Kitabı oxu: «Dresden - HeimatMomente»

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Dresden

55 MIKROABENTEUER ZUM ENTDECKEN UND GENIESSEN

Jenny Menzel

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Redaktion und Lektorat: Christine Walter

Satz und Layout: Serpil Sevim-Haase

Gedruckt und gebunden:

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Bildnachweis: siehe Seite 256

ISBN: 978-3-96855-074-9

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Jenny Menzel

Dresden

55

MIKROABENTEUER

ZUM ENTDECKEN UND GENIESSEN


Vorwort

ACH DRESDEN, MEIN DRESDEN!

Sobald ich von einer Reise zurückkehre und mein Blick über den Rand des Talkessels fällt, auf die vielen Kirchtürme, die wie aus einem Nest emporragen, entfährt mir dieser freudige Seufzer. Obwohl Dresden, von hier oben betrachtet, recht klein und vielleicht ein wenig provinziell wirkt – es ist mein Heimathafen, in den ich immer wieder gern zurückkomme.

Keinen einzigen Wolkenkratzer hat die Dresdner Skyline. Abgesehen von einigen Plattenbauten am Stadtrand wird das Stadtbild nicht von Hochhäusern bestimmt, sondern von Kirchtürmen aus allen Stilepochen – und von viel Grün. Seit 300 Jahren sieht die barocke Silhouette am Elbufer gleich aus, der Canaletto-Blick wirkt wie ein Schnappschuss aus den Alten Meistern. Die Dresdner haben es sich „gemiedlich“ gemacht in der auch etwas vergangenheitsverliebten Kulisse der Altstadt – und betrachten alles, was neu ist, erst einmal skeptisch.

Klar ist Berlin verrückter, Hamburg kosmopolitischer und München mondäner. Aber so museal und spießig, wie die Altstadt erscheint, ist Dresden als Ganzes mitnichten. Hier hat sich so ziemlich alles verändert, seit wir uns aus dem „Tal der Ahnungslosen“ in den Westen aufgemacht haben.

Auf Fotos aus meiner Kindheit erkenne ich die Stadt kaum wieder. Das Viertel, in dem ich aufgewachsen bin, gab es noch gar nicht, als ich geboren wurde. Wo ich zur Grundschule ging, steht heute ein Supermarkt. Die kinderfreundliche, bunte Neustadt, in der ich heute lebe, war vor der Wende ein abbruchreifes, rußgeschwärztes Gebiet – und danach Tummelplatz für Punks und Nazis.

Die strahlend schöne Frauenkirche, die unsere Silhouette bestimmt, kannte ich nur als unkrautüberwucherten Trümmerhaufen – der zwischen den vielen anderen Ruinen im Stadtzentrum kaum auffiel. In der Elbe baden? Undenkbar noch vor 20 Jahren, alltäglicher Sommer- (und Winter-!) Spaß heutzutage. Und der gelblich-braune Smogdeckel, der im Winter auf dem Elbtalkessel lag, ist abgezogen.

Dresden hat sich echt gemausert in den letzten 30 Jahren. Das hat sich herumgesprochen. Während die einen die Stadt verlassen, um in der Ferne ihr Glück zu suchen, kommen viele andere extra hierher und bringen viel frischen Wind mit. Der weht in der Multi-kulti-Neustadt zwischen Graffitis, Galerien und veganen Cafés, aber auch auf den neuen begrünten Promenaden in der City und zwischen den Glasfassaden von „Silicon Saxony“. Hightech Heaven, grüne Oase oder schmuckes Barockstädtchen – wie die Zukunft aussehen soll, da sind sich die Dresdner nicht einig. Es wird erbittert gestritten, und nicht selten stehen wir uns unversöhnlich gegenüber - wie man an der Waldschlösschenbrücke sieht. Aber wir finden auch zueinander, etwa am 13. Februar, wenn alle zusammen eine Menschenkette um unsere Innenstadt bilden.

In der neu herausgeputzten Altstadt dürfen wir uns zwischen den Touristen als Weltstädter fühlen. Ringsherum aber, in Pieschen, Loschwitz oder Leuben, sind wir Dresdner unter uns. Da sitzt man gemeinsam in den Biergärten und sonnt sich an der Kiesgrube, dreht im Großen Garten seine Runden und genießt beim Bäcker eine Eierschecke. Besucher, die wir eindeutig an ihrem Hochdeutsch erkennen, sind willkommen, sich dazuzusetzen – wir Dresdner sind ein freundliches Volk und stolz auf unsere schöne Heimat. Ob Sie alles verstehen, was wir Ihnen über sie erzählen, steht auf einem anderen Blatt!

Jenny Menzel

Inhaltsverzeichnis

WILLKOMMEN IN DRESDEN

TOP TEN DER SEHENSWÜRDIGKEITEN IN DRESDEN

KURIOSES UND BESONDERHEITEN AUS DRESDEN

DRESDNER INNENSTADT

1.Das Neue Grüne Gewölbe: Schätze ohne Ende (und ohne Anstehen)

2.Der Brühlsche Garten: Idyll im Kitsch

3.Das Camondas Schokoladenmuseum: köstlich, köstlich!

4.Die Breslauer Zwerge: Botschafter aus Polen

5.Kulturpalast: Versöhnung mit der DDR-Architektur

6.Die Weiße Flotte: auf der Elbe woll‘n wir fahren …

7.Neue Synagoge und Stolpersteine: Dresdens dunkle Vergangenheit

8.Kraftwerk Mitte: Kultur im Zentrum

9.Elberadweg: Stadtradeln im Grünen

INNERE UND ÄUßERE NEUSTADT

10.Neustädter Königsufer: Canaletto-Blick und Glockenspiel

11.Filmnächte am Elbufer: Freiluftkino vor doppelt historischer Kulisse

12.Dresdner Räuberpistolen: vom Schwarzen Tor zum Tännichtgrund

13.Albertplatz: das Tor zur Äußeren Neustadt

14.Martin-Luther-Kirche: Weitblick von der Falkenheimstatt

15.Der Hecht: Theaterruine und Szene im Schatten der Neustadt

DRESDNER WESTEN

16.Yenidze: die Fake-Moschee

17.Die Friedrichstadt: Halbinsel zwischen Barock und blutiger Neuzeit

18.Schloss Übigau: schlafende Schönheit am Elbufer

19.Pieschener Winkel: tanzen im „Watzke“ und chillen an der Molenbrücke

DRESDNER NORDEN

20.Die Gedenkstätte Bautzner Straße: das Stasi-Museum

21.Militärhistorisches Museum der Bundeswehr: die Geschichte von Krieg und Gewalt

22.Zeitenströmung: Niagarafälle zwischen Fabriklofts

23.Die Hellerberge: weißer Fleck mit dunkler Geschichte

DRESDNER SÜDEN

24.Hygiene-Museum: Faszination Mensch

25.Das Palitzsch-Museum: Ehrenrettung für Prohlis…

26.Der Archeo-Pfad: Dresdens unsichtbarste Attraktion

27.Dresden-Plauen: der Drache im Felsenkeller

28.Eins, zwei, drei: Dresdens Bismarcksäulen

29.Das Panometer: doppelte Zeitreise

DRESDNER OSTEN

30.Die Waldschlösschenbrücke: das verlorene Erbe

31.Elbschlösser: Dresden romantisch

32.Johannstadt: Besuch der Promis auf dem Trinitatisfriedhof

33.Der Konzertplatz am Weißen Hirsch: Retro-Charmeund frische Luft

34.Die Technischen Sammlungen: Dresdens Vermächtnisund viel Mathe

35.Loschwitz: bergwärts schweben

36.Blasewitz und Loschwitz: rund ums Blaue Wunder

37.Fernsehturm: Symbol der Dresdner Hartnäckigkeit

38.Dresden-Pillnitz: auf kurfürstlichen Spuren durch das Tal der zehn Brücken

39.Rockauer Höhe: Traumblicke von oben aufs traumhafte Pillnitz

NÖRDLICH UND WESTLICH VON DRESDEN

40.Vom Zschonergrund nach Podemus: Bio-Landvergnügen am Stadtrand

41.Dresdner Heide: großer Wald mit nicht ganz so großem Wasserfall

42.Moritzburg: wo wilde Seeschlachten-Partys tobten

43.Das Lügenmuseum in Serkowitz: wo Kunst im Auge des Betrachters liegt

44.Karl-May-Museum: Hausbesuch bei Winnetous Erfinder

45.Radebeul: Spitzhausblick von der Himmelsleiter

46.Meißen: Altstadtspaziergang für Treppen-Fans

SÜDLICH UND ÖSTLICH VON DRESDEN

47.Die Babisnauer Pappel: alt wie ein Baum ...

48.Schmorsdorfer Linde: Mini-Museum für eine große Frau

49.Rabenauer Grund: sagenhaft Klettern

50.Tharandt: Forstbotanischer Garten

51.Dippoldiswalde: Weltkulturerbe im MiBERZ-Museum

52.Graupa: wo Wagner wirkte und wanderte

53.Liebethaler Grund: Malerweg-Start mit Musik

54.Hohnstein: abseits der Touristenmassen zum Balkon der Sächsischen Schweiz

55.Stolpen: Basaltburg mit Geschichte und Geist

DAS KLEINE WÖRTERBUCH FÜR DRESDEN

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BILDNACHWEIS

In den Monaten vor der Veröffentlichung dieses Buchs mussten Lokale und Besucherattraktionen immer wieder aufgrund der Corona-Pandemie ihre Öffnungszeiten einschränken oder zeitweise komplett schließen. Die in diesem Band angegeben Öffnungszeiten wurden gewissenhaft nach dem letzten bekannten Stand recherchiert – mit weiteren Änderungen ist jedoch nach der Pandemie zu rechnen, weshalb wir Lesern empfehlen, während des Aufenthalts in Dresden Öffnungszeiten anhand der hier aufgeführten Internetseiten selbst zu überprüfen.

Willkommen in Dresden!

Dresden ist eine Sache der Perspektive. Die einen schwärmen vom barocken Elbflorenz, die anderen belächeln das „Tal der Ahnungslosen“, wo man in DDR-Zeiten kein Westfernsehen empfing. Für die einen liegt Dresden im Dreiländereck mitten in Europa, die anderen verorten es am äußersten Rand Deutschlands.

Ist Dresden die verkitschte Kulisse einer verklärten Vergangenheit, deren ewiggestrige Bewohner*innen Fortschritt und kulturelle Vielfalt als Bedrohung sehen – oder muss man die sächsische Landeshauptstadt als internationale Kulturmetropole und „Silicon Saxony“ respektieren, eine der wirtschaftlich dynamischsten Regionen Deutschlands?


Dresdens ikonischste Sehenswürdigkeit: die Frauenkirche

Alle Seiten haben Recht, und gleichzeitig keine. In den Villen am Weißen Hirsch lebt es sich ganz anders als in den Plattenbauten und Reihenhaussiedlungen an den Stadträndern. Direkt gegenüber der historischen Altstadt, in der man sich bisweilen wie in einer Disneyland-Kulisse fühlt, liegt die Neustadt, wo Dresden ganz anders tickt; das zeigen nicht nur die Geburtenzahlen, sondern auch die Wahlergebnisse.

Dresdens Vielfalt hat Tradition. Mehr als 800 Jahre alt ist die Stadt offiziell. Aber im Elbtal, wo Dresden etwa 50 Kilometer nördlich der Landesgrenze zu Tschechien liegt, eingebettet zwischen Osterzgebirge und Sächsischer Schweiz, lebten schon Menschen, als die Pyramiden in Ägypten noch Zukunftsmusik waren.


Der Zwinger und das Residenzschloss im barocken Stadtzentrum

Auch später war in Dresden immer etwas los. Im 15. Jahrhundert löste sich die Stadt aus dem Schatten des mächtigen Bischofssitzes in Meißen. Damals ließ sich das Fürstengeschlecht der Wettiner in Dresden nieder, das die Stadt in der Reformation zum Zen-trum des neuen protestantischen Glaubens machte. Unter August dem Starken, der gleichzeitig König von Polen war und dafür ganz pragmatisch zum Katholizismus zurückkonvertierte – ohne jedoch seine Untertanen dazu zu verpflichten –, erblühte Dresden zu seinem heutigen Glanz als Barockstadt.

Aus eigenen Mitteln errichteten die Dresdner Bürger die Frauenkirche, direkt gegenüber erbaute der Kurfürst die Katholische Hofkirche – ein europaweit einzigartiges Nebeneinander der Religionen. Mit dem Bau dieser Kirche beauftragte August der Starke den italienischen Star-Architekten Chiaveri, der seine eigenen Arbeiter mitbrachte; an sie erinnert heute das Italienische Dörfchen gegenüber der Semperoper. Nicht weit davon ragt die bunt leuchtende Glaskuppel der Yenidze empor, die genauso oft mit einer Moschee verwechselt wird wie die Semperoper mit der Radeberger Brauerei.

Prunkvolle Schlösser und Schlösschen wurden in der Stadt und ringsherum errichtet, als Geschenke für Söhne und Mätressen, als Altersruhesitze für Minister und Höflinge oder auch „just for fun“, um den kurfürstlichen Hof in Moritzburg zu bespaßen. Viele sind noch heute erhalten, etwa das Städtische Krankenhaus im Stadtteil Friedrichstadt oder das Wasserschloss Pillnitz an der Elbe.

Aus einem Marktflecken in sumpfigem Waldland wurde im Laufe der Jahrhunderte eine Metropole, die nicht aufhört zu wachsen. Beim Stadtbummel stolpert man immer wieder überrascht in einen alten Dorfkern hinein, und sogar mitten in der Stadt sorgen weite Wiesenflächen im Friedrichstädter Ostragehege für Land-Feeling. Der älteste Teil Dresdens ist gleichzeitig der jüngste: Nachdem ein Großbrand das rechtselbische „Altendresden“ zerstört hatte, nutzte August der Starke die Gunst der Stunde und erbaute sie bis 1732 als Vorzeigeviertel im zeitgemäßen Barockstil neu: die „Neue Stadt bey Dresden“.


Dresdens historische Skyline: unverändert seit Jahrhunderten


Springbrunnen am Albertplatz

Nördlich des Albertplatzes, sozusagen dem Zwilling des Altmarkts am anderen Elbufer, schließt sich an die Innere Neustadt eines der größten zusammenhängenden Gründerzeitviertel Europas an: Die Äußere Neustadt war bis zum 18. Jahrhundert eine sandige Heidelandschaft, Richtstatt für Verbrecher und Hexen. Später übte hier, neben Schokoladen- und Zahnpastafabriken von Weltruhm, das Militär; erst die Truppen des sächsischen Königs, dann die Wehrmacht, schließlich die Rote Armee und die Nationale Volksarmee. Heute hat die Bundeswehr im Norden der Stadt ihre Offiziersschule und führt mit dem Militärhistorischen Museum eines der vier großen Geschichtsmuseen Deutschlands.

Die Bomben des Zweiten Weltkriegs zerstörten große Teile Dresdens; die Nacht des 13. Februar 1945 spielt im Stadtgedächtnis eine enorme Rolle. Nazis nutzten das Gedenken bald für ihre Propaganda und Dresden erwarb sich einen zweifelhaften Ruf als beliebter Schauplatz rechter Aufmärsche. Seit der Jahrtausendwende bewegt sich zum Glück etwas. Heute stehen die Dresdnerinnen und Dresdner jedes Jahr an diesem Abend Hand in Hand um das gesamte Stadtzentrum herum und lauschen 15 Minuten lang dem Glockenläuten aller Dresdner Kirchen. So lange dauerte die erste Angriffswelle der englischen Kampfflugzeuge, die eine Schneise aus Tod und Zerstörung quer durch die Stadt bombten.

Die Nazis gibt es immer noch. Für sie und die Wutbürger hat sich in Dresden der Montag etabliert, an dem man vor der Frauenkirche die Hassreden von Pegida hören muss; auch wenn die Teilnehmerzahlen seit 2015 deutlich gesunken sind. Die andere, bunte Seite von Dresden sieht man in der Äußeren Neustadt, dem Szeneviertel, das gleichzeitig Dresdens geburtenstärkstes ist.


Das Militärhistorische Museum

Das heute hübsch sanierte Gründerzeitviertel hätte die DDR-Zeit fast nicht überstanden. Die Altbauten wurden bewusst dem Verfall überlassen, die Dresdnerinnen und Dresdner zogen in die neuen Plattenbauviertel von Gorbitz und Prohlis. Im sozialistischen Vorzeige-Stadtzentrum zwischen Altmarkt und Hauptbahnhof flanierte man, der Trümmerhaufen der Frauenkirche lag mittendrin als trauriges Mahnmal.

Zumindest architektonisch sind uns interessante DDR-Relikte geblieben: von der Sektglas-Silhouette des Fernsehturms über den Prachtboulevard der Prager Straße bis hin zum sozialistischen Vorzeigeprojekt, dem Beton-Glas-Kasten des Kulturpalasts am Altmarkt. Die Gläserne Manufaktur am Großen Garten, wo heute der Elektro-VW zusammengebaut wird, oder das von Daniel Libeskind erschaffene Militärhistorische Museum sehen ... hm ... nicht weniger cool aus.


Dresdens grüne Oase: die Elbwiesen im Stadtzentrum

Dresden ist barock, bunt und auch sehr grün. Auf dem Elberadweg lässt es sich genauso schön radeln wie flanieren, auch der Große Garten und die Dresdner Heide laden zum Frischluftgenießen ein. Schon die Wettiner-Fürsten gondelten auf der Elbe zu den Weinbergen von Pillnitz oder Radebeul und jagten in den Wäldern um Moritzburg bereitgestellte Hirsche und Wildschweine. Später genossen Semperoper-Kapellmeister Richard Wagner oder die Pianistin Clara Schumann Stadt-Auszeiten in Graupa oder Maxen. Heute machen wir Dresdner es ihnen gern nach: auf gemütlichen Kaffeefahrten mit der Weißen Flotte in Richtung Meißen, beim Klettern in der Sächsischen Schweiz und auf Schusters Rappen im Osterzgebirge.

Ein Kurztrip nach Dresden genügt bei Weitem nicht, um diese vielfältige Stadt von allen Seiten kennenzulernen. Nehmen Sie sich die Zeit, um das echte Dresden zu entdecken; in den Gassen der Altstadt, aber auch in den Straßen der Neustadt und am Elbufer von Loschwitz, auf den Weinbergen von Pillnitz genauso wie im verträumt-verfallenen Übigau. Nicht zu vergessen Dresdens wunderschöne Umgebung; von den Sandsteinfelsen der Sächsischen Schweiz über die Silberminen des Erzgebirges bis zu den vulkanischen Basaltsäulen an der Burg Stolpen. Reden Sie mit den Dresdnerinnen und Dresdnern, hören Sie ihnen zu, fordern Sie sie heraus – und machen Sie sich Ihr eigenes Bild. Ich bin sicher, es wird bunt.

Top 10

DER SEHENSWÜRDIGKEITEN IN DRESDEN

Sie müssen nicht alle Highlights von Dresden „abhaken“, wenn Sie zum ersten Mal hier sind. Ich bin sicher: Sie kommen sowieso wieder. Lassen Sie sich Zeit, anstatt wie die asiatischen Reisegruppen durch das historische Zentrum zu hetzen und dabei den eigentlichen Charme von Dresden zu übersehen: die beschauliche Atmosphäre an der Elbe, die wuselige Äußere Neustadt und die netten Bewohner, die Besuchern immer gern den Weg beschreiben und Tipps fürs Sightseeing haben.

1Frauenkirche: Wer kennt nicht das Wahrzeichen von Dresden? Bis 1993 lag dort, wo heute Touristen aus aller Welt staunend die Köpfe zur 91 Meter hohen Kuppel der Frauenkirche heben, ein Haufen rußgeschwärzter Trümmer. Die Ruine der Frauenkirche, im Februar 1945 zerbombt, stand jahrzehntelang als Mahnmal im Stadtzentrum. Heute ist sie ein Denkmal für Frieden und Versöhnung, wieder aufgebaut mit Spenden aus der ganzen Welt. Und wunderschön anzusehen!


2Zwinger: Wenn der Sohn heiratet, braucht man eine angemessene Location – Kurfürst August der Starke ließ kurzerhand ein Festgelände erbauen. 40 Tage dauerte die prunkvolle Hochzeit von Friedrich August II. und Maria Josepha von Österreich, für die Dresden gründlich aufgehübscht wurde. Der Zwinger, damals noch aus Holz, ist eines der bekanntesten Barock-Bauwerke Deutschlands. Auf seinen fein manikürten Rasenflächen finden immer noch Konzerte und Theateraufführungen statt, aber berühmt ist er heute für die Weltklasse-Museen in seinen Flügeln: allen voran die Gemäldegalerie Alte Meister mit der Sixtinischen Madonna und die Porzellansammlung.


3Semperoper: Was die Biermarke aus dem nahegelegenen Radeberg mit ihrem Werbespot angerichtet hat, konnten sich PR-Strategen gar nicht ausdenken – aber sie sind bestimmt nicht traurig, dass alle Welt heute die Semperoper für den Sitz einer Brauerei hält. Die Enttäuschung ist nur kurz, wenn man die opulenten Hallen des fast 180 Jahre alten Opernhauses betritt, wo schon Richard Wagner Kapellmeister war. Zweimal brannte das Opernhaus ab, zweimal wurde es wiederaufgebaut. Einer der jährlichen Höhepunkte Dresdens ist der Semperopernball, wenn drinnen die Prominenz tanzt und draußen auf dem Theaterplatz die Menschen.


4Residenzschloss: Schon im 16. Jahrhundert war das Residenzschloss politisches Zentrum von Dresden. Seitdem ragt das Renaissance-Schloss mit den spitzen Türmen und dem Georgentor als Sitz der albertinischen Linie des Wettiner Geschlechts am Elbufer auf, flankiert von der Hofkirche, dem Taschenbergpalais und dem Zwinger – und natürlich der alles überragenden Frauenkirche. Der lief das Residenzschloss im Jahr 2019 kurzzeitig den Rang als bekanntestes Bauwerk Dresdens ab, als Diebe unbezahlbare Juwelen aus dem Historischen Grünen Gewölbe raubten. Das Historische und/oder das Neue Grüne Gewölbe zu besuchen, ist trotzdem eine gute Idee; selbst wer nicht auf Gold und Glitzersteine steht, wird über Kunstschätze wie den Kirschkern mit den 180 eingravierten Gesichtern staunen (siehe Tipp 1, Seite 32).


5Fürstenzug: Wer regierte nochmal wann in Sachsen? An der Rückseite des Residenzschlosses findet sich ein „Spickzettel“: Auf der 102 Meter langen Ahnengalerie, die auf rund 23.000 Fliesen aus Meißner Porzellan gemalt ist, ziehen die 34 Markgrafen, Herzöge, Fürsten und Könige von Sachsen aus dem Wettiner Geschlecht entlang, fein säuberlich zum Nachlesen beschriftet. Ein einziger fehlt – Friedrich August III., der letzte König von Sachsen. Genaues Hinschauen lohnt sich: Neben den Herrschern bevölkern zahlreiche andere Personen das Bild, von Soldaten und Handwerkern über Kinder bis hin zu mehreren Tieren. Eine Person wurde erst 2006 entdeckt, als man den Fürstenzug für die 800-Jahr-Feier Dresdens mit echten Menschen nachstellen wollte.


6Katholische Hofkirche: Schwarz und schlank erhebt sich der barocke Turm der Katholischen Hofkirche neben dem Georgentor des Residenzschlosses, mit dem sie durch einen Übergang verbunden ist. Im Familiengrabmal der Wettiner sind neben Friedrich August II., der die Kirche 1739 errichten ließ, und seiner Frau Maria Josepha noch 47 weitere Familienangehörige begraben, auch der letzte sächsische König Friedrich August III. Kurfürst August der Starke, der sich als König von Polen in Krakau beerdigen lassen musste, hat immerhin sein Herz zurück in die Heimat geschickt – es ruht in einer silbernen Kapsel in der Stiftergruft. Dass es die Hofkirche gibt, ist der Politik zu verdanken: Für die polnische Krone war der Kurfürst zum Katholizismus konvertiert, seine Bevölkerung blieb jedoch eisern evangelisch und erbaute 1726 die Frauenkirche. Zwei Kirchen direkt nebeneinander – so viel religiöse Toleranz war damals in Europa einzigartig.


7Canaletto-Blick: Dresdens Skyline ist seit Jahrhunderten dieselbe – geprägt von der Frauenkirche, der Hofkirche und der Kreuzkirche, den Rundbögen der Augustusbrücke und dem Residenzschloss. Weltbekannt wurde diese Silhouette im 18. Jahrhundert, als Bernardo Bellotto alias Canaletto sie in Öl malte. Genau dort, wo der Maler 1748 am Neustädter Elbufer stand, steht heute ein Bilderrahmen, durch den man prüfen kann, was sich verändert hat. Spoiler: nicht allzu viel. Dresdens Ruhm als barockes Elbflorenz soll unbedingt erhalten bleiben, deshalb gibt es in der Innenstadt bis heute keinen Wolkenkratzer. Wie man das Hochhausverbot in der Innenstadt geschickt umgehen kann, zeigt übrigens die Yenidze, die ganz knapp nicht mit aufs Canaletto-Panorama passte (siehe Tipp 16, Seite 102).


8Goldener Reiter: Ein eitler Zeitgenosse war Kurfürst August der Starke durchaus. Die Folgen seines ausschweifenden Lebensstils waren Übergewicht, Diabetes und faulige Zähne – aber das muss die Nachwelt ja nicht wissen. Dachten sich die Bürger der Neustadt, deren abgebranntes Viertel der Kurfürst im schicken Barockstil wiederaufgebaut hatte, und schenkten ihm ein goldglänzendes Standbild, das dem beleibten Herrscher enorm schmeichelt. Wer von der Altstadt über die Augustusbrücke flaniert, stößt am Neustädter Markt auf den Goldenen Reiter und kann dem Herrscher von unten auf die Sohlen seiner römischen Sandalen schauen.


9Pfunds Molkerei: Ein Milchladen soll eines der zehn Highlights von Dresden sein? Viel mehr: Pfunds Molkerei gilt als schönster Milchladen der Welt. Wer in den kleinen Verkaufsraum an der Bautzner Straße 79 tritt, wird geradezu erschlagen von den Motiven der handbemalten Majolika-Fliesen, die Boden, Wände und Decke überziehen. Mit offenem Mund stehen die Touristen da und staunen über Blumenranken, fantastische Tierwesen und nackte Engel, die Milchkrüge halten. Die Fliesen stammen übrigens nicht, wie man vermuten könnte, aus der Porzellanmanufaktur Meißen, sondern von der Dresdner Steingutfabrik Villeroy & Boch.


10Schlosspark Pillnitz: Im Schatten der Weinberge nahe dem Dorf Pillnitz erbaute August der Starke ein fantastisches Lustschloss im angesagten chinoisen Stil, umgeben von einer weitläufigen Parkanlage. Zur Sommerfrische nutzte es erst der Urenkel des Kurfürsten so richtig, der das Schloss nach einem Großbrand neu errichten musste. 1801 pflanzte er die große japanische Kamelie, die bis heute den Winter in einem fahrbaren, klimatisierten Glashaus überdauert und in jedem Frühjahr wunderschön erblüht. Auch wenn der Schlosspark etwas weiter draußen liegt, sollte man Dresden nicht verlassen, ohne ihn besucht zu haben – und am besten gleich noch die umliegenden Weinberge (siehe Tipp 37, Seite 202)!


Kurioses und Besonderheiten

AUS DRESDEN

Dresden ist eine ganz besondere Stadt – und das sage ich nicht nur, weil ich hier seit über 40 Jahren lebe! Einige Kuriositäten und Besonderheiten möchte ich Ihnen gern vorstellen.

Dresden ist eine der grünsten Städte Europas, fast zwei Drittel seiner Fläche sind Parks, Wiesen und Wälder. Das Stadtgrün finden Sie in vielen kleinen und großen Parks – der größte und schönste ist der Große Garten südöstlich des Stadtzentrums, durch den sogar eine kleine Eisenbahn tuckert –, aber auch auf den bis zu 400 Meter breiten Elbwiesen und in der Flutrinne, die das Wasser der Elbe bei Hochwasser aufnimmt. Die Gartenstadt Hellerau entstand 1909 als erste deutsche Modellsiedlung für ein gesünderes Leben und auf den Hellerbergen liegt die größte Kleingartenanlage Deutschlands.


Apropos grün: Dresden hat auch einen Wald direkt im Stadtgebiet. Die Dresdner Heide, einer der größten Stadtwälder Deutschlands, wächst von Norden bis an die Äußere Neustadt und den Weißen Hirsch heran. Durchzogen von jahrhundertealten Wegen mit geheimnisvollen Wegzeichen und neuerdings wieder bewohnt von einem Wolfsrudel, prägt sie das Stadtklima.

Lage, Lage, Lage, sagt man. Dresdens Lage in einem Talkessel sorgt nicht nur für schöne Blicke auf die Stadt vom Stadtrand. Es führt auch dazu, dass es in Dresden ziemlich selten regnet – und dass man hier zur DDR-Zeit kein Westfernsehen über Antenne empfangen konnte.

Dresden wird quasi halbiert von der Elbe, die sich in mehreren großen Schleifen über 30 Kilometer durch das Stadtzentrum zieht. Ihre Ufer sind breite Wiesen, auf denen gepicknickt und Konzerten gelauscht wird, wo Schafe und Pferde weiden.

Land unter in Dresden! Heißt es immer mal wieder, wenn die Elbe über die Ufer tritt. 2002 war es besonders drastisch, als sich Elbe, Mulde und Weißeritz gleichzeitig aus ihren Flussbetten erhoben. Die Flutmarken von 2002 und 2013, aber auch von 1857 findet man an vielen Hauswänden in den flussnahen Stadtvierteln Laubegast und Loschwitz. Damit solche Katastrophen nicht mehr passieren, wird Dresdens Innenstadt heute von raffinierten versenkbaren Flutschutztoren geschützt.


Dresden ist die einzige Stadt der Welt (!), die einen Weltkulturerbetitel wieder verloren hat. Und das sehenden Auges. So schön Dresden auch sein mag – dass man für den Bau einer weiteren Elbbrücke bereit war, den erst kurz zuvor verliehenen Titel des Weltkulturerbes in den Wind zu schießen, sorgte 2012 international für Bestürzung und Kopfschütteln. Ob es die Waldschlösschenbrücke wert war, darüber sind sich die Dresdner heute noch nicht einig.

Die Bunte Republik Neustadt wird jedes Jahr im Juni gefeiert; zuerst wollten die Bewohner des verfallenden Stadtviertels wirklich eine eigene Republik gründen und gaben sogar eine eigene Währung heraus. Die BRN hat sich zu einem der größten und buntesten Straßenfeste Deutschlands weiterentwickelt und hält den Ruf der Äußeren Neustadt als durchgeknalltes Szeneviertel trotz der schleichenden Gentrifizierung aufrecht.


Dass Dresden mehrere Jahre in Folge den Titel der geburtenstärksten Stadt Deutschlands einheimste, verdankte es ebenfalls der Äußeren Neustadt. Hier werden auch in innerstädtischen Rankings stets die meisten Kinder geboren.

Die Semperoper, erbaut von Gottfried Semper und in ihrer Geschichte zweimal niedergebrannt und wiederaufgebaut, ist vielleicht noch berühmter als die Frauenkirche. Immerhin tritt das prunkvolle Opernhaus seit Jahren in einem immer gleichen Werbespot auf. Allerdings wird die Oper von der Hälfte der Zuschauer fälschlich für den Sitz einer Brauerei gehalten – Touristen fragen immer wieder erstaunt nach, wo denn hier das Radeberger Pilsner gebraut würde. PR-Clou oder PR-Supergau, das ist die Frage.

Der Striezelmarkt, Dresdens größter Weihnachtsmarkt auf dem Altmarkt im Stadtzentrum, ist einer der ältesten Weihnachtsmärkte der Welt und neben dem Christkindlesmarkt in Nürnberg wohl der berühmteste. Seinen Namen hat der fast 600 Jahre alte Markt, der für die weltgrößte erzgebirgische Stufenpyramide, ein Eingangstor in Form des weltgrößten Schwibbogens und die Auftritte des Dresdner Kreuzchors bekannt ist, vom „Striezel“, dem typischen Dresdner Stollen. Am Eröffnungstag des Striezelmarkts wird ein riesiger Stollen angeschnitten, dessen Länge der aktuellen Jahreszahl entspricht: Im Jahr 2021 wird der Striezel also 20,21 Meter lang sein.


Die Dresdner sind ein erfinderisches Völkchen, sie ertüftelten unter anderem den Kaffeefilter, das Mundwasser, die Kondensmilch, den Teebeutel und den BH. In Dresdens Schokoladenmanufakturen wurden die Milchschokolade, der Adventskalender und der Dominostein erdacht. Keine von ihnen überlebte den Zweiten Weltkrieg und die DDR-Zeit. Aber immerhin überlebte „Nudossi“, die laut Stiftung Ökotest beste Schokoladencreme, die Treuhand-Abwicklung und ist heute ein leckeres Mitbringsel.

Wo wir schon bei Geschäften sind: In Dresden steht nicht nur der schönste Milchladen der Welt (Pfunds Molkerei ist offiziell im Guiness Buch der Rekorde registriert), sondern auch der schönste und gleichzeitig kleinste Elektroladen der Welt. Wer sich auf der Sebnitzer Straße in der Äußeren Neustadt tief hinunterbückt, kann die detailgetreu gestaltete Ladenfront auf Schuhniveau entdecken, deren etwa 15 Zentimeter hohe Schaufenster regelmäßig neu gestaltet werden. Die Fassade wird, stadtteiltypisch, von winzigen Graffiti geschmückt ...



Dresdner Innenstadt


Nein, das ist nicht die Radeberger Brauerei, sondern die weltberühmte Semperoper

Dresdner Innenstadt

1.Das Neue Grüne Gewölbe: Schätze ohne Ende (und ohne Anstehen)

2.Der Brühlsche Garten: Idyll im Kitsch

3.Das Camondas Schokoladenmuseum: köstlich, köstlich!

4.Die Breslauer Zwerge: Botschafter aus Polen

5.Kulturpalast: Versöhnung mit der DDR-Architektur

6.Die Weiße Flotte: auf der Elbe woll‘n wir fahren …

7.Neue Synagoge und Stolpersteine: Dresdens dunkle Vergangenheit

8.Kraftwerk Mitte: Kultur im Zentrum

9.Elberadweg: Stadtradeln im Grünen


1 Das Neue Grüne Gewölbe

SCHÄTZE OHNE ENDE (UND OHNE ANSTEHEN)

Durch das historische Zentrum von Dresden wogen Besuchermassen, die den Kopf immer wieder staunend zur Kuppel der Frauenkirche heben. Der wahre Mittelpunkt der Altstadt ist aber das Residenzschloss – immerhin über fünf Jahrhunderte Sitz der sächsischen Kurfürsten und Könige. Wer wann hier residierte, zeigt der Fürstenzug, der sich an der Nordseite des Schlosses entlangzieht.

Der heutige Neorenaissance-Bau war 1701 abgebrannt und wurde unter August dem Starken im Barockstil wieder aufgebaut; nur um im Zweiten Weltkrieg erneut in Trümmer gelegt zu werden. Dann lagen die rußgeschwärzten Mauern brach, bis 1985 das Schloss zum zweiten Mal wieder aufgebaut wurde, um die Staatlichen Kunstsammlungen zu beherbergen.

Heute kann man zwischen dem Georgentor im Norden und dem Taschenberg am südlichen Ende vom Münzkabinett durch den Riesensaal und weiter in die Türckische Cammer wandeln, der neueste Zugang sind die Paraderäume des Kurfürsten Friedrich August I.

Was Touristen aus aller Welt herzieht, ist das sagenhafte Historische Grüne Gewölbe. Seit 2006 kann man es wieder dort bewundern, wo August der Starke seinen Besuchern die Ergebnisse seiner Sammelleidenschaft präsentierte. Der eitle Kurfürst hatte schon 1724 verfügt, dass auch einfache Bürger seine kostbaren Preziosen, die filigranen Werke aus Porzellan und die feinmechanischen Meisterstücke sehen durften, die in den Gewölberäumen mit den malachitgrün gestrichenen Säulen lagerten – und erfand damit das Museum, das er „Wunderkammer“ nannte.


Der modern überdachte Lichthof führt ins Grüne Gewölbe

In langen Warteschlangen stehen Besucher heute im modern überdachten Innenhof des Residenzschlosses und warten auf ihr Zeitfenster für den Eintritt ins Historische Grüne Gewölbe. Die neun Säle mit den mehr als 3000 Objekten sind zweifellos sehenswert. Und nach dem spektakulären Raub dreier Schmuckgarnituren (der immer noch nicht vollständig aufgeklärt ist) mischt sich wohl auch der eine oder andere Sensationslustige unter die kunstinteressierten Besucher.

Viel einfacher kommt man in das Neue Grüne Gewölbe im ersten Stock des Schlosses! In diesen Ausstellungsräumen stehen sowieso die spannenderen Schätze. Da wäre zum Beispiel das „Goldene Kaffeezeug“ aus gefälschtem Porzellan, unter dessen Tablett sich eine türkische Tänzerin verbirgt – die man nur entdeckt, wenn man sich tief hinunterbückt. Im Mikrokabinett hängt ein echtes Wunder: ein Kirschkern, in den ein unbekannter Künstler 185 Gesichter mit verschiedenen Gesichtsausdrücken eingraviert hat. Es gibt sogar ein echtes Einhorn-Horn! (Psst: Es ist der Stoßzahn eines Narwals. Aber dem Kurfürsten schien die Existenz von Einhörnern wohl realistischer.)


Im Residenzschloss sind viele Ausstellungen untergebracht

Die meisten Besucher stauen sich vor der Vitrine mit dem „Hofstaat zu Delhi am Geburtstag des Großmoguls Aureng Zeb“, einer unglaublich detaillierten royalen Puppenstube mit 137 goldenen Soldaten, Dienern, Elefanten und Kamelen. Die Figuren sind alle beweglich und wurden zum Spielen benutzt. Fraglich ist nur, von wem? Vorbild für den Puppenherrscher war der Großmogul Aureng Zeb, dessen Ruhm im 16. Jahrhundert bis nach Europa reichte. Der sächsische Kurfürst wollte auch so reich und mächtig erscheinen und freute sich deshalb, als sein Hof-Goldschmied Johann Melchior Dinglinger ihm die Puppenstube präsentierte. Sieben Jahre hatte er mit seinen Brüdern an dem Kunstwerk gebastelt, das mit 5223 Diamanten, 189 Rubinen und 175 Smaragden besetzt ist.


Der „Hofstaat zu Delhi“: eine goldene Puppenstube

Für den Kaufpreis von 60.000 Talern hätte Friedrich August I. auch 1000 Staatsbeamte ein Jahr lang bezahlen oder das Jagdschloss Moritzburg ein zweites Mal erbauen können. Komplett abbezahlt hat er das Kunstwerk nie, der Krieg mit Schweden kam dazwischen. Dinglinger wurde auch so einer der reichsten Dresdner seiner Zeit. Im Neuen Grünen Gewölbe finden sich noch viele andere Meisterwerke von ihm.


Details am Osteingang zum Residenzschloss

Wesentlich mehr Geld nahm August der III., der Sohn des Starken, in die Hand, um ein weiteres weltweit einzigartiges Museumsstück zu erwerben: 400.000 Taler soll der 41-karätige Grüne Diamant gekostet haben, ein Teil der sächsischen Kronjuwelen, der heute im letzten Saal des Neuen Grünen Gewölbes zu sehen ist – nicht verpassen!

Info

Lage:

im Residenzschloss, Taschenberg 2, 01067 Dresden, barrierefreier Eingang über Schloßstraße; Tel.: 0351 4914 2000

Anfahrt: Parken in der Tiefgarage unter dem Altmarkt, im Haus am Zwinger, im Contipark an der Semperoper oder im Q-Park Frauenkirche; stressfreier ist die Anfahrt mit Straßenbahnlinie 1/2/4 zur Haltestelle Wilsdruffer Straße oder Straßenbahnlinie 7/10/11/12 und Buslinie 62/75 zur Haltestelle Postplatz.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 10 bis 17 Uhr, Freitag bis 20 Uhr

Eintritt: 14 EUR, freier Eintritt für alle Kinder bis 17 Jahre und am Geburtstag. Die Tickets gelten für alle Ausstellungen im Residenzschloss außer für das Historische Grüne Gewölbe!

Website: gruenes-gewoelbe.skd.museum

2 Der Brühlsche Garten

IDYLL IM KITSCH

Die Brühlsche Terrasse hat ihren Beinamen „Balkon Europas“ verdient. Wer am Georgentor über die Freitreppe zwischen den Skulpturen der „Vier Tageszeiten“ hinaufsteigt, unter den Würfelbäumen zum Planetendenkmal am Treppenaufgang zur Münzgasse spaziert und sich umdreht, gewahrt ehrfürchtig den Turm der Hofkirche, der vor der Augustusbrücke thront.


In der anderen Richtung dominiert die gläserne Kuppel der Kunstakademie mit dem goldenen Engel, im Volksmund „Zitronenpresse“ genannt, den Blick – bis man die noch trutzigere Kuppel der Frauenkirche dahinter erblickt. Zehn Meter tiefer fließt träge die Elbe und bringt die Dampfer der Weißen Flotte zu ihren Kaffeefahrten nach Pillnitz oder ins Elbsandsteingebirge. Winken nicht vergessen!

Nach diesen imposanten Eindrücken sinken die meisten Besucher andächtig auf eine Bank. Dabei wird die Brühlsche Terrasse jetzt erst richtig schön. An ihrem östlichen Ende beginnt hinter dem Delfinbrunnen der Brühlsche Garten. Wo der Bodenbelag von Steinplatten zu Kies wechselt, verändert sich die Atmosphäre – statt knipsender Touristen sieht man Mütter mit Kinderwagen oder Pärchen, die den Blick von der Jungfernbastei genießen oder unter Bäumen im hohen Gras liegen. Der fürstliche Garten, der zwischen 1739 und 1748 als privater Lustgarten von Graf Heinrich von Brühl angelegt wurde, ist großteils das Ergebnis von Rekonstruktionen; nur der Delfinbrunnen ist noch ein Originalteil. Ursprünglich zog sich der Park über die gesamte Länge der Terrasse.


Im Brühlschen Garten genießt man idyllische Ruhe mitten im Zentrum

Ihren Zweck als Bollwerk gegen Feinde hatte die trutzige Wehranlage nach dem Sieg über Napoleon verloren und war jetzt ein Hindernis für den Ausbau der Stadt; also ließ August der Starke sie abtragen. Dabei hatte Herzog Moritz seine Stadt erst in der Mitte des 16. Jahrhunderts mit einer Wehranlage auf dem neuesten Stand der Technik umgeben. Bis zu 40 Meter dicke Wälle umringten die Stadt sternförmig, in Abständen waren pfeilförmige Bastionen platziert, aus denen man in alle Richtungen schießen konnte. Im Inneren der Mauer lag eine Festung samt Zeughaus für Kanonen, Waffen und Unterkünften für die Soldaten.


Treppenaufgang zum Brühlschen Garten vom Georg-Treu-Platz (rechts das Albertinum)


Der Delfinbrunnen ist das letzte Originalteil hier

Das Moritzmonument an der Nordostecke der Brühlschen Terrasse ist Dresdens ältestes Denkmal. Es lohnt sich, ans Terrassenufer zu laufen und es genau anzuschauen: Die Szene, in der Kurfürst Moritz seinem Bruder August (nicht dem Starken!) unter dem drohenden Blick des Todes das Kurschwert übergibt, erzählt von einem kurzen Leben. Moritz, der große Pläne hatte und Kaiser werden wollte, starb mit 32 Jahren in der Schlacht bei Sievershausen durch einen Schuss in den Rücken.

Als Dresden im 18. Jahrhundert „entfestigt“ und von seiner Stadtmauer befreit wurde, rettete Graf von Brühl, Geheimrat und Premierminister am Hof von August dem Starken und seinem Sohn, den letzten Abschnitt. Er schüttete die Gewölbe zu und schuf die Brühlsche Terrasse. Neben dem Garten ließ er eine Galerie, eine Bibliothek, ein Lustschloss und weitere Gebäude errichten – die „Brühlschen Herrlichkeiten“.

Erst nach seinem Tod wurde die Brühlsche Terrasse für die Dresdner Bevölkerung geöffnet. Wie schön muss es hier gewesen sein, als noch das Belvedere stand, in dem man bei Kaffee und Kuchen den Blick auf die Neustädter Elbseite genießen konnte. Das Gebäude, in dessen Keller Johann Friedrich Böttger das Porzellan erfand, wurde 1945 zerstört und soll nicht wieder aufgebaut werden.

Der verwunschene Garten ist die einzige erhaltene „Herrlichkeit“. Neben den Traumblicken, den rauschenden Bäumen und einigen Skulpturen, die an Gerhard Richter, Caspar David Friedrich und Böttger erinnern, findet man hier einen Geheimtipp, den alle Dresdner*innen kennen: August der Starke prahlte gern mit seiner Stärke. Er zerbrach Hufeisen, zerdrückte Zinnbecher, zeugte (angeblich) 365 uneheliche Kinder und – drückte seinen Daumen in das Geländer der Brühlschen Terrasse. Auch wenn diese Geschichte nicht stimmt (das Geländer wurde viel später dort angebracht), gibt sie jeder zum Besten.

Was sich in den zugeschütteten Gewölben unter der Brühlschen Terrasse verbarg, grub man nach der Wende wieder aus: Die Spuren des alten Dresdens, ein Gewirr von dunklen Wehrgängen, vergessenen Wachstuben und ein überbautes Stadttor, kann man in der „Festung Experience“ erkunden. Die Hochwassermarken der letzten 450 Jahre zeigen, dass die Brühlsche Terrasse heute noch ihren Zweck erfüllt: Sie schützt die Dresdner vor ihrem letzten Feind.


Das Ludwig-Richter-Denkmal vor dem Albertinum

Info

Lage:

am Altstädter Elbufer zwischen Augustusbrücke und Carolabrücke; Treppenzugang vom Georg-Treu-Platz oder vom Hasenberg, Straßenzugang an der Jungfernbastei. Ein Aufzug neben der Freitreppe ermöglicht den barrierefreien Zugang auch am Nordende der Brühlschen Terrasse.

•Vom Brühlschen Garten hat man Zugang zur Kunstakademie im Lipsius-Bau, zur Festung Dresden mit der „Festung Experience“ und zum Albertinum mit der Galerie Neue Meister und der Skulpturensammlung.

•Der königliche Daumenabdruck ist nirgends markiert; Tipp: in der Nähe des Böttger-Denkmals suchen, ziemlich genau gegenüber der Neuen Synagoge.

Anfahrt: Parkmöglichkeiten in der Tiefgarage An der Frauenkirche oder auf dem Parkplatz Schießgasse; günstiger und stressfreier mit Straßenbahnlinie 3/7 Haltestelle Synagoge, von hier aus Zugang über den Hasenberg/Tzschirnerplatz

Öffnungszeiten: immer

Eintritt: nichts

Restaurant:

•Café Brühlscher Garten: liegt direkt neben dem Original und dem Albertinum; täglich ab 7:30 Uhr, warme Küche bis 22 Uhr; Tel.: 0351 481 890 1, bruehlscher-garten.de

Website: tourdresden.de/highlights/der-balkon-europas

3 Das Camondas Schokoladenmuseum

KÖSTLICH, KÖSTLICH!

Museumsbesuche sind anstrengend. Wie gut, dass direkt gegenüber dem Eingang zum Residenzschloss die Chocolaterie „Camondas“ liegt, wo man eine feine Trinkschokolade oder ein köstliches Schokoladeneis genießen kann.


Nach der verdienten Stärkung soll es gleich weitergehen mit der Kultur? Moment! Wer eine halbe Stunde übrig hat und Schokolade mag, der kann hier direkt im Hinterstübchen des Schokoladen-Shops ein kleines, aber sehr feines Museum entdecken. Im 2018 neu eröffneten Schokoladenmuseum wartet eine ganze Reihe an Überraschungen, und zwar nicht nur für Schokoladen-Liebhaber. Hier zeigt sich eine ganz neue Facette der Barockstadt: Kaum ein Dresden-Reiseführer erzählt davon, dass Dresden im 19. Jahrhundert einer der weltgrößten Erzeuger von feinsten Schokoladenerzeugnissen war.

Kakao und Schokolade waren lange Zeit kein Naschwerk für Kinder, sondern extrem teure Delikatessen aus dem fernen Amerika, die man mit Andacht verzehrte, wenn man sie sich überhaupt leisten konnte. Und die Schokolade war nicht einmal süß! Vielmehr sollte sie gesund sein. Von Kurfürst August dem Starken wird erzählt, dass er sich jeden Morgen eine Trinkschokolade ans Bett bringen ließ, und zwar standesgemäß von einem „Schokoladenmohren“ in speziellem Schokoladengeschirr aus Meißner Porzellan.

Der Graf von Brühl, der von neidischen Zeitgenossen für seine Verschwendungssucht kritisiert wurde (und Dresden an den Rand des Bankrotts führte), hatte in einem eigens angelegten „Chocoladen-Gewölbe“ neun Zentner der begehrten braunen Köstlichkeit gehamstert. Als der Premierminister des Kurfürsten starb, verkaufte man seinen Nachlass, wodurch die Schokolade in Dresden vom seltenen Luxusgut zur Alltagsleckerei wurde – Angebot und Nachfrage.

Damals, in den guten alten Zeiten, waren in der sächsischen Metropole mehr als 30 Schokoladenmanufakturen und Fabriken ansässig, die 4000 Arbeitskräfte beschäftigten. Im Schokoladenmuseum zeugt davon ein interaktiver Stadtplan, vor dem selbst alteingesessene Dresdner lange staunend stehen. Dresdner Schokoladen-Strategen erfanden den Schokoladen-Adventskalender und sogar die Milchschokolade (die ursprünglich mit Eselsmilch hergestellt wurde). Schokolade aus Dresden von Jordan & Timaeus oder Hartwig & Vogel genoss Weltruhm.

Der Zweite Weltkrieg und die genussfeindliche DDR-Planwirtschaft waren das Aus für die Dresdner Schokoladenkultur. Keine einzige Fabrik überlebte die DDR-Zeit. Erst in den letzten Jahren wurden wieder einige kleine Manufakturen gegründet, deren Schokoladen man im Camondas-Shop kaufen kann.

Warum gute Schokolade ihren Preis hat und warum man sie mit Genuss im Mund schmelzen lassen sollte, vermitteln die wenigen Ausstellungsräume des Schokoladenmuseums mit klug ausgewählten Exponaten und Beispielen. Und weil man Schokolade nicht erklären, sondern schmecken muss, kommt jeder in den (buchstäblichen) Genuss einer Verkostung mit allen Sinnen. Im direkten Vergleich und unter fachkundiger Anleitung lernt man, welche Zutaten in der preiswerten Supermarktschokolade vermischt werden und wie dort Geschmack quasi erschwindelt wird. Merke: Je besser eine Schokolade schmeckt, desto weniger Bestandteile hat sie. Und die kosten nun mal mehr als billige Ersatzstoffe. Qualität hat ihren Preis, aber sie schmeckt eben auch besser!


Das „Camondas“ ist gleichzeitig Shop, Museum und Café

Die Museumsleiterin schmunzelt immer wieder, wenn sie Fans handelsüblicher Schokolade von edlem Criollo-Kakao überzeugen kann und am Ende der Führung die liegengebliebenen Verkostungstäfelchen der Billig-Schokolade entsorgen muss. Wer einmal gute Schokolade gekostet hat, der gibt sich nicht mehr mit Durchschnittsware zufrieden!


Curry, Pfeffer oder Salz machen Schokolade erst interessant

Info

Lage: Schlossstraße 22, 01067 Dresden, gegenüber dem Eingang zum Residenzschloss; Tel.: 0351 3202 9191

Anfahrt: Parken in der Tiefgarage unter dem Altmarkt, im Haus am Zwinger, im Contipark an der Semperoper oder im Q-Park Frauenkirche; stressfreier ist die Anfahrt mit Straßenbahnlinie 1/2/4 zur Haltestelle Wilsdruffer Straße oder Straßenbahnlinie 7/10/11/12 und Buslinie 62/75 zur Haltestelle Postplatz.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 11 bis 18 Uhr

Eintritt: Erwachsene 5 EUR, Kinder (7 bis 14 Jahre) 3 EUR, Familienkarte (max. zwei Kinder) 15 EUR, kleine Familienkarte (ein Erwachsener, max. drei Kinder) 10 EUR

Website: camondas.de/schokoladenmuseum

HINWEISE: Eine Mini-Filiale des „Camondas“ liegt gleich um die Ecke an der Frauenkirche. Drei Schritte weiter an der Sporergasse ist eine weitere Außenstelle, die teures, aber tolles Eis verkauft.

4 Die Breslauer Zwerge

BOTSCHAFTER AUS POLEN

In Dresden kann man an einigen Orten kleine Zwerge entdecken. Hübsch sehen sie aus, aber warum stehen sie hier? Dazu muss man wissen, dass in Breslau genau solche Kunstwerke ebenfalls zu sehen sind. Die „Krasnale“ waren ursprünglich ein Kunstprojekt der politischen Oppositionsbewegung „Orangene Alternative“, die Kritik an der kommunistischen Regierung übte.

Den Zwerg wählte der Kunststudent Waldemar Fydrych als Symbol, weil die kleinen Kerle in vielen Märchen als listig und hilfreich gelten; aber sicherlich auch, weil Künstler in den Niederlanden einige Jahre zuvor ebenfalls mit Zwergen („Kaboutern“) gegen Konsumismus und Umweltverschmutzung protestiert hatten.

Die polnischen Aktivisten waren nicht so dumm, sich offen gegen das System zu richten; das hätte ihnen Gefängnisstrafen eingebracht und wohl nichts bewirkt (die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 und der Arbeiteraufstände in Berlin 1953 waren eindrucksvoll gewesen). Stattdessen demonstrierten sie mit orangefarbenen Zwergenmützen auf dem Kopf gegen die Sommerhitze, sangen im Chor „Wir lieben Lenin!“ oder verteilten chronisch knappes Klopapier. Wieso hätte man sie dafür verhaften sollen?

Der eine gusseiserne Zwerg, der damals im Zentrum von Breslau aufgestellt worden war, verschwand schnell wieder. Im Sommer 2001 tauchte er jedoch wieder auf – lustigerweise erneut als Projekt von Kunststudenten, die an die Geschichte ihrer Stadt anknüpfen wollten. Sie platzierten ihren Zwerg, der nur handtellergroß war, an der Swidnicka-Straße, wo die „Orange Alternative“ sich in den 1980er-Jahren häufig getroffen hatte. Von da an erlebten die Breslauer Zwerge ein beachtliches Revival: Binnen weniger Jahre wurden Hunderte von ihnen angefertigt und im ganzen Stadtgebiet aufgestellt, aktuell sollen es über 600 sein. Jeder der maximal kniehohen Gesellen ist mit einem GPS-Sender ausgestattet, um Diebstahl vorzubeugen. Mitnehmen soll man sie bitte nicht, aber erlaubt ist es durchaus, die gefundenen Zwerge in einer App zu „sammeln“ – eine beliebte Aktivität von Breslau-Besuchern. Die Tourist-Info gibt zu diesem Zweck sogar einen Zwergenstadtplan heraus.

Ein Zwerg aus Breslau hält vor dem Springbrunnen am Rathaus zwei Stadtwappen hoch ...


... sein Genosse steht mit Koffer und Sonnenblume vor dem „Ratskeller“.

Statt Protest zu äußern, sind die Zwerge kleine Tourismusbotschafter von Breslau geworden. Hunderte winzige bronzene Gesellen bevölkern heute die Innenstadt der polnischen Stadt Wrocław (oder Breslau) – sie hängen an Laternen, stehen auf Ausflugsbooten, lugen um Häuserecken herum oder hocken auf Fensterbrettern.

Genau in dieser Funktion haben die „Krasnale“ im Jahr 2014 einen Vertreter ihrer Zunft nach Dresden geschickt. Die 270 Kilometer entfernte Elbmetropole ist nämlich seit 1959 Partnerstadt von Wrocław. Was wäre passender, als dieses Bündnis mit einem hilfreichen Zwerg zu besiegeln? Der Kleine sitzt etwas verschämt am Fuß des Hietzigbrunnens, der umgeben von parkenden Autos an der Seite des Rathauses steht, und hält die Stadtwappen der beiden Partnerstädte hoch. Damit er nicht allzu allein ist, bekam er 2019 Gesellschaft: Ein weiterer Zwerg, mit einem Koffer und einer Sonnenblume ausgestattet, steht – auf Wunsch der Dresdner, die darüber abstimmen durften – eine Ecke weiter am Eingang zum Ratskeller und begrüßt dort die Gäste. Wenn das so weitergeht, ist auch Dresden in zehn Jahren von Zwergen bevölkert …

Info

Lage:

•Breslauer Partnerzwerg am Hietzigbrunnen: auf der Schulgasse zwischen Rathaus und Kreuzkirche

•Breslauer Partnerzwerg am Ratskeller: an der südlichen Ecke des Rathauses, links vom Haupteingang

Anfahrt: Zufahrt über Ringstraße/Schulgasse; Parken auf dem Parkplatz Pirnaischer Platz, Dr.-Külz-Ring oder in den Parkhäusern der Innenstadt; mit Straßenbahnlinien 7/10/11/12 oder Buslinie 62/75 Haltestelle Prager Straße oder zu Fuß über den Altmarkt, vorbei an der Kreuzkirche

Öffnungszeiten: immer

Eintritt: nichts

5 Kulturpalast

Versöhnung mit der DDR-Architektur

Lange stand der Kulturpalast verschämt an der Nordseite des Altmarkts und trennte das in neuem Glanz erstrahlende historische Zentrum um die Frauenkirche von der immer noch an die DDR-Ästhetik erinnernden Prager Straße. Sollte man ihn abreißen wie seinen Kollegen in Berlin?


1969, als der Großteil der Innenstadt noch in Trümmern lag, erbaute man den Kulturpalast als Vorzeigeprojekt des Sozialismus – genau in der Mitte der historischen Altstadt, aus modernem Beton, mit einer blitzenden Glasfront und einem Kupferdach in Form eines Napfkuchens.

Der größte Mehrzwecksaal der Stadt entwickelte sich zum neuen kulturellen Zentrum. Hier fanden Konzerte der Dresdner Philharmonie und der Sächsischen Staatskapelle statt, der Kreuzchor und das Moskauer Bolschoi-Theater gastierten, die „Brückenmännchen“-Musicals hatten Kultstatus und bei Dixieland-Festivals wippte ganz Dresden mit. Der Saal mit 2000 Plätzen, das höhenverstellbare Parkett, die drehbare Bühne und Luxusmaterialien wie Marmor und Granit zeigten den Dresdnern, dass es vorwärtsging im Sozialismus.

Nach langer Diskussion in den 1990ern entschlossen sich die Dresdner, zu ihrer jüngeren Geschichte zu stehen. Sie stellten den Kulturpalast unter Denkmalschutz und renovierten ihn gründlich. 2017 wurde er wiedereröffnet und feierte 2019 sein 50-jähriges Jubiläum.Und die Menschen waren begeistert. Der Kulturpalast ist als Heimat der Dresdner Philharmonie, des Kabaretts „Die Herkuleskeule“ und der Zentralbibliothek ein echtes Kulturzentrum und gleichzeitig ein architektonischer Gegensatz zum benachbarten Neobarockviertel. Er beherbergt einen der akustisch besten Konzertsäle der Welt, der auch architektonisch beeindruckt und von einer speziell entworfenen Orgel gekrönt wird.

Das 30 Meter lange Wandbild „Der Weg der Roten Fahne“ durfte nach langer Diskussion über seinen künstlerischen Wert an der Westfassade bleiben. Das detaillierte Bild auf 466 Betonkacheln (der rote Stern besteht dagegen aus Glas) zeigt die Geschichte der Menschheit im Verständnis des Marxismus. Die fahnenschwingende Frau in der Bildmitte erinnert an die Dame, die das französische Volk zur Revolution führen sollte – mit Absicht!

Spannend sind auch die drei Eingangstüren des Kulturpalasts. Ähnlich wie Kirchenportale bestehen sie aus Bronzereliefs, die die Geschichte der Stadt zeigen. Der Künstler Gerd Jaeger hat sich bei den Türen nicht an den Kalender gehalten, weshalb man beim Betrachten etwas verwirrt ist: Die erste Tür zeigt das Mittelalter und beginnt ganz links unten, als Dresden 1206 erstmals urkundlich erwähnt wurde, bis zum Dreißigjährigen Krieg, als 1632 die Pest kam. Die zweite Tür von links zeigt die Geschichte Dresdens im 19. und frühen 20. Jahrhundert, während die mittlere Tür den Sozialismus zeigt. Auf der rechten Seite geht es wieder rückwärts, in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und das Barockzeitalter. Eine Tür für das 21. Jahrhundert fehlt noch.


Erstrahlt neu in alter Optik: der Kulturpalast

Nun wird es aber Zeit, hineinzugehen; auch ohne Ticket für eine der vielen Veranstaltungen. Das beste am Kulturpalast ist nämlich der Blick hinaus auf den Altmarkt, Dresdens ältesten Platz. Besucher der Zentralbibliothek genießen ihn aus einem der kugelrunden „Sonic Chairs“ an den Fensterfronten des Lesesaals. Diese Kuschelsessel sind gleichzeitig akustische Inseln, die man ans Smartphone anschließen und zum Musikhören nutzen kann.

Aber auch im Foyer kann man bei einem Kaffee oder einem Glas Sekt aus dem Bistro den Blick durch die Glasfront auf den Altmarkt richten. Tagsüber herrscht dort buntes Treiben – bei einem der Frühlings- oder Herbstmärkte, beim jährlichen Striezelmarkt (der seit 1434 hier stattfindet) oder einer anderen Großveranstaltung.

Sollte das Pflaster einmal leer sein, wirkt der Altmarkt, hinter dem der 92 Meter hohe Turm der Kreuzkirche und der Rathausturm aufragen, noch eindrucksvoller. Schwer vorstellbar, dass hier 1945, nach dem Bombardement der Alliierten am 13. Februar, zwischen den Trümmern Tausende geborgene Leichen lagen. Eine in der ursprünglichen Pflasterung erhaltene Stelle markiert den Punkt, wo die Opfer der Bombennacht in den darauffolgenden Tagen verbrannt wurden. Das Mahnmal ist so unauffällig, dass die meisten Besucher achtlos darüber hinweglaufen – Ergebnis einer hitzigen Debatte darüber, wie groß eine Gedenkstätte an die Kriegsopfer in Dresden sein darf, das sich seit Jahren mit Vereinnahmungsversuchen von rechts herumschlägt.

Info

Lage:

Schlossstraße 2, 01067 Dresden, Besuchereingang Wilsdruffer Straße (Front)

Anfahrt: Parken in der Tiefgarage unter dem Altmarkt, im Haus am Zwinger, im Contipark an der Semperoper oder im Q-Park Frauenkirche; Straßenbahnlinie 1/2/4, Haltestelle Altmarkt

Eintritt: tagsüber und abends ins Gebäude und in die Zentralbibliothek frei

Aktivitäten:

•Ticketservice: Tel.: 0351 4866-866,

ticket@dresdnerphilharmonie.de

•Bistro: im 1. Stock, geöffnet tagsüber und bei Veranstaltungen

•Zentralbibliothek: im 1. und 2. Stock, Montag bis Samstag 10 bis 19 Uhr, bibo-dresden.de

Website: kulturpalast-dresden.de

6 Die Weiße Flotte

AUF DER ELBE WOLL‘N WIR FAHREN …

Erst mit den weißen Raddampfern, die tutend vom Terrassenufer in Richtung Pillnitz oder Bad Schandau ziehen, ist Dresdens Stadtbild komplett. Spaziergänger winken den Kaffeefahrt-Gästen auf den Promenadendecks zu und ziehen dann kreischend ihre Picknickdecken ins Trockene, wenn die Bugwellen die Elbe zur Wallung bringen und echte Brecher ans Ufer schicken.


In den vergangenen Sommern floss die Elbe, die uns Dresdner gern mit Hochwassern schreckt, leider immer niedriger dahin. Beherzte konnten sie zu Fuß durchwaten – dabei wird der Fluss von den Städtern eigentlich gern zum Schwimmen genutzt, sommers wie winters. Für die Weiße Flotte bedeutete das dasselbe wie für die Lastkähne aus Tschechien: Schifffahrtsstopp.

Wird die älteste und größte Raddampfer-Flotte der Welt das nächste prominente Opfer des Klimawandels? Insolvenz wurde bereits Anfang 2020 angemeldet, als das Corona-Virus für einen zusätzlichen Einbruch der Einnahmen sorgte.

Dabei fahren die „Gräfin Cosel“, die „Pillnitz“ und ihre Kolleginnen schon seit 1836 elbauf und elbab, gegründet von geschäftstüchtigen Dresdner Bürgern, zuerst nur mit zögerlicher Erlaubnis des Königs, der sich gegen die Modernisierung sperrte: Warum sollte man die Treidelschiffe, die man vom Ufer aus an Seilen flussaufwärts zerrte, durch Dampfschiffe ersetzen? Die arbeitslosen Treidler haben ihm sicher zugestimmt – an sie erinnern nur noch einige gemauerte Treidelpfade am Ufer.

Dampfschiffe eroberten in den nächsten Jahren die Welt, auch in Sachsen. Hier ertüftelte Mathematikprofessor Johann Andreas Schubert das erste Dresdner Dampfschiff, die „Königin Maria“. Nach der ersten Publikumsfahrt von der Marienbrücke bis nach Meißen war der Damm gebrochen: Passagiere fuhren elbabwärts bis nach Dessau und elbaufwärts bis nach Melnik, wo die Moldau in die Elbe mündet.

1901 fuhren 3,4 Millionen Fahrgäste auf den 37 Schiffen der Flotte. Ihren Namen erhielt sie erst 1928, als alle Schiffe weiß gestrichen wurden: nach dem Vorbild der „Great White Fleet“ von US-Präsident Roosevelt. Der Zweite Weltkrieg war der Dampfschifffahrt nicht förderlich; die wenigen Schiffe, die in Dresden heil geblieben waren, wurden als Reparationsleistungen von der Sowjetunion einkassiert.

Von vier einsatzfähigen Raddampfern, die die DDR-Zeit überstanden hatten, schafften es zwei in die neue Zeit: Aus „Ernst Thälmann“ wurde „August der Starke“, die „Wilhelm Pieck“ fährt heute als „Gräfin Cosel“. Die anderen beiden liegen als schwimmende Jugendherbergen im Neustädter Hafen.

Durch Restaurierungen und Neukäufe wuchs die Flotte wieder langsam bis auf neun Schiffe. Schmuck sehen sie alle aus: von den glasverkleideten, stromlinienförmigen Salonschiffen „Gräfin Cosel“ und „August der Starke“ bis zur „Diesbar“, deren Dampfmaschine seit 1841 stampft und die damit den Rekord als weltweit dienstältester Flussdampfer hält. Die Weiße Flotte ist aber auch in Sachen Digitalisierung voll dabei: Fahrgäste genießen eine automatische, GPS-gesteuerte Streckenerklärung in mehreren Sprachen, Tickets werden online verkauft.

Die Dresdner lieben Kaffeefahrten auf ihren weißen Kähnen. Zu den Dampferparaden am 1. Mai und beim Stadtfest, wenn alle neun Schiffe mit dampfenden Schornsteinen, die beim Passieren der Elbbrücken eingeklappt werden, von der Altstadt nach Pillnitz fahren, winken sich Tausende am Ufer und an Deck zu, und zum Dixieland-Festival im Sommer gehören die weißen Kähne einfach dazu.


Die „Gräfin Cosel“ dampfte schon zu DDR-Zeiten die Elbe entlang

Es gibt ja auch nichts Schöneres, als an Deck in der Sonne zu sitzen, ein „Schälchen Heeßen“ zu schlürfen und dabei wahlweise die Weinhänge des Meißner Elbtals an sich vorüberziehen zu lassen oder zuzusehen, wie die Sandsteinklippen auf der Fahrt in die Sächsische Schweiz immer höher aufragen. Der Klassiker für Ungeduldige, die keinen halben Tag Zeit haben, ist die Stadtfahrt zwischen dem Terrassenufer und dem Blauen Wunder.

Aber wenn die Passagierzahlen weiter sinken, wie der Wasserstand der Elbe? Ein neuer Investor muss dem historischen Erbe Dresdens neues Wasser unter den Kiel bringen. Ich drücke die Daumen – und bin ziemlich sicher, dass die Dampfer der Weißen Flotte weiterfahren werden. Sie gehören doch einfach zu Dresden!

Info

Lage: Anlegestelle am Terrassenufer, Höhe Augustusbrücke, vor der Brühlschen Terrasse

Anfahrt: Parken im Parkhaus QF Frauenkirche oder auf dem Parkplatz Schießgasse vor der Polizeidirektion; Bahnlinie 3/7/8/9 bis Haltestelle Synagoge oder 7/9 bis Haltestelle Neustädter Markt und zu Fuß über die Augustusbrücke laufen

Fahrzeiten: Stadtfahrten und Schlösserfahrten starten dreimal täglich am Terrassenufer und in Blasewitz

Tickets: Erwachsene zwischen 7,50 EUR für eine 20-minütige Kurzfahrt und 22 EUR für die einfache Langstrecke bis Bad Schandau bzw. Diesbar, Rückfahrt immer 7 EUR; Kinder unter 6 Jahren sind kostenfrei, Kinder von 6 bis 14 Jahren fahren in Begleitung eines zahlenden Erwachsenen auf Linienfahrten ebenfalls kostenfrei; Kaffee und Speisen müssen an Bord bezahlt werden.

Website: saechsische-dampfschiffahrt.de

7 Neue Synagoge und Stolpersteine

DRESDENS DUNKLE VERGANGENHEIT

Als 2001 in Dresden die Neue Synagoge eingeweiht wurde, überraschte das viele. Die einen standen verblüfft vor dem sandsteinfarbenen Kasten, der zwar im Material, aber nicht in der Form zur angrenzenden barocken Altstadt passte. Die anderen merkten erst bei dieser Gelegenheit, dass Dresden eine jüdische Gemeinde hat – beziehungsweise wieder hat.


Im ganzen Stadtgebiet stößt man auf die Messingsteine von Gunter Demnig, die der Künstler seit 2009 herstellt und verteilt. Wie normale Pflastersteine sind sie in den Boden eingelassen, meist vor Hauseingängen.

Stolpern kann man über sie kaum, trotzdem bringen sie zum Innehalten; und das ist ihre Funktion: Jeder Stein markiert den letzten gemeldeten Wohnort eines jüdischen Dresdners oder einer Dresdnerin. Auch Künstler und Politikerinnen, körperlich und geistig Behinderte und Zeugen Jehovas sind dabei, die politisch verfolgt und ermordet wurden.

Eingestanzt sind Name und Geburtsdatum, dann folgt das Datum, an dem diese Menschen aus ihrem Heim vertrieben wurden: abgeschoben nach Polen oder deportiert in KZs, hingerichtet oder schlicht ermordet. Nur auf wenigen steht „Flucht nach Australien“ oder „KZ überlebt“. Am traurigsten sind die mit den Namen von Kindern – etwa von Jutta und Tana Schneck, die 1942 im Alter von zwei und fünf Jahren zusammen mit ihrer Mutter nach Auschwitz deportiert und vergast wurden.

Viele Dresdner schauten damals weg – oder unterstützten die Nazis. Die waren in Dresden gründlich und feierten 1942, die Stadt wäre nun „judenrein“. Das stimmte nicht ganz; noch bis 1943 lebten etwa 300 jüdische Frauen und Männer im „Judenlager“ auf dem Hellerberg als Zwangsarbeiter in einer Rüstungsfabrik des Kameraherstellers Zeiss Ikon. Sie alle wurden im März 1943 nach Auschwitz gebracht. Ironischerweise verhinderte die Bombennacht vom 13. Februar 1945 die Deportation der letzten Juden aus Dresden; damals lebten noch 41 in der Stadt, die meisten in „Mischehe“ mit Deutschen oder deren Kinder.

Seit dem Beginn des Projekts „Es waren unsere Nachbarn“ hat Demnitz fast 70.000 Steine in über 1200 Orten in Deutschland und in 24 Ländern Europas verlegt. Die Stolpersteine gelten damit als das größte dezentrale Kunstwerk der Welt.

Im Gegensatz dazu fokussiert die architektonisch auffällige Neue Synagoge am Rathenauplatz die Aufmerksamkeit auf einen Punkt. Die jüdische Gemeinde der Stadt, schon immer klein und durch den Holocaust geschrumpft von etwa 5000 Gläubigen auf heute etwa 700, wurde kaum wahrgenommen – bis sie ihr neues Gotteshaus bekam. Das Architekturbüro Wandel + Lorch erhielt für diesen Entwurf den World Architecture Award.

Schauen Sie ruhig genau hin, wenn Sie an den Polizei-Mannschaftswagen vorbeispazieren, die zum Schutz der Gemeinde beschämenderweise wieder nötig sind: Der 24 Meter hohe, fensterlose Würfel soll an den ersten Tempel der Israeliten und die Klagemauer in Jerusalem erinnern. Seine Fassade besteht aus vielen Reihen von Bausteinen, die jeweils um sechs Zentimeter verdreht sind. So gelang ein Kompromiss mit den praktischen Gegebenheiten: Während die Grundfläche exakt in die nach Norden ausgerichteten Grenzen des Baulands passt, ist ihre Oberseite nach Osten ausgerichtet, wie es für Synagogen sein soll. Gegenüber liegt ein weiterer, nicht verdrehter Kasten, das Gemeindezentrum und das Arbeitszimmer des Rabbis, eines jungen Mannes aus New York, der zwischen Dresden und Basel pendelt.


Die Neue Synagoge wurde mit dem World Architecture Award prämiert

An die Alte Synagoge, erbaut 1840 von Gottfried Semper als größter Sakralbau Deutschlands, erinnert ein Gedenkstein in Blickweite der Neuen Synagoge. Genau 60 Jahre nach ihrer Sprengung erfolgte 1998 der erste Spatenstich für die Neue Synagoge, weitere drei Jahre später wurde sie als erste Synagoge in Ostdeutschland eingeweiht.

Der alte Davidstern, der über der Tür hängt, ist das einzige, was von der Alten Synagoge übrig blieb. Jetzt können die Juden in Dresden neue Geschichte schreiben. Seit 2020 ist Jüdische Religion Wahlpflichtfach an sächsischen Grundschulen. Und wer mag, kann dem Rabbi Weingarten auf YouTube und Instagram folgen.

Info

Lage:

Hasenberg 1, 01067 Dresden, am östlichen Ende der Brühlschen Terrasse

Anfahrt: Parken auf dem Parkplatz Schießgasse vor der Polizeidirektion; Straßenbahnlinie 3/7, Haltestelle Rathenauplatz/Synagoge

Öffnungszeiten: nur nach Anmeldung oder zu Gottesdiensten der Gemeinde

Führungen durch die Synagoge: Tel.: 0351 65 60 70

Website von Rabbi Weingarten: rabbiweingarten.com

HINWEISE:

•Die Stolpersteine findet man im ganzen Stadtgebiet von Dresden; eine Übersichtskarte gibt es unter stolpersteine-dresden.de oder auf dem Themenstadtplan der Stadt unter dresden.de.

•Die Infotafel für das Judenlager am Hellerberg, das nördlich des St. Pauli Friedhofs lag, steht am südlichen Ende des Hammerwegs.

•Die Rüstungsfabrik, in der die letzten Juden in Dresden bis 1943 arbeiten mussten, steht an der Riesaer Straße in Dresden-Pieschen und wird heute nach Sanierung teilweise als Kulturfabrik „Zentralwerk“ genutzt.

8 Kraftwerk Mitte

KULTUR IM ZENTRUM

In Dresdens barockem Zentrum tummeln sich tagsüber die Menschen. Mit dem Einbruch der Dunkelheit wird es aber sehr still in der Innenstadt – für Wein und Gesang pilgern die Dresdner lieber auf die andere Elbseite, ins Kneipenviertel Äußere Neustadt. Dort sorgen Bars und Restaurants, viele kleine Theater und Kulturstätten sowie Clubs fürs leibliche Wohl und die Unterhaltung.

Seit 2016 ist das anders – jetzt sieht man auch abends Scharen von Dresdnern in die Innenstadt pilgern. Und zwar jeden Alters! Ihr Ziel liegt zwar gleich neben dem Bahnhof Mitte, ist aber nicht das „richtige“ Stadtzentrum. Geschenkt – auf dem Gelände des ehemaligen Heizkraftwerks (alias Lichtwerk, alias Westkraftwerk), das hier seit 1895 dreckigen Kohlestrom für Dresden produzierte, ist ein Kulturmix vom Feinsten entstanden – und das in einem beeindruckenden Kulturdenkmal.

Energie wurde an dieser Stelle schon seit 1838 erzeugt, im Laufe der Zeit baute man immer weitere Gebäude und Anlagen auf und an. Das Ergebnis ist ein Fest für Stadthistoriker und Architekturfans, ein Querschnitt vom Historismus bis zur Sachlichkeit. Nur das alte Kesselhaus wurde leider trotz Denkmalschutzes 2006 abgerissen.

Zuerst eröffneten die Dresdner Stadtwerke, 175 Jahre nach dem ersten Aufleuchten einer Gaslaterne in Dresden, das Energiemuseum KraftWerk in einem ehemaligen Werkstattgebäude. Dann zog 2010 der Kraftwerk Club in die alten Klinkerhallen des Bahnstromwerks an der nordöstlichen Ecke des Areals ein. Seitdem wummern jedes Wochenende die Bässe, Szenegrößen wie Paul van Dyk und DJ Antoine kommen gern hierher. Kein Wunder bei einer Location, in deren Mitte ein Wasserfall rauscht!


Das Kraftwerk Mitte ist immer noch voller Energie


Ein Theater für die Jüngsten: das tjg

2014 kamen die Musikhochschule und 2016 das Heinrich Schütz Konservatorium, die Heinrich-Böll-Stiftung richtete sich in der alten Trafohalle ein, das Restaurant „Neue Sachlichkeit“ und das wunderschöne kleine Bistro „t1“ im ehemaligen Pförtnerhaus setzten dem coolen Industrie-Charme ein warmes i-Tüpfelchen auf. Als schließlich die Staatsoperette und das Kinder- und Jugendtheater „theater junge generation“ aus den Randbezirken Dresdens herzogen, war das Kulturpaket komplett – oder? Inzwischen kam noch ein Co-Working-Space für Kreative und das Programmkino „Zentralwerk“ hinzu, ein Haus der Kulturen ist geplant und man hofft, dass sich weitere Start-ups und Kunstschaffende ansiedeln werden.


tjg und Staatsoperette teilen sich ein Gebäude im Kraftwerk

Heute macht es zu jeder Tageszeit Spaß, durch das Gelände des ehemaligen Heizkraftwerks zu streifen. Hoch aufragende Backsteinwände und Stahlkonstruktionen bieten coole Hintergründe für Instagram-Sternchen (die man hier häufig beim Fotoshooting sieht), die renovierten Hallen der beiden Theater mit ihren 65-Tonnen-Kränen und Granitskulpturen bieten an jeder Ecke spannende Eindrücke. Dazwischen setzen die gemütlich von Pflanzen überwucherten Vintage-Möbel des Bistros im Hof und die wie zufällig herumstehenden Plastiken und Theaterrequisiten Akzente.


Der spektakuläre neue Saal der Staatsoperette

Selbst wenn weder Theater- noch Operetten- noch Kinoprogramm überzeugen können – ein Besuch im Kraftwerk Mitte lohnt sich auf jeden Fall, denn er zeigt eine ganz andere, ungewohnte Seite von Dresden. Genau in der Mitte.

Info

Lage:

Kraftwerk Mitte 1 am Wettiner Platz, 01067 Dresden, Zugang vom Wettiner Platz/Alfred-Althus-Straße oder (manchmal) durch eine kleine Tür in der Mauer zur Könneritzstraße

Anfahrt: Parken am besten auf dem großen Parkplatz Kraftwerk Mitte, Löbtauer Straße 21, von der Haltestelle Bahnhof Mitte (S-Bahn S1, Straßenbahnen 1, 2, 6, 10, Bus 94) sind es etwa fünf Minuten zu Fuß.

Aktivitäten:

•theater junge generation: Vorverkaufskasse Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr; Tel.: 0351 320 42 777, tjg-dresden.de

•Staatsoperette: Vorverkaufskasse Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr, Tel. 0351 32042 222, staatsoperette.de/karten

•Club Kraftwerk: Programm und Tickets unter kraftwerk-club.de

•Energiemuseum KraftWerk: Mittwoch 10 bis 17 Uhr, von Oktober bis Juni auch Samstag 13 bis 17 Uhr, Eintritt kostenfrei; Tel.: 03 51 860 41 80, kraftwerk-museum.de

Restaurants:

•Restaurant Neue Sachlichkeit: Dienstag bis Freitag 12 bis 22 Uhr, Samstag 15 bis 22 Uhr; Tel.: 0176 47306703, kraftwerk-mitte-dresden.de/einziehen/wir-sind-hier/neue-sachlichkeit.php

•Bistro t1: Montag bis Freitag 9 bis 24 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 23 Uhr; Tel.: 0351 484 567 51

Website: kraftwerk-mitte-dresden.de

HINWEISE: Die Eintrittskarten für tjg und Staatsoperette gelten vier Stunden vorher und bis sechs Stunden nach der Vorstellung als Bus- und Bahn-Tickets.

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Janr və etiketlər

Yaş həddi:
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Litresdə buraxılış tarixi:
22 dekabr 2023
Həcm:
351 səh. 236 illustrasiyalar
ISBN:
9783968551180
Müəllif hüququ sahibi:
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