Kitabı oxu: «Einstellungen erkennen, beeinflussen und nachhaltig verändern»

Şrift:

'Die größte Revolution unserer Zeit besteht darin, dass man entdeckt hat, wie wichtig Einstellungen für unser Leben sind und dass wir es in der Hand haben, diese Einstellungen zu bestimmen.' Die Revolution, von der W. James vor über 100 Jahren sprach, hat laut Martens bis heute nicht stattgefunden. In diesem Buch trägt der Autor die wichtigsten Erkenntnisse über Einstellungen zusammen, konkretisiert die entsprechenden Theorien und verdeutlicht sie anhand vieler praxisbezogener Beispiele. Das Buch richtet sich an Studierende der Psychologie und an Leser, die ihre Einstellungen beeinflussen wollen. Außerdem wendet es sich an Menschen, deren Aufgabe es ist, anderen zu helfen oder sie zu führen.

Jens-Uwe Martens ist Inhaber und Leiter des 1967 gegründeten Instituts für wissenschaftliche Lehrmethoden (IWL) in München. Er ist Buchautor, Coach und Seminarleiter.

Jens-Uwe Martens
Einstellungen erkennen, beeinflussen und nachhaltig verändern
Von der Kunst, das Leben aktiv zu gestalten
Verlag W. Kohlhammer

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Umschlagsabbildung: „Carini-Vision“ (Ausschnitt), 1997 (J. G.)

1. Auflage 2009

Alle Rechte vorbehalten

© 2009 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart

Gesamtherstellung:

W. Kohlhammer GmbH + Co. KG, Stuttgart

Printed in Germany

ISBN 978-3-17-020051-7

E-Book-Formate

pdf: 978-3-17-022820-7

epub: 978-3-17-028098-4

mobi: 978-3-17-028099-1

Die Bedeutung der Dinge liegt nicht in den Dingen selbst, sondern in unserer Einstellung zu ihnen.

Antoine de Saint-Exupéry

Vorwort: Warum schreibe ich dieses Buch?

Schon während meines Studiums der Psychologie hat das Konzept der Einstellung eine große Faszination auf mich ausgeübt. Damals bin ich auf ein Zitat von William James gestoßen, das mehr als hundert Jahre alt ist und einen großen Einfluss auf mein Leben gewinnen sollte:

„Die größte Revolution unserer Zeit besteht darin, dass man entdeckt hat, wie groß der Einfluss unserer Einstellung auf unser Verhalten und damit auf unser Leben ist und dass wir es in der Hand haben, diese Einstellungen zu bestimmen.“

Diese Aussage bedeutet, dass wir in der Lage sind, den Weg und die Qualität unseres Lebens weitgehend selbst zu bestimmen, wenn es uns gelingt, unsere inneren Einstellungen zu hinterfragen und wenn nötig zu beeinflussen. Was für unsere eigenen Einstellungen gilt, trifft natürlich auch auf die Einstellungen der Menschen zu, denen wir begegnen und die in unsere Obhut gestellt sind, wenn wir z. B. den Job eines Lehrers, eines Managementtrainers oder von Eltern ausüben und damit Einfluss auf ihre Einstellungen nehmen.

Die Revolution, von der im Zitat die Rede ist, hat meiner Überzeugung nach bis heute nicht stattgefunden. Das Wissen, welchen Einfluss Einstellungen auf unser Leben haben und vor allem, wie man Einstellungen verändert, ist nicht sehr weit verbreitet, und es ist kaum übertrieben zu behaupten, dass es sich bei diesen Erkenntnissen auch heute noch um eine Art „Geheimwissen“ handelt.

Mein eigener Lebensweg hat mich schon sehr früh vor einige gravierende Herausforderungen gestellt, in denen ich beweisen konnte, ob die Aussage in dem erwähnten Zitat richtig ist. Ich bin also mit dem Fokus auf die Veränderung von Einstellungen – meine und die anderer – durchs Leben gegangen. Ich habe ganz bewusst an meinen eigenen Einstellungen gearbeitet: von der Neutralisierung kleiner Unannehmlichkeiten bis zur Überwindung großer Schicksalsschläge ist es mir weitgehend gelungen, die passende Einstellung zu finden und zu übernehmen und so meinem Leben eine hilfreiche Orientierung oder einfach einen neuen Sinn zu geben.

Einstellungen waren auch der Fokus meines Berufs. Ich habe fast vierzig Jahre Trainingskonzepte und Lehrsysteme entworfen und realisiert, in denen die Veränderung von Einstellungen im Vordergrund stand. Meiner Überzeugung nach ist es z. B. für einen Manager oder einen Außendienstmitarbeiter wichtiger, die richtige Einstellung zu sich, zu seinem Beruf, zu seiner Firma und zu den Menschen zu haben, mit denen er umgeht, als möglichst viel Wissen gespeichert zu haben. Bei dem Bemühen, Einstellungen anderer zu verändern, haben mir natürlich die Erfahrungen sehr geholfen, die ich mit mir selbst bei ähnlichen Problemstellungen gesammelt hatte. Ich bin überzeugt davon, dass man auch bei diesem Thema – wie so oft – nur die Einsichten wirksam auf andere übertragen kann, die man an sich selbst ausprobiert hat.

In diesem Buch werde ich die Erkenntnisse zusammenfassen, die ich im Laufe meines Lebens als praktisch anwendbar und theoretisch fundiert erlebt bzw. erkannt habe. Ich werde weitgehend den Weg nachzeichnen, den ich bei der Entdeckung eines wichtigen Schlüssels zur Gestaltung des eigenen Lebens gegangen bin. Viele von diesen Konzepten, die ich dabei gefunden habe, sind wissenschaftlich begründet und beschrieben, sie haben aber vor allem Relevanz für das praktische Leben, und ich habe sie persönlich ausprobiert. Ich werde also nicht nur wissenschaftliche Theorien darstellen, sondern vor allem ihre praktische Umsetzung beschreiben. Daher werden viele Beispiele geschildert, in denen sich das Konzept „Einstellung“ und die Regeln, wie man mit diesen Einstellungen umgehen kann, bewährt haben. Darüber hinaus werden am Schluss des Buches (Kap. 8 und 9) konkrete Empfehlungen zusammengefasst, wie man seine eigenen Einstellungen und die anderer verändern kann.

Mein Ziel ist es, dass Sie in diesem Buch erleben, wie hilfreich die bewusste Beachtung und gegebenenfalls die Veränderung der eigenen Einstellungen und die anderer sein kann. Ich wünschte mir, dass die oben zitierte Erkenntnis von William James einen ähnlichen Stellenwert in Ihrem Leben bekommt, wie sie für mich hatte und noch heute hat, und dass Sie erkennen, wie sie in die Praxis umgesetzt werden kann. Ich habe erfahren dürfen, dass das eigene und das Leben anderer dadurch wesentlich erleichtert und in seiner Qualität bereichert wird.

Dieses Buch ist in erster Linie für Menschen geschrieben, die bereit sind, bewusst zu leben, und die diesem Abenteuer Leben das Maximum abgewinnen wollen. Es ist auch für Menschen geschrieben, die in Schwierigkeiten sind, Schicksalsschläge erlebt haben und einen Weg suchen, wie sie über diese Probleme hinwegkommen.

Das Buch hilft aber ebenso Studenten der Sozialwissenschaften (vor allem Soziologie oder Psychologie), die sich mit dem Thema Einstellungen beschäftigen wollen oder müssen. Für sie werden die Theorien der einschlägigen Wissenschaftler konkreter, farbiger, praktisch anwendbarer und gewinnen damit an persönlicher Bedeutung.

Das Buch ist vor allem auch für diejenigen geeignet, deren Aufgabe es ist, anderen Menschen zu helfen oder andere Menschen zu beeinflussen. Jeder Trainer, jeder Lehrer, jede Führungskraft oder auch Eltern müssen immer wieder auf die Einstellungen ihrer Mitmenschen Rücksicht nehmen. Sie müssen deren Einstellungen beeinflussen, damit diese ihr Verhalten ändern und ihre Ziele besser erreichen können.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie ein wenig von der Begeisterung für das Thema „Einstellungen“ übernehmen, die mich mein Leben lang begleitet hat und die mir in so vielen Lebenssituationen geholfen hat, von denen Sie in diesem Buch lesen werden.

München, Juli 2008
Jens-Uwe Martens

1 Welche Bedeutung haben Einstellungen für das Leben?

Es gibt Menschen, die wissen, dass sie ihre Einstellungen kontrollieren können, und solche, die es zulassen, dass sie von ihren Einstellungen kontrolliert werden.

Keith Harrell

Die Entdeckung der Wirksamkeit einer passenden Einstellung auf das eigene Erleben und Verhalten wurde mir an einem Erlebnis deutlich, mit dem ich hier beginne:

Die Spielsachen in der Garageneinfahrt

In meiner Erinnerung ist es noch gar nicht so lange her, obwohl doch seitdem schon einige Jahrzehnte vergangen sind: Ich hatte damals zwei Kinder und wenn ich von anstrengenden Seminaren nach Hause fuhr, mich meistens an Freitagen durch dichten Verkehr quälte und Staus zu ertragen hatte, dann freute ich mich auf meine Familie und die Erholung in meinen eigenen vier Wänden. Bevor ich diese aber erreichen konnte, musste ich neben den schon erwähnten Hindernissen meistens auch noch erleben, dass die Einfahrt in meine Garage durch die Spielsachen meiner Kinder blockiert war. Da lagen achtlos liegen gelassene Fahrräder, Puppen, Raumschiffe und was sonst noch. Ich musste also erst einmal aussteigen und alles auf die Seite räumen, bevor ich in die Garage fahren konnte. Eine Kleinigkeit – aber es war nicht gerade eine Einstimmung auf den Feierabend, wie ich sie mir gewünscht hatte. Oft kam noch hinzu, dass es schon spät am Abend war, dass die Kinder schon im Bett lagen und ich sie daher nicht auffordern konnte, die Sachen selbst wegzuräumen.

Am nächsten Tag habe ich dieses Thema angesprochen, obwohl es mir zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht mehr so wichtig war. Ich hatte es mir ja vorgenommen! Vielleicht war mein erzieherisches Bemühen dadurch nicht so wirksam, und so brachte die Vereinbarung, die ich dabei mit meinen Kindern traf, – wenn überhaupt – nur kurzfristige Veränderungen. Und das Schlimmste ist, dass der Ärger bei der nächsten ähnlichen Erfahrung dadurch noch größer wurde, wahrscheinlich deshalb, weil ich mich jetzt auch noch über mich selbst ärgerte, da ich mich bei den Kindern offensichtlich nicht durchsetzen konnte. „Sollte ich bei meiner Erziehung grundsätzlich etwas ändern? Müsste ich nicht eigentlich viel strenger sein? Also bei meinen Eltern hätte es das nicht gegeben!“ So ging es mir durch den Kopf.

Als ich wieder einmal von einem Seminar nach Hause kam, lag erneut die ganze Einfahrt voller Spielsachen. Ich musste mich schon bei der Autofahrt erheblich zusammen nehmen, um mich nicht über die Staus und die aggressiven Autofahrer zu ärgern. Jetzt auch das noch! Am liebsten wäre ich über alles hinweg gefahren, aber damit hätte ich sicher nicht nur die Spielsachen, sondern auch mein Auto beschädigt, und das wollte ich dann doch nicht tun. Ich stieg also aus und begann, zum wiederholten Male, die Sachen auf die Seite zu räumen. Ich bemerkte relativ spät, dass mir mein Nachbar zu Hilfe gekommen war. Wir hatten wenig Kontakt, weil ich so selten da war, aber ich wusste, dass er pensioniert war und dass seine zwei oder drei Kinder seit wenigen Jahren aus dem Haus waren. Als ich ihn bemerkte, ging ich zu ihm und begrüßte ihn. Er entschuldigte sich für sein Eingreifen: „Es macht Ihnen doch nichts aus, dass ich ein wenig helfe!? Wissen Sie, ich bin allein mit meiner Frau und ich vermisse solche Aufgaben so sehr. Ich würde gerne die Zeit zurückdrehen und noch einmal für meine Kinder da sein. Es ist schwer zu akzeptieren, dass Kinder nur eine Leihgabe sind, die man wieder hergeben muss. Genießen Sie die Zeit, in der Sie noch für Ihre Kinder sorgen können, es ist eine schöne Zeit und sie vergeht so schnell.“

Mein Nachbar sprach so eindringlich, so voller Hingabe, dass ich mich der Wirkung seiner Worte nicht entziehen konnte. Eigentlich wollte ich mich ja bei ihm über meine Kinder beschweren, aber das passte jetzt wohl nicht mehr.

Auch als ich schon beim Abendessen saß, gingen mir die Worte meines alten Nachbarn nicht aus dem Sinn und ich erzählte meiner Frau davon. Auch sie machte die Geschichte nachdenklich und wir waren uns bald einig, dass wir die Zeit, in der wir unsere Kinder genießen konnten, nicht durch den Ärger über Kleinigkeiten verderben sollten.

Heute bin ich selbst in der Situation, in der mein Nachbar damals war. Meine Kinder sind aus dem Haus. Vielleicht ist das der Grund, warum mir die Geschichte wieder in den Sinn kommt. Wie Recht er doch hatte!

1.1 Durch Veränderung von Einstellungen Ziele erreichen

Durch den kurzen Kontakt mit meinem Nachbarn hat sich meine Stimmung völlig geändert. Ich war auf einmal nicht mehr ärgerlich auf meine Kinder, weil sie keine Rücksicht auf mich nahmen; ich war nicht mehr wütend auf mich,

weil es mir nicht gelungen war, die Kinder so zu erziehen, wie ich mir das wünschte, oder gereizt gegenüber meiner Frau, weil sie doch auch darauf achten könnte, dass die Kinder die Spielsachen aufräumen. Das alles war von einem Moment auf den anderen verschwunden. Ich war nur noch dankbar, dass ich Kinder habe, die ich liebe und eine Familie, die auf mich wartet, wenn ich müde von der Arbeit nach Hause komme. Diese neue Orientierung erlebte ich als sehr viel angenehmer. Ich war auf einmal entspannt, wieder eins mit mir und meiner Situation, und auch meine Umwelt reagierte sehr viel harmonischer auf meine Ankunft, als sie das gewöhnlich tat.

Was hat diese Veränderung bewirkt? Wenn man es genau nimmt, so ist es nur ein Gedanke, der von meinem Nachbarn – wahrscheinlich absichtslos – auf mich übertragen wurde. Ein Gedanke, der meine innere Orientierung veränderte. Natürlich war die Liebe zu meinen Kindern und zu meiner Frau, und die Dankbarkeit für die Familie auch in dem Moment in mir vorhanden, als ich mich über sie geärgert habe, aber diese Gefühle waren in den Hintergrund gerückt und im Vordergrund stand mein Ärger. Durch die Aussage des Nachbarn wurde eigentlich nur Vordergrund und Hintergrund ausgetauscht.

Wäre das nicht ein Modell, mit dem man auch ohne fremde Hilfe die Einstellung zu seiner Umgebung und damit seine Stimmung, vielleicht sogar sein Lebensgefühl verändern und nach eigenen Wünschen gestalten könnte? Gelänge das auch ohne Hilfe von Außen, wenn ich mich das nächste Mal z. B. über einen jungen Polizisten ärgerte, der mich ungerechtfertigterweise von oben herab zurechtwies? Es wäre doch hilfreich, wenn ich in einer solchen Situation nicht wie gewöhnlich zu schimpfen anfinge, da ich mir doch klar darüber wäre, dass mein Ärger in solchen Umständen in keiner Weise hilfreich ist. Ich weiß doch eigentlich, dass der Polizist in der stärkeren Position ist und ich bis zu einem gewissen Grad seiner Willkür ausgeliefert bin.

„Sicher müsste das gehen“, sagte ich mir. „Ich müsste nur einen anderen, versöhnlichen Gedanken in meinem Bewusstsein in den Vordergrund rücken, so wie es mein Nachbar bei mir gemacht hat.“ Ich entdeckte, dass ich mich nur in die Situation des Polizisten hineinversetzen müsste, um so einen Gedanken zu finden. Wie würde ich denken und fühlen, wenn ich in seiner Situation wäre? Welche Probleme hatte er wohl? „Wahrscheinlich ist er mir gegenüber unsicher. Ich bin deutlich älter als er, habe mehr in meinem Leben erreicht. Da ist es sicher nicht einfach, seinen Job auszuüben, wenn er darin besteht, andere Verkehrsteilnehmer auf ihre Fehler hinzuweisen. Natürlich könnte er das auf eine verbindlichere Art machen, aber wahrscheinlich tut er das nur deshalb nicht, weil er es nicht kann, weil er es nicht gelernt hat. Sicher ist es nicht sein Wunsch, mich zu ärgern, weil er eine Feindschaft zu mir aufbauen will.“ Solche Gedanken in den Vordergrund zu schieben, müsste einen ähnlichen Effekt haben wie die Aussage des Nachbarn in der Situation vor der Garage.

Ich beschloss, das auszuprobieren. Allerdings kam ich nicht so bald in eine Situation, in der mich ein Polizist zurechtwies. Hielt ich mich vielleicht mehr an die Verkehrsregeln? War das etwa eine Auswirkung, die meine Überlegungen auf mein Verhalten hatten? Aber ich erlebte genug andere Situationen, die einen ähnlichen Effekt hatten und bei denen ich diese Technik der Verschiebung von Vordergrund und Hintergrund meiner Gedanken und Vorstellungen ausprobieren konnte. Da gab es z. B. die Situation auf der Autobahn. Ich habe ein schnelles Auto und wollte nach Hause. Ich setzte gerade zum Überholen eines Lastzuges an, als dieser den Blinker setzte und auf die linke Fahrspur wechselte, um den vor ihm fahrenden Lastwagen zu überholen. Ich musste scharf bremsen und ärgerte mich natürlich entsprechend. Am liebsten hätte ich den Lastwagen hinten gerammt. Aber da kam mir wieder diese Vordergrund-Hintergrund-Verschiebetechnik in den Sinn. Ich hatte genug Zeit zu überlegen: Ich versetzte mich in die Situation des Lastwagenfahrers, der wahrscheinlich schon seit langer Zeit hinter dem anderen Lastwagen herfuhr; der gerne schneller fahren würde, und der immer auf eine Lücke in dem ihn überholenden Verkehr gewartet hat, ohne dass sich eine Möglichkeit ergab, den langsameren Kollegen zu überholen. Er ist sicher schon Stunden unterwegs, in der Fahrerkabine seines Lastwagens ist es laut und er hat noch Stunden vor sich, bevor er sein Ziel erreicht. Ist es da nicht verständlich, dass er die nächste mögliche Chance nutzt, auf die Überholspur zu wechseln, auch wenn damit zwar ein PKW zum Bremsen gezwungen wird, er aber eigentlich niemanden gefährdet? „Würdest Du das in einer solchen Situation nicht auch machen?“, fragte ich mich. All diese Überlegungen ließen meinen Ärger verschwinden und als ich den Lastwagen endlich überholen konnte, war ich dankbar, dass ich in meinem PKW mit schöner Musik fuhr und nicht in dem lauten, langsamen Lastwagen sitzen musste.

Von den positiven Ergebnissen der „Verschiebetechnik“ in einer solchen Situation angespornt, versuchte ich in immer schwierigeren Situationen dieses gedankliche Vorgehen. Der Straßenverkehr ist ein hervorragendes Übungsfeld. Wie viele unvernünftige, aggressive, nachlässige und rücksichtslose Verkehrsteilnehmer begegnen einem nicht Tag für Tag. Die Taxifahrer, die unvermittelt irgendwo halten, die Lieferanten, die in der zweiten Reihe parken und einen Stau verursachen, die Fahrradfahrer, die sich um keine Verkehrsregeln kümmern usw. Ich denke, ich kann hier mit meiner Aufzählung aufhören, Sie haben sicher genügend eigenes „Anschauungsmaterial“ im Kopf.

Ich entdeckte, dass die Technik, die ich durch meinen Nachbarn gelernt hatte, immer funktionierte. Das einzige Problem war, dass ich für meine Umgebung unverständlich reagierte. „Wie kannst Du gegenüber einem solche Rüpel so rücksichtsvoll sein?“, war der Vorwurf, den ich von manchem Beifahrer zu hören bekam. Es gelang mir nicht immer, in kurzer Zeit und mit einfachen Worten Verständnis für meine Vordergrund-Hintergrund-Technik zu erreichen.

Ich dachte, was in Verkehrssituationen so gut funktionierte, müsste doch auch in anderen Situationen des Lebens anwendbar sein: im Büro, im Umgang mit Bekannten oder wenn ich mich über mich selbst ärgerte. Aber nicht nur Ärger müsste sich damit aus der Welt schaffen lassen. Wie wäre es, wenn es gelänge, mit dieser Technik das eigene Leben mit anderen Augen zu sehen, sich mehr über das eigene Leben zu freuen?

Könnten Sie sich vorstellen, diese Technik einmal auszuprobieren? Sie werden überrascht sein, was das bei Ihnen auslöst!

Was ich bisher Vordergrund-Hintergrund-Technik genannt habe, ist nichts anderes als die Veränderung von Einstellungen.

1.2 Einstellungen bestimmen unser tägliches Leben

Eine weitere Geschichte aus dem Alltag:

„Du musst mit dem Hund spazierengehen!“

Unser Hund ist eigentlich der Hund meiner Tochter. Sie hat ihn von einem Freund geschenkt bekommen. Allerdings studiert meine Tochter, lebt in einer anderen Stadt und kann sich daher nicht um den Hund kümmern. Meine Frau meinte, das sei kein Problem, wir (und sie dachte dabei wohl an sich selbst) würden den Hund gerne übernehmen. In der Realität sieht das – wie so oft – anders aus: Auch meine Frau hat oft keine Zeit und so bleibt es an mir, mit dem Hund spazieren zu gehen.

Der Hund hat ein süßes Gesicht, jeder der ihm begegnet, möchte ihn streicheln – aber er ist unerzogen und folgt kaum.

Spazierengehen ist etwas Schönes, es entspannt, man kann sich seine Gedanken machen – aber es kostet Zeit, die ich im Allgemeinen für andere Dinge verplant habe. Man liest immer wieder, wie wichtig es ist, sich regelmäßig zu bewegen – aber ich mache schon mein regelmäßiges Training und das Laufen ist für mich nicht ideal, weil mir oft die Hüfte weh tut.

Wir leben in der Nähe eines Parks, den ich sehr liebe und der mir immer wieder, eigentlich bei jeder Tages- oder Jahreszeit und bei jedem Wetter neue Ausblicke bietet, neue Entdeckungen von Blumen oder anderen Pflanzen zulässt – aber ich kann mich nicht zu sehr auf die Natur konzentrieren, denn ich muss aufpassen, dass ich den Hund nicht verliere. Er hat wohl in seiner Jugend schlechte Erfahrungen mit einem anderen Hund gemacht und hat daher Angst vor größeren Hunden, die uns begegnen und dann läuft er einfach weg. Was würde meine Frau sagen, wenn ich ohne Hund von dem Spaziergang zurückkäme?

Ist der Spaziergang nun eine Quelle der Freude und Entspannung oder ist er eine lästige Pflicht, die ich übernehme, weil niemand anderes da ist und ich einsehe, dass jemand mit dem Hund spazierengehen muss?

Das ist eine Frage meiner Einstellung zu dieser Aufgabe. Diese Einstellung ist davon abhängig, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte. Ich habe die freie Wahl: Ich kann mich von dem hübschen Gesicht des Hundes, von den schönen Seiten eines Spaziergangs, von dem Bewusstsein, etwas für meine Gesundheit zu tun, und von der Schönheit des Parks beeinflussen lassen oder von den negativen Seiten, die ich mir ebenso bewusst machen kann. Es kommt nur darauf an, worauf ich mich konzentriere.

Ist das nicht typisch für ganz viele Situationen im Leben? Unsere Einstellungen sind davon bestimmt, wohin wir blicken, im wörtlichen und im übertragenen Sinn; somit also auch davon, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Häufig haben wir Einfluss darauf, was sich im Vordergrund unseres Bewusstseins befindet.

1.3 Die Macht der Fakten über uns

Das Ziel der Weisheit ist es, dass man den Dingen nur so viel Macht über sich einräumt, als man selbst es will, und dass man sein Schicksal nicht mehr von Außen empfängt, sondern es nimmt, als Atemzug aus dem eigenen Interesse.

Hermann Hesse

Meine geschilderten Erfahrungen in Verbindung mit dem, was ich in meinem Psychologiestudium gelernt hatte, motivierten mich, diesem Thema auf den Grund zu gehen.

Wie wäre es…

● wenn wir in unserem Beruf eine sinnvolle, erfüllende Tätigkeit erleben könnten, anstatt sie nur aus dem Zwang heraus auszuüben, Geld verdienen oder eine Pflicht erfüllen zu müssen?

● wenn wir in Veränderungen (wir verlieren unsere Arbeit, die Kinder gehen aus dem Haus usw.) etwas Schönes sehen könnten, das wir begrüßen, weil es uns neue Erfahrungen schenkt und uns hilft, uns selbst weiterzuentwickeln – statt davor Angst zu haben?

● wenn wir dankbar sein könnten, für das, was wir haben, statt Mangel zu erleben und uns immer wieder darüber zu beklagen, was wir nicht haben?

● wenn wir in unserem Beruf und im Privatleben frei darüber entscheiden könnten, welche Stimmung uns beherrscht?

● wenn wir im Alter „die Morgendämmerung der Weisheit“ sehen, wenn wir „Alter“ mit Reife, Ausgeglichenheit, Erfüllung assoziieren – statt darin den Abend des Lebens zu sehen und mit Schwäche, Krankheit und Siechtum zu verbinden?

● wenn wir Geduld, Güte, Wahrheitsliebe, Demut, Hilfsbereitschaft, Friede, Harmonie und Nächstenliebe oder andere Tugenden empfinden und praktizieren könnten, weil wir uns dafür entschieden haben, statt von Ungeduld, Missgunst, Hochmut, Unfrieden, Ärger und Wut – oder schlimmer: von Enttäuschung, Härte, Zynismus und Hoffnungslosigkeit – beherrscht zu werden?

● wenn wir an unserem Partner auch nach 20 Jahren Ehe noch immer die Eigenschaften im Vordergrund sehen könnten, die uns diesen Partner hatten wählen lassen?

● wenn wir im Tod das Tor zu einer neuen Daseinsform sehen könnten – statt in ihm das Ende zu sehen?

Was wäre, wenn es uns gelänge, solche Einstellungen anderen zu vermitteln, die mit einer der oben aufgezählten Situationen zu kämpfen haben? Könnten wir damit diese Menschen nicht mehr unterstützen als mit jeder anderen Form von Hilfe?

Wenn man einem Hungernden einen Fisch gibt, ist er einen Tag satt.

Gibt man ihm eine Angel, wird er sein Leben lang keinen Hunger mehr leiden.

Chinesisches Sprichwort

Die Beschäftigung mit Einstellungen wird sicher auch Ihnen einen Weg zeigen, wie Sie mehr Einfluss auf Ihr Leben und das Leben anderer gewinnen können. Sie werden die Überzeugung gewinnen, dass Sie Ihr Leben in die Hand nehmen können und Sie werden die Fähigkeit erlangen, sich immer dann zu verändern, wenn Sie das wollen. Sie werden aber auch Techniken kennenlernen, mit denen Sie anderen helfen können, ihre eigenen Erkenntnisse auch zu praktizieren.

Das klingt vielleicht etwas überheblich. Ich kann gut verstehen, wenn Sie bei dieser Behauptung Widerstand in sich spüren. Mir würde das nicht anders gehen. Allerdings habe ich die hier beschriebenen Techniken schon seit vielen Jahren ausprobiert und ich konnte nicht nur bei mir, sondern auch bei meinen Kunden, den Teilnehmern der von mir konzipierten Trainings oder den Personen, die ich coachte, solche Veränderungen feststellen.

Akzeptieren Sie die Analogie des Menschen als Computer? Letztlich geht es darum, dass wir lernen, uns selbst oder die Personen, denen wir helfen wollen, neu zu programmieren. Ein Trainerkollege hat einmal gesagt: „Menschen sind die einzigen Supercomputer, die von Nichtfachleuten produziert werden können […] und sie kommen ohne Betriebsanleitung auf die Welt.“ Wir wollen hier keine Betriebsanleitung schreiben, ich will Ihnen einen Weg aufzeigen, wie es mir gelungen ist, einige Fehlfunktionen „umzuprogrammieren“. Ich möchte Ihnen damit eine Technik an die Hand geben, die Sie sicher auch bei Ihren Kunden, bei Ihren Mitarbeitern, bei Ihren Kindern, bei den Teilnehmern Ihrer Veranstaltungen usw. anwenden können.

Nichts kann den Menschen mit der richtigen inneren Einstellung daran hindern, sein Ziel zu erreichen; nichts auf der Welt kann dem Menschen mit der falschen inneren Einstellung helfen.

Thomas Jefferson

1.4 Der Einfluss der Einstellungen auf die Wahrnehmung

In dem vorhergehenden Abschnitt wurde behauptet, dass wir unsere Stimmung weitgehend und jederzeit beeinflussen können. Aber ist das nicht völlig übertrieben? Letztlich sind wir von dem abhängig, was wir erleben, was uns umgibt, was durch unsere Wahrnehmung unser Bewusstsein erreicht. Vieles spricht dafür, dass es so ist. Aber sind wir tatsächlich von dem abhängig, was wir wahrnehmen?

Auch dazu möchte ich eine Geschichte erzählen:

Ein Erlebnis im Ausflugslokal

Ich war auf einer kleinen Wanderung. Es war ein schöner Tag und viele Wanderer hatten sich ein kleines Gartenrestaurant zum Ziel gewählt. Der einzige Weg dorthin führte durch einen Wald. Das Lokal war sehr gut besucht und die Tische auf der Terrasse waren eng gestellt. Man musste sich nicht besonders anstrengen, um die Gespräche an den Nachbartischen mit anzuhören. Dabei wurde deutlich, dass zwar alle den gleichen Weg zu diesem Restaurant gegangen waren, dass sie aber offensichtlich alle etwas anderes gesehen hatten: Da gab es Wanderer, die davon berichteten, dass sie eine Reihe von Umweltschäden bemerkt hatten, andere berichteten davon, dass dieser Wald ein „Pilz-Eldorado“ sein müsste und dass man noch einmal zum Pilzesammeln wiederkommen sollte. Wieder andere hatten offensichtlich nur Augen für die Schönheit der Natur, einige waren offensichtlich Jäger und sahen die Wildspuren auf dem Weg zu dem Restaurant.

Aber es gab auch Tische, an denen man sich nicht über die Beobachtung auf der Wanderung unterhielt, sondern sich sorgenvoll über die politische Entwicklung äußerte oder die Entwicklung der Aktienkurse diskutierte.

Eigentlich gingen alle Wanderer den gleichen Weg zu dem Restaurant und müssten ungefähr das Gleiche gesehen haben und doch unterschied sich das, was in ihr Bewusstsein gekommen war, ganz wesentlich. Wie kann man das erklären?

Unsere Einstellungen haben die Angewohnheit, dass sie unsere Wahrnehmung beeinflussen. Wir sehen vor allem oder sogar ausschließlich das, was unsere Einstellungen bestätigt. Ein Pessimist sieht z. B. nur die negativen Seiten des Lebens, ein Umweltschützer vor allem die Sünden an der Umwelt. Wenn wir uns auf die entgegengesetzte Seite konzentrieren, dann ändern wir dadurch wenigstens teilweise auch unsere Einstellung.

Wahrnehmung kann man auf verschiedenen Ebenen betrachten:

1. Die physikalische Seite der Wahrnehmung: Elektromagnetische Wellen treffen unser Auge, Schallwellen treffen unser Ohr.

2. Die körperliche Seite der Wahrnehmung: Nervenimpulse kommen im Gehirn an.

3. Die gehirnorganische Seite der Wahrnehmung: Das Gehirn verarbeitet die eingehenden Impulse:

─ Es vergleicht die eingehenden Impulse mit gespeicherten Mustern.

─ Manche werden bewusst, manche nicht beachtet.

─ Bei den Mustern, bei denen das Gehirn eine Bedeutung findet, ist die Chance relativ groß, dass die Wahrnehmung bewusst wird.

4. Eine Wahrnehmung mit Bedeutung wird bewertet. Die Bewertung findet aufgrund von Kategorien statt. Eine wichtige Quelle für solche Kategorien sind unsere Einstellungen.

Daraus lassen sich zwei Konsequenzen ableiten, die eine große Bedeutung für unser tägliches Leben haben:

1. Wir sind kein passives Opfer der Reize, die uns erreichen. Wir können unsere Wahrnehmung beeinflussen, indem wir unsere Konzentration auf bestimmte Wahrnehmungen lenken, und diese Wahrnehmung bewerten, indem wir dafür Kategorien festlegen oder verändern.

2. Wir schaffen damit unsere (wahrgenommene, bewusst gewordene) Wirklichkeit selbst. Aus dieser Überlegung ist eine philosophische bzw. eine psychologische Schule entstanden: der Konstruktivismus.

Alle seine Vorstellungen und Begriffe sind bloß seine Geschöpfe, der Mensch denkt mit seinem Verstand ursprünglich, und er schafft sich also seine Welt.

Immanuel Kant

2 Was versteht man unter Einstellungen?

Ein Schlüsselwort für die oben geschilderten Erfahrungen war also die innere Einstellung. Sehr schnell entdeckte ich allerdings, dass dieser Begriff zwar im täglichen Leben häufig vorkommt, dass er aber sehr unterschiedlich gebraucht wird. Daher werde ich diesen Begriff im Folgenden präzisieren.

2.1 Definition von „Einstellung“

In dem Buch „Die Kunst der Selbstmotivierung“, das ich gemeinsam mit Julius Kuhl geschrieben habe, definieren wir Einstellung folgendermaßen:

Einstellungen sind gefolgerte Grundlagen von beobachteter Gleichförmigkeit des Verhaltens eines Individuums. Man sieht in den Einstellungen überdauernde Systeme positiver oder negativer Wertschätzung, Gefühle und Handlungs- und Wahrnehmungstendenzen gegenüber Objekten, Personen oder Personengruppen.

(Martens & Kuhl, 2008)

Einstellungen haben demnach folgende Merkmale:

1. Sie beeinflussen unsere Art des

─ Fühlens,

─ Wahrnehmens und

─ Handelns

2. Sie sind relativ dauerhaft; wenn wir uns nur kurzfristig und einmalig (nicht immer wieder) über jemanden ärgern, ist die Ursache dafür nach dieser Definition keine Einstellung.1

3. Sie sind wertorientiert oder „affektiv“, sie bestimmen die Bewertung unserer Umwelt; wenn wir eine Beurteilung nur aufgrund von (kognitivem) Wissen vornehmen, wenn wir z. B. ein Produkt nur aufgrund des günstigeren Preises bevorzugen, so sprechen wir nicht von Einstellung.

4. Sie variieren zwischen Individuen, Gruppen und Kulturen: Was wir als „typisch“ für eine bestimmte Gruppe, ein bestimmtes Volk oder eine bestimmte Kultur bezeichnen, sind meist deren Einstellungen bzw. unsere Einstellung zur Gruppe.

5. Sie sind hypothetische Konstrukte; nicht direkt beobachtbar, sondern nur aus gleichgerichtetem Verhalten zu erschließen. Mit ihnen lassen sich Vorhersagen für künftiges Verhalten machen: Wenn jemand immer wieder in gleicher Weise z. B. auf die katholische Kirche reagiert, alles, was mit ihr zusammenhängt, ablehnt, dann schließt man daraus, dass er eine negative Einstellung zur katholischen Kirche hat. Einstellungen sind demnach vermittelnde Variablen zwischen Reiz (katholische Kirche) und Reaktion (das ablehnende Verhalten). Wir beschäftigen uns hier mit den Einstellungen, obwohl sie als „hypothetische Konstrukte“ nur schwer fassbar sind, weil wir durch deren Beeinflussung den Schlüssel für unsere Sicht- und Verhaltensweisen und damit für unseren Erfolg, bis zu einem gewissen Grad sogar für unser Schicksal in den Händen haben.2

2.2 Eingrenzung des Begriffs der Einstellung

Es gibt eine Reihe von Begriffen, die Ähnliches oder das Gleiche wie Einstellungen bedeuten. Da ich in diesem Buch immer wieder auch solche Begriffe verwenden werde und die Begriffe oft mit unterschiedlichem Bedeutungsgehalt gebraucht werden, beschreibe ich sie in Abgrenzung zum Begriff Einstellung, wie ich ihn hier gebrauche.

Annahme, Vermutung: Bedeutung, die wir einem Gegenstand unserer Aufmerksamkeit geben, obwohl wir keine sicheren Erkenntnisse haben Anschauung, Auffassung: subjektive Ansicht

Ansicht: persönliche Meinung; das, was jemand glaubt, für richtig hält, als Tatsache annimmt

Betrachtungsweise: regelmäßige, gewohnheitsmäßige Gedanken und Beurteilungen über ein bestimmtes Thema; aus ihnen entstehen Einstellungen

Blickwinkel: Betrachtung eines Gegenstandes oder einer Idee aus einer bestimmten Richtung, auch übertragen, s. Sicht, Sichtweise

Denkart, Denkweise: „Denke“, die Art und Weise zu denken; hiermit wird die kognitive Seite einer Einstellung beschrieben

Dafürhalten: für wahr halten

Einsicht, Erkenntnis: aufgrund von Überlegungen gewonnenes Verständnis für oder Verstehen von etwas; hiermit wird wie bei „Denkweise“ der kognitive Aspekt von Einstellung beschrieben

Geist, geistige Haltung, Geisteshaltung: grundsätzliche Einstellung gegenüber jemandem oder etwas

Glaubenssätze: Interpretationen, die wir für richtig halten, obwohl sie nicht wissenschaftlich beweisbar sind

Haltung, Gesinnung: das durch Einstellung geprägte Denken, Handeln, Auftreten, Verhalten, das sich gewohnheitsmäßig zeigt; Synonym für Einstellung

Ideologie: an eine soziale Gruppe o. ä. gebundene Weltanschauung, Grundeinstellung, Wertung

Mentalität: die einem bestimmten Einzelnen oder einer Gruppe eigene Art zu denken und zu fühlen

Image: das Bild, das man sich von einer Person, einer Gruppe oder einer Sache (einem Produkt) macht

Innere Repräsentation (NLP), die innere Landkarte von sich oder von etwas, innere Bilder, persönliche Konstrukte: ein Modell der Wirklichkeit, an dem wir uns orientieren

Position: Standpunkt, hier: geistiger Standpunkt

Sicht, Sichtweise: Betrachtungsweise, Sehweise, Anschauungsweise; Synonym für Einstellung

Standpunkt: Art und Weise, wie jemand einen bestimmten Sachverhalt sieht, beurteilt; Synonym für Einstellung

Überzeugung: Gewissheit, feste Meinung, die man durch jemanden oder durch eigene Prüfung oder Erfahrung gewonnen hat

Urteil: sorgfältig abgewogene Meinung

Vorstellung: das in jemandes Bewusstsein auftretende, nicht auf unmittelbare Wahrnehmung beruhende Abbild der Wirklichkeit; Bild, das sich jemand in seinen Gedanken von etwas macht. Um die Vorstellungen, die uns beeinflussen, von den flüchtigen inneren Bildern abzugrenzen, sprechen einige Autoren (z. B. Mücke 2004) auch von „handlungsleitenden Vorstellungen“

Vorurteile: nicht objektive, meist negative oder gar von feindseligen Gefühlen bestimmte Meinung, die sich jemand ohne Prüfung der Tatsachen voreilig, im Voraus über jemanden oder etwas gebildet hat

Wertorientierung, Werthaltung: Ausrichtung seines Denkens, Wahrnehmens und Handelns an positiven oder negativen Werten; laut Graumann: zentraler, überdauernder als Einstellungen

Wertung: das Schätzen oder die Ablehnung einer Idee, eines Gegenstandes, einer Person oder Personengruppe

Weltanschauung, Weltbild: eine bestimmte Art, die Welt, die Natur und das Wesen des Menschen zu begreifen

2.3 Einstellungslernen und Signallernen

Einstellungen sind also „wertorientierte“ oder „affektive“3 Reaktionen auf unsere Umwelt. Es gibt allerdings auch solche Reaktionen, die man sinnvollerweise nicht auf Einstellungen zurückführt, da sich ihr Entstehungsprozess und dementsprechend auch ihre Beeinflussung grundlegend von den Einstellungen unterscheiden.

In Experimenten mit Tieren konnte man nachweisen, dass auch sie gelernte „affektive Reaktionen“ zeigen. Bekannt geworden sind die Experimente von Pawlow (Schwartz, 1988). Pawlow hat bei einem Hund ein bestimmtes Gefühl ausgelöst, indem er ihm ein Stück Fleisch vor die Nase gehalten hat. Die sichtbare Reaktion war eine Speichel- und Magensaft-Produktion, die er gemessen hat. Nachdem er einige Male gleichzeitig mit dem Zeigen des Fleisches eine Glocke geläutet hatte, reichte die Glocke später alleine aus, um die Produktion des Speichels und des Magensaftes anzuregen.

Nicht nur Tiere lernen auf diese Weise auf bestimmte Reize (der Glockenton beim Pawlow’schen Hund) zu reagieren, auch bei Kindern kann man das schon in den ersten Wochen beobachten. Beim Anblick des Gesichtes der Mutter lächelt ein Kleinkind, obwohl wir dem Kleinkind oder Tieren noch keine Einstellungen zusprechen. Solche gefühlsmäßigen Reaktionen auf bestimmte Reize – wir sprechen auch von Signalen – treten bei allen Lebewesen, auch beim erwachsenen Menschen auf. Dies geschieht ohne Beteiligung bewusster Überlegungen, gleichsam automatisch. Wir sprechen auch von einem bedingten Reflex.4 Immer dann, wenn wir ein paar Male eine Wahrnehmung haben und gleichzeitig bestimmte Gefühle bei uns ausgelöst werden, dann verbinden wir die Wahrnehmung mit diesem Gefühl. Wenn wir z. B. eine Speise ablehnen, weil sie nicht gut riecht oder weil wir ihr Aussehen mit unangenehmen Erfahrungen verbinden, wenn wir Angst bekommen, weil uns ein zähnefletschender Hund gegenübertritt, dann handelt es sich um Reaktionen auf Signale. Wir reagieren jeden Tag auf unzählige konkrete Wahrnehmungen mit bestimmten Gefühlen – häufig jedoch, ohne dass uns das bewusst wird. Die Wahrnehmung von Gerüchen, von Farben, von sexuellen Reizen usw. lösen bestimmte, meist flüchtige Gefühle aus, die unser Verhalten durchaus beeinflussen.

Einstellungen richten sich im Gegensatz zu Signalreaktionen auf Klassen von Wahrnehmungen. Wir haben z. B. eine Einstellung zu Lehrern: Damit meinen wir nicht die Reaktion auf das Bild eines bestimmten Lehrers, sondern aller Lehrer oder sogar die Vorstellung von Lehrern. Wir reagieren allerdings auch emotional auf den spezifischen, strengen Blick eines Lehrers, dann handelt es sich um ein Signal. Das wird uns in der Regel erst dann bewusst, wenn sich die Tendenzen, die durch unsere Einstellung und durch unsere Signalreaktion ausgelöst werden, in ihrer Richtung widersprechen. Wenn wir z. B. gegenüber farbigen Afrikanern eine negative Einstellung haben, wir aber einen Farbigen kennenlernen, dessen Aussehen uns sehr sympathisch vorkommt, dann müssen wir entscheiden, nach welcher Gefühlsreaktion wir unser Verhalten ausrichten:

Sind wir freundlich, weil unser Gegenüber ein so sympathisches Aussehen hat (= Signalreaktion) oder sind wir skeptisch bis abweisend, weil es sich um einen Farbigen handelt (= Reaktion aufgrund einer Einstellung)?

Wir unterscheiden also bei der Definition von Einstellungen, worauf sich die wertende Reaktion einer Person bezieht. Wenn sie sich auf eine konkrete Wahrnehmung bezieht, so sprechen wir von Signalen, und entsprechend wird das Erwerben dieser Reaktionen als Signallernen bezeichnet. Wenn sich die Reaktion auf eine Abstraktion bezieht, so sprechen wir von Einstellungen und beim Erwerb solcher Reaktionen von Einstellungslernen.

Die Tatsache, dass wir hier zwischen Gefühlsreaktionen auf Signale und aufgrund von Einstellungen unterscheiden, hat vor allem praktische Gründe. Signale werden anders gelernt und müssen daher auch mit anderen Techniken verändert werden als Einstellungen. Wer sich mehr für Gefühlsreaktionen interessiert, die auf Signallernen oder dem Erwerb eines bedingten Reflexes beruhen, dem seien Bücher empfohlen, die sich mit neurolinguistischem Programmieren (NLP) beschäftigen. Viele Techniken dieser weit verbreiteten Richtung der Verhaltensbeeinflussung beziehen sich auf Signallernen bzw. dem bedingten Reflex (z. B. von Steve Andreas und Charles Faulkner 2006: „Praxiskurs NLP“, oder Anthony Robbins 2004: „Grenzenlose Energie“).

2.4 Der Gegenstand der Einstellung

Durch die Beschäftigung mit Einstellungen wurde mir klar, wie die Beurteilung von Menschen oder Phänomenen in unserer Umwelt abläuft und dass es sich dabei durchaus nicht immer um rational begründete, „vernünftige“ Bewertungen handelt, wie ich mir das eingebildet und oft gegenüber Kritikern vehement verteidigt habe.

Wir teilen offensichtlich unsere wahrgenommene Umwelt in Klassen ein, zu denen wir eine gemeinsame Bewertung, unsere Einstellung haben. Politiker beurteilen wir z. B. nach ihrer Parteizugehörigkeit und neue Bekannte nach ihrem Beruf. Einem Gast, der uns als „erfolgreicher Unternehmer“ vorgestellt wird, werden wir anders gegenübertreten als einem Gesprächspartner, der als „Hausmann“ bezeichnet wurde. Wir müssen uns daher nicht bei jedem Menschen, dem wir begegnen und der Platz in unserem Bewusstsein einnimmt, neu überlegen, was wir von ihm zu halten haben. Wir beurteilen ihn aufgrund seiner Gruppenzugehörigkeit. Wenn wir z. B. wissen, dass er Italiener ist, dass er ein Intellektueller ist, dass er sehr wohlhabend (ein „Millionär“) ist, dann haben wir meist bereits ein Bild von ihm und können ihn besser einschätzen. Das ist sehr praktisch, da es das Fällen eines Urteils über diesen Menschen wesentlich beschleunigt, aber wir werden diesem Menschen selten damit gerecht. Ich fragte mich, ob meine Einstellungen nicht eigentlich die Funktion haben, dass ich gegenüber meiner Umwelt nicht mehr unvoreingenommen reagieren kann!

Wir beziehen bei der Beurteilung von Menschen – wie Untersuchungen immer wieder zeigen – auch Wahrnehmungen mit ein, auf die wir in Form eines bedingten Reflexes positiv oder negativ reagieren, obwohl sie nichts mit einer „gerechten“, rational begründbaren Beurteilung zu tun haben – und das wird uns meist gar nicht bewusst. Wir schätzen z. B. Menschen, die uns attraktiv erscheinen, positiver ein, wir vertrauen ihnen leichter, wir reagieren freundlicher auf sie, als auf solche, die uns unattraktiv erscheinen. Hier mischen sich also Signalreaktionen und Verhaltenstendenzen. Insofern kann man von einer „gerechten Beurteilung“, die versucht, das Gegenüber so zu sehen, wie es ist, kaum sprechen.

Diese Tendenz, unsere Wahrnehmung in Klassen einzuteilen, die wir dann einheitlich beurteilen, macht sich nicht nur bei der Begegnung mit Menschen bemerkbar: Unsere Einstellungen ordnen die Welt um uns herum und geben uns eine nützliche Orientierung.

Wir haben Einstellungen zu

● Einzelpersonen (unserer Partnerin oder unserem Partner, zu uns selbst)

● Personengruppen (z. B. den Amerikanern, den Punks)

● Institutionen (z. B. der Kirche, der Familie, der Firma, dem Staat)

● gedanklichen Konzepten (z. B. der Demokratie, der Freiheit)

● Zielsetzungen (z. B. der Raumfahrt, dem Umweltschutz)

● Situationen (z. B. der Freundschaft, dem Unglück)

● Handlungsweisen (z. B. Rauchen oder Sport) und vielem anderen.

Auch das, was wir als „Werte“ bezeichnen, sind letztlich nach unserer Definition Einstellungen, z. B.:

Vertrauen: positive Einstellung zu bestimmten Personen mit der Erwartung, dass deren Verhalten unseren Normen entspricht und somit vorhersagbar ist.

Motivation: positive Einstellung, ein gutes Gefühl zum eigenen Verhalten mit der Erwartung, dass dieses Verhalten zu gewünschten Konsequenzen führt.

Loyalität: positive Einstellung zu einer Institution und den Menschen, mit deren Zielen und Werten man sich verbunden fühlt.

2.5 Bestimmungsstücke von Einstellungen

Je mehr ich mich mit Einstellungen beschäftigte, desto deutlicher wurde mein Eindruck, dass unser Verhalten offensichtlich von ihnen beherrscht wird. Ich musste mich also über meine Einstellungen klar werden, wenn ich ein bewusst gesteuertes Leben führen wollte. Bevor ich allerdings daran ging, die einzelnen Einstellungen zu untersuchen, die mein Verhalten bestimmten, wollte ich die Kategorien kennenlernen, mit denen man Einstellungen kennzeichnen kann.

Die Qualität, die Stärke und Dauerhaftigkeit von Einstellungen sowie einige andere Eigenschaften dieses hypothetischen Konstruktes unterscheiden sich darin, worauf sich diese Einstellungen beziehen, wie sie entstanden sind und welche Funktionen sie für uns haben.

Einstellungen unterscheiden sich

● in der Intensität: Es gibt Einstellungen zu bestimmten Objekten, z. B. zum Rauchen, die einige Personen sehr heftig reagieren lassen. Daher wird auf eine stark ausgeprägte affektive Komponente geschlossen. Man spricht auch von der Intensität der Einstellung.

● in der Differenziertheit: Es könnte sein, dass derjenige, der sehr heftig gegenüber Rauchern reagiert, dies nur in ganz spezifischen Situationen tut oder nur ganz spezifische Formen des Rauchens, z. B. das Rauchen von Zigarren, ablehnt. Man spricht dann von einer differenzierten Einstellung.

● in der Vernetzung zu anderen Einstellungen: Verschiedene Einstellungen stehen nicht unverbunden nebeneinander. Die Einstellung zum Rauchen hängt z. B. mit der Einstellung zu gesundem Verhalten, zur Zigarettenindustrie, zur Toleranz usw. zusammen.

● in der Nähe zum Selbstbild: Jeder Mensch hat auch ein Bild von sich selbst. Er definiert sich selbst in bestimmter Weise, er ist z. B. ein überzeugter Demokrat oder ein Intellektueller, ein Einzelkind usw. Dieses Bild, das man von sich selbst hat, wird auch von Einstellungen bestimmt. Eine Einstellung kann sich mehr oder weniger auf das Selbstbild beziehen.

Je ausgeprägter die affektive Komponente, die Intensität, die Differenziertheit, die Vernetzung zu anderen Einstellungen und die Nähe zum eigenen Selbstbild sind, desto schwerer sind solche Einstellungen zu verändern. Wenn alle diese Komponenten eine starke Ausprägung besitzen, dann lassen sich solche Einstellungen mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln nicht verändern.

2.6 Verstand und Gefühl

Bisher habe ich hier vor allem die wertende und damit die gefühlsmäßige Seite der Einstellungen in den Vordergrund gestellt. Wenn wir an eine bestimmte Einstellung, wie z. B. unsere Einstellung zum Rauchen denken, dann fallen uns auch eine Reihe von rationalen Begründungen ein, warum wir so und nicht anders auf das Rauchen oder die Raucher reagieren. Wie sieht es mit dieser kognitiven Seite der Einstellungen aus? Sind nicht Einstellungen letztlich doch rational begründbar?

Der russische Winter

Als die russisch-finnische Grenze neu festgelegt wurde, verlief sie mitten durch das Gehöft eines Bauern. Man erklärte ihm die Sachlage und stellte ihn vor die Wahl: Er könne entscheiden, ob sein Hof in Zukunft zu Russland oder zu Finnland gehören sollte.

Der Bauer erbat sich Bedenkzeit. Nach einigen Wochen erklärte er, er habe sich die Sache gründlich überlegt, aber er möchte lieber in Finnland wohnen. Einige Russen waren in ihrem Stolz gekränkt und bedrängten ihn, er solle sich die Sache noch einmal überlegen, er sollte sich doch für Russland entscheiden, das hätte doch so viele Vorteile für ihn.

Der Bauer hörte geduldig zu und sagte zuletzt: „Ihr habt ja so Recht. Es war auch keine leichte Entscheidung für mich. Es war schon immer mein Wunsch bei Mütterchen Russland zu wohnen. Aber in meinem Alter kann ich einfach keinen dieser russischen Winter mehr durchstehen.“

Der Bauer hat seine Entscheidung begründet, aber – wie an diesem Beispiel wunderbar deutlich wird – ist keine rationale Begründung für seine Entscheidung verantwortlich, sondern sein Bild vom „russischen Winter“, welcher sich objektiv gesehen nicht vom finnischen Winter unterscheidet.

Die Tatsache, dass eine Einstellung die Bildung einer Abstraktion, also eine kognitive Leistung, voraussetzt, könnte als Begründung dafür dienen, dass Einstellungen (im Gegensatz zu emotionalen Reaktionen auf konkrete, spezifische Wahrnehmungen) immer auch eine kognitive Komponente haben. Wir können in der Regel Argumente angeben, warum wir eine bestimmte Einstellung haben. Das heißt nicht, dass diese Argumente ausschlaggebend sind, oder die eigentliche Begründung für die spezifische Einstellung darstellen. Die „Begründung“ kann auch nur in unserer Vorstellung bestehen, wie in der Geschichte mit dem „russischen Winter“. Wie viele Experimente gezeigt haben, bilden wir uns zwar oft ein, dass wir rational gesteuerte Wesen sind, die aufgrund vernünftiger Überlegungen handeln – aber dies ist genauso oft eine Selbsttäuschung. Wir reagieren meist emotional, aufgrund von Wertungen, die keine rationale Begründung haben und die uns oft gar nicht bewusst sind.

Einstellungen haben also immer eine kognitive und eine affektive Komponente.

Abb. 1: Die zwei Komponenten einer Einstellung


2.7 Die Bedeutung des Unbewussten

Häufig reagieren wir aufgrund von Bewertungen, die uns nicht bewusst sind. Das ist für mich ein beunruhigender Gedanke. Bin ich denn nicht „Herr im eigenen Haus“? Kann ich nicht frei über das entscheiden, was ich will und was ich tue? Ich beschloss, mich etwas näher mit dem Thema „Unbewusstes“ oder „Unterbewusstes“ (Damasio (2002) spricht von den „Untergrundbezirken des Bewusstseins“) zu beschäftigen.

Nach Damasio haben Vorstellungen, und damit auch bewertete Vorstellungen unterschiedliche Bewusstseinsstufen. Man kann unterscheiden:

● bewusste Vorstellungen,

● bewusstseinsfähige, aber nicht beachtete Vorstellungen,

● verdrängte, nicht im Bewusstsein gewünschte Vorstellungen und

● steuernde, aber nicht bewusstseinsfähige Vorstellungen (z. B. solche, die die Körperfunktionen regulieren).

Wenn wir gefragt werden, warum wir etwas getan haben, so haben wir in der Regel keine Schwierigkeiten, vernünftige, wenn auch oft subjektive Gründe anzugeben, die unsere Taten rechtfertigen oder zumindest „verständlich“ erscheinen lassen. Wir bilden uns ein, dass wir hinsichtlich dieser Gründe frei entscheiden können und daher Gestalter unseres Verhaltens sind.

Sigmund Freud, aber auch viele seiner Anhänger und Nachfolger, wie z. B. Carl G. Jung, Ernest Dichter und andere, haben schon vor vielen Jahrzehnten nachgewiesen, dass das ein Irrtum ist und dass uns oft unsere eigentlichen Motive nicht bewusst sind. Ein Experiment mit Hypnose kann als eindringlichster Beweis für diese Behauptung gelten: Wenn einem Menschen in Hypnose etwa der Befehl gegeben wird, sich um 14 Uhr die Haare zu waschen, sich aber an diesen Befehl nicht mehr erinnern soll, so tut er das pünktlich, wenn er wieder aus der Hypnose erwacht ist. Wenn man ihn dann fragt, warum er sich zu einer so ungewöhnlichen Zeit die Haare wäscht, so sagt er z. B., dass ihm bewusst geworden ist, dass er schon lange den Kopf nicht mehr gewaschen hat, oder dass ihn der Kopf gejuckt habe und er dachte, dass das von dem Schmutz kommt, der sich auf dem Kopf angesammelt hat.

Die Motive unseres Handelns sind uns aber nicht nur dann nicht bewusst, wenn wir hypnotisiert wurden. Jeder Mensch reagiert jeden Tag auf hunderte von inneren und äußeren Reizen, die ihm nicht bewusst werden. Es strömen in jeder Sekunde 11 Millionen Reize auf uns ein: Die Haut sendet uns Reize, wir hören das Ticken einer Uhr, das Summen einer Fliege oder den Verkehr in der Ferne und viele andere Geräusche, die wir als unwichtig klassifizieren und die uns daher nicht bewusst werden. Wir können pro Sekunde nur etwa 40 Informationen bewusst wahrnehmen. Wir erleben viel mehr Dinge, als uns bewusst werden können: wir kratzen uns z. B. am Kopf, wenn es juckt, ohne es zu bemerken. Wir können uns von den Milliarden von Reizen nur wenige Millionen bewusst machen. Der Rest wird zwar wahrgenommen – wir können sogar darauf reagieren –, wird uns aber nicht bewusst.

Ein weiteres Beispiel für die Funktionsweise unseres Unbewussten und die Überforderung des Bewusstseins ist ein alltägliches Gespräch: Wenn wir uns mit jemandem unterhalten, dann konzentrieren wir uns auf die Formulierung dessen, was wir ausdrücken wollen. Die Frage, welche Motive uns dazu bringen, das zu sagen, was wir sagen, bleibt im Allgemeinen unbeachtet. Wie aus vielen therapeutischen Gesprächen bekannt ist, können wir uns die eigentlichen, ehrlichen Motive unserer Sprechinhalte gar nicht so einfach bewusst machen. Aber wir senden neben den gesprochenen Worten noch viel mehr Signale an unseren Gesprächspartner. Wir zeigen eine bestimmte Mimik: unsere Augen leuchten, oder machen einen traurigen, uninteressierten oder abgelenkten Eindruck und unser Mund verrät eine Vielzahl von differenzierten Stimmungen. Unsere Körperhaltung, die Bewegung unserer Hände und unseres ganzen Körpers begleiten unser Sprechen und liefern zu den gesprochenen Inhalten zusätzliche Informationen. Es ist uns unmöglich, all diese Bereiche des Ausdrucks bewusst zu kontrollieren. Sie laufen von unbewussten Bereichen in uns gesteuert ab.

Das Gleiche gilt allerdings auch bei der Informationsaufnahme unseres Gesprächspartners. Auch er sieht alle diese Signale nicht bewusst. Er konzentriert sich auf die Inhalte, die unsere Worte ausdrücken, oder auf die Erwiderung, die er gedanklich vorbereitet. Er nimmt die vielen Hinweise, die er durch das Verhalten seines Gesprächspartners bekommt, nicht bewusst wahr. Aber er reagiert auf diese Hinweise. Wir haben z. B. häufig ein untrügliches Gefühl dafür, ob unser Gesprächspartner das Gesagte ehrlich meint. Oder wir haben ein angenehmes oder unangenehmes Gefühl, bei dem was er sagt. Wir glauben ihm oder nicht, ohne uns genau darüber Rechenschaft abgeben zu können, woran wir z. B. erkennen, dass wir vorsichtig sein sollten. Unser Bewusstsein wäre einfach überfordert, wenn alle Eindrücke durch seine Instanz laufen müssten.

Nicht immer ist die Leistung unseres Unbewussten so hilfreich wie in dem gerade geschilderten Beispiel. Hin und wieder zeigt sich die Existenz unseres Unbewussten in „Fehlleistungen“, die uns in schwierige Situationen bringen. Wir „verlegen“ Dinge, die wir benötigen, uns fallen Namen von Personen nicht ein, die wir eigentlich kennen, oder wir versprechen uns und offenbaren damit unsere eigentlichen „Hintergedanken“, ohne es zu wollen.

Freud (2000), der ein ganzes Buch über die nach ihm benannten „Freud’schen Fehlleistungen“ geschrieben hat, berichtet uns von einem berühmt gewordenen Beispiel: Er war einmal um 1900 in Wien bei einer feinen Gesellschaft eingeladen und unterhielt sich beim Abendessen angeregt mit seiner Tischdame. Es ging darum, ob es für seine Akzeptanz auch bei einem Mann wichtig sei, gut auszusehen, so wie das offensichtlich für Frauen gilt. Freud meinte aus voller Überzeugung, dass das für einen Mann nicht notwendig sei, und er fügte hinzu: „Ein Mann braucht nur fünf gerade Glieder!“ Er berichtet, dass in dem Moment, in dem er das gesagt hatte, die Tischrunde auf einmal still war, und es war ihm äußerst peinlich. Natürlich wollte er „vier gerade Glieder“ sagen, das fünfte Glied war zumindest in dem Wien seiner Zeit und in feiner Gesellschaft absolut tabu.

Ein besonders interessantes „Betätigungsfeld“ unseres Unbewussten besteht darin, dass es häufig dafür sorgt, dass genau das eintritt, was wir – aus welchem Grunde auch immer – erwarten. Henry Ford, der Erfinder der Serienproduktion der nach ihm benannten Autos, hat einmal gesagt: „Ob du sagst: ‚Ich kann das‘, oder sagst: ‚Ich kann das nicht‘, du hast in jedem Fall recht.“ Wenn wir unbewusst eine bestimmte Erwartung haben, so trifft diese auch ein.

Wir bestätigen unsere Prognosen selbst, indem wir durch kleine, uns nicht bewusste, förderliche oder hinderliche Handlungen genau das erreichen, was wir erwarten. Dieses Phänomen wurde vor allem in den USA vielfältig untersucht und immer wieder bestätigt. Man spricht von der „Sich-selbst-erfüllenden Prophezeiung“ („self fulfilling prophecy“). So kann man auch erklären, warum die Prognosen von Kartenlegern und anderen Wahrsagern häufig eintreffen, wenn die Betroffenen daran glauben, oder warum Menschen, die sich selbst als „Pechvogel“ bezeichnen, tatsächlich häufiger vom Pech verfolgt werden, während selbsternannte „Glücksvögel“ häufiger Glück haben.

Der Mechanismus der Sich-selbst-erfüllenden Prophezeiung wurde mir an einer Geschichte deutlich, die ich in meiner Bekanntschaft erlebte.

Die Verwandlung eines Traummannes

Erika hatte den Mann ihrer Träume gefunden. Sie liebte ihn vom ersten Augenblick an. Es war nicht nur Liebe auf den ersten Blick, es war der Mann, den sich Erika ihr Leben lang gewünscht und vorgestellt hatte – sie hatte es fast schon aufgegeben, ihn zu finden.

Der Mann war etwas zurückhaltend, aber das war kein Problem. Erika war schön und konnte sehr charmant sein, und sie wusste das. Sie setzte also alle ihre Fähigkeiten ein, um den Mann zu erobern. Nach einiger Zeit gelang es ihr auch: Er wurde „ihr“ Mann.

Sie lebten lange zusammen und waren glücklich. Sie hatten bezaubernde Kinder und jeder in ihrem Bekanntenkreis beneidete sie um ihr Glück. Erika war aber auch sehr eifersüchtig und traute den Männern nicht. „Männer sind doch immer nur auf das eine aus …“, so dachte sie immer wieder. „Ob mein Mann auch so ist?“, fragte sie sich eines Tages, nachdem sie mit ihren Freundinnen über dieses Thema diskutiert hatte. „Ob er mir bisher treu war? Wenn es so ist, dann sicher nur deshalb, weil er keine Gelegenheit oder zu viel Angst vor meiner Eifersucht hatte. Ich werde seine Treue testen. Zunächst einmal muss ich mich rar machen, denn wenn er mich immer dann, wenn ihm danach ist, lieben kann, dann ist es ja kein Wunder, dass er mich nicht betrügt.“

Sie erklärte also ihrem Mann, dass sie durch eine hormonelle Umstellung keine Lust mehr habe, mit ihm intim zu werden. Der Mann hatte Verständnis und machte sich Sorgen um ihre Gesundheit, aber die zerstreute seine Frau. Das sei ganz normal und würde sehr oft vorkommen. Das würde anderen Paaren auch passieren und die würden auch einen Weg finden, damit umzugehen.

Der Mann wusste nicht, was das heißen sollte, „einen Weg finden“, aber seine Sehnsucht nach körperlichem Kontakt nahm stetig zu. Auf seinen Geschäftsreisen lernte er immer wieder auch attraktive Frauen kennen, aber er wollte keine Beziehung eingehen, er hatte bei Freunden erlebt, wozu das führen kann, und daher widerstand er immer wieder der Versuchung.

Aber eines Tages erreichte ihn über das Internet ein Angebot. Er las von Frauen, die auch keine Möglichkeit hatten, ihre Bedürfnisse innerhalb einer Partnerschaft auszuleben und daher Kontakt zu Männern suchten. Sie wünschten sich nur ab und zu ein wenig Körperkontakt, ohne eine Beziehung eingehen zu wollen.

„Das“, so dachte Erikas Mann, „ist vielleicht der Weg, von dem meine Frau gesprochen hat“. So lernte er über das Internet mehrere Frauen kennen, mit denen er einen schönen Abend, ein paar schöne Stunden verbringen konnte. Er benahm sich diesen Frauen gegenüber wie ein Gentleman: Er brachte Blumen mit oder bedankte sich für die schönen Stunden mit einer E-Mail. Aber er liebte seine Frau und seine Familie nach wie vor und hatte daher auch kein schlechtes Gewissen. Er nahm ja seiner Frau nichts weg, und es fiel ihm leichter, sie nicht zu bedrängen.

Eines Tages fragte ihn Erika, was er denn tun würde. Sie wären jetzt schon so lange nicht mehr körperlich zusammen gewesen, und sie wisse doch, dass er darauf nur schwer verzichten könne. Der Mann überlegte, ob er offen sein sollte. Seine Frau war doch tolerant, und er wollte keine Geheimnisse vor ihr haben, die er doch liebte. Er erzählte ihr also, dass er Frauen gefunden habe, mit denen er sich ab und zu traf, die aber weiter nichts von ihm wollten. Die Antwort seiner Frau war so, wie er sie erwartet hatte: „Das habe ich mir schon gedacht“. Für ihn war die Situation damit geklärt.

Als der Mann aber das nächste Mal auf Reisen ging, wollte sie es doch genauer wissen. Sie recherchierte in den Unterlagen ihres Mannes, verschaffte sich Zugang zu seinem Computer und öffnete auch die Schränke, die ihr Mann immer verschlossen hielt – und sie wurde fündig. Ihr Mann hatte alle E-Mails aufgehoben und so konnte Erika lesen, wo er welche Frau getroffen hatte. Sie konnte erkennen, dass viele Treffen in sehr schönen Hotels stattgefunden haben, sie fand sogar Bilder von manchen Frauen, Briefe und E-Mails, mit denen sich ihr Mann für die Treffen bedankte.

Jetzt hatte sie die Bestätigung: „Alle Männer sind Schweine und mein Mann ist keine Ausnahme. Das wird er bereuen. Ich werde mich rächen. Mich so zu betrügen!“

Und sie machte ihm das Leben zur Hölle. Dass sie dabei ihr eigenes Leben auch zur Hölle machte und dass auch die Kinder einiges davon mitbekamen, nahm sie in Kauf. Schließlich hatte sie ja das moralische Recht auf ihrer Seite. Dass aus der Rache Hass wurde, und dass sie dieser Hass selbst zerstörte, waren ja nur Folgen der Untreue ihres Mannes. Dass er, nachdem sie ihn zur Rede gestellt hatte, den Kontakt zu all den Frauen eingestellt hatte, veränderte die Situation auch nicht. „Schließlich hat er mich jahrelang betrogen, und wie intensiv er das betrieben hat! So etwas kann man doch nicht vergessen! Kann ich ihm denn jetzt überhaupt noch glauben?“

Letztlich wurden die Erwartungen all der Bekannten erfüllt, die das Familienglück als unnatürlich empfunden hatten, und auch die von Erika, die ihre Annahme bestätigen konnte, dass alle Männer gleich sind.

Nicht immer ist es so offensichtlich wie in dem obigen Beispiel, aber wir richten es unbewusst oft so ein, dass unsere Erwartungen sowie unsere Befürchtungen tatsächlich eintreffen. Allerdings sind wir immer wieder davon überzeugt, dass wir nur Opfer der „Schlechtigkeit der Welt“ bzw. der „Ungerechtigkeit des Schicksals“ sind.

Wir müssen uns also an den Gedanken gewöhnen, dass zu unserer bewussten Persönlichkeit auch ein nicht bewusster Teil gehört, der zu einem bedeutenden Anteil unser Verhalten und unser ganzes Wesen bestimmt. Im Allgemeinen sind die unbewussten Anteile unseres Selbst nichts Negatives, sondern können eine große Hilfe sein. Ihr Nutzen kann noch intensiviert werden, wenn wir eine positive Einstellung zu diesen Bereichen entwickeln, wenn wir uns über ihre Existenz freuen und sie wie einen Freund betrachten statt zu bekämpfen.

Unser Unbewusstes kann uns also helfen oder behindern. Wir können es nutzen, wenn wir seine Gesetze beachten, wir können es aber nicht neutralisieren oder unwirksam machen. Auch wenn wir seine Existenz leugnen, wird es uns unser Leben lang begleiten und beeinflussen. Unsere Einstellung zum Unbewussten bestimmt wesentlich die Qualität unseres Daseins.

Joseph Murphy (2002), der einen Bestseller über die Macht des Unterbewusstseins geschrieben hat, gebraucht einen Vergleich mit einem riesigen Ozeandampfer. Er setzt das Unterbewusste mit der Mannschaft gleich, die im Bauch des Schiffes arbeitet – die Heizer, die Techniker usw., die dafür sorgen, dass genügend Energie zur Fortbewegung des Schiffes vorhanden ist, und die Richtung des Schiffes nach den Befehlen des Kapitäns bestimmen. Der Kapitän braucht seine Mannschaft, und wenn er sie auch nicht bei allen Entscheidungen mitreden lassen kann, so ist es doch sinnvoll für ihn, auf sie zu hören und ihre Warnungen hinsichtlich Störungen ernstzunehmen. Er sollte sie dazu motivieren, ein harmonisches Team zu bilden und nicht nur „Dienst nach Vorschrift“ zu machen oder im Extremfall die Arbeit zu verweigern.

In einem Experiment, das die Bedeutung der unbewussten Haltung bzw. Einstellung beweist, stammt von John Bargh (Spiegel vom 10.4.06): In einer High School nahmen afroamerikanische Schüler an einem Wissenstest teil. In einem Fragebogen hatten die Forscher zuvor um Auskunft über die eigene Person gebeten. Ein Teil der Schüler wurde nach ihrer Rasse gefragt, bei der anderen Hälfte fehlte diese Frage.

Der Effekt war schockierend: Die Gruppe, die nach der Rasse gefragt wurde, erzielte im Wissenstest die eindeutig schlechteren Resultate – und das, obwohl alle bei einer Befragung angaben, an das Klischee von den „dümmeren Schwarzen“ nicht zu glauben. Das Bewusstmachen, dass man einer Rasse angehört, die von der Mehrheit der Menschen als weniger intelligent betrachtet wird, führte dazu, dass diese Afroamerikaner tatsächlich schlechtere Leistungen zustande brachten.

Wir müssen also akzeptieren, dass wir Einstellungen haben, die uns nicht bewusst sind, die wir nicht wahrhaben wollen und die dennoch Einfluss auf unser Verhalten nehmen. Wenn wir daher unsere eigenen Einstellungen analysieren wollen, haben wir eine schwierige Aufgabe.

Wie kann es überhaupt dazu kommen, dass wir Einstellungen haben, die uns nicht bewusst sind? In obigem Experiment wird dieser Mechanismus deutlich: Die Amerikaner mit dunkler Hautfarbe glaubten nicht, dass ihre Rassenzugehörigkeit etwas mit Intelligenz zu tun hat (Allgemeinwissen wird häufig als ein Merkmal von Intelligenz gesehen). Das widersprach ihrem Selbstbild. Die gewünschte positive Einstellung zu sich selbst und die Einstellung, dass Afroamerikaner weniger intelligent sind, widersprechen sich. Eine Möglichkeit, diesem Widerspruch zu entgehen, bestand für die Afroamerikaner darin, dass sie die negative Einstellung zur eigenen Abstammung verdrängten und ins Unbewusste abschoben. Das bedeutet aber nicht, dass sie von dort nicht wirksam wäre.

Wie kann ich nun unbewusste Einstellungen in mir erkennen? Um Einstellungen ändern zu können, ist es wichtig, sie erst einmal zu identifizieren. Zum einen müssen wir damit rechnen, dass vor allem Einstellungen, die sich auf die eigene Person beziehen, unbewusst sind, denn solche Einstellungen führen häufig zu den erwähnten Widersprüchen. Der einzige Weg, seine eigenen wirksamen, aber unbewussten Einstellungen zu erkennen, besteht darin, sein eigenes Verhalten zu beobachten und zu analysieren.

Schon Goethe hat erkannt, dass uns die Fehler, die wir selbst überwunden zu haben glaubten, bei anderen am meisten stören. Er nimmt an, dass wir diese Fehler nicht wirklich überwunden, sondern nur ins Unbewusste abgeschoben haben. Wenn wir jetzt jemandem begegnen, der uns daran erinnert, dass es auch in uns solche Fehler gibt, dann haben wir es schwerer, diesen Fehler im Unbewussten zu halten. Wir lehnen daher diesen Fehler bei anderen umso heftiger ab. Die Energie, die sich dabei zeigt, ist eigentlich die Energie, die wir mobilisieren, um die eigene negative Einstellung aus dem Bewusstsein fernzuhalten.

Auch im Matthäus-Evangelium entdecken wir diesen Mechanismus: „Du sahst im Auge deines Bruders den Splitter, in deinem hast du den Balken nicht bemerkt.“ Immer dann also, wenn uns eine bestimmte Eigenschaft und damit die entsprechende Einstellung am anderen stört (der Splitter), sollten wir uns fragen, welche unbewusste eigene Einstellung (Balken im eigenen Auge) dem entspricht und welche eigenen Fehler man überwunden zu haben glaubt. Das gilt vor allem dann, wenn solche Beobachtungen immer wieder vorkommen.

Mich selbst hat es früher immer sehr gestört, wenn sich jemand in Besprechungen so selbstbewusst hervorgetan hat. Solche Menschen waren mir auf Anhieb unsympathisch. Allerdings brachte mir das große Schwierigkeiten, denn es waren oft die Menschen, mit denen ich Geschäfte machen sollte, wenn ich mit meiner Firma Erfolg haben wollte. Das passierte immer wieder und ich spürte, dass da ein Mechanismus am Werk war, den es aufzudecken galt. Ich hatte selbst auch den Wunsch, bei wichtigen Sitzungen im Mittelpunkt zu stehen, habe aber früher damit schlechte Erfahrungen gemacht. Ich kam als kleines Kind aus Berlin in eine bayerische Schule. Zu der Zeit sprach man in bayerischen Schulen Dialekt und war auch gegenüber anderen Dialekten nicht sehr tolerant. Auf jeden Fall wurde ich wegen meines Berliner Dialekts oft ausgelacht (oder angelacht, je nach Interpretation und Einstellung), wenn ich mich vor der Klasse äußerte. Diese Angst, mich zu blamieren, hinderte mich also daran, mich selbst zu präsentieren, aber das wollte ich natürlich nicht wahrhaben. Also entwickelte ich die Einstellung, es sei nicht gut, sich immer in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn jemand das dann trotzdem tat, dann widersprach er meinen Erwartungen und erinnerte mich indirekt an meine Angst, ausgelacht zu werden.

In dem Moment, in dem mir dieser Zusammenhang bewusst wurde, konnte ich relativ einfach daran arbeiten. Einerseits konnte ich meine negative Einstellung gegenüber den Personen ändern, die sich in den Vordergrund stellten, indem ich mir bewusst machte, dass meine Einstellung ihnen gegenüber nichts mit diesen Menschen, sondern mit mir zu tun hatte. Andererseits half mir diese Überlegung auch, meine eigenen Ängste zu bearbeiten, wenn es darum ging, sich in den Vordergrund zu stellen. Ich machte mir bewusst, dass sie aus der Kindheit stammen und nicht mehr gerechtfertigt waren.

Bei der Analyse der eigenen Einstellungen und Normen kann es für uns sehr hilfreich sein, wenn wir uns deutlich machen, dass sehr strenge Normen oft dazu da sind, eigene unbewusste Schwächen zu verdecken. Das könnte uns demütig machen und uns helfen, Licht auf unsere Schattenseiten zu lenken. Wir könnten uns bewusst werden, dass auch wir fehlbar sind – und das kann zu einer toleranteren Einstellung der eigenen Umwelt gegenüber führen. Wir müssen also immer damit rechnen, dass wir in andere gerade das hineinprojizieren, was eigentlich unser eigenes Problem ist – manchmal projizieren wir unsere eigenen Einstellungen sogar in ein Tier, wie folgendes Beispiel zeigt.

Lebertran für den Hund

Ein Mann hatte einen alten Hund. Man sagte ihm nun, dass Lebertran gut für den Hund sei und dass er mit regelmäßigen Gaben von Lebertran viel länger leben würde. Jeden Tag flößte er daher seinem Hund diese Medizin ein, und das war eine schwierige Prozedur. Der Hund wehrte sich dagegen und verkroch sich schon, wenn sein Herrchen die entsprechende Flasche vom Regal nahm. Sein Besitzer gab ihm die Medizin, indem er den Kopf seines Hundes zwischen die Knie nahm, das Maul gewaltsam öffnete und mit einem Esslöffel den Lebertran einflößte.

Eines Tages konnte sich der Hund aus dem Griff seines Herrchens befreien und der Lebertran tropfte auf den Boden. Zum größten Erstaunen des Mannes leckte der Hund aber den Lebertran begierig vom Boden auf. Es zeigte sich, dass der Hund nichts gegen den Lebertran hatte, aber sehr viel gegen die grobe Behandlung, die er bei der Einnahme erleiden musste.

Offensichtlich verabscheute der Mann Lebertran und ging dabei davon aus, dass auch sein Hund nur mit Gewalt dazu zu bringen ist, diese Medizin einzunehmen. Wie oft sehen wir in einem Anderen Vorlieben, Schwächen oder Fehler, nur weil wir sie selbst besitzen.

1.Im Englischen unterscheiden wir kurzfristige und langfristige Orientierungen: set = kurzfristige Einstellung und attitude = langfristige Einstellung. In jüngster Zeit spricht man im englischen Sprachraum oft auch von „mindset“ (C. S. Dweck, 2008), worunter weitgehend „attitude“ bzw. Einstellung verstanden wird.
2.Natürlich ist hier nur der Begriff definiert, wie er in der Psychologie gebraucht wird. „Einstellungen“ gibt es auch in anderen Fachbereichen:
  – im Arbeitsbereich versteht man darunter die Begründung eines Anstellungsverhältnisses,
  – beim Filmen versteht man darunter eine kurze Aufnahme ohne Wechsel der Perspektive innerhalb eines längeren Films,
  – in der Medizin versteht man darunter eine optimale Dosierung eines Medikaments für einen bestimmten Patienten und
  – in der Rechtsprechung versteht man darunter die Beendigung eines Verfahrens.
3.Wir sprechen hier von „affektiven“ Reaktionen oder später von „affektiven“ Lernzielen, weil sich das in der Literatur so eingebürgert hat. Man hat den englischsprachigen Begriff von Bloom (learning objectives in the affective domain) eingedeutscht, obwohl „emotional“ oder „gefühlsmäßig“ sicher die bessere Übersetzung gewesen wäre, da „Affekt“ im Deutschen eine außergewöhnlich starke seelische Erregung (z. B. in der Redewendung „aus dem Affekt handeln“) bedeutet.
4.Ein bedingter Reflex kann auch bei der Aktivierung von psychischen Systemen und damit bei der Entwicklung der Persönlichkeit eine wesentliche Rolle spielen. Wenn häufig gleichzeitig das Selbstsystem, das System, mit dem wir uns identifizieren und das Motivationssystem, das System, das uns tätig werden lässt, aktiviert werden, so wird dadurch eine enge Verbindung beider Systeme erreicht. Das führt z. B. dazu, dass immer dann das Motivationssystem aktiviert wird, auch das Selbstsystem aktiv ist und der Betreffende dadurch Zugang zu seinen im Selbstsystem gespeicherten Erfahrungen hat. (Martens, Kuhl, 2008).

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