt, was Sie wollen? Was Sie von Ihrem Vater wollen, aber auch etwas…«

Patientin: »…das ich von mir will.«

In diesem Beispiel bringt der Therapeut die Patientin dazu, sich mit den schmerzhaften Funktionen der Ablehnung und Bewertung durch einen kritischen Vater auseinanderzusetzen. Er nutzt eine vorhandene Verknüpfung zum Bedürfnis, ohne Bewertung gesehen und angenommen zu werden (»Ich glaube noch nicht einmal, dass mein Vater mich kennt, dass er weiß, wer ich bin. Vielleicht liegt darin ein Teil des Schmerzes.«). Diese schmerzlichen Funktionen werden nun in die Möglichkeit einer größeren Selbstakzeptanz verwandelt, die vielleicht eine größere Nähe zum Vater möglich macht. Der Therapeut nutzt die Metapher des »Lehrers« und eröffnet so die Möglichkeit, dass der Schmerz über die Ablehnung und die Bewertung deutlich macht, was die Patientin möchte – von anderen und (wie die Patientin selbst hinzufügt) von sich. Die Absicht des Therapeuten ist, den Fokus auf die Wichtigkeit von Offenheit, Akzeptanz, Neugier und Verbindung mit anderen Menschen zu legen und deren Wichtigkeit zu betonen. Dabei wird die Angst vor Ablehnung zu einem Hinweisreiz für diese Funktionen verwandelt.

Eine Möglichkeit, nützliche Funktionen noch schneller zu stärken und sich darauf zu fokussieren ist die, neue Funktionen hervorzuheben, indem man dieselben Worte benutzt, die bereits bestehende Funktionen beschreiben. Beispielsweise kann eine Person, die versucht, Gefühle zu vermeiden, um sich » gut zu fühlen«, dazu aufgefordert werden, das Tempo zu reduzieren und auf ihre Gefühle zu achten, um »gut zu fühlen«. Eine Person mit überkontrolliertem Verhalten, die versucht keinen »Kontrollverlust« zu erleiden, kann dazu ermuntert werden loszulassen, gerade um zu erfahren wie es sich anfühlt »außer Kontrolle« zu sein (mit dem Unterton, dass man »außer« in dem Sinn meint, dass man »außerhalb all dessen« oder »außerhalb dieser Angelegenheit« meint – anders ausgedrückt, wie es sich anfühlt, wenn man »Kontrolle« als Anliegen außen vor lässt).

Die Auswahl und Veränderung der Funktion psychologischer Erfahrungen ist demnach der Schlüssel zu einer effektiven Therapie. Die Frage, die bleibt, lautet »wie?«. Könnten Menschen Funktionen so austauschen, wie sie Glühbirnen ersetzen, wäre die therapeutische Arbeit einfach.

Den Kontext verändern

Der direkte und symbolische Kontext reguliert das Verhalten. Zum Kontext gehören: die biologische Vorgeschichte, die individuelle Vorgeschichte und die aktuellen Umstände. Die Therapeutin wird in der Therapie zu einem Teil des Kontextes des Verhaltens der Patientin und bleibt es dann. Sie kann das, was die Patientin denkt, fühlt, oder wie sie sich verhält, nicht direkt verändern. Ihre Aufgabe liegt deshalb darin, den Kontext, in dem die Patientin denkt, fühlt und handelt, zu verändern. Eine Therapeutin befindet sich nicht im Kopf oder Körper der Patientin. Im Bereich des Denkens modelliert sie hilfreiche Veränderung, unterstützt sie, gibt Anregungen indem sie Hinweisreize verändert und so neue Wege aufzeigt, wie Dinge miteinander in Beziehung gesetzt werden können. Sie verändert so die Funktion von Hinweisreizen (d. h. die Bedeutung und den Einfluss) auf das Verhalten der Patientin.

Wie kann der symbolische Kontext des Verhaltens der Patienten verändert werden? Es gehört zu den Grundlagen der Psychotherapie, dass Addition weitaus nützlicher ist als Subtraktion. Es ist nicht möglich, Teile des relationalen Netzwerks des Patienten zu entfernen, weil Lernen so nicht funktioniert. Aber der Kontext, in dem die Einflussgrößen auftreten, kann verändert werden. Netzwerke können erweitert werden, um alternative, hilfreiche Einflussgrößen einzubinden. Diese Art der Erweiterung verringert die Dominanz problematischer symbolischer Netzwerke, ähnlich wie wenn man einem Glas Salzwasser frisches Trinkwasser zufügt, um es genießbar zu machen.

Das Internet ist eine weitere gute Metapher, um verständlich zu machen, wie die Psyche durch Addition und nicht durch Subtraktion funktioniert. Leistungsfähige Server speichern fast alles, was jemals ins Internet eingespeist wurde. Selbst, wenn es später von einer bestimmten Seite oder Homepage gelöscht wird, kann man über Seiten, die irgendwann einmal gespeichert wurden, nach wie vor auf ein Foto, eine Notiz oder Datensätze zugreifen. Wenn Menschen Opfer von Gerüchten oder Verleumdungen im Internet werden, dann ist es eine gute Methode, die Auswirkung dieser schädlichen Information (unabhängig davon, ob sie wahr oder unwahr ist) zu verringern, indem man sie in anderen Inhalten ertränkt. Wird die unerfreuliche Information mit einer Flut von alternativen Inhalten verwässert, dann ist die Information zwar nach wie vor vorhanden, nicht völlig gelöscht, aber ihre Auswirkung ist geringer. Ähnlich verhält es sich, wenn ein Patient von einem schwierigen Gedanken übermäßig beeinflusst wird (z. B. »Ich bin bei Begegnungen mit anderen Menschen immer so nervös«). Andere Gedanken können generiert werden, um das Verhalten dieses Patienten auf eine vorteilhafte Weise zu beeinflussen, ohne den Versuch zu unternehmen, etwas zu löschen (beispielsweise indem man fragt: »Worin liegt der Vorteil, wenn Sie sich mit anderen Menschen befassen?«). Ein Beispiel für diese Herangehensweise ist kognitive Neubewertung. Und zwar dann, wenn es um kognitive Flexibilität und Kreativität geht, um Erweiterung und Aufbau von etwas Neuem, und nicht um das Ziel, etwas zu beseitigen oder in Frage zu stellen. Wenn Neubewertung dazu führt, dass psychologische Erfahrungen unterdrückt werden, dann verringert sich ihre Nützlichkeit (siehe Kashdan, Barrios, Forsyth & Steger, 2006; Troy, Shallcross & Mauss, 2013).

Das Erweitern von Netzwerken kann auch dazu genutzt werden, die funktionale Kohärenz zu fördern. Ein gutes Beispiel dafür ist, Gedanken einzuordnen. Das kann eine hierarchische oder eine einschließende Beziehung sein, die berücksichtigt, welche Person diese Gedanken hat. So können Gedanken zum Ausdruck gebracht werden, nachdem der Satz mit den Worten »Ich habe gerade den Gedanken, dass __________«. begonnen wurde. Oder es können Gefühle ausgedrückt werden, nachdem der Satz mit »Ich habe gerade das Gefühl, dass __________ anfing. Dies bewirkt, dass die Kategorie der Erfahrungen benannt wird, und die natürliche Hierarchie zwischen dem Beobachter der Erfahrung und der Erfahrungen selbst deutlich wird. Sprache, die eine Perspektivübernahme vornimmt, ist ein weiteres Beispiel dafür. Dieses Beispiel wird intensiv in den Kapiteln beleuchtet, in denen die Probleme behandelt werden, die mit dem Selbst und der therapeutischen Beziehung in Zusammenhang stehen. Nach dem Bericht über einen schwierigen Gedanken kann eine Frage wie »und wer beobachtet diesen Gedanken?« behilflich sein, eine Distanz zwischen dem Gedanken und der denkenden Person aufzubauen.

Bedenken Sie, dass die Erweiterung eines relationalen Netzwerkes nicht notwendigerweise zur Transformation der Funktion führt. Sprechen führt nicht immer zu wirksamer Veränderung. Therapiesitzungen können sowohl beim Therapeuten wie beim Patienten mit einem Gefühl der Frustration darüber enden, dass kein Fortschritt erzielt wurde, obwohl eine große Menge Inhalt bearbeitet wurde. Es kann sogar passieren, dass Reden zu einer Ausweitung des Problems führt, anstatt das Verhältnis des Patienten zu ihm zu verändern. Therapeuten müssen daher die Auswirkungen ihrer Interventionen beobachten und fortlaufend kritisch auswerten, wie die Art und Weise, in der die Patienten auf ihre Erfahrungen reagieren, sich durch die Veränderung des symbolischen Kontexts verändert.

Umgekehrt bedarf die Transformation einer Funktion nicht immer notwendigerweise der Ausweitung relationaler Netzwerke. So können beispielsweise Momente des Schweigens, Mimik, Feststellungen, die als Fragen umformuliert werden, Veränderung in der Haltung oder Momente der inneren Einkehr die Auswirkung der Erfahrungen der Patienten verändern, ohne explizit neue Relationen hinzuzufügen. Lächeln, Nicken, Lachen oder Tränen können Indikatoren dafür sein, dass die Erfahrung des Patienten sich verändert, oder dass er die Welt mit anderen Augen sieht. Manchmal ist es besser, diesen neuen Erfahrungen keine Worte hinzuzufügen.

Lassen Sie uns nochmals die bereits erwähnte Fallvignette betrachten und nachvollziehen, wie der Therapeut den Kontext verändert hat, um hilfreiche Funktionen zu fördern.

Therapeut: »Wenn Sie sich eines dieser Gespräche auswählen, und es langsam Wort für Wort betrachten, finden Sie dann etwas Schmerzliches darin?«

Der Therapeut verändert den Kontext, indem er ihn verlangsamt und zum Kontext den Schmerz hinzufügt, der mit den Gesprächen der Patientin mit ihrem Vater verbunden ist.

Patientin: »Ein bisschen. Okay. Ich bin am Telefon, ich spreche mit ihm und ich denke, dass sich wieder alles um ihn dreht. Ich merke das intuitiv. Wenn er anruft, dann weiß ich, dass es nicht um »Susanne, was ist wirklich los? Wie geht es dir?« geht. Ich glaube nicht einmal, dass mein Vater mich kennt, dass er weiß, wer ich bin. Vielleicht liegt darin ein Teil des Schmerzes.«

Therapeut: »Gut. Da ist aber auch etwas, das bemerkenswert ist… Wäre folgende Feststellung fair? Wenn Sie den verletzten Anteil beiseiteschieben, dann machen Sie etwas Ähnliches mit sich selbst? Es schmerzt Sie, nicht gesehen zu werden, nicht wirklich als die Person gesehen zu werden, die Sie sind. Sie setzen sich damit auseinander, aber die Emotionen, die dabei hochkommen, wenn Sie mit Ihrem Vater kommunizieren, werden nicht deutlich und haben keinen Platz. Ist es dann nicht so, dass das was Ihr Vater mit Ihnen macht, Sie auch mit sich selbst machen?«

Der Therapeut fügt dem Kontext den Schmerz hinzu, den die Patientin sich selbst zufügt, wenn sie Schmerz verdrängt.

Patientin: »Wiederholen Sie das bitte. Ich hab’s nicht ganz verstanden.«

Therapeut: »Gut. Was ich Sie frage, ist Folgendes: Ist es ok, Sie selbst zu sein, mit Ihren Gefühlen und den Gedanken, so wie sie sind?«

Der Therapeut fügt dem Kontext die Möglichkeit hinzu, dass die Patientin ihren Gedanken mit Offenheit begegnet.

Patientin: »Ach so. (Pause) Bin ich einverstanden damit, wie ich bin und mit dem was ich fühle? Meinen Sie das?«

Therapeut: »Ja.«

Patientin: »Das ist tatsächlich schwer für mich. (Pause). Ich merke es, jetzt, wo ich es sage… Ich bewerte mich ständig und sage mir, ich sollte so oder so sein… was ungefähr dem entspricht, von dem ich sage, dass er es mit mir macht. (lacht) Das hasse ich am Leben!«

Therapeut: (lacht) »Aber Sie wissen, wenn Sie sich mit dem Schmerz auseinandersetzen, lehrt er Sie manchmal etwas. Und hier ist etwas, das es Sie lehren kann. Möglicherweise ist dieser Schmerz wertvoll für Sie, weil er Ihnen etwas darüber vermittelt, was Sie wollen? Was Sie von Ihrem Vater wollen, aber auch etwas…«

Der Therapeut fügt dem Kontext die Möglichkeit hinzu, dass der Schmerz mit einem Wert in Verbindung steht.

Patientin: »…das ich von mir will.«

Man kann an dieser Fallvignette erkennen, dass die Techniken, die Therapeuten anwenden, um den symbolischen Kontext zu verändern, verbaler Art (z. B. Fragen, Umformulierungen) oder nonverbaler Art15 (Änderung des Tempos und der Artikulierung) sein können. Sie können bereits existierende Funktionen heranziehen (Schmerz, der mit Gesprächen mit dem Vater in Verbindung steht) oder das Netzwerk des Patienten erweitern und neue Funktionen erschaffen (Schmerz kann etwas über Werte lehren). Fortschritt entsteht dann, wenn eine Veränderung des Kontextes zu einer Veränderung in den aktuellen Funktionen hin zu mehr hilfreichem Verhalten führt.

Dieser Abschnitt zu übergreifenden Zielen und Strategien soll einen strukturellen Rahmen schaffen. Er soll die Anwendung spezifischer symbolischer Werkzeuge anleiten, die die Relational Frame Theory der Psychotherapie zur Verfügung stellt. Therapeuten verändern den symbolischen Kontext und transformieren dadurch die Funktion von Einflussgrößen. So unterstützen sie die Patienten dabei, sensibler für hilfreiche Elemente ihrer Erfahrungen zu werden, effektivere Entscheidungen zu treffen und sich effektiver zu verhalten. Diese Strategie verlässt sich auf den Aufbau und die Erweiterung des Verhaltensrepertoires (einschließlich des Bereichs der Sprache und Kognition) und versucht nicht, bereits vorhandene Erfahrungen zu löschen.

Dieser strukturelle Rahmen zeigt eine Richtung an und gibt Therapeuten allgemeine Anhaltspunkte dafür, wie sie in dieser Richtung vorankommen können. Wir können jedoch eine noch spezifischere Anleitung geben. Dazu möchten wir herausarbeiten, wie die unterschiedlichen Arten, Dinge miteinander in Beziehung zu setzen (z. B. das Herstellen von Bezugsrahmen), den Kontext verändern und symbolische Funktionen psychologischer Erfahrungen transformieren. Im nächsten Abschnitt werden einige dieser »symbolischen Werkzeuge« (d. h. die unterschiedlichen Arten der Bezugnahme) untersucht und Beispiele für deren Anwendung gegeben. Die Beispiele in diesem Kapitel sollen das Potential dieser Werkzeuge aufzeigen. Im weiteren Verlauf des Buches wird dann detaillierter auf ihre Anwendung eingegangen.

3.2 Bezugsrahmen als therapeutische Instrumente

Bezugsrahmen sind eine Sammlung von Sprachfertigkeiten. Der Mensch hat sich im Laufe der Evolution so entwickelt, dass er sie mit entsprechender Übung erwerben kann. In der Therapie sind Bezugsrahmen Instrumente, die Therapeutinnen einsetzen, um den Kontext der psychologischen Erfahrungen der Patientin zu verändern. Sie dienen dazu, eine hilfreiche Transformation von Funktionen zu erreichen. Die Herstellung von Bezugsrahmen kombiniert drei funktionale Elemente: Wechselseitigkeit, Kombination in Netzwerken sowie Transformation von Funktionen. Gelegentlich wird der Begriff »Bezugsrahmen« (wie im Begriff Relational Frame Theory/Bezugsrahmentheorie) genutzt, um über die kleinste Einheit zu sprechen, die praktisch erforderlich ist, um etwas mit Bedeutung zu sagen und beim Zuhören etwas verstehen zu können. Bezugsrahmen sind etwas, das man tut, nicht eine Sache, die man besitzt.

In einem Satz kann es Dutzende von Bezugsrahmen geben. Es geht nicht darum, dass Therapeuten auf jeden davon achten, wenn sie mit ihren Patienten kommunizieren. In Übereinstimmung mit den Vorschlägen, die bereits von anderen Autoren in Zusammenhang mit der Relational Frame Theory vorgebracht wurden (z. B. Luciano, Rodríguez Valverde & Gutiérrez Martínez, 2004), empfehlen wir, sich auf die Bezugsrahmen zu konzentrieren, die für eine Transformation von Funktionen besonders wichtig sind. Diese sollen dann zu einer wirksamen Veränderung des Verhaltens führen. Manchmal sind einige Bezugsrahmen innerhalb eines langen Gespräches von besonderer Bedeutung, um hilfreiche Funktionen zu entwickeln. Betrachten Sie das Beispiel: »Wenn Sie jetzt Ihre Mutter wären und Sie hören würden, was Sie mir gerade erzählt haben… Lassen Sie sich Zeit, um sich wirklich die Situation genau vorstellen zu können, dass Sie jetzt gerade Ihre Mutter sind.« Hier zielt der Therapeut darauf ab, einen Perspektivwechsel herbeizuführen (deiktische Bezugnahme), um den Patienten in die Lage zu versetzen, die Wirkung dessen, was er berichtet hat, nachzuvollziehen. Dieser Perspektivwechsel ist möglich, weil er mit anderen Formen, Bezugsrahmen herzustellen, kombiniert wird. In diesem Fall geht es um einen konditionalen Bezugsrahmen (Wenn Sie Ihre Mutter wären), aber es ist hilfreicher, diese Sequenz als eine Anregung zu einem Perspektivwechsel zu sehen.

Die spezifischen Symbole, die Therapeuten nutzen können, um Bezugsrahmen herzustellen und Funktionen zu transformieren, sind unterschiedlicher Art. Beispielsweise kann die Therapeutin einen deiktischen Bezugnahmen, wie im vorherigen Beispiel, herstellen, indem sie sagt: »Hören Sie sich das jetzt mal vom Standpunkt Ihrer Mutter aus an« oder »Stellen Sie sich vor, Sie wären Ihre Mutter und hören das«. Die Therapeutin kann dieses Ziel sogar nonverbal erreichen, indem sie mit der Patientin den Stuhl tauscht. Entscheidend ist die Funktion der Hinweisreize, die sie einsetzt, um unterschiedliche Arten von Bezugsrahmen zu aktivieren. Einige Hinweisreize erlangen durch eine therapeutische Intervention sogar eine neue spezifische Funktion. Wenn die Therapeutin beispielsweise fragt: »Ist dies im Einklang mit dem, was Ihnen wichtig ist?«, kann es den Patienten dazu bringen, über den Einfluss nachzudenken, den sein Verhalten in Zusammenhang mit einem bestimmten Ziel hat (konditionaler Bezugsrahmen). Ebenso kann es aber die Aufmerksamkeit auf übergreifende Ziele (hierarchischer Bezugsrahmen) richten, nachdem er sich in der Therapie mit Bedeutung und Motivation befasst hat ( Kap. 7). Die im Folgenden aufgeführten Beispiele für Symbole, die spezifische Bezugsrahmen stimulieren, sind besonders typisch. Therapeuten sollten aber immer prüfen, ob die Bedeutung, die sie zu vermitteln versuchen, mit dem übereinstimmt, was der Patient darunter versteht. Oft helfen Bilder, Gesten und Metaphern dabei, diese unterschiedlichen Formen symbolischer Beziehungen deutlicher und dadurch nachvollziehbarer zu machen (z. B. »Und was passierte dann?«, begleitet von einer Handbewegung von links nach rechts). Auf diese Weise wird sichergestellt, dass der Therapeut und der Patient ein gemeinsames Verständnis entwickeln und eine hilfreiche Transformation von Funktionen entsteht.

3.2.1 Bezugsrahmen der Gleichstellung und der Unterscheidung

Die beiden einfachsten Fertigkeiten der Herstellung von Bezugsrahmen sind Gleichstellung (das beinhaltet Äquivalenz, Ähnlichkeit oder gemeinsames Vorkommen) und Unterscheidung (auch Gegensatz). Wenn der Patient sagt: »Ich bin ängstlich« (Ich und ängstlich stehen in einer Beziehung der Gleichstellung) oder »Ich bin nicht bereit« (Ich und bereit stehen in einer Beziehung der Unterscheidung), so ergibt sich daraus ein Hinweis darauf, was er in diesem Moment über sich denkt und fühlt. In der einfachsten Form ihrer Anwendung stellen Bezugsrahmen der Gleichstellung eine Äquivalenz oder Ähnlichkeit zwischen Dingen her, während ein Bezugsrahmen der Unterscheidung einen Unterschied und Ausschluss zwischen Dingen aufzeigt. Diese Fertigkeiten entwickelten sich während der Evolution zuerst – einmal, weil sie einfach sind, aber auch, weil sie zentral dafür sind, Dinge zu benennen. Dies bietet enorme Vorteile für die menschliche Kooperation (es ermöglicht Mitgliedern derselben Kultur, anhand von Symbolen über nicht unmittelbar vorhandene Objekte zu kommunizieren, Kap. 1).

Therapeutinnen setzen diese Formen von Bezugsrahmen häufig ein, um Patientinnen dabei zu unterstützen, über ihre Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen zu berichten und diese zu unterscheiden. Beispielsweise ist die Sprache der Emotionen eine direkte Möglichkeit, anderen unsere Bedürfnisse, Wünsche und mögliches künftiges Verhalten mitzuteilen. Wenn die Fertigkeit der Patientin, Emotionen oder Dinge zu benennen, schwach ausgeprägt oder idiosynkratrisch ist, hat sie es schwer, Wünsche erfüllt zu bekommen. Diese Fertigkeit stützt sich auf die Herstellung von Bezugsrahmen durch Gleichstellung und Unterscheidung. Die Fertigkeit ist auch ein Schlüsselelement bei der Entwicklung flexibler Kontextsensitivität. Wenn Patientinnen in der Lage sind, Einflussgrößen, die Auswirkungen auf ihr Handeln haben, zu beobachten und zu beschreiben, sind sie eher in der Lage, Unterschiede im Kontext zu bemerken und sich ihnen anzupassen, anstatt bei Verhaltensweisen zu bleiben, die nicht mehr hilfreich sind. Patienten, bei denen die Fertigkeit des Benennens wenig ausgeprägt ist, haben häufig Schwierigkeiten, die Ursachen ihres Verhaltens zu verstehen und seine Auswirkungen vorherzusehen. Schwierigkeiten können auch darin bestehen, Ereignisse in ihrer Umwelt auszuwerten, effektiv zu reagieren und sich so zu verhalten, dass ihre Bedürfnisse ausreichend erfüllt werden.

Derartige Probleme können auf vielfältige Art entstehen. Ein Mensch, der aus einer Familie stammt, in der niemand über Emotionen spricht, entwickelt möglicherweise niemals ein Bewusstsein für Emotionen oder die Fähigkeit, sie zu benennen. Trotzdem ist es so, dass Kinder, die in einer solchen Umgebung aufwachsen, normalerweise im Lauf der Zeit Begriffe für Emotionen erlernen. Die Anwendung dieser Begriffe ist aber zu widersprüchlich, ungewöhnlich oder vage, als dass sie gute zwischenmenschliche Fähigkeiten gewährleistet. Stellen Sie sich vor, dass ein Angehöriger ein Kind missbraucht und ihm gleichzeitig sagt, dass er es liebt. Dieses Kind wird ein anderes Verständnis von Liebe und Zuwendung entwickeln, als jemand, der in einer sicheren und liebevollen Umgebung aufwächst. Ein Mensch, der im Umfeld aufbrausender Eltern aufwächst, die ohne Vorwarnung wütend werden, sieht möglicherweise überall Wut, sogar in Gesichtern von Menschen, die gelangweilt, traurig oder glücklich sind (Penton-Voak et al., 2013). Wenn Eltern Kinder dafür bestrafen, dass sie Emotionen ausdrücken, lernen Kinder möglicherweise sie zu unterdrücken. Es ist dann besser, Emotionen zu verleugnen und zu ignorieren, anstatt sie auszuleben und dafür bestraft zu werden. Solche Erfahrungen sind relativ verbreitet. Sie stören die Entwicklung eines Sprachrepertoires, das innerhalb des individuellen Umfeldes eines Menschen weithin angewandt und verstanden wird. Die betroffenen Menschen nennen dann heftige Wut möglicherweise »Irritation«, sie nehmen sexuelle Anziehung als »Ekel« wahr oder halten Langeweile für »Wut«. Ähnliche Prozesse führen auch zu einer Unterdrückung des Bewusstseins und der Kommunikation von Emotionen, da der Kontakt mit der Emotion durch symbolische Benennung verwirrende oder schmerzliche Auswirkungen hat.

Problematische Benennungen sind eine Herausforderung. Therapeuten sollten sich sorgfältig um dieses Thema kümmern. Begriffe, die benutzt werden, um Erfahrungen darzustellen, werden schnell Teil von ausgedehnten relationalen Netzwerken. Dadurch werden Handlungsmuster aufrechterhalten und auch Bemühungen erschwert, problematische Bezeichnungen aufzuspüren und zu verändern. Ein Mensch, der kontextuelle Hinweisreize bei seinen Mitmenschen häufig als Wut interpretiert, wird wahrscheinlich selbst mit Feindseligkeit reagieren (Penton-Voak et al., 2013). Dies kann echte Wut beim Gegenüber provozieren und dadurch problematisches relationales Verhalten verstärken. Ein Mensch, der sexuelle Begegnungen mit dem Begriff »Ekel« beschreibt, obwohl er im biologischen Sinn sexuell erregt ist, erlebt vermutlich Schwierigkeiten mit seiner Sexualität (Cherner & Reissing, 2013). Dies führt zu Problemen in intimen Beziehungen, zu weniger Sex und zu weniger Gelegenheit, die Fertigkeit zu üben, Erregung von Ekel zu unterscheiden. Das Erkennen und Korrigieren schwacher Fähigkeiten der Benennung und Unterscheidung ist eine grundlegende therapeutische Aufgabe. Sie wird erleichtert durch das Verständnis für die Bedeutung, die Bezugsrahmen der Gleichstellung und der Unterscheidung haben, und dafür, wie sie in der Psychotherapie diagnostiziert und verändert werden kann.

3.2.2 Bezugsrahmen des Gegensatzes

Diese Art von Bezugsrahmen stellt eine Beziehung des Gegensatzes zwischen zwei Ereignissen her. Sie ist anders als bloße Unterscheidung, weil sie spezifischer ist. Wenn man die Temperatur von etwas kennen möchte, dann bedeutet es etwas anderes, wenn man weiß, dass sie anders als heiß ist, als wenn man weiß, dass sie das Gegenteil von heiß ist.

Ein Gegensatz ist etwas ziemlich Genaues. Er kann helfen herauszufinden, was der Patient im Bereich seiner Erfahrungen als nicht miteinander vereinbar ansieht, oder was eine Erfahrung aus einer anderen Erfahrung macht. Patienten schieben häufig werteorientiertes Verhalten beiseite, während sie sich darauf konzentrieren, mit psychologischen Problemen zu kämpfen. Gegensätze können den momentanen Aufmerksamkeitsfokus schnell durch Fragen erweitern, wie: »Was würden Sie tun, wenn dies kein Problem, sondern eine Chance ist?«. Patienten, die Verhalten schon lange nicht mehr auf Werte ausgerichtet haben, sind dann möglicherweise nicht in der Lage, zu sagen, was sie wollen. Patienten, die es vermeiden, Emotionen zu benennen, fällt es schwer zu sagen, was sie fühlen. Wenn die Therapeutin in einer solchen Situation die Patientin direkt fragt, was sie möchte, wird die Antwort wahrscheinlich sein: »Ich weiß es nicht.« Wenn die Therapeutin hier Bezugsrahmen des Gegensatzes anwendet, dann macht dieser Kniff es der Patientin leichter zu benennen, was sie weiß, als das, was sie nicht weiß. Dies ist dann besonders hilfreich, wenn die Therapeutin ihre Patientin dabei unterstützt, Hinweisreize, die normalerweise problematisches Verhalten auslösen, in solche umzuwandeln, die eine Gelegenheit bieten, etwas Sinnvolleres zu tun (z. B. »Können Sie sich vorstellen, dass der Drang wegzulaufen ein Zeichen dafür sein könnte, dass Sie in dieser Situation etwas Bestimmtes brauchen?«). Der Gegensatz ermöglicht es der Patientin, Rückschlüsse auf ihre Motivation zu ziehen.

Im folgenden Transkript aus der Therapiesitzung mit der Frau, die sich von ihrem fordernden Vater zurückgewiesen und ungeliebt fühlt, finden wir ein Beispiel, das dieses Vorgehen verdeutlicht (Hayes, 2009; das Transkript wurde redigiert, um eine angemessene Länge zu gewährleisten und Anonymität herzustellen). Ein Teil dieser Therapiesitzung wurde bereits vorgestellt.

Therapeut: »Wenn Sie sich mit dem Schmerz auseinandersetzen, lehrt er Sie manchmal etwas darüber, was Ihnen wichtig ist – wie Sie mit sich und anderen umgehen wollen. Wenn Menschen Sie behandeln, als wären Sie unsichtbar, dann tut das weh. Sie sind darüber ärgerlich. Wie wäre es, wenn Sie das umdrehen und sich fragen, okay, was sagt mir das darüber, was mir im Leben wichtig ist? Sie sind verletzt, weil Sie etwas brauchen.«

Patientin: »Gut. Das kann ich nachvollziehen.«

Therapeut: »Also, was brauchen Sie? Lassen Sie mich das mal auf eine möglicherweise seltsame Art ausdrücken. Was müsste Ihnen egal sein, damit Sie sich nicht verletzt fühlen, wenn Sie behandelt werden, als wären Sie unsichtbar? Ihr Vater und die Beziehung zu ihm sind Ihnen wichtig, Sie wollen aber auch, dass diese Beziehung etwas darstellt. Ist das zutreffend? Sie wollen, dass sie ehrlich ist; Sie wollen, dass sie echt ist; Sie wollen gesehen werden.«

Patientin: »Das will ich tatsächlich. Ja. Das will ich. Wirklich. Das trifft es tatsächlich. Darum tut es mir weh.«

Bezugsrahmen des Gegensatzes (z. B. »Was müsste Ihnen gleichgültig sein, damit Sie nicht verletzt werden können?«) sind viel besser anwendbar, als es möglicherweise zunächst erscheint. Therapeuten können Patienten erfolgreich dabei helfen, besser zu verstehen, was vorhanden ist, indem sie sich bewusst machen, was nicht vorhanden ist. Patientinnen können herausfinden, was sie tun wollen, indem sie sich ansehen, was sie bisher nicht getan haben oder nicht tun konnten. Die indirekte Herangehensweise erlaubt es der Therapeutin, Widerstand zu verringern und durch eine Art Hintertür Wege in vermiedenes oder geschütztes Terrain zu finden.

Der Bezugsrahmen des Gegensatzes steht auch im Mittelpunkt von Paradoxie und Ironie. Beides kann die Bereitschaft erhöhen, schmerzhafte Erlebnisse genauer anzusehen. Hilfreich ist hier geschickt eingesetzter Humor oder auch eine gewisse Respektlosigkeit. Ein Therapeut kann beispielsweise sagen: »Eine echt tolle Erfahrung, was?« oder »Genau das wollten Sie – NICHT«, während man schwierige Erlebnisse diskutiert. Solche Aussagen können gut eingefahrene Vermeidung aufbrechen.

3.2.3 Bezugsrahmen der Bedingung

Die Herstellung von Bezugsrahmen der Bedingung ist nützlich, um Wirksamkeit von Verhalten einzuschätzen. Es geht darum, die Auswirkung von Verhalten nachzuverfolgen oder herauszufinden, welches Verhalten für das Erreichen eines bestimmten Ziels hilfreich sein kann. Ein besonders deutlicher Nutzen besteht darin, den Bezugsrahmen auf mögliche zukünftige Ereignisse auszudehnen (z. B. »Was wird geschehen, wenn Sie Ihrer Partnerin sagen, dass Sie sie lieben?«; »Was würden Sie tun, wenn Sie Ihren Kindern näher sein wollen?«; »Welchen Schritt könnten Sie als nächsten unternehmen, um diesem Ziel näher zu kommen?«). Die Nutzung von Bezugsrahmen der Bedingung beschränkt sich nicht auf allgemeine Problemlösestrategien. Sie kann die Erfahrungen von Patienten normalisieren oder validieren. Therapeutinnen können sie einsetzen, um die Auswirkung kontextueller Variablen auf Gefühle, Gedanken oder Handlungen anzuerkennen (z. B. »Angesichts dessen, was Sie erlebt haben, ist es logisch, dass Sie diese Gefühle haben« – d. h. Wenn Sie dies durchmachen, dann haben Sie diese Gefühle). Sie können sie verwenden, um mögliche Kontingenz zu erkunden (z. B. »Wenn Sie das tun würden, was glauben Sie, würden Sie dann fühlen?«), oder um die Motivation anderer Menschen zu verstehen (z. B. »Was glauben Sie, erhoffte sich Ihr Vater, als er das tat?« – d. h. welche Konsequenz hätte sein Verhalten haben sollen?). Wenn die Therapeutin konditionale Bezugsrahmen rasch erkennt, kann sie Patientinnen dabei unterstützen, implizite Bewertungen oder problematische Schlussfolgerungen wahrzunehmen. Das gilt vor allem dann, wenn Patientinnen ohne Absicht ihren eigenen Selbstwert oder ihre Selbstakzeptanz von einer Bedingung abhängig machen (z. B. »Sie versuchen hier Anerkennung zu erhalten. Übernehmen Sie dabei nicht eine bestimmte Regel? Ich werde nur gut sein, wenn ich…«).

Beziehungen der Ursache und Wirkung in der Psychologie entfalten sich über die Zeit (d. h. eine antezedente Bedingung geht einem Verhalten voraus, auf das wiederum eine Konsequenz folgt). Daher sind zeitliche Bezugsrahmen (z. B. stimuliert durch die Worte »danach« oder »davor«) oft mit konditionalen Bezugsrahmen verknüpft, so wie bei kausalen Beziehungen immer auch eine Korrelation vorhanden ist. Das gilt aber nicht umgekehrt. Das Erkunden einer Kontingenz mit einem Patienten kann mit der Frage beginnen: »Was geschah, nachdem Sie das getan haben?«, gefolgt von »Und glauben Sie, dass das durch Ihr Verhalten verursacht wurde?«. Ganz so, wie ein Wissenschaftler Korrelationen betrachtet, um dadurch dem Verständnis für kausale Zusammenhänge einen Schritt näherzukommen.

3.2.4 Bezugsrahmen des Vergleiches

Die Herstellung von Bezugsrahmen des Vergleiches ist neben der Herstellung von Bezugsrahmen der Bedingung das Element, das beim Problemlösen und logischem Denken eine maßgebliche Rolle spielt. Es handelt sich um zwei übergreifende Fertigkeiten, die beim Erreichen alltäglicher Ziele und großer Projekte des Lebens hilfreich sind. Sie dienen auch dazu, die therapeutische Arbeit zu lenken. Ein Bezugsrahmen des Vergleiches steckt in Sätzen wie: »Welche Alternative ist effektiver: Aufstehen oder im Bett bleiben?« »Welche dieser beiden beruflichen Möglichkeiten ist die, die Sie eher zufriedenstellt?« »Fühlen Sie sich nach dem Konsum von Alkohol eher gestresster oder weniger gestresst?«. Bezugsrahmen des Vergleiches sind besonders hilfreich, um die Effektivität alternativer Verhaltensweisen herauszuarbeiten. Dies gilt besonders dann, wenn die kontextuellen Hinweisreize, die den Vergleich regulieren, auf Erfahrung beruhen. Es ist einfach, Vergleiche komplett durch arbiträre soziale Hinweisreize zu regulieren. Dies geschieht beispielweise bei der Aussage, »Ein Dime ist mehr wert als ein Nickel16 «. Dabei legen die intrinsischen Merkmale dieser Münzen einen anderen Schluss nahe. Die direkten Konsequenzen eines Verhaltens, das durch arbiträre Vergleiche reguliert wird, sind dagegen nicht arbiträr. Patienten können durch das, was sie erwarten, erhoffen oder befürchten in die Irre geführt werden und dabei übersehen, was ihre Erfahrung Ihnen rät. Stellen Sie sich vor: Ihrem Patienten wurde ein neuer Arbeitsplatz angeboten und er bittet Sie um Rat, ob er annehmen soll. Hier kann es nützlich sein, einen erfahrungsbasierten Vergleich anzuwenden, der mehr mit den natürlichen als den arbiträren Merkmalen der alternativen Optionen verknüpft ist:

Therapeut: »Versuchen wir einmal eine andere Herangehensweise. Es ist möglicherweise hilfreich festzustellen, wie Sie reagieren, wenn Sie sich die beiden alternativen Möglichkeiten durch den Kopf gehen lassen.

Stellen Sie sich zuerst vor, dass Sie Ihren jetzigen Arbeitsplatz betreten. Nehmen Sie sich die Zeit sich auszumalen, wie Sie den Flur hinuntergehen, die Tür zu Ihrem Bürobereich öffnen, Ihre Sekretärin begrüßen und sich hinter Ihren Schreibtisch setzen. Reduzieren Sie das Tempo – beobachten Sie, wie sich das anfühlt. Achten Sie auf Ihren Körper. Achten Sie auf die Gedanken, die Ihnen in den Kopf kommen.

Nun lassen Sie uns dasselbe mit Ihrem neuen Arbeitsplatz machen. Stellen Sie sich vor, wie Sie diesen anderen Flur hinuntergehen, die Tür zu Ihrem Bürobereich öffnen, Ihre Sekretärin begrüßen und sich hinter Ihren Schreibtisch setzen. Und öffnen Sie sich wieder für das, was Sie fühlen. Beobachten Sie Ihren Körper. Beobachten Sie die Gedanken, die Ihnen spontan kommen. Reduzieren Sie das Tempo… Was bemerken Sie?«

Patient: »Mein Körper fühlt sich schwer an, wenn ich mir vorstelle, wie ich durch die Räume meines jetzigen Arbeitsplatzes gehe. Meine Gedanken sind ängstlich, wie auf Abwehr. Das passiert tatsächlich – das ist nicht nur meine Vorstellung. Wenn ich mir den neuen Arbeitsplatz vorstelle, passiert etwas anderes. Ich bin auch dort ängstlich, vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Es geht aber darum, ob ich es schaffe, die Chancen zu nutzen. Es ist eine Herausforderung. Ich frage mich, ob ich dem gewachsen bin, aber es ist nicht belastend, alt und vorhersehbar. Es ist neu…«

Ähnlich wie bei Bezugsrahmen der Bedingung ist es hilfreich, Bezugsrahmen des Vergleiches rasch zu erkennen, und dadurch auf problematische Problemlösestrategien aufmerksam zu werden. Vor allem Vergleiche, die nicht auf eigener Erfahrung basieren, sind ein mögliches Zeichen für einseitiges Denken, das Menschen häufig aus der Gegenwart zu in der Vergangenheit wurzelnden Bewertungen oder in eine mit Angst behaftete Zukunft führt. Dies ist nur so lange unproblematisch, als hieraus hilfreiche und erwünschte Problemlösestrategie entstehen. Ist diese Denkweise jedoch automatisiert und führt nicht zu wirksamem Verhalten, dann ist diese Strategie nicht zielführend. Dies gilt besonders für Grübeln über nicht der direkten Erfahrung zugängliche Ereignisse.

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