Kitabı oxu: «Karl May»

Şrift:

Rainer Buck

Karl May

Der Winnetou-Autor und der christliche Glaube

Mit einem Vorwort von Jens Böttcher


Karl-May-Zitate sind kursiv. Sie folgen den historischen Büchern, Zeitschriften und sonstigen Quellen, wurden aber der neuen Rechtschreibung angepasst.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de

ISBN 9783865064004

© 2012 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Satz: Satzstudio Winkens, Wegberg

www.brendow-verlag.de

1. Digitale Auflage 2012

Digitale Veröffentlichung: Zeilenwert GmbH

Inhalt

Cover

Titelseite

Impressum

Von Schatztruhen, der Neurosenzucht und ewigen Werten

Einleitung Mein Weg mit Karl May

Erster Teil · Leben ·

Blindheit und Armut

Kegelbub und Seminarist

Lehrer, Hochstapler, Mustergefangener, Rückfalltäter

Redakteurstätigkeit und frühe Schriftstellerlaufbahn

Erfolg, Wohlstand und Legendenbildung

Wendepunkt Orientreise

Eine Lawine von Prozessen

Künstlerische Neufindung, Ehescheidung und Wiederheirat

Späte Amerikareise

Am Ende ein Triumph

Zweiter Teil · Werk ·

Einführung

Literarische Qualitäten – Im Banne des Erzählers May

Kleine Anfänge eines Genies – Das Frühwerk Karl Mays (1875–1879)

Erster Auftritt für Old Shatterhand und Winnetou – Der Beginn der »Reiseerzählungen« (1879/1880)

May findet seine Handschrift – »Giölgeda Padishanün« (1881)

Verlorene Jahre der Kolportage – Die Münchmeyer-Romane (1882–1886)

Hochgradige Popularität – Schriften für die Jugend (1886–1899)

Zerstreutes zusammengeführt – »Gesammelte Reiseerzählungen« (1892 ff.)

»Winnetou ist ein Christ« – Die »Winnetou-Trilogie« (1893)

Schönheitsfehler in der Reihe der »Gesammelten Reiseerzählungen« (1893–1896)

Erste Entwicklungen zur Vielschichtigkeit – Eine gestrichene Episode (1896)

Die Suche nach Gott – »Old Surehand« (1896)

Christliches … Allzuchristliches? – Die »Kalendergeschichten« (1891–1899)

Maskerade und biografische Spiegelungen – »Weihnacht« (1897)

Interreligiöser Dialog – An der Schwelle zum Spätwerk (1898)

Der Übergang zum Symbolismus – »Am Jenseits« (1899)

Lyrische Ausflüge – »Himmelsgedanken« (1900)

Mays pazifistischer Roman – »Und Friede auf Erden« (1901–1904)

Ein Schlüsselroman – Die Fortsetzung des »Silberlöwen« (1902/1903)

Kommerzielle Fehlschläge – Die neuen »Dorfgeschichten« (1903 ff.)

Noch ein Flop – Das Drama »Babel und Bibel« (1906)

Dem Irdischen entrückt – »Ardistan und Dschinnistan« (1907–1909)

Noch einmal Winnetou – »Winnetou IV« (1909/1910)

Ein Schlüssel zum Verständnis seines Werks – Mays »Glaubensbekenntnis«

Dritter Teil · Wirkung ·

Der Karl-May-Verlag – Ein schwieriger Anfang

Werkbearbeitungen

Karl May im Nationalsozialismus

Karl May in der DDR

Karl May in Westdeutschland

Karl May auf Leinwand, Bühne und Schallplatte

Wissenschaftliche Erforschung und Biografien

Karl May und seine dankbaren Leser

Anhang

Benutzte Literatur

Dank

Von Schatztruhen, der Neurosenzucht und ewigen Werten

Ein Vorwort von Jens Böttcher

Karl May, 1906

Herzlich willkommen auf den ersten Seiten dieses besonderen Buches, liebe Leserinnen und Leser. Ich stelle mir gerade verschiedene Möglichkeiten vor, warum Sie es zur Hand genommen haben. Vielleicht, weil Sie einfach gern Biografien über außergewöhnlich spannende Menschen lesen. Oder weil Sie sich nicht nur für den Text, sondern auch für das exklusive Hörspiel interessieren, das parallel zu diesem Buch entstanden ist und in dem mitzuspielen ich übrigens die Freude und Ehre hatte (Karl May: Abenteuer mit Winnetou und Old Shatterhand. Old Cursing Dry, Brendow 2012). Vielleicht aber auch, weil Sie mit den weltberühmten Stoffen von Karl May etwas sehr Persönliches verbinden – etwas, das womöglich auf den ersten Blick profan scheint, es aber spätestens auf den zweiten schon nicht mehr ist: die Erinnerung an ein Stück heile Welt, oder wenigstens: die Erinnerung an die Sehnsucht danach. Gemeint ist die Sorte Sehnsucht, die einem Jugendlichen viel weniger illusorisch oder auf peinliche Weise schwärmerisch erscheint als uns sogenannten Erwachsenen, die wir zu unserem »realistischeren« Lebenskonzept erklärt haben, dass sie wohl unerfüllt bleiben wird, diese Gute.

Vielleicht verbinden Sie mit dem Namen Karl May also die Reise in eine Zeit – wie kurz oder lange diese auch zurückliegen mag –, in der Sie vor Ihrem eigenen oder dem elterlichen Bücherregal knieten, saßen oder standen und voller Ehrfurcht und mit positiver Anspannung diese ungewöhnlichen, grüngefärbten Buchrücken betrachteten. Und vielleicht können Sie sich sogar an einen dieser Momente des leichten Seelenfiebers erinnern, als gleich zu Beginn der soundsovielten Fernsehausstrahlung von »Winnetou III« die erhabene Titelmusik des Komponisten Martin Böttcher ganz sanft Ihre nach Abenteuer und Freiheit dürstende Seele berührte und irgendetwas in Ihnen zum wohligen Seufzen brachte. Es würde mich nicht wirklich überraschen, wenn Sie zu all denen gehören, die sich in diesen Erinnerungen wiederfinden. Viele von uns tragen solche schönen Momente aus der Jugend in einer unsichtbaren Schatztruhe mit sich herum, um wenigstens hin und wieder mal einen kurzen, nostalgischen Blick auf die Diamanten und Rubine zu werfen, die darin merkwürdig unversehrt vor sich hin funkeln und uns an einen noch größeren Glanz erinnern, den wir immer wieder schon verloren glaubten.

In zahllose dieser Diamanten ist wohl der Name Karl May graviert.

Die Buchrücken also, die Vorspannmusik, die Filme, das Pferdegetrappel. Und natürlich Pierre Brice, Lex Barker und der junge Terence Hill, als er noch Mario Girotti hieß. Oh, und nicht zu vergessen: die wunderbaren Hörspiele. Die befinden sich selbstverständlich ebenfalls in der Schatztruhe. Auch sie ein Relikt aus dieser geheimnisvollen Zeit, als Schallplattenhüllen noch kräftig nach Pappe rochen und die Nadel des Plattenspielers beim Aufsetzen auf zerkratztes Vinyl noch klang wie die Ankündigung eines nahenden Wunders.

Sie haben bestimmt längst gemerkt, dass ich hier aus eigener Erfahrung schreibe. Meine eigene Schatztruhe ist voll mit wundervollen Erinnerungen dieser Art, gefüllt mit schönen Momenten, mit toller Musik, mit Literatur und Filmen, mit der abenteuerlichen Poesie des Reisebeginns zu diesem geheimnisvollen, dynamischen Gebilde, das wir selbst waren, in diesem Moment sind – und eines Tages sein werden.

Wenn Sie nun also ebenso wie ich zu der Gruppe von Menschen gehören, die sich mit Behagen an all das erinnern und dieses nostalgische Gefühl unter anderem oder gar explizit mit den Werken von Karl May verbinden, dann kann ich es nach dieser kleinen Vorrede zur Vorrede jetzt wagen, Ihnen zu versprechen, dass dieses Buch Ihnen gefallen wird. Oh, und falls Sie überdies eben noch Freude an Biografien haben und gern Hörspiele hören, kann jetzt eigentlich überhaupt gar nichts mehr schiefgehen.

*

Aber zunächst taucht mal die Frage auf: Warum verursacht denn nun die Erinnerung an das Werk von Karl May bei vielen von uns so wohlige Schatztruhengefühle? Ich vermute, die Antwort ist zumindest ambivalent. Vordergründig, hauptsächlich und ganz unkompliziert lautet sie: May war eben einer, der tolle Geschichten erzählt hat. Der uns darin den Glanz des menschlichen Edelmutes und den Lohn des Strebens nach innerem Wachstum immer wieder plakativ und auf sehr unterhaltsame Weise vor Augen geführt hat. Dazu, kreuz und quer durch sein Werk: die ganz großen Themen und hohen Werte. Das Gute. Die Wahrheit. Aufrichtigkeit. Brüderlichkeit. Abenteuer. Neue Horizonte. Bewegung. Reisen. Freundschaft. Und immer wieder diese wunderbare Freundschaft, die in Mays Werken zu einem Symbol für die gereifte Liebe unter Menschen schlechthin wird.

Nebenbei bemerkt: Wer von uns, um Himmels willen, wäre wohl nicht zutiefst gerührt, wenn ihm jemand gestehen würde: Hey, Alter, weißt du was? Ich muss dir mal was sagen. Du bist für mich ein Freund wie … Winnetou. Bam. Oh, ich … äh, und du, mein wertvoller Freund, bist für mich … ein echter Old Shatterhand. Pow. Ich glaube, so ein ins Herz gestempeltes Kompliment überträfe an Popularität und Wirkung sogar einen Verweis auf die klassisch-biblische Männerfreundschaft zwischen König David und seinem Herzenskumpel Jonathan. Von den meisten anderen literarischen Figuren mal ganz zu schweigen. Wer sonst könnte das wohl in uns auslösen? Mal ehrlich, weder Doc Holiday und Wyatt Earp noch Hanni und Nanni noch Susi und Strolch noch Starsky und Hutch können da doch wirklich mithalten. Und oh, um bloß die politische Korrektheit zu wahren und bevor nun die vielen lesenden Damen sich hier spontan benachteiligt fühlen: Ich glaube, »Du bist eine Freundin wie … Winnetou« ginge wohl auch vollkommen in Ordnung. Na ja, irgendwie. Sie wissen schon, was ich meine. Freundschaft von ewigem Wert. Vertrauen. Loyalität. Grenzenlose Liebe. Göttliche Verbindung. Darum geht es. Und das ist mal, jedenfalls wenn Sie mich fragen, eindeutig geschlechtsneutral.

Das Stichwort Männerfreundschaft allerdings veranlasst mich hier zwischendurch noch schnell zu folgender, sehr aufrichtig gemeinter Blümelei: Ein wichtiger Grund für meine ganz persönliche Freude, an diesem Projekt teilhaben zu dürfen, ist meine tiefe Freundschaft zu Rainer Buck, dem Autoren dieses Buches. Ich vermute, dass sein Name vielen von Ihnen bereits durch seine beiden hervorragenden Romane »Aljoscha« und »44 Tage mit Paul« ein Begriff ist. Für mich war es von Anfang an ein inneres Fest, zu wissen, dass nun ausgerechnet Buck dieses Karl-May-Buch verfassen wird. Nicht nur, weil er tatsächlich ein May-Exeget allererster Güte ist und offensichtlich liebt, worüber er schreibt, sondern auch wegen seines gepflegten, klaren Stils. Ich will sagen: Was für eine Freude. Es ist doch überaus erquicklich, wenn ein Schriftsteller über einen Schriftsteller schreibt (und wenn Sie jetzt denken, dieser Satz sei irgendwie komisch, möchte ich Ihnen von dem Gerücht erzählen, dass angeblich mal eine Colliehündin versucht hat, eine Biografie über Lassie zu schreiben. Glücklicherweise wurde der Plan schließlich aufgegeben, und die Colliehündin verfasste stattdessen eine Biografie über Winston Churchill).

*

Ich möchte hier inhaltlich natürlich rein gar nichts vorwegnehmen (Sie werden im weiteren Verlauf nämlich ganz hervorragend informiert). Ein paar kleine Vorabbemerkungen zum Leben und Wirken Karl Mays kann ich im Sinne der Vorwortsache aber doch nicht unterdrücken. Da gibt es also zunächst die offenkundige biografische Seite. Wenn man gängige Lexika bemüht, lässt sich das Ganze etwa so zusammenfassen:

Karl May zählt seit mehr als 100 Jahren zu den meistgelesenen Schriftstellern der Welt. Sein Werk wurde in mehr als vierzig Sprachen übersetzt. Die Weltauflage liegt bei mehr als 200 Millionen Bänden (davon ca. 100 Millionen in Deutschland). Große Popularität haben seine Bücher noch heute vor allem in Tschechien, Ungarn, Bulgarien, den Niederlanden, Mexiko und sogar Indonesien. In Frankreich, Großbritannien und den USA hingegen ist er beinahe unbekannt. Die erste Übersetzung erschien 1881 auf Französisch in LeMonde, und die neuesten stammen aus den letzten Jahren (Vietnam). Darunter sind Sprachen wie Esperanto und Volapük. In den 1960er-Jahren stellte die UNESCO fest, May sei der meistübersetzte deutsche Autor.

Ganze Generationen bezogen ihr Bild von den Indianern oder dem Orient aus seinen Werken. Auch einige Sprachbegriffe aus beiden Kulturkreisen, die May (teilweise nicht ganz korrekt) verwendete, fanden Eingang in die Umgangssprache. Die indianische Gruß- oder Bekräftigungsformel »Howgh«, das »Anhobbeln« der Pferde, die Verwendung von »Manitu« als Gottesname und die Anrede »Mesch’schurs« sind dem wilden Westen zuzuordnen. Die Rangbezeichungen »Efendi«, »Bey«, »Pascha« und »Wesir« sind durch seine Orientromane Allgemeingut geworden.

Kurzum: Karl May ist ganz offensichtlich ein wirklich bedeutender Schriftsteller und ein wichtiger Teil unserer Kultur. Sein ganzes Leben müsste eine klassische Erfolgsstory sein. Aber das ist natürlich nicht die ganze Wahrheit. Ist es ja nie. Da ist ja noch so viel mehr. Und auch dieses »viel mehr« beschreibt Rainer Buck mit bemerkenswerter Klarheit und dankenswerterweise beinahe ganz ohne Wertung in diesem Buch. Es ist die »andere Seite« der Erfolgsgeschichte, die hier so oft faszinierend durchschimmert, jener Teil, den man erspüren kann, wenn man sich auf den Menschen hinter der Legende Karl May einlässt: das Gläubige in ihm, das Suchende, das Zweifelnde, das Widersprüchliche, die Triumphe und die Irrwege – das Leben eines Pilgers auf fremden Pfaden. Und so komme ich nun zum zweiten Teil der Antwort auf die vorhin gestellte Frage: Warum ist nun ausgerechnet May ein so wirkungsvoller Teil unserer Nostalgieschatztruhe? Ich persönlich vermute, es liegt gerade daran, dass er gleichzeitig so widersprüchlich und eben echt war. Natürlich, da waren all diese tollen Geschichten, die großen, ewigen Wahrheiten, die Werte, die Moral, das Edle, sein Riesenerfolg. Und gleichzeitig, eben in der Überhöhung all dessen, auch die gefühlte Plage, die stets spürbare Sehnsucht, der unterschwellige Duft des Suchens und Scheiterns, gar des Übermenschlichen. Die unüberbrückbare Kluft und Klemme, in der auch ein Erfinder steckt, der soeben eine Rakete gebaut hat, die theoretisch zwar bis ans andere Ende des Universums fliegen kann, für die es aber leider niemals ausreichend Benzin geben wird.

Karl May war ein Erfinder und ein Wahrheitsträumer. Ein Reisender, der nie ankommen konnte. So wie wir alle. Möglicherweise ist das ein Hinweis darauf, warum wir uns mit seinen Geschichten und Figuren so sehr identifizieren können.

Es ist wahr, aber es ist unmöglich. Wir alle träumen diesen Traum.

Aber er konnte ihn so wunderbar erzählen.

*

Sie werden in diesem Buch unter anderem lesen, dass May eine Weile gebraucht hat, bis er wirklich erfolgreich wurde. Und dass er zwischendurch allerlei zweifelhafte Wege eingeschlagen hat, die auf den ersten Blick so gar nicht zu jemandem passen, der sich sehr offensiv dazu bekennt, die Menschheit zum Guten und Reinen beeinflussen zu wollen. Auch das ist für mich eben Teil des größeren Bildes. May war offensichtlich Saulus und Paulus. Und zwar nicht unbedingt im klassischen Sinne nacheinander, sondern gleichzeitig. Das ist natürlich erstens verwirrend. Und zweitens überaus menschlich. Die meisten von uns drängen damit aber nicht an die Öffentlichkeit. Wer hat schon Lust, freiwillig mit einem Krokodil zu ringen?

Ich wage deshalb mal die Behauptung, dass man diesen inneren Konflikt, all die Seelenbewegungen des Schriftstellers May als Leser seiner Werke erspüren kann, auch wenn die Faszination des Guten und Reinen in seinem Schaffen natürlich überwiegt. Wenn es nun aber stimmt, dass besonders jene Menschen, die selbst mit der Dunkelheit vertraut sind, die Gabe besitzen, uns nachhaltig vom Licht zu künden, dann ist May ein ganz hervorragendes Beispiel für einen, der von höherer Stelle nie von den beiden Quellen der Inspiration getrennt wurde, weder von der himmlischen noch von der irdischen. Und somit ist und bleibt er, unterschwellig gefühlt, immer einer von uns: ein Sprachrohr der vielen Suchenden, die schon in der Verkündigung spüren, dass das Sprachrohr selbst nicht vom Menschsein »geheilt« ist, nur weil es uns das Ideal so wunderbar zu beschreiben weiß. Der zeitgenössische Schriftsteller Phillip Yancey, der eine Reihe von erfolgreichen Lebenshilfebüchern veröffentlich hat, sagte diesbezüglich einmal über sich selbst, er sei ein »professioneller Schizophrener«. Und meinte damit sinngemäß, dass er anderen Menschen mit seinen Büchern helfen kann, weil er weiß, worüber er schreibt, ohne dabei notwendigerweise zu wissen, wie er seine schönen Erkenntnisse fruchtbringend auf sein eigenes Leben übertragen könnte. Ich schätze, so ein »professioneller Schizophrener« war Karl May auch.

*

Sie werden außerdem in diesem schönen Buch viele interessante Hintergrundgeschichten zu Mays persönlichem Glauben finden. Und zu seinen Irrwegen. Als einem Leser, der sich mit Mays Biografie bislang nur sehr oberflächlich beschäftigt hat, kamen mir einige davon wirklich ziemlich haarsträubend vor, dazu geradezu boulevardesk – heute würde er es damit sicher regelmäßig in die Sendung »RTL-Explosiv« schaffen. Es scheint wirklich erstmal schwer vorstellbar, dass dieser Vorzeigemoralist May offensichtlich kühn genug war, sich selbst immer wieder als Scharlatan und Gesetzesbrecher zu betätigen. Und was für wilde Stories gibt es da bitte schön! Die Episoden aus seinem frühen Leben etwa, in denen er sich auf fantasievollste Weise als Trickbetrüger versuchte, haben mich spontan an den Film »Catch me if you can« erinnert, in dem Leonardo di Caprio einen solchen Hochstapler spielt, dem es ziemlich glanzvoll gelingt, in die absurdesten Lebensrollen zu schlüpfen. Auch der junge Karl May hat diese tragikomischen Münchhausen-Geschichten in seinem eigenen Lebenstheater aufgeführt. Überdies erfand er dauernd irgendwelche neuen, abenteuerlichen Details seiner eigenen Biografie und behauptete lange Zeit öffentlich, er hätte die Abenteuer von Kara Ben Nemsi und Old Shatterhand auf seinen Reisen selbst erlebt (obwohl er diese Reisen natürlich nie angetreten hatte).

Noch zusätzlich verwirrend dabei eben: Mays christliches Gedankengebäude, immer wieder vermischt mit einer eher selbst geschnitzten Theologie, das schließlich alles zusammen in den großen Suppentopf der eigenen Fantasie geworfen und stets mit dem heiligen Ernst eines Missionars vorgetragen. Es ist wirklich faszinierend, das alles zu lesen. Zum Ende seines Lebens, als die Wahrheit mehr und mehr ans Licht kam, musste der große Schriftsteller eine Menge Schelte dafür einstecken. Aber ist das nun eigentlich wirklich verwerflich? Oder ist eine solche Scharlatanerie im Falle eines solchen Künstlers nicht eher grundsympathisch?

Mir persönlich kommt das alles ungemein spannend vor, eben echt und aufregend, ganz dem literarischen Werk des Künstlers entsprechend. Ich stelle es mir gerade vor: Die Grenzen von Realität und Fantasie verschwimmen, während der Schriftsteller und der Mensch May am Schreibtisch abwechselnd die Feder führen, die Worte formen sich auf Papier zu wunderbaren Geschichten, deren Held im Grunde immer eine fantastische und übertriebene Ausgabe des Verfassers selbst ist. So etwas ist womöglich schlimm, wenn einer Automechaniker ist und Chirurgen ausbildet oder wenn ein Hafenarbeiter sich irgendwann selbst für ein Schiff hält. Wenn man sich vor Augen hält, was für ein gewaltiges Werk bei Karl May daraus entstanden ist, erscheint es doch eher grandios und stimmig. May ist in all seinen schöngeistigen Fantastereien wohl eher lebendige Herausforderung, den Menschen, also in ihm auch uns, als Ganzes und Widersprüchliches zu betrachten. Seine Fantasie gab ihm eine überhöhte Wahrheit ein, die er zwar selbst nicht wirklich leben konnte, mit der er dann aber gleichzeitig unendlich vieles über den Menschen, der er war, und darüber hinaus den Menschen an sich, verriet. Und – das ist ja das Beste daran – mit der er unzählige Menschen glücklich machte. Ein professioneller Schizophrener eben. Und vielleicht gerade deshalb ein so hervorragender Geschichtenerzähler.

*

In all dem war May eben auch dieser feurige Gläubige, der sich selbst mehr und mehr als Missionar sah und dabei zunächst einen Weg gegangen war, den viele von uns ebenfalls aus eigener Erfahrung kennen: Aus der persönlichen Enttäuschung der eigenen Lebensumstände entfaltet sich die Hinwendung zu Gott. Es folgt das zähe Hadern mit den Dogmen und gerade mit jenen Menschen, die sich am eindrucksvollsten als Gottes irdische Stellvertreter ausgeben. Dazu die kontinuierliche Suche nach Vollkommenheit (wahrscheinlich eine Künstlerkrankheit), der Versuch, sich weiterzuentwickeln, es zu schaffen, sich unterwegs zu krönen mit der Wahrheit, an einem Erkenntnisstand anzukommen, der uns verstehen und wissen lässt, wie »alles funktioniert«, nach welcher kosmischen Uhr jede Form von Leben tickt. Dann irgendwann die Ohnmacht, dass Gott, wie man »ihn« auch dreht und wendet, eben doch nicht als Ganzes verstanden werden kann, schließlich die Demut, das Sich-selbst-Ausliefern und Herunterbrechen auf das Einzige, das man als Mensch als göttliche Essenz wirklich spüren oder zumindest ahnen kann. Die Liebe. Die Vergebung. Die Gnade, die gerade jene Gläubigen verstehen, die wissen, wie es sich anfühlt, schuldig zu sein.

Vielleicht muss man bei diesen Gedankenspielen obendrein noch Folgendes berücksichtigen: Karl May war ja überzeugter Christ. Aber er hatte auch eine tiefe Seele, die eines Künstlers obendrein. Diese Kombination ist nicht selbstverständlich. Und sie ist sogar gefährlich. Für den Künstler, der auch Christ ist, ist es oft sehr viel schwieriger, irgendwo (buchstäblich) einen Fuß auf die Erde zu bekommen, als für einen Christen, der auch Künstler ist. Letztere haben es nämlich relativ leicht. Sie werden zwar von der Welt außerhalb des frommen Lagers meist ignoriert, dafür aber automatisch von den anderen Christen akzeptiert – wenn sie Glück und eine anständige Presseabteilung hinter sich haben, sogar geliebt. Die Künstler, die auch Christen sind wiederum, haben oft ein echtes Problem: Vielen dogmatischen Christen sind sie nicht christlich genug, da sie sich eine oft unstillbare Neugier aufs Weltliche bewahren, während sie dem Rest der Welt aufgrund ihres offen zur Schau getragenen Glaubens suspekt sind oder im schlimmsten Falle gar vollkommen irre erscheinen. Ein Künstler also, der Christ ist, dessen Herz aber für die Kunst ebenso wie für die Tiefen und Leiden der menschlichen Seele brennt, befindet sich zeitlebens an einem sehr merkwürdigen inneren Ort. Er gehört überall hin und kann nichts dagegen tun, jedenfalls nicht, ohne das Gefühl zu haben, sich, seine Sehnsucht, seine Liebe oder die Kunst zu verraten. Gleichzeitig gehört er eben nirgendwo hin. Das ist ein Zustand, den ganz sicher nicht jede sensible Seele aushalten würde. Die Flucht vor dem Dogma und kleinkarierter Engstirnigkeit verführt schließlich zur Zucht eines eigenen Neurosengartens, der sich schnell zu einem persönlichen Dogma auswuchert. Wenn man nun bedenkt, dass, wie im Falle Karl May, dieser Zustand der inneren Heimatlosigkeit sich zu einem wirklich dramatischen psychischen Konflikt ausweiten kann, zu einem möglicherweise unlösbaren, lebenslangen inneren Drama, an dem sowohl geschäftliches als auch seelisches Wohlergehen hängen, kann man vielleicht auch besser nachvollziehen, warum May so viele Kontroversen ausgelöst hat und zum Ende seines Lebens so viele Prozesse und Gerichtsverhandlungen über sich ergehen lassen musste. Und warum überhaupt er immer wieder in so furchtbar viele Fettnäpfe getreten hat, die auf den ersten Blick für uns externe Moralapostel nicht wirklich nachfühlbar sind, weil sie nicht vereinbar mit seinem Werk und erst recht nicht mit seinem Glauben scheinen. Im Licht dieses Erspürens von Mays teilweise dramatischen Seelenbewegungen wirken für mich auch viele von seinen »Irrwegen« deutlich nachvollziehbarer. Ebenso die in seinem Fall erfolgreiche Flucht nach vorn ins Ideal, in die Offensive der Verkündigung.

Die Mission, auf der May sich selbst sah, setzte sich wohl letztlich zusammen aus seinem tiefen, sich stets weiterentwickelnden Glauben an einen liebevollen und gerechten Gott, seinem besonderen Charakter, seinem gespaltenen Verhältnis zu seiner eigenen Geschichte, dem, was er an Religion nicht gutheißen konnte, und der Überspanntheit, die aus all dem zwangsläufig entstehen musste. Dass er in all dem diese Essenz des überkonfessionellen Glaubens festhielt und fulminant an die Welt weiterreichte, macht das Ganze in meinen Augen nicht nur »entschuldbar«, sondern großartig. Was Karl May wohl zeitlebens als Anker blieb, war die tiefe Spiritualität eines mit der Realität hadernden Fantasiebegabten. Für mich ist eine frühe autobiografische Äußerung des Künstlers, die Rainer Buck in diesem Buch zitiert, wie eine Zusammenfassung seines Menschenbildes und der Schlüssel zu seinem eigentlichen Geheimnis: Eigentlich war in dieser meiner frühen Knabenzeit jedes lebendige Wesen nur Seele, nichts als Seele, sagt May da rückblickend über sich selbst. Wahrscheinlich konnte er eben deshalb generationsübergreifend so viele Seelen berühren. Weil er für die Menschen schrieb, die wissen oder spüren, dass sie eine haben.

Ich möchte mir zum Schluss noch diese eine Bemerkung erlauben: Sie haben es vielleicht gemerkt, es war mir wirklich eine Freude und Ehre, dieses Vorwort schreiben zu dürfen, und außerdem gemeinsam mit meinen Freunden Henry Sperling und Karsten Deutschmann vom Gentle Art Studio in Hamburg das Karl-May-Hörspiel »Old Cursing Dry« zu produzieren. Mich hier mit dem Leben Karl Mays zu beschäftigen und die vielen aufregenden Geschichten darin mit der angenehmen Distanz des Beobachters zu lesen, ist für mich tatsächlich wie ein hübsches Midlife-Geschenk. Mays Werke haben überall Spuren hinterlassen, selbstverständlich auch in mir. Der Geist seiner Bücher ist mir immer wieder begegnet – auf Tournee, beim Schreiben, in meiner Familie, in der Freundschaft und der tiefen Liebe zu anderen Menschen. Das Bücherregal mit den grünen Buchrücken, von dem ich anfangs schrieb, ist natürlich auch das meines Vaters, in meinem Elternhaus. Und meine Mutter erzählte mir erst kürzlich – als ich ihr berichtete, dass ich an diesem Projekt mitarbeite –, dass mein Großvater sich in den barbarischen Wirren und seelischen Entgleisungen des Zweiten Weltkrieges stets an der Freundschaft von Winnetou und Old Shatterhand orientiert hatte. Er hatte ihr später erzählt, dass diese Gedanken, das Festhalten an den Werten der Brüderlichkeit und Menschenwürde, ihn und seine Kameraden davor bewahrt hatten, den schmalen Rest ihrer eigenen Würde in den ansonsten unmenschlichen Kriegshandlungen einzubüßen. Wie ich eingangs schon schrieb: Für manchen mag das alles hier spontan zu gefühlsduselig, zu nostalgisch oder viel zu weit hergeholt klingen. Aber ich bin sicher, dass es das alles nicht ist. Es ist sehr leicht, der Verlockung nachzugeben, die Art von Liebe zu trivialisieren, die sich durch die Geschichten von May zieht wie ein roter, erhabener Faden. Ebenso leicht ist es ja, den tiefen und ernstgemeinten Glauben vieler Menschen an einen liebenden, barmherzigen Gott ins Exil der überspannten Fantasie zu verbannen und damit der vermeintlichen Lächerlichkeit preiszugeben. Aber beides hat in Mays Werk, und folgerichtig auch hier in diesem Buch von Rainer Buck, seinen Platz. Denn beides ist die Quelle von all dem, was sich schließlich über Mays Kreativität wie ein Fluss in die Welt und kontinuierlich weiter in die Herzen seiner Leser ergießt. Das Idealbild der Liebe, der Freundschaft, der Loyalität, wie May es in seinen Geschichten zeichnet, hat die Kraft, den Menschen Halt zu geben. Karl May hat deshalb etwas wirklich Großes und Zeitloses geschaffen: Geschichten und Helden, die auf das unsichtbare Zentrum der Welt zielen und es sogar treffen, da sie in den Herzen seiner Leser wirken. Und dort bleiben. Und dort etwas in Bewegung halten. All das ist für mich das Merkmal heiliger Inspiration und hat mit einer Art von innerer Bildung zu tun, die wir in keiner Schule und an keiner Universität erlangen können. Karl May ist einer von denen, die auszogen, das Herz der Menschen mit einem Samen zu beschenken, aus dem sich eine der Liebe zugewandte, tolerante Weltsicht bildet, die es im besten Falle sogar erträgt, nicht Recht haben zu müssen. Und das bleibt auch dann als Tatsache, wenn es May selbst nicht vergönnt war, die Früchte dieser Saat in seiner eigenen Seele zu ernten.

Karl May bereicherte uns mit dem, was ihm geschenkt wurde.

Das, was er den Menschen seinerseits als geistiges Geschenk hinterließ, kommt mir gerade vor wie eine Feder, die irgendwo in den Untiefen unserer Leben herumschwebt, sich geradezu majestätisch im Wind unserer Sehnsüchte bewegt und auf stille und doch mächtige Weise in der Lage ist zu helfen, den Glauben in uns am Leben zu erhalten. Dieser Glaube ist wie der Halm, der sich im Sturm biegt, aber nicht bricht, wie eine Welle, die ans Ufer fällt, ohne dass auch nur ein einziger Tropfen von ihr je verloren gehen könnte. In diesem Glauben und ebenfalls in Mays Werk deshalb: der unvergängliche Hauch unsterblicher Freundschaft und Brüderlichkeit, die Friedensbotschaft eines Gottes, der alles in sich vereint – im stillen und stets präsenten Geist der Liebe, die nichts anderes möchte, als uns mit sich selbst zu beschenken.

Jens Böttcher ist Autor und Musiker. Sein aktuelles Album heißt »Viva Dolorosa«. Seine Bücher »Steiner«, »Der Tag des Schmetterlings« und »Interview mit dem Teufel« sind im Brendow Verlag erschienen. Er ist regelmäßig solo oder mit Band auf Tournee.

Einleitung
Mein Weg mit Karl May

»Sie haben den Leihschein falsch ausgefüllt!«

»Wieso das denn?«

»Der Autorenname stimmt nicht. Es kann ja wohl kaum sein, dass Karl May selbst ein Buch mit dem Titel ›Die Wahrheit über Karl May, von einem dankbaren Leser‹ geschrieben hat!«

Die Dame an der Theke des Deutschen Literaturarchivs in Marbach liegt falsch, obwohl sie mich zunächst erfolgreich verunsichert. Ich bin zum ersten Mal hier im Bibliothekssaal, um als angehender Abiturient für ein Referat zu recherchieren. Einige Minuten später wird die 1901 erschienene Broschüre zusammen mit anderen historischen May-Veröffentlichungen aus den Katakomben des Archivs angeliefert. Ich werde an diesem Tag noch auf manches Kuriosum zu Karl May stoßen. Mein bisheriges Bild von ihm wird völlig auf den Kopf gestellt.

Karl Mays Reiseerzählungen seien als Gleichnisse, also bildlich resp. symbolisch zu nehmen, lese ich erstaunt in Mays 1910 erschienener Selbstbiografie »Mein Leben und Streben« und wähne mich einer sensationellen Entdeckung auf der Spur. Man sieht, dass ich ein echt deutsches, also einheimisches, psychologisches Rätsel in ein orientalisches Gewand kleide, um es interessanter zu machen und anschaulicher lösen zu können, schreibt er weiter. Der vermeintliche Abenteuerschriftsteller Karl May sei in Wahrheit ein ambitionierter Autor mit einer besonderen Mission gewesen, keineswegs nur ein Schreiber für die Jugend: Wie man bei einem geistig und seelisch so bedeutsamen, ja schweren Inhalt meine Bücher als ›Jugendschriften‹ und mich als ›Jugendschriftsteller‹ bezeichnen kann, würde unbegreiflich sein, wenn man nicht wüsste, dass alle, die diesen Fehler begehen, sie entweder nicht begriffen oder nicht gelesen haben.

*

Eigentlich war ich mit 19 Jahren dem typischen Karl-May-Lesealter entwachsen und hatte bis dahin nicht sonderlich viele Bücher von ihm gelesen. War es ein Zufall gewesen oder, wie May selbst in seinen Erzählungen immer wieder schreibt, eine ›Schickung‹? Jedenfalls hatte ich mich für den Schöpfer von »Winnetou« als Gegenstand meiner Hausarbeit entschieden. Ich erinnerte mich vage an die schon Jahre zurückliegende Lektüre der zweibändigen »Old-Surehand«-Ausgabe: Hatte es da nicht sogar einige tiefschürfende Szenen gegeben, zum Beispiel Gespräche über Religion?

Ansonsten kannte ich Mays Werke vor allem von Hörspielschallplatten der 70er-Jahre. Vor dem Lautsprecher des »DUAL«-Plattenspielers hatte ich schon zigfach die Verbrüderung von Old Shatterhand und Winnetou und den tragischen Tod des Apachen miterlebt oder die Reise zum »Schatz im Silbersee« verfolgt. Zudem hatte ich um den Rapphengst Rih geweint. Unvergessen die Stimme von Hellmut Lange, der als Kara Ben Nemsi die Hörspiele des Labels EUROPA zu Klassikern machte. Vorstellungen von Freundschaft wurden durch Karl May geprägt, der zeigte, dass Hautfarbe und Herkunft bei der Beurteilung eines Menschen keine Rolle spielen darf. Wenn Hans Paetsch als Winnetous Vater Intschu-Tschuna mit Donnerstimme die Tragik der Indianer beklagte, bekam man ein schlechtes Gewissen, als Bleichgesicht geboren zu sein. Ich wusste auch, dass sich hinter dem »Kleeblatt« die Westmänner Sam Hawkens, Will Parker und Dick Stone verbargen, und kannte selbstredend die Ahnenreihe von Kara Ben Nemsis Diener und Freund aus den Orientabenteuern auswendig, in meiner Generation ein gerne angewandter Charaktertest: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud Al Gossarah!

Karl May verdankte ich sogar einen frühen literarischen Triumph: Meine Nacherzählung von »Winnetou I«, eine straffe Prosafassung des Hörspiels in einem DIN-A5-Heft, akzeptierte die gutmütige Grundschullehrerin in der 4. Klasse als Vorleistung für drei Strafarbeiten, und im gleichen Jahr (1975) glänzte ich bei einem Quiz in einem Kaufhaus: Heinz-Ingo Hilgers, Winnetou-Darsteller der Bad Segeberger Festspiele, war in voller Kostümierung gekommen, um die Marbacher Jugend zu examinieren. Am Ende durfte ich stolz einen Karl-May-Band mit »Winnetou«-Autogramm nach Hause tragen.

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Wenn ich allerdings an das erwähnte Referat fürs Gymnasium zurückdenke, schäme ich mich heute etwas dafür, Karl Mays Selbstauskünfte zum Symbolismus in seinem Gesamtwerk ziemlich unreflektiert übernommen zu haben. Ich beeindruckte damals Lehrer, Schulkameraden und mich selbst mit der überzeugt vorgetragenen These, dass bei May jedes Wort seine tiefere (oder höhere) Bedeutung habe. Allerdings bin ich nicht wirklich traurig darüber, Mays Apologetik geglaubt zu haben, denn so blieb ich an ihm und seinem Werk für die nächsten Jahre hängen. Abenteuer-Romantik allein wäre für mich keine ausreichende Rechtfertigung dafür gewesen, als Erwachsener systematisch die meisten May-Bände zu verschlingen.

Just zu jener Zeit traf sich in einem Nachbarort im Tagungsraum eines Hotels erstmals ein Karl-May-Kreis. Hier begegnete ich zum ersten Mal honorigen älteren Herrschaften, die immer noch voller Begeisterung von Karl May sprachen, sich an historischen Buchausgaben erfreuten und darüber diskutierten, wer im Knabenalter den Tod Winnetous am meisten betrauert hatte. Einer der Teilnehmer wollte sich drei Tage im Wald versteckt haben.

Ich wurde darüber aufgeklärt, dass Karl May ein Gegenstand seriöser Forschung sei, lernte Urtexte von Bearbeitungen unterscheiden und war noch im Jahr 1984 stolzer Besitzer des Mitgliedsausweises Nr. 999 der Karl-May-Gesellschaft. Diese literarische Vereinigung bestand damals seit 15 Jahren und leistete, wie ich bald feststellte, Erstaunliches in der Erforschung von Karl Mays Leben und Werk.

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Zunächst einmal holte ich ab meinem 20. Lebensjahr das nach, was andere schon hinter sich hatten. Ich las den überwiegenden Teil aller Karl-May-Bücher, vor allem seine Reiseerzählungen (Gesammelte Werke Band 1 bis 33). Natürlich erlag ich dabei der Faszination, geführt durch einen bezwingenden Erzähler, den Zauber exotischer Völker und Landschaften nachzuerleben. Bewusst achtete ich nun auf Finessen, etwa wie Karl May es immer wieder erreicht, seinen eigentlich unglaublichen Geschichten den Anstrich von Authentizität zu geben, oder dass er mit dem Leser wie mit einem Freund kommuniziert. Karl May bedeutete mir aber durchaus noch mehr. Meine damalige Suche nach religiöser Orientierung bekam durch die May-Lektüre überraschend viele Anstöße. Ich fand in zahllosen Beispielen bestätigt, was er selber über den Zweck seiner Bücher sagte: Ich will eindringen, will Zutritt nehmen in seine Seele, in sein Herz, in sein Gemüt. Und mit dieser Erfahrung stehe ich nicht alleine da: In einer von May für die Broschüre »Karl May als Erzieher« ausgewählten Leserzuschrift heißt es: »Ihre Schriften sind nicht in erster Linie ›Reiseerzählungen‹, sondern ›Reden an die Völker‹, Predigten des Gottvertrauens und der Menschenliebe, lebendiger und wirksamer, wie viele, denen diese Worte als Stichworte voranstehen.«

Nachhaltig beeindruckt hat mich auch Karl Mays pazifistisches Buch »Und Friede auf Erden«, in dem er so vehement für Frieden und Völkerverständigung eintritt. Insbesondere stellt er für mich sehr überzeugend dar, dass die Anwendung von Waffengewalt kein Mittel ist, Frieden zu erzwingen. Sein in diesem Buch mehrfach zitiertes Gedicht »Gebt Liebe nur, gebt Liebe nur allein« prägte sich mir so tief ein, dass ich es unter dem frischen Eindruck dieser Lektüre wohl geschafft hätte, stehenden Fußes eine Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen zu formulieren.

In den ersten Jahren meiner intensiveren Beschäftigung mit ihm durchlief ich so etwas wie eine fundamentalistische Karl-May-Phase. Die Arbeit der Karl-May-Gesellschaft war Mitte der 80er-Jahre noch sehr stark darauf ausgerichtet, ihm die Anerkennung in der Literaturgeschichte zu vermitteln, die ihm durch naserümpfende Kulturwächter bis dahin versagt geblieben war. Besonders kämpfte man gegen die Reduzierung Mays auf den »Jugendschriftsteller« an (heute buhlt man dagegen gerade darum, dass die Jugend Karl May entdeckt und weiterhin liest). Als erwachsener Karl-May-Freund sah ich mich damals zu vielen Rechtfertigungstiraden veranlasst, um für den Ruf meines Lieblingsautors zu kämpfen. Ich hielt sogar einen Volkshochschulvortrag zum Thema »Old Shatterhand war ein Dichter«, das im Programmheft zum eher sinnfreien »Old Shatterhand war ein Schriftsteller« gestutzt wurde.

Um Karl May vom Nimbus des Trivialautors zu befreien, musste man für ihn um den Dichter-Lorbeerkranz ringen. Eifernd wurden Zeugnisse bedeutender Literaten gesammelt, die sich respektvoll über Karl May geäußert haben:

Ernst Bloch: »Karl May ist einer der besten deutschen Erzähler, und er wäre vielleicht der beste schlechthin, wäre er eben kein armer, verwirrter Proletarier gewesen.«

Ralph Giordano: »So lange Menschen lesen, werden sie auch Karl May lesen.«

Heinrich Mann: »Ich höre, dass Karl May der Öffentlichkeit so lange als guter Schriftsteller galt, bis irgendwelche Missetaten aus seiner Jugend bekannt wurden. Angenommen aber, er hat sie begangen, so beweist mir das nichts gegen ihn – vielleicht sogar manches für ihn. Jetzt vermute ich in ihm erst recht einen Dichter!«

Martin Walser: »Ich bin ein Karl-May-Bewunderer: immer schon gewesen und geblieben. Ich glaube, dass er für jedes Lebensalter geschrieben hat. Als ich ihn früher las, las ich das Abenteuerliche; heute glaub ich, es war das Tröstliche im Abenteuerlichen, das ihn so lesenswert macht.«

Irgendwann einmal war ich aber gelassen genug, nicht mehr bei jeder Gelegenheit den May-Apologeten zu spielen. Rechtfertigungsdrang kommt ja immer aus einer eigenen Unsicherheit heraus. Das ist beim religiösen Fundamentalismus nichts anderes. Wer wirklich gewiss ist, dass er für sich und sein Leben etwas Gutes entdeckt hat, lernt damit umzugehen, dass andere über dasselbe Thema anders denken.

Dass Karl May tatsächlich zum »Guten« gehört, zu dem, was mein Leben nachhaltig bereichert hat, ist für mich jedenfalls heute gewiss, auch wenn er sich als christlicher Mentor nur vorübergehend auf meinem Lebensweg behaupten konnte. Die Ernsthaftigkeit seiner christlichen Überzeugung und seine Wahrheitsliebe in religiösen Fragen nehme ich May aber trotzdem noch heute ab. Davon, dass er mit seinen Büchern an mir und anderen Gutes bewirkt hat, bin ich überzeugt.

Neben der »inneren« Prägung durch ihn führte die Beschäftigung mit seinem Werk zu vielen besonderen Erlebnissen: Karl May hat mir zum Beispiel noch einen Einblick in die letzten Jahre der deutschen Demokratischen Republik ermöglicht. In der Karl-May-Gesellschaft übernahm ich damals die Patenmitgliedschaft für einen DDR-Bürger, der mich bald darauf einlud, mit ihm die Karl-May-Stätten in Hohenstein-Ernstthal und Radebeuel zu besichtigen. Durch die entstandenen Freundschaften erlebte ich die politische Wende natürlich anders mit, als es ohne Ostkontakte der Fall gewesen wäre.

Eine besondere Sache war auch die sogenannte »Winne-Tour« nach Texas und Neu-Mexiko, die ich zusammen mit 40 Karl-May-Freunden aller Altersgruppen unternahm: Sozusagen eine Reise auf den Spuren eines Mannes, der seine Fußstapfen dort nie hinterlassen hatte. May hat ja alle Reisen über die Prärien und durch die Schluchten des mittleren Westens der USA nur in der Fantasie unternommen. Inzwischen aber kennen ein paar Leute dort den Namen Karl May und wissen, warum die Deutschen über die Geheimnisse des Llano Estacado besser Bescheid wissen als die Einheimischen. Im Jahr 2000 hat ihm die Texas Tech University in Lubbock ein Symposium gewidmet.

Kostbare Erinnerungen: die früheren Tagungen der Karl-May-Gesellschaft mit Festvorträgen des ehrwürdigen Professors Dr. Heinz Stolte, der bereits 1936 seine Doktorarbeit zum Thema Karl May geschrieben hat. Oder das »Karl-May-Fest« in Berlin mit einer rauschenden Ballnacht zum 80. Geburtstag des Filmproduzenten Artur Brauner. Außerdem natürlich einige Festspielbesuche (Bad Segeberg, Rathen, Elspe, Weidensfeld/Österreich).

Zuletzt inspirierte Karl May mich literarisch: Mit der Adaption einer May-Geschichte zu einem »Winnetou«-Hörspiel kehrte ich zu meinen frühesten literarischen Wurzeln zurück (ich hatte ja in Schulheften Hörspiele nacherzählt). Und Karl May hat sich sogar in meinen Roman »Aljoscha. Eine Geschichte vom Suchen und Finden« eingeschlichen, der eigentlich Dostojewski gewidmet ist. Von ihm habe ich schließlich den Optimismus übernommen, dass man mit Büchern die Welt ein bisschen freundlicher und liebevoller machen kann.

Ich fühle mich durch Karl May für mein Leben beschenkt, obwohl die biografische Forschung der letzten Jahrzehnte manches an seiner Persönlichkeit entzaubert hat. Ich werde in diesem Buch nicht umhinkommen, auf einige problematische Seiten seiner Persönlichkeit einzugehen. Aber wir müssen ja nur in unser eigenes Inneres blicken, um zu erkennen, dass Widersprüchlichkeit ein Teil unserer Existenz ist. Im richtigen Leben konnte May nicht immer der Edelmensch sein, den er in seinen Büchern verkörperte. Aber als Mensch, der so stark in seinen Büchern lebte, würde er vielleicht in einem »jüngsten Gericht« als Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi beurteilt, wenn er nicht ohnehin unter den Gnadenerlass fiele. »In dieser Seele loderte das Feuer der Güte«, schrieb die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner unmittelbar nach dem Tode Mays.

Jeder, der es unternimmt, der umfangreichen Literatur über Karl May noch ein Buch hinzuzufügen, sollte eine Rechtfertigung parat haben. Ein überflüssiges Buch ist in meinen Augen ärgerlich. Ich hoffe, dass dieses kleine Buch, das für May-Fachleute eigentlich nichts »Neues« enthält, dennoch Sinn macht, weil es Menschen erreicht, die mit der existierenden Fachliteratur mutmaßlich nie in Berührung kämen. Zudem ist manches gute Buch über Karl May in Vergessenheit geraten, kaum mehr erhältlich oder schwer zu lesen.

Ich will einige Fakten zu Karl May liefern, vielleicht einigen immer noch verbreiteten populären Irrtümern auf den Pelz rücken, vor allem aber der bunten Vielfalt im Karl-May-Kosmos meine Referenz erweisen. Die eigenen Erlebnisse rund um den sächsischen Fantasten zeigen mir, dass Karl May ein Thema fürs Leben sein kann, selbst wenn man nicht einem »Karl-May-Kult« verfällt.

Immer wieder wird im Folgenden von Mays Glauben die Rede sein, der beinahe in jedes seiner Werke einfloss. Als Kara Ben Nemsi oder Old Shatterhand hat er in den Reiseerzählungen manches tiefsinnige Gespräch mit den Gefährten geführt, zuweilen regelrecht seelsorgerlich. Der Lotse Karl May, der seine Leser so sicher und behaglich durch exotische Landschaften führte und die Zuversicht einflößte, jeder Gefahr erfolgreich zu trotzen, konnte durchaus Gottvertrauen vermitteln.

Bewusst lasse ich persönliche Empfindungen einfließen, wobei ich überzeugt davon bin, hier und da von anderen Karl-May-Lesern ein wissendes Lächeln zu ernten. Was Fakten angeht, habe ich mich darum bemüht, verlässlich zu sein. Wo man sich um den »wahren Karl May« und die angemessene Pflege seines Vermächtnisses streitet, will ich kein Öl ins Feuer gießen.

Erster Teil
· Leben ·
Blindheit und Armut

Obwohl das Leben Karl Mays heute nahezu lückenlos erforscht ist, sind über ihn immer noch diverse Mythen im Umlauf. Meist ist er selbst die Quelle, vor allem, weil er sich so stark mit den Helden seiner Reiseerzählungen identifizierte, dass er auf Vortragsreisen erzählte, er habe die in seinen Büchern geschilderten Abenteuer als Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi wirklich erlebt. Diese »Old-Shatterhand-Legende« wurde zwar schon zu Lebzeiten nachhaltig erschüttert, aber Freunde und Feinde Mays sorgten noch jahrzehntelang nach seinem Tod dafür, dass sich populäre Irrtümer über ihn hartnäckig behaupteten. Dies gilt sowohl für Verbrämungen als auch für Verleumdungen.

Die Hüter seines Vermächtnisses, die Witwe Klara May und der Gründer des Karl-May-Verlages, Euchar Albrecht Schmid, meinten das Ansehen Mays dadurch zu schützen, dass sie den Anschein wahrten, er habe sicher, oder zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit, in den 60er- und 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts Nordamerika und den Orient bereist und gute Englisch-, Arabisch- und sonstige Sprachkenntnisse besessen. Auf dem anderen Ende der Skala verbreiteten sich Gerüchte, Karl May habe alle seine Bücher im Gefängnis geschrieben und er sei zeitweise Anführer einer Räuberbande gewesen. Vor allem habe er seine Leser permanent betrogen und von anderen Autoren abgeschrieben.

Heute lässt sich Wesentliches aus Mays Vita durch Dokumente belegen. Zudem hat man gelernt, dass etwaige Flecken in einem Lebenslauf nicht alles über menschlichen Wert oder Unwert aussagen. Und schon gar nichts über literarische Befähigung! Beides wurde im Fall von Karl May immer wieder munter vermischt. Inzwischen liefern viele Bücher differenzierte Vorstellungen über die Persönlichkeit des Sachsen.

Aber bisweilen eröffnen sich durch akribische Nachforschungen neue Rätsel. Vor einigen Jahren konnte man zum Beispiel noch wesentlich unbefangener in eine Lebensbeschreibung Mays einsteigen. Da nahm man als ziemlich gesichert an, dass die blühende Fantasie des Schriftstellers darauf zurückzuführen sei, dass der am 25. Februar 1842 in Hohenstein-Ernstthal geborene Sohn eines Webers aufgrund von Mangelernährung oder einer Infektion erblindete und erst im 5. Lebensjahr wieder sehend wird. Mays Mutter absolviert zu dieser Zeit eine Hebammenausbildung in Dresden und lernt einen Arzt kennen, der sich des Jungen annimmt und ihn erfolgreich operiert. So schildert es Karl May 1910 in seiner Autobiografie »Mein Leben und Streben«. Einen ersten literarischen Hinweis auf die Erblindung gibt May schon in seiner Erzählung »Old Surehand« (1894). Ich bin dreimal blind gewesen und musste dreimal operiert werden, berichtet da der Ich-Erzähler Old Shatterhand und führt aus, dass er als Kind so schwächlich gewesen sei, dass er erst mit sechs Jahren richtig gehen lernte. May, der sich bei Abfassung des »Surehand«-Romans komplett mit dem Erzähler seiner Abenteuerreisen identifizierte, hat diese Version zeitgenössischen Berichten nach ebenso in Vorträgen und privaten Gesprächen verbreitet. Außerdem überliefert ist die mit Sicherheit nicht zutreffende Variante, er sei blind geboren worden, die in einer von May autorisierten Studie aus dem Jahr 1906 auftaucht (Heinrich Wagner: »Karl May und seine Werke«).

Geburtshaus von Karl May in Hohenstein-Ernstthal. Diese Aufnahme stammt wahrscheinlich von Klara May und ist um 1910 entstanden.

Erblindungen aufgrund von Infektionserkrankungen durch verseuchtes Wasser waren in den ärmeren Bevölkerungsschichten nicht ungewöhnlich. Die Lebensbedingungen der Heimweber und ihrer Familien in dem kleinen Städtchen an den Ausläufern des Erzgebirges waren als Folge der Industrialisierung erbärmlich, von Karls 13 Geschwistern erlebten nur vier das Erwachsenenalter. Zweifel an der frühkindlichen Blindheit begründete der Mediziner und May-Forscher Johannes Zeilinger in einem bei der Tagung der Karl-May-Gesellschaft 1999 gehaltenen Vortrag damit, dass alle infrage kommenden Krankheiten, die zu einer Erblindung hätten führen können, in der Regel offensichtlichere Folgeschäden an den Augen hinterlassen hätten. Von solchen ist aber im späteren Leben Mays nichts bekannt, abgesehen von einer Kurzsichtigkeit, die ihn für den Militärdienst untauglich machte.

Aus psychologischer Sicht, nicht zuletzt weil das Blindheitsmotiv auffällig oft in seine Romane einfließt, ist man dennoch geneigt, daran festzuhalten, dass Karl May die ersten Jahre seines Lebens tatsächlich in Dunkelheit verbrachte. Dies wäre zugleich die Erklärung dafür, dass er in besonderer Weise von der mit im Haushalt lebenden Mutter seines Vaters umhegt wurde. May spricht von ihr als der »Märchengroßmutter«, die ihn mit spannenden Märchen und Erzählungen versorgt und damit seine Fantasie angeregt haben soll.

Großmutter erzählte eigentlich nicht, sondern sie schuf; sie zeichnete; sie malte; sie formte … Mochte sie aus der Bibel oder aus ihrer reichen Märchenwelt berichten, stets ergab sich am Schluss der innige Zusammenhang zwischen Himmel und Erde, der Sieg des Guten über das Böse und die Mahnung, dass alles auf Erden nur ein Gleichnis sei, weil der Ursprung aller Wahrheit nicht im niedrigen, sondern nur im höheren Leben liege. Ich bin überzeugt, dass sie das nicht bewusst und in klarer Absicht tat; dazu war sie nicht unterrichtet genug, sondern es war angeborene Gabe, war Genius, und der erreicht bekanntlich das, was er will, am sichersten, wenn man ihn weder kennt noch beobachtet. Großmutter war eine arme, ungebildete Frau, aber trotzdem eine Dichterin von Gottes Gnaden und darum eine Märchenerzählerin, die aus der Fülle dessen, was sie erzählte, Gestalten schuf, die nicht nur im Märchen, sondern auch in Wahrheit lebten.

An dieser Stelle seiner Biografie erwähnt May auch ein angeblich im Familienbesitz befindliches altes Buch mit dem orientalischen Titel »Der Hakawati« (der Märchenerzähler), in dem die Geschichte über den Stern »Sitara« enthalten sein soll. Die Figur des Hakawati und das Sitara-Märchen spielen in Karl Mays Alterswerk eine wichtige Rolle, wie wir noch sehen werden. Im Bemühen, seinen literarischen Weg im Rückblick als eine planmäßige Mission zu deuten, dürfte May dieses geheimnisvolle Märchenbuch der Großmutter erfunden haben, denn ganz offensichtlich mischt er in einer Synthese aus Dichtung und Wahrheit philosophische Ansichten aus seinen späten Schriften unter seine hier geschilderten Kindheitseindrücke. Deren Wiedergabe wirkt somit stellenweise reichlich verklärt, wirft aber ein Licht auf das reiche Seelenleben Mays:

In meiner Erinnerung tritt zuerst … das Märchen ›von der verloren gegangenen und vergessenen Menschenseele‹ auf. … Ich habe mit meinen blinden, lichtlosen Kindesaugen um sie geweint. Für mich enthielt diese Erzählung die volle Wahrheit. Aber erst nach Jahren, als ich das Leben kennengelernt und mich mit dem Innern des Menschen eingehend beschäftigt hatte, erkannte ich, dass die Kenntnis der Menschenseele in Wirklichkeit verloren und vergessen wurde und dass alle unsere Psychologie bisher nicht imstande war, uns diese Kenntnis zurückzubringen. … Ich wollte und wollte sie finden. … Da nahm Großmutter mich auf ihren Schoß, küsste mich auf die Stirn und sagte: ›Sei still, mein Junge! Gräme dich nicht um sie! Ich habe sie gefunden. Sie ist da!‹ ›Wo?‹, fragte ich. ›Hier, bei mir‹, antwortete sie. ›Du bist diese Seele, du! … Man hat dich herabgeworfen in das ärmste, schmutzigste Ardistan. Aber man wird dich finden; denn wenn alle, alle dich vergessen haben, Gott hat dich nicht vergessen.‹ – Ich begriff das damals nicht; ich verstand es erst später, viel, viel später. Eigentlich war in dieser meiner frühen Knabenzeit jedes lebendige Wesen nur Seele, nichts als Seele. … Wenn jemand sprach, hörte ich nicht seinen Körper, sondern seine Seele. Nicht sein Äußeres, sondern sein Inneres trat mir näher. Es gab für mich nur Seelen, nichts als Seelen. Und so ist es geblieben, auch als ich sehen gelernt hatte, von Jugend an bis auf den heutigen Tag. Das ist der Unterschied zwischen mir und anderen. Das ist der Schlüssel zu meinen Büchern.

Die Kindheit endete für May mit dem »sehend werden« im 5. Lebensjahr. Nun wurde er stärker zur damals üblichen Kinderarbeit herangezogen. Der Webstuhl stand in der heimischen Stube. Das Tagwerk waren etwa 14 Stunden. Während der Vater am Webstuhl saß, nähten Frauen und Kinder Leichenhandschuhe, eine Nebenerwerbsquelle. Die Weberei brachte weniger ein als das Existenzminimum. Hunger und Entbehrung kennzeichneten diese Jahre. Das Geburtshaus Karls, eine Erbschaft der Mutter, konnte von der Familie nicht mehr gehalten werden, so dass man schon 1845 eine Mietwohnung am nahegelegenen Ernstthaler Markt bezogen hatte.

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