Kitabı oxu: «Schöpfer der Wirklichkeit»
Joe Dispenza
Schöpfer der Wirklichkeit
Der Mensch und sein Gehirn – Wunderwerk der Evolution

Titel der Originalausgabe:
»Evolve your Brain«
Copyright © 2007 by Joe Dispenza, D.C.
Published under arrangement with
HEALTH COMMUNICATIONS, INC.
Deerfield Beach, Florida, USA
Cover Design: Hauptmann & Kompanie, Zürich
Aus dem Englischen von Hanna Goldbach
Lektorat: Claudia Feiereisen
Deutsche Ausgabe: © KOHA-Verlag GmbH Burgrain
Alle Rechte vorbehalten
Gesamtherstellung: Karin Schnellbach
ebook
ISBN 978-3-86728-759-3
Für Jace, Gianna und Shenara
Inhaltsverzeichnis
Schöpfer der Wirklichkeit
Danksagung
Vorwort
1 Anfänge
2 Auf dem Rücken eines Giganten
3 Neuronen und das Nervensystem: Eine Reise auf der ursprünglichen Datenautobahn
4 Unsere drei Gehirne und mehr
5 Ererbte Verschaltung – veränderbar durch Hege und Pflege
6 Neuroplastizität: Wie Wissen und Erfahrung das Gehirn verändern und weiterentwickeln
7 Anwendung von Wissen und Erfahrung
8 Die Chemie des Überlebens
9 Die Chemie der emotionalen Sucht
10 Kontrollübernahme: Der Frontallappen in Wort und Tat
11 Kunst und Wissenschaft des mentalen Probelaufs
12 Die weitere Entwicklung unseres Seins
Über den Autor
Danksagung
Schöpfung ist ein überaus interessantes Phänomen. Der Prozess besteht aus einer Landschaft von Gipfeln und Tälern mit ungewissen Aussichten. Es gibt Augenblicke, in denen wir uns echt inspiriert und beflügelt fühlen, weil wir eine neue Ebene erklommen und einen weiteren Blick gewonnen haben. Im nächsten Augenblick erkennen wir jedoch, dass dort nur noch größere Hindernisse auf uns warten, weshalb wir uns fragen, ob wir überhaupt vorwärtsgekommen sind und ob es die Mühe wirklich wert ist. Wie bei einer Geburt gehen mit dem Schöpfungsprozess Geburtswehen einher, Komplikationen, Übelkeit, Erschöpfung, schlaflose Nächte und sorgenvolle Gedanken um die Zukunft. Wir zweifeln an unseren Fähigkeiten und grämen uns wegen unseres Unwissens; wir grübeln über unsere Kritiker nach und fragen uns, für wen wir das alles überhaupt tun und wieso. Beim Verfassen dieses Buches habe ich all das erlebt.
Und doch ist es eigentlich normal, dass wir uns mit diesen Dingen quälen, denn irgendwo in uns wissen wir: Das Einzige, woran wir uns dabei abarbeiten, ist unsere eingeschränkte Sicht auf uns selbst. Es ist ein Prozess, und gewiss hat er sein wiederkehrendes Auf und Ab.
Ich muss sagen, dass dieses Buch für mich ein großartiger Lehrer war. Ich habe mich verändert, weil ich weitergemacht habe, trotz all der guten Gründe, aufzuhören. Heute ist mir klarer, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Meine einzige Absicht und meine Hoffnung bestanden darin, Menschen bei der Veränderung ihres Lebens zu unterstützen. Wenn dieses Buch auch nur im Leben einer einzigen Person etwas bewirkt, war es die ganze Mühe wert. Schöpfer der Wirklichkeit wurde in erster Linie nicht für Wissenschaftler geschrieben, sondern für Durchschnittsmenschen, die besser verstehen möchten, wie wissenschaftliche Erkenntnisse unsere Fähigkeit uns zu verändern, bestätigen und dass wir Menschen ein enormes Potenzial haben.
Natürlich weiß ich nicht alles, was es über das Gehirn zu wissen gibt. Was ich gelernt, erfahren und erforscht habe, sind nur Pforten zu noch mehr Verständnis. Manche mögen mich fragen, warum ich nicht dieses oder jenes Thema angesprochen habe. Ich wollte den Inhalt dieses Buches wirklich auf das wissenschaftliche Verständnis der Veränderungsmöglichkeiten unseres Geistes und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit beschränken. Ich hätte in diesem Buch vieles ausführlicher diskutieren können, zum Beispiel Faktoren innerhalb der Themenbereiche Energie, Geist, Quantenphysik, aber das hätte den Umfang allzu sehr gesprengt, sodass das Ganze weniger gut nutzbar wäre. Im Nachwort weise ich auf weitergehende Anwendungsmöglichkeiten hin.
Ich möchte verschiedenen Leuten danken, die mich bei der Vervollständigung dieses Werkes unterstützt, beeinflusst und inspiriert haben. Zuerst möchte ich meinen Verlegern von HCI, Peter Vegso und Tom Sand, dafür danken, dass sie an mich geglaubt haben. Ein besonderer Dank gilt meiner Lektorin Michele Matrisciani. Auch der Redakteurin Carol Rosenberg möchte ich für ihre Gründlichkeit danken und Dawn Von Strolley Grove und Lawna Patterson Oldfield für ihre fachkundige Hilfe bei der Produktion.
Ich danke meiner Korrektorin Tere Stouffer und Sara Steinberg, meiner inhaltlichen Korrektorin, die mich einiges über den Hasen und den Igel gelehrt und so viel Fürsorge und Liebe gezeigt hat. Die Beiträge von Gary Brozek waren für dieses Buch von großem Wert, und meine Grafikerin Larissa Hise Henoch hat in den Abbildungen ihr echtes Talent zum Ausdruck gebracht.
Meinen Mitarbeitern Bill Harrell, D.C., Jackie Hobbs, Diane Baker, Patty Kerr, Charlie Davidson und Brenda Surerus danke ich dafür, dass sie mit mir Schritt halten. Eure Aufrichtigkeit ist mir unendlich kostbar. Besonders danke ich Gabrielle Sagona für ihre Hilfe, ihre Ermutigung und ihren großartigen Einsatz. Joanne Twining, Ph.D., hat mich durch ihre Fähigkeiten, ihr Wissen und ihre Geduld immer wieder aufs Beste ergänzt. Will Arntz, James Capezio und Rebecca Capezio danke ich für ihre wichtigen Rückmeldungen zum Manuskript. Marjorie Layden, Henry Schimberg, Linda Evans, Anne Marie Bennstrom, Ken Weiss, Betsy Chasse und Gordon J. Grobelny, D.C., danke ich für ihre unermüdliche Ermutigung und Unterstützung. Und Paul Burns, J.D., D.C., hat mir auf so unzählig viele Weisen geholfen, dass ich ihm gar nicht genug danken kann.
Ich möchte auch JZ Knight dafür danken, dass sie ihr Leben dem Dienst an der Menschheit widmet. Ramtha, von dem ich so viel gelernt habe, dass ich hundert Leben lang darüber nachdenken könnte, danke ich für die Inspiration, dieses Buch zu schreiben. Und ich möchte auch all die Schüler von Ramtha’s School of Enlightenment (»Ramthas Schule der Erleuchtung«) erwähnen, die ihr Leben mit Leidenschaft, Abenteuerlust und in Liebe zu Gott leben. Ihre Hingabe an das große Werk inspiriert mich immer wieder.
Mein besonderer Dank gilt auch Amit Goswami, Ph.D., für seinen brillanten Intellekt und seine Bereitwilligkeit, ein Individuum und Querdenker zu sein. Nick Pappas, M.D., Margie Pappas, R.N., M.S., und John Kucharczyk, Ph.D., danke ich für alles, was sie mich über das Gehirn, den Geist und den Körper gelehrt haben.
Ich danke John und Katina Dispenza und meiner Mutter Fran Dispenza für ihre starken Schultern, an die ich mich immer wieder anlehnen kann. Und zu guter Letzt möchte ich für meine wundervolle Gefährtin Roberta Brittingham ein ganz großes »Danke« an den Himmel schreiben, weil sie so natürlich all das ist und lebt, was ich in diesem Buch zu erklären versuche: Deine Bescheidenheit und deine Großartigkeit inspirieren mich immer wieder.
Vorwort
Da Sie dieses Buch in der Hand halten, sind Sie sich vielleicht bereits des Paradigmenwandels bewusst, der in der Wissenschaft vor sich geht. Im alten Paradigma gilt Ihr Bewusstsein – also das, was Sie ausmacht – als ein Epiphänomen des Gehirns. Im neuen Paradigma ist Ihr Bewusstsein die Grundlage Ihres Seins und Ihr Gehirn ist das Epiphänomen. Fühlen Sie sich jetzt besser? Dann können Sie aus der Lektüre dieses Buches großen Nutzen ziehen.
Wenn das Bewusstsein das Primäre und das Gehirn das Sekundäre ist, fragen wir uns natürlich, wie wir das Gehirn möglichst optimal nutzen können, damit es dem Bewusstsein und seiner Entwicklung dient. Die Erforschung des neuen Paradigmas ist seit einer Weile im Gang, aber dies ist das erste Buch, das dieser Frage nachgeht und sie brillant zu Ende führt. Dr. Joe Dispenza hat ein echtes Benutzerhandbuch für das Gehirn geschrieben – aus der Perspektive des neuen Primats des Bewusstseins.
Dr. Dispenza ist kein Quantenphysiker. Er behandelt das Primat des Bewusstseins daher bis zum Ende des Buches implizit. Um das Primat des Bewusstseins explizit zu betrachten, bedarf es der Quantenphysik, und daher könnte ein wenig Hintergrundinformation von einem Quantenphysiker für Sie, liebe Leser, hilfreich sein; deshalb schreibe ich dieses Vorwort.
Seit den Anfängen der neuen Paradigma-Revolution hat die Quantenphysik ein fundamentales Interpretationsproblem. Sie be-trachtet Objekte nicht als festgelegte »Dinge«, sondern als Wellen von Möglichkeiten. Wie werden diese Möglichkeiten, wenn wir sie beobachten oder »messen«, zu den eigentlichen Dingen unserer Erfahrung? Wenn Sie meinen, dass unser Gehirn – also der »Ort« unseres Bewusstseins – die Fähigkeit hat, aus Möglichkeiten Gegebenheiten zu machen, dann sollten Sie noch einmal darüber nachdenken. Erkenntnissen der Quantenphysik zufolge besteht das Gehirn selbst, bevor wir es messen, bevor wir damit irgendetwas beobachten, aus Quantenmöglichkeiten. Wenn wir, also unser Bewusstsein, ein Produkt des Gehirns wären, wären wir ebenfalls Möglichkeiten, und unsere Verbindung mit einem Objekt würde weder das Objekt noch uns (unser Gehirn) aus dem Bereich der Möglichkeiten zur Aktualität verhelfen. Machen Sie sich nichts vor! Eine Verbindung aus zwei Möglichkeiten ergibt nur eine größere Möglichkeit.
Das Paradox wird noch größer, wenn wir uns selbst als dualistisch denken – als nichtmaterielles, duales Wesen, das nicht an Quantengesetze gebunden und unabhängig vom Gehirn ist. Doch wenn Sie nicht materiell sind, wie interagieren Sie dann mit Ihrem Gehirn, mit dem Sie nichts gemein haben? Die Philosophie des Dualismus ist ähnlich widerspenstig wie die Wissenschaft.
Es gibt eine dritte Art, über diese Dinge zu denken, und diese führt uns zum Paradigmenwandel. Ihr Bewusstsein ist der primäre Stoff, aus dem die Wirklichkeit besteht, und die Materie (inklusive Ihres Gehirns und der Objekte, die Sie beobachten) existiert in diesem Stoff als Quantenmöglichkeiten. Wenn Sie etwas beobachten, wählen Sie dabei aus all den Möglichkeiten die eine Facette, die sich in Ihrer Erfahrung realisiert. Physiker nennen diesen Prozess den »Zusammenbruch der Quanten-Möglichkeitswelle«.
Sobald Sie erkannt haben, dass Ihr Bewusstsein nicht Ihrem Gehirn entspricht, sondern es transzendiert ...; sobald Sie erkannt haben, dass Sie aus all den Möglichkeiten wählen können, sind Sie bereit, Joe Dispenzas Ideen und Vorschläge umzusetzen. Es wird Ihnen helfen, zu wissen, dass das »Ich«, das diese Wahl trifft, ein kosmisches »Ich« ist, ein Bewusstseinszustand, der Ihnen in ungewöhnlichen Situationen zur Verfügung steht, zum Beispiel wenn Sie eine kreative Erkenntnis haben. In diesen Augenblicken sind Sie in der Lage, in Ihren neuronalen Mustern etwas zu verändern. Dr. Dispenza zeigt Ihnen, wie.
Es existiert ein weiterer Grund, weshalb ich dieses Buch für eine wesentliche Ergänzung der zunehmenden Menge an Literatur über das neue wissenschaftliche Paradigma halte: Joe Dispenza betont, wie wichtig es ist, auf seine Emotionen zu achten. Den Ausdruck »emotionale Intelligenz« haben Sie vielleicht schon gehört. Was bedeutet emotionale Intelligenz? Zuerst bedeutet es, dass wir nicht zu Opfern unserer Emotionen werden müssen. Wir tun es, weil wir an ihnen hängen – oder wie Joe Dispenza sagen würde: »Sie hängen an den neuronalen Mustern, die mit den Emotionen verbunden sind.«
Als Albert Einstein Nazi-Deutschland verlassen musste, soll seine Frau darüber gejammert haben, dass sie so viele Möbel und andere Haushaltsgegenstände zurücklassen mussten. »Ich hänge so daran«, soll sie gegenüber einer Freundin geklagt haben. Einstein warf da-raufhin ironisch ein: »Sicher, meine Liebe, aber sie hängen nicht an dir.«
Darum geht es. Die Emotionen hängen nicht an Ihnen; Sie sind nicht Ihr Gehirn, deshalb brauchen Sie sich auch nicht mit Ihren vorhandenen neuronalen Mustern zu identifizieren. Was das Konzept der emotionalen Intelligenz betrifft, sind manche Autoren etwas unklar. Sie reden von emotionaler Intelligenz und wie man sie entwickeln kann, aber sie gehen auch davon aus, dass wir nichts als Gehirn sind. Bei diesem Konzept steht das Gehirn bereits in einer hierarchischen Beziehung zu den Emotionen. Echte emotionale Intelligenz ist nur möglich, wenn Sie diese Hierarchie verändern können, und das geht nur, wenn Sie kein Teil davon sind. Joe Dispenza betont das Primat des Bewusstseins über das Gehirn, und damit gibt er uns wertvolle Hinweise über emotionale Intelligenz und darüber, wie Sie vorhandene neuronale Muster und Hierarchien verändern können.
Als ein Journalist einmal Gandhis Frau fragte, wie Gandhi so viel schaffen konnte, antwortete sie: »Ganz einfach: Bei Gandhi sind Gedanke, Wort und Tat im Einklang miteinander.«
Wir wollen alle viel erreichen; wir wollen den Sinn und Zweck unseres Lebens erfüllen. Dafür ist es eine echte Herausforderung, diesen Einklang von Gedanken, Worten und Taten herzustellen. Anders ausgedrückt: Die Herausforderung besteht darin, Gedanken und Gefühle zu integrieren. Ich bin davon überzeugt, dass die Evolution des Bewusstseins heute genau das von uns fordert. Und in diesem Zusammenhang bietet Joe Dispenza hier ein unverzichtbares Wissen an.
Ich bin Joe Dispenza zum ersten Mal bei einer What the Bleep Do We Know?!-Konferenz begegnet. Wie Sie vielleicht wissen, erzählt dieser Film von einer jungen Frau, die sich damit abmüht, ihr emotionales Verhalten zu ändern. In einer entscheidenden Szene schaut die Frau (sehr gut gespielt von der Schauspielerin Marlee Matlin) in einem Spiegel ihr Ebenbild an und sagt: »Ich hasse dich!« In diesem Augenblick macht sie sich frei, eine andere Quantenmöglichkeit zu wählen. Sie transformiert ihre neuronalen Muster und erschafft sich einen neuen Seinszustand und ein neues Leben.
Auch Sie können Ihre neuronalen Muster verändern. Sie haben die Macht der Quantenentscheidung. Wir hatten schon immer das Werkzeug dazu, aber erst jetzt können wir verstehen, wie wir es einsetzen sollten. Dieses Buch wird Ihnen helfen, zu wählen und sich zu verändern. Lesen Sie es, wenden Sie seine Ideen in Ihrem Leben an und erkennen Sie Ihr Potenzial.
Dr. Amit Goswami
Professor für Physik an der Universität von Oregon und Autor von Das bewusste Universum
1
Anfänge
Wie wundersam, dass man nicht liest,
wie das Gehirn doch oft umschließt
in winziger Zelle, doch in Völle
Gottes Himmel oder Hölle.
Oscar Wilde
Ich möchte Sie einladen, einen Gedanken zu fassen, irgendeinen Gedanken. Gleich, ob Ihr Gedanke etwas mit Gefühlen des Ärgers, der Traurigkeit, der Inspiration, der Freude oder sogar sexueller Erregung zu tun hatte – Sie haben damit Ihren Körper verändert. Sie haben sich selbst verändert. Alle Gedanken – seien sie »Ich kann nicht …«, »Ich kann …«, »Ich bin nicht gut genug« oder »Ich liebe dich« – haben die gleichen messbaren Auswirkungen. Während Sie dasitzen, entspannt diese Zeilen lesen und dabei keinen Finger krümmen, durchläuft Ihr Körper eine Unmenge dynamischer Veränderungen. Wussten Sie, dass Ihre Bauchspeicheldrüse und Ihre Adrenalindrüsen (Nebennieren) aufgrund Ihres letzten Gedankens vielleicht plötzlich ein paar Hormone mehr ausstoßen? Wie in einem Gewitter zuckten elektrische Stromstöße durch verschiedene Bereiche Ihres Gehirns und verursachten die Ausschüttung bestimmter Neurochemikalien, deren Anzahl zu groß ist, als dass ich sie hier aufführen könnte. Ihre Milz und Ihre Thymusdrüse haben eine Massen-E-Mail ans Immunsystem verschickt, um gewisse Anpassungen vorzunehmen. Verschiedene Magensäfte wurden produziert, Ihre Leber hat Enzyme erzeugt, die vor wenigen Minuten noch nicht da waren, Ihr Herzschlag und Ihr Lungenvolumen haben sich verändert und die Durchblutung Ihrer Extremitäten wurde beeinflusst. All das nur durch einen einzigen Gedanken. So machtvoll sind Sie.
Aber wie können Sie all das bewirken? Wir verstehen intellektuell, dass das Gehirn im Körper viele verschiedene Funktionen steuert. Aber wie viel Verantwortung für die Aufgaben des Gehirns als oberster Instanz des Körpers liegt eigentlich bei uns? Ob es uns recht ist oder nicht: Sobald wir einen Gedanken gedacht haben, liegt der Rest völlig außerhalb unserer Macht. All diese körperlichen Reaktionen auf unser absichtsvolles oder unabsichtliches Denken entfalten sich jenseits unseres Einflussbereichs. Wenn man sich das einmal klarmacht, ist es absolut erstaunlich, welch weitreichende Konsequenzen ein oder zwei bewusste oder unbewusste Gedanken haben können.
Ist es zum Beispiel möglich, dass die scheinbar unbewussten Gedanken, die uns täglich und wiederholt durch den Sinn gehen, eine Kaskade von chemischen Reaktionen auslösen – Reaktionen, die nicht nur bestimmen, welche Gefühle wir entwickeln, sondern auch, wie es uns damit geht? Können wir akzeptieren, dass die Langzeitwirkungen unserer Denkgewohnheiten möglicherweise die Ursache für Ungleichgewichte in unserem Körper sind – bis hin zu Krankheiten? Trimmen wir am Ende durch unsere wiederholten Gedanken und Reaktionen unseren Körper darauf, krank zu sein? Katapultieren wir vielleicht einfach durch unser Denken unsere innere Chemie so oft aus dem Bereich des Normalen heraus, dass das Selbststeuerungssystem des Körpers irgendwann diese abnormalen Zustände als normal einstuft? Es ist ein subtiler Prozess, den wir bislang vielleicht noch nie so stark beachtet haben. Möge Ihnen dieses Buch ein paar Vorschläge bieten, wie Sie Ihr eigenes inneres Universum besser verwalten können!
Da es gerade um das Thema Wahrnehmung geht, möchte ich Sie bitten, jetzt einmal ganz aufmerksam zu sein und zu lauschen: Hören Sie das Brummen des Kühlschranks? Das Geräusch der vorüberfahrenden Autos? Das ferne Hundegebell? Oder Ihren eigenen Herzschlag? Indem Sie Ihre Aufmerksamkeit einfach verlagert haben, haben Sie in Millionen von Zellen Ihres Gehirns einen Stromstoß und einen Spannungsanstieg ausgelöst. Durch Ihre Entscheidung, Ihre Aufmerksamkeit zu modifizieren, haben Sie Ihr Gehirn verändert – und zwar nicht nur im Vergleich zu seiner Arbeit wenige Augenblicke zuvor, sondern auch, wie es im nächsten Augenblick und vielleicht für den Rest Ihres Lebens funktionieren wird.
Wenn Ihre Aufmerksamkeit dann zu den Worten auf dieser Seite zurückkehrt, verändern Sie die Durchblutung in Ihrem Gehirn erneut. Sie lösen eine Kaskade von Impulsen aus, leiten elektrische Ströme zu verschiedenen Bereichen Ihres Gehirns und passen sie an. Auf mikroskopischer Ebene tun sich zahlreiche Nervenzellen chemisch zusammen und kommunizieren, um langfristige Beziehungen zueinander zu entwickeln. Weil Sie den Brennpunkt Ihrer Aufmerksamkeit verlagert haben, feuert das schimmernde dreidimensionale, komplexe neurologische Gewebe Ihres Gehirns jetzt in neuen Kombinationen und Sequenzen. Sie haben das aus freiem Willen getan, einfach indem Sie Ihren Fokus verändert haben. Der englische Ausdruck »You changed your mind« (»Sie haben es sich anders überlegt«; wörtlich: »Sie haben Ihren Geist geändert«) trifft hier wortwörtlich zu.
Als menschliche Wesen haben wir natürlicherweise die Fähigkeit, unsere Aufmerksamkeit allem Möglichen zu widmen. Wie, wo, worauf und wie lange wir unsere Aufmerksamkeit auf irgendetwas richten, das definiert uns auf neurologischer Ebene – wie wir später noch genauer erkunden werden. Doch wenn unsere Aufmerksamkeit so beweglich ist, warum fällt es uns dann so schwer, bei Gedanken zu bleiben, die uns dienlich sind? Gerade jetzt, während Sie sich auf die Lektüre konzentrieren, haben Sie vielleicht Ihre Rückenschmerzen oder die Auseinandersetzung mit Ihrem Chef heute Morgen vergessen und denken vielleicht nicht einmal daran, welches Geschlecht Sie haben. Unser Seinszustand wird wesentlich dadurch bestimmt, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken.
Wie aus heiterem Himmel steigt zum Beispiel eine bittere Erinnerung aus unserer Vergangenheit auf, die gewöhnlich tief in den Falten unserer grauen Hirnsubstanz ruht; wie von Zauberhand erwacht sie zum Leben. Wir können uns auch um die Zukunft sorgen, um Dinge, die noch gar nicht existieren, bis wir sie in unserer Vorstellung heraufbeschwören. Für uns sind sie in diesem Augenblick real. Unsere Aufmerksamkeit kann alles zum Leben erwecken und »wirklich« werden lassen, was bis eben noch unbemerkt oder irreal war.
Ob Sie es glauben oder nicht: Den Erkenntnissen der Neurowissenschaft zufolge macht die Aufmerksamkeit, die wir auf einen Schmerz im Körper lenken, diesen Schmerz existent, weil die neuronalen Schaltkreise der Schmerzwahrnehmung elektrisch aktiviert werden. Wenn wir unsere ganze Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenken, dann können diese Neuronenmuster der Schmerzverarbeitung und Körperempfindung abgeschaltet werden – und prompt verschwindet der Schmerz. Doch wenn wir dann überprüfen wollen, ob der Schmerz wirklich weg ist, werden die entsprechenden Neuronenmuster wieder aktiviert, weshalb das unangenehme Gefühl zurückkehrt. Neuronenmuster, die wiederholt feuern, entwickeln stärkere Verbindungen. Achten wir zum Beispiel täglich auf einen Schmerz, dann wird unsere Schmerzwahrnehmung deutlicher, weil die entsprechenden Neuronenmuster durch die Beobachtung gestärkt werden. Ihre eigene Wahrnehmung kann also starke Auswirkungen haben. Das könnte eine Erklärung dafür sein, wie Schmerzen und Erinnerungen uns prägen, selbst wenn sie vielleicht schon lange zurückliegen. Wir werden neurologisch zu dem, woran wir wiederholt denken und worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken. Endlich hat man neurowissenschaftlich begriffen, dass wir die neurologische Grundstruktur unseres Selbst durch das prägen, worauf wir immer wieder unsere Aufmerksamkeit richten.
Alles, was uns ausmacht – unsere Gedanken, Träume, Erinnerungen, Hoffnungen, Gefühle, heimlichen Fantasien, Ängste, Fähigkeiten, Gewohnheiten, Freuden und Leiden –, ist im lebendigen Gitterwerk unserer 100 Milliarden Gehirnzellen verankert. Wenn Sie dieses Buch bis hierher gelesen haben, ist Ihr Gehirn schon dauerhaft verändert. Wenn Sie auch nur eine einzige Information aufgenommen haben, sind zwischen winzigen Hirnzellen neue Verbindungen entstanden und Sie sind jemand anderes. Die Bilder, die diese Worte in Ihrem Gehirn hervorriefen, haben in der endlos weiten neurologischen Landschaft dessen, was Sie als »Ich« identifizieren, Fußspuren hinterlassen, denn dieses fühlende Wesen Ihres »Ich« existiert tatsächlich in dem inniglich miteinander verwobenen Geflecht Ihres Gehirns. Ihre Individualität definiert sich durch die Art, wie Ihre Nervenzellen miteinander verbunden sind, ausgelöst durch das, was Sie gelernt haben, an was Sie sich erinnern, was Sie erfahren, was Sie sich vorstellen, was Sie tun und was Sie über sich selbst denken.
Sie sind ein Werk, das laufend fortgeschrieben wird. Die Organisation Ihrer Gehirnzellen, die bestimmt, wer Sie sind, ist in ständiger Bewegung. Vergessen Sie die Idee, das Gehirn sei etwas Starres, Festes. Aus neurologischer Sicht werden wir unablässig durch die endlosen Reize der Welt verändert. Statt sich Nervenzellen als unbewegliche winzige Stäbchen vorzustellen, die zusammen die graue Masse Ihres Gehirns bilden, möchte ich Sie einladen, sie lieber als tanzende Muster aus zarten elektrischen Fasern eines lebendigen Netzwerks zu betrachten, die sich ständig verbinden und wieder lösen. Das kommt der Wahrheit dessen, wer Sie sind, viel näher.
Die Tatsache, dass Sie die Worte auf dieser Seite lesen und begreifen können, ist aus den vielen Interaktionen entstanden, die Sie im Lauf Ihres Lebens erfahren haben. Verschiedene Leute haben Sie unterrichtet und Ihr Gehirn mikroskopisch verändert. Falls Sie die Idee, dass sich Ihr Gehirn beim Lesen dieser Seiten verändert, akzeptieren können, erkennen Sie sicher leicht, dass Ihre Eltern, Lehrer, Nachbarn, Freunde, Familie und Kultur wesentlich zu dem beigetragen haben, wer Sie heute sind. Durch unsere Sinneswahrnehmungen, durch unsere verschiedenen Erfahrungen schreiben wir die Geschichte dessen, wer wir sind, auf die Tafel unseres Geistes. Unsere Meisterschaft zeichnet sich dadurch aus, wie wir dieses bemerkenswerte Orchester aus Gehirn und Geist dirigieren, denn wie wir gerade gesehen haben, können wir unsere mentale Aktivität durchaus steuern.1
Jetzt wollen wir Ihr Gehirn noch ein wenig weiter verändern. Ich möchte Ihnen etwas Neues beibringen. Und das geht so: Schauen Sie auf Ihre rechte Hand. Berühren Sie mit dem Daumen Ihren kleinen Finger, dann den Zeigefinger, dann den Ringfinger und dann den Mittelfinger. Wiederholen Sie die Abfolge, bis Sie sie fließend meistern. Dann machen Sie die Übung schneller, bis Sie Ihre Finger sehr rasch bewegen können, ohne sich zu verhaspeln. Mit ein wenig Aufmerksamkeit sollten Sie in wenigen Minuten in der Lage sein, diese kleine Aktion zu beherrschen.
Um diese Übung zu machen, mussten Sie Ihren entspannten Ruhezustand verlassen und Ihre Aufmerksamkeit ein wenig anspannen. Sie haben sich entschieden, Ihr Gehirn ein bisschen auf Trab zu bringen; Sie haben Ihre Aufmerksamkeit freiwillig erhöht. Um sich die Bewegung zu merken, mussten Sie etwas mehr Energie in Ihr Gehirn bringen. Sie haben gewissermaßen den Dimmer des Lichts, das ständig in Ihrem Gehirn brennt, ein wenig hochgedreht, sodass es heller wurde. Sie wurden motiviert, und die Entscheidung aktivierte Ihr Gehirn.
Um den Bewegungsablauf zu erlernen und auszuführen, mussten Sie Ihre Aufmerksamkeit erhöhen. Das hat die Durchblutung und die elektrische Aktivität in Ihrem Gehirn verstärkt; Sie konnten sich besser auf das konzentrieren, was Sie taten. Sie hielten Ihre Gedanken davon ab, woanders hinzuwandern, und lernten etwas Neues. Dieser Prozess hat Sie Energie gekostet. Sie haben die Art verändert, in der ein Arrangement von Millionen von Hirnzellen in diversen Mustern feuert. Diese vorsätzliche Handlung erforderte Willenskraft, Fokus und Aufmerksamkeit. Und wieder haben Sie sich neurologisch verändert, nicht nur indem Sie einen Gedanken dachten, sondern indem Sie eine neue Handlung oder Fähigkeit demonstrierten.
Als Nächstes bitte ich Sie, Ihre Augen zu schließen. Diesmal sollen Sie die Übung nicht mit den Fingern machen, sondern sich nur innerlich vorstellen, es zu tun. Erinnern Sie sich also an das, was Sie gerade gemacht haben, und berühren Sie mental Ihre Finger auf genau die gleiche Weise: Daumen zum kleinen Finger, dann zum Zeigefinger, zum Ringfinger und zuletzt zum Mittelfinger. Üben Sie es mental ein wenig, ohne die Finger körperlich zu bewegen. Wenn Sie es ein paarmal gemacht haben, öffnen Sie die Augen wieder.
Haben Sie bemerkt, dass Ihr Gehirn sich die Sequenz genauso vorgestellt hat wie zuvor? Wenn Sie sich wirklich ganz darauf konzentriert haben, die Fingerübung mental zu wiederholen, waren dieselben Nervenzellen Ihres Gehirns aktiv wie zuvor, als sie es körperlich getan haben. Ihr Gehirn kennt keinen Unterschied, ob Sie eine Handlung in der Tat ausführen oder sie sich mental vergegenwärtigen. Diese Art von mentaler Übung eignet sich sehr gut dazu, um in Ihrem Gehirn neue neuronale Muster anzulegen und zu stärken.
Neuere neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass wir unser Gehirn einfach durch unser Denken verändern können. Überlegen Sie also: Was wiederhole ich innerlich am meisten, woran denke ich am häufigsten und was zeigt sich dann auch entsprechend? Gleichgültig, ob Sie Ihre Gedanken und Handlungen bewusst oder unbewusst formen – sie bilden immer einen Teil dessen, was Ihr neurologisches Selbst ausmacht. Womit auch immer Sie mental am meisten Zeit verbringen – es ist das, was Sie sind und was Sie werden. Ich hoffe, dieses Buch hilft Ihnen zu verstehen, warum Sie so sind und wie Sie so wurden und wie Sie sich durch bewusste Gedanken und Taten verändern können.
Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Was macht es uns möglich, die Funktionen des Gehirns willentlich zu modifizieren? Wo existiert dieses »Ich«, und wodurch können wir verschiedene Neuronenmuster an- und abschalten, was uns dann bewusst oder unbewusst handeln lässt? Dieses »Ich«, von dem hier die Rede ist, sitzt in einem Teil des Gehirns, der »Frontallappen« genannt wird. Ohne Frontallappen gibt es dieses »Ich« nicht mehr. Dieser Bereich des Gehirns hat sich in der Evolution als Letztes entwickelt und sitzt genau hinter der Stirn, direkt über den Augen. Im Frontallappen ist Ihr Selbstbild beheimatet, und was immer Sie dort gespeichert haben, bestimmt, wie Sie sich in der Welt verhalten und wie Sie Ihre Wirklichkeit wahrnehmen. Der Frontallappen steuert und reguliert die anderen, älteren Teile des Gehirns. Er bereitet Ihre Zukunft vor, kontrolliert Ihr Verhalten, träumt von neuen Möglichkeiten und lenkt Sie durchs Leben. Auch Ihr Gewissen ist dort verankert. Der Frontallappen ist unser Geschenk der Evolution. Dieser Teil des Gehirns ist äußerst anpassungsfähig, hier können unsere Gedanken und Handlungen sich entwickeln. Mit diesem Buch möchte ich Ihnen helfen, diesen jüngsten Teil Ihres Gehirns zu nutzen, um Ihr Leben und Ihre Bestimmung neu zu gestalten.
Evolution, Veränderung und Neuroplastizität
Wir Menschen haben eine einzigartige Kapazität zur Veränderung. Dank des Frontallappens können wir vorprogrammierte, genetisch verankerte Verhaltensweisen, die Aufzeichnungen unserer Menschheitsgeschichte, überwinden. Weil der Frontallappen des Menschen höher entwickelt ist als der jeder anderen Gattung auf der Erde, sind wir enorm anpassungsfähig und verfügen über die Möglichkeit der Entscheidung, der Absicht und der vollen Bewusstheit. Wir besitzen ein sehr fortschrittliches Stückchen Biotechnologie, das uns aus unseren Fehlern lernen, uns daran erinnern und unser Verhalten entsprechend anpassen lässt.
Es ist richtig, dass ein großer Teil des menschlichen Verhaltens genetisch vorbestimmt ist. Alle Lebensformen können nicht anders, als das zum Ausdruck zu bringen, was ihnen genetisch bestimmt ist, und ein großer Teil dessen, was uns Menschen ausmacht, ist genetisch verankert. Aber wir sind nicht dazu verdammt, unsere Existenz verstreichen zu lassen, ohne zukünftigen Generationen einen evolutionären Beitrag zu hinterlassen. Wir können etwas zum evolutionären Fortschritt unserer Spezies beitragen, denn im Gegensatz zu allen anderen Arten ist es uns zumindest theoretisch möglich, unser Verhalten im Lauf eines Lebens zu ändern. Die neuen Verhaltensweisen werden zu neuen Erfahrungen führen, die sich in unseren Genen niederschlagen – sowohl für die Gegenwart als auch für die Nachwelt. Das gibt Anlass zu der Überlegung: Wie viele neue Erfahrungen hatten wir eigentlich in letzter Zeit?
Die Wissenschaft der Molekularbiologie hat gerade begonnen, sich mit der Idee zu beschäftigen, unsere Gene könnten mithilfe der richtigen Signale vielleicht genauso veränderbar sein wie unsere Gehirnzellen. Daraus ergibt sich die Frage: Können wir den Zellen unseres Körpers den chemisch oder neurologisch richtigen Reiz bieten, um Zugang zu der gewaltigen ungenutzten Bibliothek genetischer Informationen zu erlangen? Oder anders gesagt: Können wir durch den Umgang mit unseren Gedanken, Gefühlen und Reaktionen bewusst den richtigen chemischen Cocktail mixen, um Gehirn und Körper aus einem chronischen Stresszustand in einen Zustand der Regeneration und Veränderung zu überführen? Können wir den Beschränkungen unserer Biologie entrinnen und zu höher entwickelten menschlichen Wesen werden? Ich beabsichtige Ihnen zu zeigen, dass es tatsächlich sowohl theoretisch als auch praktisch etwas biologisch zu verändern gibt – indem eine mentale Veränderung aufrechterhalten wird.
Ist es uns möglich, das alte Modell hinter uns zu lassen, demzufolge unsere Gene Krankheiten erzeugen? Können wir über das jüngste Credo hinaus spekulieren, das davon ausgeht, dass die Umwelt die Gene aktiviert, die Krankheiten erzeugen? Ist es möglich, dass wir durch den Umgang mit unserer eigenen Innenwelt, unabhängig von der äußeren Umwelt, Einfluss auf unsere Gene gewinnen können? Wenn zwei Fabrikarbeiter 20 Jahre lang Seite an Seite gearbeitet haben und denselben schädlichen Chemikalien ausgesetzt waren, warum bekommt dann der eine Krebs und der andere nicht? Da muss ein inneres Ordnungselement am Werk sein, das stärker ist als die ständige Belastung durch Chemikalien, die bekanntermaßen zellschädigend wirken.
Immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse verweisen auf die Auswirkungen von Stress auf unseren Körper. Unter Stress zu leben bedeutet, in einem primitiven Zustand des Überlebenskampfes zu verharren, wie es die meisten Arten nicht anders kennen. Wenn wir um unser Überleben fürchten, beschränken wir unsere evolutionäre Entwicklung, weil die durch den Stress erzeugten Chemikalien unser Gehirn dazu bringen, sich seiner chemischen Grundstruktur gemäß zu verhalten. Wir werden also mehr wie Tiere und weniger göttlich. Die Stresschemikalien verändern unseren inneren Zustand und verursachen den Zusammenbruch von Zellen. Mit diesem Prozess werden wir uns in diesem Buch noch näher beschäftigen. Nicht durch akuten Stress, sondern durch immer wiederkehrenden chronischen Stress wird unser Körper geschwächt. Mein Ziel ist es, Ihnen die Auswirkungen von Stress auf den Körper zu zeigen und damit eine Bewusstheit zu schaffen, die Sie innehalten und fragen lässt, ob irgendjemand oder irgendetwas das eigentlich wert ist.
Oft erscheint es uns, als könnten wir diese Zustände emotionalen inneren Aufruhrs nicht abschütteln. Wir sind von diesen chemischen Wirkungen so abhängig, dass sie uns dazu treiben, weiterhin in Verwirrung, Unzufriedenheit, Aggression und sogar Depression zu leben – um nur ein paar Zustände zu nennen. Warum klammern wir uns an Beziehungen und Jobs, die längst nicht mehr gut sind für uns? Warum tun wir uns so schwer damit, uns selbst und unsere Lebensbedingungen zu verändern? Es gibt etwas in uns, das uns dazu bringt. Wie halten wir das Tag für Tag aus? Wenn wir die Umstände unserer Arbeit so wenig mögen, warum kümmern wir uns dann nicht um eine andere? Wenn wir in unserem persönlichen Leben unter etwas leiden, weshalb ändern wir es dann nicht?
Es gibt darauf eine vernünftige Antwort: Wir entscheiden uns, in denselben Umständen zu bleiben, weil wir abhängig geworden sind – abhängig von den damit verbundenen emotionalen Zuständen und von den Chemikalien, die diese Zustände hervorrufen. Natürlich weiß ich aus Erfahrung, dass die meisten Menschen sich mit jeder Art von Veränderung schwertun. Viel zu viele von uns verharren in Situationen, in denen sie unglücklich sind, und meinen, keine andere Wahl zu haben, als zu leiden. Ich weiß auch, dass sich viele von uns entscheiden, in Situationen auszuhalten, die sie ihr ganzes Leben lang quälen. Dass wir uns so entscheiden, ist eine Sache, aber warum wir uns so entscheiden, ist eine andere. Wir treffen die Wahl, in einer bestimmten Geisteshaltung fixiert zu bleiben – zum einen, weil es unserer Veranlagung entspricht, und zum anderen, weil ein Teil des Gehirns durch unsere wiederholten Gedanken und Reaktionen unseren Blick für das Mögliche trübt. Wie Geiseln in einem entführten Flugzeug fühlen wir uns an einen Platz gebunden und glauben, keinen Einfluss auf den Verlauf des Geschehens zu haben. Wir merken gar nicht, wie viele Möglichkeiten uns sonst noch zur Verfügung stehen.
Ich erinnere mich an eine wiederholte Situation in meiner Jugendzeit: Meine Mutter pflegte über eine ihrer Freundinnen zu sagen, sie sei erst glücklich, wenn sie unglücklich sei. Erst in den letzten Jahren, nachdem ich mich intensiv mit dem Gehirn und unserem Verhalten beschäftigt hatte, konnte ich auf biochemischer und neurologischer Ebene so richtig verstehen, was sie meinte. Das ist einer der Gründe, warum ich dieses Buch geschrieben habe.
Vielleicht hat der Titel Schöpfer der Wirklichkeit Sie angesprochen, weil Sie an das menschliche Potenzial glauben und sich selbst entwickeln möchten. Oder Sie haben es in die Hand genommen, weil Sie mit Ihren Lebensumständen nicht ganz zufrieden sind und sich verändern wollen. »Veränderung« ist ein starkes Wort – und sie ist absolut möglich, wenn Sie sich dafür entscheiden.
Im Hinblick auf die Evolution ist Veränderung das einzige universelle, allen Arten hier auf Erden gemeinsame Element. Evolution bedeutet letztendlich Veränderung durch Anpassung an die Umwelt. Für uns Menschen spielt unsere Umwelt eine entscheidende Rolle. All die komplexen Lebensumstände, geliebte Menschen, unser sozialer Status, unser Wohnort, unser Beruf und Gelderwerb, unser Umgang mit unseren Eltern und Kindern und selbst die Zeit, in der wir leben – all das macht unsere Umwelt aus. Doch wir werden sehen: Veränderung bedeutet, über seine Umwelt hinauszuwachsen.
Wenn wir in unserem Leben etwas verändern, müssen wir es so gestalten, dass es eine andere Qualität bekommt, als wenn wir es sich selbst überlassen hätten. Veränderung bedeutet, anders zu werden; wir sind nicht mehr, wer wir einmal waren. Wir wandeln uns im Denken, Tun, Reden, Verhalten, in unserem Sein. Persönliche Veränderungen erfordern einen Willensakt und entstehen gewöhnlich, wenn uns etwas unangenehm genug war, dass wir es anders haben wollen. Entwicklung entsteht, wenn wir unsere Lebensumstände dadurch überwinden, dass wir etwas in uns selbst verändern.
Wir können unser Gehirn verändern und damit weiterentwickeln, um nicht mehr in diese sich wiederholenden, gewohnten und ungesunden Reaktionsmuster zu verfallen, die sich aus unserer Veranlagung und unseren vergangenen Erfahrungen gebildet haben. Wahrscheinlich haben Sie dieses Buch in die Hand genommen, weil es Ihnen attraktiv erscheint, aus Ihrer Routine auszubrechen. Vielleicht möchten Sie lernen, wie Sie die natürliche Befähigung des Gehirns zur Neuroplastizität (d.h. die Fähigkeit, in jedem Alter neue Neuronenmuster anzulegen) nutzen können, um Ihre Lebensqualität spürbar zu verbessern. Die Weiterentwicklung Ihres Gehirns – darum geht es in diesem Buch.
Unsere Fähigkeit zur Neuroplastizität ist äquivalent zu unserer Fähigkeit, unser Denken und uns selbst sowie unsere Wahrnehmung der Welt um uns herum – also unsere Wirklichkeit – zu verändern. Dafür müssen wir uns die gewohnten, automatischen Funktionsmuster unseres Gehirns vorknöpfen.
Testen Sie die Plastizität Ihres Gehirns anhand eines einfachen Beispiels: Betrachten Sie Abbildung 1.1. Was sehen Sie? Die meisten Menschen erkennen auf Anhieb eine Ente oder Gans. Ziemlich einfach, oder?

Abbildung 1.1
Bei diesem Beispiel bewirkt eine vertraute Form auf dem Bild vor Ihnen, dass Ihr Gehirn ein Muster in Form eines bestimmten Vogels erkennt. Die Schläfenlappen des Gehirns, sie sitzen direkt über unseren Ohren und sind für die Erkennung von Objekten zuständig, speichern eine Erinnerung. Das Bild aktiviert ein paar Hundert Millionen neurologische Muster, die in bestimmten Teilen Ihres Gehirns in einer bestimmten Sequenz Impulse aussenden, und Sie erinnern sich an eine Gans oder Ente. Nehmen wir einfach an, die Ihrem Gehirn eingeprägte Erinnerung an das Aussehen einer Gans oder Ente passt zu dem, was Sie auf dem Bild vor sich sehen, und Sie können sich den Begriff »Gans« oder »Ente« ins Gedächtnis rufen. So interpretieren wir die Wirklichkeit – und zwar ständig. Es ist die Wiedererkennung von Mustern der Sinneserfahrung.
Jetzt wollen wir neuroplastisch werden. Versuchen Sie doch einmal, in dem Bild keinen Vogel mehr zu sehen, sondern einen Hasen. Um das zu tun, muss Ihr Frontallappen Ihr Gehirn zwingen, die Muster »abzukühlen«, die mit Vögeln verbunden sind, und die Gehirnwindungen so zu reorganisieren, dass sie sich anstelle eines Federtiers mit unauslöschlicher Neigung zum Wasser ein Feldtier vorstellen. Diese Fähigkeit, das Gehirn dazu zu bringen, seine gewohnten inneren Verbindungen aufzugeben und in neuen Mustern und Verbindungen zu feuern, ist die Neuroplastizität, die uns Veränderung ermöglicht.
Wie bei Abbildung 1.1 können wir die Welt und uns selbst in neuem Licht sehen, wenn wir unsere gewohnte Art des Denkens, Handelns, Fühlens, Wahrnehmens und Verhaltens hinter uns lassen. Und das Beste an diesem kleinen Experiment in Neuroplastizität ist, dass diese Veränderungen dauerhaft sind. Ihr Gehirn hat ein neues neurologisches Muster gebildet, das auf eine andere Art funktioniert. Sie haben neue Zellverbindungen geschaffen und damit sich selbst verändert. In unserem Zusammenhang haben die Begriffe »Veränderung«, »Neuroplastizität« und »Evolution« allesamt eine ganz ähnliche Bedeutung. Das Ziel dieses Buches besteht darin, Sie erkennen zu lassen, dass es bei Veränderung und Evolution immer darum geht, die Gewohnheit Ihres »Ich«-Seins hinter sich zu lassen.
Meine zwanzigjährigen Studien des Gehirns und seiner Auswirkungen auf das Verhalten haben mich im Hinblick auf die Menschen und unsere Fähigkeit zur Veränderung sehr hoffnungsfroh gestimmt. Das steht im Gegensatz zu dem, was wir lange Zeit geglaubt haben. Bis vor Kurzem wollte uns die wissenschaftliche Literatur weismachen, wir seien Opfer unserer Veranlagung und unserer Konditionierungen und uns bleibe nichts weiter übrig, als die Tatsache anzuerkennen, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist.
Ich meine damit Folgendes: Im Evolutionsprozess passen sich die meisten Arten, die schwierigen Umweltbedingungen ausgesetzt sind (wie Raubtieren, Klima, Verfügbarkeit von Nahrung, Hackordnung, sozialem Druck etc.) im Lauf von Jahrmillionen ihrer Situation an und finden einen Weg, die Schwierigkeiten zu überwinden. Vielleicht entwickeln sie eine gute Tarnung, vielleicht schnelle Beine, um den Fleischfressern zu entfliehen, oder andere Eigenschaften, die sich in ihrer physischen, genetischen Biologie niederschlagen. Unsere evolutionäre Entwicklung ist uns tief eingeprägt.
Sich verändernde Lebensumstände werden anpassungsfähigere Kreaturen dazu bringen, sich ihrer Umgebung entsprechend zu verändern und dadurch den Fortbestand ihrer Art zu sichern. Jahrhunderte von Versuch und Irrtum erlauben es den biologischen Organismen, die dabei nicht aussterben, sich den Umständen anzupassen und auch ihre Genetik entsprechend zu verändern. So verläuft der langsame, lineare Prozess der Evolution für alle Arten. Die Umwelt wandelt sich; das Verhalten sowie die Aktionen werden den neuen Umweltbedingungen angepasst; die Gene speichern die Veränderungen und die Evolution folgt, indem sie den Wandel für zukünftige Generationen aufzeichnet. Alle Nachfahren dieser Organismen werden ihrer Umwelt jetzt besser gewappnet entgegentreten können. Die jahrtausendelange Evolution der Arten hat dafür gesorgt, dass der körperliche Ausdruck eines Organismus in der Regel seinen Lebensbedingungen entspricht oder ihnen überlegen ist. In den Genen werden die Erinnerungen und die Weisheiten unzähliger Generationen gespeichert.
Der Preis dafür sind angeborene Verhaltensmuster wie Instinkte, natürliche Fähigkeiten, Triebe, Ritualverhalten, Temperamente und gesteigerte Sinneswahrnehmungen. Wir neigen zu der Ansicht, das, was in unseren Genen angelegt ist, entspräche einem automatischen Programm, dem wir nicht entrinnen können. Sobald es in unseren Genen aktiviert ist – sei es durch eine ihm innewohnende Zeitschaltung oder durch einen Auslöser in der Umgebung (Natur versus Erziehung/Bildung) –, sind wir so verschaltet, dass wir uns auf eine bestimmte Weise verhalten. Es ist richtig, dass unsere Gene einen starken Einfluss darauf haben, wer wir sind – als lenkte uns eine unsichtbare Hand dahin, vorhersehbare Gewohnheiten anzunehmen und zu erwartende Neigungen zu entwickeln. Die Herausforderungen unserer Umwelt zu überwinden, bedeutet deswegen: Unsere Willenskraft muss uns über unsere Umstände hinausheben; Erinnerungen an vergangene Erfahrungen und die daraus entstandenen veralteten Gewohnheiten, die nicht mehr zu unseren jetzigen Lebensumständen passen, müssen wir loslassen. Eine evolutionäre Weiterentwicklung erfordert daher den Bruch mit genetisch veranlagten Gewohnheiten: Wir müssen das Erlernte als »Bahnsteig« benutzen, von dem aus die Reise weitergeht.
Veränderung und Entwicklung sind für keine Spezies angenehm. Unsere inneren Neigungen zu überwinden, unsere genetischen Programme zu verändern und uns an neue Umweltbedingungen anzupassen – das verlangt Willen und Entschlossenheit. Seien wir ehrlich: Keine Kreatur verändert sich gerne, es sei denn, sie erkennt es als Notwendigkeit. Das Alte loszulassen und das Neue anzunehmen, stellt immer ein großes Risiko dar.
Das Gehirn ist makroskopisch und mikroskopisch darauf ausgelegt, neue Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und dann routinemäßig darauf zurückzugreifen. Wenn wir nichts Neues mehr lernen oder aufhören, unsere Gewohnheiten zu ändern, leben wir nur noch die Routine. Doch unser Gehirn ist nicht dafür gebaut, das Lernen einzustellen. Wenn wir es nicht mehr mit neuen Informationen »upgraden«, wird es fest verdrahtet und spult nur noch automatisierte Programme ab, die keine Entwicklung mehr zulassen.
Anpassungsfähigkeit ist die Fähigkeit zur Veränderung. Wir sind so klug und fähig. Wir können in einem Leben Neues lernen, mit alten Gewohnheiten brechen, unsere Überzeugungen und Wahrnehmungen ändern, Schwierigkeiten überwinden, Fähigkeiten erwerben und auf geheimnisvolle Weise zu anderen Wesen werden. Unsere großen Gehirne sind die Instrumente, die es uns ermöglichen, mit solchen Riesenschritten vorwärtszueilen. Es erscheint uns lediglich als eine Frage der Entscheidung. Unsere Evolution ist unser Beitrag zur Zukunft, doch liegt es im Bereich unseres freien Willens, wie wir den Prozess einleiten.
Evolution beginnt jedoch mit der Veränderung des Individuums. Damit Sie sich mit der Idee anfreunden, bei sich selbst anzufangen, können Sie sich das erste Geschöpf vorstellen – sagen wir, ein Mitglied eines Rudels mit einem strukturierten Gruppenbewusstsein –, das sich entschloss, mit dem gewohnten Verhalten der Gruppe zu brechen. Auf irgendeiner Ebene muss dieses Wesen den Impuls gehabt haben, eine andersartige Aktion und eine Abweichung vom normalen Verhalten dieser Art könnte seinem eigenen Überleben und vielleicht auch dem seiner Art dienlich sein. Wer weiß, vielleicht sind auf diese Weise ganz neue Arten entstanden? Das sozial anerkannte Verhalten hinter sich zu lassen und etwas Neues auszuprobieren, erfordert eine gewisse Individualität – bei jeder Art. Sich kompromisslos für die eigene Vision eines neuen, verbesserten Selbst zu entscheiden und das eigene alte Verhalten zu überwinden – das kann sich dem lebendigen Gewebe aller nachfolgenden Generationen einprägen. Individuen, die dieses Maß an Kultiviertheit aufgebracht haben, werden von ihren Nachfahren oft hoch geehrt. Wahre Evolution besteht also darin, das genetische Wissen aus vergangenen Erfahrungen als Rohmaterial für den Umgang mit neuen Herausforderungen heranzuziehen.
Dieses Buch bietet Ihnen eine wissenschaftlich begründete Alternative zu der Annahme, unser Gehirn bestehe im Wesentlichen aus unveränderlichen Neuronenmustern; wir hätten in unseren Köpfen eine Art Neuro-Rigidität, die sich in dem unflexiblen, gewohnheitsmäßigen Verhalten äußert, das wir so oft erleben. Tatsächlich jedoch sind wir Meister der Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Neuroplastizität und hervorragend darauf eingerichtet, unsere neuronalen Verbindungen umzustrukturieren und das erwünschte Verhalten zu erzeugen. Wir verfügen über sehr viel mehr Macht, unser Gehirn, unser Verhalten, unsere Persönlichkeit und letztlich unsere Wirklichkeit zu verändern, als wir bislang angenommen haben. Ich weiß das, weil ich es selbst erfahren und weil ich davon gelesen habe, wie einzelne Menschen über ihre Situation hinauswuchsen, sich dem Angriff der jeweiligen Realität stellten und zu bedeuteten Veränderungen beitrugen.
Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung hätte zum Beispiel nie so weitreichende Auswirkungen gehabt, hätte nicht ein echtes Individuum wie Dr. Martin Luther King Jr. entgegen all seinen Lebensumständen an die Möglichkeit einer anderen Wirklichkeit geglaubt. Dr. King hat das in seiner berühmten Rede zwar als »Traum« bezeichnet, aber letztlich beschwor und lebte er eine bessere Welt, in der alle Menschen gleichberechtigt sind. Wie war ihm das möglich? Er entschied sich dafür, die neue Idee der Freiheit für sich selbst und für die Nation in seinen Geist zu implantieren, und diese Idee war ihm wichtiger als seine äußeren Lebensbedingungen. Und er stand kompromisslos zu seiner Vision. Dr. King war nicht bereit, seine Gedanken, sein Handeln, sein Verhalten, seine Worte oder seine Botschaft irgendwelchen äußeren Einflüssen unterzuordnen. Seinen äußeren Lebensumständen zum Trotz hielt er an seinem inneren Bild einer neuen Umwelt fest, selbst wenn das Beleidigungen oder körperliche Angriffe zur Folge hatte. Die Kraft seiner Vision war so groß, dass er Millionen von der Gerechtigkeit seiner Sache überzeugen konnte. Durch ihn hat sich die Welt verändert. Und er ist nicht der Einzige.
Unzählige andere haben den Verlauf der Geschichte durch einen vergleichbaren Einsatz beeinflusst. Millionen haben ihr persönliches Leben in ähnlicher Weise eingesetzt. Wir alle können uns selbst ein neues Leben erschaffen und es mit anderen teilen. Wir haben eine Hardware in unseren Köpfen, die gewisse Vorteile bietet. Allen äußeren Umständen zum Trotz können wir sehr lange Zeit an einem Traum oder einem Ideal festhalten. Wir haben auch die Fähigkeit, unser Gehirn neu zu programmieren, weil wir einen Gedanken in uns wirklicher werden lassen können als alles andere im Universum. Und darum geht es in diesem Buch.
Die Geschichte einer persönlichen Transformation
Ich möchte Ihnen ein wenig von Erfahrungen berichten, die ich vor 20 Jahren gemacht habe und die mich dazu bewegten, das Potenzial des Gehirns zu erforschen: die Macht des Gehirns, unser Leben zu verändern. 1986 war ich 23 Jahre alt. Ein knappes halbes Jahr zuvor hatte ich meine erste eigene chiropraktische Praxis in Südkalifornien eröffnet und verbuchte pro Woche schon eine beachtliche Menge von Patienten. Meine Praxis befand sich in La Jolla, einem Tummelplatz von Wochenend-Supermännern und Weltklasse-Athleten, die verbissen trainierten und sich mit derselben Intensität um ihren Körper kümmerten. Ich hatte mich darauf spezialisiert, sie zu behandeln. Während meiner Ausbildung in Chiropraktik befasste ich mich nebenher intensiv mit Sportmedizin. Nach meinem Examen hatte ich meine Nische gefunden und füllte sie aus.
Ich war erfolgreich, weil ich mit diesen getriebenen Patienten viel gemeinsam hatte. Ich war ebenfalls getrieben und höchst fokussiert. Wie sie hatte auch ich das Gefühl, jeder Herausforderung gewachsen zu sein. Ich hatte meine Ausbildung anderthalb Jahre früher als üblich – und mit sehr guten Noten – abgeschlossen. Jetzt führte ich ein klasse Leben, mit einer Praxis am La Jolla-Boulevard in Strandnähe und einem BMW. Eben das typische kalifornische Bild.
Mein Leben bestand aus Arbeiten, Laufen, Schwimmen, Radfahren, Essen und Schlafen. Die sportlichen Aktivitäten waren Bestandteil meines Triathlon-Trainings; Essen und Schlafen waren zwar notwendige, trotzdem oft vernachlässigte Tagesordnungspunkte. Ich sah meine Zukunft vor mir ausgebreitet wie ein Büffet: lauter köstliche Entscheidungsmöglichkeiten.
Die ersten drei Monate dieses Jahres hatte ich auf ein Ziel hingearbeitet: den Triathlon von Palm Springs am 12. April.
Das Rennen fing schon nicht gut an. Weil doppelt so viele Teilnehmer aufgetaucht waren wie erwartet, ließen die Organisatoren nicht alle gleichzeitig starten, sondern teilten sie in zwei Gruppen. Als ich zum Einchecken am Sammelpunkt auftauchte, stand die erste Gruppe bereits knietief im See und fingerte an ihren Brillen und Kappen herum, um sich startbereit zu machen.
Während einer der freiwilligen Helfer mir eine Nummer aufs Bein schrieb, fragte ich einen der Organisatoren, wann meine Gruppe dran wäre. »In etwa zwanzig Minuten«, erwiderte er. Noch bevor ich mich bedanken konnte, schallte jedoch ein Startschuss über den See. Der Mann sah mich an und meinte achselzuckend: »Geht wohl doch schon los.«
Ich konnte es kaum glauben, fasste mich aber schnell, rannte Richtung Umkleidebereich und sprintete barfuß um ein Ende des Sees, um zum Startbereich zu gelangen. Obwohl ich ein paar Minuten nach den anderen aus meiner Gruppe ins Wasser kam, befand ich mich schon bald mitten im Pulk zwischen einer Unzahl durchs Wasser wirbelnder Gliedmaßen. Während ich mich vorwärtskämpfte, musste ich mir bewusst machen, dass die Zeit lief und wir noch einiges vor uns hatten. Eine Meile später schwamm ich an Land, alle Muskeln angespannt und durchaus beansprucht, aber ich fühlte mich geistig fit. Die nächste Disziplin, das Radfahren, war schon immer meine Stärke gewesen. Diesmal standen uns 26 Meilen bevor.
Ich sauste zum Umkleidebereich und sprang in meine Radlerhosen. Sekunden später rannte ich mit meinem Rad zur Straße. Nach wenigen Hundert Metern kam ich bestens voran und ließ das Hauptfeld hinter mir. Ich entspannte mich auf meinem Sattel, duckte mich so flach wie möglich und ließ einfach nur meine Beine arbeiten. Die ersten 10 Meilen liefen großartig – ich fühlte mich bestens. Ich hatte mir die Strecke vorher angesehen und wusste, vor mir lag eine schwierige Kurve, wo wir auf den normalen Verkehr treffen würden. Ich erspähte den Streckenposten, drückte ein paarmal auf die Bremse, um die Geschwindigkeit ein wenig zu drosseln. Dann sah ich, dass ein Streckenposten mich weiterwinkte, und schaltete in den höchsten Gang, um möglichst viel Schwung mitzunehmen.
Ich war noch nicht ganz um die Kurve, da sah ich in meinem äußeren Blickwinkel etwas aufblitzen. Plötzlich flog ich durch die Luft: Eine rote Geländelimousine hatte mich mit 90 km/h gerammt und von meinem Fahrrad gerissen. Der Bronco fraß erst mein Rad, dann nahm er mich aufs Korn. Ich landete mit voller Wucht auf meinem Hinterteil und krachte anschließend heftig auf die Seite. Zum Glück hatte die Fahrerin inzwischen bemerkt, dass etwas passiert war, und trat auf die Bremse. Der Aufprall war so stark gewesen, dass es mich noch meterweit über den Asphalt schleuderte. Erstaunlicherweise geschah all das binnen ungefähr zwei Sekunden.
Während ich auf dem Rücken lag, hörte ich die Leute schreien und einen Hornissenschwarm von Radlern an mir vorüberziehen, zugleich fühlte ich im Inneren meines Brustkorbs warmes Blut zusammenlaufen. Ich wusste, meine Schmerzen konnten nicht von einer kleinen Weichteilverletzung herstammen. Irgendetwas war gar nicht in Ordnung. Ich spürte auch, dass meine Haut an bestimmten Stellen mit der Straßenoberfläche den Platz getauscht hatte. Die meinem Körper innewohnende Intelligenz begann, das Ruder zu übernehmen, während ich mich dem Schmerz überließ. Ich lag auf dem Boden und versuchte, regelmäßig zu atmen und ruhig zu bleiben.
Innerlich checkte ich meinen ganzen Körper durch. Meine Arme und Beine waren noch beweglich. Nach etwa 20 Minuten, die mir wie mindestens vier Stunden erschienen, fuhr ein Krankenwagen vor und raste mit mir ins John-F.-Kennedy-Krankenhaus. Ich erinnere mich vor allem daran, dass drei Sanitäter sich vergeblich abmühten, mir eine Infusion anzulegen. Ich war in einem Schockzustand. Dabei bewegt die Körperintelligenz das ganze Blut von den Extremitäten weg und hin zu den inneren Organen. Ich spürte auch, dass ich innerlich ziemlich stark blutete. Ich konnte fühlen, wie das Blut sich im Bereich meiner Wirbelsäule sammelte. Deshalb waren meine Venen in den Extremitäten kaum mit Blut gefüllt. Die Sanitäter durchlöcherten meinen Arm wie ein Nadelkissen.
Im Krankenhaus wurden Blut- und Urinproben genommen, Röntgenaufnahmen, Computertomografien und alle möglichen anderen Untersuchungen gemacht. Die Prozedur dauerte fast 12 Stunden. Nach drei erfolglosen Versuchen, den Rollsplit aus meinem Körper zu entfernen, gaben die Krankenschwestern auf. Ich war frustriert, verwirrt und litt Schmerzen. Das Ganze erschien mir wie ein Albtraum.
Schließlich kam der orthopädische Chirurg und medizinische Leiter der Klinik und führte seine Untersuchungen durch. Zunächst konnte er keine neurologischen Störungen feststellen. Dann checkte er im Computer meine Röntgenaufnahmen durch. Eine davon fiel mir besonders ins Auge: eine Seitenansicht meiner mittleren Wirbelsäule. Ich sah die Wirbel: Th8, Th9, Th10, Th11, Th12 und L1 waren deutlich zusammengedrückt, verformt und gebrochen. Seine Diagnose lautete: »Multiple Kompressionsbrüche der Brustwirbelsäule, der Wirbel Th8 zu über 60 Prozent zerstört.«2
Ich dachte bei mir, es könnte schlimmer sein. Meine Wirbelsäule hätte durchbrechen, ich tot oder gelähmt sein können. Dann holte der Arzt sich meine CT-Scans auf den Bildschirm. Sie zeigten um den gebrochenen Th8-Wirbel herum etliche Knochensplitter. Ich wusste, was er als Nächstes sagen würde, ich hätte es mitsprechen können: »Normalerweise macht man in solchen Fällen eine vollständige Laminektomie der Brustwirbelsäule mit Wirbelsäulenversteifungen nach Harrington.«
Ich hatte solche Laminektomie-OPs schon auf Video gesehen. Ich wusste, dass es ein ziemlich großer Eingriff ist, bei dem alle rückwärtigen Wirbelfortsätze abgesägt werden. Der Operateur arbeitet mit Instrumenten, die an Schreinerwerkzeuge erinnern, und mit Mini-Kreissägen, um eine glatte »Werkstückoberfläche« zu erzeugen. Dann werden die sogenannten Harrington-Stäbe aus orthopädischem Edelstahl eingesetzt und mit Schrauben und Klemmen an beiden Seiten der Wirbelsäule befestigt, um die gebrochenen oder unnatürlich verbogenen Bereiche der Wirbelsäule zu stabilisieren. Schließlich werden über die Stäbe aus den Hüftknochen entnommene Knochenstücke gesetzt.
Ohne emotional zu reagieren, fragte ich den Arzt, wie lang die Stäbe sein müssten. »Zwanzig bis dreißig Zentimeter, von oben bis unten«, meinte er. Dann erklärte er mir, die ganze Angelegenheit sei eigentlich völlig unbedenklich. Im Hinausgehen riet er mir noch, mir innerhalb der nächsten drei Tage einen Operationstermin geben zu lassen. Ich winkte ihm zum Abschied und bedankte mich.
Noch nicht zufrieden, bat ich den besten Neurologen der Gegend um seinen Besuch. Nach seiner Untersuchung und Begutachtung der Röntgenaufnahmen sagte er ohne Umschweife, meine Chancen, ohne Operation jemals wieder gehen zu können, lägen unter 50 Prozent. Der Th8 sei keilförmig komprimiert – auf der Vorderseite mehr, auf der Rückseite weniger. Bei einem Versuch mich hinzustellen, würde die Wirbelsäule das Gewicht meines Rumpfs nicht mehr tragen können und bräche durch. Der schräge Winkel des Th8 verändere die Gewichtsbelastung der anderen Wirbel, und dieses Ungleichgewicht würde seiner Meinung nach die Knochensplitter in den Wirbelsäulenkanal schieben – was eine sofortige Paralyse unterhalb des Th8 zur Folge hätte. Dann wäre ich brustabwärts gelähmt. Wie der Arzt noch hinzufügte, hatte er noch nie von einem Patienten in den USA gehört, der sich gegen diese Operation entschieden hätte. Zwar verfolgten einige Ärzte in Europa andere Ansätze, doch darüber wisse er kaum etwas und könne auch nichts empfehlen.
Am nächsten Morgen fand ich mich in einem Nebel aus Schmerzmitteln und Schlaflosigkeit wieder und stellte fest, dass ich immer noch im Krankenhaus war. Als ich die Augen aufschlug, saß Dr. Paul Burns an meinem Bett, mein alter Zimmergenosse aus dem Chiropraktik-College. Paul hatte eine Praxis in Honolulu, doch kaum hatte er von meinem Zustand erfahren, war er sofort nach San Diego geflogen, nach Palm Springs gedüst und für mich da, als ich an diesem Morgen erwachte.
Paul und ich entschieden, es wäre mir zuträglicher, mich ins Scripps Memorial Krankenhaus in La Jolla überführen zu lassen, um näher an meinem Zuhause in San Diego zu sein. Die Fahrt war lang und quälend. Ich lag festgezurrt auf einer Bahre; jede Straßenunebenheit teilte sich meinem Körper durch schmerzhafte Stöße mit. Ich fühlte mich hilflos. Wie sollte ich das bloß jemals durchstehen?
Als ich in meinem Krankenhauszimmer ankam, wurde ich sofort dem führenden orthopädischen Chirurgen Südkaliforniens vorgestellt. Er war mittleren Alters, erfolgreich, gut aussehend, sehr glaubwürdig und ernsthaft. Er gab mir die Hand und erklärte mir, es sei keine Zeit zu verlieren. Mit direktem Blick in meine Augen sagte er: »Sie haben eine Kyphose (eine unnatürliche Krümmung der Wirbelsäule) mit einem Winkel von 24 Grad. Die CTs zeigen, dass das Rückenmark verletzt ist und die Knochensplitter berührt, die von dem ursprünglich zylindrischen Wirbelsegment nach innen gedrückt worden sind. Die Knochenmasse musste dem Druck ja irgendwohin ausweichen. Ihre Wirbel gleichen Schottersteinen. Jede Minute kann eine Lähmung eintreten. Ich empfehle Ihnen, sich sofort nach der Harrington-Methode operieren zu lassen. Wenn wir länger als vier Tage warten, wird eine noch viel drastischere Operation notwenig sein, bei der wir den Körper von vorne öffnen, den Brustkorb aufschneiden und die Harrington-Stäbe von vorne und hinten einsetzen müssen. Diese Art von Operation hat nur eine Erfolgsquote von ungefähr 50 Prozent.«
Ich begriff, weshalb diese Entscheidung innerhalb von vier Tagen fallen musste. Die dem Körper innewohnende Intelligenz sorgt dafür, dass sich am Knochen Calciumstränge anlagern, um den Heilungsprozess möglichst schnell in Gang zu setzen. Nach vier Tagen müssen die Operateure durch diesen natürlichen Heilungsprozess hindurch und darum herum arbeiten. Wie der Arzt mir versicherte, würde ich in ein bis zwei Monaten wieder gehen und in meiner Praxis Patienten behandeln können, falls ich mich entschlösse, mich innerhalb von vier Tagen operieren zu lassen.
Aber irgendwie konnte ich mich nicht darauf einlassen, eine so wichtige Entscheidung über meine Zukunft so schnell zu fällen.
In der Zwischenzeit schlug ich mich fürchterlich mit diesem Konflikt herum und fühlte mich ziemlich überfordert. Der Arzt war sich seiner Sache so sicher, als gäbe es überhaupt keine zwei Meinungen dazu. Ich fragte ihn trotzdem: »Und was, wenn ich mich gegen die Operation entscheide?« Er antwortete ruhig: »Das würde ich Ihnen nicht empfehlen. Es wird drei bis sechs Monate dauern, bis Ihr Körper so weit geheilt ist, dass Sie wieder gehen können. Normalerweise müssen Sie diese ganze Zeit liegend, im Bett, verbringen. Danach würden wir Ihnen ein Ganzkörperkorsett anpassen, das Sie sechs bis zwölf Monate lang ununterbrochen tragen müssten. Wenn Sie meine professionelle Meinung hören wollen: In dem Moment, wo Sie versuchen, frei zu stehen, werden Sie gelähmt sein. Die Instabilität des Th8 wird eine Verstärkung der Vorwärtskrümmung und damit eine Durchtrennung des Rückenmarks bewirken. Wären Sie mein Sohn, lägen Sie jetzt schon auf dem OP-Tisch.«
Ich lag da, umringt von acht Chiropraktikern, alles meine engsten Freunde. Mein Vater war sogar von der Ostküste eingeflogen. Lange Zeit sprach niemand ein Wort. Alle warteten darauf, dass ich etwas sagen würde. Aber ich sagte nichts. Schließlich lächelten meine Freunde mich einer nach dem anderen an, klopften mir liebevoll auf den Arm oder auf die Schulter und verließen voller Respekt das Krankenzimmer. Als alle bis auf meinen Vater gegangen waren, wurde mir deutlich, wie erleichtert meine Freunde waren, nicht an meiner Stelle zu sein. Ihr Schweigen dröhnte in meinen Ohren, ich hätte es nicht überhören können.
Was ich während der nächsten drei Tage durchlitt, war die schlimmste Form menschlichen Leidens: die Unentschlossenheit. Immer wieder betrachtete ich die Diagnose-Bilder, beriet mich noch einmal mit allen und entschied schließlich, eine weitere Meinung könne nicht schaden.
Ungeduldig erwartete ich am nächsten Tag den letzten Fachmann unserer Gegend. Sowie er eintraf, wurde er von meinen Kollegen mit Fragen überschüttet. Sie zogen sich eine Dreiviertelstunde lang zur Beratung zurück und kamen dann mit den Röntgenaufnahmen wieder. Der Arzt meinte im Wesentlichen das Gleiche wie die anderen, riet aber zu einem etwas anderen operativen Vorgehen: Stäbe von 18 Zentimetern Länge sollten ein Jahr lang in meiner Wirbelsäule bleiben, dann entfernt und durch 12 Zentimeter lange Stäbe ersetzt werden, die ich dann mein Leben lang in mir tragen würde.
Jetzt hatte ich die Option auf zwei Operationen statt einer. Ich lag da wie in Trance und sah zu, wie sich die Lippen des Experten bewegten, aber meine Aufmerksamkeit war woanders. Ich wollte nicht so tun, als wäre ich an seiner Prognose interessiert; ich wollte nicht gedankenlos nicken, nur damit er sich besser fühlte. Nach und nach klang seine Stimme ferner und ferner. Meine Zeitwahrnehmung wurde immer diffuser. Im Geist war ich weit von diesem Krankenzimmer entfernt. Ich dachte darüber nach, wie es wäre, mit einer ständigen Behinderung und wahrscheinlich permanenten Schmerzen zu leben. Vor meinem inneren Auge zogen Bilder von Patienten vorüber, denen ich begegnet war und die sich für die Harrington-Prozedur entschieden hatten: Sie mussten jeden Tag suchtauslösende Medikamente nehmen, um ihre höllischen Schmerzen zu unterdrücken und konnten ihnen trotzdem nie ganz entrinnen.
Ich grübelte: Was würde ich einem Patienten raten, der eine ähnliche Diagnose hatte wie ich? Wahrscheinlich, sich operieren zu lassen, weil es das Sicherste war, um wieder gehen zu können. Aber hier ging es um mich. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, mit einer solchen Behinderung und in einer gewissen Abhängigkeit von anderen zu leben. Bei dem Gedanken drehte sich tief in mir alles um. Das natürliche Gefühl der Unsterblichkeit, das mit Jugend, guter Gesundheit und einer bestimmten Lebensphase einhergeht, verließ mich allmählich, so wie die Zimmerwärme, die aus einem offenen Fenster strömt. Ich fühlte mich leer und verletzlich.
Ich konzentrierte mich wieder auf die gegenwärtige Situation. Der Arzt stand noch vor mir, mit seinen ganzen 1,90 Metern und 130 Kilo. Ich fragte ihn: »Meinen Sie nicht, dass die Harrington-Stäbe in meiner Brustwirbelsäule und einem großen Teil meiner Lendenwirbelsäule die normale Beweglichkeit der Wirbelsäule einschränken werden?« Aus dem Stand versicherte er mir, ich solle mir »keine Sorgen machen«, denn seiner Meinung nach gebe es in der Brustwirbelsäule ohnehin kaum Beweglichkeit; ich würde daher keinen Unterschied bemerken.
In diesem Augenblick veränderte sich alles für mich … Ich hatte mich viele Jahre lang in asiatischen Kampfkünsten geübt. Und meine Wirbelsäule war höchst beweglich. Etliche Jahre lang hatte ich täglich drei Sunden Yoga gemacht. Jeden Morgen war ich um fünf vor vier, also noch vor Sonnenaufgang, aufgestanden und hatte intensive Yoga-Übungsreihen absolviert, danach ging ich in den Chiropraktik-Unterricht. Zugegebenermaßen habe ich durch das Yoga mehr über die Wirbelsäule gelernt als in all den Stunden, die ich in Anatomie- und Physiologie-Seminaren verbrachte. Ich besaß sogar eine Weile in San Diego ein eigenes Yoga-Studio. Zum Zeitpunkt meiner Verletzung war Yoga ein wichtiger Bestandteil der körperlichen Rehabilitationsprogramme, die ich meinen Patienten empfahl. Ich wusste, dass in der Wirbelsäule weit mehr Beweglichkeit vorhanden ist, als dieser Arzt offensichtlich ahnte.
Und aus der Erfahrung mit meinem eigenen Körper wusste ich auch, dass ich in meiner Brustwirbelsäule eine Menge Beweglichkeit hatte. Es war also eine Frage der Relativität. Während der Arzt und ich miteinander sprachen, blinzelte ich zu Dr. Burns hinüber, der seinerzeit im College gemeinsam mit mir Yoga und Kampfkunst betrieben hatte. Er stand ein wenig hinter dem Arzt und bewegte seine Wirbelsäule in sechs verschiedene Richtungen. Ich sah ihm zu und stellte fest, dass ich die Antworten auf alle meine Fragen bereits kannte, denn sowohl durch meine Ausbildung wie auch dank meiner persönlichen Erfahrungen war ich zum Wirbelsäulenexperten geworden.
Der innere Arzt geht ans Werk
Mir war ebenfalls bewusst, dass ich den Selbstheilungskräften des Körpers auf einer bestimmten Ebene vertraute. Dass unsere innere Intelligenz dem Körper Leben schenkt, ist der zentrale Gedanke, die Philosophie der Chiropraktik. Wir müssen nur unseren gebildeten Verstand aus dem Weg räumen und einer größeren Intelligenz ermöglichen, zu tun, was sie am besten kann.
Wie ganzheitliche Heiler wissen, wird diese angeborene Intelligenz durch das zentrale Nervensystem vom Mittelhirn über die unteren subkortikalen Regionen des Gehirns an den Körper übermittelt. Das geschieht jeden Tag, den ganzen Tag über, und dieser Prozess war bereits dabei, mich zu heilen. Eigentlich schenkte er allem was ich tat, Leben und hielt die verschiedenen Prozesse in mir in Gang, von meiner Verdauung bis zu meinem Kreislauf. Ich war mir dieser Vorgänge nicht bewusst. Die meisten spielten sich im Hintergrund ab, in einem unterbewussten Bereich jenseits meiner Wahrnehmung. Natürlich verfügte ich über einen gebildeten, denkenden Neokortex, der dachte, er sei es, der die Entscheidungen für meinen Körper träfe, doch waren die sogenannten niederen Bereiche meines Gehirns schon die ganze Zeit über mit dem Heilungsprozess beschäftigt. Ich musste mich nur der Intelligenz überlassen, die bereits in mir wirkte. Mir war aber auch klar, dass mein Körper diese Aufgaben nur in recht geringem Umfang erfüllte – im Rahmen seiner genetischen Programmierungen. In meiner Situation brauchte ich jedoch mehr.
Wie ich heute weiß, sah ich das Ganze einfach mit anderen Augen als die Ärzte. Ich lebte in einer ihnen völlig unbekannten Welt. Langsam spürte ich, dass ich die Kontrolle über mein Leben zurückerhielt, wenigstens prinzipiell.
Am nächsten Tag wurde ich auf eigenen Wunsch aus dem Krankenhaus entlassen. Ein sehr aufgebrachter Arzt erklärte meinem Vater, ich sei durch das Unfalltrauma offensichtlich psychisch gestört und er solle mir dringend psychologischen Beistand besorgen. Doch etwas in mir wusste, dass meine Entscheidung richtig war. Als ich das Krankenhaus verließ, klammerte ich mich an einen einzigen Gedanken: an mein Wissen, die immaterielle Kraft und Energie in mir, die meinem Körper ständig Leben schenkte, würde mich heilen, wenn ich erst mit ihr in Kontakt treten und sie lenken könnte. Viele Chiropraktiker sagen: »Die Kraft, die den Körper erschaffen hat, kann ihn auch heilen.«
Der Krankenwagen brachte mich zum Haus zweier guter Freunde. Die nächsten drei Monate lang wohnte ich in einem wundervollen Spitzgiebelzimmer mit vielen Fenstern, Blick in den Himmel, es war hell und offen, viel besser als das stickige Krankenhaus. Allmählich entspannte ich mich und ließ meinen Geist weit werden, ohne meine Entscheidung weiter infrage zu stellen. Ich musste mich auf meine Heilung konzentrieren und durfte mich weder von gedanklichen Zweifeln noch von Angstgefühlen ablenken lassen. Mein Entschluss stand fest.
Wenn ich diese Verletzung tatsächlich völlig ausheilen wollte, brauchte ich eine Strategie, so viel war mir klar. Ich wollte nur Rohkost zu mir nehmen, und das auch nur in kleinen Mengen. Auf diese Weise verbrauchte ich weniger Energie bei der Verdauung und hatte mehr für die Heilung übrig. (Neben Sex und starkem Stress ist die Verdauung der größte Energiekonsument im Körper.) Die in lebendiger Rohkost enthaltenen Enzyme würden meine Verdauung fördern und der Körper weniger Energie zur Verarbeitung und Ausscheidung benötigen.
Drei Stunden täglich, je eine morgens, mittags und abends, brachte ich in Selbsthypnose und Meditation zu. Mit der Freude des vollständig Geheilten visualisierte ich, dass meine Wirbelsäule wieder völlig in Ordnung war. Ich rekonstruierte sie Stückchen für Stückchen. Ich studierte Hunderte von Abbildungen der Wirbelsäule, um mein inneres Bild davon zu vervollkommnen. Meine konzentrierten Gedanken sollten die größere Intelligenz in mir bei der Heilung unterstützen.
Während meiner Schulzeit und später im Chiropraktik-College hatte ich großes Interesse an der Hypnose entwickelt – ausgelöst durch zwei Zimmergenossen, die viel schlafwandelten und im Schlaf sprachen. Ich konnte sie oft dabei beobachten, das machte mich neugierig auf die Kräfte des Unterbewusstseins. Ich verschlang jedes verfügbare Buch über Hypnose. Dabei hatte ich auch ein klares Eigeninteresse: Ich wollte am Unterricht teilnehmen, ohne mir Notizen zu machen, und mich trotzdem an alles erinnern können. Zwei Jahre lang besuchte ich an vielen Wochenenden und Abenden das Hypnosis Motivation Institute in Norcross, Georgia. Als ich das Chiropraktik-College absolviert hatte, lagen hinter mir auch über 500 Stunden in der klinischen Hypnose, die von Dr. John Kappas, dem »Vater der modernen Hypnose«, entwickelt worden war.
Noch in meiner College-Zeit machte ich meinen Abschluss als klinischer Hypnotherapeut und eröffnete eine Teilzeitpraxis in einem ganzheitlichen Heilungszentrum am Stadtrand von Atlanta. Damals begriff ich noch nicht so genau, wie der menschliche Geist funktioniert, aber bei meiner Arbeit mit verschiedenen gesundheitlichen Problemfällen wurde ich Zeuge der Macht des Unterbewusstseins. So sah ich eine anorgasmische Frau in einem veränderten Bewusstseinszustand ohne jede Berührung einen klinischen Orgasmus erleben; einen Raucher nach 20 Jahren durch eine einzige Sitzung das Rauchen endgültig aufgeben und einen Patienten mit chronischer Dermatitis und Ekzemen seine Haut binnen einer Stunde heilen.
Daher ging ich meinen eigenen Heilungsprozess mit der simplen Idee an, die Heilung meiner Verletzung sei absolut möglich, weil ich die Kraft des Unterbewusstseins mit eigenen Augen gesehen hatte. Jetzt war die Reihe an mir, sie unter Beweis zu stellen.
Ich organisierte auch, dass ich zweimal am Tag für je eine Stunde Besuch bekam, einmal vormittags vor dem Mittagessen und einmal vor dem Abendessen. Diese Menschen legten die Hände über den verletzten Bereich meiner Wirbelsäule. Freunde, Patienten, Ärzte, Familienmitglieder und sogar Leute, die ich gar nicht kannte, halfen mit, indem sie ihre Hände auf meinen Rücken legten und mich an der Heilwirkung ihrer Energie teilhaben ließen.
Irgendwann wurde mir auch klar, dass ich eine gewisse Belastung brauchte, damit sich die richtige Menge Calcium an den gebrochenen Wirbelkörpern anlagern würde. Wenn ein Knochen sich entwickelt oder heilt, wirkt die natürliche Schwerkraft als Stimulans, um die elektrische Ladung an der Außenseite des Knochens zu verändern. Durch die Polarität wird das positiv geladene Calcium-Molekül dann zu der negativ geladenen Knochenoberfläche hingezogen. Dieses Konzept leuchtete mir sehr ein. Die Tatsache, dass ich keinerlei Hinweise in der Literatur fand, dass diese Erkenntnis bei der Behandlung von Kompressionsbrüchen irgendwo angewendet worden wäre, hielt mich keineswegs ab.
Ich bat einen Freund, mir ein stufenlos kippbares Brett zu bauen, mit einer Stütze für meine Füße. Jeden Tag rollte ich mich ganz langsam und vorsichtig von meinem Bett auf das Brett und wurde dann ins Freie geschoben. Am Anfang wurde das Brett bloß um zwei Grad gekippt, um meine Wirbelsäule nur ganz langsam zu belasten. Tag für Tag vergrößerten wir den Winkel. In der sechsten Woche konnte ich bereits 60 Grad schmerzfrei aushalten. Angesichts der Tatsache, dass ich drei bis sechs Monate nur in der Horizontalen hätte verbringen sollen, war das höchst erstaunlich.
So gingen sechs Wochen ins Land. Ich fühlte mich stark, zuversichtlich und glücklich. Wir fanden jemanden, der mich in meiner Praxis vertreten konnte, und ich verwaltete sie übers Telefon.
Nach einer Weile entschied ich, dass mir nicht die medizinisch verordnete Unbeweglichkeit, sondern gerade Bewegung gut tun würde. Schwimmen erschien mir am sinnvollsten, da das Wasser meine Wirbelsäule entlasten und mir viel Bewegungsfreiheit schenken würde. Das Haus meiner Freunde verfügte idealerweise über einen Indoor-Outdoor-Swimmingpool. Man zog mir einen sehr engen Neoprenanzug an und trug mich auf einer Sonnenliege zu dem geheizten Pool. Mein Herz raste genauso wie meine Gedanken: Ich war doch so lange nicht in der Vertikalen gewesen. Zuerst ließ ich mich eine Weile horizontal auf der Liege treiben, aber nach einer Weile begab ich mich ganz langsam in die Vertikale und hielt mich dabei an einer Art Schaukel fest, die man zu meiner Unterstützung montiert hatte. Ich ließ mich einfach im Wasser hängen und schaukelte mit den Wellen, die meine Bewegungen erzeugten, ein wenig auf und ab. Indem ich im Wasser hing, anstatt zu stehen, minderte ich die Belastung meiner Wirbelsäule noch weiter. So konnte ich die Vertikale einnehmen und meine heilende Wirbelsäule hatte dennoch nur einen minimalen Druck auszuhalten.
Von da an schwamm ich jeden Tag, zuerst nur ein wenig mit den Füßen rudernd, doch nach ein paar Tagen schon munter wie ein Fisch. Endlich konnte ich wieder alle meine Muskeln bewegen. Ich genoss die neue Freiheit und konnte sogar ein bisschen spielen. Wenn die Ärzte das gesehen hätten! Mein Körper reagierte unglaublich positiv.
In der achten Woche begab ich mich dann auf weniger feuchtes Terrain und begann zu krabbeln. Ich dachte, wenn ich die Bewegungen eines Kindes imitierte, könnte ich mich vielleicht ähnlich entwickeln und allmählich zum Stehen finden. Um meine Beweglichkeit wiederzuerlangen, machte ich jeden Tag Yoga. Die meisten Yoga-Übungen fanden ohnehin im Liegen statt. Nach neun Wochen konnte ich mich aufsetzen, ein Bad nehmen und endlich wieder auf die Toilette gehen. Die einfachen Freuden des Lebens!
So weit meine Schilderung, was ich mit meinem Körper angestellt habe. Aber ich machte noch eine weitere wichtige Erfahrung, sie betraf meinen Geist und hatte einen wichtigen Einfluss auf das positive Ergebnis meiner Entscheidung. In der sechsten Woche wurde ich allmählich kribbelig. Für manche Ohren mag es toll klingen, den ganzen Tag in der Sonne oder im Bett zu liegen, aber das ist es eigentlich nur, wenn man das freiwillig macht und sich jederzeit nach Lust und Laune erheben kann. In meinem Fall war das anders. Ich sehnte mich nach mentalen Anregungen. Man kann sich nicht den ganzen Tag auf seine Wirbelsäule und ihre einzelnen Segmente konzentrieren; das ist weder möglich noch sinnvoll. Mein Verstand brauchte Abwechslung.
Eines Tages sah ich auf einem Regal ein Buch einsam stehen. Es war vollkommen weiß, das wirkte interessant – also bat ich eine Freundin, die gerade zu Besuch war, es mir herunterzuholen. Auf der Suche nach dem Titel ging ich die ersten Seiten mehrfach durch, fand aber keinen. Der Autor war Ramtha und der Herausgeber eine Gruppe, die mit Ramtha’s School of Enlightenment (RSE) verbunden war. Ich blätterte weiter und begann zu lesen, ohne zu ahnen, wie bedeutend dieses Buch für mein Leben werden würde.3
Ich war zwar katholisch erzogen, aber kein besonders religiöser oder spiritueller Mensch. Ich glaubte an die dem Körper innewohnende Intelligenz und wusste, es gibt eine Kraft, die uns alle am Leben hält, und dass diese Kraft oder Intelligenz unser menschliches Vermögen weit übersteigt. Ich ging davon aus, dass in jedem Menschen ein spirituelles Element lebendig ist, fühlte mich aber nicht von irgendeiner Kirche oder einem Dogma angezogen. Ich vertrat die Überzeugung, wir Menschen seien zu sehr viel mehr fähig, als uns bewusst ist. Spirituelle Praktiken, die mich angesprochen hätten, kannte ich keine, fühlte aber mit Sicherheit, dass in meinem Leben irgendeine reale Kraft aktiv am Werk war.
Insofern war ich vielleicht relativ offen für die Botschaft, der ich hier in dem weißen Buch von Ramtha begegnen sollte. Aus Neugier begann ich mit der Lektüre, aber schon nach ein paar Seiten hatte mein Unterbewusstsein meinen Verstand davon überzeugt, dass die Inhalte meiner Aufmerksamkeit wert waren. Was ich in diesem Buch las, erschien mir in vielerlei Hinsicht sehr wertvoll. Als ich zu jenem Teil kam, wo das Konzept des Superbewusstseins erklärt wird – wie Gedanken und Emotionen unsere Wirklichkeit erschaffen –, war ich restlos fasziniert. 36 Stunden später hatte ich das Buch durch. Ich befand mich mitten in einer Phase großen Wandels. Dieses Buch hat diesen Prozess stark beschleunigt.
Das Weiße Buch von Ramtha war der perfekte Katalysator, es brachte vieles auf den Punkt, worüber ich als Erwachsener nachgedacht und was ich erfahren hatte. Es beantwortete viele meiner Fragen über das menschliche Potenzial, über Leben und Tod und die Göttlichkeit des menschlichen Daseins, um nur einige Themen zu nennen. Ich sah mich in vielen meiner Entscheidungen bestätigt, vor allem im Hinblick auf die Ablehnung der Operation. Das Buch stellte mein rationales Denken vor einige Herausforderungen und brachte mich auf eine höhere Bewusstseinsebene und zu einem neuen Verständnis der Wirklichkeit. Besser als je zuvor begriff ich, dass unsere Gedanken nicht nur unseren Körper beeinflussen, sondern auch unser ganzes Leben. Beim Konzept des Superbewusstseins ging es nicht nur darum, dass der Geist stärker ist als die Materie, sondern dass der Geist das Wesen der gesamten Wirklichkeit bestimmt. Ganz schön eindrucksvoll für ein Buch, das so verlassen und eingestaubt auf einem Regal herumgestanden hatte.
Meine Erfahrungen mit Hypnotherapie bildeten nur einen Aspekt meines schon lange anhaltenden Interesses für das Unbewusste. Durch die Lehren von Ramtha und das Konzept des Superbewusstseins begriff ich, dass ich für alles verantwortlich war, was sich in meinem Leben ereignete – selbst für meine Verletzung. Mein mit rasender Geschwindigkeit auf der Überholspur dahinschießender Körper war brutal zum kompletten Stillstand gebracht worden. Natürlich hatte das Auswirkungen, aber ich konnte auch die Vollkommenheit meiner Schöpfung erkennen. Dieses Innehalten hatte eine ungeheuer weitreichende Wirkung auf mich: Ich begann, alles zu überdenken, was ich wusste, und wurde dadurch natürlich bereichert.
Ich traf mit mir selbst eine Abmachung: Wenn mein Körper geheilt und ich ohne Behinderungen oder Schmerzen würde wieder gehen können, wollte ich das Phänomen der Überlegenheit des Geistes über die Materie intensiver erforschen und der Frage nach der Schöpferkraft des Bewusstseins einen großen Teil meines Lebens widmen. Ich wollte noch umfassender lernen, wie ich meine Zukunft bewusst und besonnen beeinflussen konnte. Daher beschloss ich, mich an Ramtha’s School of Enlightenment einzuschreiben und mich näher mit diesen Lehren zu befassen.
Nach neuneinhalb Wochen stand ich auf und kehrte in mein Leben zurück. Nach zehn Wochen nahm ich meine Arbeit wieder auf und genoss meine Freiheit. Kein Ganzkörperkorsett, keine Behinderung, keine Lähmung. Nach zwölf Wochen stemmte ich Gewichte und erzielte weitere Fortschritte in meinem Rehabilitationsprogramm. Sechs Wochen nach dem Unfall hatte man mir ein Ganzkörperkorsett angepasst, aber ich trug es nur ein einziges Mal: Bei meinem allerersten Gehversuch, und auch das nur ein Stunde lang. Ich brauchte es nicht.
Seit dem Unfall sind inzwischen über 20 Jahre vergangen. Bemerkenswerterweise klagen mehr als 80 Prozent der Amerikaner über Rückenschmerzen irgendwelcher Art, wohingegen ich dieses Problem seit meiner Heilung kaum je gehabt habe.
Oft denke ich darüber nach, wie mein Leben heute wohl aussähe, hätte ich mich damals nicht für meine eigene, natürliche Heilung entschieden. Mancher mag sich fragen, ob es wohl das Risiko wert gewesen war. Wenn ich zurückschaue und mir vorstelle, ich hätte mich damals anders entschieden, preise ich im Stillen meine heutige Freiheit. Jene kurze Phase meines Lebens hat mich auf jeden Fall erheblich stärker dazu motiviert, den Prozess der Heilung von Körper und Geist zu erforschen, als es mir vorstellbar wäre, wenn ich mich zu einer konventionellen Operation entschlossen hätte.
Offen gestanden weiß ich auch nicht, ob das, was ich erlebt habe, vielleicht einfach ein Wunder war. Aber ich habe mein Versprechen eingelöst, das Phänomen der Spontanheilung so umfassend wie möglich zu untersuchen. Mit dem Begriff »Spontanheilung« meine ich hier die Fähigkeit des Körpers, sich selbst ohne operative Eingriffe und/oder Medikamente wiederherzustellen oder sich von einer Krankheit zu befreien.
Während meiner 17 Jahre als Schüler und der sieben Jahre als Lehrer an Ramtha’s School of Enlightenment bin ich weit über die Grenzen dieses Themas hinausgegangen. Meine Erfahrungen dort haben mich inspiriert und bereichert. Dieses Buch wäre ohne das, was ich dort gelernt und erfahren habe, nicht möglich gewesen. Schöpfer der Wirklichkeit ist eine Kombination aus meinen eigenen Erkenntnissen und Erfahrungen, einigen Lehren von Ramtha und eigenen Forschungsergebnissen.
In den letzten sieben Jahren hat Ramtha mich oft sanft dazu aufgefordert, diese Informationen, Erfahrungen und Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Manchmal hat er mich auch geschubst, gedrängt und gelockt. Heute habe ich ein besseres Verständnis vieler wissenschaftlicher Konzepte als vor sieben Jahren: Dieses Buch ist mein Versuch, etwas von dem zurückzugeben, womit ich so reich gesegnet wurde. Vor sieben Jahren hätte ich es noch nicht schreiben können: Die wissenschaftlichen Grundlagen dazu waren einfach noch nicht ausgereift. Heute ist es so weit.
Ich weiß auch, dass meine Entscheidung gegen eine Operation mich dorthin geführt hat, wo ich heute bin. Meine Forschungsarbeit, mein wissenschaftliches Interesse und mein ganzes Leben drehen sich um Heilungen aller Art. Während der letzten sieben Jahre habe ich genau beobachtet, wie ein einziger, mit Überzeugung festgehaltener Gedanke – unabhängig von allen Umständen – an einen größeren Geist anknüpft und Menschen eine wundervolle Zukunft bescheren kann. Wenn ich in meinen Vorträgen von all den Zutaten erzähle, die ein Mensch braucht, um seine Befindlichkeit zu ändern, empfinde ich es als wahrhaftigen Segen für mich, zu einem allgemeinen Verständnis des Gehirns und der Macht unserer Gedanken beitragen zu können.
Dieses Buch behandelt nicht nur körperliche Beschwerden, sondern auch ein anderes Leiden, das viele Menschen peinigt: emotionale Abhängigkeit. In den letzten paar Jahren bin ich weit herumgekommen und konnte die neuesten Erkenntnisse der Neurophysiologie selbst überprüfen. Dabei habe ich begriffen, dass vieles, was einst
Theorie war, heute praktisch anwendbar ist, um unsere selbst verursachten emotionalen Wunden zu heilen. Die Methoden, die ich vorschlage, sind keine »Wäre es nicht wundervoll, wenn …«-Ideen, keine rosaroten Heilsversprechen oder Selbsthilfe-Wunderkuren. Dieses Buch gründet auf nachvollziehbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen. Jeder von uns hat an irgendeinem Punkt seines Lebens schon einmal emotionale Abhängigkeit erfahren. Zu den Symptomen gehören Lethargie, Konzentrationsschwierigkeiten, ein großes Bedürfnis nach alltäglicher Routine, die Unfähigkeit, Aufgaben oder Vorhaben zu Ende zu bringen, ein Mangel an neuen Erfahrungen, ein bescheidenes Repertoire an emotionalen Reaktionsmöglichkeiten und das Gefühl, ein Tag gleiche dem anderen aufs Haar.
Wie können wir diesen Zyklus der Negativität durchbrechen? Die Antwort liegt natürlich in uns selbst, genauer gesagt, in einem spezifischen Teil unserer selbst. Wenn Sie Einblick in die verschiedenen Themen gewonnen haben, die wir in diesem Buch erkunden, und die Bereitschaft mitbringen, gewisse Prinzipien anzuwenden, können Sie sich selbst emotional heilen, indem Sie die neuronalen Netzwerke in Ihrem Gehirn verändern. Lange Zeit glaubten die Wissenschaftler, das Gehirn sei fest »verdrahtet«, Veränderungen seien somit unmöglich, unsere von den Eltern ererbten Reaktionsmöglichkeiten und Neigungen unser Schicksal. Doch das Gehirn verfügt über eine große Elastizität; es kann alte Gedankenpfade stilllegen und neue eröffnen, zu jeder Zeit und in jedem Alter – und zwar ziemlich schnell, vor allem im Vergleich mit den gewöhnlichen Evolutionsmodellen, wo die Zeit in Generationen und Äonen gemessen wird und nicht in Wochen.
Eines wird den Neurowissenschaftlern – wie auch mir persönlich – immer klarer:
• Unsere Gedanken sind wirklich wichtig. Denn:
• Unsere Gedanken verwirklichen sich.
1. Im Kontext dieses Buches steht »Geist« immer für engl. mind. Dr. Joe Dispenza versteht unter mind jenes, was entsteht, wenn ein menschliches Gehirn aktiv ist. Er sagt: »Ich weiß, dass viele Menschen darunter auch eine immaterielle, universelle Essenz oder Intelligenz verstehen, die alles Physische durchdringt. Ich habe mich bewusst entschieden, mich an die wissenschaftliche Definition von mind/Geist zu halten …, und verwende für den mehr spirituellen Aspekt den Begriff ›Bewusstsein‹ (engl. consciousness).« Begriffe aus dem Bereich des Mentalen oder Psychischen sind hier nicht immer adäquat ins Deutsche zu übertragen, zumal Dr. Dispenza an etlichen Stellen nicht eindeutig differenziert. [Anm. d. Übers.]
2. Die Wirbel der Lendenwirbelsäule werden mit L1–L5 (L = Lumbar vertebra) bezeichnet. Brustwirbel: Th1–Th12 (Thoracic vertebra); Halswirbel: C1–C7 (Cerval spine). [Anm. d. Red.]
3. Ramtha: The white book. JZK Publishing Inc., 1999, dt. Ausgabe: Das weiße Buch
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Auf dem Rücken eines Giganten
Wir müssen uns mithilfe unseres Geistes emporheben …
Denn wer seinen Geist bezwungen hat,
dem ist er der beste Freund;
doch wem das nicht gelang,
dem wird sein Geist der größte Feind bleiben.
Bhagavad-Gita
Wir alle kennen den Ausdruck »Der Geist ist stärker als die Materie«, wenn es um einen Menschen geht, der widrigen Umständen mit Willenskraft getrotzt hat. Man könnte ihn auch gut auf die Geschichte meiner Heilung nach dem Unfall anwenden, die ich im ersten Kapitel erzählt habe. Wir denken in der Regel nicht weiter darüber nach, wenn wir so etwas hören – es bedeutet einfach, dass jemand sich entschlossen hat, etwas zu tun, und sich nicht von äußeren Einflüssen davon abhalten lässt. Wahrscheinlich halten auch Sie sich für fähig, diese auf der körperlichen, der mentalen und der emotionalen Ebene wirksame Geisteskraft unter gewissen Umständen einzusetzen.
Stellen Sie sich vor, Sie hätten als Kind unter Höhenangst gelitten. Zusammen mit Ihren Freunden sind Sie im Ferienlager an einem See. Am Ufer erhebt sich ein großer Felsen, von dem alle mit großem Spaß ins Wasser hinunterspringen. Eine Weile planschen Sie ganz vergnügt im Wasser umher, bis jemand – wahrscheinlich einer der großen Jungen oder eines Ihrer Geschwister – bemerkt, dass Sie als Einzige(r) noch nicht gesprungen sind. Selbst die Kleinste aus der Gruppe hat es schon gewagt. Um dem Gehänsel und dem ewigen Nassgespritztwerden zu entgehen, klettern Sie schließlich mit zitternden Knien auf den Felsen.
Die Sonne brennt auf Ihren Schultern, der kühle Wind verursacht Ihnen eine Gänsehaut, und Sie starren dem Wasser hinterher, das aus Ihren Haaren in die Tiefe tropft. Währenddessen rasen die Gedanken durch Ihren Kopf: »Tu’s nicht!« meldet sich Ihre innere Stimme. Ihre Zähne fangen an zu klappern; Sie treten unentschlossen einen Schritt zurück. Von unten ertönt lautes Gejohle. Sie schauen wieder hinab und derjenige, der Sie am meisten gehänselt hat, ruft jetzt zusammen mit den anderen ermutigend: »Los, komm schon!« Sie fassen den Entschluss, ein Adrenalinstoß fährt durch Ihren Körper, Ihre Knie scheinen nachzugeben, aber da schweben Sie schon in der Luft und sausen Richtung Wasser.
Prustend und spuckend tauchen Sie wieder auf, Ihnen wird heiß vor Triumphgefühl, denn Sie wissen, dass Sie etwas Wichtiges in Ihrem Leben geändert haben. Sie haben alle Zweifel, Ängste und Unsicherheiten dort oben auf dem Felsen gelassen, wo sie jetzt mitsamt Ihren nassen Fußspuren in der Sonne verdunsten. Alle Schreckensfantasien sind verschwunden und haben einer neuen, positiveren Wirklichkeit Platz gemacht.
Ich habe dieses recht verbreitete Beispiel gewählt, um zu zeigen, wie viele Menschen durch Vorgänge in ihrem Inneren buchstäblich behindert sind und weder die Größe ihrer Existenz erfahren noch die Freiheit und Freude eines angstfreien Lebens genießen können.
Ich bin sicher, Sie haben irgendwann in Ihrem Leben selbst die Erfahrung gemacht: Ja, der Geist ist stärker als die Materie. Mir ist das schon mehrfach widerfahren, aber nie war es so eindrücklich wie damals nach dem Unfall. Ich hatte schon immer die Tendenz, mich vorwärtszutreiben, mich weiterzuentwickeln, und das Potenzial des menschlichen Geistes und Körpers hat mich seit jeher fasziniert. Vor allem interessierte mich, was möglich ist, wenn Geist und Körper richtig zusammenwirken. Natürlich war mir klar, dass beide nicht wirklich voneinander getrennt sind, aber ich fragte mich oft, wer denn nun eigentlich das Ruder in der Hand hält. Wer hat das Sagen? Sind wir wirklich dazu verdammt, bestimmten Krankheiten zum Opfer zu fallen oder schädlichen Neigungen nachzugehen, bloß weil das in unseren Genen verankert ist? Sind wir den Launen unserer Lebensumstände tatsächlich hilflos ausgeliefert?
Einführung in das Thema »Veränderung«
Nachdem ich das machtvolle Zusammenwirken von Geist und Körper an mir selbst erfahren hatte, fragte ich mich, ob andere Ähnliches erlebten. Ich wusste, dass schon viele Menschen die Prognosen der konventionellen Medizin widerlegt hatten, und ich wünschte mir ein umfassenderes Verständnis von Heilung. Ich musste nicht lange warten, um geeignete Objekte für meine informellen Studien zu finden.
Dean: Ein Blinzeln und ein Nicken
Als ich Dean zum ersten Mal in meinem Wartezimmer sah, lächelte er und blinzelte mir zu. Er hatte zwei zitronengroße Tumoren im Gesicht, einen rechts unter seinem Kinn, den anderen links auf seiner Stirn. Während der Untersuchung erklärte mir Dean, er habe Leukämie. Ich fragte ihn, welche Medikamente er nehme und welche Therapien er anwende, um die Krankheit im Griff zu behalten. »Keine, noch nie«, erwiderte er. Ich setzte meine Untersuchung fort und versuchte, mich auf das zu konzentrieren, was ich tat, doch eigentlich hätte ich ihn lieber mit Dutzenden Fragen gelöchert. Ich hatte mich selbst von einer Verletzung geheilt, aber das hier war eine andere Geschichte. Leukämie, insbesondere akute myeloische Leukämie, wie Dean sie hatte, ist eine stark schwächende, sehr schmerzhafte Erkrankung. Das war keine Verletzung, die der Körper in einer gewissen Zeitspanne ausheilen konnte wie einen Knochenbruch.
Als Deans Ärzte seine Diagnose stellten, hatten sie ihm noch sechs Monate gegeben. Genau in diesem Augenblick, so berichtete Dean, habe er sich selbst versprochen, den Highschool-Abschluss seines Sohnes zu erleben. Dieser bedeutende Moment lag inzwischen 25 Jahre zurück … Jetzt strahlte Dean mich vom Untersuchungstisch aus an und erzählte, sein jüngster Enkel komme demnächst in die Highschool. Ich staunte nicht schlecht.
Nach dieser ersten Begegnung kam Dean noch ein paarmal zur Behandlung zu mir. Eines Tages traute ich mich schließlich mit der Frage heraus, wie er das alles denn zuwege gebracht habe. »Du solltest seit 24 Jahren tot sein, aber du lebst noch, und zwar ohne Operationen, Therapien oder Medikamente. Was ist dein Geheimnis?«
Mit einem breiten Grinsen lehnte Dean sich zu mir herüber und deutete auf seine Stirn: »Du musst einfach deinen Kopf klar kriegen!« Dann schüttelte er mir kräftig die Hand und zwinkerte mir im Fortgehen noch einmal zu.
Sheila: Der Fluch der Vergangenheit
Sheila litt unter den verschiedensten schwächenden Symptomen: Übelkeit, Fieberanfälle, Verstopfung und teilweise schwere Bauchschmerzen. Ihr Arzt hatte eine chronische Divertikulitis diagnostiziert, eine schmerzhafte Entzündung kleiner Ausstülpungen im Darm. Daraufhin wurde Sheila medikamentös behandelt, doch ihre Schmerzanfälle nahmen eher zu.
Eines Tages erfuhr Sheila vom Zusammenhang zwischen ungesunden Emotionen und körperlichen Beschwerden. Das veranlasste sie, ihr Leben aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Selbst als Erwachsene in ihren Dreißigern sah Sheila sich immer noch als Opfer ihrer Kindheit. Ihre Eltern hatten sich scheiden lassen, als sie noch klein war. Sheila war bei ihrer Mutter aufgewachsen, die viel gearbeitet und das Mädchen oft allein zu Hause gelassen hatte. So war Sheila ohne die materiellen und sozialen Möglichkeiten der meisten anderen Kinder herangewachsen und fühlte sich vom Leben betrogen.
Als Sheila sich entschloss, ihre Gefühle zu untersuchen, musste sie zugeben, dass diese als »ungesund« einzustufen waren. Seit 20 Jahren dachte sie ständig, sie würde ihrer schweren Kindheit wegen nie etwas Wertvolles oder persönlich Befriedigendes zustande bringen. Immer wieder erinnerte sie sich selbst an die Vergeblichkeit ihrer ganzen Existenz, und dass sich das auch nie ändern würde und die Schuld daran bei ihren Eltern läge. Jetzt dämmerte ihr, dass der größte Teil ihres Wachbewusstseins all die Jahre von Schuldzuweisungen, Klagen und Ausreden bestimmt gewesen war. Da man ihr mit medizinischen Mitteln nicht hatte helfen können, begann Sheila darüber nachzudenken, ob ihre körperlichen Beschwerden nicht vielleicht mit dem Groll zusammenhingen, den sie gegen ihre Eltern hegte. Sie wurde sich all der Menschen und Situationen in ihrem Leben bewusst, die ihr ermöglicht hatten, sich als Opfer zu fühlen, und wie sie erkannte, hatte sie diese Menschen und Umstände dazu benutzt, ihren eigenen Unwillen, sich zu ändern, zu kaschieren.
Mit beständiger Aufmerksamkeit und Willenskraft gelang es Sheila, ihre alten Denkmuster und die damit verbundenen Gefühle loszulassen. Sie brachte sich bei, jenen Teil ihrer Identität aufzugeben, der diesen negativen Gedanken an ihre Kindheit verhaftet war, und vergab ihren Eltern. Nun hatte Sheila keinen Grund mehr zu leiden, folglich wurde sie glücklich. Ihre Symptome klangen ab. Binnen kurzer Zeit verschwanden sämtliche Beschwerden. Sheila hatte sich selbst geheilt. Vor allem aber hatte sie sich aus den Ketten ihrer selbst verursachten Gefangenschaft befreit.
Die Suche nach Ähnlichkeiten
Im Lauf der letzten sieben Jahre habe ich viel Zeit damit verbracht, Fallstudien von Menschen zu analysieren, die Remissionen und Spontanheilungen erlebt hatten. Die dabei gesammelten Informationen und die Geschichten, die mir diese Menschen erzählt haben, sind wirklich eindrucksvoll. Sie zeigen wesentliche, klinisch nachweisbare Veränderungen in Fällen von gutartigen und bösartigen Tumoren, Herzkrankheiten, Diabetes, Atembeschwerden, Bluthochdruck, hohem Cholesterinspiegel, Krampfadern, Schilddrüsenproblemen, Zahnproblemen, Augenbeschwerden, Muskelschmerzen und seltenen genetischen Störungen, denen die Medizin machtlos gegenübersteht, um nur einige zu nennen.
Diese Männer und Frauen wurden gesund, obwohl ihnen weder konventionelle noch alternative Therapien geholfen hatten. Sie alle haben ihren Körper selbst geheilt. Bei der medizinischen Überprüfung ihrer Krankengeschichten konnte ich auf der äußeren Ebene keinen gemeinsamen Faktor finden, der diese Genesungen erklärt hätte.
Durch diverse Therapien hatten manche zuvor zwar Erleichterung erfahren, aber keine Heilung. Einige Krebspatienten hatten sich beispielsweise bestrahlen lassen oder Chemotherapien gemacht, doch war der Krebs dadurch nicht ganz verschwunden oder schnell wiedergekommen. Andere hatten sich operieren lassen, was ihre Beschwerden linderte, aber nicht wirklich zum Verschwinden brachte. Viele hatten jahrelang Medikamente eingenommen, etwa gegen hohen Blutdruck, ohne dass sich dadurch wirklich etwas verändert hätte. Einige Patienten hatten an klinischen Studien teilgenommen und neue Medikamente getestet – ohne positive Wirkung. Manche hatten auch auf Vitamine und spezielle Ernährungsweisen gesetzt. Ein paar berichteten, durch Fastenkuren hätten sie sich zwar besser gefühlt, seien jedoch nicht dauerhaft beschwerdefrei geworden. Auch alternative Heilmethoden waren erfolglos angewendet worden. In manchen Fällen hatte eine Psychotherapie geholfen, den Stress zu reduzieren, aber auch keine Heilung herbeigeführt.
Viele Patienten hatten ihre Therapien wegen erwiesener Nutzlosigkeit abgebrochen. Manche hatten sich auch nie um medizinische Unterstützung bemüht. Was also hatten alle diese ehemals Kranken letztlich getan, das sie wieder gesund werden ließ?
Nach Auswertung der Informationen aus meinen sämtlichen Gesprächen musste ich aus wissenschaftlicher Perspektive davon ausgehen, dass es sich hier um mehr als einen Zufall handelte. Ein einmaliges Ereignis heißt im Englischen incident. Geschieht das Gleiche ohne erkennbaren Grund ein zweites Mal, nennen wir das co-incident, vielmehr coincidence: ein überraschendes, zufällig wirkendes Zusammentreffen von Ereignissen.
Doch ereignet sich das Gleiche ein drittes, ein viertes und gar ein fünftes Mal, müssen wir die Zufalls-Hypothese fallenlassen: Es muss etwas in Übereinstimmung geschehen sein, damit es zu diesen Wiederholungen kommen konnte. Im Licht dieser Wiederholungen erscheint es sinnvoll, dem alten Spruch nachzugehen, der besagt: Keine Wirkung ohne Ursache. Angenommen – so fragte ich mich –, es gibt hier eine Ursache-und-Wirkung-Beziehung und weiter angenommen, die Wirkung ist in all diesen Fällen die spontane Wiederherstellung der Gesundheit: Was kann das in allen diesen Individuen verursacht haben?
Da in keinem der Fälle eine wie auch immer geartete Behandlung in direkter Weise auf den Körper eingewirkt hätte, nahm ich an, es könnte vielleicht ein innerer Prozess im Gehirn diese Veränderungen hervorgerufen haben. Sollte unser Denken tatsächlich so viel Macht haben? Wie die meisten Ärzte zugestehen, beeinflusst die innere Einstellung eines Patienten den Erfolg seiner Behandlung. Wäre es möglich, dass die Heilung aller dieser Menschen einfach auf einer Veränderung ihres Geistes, ihres Denkens beruhte?
Ich sann auch darüber nach, ob es eine wissenschaftlich haltbare Beziehung zwischen den Vorkommnissen in diesen Fällen und dem menschlichen Geist gab. Wenn wir das Ganze streng wissenschaftlich angingen, würden wir dann vielleicht entdecken, dass ein Prozess im Geist – und zwar unmittelbar im Gewebe des Gehirns – stattgefunden hatte, der solche Heilungen hervorruft? Könnten wir diesen Prozess mit denselben Ergebnissen wiederholen? Würden wir dabei wissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten aufspüren, mit deren Hilfe sich die Verbindung zwischen Körper und Geist erklären ließe?
Fasziniert von meinen Erkenntnissen an der Ramtha-Schule, deren Credo gerade das Primat des Geistes über die Materie ist, machte ich diese Fragen zum Ausgangspunkt meiner Studien der Spontanheilungen und ihrer möglichen Beziehung zum menschlichen Geist. Ich war sehr geneigt, an diese Beziehung zu glauben – immerhin hatte ich die Erfahrung, dass der menschliche Geist den Körper heilen kann, bereits selbst gemacht. Tatsächlich waren einige Menschen, die ich im Lauf der Zeit zu diesem Thema interviewte, Schüler der Ramtha-Schule, die gelernt hatten, ihren eigenen Körper zu heilen.
Vom Wesen der Wunder
Manchmal bereitete es mir durchaus Mühe, die Heilungen zu akzeptieren. Andererseits wird seit Menschengedenken davon berichtet. In alter Zeit wurden sie in der Regel im Rahmen der jeweiligen religiösen Überzeugungen interpretiert. Aus christlichen, buddhistischen, islamischen, alten ägyptischen oder hebräischen Überlieferungen erfahren wir, dass viele zivilisierte Kulturen an die Möglichkeit einer spontanen Wiederherstellung der Gesundheit glaubten und davon berichteten.
In der Vergangenheit bezeichneten die Menschen es oft als »Wunder«, wenn etwas geschah, das sich mit dem Wissenschafts- und Kenntnisstand der jeweiligen Zeit nicht erklären ließ. Das Lexikon definiert ein Wunder als eine Wirkung oder ein außergewöhnliches Ereignis in der physischen Welt, das alle bekannten menschlichen oder natürlichen Kräfte übersteigt und deshalb einer übernatürlichen Ursache zugeschrieben wird.
Wie das Studium geschichtlicher Quellen zeigt, pflegte man früher Ereignisse, die nicht in die kulturellen Überzeugungen und die sozialen, wissenschaftlichen oder politischen Konventionen passten, als »Wunder« zu bezeichnen. Stellen Sie sich einen Mann vor, der aus einem Flugzeug springt: Sein Fallschirm öffnet sich und er landet sicher auf der Erde. Noch vor zwei Jahrhunderten hätte das als Wunder gegolten und wäre, wie andere unerklärliche Phänomene, dem Wirken einer übernatürlichen Kraft zugeschrieben worden – sei sie göttlicher oder dämonischer Natur.
Zurück in die Gegenwart: Eine Frau bildet eine schwere Krankheit aus, die normalerweise zum Tod führt, und erhält die Prognose, sie habe nur mehr sechs Monate zu leben. Nach sechs Monaten sucht sie den Arzt erneut auf, um sich untersuchen zu lassen. Und dieser stellt zu seiner Überraschung fest, dass er keinerlei Anzeichen der Krankheit mehr finden kann. Nach objektiven Kriterien ist die Frau geheilt.
Wenn wir eine Genesung dieser Art als »Wunder« bezeichnen, übersehen wir eine weiter reichende Wahrheit: Sobald eine Gesellschaft die Ursachen, Funktionen und Auswirkungen eines Ereignisses begriffen hat, erhebt sie es nicht mehr auf die Ebene des Übernatürlichen. Früher dienten Mythen und Legenden der Erklärung von Naturphänomenen. So hat jede Kultur beispielsweise ihren eigenen Schöpfungsmythos. Und es berichten neben der christlichen auch viele andere Überlieferungen von einer großen Flut. Wie wir heute erkannt haben, könnte unsere individuelle oder die Unfähigkeit unserer Kultur, ein Ereignis zu erklären, mit unserem Wissensdefizit zusammenhängen. Vieles, was einst als wundersam galt, betrachten wir heute als natürlich. Existiert also vielleicht auch für Spontanheilungen eine plausible Erklärung?
Das Wundersame besitzt eine interessante Komponente. Wer nach sogenannten wundersamen Erfahrungen oder Ergebnissen strebt, die nicht den jeweiligen kulturellen Überzeugungen entsprechen, handelt gegen die medizinischen, sozialen oder gar religiösen Konventionen. Angenommen, bei einem Mann werden Bluthochdruck und ein erhöhter Cholesterinspiegel festgestellt. Sein allopathischer Hausarzt erklärt ihm die Therapie und deren Aussichten, gibt ihm einen Behandlungsplan, vielleicht verschreibt er Medikamente, empfiehlt eine bestimmte Diät und gibt ihm alle möglichen Verhaltensratschläge. Reagiert der Patient in der Weise, dass er sich freundlich bedankt, aber andeutet, er würde auf seine eigene Weise damit umgehen, wäre der Arzt sicherlich der Ansicht, er setze mutwillig sein Leben aufs Spiel. Jeder, der sich auf den hoffnungsvollen Weg zu einer wundersamen Veränderung in seinem Leben begibt, muss damit rechnen, für fehlgeleitet, irrational, fanatisch oder sogar verrückt gehalten zu werden.
Gäbe es jedoch Mittel und Wege, das Wie und Warum solcher »Wunderheilungen« zu erklären, würden jene, die nach solchen Erfahrungen streben, nicht länger als tollkühn oder unzurechnungsfähig bezeichnet. Besäßen wir Zugang zu Informationen, wie man solche Leistungen vollbringen kann, und könnten wir dieses Wissen auf wissenschaftlicher Basis individuell anwenden, würden unsere Bemühungen um wundersame Ergebnisse nicht mehr auf Widerstand, sondern auf Unterstützung stoßen.
Die vier Säulen der Heilung
Nachdem ich jahrelang Menschen interviewt hatte, die Spontanheilungen am eigenen Leib erlebt hatten, wurde mir klar, dass den meisten von ihnen vier Faktoren gemeinsam waren.
Bevor ich diese vier Qualitäten oder »Koinzidenzen« beschreibe, die sich bei den meisten aufspüren lassen, möchte ich einige Punkte aufführen, die in meinen Fallstudien nicht gehäuft auftraten. Nicht alle Teilnehmer praktizierten eine Religion, einige besaßen gar keine religiösen Neigungen. Nur wenige hatten einen Hintergrund als Priester, Rabbi, Pfarrer oder dergleichen. Nicht alle waren Anhänger der New-Age-Bewegung. Nur wenige beteten zu einem religiösen Wesen oder verehrten ein charismatisches Religionsoberhaupt. Sie unterschieden sich in Geschlecht, Alter, Rasse, Kultur, Bildung, Beruf und Steuerklasse. Nur wenige trieben täglich Sport und auch ihre Ernährung war unterschiedlich. Sie entsprachen unterschiedlichen Körpertypen und waren unterschiedlich fit. Manche konsumierten gewohnheitsmäßig Alkohol, Nikotin, Fernsehen oder andere Medien. Nicht alle waren heterosexuell und nicht alle sexuell aktiv. Es gab nichts in der äußeren Lebenssituation meiner Interviewpartner, was zu den deutlichen Veränderungen ihres Gesundheitszustandes beigetragen haben könnte.
Koinzidenz Nr. 1: Eine höhere Intelligenz schenkt uns Leben und kann den Körper heilen
Die Menschen, mit denen ich sprach und die selbst eine Spontanheilung erlebt hatten, glaubten an eine in ihnen wirkende höhere Ordnung oder Intelligenz. Manche nannten diese Kraft »göttlich«, andere »spirituell«, wieder andere »das Unterbewusstsein«, doch alle sahen diese Kraft als den Quell ihres Lebens an und hielten sie für weiser, als Menschen es je sein können. Und wer Zugang zu dieser Kraft oder Intelligenz finde, könne sie für sich arbeiten lassen.
Wie ich inzwischen erkannt habe, ist an diesem größeren Geist nichts Mystisches. Es ist dieselbe Intelligenz, die alle Funktionen des Körpers organisiert und steuert. Diese Kraft hält unser Herz ohne Unterbrechung mehr als 100000 Mal pro Tag am Schlagen, ohne dass wir darüber nachdenken müssten. Jährlich sind das rund 40 Millionen Herzschläge! In einem Leben von 70 bis 80 Jahren summiert es sich auf etwa 3 Milliarden. Und das geschieht automatisch, ohne weiteren Wartungs- oder Reinigungsbedarf. Dieses höhere Bewusstsein verfügt offensichtlich über eine sehr viel größere Willenskraft als wir.
Wir kümmern uns auch überhaupt nicht darum, was unser Herz durch uns hindurchpumpt: über 5 Liter Blut pro Minute, das sind 300 Liter pro Stunde, die durch ein Adernsystem von etwa 96000 Kilometern Länge fließen – das ist mehr als der doppelte Erdumfang. Und doch macht das Kreislaufsystem nur etwa 3 Prozent unserer Körpermasse aus.1 Alle 20 bis 60 Sekunden hat jede Blutzelle den gesamten Körper einmal durchreist, und jedes rote Blutkörperchen macht in seinem Leben etwa 75000 bis 250000 solcher Rundtrips. (Übrigens: Aneinandergereiht ergäben alle roten Blutkörperchen aus Ihrem Blut eine gut 50000 Kilometer lange Schlange.) In der Sekunde, die Sie zum Einatmen benötigen, verlieren Sie 3 Millionen rote Blutkörperchen, die in der nächsten Sekunde bereits wieder ersetzt sind. Wie lange würden Sie überleben, wenn Sie selbst daran denken müssten, all diese Prozesse in Gang zu halten? Es muss ein größerer Geist als der unsere sein, der diese Symphonie orchestriert.
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Gerade eben liefen in jeder einzelnen Ihrer Zellen etwa 100000 chemische Reaktionen ab. Jetzt multiplizieren Sie das mal mit den 70-100 Billionen Zellen Ihres Körpers: Das Ergebnis hat mehr Nullen, als die meisten Taschenrechner anzeigen können, und dennoch findet in unserem Körper jeden Augenblick diese gigantische Anzahl chemischer Reaktionen statt. Und müssen Sie auch nur an die Ausführung einer einzigen denken? Vielen von uns fällt es schon schwer, die Bewegungen auf ihrem Bankkonto im Auge zu behalten oder sich mehr als sieben Posten auf einer Einkaufsliste zu merken. Zu unserem Glück kümmert eine Intelligenz, die unser gewöhnliches Bewusstsein übersteigt, sich um all diese Abläufe.
In derselben Sekunde sind 10 Millionen Ihrer Zellen gestorben, doch haben gleichzeitig 10 Millionen neue Zellen ihren Platz eingenommen.2 Die Bauchspeicheldrüse erneuert täglich praktisch alle ihre Zellen. Und trotzdem müssen wir keinen Augenblick lang darüber nachdenken, was wir mit all diesen toten Zellen anfangen sollen oder was nötig ist, um die Mitose, die Produktion neuer Zellen, in Gang zu halten. Jüngsten Berechnungen zufolge soll die Kommunikation zwischen Zellen schneller als in Lichtgeschwindigkeit ablaufen.
In diesem Moment haben Sie vielleicht einen Teil Ihrer Aufmerksamkeit auf Ihren Körper gerichtet. Und dennoch sorgt nicht Ihr bewusstes Denken dafür, dass genau die richtige Art und Menge von Enzymen ausgeschüttet wird, die Sie für die Verdauung der zuvor gegessenen Nahrung benötigen. Vielmehr ist ein übergeordneter Mechanismus dafür verantwortlich, dass jede Stunde viele Liter Blut durch Ihre Nieren gefiltert werden, um Urin zu bilden und Abfallstoffe auszuscheiden. (Auch die besten Dialysegeräte können in einer Stunde nur etwa 15-20 Prozent der Abfallstoffe aus dem Blut filtern.) Diese überlegene Intelligenz erhält sämtliche 66 Funktionen der Leber aufrecht, wohingegen die meisten Menschen nicht einmal erahnen, dass dieses Organ überhaupt so viele Aufgaben erfüllt.
Dieselbe Kraft steuert winzige Proteine, welche die ausgeklügelten Abfolgen der DNA-Doppelspirale besser »entziffern« können als irgendeine unserer Technologien. Ziemlich eindrucksvoll, vor allem, wenn man sich vor Augen führt, dass die DNA aller unserer Zellen in lang gezogenem Zustand 150-mal von der Erde zur Sonne und zurück reichen würde!3 Irgendwie dirigiert unser größerer Geist diese winzigen Protein-Enzyme, die ständig durch die 3,2 Milliarden Nukleinsäureabfolgen flitzen und nach Mutationen suchen. Unser »Apparat der Inneren Sicherheit«, das Immunsystem, schlägt Tausende von Bakterien und Viren zurück, ohne dass wir von deren Attacken überhaupt etwas mitbekämen. Und es speichert die Erkennungsdaten dieser Angreifer, um besser gerüstet zu sein, falls sie wieder auftauchen.
Das Erstaunlichste von allem: Diese Lebenskraft weiß, wie sie aus nur zwei Zellen, Samen und Ei, alle unsere spezialisierten Zellen entwickeln kann – und das sind fast 100 Billionen. Nachdem sie uns so ins Leben gebracht hat, sorgt die Kraft für eine beständige Erneuerung dieses Lebens und steuert eine Unzahl von Prozessen. Wir bemerken das Wirken unseres höheren Geistes in der Regel nicht, doch beginnt unser Körper ab dem Augenblick unseres Todes zu zerfallen, weil diese Kraft ihn verlassen hat.
Wie die Menschen, mit denen ich sprach, musste auch ich anerkennen, dass in uns eine höhere Intelligenz waltet, die unsere bewussten Fähigkeiten bei Weitem übersteigt. Sie erfüllt unseren Körper in jedem Augenblick mit Leben. Wir sind bewusste Wesen, doch schenken wir gewöhnlich nur den Vorgängen Beachtung, die uns wichtig erscheinen. Jene 100000 chemischen Reaktionen, die jede Sekunde in unseren 100 Billionen Zellen ablaufen, sind ein wunderbarer Ausdruck von Lebenskraft. Aber sie dringen erst in unser Bewusstsein vor, wenn irgendetwas schiefläuft.
Dieser Aspekt des Selbst ist objektiv und bedingungslos. Solange wir leben, bringt die Lebenskraft sich durch uns zum Ausdruck, unabhängig von unserem Geschlecht, unserem Alter oder unseren genetisch bedingten Veranlagungen. Diese Intelligenz reicht über Rasse, Kultur, sozialen wie ökonomischen Status und religiösen Glauben hinaus. Sie schenkt uns allen Leben, ob es uns nun bewusst ist oder nicht, ob wir wachen oder schlafen, ob wir glücklich sind oder traurig. Ein tiefer gründendes Bewusstsein als unser alltägliches ermöglicht uns, Vorlieben und Abneigungen zu entwickeln, zuzulassen oder zu verurteilen. Es verleiht uns die Macht, unseren Lebensausdruck nach eigenem Wunsch zu gestalten.4
Diese Intelligenz ist imstande, sämtliche Zellen, Gewebe, Organe und Systeme des Körpers »am Laufen« zu halten, weil sie den Körper aus zwei einzelnen Zellen geschaffen hat. Wie schon gesagt: Die Kraft, die den Körper erschuf, erhält ihn auch aufrecht und heilt ihn.
Die Krankheiten meiner »Forschungssubjekte« waren gewissermaßen Zeichen dafür, dass sie den Kontakt zu dieser höheren Ordnung verloren oder sich von ihr entfernt hatten. Vielleicht hatte ihr eigenes Denken diese Intelligenz irgendwie zur Krankheit hin- und von der Gesundheit weggelenkt. Aber sie begriffen, dass diese Kraft ihren Körper würde heilen können, wenn sie nur erst (wieder) mit ihr in Verbindung träten. Ihr höherer Geist wusste, was zu tun war. Sie mussten es nur schaffen, Kontakt mit ihm aufzunehmen.
Die Fähigkeiten dieser uns innewohnenden Intelligenz, des Unterbewusstseins oder unseres spirituellen Wesens, sind bei Weitem umfassender, als es irgendeine Therapie, Pille oder Behandlung sein könnte, und sie wartet nur auf unsere Erlaubnis, um in Aktion zu treten. Wir reiten auf dem Rücken eines Giganten – und er verlangt nichts dafür.
Koinzidenz Nr. 2: Gedanken sind real und haben eine direkte Wirkung auf den Körper
Unsere Art zu denken beeinflusst unseren Körper und unser Leben. Vielleicht ist Ihnen diese Vorstellung nicht neu. Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, waren von dieser Auffassung nicht nur überzeugt, sondern nutzten sie, um etwas in ihrem Geist, in ihrem Körper und in ihrem persönlichen Leben bewusst zu verändern.
Um zu verstehen, wie sie das geschafft hatten, widmete ich mich dem Studium der zunehmenden Menge an Forschungsergebnissen über die Beziehung zwischen Gedanken und Körper. Der neue Wissenschaftsbereich der Psycho-Neuro-Immunologie hat diese Beziehung nachgewiesen. Ich fasse hier kurz und bündig zusammen, was ich in meinen Studien gelernt habe:
Jeder Gedanke verursacht eine biochemische Reaktion im Gehirn. Das Gehirn setzt dann chemische Signale frei, die an den Körper übermittelt werden, sozusagen als Boten des Gedankens. Jeder Gedanke erzeugt einen chemischen Stoff, der zu einem bestimmten Körpergefühl gehört. Dank dieser »Botenstoffe « (Neurotransmitter) fühlt Ihr Körper, was Sie gerade gedacht haben. Wenn Sie glückliche, inspirierende oder positive Gedanken hegen, produziert Ihr Gehirn Chemikalien, die freudige, inspirierende oder erhebende Gefühle hervorrufen. Rechnen Sie beispielsweise mit einem angenehmen Erlebnis, dann schüttet Ihr Gehirn einen Neurotransmitter namens Dopamin aus, der Ihren Körper auf dieses Ereignis einstimmt und bewirkt, dass Sie sich voll freudiger Erwartung fühlen. Hegen Sie dagegen Empfindungen wie Hass, Ärger oder Verunsicherung, produziert Ihr Gehirn die entsprechenden Chemikalien, sogenannte Neuropeptide: Der Körper reagiert dann folgerichtig mit Gefühlen von Hass, Ärger oder Minderwertigkeit: So werden Ihre Gedanken unmittelbar Wirklichkeit.
Hat der Körper mit einem Gefühl auf einen Gedanken reagiert, wird das vom Gehirn registriert, denn es überprüft den Zustand des Körpers ständig und wertet ihn aus. Als Antwort auf diese körperliche Empfindung produziert das Gehirn dann Gedanken, welche die dazu passenden chemischen Botenstoffe ausschütten; das heißt, wir denken dann genau so, wie wir fühlen. Denken erzeugt Gefühle und Gefühle erzeugen daraufhin Gedanken – in einem unendlichen Kreislauf.
Diese »Endlosschleife« hat eine entscheidende Wirkung darauf, wie wir uns fühlen und verhalten. Wir werden das hier als »Seinszustand« bezeichnen. Angenommen, ein Mensch hängt einen großen Teil seines Lebens in einer Schleife sich wiederholender Gedanken und Gefühlen innerer Verunsicherung fest. Sowie er daran denkt, er sei nicht gut genug oder klug genug, setzt sein Gehirn Chemikalien frei, die in seinem Körper das Gefühl der Verunsicherung auslösen. Jetzt fühlt er sich so, wie er denkt. Und sobald er sich verunsichert fühlt, wird er anfangen, so zu denken, wie er sich fühlt. Das heißt, nun erzeugt sein Körper bestimmte Gedanken. Diese Gedanken führen zu noch mehr Verunsicherung, und das bedeutet, das Ganze schaukelt sich immer weiter hoch. Hegt ein Mensch diese Gedanken und Gefühle jahrelang, verfestigt sich dieser Biofeedback-Kreislauf, und der Betreffende wird permanent in einem Seinszustand der Verunsicherung leben.
Je öfter wir dieselben Gedanken haben, die dann zur Ausschüttung derselben Chemikalien führen, was dieselben Gefühle nach sich zieht, desto stärker werden wir auch körperlich von unseren Gedanken geprägt. Unser Seinszustand hängt davon ab, was wir denken und fühlen. Und die Energie oder Intensität dieser Gedanken hat einen direkten Einfluss auf unsere Gesundheit, unsere Entscheidungen und dadurch letztlich auf unsere Lebensqualität.
Viele meiner Interviewpartner hatten begriffen, dass eine Menge ihrer Gedanken ihrer Gesundheit nicht nur nicht besonders dienlich waren, sondern vielleicht sogar die Ursache dafür, dass sich ihr unglücklicher und ungesunder Zustand vorrangig entwickelt hatte. Viele von ihnen hatten jahrzehntelang in Zuständen der Ängstlichkeit, Besorgtheit, Traurigkeit, Eifersucht, Wut oder anderen emotionalen Leiden gelebt. Sie erkannten, dass ihre Beschwerden sich manifestiert hatten, weil sie so lange in diesem Kreislauf des Denkens und Fühlens gefangen gewesen waren.
Daraus zogen sie den Schluss, sie müssten ihre innere Haltung ändern, um gesund zu werden: Jene Gedankengruppen auflösen, die für sie bisher gewohnheitsmäßig miteinander verbunden waren.5 Unsere inneren Haltungen oder Einstellungen erzeugen einen Seinszustand, der direkt auf unseren Körper einwirkt. Wer seiner Gesundheit dienen möchte, muss ganze Denkmuster verändern: Seine neuen Denkmuster oder Haltungen werden ihn in einen neuen Seinszustand führen. Dazu müssen die endlosen Teufelskreise aus negativem Denken und Fühlen, Fühlen und Denken durchbrochen und durch neue, wohltuende Muster ersetzt werden.
Hier noch ein weiteres Beispiel: Ständige Verdauungsbeschwerden und Rückenschmerzen brachten Tom irgendwann dazu, sein Leben näher unter die Lupe zu nehmen. Wie sich dabei herausstellte, hatte er seine Verzweiflung wegen seiner unbefriedigenden Arbeitsstelle seit allzu langer Zeit unterdrückt. Volle zwei Jahrzehnte lang hatte er sich über seinen Chef, seine Kollegen und seine Familie geärgert. Andere Menschen erlebten Tom oft als aufbrausend, insgeheim jedoch fühlte er sich als Opfer und bemitleidete sich selbst.
Die ständig wiederholten Erfahrungen dieser rigiden Muster im Denken, Glauben, Fühlen und Leben »vergifteten« seine innere Haltung, bis Toms Körper sie einfach nicht mehr »verdauen« konnte. Tom erzählte mir, seine Heilung habe begonnen, als er eines realisiert hatte: Seine unbewussten Einstellungen bildeten die Grundlage seines Zustandes – die Grundlage der Person, zu der er geworden war. Viele meiner damaligen Gesprächspartner sind irgendwann zu einem ähnlichen Schluss gelangt wie Tom.
Um ihre innere Haltung sukzessive zu verändern, begannen sie damit, ihre Gedanken ständig zu überwachen. Insbesondere bemühten sie sich, ihre automatischen Denkprozesse genau zu beobachten, vor allem die schädlichen. Wie sie zu ihrer Überraschung feststellten, waren die meisten ihrer hartnäckig aufrechterhaltenen negativen inneren Behauptungen gar nicht wahr! Anders ausgedrückt: Nur weil wir einen Gedanken haben, bedeutet das noch lange nicht, dass wir ihm auch glauben müssen.
Tatsächlich sind die meisten unserer Gedanken von uns selbst erfunden. Dass wir ihnen irgendwann Glauben schenken, geschieht aus Gewohnheit. Sheila, der Patientin mit den Verdauungsstörungen, fiel beispielsweise auf, wie oft sie dachte, sie sei ein Opfer und könne nichts an ihrem Leben ändern. Sie erkannte, dass diese Gedanken Gefühle der Hilflosigkeit auslösten. Als sie sie infrage stellte, musste sie zugeben, dass ihre hart arbeitende Mutter eigentlich nichts getan hatte, um Sheila davon abzuhalten, ihre Träume zu verwirklichen.
Manche meiner Gesprächspartner verglichen ihre sich wiederholenden Gedanken mit Computerprogrammen, die den ganzen Tag im Hintergrund ihres Lebens abliefen. Doch da sie selbst diese Programme am Laufen hielten, konnten sie sie auch verändern oder gar löschen.
Das war eine wesentliche Erkenntnis. Alle Menschen, mit denen ich im Rahmen meiner Untersuchung sprach, hatten irgendwann mit dem Gefühl gekämpft, ihre Gedanken seien unkontrollierbar. Sie mussten sie überwinden und sich dafür entscheiden, selbst frei über ihre Gedanken zu bestimmen. Jeder hatte irgendwann den Entschluss gefasst, gewohnte negative Denkprozesse zu durchbrechen, bevor sie zu schmerzhaften chemischen Körperreaktionen führen konnten. Diese Menschen hatten sich ganz klar entschieden, die Kontrolle über ihre Gedanken zu gewinnen und Denkmuster auszumerzen, die ihnen abträglich waren.
Bewusste Gedanken werden zu unbewusstem Denken, wenn man sie nur oft genug wiederholt. Das bekannteste Beispiel dafür ist das Autofahren. Während der Fahrstunden müssen wir noch an alles denken, aber sobald wir Übung haben, können wir eine lange Strecke von A nach B zurücklegen und erinnern uns hinterher an keinen Teil des Weges, weil unser Unterbewusstsein die ganze Zeit über am Steuer saß. Jeder hat es schon erlebt, dass er routinemäßig, ohne jede bewusste Aufmerksamkeit, fuhr und sein bewusstes Denken sich plötzlich einschaltete, weil beispielsweise der Motor ein ungewohntes Geräusch von sich gab. Denken wir also ständig dasselbe, geschieht das zunächst zwar noch bewusst, doch mit der Zeit werden die Gedanken unbewusst und automatisiert. Für diesen Prozess existiert eine vernünftige neurowissenschaftliche Erklärung. Wenn Sie dieses Buch zu Ende gelesen haben, werden Sie auch die wissenschaftliche Sichtweise verstanden haben.
Diese unbewussten Denkmuster werden zu unseren unbewussten Seinsmustern. Sie haben eine direkte Wirkung auf unser Leben – genauso wie bewusste Gedanken. Alle unsere Gedanken erzeugen biochemische Reaktionen, die ein bestimmtes Verhalten auslösen; insofern erzeugen auch unsere wiederholten, unbewussten Gedanken automatisierte Verhaltensmuster, die wir als nahezu zwingend empfinden. Diese Verhaltensmuster sind Gewohnheiten, die neurologisch im Gehirn »fest verdrahtet« werden.
Es kostet Aufmerksamkeit und Mühe, den Teufelskreis eines unbewusst ablaufenden Denkmusters zu verlassen. Zuerst müssen wir unsere Routine durchbrechen und uns unser Leben ansehen. Durch Kontemplation und Selbstreflexion werden wir uns unserer unbewussten Drehbücher bewusst. Dann müssen wir lernen, diese Gedanken wahrzunehmen, ohne dementsprechend zu reagieren, um die automatischen chemischen Prozesse zu unterbinden, die ein bestimmtes Verhalten nach sich ziehen. Jeder Mensch trägt die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung, zur Beobachtung der eigenen Gedanken in sich. Wir müssen lernen, uns von diesen Programmen zu distanzieren, dann können wir sie auch beherrschen. So erlangen wir schließlich die Kontrolle über unsere Gedanken. Damit unterbrechen wir neurologische Verknüpfungen, die sich verfestigt haben.
Da die Neurowissenschaft uns zeigt, dass Gedanken im Gehirn zu chemischen Reaktionen führen, erscheint es nur logisch, dass eine Veränderung unserer inneren Einstellung auch eine Wirkung auf unseren Körper haben muss. Unsere Gedanken wirken nicht nur auf die Art, wie wir leben; unsere Gedanken wirken bis in die Materie unseres Körpers hinein – ja, sie werden Materie.
Ihre Überzeugung, Gedanken seien real wirksam und das, was Menschen denken, habe einen direkten Einfluss auf ihr Leben und ihre Gesundheit, brachte diese Menschen zu der Erkenntnis, dass ihr eigenes Denken sie in Schwierigkeiten gebracht hatte. Sie begannen, ihr Leben zu analysieren, und in dem gleichen Maß, wie sie ihr Denken veränderten, gelang es ihnen auch, ihre Gesundheit zurückzugewinnen. So kann eine neue Einstellung ebenfalls zu einer neuen Gewohnheit werden.
Koinzidenz Nr. 3: Wir können uns selbst neu erfinden
Diesen aufgrund ihrer physischen und mentalen Erkrankungen hoch motivierten Menschen war etwas klar geworden: Sie mussten konsequent am Denken neuer Gedanken festhalten. Um ein anderer Mensch zu werden, musste jeder sich in ein neues Leben hineindenken. Alle, die ihre Gesundheit wiedergewonnen haben, hatten irgendwann bewusst die Entscheidung getroffen, sich selbst neu zu erfinden. Jeder brach aus seiner täglichen Routine aus, verbrachte Zeit allein, reflektierte und dachte darüber nach, was für eine Art Mensch er denn werden wollte. Alle stellten sie Fragen und zogen ihre bisherigen Annahmen über sich selbst ganz grundsätzlich in Zweifel.
»Was wäre, wenn …«-Fragen spielen bei diesem Prozess eine zentrale Rolle. Was wäre, wenn ich damit aufhörte, ein unglückliches, selbstbezogenes, leidendes Opfer zu sein, und wie stelle ich das an? Was wäre, wenn ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, mich schuldig zu fühlen oder Groll zu hegen? Was wäre, wenn ich anfinge, mir selbst und anderen gegenüber aufrichtig zu sein?
Diese »Was wäre, wenn …«-Fragen münden in andere Fragen: Welche Menschen in meinem Bekanntenkreis sind meistens glücklich und wie verhalten sie sich? Welche historischen Gestalten bewundere ich? Wie könnte ich ihnen ähnlich werden? Wie müsste ich reden, handeln und denken, um mich der Welt anders zu präsentieren? Was möchte ich an mir verändern?
Das Sammeln von Informationen war ein weiterer wichtiger Schritt. Um neue Vorstellungen von sich selbst entwickeln zu können, mussten meine Gesprächspartner das, was sie über sich selbst wussten, entsprechend ummodeln. Jeder leitete erste Ideen aus seinen eigenen Lebenserfahrungen ab. Darüber hinaus durchforsteten sie aber auch Bücher und Filme nach Menschen, die sie beeindruckten. Aus den positiven Aspekten dieser Persönlichkeiten und den ihnen erstrebenswert erscheinenden Qualitäten bildeten sie das Rohmaterial für das Bild ihres eigenen neuen Selbstausdrucks im Leben.
Ihre Erkundungen einer besseren Art des Seins brachte sie auch zu neuen Denkweisen. Sie unterbrachen den Strom der sich wiederholenden Gedanken, die sonst den größten Teil ihres Wachbewusstseins besetzt gehalten hatten. In dem gleichen Maß, wie sie die vertrauten, bequemen Denkgewohnheiten losließen, konnten sie neue Konzepte davon kreieren, wer sie werden wollten, und an die Stelle ihrer alten Vorstellungen von sich selbst neue Ideale setzen. Sie nahmen sich die Zeit, täglich mental zu üben, wie dieser neue Mensch sein würde. Wie im ersten Kapitel erwähnt, stimuliert das mentale Üben das Gehirn, neue neuronale Verbindungen herzustellen, und verändert die Art, wie Gehirn und Geist arbeiten.
1995 wurde im Journal of Neurophysiology ein Artikel veröffentlicht: Er behandelte die Wirkung, die rein mentales Üben auf die neuronalen Netzwerke des Gehirns hat.6
Neuronale Netzwerke sind individuelle Gruppen von Nervenzellen (oder Neuronen), die in einem funktionierenden Gehirn mit einer gewissen Unabhängigkeit zusammenarbeiten. Neuronale Netzwerke sind das neueste Modell, anhand dessen die Neurowissenschaftler darlegen, wie unser Lernen und unsere Erinnerung funktionieren. Sie können auch erklären, wie das Gehirn sich mit jeder neuen Erfahrung verändert, wie verschiedene Arten von Erinnerungen sich ausbilden, wie Fähigkeiten sich entwickeln, wie es zu bewusstem und unbewusstem Handeln und Verhalten kommt, ja selbst, wie alle Formen sensorischer Wahrnehmungen verarbeitet werden. Neuronale Netzwerke bilden das Grundelement, auf dessen Basis die Neurowissenschaft erklärt, wie wir uns auf der Zell-Ebene verändern.
Bei dem speziellen Forschungsprojekt nahmen vier Gruppen von Probanden an einer fünftägigen Studie teil: Ziel des Vorhabens war, zu messen, welche Veränderungen im Gehirn beim Klavierüben stattfinden. Die erste Gruppe lernte eine bestimmte, einhändig zu spielende Sequenz auf dem Klavier, die alle fünf Finger beanspruchte; diese sollte über einen Zeitraum von fünf Tagen täglich zwei Stunden physisch geübt werden. Die Mitglieder der zweiten Gruppe sollten in derselben Zeit einfach wahllos auf dem Klavier herumklimpern. Die dritte Gruppe kam nie einem Klavier nahe: Die Teilnehmer sollten beobachten, was der ersten Gruppe beigebracht wurde, bis sie die Sequenz auswendig konnten, und sie dann mental üben, indem sie sich vorstellten, sie fünf Tage lang täglich zwei Stunden auf dem Klavier zu wiederholen. Die vierte Gruppe diente ausschließlich als Kontrollgruppe und tat gar nichts; in dieser Phase der Studie trat sie nicht einmal in Erscheinung.
Nach Ablauf der fünf Tage wurde bei allen Probanden mithilfe der sogenannten »transcranialen magnetischen Stimulation« und ein paar anderer technologisch hoch entwickelter Apparate gemessen, ob sich in ihrem Gehirn etwas verändert hatte. Zur allgemeinen Überraschung wiesen die Gehirne jener Gruppenteilnehmer, die rein mental geübt hatten, beinahe identische Veränderungen auf – die Erweiterung und Entwicklung neuronaler Netzwerke in dem gleichen Bereich des Gehirns –, wie die Gehirne derjenigen, die tatsächlich physisch Klavier geübt hatten. Die Gehirne der zweiten Gruppe, die nichts Spezifisches gelernt und geübt hatte, zeigten nur geringe Veränderungen: Ihre Übungen hatten aufgrund ihres Zufallscharakters nicht wiederholt dieselben Netzwerke stimuliert und deshalb keine bestimmten Nervenzellverbindungen gestärkt. Und bei der »untätigen« Kontrollgruppe hatte sich gar nichts verändert.
Wie konnte es dazu kommen, dass die dritte Gruppe beinahe identische Veränderungen im Gehirn aufwies wie die erste, wobei doch die Teilnehmer nie eine Klaviertaste berührt hatten? Durch ihren mentalen Fokus hatten sie immer wieder bestimmte neuronale Netzwerke in spezifischen Bereichen des Gehirns feuern lassen. Das bewirkte, dass diese Nervenzellen stärkere Verbindungen untereinander entwickelten. In den Neurowissenschaften nennt man das »Hebb’sches Lernen«.7 Das Konzept ist simpel: »Neurons that fire together, wire together« (»Nervenzellen, die gemeinsam feuern, verschalten sich.«). Werden bestimmte Gruppen von Neuronen regelmäßig stimuliert, verstärken sie ihre Verbindungen zueinander.
Demzufolge hatten die Probanden, die rein mental geübt hatten, ihr Gehirn genauso stark aktiviert wie jene, die tatsächlich Klavier gespielt hatten. Das wiederholte Feuern der Neuronen bildete in einem bestimmten Teil des Gehirns eine Neuronengruppe, die das bewusst gewählte Muster unterstützte. Die damit verbundenen Gedanken wurden dem Gehirn willentlich eingeprägt. Interessanterweise bildeten und verstärkten sich die neuen Netzwerke an genau der gleichen Stelle wie bei der Gruppe, die körperlich übte. Sie veränderten ihr Gehirn einfach durch ihr Denken. Wenn der Fokus stark genug ist, erkennt das Gehirn keinen Unterschied zwischen dem Vorgestellten und dem tatsächlich Ausgeführten.
Sheilas Erfahrungen bei der Heilung ihrer Verdauungsprobleme illustrieren diesen Prozess der Neuerfindung: Sie hatte beschlossen, sich nicht mehr mit Erinnerungen an die Vergangenheit und ihrer damit verbundenen Opferhaltung plagen zu wollen. Sheila hatte die zur Gewohnheit gewordenen Gedankengänge erkannt, die sie loslassen wollte, und genug Aufmerksamkeit entwickelt, um ihren unbewussten Gedankenfluss unterbrechen zu können. Als Resultat feuerten nicht mehr dieselben alten neuronalen Netzwerke täglich in ihr. Nachdem Sheila die Oberhand über die alten Denkmuster gewonnen hatte, begann ihr Gehirn, diese nicht länger genutzten Kreisläufe allmählich aufzulösen. Das ist ein weiterer Aspekt des Hebb’schen Lernens, er lässt sich auf die knappe Formel bringen: Nervenzellen, die nicht mehr gemeinsam feuern, lösen sich voneinander. Hier gilt das alte Sprichwort: »Wer rastet, der rostet.« Dieses Prinzip kann bei der Veränderung unserer selbst wahre Wunder wirken.
Im Lauf der Zeit legte Sheila immer mehr von der Last der hinderlichen alten Gedanken ab, die ihr Leben bis dahin geprägt hatten. Das erleichterte ihr, sich vorzustellen, was für eine Art von Mensch sie sein wollte. Nun gestand sie sich Möglichkeiten zu, die sie früher nicht einmal in Erwägung gezogen hatte. Wochenlang konzentrierte sie sich darauf, wie sie als diese neue, unbekannte Person denken und handeln würde. Sie übte dieses neue Bild von sich selbst ein, sooft es irgend ging, um sich immer wieder daran zu erinnern, wer sie sein würde. Schließlich wurde sie zu einem Menschen, der gesund und glücklich in die Zukunft blickte. Gleich den Klavierspielern hatte auch Sheila neue neuronale Schaltkreise errichtet.
Interessanterweise berichtete der überwiegende Teil meiner Gesprächspartner, sie hätten sich bei diesen Übungen nie disziplinieren müssen. Sie hatten es geliebt, mental zu trainieren, wer sie werden wollten.
Genau wie Sheila war es allen meinen Gesprächspartnern erfolgreich gelungen, sich selbst neu zu erfinden. Sie hielten an ihren neuen Idealen fest, bis diese ihnen »in Fleisch und Blut übergegangen« waren. Sie wurden zu neuen Menschen mit neuen Gewohnheiten. Sie brachen mit den alten Gewohnheiten, ihrem alten Selbst. Wie sie das fertig brachten, bringt uns zum vierten Credo, das alle, die körperliche Heilung erfuhren, gemeinsam haben.
Koinzidenz Nr. 4: Wir sind in der Lage, uns so zu fokussieren, dass wir Zeit und Raum vergessen
Da meine Interviewpartner wussten, dass schon andere vor ihnen sich selbst von Krankheiten geheilt hatten, glaubten sie daran, es sei auch ihnen möglich. Doch wollten sie ihre Heilung nicht dem Zufall überlassen. Einfach hoffen und wünschen würde wohl kaum ausreichen. Auch das bloße Wissen, was zu tun wäre, genügte nicht. Um das erwünschte Ergebnis zu erzielen, mussten diese ungewöhnlichen Menschen ihren Geist bewusst und dauerhaft verändern. Jeder Einzelne musste an den Punkt absoluter Entschlossenheit, Willenskraft, Leidenschaft und Konzentration gelangen. Wie Dean gesagt hatte: Man muss seinen Kopf klar kriegen.
Dieser Ansatz erfordert große Anstrengungen. Bei allen bestand der erste Schritt darin, diesem Prozess den wichtigsten Platz in ihrem Leben einzuräumen. Das bedeutete, aus den gewohnten Zeitplänen, sozialen Aktivitäten, Fernsehgewohnheiten und so weiter auszusteigen. Wären sie weiter bei ihrer täglichen Routine geblieben, wären sie auch dieselben Personen geblieben, die ihre Krankheiten entwickelt hatten. Um sich zu verändern, um aufzuhören, ihr altes Selbst zu sein, mussten sie sich auch von ihren typischen Gewohnheiten trennen.
Also setzten sich alle, aber jeder im Alleingang, Tag für Tag hin und unternahmen es, sich selbst neu zu erfinden. Da ihnen das wichtiger war als alles andere, widmeten sie diesem Prozess jede freie Minute. Alle übten sich zunächst darin, ihre gewohnten Gedanken zu beobachten und ließen sich durch nichts davon ablenken.
Vielleicht sagen Sie jetzt: »Angesichts einer ernsthaften Erkrankung ist das ja auch nicht so schwer, aber bei mir steht schließlich nicht gerade das Leben auf dem Spiel.«
Nun, haben wir nicht alle unter irgendwelchen Gebrechen zu leiden – seien sie körperlicher, emotionaler oder spiritueller Natur –, die unsere Lebensqualität einschränken? Verdienen diese Beschwerden nicht dieselbe Aufmerksamkeit?
Natürlich hatten auch meine Gesprächspartner sich mit Zweifeln, widrigen Überzeugungen und Ängsten herumzuschlagen. Jeder musste sich sowohl seiner eigenen, altvertrauten inneren Stimme gegenüber taub stellen wie auch den Kommentaren von außen, von anderen Menschen, die ihm Sorgen einreden wollten und entgegenhielten, was ihn aus schulmedizinischer Sicht erwarte.
Fast alle Betroffenen wiesen darauf hin, diese neue innere Haltung sei nicht so leicht zu erringen. Wie unendlich viel der untrainierte Geist vor sich hin plappert, war ihnen vorher nie klar gewesen. Zuerst fragten sie sich, ob sie wohl in ihre gewohnten Muster zurückfallen oder ob sie überhaupt stark genug sein würden, dem alten Modus Widerstand zu leisten. Würden sie es schaffen, sich den ganzen Tag über ihrer Gedanken bewusst zu sein? Wie sich im Lauf der Zeit jedoch herausstellte, merkten sie es rasch, wenn sie in alte Muster zurückfielen, und so konnten sie das Programm unterbrechen. Je mehr sie trainierten, auf ihre Gedanken zu achten, desto einfacher ging es und desto besser fühlten sie sich hinsichtlich ihrer Zukunft. Und aus diesem Gefühl der Ruhe, Gelassenheit und Klarheit tauchte allmählich ein neues Selbst auf.
Interessanterweise berichteten alle von einem Phänomen, das Teil ihres neuen Lebens wurde: Widmeten sie sich über längere Phasen hinweg der Innenschau und Neuerfindung ihrer selbst, dann konzentrierten sie sich oft so sehr auf den gegenwärtigen Augenblick und ihre Absicht, dass etwas Erstaunliches geschah: Sie verloren vollkommen die Wahrnehmung von Körper, Zeit und Raum. Es existierte nichts mehr für sie – nur ihre Gedanken.
Lassen Sie mich das näher erklären. Unser alltägliches Bewusstsein ist für gewöhnlich mit drei Dingen beschäftigt:
• Erstens sind wir uns bewusst, in einem Körper zu sein. Unser Gehirn empfängt ein Feedback darüber, was im Körper vor sich geht und welche Reize er von unserer Umgebung aufnimmt. Wir bezeichnen das als »Körperempfindungen«.
• Zweitens sind wir uns unserer Umgebung bewusst. Der Raum um uns herum ist unsere Verbindung zur äußeren Wirklichkeit. Wir achten auf die Dinge, Objekte, Personen und Orte in unserer Umgebung.
• Drittens haben wir ein Bewusstsein der verstreichenden Zeit; wir strukturieren unser Leben innerhalb des Konzepts von Zeit.
Doch wenn Menschen sich mithilfe ernsthafter, selbstreflektierender Kontemplation nach innen richten und mental neue Möglichkeiten ausprobieren, wer sie werden könnten, dann versinken sie unter Umständen so tief darin, dass ihre Aufmerksamkeit sich völlig von ihrem Körper und ihrer Umgebung löst; beide scheinen zu verblassen oder ganz zu verschwinden. Selbst das Konzept von Zeit löst sich auf. Und öffnen sie Augen wieder, stellen sie vielleicht fest, dass die Zeitspanne, die ihnen wie Minuten erschien, in Wahrheit Stunden waren. In diesem Zustand wälzen wir keine Probleme und spüren keinen Schmerz. Wir lösen uns von den Empfindungen unseres Körpers und von der Verbindung mit den Dingen um uns herum. Wir können uns so tief auf diesen schöpferischen Prozess einlassen, dass wir uns darüber selbst vergessen.
Taucht dieses Phänomen auf, ist die betreffende Person sich nur noch ihrer Gedanken bewusst. Das Einzige ihr wirklich Erscheinende ist die Wahrnehmung dessen, was sie denkt. Fast alle meine Gesprächspartner haben das mit ähnlichen Worten zum Ausdruck gebracht: »Ich gehe innerlich zu dem anderen Platz in meinem Geist«, sagte eine Frau, »wo es keine Ablenkungen gibt, keine Zeit, wo ich keinen Körper habe, wo es nichts gibt – außer meinen Gedanken.« Alle verließen sie ihre gewohnte Verbindung mit dem »Selbst«, damit, »Jemand« zu sein, und wurden zum »Niemand«.
Und in genau diesem Zustand, so erfuhr ich, konnten sie beginnen, das zu werden, was sie sich vorgestellt hatten. Das menschliche Gehirn, insbesondere der Frontallappen, besitzt die Fähigkeit, Lautstärke zu drosseln, ja äußere Reize ganz auszuschalten, darunter auch die Zeitwahrnehmung. Wie neueste Erkenntnisse der funktionellen Hirnscan-Technologie belegen, kommen die mit den Zeit-, Raum-, Gefühls-, Bewegungs- und Sinneswahrnehmungen beschäftigten neuronalen Schaltkreise bei hoch konzentrierten Menschen buchstäblich zur Ruhe.8 Als Menschen genießen wir einen Vorteil: Wir sind imstande, unsere Gedanken realer werden zu lassen als alles andere, und wenn wir das tun, speichert unser Gehirn diese Eindrücke in den tiefen Falten seines Gewebes. Wenn wir diese Fähigkeit meistern, können wir anfangen, unser Gehirn neu zu programmieren und unser Leben zu verändern.
Was ist Aufmerksamkeit?
Zu den neuesten Erkenntnissen der Neurowissenschaften gehört: Um die Architektur des Gehirns zu verändern, müssen wir auf unser Erleben im gegenwärtigen Moment achten. Neuronale Netzwerke, die passiv stimuliert werden, d.h. ohne dass wir den Auslöser beachten, bewirken keine Veränderungen im Gehirn. Vielleicht hören Sie während Ihrer Lektüre dieses Buchs beispielsweise in der Wohnung über Ihnen jemanden staubsaugen. Hat dieses Geräusch für Sie keine Bedeutung, werden Sie es nicht weiter beachten, sondern einfach weiterlesen. Was Sie gerade lesen, ist Ihnen sehr wichtig, deswegen aktiviert Ihre Aufmerksamkeit nur ganz bestimmte neuronale Kreisläufe Ihres Gehirns, während andere, unwichtige Wahrnehmungen ausgefiltert werden.
Was also ist Aufmerksamkeit? Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit auf etwas richten, missachten Sie währenddessen alle anderen Informationen, die Ihnen sensorisch zur Verfügung stünden. Sie können auch zufällig aufkommende Erinnerungen unterbinden. Sie lassen Ihre Gedanken nicht zu den Überlegungen wandern, was es wohl zum Abendessen gibt, wie das letzte Weihnachtsfest war oder was Sie von Ihrem Kollegen denken. Sie hindern Ihren Geist daran, irgendetwas anderes zu tun als das, was Ihnen in diesem Augenblick wichtig erscheint. Ohne diese Selektionsfähigkeit könnten Sie nicht überleben. Und diese Fähigkeit, Ihre Aufmerksamkeit auf eine kleine Auswahl an Informationen zu konzentrieren, sitzt im Frontallappen Ihres Gehirns.
Der Frontallappen ermöglicht es Ihnen, Ihre Aufmerksamkeit auf eine Sache gerichtet zu halten – beispielsweise darauf, diese Seiten zu lesen –, weil er währenddessen andere Gehirnbereiche abschaltet, die mit Empfindungen wie Hören und Schmecken oder dem Bewegen Ihrer Beine, dem Spüren Ihres Gesäßes auf dem Sofa, mit Kopfschmerzen oder auch der Wahrnehmung Ihrer vollen Blase zu tun haben. Je besser es Ihnen daher gelingt, sich auf Ihre inneren mentalen Bilder zu konzentrieren, desto gründlicher können Sie Ihr Gehirn umprogrammieren und desto leichter wird es Ihnen fallen, andere Kreisläufe des Gehirns zu steuern, die ähnliche sensorische Reize verarbeiten. Mit anderen Worten: Aufmerksamkeit ist eine Kunst – und eine notwendige Voraussetzung!
Andere Gemeinsamkeiten
Darüber hinaus enthielten die Schilderungen meiner Gesprächspartner weitere Gemeinsamkeiten, die allerdings weniger gewichtig waren als die vier genannten. Ich beschränke mich auf die Erwähnung von zwei weiteren: Erstens wussten diese Menschen tief in ihrem Inneren mit großer Sicherheit, dass sie geheilt waren. Sie benötigten keinerlei diagnostische Beweise für das Verschwinden ihrer Krankheit – allerdings unterzogen sich dennoch viele bestätigungshalber entsprechenden Tests.
Zweitens hatten etliche der behandelnden Ärzte ihre Entscheidung gegen eine konventionelle Behandlungsmethode für Wahnsinn erklärt. Und sogar, als die Betreffenden sich ihren Ärzten als geheilt präsentierten, wollten diese es zunächst nicht glauben. Das ist in gewisser Weise verständlich, wenn auch sehr bedauerlich. Immerhin sagten die meisten Ärzte angesichts der bei diesen Menschen objektiv messbaren Veränderungen: »Ich weiß zwar nicht, was Sie anstellen, aber was auch immer es sein mag: Machen Sie damit weiter!«
Neue Durchbrüche in der Hirnforschung
Meine Erforschungen des Phänomens der Spontanheilungen ließen mein Interesse an allem, was es über das Gehirn zu wissen gibt, wieder hell aufflammen. Unsere heutige Zeit ist in dieser Hinsicht ungeheuer spannend: Noch nie zuvor konnten wir – dank der Neurowissenschaft – so viel über dieses bemerkenswerte Organ in Erfahrung bringen. Einige der jüngsten Erkenntnisse darüber, wie das Gehirn Gedanken erzeugt, könnten uns Hinweise liefern, wie wir in unserem Körper und in unserem Leben vieles zum Positiven wenden können.
Wer vor über 20 Jahren zur Schule ging, dem wurde noch beigebracht, das Gehirn habe wenig Veränderungsspielraum; unsere angeborenen Nervenzellverbindungen hätten uns im Hinblick auf Neigungen, Charakterzüge und Gewohnheiten bereits weitgehend festgelegt. Aus wissenschaftlicher Sicht galt das Gehirn damals als unveränderlich. Und sicher stimmt auch, dass alle Menschen in bestimmten Bereichen ihres Gehirns auf dieselbe, festgelegte Weise funktionieren, denn wir alle besitzen in vielerlei Hinsicht identische körperliche Strukturen und Funktionen.
Doch wie die heutige Forschung beweist, ist das Gehirn keineswegs so festgelegt, wie wir einst dachten. Wie wir inzwischen wissen, kann jeder von uns, in jedem Alter, neues Wissen erwerben, in seinem Gehirn verarbeiten und zu neuen Gedanken formulieren, wobei diese Prozesse in unserem Gehirn Spuren hinterlassen, genauer gesagt: neue synaptische Verbindungen. Das macht Lernen aus.
Neben Wissen zeichnet das Gehirn auch jede neue Erfahrung auf. Wenn wir etwas erleben, übertragen unsere Sinne Unmengen von Informationen ans Gehirn und übermitteln, was wir sehen, riechen, fühlen, hören und schmecken. Die Neuronen organisieren sich in entsprechenden Verbindungsnetzwerken, die diese Erfahrungen widerspiegeln. Die Neuronen bewirken auch die Ausschüttung von Chemikalien, die bestimmte Gefühle bewirken. Diese unterstützen uns dabei, uns an eine Erfahrung zu erinnern. Der Prozess der Ausformung von Erinnerungen hilft, die neuen neuronalen Verbindungen längerfristig aufrechtzuerhalten. Unser Gedächtnis ist einfach ein Prozess der Aufrechterhaltung neuer synaptischer Verbindungen.9
Die Wissenschaft ist dabei, genauer zu erforschen, wie wiederholte Gedanken diese neurologischen Verbindungen stärken und unsere Gehirnfunktionen beeinflussen. Wie einige interessante Studien belegen, ruft mentales Üben nicht nur Veränderungen im Gehirn hervor, sondern zeigt auch im Körper Wirkung. Probanden, die sich beispielsweise vorstellten, mit einem bestimmten Finger eine Zeit lang Gewichte zu heben, stärkten damit nachweislich den Finger.10
Anders als der Mythos vom festgelegten Gehirn uns glauben machen wollte, wissen wir heute: Das Gehirn verändert sich durch jede Erfahrung, jeden neuen Gedanken und durch alles, was wir neu lernen. Man nennt das »Plastizität«. Und es mehren sich die Beweise dafür, dass das Gehirn sich in jedem Alter verändern und formen lässt. Je tiefer ich in die Erkenntnisse über die Plastizität des Gehirns eindrang, desto mehr faszinierte mich, dass man das Gehirn mithilfe bestimmter Informationen und Fähigkeiten gezielt beeinflussen kann.
Die Plastizität des Gehirns ist seine Fähigkeit, sich bis weit in unser Erwachsenenalter hinein umzuformen und umzuorganisieren. Bei professionellen Geigern zum Beispiel findet man eine bemerkenswerte Vergrößerung des somatosensorischen Cortex (der mit dem Tastsinn verbundenen Gehirnregion), allerdings überwiegend im Bereich der linken Hand, die den Geigenhals hält und sich auf dem Griffbrett über die Saiten bewegt, und deutlich weniger im Bereich der rechten, den Bogen führenden Hand. Auch die beiden Gehirnhälften wurden verglichen: Der Bereich des Gehirns, der die Finger der linken Hand koordiniert, war deutlich größer als der (normal groß gebliebene) Bereich für die rechte Hand.11
Erst in den 1980er-Jahren löste die Vorstellung vom festgelegten Gehirn sich allmählich auf. Heute verstehen die Neurowissenschaftler das Gehirn als einen Bereich, der sich im gesamten Leben eines Menschen immer wieder neu organisiert.
Interessante Beweise widerlegen einen alten Mythos über die Nervenzellen. Lange Zeit glaubte man, Nervenzellen könnten sich nicht mehr teilen und vermehren. Wir haben damals gelernt, die Anzahl von Neuronen, über die wir verfügen, sei bei unserer Geburt festgelegt, und einmal beschädigte Nervenzellen könnten nicht mehr ersetzt werden. Das sieht man heute anders. Wie neuere Studien bezeugen, produziert ein normales, gesundes Erwachsenengehirn durchaus neue Gehirnzellen. Man nennt diesen Prozess »Neurogenese«. In den letzten Jahren hat die Forschung gezeigt, dass ausgereifte Nervenzellen im »Hippocampus« genannten Gehirnbereich sich nach Beschädigungen durchaus wieder regenerieren können.12
Und es können nicht nur geschädigte Bereiche wiederhergestellt werden: Es gibt inzwischen sogar Hinweise darauf, dass ein voll ausgereiftes Erwachsenengehirn jeden Tag neue Nervenzellen produzieren kann.
Nach einer Studie im Journal Nature vom Januar 2004 wächst ein bestimmter Bereich des Gehirns, wenn jemand beispielsweise Jonglieren lernt.13 Wie wir aus funktionellen Hirnscans wissen, kann Lernen die Gehirnaktivitäten verändern, doch diese Untersuchung wies nach, dass aus dem Erlernen von etwas Neuem sogar anatomische Veränderungen entstehen können.
Die Forscher der Universität Regensburg hatten 24 Freiwillige, die noch nie jongliert hatten, in zwei gleich große Gruppen aufgeteilt: Die eine Gruppe sollte drei Monate lang jeden Tag Jonglieren üben, die andere diente nur als Kontrollgruppe – ohne entsprechende Aufgabe. Am Anfang und am Ende der Studie wurden bei allen teilnehmern Gehirnscans mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) durchgeführt. Untersucht wurden jedoch nicht nur die Unterschiede in der Gehirnaktivität, sondern mittels einer hochkomplexen Analysetechnik (der »voxelbasierten Morphometrie«) prüfte man auch, ob sich Veränderungen in der grauen Substanz des Neocortex ergeben hatten. Die Dicke dieser grauen Substanz ist ein Hinweis auf die Gesamtzahl der Nervenzellen im Gehirn.
Bei den Probanden, die Jonglieren gelernt hatten, zeigte sich ein nachweisbarer Zuwachs der grauen Substanz in den mit visueller und motorischer Aktivität verbundenen Bereichen, und zwar sowohl im Volumen als auch in der Dichte: Ein Hinweis darauf, dass das Gehirn eines Erwachsenen neue Nervenzellen bilden kann. Die Neurowissenschaftlerin und Expertin für bildgebende Verfahren, Dr. Vanessa Sluming von der englischen University of Liverpool, meint dazu: »Was wir im täglichen Leben tun, könnte sich nicht nur auf die Funktion unseres Gehirns auswirken, sondern auch auf unsere Körperstruktur auf makroskopischer Ebene.« Interessanterweise schrumpften die vergrößerten Bereiche der Menschen, die Jonglieren geübt, aber anschließend mit dem Training aufgehört hatten, innerhalb von drei Monaten wieder auf ihre normale Größe zurück.
Selbst die Meditation hat vielversprechende Ergebnisse gezeigt, nicht nur auf die Gehirnwellenmuster, sondern auch bezüglich der Erzeugung neuer Hirnzellen durch achtsam nach innen gerichtete Aufmerksamkeit. Das Journal Neuroreport veröffentlichte im November 2005 eine Studie, die bei 20 Teilnehmern mit umfassender Erfahrung in buddhistischer Meditationspraxis eine vermehrte graue Substanz nachwies.14 Das Beste an den Ergebnissen dieser Studie: Die meisten Teilnehmer waren Normalsterbliche mit Job und Familie, die nur 40 Minuten am Tag meditierten. Man muss also nicht zum Heiligen werden, um seine Gehirnzellen zu vermehren. Die an dieser Studie beteiligten Wissenschaftler vermuten, Meditieren könnte auch die im Alter häufig auftretende Ausdünnung des Frontallappens verlangsamen.
Den Ergebnissen einer Studie von Fred Gage vom Salk Institute for Biological Studies in La Jolla, Kalifornien, zufolge, weisen Mäuse, die in einem Umfeld leben, das sie mental und physisch zusätzlich stimuliert, 15 Prozent mehr Gehirnzellen auf als Mäuse, aus einer für Nagetiere üblichen Umgebung. Darüber hinaus konnten Gage und eine Gruppe schwedischer Forscher im Oktober 1998 zum ersten Mal demonstrieren, dass menschliche Gehirnzellen über die Fähigkeit zur Regeneration verfügen.15
Anlass zur Hoffnung
Untersuchungen an Schlaganfall-Patienten haben einige spektakuläre Erkenntnisse über das Veränderungspotenzial des Gehirns zutage gefördert. Steht im Gehirn aufgrund einer Durchblutungsstörung plötzlich zu wenig sauerstoffhaltiges Blut zur Verfügung, wird neuronales Gewebe beschädigt. Häufig führen Gehirnschläge (Schlaganfälle) in dem mit Armen oder Beinen verbundenen Bereich des Gehirns zu entsprechenden Lähmungen. Gewöhnlich ging man davon aus, diese Lähmungen wären irreparabel – falls sie sich nicht in den ersten zwei Wochen zurückbildeten.
Doch auch dieser Mythos wird heute durch viele Studien infrage gestellt. Schlaganfall-Patienten, die diese erste Zeit längst hinter sich hatten – selbst über Siebzigjährige mit bis zu 20 Jahre alten Lähmungen –, konnten gewisse motorische Fähigkeiten dauerhaft zurückgewinnen. In einigen Forschungsprojekten, die Ende der 1970er-Jahre an der Abteilung für Neurologie des Bellevue Hospitals in New York City durchgeführt wurden, erlangten bis zu 75 Prozent der Teilnehmer wieder die volle Kontrolle über ihren gelähmten Arm oder ihr gelähmtes Bein. Der »Schlüssel« zur Neuverknüpfung in ihrem Gehirn war: Wiederholung.16
Unter Anleitung übten die Teilnehmer fleißig, ihren Geist auf die mentale Bewegung ihrer gelähmten Gliedmaßen auszurichten. Hoch entwickelte Biofeedback-Apparate lieferten ihnen Rückmeldungen. Konnte ein Patient durch bloßes Denken an die Bewegung dieselben Hirnmuster zu erzeugen, die er bei der Bewegung des entsprechenden nicht gelähmten Körperglieds aktivierte, löste die Lähmung sich allmählich auf. Sobald die Patienten ähnliche neuronale Muster erzeugten, wenn sie das betroffene Glied bewegen wollten, nahm die Stärke des neurologischen Signals an den gelähmten Arm (oder das Bein) und damit dessen Beweglichkeit zu. Unabhängig vom Alter der Patienten und der Dauer ihrer Beschwerden bewies das Gehirn seine erstaunliche Fähigkeit, Neues zu lernen und den Körper zu »reparieren« – einfach durch Geistes-Willenskraft.
Gehirn und Geist – ein verflixtes Mysterium
Diese positiven Ergebnisse bei Schlaganfall-Patienten werfen die Frage auf, was erhöhte Aufmerksamkeit und tägliches Üben dann wohl im Gehirn gesunder Menschen zuwege bringen könnten – vorausgesetzt, die Betreffenden verfügen über die nötigen Kenntnisse und Anleitungen. Hier führt eine Frage zur nächsten und übernächsten, doch fange ich einmal mit folgender an: Wenn das Gehirn eines Menschen in seiner physischen Struktur beschädigt ist, können wir dann daraus Rückschlüsse auf seinen geistigen Zustand ziehen? Sie haben sicher schon von Menschen gehört, die in mancher Hinsicht als geistig behindert oder krank gelten könnten, jedoch gleichzeitig in gewissen Bereichen erstaunliche Begabungen an den Tag legen. Letztlich muss die Frage lauten: Was ist der menschliche Geist, und wie sieht die Beziehung zwischen Gehirn und Geist aus?
Das Gehirn ist das Organ mit der größten Anzahl von Neuronen. Es funktioniert durch Impulse, sowohl bewusst als auch unterbewusst, und steuert unsere physischen und mentalen Funktionen. Ohne das Gehirn kann kein anderes Körpersystem funktionieren.
Der britische Biologe Sir Julian Huxley, der im frühen 20. Jahrhundert einige Schriften zum Thema »Evolution« veröffentlicht hat, schreibt als Antwort auf die Frage, ob der menschliche Geist sich durch das Gehirn erklären lasse: »Das Gehirn allein ist nicht verantwortlich für den Geist, auch wenn es ein für seine Manifestation notwendiges Organ ist. Ein isoliertes Gehirn ist biologisch genauso sinnlos wie ein isoliertes Individuum.«17 Nach Huxley musste der Geist also noch eine weitere Komponente haben.
Schon seit Beginn meiner Collegezeit faszinierte mich der menschliche Geist. Als Studienanfänger rätselte ich, wie es sein konnte, dass man in bestimmten Bereichen der Psychologie versuchte, den menschlichen Geist mithilfe des menschlichen Geistes zu erkennen und zu beobachten. Es erschien mir seltsam, dass man den Geist erforschte, ohne sich mit jenem Organ zu befassen, das den Geist hervorbrachte. So als sähe man einem Auto beim Fahren zu, ohne je unter die Motorhaube zu schauen und herauszufinden, was es eigentlich antreibt. Natürlich ist die Verhaltensforschung wichtig, aber ich fragte mich oft: Was könnte man wohl durch Beobachtungen eines lebendigen, funktionierenden Gehirns über den Geist erfahren?
Schließlich lassen sich aus den Gehirnen von Verstorbenen nur begrenzt Rückschlüsse ziehen. Die leblose Anatomie eines Gehirns zu studieren, um dadurch etwas über seine Funktionsweise zu erfahren – das ist gerade so, als wollte man etwas über die Funktionen eines Computers herausfinden, ohne ihn einzuschalten. Der einzige Weg, den menschlichen Geist wirklich zu verstehen, besteht darin, einem lebendigen menschlichen Gehirn bei der Arbeit zuzusehen.
Heute verfügen wir über die nötige Technologie: Wie wir durch funktionelle Hirnscans wissen, ist der menschliche Geist das Gehirn in Aktion. Das ist die neueste Definition für »Geist« (engl. mind) in den Neurowissenschaften. Ein lebendiges und aktives Gehirn kann Gedanken erzeugen, Intelligenz demonstrieren, neue Informationen aufnehmen, Fähigkeiten erlernen, Erinnerungen abrufen, Gefühle zum Ausdruck bringen, Bewegungen koordinieren, neue Ideen erzeugen und die Funktionen des Körpers aufrechterhalten. Das lebendige Gehirn kann auch Verhalten auslösen, Träume hervorbringen, die Wirklichkeit wahrnehmen, Überzeugungen vertreten, sich inspirieren lassen und – vor allem – sich dem Leben zuwenden. Damit der menschliche Geist existieren kann, muss das Gehirn lebendig sein.
Daher gilt: Unser Gehirn ist nicht unser Geist; es ist der physische Apparat, durch den unser Geist erst entsteht. Ein gesundes, funktionierendes Gehirn führt zu einem gesunden Geist. Das Gehirn ist ein Biocomputer mit drei individuellen anatomischen Strukturen, die drei verschiedene Aspekte des menschlichen Geistes produzieren. Der menschliche Geist ist das Ergebnis eines Gehirns, das die Gedankenimpulse seiner verschiedenen Regionen und Unterstrukturen koordiniert. Weil wir das Gehirn leicht auf unterschiedliche Weisen funktionieren lassen können, gibt es viele verschiedene »Geistes-Zustände«.
Das Gehirn erzeugt den menschlichen Geist in Form eines komplexen Datenverarbeitungssystems, weshalb wir nötigenfalls innerhalb von Sekunden Informationen sammeln, verarbeiten, speichern, abrufen und kommunizieren können, aber auch vorausschauen, Hypothesen erstellen, reagieren, uns verhalten, planen und Vernunft anwenden. Das Gehirn fungiert auch als Kontrollzentrum, durch das der menschliche Geist sämtliche für unser Leben und Überleben notwendigen Stoffwechselfunktionen organisiert und koordiniert. Ist Ihr Biocomputer angeschaltet bzw. lebendig und kann er Informationen verarbeiten, dann bringt er den menschlichen Geist hervor.
Der zurzeit gültigen neurowissenschaftlichen Definition folgend ist der menschliche Geist nicht identisch mit dem Gehirn, sondern vielmehr sein Produkt. Der Geist ist das, was das Gehirn tut. Wir können wahrnehmen, dass die Maschine läuft, ohne die Maschine zu sein. Ist das Gehirn lebendig, erzeugt es den menschlichen Geist. Man könnte also auch sagen: Der Geist ist das belebte Gehirn. Und ohne Gehirn kein Geist.
FORTSCHRITTE IN DER BILDGEBENDEN TECHNOLOGIE
Bis vor Kurzem war unser Verständnis des Gehirns sehr begrenzt, denn es stand uns zu seiner Erforschung lediglich die 80 Jahre alte Technologie des Elektroenzephalogramms (EEG) zur Verfügung. Das EEG lieferte grafische Darstellungen der Leistung eines Gehirns (Hirnstrommessungen), aber keine bildliche Darstellung eines lebendigen Gehirns. Heute lässt sich die Aktivität eines Gehirns von Sekunde zu Sekunde messen. Wir können die Struktur und Aktivität eines lebendigen menschlichen Gehirns mit noch nie dagewesener Detailgenauigkeit betrachten, denn das Verfahren ist in den letzten 30 Jahren revolutioniert worden: Inzwischen können EEGs ein funktionierendes Gehirn mithilfe der Computertechnologie dreidimensional abbilden.
Noch bedeutender sind die Fortschritte auf dem Gebiet der »bildgebenden Verfahren«. Diese Technologie beruht auf verschiedenen Prinzipien der Physik, von Veränderungen in lokalen Magnetfeldern bis zu Messungen radioaktiver Emissionen.
Eine Fülle neuer bildgebender Verfahren bringt eine Vielzahl von Informationen über das lebendige, arbeitende Gehirn hervor (und natürlich auch über den restlichen Körper). Dadurch können die Neurowissenschaftler von heute sich die unmittelbaren physiologischen Aktionen der Hirnsubstanz ansehen und die spezifischen, sich wiederholenden Muster eines funktionierenden Gehirns beobachten.
Als erste dieser neuen Technologien wurde 1972 die Computertomografie vorgestellt, auch CT oder CAT genannt. Ein Gehirn-CT ist eine Art »Schnappschuss« vom Hirninneren, auf dem sich erkennen lässt, ob die strukturellen Komponenten des Gehirns Anomalien, etwa beim Gewebe, aufweisen. CTs stellen nur Momentaufnahmen dar, sie können also nur zeigen, welche anatomischen Strukturen existieren, welche eventuell fehlen, welche Bereiche möglicherweise verletzt oder krank sind, und ob irgendetwas da ist, das nicht da sein sollte. Sie machen keine Aussage darüber, wie ein Gehirn funktioniert, sondern nur, was vielleicht nicht so ist, wie es sein sollte.
Wie wir heute wissen, verfügt das Gehirn über eine Vielzahl chemischer Mechanismen, die zu winzig sind, als dass man sie sichtbar machen könnte, und die wir nur an ihren Wirkungen erkennen. Doch auch sie können wir nur an einem arbeitenden Gehirn beobachten, und das ist mit CT-Scans nicht möglich.
Die Positronen-Emissions-Tomografie (PET) dient der Untersuchung der biochemischen Aktivität eines Gehirns. Das PET-Gerät verwendet Gammastrahlen, um Bilder zu erzeugen, die Rückschlüsse auf die Intensität der metabolischen Aktivitäten des jeweiligen Untersuchungsbereichs zulassen – d.h. man kann damit im Lauf der Zeit gewisse Funktionen des Gehirns nachvollziehen.
Die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) ist eine radiografische Technik, die auch Bilder vom lebendigen Gehirn zulässt und zeigt, welche Bereiche des Gehirns während einer bestimmten mentalen Tätigkeit aktiv sind. Bei der fMRT wird die Aktivität des Gehirns zwar nicht wirklich abgebildet, aber sie lässt weitreichende Rückschlüsse darauf zu, welche Teile des Gehirns aktiv sind, und zwar über die metabolische Aktion der Nervenzellen, da sie in verschiedenen Hirnregionen Energie und Sauerstoff verbrauchen.
Die Single-Photon-Emissions-Computertomografie (SPECT) verwendet multiple Gammastrahlen-Detektoren, die um den Kopf des Patienten rotieren, um seine Hirnfunktionen zu messen. Durch SPECT erzeugte funktionale Gehirnbilder ermöglichen es, bestimmte Muster von Gehirnaktivitäten mit neurologischen Krankheiten oder psychologischen Zuständen in Beziehung zu setzen. Ähnlich wie die fMRT sind die SPECT-Scans wertvolle Instrumente zur Messung des Energieverbrauchs von Nervenzellen des Gehirns im aktivierten Zustand.
Die drei letztgenannten bildgebenden Verfahren gehen weit über die Qualität von Schnappschüssen hinaus, auf denen – wie bei den typischen CT-Aufnahmen – eher ein Still-Leben zu sehen ist. Funktionale Gehirn-Scans liefern uns bewegte Bilder der gesamten neurologischen Aktivitäten des Gehirns – bezogen auf einen gewissen Zeitraum. Das ist sehr vorteilhaft, denn ein arbeitendes Gehirn verrät uns mehr über die normalen und unnormalen Aktivitäten des menschlichen Geistes. Die funktionale Gehirn-Scan-Technologie ermöglicht uns, den menschlichen Geist neurowissenschaftlich gründlicher zu untersuchen als je zuvor. Forscher entdeckten bei Menschen mit ähnlichen Beschwerden oder Verletzungen ähnliche Muster im Gehirn. Das kann einen Beitrag zu einer besseren Diagnose und Behandlung liefern.
***
Eine Meditation über den menschlichen Geist
Betrachten wir eine relativ neue Untersuchung über die Beziehung zwischen Gehirn und Geist: Die Berichte der National Academy of Sciences vom November 2004 enthalten einen Artikel, der bestätigt, dass mentales Training durch Meditation und geradlinig ausgerichteten Fokus die inneren Funktionen den Gehirns beeinflussen kann.18 Einfach ausgedrückt: Wie der Artikel zeigt, ist es durchaus möglich, die Arbeitsweise des Gehirns und damit den Geist zu verändern.
In der betreffenden Studie wurden buddhistische Mönche mit umfassender Meditationserfahrung gebeten, sich auf bestimmte Geisteszustände wie Mitgefühl und bedingungslose Liebe zu konzentrieren. Um seine Gehirnaktivität möglichst umfassend messen zu können, wurden jedem Teilnehmer 256 Sensoren angehängt. Dabei stellte sich heraus, dass die Mönche Hirnwellen erzeugten, die weit über alles hinausgingen, was die ungeübte Kontrollgruppe zuwege brachte. Manche Mönche hatten bis zu 50000 Stunden Meditationspraxis hinter sich – ihre Gehirne, insbesondere der Frontallappen, bezeugten Aktivitäten, wie sie nur mit höherer mentaler Funktion und höherem Bewusstsein einhergehen können. Tatsächlich konnten sie ihre Gehirnfunktionen sogar auf Kommando verändern.
Bei den Mönchen mit der umfassendsten Meditationspraxis zeigten bestimmte elektrische Gehirnimpulse, die sogenannten Gammawellen, ein Niveau, das höher lag als alles, was die Forscher je bei einem gesunden Menschen gemessen hatten. Werden im Gehirn neue neuronale Verknüpfungen hergestellt, treten diese Gammawellen typischerweise in Erscheinung.
Im linken Frontallappen gibt es einen Bereich, der mit Freude verbunden ist. Bei einem der Mönche war die Aktivität in diesem Bereich so stark, dass die untersuchenden Wissenschaftler meinten, er müsse der glücklichste Mensch auf Erden sein.
»Wir haben festgestellt, dass eine lange Meditationspraxis zu Gehirnaktivitäten eines Ausmaßes führt, wie wir es noch nie zuvor beobachten konnten«, fasst der Leiter des Experiments, Richard Davidson, Ph.D., von der University of Wisconsin, zusammen. »Die mentale Praxis dieser Menschen wirkt sich auf das Gehirn genauso aus, wie eine langjährige Golf- oder Tennis-Karriere die entsprechende Leistung steigert.« In einem späteren Interview sagte Dr. Davidson: »Wie wir festgestellt haben, unterscheidet der trainierte menschliche Geist oder das trainierte menschliche Gehirn sich physisch von einem untrainierten.«19
Aus diesem Experiment wird deutlich, dass wir durch eine Verbesserung der Gehirnleistung tatsächlich den Geist verändern. Lassen Sie uns ein wenig dabei bleiben, was diese Studie bedeutet:
Wenn das Gehirn das Instrument der bewussten und unterbewussten Gedankenimpulse ist und der menschliche Geist das Endprodukt dieses Gehirns – wer oder was bewirkt dann eine Veränderung in Gehirn und Geist? Der Geist kann den Geist nicht verändern, weil er ein Ergebnis des Gehirns ist. Der Geist kann das Gehirn nicht verändern, weil er ein Produkt desselben ist. Und das Gehirn kann die Arbeit des Geistes nicht verändern, weil es nur die Hardware ist, wodurch der Geist wirkt. Und zu guter Letzt kann das Gehirn auch das Gehirn nicht verändern, weil es ohne eine den Geist bewegende Kraft nur ein lebloses Objekt ist.
Wenn es denn möglich ist, die Funktionen von Gehirn und Geist durch gezieltes Training zu verbessern – wer oder was bewirkt dann die Veränderung in Gehirn und Geist? Die Antwort liegt in einem schwer definierbaren Wort: »Bewusstsein«. Dieser Begriff bringt die Wissenschaftler schon seit vielen Jahren in Verlegenheit. Doch lassen sie den Begriff des Bewusstseins seit rund 10 Jahren allmählich als einen Faktor in ihre vielen Theorien über ein Verständnis der Wirklichkeit einfließen.
Ohne zu sehr ins Mystische oder Philosophische abgleiten zu wollen: Bewusstsein ist das, was dem Gehirn Leben schenkt. Es ist jene unsichtbare Essenz, die das Gehirn belebt. Es ist der unsichtbare Aspekt des Selbst, gleichzeitig bewusst und unbewusst, der das Gehirn verwendet, um Gedanken aufzufangen, und sie dann zusammenführt, um den Geist zu erschaffen.20
Geist, Materie und mehr
Als ich mich im Rahmen meiner Promotion in Chiropraktik auch mit Neuroanatomie befassen musste, habe ich unzählige Gehirne seziert und dabei etwas schnell begriffen: Ein Gehirn ohne Leben ist einfach ein Stück Materie, ein Organ, das weder denken noch fühlen, handeln, erzeugen oder sich verändern kann. Zwar mag das Gehirn unser wichtigstes Organ sein, aber es muss belebt werden. Es ist das Organ der Intelligenz, aber es ist eben nur ein Organ. Anders gesagt: Das Gehirn kann sich nicht aus sich selbst heraus verändern, es muss gesteuert werden.
Das Gehirn ist jenes Organ im zentralen Nervensystem, das über die größte Anzahl von Nervenzellen oder neuronalen Gruppen verfügt. Eine hohe Anzahl von Neuronen dient als Hinweis auf Intelligenz. Neuronen sind extrem winzig; auf einer Stecknadelspitze hätten ungefähr 30000-50000 davon Platz. In dem »Neocortex« genannten Bereich unseres Gehirns, dem Sitz unserer bewussten Wahrnehmung, kann jede Nervenzelle sich mit 40000-50000 anderen Nervenzellen verbinden. In einem anderen Bereich, dem Cerebellum, sind jedem Neuron sogar potenziell bis zu einer Million Verbindungen verfügbar. Auf Abbildung 2.1. sind diese beiden Neuronenarten dargestellt.

Abbildung 2.1.
Der Unterschied zwischen der möglichen Anzahl von Dendriten-Verbindungen bei den Neuronen des Neocortex und des Cerebellum.
Das Gehirn besteht aus rund 100 Milliarden Neuronen, die in Myriaden dreidimensionaler Muster miteinander verknüpft sind. Wie bereits erwähnt, nennen die Wissenschaftler die diversen Kombinationen, in denen die Milliarden von Neuronen miteinander verbunden sind und miteinander feuern, »neuronale Netzwerke«.
Wenn wir etwas Neues lernen oder eine neue Erfahrung machen, tun sich Nervenzellen zusammen und erzeugen neue Verbindungen, und das verändert uns tatsächlich. Weil im menschlichen Gehirn so viele Möglichkeiten neuronaler Verbindungen existieren und weil Neuronen sich direkt miteinander austauschen können, kann das Gehirn Gedanken verarbeiten, Neues lernen, Erinnerungen abrufen, Handlungen ausführen, Verhalten aufweisen und Möglichkeiten erwägen – um nur einige seiner Fähigkeiten zu nennen. Es ist die zentrale Informationsverarbeitungseinheit des Körpers. Es ist das Instrument, das wir physisch verwenden, um in unserem Leben unser Verständnis bewusst weiterzuentwickeln und unterbewusst unser Leben aufrechtzuerhalten.
Man kann sich das Bewusstsein als etwas vorstellen, das diesen Biocomputer namens Gehirn bewohnt. Es ist wie der elektrische Strom, der einen Computer mit seinen diversen Programmen erst funktionsfähig macht. Das Gehirn enthält die Hardware- sowie die Softwaresysteme, und das Bewusstsein kann diese verwenden und nach Bedarf »upgraden«.
Das Bewusstsein ermöglicht es uns, zu denken und unseren Denkprozess gleichzeitig zu beobachten. Unter Bewusstsein verstehen wir gewöhnlich unsere Wahrnehmung unserer selbst und unserer Umgebung. Doch gibt es in uns auch eine andere Art der Intelligenz, die uns in jedem Augenblick Leben schenkt, ohne dafür unsere Hilfe zu benötigen: Wir Chiropraktiker nennen es »die allem innewohnende« oder »die innere Intelligenz«. Sie ist in allem Seienden vorhanden. Dieser Philosophie folgend ist unsere durch unser physisches Gehirn hervorgebrachte innere Intelligenz nur der verkörperte Ausdruck der universellen Intelligenz.21
Nach allem, was ich als Chiropraktiker studiert wie auch an der Ramtha-Schule gelernt habe, scheint es bezüglich unseres Bewusstseins zwei Elemente zu geben: Den einen Aspekt werde ich »subjektives Bewusstsein« nennen: Es sorgt für den freien Willen und ermöglicht jedem von uns sein Dasein als denkendes Selbst mit bestimmten Wesenszügen und Eigenschaften. Zu diesem individuellen, subjektiven Teil von uns gehören auch die Fähigkeiten des Lernens, Erinnerns, Träumens, Erschaffens und Wählens. Eben das, was wir gewöhnlich als »Ich« oder »Selbst« bezeichnen.
Das subjektive Bewusstsein kann im Körper oder außerhalb des Körpers existieren. Wenn jemand eine außerkörperliche Erfahrung macht und dabei seinen eigenen Körper im Bett liegen sieht, erfolgt diese Wahrnehmung durch das subjektive, in diesem Augenblick vom Körper unabhängige Bewusstsein. Demnach benutzt das subjektive Bewusstsein den Körper nur. Es ist unsere bewusste Identität und die meiste Zeit unseres Lebens in unserem Körper verankert.
Das andere Element des Bewusstseins ist jene intelligente Aufmerksamkeit in uns, die uns jeden Tag Leben spendet. Ich nenne es »objektives Bewusstsein« oder »Unterbewusstsein«. Es funktioniert anders als der bewusste Geist. Es ist unterbewusst, aber unglaublich intelligent und aufmerksam. Es ist etwas anderes als das denkende Gehirn, aber es wirkt durch die verschiedenen Teile des Gehirns, um den Körper in Ordnung zu halten. Unter dem Regime des objektiven Bewusstseins koordiniert das Gehirn in jeder Sekunde Millionen automatischer Funktionen auf zellulärer Ebene, von denen wir gar nichts mitbekommen. Es sind Aspekte unserer Gesundheit und unseres Lebens wie die Steuerung des Herzschlags, die Verdauung der Nahrung, die Reinigung des Bluts, die Erneuerung der Zellen und die Organisation unserer DNA, die wir einfach als selbstverständlich hinnehmen. Es erfordert ein großes, ein grenzenloses Bewusstsein, all diese Funktionen aufrechtzuerhalten.
Diese objektive Intelligenz weiß so viel mehr als unser persönliches Selbst, auch wenn wir glauben, alles im Griff zu haben. Sie ist ein universeller, fundamentaler Aspekt jedes einzelnen Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Bildung, Religion, sozialem Status oder Kultur. Doch nur wenige von uns halten inne, um ihre Großartigkeit anzuerkennen.
Dieser Aspekt des Bewusstseins schenkt allen Dingen Leben. Es ist eine echte Intelligenz, mit einer quantifizierbaren Energie oder Kraft, die allen Dingen innewohnt. Es ist objektiv und konstant. Man nennt es auch »Nullpunkt-Feld«, »die Quelle« oder »universelle Intelligenz«. Es ist die Quelle, die das Quantenfeld in alle physischen Formen zusammenfallen lässt. Es ist die Lebenskraft im Sinne des Wortes. Die Quantenphysik beginnt gerade, dieses Feld der Potenziale zu (er)messen.
Als Menschen verfügen wir über beide Elemente des Bewusstseins. Wir nehmen uns als subjektives Bewusstsein wahr und wir existieren, weil wir an die Lebenskraft des objektiven Bewusstseins angeschlossen sind. Mit unserem freien Willen können wir die Lebensqualität wählen, die wir uns wünschen, und gleichzeitig werden wir in jeder Sekunde von einer größeren Intelligenz am Leben erhalten. Wissenschaftlich betrachtet, könnte man sagen: Wir ahnen heute, dass alles Physische (auch Sie und ich) nur die Spitze eines immensen Eisberges bildet. Die Frage ist: Was ist dieses Feld, das alles zusammenhält, und wie können wir damit in Kontakt treten?
Das Gehirn ist in gewisser Hinsicht dazu ausgerüstet, diese beiden Ebenen von Bewusstsein zu ermöglichen. Ohne Bewusstsein ist das Gehirn untätig und leblos. Wenn das Bewusstsein durch das menschliche Gehirn wirkt, nennen wir das Produkt »Geist« (engl. mind).22 Der Geist ist das Gehirn in Aktion – das mit Leben erfüllte Gehirn. Ohne den physischen Lebensausdruck durch ein funktionierendes Gehirn gibt es keinen Geist.
Wenn das Bewusstsein die verschiedenen neuronalen Gewebe des Gehirns aktiviert, entsteht der Geist. Da beide Arten von Bewusstsein mithilfe des Gehirns einen menschlichen Geist erzeugen, müssen im Gehirn auch zwei Abteilungen dafür bestehen.
Und tatsächlich verfügt das Gehirn über zwei deutlich voneinander verschiedene Hardwaresysteme für die beiden Arten von Bewusstsein. Unser subjektives Bewusstsein ist im Neocortex verankert. Hier hat der freie Wille seinen Sitz, hier wird alles gespeichert, was ein Individuum lernt, erfährt und an Informationen verarbeitet. Die Anordnung der Nervenzellen im Neocortex unterscheidet uns von anderen, macht uns einzigartig. In Abbildung 2.2 sehen Sie den Neocortex.
Sie sind in der Lage, sich Ihrer selbst, Ihrer Taten, Gedanken, Gefühle, Ihrer Umgebung und Ihres Verhaltens bewusst zu sein sowie Gedanken und Ideen zum Ausdruck zu bringen. Die unsichtbaren Qualitäten der Selbstreflexion, der Selbstkontemplation und der Selbstbeobachtung definieren Ihre subjektive Erfahrung Ihrer selbst. Wenn wir davon sprechen, dass jemand »das Bewusstsein verloren« oder »das Bewusstsein wiedergewonnen« hat, meinen wir diese Ebene des Selbstbewusstseins und einer konzeptionellen Erinnerung seiner selbst. All das wird durch den Neocortex, das »neue Gehirn«, verwaltet.

Abbildung 2.2
Schnitt durch das Gehirn: die wesentlichen Regionen
Bleiben wir noch ein wenig bei den bewussten und unterbewussten Aspekten des Geistes. Der bewusste Geist verleiht uns die Fähigkeit, bewusste Gedanken und Informationen zu verarbeiten. Dieser Aspekt unseres Geistes weiß um sich selbst, verfügt über ein Konzept seiner selbst, erkennt sich selbst und nimmt sich selbst wahr. Er macht auch das aus, was wir als unser »Selbst« bezeichnen. Mit seinem freien Willen kann dieser bewusste Aspekt unserer selbst seine Aufmerksamkeit lenken, wohin er will. Das gehört zu den Privilegien des Menschseins. In der Wissenschaft und Philosophie der Chiropraktik nennen wir diesen Aspekt auch den »gebildeten Geist«. Er wird in unserem jüngsten Gehirnbereich, dem Neocortex, verarbeitet.
Die Teile des Gehirns, die vom Unterbewusstsein gesteuert werden, sind das Mittelhirn, das Cerebellum oder Kleinhirn und der Hirnstamm. Diese Bereiche haben im Wesentlichen keine Zentren für Bewusstheit. Doch sie arbeiten unter der Ägide der höheren Intelligenz, von der ich sprach, die nicht nur den Körper in Ordnung hält, sondern darüber hinaus auch eine endlose »Zu-erledigen«-Liste hat. Diese höhere Intelligenz kümmert sich um unsere Gesundheit, damit wir das Leben genießen können. Abbildung 2.2 zeigt auch diese unterbewussten Bereiche des menschlichen Gehirns.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Gehirn ist dasjenige Organ mit der größten Anzahl von Neuronen. Wo die meisten Neuronen sind, ist die höchste Intelligenz. Das Bewusstsein nutzt das Gehirn, um Erlerntes und Erfahrenes in elektrochemische Impulse namens »Gedanken« umzuwandeln. Unser Geist ist demzufolge das Produkt des aktiven Gehirns.
Das Bewusstsein verfügt über zwei spezifische Aspekte:
• Das objektive Bewusstsein, es ist die Lebenskraft, die Quelle, das Nullpunkt-Feld. Sie und ich, wir alle sind mit diesem Feld verbunden, das uns durch das Mittelhirn, das Kleinhirn und den Hirnstamm am Leben erhält. Es ist der unterbewusste Geist.
• Das subjektive Bewusstsein, es sitzt im Neocortex und ist der Forschergeist, die Identität, die ständig lernt und ihr Verständnis erweitert, um dem Leben einen umfassenderen Ausdruck zu verleihen. Dies ist der bewusste Geist.

Abbildung 2.3A

Abbildung 2.3B
Die beiden Betriebssysteme des Gehirns
In den Abbildungen 2.3A und 2.3B werden diese beiden Systeme des Gehirns vereinfacht dargestellt.
Wenn wir verstehen, wie das Gehirn den Geist erzeugt, können wir die Grenzen dessen, was wir bereits wissen, hinter uns lassen. Wir können unseren bewussten Geist mit jenem unbegrenzten Geist und seinem unbegrenzten Potenzial verbinden und erhalten damit Zugang zu einer ganzen Welt neuer Möglichkeiten. Das Bewusstsein ist das Einzige, mit dem sich erklären lässt, wie wir das Gehirn und den Geist verändern können. Es bildet jenen unfassbaren Aspekt unserer selbst, der das Gehirn dazu bringt, den Geist zu erzeugen. In der Zeit, in der wir wirklich bewusst, aufmerksam und präsent sind, können wir auf die Arbeitsweise des Gehirns Einfluss nehmen, und den Geist auf eine neue Ebene erheben.
Wenn wir den bewussten Geist und den unterbewussten Geist zusammenbringen, können wir unsere Hardware verändern und unsere operativen Systeme upgraden. Verschmelzen diese beiden Bewusstseinsebenen miteinander, lässt sich das Gehirn neu verschalten.
Das Ziel dieses Buches besteht darin, Fragen aufzuwerfen und Informationen anzubieten, die Ihnen verstehen helfen, wie das menschliche Gehirn, der menschliche Geist und das menschliche Bewusstsein gemeinsam für Ihre Gesundheit und Ihre Lebenserfahrungen verantwortlich sind. In einfachen Schritten entwickeln wir in Schöpfer der Wirklichkeit ein Arbeitsmodell für unser wundervolles Denkorgan. Dabei werden wir auch einige Beweise der Neurowissenschaft über die verschiedenen Geistes-Ebenen und die Möglichkeiten zur Veränderung des Gehirns näher unter die Lupe nehmen. Sie können Ihren Geist verändern. Wenn Sie das begriffen haben, dürfen Sie sich darauf freuen, diese Veränderung auch in Ihrer Gesundheit, in Ihrem Leben und in Ihrer Zukunft wiederzufinden.
Im nächsten Kapitel werden wir die ersten Kenntnisse über die Nervenzellen erwerben: wie sie funktionieren und sich miteinander verbinden, welche Zweige es im Nervensystem gibt und wie uns die verschiedenen Abteilungen des Nervensystems lebendig und gesund erhalten. Sobald die Grundlagen klar sind, begreifen Sie Stück für Stück, wie wir darauf programmiert sind, so zu sein, wie wir sind. Dann können wir uns damit beschäftigen, auf welche Weise unser Geist sich verändern lässt.
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4. Ein Konzept, das in Ramtha’s School of Enlightenment gelehrt wird. Eine vollständige Liste der Veröffentlichungen und weiteres Informationsmaterial erhalten Sie unter http://jzkpublishing.com oder http://www.ramtha.com.
5. Ramtha’s School of Enlightenment (RSE; siehe vorige Anmerkung).
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20. Ramtha: A Beginner’s Guide to Creating Reality. Yelm, WA: JZK Publishing, September 2005 [dt. Ausg.: Das Erschaffen von Realität: Ein Leitfaden für Anfänger].
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22. Ramtha: A Beginner’s Guide to Creating Reality. Yelm, WA: JZK Publishing, September 2005 [dt. Ausg.: Das Erschaffen von Realität: Ein Leitfaden für Anfänger].
3
Neuronen und das Nervensystem:
Eine Reise auf der ursprünglichen Datenautobahn
Der einfachste Schuljunge kennt heute Wahrheiten,
für die Archimedes sein Leben gegeben hätte.
Ernest Renan
Da das Gehirn ein Teil des Körpers ist und Wasser einen wesentlichen Bestandteil des Körpers ausmacht, sollte es nicht überraschen, dass unser Gehirn zu 75 Prozent aus Wasser besteht. Bezüglich ihrer Masse sind die meisten Zellen des Gehirns sogenannte Gliazellen; griechisch Glia bedeutet »Leim«. Die Gliazellen erfüllen vorrangig eine funktionale und strukturelle Funktion; sie bilden das Nervenstützgewebe und schützen die Neuronen, doch darüber hinaus dienen sie zahlreichen anderen Zwecken, welche die Wissenschaft gerade erst zu verstehen beginnt.
Abgesehen von Wasser und Gliazellen setzt unser Gehirn sich vor allem aus Nervenzellen, den »Neuronen«, zusammen. In vielerlei Hinsicht sind Neuronen die am höchsten spezialisierten Zellen und bilden das empfindlichste Gewebe aller biologischen Systeme. Sie verarbeiten Informationen und geben sie an andere Neuronen weiter, was bestimmte Vorgänge in anderen Bereichen des Gehirns und des Körpers nach sich zieht. Das Wichtigste: Als einzige Zellen des Körpers kommunizieren die Neuronen direkt miteinander, sie tauschen Botschaften in Form elektrochemischer Signale oder Impulse aus.
Neuronen bilden nicht nur den wesentlichen Bestandteil des Gehirns, sondern auch die Basis-Komponente unseres Nervensystems, dieses komplexen Netzwerks von Strukturen, zu dem das Gehirn, das Rückenmark und die Nervenbahnen gehören und das alle Funktionen unseres Körpers steuert. Die einzigartige Weise, in der Nervenzellen kommunizieren, unterscheidet das Nervensystem stark von allen anderen Körpersystemen.
Im Gehirn sitzt die größte Neuronengruppe des ganzen Körpers. Ein winziges, sandkorngroßes Stückchen Hirngewebe enthält rund 100000 Neuronen. Sie sind so eng zusammengepackt, dass schon in einem Stück Hirn von der Größe eines Kieselsteins Neuronen mit insgesamt etwa 3 Kilometern Länge sitzen. Unser gesamtes Gehirn enthält ungefähr 100 Milliarden Neuronen, jedes davon nur Bruchteile von Millimetern groß. Damit Sie sich vergegenwärtigen können, wie viele Neuronen das sind: 100 Milliarden Sekunden zu zählen, würde rund 3171 Jahre dauern. Ein Stapel von 100 Milliarden Blatt Papier wäre 10000 Kilometer hoch – das entspricht ungefähr der Entfernung zwischen Los Angeles und London.
Es gibt Neuronen, die sehr viel länger sind als die Nervenzellen des Gehirns. Manche Neuronen erstrecken sich vom Gehirn durch das ganze Rückenmark und sind bis zu einen Meter lang. Doch trotz der unterschiedlichen Länge ist ihre Funktion im Wesentlichen dieselbe.
Um einige der Rollen, die Neuronen in unserem täglichen Leben spielen, zu veranschaulichen: Stellen Sie sich vor, es ist Morgen und Sie planen den bevorstehenden Tag. Während Ihr Gehirn die Ideen dazu sammelt, was Sie zu den verschiedenen Tageszeiten bewältigen müssen, übermitteln Neuronen elektrochemische Informationen zwischen unterschiedlichen Teilen Ihres Gehirns. Sensorische Neuronen senden Informationen ans Gehirn, nicht nur Informationen über Ihre äußere Umgebung – was Sie sehen, hören, riechen, tasten, schmecken –, sondern auch über Ihren inneren Zustand, ob Sie Hunger oder Durst haben, ob Ihnen irgendetwas wehtut, ob Ihnen zu warm oder zu kalt ist und dergleichen mehr. Sobald Sie sich entschließen, aufzustehen und tätig zu werden, schicken motorische Neuronen elektrochemische Impulse vom Gehirn durch das Rückenmark an den Körper, um Ihre körperlichen Bewegungen auf den mentalen Plan abzustimmen, den Sie davon im Kopf haben.
Im Allgemeinen kommunizieren die Nervenzellen in allen Menschen auf dieselbe Weise. Das uns unterscheidende individuelle Verhalten entsteht durch die Netzwerke oder Muster, in denen die Nervenzellen miteinander verknüpft sind.
Bestandteile des »Neuronen-Baums«
Eine typische Nervenzelle ähnelt einer unbelaubten Eiche im Winter (manche Neuronen stärker als andere). An der Stelle, wo die Zweige dem Stamm entsprießen, befindet sich der Nukleus oder Zellkörper des Neurons. Ähnlich wie in den Nuklei anderer Zellen sind im Nukleus der Nervenzelle genetische Informationen gespeichert, welche für die Herstellung der für die Zellstruktur und die Zellfunktion wichtigen Proteine verantwortlich sind. Diese DNA (Desoxyribonukleinsäure) der Nervenzellen ist der DNA anderer Körperzellen sehr ähnlich; abgesehen von den roten Blutkörperchen, die keine DNA enthalten. Eine Zellart unterscheidet sich von der anderen dadurch, welche Gene aktiv zum Ausdruck gelangen (»Expressionsmuster«), d.h. was für Proteine hergestellt werden und welche Funktion sie erfüllen. So erzeugt eine Muskelzelle Muskelproteine, welche die Grundstruktur unseres Muskelgewebes bilden. Das bedeutet, eine Zelle wird dadurch zur Nervenzelle, dass sie ein anderes Expressionsmuster hat, eine andere DNA-Sequenz abliest, als eine Muskelzelle oder Hautzelle.
Darüber hinaus unterscheiden die Zellen sich anhand ihrer äußeren Struktur. Ein Neuron besitzt zwei Arten von Anhängen (auch »Neuriten« genannt), die sich vom Zellkörper aus in entgegengesetzte Richtungen erstrecken, wie in Abbildung 3.1 zu sehen ist. Der »Stamm« des Neuronen-Baums ist ein langer Fortsatz, der »Axon« genannt wird. Alle Neuronen haben nur ein Axon, das eine Länge von einem Bruchteil eines Millimeters bis zu einem Meter besitzen kann. Das Axon mündet in wurzelähnlichen Verzweigungen, die in »Telodendren« oder »Endknöpfchen« auslaufen.
Am anderen Ende des Zellkörpers, sozusagen baumaufwärts geschaut, erstrecken sich viele Äste dreidimensional in alle Richtungen und verzweigen sich dabei immer feiner. Diese Äste und Zweige, »Dendriten« genannt, sind zahlreich und beweglich. Die Dendriten enden in kleinen Ausstülpungen, die »Dornen« heißen und mit denen Informationen empfangen werden. Sie sind für den Lernprozess sehr wichtig.

Abbildung 3.1
Ein Neuron
Mit ihrer großen Beweglichkeit ähneln alle Teile des Nervensystems eigentlich eher fast garen Spaghetti im Kochwasser als den steifen Ästen und Zweigen eines Baumes. Die Neuronen sind elastisch und amorph (»gestaltlos«).
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Neuronen – viele Typen, viele Funktionen
Es gibt verschiedene Typen spezialisierter Neuronen, die viele Arten von Reizen aufnehmen und elektrochemische Signale an benachbarte Neuronen weiterleiten. Neuronen unterscheiden sich durch viele Faktoren wie ihren Ort, ihre Form, die Richtung, in der sie Impulse weiterleiten, und die Anzahl ihrer Fortsätze. Sensorische Neuronen zum Beispiel empfangen ihre Informationen durch unsere Sinne, sowohl von außerhalb unseres Körpers als auch von innerhalb, und schicken diese Informationen dann ans Gehirn oder Rückenmark (Zentralnervensystem). Motorische Neuronen übermitteln Signale vom Gehirn oder Rückenmark an den Körper und bewirken damit eine Bewegung oder eine bestimmte Funktion in einem Gewebe oder Organ.
Darüber hinaus lassen Neuronen sich an der Anzahl, Länge und Verzweigungsart der Neuriten unterscheiden. Unipolare Neuronen haben nur einen Neuriten, der sich nahe am Zellkörper in zwei Fortsätze spaltet. Die etwas selteneren bipolaren Neuronen haben einen verlängerten Zellkörper, dessen Enden jeweils ein Neurit entspringt; sie verfügen über ein Axon und einen Dendriten. Multipolare Neuronen haben ein Axon und mehrere Dendriten. Die meisten Neuronen des Gehirns und des Rückenmarks sind multipolar. Abbildung 3.2 zeigt verschiedene Arten von Nervenzellen.
Neuronen unterscheiden sich auch durch ihre Größe. Golgi-Typ-I-Neuronen haben ein langes Axon, das bis zu einem Meter lang werden kann. Die Axone dieser Neuronen bilden Fasern im Gehirn und im Rückenmark sowie periphere Nervenzellen, die aus der Wirbelsäule austreten. Zu diesem Zelltyp gehören unter anderem die Pyramidenzellen der Großhirnrinde, die Purkinje-Zellen des Kleinhirns und die motorischen Zellen des Rückenmarks.
Die meisten Nervenzellen sind jedoch multipolare Neuronen mit kurzen Axonen, die Golgi-Typ-II-Neuronen genannt werden. Ihre kurzen Verzweigungen enden in der Regel unweit des Zellkörpers, manchmal fehlt das Axon sogar ganz. Golgi-Typ-II-Neuronen haben eine sternartige Form. Sie kommen vor allem in der Kleinhirnrinde und in der Großhirnrinde vor, das heißt, diese kleinen Nervenzellen bilden die graue Substanz des Gehirns. Abbildung 3.2 zeigt Golgi-Typ-I- und Golgi-Typ-II-Neuronen.


Abbildung 3.2
Neuronen kommunizieren über ihre Axone und Dendriten in einem komplexen Verschaltungssystem. Dabei senden die Axone die elektrochemische Information an andere Neuronen, während die Dendriten die Informationen von anderen Zellen aufnehmen. In Bezug auf unsere Baum-Analogie heißt das: Die Zweige (Dendriten) empfangen Informationen von den Wurzeln (Axon-Endknöpfchen) anderer Bäume (Neuronen) und geben sie weiter an den Stamm (Axon), wo sie durch die Wurzeln (Axon-Endknöpfchen) an den nächsten Baum (Neuron) weitergegeben werden, und so weiter.
Das ist natürlich eine sehr begrenzte Sicht dieses Kommunikationsweges: Wir tun hier so, als stünden die Neuronen in direktem Kontakt miteinander. Erstaunlicherweise berühren sich die Neuronen jedoch nie, vielmehr lassen sie immer einen Spalt von ungefähr einem Millionstel Zentimeter zwischen sich: die sogenannte Synapse. Auf Abbildung 3.3 weist Punkt A auf die Synapse hin.

Abbildung 3.3
Schematische Darstellung des synaptischen Spalts, der Dendriten-Dornen und der Zellmembran
Um der Einfachheit willen will ich auch beschreiben, wie eine Nervenzelle (Neuron A) eine Botschaft an eine andere Nervenzelle (Neuron B) übermittelt, obwohl ein Neuron oft dreidimensional mit Tausenden anderer Nervenzellen kommuniziert. Meistens wird die Information dabei vom Axon des einen Neurons an die Dendriten einer anderen Nervenzelle weitergegeben, doch hin und wieder kommt es vor, dass sich ein Axon direkt mit dem Zellkörper einer benachbarten Zelle verbindet.
Nervenimpulse verbreiten Botschaften
Stellen Sie sich vor, Sie wollen einen Stift zur Hand nehmen. Wie übertragen Ihre Nervenzellen diesen Gedanken und bringen Ihre Hand dazu, die nötigen Bewegungen auszuführen? Lassen Sie uns diesen Prozess verfolgen, natürlich wieder stark vereinfacht.
Zuerst müssen Sie verstehen, wo und wie die Kommunikation zwischen den Nerven stattfindet. Der Ort, wo diese Kommunikation initiiert und weitergeführt wird, ist die Membran der Nervenzelle. Sie können sich das als die »Haut« des Neurons vorstellen, wie eine Hülle, die jedes Neuron umgibt. Diese Membran ist so dünn – ungefähr 8 Nanometer oder 100000stel Meter –, dass man sie unter einem gewöhnlichen Lichtmikroskop nicht sehen kann. Auf Abbildung 3.3 verweist Punkt B auf die Zellmembran.
Vielleicht erinnern Sie sich aus dem Schulunterricht noch daran, dass ein Ion ein elektrisch geladenes Atom ist, das in seiner äußeren Hülle entweder ein Elektron gewonnen oder verloren hat. Ionen sind in unserem Zusammenhang wichtig, weil diese geladenen Atome jene elektrischen Signale erzeugen, durch die Nervenzellen kommunizieren. Die Membran einer Nervenzelle lässt einige Ionen durch und andere nicht. Die Ionen, um die es uns hier vor allem geht, sind positiv geladene Natrium- und Kalium-Ionen und negativ geladene Chlor-Ionen. Bei einem Neuron im Ruhezustand ist die Innenseite der Zellmembran im Verhältnis zur Umgebung der Zelle negativ geladen, weil es innerhalb der Zelle weniger positiv geladene Ionen gibt als außerhalb. Doch ist ein Neuron aktiv oder wird gereizt, bewegen sich sofort mehr Ionen durch die Zellmembran ins Zellinnere, und die innere Oberfläche der Zellmembran wird positiv geladen.
Dieser Ionenfluss dauert nur fünf Millisekunden, aber das reicht, um einen elektrischen Stromfluss zu erzeugen, ein Aktionspotenzial, das sich am Axon entlang fortsetzt. In unserem Zusammenhang brauchen Sie über Aktionspotenziale nur zu wissen, dass bei der Erregung einer Nervenzelle – das bedeutet, wenn sie eine gewisse elektrische Ladung aufgebaut hat –, ein rascher Austausch an Partikeln stattfindet, der den ganzen Nerv entlang bis zu den Endknöpfchen der Axone reicht. Nach dieser Aktivität kehren die Ionen schnell wieder in ihre ruhige Ausgangsposition zurück.
Sobald ein Aktionspotenzial ausgelöst ist, wird es kaskadenförmig, wellenartig die Nervenzelle entlanggeleitet. Das nennen wir dann einen »Nervenimpuls«. Um sich ein Bild davon machen zu können, stellen Sie sich vor, Sie halten das eine Ende eines langen Seils. Wenn Sie das Seil wie eine Peitschenschnur schnalzen lassen, entstehen Wellen, die sich über die ganze Länge des Seils fortsetzen. Auf ähnliche Weise erzeugt ein Reiz – wenn er stark genug ist, eine Nervenzelle zu erregen – einen sich fortpflanzenden elektrischen Impuls, der erst aufhört, wenn er am Ende des Axons angelangt ist. Der elektrische Strom wandert als einzelner Impuls das Axon entlang, bis er sich ganz entladen hat. Wissenschaftler nennen dies das »Alles-oder-nichts-Prinzip« oder den »Bowditch-Effekt«. In diesem Buch spreche ich davon, dass Neuronen feuern, aktiviert oder erregt werden, und meine damit Aktionspotenziale.
Die Übertragungsgeschwindigkeit von Nervenfasern ist eindrucksvoll. Ein Aktionspotenzial von der Dauer einer Tausendstel Sekunde rast das Axon mit einer Geschwindigkeit von über 400 km/h entlang. Das bedeutet, dieser Impuls würde die Länge eines Fußballfeldes in einer Sekunde zurücklegen. Ist ein Nervenimpuls ausgelöst, bleibt seine Intensität immer gleich, bis die Übertragung endet. Nervenimpulse werden also durch elektrischen Strom übermittelt. Das wirft die Frage auf, ob wir diesen Strom messen können.
Der Ionenaustausch zwischen Zellinnerem und Zelläußerem (das Aktionspotenzial) erschafft ein elektromagnetisches Feld. Ist das Gehirn aktiv, dann feuern Millionen von Neuronen gleichzeitig und produzieren dadurch ein messbares elektromagnetisches Feld. Falls Sie je ein EEG-Gerät in Aktion erlebt und gesehen haben, wie über die Elektroden auf dem Kopf einer Person ein Diagramm ihrer Gehirnaktivität entsteht, dann haben Sie einer Aufzeichnung dieser Induktionsfelder beigewohnt. Gemeinsam feuernde Nervenzellen des Gehirns erzeugen verschiedene elektromagnetische Felder, die unterschiedliche Geisteszustände kennzeichnen. Mithilfe der EEG-Technologie können Wissenschaftler die verstärkte Aktivität elektromagnetischer Felder in spezifischen Regionen des Gehirns mit bestimmten Denkvorgängen in Verbindung bringen.
In jedem Augenblick erzeugen wir in unseren Gehirnen elektrische Impulse – ob wir Informationen aus unserer Umgebung verarbeiten, unseren eigenen Gedanken nachhängen oder schlafen. Dies geschieht jede Sekunde in verschiedenen Bereichen des Gehirns, in Abermillionen einzelner Neuronen. Die Anzahl der Nervenimpulse, die in einem einzigen menschlichen Gehirn an einem einzigen Tag erzeugt werden, ist höher als die Anzahl der elektrischen Impulse aller Mobiltelefone auf diesem Planeten.
Schauen wir uns jetzt genauer an, wie Informationen von einer Nervenzelle zur nächsten übertragen werden. Wenn Neuronen Signale in Form elektrischer Impulse weiterleiten, müssen sie miteinander über den erwähnten trennenden Spalt hinweg kommunizieren. Dieser Spalt zwischen dem Ende des Axons der sendenden Zelle und dem Dendriten der empfangenden Nachbarzelle ist die Synapse (abgeleitet vom griechischen synaptein »zusammenfassen«). Der synaptische Spalt ist nur 30 Nanometer breit und ermöglicht es den Nervenimpulsen, ohne Unterbrechung von einem Neuron zum nächsten zu wandern.
Die sendende Seite mit dem Endknöpfchen des Axons wird »präsynaptische Membran« genannt, weil das Signal die Synapse an dieser Stelle noch nicht überwunden hat. Die empfangende Seite der Synapse, wo die Information vom Dendriten aufgenommen wird, ist die »postsynaptische Membran«.
Bitte behalten Sie dabei eines im Sinn: Neuronen sind nicht einfach linear hintereinandergeschaltet. Ein Axon kann seine Information gleichzeitig an mehrere Zellen weitergeben. Bei dieser sogenannten Divergenz wird die Botschaft einer Nervenzelle an mehrere benachbarte Zellen übermittelt. So kann ein Neuron potenziell eine Kaskade von Informationen auslösen und an einen Dschungel aus Tausenden von Neuronen übermitteln. Die neuronale Divergenz beschreibt einen ähnlichen Effekt wie ein Kieselstein, der Impulse in alle Richtungen aussendet, sobald er in einen Teich geworfen wird.


Abbildung 3.4
Divergenz und Konvergenz
In einem anderen Prozess, der »Konvergenz«, empfängt eine Nervenzelle an ihren Dendriten Impulse von verschiedenen anderen Neuronen und fasst diese verschiedenen Informationen zu einem Signal zusammen, das sie dann über ihr Axon weiterleitet. Sie erinnern sich an unsere Eiche mit den Ästen (Dendriten), die sich in alle Richtungen ausbreiten. Jetzt stellen Sie sich Tausende anderer Bäume vor, die dreidimensional so um unsere Eiche herumschweben, dass ihre Wurzeln die Äste und Zweige unserer Eiche berühren. All diese Bäume leiten verschiedene elektrische Ströme in den einen Baum, und er macht aus all diesen Impulsen ein einziges Signal, das er den Stamm entlang an seine Wurzeln weitergibt. Wenn eine weit verbreitete neuronale Aktivität auf einige wenige Neuronen zusammenläuft, nennen wir das »Konvergenz«. Abbildung 3.4 soll Divergenz und Konvergenz noch einmal veranschaulichen.
Einen Stift greifen
Also gut, Ihr Stift liegt immer noch da. Was muss geschehen, damit Sie ihn aufnehmen? Wenn Sie die Hand ausstrecken, den Stift anfassen und hochheben, findet in verschiedenen Bereichen Ihres Gehirns in einer Heerschar von Neuronen eine Kaskade von Aktionspotenzialen statt, um die Bewegungen Ihres Arms und Ihrer Hand zu koordinieren. Ich skizziere hier ein paar einfache Schritte dieses Prozesses, die nicht unbedingt in dieser Reihenfolge auftreten müssen:
1. Ihr Gedanke, den Stift aufnehmen zu wollen, erzeugt die erste Serie von Aktionspotenzialen in Ihrem Gehirn.
2. Ihre Augen sehen den Stift und lösen die zweite Serie von Aktionspotenzialen aus.
3. Ihr Okzipital- oder Hinterhauptlappen (der Teil des Gehirns, der für das Sehen zuständig ist) registriert das Bild, das Sie sehen.
4. Der Temporal- oder Schläfenlappen (wo Assoziationen mit Erinnertem und Erlerntem gebildet werden) bringt das Bild, das Sie sehen, mit seiner Erinnerung an Stifte in Verbindung – was zu einer weiteren Serie von Aktionspotenzialen führt.
5. Der Frontal- oder Stirnlappen (Sitz der höheren mentalen Aktivitäten) ermöglicht es Ihnen, aufmerksam zu bleiben, während Sie die Absicht ausformen, nach dem Stift zu greifen.
6. Wenn Sie beginnen, die Bewegung des Greifens nach dem Stift zu integrieren, helfen Ihnen der Frontallappen und der Parietal- oder Scheitellappen (der die motorischen Abläufe steuert und auch für Sprache und allgemeine Sinneswahrnehmungen zuständig ist), die Aktionen von Arm, Hand und Fingern in Gang zu setzen und Ihre Sinne darauf vorzubereiten, wie sich der Stift anfühlen wird.
7. Der Parietallappen ermöglicht Ihnen die Wahrnehmung des Stifts in Ihrer Hand: seine Form, die Rauheit des Holzes nahe der Spitze, die Weichheit des Radiergummis am anderen Ende.
8. Gleichzeitig sorgt das Cerebellum oder Kleinhirn (das die willkürliche Muskelaktivität koordiniert) dafür, dass der Körper die Bewegungen ausführt, um den Stift zu ergreifen. Ohne das Kleinhirn könnten Sie den Stift zwar vielleicht berühren, aber nicht ergreifen, oder ihn allenfalls so aufnehmen, dass er Ihnen über den Kopf fliegt oder dass Sie ihn auf den Boden fegen.
Während dieser Kaskade von Aktionspotenzialen sind ständig Natrium- und Kalium-Ionen in Ihre Nervenzellen hinein- und aus ihnen herausgesaust, und diese ganze elektrochemische Aktivität fand statt, ohne dass Sie sich ihrer irgendwie bewusst sein mussten. Gott sei Dank!
Nervös wie eine Qualle
Die ersten Nervenzellen der Evolutionsgeschichte entstanden in Wesen, die starke Ähnlichkeit mit den heutigen Quallen besaßen. Vor Millionen Jahren hing das Überleben dieses primitiven Organismus von seiner Fähigkeit ab, Nahrung aufzuspüren (sensorische Funktion) und sich dorthin zu bewegen (motorische Funktion). Diese Quallen mussten Zellen entwickeln, die ihr Gewebe kontrahierten und damit Bewegung erzeugen konnten. Und diese Bewegungen mussten zielgerichtet sein.
Die Quallen brauchten ein System, mit dem sie ihre Bewegungen in gewissem Umfang steuern und koordinieren konnten, damit sie sich effektiver in ihrer Umgebung zurechtfanden. Also mussten sensorische Botschaften von der Umgebung aufgenommen und an die auf Bewegung spezialisierten Zellen weiterleitet werden. Und nichts anderes tut – im Wesentlichen – das Nervensystem: Es nimmt Signale der Umgebung wahr und sorgt dafür, dass der Organismus durch Bewegung und Handeln angemessen darauf reagiert – je nachdem willkürlich oder unwillkürlich.
Die Quallen benötigten also eine rudimentäre Intelligenz und ein einfaches Nervensystem, um eine ganz grundlegende Art von Bewusstsein herzustellen. Folglich entwickelten sie die ersten sensorischen und motorischen Nervenzellen.
Da der einfache neurologische Mechanismus der Quallen und anderer primitiver Organismen sehr erfolgreich war, wurde er zur evolutionären Norm. Alle Nervenzellen – ob von Quallen, Tieren oder Menschen – übertragen Informationen auf der Basis derselben elektrochemischen Prinzipien. Auch heute begegnen wir Menschen unserer Umgebung mithilfe desselben Prozesses, wie er vor Jahrmillionen in den Quallen seinen Anfang genommen hat.
Wie hat die Natur den Quantensprung von diesen primitiven Nervensystemen zum menschlichen Gehirn geschafft? Um ein immer komplexeres, den Anforderungen besser angepasstes Verhalten zu entwickeln, musste ein Organismus nur immer mehr dieser Nervenzellen auf die verschiedensten Weisen miteinander verknüpfen.
Wenn Neuronen sich zu immer komplexeren neurologischen Netzwerken verbinden, nimmt die Kommunikation zwischen ihnen exponentiell zu. Es ist eine einfache Gleichung: Im selben Maß, wie sich die Kommunikation zwischen den Neuronen vervielfältigt, erweitert sich die Intelligenz, und die Organismen können sich auf eine fortgeschrittene, ihrer Umgebung besser angepasste Weise verhalten. Kurz gesagt, wir verdanken es unseren großen Gehirnen, dass wir schneller lernen, erinnern, erschaffen, erfinden und unser Verhalten ändern können als andere Organismen. Der Mensch steht an der Spitze der Kommandokette, weil die unglaubliche Menge miteinander verbundener Nervenzellen unser Gehirn sehr groß und unvergleichlich komplex werden ließ.
Chemische Botenstoffe erzeugen eine Verbindung
Betrachten wir einmal aus der Nähe, wie Nervenimpulse sich von einem Neuron zum anderen bewegen. Wie überwinden sie den synaptischen Spalt?
Wandert ein Nervenimpuls ein Neuron entlang, kommt er über das Axon der sendenden Seite zur präsynaptischen Membran. Dort sitzen winzige synaptische Vesikel, in denen chemische Botenstoffe gespeichert sind, die sogenannten Neurotransmitter. Neurotransmitter übertragen Informationen über den synaptischen Spalt hinweg zu anderen Nervenzellen (und Körperteilen) und steuern so spezifische Funktionen. Auf Abbildung 3.5 weist Punkt A auf diese mit Neurotransmittern gefüllten Vesikel hin.

Abbildung 3.5
Die Funktion der Neurotransmitter am synaptischen Spalt
Neurotransmitter wie Serotonin oder Dopamin verursachen die Stimmungen, die unsere Erfahrungen prägen. Ihnen haben wir es zu verdanken, dass wir uns bei derselben Aktivität manchmal glücklich und manchmal unwohl fühlen. Die verschiedenen Stimmungen, die Sie und die meisten Menschen im Lauf eines Tages durchleben – von freudiger Erwartung oder Fröhlichkeit bis zu Reizbarkeit oder Erschöpfung –, gehen auf das Konto der Neurotransmitter. Unser Fühlen wird von der Chemie bestimmt, die wir durch unsere Gedanken in unserem Gehirn produzieren.
Sie können sich die Vesikel am Ende des Axons als winzige, mit Flüssigkeit gefüllte Ballons vorstellen, und die Neurotransmitter sind die Flüssigkeit darin. Verschiedene Endknöpfchen enthalten verschiedene Botenstoffe. Die elektrochemische Aktivität eines Nervenimpulses bringt, gleich einem Blitzschlag, eines oder mehrere Vesikel zum Platzen, die damit Tausende von Neurotransmitter-Molekülen freisetzen. Jeder Impuls lässt bestimmte Vesikel aufspringen und andere nicht, was bedeutet, dass bestimmte Neurotransmitter ausgeschüttet werden und andere nicht.
Was bestimmt, welche Neurotransmitter freigesetzt werden? Die Frequenz oder Ladung des elektrischen Impulses. Nicht alle Nervenimpulse sind gleich, und die verschiedenen Neurotransmitter reagieren auf unterschiedliche Frequenzen. So kann ein bestimmter elektrochemischer Impuls ein bestimmtes Vesikel zum Platzen bringen und dessen spezifischen Neurotransmitter freisetzen.
Stellen Sie sich diese chemischen Botenstoffe einfach vor wie winzige Fähren, die einen Kanal überqueren und am anderen Ufer an den passenden Stellen andocken. Für jeden Neurotransmitter gibt es auf der empfangenden Seite des Dendriten einen spezifischen chemischen Rezeptor, in den er passt wie der richtige Schlüssel ins Schloss. Die molekulare Form des Neurotransmitters muss der molekularen Form des Rezeptors entsprechen. Abbildung 3.5 zeigt an den Punkten B und C dieses Schlüssel-Schloss-Prinzip.
An ihrer »Anlegestelle« auf der anderen Seite setzen die Neurotransmitter »Passagiere« frei, die dann verschiedenen Aufgaben nachgehen. Zwar verlassen Sie das Dock alle auf demselben Weg, doch mit unterschiedlichen Zielen: Manche schlendern nach Hause und ruhen sich dort aus, andere gehen zur Arbeit, wieder andere sind möglicherweise im Urlaub und einige gehören vielleicht zum Fährpersonal.
Bei den Neurotransmittern verhält es sich ähnlich: Sie überqueren den Spalt zwischen dem Neuron, das sie freigesetzt hat, und der benachbarten Nervenzelle. Auf der Empfängerseite bewirken sie die Freisetzung bestimmter Chemikalien, die Einfluss auf die Aktivität der empfangenden Zelle nehmen. Dies wiederum wirkt auf das nächste Neuron, und so weiter.
Chemisch-elektrisches Hin und Her
Nervenimpulse fangen also elektrisch an, werden dann chemisch und anschließend wieder elektrisch. Anders ausgedrückt: Die von einem Neuron erzeugten elektrischen Impulse werden an der Synapse durch Neurotransmitter in chemische Impulse umgewandelt. Diese chemischen Botenstoffe stimulieren eine komplexe molekulare Interaktion und einen Ionenfluss, der am benachbarten Neuron wiederum einen elektrischen Impuls auslöst. Wenn dadurch eine bestimmte elektrische Schwelle erreicht ist, wird beim benachbarten Neuron ein Aktionspotenzial ausgelöst und die Botschaft weitergegeben.
Nicht jede Nervenzelle gibt die Botschaften weiter, die sie empfängt. Zur Veranschaulichung stellen Sie sich einfach Folgendes vor: Sie wollen einen Freund mit Liebeskummer aufheitern. Der Arme steckt in seinen Gefühlen fest und denkt an nichts anderes als an sein Herzeleid. Ihnen ist klar, dass er seinen Kummer vergessen muss, weshalb Sie ihn auf unterschiedliche Weisen abzulenken versuchen. Sie laden ihn zum Abendessen in ein neues Restaurant ein, Sie gehen mit ihm auf der Promenade spazieren, schleppen ihn gemeinsam mit Freunden ins Kino, in einen Nachtklub und in eine Komödie. Irgendwann im Verlauf all dieser Aktivitäten gelangt Ihr Freund im Idealfall an einen Punkt, wo er angeregt genug ist, um seine trübselige Stimmung zu vergessen.
Nervenzellen wechseln auf ganz ähnliche Weise aus der Ruhe in einen Erregungszustand. Manchmal mag eine Form der Stimulation nicht ausreichen, doch ist der Reiz stark genug, wird die Nervenzelle aktiviert und damit von einem Informations-Empfänger zu einem Informations-Sender: Sie gibt ihre Erregung weiter.
Werden auf der Seite der präsynaptischen Membran Neurotransmitter freigesetzt, dann erzeugen sie eine elektrische Reaktion auf der postsynaptischen Seite. Dieser elektrische Impuls wandert vom empfangenden Dendriten zum Zellkörper und das Axon hinunter. Sie können sich Neurotransmitter als diejenigen Chemikalien denken, welche die Kommunikationslücke zwischen den Neuronen schließen, sodass eine Botschaft durch das ganze Gehirn gesendet werden kann.
In der Regel braucht es auf der postsynaptischen Seite eine Menge Neurotransmitter-Aktivität als Stimulus, um die nächste Nervenzelle stark genug zu erregen. Kleine Neurotransmitter-Mengen aus einzelnen Nervenzellendungen reichen meistens nicht, um die Schwelle zu erreichen, an der ein Aktionspotenzial ausgelöst wird. Es ist, wie gesagt, ein Alles-oder-nichts-Phänomen, ähnlich wie beim morgendlichen Weckerklingeln: Entweder Sie steigen aus dem Bett oder Sie tun es nicht; beides gleichzeitig geht nicht. Ob eine Nervenzelle erregt wird oder nicht, hängt jedoch auch von der Art des Neurotransmitters ab.
Verschiedene Arten von Neurotransmittern
Neurotransmitter finden sich in verschiedenen Konzentrationen in bestimmten Arealen des Gehirns. Zu den wichtigsten Neurotransmittern zählen Glutamat, Gamma-Amino-Butyric-Acid (GABA bzw. Gamma-Aminobuttersäure), Acetylcholin, Serotonin, Dopamin, Melatonin, Stickoxid und verschiedene Endorphine.
Neurotransmitter können viele verschiedene Funktionen erfüllen: stimulieren, hemmen oder die Aktivität eines Neurons auf Zell-Ebene verändern. Sie können ein Neuron veranlassen, sich aus einer bestehenden Verbindung zu lösen oder sie zu verstärken. Sie können benachbarte Neuronen erregen oder eine Botschaft aussenden, die den Impuls zum Erliegen bringt. Sie können sogar die Botschaft selbst verändern, sodass eine neue Botschaft weitergegeben wird. Und all dies geschieht in einer Millisekunde.
Im Gehirn und im Nervensystem existieren zwei Grundtypen von Neurotransmittern. Erregende Neurotransmitter stimulieren oder aktivieren eine Impulsübertragung. Sie verändern den elektrischen Zustand der postsynaptischen Membran und ermöglichen damit die Auslösung eines Aktionspotenzials in der nächsten Zelle. In den richtigen Kombinationen sorgen sie dafür, dass unsere mentalen Funktionen blitzschnell ablaufen.
Der wichtigste erregende Neurotransmitter ist Glutamat. Wird in der präsynaptischen Membran Glutamat freigesetzt, verbindet es sich mit dem entsprechenden Rezeptor der postsynaptischen Membran und verändert damit den elektrischen Zustand der nächsten Zelle, um die Wahrscheinlichkeit der Auslösung eines Aktionspotenzials zu erhöhen.
Hemmende Neurotransmitter unternehmen genau das Gegenteil: Sie sorgen dafür, dass an der postsynaptischen Membran keine Erregung stattfindet. Der wichtigste hemmende Neurotransmitter ist GABA: Er heftet sich an die entsprechenden Rezeptoren der postsynaptischen Membran und bewirkt dort, dass die Auslösung eines Aktionspotenzials weniger wahrscheinlich wird. Ohne GABA würden die Nervenzellen so oft aktiviert, dass sie Schaden nähmen und das Gehirn ernsthaft aus dem Gleichgewicht geriete.
Neuronen knüpfen leicht Kontakt mit anderen Neuronen. Sie besitzen auch die Fähigkeit, Impulse an- und abzuschalten, Informationen auf eine einzelne Zelle auszurichten oder elektrische Aktivität in x verschiedene Richtungen zu streuen. Neuronen können sich auch augenblicklich voneinander trennen oder sich miteinander an anderen synaptischen Spalten verbinden.
Angesichts dieser Komplexität geht den Biologen allmählich auf, wie wenig wir eigentlich über die Funktionen und Wechselwirkungen zwischen den Neuronen wissen. In Anbetracht all ihrer verschiedenen Wirkungsweisen und ihrer kollektiven, ständig veränderbaren Muster haben sie nur noch wenig mit den brav-ordentlichen Zeichnungen zu tun, die wir aus unseren Schulbüchern kennen. In unserem Zusammenhang sollten wir uns die Neuronen eher als ein riesiges, in ständiger Veränderung begriffenes Netzwerk einzelner Computer vorstellen, die in Lichtgeschwindigkeit miteinander kommunizieren. Denken wir uns die Neuronen wirklich als Milliarden von Computern, die unablässig in gegenseitigen Kontakt treten und ihn wieder lösen, können wir die gewaltige Aufgabe angehen, ihre Intelligenz auf mikroskopischer Ebene zu erklären. Wenn ich in diesem Kontext davon spreche, Neuronen zu verknüpfen oder zu verschalten, dann ist das natürlich immer nur eine Metapher für die Kooperationsweise dieser hoch entwickelten Zellen.
Das Wasser zwischen unseren Ohren
Wie bereits erwähnt, besteht unser großartiger, komplexer Biocomputer zu 75-85 Prozent aus Wasser. Die Konsistenz eines lebendigen Gehirns lässt sich in manchen Bereichen mit der eines weich gekochten und in anderen mit der eines hart gekochten Eis vergleichen. Wie klug von Mutter Natur, dass sie dieses zarte Gewebe mit einem harten Schädelknochen umgeben hat, um es vor Verletzungen zu schützen! Wasser ist für den elektrischen Informationsaustausch des Gehirns von wesentlicher Bedeutung: Es erhöht die Leitfähigkeit des Gehirns, weshalb elektrische Ströme sich schnell und kontinuierlich ausbreiten können (Divergenz).
Denken Sie nur daran, was passiert, wenn ein Blitz in ein Gewässer fährt. Selbst wenn Sie sich Hunderte Meter von der Einschlagstelle entfernt im Wasser aufhalten, kann das immer noch lebensgefährlich sein, weil die Elektrizität sich sekundenschnell im Wasser ausbreitet. So bildet Wasser auch im Gehirn das perfekte Medium, in dem geladene Teilchen sich innerhalb und außerhalb der Zellen rasch und frei bewegen können.
Und jetzt zum Nervensystem
Die anderen Teile des Nervensystems sind vorwiegend damit beschäftigt, Impulse vom Körper zum Gehirn und vom Gehirn zum Körper zu leiten. Die Nerven bestehen aus einer oder mehreren Nervenzellenfasern, die sich in alle Bereiche des Körpers verzweigen. Nerven sind Verlängerungen des Gehirns. Das Nervensystem dient dazu, die Umgebung mit dem Körper zu verbinden, den Körper mit dem Gehirn und das Gehirn mit dem Körper.
Grundsätzlich aktiviert und steuert das Nervensystem sämtliche Körperfunktionen und sorgt dafür, dass all diese verschiedenen lebendigen Gewebe ordentlich und harmonisch zusammenarbeiten. Es reguliert sämtliche Systeme: endokrine Drüsen, Muskeln und Skelett, Immunität, Verdauung, Herz und Kreislauf, Fortpflanzung, Atmung und Ausscheidung. Ohne Nerven wären wir nicht lebensfähig.
Um all diese Systeme zu kontrollieren und aufrechtzuerhalten, kommuniziert das Nervensystem ständig mit dem Rest des Körpers. Unsere Sinne sind auch Erweiterungen der Nervenrezeptoren, mit denen wir verschiedene Informationen über unsere Umwelt einholen; durch unsere Sinne kann das Nervensystem die Zustände im Körper und um den Körper herum wahrnehmen und auswerten. Neben dem Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Berühren verarbeitet das Nervensystem auch andere innere Sinneseindrücke wie Hunger, Durst, Schmerz, Temperaturempfinden und Tiefenwahrnehmung (das »Körpergefühl«). All diese Informationen speichert das Nervensystem in Form von Erinnerungen.
Komponenten des Nervensystems
Das Nervensystem besteht eigentlich aus verschiedenen Subsystemen, die sich im Körper überschneiden. Das zentrale Nervensystem besteht aus dem Gehirn und dem Rückenmark. Man kann sich das Rückenmark als eine Verlängerung des Gehirns vorstellen, mit Milliarden sensorischer und motorischer Impulse, die permanent am Rückenmark entlang auf- und abwandern wie in einem Glasfaserkabel.
Die Ergänzung des zentralen Nervensystems bildet das periphere Nervensystem, wozu alle außerhalb von Gehirn oder Rückenmark existierenden Nerven gehören, d.h. sämtliche Nerven, die Impulse von den Geweben und Organen zum Rückenmark oder vom Rückenmark zu den Geweben und Organen leiten, einschließlich unserer Sinnesorgane. Bei meinem Vergleich des Rückenmarks mit einem Glasfaserkabel entsprechen die peripheren Nerven den Leitungen, die von diesem Kabel abzweigen und einen wechselseitigen Informationsaustausch mit den inneren Organen, Sinnesorganen und Extremitäten ermöglichen. Die Abbildungen 3.6A, 3.6B und 3.6C zeigen das zentrale und das periphere Nervensystem.

Abbildung 3.6A
Das zentrale Nervensystem

Abbildung 3.6B
Die peripheren Nerven des willkürlichen Nervensystems
Das periphere Nervensystem besteht aus zwei verschiedenen Nerventypen: den Hirnnerven und den Spinalnerven. Wir besitzen zwölf Paar Hirnnerven, die, wie der Name sagt, direkt am Kopf aus dem Hirnstamm austreten. Sie übertragen Impulse für viele Funktionen wie Riechen, Sehen, Gleichgewichtssinn, Drüsensekretion, Hören, Schlucken und Gesichtsausdruck (siehe Abbildung 3.6C). Die 31 Spinalnerven-Paare treten beiderseits der Wirbelsäule aus, verzweigen sich dann zu bestimmten Regionen des Halses, Leibes oder der Extremitäten und sind dort für deren Funktion, Bewegung und Empfindungen verantwortlich. Die Abbildungen 3.6B und 3.6C zeigen, wie einige der peripheren Nerven die Wirbelsäule verlassen und sich mit Muskeln und Bändern verbinden, während andere periphere Nerven zu den Organen führen.

Abbildung 3.6C
Die peripheren Nerven des unwillkürlichen Nervensystems
Unsere unwillkürliche, unterbewusste Intelligenz
Das autonome Nervensystem umfasst sowohl Teile des zentralen als auch des peripheren Nervensystems. Es bildet das automatische, selbstregulierende Kontrollsystem des Körpers und hat seinen Ursprung im Mittelhirn – dem Bereich direkt unterhalb des Neocortex –, das für die automatischen Funktionen des Körpers zuständig ist und einen der drei Hauptbereiche des Gehirns ausmacht (siehe Abbildung 3.7).
An dieser Stelle sei angemerkt, dass Dr. Joe Dispenza den Begriff »Mittelhirn« für den Bereich verwendet, in dem das limbische System lokalisiert ist [Anm. für die hier vorliegende deutsche Ausgabe.]
Das autonome Nervensystem steuert alle unwillkürlichen Funktionen und die Homöostase des Körpers, d.h. das konstante Gleichgewicht aller Funktionen. Es regelt die Körpertemperatur, den Blutzuckerspiegel, den Puls und all die Millionen Prozesse, die wir Tag für Tag als selbstverständlich hinnehmen. Es heißt »autonom«, weil es all das tut, ohne dass wir uns bewusst darum kümmern müssen: Wir brauchen uns keine Gedanken zu machen, wie schnell unser Herz jetzt gerade schlagen sollte und welche Enzyme im Moment für unsere Verdauung notwendig sind. Das autonome Nervensystem reguliert das alles, um den Körper chemisch in der Balance und »normal« gesund zu erhalten. Man könnte sagen, es wirkt auf einer unterbewussten Ebene.

Abbildung 3.7
Schnitt durch das Gehirn
Das autonome Nervensystem besitzt zwei Abteilungen: das sympathische Nervensystem und das parasympathische Nervensystem (siehe Abbildung 3.8).

Abbildung 3.8
Die beiden Zweige des autonomen Nervensystems
Das sympathische Nervensystem stellt den Körper auf Notfallsituationen ein. Sobald wir etwas in unserer Umgebung als bedrohlich wahrnehmen, bereitet dieser Teil des Nervensystems automatisch den ganzen Körper darauf vor, zu kämpfen oder zu fliehen. Unser Herzschlag wird schneller, der Blutdruck steigt, der Atem beschleunigt sich, es kommt zum Ausstoß von Adrenalin, damit wir unmittelbar reagieren können. Zugleich wird die Energie des Körpers vom Verdauungstrakt abgezogen und in die Extremitäten gelenkt. Das sympathische Nervensystem verändert den Körper elektrochemisch, um unsere Überlebenschancen zu erhöhen.
Das parasympathische System besorgt genau das Gegenteil: Diese Abteilung des autonomen Nervensystems speichert die Körperenergie und sorgt dafür, dass die Vorräte wieder aufgefüllt werden. Lässt sich in unserer Umgebung keine Bedrohung erkennen, verlangsamt das parasympathische Nervensystem den Pulsschlag, schickt mehr Energie in die Verdauung, entspannt den Körper und lenkt das Blut zu den inneren Organen, um Wachstums- und Erhaltungsprozesse zu fördern. Bildlich gesprochen, fühlt sich das an, als hätten wir ein mehrgängiges Menü genossen.
Einen weiteren Teil des unwillkürlichen Nervensystems bildet die ganze Skala der Reflexe, mit denen wir auf verschiedene Außenreize reagieren und die dem Körper beim Überleben und beim unmittelbaren Handeln dienlich sind. Klopft der Arzt beispielsweise mit dem Hämmerchen auf den Punkt unterhalb Ihrer Kniescheibe, zuckt Ihr Bein sofort und unwillkürlich nach vorne. Kommen Sie an einen heißen Topf, dann ziehen Sie Ihre Hand automatisch zurück. Treten Sie aus der Dunkelheit in einen hellen Raum, verengen sich spontan Ihre Pupillen. Diese rudimentären, automatischen Muskelreaktionen entspringen dem Hirnstamm und dem Kleinhirn. Jahrmillionen der Anpassung an unsere Umgebung haben sie tief in unserem Körper verankert.
Nachdem wir jetzt die instinktiveren, unwillkürlichen Funktionen unseres autonomen Nervensystems besser verstanden haben, können wir vielleicht auch seine enorme Bedeutung für uns besser wertschätzen. Es ist unser unterbewusster Anteil, und es birgt eine Intelligenz in sich, die in jedem Augenblick sämtliche unzähligen Körperfunktionen auf zellulärer wie auch allen möglichen übergeordneten Ebenen kontrolliert und dirigiert, ohne dass wir uns auch nur im Geringsten darum kümmern müssten. Solange es nicht gestört wird, hält dieses erstaunliche, unglaublich ausgeklügelte System unser Leben, unsere Gesundheit und unsere innere Ordnung automatisch aufrecht.
Unsere willkürliche, bewusste Intelligenz
Als menschliche Wesen genießen wir das Privileg, willentlich und bewusst handeln zu können. Wir können frei wählen, woran wir denken und was wir im Gedächtnis bewahren wollen, welche Fähigkeiten wir entwickeln und was wir tun möchten. Wir benutzen unser Gehirn und unser Nervensystem, um unsere Entscheidungen zu lenken – ob wir essen, spazieren gehen oder uns hinsetzen und ein Buch lesen wollen –, und wir bringen unsere Muskeln dazu, diese Entscheidungen umzusetzen. Unsere Wünsche und unser Handeln leiten sich aus unserem freien Willen ab. Deswegen sprechen wir vom willkürlichen Nervensystem, wenn wir den Sitz unseres bewussten Geistes und unseres freien Willens meinen. Dieses willkürliche Nervensystem befindet sich in dem Teil des Gehirns, der »Neocortex« genannt wird (siehe Abbildung 3.7).
Die Interaktion zwischen unserem unwillkürlichen und unserem willkürlichen Nervensystem lässt uns zu Menschen werden, sie bildet die Quelle unseres Menschseins. Das willkürliche Nervensystem untersteht unserer bewussten Kontrolle und lässt uns den freien Willen: Wir können tun, was wir tun möchten. Das autonome Nervensystem hingegen wird von unserer unterbewussten Intelligenz gesteuert und sorgt für all die unzähligen elektrochemischen Reaktionen, die unseren Körper lebendig halten und unser Tun und Fühlen unterstützen. Abbildung 3.9 bietet einen Überblick über das Nervensystem und seine einzelnen Abteilungen.

Abbildung 3.9
Das Nervensystem mit all seinen Unterteilungen
Ich hoffe, Sie beginnen zu verstehen, weshalb ich bei unserer Erkundung des menschlichen Gehirns auf der Zell-Ebene angesetzt habe. Die Konstruktion unserer Nervenzellen ermöglicht eine exponentielle Kommunikation: Über dieselben neuronalen Verbindungen und Pfade lassen sich durch den Einsatz verschiedener Neurotransmitter eine Unmenge unterschiedlicher Gedanken, Gefühle, Handlungen, Stimmungen und Wahrnehmungen erzeugen. Diese Prozesse können Taten inspirieren, Emotionen hervorrufen, Körperfunktionen beeinflussen, Verhalten manifestieren, Triebe auslösen und Hormone ausschütten sowie holografische Bilder – »Gedanken« und »Erinnerungen« genannt – produzieren.
Jetzt können wir uns die »Anatomie der inneren Haltung« vornehmen und dabei auf unseren einfachen Kenntnissen der Neurobiologie und Gehirnchemie aufbauen. Eine innere Haltung ist eine miteinander verschaltete Gruppe von Gedanken – wird sie stimuliert, schüttet sie spezifische Neurotransmitter aus, worauf wir eine bestimmte Art des Fühlens, Denkens und Handelns entwickeln. Angenommen, Sie wachen morgens auf, gehen in die Küche und erledigen den Abwasch vom Vorabend. Ihre innere Haltung zu Ihrer Tätigkeit entsteht aus Gedanken wie: »Ach, was hab’ ich gut geschlafen! Ich bin so froh, dass ich heute nicht zur Arbeit muss. Mann, die Nudeln von gestern Abend waren wirklich lecker! Aber echt gut, dass wir die Teller gestern Abend schon mal kurz vorgespült haben. Der Himmel ist heute ja wirklich unglaublich blau!« Am Abend desselben Tages sind Sie vielleicht wieder mit dem Abwasch beschäftigt, doch Ihre innere Haltung besteht möglicherweise eher aus Gedanken wie: »Jetzt hat sie schon wieder mit dem Thema angefangen! Ich weiß wirklich nicht, wozu das gut sein soll. Wir hatten das doch alles ausdiskutiert und jetzt wärmt sie das Ganze wieder auf. Warum summt die alberne Lampe bloß so? Das nervt! Ich habe überhaupt keine Lust auf diesen dämlichen Abwasch. Ich würde viel lieber schon im Bett liegen.«
Auf der Basis dieser beiden verschiedenen Gedankengruppen werden Sie wahrscheinlich einen großen Unterschied zwischen ihren beiden inneren Haltungen wahrnehmen, obwohl Sie beide Male genau dieselbe Tätigkeit verrichten, nämlich Geschirr spülen. Als freien Willen bezeichnen wir oft unsere Freiheit, zu entscheiden, welche innere Haltung wir einnehmen wollen, und das hat viel mit unserem Gehirn und seiner Chemie zu tun. Durch diesen freien Willen sind wir alle individuelle, unterschiedliche Wesen. Wenn Sie das nächste Mal etwas anfangen, bedenken Sie dabei ruhig einmal, welche Auswirkungen Ihre Gedanken auf den Chemiecocktail in Ihrem Gehirn haben.
Wenn unser Gehirn die Maschine ist, die uns im täglichen Leben antreibt, dann ist es doch sinnvoll, zu wissen, wie sie funktioniert und wie wir sie steuern können, um an das gewünschte Ziel zu gelangen. Und genau davon handelt dieses Buch. Wissen ist Macht, und Macht bedeutet Kontrolle. Wir arbeiten darauf hin, unseren mentalen/chemischen Zustand, unser Leben und letztlich unsere persönliche Realität willentlich lenken zu können. Das Gute an der Sache: Unser mentaler/chemischer Zustand und unser Leben sind so engmaschig miteinander verknüpft, dass jede Veränderung des einen immer auch zu einer Veränderung des anderen führt.1
Im vierten Kapitel werde ich erklären, wie das Gehirn sich bis zu diesem Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte entwickelt hat. Dann werde ich Sie mit den einzelnen Regionen und Substrukturen des Gehirns vertraut machen, damit Sie besser verstehen lernen, wie es zu Ihren inneren Gedanken und äußeren Reaktionen kommt. Auf der Grundlage dieser gebündelten Informationen wird Ihnen dann sicher klar, weshalb Sie genau so sind, wie Sie sind.
1. Referenzen für das gesamte dritte Kapitel: • Guyton, A.: Textbook of Medical Physiology. 8th. London: WB Saunders and Co, 1991. • Snell, R. S.: Clinical Neuroanatomy for Medical Students. Little Brown, 1992. • Ornstein, R. und Thompson, R.: The Amazing Brain. Houghton Mifflin, 1984.
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Unsere drei Gehirne und mehr
Im Verhältnis zu unserer Körpermasse ist unser Gehirn dreimal schwerer als bei unseren nächsten Verwandten. Dieses riesige Organ wird unter Schmerzen und Gefahr geboren, ist aufwendig in der Ausbildung und verbraucht bei einem ruhenden Menschen ungefähr 20 Prozent der Körperenergie, obwohl es nur zwei Prozent des Körpergewichts ausmacht. Es muss doch einen Grund dafür geben, dass sich die Evolution dieses Ding so viel kosten lässt..
Susan Blakemore
Der amerikanische Autor Kurt Vonnegut verwendet in seiner Novelle Galapagos die Phrase »Vielen Dank, großes Gehirn« als eine Art Refrain, um seine Geringschätzung gegenüber all den sogenannten Fortschritten in der sozialen und politischen Entwicklung der Menschheit zu unterstreichen. Vonnegut leidet darunter, dass all die Kriege, die Armut und die Gewalt Produkte unseres Gehirns sind, doch nicht jeder teilt seinen Zynismus.
Unser Gehirn wiegt durchschnittlich drei Pfund, was etwa zwei Prozent unseres Körpergewichts ausmacht. Zu unserer Körpergröße in Relation gesetzt, ist es sechsmal größer als bei irgendeinem anderen lebenden Säugetier – mit Ausnahme der Delfine. Das Größenverhältnis Körper:Gehirn ist bei Menschen und Delfinen ziemlich ähnlich. Wobei das Delfingehirn sich in den letzten 20 Millionen Jahren nicht mehr wesentlich verändert hat.
In der Evolution des menschlichen Gehirns ist etwas geschehen, das Biologen und Paläontologen schon seit Langem Rätsel aufgibt. Bei der Evolution der einzelnen Tierarten entwickelt die Gehirnmasse sich proportional zu den übrigen Körperstrukturen wie Lunge, Leber und Magen. Vor etwa 250000 Jahren waren die meisten Säugetiere bezüglich Komplexität und Masse ihres Gehirns auf dem Höhepunkt ihrer evolutionären Entwicklung angelangt. Doch dann löste die Evolution unserer menschlichen Art sich auf unerklärliche Weise von der der anderen Säugetiere. Statt – wie bei den anderen Säugetieren – im Wesentlichen auf dem Stand zu bleiben, der sich bis zu diesem Zeitpunkt ausgebildet hatte, erfuhr der menschliche Neocortex in relativ kurzer Zeit einen ungeheuren Wachstumsschub – sowohl Masse wie auch Komplexität betreffend.
Das Rätsel des Hirnwachstums
Wie neuere Erkenntnisse gezeigt haben, nahm vor 250000 bis 300000 Jahren, als das menschliche Mittelhirn etwa seine heutige Komplexität erreicht hatte, die Masse des Neocortex, des denkenden, vernunftfähigen Teils des Gehirns, um 20 Prozent zu.1 Diese plötzliche Erhöhung des Volumens und der Dichte der Gehirnmasse scheint sich spontan und aus uns unerfindlichen Gründen ereignet zu haben. Die neu hinzugekommenen 20 Prozent grauer Substanz sind für die Überlegenheit des menschlichen Gehirns verantwortlich. Diese explosionsartige Entwicklung beschenkte uns also mit einem Neocortex, der wesentlich größer und dichter ist als der aller anderen Arten – doch wie es zu diesem Prozess kam, blieb bis heute ungeklärt.
Während die Dichte des Neocortex um besagte 20 Prozent zunahm, vergrößerte der menschliche Körper sich lediglich um 16 Prozent. Das heißt, das Körperwachstum betrug proportional zur Vergrößerung der Gehirnmasse nur 80 Prozent. Das ist für Säugetiere äußerst ungewöhnlich.
Da fragt man sich doch, weshalb das Gehirn so stark zulegte, der Kopf dabei aber nicht mitwuchs. Das Schädelvolumen nahm schon etwas zu, aber längst nicht in dem Ausmaß, wie es der normalen evolutionären Entwicklung im Tierreich entsprochen hätte. Wissenschaftler wollen die Ursache dafür im Geburtsvorgang sehen: Ein größerer Kopf hätte nicht mehr durch das weibliche Becken gepasst. Auch heute noch birgt jede Geburt Schwierigkeiten und Risiken für Mutter und Kind – wegen der Größe des Babykopfs. Ein weiteres Wachstum hätte vielleicht zum Aussterben der species humana geführt. Wir wissen auch nicht, weshalb Mutter Natur das weibliche Becken nicht einfach verbreitert hat. Allerdings können wir uns ganz gut ausmalen, welche Gestalt Frauen dann angenommen hätten – vielleicht hätte das für sie das Ende des aufrechten Gangs bedeutet.
Das Schaumstoffball-Gehirn
Die Natur hat jedoch eine andere, äußerst elegante Lösung für das Problem des »Zuwachses« gefunden: Das Gehirn hat sich in sich selbst eingefaltet: Etwa 98 Prozent des Neocortex sind in den Falten versteckt. Wie bei einem japanischen Fächer, dessen Dekor man nicht sehen kann, wenn er zusammengeklappt ist, bleibt auch der größte Teil der grauen Substanz des Gehirns in seinem Inneren verborgen. Dieses walnussähnliche »Design« ist eine sehr effiziente Art, viel Material auf wenig Platz zu verstauen.
Vor ein paar Jahren half ich meiner Tochter bei einer Hausaufgabe über das Gehirn. Wir sprachen darüber, wie das Gehirn mit seinen vielen Falten möglichst viel Masse auf möglichst wenig Raum unterbringt. Es fiel ihr schwer, das zu verstehen. Am nächsten Tag besorgte ich 10 Schaumstoffbälle von je etwa 12 Zentimetern Durchmesser und einen großen Dreieinhalb-Liter-Glasbehälter mit einer weiten Öffnung und einem Deckel. Als wir uns abends wieder trafen, forderte ich sie auf, zwei Bälle in das Glas zu stecken. Der Behälter war damit fast voll. »Keine Falten, stimmt’s?«, fragte ich sie. Sie nickte. »So sähe unser Gehirn aus, wenn es keine Falten hätte«, erklärte ich. Dann fragte ich sie, ob sie alle 10 Bälle in das Glas stopfen könne. Als sie es tat, begann sie zuerst zu grinsen und dann zu lachen. Der Inhalt des Glases sah jetzt genauso faltig aus wie ein Gehirn.
Die Einfaltungen des Gehirns wurden im Lauf der Zeit immer mehr, bis sie das heutige Ausmaß erreichten. Wie Ihnen jetzt auch meine Tochter erklären könnte, verschafften diese Einfaltungen des Gehirns den frühen Menschen einen entscheidenden Vorteil gegenüber den anderen Arten ihres Umfeldes. Auf diese Weise bekamen die Menschen die Möglichkeit, ihre Intelligenz zu fördern und mehr zu lernen, ohne deswegen ihren Körper verändern zu müssen, folglich brachte das »Faltenmuster« den Menschen eine enorme Erhöhung ihrer Überlebenschancen.
Die Einfaltungen des Gehirns und die Entwicklung des Neocortex, des »neuen Gehirns«, bescherten der Menschheit auch ein mentales Potenzial, von dem wir noch kaum Gebrauch machen. Die heutigen Menschen nutzen proportional immer noch fast dieselbe Hirnmasse wie vor 250 000-300 000 Jahren. Mit unserem neuen Gehirn sind wir eigentlich nicht mehr darauf beschränkt, dem langen, linearen Pfad der Evolution zu folgen. Doch bislang schöpfen wir die volle Kapazität unseres neuen Gehirns bei weitem noch nicht aus.
Das Gehirn – die Zeitkapsel der Evolution
Wenn Sie die evolutionäre Entwicklung der Menschheit verfolgen wollen, ist es sinnvoll, ganz oben anzufangen. Das Gehirn ist eine Art Zeitkapsel der menschlichen Evolution, und deren Gedächtnis ist lang. Wir tragen den gesamten Verlauf unserer Evolution in unserem Schädel. Ausgestattet mit einem anderen Gehirn, wäre auch die Geschichte unserer Art anders verlaufen.
Nach Paul MacLean, M.D., der in diesem Bereich bahnbrechende Forschungsarbeit geleistet hat, besteht das Gehirn aus drei Bereichen, die alle jeweils ihre eigene Form, Struktur und Funktionsmuster haben und die unsere Entwicklung während bestimmter Zeitalter widerspiegeln. Nach MacLean hat unser Gehirn drei Untergehirne, die man sich als drei miteinander vernetzte Biocomputer vorstellen kann. Jedes besitzt seine eigene Intelligenz, seine eigene Subjektivität, sein eigenes Raum-Zeit-Empfinden, sein eigenes Gedächtnis und viele andere Funktionen.2
Er nannte diese drei Substrukturen das protoreptilische Gehirn (dazu gehören der Hirnstamm und das Cerebellum bzw. Kleinhirn), das paleomammalische Gehirn (Mittelhirn oder limbisches System) und das neomammalische Gehirn (Neocortex, zerebraler Cortex oder Vorderhirn). Der Einfachheit halber werde ich im Folgenden den Hirnstamm und das Cerebellum als das »erste Gehirn«, das Mittelhirn als das »zweite Gehirn« und den Neocortex als das »dritte« oder »neue Gehirn« bezeichnen.
Manchmal verwende ich in diesem Buch auch andere Namen für diese drei Gehirnsysteme. Abbildung 4.1 ist Dr. MacLeans Buch The Triune Brain in Evolution entnommen. Sie können sie mit der Abbildung 3.7 vergleichen, die das Schema eines Gehirns nach moderner Vorstellung zeigt. Jedes dieser Subsysteme funktioniert unabhängig, und doch bewirken sie zusammen mehr, als es die Summe ihrer Teile vermuten ließe.

Abbildung 4.1
Das »dreieinige« Gehirn (»The Triune Brain« nach Paul MacLean)
Die hierarchische Ordnung dieser drei Gehirne kann uns viel über unsere Evolution und die Funktionen des Gehirns erzählen. Als erstes – vor über 500 Millionen Jahren – entstand der Hirnstamm, der dort sitzt, wo das Rückenmark ins Gehirn eintritt. Dieser primitivste Teil unseres Gehirns macht bei Reptilien den größten Teil ihrer Hirnmasse aus und heißt deshalb auch oft »reptilisches Gehirn«.
Das direkt hinter dem Hirnstamm liegende Kleinhirn oder Cerebellum entwickelte sich vor etwa 500 bis 300 Millionen Jahren. Hier haben unsere Koordinationsfähigkeit, unsere unbewusste Wahrnehmung von Bewegung und Raum und die Steuerung unserer Bewegungen ihren Sitz. Neueren Studien zufolge erfüllt das Kleinhirn noch weitere Funktionen. Zum Beispiel ist es eng mit dem Frontallappen verbunden, jenem Bereich des Neocortex, der mit vorsätzlicher Planung zu tun hat.3 Außerdem scheint es eine dynamische Rolle bei komplexen emotionalen Verhaltensweisen zu spielen.4
Die Neuronen des Kleinhirns sind von allen am dichtesten gepackt. Diese erhöhte Verbundenheit ermöglicht es dem Kleinhirn, viele Funktionen zu erfüllen, ohne dass wir uns bewusst darum kümmern müssen.
Das Mittelhirn entstand irgendwann vor 300-150 Millionen Jahren. Dieses zweite Gehirn ist bei Säugetieren besonders ausgeprägt. Es umgibt den Hirnstamm und erreichte den Höhepunkt seiner Entwicklung vor etwa 250000 Jahren. Von hier aus wird unser unwillkürliches, autonomes Nervensystem gesteuert.
Und schließlich bildete sich vor etwa 3 Millionen Jahren das neue Gehirn aus mit seinem wichtigsten Bestandteil, dem Neocortex, und schmiegte sich um die beiden zuerst entstandenen Gehirne. Das heißt, diese äußerste »Lage« ist die letzte und am höchsten entwickelte. Dieses neue Gehirn birgt unsere bewusste Selbstwahrnehmung, unseren freien Willen, unsere Fähigkeit zum Lernen und zur Vernunft. Abbildung 4.2 ist ein Schnitt durchs Gehirn von Ohr zu Ohr und demonstriert die Dicke und Größe des Neocortex mitsamt der grauen Substanz (Neuronen) und den Gliazellen.
Pulsuz fraqment bitdi.