Kitabı oxu: «Zwei Kontinente auf Reisen»
Jenny Karpe
Zwei Kontinente auf Reisen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 01
Kapitel 02
Kapitel 03
Kapitel 04
Kapitel 05
Kapitel 06
Kapitel 07
Kapitel 08
Kapitel 09
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Danksagung
Impressum neobooks
Kapitel 01
Die Insel am anderen Ende des Meeres zerfiel. Mit brachialer Gewalt trennte ein unsichtbarer Riese Stücke davon ab, als wäre das Land nur ein trockener Kuchen, den es zu verspeisen galt. Donnernd und schäumend versank das Gestein in den Fluten. Die Abendsonne tauchte die fallenden Körper in rote Schatten.
Kira hatte längst begriffen, dass sie nichts tun konnte, trotzdem wollte sie sich nicht abwenden. Die Insel erinnerte sie an einen gigantischen Pilz aus Stein. Von dessen Schirm rutschten allmählich die Gebäude einer Kleinstadt. Das Mädchen hatte sich schon manches Mal gefragt, wie stabil der niedrige, dürre Hals dieser Insel sein konnte. Die Antwort schnürte ihr die Kehle zu.
Kira wollte näher herangehen, doch die Füße berührten bereits den Rand ihrer Heimat. Viele Meter unter ihnen trug der Ozean einige Überreste der Nachbarinsel an die Klippen. Das bedrohliche Tosen übertönte beinahe die Stimmen der Erwachsenen, die sich seit den Morgenstunden auf dem Marktplatz gegenüberstanden, um einander lautstark zu beschimpfen. Einige Gassen trennten sie von Kira, weshalb sie die zerbrechende Insel vermutlich nicht hörten. Allerdings war es wahrscheinlicher, dass sie zu abgelenkt waren.
Sie überlegte, ob die Erwachsenen verstummen würden, wenn sie tatsächlich neben ihr stünden und sehen könnten, wie ihre Nachbarn starben. Auch ihre Insel hatte schon gebebt, aber bislang hatte sie gehalten.
Mittlerweile konnte das Mädchen die Ruinen und das Gestein kaum voneinander unterschieden. Es beunruhigte sie, dass sie keine Hilferufe hören konnte, daran war das brüllende Meer schuld. Die Menschen, die gemeinsam mit den Trümmern in die Tiefe fielen, waren bloß Schemen. Nun brach ein gewaltiges Stück von der Insel ab. Gischt stob auf, als der Felsbrocken auf den Ozean traf.
In einer Mischung aus Furcht und Faszination legte Kira den Kopf schief. Einer ihrer langen roten Zöpfe rutschte über die rechte Schulter. Sie waren ungleichmäßig geflochten, viel zu eilig. Ihre Eltern hatten heute nicht viel Zeit für sie erübrigen können. Vielleicht fragten sie sich nicht einmal, wohin ihre Tochter verschwunden war. Kira knetete ihre Finger und schürzte nachdenklich die Lippen. Ihre alten, schwarzen Lackschuhe waren von Staub bedeckt, einer der knielangen Strümpfe hatte den Halt verloren und war bis zum Knöchel hinabgerutscht. Die hellblaue Bluse lugte zerknittert aus dem grauen Rock, in den sie gestopft worden war.
Wie lange ihre Eltern brauchen würden, um sie an der schmalen Klippe zwischen den Häuserschluchten zu finden? Es war wohl die beste Lösung, zum Marktplatz zurückzukehren, um ihnen die Suche zu ersparen. Anderseits würden sie ihr sowieso nicht glauben, wenn sie von der sterbenden Insel berichtete. Außerdem war das Chaos viel zu faszinierend.
Der steinerne Pilz in der Ferne verlor in diesem Moment die Hälfte seines Schirmes. Sie konnte Straßen erahnen, die für Sekundenbruchteile zu einem Murmellabyrinth wurden. Menschen, Bäume und viele kleine Gegenstände rutschten abwärts und schlugen gegen die Gebäude, bevor alles in sich zusammensackte.
Niemand wusste genau, ob Kiras Heimat auch wie ein Pilz aussah. Unzählige Male hatte sie danach gefragt, immer wieder gab es ausweichende Antworten. Bekannt war nur, dass die Insel zu hoch war, um hinunter ans Meer zu gelangen. Außerdem war sie zu klein für zwei Völker.
Mitten in den lauter werdenden Stimmen und dem Getöse der alles verzehrenden Fluten ertönte ein Knirschen. Kira fuhr herum und entdeckte einen Jungen, der ein oder zwei Jahre älter war als sie. Sie kannte ihn nicht, aber seine dunklen Haare verrieten ihr, dass er wahrscheinlich ein Ruaner war.
»Wow«, entfuhr es ihm. Er blieb hinter Kira stehen und starrte auf die zerfallende Insel. Ein Wohnhaus rutschte ab und versank zwischen den Wellen. »Wir sollten den Erwachsenen Bescheid sagen!«
»Dann geh doch.« Kira blickte stur geradeaus und betete, dass der Junge kehrtmachte und sich als Lügner beschimpfen ließ. Stattdessen sprach er unbeirrt weiter.
»Meinst du, das kann auch mit uns passieren?« Er zeigte mit beiden Händen auf die Insel, als würde eine nicht ausreichen. Seine Stimme war nervig, und das lag nicht nur daran, dass er laut sprechen musste. Kira blähte die Backen und warf ihm einen verächtlichen Blick zu. Dabei bemerkte sie einen schwarzen Ohrring an seinem linken Ohr, was sie eigenartig fand. Verschorfte Schrammen an seinen Handgelenken und den Knien unterhalb der blauen Shorts ließen sie vermuten, dass er oft stürzte. Der Gedanke ans Fallen erinnerte Kira an die Frage des Jungen.
»Bestimmt passiert das mit uns, wenn die Erwachsenen so weitermachen!«, rief sie und wandte den Blick wieder ab. Sie glaubte tatsächlich, dass ihre Insel zerbrechen konnte. Ihre Eltern sprachen manchmal vom Kippen, wenn sie glaubten, dass Kira im Hinterhof spielte und nicht zuhörte.
»Ich finde das total übertrieben«, kommentierte er laut. »Mein Vater ist auch dabei, aber ich glaube, er ist der Einzige, der …«
»Sei bitte mal ruhig, ja?« Kira trat weiter vor, ohne den Blick von der Insel zu lösen. Sie näherte sich einem kleinen Vorsprung zu ihrer Rechten, der mit vertrockneten Grasbüscheln übersät war. Der Wind pfiff hier so stark, dass alle anderen Geräusche übertönt wurden. Nur die nervige Stimme des Jungen wollte nicht verstummen.
»Für wen hältst du dich, hm? Du bist bestimmt … erst sieben Jahre alt?«
»Ich bin acht!«, brüllte Kira. In der Ferne stürzte ein weiterer Brocken in die See. Offenbar hatte der unsichtbare Riese nicht vor, etwas von der Insel übrig zu lassen – er wurde sogar noch gefräßiger.
»Und ich bin schon zehn!«, rief der Junge, ohne seinen Platz zu verlassen. »Du solltest auf mich hören!«
»Du weißt doch, Amerikaner hören nicht auf Ruaner«, murmelte sie den Lärm hinein. Sie hatte das von ihrem Vater, er betonte das bei jeder Gelegenheit. Seit die Diskussionen auf dem Marktplatz andauerten, konnte sie ihn am Frühstückstisch kaum ertragen. In gewisser Weise war es ein Glücksfall, dass die Erwachsenen heute so früh zu Streiten begonnen hatten, dass sie morgens nicht einmal essen konnten. Kira überlegte, welches der beiden Völker die Debatte zuerst unterbrechen würde, weil alle hungrig wurden.
»Hey, Aaron! Da steckst du!«
Ein gebräunter Junge mit krausem Haar tauchte zwischen den Ruinen auf. Kira verlor jegliche Hoffnung, das Spektakel in Ruhe beobachten zu können. Bevor Aaron etwas erwidern konnte, schrie der andere Junge auf. Kira glaubte zunächst, dass er gestolpert war, doch als sie sich umdrehte, stand er noch immer verdattert auf beiden Füßen.
»Die Insel! Die bricht ja zusammen!«
Seine Stimme war noch greller als Aarons. Kira hielt sich demonstrativ die Ohren zu, nahm ihre Hände aber herunter, als Aaron den Mund öffnete.
»Ja, Marv!«, rief dieser genervt. »Die Erwachsenen haben es noch nicht bemerkt!«
»Die streiten zu laut, um es zu hören«, meinte Kira, aber der Krach verschluckte ihre Worte. Marv schüttelte aufgeregt den Kopf. Angst spiegelte sich in seinen Zügen.
»Sie müssen es sehen!«
Ohne ein weiteres Wort stürmte er davon, wobei er beinahe über die Überreste eines umgekippten Maschendrahtzaunes stürzte. Kira hoffte, dass Aaron es ihm gleichtat. Stattdessen blieb er stehen und betrachtete den steilen Rand der Insel.
»Hey, Mädchen!« In seiner Stimme lag plötzliche Sorge. »Magst du nicht zurückkommen? Das sieht gefährlich aus!«
»Hol mich doch«, entgegnete sie. »Ich habe einen Platz in der ersten Reihe!«
»Die erste Reihe wird immer in Mitleidenschaft gezogen, das weiß jeder!«
»Was für ein Blödsinn«, rief Kira. »Geh einfach. Du nervst.«
Aaron verschränkte die Arme. »Ich will die Insel aber auch untergehen sehen.« Der Wind brauste auf und schlug gegen seine Shorts.
»Dann halt einfach die Klappe!«
Kira spürte seinen gebannten Blick im Rücken, als sie einen weiteren Schritt nach vorne tat. Sie stand nun fast am Ende des Vorsprungs, ihr kleiner Körper wurde von aufgebauschten Wolken umrahmt.
»Du hältst dich für besonders mutig, oder?«, grummelte Aaron, seine Stimme wurde mit jedem Wort leiser.
Kira genoss den Augenblick der Ruhe und beugte sich nach vorne, um einen Blick auf den unteren Rand der Insel zu erhaschen. In diesem Moment zitterte die Erde, Kira verlor das Gleichgewicht. Es war, als wäre ein Mehlsack in ihrer Magengrube aufgetaucht, der sie hartnäckig nach unten zog. Ihre Arme wirbelten durch die Luft, die dünnen Beine schwebten über dem Abgrund. Da war nichts mehr unter ihren Füßen. Noch ehe sie nach etwas greifen konnte, spürte sie Hände an ihrem Bauch. Jemand ging einige Schritte rückwärts und stellte sie auf ihre geleeweichen Füße. Der Boden darunter zitterte immer noch. Eine tiefe Schramme zog sich an Kiras Schienbein entlang, vor lauter Schreck brach sie in Tränen aus.
»Papa!«, rief Aaron entgeistert.
Kira sah verwundert auf und betrachtete den Mann, der sie gerettet hatte. Er beugte sich über sie und hob sie hoch, wobei er beruhigende Worte flüsterte. Vorsichtig entfernte er sich von der Kante, während Kiras Schluchzen lauter wurde.
»Alles ist gut, ja? Beruhig dich, ich habe dich.«
An einer der umliegenden Häuserwände blieb Aarons Vater stehen und setzte sie behutsam auf den Boden. Ihre blassen Wangen kribbelten, Tränen zogen feine Linien über ihr Gesicht.
»Das war knapp, was hast du dir nur dabei gedacht? Wäre ich nicht gewesen, wäre das übel ausgegangen! Pass das nächste Mal bitte besser auf.« Er atmete tief aus und schien trotz allem erleichtert zu sein. »Wie heißt du?«
Der Mann klang harsch und nett zugleich, als wäre ihm bewusst, dass er Kiras Schmerz mit seinen belehrenden Worten nur verschlimmerte. Er sah Aaron ähnlich, allerdings trug er eine moderne Brille mit runden Gläsern und einen dunkelgrünen Schal über seinem Mantel. Sein Bart ließ ihn wie Käpt‘n Brummbär aus Kiras Lieblingsgeschichten wirken, aber das behielt sie für sich.
»K-Kira«, brachte sie zusammen mit einigen Tränen hervor.
»Sehr erfreut, Kira. Ich bin Augustin, Aarons Papa.« Der Mann lächelte, sein Gesicht legte sich in gutmütige Falten.
»D-danke, dass Sie mich gerettet haben«, wimmerte sie. Noch immer klammerte sie sich an Augustins Ärmel.
»Hör mal, ich könnte niemanden abstürzen lassen!« Seine Empörung war echt. Augustin hob kurz den Kopf, um Aaron einen Blick zuzuwerfen, doch der sah wieder hinaus aufs Meer. Auch er war kreidebleich und zitterte. Sein Vater verzog für einen Sekundenbruchteil das Gesicht, dann wandte er sich wieder Kira zu.
»Du bist aber ein Ruaner«, meinte sie.
»Na und?«
»Die Ruaner lassen die Amerikaner sterben.«
Augustin wich so plötzlich zurück, dass sich Kiras Finger ruckartig aus dem Stoff lösten.
»Was erzählst du für einen Unsinn? Ich möchte gar nicht wissen, wer dir das beigebracht hat, Kira. Wir mögen uns zwar manchmal nicht, aber niemand sollte andere Menschen sterben lassen, weil sie aus einem anderen Volk stammen!«
»F-find ich auch.«
»Dann sag so etwas bitte nicht.«
Das Mädchen antwortete nicht, biss sich kopfschüttelnd auf die Unterlippe und zerdrückte zwei weitere Tränen. Augustin hockte sich direkt vor sie, während er geschäftig in seinen Manteltaschen wühlte.
»Okay, Kira. Ich habe eine Idee …«
Mit einem Mal hielt er ein kupferfarbenes Teleskop in den Händen, das mit türkisen Ranken versehen war. Es verschwand beinahe in seinen großen Händen. Mit einem Lächeln überreichte er es ihr, doch Kira hatte Mühe, das filigrane Werkzeug zu halten, weil sie immer noch zitterte.
»Das ist ein Taschenteleskop. Es ist praktisch, wenn man Dinge beobachten will, die weit weg sind, zum Beispiel die Sterne oder einen Streit. Damit musst du nicht so nahe an den Rand gehen.« Er nickte nach hinten, in die Richtung der zerbrechenden Insel.
»Papa, die Insel zerfällt«, meinte Aaron zögernd. »Wundert dich das gar nicht?« Allmählich war er nicht mehr blass, sondern scharlachrot im Gesicht.
Augustin erstarrte für einen Moment, blinzelte verwirrt und schien erst jetzt zu verstehen, was die Kinder an diesem Ort verloren hatten. »Ich fürchte, ich war etwas abgelenkt«, stammelte er. Seine Augen weiteten sich, die Kinnlade entglitt ihm nahezu. Der Schirm des steinernen Pilzes war beinahe verschwunden. »Wir müssen sofort zum Marktplatz, Kinder.«
Schon hatte er sowohl Aaron als auch Kira an den Händen gepackt. Das Mädchen klammerte sich an ihr Geschenk und schluchzte leise. Blut rann erneut an ihrem Bein herunter und wurde erst am unteren Ende von dem gummilosen Strumpf aufgehalten. Der Weg zum Marktplatz war kurz, führte jedoch um acht Häuserecken herum. Das alte Kopfsteinpflaster wies Löcher auf, in denen sich Regenwasser sammelte. Es war der erste Regen seit Monaten gewesen und hatte die Streitigkeiten ausgelöst. Die Ruaner waren überzeugt, dass die Amerikaner ihr Wasser stahlen – und umgekehrt.
»Marv hat uns gewarnt«, keuchte Augustin. »Die anderen wollten ihm nicht glauben, zum Glück vertraue ich den Freunden meines Sohnes.«
»Was werden die Erwachsenen tun?«, wimmerte Kira.
»Sich aufregen«, antworteten Augustin und Aaron wie aus einem Mund. Sie liefen durch einen halb zerstörten Bogen, der sich zwischen zwei efeubedeckten Häusern spannte. Dahinter lag der ovale Marktplatz der Insel, der von alten Gebäuden gesäumt war. Mehr als die Hälfte davon war eingestürzt, Bretter und Steine stapelten sich vor herausgebrochenen Türen. Die lauten Stimmen der Männer echoten hundertfach über das Pflaster. Flüche quollen wie blubbernder Schlamm aus der Menge.
Geradeaus ragte ein silberner Turm in die Luft, dessen Spitze violett im Abendlicht schimmerte. Davor waren die schwelenden Schornsteine einer verletzten Stadt zu sehen. Die Bretterbuden auf dem Platz waren verschlossen, denn heute war niemand hergekommen, um einzukaufen. Obwohl die Schatten länger wurden, wollte offenbar keine der beiden Parteien den Streit vertagen.
»Der Junge hatte recht!«, verkündete Augustin laut. Vier Dutzend Erwachsene drehten gleichzeitig die Köpfe. Für einen Moment sah Augustin aus, als wäre er über diese Reaktion überrascht.
»Was soll das heißen?« Aus der Menge trat ein hochgewachsener, blonder Mann hervor, der den Gang eines Hahns besaß.
»Dass ich recht hatte, Khan Elliott!«, rief Marv, der sich irgendwo im Gedränge verbarg. »Die andere Insel bricht auseinander wie ein rostiges Schiff!«
Der blonde Mann strich mit einer Handbewegung sein glänzendes Haar zurück und betrachtete Augustin und die beiden Kinder aus zusammengekniffenen Augen. Sein Fuß wippte unruhig auf und nieder.
»Kira!«, rief eine weitere Stimme aus der Menge. Ein fülliger Mann bahnte sich einen Weg durch die Menschen und stolperte zu dem Mädchen. Eugene Solomon entriss sie ihrem Retter so ruckartig, dass Kira Mühe hatte, das Teleskop festzuhalten. Mit einem feindseligen Blick, der einer ungeduldigen Schlange gleichkam, taktierte ihr Vater den Ruaner und wollte gerade einen abschätzigen Kommentar ablassen, als Augustin den Kopf schüttelte und beharrlich weitersprach.
»Khan Elliott, es ist wahr«, verkündete er. »Sie können selbst zu dem Vorsprung am Ende dieser Gasse gehen und es überprüfen. Auf dem Ozean zerbricht eine Insel.«
Ein Raunen ging durch die Anwesenden, dann wurde es still. Ein fernes Grollen war zu vernehmen, ähnlich eines nahenden Gewitters. Einige legten den Kopf in den Nacken, konnten jedoch nur vereinzelte Wolken am rot leuchtenden Himmel erkennen.
»Das ist die Insel«, beharrte Augustin. In seinem Blick glomm Wut auf. »Geht sie euch ansehen, na los!«
Für wenige Sekunden hielten alle inne, dann kam Bewegung in die Menge. Sowohl Ruaner als auch Amerikaner liefen auf die kleine Gasse zu, während Kira in Eugenes Armen warten musste. Ihr Vater blieb stehen und wetterte leise vor sich hin. Erneut flogen derbe Flüche durch die Luft. Ein Amerikaner fiel keuchend zu Boden, als ihn eine beleibte Ruanerin mit beiden Händen vor seine Brust stieß. Ein junger Amerikaner mit ungeschickt kombinierter Kleidung, bestehend aus einer spiegelnden Sonnenbrille, Rollkragenpullover und einer braunen Cordhose, zückte ein Jagdmesser, das die gesamte Menge erstarren ließ. In diesem Moment gab der Boden unter ihren Füßen ein beunruhigendes Geräusch von sich. Es klang, als glitt ein Elefant eine zu enge Rutsche hinunter.
»Sofort stehen bleiben, allesamt!«, fluchte Khan Elliott. Er richtete erneut seine Frisur, obwohl sich seit dem letzten Mal rein gar nichts verändert hatte. »Wir können nicht gleichzeitig dorthin gehen, es würde die Insel kippen lassen.«
»Das ist idiotisch, warum sollten wir kippen?«, rief jemand. Ein anderer brüllte: »Du hast es sogar selbst bemerkt, dämlicher Amerikaner!«
»Ruhe jetzt!« Khan Elliott fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, als wolle er auf diese Weise eine Biene verscheuchen. »Ich gehe allein nachsehen.«
»Das kannst du vergessen!« Eine glasklare Stimme erhob sich und zerschnitt die Menge wie ein heißes Messer. »Du glaubst doch nicht, dass die Amerikaner hier das Sagen haben, oder?«
Basílissa Hana von Ruan trat hervor, ihr blondes, wildes Haar zu unzähligen Zöpfen geflochten. Sie trug einen bodenlangen, dunkelgrünen Rock mit so starken Falten, dass man sich daran schneiden konnte. Der Khan und die Basílissa schienen aus zwei völlig unterschiedlichen Epochen zu stammen, und doch gingen sie demselben Beruf nach: Sie waren die Herrscher ihrer winzigen Völker.
»Ich meinte, dass ich als einziger Amerikaner nachsehen werde«, korrigierte sich Elliott kläglich. »Hana, du kannst natürlich mitkommen.«
»Das will ich wohl meinen.«
Die Herrscherin der ruanischen Bevölkerung erhielt vereinzelte Jubelrufe. Sie trat zu dem Khan und warf einen gefälligen Blick über ihre Schulter. Niemand wagte es, zu widersprechen. Vereinzelt gingen die Bürger zurück an den Platz, an dem sie vor dem gemeinsamen Aufbruch gestanden hatten, offenbar aus Angst, die Insel durch ihre bloße Anwesenheit erneut zu erschüttern. Der Khan und die Basílissa wandten ihrem Volk den Rücken zu und verschwanden leise diskutierend zwischen den Häusern.
»Wie kann es sein, dass wir kippen? Hier ist nicht der Mittelpunkt der Insel, oder?«, rief ein amerikanischer Jugendlicher. Er deutete anklagend auf den silbernen Turm, der aus den größtenteils zerstörten Häusern ragte. »Der Tower ist unser Mittelpunkt, er hat schließlich das Feld in einem gleichmäßigen Radius erstellt!«
»Was du nicht sagst«, kommentierte eine Ruanerin spottend. »Aber du vergisst, dass die Häuser und Hügel an unterschiedlichen Orten zu finden sind. Das hier ist kein Teller, auf dem alle Kartoffeln gleichmäßig verteilt sind, verstehst du das nicht?«
Der Jugendliche hob spöttisch eine Augenbraue und sah aus, als wäre es die Frau, die dringend mit einer Kartoffel verglichen werden musste. Noch ehe er den Mund öffnen konnte, bebte der Boden erneut. Alle hielten inne, einige zogen ihre Arme eng an die zitternden Körper.
»Oh je, oh je!«, rief eine Frau, die mit wehendem Haar und laut klackernden Schuhen auf der amerikanischen Seite verschwand.
»Es wird Zeit, dass die Grenze gezogen wird«, rief jemand lautstark aus der Menge.
»Ja, dann muss ich dich nicht mehr ertragen, Findus!«
»H-hört doch mal auf zu streiten!« Kira wand sich in den Armen ihres Vaters und sah aus, als würde sie die Dickköpfe jeden Moment wie ein übermütiger, aber wütender Welpe anspringen.
»Kira, sei still!«, zischte Eugene, der sie nun noch stärker festhielt. »Benimm dich!«
»Sie hat recht.« Augustin trat an seine Seite und zwinkerte Kira zu. »Die Kinder sind wenigstens vernünftig.«
»Hören Sie auf, meine Tochter anzustarren«, giftete Eugene und drehte sich von Augustin weg, als würde er sein liebstes Spielzeug vor ihm beschützen.
»Mein Papa hat Kira gerettet, Mister!«, ging Aaron dazwischen. Sein schwarzer Ohrring zitterte dabei. »Sie wäre sonst von der Klippe gefallen!«
Etwas in Eugene schien zu zerbrechen. Kira stellte sich vor, dass es sich dabei um ein Glas weißer Farbe handelte, denn im nächsten Moment war seine wutverzerrte Miene erbleicht.
»Ist das wahr?«, fluchte er. »Kira! Du sollst nicht am Rand der Insel spielen, wie oft soll ich dir das noch verbieten?!« Seine Worte nahmen an Fahrt auf, jetzt sah er Aaron zum ersten Mal in die Augen. »Hast du mit diesem ruanischen Jungen gespielt?«
»Nein, Papa!«, beteuerte sie, eilig den Kopf schüttelnd. Einer ihrer Zöpfe schlug dabei in Eugenes Gesicht, was Augustin kurz grinsen ließ. »Ich wollte, dass er weggeht! Ich wollte nur die Insel sehen, die zerbricht!«
»Kind, die Inseln können nicht zerbrechen. Du und deine blühende Fantasie!« Er warf Augustin einen kumpelhaften Blick zu, der in etwa »Kinder, nicht wahr?« bedeutete, ehe ihm einfiel, dass Augustin ein Ruaner war.
»Ich habe es auch gese—«, begann Aaron, doch sein Vater ließ ihn verstummen, indem er ihm sanft eine Hand auf die Schulter legte.
»Shh«, machte er. »Es ist zwecklos.« Augustin zwinkerte Kira zu, dann schob er Aaron nachdrücklich von den Amerikanern fort. Während sie den beiden nachsah, schloss Kira ihre Hände fester um das Teleskop.
»Woher hast du das?« Eugene beugte sich vor und betrachtete kritisch die filigranen Malereien im Metall. »Hat dir das dieser Spinner gegeben?«
»Gefunden«, haspelte Kira. Sie schluckte schwer und sah Eugene an, ohne sich zu bewegen. Er war wie ein übergroßes Spinnenwesen, das sie in einen klebrigen Kokon gewickelt hatte. Eugene wusste, dass sie log, aber er hatte keine Gelegenheit, darauf einzugehen.
»Die Grenze verläuft nicht genau durch das Auffangbecken, das wäre absurd!«
Die Köpfe auf dem Markt drehten sich in Richtung der Gasse, aus der Khan Elliott und Basílissa Hana streitend zurückkehrten. Obwohl sie sich große Mühe gaben, stets eine gewisse Erhabenheit auszustrahlen, war davon im Moment wenig übrig. Der kräftige Wind an der Kante hatte Elliotts Frisur vollkommen zerstört. Der Khan schüttelte gerade den Kopf.
»Es muss sein, sonst zetert ihr weiterhin ständig herum, dass wir euch das Wasser wegnehmen würden.«
Hana blieb stehen und öffnete ihren zartroten Mund einige Male, dann ließ sie genervt die Wut aus ihrer Nase entweichen und hob den Kopf.
»Volk von Ruan, Volk von Amerika!«, rief sie und stemmte die Arme in die Hüften. »Es ist wahr! Unsere Nachbarinsel ist gerade zerbrochen und zu großen Teilen im Meer versunken. Das ist jedoch kein Grund zur Beunruhigung!«
Alle Anwesenden, egal ob Amerikaner oder Ruaner, waren wie erstarrt. Niemand glaubte der Basílissa ein Wort, nicht einmal ihre eigenen Bürger.
»Kein Grund zur Beunruhigung?«, wiederholte Eugene. »Ihr habt selbst gesagt, dass die Inseln nicht zerbrechen können! Wer weiß, was die dort drüben falsch gemacht haben – vielleicht haben sie sich nur falsch bewegt? Niemand weiß, wohin wir noch gehen können! Wir müssen unsere Völker auf den beiden Hälften lassen. Wenn wir weiterhin planlos umherlaufen, wird das üble Konsequenzen haben.«
»Ach, denen glaubst du?«, grummelte Kira. Sie strampelte unruhig und versuchte erneut erfolglos, sich aus dem starken Griff ihres Vaters zu lösen. »Lass mich los!«
»Damit du wieder beinahe eine Klippe herunterfällst? Das kannst du vergessen, Kind! Und jetzt benimm dich endlich, das ist ja kaum auszuhalten.«
»Wie war das?« Hana trat näher und betrachtete Kira eingehend. Besorgt sah sie dabei zu, wie sich das Mädchen erfolglos abmühte. Das Blut an ihrem Bein war noch nicht getrocknet. »Du wärst beinahe von der Kante gefallen?«
»W-war mein Fehler, es tut mir leid!«, jammerte Kira. Sie gab auf und hing schlapp in Eugenes Armen. »Mich hat euer Streit gestört, ich … wollte das nicht mehr hören. Als ich ganz nah am Meer war, habe ich nicht mehr verstanden, worüber ihr streitet.«
Die anderen Erwachsenen lauschten Kira schweigend. Sie waren regelrecht ergriffen, obwohl sie ahnten, dass es keine Viertelstunde dauern würde, bis sie erneut einen Streit begannen. Spätestens beim nächsten Regen würde alles von vorne losgehen.
»Mädchen, bitte! Wir streiten uns ab sofort nicht mehr.« Die Basílissa beugte sich zu Kira vor und ignorierte den spöttischen Blick von Khan Elliott. »Erwachsene sind manchmal doof, oder? Die streiten sich oft. Wir haben beschlossen, dass wir noch heute eine Grenze ziehen. Ihr Kinder werdet sie nicht mehr übertreten, und die gefährlichen Bereiche werden wir mit Zäunen absperren.«
Kiras Augen weiteten sich vor Schreck. Sie öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, doch Elliott schnitt ihr das Wort ab.
»Also, meine Damen und Herren – die Grenze zwischen Ruan und Amerika läuft durch den Marktplatz, den Tower und das Regenauffangbecken. Auf der ruanischen Seite sorgen die Getreidefelder für die Grundnahrung, die Amerikaner werden auf ihre Gewächshäuser zugreifen. Es ist sinnvoll, dass wir den regelmäßigen Markt fortführen, um eine ausgewogene Ernährung zu gewährleisten. Die verbleibenden Medikamente werden je nach Bedürfnissen verteilt.« Khan Elliott sah sich nach Beifall heischend um, niemand reagierte. Der Schreck saß noch immer in allen Knochen.
»Ich weiß, es ist heute etwas viel«, beschwichtigte Hana. »Die Tatsache, dass eine Insel zerbrechen oder kippen kann, ist beängstigend. Aber wir können das Problem in den Griff bekommen, wenn wir uns voneinander fernhalten. Die vergangenen neun Monate haben gezeigt, dass wir nur so fortbestehen können – wir haben akzeptiert, dass wir uns nicht akzeptieren können.« Ausnahmsweise schienen der Khan und die Basílissa einer Meinung zu sein, was seit der Katastrophe beinahe nie vorgekommen war. Kira fragte sich, wie sie so ruhig bleiben konnten.
»Unser besonderes Augenmerk legen wir auf die Kinder«, pflichtete der Khan der Basílissa bei. Er deutete auf Kira, die bleich vor Entsetzen die Luft anhielt. »Sie sind unsere Erben. Sollten wir keine Rettung bekommen, müssen wir uns darauf einstellen, mit ihnen die menschliche Rasse fortbestehen zu lassen.« Ein spöttisches Grinsen überfiel ihn. »Nun, wenn die ruanischen Kinder wild herumlaufen, ist das natürlich nicht mein Problem. Aber – Amerikaner! – wir sind gezwungen, unsere Kinder nicht mehr mit denen von der anderen Seite spielen zu lassen!«
Hana warf ihm einen abschätzigen Blick zu, ihre Fäuste ballten sich. »Es reicht allmählich«, zischte sie. »Lass es nicht wieder eskalieren.«
»Bitte, bitte«, machte Elliott und hob abwehrend beide Hände. Eine seiner öligen Haarsträhnen rutschte ihm in die Stirn. »Lasst uns die Grenze ziehen. Habt ihr Farbe, Ruan?«
»Das ist nicht wirklich euer Ernst!«, rief Augustin. Mit wehendem Schal trat er zwei Schritte vor und bedrohte den Khan mit seinem Zeigefinger. »Ihr wollt tatsächlich die letzte Möglichkeit begraben, Frieden zwischen unseren Völkern zu schaffen?«
»Frieden?«, wiederholten Elliott und Hana synchron.
»Ich bitte dich, Augustin«, spottete die Anführerin der Ruaner. »Wir hatten genügend Zeit, um zu verstehen, dass es nicht funktioniert. Vielleicht sitzen wir noch lange auf dieser Insel fest – und jeder weitere Tag mit den Amerikanern ist eine Qual.«
»Beruht auf Gegenseitigkeit«, merkte Elliott an. Er schaffte es nicht, die Strähne zurück zu den anderen zu streichen. Immer wieder glitt sie ihm in die Stirn, was ihn offenbar ebenso wahnsinnig machte wie die Anwesenheit der Basílissa. Kira konnte beide nicht leiden.
Da zog Aaron seinen Vater am Ärmel. Er sah zu ihm hinauf und schüttelte sanft den Kopf. »Hör auf, Papa. Selbst Kira hat gesagt, dass sie nichts mit mir zu tun haben will.«
»Ja, weil du feige bist!«, kommentierte Kira lautstark, wobei sie vergaß, dass das Geschenk, das sie noch immer umklammert hielt, von Augustin stammte.
»Das reicht jetzt!« Eugene drehte sich um und trug die fluchende Kira davon. Sie konnte nur noch sehen, wie Elliott die Arme verschränkte und erst zu Augustin, dann zu Hana sah.
»Also, was ist?«, fragte der Khan. »Habt ihr noch Farbe?
Kapitel 02
Die Grenze leuchtete als helle Linie auf dem Marktplatz, noch ehe der Rest der benachbarten Insel in die Fluten gestürzt war. Kira saß in ihrem Zimmer fest. Ihr Vater hatte ihr verboten, zurück an die Kante zu gehen. Sie wohnten eine schmale Gasse vom Marktplatz entfernt, die Stadt versperrte die Sicht zum Meer. Wenn Kira sich Mühe gab, konnte sie allerdings ein kleines Stück der weißen Farbe sehen, die zwischen den Häusern aufblitzte. Dafür musste sie sich auf ihren wackeligen Schreibtisch stellen, was ihr ein mulmiges Gefühl gab. Die Erinnerung an ihren Sturz ließ sie schnell wieder heruntersteigen.
Misstrauisch betrachtete sie den Tisch, als wäre er schuld an der ganzen Situation. Da er sich erwartungsgemäß nicht rührte, gab sie auf und sah sich gelangweilt im Zimmer um. Bis unter die Decke standen Bücherregale, denn ihre Mutter nutzte den Raum als Bibliothek. Kira konnte nicht lesen, und sie mochte den Geruch der alten Seiten nicht. Emilia Solomon hingegen meinte, es gäbe auf der Insel kaum etwas Wertvolleres. Wenn sie mit Kiras Vater sprach und den Schatz im oberen Stockwerk erwähnte, wusste Kira nie, ob ihre Mutter die Bücher oder ihre Tochter meinte.
Wut kroch in ihr hoch, verstopfte ihre Kehle wie ein widerspenstiges Wort. Am liebsten wäre sie Kreise gelaufen, bis sie sich beruhigt hatte, doch das Zimmer war zu schmal dafür. Also warf sich Kira auf das Bett und wollte gerade ihr Gesicht in den Kissen vergraben, als ihr das kupferne Taschenteleskop entgegenrollte und an den Kopf schlug.
»Au«, fluchte sie, rieb sich die Schläfe und betrachtete das schöne Werkzeug skeptisch. Warum hatte Augustin es ihr gegeben? Es sah viel zu wertvoll aus, um es grundlos zu verschenken. Außerdem hatte er ihr heute das Leben gerettet, warum machte er ihr danach ein zweites Geschenk? Noch dazu war sie eine Amerikanerin.
Kira sprang vom Bett und griff nach dem Teleskop. Es hatte drei kleine Beine, damit es sicher auf dem Schreibtisch stehen konnte. Sie richtete das Okular aus und sah gespannt durch die große Linse. Alles, was sie sah, war das zerschlagene Fenster des gegenüberliegenden Hauses. Es war winzig und stand auf dem Kopf. Kira zog ihren Kopf ruckartig zurück und betrachtete das Gerät verwirrt. Sie brauchte einen Augenblick, um ihren Fehler zu bemerken. Nervös drehte sie die größere Linse in Richtung der Fensterscheibe, atmete tief durch und wagte einen erneuten Blick.
Jetzt sah sie alles richtig herum, das Fenster war gigantisch. Sie konnte die fein verästelten Risse in der Scheibe sehen, die sie an einen kahlen Baum erinnerten. Sanft bewegte sie das Teleskop. Für einen Moment wurde ihr schwindelig, dann entdeckte sie tatsächlich das weiße Stück Grenze.
Kira blähte die Nasenflügel und wich von dem Teleskop zurück. Hatte sie gerade richtig gesehen? Schnaubend beugte sie sich vor und drückte die große Linse leicht nach unten. Tatsächlich! Genau in der Mitte ihres Sichtfeldes stand dieser dunkelhaarige Zehnjährige und sah zu ihr hoch.
»Frechdachs«, grummelte sie und sprang auf. Kira schnappte sich ihre Strickjacke, die über der Stuhllehne hing, und stürmte aus dem Zimmer. Auf dem Flur erinnerte sie sich, dass ihr Vater ihr Hausarrest erteilt hatte, also lauschte sie aufmerksam. Endlich vernahm sie sein vertrautes Schnarchen, das aus dem Wohnzimmer die hölzerne Treppe hinaufdrang. Gleichzeitig hörte sie ihre Mutter in der Küche mit Geschirr klappern. Kira lächelte, wobei sie angestrengt ihre Zunge zwischen den
Zähnen einklemmte. Sie schlich zur Treppe und nahm jedes Mal eine Stufe, wenn ihr Vater ausatmete. Dabei gab er ein tiefes, schnodderiges Dröhnen von sich, das die Insel durchaus kippen lassen könnte. Kira war aus der Haustür gehuscht, ehe Eugene zehn Mal am Untergang ihrer Heimat gearbeitet hatte.
Noch immer war es warm draußen. Der Wind pfiff unangenehm zwischen den Häusern hindurch und fuhr unter ihre Kleidung. Die meisten trugen trotz der Hitze, die sich in den vergangenen neun Monaten kaum verändert hatte, Schals und langärmelige Jacken. Der Wind brachte Staub mit sich, der gegen die Haut prasselte.
Kira schlenderte möglichst gelassen zu Aaron hinüber, obwohl ihr Herz schneller schlug. Sie fand den Jungen ziemlich unheimlich. Warum stand er dort und starrte? Hatte sie ihm nicht deutlich genug gesagt, er solle verschwinden? Eigentlich hatte sie damit nicht nur den Rand gemeint, sondern jeden Ort auf der gesamten Insel.
»Hey, die Insel ist groß. Warum stehst du ausgerechnet hier?«, begrüßte sie ihn möglichst lässig, wobei sie ihre Arme unkoordiniert baumeln ließ. Bis auf den Jungen waren lediglich zwei Menschen auf dem Platz. Ein Schreiner hämmerte an einem der Marktstände herum und ein ruanisches Mädchen lief zwischen den Gassen auf der anderen Seite umher, ohne in die Nähe der Grenze zu kommen.
»Du bist frech«, entgegnete Aaron. Er krempelte die Ärmel seines dunkelroten Pullovers hoch, als wäre das eine Drohung. »Wollte nur sehen, ob du mit dem Teleskop zurechtkommst.«
Kira musterte ihn von oben bis unten und stellte fest, dass er mit der Schuhspitze auf der Grenze stand.
»Ja, komme ich. Ich bin schon groß.«
»Du bist sieben.«
»Ich bin acht, hörst du nicht zu?« Kira zwängte die Augen zusammen und sah ihn durchdringend an. »Du bist ein ganz schön feiges Huhn, Aaron.«
»Das hast du schon einmal gesagt.«
Während Kira sich weiter über die Grenze lehnte, wich Aaron einen halben Schritt zurück und hob die Hände, als wäre sie ein schnüffelnder Jagdhund.
»Kannst du das mal lassen?«, fluchte er.
»Feiges Huhn! Traust dich nicht mal über die Grenze!«, stichelte Kira weiter.
»Ja, weil die Grenze ganz frisch gestrichen ist.« Aaron deutete auf den Boden, die Farbe glänzte kaum noch.
»Ach was«, spottete Kira. »Dann pass auf!«
Sie hob angriffslustig die Arme und ging einen langsamen und großen Schritt vorwärts, direkt über die Linie. Überrascht schnappte Aaron nach Luft und wankte. Schon stand er genau auf der Grenze, blickte hinab und stellte verärgert fest, dass die Farbe klebrig war. Dann erkannte er Kiras süffisantes Grinsen.
»Du hast gehört, dass sich die Erwachsenen um uns sorgen«, meinte Aaron finster. Er löste seinen Fuß vom Weiß und trat zurück auf die ruanische Seite, wobei er dünne Spinnweben aus Farbe hinterließ. »Machen wir es ihnen nicht noch schwerer.«
»Zwei Worte!«, höhnte Kira. Aaron stöhnte und rollte mit den Augen, bevor sie weitersprach. »Feiges Huhn!«
»Ich bin über die Grenze gegangen, was willst du denn noch?«, entgegnete er.
»Was wohl.« Kira blähte die Backen und funkelte ihn wütend an. »Ich möchte wissen, warum mich dein Papa heute gerettet hat.«
»Mein Papa ist nett. Er hält nichts davon, dass sich unsere Völker streiten.« Aaron lächelte schelmisch. »Oder hast du etwa nicht zugehört?«
»Das meinte ich nicht«, widersprach Kira. »Eigentlich wollte ich nicht wissen, warum er mich gerettet hat, sondern warum du es nicht getan hast. Du warst doch gleich da und hättest mich auffangen können.« Innerhalb weniger Worte klang sie traurig.
Aaron erstarrte.
»Tut mir leid«, brachte er hervor. »Ich wollte dir helfen, aber—«
»Ich verstehe schon« giftete Kira. Mit einem großen Schritt trat sie zurück auf die amerikanische Seite, um sich vor Aaron aufzubauen. »Dein Leben als feiges Huhn hat dich daran gehindert.«
Mit diesen Worten stapfte sie davon. Kurz spielte sie mit dem Gedanken, sich noch einmal umzudrehen, doch dann verschwand sie wie der sandige Wind in den Schatten.
***
Keine einzige Wolke zeigte sich am Himmel, stattdessen war der Mond groß und rund zu sehen. Es war früher Nachmittag, und Kira richtete das kleine Taschenteleskop akribisch auf den Schemen aus, der wie ein blindes Auge über sie wachte. Sie liebte es, wenn der Mond tagsüber zu sehen war.
Seit einer halben Stunde hockte sie mit unendlicher Geduld im Innenhof und hatte sich zum Ziel gesetzt, von Anfang an alles fehlerfrei zu machen. Sie drehte das Gerät richtig herum, putzte eifrig über die Linse und bewegte das Rohr manchmal einige Millimeter vor, um es dann wieder an die ursprüngliche Position zu rücken. Allmählich nahmen kühle Schatten den kleinen Innenhof ein, der hinter dem Haus ihrer Eltern lag. Zu ihrer Linken und Rechten erhoben sich baufällige Häuser, die seit der Katastrophe unbewohnt waren. Ein Amerikaner wühlte sich an diesem Nachmittag durch die lockeren Bodendielen des linken Hauses, wobei er sich nicht bemühte, leise zu sein. Ein metallenes Scheppern unterbrach Kiras Konzentration, sie konnte aber nichts Verdächtiges entdecken. Ihr Blick suchte eilig den Innenhof ab und blieb an den kleinen Gemüsepflanzen hängen, die mitunter das einzige Grün waren, das man im Zentrum der Insel finden konnte. Die meisten Bäume hatten die Katastrophe nicht überlebt. Wenn es nicht der Sturm gewesen war, der sie entwurzelt und fortgerissen hatte, dann waren es die Menschen, die im Anschluss das Holz für den Wiederaufbau benötigen. Von jeder Art war ein Baum geblieben, verteilt über die gesamte Insel. Kira wusste, wo einige zu finden waren, die meisten waren viele Gehminuten entfernt. An heißen Tagen spannten die Völker daher große Sonnensegel zwischen den Ruinen auf, damit sie statt der Bäume Schatten spendeten.
»Na, schau mal einer an!«
Kira schreckte hoch und sah in das spitze Gesicht von Celia. Sie war schon elf Jahre alt und galt als das stärkste Mädchen Amerikas. Der Kopf mit den schulterlangen, akkurat geschnitten Haaren schaute über den Bambuszaun, der den Innenhof säumte. Für einen Augenblick hatte sie geglaubt, dass dort eine hungrige Krähe gelandet war, doch Celia war viel schlimmer.
»Kiiira!«, flötete sie. »Magst du nicht mit uns spielen kommen?«
Ihre dünnen, starken Finger spannten sich an der Kante des Zaunes, als wollte die Krähe sich davon abstoßen, um zu ihrem Nest zu fliegen.
»Wir hätten dich so gerne dabei. Vor allem, seit du ein hübsches neues Spielzeug hast.« Von der anderen Seite drang Gekicher herüber.
»Das ist kein Spielzeug«, sagte Kira hastig. Ihre Finger waren wie gelähmt, als sie nach dem Teleskop greifen und es unter ihrer Strickjacke verstecken wollten. Sie wusste, dass das kindisch war.
In diesem Moment hüpfte Celias schwarzes Haar auf und ab. Sie holte kurz Schwung und zog sich mit einem Ruck am Zaun hoch. In einer fließenden Bewegung sprang sie hinüber und landete sicher wie eine Katze im Innenhof.
»Bitte, Celia!«, flüsterte Kira zaghaft, auf der Suche nach einer glaubwürdigen Lüge. »Es gehört meinem Vater!«
»Ist mir egal, wem es gehört.« Celia trat näher. Obwohl der Rest ihrer Bande feige hinter dem Zaun hocken blieb, war sie ebenso bedrohlich wie fünf starke Jungen. »Du bekommst schließlich mehr Ärger, wenn es deinem Vater gehört!«
Mit diesen Worten streckte sie ungeduldig die Hand aus und machte eine vielsagende Bewegung mit ihrem Zeigefinger.
»Verschwinde, mach schon! Oder i-ich rufe meine Eltern!« So entschlossen wie möglich stellte sich Kira vor sie und funkelte böse, doch Wut war nicht das einzige Gefühl, das in ihren Augen stand. Ohne es bemerkt zu haben, hatten sich Tränen angestaut, die nur auf den richtigen Moment warteten, um ihre Wangen herunterzulaufen. Kira wusste, dass Celia ihr das Teleskop wegnehmen würde.
»PAPA!«, rief Kira über ihre Schulter. Als sie den Kopf zurückdrehte, griff Celia rabiat nach dem Teleskop und lachte. Das Schnarchen aus dem Wohnzimmer verstummte zwar, aber Kira wusste, dass es zu spät war. Ihre Finger rutschten ab und überließen Celia das kupferfarbene Gerät. Die Krähe sah das Teleskop nicht einmal an. Mit einem bösartigen Lächeln hob sie es und öffnete nacheinander ihre Finger.
»Nein!«, rief Kira. Die Linse traf genau auf die hervorstehende Kante eines Pflastersteines und zerbrach mit einem fremdartigen, beängstigend lauten Knacken. Celia grinste, als sie Kiras Tränen fließen sah.
»Tja«, murmelte sie, zuckte mit den Schultern und war wenige Bewegungen darauf hinter dem Bambuszaun verschwunden.
Kira ließ sich auf den Boden sinken und versuchte, nicht laut zu weinen. Sie hob das Teleskop auf, aber drehte es nicht, denn sie wusste, dass es zerstört war. Ihr Geschenk von Augustin, dem tapferen Vater des feigen Huhnes. Ihrem Lebensretter.
In diesem Moment wurde die Tür zum Innenhof zur Seite geschoben, Eugene tauchte darin auf.
»Hast du gerufen? Warum weinst du?« Er blieb stehen, um die Lage zu überblicken, dann beugte er sich besorgt zu ihr herunter und streichelte über Kiras Rücken. »Ach, Kind, hast du es fallen gelassen? Du bist aber auch ungeschickt.«
Kira schüttelte unter Tränen den Kopf und wagte es nicht, von Celia zu erzählen.
»Ist alles nur halb so wild«, meinte Eugene und hob sie hoch. Kira umklammerte das Teleskop und versuchte, nicht daran zu denken, wie die zersplitterte Linse aussah.
»Kannst du es reparieren, Papa?«
Eugene lachte kurz auf. »Hach, du bist süß. Du weißt doch, dass ich zwei linke Hände habe.«
Das stimmte. Überall im Haus, wo Ausbesserungen nötig waren, sah es aus, als wäre ein kleiner Junge mit seinem ersten Werkzeugkasten aktiv gewesen. Eugene schaffte es nicht einmal, ein Bild gerade aufzuhängen. Er war der Meinung, dass zwei Nägel dafür nicht ausreichten und hämmerte oft so lange Löcher in die Wände, bis Emilia ihm den Hammer wegnahm und ihn fluchend anwies, Mörtel und Farbe zu besorgen.
Diese Tatsache bekümmerte Kira so sehr, dass sie kurz überlegte, ihrem Vater das Teleskop an den Kopf zu werfen und ihn dafür anzuschreien, ein schlechter, unfähiger Mensch zu sein. Er war vor der Katastrophe ein Immobilienmakler gewesen, ihn brauchte mittlerweile niemand mehr. Die Leute bezogen die Häuser, die am wenigsten zerstört waren, und stahlen sich Möbel und Ersatzteile aus den Ruinen. Manche Häuser waren erst durch die Plünderungen unbewohnbar geworden.
Seit einem halben Jahr arbeitete Eugene jede Nacht als Wachmann in einem Lagerhaus für Lebensmittel, wodurch er tagsüber meistens im Bett, in seinem samtblauen Lieblingssessel oder auf dem Marktplatz bei einer Diskussion zu finden war. Nun trug er Kira ins Haus und redete weiter auf sie ein, doch sie hörte nicht mehr zu.
Ihr Vater setzte sie mitten im Wohnzimmer ab und streichelte ihr unbeholfen über den Kopf, dann wartete er darauf, dass Kira in ihr Zimmer ging. Schließlich rümpfte sie die Nase, machte kehrt und lief in die Küche.
»Mama«, flüsterte sie. »Mama!«
Emilia Solomon saß am Küchentisch und löste ein Kreuzworträtsel, während auf ihrem Gasherd ein Topf mit Tomaten-Kartoffelsuppe köchelte. Ihre langen, hellroten Haare waren ihr ins Gesicht gefallen, wo unzählige Sommersprossen gezählt werden wollten. Kira wusste, dass sie vier Punkte mehr als ihre Mutter besaß. Auf der Fensterbank hinter ihr standen in bunten Töpfen Emilias letzte Kräuter, daneben ruhte eine winzige Gießkanne. Das einzige Geräusch war ein sanftes Blubbern.
Ihre Augen hellten sich auf, als Emilia sie erblickte. Sie senkte den Stift und zeigte innerhalb weniger Sekunden Freude und Besorgnis zugleich. Schon schob sie den Stuhl zurück und eilte zu Kira, die ihre Tränen immer noch nicht aufhalten konnte.
»Schatz! Was ist denn passiert?«
»Die blöde Celia hat mein Teleskop kaputt gemacht!«, wimmerte sie und hielt ihr das leicht zerbeulte Metall entgegen. Ihre Mutter runzelte die Stirn und ignorierte das Teleskop völlig.
»Celia? Ich dachte, du warst nicht auf der Straße, Schatz.«
»Sie ist über den Zaun geklettert, die blöde Krähe. Ich will nicht mehr draußen spielen, Mama!«
Emilia schüttelte den Kopf, nahm ihr mit einer galanten Bewegung das Teleskop ab und schloss ihre Tochter in die Arme.
»Es wird alles gut, Kira. Ich wurde früher oft geärgert, und sieh mich an. Mir geht es gut. Deine Wut wird verfliegen.«
»Die hat mein Teleskop kaputt gemacht!«, zeterte Kira und trommelte mit der flachen Hand auf dem Rücken ihrer Mutter herum. »Diese fiese Krähe hat mein Teleskop einfach kaputt gemacht!«
»Ich habe schon einmal mit Celias Mutter über ihr Verhalten gesprochen, mehr kann ich nicht tun«, meinte Emilia hilflos. »Soll ich etwa Celia zur Rede stellen und züchtigen?« Sie sagte das, als käme es überhaupt nicht infrage.
Kira blähte die Nasenflügel. »Ich fände das gut.«
»Och, Schatz …« Emilia schloss sie fester in die Arme. »Die Welt kann ungerecht sein. Aber auf unserer Seite der Grenze müssen wir zusammenhalten, das weißt du doch.«
Sie verstand das alles falsch, dachte Kira. So lieb sie ihre Mutter hatte, manchmal sagte sie dumme Dinge.
»Mama, kannst du es reparieren?«
Emilia löste die Umarmung und warf einen genaueren Blick auf das Teleskop. Ihre Augen verengten sich plötzlich.
»Woher hast du das? Es ist … schön«, meinte sie, ihre Stimme war nur noch ein Flüstern. »Hat Papa es dir geschenkt?«
Kira schüttelte den Kopf und presste die Lippen aufeinander. Mit Eugene hatte sie abgemacht, dass sie nichts von dem Beinahe-Absturz erzählen wollten, Emilia würde sich nur unnötig aufregen. Andererseits saß ihr der Schreck so tief in den Knochen, dass sie in der vergangenen Woche nicht einmal am Markttag auf die Straße gegangen war.
»Ich habe einen Jungen getroffen«, begann sie.
»Oh«, machte Emilia erfreut. »Einen Freund?«
»Einen Ruaner.«
»Oh«, wiederholte die Mutter, dieses Mal deutlich enttäuschter. »Wie das denn?«
»Ganz zufällig. Er wollte nicht mehr weggehen. Er heißt Aaron und hat einen Papa namens Augustin.«
Kurz sah Emilia aus, als würde ihr der Name etwas sagen. Sie öffnete die Lippen ganz leicht und atmete tief ein. »Von ihm hast du das Teleskop bekommen?«
»Ja, er hat es mir einfach geschenkt! Er sagt, damit kann ich Dinge beobachten, die ganz weit weg sind. Die anderen Inseln zum Beispiel, oder die Sterne! Kennst du Aarons Papa?«
»Er ist der Optiker.«
»Was ist ein Optiker?«
»Ein Mann, der sich mit Gläsern auskennt. Von Brillen zum Beispiel, oder von deinem Teleskop. Er ist der Einzige auf der Insel, der das macht.«
Noch ehe sie diese Worte ausgesprochen hatte, zuckten Emilias Finger, als wollten sie vor ihren Mund springen und den letzten Satz verhindern. Doch schon strahlten sie zwei bettelnde Augen an.
»Dann kann Augustin das Teleskop reparieren, oder? Oder? Bitte, Mama, lass mich zu Augustin gehen!«
»Du weißt, dass du nicht auf die andere Seite der Insel gehen darfst, Schatz. Allen Kindern wurde es verboten, und das ist auch gut so.«
»Aber du darfst!«
»Ich werde nicht zu Augustin gehen.«
»Warum denn nicht?« In Kiras wütend blitzenden Augen sammelten sich schon wieder Tränen. »Ist es dir egal, was mit dem Teleskop ist?«
Emilia schüttelte den Kopf. »Ich werde deinen Vater bitten, sich darum zu kümmern. Ich kann den Herd nicht unbeaufsichtigt lassen, Schatz.«
Kira nickte eifrig und steckte ihren Kopf aus der Küchentür. Im Wohnzimmer lag Eugene in seinem Sessel und war offenbar gerade erst eingeschlafen.
»Mist«, flüsterte sie wütend. »Als ob der sich heute noch um mich kümmert!«
Emilia machte ein betroffenes Gesicht. »Gedulde dich ein wenig.«
Aber Kira war längst durch die Stube gestiefelt. Wenn es niemanden sonst scherte, musste sie eben selbst auf die ruanische Seite gehen.
Kapitel 03
Wenn das Teleskop nicht kaputt gewesen wäre, hätte Kira keinen Gedanken daran verschwendet, die Grenze zu überqueren. In der amerikanischen Hälfte gab es genügend Orte, an denen sie ungestört spielen konnte – zumindest, solange Celia und ihre Freunde nicht in der Nähe waren.
Es war so früh am Morgen, dass die Sterne noch nicht ganz verschwunden waren. Wie ein galaktisches Band spannten sie sich über die Insel. In der allumfassenden Stille war nur das entfernte Rauschen des Ozeans zu hören. Manchmal hatte Kira das Gefühl, dass er die Insel fest umschloss und unentwegt versuchte, an ihr emporzuklimmen. Sie stellte sich vor, wie die Wassermassen bei dem Versuch immer wieder abrutschten. Die Insel hatte keinen Namen, denn die Völker hatten sich nie auf einen einigen können. Für Khan Elliott war dies Amerika, für Basílissa Hana war es Ruan. Manche behaupteten, dass auch das Gestein der Insel aus zwei Kontinenten geformt war.
Kira erinnerte sich kaum an die Katastrophe. Ihre Mutter sagte immer, dass die meisten Menschen schlimme Erinnerungen verdrängten, und dass sie froh darüber sein sollte.
Mit einem Lederbeutel, in dem sie das Teleskop und einige Münzen verstaut hatte, um Augustin zu bezahlen, stieg sie die dunkle Treppe hinunter. Eugene war auf der Arbeit und Emilia schlief. Sie ließ sich nicht leicht wecken, allerdings wollte Kira kein Risiko eingehen. Als sie das untere Ende der Treppe erreicht hatte, atmete sie erleichtert auf. Breit grinsend streifte sie ihre Schuhe über und ließ die Haustür sanft ins Schloss einrasten. Die Tür zum Innenhof hatte sie schon am Abend aufgelassen, da sie keinen Schlüssel für das Haus besaß. Wenn Celia es schaffte, über den Bambuszaun zu klettern, schaffte Kira das auch.
Gebannt blieb sie stehen und blickte die Straße hinunter. Keine einzige Laterne brannte, dazu fehlte schon seit Monaten der Strom. Ohnehin sollte niemand zu dieser Uhrzeit auf den Straßen umherirren. Kira überlegte, dass es trotzdem ganz gut wäre, zumindest ein paar Lichter anzuschalten – dann würde niemand aus Versehen vom Rand der Insel fallen.
Die Gasse zum Marktplatz war nachtblau und schummrig, trotzdem keimte in ihrem Inneren Wärme auf. Es kam ihr nicht vor, als würde sie etwas Verbotenes tun.
Die Luft war abgekühlt, der Ozean rauschte in der Ferne und den Ohren. Sie hatte ihre flachen Schuhe angezogen, damit sie niemanden mit dem Geräusch der Absätze aufweckte. Ihre Mutter liebte es, wenn sie schöne Lackschuhe trug, obwohl Kira sie bei jeder Gelegenheit zerkratzte und beschmutzte.
Sie trat auf den Marktplatz und sah sich angestrengt um. In den Schatten waren weder Wachleute noch die Betreiber der Marktstände zu sehen. In einigen Stunden würden sie kommen, um ihre wenigen Waren für den neuen Tag vorzubereiten.
Kira bemerkte erst, dass sie die Grenze übertreten hatte, als sie sich nach ihr umdrehte. Sie war mitten über den Platz gegangen und blieb nicht stehen.
Die Insel war nicht allzu groß. Kira wusste, dass sie Augustins Geschäft schon einmal gesehen hatte, allerdings konnte sie sich kaum an den genauen Standort erinnern. Sie beschloss, eine kleine Runde durch die Stadt zu drehen, und betrat eine Gasse, die auf der rechten Seite des Platzes tiefer in die Häuserschluchten der Ruaner führte. Zu dieser Uhrzeit waren die Ruinen ziemlich unheimlich. Der Wind bewegte die zerschlagenen Fenster mit unsichtbaren Händen, alles knarrte und schien zu leben. Bunte Tücher hingen über der Straße, sie wehten wie Gespenster. Kira folgte den Gassen an einigen halbwegs intakten Wohnhäusern vorbei, bis sie in einer langen Ladenstraße endeten. Früher waren diese Geschäfte voller Leben, heute waren sie verwaist. Die Ladenbesitzer hatten die Innenleben geplündert, um aus ihnen Stände für den Markt zu bauen. Kiras Herz wummerte, trotzdem blieb sie nicht stehen.
Zersprungene Leuchtreklame warb für einen vergangenen Sommerschlussverkauf und die Schuhkollektion einer ihr völlig unbekannten Prominenten namens Debra Hemingway. Von einem gigantischen Plakat sah diese Frau auf sie herab, ihr bleiches Gesicht durchbrach die Nacht wie ein mageres Monster. Nur die Wangen waren aufgespritzt, und ihre Lippen glühten förmlich. Sie hatte modifizierte, hellblaue Augen und trug trotzdem eine topmodische Brille, was Kira absurd vorkam. Sie wusste, dass die Modifikation dafür sorgen sollte, dass sie keine Brille mehr benötigte, aber vor der Katastrophe waren runde Brillen bei allen der letzte Schrei gewesen. Nirgendwo auf dem Plakat war ein Schuh der angepriesenen Kollektion zu sehen.
Kira wappnete sich mit einem Lächeln gegen das Model und zog kopfschüttelnd daran vorbei, um schließlich in der Mitte der Ladenstraße stehen zu bleiben. Schuhe, Bücher, eine Apotheke … sie ließ den Blick schweifen, bis sie das große Drahtmodell einer Brille an einem der Häuser entdeckte. Zufrieden näherte sie sich dem Schaufenster. Darin lagen auf flachen Regalen Sehhilfen, die meisten von ihnen hatten kreisrunde Gläser. Eine Brille mit eckigen Gläsern zu bekommen war seit der Katastrophe schwer, aber bei Weitem nicht das größte Problem der Bevölkerung.
Ihr Blick fiel auf einen eigenartigen Kasten, der inmitten der Brillen auf einem hölzernen Quader thronte. Es hatte einen runzeligen Schlauch, der sie an eine Ziehharmonika erinnerte, und besaß nur eine Linse. War das auch ein Teleskop?
Kira presste ihre Nase gegen die Scheibe, konnte dadurch jedoch nicht besser sehen. Dafür fiel ihr etwas Anderes auf.
»Oh«, machte sie und trat von dem Schaufenster zurück.
Das Geschäft hatte geschlossen. Warum hatte sie nicht gleich daran gedacht? Wenn die ganze Insel schlief, war es nicht gerade klug, ein Optikergeschäft zu betreiben. Obwohl diese klare Nacht zugegebenermaßen perfekt dafür war, ein Teleskop zu erwerben. Unschlüssig ging Kira einige Schritte zurück und betrachtete die Fenster des Hauses. Augustin wohnte bestimmt oberhalb des Geschäftes. Sie hatte keine andere Wahl, als ihn aufzuwecken. Sobald die Sonne aufging, konnte ein halbwegs intelligenter Ruaner feststellen, dass sie auf dieser Seite nichts verloren hatte.
Etwas hilflos sah sie sich um und versuchte, kleine Steine auf dem Boden zu entdecken. Sie ging in die Hocke und tastete sich durch die Dunkelheit, wobei die Münzen in ihrem Lederbeutel klimperten. Kurz spielte sie mit dem Gedanken, Augustin seinen Lohn auf unkonventionellem Wege zu übergeben, da fand sie eine Handvoll kleiner Kiesel.
Sie wählte einen mittelgroßen, ovalen Stein für ihren ersten Versuch. Kira entschied sich für das rechte Fenster, zielte und warf. Das Geräusch konnte selbst sie kaum wahrnehmen. Wie sollte jemand davon aufwachen?
Sie ließ die Steinchen unwirsch zwischen ihren Fingern kreisen, dann schleuderte sie alle auf einmal gegen das Fenster. Ein kurzer Regenschauer ergoss sich darüber, trotzdem regte sich im Inneren nichts. Wütend suchte Kira nach einer Alternative.
Sie fand vor dem Schaufenster einen größeren Stein, der wie ein Ball in ihrer Hand lag. Ihre Zungenspitze lugte zwischen ihren Lippen hervor. Kira kniff angestrengt die Augen zusammen und steckte all ihre Kraft in den Wurf.
Die Scheibe zersplitterte krachend, Scherben fielen vor ihre Füße. Kira zuckte zusammen, dann hörte sie jemanden fluchen – allerdings aus dem linken Zimmer. Dort wurde eine Flamme entfacht, der Schein einer flackernden Lampe nahm den Raum ein. Alles in Kira schrie danach, zu verschwinden, aber ihre Füße waren wie festgenagelt. Das Licht verließ das linke Zimmer, um gleich darauf im rechten aufzutauchen. Jemand fluchte erneut, und Kira glaubte, die Stimme zu erkennen. Im nächsten Moment sah sie Aaron, der wutentbrannt in der zerbrochenen Scheibe auftauchte und auf Kira herunterstarrte.
»DU!«, rief er aus. »Was fällt dir ein!«
»Ich, ähm, habe das Ei gefunden, das du gelegt hast!«, entgegnete sie. »Es tut mir leid, dass ich damit euer Fenster kaputt gemacht habe, wirklich!«
»Willst du dich für irgendetwas rächen oder so? Man geht nicht zu fremden Leuten und wirft ihnen die Scheiben ein!«
»Ich habe mich doch entschuldigt!«, rief Kira. »Außerdem ist dein Papa Optiker, ihr habt bestimmt genug Glas da!«
Einige Häuser weiter öffnete sich ein Fenster. »Ruhe, ihr blöden Blagen! Wir wollen verdammt nochmal schlafen!«
»Dann halt den Mund!«, brüllte Aaron. Er hatte die Lampe abgestellt und das Fenster aufgestoßen, wobei sich eine Scherbe aus dem Rahmen löste und klirrend in einem leeren Blumenkasten landete. Der Junge beugte sich vor, um Kira besser sehen zu können.
»Was willst du?«, fragte er unwirsch.
Hastig zog sie das Teleskop aus dem Beutel hervor. »Jemand hat es kaputt gemacht, dein Papa ist der Einzige, der es reparieren kann.«
Aaron stöhnte. »Und jetzt willst du, dass ich ihn wecke, richtig?«
»Das wäre furchtbar nett«, meinte Kira. »Dann kaufe ich dir auch ab, dass du kein feiges Huhn bist.«
»Was soll das denn schon wieder!? Meinst du, ich traue mich nicht, meinen eigenen Vater zu wecken?« Aufgebracht wedelte er mit den Händen in der Luft herum. Kira hob die Schultern und machte ein unschuldiges Gesicht.
»Verdammt, mir reicht es!«, fluchte Aaron und schloss das Fenster. Seinem Blick war anzumerken, dass ihm die Sinnlosigkeit dieser Aktion zu spät auffiel. Er starrte durch die zersprungene Scheibe in den Morgen und atmete langsam aus. Dann stieß er das Fenster wieder auf, betrat mit Schwung das Fensterbrett und nahm plötzlich den Rahmen ein.
»Siehst du! Ich bin kein feiges Huhn!«, rief er.
»ABER DAFÜR BIST DU VERDAMMT LAUT!«, brüllte der Nachbar so deutlich, dass vermutlich auch alle anderen Bewohner der Ladenstraße aufgewacht waren. Aaron verkniff sich seinen bissigen Kommentar, stattdessen wurde er bleich.
»Wow, in einem Fensterrahmen kann ich auch stehen«, rief Kira unbeeindruckt. Aaron hingegen krallte sich fester in das Holz des Rahmens, als plötzlich zwei Hände seine Hüfte umfassten.
»Was zum Teufel tust du da?«
»Papa!« Aaron ließ sich erleichtert zurückfallen, was sein Vater mit einem gedämpften Stöhnen quittierte.
»Uff, mit wem sprichst du?« Ein unausgeschlafenes Gesicht tauchte im Fenster auf. »Oh. Hallo, Kira!« Augustin fragte gar nicht erst, was sie auf dieser Seite der Insel verloren hatte. »Aaron, wir unterhalten uns später. Geh bitte runter und öffne ihr die Tür.«
Widerwillig verschwand Aaron, begleitet von unzufriedenem Grummeln.
»Die Scheibe ist ja kaputt«, bemerkte Augustin matt.
»Es tut mir sehr leid, wirklich!«, beteuerte Kira ängstlich. »Ich wollte nur–«
»Alles ist gut, ja? Komm erst mal herein, dann sprechen wir in Ruhe darüber.« Augustin lächelte und war im nächsten Moment nicht mehr zu sehen.
Im Geschäft wurde eine elektrische Lampe entzündet, die von den unzähligen Gläsern gespiegelt wurde. Die Tür schwang auf und Aaron erschien darin. Stumm bedeutete er Kira, einzutreten. Er trug einen blau-weiß-gestreiften Morgenmantel und Filzpantoffeln, sein dunkles Haar ähnelte einer breitgetretenen Wiese. Kira trat ein, in der Hoffnung, dass Augustin so freundlich war wie bisher.
Die elektrische Lampe tauchte die Mitte des Geschäfts in grelles Licht, sodass sie einige Male blinzeln musste, bevor sie sich daran gewöhnt hatte.
In ihrer Hälfte gab es viele Regale, eine kleine Theke zur Linken und eine Sitzecke aus gut erhaltenen Ledersesseln zur Rechten. Die Modelle lagen in Plastikhalterungen, die besonders teuren auf absolut staubfreien Holzregalen. Die Preise konnte sie nicht entziffern, aber Kira wusste von der Lesebrille ihrer Mutter, dass diese so viel wie acht Mahlzeiten gekostet hatte. Immerhin teilten sich die Völker eine gemeinsame Währung, wobei die meisten Einwohner mittlerweile zum Tauschhandel übergegangen waren. Nur diejenigen, die fest mit einer Rettung durch eine nicht zerstörte Großnation rechneten, häuften das Geld an wie Eichhörnchen ihre Nüsse. Die wenigsten Händler nahmen darum noch Geld an. Kira hatte auf die Schnelle nichts für den Tausch gefunden, darum hoffte sie einfach, dass ihre Dollarmünzen für Augustin reichten.
»Es ist ganz schön mutig, auf die andere Seite der Grenze zu schleichen«, meinte Augustin. Kira ging ihm entgegen, als er in seinem blauen Morgenmantel das Geschäft betrat. Er verlor kein Wort darüber, wie dumm und gefährlich das war. Es war mutig. In Kira entfachte das Freude, doch gleichzeitig schämte sie sich für ihren Besuch.
»Es tut mir leid, dass ich das Fenster kaputt gemacht habe«, beteuerte sie abermals. »Ich wollte das nicht, wirklich! Ich brauche Ihre Hilfe.«
»Kira, du darfst mich einfach duzen und Augustin nennen«, meinte dieser und zwinkerte ihr zu. »Warum brauchst du denn meine Hilfe?«
Sie kramte in dem Lederbeutel und holte das Teleskop hervor. Es machte ein besorgniserregendes Geräusch, ähnlich einer metallenen, fast leeren Spardose.
»Oh nein«, entfuhr es Augustin. »Wie konnte das denn passieren?« Sein Tonfall schwankte zwischen Neugierde, Wut und echter Trauer. Kira wurde schwer ums Herz.
»Ein Mädchen hat es kaputt gemacht, weil ich es ihr nicht geben wollte«, erklärte sie und versuchte, nicht schon wieder zu weinen. »Meine Mama sagt, dass du der Einzige auf der ganzen Insel bist, der es reparieren kann.«
»Was für ein gemeines Kind«, entfuhr es Augustin, als wäre er selbst erst acht Jahre alt. Er hob das Teleskop vorsichtig an und neigte es nach vorne, wobei ihm ein Stück Glas entgegenrutschte.
»Celia ist gemein und stark. Und viel älter als ich!«, verteidigte Kira sich. »Sie hat ganz viele Freunde, die sind sogar eine Bande!«
»Celia, hm?«, machte Augustin. Aus einer Tasche seines Morgenmantels holte er plötzlich eine schmale Zange hervor.
»Ich hasse es, dass sich ständig alle streiten«, erklärte Kira bitter.
»Wieso, du bist auch nicht besser!«, warf Aaron ein.
»Aaron!«, mahnte Augustin, aber sein Sohn stellte sich taub.
»Du beschuldigst mich die ganze Zeit, ein feiges Huhn zu sein, dabei kennst du mich gar nicht. Ich glaube, du willst gar keine Freunde haben.«
»Aaron, es reicht.«
»Du hattest das Teleskop gar nicht wirklich verdient. Bestimmt hast du es sogar selbst kaputt gemacht!«
»Blödmann! Jetzt sagst du, dass ich ein feiges Huhn bin! Und du kennst mich auch nicht!« Kira verschränkte die Arme und streckte ihm die Zunge entgegen.
»Hey, es reicht! Niemand von euch ist ein feiges Huhn, ist das klar?« Augustin legte das Teleskop auf den Tresen und stellte sich wütend vor Kira und Aaron, welche die Köpfe einzogen.
»Kira, mein Sohn ist ein tapferer, wundervoller Junge. Er traut sich zwar nicht an den Rand der Insel, aber das sagt absolut nichts darüber aus, wie mutig er ist. Klar?«
»Ja …«, nuschelte Kira verlegen und sah zu dem Jungen im blauweißen Morgenmantel hinüber. »Entschuldigung.«
Dieser plusterte seine Backen auf und reagierte ansonsten nicht.
»Und Aaron«, fuhr Augustin fort, »du solltest dir trotzdem ein Beispiel an Kira nehmen. Sie spricht sehr offen, das ist eine tolle Eigenschaft. Ich wünschte, die Erwachsenen wären wie sie.« Er lächelte nachdenklich. »Aber sei nicht zu waghalsig, Kira. Du solltest nicht vom Rand der Insel fallen.«
»Ich weiß, was du meinst«, murmelte Kira und starrte zu Boden. »Es war dumm, so weit auf den Vorsprung zu gehen.«
»Neugierig warst du. Wäre ich an deiner Stelle auch gewesen«, berichtigte Augustin. Er griff wieder nach dem Teleskop. »Aber meistens lohnt es sich überhaupt nicht, nahe an eine Gefahr heranzutreten. Darum habe ich dir das hier geschenkt.« Er warf einen kurzen Blick auf das Teleskop. »Und darum sollte ich es reparieren.«
Kira strahlte über beide Ohren. »Das wäre toll!«
Der Optiker verschwand im hinteren Teil des Geschäftes, der sich hinter einigen mit Brillen gefüllten Regalen verbarg. Betreten standen Kira und Aaron nebeneinander, stur geradeaus blickend.
»Kira, es tut mir wirklich leid, dass ich dir nicht zur Hilfe gekommen bin«, nuschelte Aaron plötzlich. »Wenn ich an einem hohen Ort stehe, machen meine Beine nicht das, was ich will. Ich will mutig sein, aber … das kann ich nicht immer.«
»Augustin war ja da«, meinte Kira und lächelte ihn an. »Das nächste Mal passe ich besser auf.«
»Ich auch«, versprach Aaron.
Sie tauschten einen kurzen Blick, dann mussten sie lachen. Sei es, weil Kira mitten in der Nacht die Grenze überquert hatte, um Steine an ein Fenster zu werfen, sei es wegen des albernen Morgenmantels oder ihrer ständigen Streitereien.
Geschäftig kehrte Augustin in den Laden zurück und begann damit, Schubladen zu öffnen. »Es ist eigenartig, irgendwo sollte ich noch passende Linsen haben«, murmelte er, mit dem Rücken zu den Kindern gewandt. Er zog eine Schublade nach der anderen auf, unzählige einzeln verpackte Linsen in allen Formen und Größen kamen zum Vorschein. »Verdammt, ich fürchte, ich habe die Linsen nicht mehr. Tut mir leid.«
»Warte kurz«, meinte Aaron und ging in Augustins Richtung. Dieser schob hastig eine Schublade zu, fuhr herum und lehnte sich dagegen. Doch Aaron nahm ohne einen weiteren Kommentar die Treppe nach oben. Sein Vater atmete langsam aus, wobei er Kira nicht aus den Augen ließ.
»Was ist das für ein eigenartiges Teleskop im Schaufenster?«, wollte sie plötzlich wissen.
»Im Schaufenster? Da habe ich kein Teleskop hingestellt«, meinte Augustin verwundert, ohne sich von der Stelle zu rühren. Er sah hinüber zu der Scheibe, die allmählich vom Licht des nahenden Morgens erfüllt wurde.
»Ach, du meinst die alte Kamera.«
»Das ist keine Kamera«, spottete Kira. »Kameras sind viel kleiner und flacher.«
Augustin schüttelte den Kopf. »Alles hat irgendwann begonnen, Kira. Wusstest du, dass der erste Computer der Welt einen ganzen Raum ausgefüllt hat?«
Kira presste ihre Lippen aufeinander und verschwieg, dass sie nicht genau wusste, was ein Computer war.
Aaron brauchte keine Minute, bis er die Treppe herunterkam und eine kleine, schwarze Schachtel in den Händen hielt. Atemlos umrundete er den Tresen und streckte sie Kira entgegen.
»Hier, ich kann es sowieso nicht mehr gebrauchen«, meinte er verlegen. Mit großen Augen nahm Kira ihm den Karton aus den Händen und betrachtete ihn sorgfältig.
»Ist das etwa …«
Augustin lächelte breit, während Kira den Karton öffnete und darin ein schwarz glänzendes Teleskop fand. Es hatte unzählige weiße Punkte, die wie Sterne aussahen.
»Vielleicht können wir es uns teilen«, schlug Aaron vor. »Ich benutze es aber nicht besonders oft, darum kannst du es mit nach Amerika nehmen.«
Im nächsten Moment umschlang Kira seine Brust und schmiegte sich an ihn.
»Danke, danke, danke!«, rief sie. »Aaron, du bist gar nicht übel!«
Mit einem klickenden Geräusch drehte Augustin einen winzigen Schlüssel um und zog ihn aus der Schublade, gegen die er sich gelehnt hatte.
»Kira, du solltest langsam heimkehren«, sagte er sanft. »Es wird heller. Ich möchte nicht, dass du auf dieser Seite der Insel erwischt wirst.«
Das Mädchen machte ein betroffenes Gesicht. »Aaron, wie sollen wir denn das Teleskop teilen, wenn ich nicht herkommen darf?«
»Ich kenne einen tollen Ort, da können wir uns treffen. Die Erwachsenen werden uns nicht finden«, versprach er. Er warf Augustin einen vielsagenden Blick zu und erhielt ein unschuldiges Lächeln zur Antwort. Kira klemmte sich den Karton unter ihren Arm und strahlte. Jetzt wurde es mit jeder Minute heller auf der Straße, als hätte Kiras Lächeln die Sonne aus ihrem Schlaf geweckt. Die beiden Kirchtürme, jeweils einer in Amerika und Ruan, schlugen sechs Mal und waren dabei völlig im Einklang. Für Kira bedeuteten die Glocken nur eines: Dass es Zeit war, möglichst unauffällig in ihr eigenes Bett zu kriechen.
Kapitel 04
»Bleib gefälligst stehen!«, rief Kira lachend, doch Aaron war längst wieder aus ihrem Sichtfeld verschwunden. Sie rannte an der silbernen Außenwand des Towers entlang, die über und über mit halb abgerissenen Plakaten bedeckt war. Wenige Meter über ihren Köpfen fand sich die Zahl 317 in großen Lettern aus schwarzer Farbe. Es war Abend, gleich mussten sie auf ihre Seite der Grenze zurückkehren. Trotzdem war Kira fest entschlossen, Aaron noch einmal zu fangen. Sie blieb stehen, überlegte kurz und lief in die entgegengesetzte Richtung um den Tower herum. Es brauchte die gesamte amerikanische Bevölkerung, um ihn zu umfassen.
Der Tower hatte ihre Völker gerettet. Jede Insel besaß einen, jeder befand sich genau in der Mitte. Kira blieb stehen, legte den Kopf in den Nacken und musterte die riesige Nadel. Die Spitze konnte sie von hier unten nicht erkennen.
Anfangs hatten die Bewohner der Insel noch mit dem Gedanken gespielt, den Tower mit einem blühenden Park zu umgeben, um ihr Überleben zu feiern, aber erstens gab es dafür zu wenig Wasser und zweitens zu viel Hass.
Die Erde war vor über einem Jahr von einem alles vernichtenden Sturm heimgesucht worden, der so gewaltig war, dass die Kontinente verschwanden. Das magnetische Feld des Turms hatte sich über die Stadt gelegt und ihr kleines Stück Land gerettet. Je näher jemand am Tower lebte, desto sicherer war er. Hätte Kira das vor der Katastrophe gewusst – sie war sich sicher, dass sie dann so viele Menschen wie möglich hergeholt hätte, um sie zu retten. Doch ihr Vater hatte ihr erklärt, dass die Regierung bis zum bitteren Ende über die Funktion der Türme geschwiegen hatte. Am schlimmsten Tag des Sturmes waren die verbleibenden Energiereserven des Landes in die teils weit voneinander entfernt stehenden Türme gesteckt worden.
Die Katastrophe hatte das Land um das Feld herum abgetragen. Die Erwachsenen nannten es Erosion, was offenbar etwas war, das sonst viele Jahrhunderte dauerte. Leider wusste niemand, wie es unter ihrer Insel aussah, und wie stabil sie tatsächlich war.
Aaron tauchte in Kiras Blickfeld auf. Er lugte vorsichtig an der Kante des Towers entlang und grinste, sein verschwitztes Gesicht spiegelte sich auf der glatten Oberfläche. Vor einigen Tagen war ihm sein erster Eckzahn ausgefallen. Seit den frühen Morgenstunden versuchte er, den anderen wackelnden Eckzahn durch Herumtoben und ständige Bewegungen der Zunge ausfallen zu lassen. Auf ein Experiment, das Kira vorgeschlagen hatte und eine Türklinke sowie eine Schnur beinhaltete, hatte er aber angeblich »keine Lust«. Kira hatte sich einen Kommentar über ängstliches Geflügel verkniffen.
»Gibst du auf?«, fragte er.
Kira schüttelte den Kopf, rührte sich aber nicht. Aaron schien mit sich zu ringen, dann entschied er sich dafür, seinen Sicherheitsabstand aufzugeben.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte er im Näherkommen.
»Habe gerade an den Sturm gedacht«, meinte Kira betrübt.
»Oh«, machte Aaron. »Das passiert mir auch oft, wenn ich hier bin.« Nachdenklich musterte er die weiße Linie, die sich zwischen ihnen auf dem Boden befand. Kira stand auf der ruanischen Seite, Aaron auf der amerikanischen.
»Ich bin froh, dass wir überlebt haben«, meinte er unvermittelt.
»Ich auch.« Kira verschränkte die Arme. »Aber ich würde gerne wissen, wie unsere Insel aussieht. Warum sie wackelt.«
»Du … solltest darüber nicht zu viel nachdenken, das macht einem nur Angst.«
Kiras Augen blitzten auf. »Angst? Ha! Ich habe keine Angst.«
Mit diesen Worten übertrat sie die Grenze und schlug mit der flachen Hand nach Aarons Schulter. »Hab dich!« Damit rannte sie an ihm vorbei, immer entlang des Towers.
»Ach, verdammt!«, hörte sie Aaron noch fluchen, dann stolperte sie in die Krähe.
»Kiiira, was für ein Zufall!«, krächzte Celia. »Was höre ich da? Du hast keine Angst?«
Hinter ihr tauchte ihre beste Freundin Finja auf, die zwar älter und größer als Celia war, sich aber stets mit einem buckeligen Rücken kleiner machte und nie sprach. Sie war wie Celias Haustier – ein Wurm, den die Krähe verschmäht hatte, und der ihr seitdem dankbar war. Ein anderer Gedanke drängelte sich Kira auf. Sie sollte weglaufen, bevor Celia mitbekam, dass sie mit einem ruanischen Jungen spielte.
»Du wirst ja ganz verrückt, Kiiira«, flötete Celia. »Warum sonst solltest du Selbstgespräche führen?«
»Habe ja sonst niemanden zum reden«, giftete Kira. Sie fragte sich, wo der Rest von Celias Bande war. Für gewöhnlich lief sie nicht nur mit ihrem Schoßhündchen herum.
»Das ist ja überraschend«, verkündete eine Stimme hinter ihr.
»Oh nein«, entfuhr es Kira. »Raik, lass ihn los!«
Ein massiger Zwölfjähriger mit kurzem blondem Haar hatte Aaron gepackt und zu Celia geschleppt. Raik überragte ihn um einen Kopf. Seine Lider waren dick wie die eines Elefanten. Er sah aus, als fiele es ihm schwer, die Augen überhaupt offen zu halten, was ihm einen gleichmütigen Blick verlieh. Aaron wehrte sich zwar, hatte damit aber wenig Erfolg.
»Das ist ein ruanischer Bursche, richtig?«, bemerkte Celia. Wind fuhr durch ihr schwarzes Haar, das davon jedoch vollkommen unbeeindruckt blieb. Ein Reif und dutzende schwarze Spangen hielten die Frisur fest, als bestünde auf der Insel Helmpflicht.
»Bist du Celia?«, wollte Aaron ächzend wissen und warf Kira einen vielsagenden Blick zu. Celias Krähengesicht bekam unzählige rote Flecken.
»Du hast ihm von mir erzählt!?«
Kira behielt ihre schlagfertige Antwort für sich. Solange Aaron in Raiks Schwitzkasten hing, hielt sie besser die Füße still. »Was willst du von uns?«, fragte sie stattdessen.
»Kannst du dir das nicht denken? Ist ja widerlich, dass du dir auf der ruanischen Seite Freunde suchst, nur weil bei uns keiner etwas mit dir zu tun haben will.« Ihr höhnischer Tonfall verriet mehr über die Wahrheit als ihr Gesicht.
»Ein bisschen?«, wiederholte Aaron. »Du hast ihr Teleskop zerstört!«
Kira wünschte sich in diesem Moment, dass Raik ihn zumindest kurz zum Schweigen brachte.
»Warte mal, ich kenne dich doch!«, rief Aaron plötzlich. »Du bist das Mädchen, das mit Malik herumrennt!«
Offenbar hatte Aaron ins Schwarze getroffen. Celia sog scharf die Luft ein, und auch die sonst stille Finja gab ein empörtes Geräusch von sich.
»Malik?«, hakte Kira nach.
»Das ist der große Bruder von Marv, meinem besten Freund.«
»Der Lockenkopf, der die Erwachsenen gewarnt hat?«, überlegte Kira. Dann begriff sie, was ihr Freund eigentlich sagen wollte. »Aber Marv ist ein Ruaner!«
»Na und?«, keifte Celia. Sie trat zwischen Aaron und Kira, als könnte sie auf diese Weise nicht nur das Gespräch, sondern auch ihre Gedanken unterbinden. »Natürlich kann ich mir Freunde auf beiden Seiten zulegen, ich kann gar nicht genug haben!«
»Entschuldige«, höhnte Aaron. Er vollführte eine divenhafte Handbewegung. »Bei den Ruanern kennt dich niemand. Wenn Kira mir nicht von dir erzählt hätte – Mann, lass mich endlich los!«
Raik entspannte seine kräftigen Oberarme etwas, wodurch Aaron wieder durchatmen konnte. Dafür erhielt der Hüne einen boshaften Blick von der Krähe.
»Malik kennt mich, das reicht«, meinte Celia zu Aaron. Plötzlich tippte Finja ihrer besten Freundin auf die Schulter. Celia reagierte mit einem abweisenden Zucken, als wäre eine Kakerlake an ihrer Bluse hinaufgekrabbelt.
»Was ist?«, fauchte sie gereizt. Finja ließ sich davon nicht verunsichern – vielleicht war sie es sogar gewohnt – und deutete auf die ehemalige Hauptstraße, welche zum Marktplatz führte. Zwischen den Häusern traten Khan Elliott von Amerika und Basílissa Hana von Ruan hervor, begleitet von jeweils zwei Wächtern. Niemand konnte sich erinnern, wer den beiden die Macht über ein Volk gegeben hatte, aber seit sie das Sagen hatten, liefen die Streitereien strukturierter ab. Sie wurden zwar nicht weniger, aber immerhin kam niemand zu Schaden.
»Gott, wie die Basílissa wieder übertreibt«, ächzte Celia herablassend. Sie meinte damit die weiten Gewänder und den auffälligen Rock, mit dem Hana sich vom Rest der ruanischen Bevölkerung unterschied. Sie hatte zudem olivfarbene Haut und goldblondes Haar, was sie im Sonnenlicht noch erhabener aussehen ließ.
»Sie ist unsere Basílissa, also halt die Klappe. Sonst sage ich was ich über den absolut albernen Namen eures Khans«, knurrte Aaron.
»Albern?«, wiederholte Celia. Sie sprach umso lauter, je näher die beiden Anführer kamen. Ausnahmsweise stritten sie sich nicht, stattdessen schwiegen beide ernst.
»Kinder!«, begrüßte Hana sie, als müsse sie unbedingt in Worte fassen, was sich vor ihren Augen befand. »Hallo, Aaron!«
Aaron nickte zur Begrüßung. Die Tatsache, dass Raik ihn immer noch festhielt, schien die Basílissa nicht zu beunruhigen. »Darf ich euch fragen, was ihr hier gerade tut?«
»Nur eine kleine Diskussion, sonst nichts«, beschwichtigte Celia sie mit einem Engelslächeln.
»Das sah eher nach einem Streit aus«, meinte Elliott. Heute trug er einen großen, ledernen Cowboyhut. Offenbar hatte er Probleme mit seiner Frisur gehabt, denn die Sonne war nicht kräftig genug, um das Tragen eines Hutes zu rechtfertigen. »Wir wollen nicht, dass sich die Völker weiterhin streiten. Es ist besser, wenn ihr jeweils auf eurer Seite der Grenze bleibt.«
»Kommt bitte mit uns«, verlangte Hana geduldig. Sie wandte sich Raik zu, schlagartig verdunkelte sich ihr Blick. »Und du lässt Aaron gefälligst los.« Sie schüttelte leicht den Kopf, als könne sie nicht fassen, dass Raik ihn nicht sofort losgelassen hatte, als sie aufgetaucht war. Aaron landete ungeschickt auf seinen Knien und rappelte sich eilig auf, während Elliott die amerikanischen Kinder über die Grenze winkte.
»Was passiert denn jetzt?«, fragte Kira.
»Es gab einen gemeinsamen Entscheid«, antwortete Elliott knapp.
»Was soll das werden, Demokratie?«, fragte Aaron schnippisch. Er war so geladen, dass seine Wut zitternde Funken schlug. Plötzlich drehte sich Hana um und drängte ihre Wächter zur Seite. Auch die Fassaden zerstörter Häuser können das Echo einer Ohrfeige erzeugen.
***
Augustins aufgebrachte Stimme war auch aus der Ferne gut zu verstehen.
»Das ist eine ungeheure Frechheit!«, fluchte er, sobald er Khan Elliott und Basílissa Hana erblickte. »Warum müssen wir schon wieder die Freiheit unserer Kinder einschränken?«
Hana zog Aaron an ihrer dünnen Hand wie eine wütende Mutter hinter sich her. Er hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Seine Wange schimmerte rot.
Auf den ersten Blick sah es aus, als hätten sich die üblichen Streitsuchenden auf dem Marktplatz eingefunden. Alle Erwachsenen hielten sich an die weiße Linie, nur Augustin stand mit einem Bein auf der amerikanischen Seite.
»Kannst du dich bitte zurück nach Ruan begeben, Augustin?«, bat Hana im Näherkommen.
»Wieso, bin ich etwa ein Kind? Oder dürfen wir neuerdings auch nicht auf die andere Seite gehen?« Er hatte seine Brille abgenommen, hielt sie am Bügel fest und ließ sie unregelmäßig kreisen.
»Du bist kein Kind, aber du führst dich definitiv wie eines auf«, knurrte Hana.
»Ach, hör auf. Wenn hier etwas kindisch ist, dann diese Grenze.«
Elliott trat energisch zwischen die beiden. »Genau aus diesem Grund habe ich euch alle hier versammelt! Volk von Amerika, Volk von Ruan – wir haben seit einer Woche eine Grenze. Im Großen und Ganzen scheinen sich die Verhältnisse in unserer Stadt verbessert zu haben.«
Die meisten nickten, aber Augustin stöhnte und putzte entnervt die Brillengläser mit dem Ärmel seines Mantels.
»Nur ein Teil unserer Bevölkerung scheint nicht besonders zufrieden zu sein. Besorgte Eltern sind zu mir gekommen, um sich über die Gemüter ihrer Kinder zu beschweren. Offenbar gibt es viel Streit zwischen Banden.« Elliott tippte sich versehentlich an den Cowboyhut, als er sich durch das Haar fahren wollte.
»Natürlich gibt es Streit«, betonte Augustin seufzend. »Wer Kinder trennt, muss gar nicht lange darauf warten. Sag ihnen, dass sie besser sind als die anderen, und schon glauben sie es dir. Das ist es doch, was in den vergangenen Monaten mit unserer Insel geschehen ist.«
Hana reckte ihren Kopf, um sich größer zu machen, als sie ohnehin schon war. Ihre Gewänder klimperten und ließen sie zwar ehrwürdig, aber ein wenig albern erscheinen. »Das muss ich verneinen. Die Fehde zwischen den Ruanern und Amerikanern ist uralt.«
»Fehde? Uralt? Was für ein Blödsinn. Das Volk der Ruaner besteht gerade mal zweihundert Jahre!«
Wäre Augustin nicht selbst ein Ruaner, hätte er mit diesen Worten eine Prügelei angezettelt. So erhielt er zustimmendes Raunen aus den Reihen seines Volkes.
»Ich halte es für eine dumme Idee, die Grenze zu erhöhen«, schloss er.
»Ihr wollt was?«, hakte Kira nach. »Die Grenze erhöhen?«
»Ja. Die Linie reicht nicht aus, ihr überschreitet sie einfach«, erklärte Hana.
»Ist ja nur Farbe«, kommentierte Raik mit seiner entspannten Brummstimme. Die Basílissa hielt inne und musterte ihn von oben bis unten.
»Stimmt«, murmelte sie finster. »Ist ja nur Farbe.«
Selbst Celia warf Raik nun einen wütenden Blick zu.
»Also, was ist jetzt?«, meldete sich Augustin zu Wort. »Wollt ihr tatsächlich eine Mauer errichten, um die Kinder nicht mehr miteinander spielen zu lassen? Das ist albern! Sie sind fast ein Jahr auf der Insel umhergelaufen, dadurch ist nie ein Beben entstanden.« Er geriet allmählich in Rage. Mal verlagerte er sein Gewicht auf die eine Hälfte der Insel, mal auf die andere, als wollte er in der Mitte einer Wippe die Balance wahren.
»Wir wissen nicht, wie unsere Insel aufgebaut ist«, erklärte Elliott ungeduldig. »Es kann jederzeit zum Ernstfall kommen. Du hast es mit eigenen Augen gesehen: Die Inseln können zusammenbrechen.«
»Herrje, dann tun wir eben etwas dagegen! Wir müssen uns die Insel ansehen, sie stabilisieren!« Aarons Vater hatte seine Brille wieder aufgesetzt und gestikulierte unruhig mit den Händen.
»Wie sollen wir uns die Insel anschauen, wenn wir nicht einmal eine Drohne oder einen Ballon besitzen, geschweige denn einen Helikopter?«, knurrte der Khan. Er trat wütend auf Augustin zu, ohne dabei die weiße Linie auf dem Boden außer Acht zu lassen. Plötzlich erzitterte der Boden wie eine schnurrende Katze. Einzelne Bürger schrien auf, die meisten schlugen die Hände über dem Kopf zusammen oder gingen instinktiv in Deckung.
»Wir haben aber Seile und einen Freiwilligen«, sagte Augustin nachdrücklich. Khan Elliott brauchte einen Moment, um seine Worte zu verarbeiten. Atemlos starrte er ihn an.
»Willst du damit sagen …«, begann er, runzelte die Stirn und sah sich hilfesuchend nach Hana um. Die sah ihn mit unheimlicher, nahezu stoischer Ruhe an. Mit ihrem Blick bedeutete sie dem Khan, ruhig zu bleiben, doch dessen Stimme schraubte sich noch weiter in die Höhe. »Augustin, willst du dich tatsächlich von der Insel abseilen!?«
»Es würde ja sonst keiner tun.« Mit einem verschwörerischen Lächeln sah er zu Aaron und Kira herüber, die Seite an Seite standen. Nur die Grenze zu ihren Füßen trennte sie.
»Hier sind schließlich nur …«, murmelte Augustin langsam, als buchstabierte er die Worte, »… feige Hühner.«
Allumfassende Stille hielt Einzug, als hätte sie nur darauf gewartet. Nach all dem Lärm und den Diskussionen löste die Ruhe bei Kira ein seltsames Unbehagen aus. Die Basílissa war die Erste, die das Wort ergriff.
»Das ist sehr mutig, Augustin, wirklich. Wie möchtest du dieses Vorhaben umsetzen?«
Elliott fuhr erneut zu ihr herum und war noch ungläubiger als zuvor, wodurch ihm der Hut beinahe vom Kopf rutschte. Abermals antwortete die Basílissa mit einem harschen Blick.
»Wir brauchen ein paar starke Männer, viele Seile und wenig Wind«, listete Augustin währenddessen auf. »Ich habe eine analoge Kamera in meinem Geschäft, vielleicht gelingt es mir, Fotos von der Insel unter unserer Stadt zu schießen.« Er streckte einen Finger in die Luft und befeuchtete ihn mit seiner Zunge. »Heute wird das nichts mehr, aber wir können bereits Seile zusammensuchen und die stärksten Leute auswählen.«
Khan Elliott warf einen abschätzigen Blick auf die ruanischen Männer und verkniff sich offenbar einen Kommentar über den dürren Körperbau der meisten. Elliott kannte das alte amerikanische Problem der Fettleibigkeit nur zu gut, aber seit der Katastrophe hatten sich die Amerikaner besser ernährt. Die Mangelerscheinungen konnten bislang mit Pillen beseitigt werden, irgendwann würden die jedoch zur Neige gehen.
»Betrachten wir das als gemeinsames Projekt der Zivilisationen Ruan und Amerika«, sprach Elliott gedämpft. »Wir haben beide großes Interesse daran, dass es gelingt. Meine starken Männer stehen dir zur Verfügung, Augustin.«
Dieser runzelte die Stirn und verbeugte sich so leicht, dass es einem höhnischen Kommentar gleichkam.
»Eines noch«, sagte Augustin schließlich und sah erneut zu Aaron und Kira. »Solange wir nicht wissen, wie unsere Insel aussieht, ist die Grenze ungültig.«
Kapitel 05
Vier Tage vergingen, bis der Wind ruhig genug war. Schließlich versammelten sich zwölf starke Männer an einem breiten Stück Kante. Ein anderes Dutzend wurde an das andere Ende der Insel geschickt. Khan Elliott hatte verkündet, dass es sicherer sei, wenn sie ein gleich großes Gegengewicht hatten. Die Vorbereitungen hielten bereits den ganzen Tag an, Augustin war zum Mittelpunkt des Treibens geworden. Aaron half ihm dabei, ein Bergsteigergeschirr anzulegen, das in einem der leerstehenden Schaufenster der Ladenstraße gelegen hatte.
»Ich könnte das nicht, Papa«, meinte er blass und ließ einen Karabiner zuschnappen. Seine Finger zitterten so sehr, dass Augustin sie sanft umschloss und lächelte. Vater und Sohn standen etwas abseits von den Männern, die sich ausnahmsweise nicht über irgendetwas stritten. Kira stand in Hörweite auf einer halb verfallenen Veranda und blickte hastig weg, sobald einer der beiden zu ihr herübersah.
»Vielleicht war ich ja in meinem vorherigen Leben Bergsteiger«, lachte Augustin. Aaron fand das gar nicht komisch, stattdessen begann er damit, seine Knöchel zu kneten.
»Ich weiß, dass du dich fürchtest, aber dafür brauchst du dich nicht zu schämen«, beruhigte Augustin ihn. »Du fürchtest dich vor Höhe, na und? Jeder hat vor etwas Angst, das ist ganz normal.«
Aaron betrachtete seinen Vater nachdenklich. »Wovor hast du Angst, Papa?«
Augustin beugte sich zu ihm herab, wobei das Geschirr klapperte. Einen Moment sah er aus, als würde er lediglich mit einem bitteren Lächeln antworten.
»Ich habe Angst vor dieser Insel.«
Aarons Augen weiteten sich erstaunt, doch Augustin lachte plötzlich und schloss ihn in die Arme.
»Aber ich habe dich, damit bin ich furchtlos. Du bist mir wichtig, sogar wichtiger als alles, was um uns herum geschieht.«
»Pass bitte auf dich auf, ja?«, bat Aaron. Sein Kinn bebte, und mittlerweile hatte er das Zittern seiner Knie nicht mehr unter Kontrolle. Sie standen nur wenige Schritte vom ungesicherten Abgrund entfernt. An manchen Stellen der Insel endete einfach eine abgebrochene Straße in der Luft, woanders führte eine trockene Wiese einen steilen Abhang hinunter. Sie waren an einem Ort, der früher ein Sportplatz gewesen sein musste, denn ein verlorener Basketballkorb zeigte in Richtung des Meeres. Vereinzelt konnte man die Linien des Spielfeldes erahnen.
»Und jetzt geh zurück zu Kira, ja? Lass sie nicht zu nah an den Abgrund. Essen wir später Gemüsepizza?«
Aaron schüttelte überlegend den Kopf. »Wir könnten auch eine Wurstkonserve öffnen, zur Feier des Tages.«
»Guter Plan! Das wollte ich hören.« Mit diesen Worten fuhr Augustin durch Aarons dunkles Haar und sah ihn aufmunternd an. Dann hob er den Kopf und winkte Kira zu. Sie drehte sich peinlich berührt zur Seite und tat so, als hätte sie nicht jedes Wort verstanden. Augustin schob seinen Sohn sanft in ihre Richtung.
»Jetzt geh schon, Aaron. Du musst nicht länger als nötig an der Kante stehen. Du zitterst ja schon.«
Aaron nickte. »Viel Glück! Bis gleich.«
Dann eilte er zu Kira auf die zerstörte Veranda.
»Wann geht es denn endlich los?«, begrüßte sie ihn. »Diese Warterei ist langweilig.«
Aaron gesellte sich neben sie. »Es ist gleich soweit.«
»Hoffentlich lohnt sich das alles.«
»Hat doch auch seine Vorteile.« Der Ruaner sah sie aufmunternd an. »Keiner der Erwachsenen konnte uns trennen oder uns etwas verbieten.«
Kira grinste schief und beobachtete die Helfer. »Das können die sowieso nicht.«
Die starken Männer beendeten ihr Gespräch, als Augustin zu ihnen trat. Obwohl der Boden hier nicht zitterte, achtete jeder auf seine Schritte. Plötzlich tauchte Khan Elliott neben Aaron und Kira auf, was das Lächeln beider verschwinden ließ. Da er nichts sagte, war er offenbar nur auf der Suche nach einem Platz in der ersten Reihe.
Gemeinsam beobachteten sie, wie diverse Seile an Augustin befestigt wurden. Sie endeten in einer Winde, die an einer Litfaßsäule klebte. Eine Zeit lang hatte Kira versucht, eines der ranzigen Plakate zu entziffern, aber die Männer hatten die Säule systematisch zu einem Anker umfunktioniert, sodass kaum ein Wort unverdeckt geblieben war. Von der Säule führten unzählige Seile zu den umliegenden Häusern. In ihrem Kopf sah es wie eine neuartige Abrisskonstruktion aus, und dieser Gedanke machte Kira Angst. Sie sah sich vor, Aaron davon zu erzählen. Allerdings hatten ein ruanischer Architekt und selbst Kiras Vater, der ehemalige Immobilienmakler, die Konstruktion erarbeitet. Am Vortag hatten sie Getreidesäcke abgeseilt, die sechs Mal schwerer als Augustin waren.
Aaron warf ihr einen fragenden Blick zu. Offenbar machte sie sich solche Sorgen, dass er es ihr anmerkte. Sie versuchte, ihre Maske aus Gleichgültigkeit wieder aufzusetzen.
»Khan Elliott, ich habe eine Frage«, begann Kira. Aaron löste den Blick nicht von ihr, doch sie hütete sich, ihm zu begegnen.
»Ich bin ganz Ohr.«
»Was genau ist ein Khan?«
»Na, ich bin der Khan.« Elliott zwinkerte. Heute hatte er seinen Cowboyhut nicht aufgesetzt, obwohl die Sonne unnachgiebig vom Himmel knallte. Verschlimmert wurde die Hitze dadurch, dass seit Tagesanbruch wenig Wind wehte. »Aber ich wette, du willst eigentlich wissen, was das Wort bedeutet.«
Kira nickte. Sie würde es spannender finden, ihrem Vater beim Schnarchen zuzuhören, während sie in einer Zeitung jedes O ausmalte.
»Der Khan war der Titel eines persischen oder mongolischen Herrschers. Sagt dir Dschingis Khan etwas?«
»Nö. Was ist … persisch und mongolisch?«, fragte sie weiter. Ihr Herz wummerte heftiger, selbst Aaron musste es hören können. Genau in dem Augenblick, als Kira es kaum aushalten konnte, verlor Aaron sein Interesse an ihrer Mimik.
»Das sind asiatische Länder, die es schon sehr lange nicht mehr gibt«, plauderte der Khan.
»Es gibt die meisten Länder nicht mehr«, murmelte Aaron missmutig.
»Persien gab es schon lange vor dem Sturm nicht mehr, Neunmalklug«, meinte Elliott mit zusammengekniffenen Augen. »Der Titel des Khans ist ziemlich alt und sehr ehrwürdig.«
»Okay, und warum bist du dann einer?«, wollte Aaron wissen, er sah Elliott herausfordernd an. Dieser zog wütend seine Augenbrauen zusammen. Im Gegensatz zu Hana konnte er den Jungen nicht einfach ohrfeigen.
»Eigentlich bin ich wie ein Anführer. So wie der einer Bande, bloß könnt ihr euch nicht aussuchen, ob ihr in der Bande seid oder nicht. Ich hätte mich auch König, Scheich oder Basileus nennen können, aber ich habe mich für den Namen des Khans entschieden. Die alte Weltordnung besteht nicht mehr, da darf ich das doch wohl.« Elliott klang wie ein aufmüpfiges Kind, obwohl er bereits graue Haare bekam.
»Basileus?«, fragte Kira kritisch. Von einem König oder Scheich hatte sie schon einmal gehört. Wenn Emilia ihr Märchen vorlas, gab es fast immer einen dieser beiden Herrscher.
»Oh, der Basileus war der Titel von mehreren Herrschern im alten byzantinischen Reich.«
»Denkst du dir das gerade aus?«, fragte Aaron stirnrunzelnd.
»Nein, verdammt!« Elliott wurde allmählich ungehalten. »Du kannst die Basílissa fragen – sie hat sich dafür entschieden, die weibliche Form dieses Titels zu tragen. Ich finde, dass man mit dem Wort Khan viel mehr anfangen kann als mit ihrem Titel, aber ihr findet es ja ausgerechnet albern, dass ich –«
»Es geht los!«, rief einer der Männer, woraufhin Elliott endlich verstummte. Kira sah dabei zu, wie Basílissa Hana zu Augustin hinüberging, der von vier Seilen gehalten wurde und nun von seiner Herrscherin die antike Kamera überreicht bekam.
»Ich hoffe, sie funktioniert«, murmelte Aaron. »Ich will unsere Insel auch sehen.«
Hana entfernte sich nun von den Männern und erlaubte den Beginn des außergewöhnlichen Spaziergangs. Augustin winkte, während er Stück für Stück unter der Kante der Insel verschwand. Kira zögerte nicht länger und sprang auf. Die Basílissa gebot ihr mit einer raschen Handbewegung Einhalt.
»Störe die Männer nicht, Kira«, fuhr sie das Mädchen an. Sie blieb murrend auf der Terrasse stehen und streckte sich, trotzdem konnte sie Augustin nicht mehr sehen. Da waren nur noch zwölf starke Männer, etliche Seile und der blaue, ruhige Ozean.
Kira beugte sich auf dem Geländer vor und wollte den Khan gerade bitten, ein wenig zur Seite zu gehen, als dieser nach hinten sackte.
»Ähm, Khan Elliott?«, fragte sie, um kein weiteres Aufsehen zu erregen. »Ist alles in Ordnung?«
Mit einem lauten Schnarchen beantwortete Elliott ihre Frage. Am liebsten hätte Kira ihm ins Gesicht geschlagen, und auch Aaron stand vor Empörung der Mund offen. Was für eine Unverschämtheit, einfach einzuschlafen! Entnervt standen sie auf und gingen zu der Basílissa, die nur wenige Schritte von der Terrasse entfernt stand.
Die Angst ließ nicht lange auf sich warten, dieses Mal spürte selbst Kira, was in Aaron vorging. Er wurde bleich und stolperte zitternd voran. Kira griff nach seiner Hand und sah ihn beunruhigt an, während die Basílissa vom Geschehen abgelenkt wurde.
»Etwas weiter nach links!« Augustins Stimme klang dumpf und fern, seine Befehle waren höflich. »Und geht das bitte etwas ruhiger? Ein Foto habe ich schon verschossen!«
»Wie sieht es aus?!«, rief Kira und drückte Aarons Hand fester. Hana hielt ihr reflexartig den Mund zu, während sie über das Mädchen schmunzelte.
»Du bist wirklich ungeduldig, kleine Amerikanerin«, stellte sie fest und löste ihre Hand wieder. »Aber das wundert mich nicht, Elliott ist genauso.«
Ihr Blick schweifte auf der Suche nach dem Khan ab, als hätte sie sich gerade erst an dessen Anwesenheit erinnert. Sie entdeckte ihn auf der Terrasse, mit dem offenen Mund gen Himmel.
Hana erbleichte.
»Kira, Aaron – tut mir einen Gefallen«, sagte sie langsam und griff nach ihrem Handgelenk, als fühlte sie ihren Puls.
»Was ist denn?«, hakte Kira besorgt nach. Auch Aaron wurde hellhörig, sein Händedruck wurde fester.
»Es ist alles in Ordnung, aber ich muss mich kurz hinsetzen, ja? Macht euch keine Sorgen.« Mit diesen Worten sank die ruanische Herrscherin in sich zusammen. Aaron und Kira starrten sie mit offenem Mund an.
»W-was war das denn? Ist sie tot?«, brachte Aaron heiser hervor. Er beugte sich vor, wobei ihm offenbar immer noch schwindelig war.
»Quatsch«, kommentierte Kira und machte eine zustimmende Bewegung mit ihrer freien Hand, als ein zartes Schnarchen von Hana zu hören war.
»Das ist seltsam, Elliott ist eben auch einfach eingepennt«, meinte Aaron. »Schlafen die alle nicht genug?«
Kira schüttelte nachdenklich den Kopf. »Ich glaube, es ist etwas Anderes«, meinte sie. »Vielleicht eine Krankheit oder so etwas.« Eilig hob sie ihren Arm und verdeckte ihren Mund mit dem Ärmel der Strickjacke. Aaron schüttelte etwas orientierungslos den Kopf und beugte sich zu der Herrscherin hinunter. Bis auf ihren Brustkorb und den Boden unter seinen Füßen bewegte sich anscheinend nichts.
»Er sagte, wir sollen ihn weiter herunterlassen!«, fluchte einer der Männer. Erschrocken sahen Kira und Aaron auf. Einer der Amerikaner – er hatte die größten Muskeln und die wenigsten Haare – diskutierte angeregt mit einem ehemaligen Profiboxer, der auf der ruanischen Seite den Gottesdienst leitete.
»Das ist Blödsinn, er hat gerade erst gerufen, dass wir anhalten sollen!«
»Hast du etwas an den Ohren? Das war bevor er hier hochbrüllte, dass er noch weiter runter will. Warum hat euer blödes Fliegengewicht kein Walkie-Talkie dabei, hä? Ich lasse mich nicht gerne von euch anschreien!«
»Ach, halt die Klappe!«, entgegnete der Ruaner und stampfte wütend auf, während er eine Hand vom Seil löste und wild damit gestikulierte. Im selben Moment erzitterte der Erdboden.
»Halt verdammt nochmal deine dummen Füße still, du Idiot!«, fluchte einer der Amerikaner. Noch ehe Protest aufkommen konnte, erzitterte die Erde erneut, mit einer völlig anderen Intensität.
Kira versuchte, Aaron zurück in den halbwegs sicheren Bereich der Klippe zu bringen, doch er glich einer Marmorstatue.
»Papa!«, keuchte er atemlos. In dem Chaos aus Männern konnte er erahnen, dass einige das Seil losgelassen hatten, andere klammerten sich daran, als wären sie diejenigen, deren Leben einzig und allein daran hing. Das Beben wollte nicht aufhören, rüttelte sie weiter durch.
Vor Kiras inneren Auge zerschmetterte Augustin an der Insel. Fieberhaft sah sie sich nach einer Möglichkeit um, festen Halt zu finden.
»Sieh mal, die beiden schlafen immer noch!«, rief sie aufgeregt und deutete auf Hana und Elliott, die sich trotz der Bewegungen des Bodens nicht aufrichteten, sondern friedlich weiterschliefen. Aaron hörte gar nicht zu. Er versuchte, die Männer zu erkennen, die das Seil hielten, und warf einen prüfenden Blick zu der Litfaßsäule. Die Tatsache, dass sie sich nicht gerührt hatte, beruhigte die beiden nur so lange, bis Kira und Aaron die fehlenden Seile entdeckten. Plötzlich vernahmen sie ein peitschendes Geräusch, gefolgt von einem Aufschrei.
»PAPA!?«
Aaron stürzte zur Kante und bahnte sich atemlos einen Weg durch die Männer, die entsetzt am Boden lagen.
»Verdammt, wie konnte das passieren?«, rief jemand. Fassungslos blickte er in die Tiefe und dann in seine leeren Finger. »Wieso haben wir losgelassen?«
Aaron sank auf die Knie, die Erde schüttelte seine Knochen durch. Kira folgte ihm, erreichte die Kante mit einer schrecklichen Ahnung. Die Welt um sie herum wurde zu einem einzigen Tunnel, an dessen Ende Aaron saß und weinte. Schmerz zuckte durch ihre kleine Brust, drückte ihre Lungenflügel zusammen.
»NEIN! P-PAPA!«, rief Aaron aus vollster Kehle. Er beugte sich über die Kante und schreckte sofort zurück. Alle Farbe wich aus seinem Gesicht, sogar mehr als das. Kira kam es vor, als hätte Aaron seinen Körper verlassen. Einzig das unaufhörliche Zittern bewies, dass er noch lebte. Kira konnte nicht anders, als ihn fest in die Arme zu schließen. Er war starr und kalt, kein Laut kam über seine Lippen.
So plötzlich, wie das Beben begonnen hatte, hörte es wieder auf. Elliott und Hana stürmten aus dem Nichts zu den am Boden liegenden Männern, wobei Hana direkt zu Aaron und Kira eilte.
»Es tut mir leid«, brachte sie hervor, als hätte sie den Sturz verhindern können. »Aaron, bitte entschuldige … wir hätten es niemals so weit kommen lassen dürfen.«
Doch Aaron hörte nicht, versank in Kiras Armen und ergab sich endlich seinem Schmerz.
***
Augustin fiel in die Fluten hinab. Sein Schrei war verstummt, kein Platschen war zu hören. Er spürte nicht einmal, wie das Wasser ihn umschloss und verschluckte.
Es kam ihm vor, als wäre sein Leben schon lange vor dem Aufprall beendet gewesen. Als zöge es sich noch ein letztes Mal in die Länge, um den freien Fall zu genießen.
Sein Leben flimmerte nicht vor seinem inneren Auge vorbei, für einen Moment wusste er nicht einmal, ob er je eines besessen hatte. Augustin war sich sicher, dass das nicht an den Mechaniken seines Geistes lag, sondern an den wenigen Höhepunkten seines Lebens.
Seine Gedanken waren nur bei Aaron. Er dachte daran, wie er ihm das Laufen beigebracht hatte, an seine ersten Worte. An den fulminanten Schokoladendiebstahl, den Augustin nach Aarons Meinung immer noch nicht aufgeklärt hatte. An das schwarze Teleskop mit den weißen Punkten, das er ihm zum sechsten Geburtstag geschenkt hatte. An die Linsen für das kupferne Teleskop mit den türkisen Ranken, die nun für immer in dieser einen Schublade versteckt blieben würden. Der Schlüssel lag auf dem Tresen, dort hatte Augustin ihn erst heute Morgen gesehen. Er wünschte sich, dass er ihn mitgenommen hätte. Für einen schmerzlichen Augenblick begriff er, dass er keine Geheimnisse mit in den Tod nahm.
Augustin hatte sein Leben lang meist das ausgesprochen, was er dachte, und was er für richtig hielt. Er hatte der ganzen Welt gezeigt, wie sehr er nach dem Tod von Aarons Mutter getrauert hatte. Er hatte Aaron nie ein Gefühl vorenthalten, ihn nie wirklich belogen. Bis auf dieses eine Mal.
Doch er, der Idiot, hat den Schlüssel einfach auf dem Tresen liegen lassen.
Kapitel 06
Sowohl Amerika als auch Ruan verfielen in eine Schockstarre, als sie von Augustins Tod erfuhren. Doch schon am Abend verkündete Elliott, dass die Grenze möglichst bald erhöht werden sollte. Es gab vereinzelte Proteste, der Khan wurde als gefühllos und vorschnell beschimpft. Im selben Atemzug wurden Zweifel laut. Wie lange die Trauer um Augustin anhalten könnte, wann die Konflikte erneut beginnen würden. Hana legte schließlich fest, dass es zum Wohl der Kinder geschah, und damit war die Grenze beschlossen.
Die Amerikaner und Ruaner plünderten ihre Trümmerbauten und rissen Teile eines alten Parkhauses auseinander. Die Mauer, die sich schließlich quer über den Marktplatz zog, ähnelte einer Barrikade aus der französischen Revolution, allerdings erfüllte sie ihren Zweck. Die Kinder konnten die Seiten nicht mehr wechseln, und die Erwachsenen wurden am Durchgang auf dem Marktplatz abgezählt, damit Gleichgewicht herrschte. Gleichzeitig wurden die gefährlichen Kanten abgesperrt, was Kiras Spielflächen erheblich verringerte. Da Aaron vorübergehend von Hana aufgenommen wurde, war sie ohnehin allein. Nach dem Vorfall hatte sie keine Gelegenheit mehr gehabt, mit ihm zu sprechen. Alles war nur noch Nebel.
Kira beschloss, dass sie sich nicht in der Nähe der Grenze aufhalten sollte, um Celias Bande zu entgehen. Seit die Krähe und Malik voneinander getrennt waren, trafen sie sich beinahe täglich an einer bestimmten Stelle der Mauer. Sie befand sich hinter dem verwilderten Park, in dessen Mitte der silberne Tower stand. In der Nähe der Gewächshäuser, in denen Tomaten, Auberginen und Kartoffeln herangezüchtet wurden, gab es ein Schlupfloch, das niemand bewachte. Manchmal war Kira die Einzige, die darauf Acht gab. Sie saß mit dem schwarzen Teleskop in einer nahen Ruine und beobachtete die anderen Kinder. Aaron fehlte ihr, allerdings konnte sie ihn nie entdecken. Immer, wenn sie ihr Teleskop nach Ruan richtete, spielte sie mit dem Gedanken, ihrer Mutter davon zu erzählen. Sie war traurig geworden, als sie von Augustins Tod hörte, sie würde bestimmt verstehen, dass Aaron ihr fehlte. Aber seit dem Sturz hatte Kira der Mut verlassen. Als sie an einem Morgen versehentlich Celia begegnete, lief sie einfach davon. Tage vergingen ohne Streitereien, ohne Beben, doch Kira war nicht glücklich. Ganz und gar nicht.
An einem trüben Tag machte sie es sich in ihrer liebsten Ruine gemütlich, was praktisch unmöglich war. Dieser Ort war ziemlich seltsam, denn er besaß unzählige Räume, die ähnlich eingerichtet waren. Hinter jedem der unzähligen Tische befand sich ein metallener Stuhl, und an den Wänden hingen Poster mit kaum erkennbaren Zeichen und Formen.
Manchmal ärgerte es Kira, dass sie nicht lesen konnte. Emilia hatte es schon oft versucht, doch Kira hatte nicht einmal Interesse daran, die sechsundzwanzig Buchstaben unterscheiden zu können. Oder waren es achtundzwanzig?
Missgelaunt betrachtete sie die heruntergekommenen Wände. Das Gebäude sah nicht aus, als stünde es erst seit neun Monaten leer, aber sie konnte mit eigenen Augen beobachten, wie die Stadt zu zerfallen begann. Manche sagten, dass das an der Hitze und den sandigen Winden lag. Eugene behauptete, dass das Magnetfeld schuld war. Als es ausgeschaltet wurde, prasselten Trümmer von draußen auf die Stadt nieder. Viele Menschen wurden von Schutt erschlagen, denn an diesem Tag hatten sich alle auf dem Marktplatz versammelt, um dabei zu sein, wenn sich ihnen der neue Himmel zeigte. Doch dieser Himmel traf nichts anderes als den Ozean. Wo vorher Land war, war nun Wasser. Doktor Mortimer, ein längst ergrauter Ruaner, hatte bei den meisten einen schweren Schock diagnostiziert, der bei einigen offenbar noch immer anhielt. Auch Kira fiel es schwer, sich an diesen Tag zu erinnern.
Heute saß sie auf zwei zusammengeschobenen Tischen, trank Wasser aus einer Plastikflasche und sah durch ihr schwarzes Teleskop. Wie konnten die anderen Kinder von dem Ort wissen, den Aaron ihr gezeigt hatte? Als er Kira versprochen hatte, dass er einen sicheren Ort kannte, an dem die Erwachsenen sie nie finden würden, hatte er diesen gemeint. Direkt neben den Gewächshäusern lag eine Ansammlung von uralten Garagen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Autos der Insel waren die dortigen nicht auseinandergenommen worden. Sie waren muffig, knallrot und historisch. Aaron behauptete bei ihrem ersten Besuch, dass sie einem verrückten Reichen gehört hatten. Sie hatten sich in eine Garage geschlichen und hinter das Steuer gesetzt, das helle Leder gestreichelt und vergeblich nach Autoschlüsseln gesucht.
Seufzend sah Kira dabei zu, wie Celia, Finja und Raik sowie einige andere Kinder das Loch in der frisch gezogenen Grenzmauer durchkletterten und mit einem alten Pappschild tarnten. Ihr Blick reichte kaum über die hohe Mauer, allerdings ahnte sie, dass auf der anderen Seite eine Menge ruanischer Kinder waren. In dieser Gegend wohnte niemand – im Zentrum standen schließlich genügend Häuser frei, und die meisten entschieden sich nach freiem Ermessen für irgendeine Bleibe – aber trotzdem fand Kira es mutig, dass die Anderen Lärm machten. Hatten sie keine Angst, entdeckt zu werden? Oder war das eine Form der Rebellion?
Kira schnalzte mit der Zunge. Sie wusste nicht genau, was eine Rebellion war. Eugene hatte das Wort immer wieder in den Mund genommen, nachdem Augustin gestorben war. Es klang so, als wäre es etwas Schlimmes. Doch da es ihr Vater war, der das Wort in diesem Zusammenhang verwendete, war sie sich dabei nicht sicher.
Am Ende des Tages verließen die Kinder das Versteck wieder. Jemand machte Handzeichen, und Kira glaubte, von ihren Lippen ein »Die Luft ist rein« ablesen zu können. Für eine Sekunde verspürte sie das Verlangen, ein Teil der Bande zu sein. Als die schwarzhaarige Anführerin auftauchte, überlegte sie es sich jedoch anders.
Als es Abend wurde, spielte sie mit dem Gedanken, nach unten zu gehen und nach Aaron zu fragen. Kira hatte keine Gewissheit, dass er dort war. Was, wenn Celias Freund, dieser Malik, ihr begegnete und Celia davon erzählte? Darauf konnte sie verzichten. Sie wartete, bis der Wind das einzig verbleibende Geräusch war, dann machte sie sich auf den Heimweg.
***
Kira schreckte auf. Ein feines Klackern hatte sie geweckt. In ihrem Traum kam es von unendlich hohen Pfennigabsätzen. Basílissa Hana war einfach in ihr Zimmer gelaufen, quer über ihr Bett. Sie hatte Mutters geliebte Bücher aus dem Regal gefegt, eines nach dem anderen. Mal schleuderte sie eines aus dem Fenster, mal in Kiras Gesicht. Das Mädchen klammerte sich hingegen mit aller Macht an den kleinen schwarzen Karton, in dem das Teleskop schlummerte, und hoffte, dass alles nur ein Traum war. Sie setzte sich auf und sah sich atemlos um. Tatsächlich, hier lagen keine Bücher herum. Was hätte Hana auch in ihrem Zimmer verloren? Lächerlich.
Sie wollte sich gerade die Decke über den Kopf ziehen, als sie das Klackern erneut hörte. Schon saß sie kerzengerade zwischen den Laken und blickte zögernd zum Fenster. Kam das von draußen?
Langsam ließ sie sich zu Boden gleiten. Ihre Füße berührten das angenehm kühle Holz nur kurz, schon sprang sie auf den Schreibtisch und sah hinunter auf die Straße. Ein weiteres Steinchen flog gegen das Fenster und ließ sie zusammenzucken.
Aaron stand dort unten in der morgenblauen Düsternis und sah sich regelmäßig nach allen Seiten um. Als er Kira entdeckte, winkte er sie heran. Sie nickte und stieg eilig vom Tisch herunter. Noch im Nachthemd öffnete sie vorsichtig die Tür, schlich die Treppe in den schummrigen Flur hinunter und schlüpfte in die großen Gartenschuhe ihrer Mutter, die direkt neben der Kommode standen. Einen von Eugenes Stiefeln schob sie in den Rahmen der Tür, damit sie nicht zufiel.
»Aaron!«, flüsterte sie freudig. »Ich habe dich schon vermisst!«
Der Junge machte einen verlorenen Eindruck auf sie. Jemand hatte sein Haar kürzer geschnitten, es wirkte beinahe militärisch. Er trug engere Kleidung, die jener von Hana ähnelte. Nur der schwarze Ohrring war ihm geblieben.
»Hey, Kira«, begrüßte er sie. »Ich bin ein feiges Huhn.«
»Ich weiß«, meinte sie kichernd. »Warum bist du diesmal eines?«
»Weil ich mich tagsüber nicht über die Grenze traue. Hast du es schon gesehen? Unser altes Versteck wurde von den Banden eingenommen. Sie haben ein Loch in die Grenze geschlagen und die Garage geöffnet, in der dieser alte Mustang steht. Der, in dem ich dir gezeigt habe, wie man Auto fährt.«
»Ach, das rote Auto meinst du«, lachte Kira. »Ich dachte kurz, du redest von Pferden.«
»Manchmal bist du ganz schön doof«, lachte Aaron, doch sein Lachen verstummte sofort wieder. Er sah sich erneut um, konnte jedoch niemanden entdecken. Selbst jetzt gab es keine Laternen, auch an der Grenze nicht. Es war für ihn kein Problem gewesen, sich an dem laut schnarchenden Wachmann vorbeizuschleichen. Kira lehnte sich zur Seite, um hinter Aaron zu blicken. Das charakteristische Schnarchen ihres Vaters drang zu ihnen hinüber. Sie fragte sich, wann er einmal nicht schlief.
»Wie geht es dir?«, fragte Kira etwas ungelenk.
»Ganz okay«, meinte er und atmete so lang und zitternd aus, dass sie ihre Frage bereute.
»Tut mir leid, dass ich gefragt hab. Ich wundere mich nur oft, was du den ganzen Tag machst.«
»Ja, das frage ich mich auch oft. Es gibt leider keinen Weg, dich häufiger zu sehen.«
»Wie meinst du das?«
»Die Basílissa hat mich aufgenommen. Sie will mich unterrichten, in ihrer Schule.«
»Ihrer … was?«
»Ihrer Schule. Lehrer kommen und bringen mir tausend langweilige Dinge bei. Hana sagt, sie wird auch einige Stunden übernehmen. Sie meint, irgendjemand müsse mir etwas Sinnvolles beibringen.«
»Aber wozu solltest du etwas lernen? Du kannst schon alles!«
Der Junge lachte, wobei der Ohrring erzitterte. »Kira, das ist nicht alles. Hana will, dass ich ihr Nachfolger werde. Sie sagt, ich sei schlau genug dafür.«
»Ich finde auch, dass du schlau bist«, strahlte Kira. »Wenn du noch Zeit hast, darfst du gerne auch mein Nachfolger werden.«
Aaron lächelte gequält. Er schwankte unruhig von einem Bein zum anderen. »Ich versuche, dir etwas zu sagen.«
Sie legte den Kopf schief und sah ihn verständnislos an.
»Wir werden uns ab sofort nicht mehr sehen. Heute ist der letzte Abend vor Unterrichtsbeginn. Hana sagt, ich solle ihr Haus nicht mehr verlassen, bis sie mich für reif genug hält oder … oder so ähnlich. Sie will nicht, dass Elliott ihr reinpfuscht. Wenn du verstehst, was ich meine.«
Doch Kira verstand nur eines. Unablässig schüttelte sie den Kopf. »Wir dürfen uns nicht mehr sehen? Nie wieder?!« Sie wich zurück, ihre Lippen bebten.
»Für eine lange Zeit, fürchte ich«, gestand Aaron. »Ich kann versuchen, abzuhauen. Heute Nacht hat es ja auch geklappt.« Er schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln, doch Kira erwiderte es nicht.
»Das kaufe ich dir erst ab, wenn wir uns das nächste Mal sehen«, schimpfte sie und baute sich vor ihm auf.
»Kira, es tut mir leid, aber … es geht hier nicht nur um dich.« Aarons Augen flimmerten. »Mein Papa ist gerade gestorben, ja? Ich kann nicht weitermachen wie bisher.«
»Aber ich kann dir helfen!«, meinte Kira und versuchte, nach Aarons Hand zu greifen. Er zog sie zurück und schüttelte langsam den Kopf.
»Ich … ich komme dich besuchen, wenn ich es schaffe. Aber ich möchte keinen Ärger mehr bekommen.« Er sah sich erneut um und lauschte kurz dem scheußlichen Schnarchen von Eugene Solomon. »Gute Nacht, Kira.«
Mit diesen Worten ging er erst einige Schritte rückwärts, winkte halbherzig und wandte sich ab, um über die Grenze in ein anderes Land zu verschwinden.
***
In den kommenden Nächten tat Kira kein Auge zu. Sie klammerte sich eine ganze Weile an das Teleskop, bis sie es schließlich auf dem Schreibtisch platzierte und versuchte, es auf das Tor in der Grenze auszurichten. Leider konnte sie nur einen Teil der Mauer erkennen, der aus alten Paletten und einem Stück Beton errichtet worden war. Es wäre auch zu schön gewesen, wenn sie von hier oben aus ihrem Vater beim Schnarchen zusehen könnte. Heute sah sie ihn jedoch immer wieder auf den verschiedenen Seiten der Grenze patrouillieren. Kira fragte sich, welchen Sinn es hatte, dass die Erwachsenen Tag und Nacht verhinderten, dass ein Kind auf die andere Seite kam. Sie mussten sich ziemlich sicher sein, dass sie nie gerettet wurden – und dass die Kinder darum umso kostbarer waren.
Doch eine andere Frage beschäftigte sie noch stärker. Wo war Augustin nun? Sie schaffte es, nicht allzu genau über eine Antwort nachzudenken, denn allein der Gedanke daran verursachte ein kaltes Loch in ihrer Brust. Jedes Mal, wenn sie sich an Augustins Lächeln erinnerte, schüttelte sie es fort, doch sein Gesicht tauchte auf, sobald sie die Augen schloss. Sie stellte sich schaudernd vor, wie seine Seile nachließen, den kurzen Moment des freien Falls. Den Aufprall, das Nichts danach. Vier Nächte schlief sie nicht, sah ständig auf die Straße herunter. Betrachtete die kleinen Dellen in der Scheibe, welche die Steinchen dort hinterlassen hatten. Dann wurde ihr Blick abgelenkt, von anderen kleinen Punkten, die oben am Himmel funkelten.
Sie richtete ihre Linse dort hinauf. Zwischen den Häusern erstrahlten aberhunderte Sterne, obwohl die Dächer viele verdeckten. Jeder einzelne von ihnen war wunderschön. Kira konnte gar nicht anders, als sie unablässig anzusehen. Sie versuchte, sich ihre Positionen zu merken, benannte einen Stern nach Augustin. Schon bald scheiterte sie bei dem Versuch, sich all die neu entdeckten Bilder zu merken.
Die Tage verbrachte Kira so, wie ihr Vater es am liebsten tat: Leise schlummernd in ihrem Bett oder dem blauen Sessel im Wohnzimmer. Nachts wartete sie auf Aaron und studierte die Sterne.
Pulsuz fraqment bitdi.