Kitabı oxu: «Traum oder wahres Leben»

Şrift:

Joa­chim R. Steu­del

Traum oder wah­res Le­ben

Gi­fu­to - Das Ge­schenk

In­halts­ver­zeich­nis

Ti­tel

Das Wie­der­se­hen

Nach dem Kampf

Das An­ge­bot

Fehl­ver­hal­ten mit Fol­gen

Nin­ja und Ka­zu­ko

Der Schmied

In­for­ma­tio­nen

Ge­fahr

Wech­sel­bad der Ge­füh­le

Zwei von vier Ta­gen

Gast­mahl und Heil­ver­such

Der Auf­trag des Dai­myo

Kampf und Ge­sprä­che

Feu­er in Ban­dai

Kin­der­wunsch und Ab­schied von Sen­dai

Die neue Hei­mat, Dau­er­re­gen und Ro­nin

Zeit der Trau­er

Glossar und Nach­be­mer­kung

Buch­lis­te

Impressum neobooks

Das Wie­der­se­hen

Schon seit ge­rau­mer Zeit lief die jun­ge Frau su­chend durch Lau­scha. Sie hat­te fast den gan­zen Ort durch­wan­dert und auf Grund der Ge­birgs­la­ge ei­ni­ge Stra­ßen auch mehr­fach er­kun­det. Nun lief sie zum zwei­ten Mal an die­ser Stra­ßen­bau­stel­le vor­bei, und die Män­ner dort blick­ten sie wie­der mit un­ver­hoh­le­ner Neu­gier an. So­fort stell­te sich bei ihr die­ses un­gu­te Ge­fühl ein. Sie fühl­te sich durch­schaut, er­kannt und er­nied­rigt.

Nur schnell vor­bei, dach­te sie, doch das soll­te ihr nicht ge­lin­gen. Ei­ner der Bau­ar­bei­ter steu­er­te di­rekt auf sie zu.

Nach­dem er sich mehr­fach be­wun­dernd über die jun­ge Frau ge­äu­ßert hat­te, wur­de er von sei­nen Kol­le­gen so lan­ge an­ge­sta­chelt, bis er al­len Mut zu­sam­men­nahm und auf sie zu­ging. Sie be­merk­te das und such­te ver­zwei­felt nach ei­nem Aus­weg. Am liebs­ten wäre sie im Erd­bo­den ver­sun­ken oder um­ge­kehrt, doch dazu war es be­reits zu spät.

»Hal­lo, Sie se­hen so su­chend aus, kann ich Ih­nen hel­fen?«

Oh, der scheint ja recht freund­lich und nicht nur auf eine dum­me An­ma­che aus zu sein, stell­te sie er­leich­tert fest.

»Ja, viel­leicht. Ich su­che das Haus ei­nes Be­kann­ten und habe dum­mer­wei­se sei­ne Ad­res­se nicht auf­ge­schrie­ben«, ant­wor­te­te sie aus­wei­chend.

»Wie heißt denn ihr Be­kann­ter? Lau­scha ist über­schau­bar, viel­leicht ken­ne ich ihn ja.«

Ihr Ge­sicht hell­te sich auf.

»Gün­ter Kauf­mann heißt er, und nach den Bil­dern, die er mir ge­zeigt hat, wohnt er in ei­nem re­la­tiv neu­en Ein­fa­mi­li­en­haus. Er hat vor et­was mehr als ei­nem Jahr sei­ne ge­sam­te Fa­mi­lie bei ei­nem schwe­ren Ver­kehrs­un­fall ver­lo­ren.«

Das Ge­sicht des Bau­ar­bei­ters ver­än­der­te sich schlag­ar­tig und mit ei­nem trau­ri­gen Blick deu­te­te er nach rechts den Hang hi­n­auf.

»Dort oben, hin­ter den zwei grö­ße­ren Häu­sern, ist eine schma­le Zu­fahrts­s­tra­ße, an der meh­re­re neue Ein­fa­mi­li­en­häu­ser ste­hen. Das vor­letz­te ge­hört Herrn Kauf­mann. Wenn Sie hier vorn rechts ein­bie­gen, sich an der nächs­ten Kreu­zung links hal­ten und an­schlie­ßend im­mer wie­der rechts ab­bie­gen, kön­nen Sie es nicht ver­feh­len.«

»Dan­ke!«, sag­te sie hoch­er­freut und woll­te sich auf den Weg ma­chen, doch der Bau­ar­bei­ter hielt sie noch ein­mal auf.

»War­ten Sie! Et­was muss ich Ih­nen noch sa­gen! Ich weiß nicht, wann und wo Sie Herrn Kauf­mann zum letz­ten Mal ge­se­hen ha­ben, doch seit dem Un­fall hat er sich sehr ver­än­dert. Ich woh­ne ganz in der Nähe, und wir ha­ben uns frü­her manch­mal ge­trof­fen, aber nach dem Tod sei­ner Fa­mi­lie war er nicht mehr der­sel­be. Erst war er to­tal am Bo­den und nur noch ein Schat­ten sei­ner selbst. Er hat sein Ge­schäft ver­nach­läs­sigt, und vie­le ha­ben schon be­fürch­tet, dass es den Bach run­ter­geht. Manch­mal ist er, ohne zu sa­gen wo­hin, ein­fach ver­schwun­den und Tage spä­ter erst wie­der auf­ge­taucht. Dann hat er ohne ir­gend­ei­ne Be­grün­dung sein Ge­schäft plötz­lich ab­ge­ge­ben. Man mun­kelt, er hät­te so eine Art Ak­ti­en­fonds ein­ge­rich­tet und die­sen un­ter sei­nen An­ge­stell­ten auf­ge­teilt. Die fä­higs­ten von ih­nen hat er zur Lei­tung der Fir­ma be­stimmt und ih­nen alle wei­te­ren Ent­schei­dun­gen über­las­sen. Er soll zwar bei Fra­gen und Pro­ble­men im­mer noch zur Ver­fü­gung ste­hen, aber an­sons­ten küm­mert er sich nicht mehr um das Ge­schäft.«

Er hol­te tief Luft und schüt­tel­te den Kopf.

»Ich sehe ihn noch ab und zu, doch ich habe das Ge­fühl, dass er jetzt ein ganz an­de­rer Mensch ist. Er mei­det den Kon­takt mit an­de­ren und sucht die Ein­sam­keit. Manch­mal habe ich ihn in den Ber­gen stun­den­lang still an ei­nem Fleck sit­zen se­hen, und er schi­en nichts um sich he­r­um wahr­zu­neh­men. Ir­gend­wie ist er sehr selt­sam ge­wor­den. Also wenn Sie ihn von frü­her her ken­nen, dann soll­ten Sie kei­nen über­schwäng­li­chen Emp­fang er­war­ten.«

Sie lä­chel­te ihn an und sag­te:

»Dan­ke für den Tipp, aber ich den­ke, er wird mich schon er­war­ten. Wir ha­ben uns erst vor ei­ni­gen Ta­gen zu­fäl­lig ge­trof­fen und hat­ten ein lan­ges und in­ter­essan­tes Ge­spräch. Also noch­mals dan­ke für al­les und: Auf Wie­der­se­hen!«

Mit die­sen Wor­ten wen­de­te sie sich ab und folg­te dem be­schrie­be­nen Weg.

Ihr nach­denk­lich nach­schau­end, ging der Bau­ar­bei­ter zu­rück zu sei­nen Kol­le­gen, und die­se emp­fin­gen ihn mit neu­gie­ri­gen Wor­ten:

»Eh, das war ja an­schei­nend eine sehr er­folg­rei­che An­ma­che! Du hast ihr wohl gleich den Weg zu dir nach Hau­se be­schrie­ben?«

»Quatsch­kopp, seh ich so aus, als ob so ne Frau auf mich flie­gen wür­de!? Ne, sie woll­te wis­sen, wo der Kauf­mann wohnt. Kennt ihn ir­gend­wo­her und will ihn be­su­chen.«

»Na, dann viel Spaß! Der lässt sich doch auf kein Ge­spräch mehr ein.«

»Glaub ich nicht! Sie scheint ihn erst vor kur­zem ge­trof­fen zu ha­ben. Auf alle Fäl­le kennt sie ihn recht gut, denn nichts von dem, was ich über ihn ge­sagt habe, hat sie wirk­lich über­rascht.«

»Viel­leicht ist das ja so ne Psy­cho-Tan­te, die ihn wie­der auf die Rei­he krie­gen will«, sag­te ein Drit­ter und schau­te ihr noch ein­mal hin­ter­her.

In die­sem Au­gen­blick bog die jun­ge Frau in die Sei­ten­stra­ße ein und ent­schwand ih­ren Bli­cken. Zü­gig schritt sie den be­schrie­be­nen Weg ent­lang, und als sie die Zu­fahrts­s­tra­ße er­reich­te, be­schlich sie das Ge­fühl, die­ses Bild schon ein­mal ge­se­hen zu ha­ben. Sie dach­te einen Au­gen­blick nach und er­in­ner­te sich an Bil­der aus der Ge­schich­te des Man­nes, den sie such­te. Nun brauch­te sie die Be­schrei­bung des Bau­ar­bei­ters nicht mehr. Schnell und si­cher streb­te sie dem Haus zu und er­kann­te es so­fort wie­der. Ein Blick auf die Klin­gel, und sie wuss­te, sie war rich­tig.

Sie hol­te tief Luft, drück­te auf den Klin­gel­knopf und schau­te er­war­tungs­voll zur Haus­tür. Doch nichts be­weg­te sich, kein Ge­räusch war zu hö­ren, und nie­mand war zu se­hen. Noch zwei­mal wie­der­hol­te sie die­sen Ver­such, dann war ihr klar, es war nie­mand zu Hau­se.

Was nun? Soll­te sie um­keh­ren und ein an­de­res Mal wie­der­kom­men? Aber da wä­ren die Chan­cen auch nicht bes­ser. Ge­nau­so gut konn­te sie war­ten, viel­leicht war er ja nur kurz weg­ge­gan­gen und kam bald zu­rück. Sie schau­te sich um und stell­te fest, dass das Haus in ei­ner sehr schö­nen Lage stand. Nicht weit hin­ter dem Haus be­gann der Wald, der sich über den ge­sam­ten rest­li­chen Hang bis zum Gip­fel des Ber­ges hin­zog. Nur noch ein Haus folg­te, und dann en­de­te die Stra­ße in ei­ner sanft ab­fal­len­den Wie­se. Die­ser streb­te sie nun zu. Das Gras war noch nicht lan­ge ge­mäht, und die jun­gen fri­schen Spit­zen ver­lie­hen der Wie­se eine saf­tig grü­ne Far­be. Nach­denk­lich setz­te sie sich und schau­te ins Tal.

Eine an­ge­neh­me Ruhe um­gab sie. Nur Vo­gel­stim­men und der leich­te Wind, der mit den Blät­tern der Bäu­me spiel­te, wa­ren zu hö­ren. Erst wenn man sich sehr an­streng­te, konn­te man die Ge­räusche aus der im Tal lie­gen­den Stadt wahr­neh­men. Die­se wirk­ten je­doch nicht stö­rend, im Ge­gen­teil, sie wa­ren lei­se und nah­men ei­nem das Ge­fühl der Ein­sam­keit.

Lang­sam wan­der­te ihr Blick über die schö­ne Land­schaft, und es dau­er­te nicht lan­ge, bis sie sich in die­sen Ort ver­liebt hat­te. Träu­me­risch schau­te sie von ei­nem Fleck zum an­de­ren, doch nach ei­ni­ger Zeit nahm sie nichts mehr da­von wahr. In ih­ren Ge­dan­ken tauch­ten Bil­der der Ge­schich­te auf, die sie hier­her ge­führt hat­te.

Sie konn­te nicht sa­gen, wie lan­ge sie so ge­ses­sen hat­te, als hin­ter ihr eine wohl­be­kann­te Stim­me er­tön­te.

»Wenn Sie kei­nen Son­nen­brand ha­ben wol­len, soll­ten Sie nicht so in der pral­len Son­ne sit­zen.«

Sie fuhr he­r­um und schau­te in das freund­li­che Ge­sicht des Man­nes, den Sie ge­sucht hat­te.

»Hal­lo!«, sag­te sie und stand auf. »Ich den­ke, Sie wer­den mich er­war­tet ha­ben, und ich möch­te ger­ne er­fah­ren, wie die­se Ge­schich­te aus­ge­gan­gen ist.«

Schmun­zelnd sah er sie an.

»Naja, sa­gen wir, ich habe ge­hofft, dass Sie nicht tun, was Sie auf die­sen Berg ge­führt hat­te, und wenn Sie es möch­ten, dann wer­de ich Ih­nen auch den Rest der Ge­schich­te er­zäh­len. Aber eins soll­ten Sie wis­sen. Es könn­te län­ger dau­ern.«

»Das hab ich mir schon ge­dacht, doch die Bil­der die­ser Ge­schich­te las­sen mich nicht mehr los, und ich den­ke auch, dass es nicht nur eine Ge­schich­te ist, son­dern ein ge­leb­tes Le­ben. Ich weiß zwar nicht, wie das mög­lich ist, doch viel­leicht wer­de ich es ja noch er­fah­ren.«

»Na, dann kom­men Sie mal mit. Wir kön­nen uns auf die Ter­ras­se hin­term Haus set­zen, dort ist es jetzt et­was schat­tig, und das dürf­te Ih­rer Haut gut­tun.«

Sie sah sich ihre schon leicht ge­röte­ten Arme an und stimm­te dank­bar zu. Auf dem Weg zum Haus mus­ter­te sie ihn prü­fend. Das Bild, das sie von ihm hat­te, und sei­ne Aus­strah­lung pass­ten so gar nicht zu dem, was der Bau­ar­bei­ter über ihn ge­äu­ßert hat­te. Doch wahr­schein­lich ist das so, wenn sich ein Mensch ge­än­dert hat und nicht mehr in die Scha­blo­ne passt, die man an­legt. Nur Au­ßen­ste­hen­de konn­ten sein neu­es und wah­res Ich er­ken­nen, alle an­de­ren hiel­ten ihn für über­ge­schnappt oder bes­ten­falls von den tra­gi­schen Er­eig­nis­sen ge­zeich­net.

Sie be­tra­ten den klei­nen Vor­gar­ten, und er führ­te sie um das Haus he­r­um zu der schön an­ge­leg­ten Ter­ras­se. Dort bat er sie, auf der Hol­ly­wood­schau­kel Platz zu neh­men, und rück­te einen klei­nen Tisch he­r­an. An­schlie­ßend schloss er die Tür auf, die von der Ter­ras­se ins Wohn­zim­mer führ­te. Von da ging er in die Kü­che, um Glä­ser und et­was zum Trin­ken zu ho­len.

»Was möch­ten Sie trin­ken? Ich habe gut ge­kühl­ten Ap­fel­saft, Oran­gen­li­mo­na­de und ein­fa­chen Spru­del«, rief er aus dem Haus he­r­aus.

»Viel­leicht den Ap­fel­saft. Oder war­ten Sie, brin­gen Sie den Spru­del doch mit. Mit Was­ser ver­dünn­ten Ap­fel­saft trink ich ei­gent­lich sehr ger­ne.«

Mit den bei­den Fla­schen und zwei Glä­sern in der Hand kam er wie­der he­r­aus. Nach­dem er ihr ein­ge­gos­sen hat­te, zog er einen Gar­ten­stuhl he­r­an und setz­te sich ihr ge­gen­über hin. Lan­ge und ein­dring­lich schau­te er sie an.

Selt­sa­mer­wei­se emp­fand sie die­sen Blick nicht als un­an­ge­nehm, son­dern es wur­de ihr da­bei rich­tig warm ums Herz. Sie hielt sei­nem Blick lan­ge stand, und erst als er sie an­sprach, griff sie zum Glas und trank in tie­fen Zü­gen.

»Was hat Ihre Mei­nung ge­än­dert? Was hat Sie be­wo­gen, doch das Le­ben zu wäh­len?«

»Ich kann es Ih­nen nicht ge­nau sa­gen! Zum einen si­cher­lich die Neu­gier­de, denn ich möch­te zu ger­ne wis­sen, wie die Ge­schich­te wei­ter­geht.«

Sie mach­te eine Pau­se und dach­te an­ge­strengt nach, doch als sie eine Wei­le spä­ter im­mer noch nicht fort­fuhr, frag­te er:

»Und zum an­de­ren?«

Ruck­ar­tig blick­te sie von dem Glas hoch, das sie an­ge­strengt fi­xiert hat­te.

»Ja, und zum an­de­ren hat mich ei­ni­ges nach­denk­lich ge­macht. Das, was Sie mir er­zählt ha­ben, oder bes­ser ge­sagt, was ich mit Ih­nen er­lebt habe, hat mich sehr be­schäf­tigt. Jetzt fra­ge ich mich, ob ich das Recht habe, ein­fach so aus mei­nem Le­ben zu flüch­ten. Viel­leicht kann ich die­sem ja ein neu­es Ziel ge­ben, einen neu­en Weg fin­den, um ein sinn­vol­les und er­füll­tes Le­ben zu füh­ren.«

Sie hol­te tief Luft, schüt­tel­te den Kopf und sah ihm in die Au­gen.

»Ich weiß es nicht. Doch ich möch­te ger­ne mehr hö­ren von Ih­rer Ge­schich­te. Sie ha­ben bei un­se­rem ers­ten Tref­fen so plötz­lich ab­ge­bro­chen und sind dann so schnell ver­schwun­den. Warum? Was hat Sie dazu ver­an­lasst?«

Nun war er es, der tief Luft hol­te und über­leg­te. Was und wie viel durf­te er ihr er­zäh­len? Schließ­lich schüt­tel­te er den Kopf und sag­te, sie da­bei an­lä­chelnd:

»Das ist schwie­rig zu er­klä­ren, aber ich mer­ke, dass ich das, was ich ein­mal be­gon­nen habe, auch ir­gend­wie zu Ende füh­ren muss. Ich hof­fe, Sie ha­ben ge­nü­gend Zeit mit­ge­bracht!?«

»Ja, na­tür­lich! Nur des­halb bin ich hier.«

»Gut, dann wür­de ich vor­schla­gen, wir las­sen das mit dem Sie sein, denn Sie, oder bes­ser ge­sagt, du tauchst so tief in mei­ne Welt ein und er­fährst so vie­le in­ti­me, per­sön­li­che Din­ge, dass es schon ein we­nig selt­sam klingt, wenn wir uns wei­ter sie­zen.«

»Ja doch! Ger­ne! Ich hei­ße Sa­rah, Sa­rah Lieb­herr, und wie soll ich dich nen­nen? Gün­ter Kauf­mann, Gü Mann, Xu Shen Po oder viel­leicht noch an­ders?«

»He, du kannst ja so­gar sar­kas­tisch sein!«, sag­te er mit ei­nem kur­zen Auf­la­chen. »Doch Spaß bei­sei­te, ich bin Gün­ter Kauf­mann, denn das ist der Name, den ich bei mei­ner Ge­burt er­hal­ten habe, al­les an­de­re war nur zweck­be­dingt und spielt kei­ne Rol­le im Jetzt und Hier.«

»Also Gün­ter, warum bist du letz­tens so schnell ver­schwun­den?«

»Du hast ja Leu­te ge­trof­fen, als du zu dei­nem Auto ge­lau­fen bist, und hast si­cher­lich auch ge­merkt, dass mit mir und um mich man­ches an­ders ist als bei an­de­ren.«

Sie nick­te und sah ihn ge­spannt an.

»Nun ja, es wa­ren zwar an­de­re Leu­te, als ich be­fürch­tet hat­te, aber auch sol­che kön­nen von dem, was sie ge­se­hen und ge­hört ha­ben, be­rich­ten. Durch die welt­wei­te Ver­net­zung und durch den pro­blem­lo­sen Zu­gang zu be­stimm­ten Me­di­en ge­langt eine Nach­richt dann sehr schnell von ei­nem zum an­de­ren. Es ist also bloß eine Fra­ge der Zeit, bis be­stimm­te Men­schen da­von er­fah­ren. In­zwi­schen ha­ben sich Grup­pen ge­bil­det, die je­dem un­ge­wöhn­li­chen Er­eig­nis nach­spü­ren, es aus­wer­ten, sich Mei­nun­gen dazu bil­den und dann ei­ner brei­ten Mas­se zu­gäng­lich ma­chen.«

Er lehn­te sich zu­rück und schloss kurz die Au­gen.

»Nun, stell dir vor, die­se Men­schen wür­den von mei­ner Ge­schich­te er­fah­ren. Was wür­de wohl ge­sche­hen? Wo könn­te ich noch in Frie­den le­ben, ohne dass mir stän­dig je­mand an den Fer­sen klebt? Und au­ßer­dem ...«

Mit ei­nem Ruck rich­te­te er sich wie­der auf und öff­ne­te die Au­gen. »Au­ßer­dem könn­te es ja auch nur ein Traum sein.«

Sie schüt­tel­te den Kopf, deu­te­te auf sei­ne lin­ke Brust und sag­te:

»Das glaub ich nicht! Dazu hab ich die­se Ge­schich­te viel zu deut­lich er­lebt und nicht nur ge­hört. Und da, auf dei­ner lin­ken Brust, dass könn­te die Nar­be sein, die von dem Trai­nings­un­fall in Wu­dang stammt.«

Auf Grund des war­men Som­mer­ta­ges hat­te er das Hemd weit auf­ge­knöpft, und nun war es im Sit­zen ver­rutscht. Da­durch war der Blick auf die pflau­men­große Nar­be, die auf sei­ner lin­ken Brust prang­te, frei ge­wor­den. Er schau­te hi­n­un­ter und knöpf­te lä­chelnd sein Hemd wei­ter zu.

»Gut auf­ge­passt! Aber es könn­te auch an­ders sein, und die Nar­be hat viel­leicht einen ganz an­de­ren Hin­ter­grund. Doch das spielt jetzt kei­ne Rol­le! Du sollst selbst fest­le­gen, was du glau­ben willst und was nicht. Ich den­ke, jede Ge­schich­te und je­des Le­ben ist es wert, dass man ge­nau­er dar­über nach­denkt. Viel­leicht kann man ja ei­ni­ges dar­aus ler­nen, für sich ver­wer­ten und mit die­sen Er­fah­run­gen et­was bes­ser ma­chen. Vie­les von dem, was das Le­ben und die Mensch­heit ver­än­dert hat, baut auf sol­chen Er­fah­run­gen auf.«

»Ich weiß, das hab ich schon bei den Ge­sprä­chen er­kannt, die du mit Han Li­ang Tian und Ti­ang Li Yang ge­führt hast. Was ist ei­gent­lich aus dei­nen chi­ne­si­schen Freun­den ge­wor­den? Du hast bei un­se­rem Ab­schied an­ge­deu­tet, dass du Chi­na dann ver­las­sen hast.«

»Ja, das war auch so, und von mei­nen Freun­den, die ich in die­ser Zeit ge­won­nen hat­te, habe ich bis auf Lei Cheng kei­nen mehr zu Ge­sicht be­kom­men. Doch das war viel, viel spä­ter und ein sehr großer Zu­fall. Aber die­se Ge­schich­te wer­de ich viel­leicht ein an­de­res Mal er­zäh­len. Jetzt möch­te ich erst ein­mal dort fort­fah­ren, wo wir bei un­se­rem letz­ten Tref­fen un­ter­bro­chen wur­den.«

Er beug­te sich vor und leg­te sei­ne Hand auf den Tisch.

»Gib mir dei­ne Hand, Sa­rah. Du weißt, dass du die Ge­schich­te so bes­ser er­le­ben kannst, und es ist auch ein­fa­cher für mich.“

Sie leg­te Ihre Hand in die sei­ne und schloss die Au­gen. Jetzt hat­te sie kei­ne Angst mehr da­vor, sich so zu er­ge­ben und fal­len zu las­sen. Beim ers­ten Mal war es eine neue be­ängs­ti­gen­de Er­fah­rung ge­we­sen, doch nun war­te­te sie mit Span­nung dar­auf, wie­der in die­se Ge­schich­te ein­zu­tau­chen.

Kaum hat­te sie ihre Hand in die sei­ne ge­legt, spür­te sie wie­der die­se Ruhe und Kraft, die sie durch­ström­te. Al­les um sie he­r­um ver­blass­te, und die Bil­der der letz­ten Er­eig­nis­se stie­gen in ihr auf, wäh­rend sie die er­klä­ren­den Ge­dan­ken von ihm wahr­nahm.

Nach dem Kampf

»Nach­dem wir die ja­pa­ni­sche Ge­sandt­schaft aus ih­rer ge­fähr­li­chen Lage be­freit hat­ten, habe ich mich an dem klei­nen Fluss ge­rei­nigt. Wang Lees Ver­su­che, mich zu be­ru­hi­gen, hat­ten nicht wirk­lich Er­folg. Es war für mich das ers­te Mal ge­we­sen, dass ich an ei­nem Kampf teil­ge­nom­men hat­te, bei dem Men­schen zu Tode ka­men. Mei­ne Ge­dan­ken kreis­ten dar­um, ob ich das Recht ge­habt hat­te, hier ein­zu­grei­fen. Nur der Um­stand, dass im an­de­ren Fall die Ja­pa­ner ver­mut­lich um­ge­kom­men wä­ren, be­ru­hig­te mich ein we­nig. Den­noch soll­te mich die­ses Ge­sche­hen noch lan­ge be­schäf­ti­gen.

Aber vor­erst hat­te ich kei­ne Zeit, mich die­sen Ge­dan­ken wei­ter hin­zu­ge­ben. Der ja­pa­ni­sche Fürst kam mit sei­nem Ge­folgs­mann auf mich zu. Als sie uns er­reicht hat­ten, neig­ten sie leicht den Kopf, und der Ge­folgs­mann des Dai­myo sprach mich an. Sein Chi­ne­sisch war ein we­nig ge­bro­chen, aber gut ver­ständ­lich.

›Fürst Date Ma­sa­mu­ne möch­te sich bei Ih­nen für Ihr hilf­rei­ches Ein­grei­fen be­dan­ken! Wir ste­hen tief in Ih­rer Schuld, und un­se­re Dank­bar­keit kann Ih­nen ge­wiss sein.‹

Die rech­te Hand senk­recht vor die Brust hal­tend, neig­te ich eben­falls den Kopf und grüß­te zu­rück.

›Je­der, der in Be­dräng­nis ge­rät, kann mei­ner Hil­fe ge­wiss sein, doch ich habe nichts ge­tan, was nicht auch alle an­de­ren Brü­der aus Shao­lin tun wür­den.‹

›Ja, wir ha­ben ge­merkt, dass das, was der Abt uns vor­spie­len ließ, nicht der Wahr­heit ent­spricht. Ihr seid große Kämp­fer und habt ein star­kes Chi. Ich habe auch be­merkt, dass schon die Kraft Eu­res Chi star­ke Krie­ger dazu brin­gen kann, ihre Schwer­ter zu sen­ken‹, sag­te er mit ei­nem hin­ter­grün­di­gen Lä­cheln.

Ich wuss­te, dass er auf den Zu­sam­men­sto­ss, den Wang Lee und ich mit zwei sei­ner Män­ner ge­habt hat­ten, an­spiel­te. Doch dar­auf woll­te ich nicht ein­ge­hen, und glück­li­cher­wei­se rich­te­te nun der Dai­myo sein Wort an mich. Da die­ser aber nicht Chi­ne­sisch sprach, muss­te sein Ge­folgs­mann über­set­zen.

›Fürst Date Ma­sa­mu­ne möch­te wis­sen, wie es kommt, dass ihr uns ge­folgt seid, und wer die­se An­grei­fer wa­ren!?‹

›Wer die­se An­grei­fer wa­ren, kann ich auch noch nicht sa­gen, doch wir wer­den ver­su­chen, es he­r­aus­zu­be­kom­men. Und dass wir hier­her ka­men, war ei­gent­lich Zu­fall. Ich woll­te eine län­ge­re Rei­se an­tre­ten, und mei­ne Freun­de ha­ben mich bis Deng­feng be­glei­tet. Als wir dort er­fuh­ren, dass Sie nicht durch die­sen Ort ge­kom­men wa­ren, war uns klar, dass et­was nicht stimm­te. Die­ser Weg hier ist der ein­zi­ge, den Sie noch neh­men konn­ten, doch er ist be­schwer­lich, man kommt nicht schnel­ler ans Ziel, und nur we­ni­ge ken­nen ihn. Als uns das be­wusst wur­de, ver­stärk­te sich mein un­gu­tes Ge­fühl, und wir be­eil­ten uns, Sie zu er­rei­chen. Auf hal­bem Weg fan­den wir dann einen Ih­rer ver­wun­de­ten Sol­da­ten, der Hil­fe ho­len woll­te, aber nicht wei­ter­kam.‹

Beim letz­ten Satz hat­te der Sa­mu­rai auf­ge­horcht und ließ sich den Sol­da­ten ge­nau be­schrei­ben. Er nick­te ver­ste­hend und über­setz­te das bis­her Ge­hör­te dem Dai­myo. Un­ge­dul­dig for­der­te mich die­ser durch den Über­set­zer auf wei­ter­zu­er­zäh­len. Ich ver­stand dies nicht ganz, kam aber schul­ter­zu­ckend sei­ner Auf­for­de­rung nach.

›Nun, da gibt es nicht mehr viel zu er­zäh­len. Aus den Ges­ten und dem Zu­stand des Sol­da­ten schloss ich, dass es einen Über­fall ge­ge­ben hat­te und dass Ihre Grup­pe drin­gend Hil­fe brauch­te. Ei­ner mei­ner Freun­de blieb zu­rück, um sich um den Ver­wun­de­ten zu küm­mern, und wir an­de­ren be­eil­ten uns, Sie zu er­rei­chen. Tja, den Rest ha­ben Sie ja mit­be­kom­men.‹

›Der Ver­wun­de­te, wie geht es ihm?‹, frag­te der Sa­mu­rai un­ge­dul­dig.

Ver­wun­dert über so viel An­teil­nah­me an ei­nem ein­fa­chen Sol­da­ten sah ich ihm und dem Dai­myo in die Au­gen. Sie schie­nen bei­de sehr be­sorgt um das Le­ben die­ses Man­nes zu sein, und ich kam ih­rem Wunsch nach:

›Er ist ein tap­fe­rer Mann und ob­wohl er so schwer ver­letzt ist, dass er sich nicht auf­rich­ten konn­te, blick­te ich erst ein­mal in sein Schwert. Ich den­ke, bei gu­ter Pfle­ge, und wir ha­ben im Klos­ter sehr gute Wund­hei­ler, wird er wie­der völ­lig ge­ne­sen. Es wird zwar et­was dau­ern, doch er wird sei­nen Dienst bei Ih­nen wie­der auf­neh­men kön­nen.‹

Der Sa­mu­rai be­eil­te sich, das Ge­hör­te sei­nem Fürs­ten zu über­set­zen, und die­ser schi­en sicht­lich er­leich­tert. Wie­der ver­neig­te er sich vor mir und rich­te­te ei­ni­ge Wor­te an mich. Mit ei­nem freund­li­chen Lä­cheln über­setz­te sie sein Ge­folgs­mann:

›Der Fürst ist Ih­nen nun noch mehr ver­pflich­tet, denn es ist sein Sohn, den Sie da ge­fun­den ha­ben. Er ist Ih­nen auch sehr dank­bar, dass gleich ei­ner Ih­rer Freun­de bei ihm ge­blie­ben ist, um ihn zu pfle­gen.‹

Ich war sehr er­staunt. Die­ser jun­ge Mann hat­te nicht den Ein­druck ei­ner hö­her­ge­stell­ten Per­son er­weckt. Er war im­mer mit den ein­fa­chen Sol­da­ten un­ter­wegs und im Klos­ter auch so un­ter­ge­bracht ge­we­sen. Sein Auf­tre­ten und sei­ne Be­hand­lung durch die an­de­ren hat­ten im­mer auf einen un­ter­ge­ord­ne­ten Sol­da­ten hin­ge­deu­tet. Der Grund da­für in­ter­es­sier­te mich sehr, und ich woll­te mich schon da­nach er­kun­di­gen. Doch ir­gend­wie hat­te ich das Ge­fühl, dass das jetzt nicht an­ge­bracht wäre. Des­halb beließ ich es vor­erst da­bei und sag­te in der Hoff­nung, spä­ter mehr zu er­fah­ren:

›Es gibt kei­nen Grund für be­son­de­re Dank­bar­keit, denn wie ich schon sag­te, je­der, der in Not ist, kann auf un­se­re Hil­fe zäh­len.‹

Die bei­den ver­neig­ten sich noch ein­mal ach­tungs­voll vor uns, und dann be­ga­ben wir uns zu den Ver­wun­de­ten. Chen Shi Mal war schon bei ih­nen und schau­te sich die Ver­let­zun­gen der Über­le­ben­den an. Au­ßer dem Dai­myo und dem Sa­mu­rai, der als Über­set­zer auf­trat, hat­ten nur noch zwei mit re­la­tiv ge­ring­fü­gi­gen Ver­let­zun­gen über­lebt. Die­se be­durf­ten un­se­rer Hil­fe nicht, und wir küm­mer­ten uns um die fünf Schwer­ver­letz­ten, die et­was wei­ter hin­ten in der Sei­ten­schlucht la­gen.

Sie hat­ten un­ter­schied­li­che, aber teil­wei­se sehr tie­fe und ge­fähr­li­che Wun­den da­von­ge­tra­gen. Eine Ge­mein­sam­keit ver­band sie aber alle. Sie hat­ten sehr viel Blut ver­lo­ren und wa­ren sehr schwach.

Vor­sich­tig tru­gen wir sie in das wei­te Tal und rich­te­ten dort ein pro­vi­so­ri­sches La­ger ein. Wir ver­sorg­ten die Ver­let­zun­gen, so gut das un­ter den der­zei­ti­gen Be­din­gun­gen mög­lich war, ka­men dann aber über­ein, dass wir Hil­fe be­nö­ti­gen wür­den. Des­halb be­rie­ten wir, wie das ge­sche­hen soll­te.

›Es muss je­mand zu­rück nach Shao­lin und Hil­fe ho­len, denn ins Klos­ter kön­nen wir die Ver­letz­ten nicht trans­por­tie­ren. Zum einen sind wir zu we­ni­ge dazu, und zum an­de­ren wür­den das ei­ni­ge nicht über­le­ben.‹

›Da stimm ich dir zu, Chen Shi Mal!‹, ant­wor­te­te ich. ›Ich bin der Schnells­te von uns, viel­leicht wäre es am bes­ten, ich wür­de mich gleich auf den Weg ma­chen. Wenn ich kei­ne Pau­se ein­le­ge, könn­te ich mor­gen Vor­mit­tag mit Hil­fe wie­der zu­rück sein.‹

Wang Lee mach­te ein be­denk­li­ches Ge­sicht und warf ein:

›Ich weiß nicht?! Habt Ihr euch die to­ten An­grei­fer ein­mal ge­nau­er an­ge­schaut? Ich hat­te den Ein­druck, ei­ni­ge die­ser Ge­sich­ter schon ein­mal ge­se­hen zu ha­ben, und zwar im Klos­ter.‹

›Stimmt, wenn ich mich nicht irre, ge­hör­te zu­min­dest ei­ner zu der Grup­pe, die mit Mao Lu Peng vom Kai­ser­hof zu­rück­kam. Ich hab die­se Män­ner aber nur kurz ge­se­hen, und ich kann mich auch täu­schen. Es gibt mitt­ler­wei­le so vie­le, die zu Kämp­fern aus­ge­bil­det wer­den, aber kei­ne Mön­che sind, dass man sich nicht mehr je­des Ge­sicht mer­ken kann‹, er­wi­der­te Chen Shi Mal.

Wang Lee nick­te be­stä­ti­gend.

›Und ge­nau aus die­sem Grund ist es viel­leicht nicht so gut, wenn Xu Shen Po noch ein­mal im Klos­ter auf­taucht. Alle den­ken, er hat es für im­mer ver­las­sen, und wenn Mao Lu Peng in die Sa­che ver­wi­ckelt sein soll­te, müs­sen wir ihn nicht dar­auf auf­merk­sam ma­chen, dass es viel­leicht nicht so lief, wie er es sich ge­wünscht hat.‹

Er­staunt sah ich ihn an.

›Wie kommst du denn dar­auf? Ich dach­te, das wä­ren Ban­di­ten ge­we­sen.‹

›Ich kann es dir nicht er­klä­ren! Doch ich habe ein un­gu­tes Ge­fühl bei der Sa­che, und wir müs­sen doch kein Ri­si­ko ein­ge­hen! Wenn Chen Shi Mal oder ich wie­der im Klos­ter auf­tau­chen, er­weckt das kei­nen Ver­dacht, und wir kön­nen ein paar we­ni­ge ver­trau­ens­wür­di­ge Leu­te mit­brin­gen. An­sons­ten soll­ten wir aber erst ein­mal Still­schwei­gen über die Vor­gän­ge von hier wah­ren.‹

Nach­denk­lich schau­te ich von ei­nem zum an­de­ren.

›Na ja. Wenn ihr denkt. Aber viel­leicht wäre es gut, wenn ihr zu­sam­men los­geht und ei­ner von euch dann mit Liu Shi Meng den ver­letz­ten Sohn des Fürs­ten hier­her bringt. Viel­leicht könnt ihr euch eine Tra­ge bau­en und ihn her­tra­gen. Ich bleib erst mal hier und küm­me­re mich so lan­ge um die an­de­ren Ver­letz­ten.‹

Die bei­den stimm­ten zu und bra­chen so­fort auf. An­schlie­ßend er­klär­te ich den Ja­pa­nern, was wir be­schlos­sen hat­ten.

Da der Dai­myo und sein Ge­folgs­mann mit der Pfle­ge der Ver­wun­de­ten nicht viel im Sinn hat­ten, war ich auf mich al­lein ge­stellt. Wäh­rend ich ver­such­te, al­les Wis­sen, das ich in die­ser Be­zie­hung von den Mön­chen er­hal­ten hat­te, aus mei­nem Ge­dächt­nis her­vor­zu­kra­men, mach­ten sich der Dai­myo mit sei­nen noch ak­ti­ons­fä­hi­gen Män­nern auf, um die Pfer­de wie­der ein­zu­fan­gen. Auch ihre ver­streut he­r­um­lie­gen­den Sa­chen sam­mel­ten sie wie­der ein.

Bald brach­ten sie mir ei­ni­ge Nah­rungs­mit­tel und Klei­dungs­stücke, aus de­nen ich Stoff­strei­fen zum Ver­bin­den mach­te. So ge­lang es mir, die Ver­wun­de­ten not­dürf­tig zu ver­sor­gen.

Als das letz­te Ta­ges­licht schon fast ge­schwun­den war, ka­men Wang Lee und Liu Shi Meng mit dem ver­letz­ten Sohn des Fürs­ten in un­se­rem La­ger an. Ich hat­te er­war­tet, dass der Dai­myo sich gleich um sei­nen Sohn küm­mern wür­de, doch er warf nur einen kur­zen Blick auf die­sen und be­ach­te­te ihn dann nicht wei­ter.

Das konn­te ich über­haupt nicht ver­ste­hen, und in ei­nem güns­ti­gen Au­gen­blick er­kun­dig­te ich mich bei dem chi­ne­sisch spre­chen­den Sa­mu­rai nach dem Grund die­ses Ver­hal­tens.

›Ge­stat­ten Sie eine Fra­ge?‹

›Na­tür­lich, warum denn nicht!?‹

›Nun, ich kann ei­ni­ges nicht ver­ste­hen, habe aber das Ge­fühl, dass es ein Ta­bu­the­ma ist.‹

›Wir wer­den se­hen!‹

›Als ich Ih­nen er­zähl­te, dass wir den Sohn des Fürs­ten schwer ver­letzt ge­fun­den hat­ten, schie­nen Sie bei­de sehr be­sorgt um ihn zu sein und wa­ren froh, dass er Pfle­ge er­hielt. Doch als er hier im La­ger an­kam, wur­de er von Ih­nen kaum ei­nes Blickes ge­wür­digt. Wie­so? Und warum ist er als Sohn des Fürs­ten un­ter den ein­fa­chen Sol­da­ten und wird von al­len auch so be­han­delt?‹

Im ers­ten Au­gen­blick ver­schloss sich die Mie­ne des Sa­mu­rai, und ich hat­te den Ein­druck, er wür­de mich auf­brau­send ab­wei­sen, aber dann be­sann er sich.

›Das lässt sich nicht so leicht be­ant­wor­ten, denn es be­steht ein recht ge­spann­tes Ver­hält­nis zwi­schen Va­ter und Sohn. Au­ßer­dem gibt es in un­se­rem Land einen an­de­ren Ver­hal­tens­ko­dex als in Ih­rem. Ehre und die Ver­pflich­tun­gen ge­gen­über Hö­her­ge­stell­ten wer­den bei uns an­ders be­wer­tet als bei Ih­nen.‹

›Das mag schon sein, doch ich habe die Sor­ge und die Lie­be zu sei­nem Sohn im Auge des Fürs­ten ge­se­hen. Was hin­dert ihn dar­an, ihm die­se auch zu zei­gen?‹

Der Sa­mu­rai hol­te tief Luft und stieß sie mit Druck wie­der aus.

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