Kitabı oxu: «Mild ist die färöische Sommernacht - Ein Färöer-Krimi»

Şrift:

Jógvan Isaksen

Mild ist die färöische Sommernacht - Ein Färöer-Krimi

Saga

Mild ist die färöische Sommernacht - Ein Färöer-Krimi

ÜbersetztChristel Hildebrandt Copyright © , 2019 Jógvan Isaksen und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726351989

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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Blid er den færøske sommernat

blid og sorgfuld på samme tid -

...

kort er sommerstund, og brat

dør vi en snefuld vinternat.

(J.H.O. Djurhuus)

Mild ist die färöische Sommernacht

mild und kummervoll zugleich -

...

kurz währt nur die Sommerzeit, und jäh

sterben wir in schneeverwehter Winternacht.

(J.H.O. Djurhuus)

PROLOG

Das Feuer loderte zum dämmrigen Himmel empor. Die Flammen rissen sich von ihrem heißen Ursprung los und führten für einen kurzen Augenblick ihr eigenes Leben. Der Nachtwind kam langsam herangestrichen, und mit ihm stieg und fiel der Funkenregen, tanzte umher und verschwand gen Himmel. Die Gesänge waren verstummt, und die meisten standen nur da und starrten ins Feuer.

Sie versuchte etwas zu finden, wohinter sie sich hocken konnte. Nun hatte sie so lange ausgehalten, jetzt war sie an der Reihe. Sie war etwas unsicher auf den Beinen und sagte zu sich selbst, daß sie aufpassen mußte, wenn sie noch etwas von der Nacht haben wollte. Und sie wollte viel haben. Mehr als sich irgendeiner dieser Ignoranten, die jetzt damit angefangen hatten, aus dem Liederbuch des Färöischen Volkes zu singen, nur erträumen konnte. Aber sie mußte aufpassen und einen klaren Kopf bewahren. Warum war die Hochebene nur so kahl? Es gab nicht einmal einen passenden Stein, um sich dahinter zu verstecken. Sie war jetzt so weit von den anderen entfernt, daß sie meinte, hier könne sie sich auch hinter einen kleineren Stein hocken. Während sie so saß, hörte sie es irgendwo im Dunkeln atmen. Eine Gänsehaut überlief sie, aber das war nicht der richtige Augenblick für schwache Nerven. Wahrscheinlich war das ein Schaf. Oder ein Mensch, der auch nach einem Ort suchte, um der Natur freien Lauf zu lassen. Die Götter waren Zeuge, daß reichlich getrunken wurde.

Auf dem Weg zurück sah sie auf dem nördlichen Ende der Hochebene sich die Umrisse einer Person gegen den Himmel abzeichnen. “Nun ist die Stunde gekommen” fiel ihr plötzlich ein. Und ihr wurde im gleichen Moment klar, daß man weit davon entfernt ist, nüchtern zu sein, wenn einem solche Worte einfallen. Sie blieb stehen. Hatte sie nicht Schritte auf dem Kies gehört? Nein, da war nichts. Nur von der Versammlung dröhnte es herüber:

Und Menschen verschwinden wie Schatten

von Pfaden und taufeuchten Grasmatten

Sie hatte einen Entschluß gefaßt und ging auf die Gestalt zu, die am Ende des Felsens stand.

Als sie dorthin gekommen war, blieb sie stehen. Schaute zunächst hinunter auf die stille Bucht; die drei Ortschaften dort unten waren in der Mainacht fast nicht zu erkennen, blickte dann zum Ritafjall hinauf und südwärts auf den Sigatind und Gøtunestind. In kurzer Zeit würden sie im roten Glanz der Morgensonne schimmern.

In dem Augenblick, als sie den Mund öffnete und die ersten Worte sagen wollte, die Worte, die sie reich machen sollten, packten starke Hände ihre Arme von beiden Seiten, und in einer gleitenden Bewegung wurde sie über die Kante geschleudert. Der Angriff kam so unerwartet, daß sich ihr Hals zusammenschnürte, und kein Ton von ihr zu hören war, als sie durch die Luft wirbelte. Das letzte, was ihr durch den Kopf fuhr, als sie langsam fiel, und Himmel und Erde mit gleichmäßigem Abstand den Platz tauschten, war die Verwunderung darüber, wo nur der Mond am Himmel stünde.

1

Der Skiläufer hob ab und drehte sich in der Luft, gleichzeitig nach vorn und um sich selbst. Für jemanden, der gerade mal ein Paar Bretter unter den Füßen gehabt hatte, schien es unglaublich, daß er stehend herunter kommen würde. Aber in mehr als dreißig Jahren habe ich mich daran gewöhnt, daß im Film nichts unmöglich ist. Das ist wohl auch der Grund, warum ich Filme so gerne sehe. Der Skiläufer verschwand in rasender Fahrt einen blendend weißen Hügel hinab. Danach kam die Reklame, die übliche Soße.

Ich ließ den Fernsehschirm mit sich allein und sah mich um. Der Anblick war nicht viel besser. Ich bin ziemlich viel gereist, habe mehrere Hauptstädte besucht und war sogar an verschiedenen Badestränden gewesen. Und selbst wenn letztere stinklangweilig sein können und nur mit einem passenden Affen im Gepäck auszuhalten sind, die Flughäfen sind doch am schlimmsten. Nur mit einem starken Willen und viel Training schafft man es, sich von dem betäubenden Rausch fernzuhalten. Das Training hatte ich, es mangelte eher an der Willensstärke. Es war nur noch wenig von dem dritten Bockbier übrig, und ein doppelter Gammel Dansk hatte auch schon die Kehle passiert.

Ich saß auf dem Flughafen Kastrup und wartete, daß das Flugzeug zu den Färöern starten sollte. Schon wieder verspätet. Auch auf diesem Gebiet hatte ich viel Erfahrung, größtenteils aus der Zeit, als die kleine Fokker-Friendship von der Icelandair die Strecke flog. Jetzt brauchte man für die Strecke nur die halbe Zeit, und die Landebedingungen und auch die technische Ausrüstung waren viel besser. Trotzdem kam es nicht gerade selten vor, daß die Passagiere in einem Hotel in Kopenhagen übernachten mußten.

Davor hatte ich am wenigsten Angst. Auch wenn ich mir nichts hatte anmerken lassen, waren mir doch eine ganze Menge wohlvertrauter Gesichter aufgefallen. Ich kannte diese Kumpane, - die meisten ordentlichen Menschen haben mich sicher bereits mit ihnen in einen Topf geworfen - die dort zwischen den Stühlen und Tischen hin- und herwanderten in der Hoffnung jemanden zu finden, bei dem sie sich niederlassen konnten. Bei so vielen Menschen war es möglich, ihnen aus dem Weg zu gehen, aber wenn wir ins Hotel mußten, war ich verloren. Die Nacht würde an der Bar und später in einem der Zimmer zugebracht werden. Unmengen von Bier und Whisky und kein Schlaf. Lustig, nicht wahr...

Bisher waren wir erst eine Stunde verspätet, es konnte also noch alles Mögliche geschehen. Aber sie waren immer sehr geizig mit ihren Informationen, deshalb wußten die Passagiere nur selten, warum sie nicht wie geplant abfliegen konnten.

Ansonsten hatte es auf allen Gebieten große Fortschritte gegeben. Die Fluggesellschaft, die diese Strecke bediente, seit sie den Isländern weggenommen worden war, hatte nicht länger das Monopol. Sie waren geflogen, wie es ihnen grade gefiel und hatten sich nicht darum gekümmert, ob es den Färöern paßte. Wenn denen das Fliegen nicht gefiel, war das ihr Problem. Es gab nur diese eine Flugroute.

Inzwischen gab es Konkurrenz, die Fluggesellschaft flog nunmehr sogar sonntags - das hatten sie früher nie gemacht - und vielleicht würde es ihr bald ergehen wie dem Milchboot der Meierei in Tórshavn. Als es als einziges die Fahrt in den Skálafjørður machte, fuhr es manchmal zweimal am Tag und manchmal nur einmal. Vor allem an den Tagen, an denen es viele Passagiere gab - Ostersamstag, Weihnachten - fuhr es nur einmal, und zwar um sieben Uhr morgens. Anders ließ es sich nicht machen. Als eine weitere Fähre nach Sundalagið hinzu kam und die Leute auch diesen Weg nehmen konnten, fuhren sie plötzlich drei- oder viermal täglich. Später, als Brücke und Tunnel gebaut wurden und man von Tórshavn bis nach Eysturoy fahren konnte, fuhren sie den ganzen Tag über jede zweite Stunde.

Es schien, als würde es im Flugverkehr die gleiche Entwicklung nehmen. Jetzt gab es eine Morgenmaschine, eine Nachmittagsmaschine und eine Abendmaschine. Ich muß zugeben, daß Konkurrenz nicht immer schlecht ist. So merkwürdig das auch klingen mag, so sind es sicher die Geschäftsmänner, die nicht meiner Meinung sein werden. Jetzt müssen sie ins traute Heim eilen, anstatt wie früher in den Kormoran und hinterher in die Kakadubar gehen zu können.

Ich mußte aufpassen, daß ich nicht den Zeitpunkt verpaßte, an dem der Flughafen zu einem “ruhigen Flughafen” wurde und nur noch Charterreisende durch den Lautsprecher aufgerufen wurden. Es ist schon früher passiert, daß Leute, die einen schweren Kopfvon der letzten Nacht hatten, das neue System vergaßen und fluchend wieder in die Stadt fahren mußten, um sich ein Zimmer für die Übernachtung zu suchen, während das Flugzeug mit leeren Plätzen seinen sonnenbeschienenen Weg über den Wolken bahnte.

Während wir hier warten und den “Kumpanen” aus dem Weg gehen, kann ich erzählen, wer ich bin. Mein Name ist Hannis Martinsson, und das sagt sicher kaum jemandem etwas. Vielleicht dämmert es einigen, ohne daß sie genau sagen können, weshalb.

Ich schreibe für verschiedene Zeitungen, alle möglichen Zeitungen, an die ich herankomme, und bei denen es ein wenig Kleingeld zu verdienen gibt. Vor allem in ausländischen Zeitungen schreibe ich über die Färöer und die färöischen Verhältnisse. Wohl in jedem zweiten dieser Hochglanzmagazine, die in den Flugzeugen in den nordischen Ländern verteilt werden, steht einer meiner Artikel. Ein guter Grund, für die Fluggesellschaften zu schreiben, besteht darin, daß man neben dem Honorar gratis fliegen kann. Natürlich in angemessenem Rahmen, aber wenn die Zusammenarbeit schon seit längerem besteht und Platz ist, kommt man immer mit. Ich bin viel auf diese Art und Weise gereist, und auch wenn seriöse Journalisten diese Form des Reisens “Hurentour” nennen, weil die Rechnung mit Freundschaft bezahlt werden muß, so kommt mir diese Möglichkeit gerade recht.

Ich bin also ein Freelance-Schreiber. Ich habe schon an verschiedenen Orten auf der Welt gewohnt, und augenblicklich habe ich eine Wohnung mitten in Kopenhagen. Der Gedanke, wieder nach Hause zu ziehen, ist mir mehr als einmal gekommen, jetzt, wo ich auf die 40 zugehe. Vielleicht sollte ich bei einer Zeitung oder beim Rundfunk arbeiten, aber es fällt mir schwer, zur Ruhe zu kommen. Ich habe nie eine Ausbildung abgeschlossen, aber mehrere halbfertig. Unter anderem auch die Journalistenausbildung.

2

Als wir mit zwei Stunden Verspätung gebeten wurden, uns ins Flugzeug zu begeben, entdeckte ich Hugo. Er sah aus wie immer, groß, blond und mit einem so mürrischen Gesichtsausdruck, daß man nur selten ohne weiteres mit ihm ins Gespräch kommt. Wir standen in der Schlange zum Flugzeug. Hugo sah sich um und ließ für einen kurzen Augenblick seinen Blick auf mir ruhen. Er verzog keine Miene und drehte mir wieder den Rücken zu.

“Na gut, Alter”, dachte ich, “wenn du keine Lust hast, mit mir zu reden, dann soll es mir recht sein.”

Obwohl es Samstag war, war die Maschine nicht voll besetzt, und ich hatte eine Sitzreihe für mich. Ich sah Hugos Hinterkopf ein paar Reihen weiter vorn in der Nichtraucher-Abteilung. Stimmt, er rauchte ja nicht.

Hugo und ich waren zusammen zur Schule gegangen und beide später nach Dänemark gezogen. Aber seitdem hatten wir uns so gut wie nie getroffen, vielleicht erkannte er mich also gar nicht wieder. Oh doch, natürlich tat er das. Es war typisch für ihn, sich so kurz angebunden und brüsk zu verhalten. Nun gut, ich wollte auch am liebsten in Ruhe gelassen werden und die Zeitung lesen, während ich versuchte, die Ohren gegenüber dem ständiges Gerede der dänischen Handelsreisenden zu verschließen, die immer einen großen, ermüdenden Teil der Passagiere ausmachten.

Das Flugzeug fuhr ans Ende der Rollbahn, nahm Anlauf und stieg fast senkrecht hoch. Einen Augenblick später erlosch die No Smoking-Anzeige, und ich zündete mir eine Prince an.

Wie es wohl mit Hugo und Sonja gelaufen war? Ich wußte, sie waren zusammen. Sonja und ich waren Freunde gewesen, aber zwischen Hugo und ihr lief mehr. Was in den letzten Jahren daraus geworden war, wußte ich nicht.

Sonja Pætursdóttir war einer der Gründe, warum ich nach Hause fuhr. Sie war nämlich vor gut einem Monat gestorben. Ich selbst hatte mich eine Zeitlang in Rom aufgehalten und versucht, dort etwas auf die Beine zu stellen. Vor ein paar Tagen war ich nach Kopenhagen zurückgekommen, und bei dem Nachbarn, der meinen Briefkasten geleert hatte, lag die Nachricht.

Und auch ein Brief von Sonja. Abgestempelt Anfang Mai. Wir schrieben uns nur selten. Normalerweise nichts Ernstes, Klatsch und Tratsch, Neues über Dieses und Jenes.

Ich schnitt ihren Brief auf, wobei mich der Gedanke durchfuhr, daß ich die Schreiberin niemals wiedersehen würde. Es klang wie in ihren üblichen Briefen: “Lieber Hannis. Während du dich draußen in der weiten Welt amüsierst, muß ich im Nebel herumsitzen und versuchen, etwas zustande zu bringen. Hier ist nur Streit und Unzufriedenheit. Es wird öffentlich gespart, während die Steuern erhöht werden, und der Preis für einen Kindergartenplatz steigt und steigt. Ja, du weißt nicht viel vom Ernst des Lebens, mutterseelenallein, wie du bist. Aber das ist wohl auch nicht immer so lustig? Es tut jedenfalls mal gut, sich ein wenig beklagen zu können. Aber wo bist du, ich habe seit Wochen versucht, dich anzurufen, doch du antwortest nicht. Ruf mich mal an, mein Schatz, wenn du zurückkommst, es gibt etwas, was ich dich fragen will. Es kann sein, daß Elsa und ich es uns dieses Jahr leisten können, wegzufahren. Und das soll eine richtige Reise werden. Nicht nur 14 Tage an der Costa del Sol oder auf Mallorca. Die besten Grüße Sonja. PS. Meine Laune ist gar nicht so schlecht.”

Elsa war Sonjas sechsjährige Tochter. Die beiden hatten die ganzen Jahre über allein gewohnt. Wer der Vater war, wußte ich nicht. Sonja war nicht der Meinung, daß es irgend jemanden etwas anginge.

Der Brief war nicht anders als sonst. Sonjas Briefe waren meist kurz, und während ich die wenigen Zeilen las, fühlte ich, daß ich sie vermißte. Wir hatten uns nicht oft gesehen, aber es gab ein Gefühl der Sicherheit, daß sie da war. Und jetzt war sie nicht mehr da. Ich war kurz davor, mit mir selbst Mitleid zu bekommen, weil mir bekannte Leute einfach wegstarben, wenn ich ihnen mal den Rücken zukehrte.

Eine Stimme bat mich auf Dänisch, meinen Tisch herunterzuklappen. Ein Tablett mit dem Üblichen wurde vor mich hingestellt, und eine reizende Repräsentantin der Kosmetikindustrie fragte mich, ob ich etwas zu Trinken wünsche.

Ich hatte geplant, mir zwei Kognak, einen Gin und Tonic zu bestellen - Bier hatte ich genug getrunken, bevor ich an Bord ging, und ich hatte keine Lust, die ganze Zeit zur Toilette zu laufen - aber um einen guten Eindruck auf die Stewardeß zu machen, strich ich den Gin. Sie sollte nicht auf die Idee kommen, ich würde trinken.

Die färöischen Zeitungen, die sich in meiner Wohnung gestapelt hatten, während ich in Rom gewesen war, berichteten von Sonjas Tod. Es war eine Versammlung oder ein Treffen - die Zeitungen waren sich nicht einig in der Wortwahl - auf dem Støðlafjall zwischen Gøta und Søldajførður gewesen. Im Sommerhalbjahr ins Gebirge zu gehen, war eine alte Tradition, die die Arrangeure wieder aufleben lassen wollten. Im Unterschied zu früher wollten die Leute die ganze Nacht oben bleiben und dort auf den Sonnenaufgang warten - ähnlich wie bei der Mittsommernacht auf dem Skælingsfjall - und ansonsten Lagerfeuer machen und färöische Lieder singen. Sonja Pætursdóttir war nicht in Begleitung gekommen, aber viele ihrer Bekannten waren dort gewesen. Irgendwann im Laufe der Nacht verschwand sie. Die, denen das auffiel, dachten, sie wäre nach Hause oder irgendwoanders ins Gebirge gegangen. Es waren mehr als 100 Leute dabei gewesen, deshalb konnte man nicht auf jeden einzelnen achten. Erst am nächsten Tag, als eine Frau aus Gøta nach ihrer fortgelaufenen Kuh suchte, wurde Sonjas Leiche gefunden.

Viel mehr hatte nicht in den Zeitungen gestanden, nur etwas darüber, daß die Organisatoren in Zukunft dafür zu sorgen hätten, daß Teilnehmer dieser Treffen nicht herunterfielen. Die Behörden sollten Bestimmungen erlassen, und jemand meinte, diese Treffen des Nachts im Gebirge sollten verboten werden, weil sie nur zur Hurerei führten und zum Alkoholgenuß. Ich hatte nicht übel Lust, an so einer Versammlung teilzunehmen.

Es war nicht auszuschließen, daß Sonja heruntergefallen war. Wenn man genug intus hat, ist das gar nicht so schwer. Aber es gab Einiges, was mir nicht gefiel. Zunächst konnte ich mir Sonja überhaupt nicht im Gebirge vorstellen. Sie ging keine zwei Schritte, wenn sie stattdessen Auto fahren konnte. Stets trug sie hochhackige Schuhe und einen engen Rock, und mit einem Sektglas in der Hand fühlte sie sich wohler als mit dem Liederbuch des Färöischen Volkes. Gab es überhaupt jemanden auf den Färöern, der sich meines Wissens in der Nähe des Yuppi-Stils bewegte, dann war es Sonja. Ihr Problem dabei war, daß sie nicht genug Geld hatte. Natürlich konnte sie ihren Stil geändert haben, aber das glaubte ich nicht.

Und dann der Brief an mich. Es war nicht sicher, daß es etwas bedeutete, aber trotz des leichten Tons kam es mir so vor, als hätte sie einen ernsthaften Grund, mit mir zu reden. Denn wenn wir miteinander telefonierten, war fast immer ich es, der anrief. Wenn sie also wochenlang versucht hatte, mich anzurufen, mußte das etwas bedeuten.

Aus Kopenhagen hatte ich die Polizeiwache in Tórshavn angerufen und mit einem alten Schulfreund gesprochen, der jetzt Kriminalbeamter war. Er erzählte mir, daß der Vorfall auf Støðlafjall als ein selbstverschuldeter Unfall registriert worden war. Auf meine Frage, ob es nicht irgendetwas Ungewöhnliches an diesem Unfall gab, wollte er zunächst nichts sagen, aber dann kam es:

“Es gibt ein merkwürdiges Detail bei Sonja Pætursdóttirs Tod. Sie ist zu weit gefallen, bevor der Körper auf den Felsen aufgeprallt ist. Als hätte sie Anlauf genommen.”

3

Nebel und Sprühregen. Ich stand unter der Dachtraufe des Flughafengebäudes und rauchte eine Zigarette. Da das Flugzeug verspätet war, gab es weder Bus- noch Fähranschluß, und die Reisenden mußten warten. Ich beneidete diejenigen, die ihr Auto am Flughafen stehen hatten und deshalb sofort losfahren konnten. Hugo war einer von ihnen, aber er sah auf dem Weg zu seinem Auto weder nach rechts noch nach links. Als er losfuhr, sah ich, daß sein Auto ein funkelnagelneuer Nissan Bluebird war. Woher um alles in der Welt hatte Hugo Geld für so ein Auto? Er war mit einer Dänin verheiratet gewesen und hatte zwei Kinder, war aber vor kurzen geschieden worden. Das alles konnte nicht gratis sein. Danach war er wieder auf die Färöer gezogen und hatte Arbeit bei einem der wohlhabenderen Ingenieure bekommen, einem derjenigen, die für den Staat bauten. Vielleicht ein Firmenauto?

Nach langem Warten kam endlich der Bus, aber bei Oyrargjógv war die Fähre noch nicht da. Ein großer Teil der Reisenden stieg aus und ging auf dem Anleger herum, Nieselregen oder nicht, ich war unter ihnen. Einige standen zusammen und tranken aus einer Whiskyflasche, von ihnen war lautes Gelächter zu hören. Ich kannte einige flüchtig - die gleichen “Kumpane”, die ich in Kastrup gemieden hatte. Der Tag war sowieso gelaufen, also mischte ich mich mit einer Kognakflasche in der Jackentasche unter die Gruppe.

Als ich abends die Wohnung in der Jóannes Paturssonargøta erreichte, die ich für den Sommer gemietet hatte, war ich leicht beschwipst, und es konnte keine Rede davon sein, jemanden zu besuchen. Zumindest nicht die nächsten Stunden. Ich schmiß die Jacke hin, trat die Schuhe von den Füßen, warf mich aufs Bett und schlief ein.

Um halb neun wachte ich auf. Der Geschmack in meinem Mund war nicht gerade angenehm, er erinnerte an Sägemehl, und ich fühlte mich benebelt. Aber dagegen gab es etwas. Als ich aus der Dusche herauskam und mir die Zähne geputzt hatte, schien die Welt viel freundlicher auszusehen, obwohl die Wohnung im Keller eines Reihenhauses lag und deshalb ziemlich dunkel war. Es roch auch eine Spur muffig, besonders, wenn man die Nase in den Kleiderschrank steckte.

Die Wohnung gehörte einem Freund, der zur See fuhr, aber er war fast nie auf den Färöern. Zwischendurch kam er mal, um seine Familie zu besuchen und im Bierclub vorbeizuschauen, ansonsten verbrachte er seine freien Stunden in Kopenhagen. Ich konnte deshalb seine Wohnung benutzen, so oft ich wollte, und das gefiel mir gut. Ich kam mehrmals im Jahr auf die Färöer und hatte keine Familie in Tórshavn. Nicht einmal einen Vetter oder eine Kusine. Ich hatte keine Eltern mehr, und Geschwister hatte ich auch nicht.

Abgesehen davon, daß die Wohnung dunkel, die muffige Luft schwer und nur das Notwendigste in ihr vorhanden war - darunter natürlich Fernseher und Video - war sie absolut brauchbar. Sie lag zentral, nur einen kurzen Fußweg zu allem in Tórshavn, das Ehepaar, das darüber wohnte, war alt, taub und bekam kaum noch etwas mit, und außerdem bezahlte ich nichts dafür. Ich höre noch das Gelächter meines Freundes, als ich etwas davon murmelte, Miete zahlen zu wollen: “Rutsch mir den Buckel runter! Alle, die so dumm sind und schreiben, haben doch keinen roten Heller. Hau’ bloß ab mit deinen paar Kröten!” Er goß erneut Chivas Regal in unsere Gläser und grinste mich an.

4

Vor dem Bierclub Ølankret warteten immer Leute, die versuchten, die Mitglieder zu überreden, sie mit hineinzunehmen. Man konnte nur als Mitglied oder Gast eines Mitglieds hineingelangen. Es war verboten, Leute von der Treppe mitzunehmen, aber das wurde nicht immer beachtet.

Als sie mich allein kommen sahen, kam es fast zu einem Tumult. “Nimm mich doch mit rein!” - “Ach, Schätzchen! Können wir beide nicht mit dir rein?” - “Ei, Alter! Bist du allein?”

Ich zwängte mich durch die Menge und sagte, daß sich da nichts machen lasse. Ich würde später Gäste bekommen. Ich war schon zu lange Mitglied, um mich darauf einzulassen, irgendwelche Leute mit hineinzunehmen.

“Arschloch!” dröhnte es mir noch in den Ohren, als ich die Tür zur Bar öffnete. Es war nach Mitternacht und deshalb überfüllt. Die Stimmung war laut und heftig, und mit der Musik aus dem Tanzraum oben ergab sich ein kakophonisches Erlebnis. Der Rauch hing so dicht unter der Decke, daß ich an Opiumhöhlen denken mußte.

Ich grüßte nach rechts und links, ich kannte eine ganze Reihe Gesichter und wurde immer wieder gefragt, wann ich gekommen war und wann ich wieder abreisen würde. Als ich es 10, 20mal erklärt hatte, nahm die Welle der Fragen ab, und ich kam an die Bar.

Mit einem doppelten Gin Tonic in der einen Hand und einer Zigarette in der anderen setzte ich mich an einen Tisch, bereit, mich zu amüsieren und gutzuheißen, was sich mir so bot.

Kurz vor der Sperrzeit, als das summende Geräusch der Redenden seinen Höhepunkt erreichte, sah ich Hugo. Er stand mitten im Raum, vornübergebeugt und die Augen geschlossen. Die vielen Menschen, die zwischen dem ersten Stock und der Bar hinund herwogten, nahmen ihn wie ein Strom in verschiedene Richtungen mit. Er selbst war nur halb anwesend und ließ sich mitreißen.

Plötzlich öffnete er die Augen und sah mich direkt an.

“Hannis”, brüllte er. “Alter Freund, willst du einen Schluck?” Er zog eine halbe Flasche hervor. Ich ging zu ihm hinüber und konnte ihn dazu bringen, die Flasche wieder in die Tasche zu stecken. Ansonsten hätte es nur damit geendet, daß wir beide rausgeschmissen worden wären.

Hugo hing schwer und willenlos an mir.

“Ich habe dich heute wohl gesehen, aber ich konnte nicht mit dir reden.”

Seine Zunge verhaspelte sich, und er sprach so undeutlich, daß ich kaum verstehen konnte, was er in all dem Lärm sagte.

“Ich weiß nämlich was, was du nicht weißt”, er versuchte, gerissen auszusehen, aber das einzige, was dabei herauskam, waren ein paar unschöne Grimassen.

“Und was weißt du?”, fragte ich.

“Das sage ich nicht”, murmelte Hugo.

Ich versuchte mich von ihm zu befreien, aber er krallte sich fest und drückte sein Gesicht dicht an meins. Unsere Nasen berührten sich.

“Hast du gewußt, daß Sonja und ich wieder zusammen waren?” - “Nein, das hast du nicht gewußt”, fügte er selbst hinzu, und erstickte mich fast in saurem Schnapsatem. “Wir wollten heiraten. Das hat sie mir versprochen, und jetzt ist sie tot.”

Ich konnte mein Gesicht wegdrehen, so daß ich dem schlimmsten Gestank entging. Tränen liefen über Hugos Wangen. Das auch noch.

Irgendwie schaffte ich es, ihn in eine Ecke zu bugsieren, in der es zwei Sitzplätze gab.

“Also, das ist dein Geheimnis, Hugo?”, fragte ich, vor allem, um überhaupt etwas zu sagen. Die Tränen versiegten, und er sah mich überrascht an.

“Geheimnis, von was für einem Geheimnis redest du da?”

“Du hast doch gerade eben gesagt, daß du was weißt, was ich nicht weiß.”

Er überlegte einen Augenblick, seine Augen waren nur halb geöffnet.

“Ach das, das ist was ganz anderes.”

“Was ganz anderes? Hat das auch was mit Sonja zu tun?”

Jetzt starrte er mich prüfend an. Er sah halbwegs nüchtern aus und schien nachzudenken. Endlich faßte er einen Beschluß, lehnte sich an mich und flüsterte:

“Ja, es hat was mit Sonja zu tun. Mit ihrem Tod, und deshalb war ich auch in Dänemark. Aber hier können wir darüber nicht reden. Das ist viel zu gefährlich.” Er warf einen Blick in die Runde. Dachte kurz nach.

“Ich wohne im alten Haus meiner Eltern. Komm morgen abend um neun da vorbei.”

Jetzt war ich neugierig geworden, auch wenn ich mir selbst zu sagen versuchte, daß es ja nur Hugo war. Hugo, der oft “Ideen ” hatte.

“Können wir uns nicht früher treffen?”

“Nein, ich muß vorher noch was erledigen.” Das Nüchterne verschwand wieder, und er sank in sich zusammen, schlief beinahe ein.

Was Hugo wohl damit meinte, daß es zu gefährlich war, hier zu reden? Und was hatte er in Dänemark gemacht? Ich schaute ihn an. Er war vollkommen weg. In dieser Nacht war nichts mehr zu machen.

Ich stand auf, um noch etwas an der Bar zu holen, bevor sie schloß. Auf dem Weg dorthin lief ich in eine dunkelhaarige Frau mit einer Prinz Eisenherz-Frisur. Ihr Gesicht war weiß und ein wenig puppenartig, mit dunkelroten Lippen und funkelnden dunklen Augen. Sie summte lächelnd vor sich hin, trug ein schwarzes Minikleid mit breitem, glänzendem Gürtel.

“Hast du Feuer?” Sie blieb stehen.

Ich gab ihr Feuer, und während sie inhalierte und den Rauch wieder ausblies, betrachtete ich den Gürtel. Es war auf alle Fälle der größte Gürtel, den ich je gesehen hatte. Und der merkwürdigste. Selbst die Bulldozerfahrer haben nicht so breite Gürtel. In der Mitte war eine große Metallplatte mit einem Ornament.

“Was um alles in der Welt ist das für ein Gürtel?”

Sie schob neckisch die Hüfte vor und sah mich herausfordernd an. “Das ist ein Keuschheitsgürtel. Eine Frau muß schließlich auf sich aufpassen.” Dann folgte ein perlendes Lachen, sie wandte sich ab und lief die Treppe hinauf, von wo der Ententanz zu hören war.

Das Trampeln brachte die Lampen zum Schaukeln. Vielleicht ein Bild dessen, was kommen sollte?

5

Sonntag. Ich lag im Bett und schaute an die fleckige Decke, versuchte, Gesichter in den feuchten Stellen zu erkennen, während ich nachdachte. Sollte ich mich auf die andere Seite drehen und versuchen, nochmal einzuschlafen, oder sollte ich aufstehen und mir irgendwas zu essen organisieren?

Der Hunger siegte. Ich ging in die Küche, aber da war natürlich nichts. Nicht ein Krümel. Also mußte ich in die Stadt, um etwas zu kaufen.

Zunächst stellte ich mich unter die Dusche, das ist das beste bei einem Kater, rasierte mich, holte saubere Unterwäsche und ein Hemd aus dem Koffer und fand nun, ich könnte es wagen, mich unter ganz gewöhnlichen Menschen sehen zu lassen. Auf dem Küchentisch stand eine Whiskyflasche und sah mich verführerisch an, sie wollte mitkommen. Aber nein, noch nicht. Ich halte es da mit W.C. Fields: Vor acht Uhr morgens trinke ich niemals etwas Stärkeres als Gin.

Aber es war schon lange her, daß es acht gewesen war. Das Wunschkonzert war so deutlich von den tauben Obermietern zu hören, als wären wir in einem Zimmer. Lapp-Lisa und ihre Tochter sangen “Kinderglauben” wie an allen anderen Sonntagen.

Das Wetter war besser als gestern. Mildes Wetter. Trocken und eine leichte Brise, und auf dem Weg in die Stadt schien es mir, als könne ich Nólsoy erahnen. Aber das war vielleicht nur Wunschdenken?

Im Hotel Hafnia, bei Selter zum Butterbrot, versuchte ich herauszukriegen, was Hugo wohl gemeint hatte, als er sagte, es wäre zu gefährlich gewesen, gestern abend im Club zu reden. Er hatte auch gesagt, daß es etwas mit Sonja zu tun hätte und daß er deshalb in Dänemark gewesen sei. Ich überlegte, was Sonja und Hugo wohl Gefährliches vorgehabt hatten - und Sonja war schließlich tot.

Hugo war Ingenieur, von der Sorte, die man in jedem zweiten Haus auf den Färöern findet, und Sonja Journalistin. Sie sah besser aus als die meisten, ansonsten war nichts Außergewöhnliches an ihr. Die beiden waren ganz normale Menschen, die sich nicht in irgendwas einmischten, wenn es für sie nicht von Vorteil war. Was könnte das in diesem Fall sein? Politisch waren sie vollkommen passiv, diesen Weg brauchte ich also gar nicht weiter zu verfolgen.

Mein Wissen war allzu begrenzt, also beendete ich die Gehirngymnastik und las statt dessen die Anzeigen in dem Amtsblatt vom Samstag, während ich Kaffee trank.

6

In den Bierclubs herrscht oftmals eine zweifelhafte Munterkeit, bei der der Alkohol, der Augenblick und der Wunsch, alles andere, was irgendwann geschehen ist, zu vergessen, eine Einheit bilden. War man selbst mittendrin, konnte das unglaublich lustig sein. Ganz fern im Hinterkopf gab es etwas Nagendes, höchstwahrscheinlich die Erziehung und die Moral, aber die wurden immer schnell beiseite geschoben. Man fühlte in diesen Augenblicken eine Erregung, ließ die Zügel schleifen, und schlug über die Stränge, während man prahlte und den Prahlereien der anderen glaubte. Mitten in allen Strapazen war man kurz davor, einen glücklichen Augenblick zu erlangen. Aber nur kurz davor. Die Augenblicke waren nicht lang, und mit den Jahren wurden sie immer seltener. Bevor man es gewahr wurde, wurde man zurückgelassen und war nicht mehr in der Lage, sich unter ganz gewöhnlichen Menschen zurechtzufinden.

Und dennoch gab es glückliche Augenblicke. “Der Fünfer” war so einer. An jedem Freitag, und zwar ausschließlich freitags, war zwischen fünf und sechs Uhr geöffnet. Jedes Mitglied, das überhaupt die Gelegenheit hatte, beeilte sich, nach beendeter Arbeitswoche in den Ølankret zu kommen, um nicht nur das Bier zu genießen, sondern auch um für eine Stunde mit glücklichen Menschen zusammen zu sein. Die Freude über das Wochenende, das vor der Tür stand, gab diesen Augenblicken ihren fröhlichen Stempel.

Etwas anderes war der Sonntagnachmittag. Wie meistens war es proppenvoll, und nur an diesem Tag wimmelte es außerdem noch von Kindern und Hunden. Die Väter waren eine Runde spazierengegangen und ganz zufällig im Club gelandet. Das war der Tag der Anekdoten für alle, und das Gelächter wogte üppig zwischen den mit Juteleinwand bespannten Wänden hin und her. Als ich gegen halb sechs die Bar betrat, war der beste Teil des Nachmittags schon fast vorbei. Zwei der Tische waren trotzdem besetzt, also würden die drei Stunden, bis ich Hugo treffen sollte, auf gemütliche Weise vergehen.

Ich schaute auf die Uhr in der Bar, und als die Zeiger sich der Neun näherten, war es Zeit zu gehen. Ich leerte mein Glas, murmelte ein paar Worte zu dem, der mit am Tisch saß, und ging. Als ich auf die Treppe hinaustrat, schien es mir, als käme ich an die Oberfläche. Es war noch ganz hell, und wie Leute, die mitten am Tag aus dem Kino kommen, begann ich zu gähnen. Nur einen Augenblick knackte es in der Leitung zur Umwelt, aber das Gefühl verschwand mit der Zeit, und danach herrschte Harmonie.

Ich eilte den Hügel hinunter zum Ende der Jóannes Paturssonargøta, ging links in die Tróndargøta und kurz darauf rechtsin die Kongagøta. Ich ging weiter, bis ich zu einer Sackgasse kam, die mein Ziel war.

Das Haus war ein dunkelgrünes Holzhaus von der Sorte, die es viel in den älteren Teilen von Tórshavn gibt. Doch es war eines der größeren.

Ich drückte auf den Klingelknopf, aber er war festgerostet, und das offensichtlich seit vielen Jahren. Ein Türklopfer mit einem brüllenden Löwenkopf bot seine Dienste an. Ich umfaßte den Löwen und versuchte, ihm eine Gehirnerschütterung zu verursachen.

Das Geräusch erzeugte in der engen Straße ein Echo. Aber als dieses verhallte, war es so still wie zuvor. Keine Menschenseele war zu sehen. Höchstwahrscheinlich Nachricht oder Dallas. Hinter der Löwentür tat sich nichts. Vielleicht war Hugo nicht zu Hause? Es brannte kein Licht, aber es war ja möglich, daß er gern im Dunkeln saß.

Ich schlug noch einmal mit dem Türklopfer.

Nichts.

Das Küchenfenster war zu hoch, es hatte gar keinen Zweck, zu versuchen, hineinzusehen.

Vorletzte Nacht hatte Hugo darauf bestanden, daß wir uns um neun Uhr treffen sollten, deshalb war es wirklich merkwürdig, daß er nicht zu Hause sein sollte. Ich selbst war auch ziemlich neugierig, herauszufinden, was mit Sonja passiert war. Hugo wußte etwas, aber es hatte ihm immer schon gefallen, so zu tun, als wüßte er mehr, als er sagte. Oft steckte gar nichts dahinter. Das Wohnzimmer lag auf der anderen Hausseite, und wenn er wie der Rest des färöischen Volkes vor dem Fernseher saß, dann...

Neben dem Haus war eine Pforte, durch die man in einen kleinen Hof gelangte. Ich ging durch sie hindurch und schaute zu den Stubenfenstern hinauf, aber auch dort war kein Licht zu sehen. In dem Moment sah ich, daß die Kellertür nur angelehnt war. Na, dann war er also irgendwo in der Nähe.

Ich konnte mich noch aus der Schulzeit daran erinnern, daß er oft durch den Keller ging. Vielleicht war er nur kurz etwas erledigen gegangen?

Ich ging in den Keller. Er war niedrig und dunkel, und anfangs konnte ich nichts sehen. Wie die meisten Keller war er bis in die letzte Ecke mit allem Möglichen vollgestopft. Ich mußte mich vorsichtig bewegen, bis die Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten.

Dann entdeckte ich die Treppe nach oben. Ein Kleiderbündel lag vor ihr.

Ich ging näher und sah, daß das Kleiderbündel ein Gesicht hatte. Hugos Gesicht.

Der Hals ragte schief zwischen den Schultern hervor. Es gab keinen Zweifel daran, daß er gebrochen war.

Ich beugte mich über Hugo nieder und legte meine Hand auf seinen Hals. Er war noch warm.

Aus den Augenwinkeln erhaschte ich den Schimmer einer Bewegung hinter mir, aber zu spät. Etwas Hartes traf mich am Hinterkopf, direkt hinter dem Ohr, und die Welt füllte sich mit Licht - mit weißem, blendendem Licht.

7

Schmerzwellen wogten durch meinen Kopf. Ich kam langsam wieder zu mir und wünschte, ich fiele erneut in den schmerzfreien Schlaf. Eine ganze Schiffswerft war eingezogen und arbeitete im Akkord.

Ich versuchte aufzustehen, aber da wurde mir schwarz vor Augen. Ich wartete einen Augenblick. Dann erhob ich mich ganz, ganz langsam. Jetzt ging es besser, wenn mich der Schmerz auch lähmte. Zuerst auf die Knie, dann mit den Händen abstützen. Schließlich stand ich aufrecht. Ich massierte mir den Nacken. Er tat weh.

Schwer im Kopf und schwach auf den Beinen versuchte ich, einen Überblick über meine Situation zu bekommen. Das war schnell geschehen. Hugo war tot, und ich war niedergeschlagen worden. Ich schaute auf die Uhr. Es war nach zehn. Ich war eine Stunde ohnmächtig gewesen. Der Täter war natürlich schon lange auf und davon.

Irgendwie mußte ich ihn gestört haben. Ich war ihm in die Quere gekommen. Ob der Kerl Hugo getötet und dabei gemeint hatte, es solle aussehen, als wäre Hugo die Treppe hinuntergefallen? Sicher. Warum sonst wäre ich niedergeschlagen worden, wenn es sich um ein Unglück handelte? Oder war da noch etwas Anderes im Spiel?

Ich bekam nur noch mehr Kopfschmerzen von all diesen Fragen. Ich mochte nicht weiter nachdenken, aber vielleicht sollte ich stattdessen nach oben gehen. Die Treppe führte zu einem Flur, der nicht gerade der größte war. Eine Kommode mit einem Spiegel darüber, ein Mantel und ein Paar einsame Schuhe waren alles, was dort zu finden war.

Ich konnte zwischen zwei Türen und einer Treppe in den 1. Stock auswählen. Ich ging in die Küche. Sauber und ordentlich. Ich schaute in die Schränke und in den Kühlschrank, aber alles sah ganz normal aus.

Im Wohnzimmer war auch nichts Ungewöhnliches zu entdecken. Es war wie die meisten Stuben auf den Färöern eingerichtet: Sofa, Couchtisch, Sessel, Eßtisch mit vier Stühlen, ein großer Farbfernseher. Etwas mehr Bücher als üblich und nicht nur die Illustrierte Varøin. Zeitungen, färöische und dänische, lagen auf dem Couchtisch. Ein großes Gemälde mit einer gewaltigen Landschaft hing über dem Sofa. Sigmund Petersen ließ sich nicht verleugnen.

Nur eine Sache war anders als in anderen Wohnzimmern: Es gab keine einzige Topfpflanze auf den Fensterbänken, nicht einmal einen Kaktus, aber Hugo hatte wohl kaum viel Wert auf derartige Gemütlichkeit gelegt.

Die Schlafzimmer und das Bad waren oben. Nur Hugos altes Zimmer wurde noch benutzt. Es sah fast aus wie vor 25 Jahren. Eine große Kommode, fast mannshoch, war das erste, was ins Auge fiel. Daneben noch Schreibtisch und Bett.

Auf dem Schreibtisch lag alles Mögliche. In den Schubladen einige Papiere und ansonsten der übliche Mist.

Auf der Kommode stand eine größere Anzahl von Modellen, vor allem Flugzeuge und Schiffe. Das Interesse für Modellbau hatte uns zusammengebracht.

In den Schubladen nur Kleidung.

Ich konnte nichts von besonderem Interesse entdecken. Andererseits hatte ich nicht die geringste Ahnung, wonach ich eigentlich suchte. Etwas, daß die Ereignisse vom letzten Abend erhellen konnte? Wer hatte Hugo umgebracht, falls er umgebracht worden war? Und was war mit Sonja?

Es war mir bisher überhaupt nicht in den Sinn gekommen, die Polizei anzurufen. Erst jetzt kam mir der Gedanke. Eins war sicher: ich hatte genug um die Ohren, als das ich zu jeder passenden und unpassenden Zeit zum Verhör rennen wollte. Aber informiert werden mußten sie nun mal.

Ich ging den selben Weg wieder hinaus. Doch diesmal ohne niedergeschlagen zu werden. Hugo rührte sich nicht. Ich hatte zu viel Respekt vor der Polizei, um seine Taschen zu durchsuchen. Oder vor dem Tod?

Bevor ich die Pforte zur Straße öffnete, schaute ich mich links und rechts um. Dort war niemand. Wahrscheinlich war das Fernsehprogramm noch nicht zuende.

Aus der Telefonzelle rief ich 11448 an, erzählte ihnen, wo ein toter Mann zu finden sei und legte wieder auf.

Ich ging zurück zum Ølankret, um mich zu stärken. Hoffentlich hatte der Barkeeper etwas, das stark genug war, um die Handwerker in meinem Kopf dazu zu bringen, sich eine Weile still zu verhalten.

8

Als ich am nächsten Vormittag aufwachte, hatte ich Kopfschmerzen. Die Nachwehen des Schlages, den ich in Hugos Keller erhalten hatte, würde ich zweifellos noch einige Tage spüren. Der Höcker war ziemlich groß, wie von einem mittelprächtigen Kamel entliehen.

Es war dadurch nicht besser geworden, daß ich bis zur Sperrstunde um halb eins im Ølankret gesessen und Gammel Dansk und Bier in mich reingeschüttet hatte. Mit ein bißchen Fleiß kann man in zwei Stunden eine ganze Menge schaffen.

Ich dachte wieder an Hugo und Sonja. Was war mit den beiden passiert? Und warum? Die Antworten kamen nicht flotter als gestern im Restaurant, aber Hugo hatte auf jeden Fall recht gehabt, als er von Gefahr sprach.

Als ich mich entschloß, auf die Färöer zu fahren, hatte ich nicht ernsthaft vermutet, daß ein Verbrechen vorliegen könnte. Es waren nur ein paar Kleinigkeiten nicht so gewesen, wie sie sein sollten. Sonja verschwand trippelnd auf dem Støðlajfall und fiel zu weit. Jetzt war ich überzeugt davon, daß beide ermordet worden waren.

Aber immer noch hatte ich keine Ahnung, warum sie umgebracht worden waren. Oder wer mich im Keller niedergeschlagen hatte. Doch das würde ich schon herausfinden. Einmal, weil ich es nicht leiden kann, von hinten niedergeschlagen zu werden, und zum anderen, weil ich Sonja immer gerne gehabt hatte. Hugo war mir eigentlich ziemlich egal, aber in diesem Fall hing er mit Sonja zusammen. Und neben diesen Abwägungen hoher moralischer Qualität war in dem, was vorgefallen war, bestimmt eine gute Story drin, und ich lebe nun mal davon, Geschichten zu schreiben.

Ich wußte nicht so recht, wo ich anfangen sollte. Sonjas Wohnung war schon längst wieder vermietet. Der Wohnungsmarkt in Tórshavn war so katastrophal, daß man sich kaum zur Arbeit traute, aus lauter Angst, es käme einer und nähme die Wohnung, besetzte sie einfach, während man weg war. Da war also auch nichts zu holen. Dann war da Hugo. Zweifellos hatten sie ihn jetzt geholt, und dann wimmelte es dort an allen Ecken und Enden vor Polizisten, oder aber das Haus war versiegelt. Am besten wartete ich ein Weilchen, um dann in Ruhe eine gründlichere Durchsuchung des Hauses als gestern vorzunehmen.

Ich konnte ebensogut Sonjas Schwester anrufen. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Ich fand Tvøroyri im Telefonbuch und darunter die Schwester. Während ich die Nummer wählte, fiel mir ein, daß Sonja gesagt hatte, ihre Schwester sei fromm, eine der wenigen in Tvøroyri, hatte sie lachend hinzugefügt.

“Hallo, wer ist da?” fragte eine Frauenstimme mürrisch.

Ich nannte meinen Namen, und daß ich ein Freund von Sonja war.

“Davon hatte sie viele”, schnaubte sie höhnisch. “Der Herr weiß, was er tut.” Die Stimme war schrill, und der schnelle südfjordische Akzent dazu schnitt wie ein Messer ins Ohr.

“Der Herr weiß, was er tut?” wiederholte ich überrascht. Ich hatte nicht damit gerechnet, daß er so schnell in die Sache mit hineingezogen würde.

Sie begann zu predigen: “Kein Entmannter, sei es nun durch Zerschmettern oder durch Verschneiden, soll in die Gemeinde des Herrn kommen. Kein Hurenkind soll in die Gemeinde des Herren kommen, bis ins zehnte Glied hinein soll seine Nachkommenschaft nicht in die Gemeinde des Herren kommen.”

Jetzt war mir klar, daß sie geisteskrank sein mußte. Trotzdem fragte ich vorsichtig: “Was wollen Sie mit dieser Bibelstelle sagen? Wenn es sich denn um eine handelt.”

“Natürlich ist es eine Bibelstelle. Fünftes Buch Mose, Kapitel 23, Vers 1 und 2. Sie kennen die Bibel nicht, aber ich, und der Lohn der Sünde wird auf die Kinder vererbt. Wollen wir nur hoffen, daß Er in seiner Gnade die Sünden der Mutter nicht auf das kleine unschuldige Kind überträgt.” Sie begann, ein neues Bibelzitat herunterzuleiern.

Ich wurde immer verwirrter von ihrem Geschwätz, und eines war klar: von ihr war keine Hilfe zu erwarten. Sie war gerade mit der Stelle aus der Offenbarung fertig, als es mir gelang, einzuwerfen: “Ja, das stimmt. Und selten landen Fliegen in der Schüssel eines sterbenden Mannes.”

“Das ist gewißlich wahr”, predigte die Schwester weiter. Dann hielt sie inne, und für einen Moment war eine erholsame Stille. “Das ist nicht aus der Bibel. Woraus ist das? Denn das sage ich Ihnen, wie ich es auch allen anderen sage. Daß der, der sich an die Schrift hält...”

“Nein, das ist nicht aus der Bibel” unterbrach ich sie. “Das war aus Hammershaimbs Anthologie.”

Ich schmiß den Hörer auf die Gabel.

Was nun?

Ich nahm den Hörer, der gerade diese unsanfte Behandlung zu spüren bekommen hatte, wieder in die Hand und rief im Bladet an, Sonjas Arbeitsplatz in den letzten zehn Jahren. Eine Urlaubsvertretung erzählte mir, daß sie nicht so genau wußte, womit Sonja sich befaßt hätte, und daß fast alle Urlaub hätten. Aber ich dürfte gern mal vorbeischauen. Sonjas Büro war noch unberührt, weil Urlaubszeit war. Es war noch keine neue Kraft für sie eingestellt worden.

Vielleicht fand ich dort etwas?

9

Es war schon spät am Vormittag, als ich die J.C. Svabosgøta in Richtung Bladet ging. Es war schönes Wetter, die Sonne wollte durchbrechen, aber es war nicht warm. Elf Grad vielleicht. Genau das richtige Wetter für mich.

Von der Schiffswerft her hörte ich Hämmern, ansonsten war es so ruhig, wie es an einem Arbeitstag nur sein konnte. Nur ab und zu fuhr ein Auto vorbei, so daß die Patienten auf der Pflegestation des Zentralkrankenhauses vielleicht mal etwas Ruhe hatten. Die Planung der verantwortlichen Stellen war nämlich genial: Das Krankenhaus ist zu beiden Seiten einer der Hauptstraßen der Stadt gebaut worden. Die Pflegeabteilung, in der Ältere und Schwächere wieder zu Kräften kommen sollen, liegt direkt an der Straße, und jedes Mal, wenn einer der großen LKWs vorbeifährt, erschauert das ganze Gebäude. Vielleicht ist jemand davon ausgegangen, daß die Alten auf dieser Station sowieso taub sind, und ihnen der Lärm der Autos deshalb nichts ausmacht. Oder will man ihnen noch einen zusätzlichen Stoß versetzen?

Ich ging ums Krankenhaus herum, auf dem Fußweg nach Sandagerø.

Als ich an dem alten, grasgedeckten Propsthof vorbeikam, fühlte ich mich für einen Augenblick in die Jahrhundertwende zurückversetzt. Diese Ruhe und Schönheit gehörten nicht in unsere Zeit. Beim Bladet waren sie freundlich und hilfsbereit wie immer. Mir wurde Sonjas Büro gezeigt, und man erlaubte mir, mich umzusehen, so lange ich wollte. Niemand fragte mich, wonach ich eigentlich suchte. Oder warum. Vielleicht weil es Urlaubsvertretungen waren? Oder einfach weil sie selbst es so gewohnt waren, zu suchen, daß sie sich nicht einmischten, wenn ein Kollege Gleiches tat?

Sonjas Büro sah aus, wie es bei Zeitungen auszusehen pflegt. Eine große Unordnung. Papier, Bücher, Zeitungen, DIN A4-Mappen, Ständer mit Bleistiften und Kugelschreibern, Filzstifte in verschiedenen Farben. Ein Aschenbecher, bis zum Rand voll mit Kippen. Wahrscheinlich seit Sonjas Tod nicht geleert. Ich nahm eine Kippe. “Prince Light”. Das paßte zu ihr.

Die Wände waren mit Jute tapeziert und als Pinnwand benutzt worden. Alles mögliche zwischen Himmel und Erde hing hier, aber nichts, was ich in Verbindung mit ihrem Tod bringen konnte - oder mit seinem.

In der obersten Schreibtischschublade lagen eine halbvolle Pakkung Prince Light, ein paar Streichholzschachteln, Füller, Haarspangen und andere Kleinigkeiten. In der zweiten Schublade war auch nichts Spannendes: Menstruationsbinden, eine Packung Tampax medium und Kleenex Papiertaschentücher. In der dritten Schublade standen ein paar leere Bier- und Selterflaschen. Nichts, was auf eine Spur führen könnte. Merkwürdig, oder? Ich sah auf den Computer, der auf einem kleinen Tisch stand. Es gab viele, die ihren Computer als Adreßbuch und Terminkalender benutzten.

Ich stellte den Computer an. Bei der Übersicht des Textprogramms gab es nichts Ungewöhnliches, neue und alte Artikel. Einige von ihnen waren noch in Untergruppen gegliedert.

Ich saß eine Weile und fuhr auf dem Bildschirm hoch und runter. War da etwas, das anders war? Nein, sah nicht so aus.

Es waren auch zu viele Titel, als daß ich sie alle hätte durchsehen können. Einige sagten mir überhaupt nichts. Das war allerdings nicht so merkwürdig, denn die Bezeichnungen mußten kurz sein, und aus diesem Grund waren sie oft unverständlich.

Ich schaute auf die Datierung, die der Computer selbständig bei jedem Titel schreibt. Sie wechselte, aber meistens vor- oder nachmittags, dazwischen mal einer am frühen Abend.

Doch es gab einen Namen, der anders war. Auch, weil er nur aus einem Ausrufezeichen bestand:! Aber noch mehr, weil er um 4.59 geschrieben worden war in der Nacht, in der Sonja aufs Støðlafjall gezogen war. Der Inhalt umfaßte 300 Bites.

Ich gab den Namen ein. Dort stand: 7-dir.

War das nur Blödsinn? Oder englische Computersprache, in der dir directory bedeutet? Oder etwas ganz anderes?

Nach einer Weile sagte ich mir, daß es keinen Grund gab, weiter hier sitzen zu bleiben, ich ließ eine Übersicht über die Dokumente und von dem merkwürdigen “!” ausdrucken. Das Ganze stopfte ich in die Tasche, bedankte mich und zog von dannen.

Während ich in die Stadt ging, murmelte ich den kurzen Inhalt vor mich hin. Ich versuchte, ihm einen Sinn zu entlocken.

Was war der Grund gewesen, daß Sonja um fünf Uhr morgens an ihrem Computer gesessen und 7-dir eingetippt hatte? Die einfachste Erklärung war, daß sie etwas zu trinken bekommen hatte und dasaß und herumspielte. Aber das gefiel mir nicht, denn dann wäre ich wieder bei Null angelangt. Und warum sollte sie morgens um fünf zum Bladet hinausgehen, um mit dem Computer zu spielen?

“Syv-dir”? Computersprache? Das stimmte, aber wo waren diese sieben dirs? “Dir” und “dyr”, was auf färöisch “Tür” bedeutet, werden gleich ausgesprochen. Dir-dyr-Tür? Die Zahl Sieben war in vielen Zusammenhängen bekannt, von Schneewittchen und den sieben Zwergen bis zum siebenarmigen Leuchter. Die Bibel war voll mit Siebenen, vom Schöpfungsbericht bis zu Johannes’ Offenbarung, das Buch mit den sieben Siegeln, das Lamm mit den sieben Hörnern, der Drachen mit sieben Köpfen,... Mir war so, als könnte ich mich an etwas in der Richtung erinnern, daß die Zahl Sieben die einzig unter den Zahlen von 1 bis 10 ist, die man weder erhält, wenn man eine der anderen Zahlen multipliziert, noch bekommt man eine dieser Zahlen, wenn man mit 7 multipliziert. Das sollte ein Zeichen für Isolation und Jungfräulichkeit sein. Vielleicht war meine Erinnerung da nicht ganz richtig, denn Letzteres war nicht gerade besonders charakteristisch für Sonja. Das Spiel konnte man fortsetzen: Seven Up, das Siebengestirn, Syv-dir.

Plötzlich hatte ich eine Eingebung, einen Schuß in den Nebel, und ich hätte nie das Ziel erreicht, wenn ich es anvisiert hätte, aber jetzt stand alles für einen Augenblick still. War es möglich? Hing es so zusammen?

10

Ich saß in der Zentralbibliothek, einen Stapel Bücher vor mir. Es waren Bücher über die Färöer. Ich suchte nach Sjeyndir. Mein Schuß in den Nebel lief darauf hinaus, daß 7-dir Sjeyndir bedeutete - “sjey” bedeutet auf färöisch “sieben”, also die Bucht mit den Grotten auf der Nordseite von Streymoy. Ich wußte nicht warum, aber so ein Wortspiel war Sonja zuzutrauen, damit man nicht direkt sehen konnte, woran sie arbeitete. Ich verstand es zwar nicht, suchte aber nun nach Informationen über die Grotten.

Jørgen-Frantz Jacobsens Chronik kam mir als erstes in den Sinn. Ich hatte sie vor vielen Jahren gelesen und als fesselnde Beschreibung in Erinnerung. “Die äußerste Küste” hieß sie, und die wichtigste Schilderung der Grotten lautete folgendermaßen: “Wir kamen immer tiefer, und es wurde dunkler und dunkler. Aber als wir 50, 60m erreicht hatten, drang wieder Licht in die Höhle. Es kam von der Seite durch ein weit oben liegendes Fenster und offenbarte ein zyklopisches Interieur. Mitten in der Grotte stand eine Säule. Sie war so dick wie ein Turm und trug allein das ganze Gewicht eines phantastisch konstruierten Gewölbes. An dieser Stelle kreuzten sich zwei Grotten. Der lange Gang, durch den wir herein gekommen waren, wurde im rechten Winkel von einem anderen gekreuzt, und beide setzten sich bis weit in die Gebirgsmassen hinein fort. Wir waren nicht in einer Höhle, sondern in einer Höhlenformation.

In der grünlichen Schwärze des Wassers lagen ein paar Seehunde und beobachteten uns, stumm und neugierig wie die Repräsentanten einer anderen Welt. Die Dunkelheit verdichtete sich hinter uns. Weit drinnen, am Ende des einen Grottenganges, leuchtete ein weißer Sandstrand. Aber das Wasser war zu unruhig, als daß wir diese schwierige Passage rudernd hätten bewältigen können. Der andere Grottengang verlor sich in absoluter Dunkelheit. Mein Führer hatte noch nie das Glück gehabt, ihn erforschen zu können, und heute war es ganz unmöglich, sich in diese Katakombe hineinzuquetschen. Wir mußten uns an die große Säulenhalle halten, in ihr blieben wir lange und schaukelten auf den Wellen, überwältigt von der dämonischen Dämmerung und dem titanischen Lärm. Wir kehrten durch ein anderes Portal zur Welt zurück. Der freie, gesunde Atem des Meeres schlug uns entgegen und erleichterte mein Herz von einem unbeschreiblichen Druck.”

Schon bei Jørgen-Frantz Jacobsen war offensichtlich, daß man in die Nähe der Grotten nur bei völlig windstillem Wetter kam. War denn kein Bild von Sjeyndir in einem der Bücher? Ich selbst war auf Streymoy nie weiter nördlich als bis Trørnuvík gelangt, darum hatte ich keine Ahnung, wie es bei Sjeyndir aussah.

In vielen Büchern wimmelte es nur so von schönen Fotos der verschiedensten Ecken auf den Färöern, und mehrere Male war ich schon nahe dran, bei den Gebirgen nördlich von Saksun. Erst in dem Fotoband des Franzosen Franceschis gab es ein Foto von der Felswand bei Sjeyndir. Das Bild sagte mir nicht besonders viel. Es war schwarzweiß und zeigte eine rauhe Felswand, die ins Meer herabfiel.

Die Formationen ähnelten Elefanten. Den Elefanten von Carlsberg. Mit gesenkten, zum Angriff bereiten Köpfen.

Ich schob die Bücher zur Seite, lehnte mich auf dem Stuhl zurück und versuchte nachzudenken.

Wenn wir davon ausgehen, daß Sonja mit 7-dir Sjeyndir gemeint hat, warum hat sie es in den Computer getippt? Ich konnte keinen Sinn darin sehen, daß Sonja mitten in der Nacht zum Bladet fuhr, um 7-dir in den Computer zu tippen. Ob es nun Sjeyndir bedeutete oder nicht, und daran zweifelte ich langsam. Welche Bedeutung konnte Sjeyndir für sie haben? Ich war mir fast sicher, daß sie nie dort gewesen war.

Da mußte etwas anderes dahinter stecken. Aber was? Und wo könnte ich das finden? Die kurze Erläuterung war im Computer, also war die Chance, daß die Beschreibung auch dort war, ziemlich groß. Oder jedenfalls ein Stichwort.

Die Jobliste, die ich mir im Bladet ausgedruckt hatte, sah jetzt immer noch genauso normal aus wie auf dem Bildschirm. Artikel, Reportagen. Gewöhnliche Zeitungsarbeit.

Die Übersicht umfaßte mehr als ein Jahr, deshalb war sie lang, und es dauerte eine Weile, ehe ich sie durchgesehen hatte. Das ganze sah ziemlich gewöhnlich aus, aber dessen konnte ich nicht sicher sein, bevor ich jeden einzelnen Job im Computer untersucht hatte. Das würde mehrere Tage dauern, deshalb suchte ich nach einem anderen Ausweg.

War da überhaupt etwas, nach dem ich suchen konnte? Es war ziemlich hoffnungslos.

Ich studierte die Liste erneut. Was stand da? Was hatte da schon die ganze Zeit gestanden: <DIR>. Sonja hatte einen Teil ihres Materials in Unterbibliotheken geordnet, und jede Unterbibliothek bekam den Nachsatz <DIR>.

7-dir konnte also Nummer sieben bedeuten. Hatte Sjeyndir also gar nichts mit der Sache zu tun?

Ich zählte bis zum siebten dir, das hieß: Krieg. Ich konnte mich dunkel daran erinnern, daß Sonja vor geraumer Zeit eine Artikelserie über den 2. Weltkrieg geschrieben hatte. Anlaß für diese Serie war, daß es am 1. September dieses Jahres50 Jahre her war, seit die größte Götterdämmerung in der Geschichte der Menschheit begonnen hatte. Die Chance, daß ich in diesem Material etwas finden würde, war nicht sehr groß. Ich wußte ja gar nicht, ob Sonja mit dem rätselvollen “7-dir” überhaupt auf dieses Material hinweisen wollte. Auf jeden Fall mußte ich noch mal zum Bladet.

Die Sirene der Schiffswerft hatte mir vor ein paar Minuten mitgeteilt, daß jetzt Mittagspause war. Also mußte ich ein oder zwei Stunden warten.

Im Ausland hatte ich mich daran gewöhnt, abends Mittag zu essen, deshalb war ich nicht besonders hungrig. Was sollte ich machen, bis ich an den Computer herankonnte?

Ich dachte erneut nach. Ich mußte aufpassen, daß das nicht zu einer Gewohnheit wurde. Jetzt war es Hugo, der mir im Kopf herumspukte. Er wollte etwas von mir, was, wußte ich nicht, und außerdem - ging da nicht etwas Merkwürdiges in seinem Haus vor sich? Irgendjemand hatte Hugo umgebracht und mich niedergeschlagen, und sicher nicht einfach aus lauter Jux, selbst wenn ich einige kannte, die ein Vergnügen daran hätten.

War etwas an Hugos Haus, auf das ich nicht geachtet hatte? Ich war einer Spur nahe, konnte sie aber nicht fassen. Statt dessen fielen mir alle unsere heimlichen Spiele ein. Hugo hatte mir eine unsichtbare Schrift beigebracht. Mir war so, als schriebe man mit Zitronensaft, und das Geschriebene kam zum Vorschein, wenn man das Papier ans Feuer hielt. Hugo liebte solche Geheimniskrämerei. Er hatte immer noch ein Versteck in seinem Zimmer. Ich sprang auf. Das war es, was in meinem Kopf herumgespukt war. Hugos Versteck im Hohlraum unter den Fußbodenbrettern. Man mußte den Teppich ein bißchen wegziehen, ein Brett anheben, und schon war da ein ganz nettes Versteck.

Ich trug die Bücher zum Tresen, aber die Bibliothekarin war so mit dem Radio beschäftigt, daß sie mich kaum wahrnahm, als ich mich verabschiedete und ging.

11

Eine schmale Treppe führt von der J.C. Svabosgøta zur Rættará hinunter. Aus allen Häusern hörte ich die Rundfunknachrichten: Libanon, Noriega, Polen, Gorbatschow. Noch ein großer Fabriktrawler war Konkurs gegangen. Das Land verspürte brennenden Schmerz. Die Besitzer kauften ein solches Schiff meistens zum halben Preis zurück. Es war nicht notwendig, die Nachrichten daheim zu hören, man brauchte nur zwischen den Häusern herumzulaufen, um alles mitzubekommen. Als ich Müllers Lagerhaus ereichte und in die Skálatrøð einbog, verlor ich den Faden. Die Häuser waren jetzt zu weit entfernt, außerdem war nur noch der Veranstaltungskalender übrig, und wo es Bingo oder Gebetsandachten gab, konnte mir egal sein.

Die Anzahl der Boote in der Vestara Vág war enorm, sie schienen sich zu vermehren, mir war so, als würde die Menge jedesmal wachsen, wenn ich sie sah. An der Rasmus’ Bro, wo die Milchboote Tróndur und Sigmundur früher angelegt hatten, lag jetzt ein weißer Zweimaster. Ich habe in dieser Hinsicht nicht viel Ahnung, deshalb konnte ich nicht sagen, welcher Bootstyp es war, aber gut sah er aus. Die Flagge am Achtersteven ähnelte der niederländischen mit drei Querstreifen: rot, weiß, blau. Aber ein Symbol war in der Mitte. Dann kam es wohl aus einem anderen Erdteil. Vor allem jüngere Länder hatten oft irgendein Zeichen mitten in ihrer Flagge.

Vagliø und die Niels Finsensgøta waren menschenleer, nur in der Konditorei sah man neugierige Gesichter aus den Fenstern spähen. Die Sackgasse zu Hugos Haus war ebenso lebendig wie gestern abend, wie ein Grab. Doch mir schien, als könnte ich von irgendwoher Mittagsmusik hören.

Die Außentür war versiegelt. Also war die Polizei dagewesen. Das freute mich, dadurch wurde mir Hugos Leiche erspart, aber wie sollte ich jetzt hineinkommen? Auf keinen Fall wollte ich mitten in der Straße stehen und in aller Öffentlichkeit das Siegel der Polizei brechen, und das galt auch für die Kellertür. Auf dieser Seite des Hauses stand kein Fenster angelehnt, und als ich in den Hof kam, sah ich nur das gleiche Siegel und die gleichen geschlossenen Fenster.

Während ich dastand und überlegte, ob ich eine Scheibe einschlagen sollte, oder ich ebensogut das Siegel brechen konnte, fiel mein Blick auf die Kellertür. Mit dem Siegel stimmte etwas nicht, war es nicht locker? Ich ging hin und schaute es genauer an. Es war aufgebrochen und schlampig wieder aufgeklebt worden.

Sinn eines Siegel ist es ja nicht, jemanden daran zu hindern, irgendwo hineinzukommen. Aber man kann sofort sehen, ob jemand dagewesen ist. Hier mußte es sich um eine Person handeln, der es ganz egal war, ob die Polizei wußte, daß sie dagewesen war. Oder war sie noch da? Es lief mir eiskalt den Rücken herunter. Ich hatte keine Waffe. Sollte ich die Polizei anrufen? Nein, das würde zu lange dauern und zu viele Umstände bereiten.

Ich löste das Siegel von der Tür und öffnete sie vorsichtig. Es war vollkommen still, nichts war zu hören, kein einziger Laut. Meine Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit im Keller, und ich sah, daß niemand vor der Treppe lag. Ich sah mich nach einer Waffe um, ein Spaten und eine Mistgabel standen an die Wand gelehnt. In meiner Not war ich kurz davor, den Spaten zu ergreifen, wenn gleich er eigentlich zu groß war, um ihn als Waffe in einem Haus zu benutzen, da sah ich eine große rostige Rohrzange auf der Fensterbank liegen. Ich ergriff sie und fühlte mich gleich sicherer.

Die Treppe knackte, obwohl ich versuchte, so vorsichtig wie möglich zu gehen. Die Tür zum Flur war zu, ich stand oben auf der Treppe fast im Dunkeln, hielt den Atem an und lauschte. Nichts zu hören.

Ich drückte die Klinke hinunter und schob die Tür vorsichtig mit der linken Hand auf, während die rechte mit der Rohrzange bereit war.

Der kleine Flur hatte sich seit gestern verändert. Er war von einem Unwetter heimgesucht worden. Die Schubladen waren aus der Kommode herausgerissen und auf dem Fußboden ausgekippt worden, die Kommode umgeworfen, der Spiegel in einer Ecke zerschlagen, obenauf lag der Mantel. Ich versuchte, nirgends draufzutreten. Es war nichts zu hören. Die Türen zur Küche und zur Stube standen weit offen.

Zuerst ging ich in die Stube. Der Tornado war hier mindestens genauso zerstörerisch gewesen. Es gab nichts, was stand oder lag, wie es sollte, Möbel, Bücher und Nippes in einem riesigen Durcheinander. Mittendrin lag das zerschnittene Sigmund Pettersen-Gemälde. Die Küche war ein Dreckhaufen. Alle Dosen waren auf dem Boden ausgekippt: Zucker, Kaffee, Tee und Mehl überall. Eine Schicht Mehl bedeckte Tisch, Stühle und den Boden. Der Kühlschrank stand mit brennendem Licht offen.

Ich verließ den Schweinestall und ging die Treppe nach oben. Irgendjemand hatte nach irgendwas gesucht, und das konnte noch nicht lange her sein, denn die Polizei mußte heute vormittag hiergewesen sein. Aber auf keinen Fall waren sie es gewesen, wie schlampig sie auch sein mochten. Ich lauschte so gut ich konnte, strengte meine Ohren an, aber nichts. Nicht einmal eine Uhr hörte ich.

Bei jeder Stufe, die ich nahm, erschien mir das Knacken so laut, daß ich glaubte, die gesamte Nachbarschaft würde es hören können, ganz zu schweigen von dem, der vielleicht im 1. Stock war.

Mein Herz schlug schneller.

Mir brach der Schweiß aus, und die Hand, die die Rohrzange hielt, wurde feucht.

Oben am Treppenabsatz stand ich für einen Augenblick wie der Erzengel mit gehobenem Flammenschwert, bereit, alle Sünder auszutreiben. Aus der fernen Wirklichkeit konnte man ein Auto starten und wegfahren hören.

Vorsichtig schaute ich in die leeren Zimmer und ins Bad. Niemand. Wie unten war alles durchwühlt und lag in einem großen Tohuwabohu.

Die Tür zu Hugos Zimmer war nur angelehnt. Ich schlich mich zu ihr, schob sie mit dem linken Fuß auf, bereit, mit der Rohrzange zuzuschlagen.

Keine Menschenseele. Aber was für eine Bescherung: Kleidung, Schubladen, Modellflugzeuge, Bücher und überhaupt alles, was drinnen war, in einem heillosen Durcheinander.

Vieles davon war zerbrochen oder auseinandergerissen. Der Person, die nach etwas gesucht hatte, war es vollkommen gleich gewesen, ob man es merken würde, außerdem hatte sie nichts gefunden, so brutal wie sie zu Werk gegangen war. Es war offensichtlich Hugos Zimmer, das am gründlichsten untersucht worden war, denn hier gab es nichts, das nicht auseinandergenommen worden war.

Ich sah mich einen Moment lang um. Langsam ließ ich die Hand mit der Rohrzange sinken. Hier war niemand, also konnte ich sie ebensogut hinlegen, während ich nach Hugos Versteck suchte. Der Teppich sah alt und abgenutzt aus, die Farbe war eine undefinierbare Mischung aus Grau und Grün, war es etwa noch der gleiche Teppich wie vor 20 Jahren? Wo wohl das Versteck war? Auf jeden Fall an der Außenkante des Teppichs, an soviel konnte ich mich noch erinnern, und dann fiel mir noch eine Heizung ein. Unter dem Fenster stand eine vom alten Schlag, gesprenkelt mit Rostflecken wie mit Masern. Ich kniete mich hin und hob den Teppich hoch. Ja, da war ein Strich quer über zwei Bretterbohlen, und ca. 25 cm weiter wiederholte der Strich sich. Mit den Fingerspitzen konnte ich ein Brett zu fassen bekommen und hob es hoch. In dem Hohlraum lag eine braune Papiermappe mit einem Gummiband umwickelt. Ich nahm die Mappe und machte das Gummi ab. Sie war voll mit Zeitungsausschnitten, Fotos und Kopien. Das meiste drehte sich auf irgendeine Weise um den 2. Weltkrieg, so weit ich sehen konnte, denn im gleichen Augenblick, als ich das Material näher untersuchen wollte, hörte ich, wie eine Tür neben mir geöffnet wurde.

Der Schrank, fuhr es mir noch blitzartig durch den Kopf, und ich wollte mich gerade zu dem Geräusch umdrehen, als ich von einem harten Schlag getroffen wurde und ausging wie ein Licht.

12

Stimmen. Weit weg redete jemand. Mir war übel und ich war vollkommen kraftlos, ich schaffte es nicht, mich zu übergeben, schaffte es nicht, zur Besinnung zu kommen. Die Stimmen kamen näher, wurden deutlicher. Ich versuchte, sie zu ignorieren, wollte nichts hören, nur meine Ruhe haben.

Aber die bekam ich nicht. Jetzt merkte ich, daß da jemand an mir zog, mich rüttelte, die Schmerzstöße durchschnitten meinen Kopf wie ein Messer, und dann schoß es aus mir heraus. Irgendjemand hob mich hoch und hielt meinen Kopf nach unten, während es aus mir herausquoll, bis nur noch grüner Schleim von meinen Lippen tropfte. Die Schmerzen in meinem Kopf waren nicht fort, aber ich fühlte mich etwas besser und kam unsicher auf die Beine.

Zwei Männer standen vor mir. Den einen kannte ich nicht, er trug eine Polizeiuniform, war groß, schlacksig und jung. Er versuchte energisch auszusehen, aber ganz offensichtlich fehlte ihm die Erfahrung dafür.

Die hatte dafür der andere, mein alter Bekannter. Es war der gleiche, mit dem ich von Kopenhagen aus wegen Sonja telefoniert hatte. Er war von mittlerer Größe und ein wenig korpulent, sah freundlich und entgegenkommend aus. Er ähnelte einem netten Vater, der er auch war, aber man brauchte nicht weit hinter die Fassade zu schauen, dann stieß man auf eine ungewöhnliche Willensstärke. Ich kannte ihn seit vielen Jahren und wußte, daß er das, was er sich vorgenommen hatte, auch durchführte. Er hieß Karl Olsen. Wir sprachen miteinander, wenn wir uns trafen und waren halbwegs Freunde. Wie man sich anfreundet, wenn man sich schon immer gekannt hat. Es gibt so vieles Gemeinsames, was verbindet.

Karl sah mich fragend an, sagte aber nichts.

“Habt ihr ihn erwischt?” quäkte ich.

“Es war niemand außer dir hier, als wir kamen”, sagte Karl. “Und das ganze Haus war auf den Kopf gestellt”, fügte er hinzu.

“Du brauchst mich gar nicht so anzusehen”, erwiderte ich, während ich vorsichtig mit der Hand meine rechte Kopfseite berührte. Da war es klebrig. Dieses Mal hatte dieser Schurke mich also blutig geschlagen. “Das war schon, als ich gekommen bin.” Für einen Moment war Stille. “Woher wißt ihr eigentlich, daß ich hier bin?” fragte ich schließlich.

“Die Nachbarn haben angerufen. Sie wußten, daß das Haus versiegelt war, und dann haben sie einen Mann auf den Hof gehen sehen - die Beschreibung des Mannes paßte auf jemanden den ich kenne, leider - und als er nicht zurückkam, da haben sie uns angerufen.”

“Was zum Teufel machst du hier?” fuhr er schroff fort. “Wir waren heute nacht hier und haben den Mann geholt, der hier wohnt, ...gewohnt hat”, korrigierte er sich, “hier im Haus. Er lag tot im Keller. Und als ob das nicht reicht, da finden wir dich heute bewußtlos im gleichen Haus, und nicht nur das Siegel ist aufgebrochen, sondern auch noch ein großer Teil der Einrichtung zerstört.”

Er hielt inne. Und jetzt wurden seine blauen Augen kalt und hart wie Gewehrmündungen. “Warst du es, der uns angerufen hat?” Ich hob eine Hand, um ihn zu bremsen, bevor er noch verbissener wurde. “Ja, das war ich, und ich werde dir das Ganze erklären.” “Da kannst du sicher sein, daß du das wirst.” Mein Bekannter sah nicht aus, als hätte ihn mein Geständnis sehr viel milder gestimmt.

Der Kaffee in öffentlichen Institutionen und Büros ist meiner Erfahrung nach nur selten trinkbar. Er ist viel zu stark und viel zu bitter und in der Regel nur lauwarm. So auch der Kaffee auf dem Polizeirevier, wo ich zwei Stunden lang saß, um meinen Bericht zu wiederholen. Dafür wechselten Karl und der Leiter der Kriminalpolizei, ein Mann von Suðuroy in den 50ern, sich damit ab, mich auszuschelten. Und sie nahmen dabei kein Blatt vor den Mund. Dieses Mal sollte ich noch davonkommen und das nur, weil sie so nett waren, aber beim nächsten Mal würden sie mich einlochen.

“Ja, ja, ich habe kapiert”, seufzte ich müde und erschöpft, fast gelähmt von den Kopfschmerzen. “Ihr habt meine Entschuldigung bekommen, und ich werde es nie wiedertun. Liebe Mama”, fügte ich leise hinzu.

“Verdammt noch mal, Hannis, jetzt nimm dich aber in Acht”, sagte der Vorgesetzte wütend. “Wir wollen keinen Ärger mehr mit dir haben. Wenn du anderer Meinung bist, mußt du umdenken.” Er ging hinter dem Schreibtisch hin und her, während Karl auf der anderen Seite saß und mit den Beinen baumelte. Er schaute auf seine Schuhe herab, aber mir schien, als sähe ich ein Lächeln in seinen Mundwinkeln.

“Ich finde es nur merkwürdig, daß ihr Sonjas und Hugos Tod nicht weiter untersucht. Sie ist vom Støðlafjall gestürzt, und einen Monat später fällt er die Kellertreppe hinunter und bricht sich den Hals. Beides Zufälle?”

“Ich kann nichts Merkwürdiges daran entdecken”, unterbrach Karl mich. “Es ist mehr als wahrscheinlich. Sonja hatte zuviel gebechert und ist hinuntergestürzt. Daß der Körper zu weit gefallen ist, bevor er aufprallte, kann an allem Möglichen liegen. An einem Aufwind zum Beispiel. Und an der Tatsache, daß Hugo die Kellertreppe hinunterpurzelt und so unglücklich fällt, daß er sich den Hals bricht, daran ist auch nichts Außergewöhnliches. Er hat gern das eine oder andere Glas gekippt, und in den letzten Jahren war er selten nüchtern. An jedem einzelnen Todesfall für sich ist nichts Außergewöhnliches dran. Und selbst wenn man die beiden miteinander verbindet, kann ich keinen Zusammenhang entdecken. Nichts plus Nichts ergibt ... Nichts.”

Er hatte sich warm geredet bei dem Versuch, mich davon zu überzeugen, daß alles ganz normal vor sich gegangen war. “Und es gibt keinen Grund, daß du herumläufst und dir alles Mögliche vormachst und die Dinge verdrehst.”

“Dann war die Person, die mich oben in Hugos Zimmer zusammengeschlagen hat, vielleicht auch eine Einbildung? Und das Versteck? Und was ist mit gestern abend?”

Der ältere Kriminalbeamte sah mich müde an. Er wollte nicht mehr. “Unserer Einschätzung nach war es ein Einbruch. Es spricht sich schnell rum, wenn jemand tot ist, und es gibt eine ganze Menge Halunken in dieser Stadt, die auf eine solche Idee kommen könnten. Du bist da hereingestürmt und dann niedergeschlagen worden. Was das Versteck und gestern abend angeht, so wissen wir nur das, was du uns erzählt hast.” Man konnte ihm ansehen, daß sein Vertrauen diesbezüglich nicht besonders groß war.

Mir blieb nichts anderes übrig, als zu gehen.

Karl brachte mich zur Haustür. “Du mußt unsere Situation verstehen. Wir haben nichts Außergewöhnliches entdeckt, und du willst, daß wir nach Mördern suchen. Wo sollen wir suchen? In welcher Richtung? Es gibt nichts, wonach wir suchen könnten. Laß Sonja und Hugo in Frieden ruhen.”

Im gleichen Augenblick, als ich Karl etwas erwidern wollte, kam eine dunkelhaarige Frau vorbei. Auf unserer Höhe blinzelte sie mir schnell zu und zwinkerte mit einem Auge. Ich blieb stehen, drehte mich um und schaute hinter ihr her, während sie den Flur entlang ging. Es war das Mädchen mit dem Keuschheitsgürtel. “Guckst du den Mädchen hinterher? Ja, ja, wenn ich nicht verheiratet wäre und keine Kinder hätte...” Karl klang sehnsuchtsvoll und ironisch zugleich.

13

Ich stand auf der Jonas Broncksgøta, arg zugerichtet, und es wäre eine Lüge, zu behaupten, es ginge mir gut. Das Schlimmste hatte ich auf dem Polizeirevier abgespült und zwei Kodymagnyl bekommen. Den Kopfschmerzen war die Spitze genommen worden, aber im Nacken und in der Wange tat es immer noch weh. Sie sorgten dafür, daß ich nicht vergaß, daß ich zweimal an einem Tag niedergeschlagen worden war. Und keiner hatte mir erzählt, warum.

Ein Taxi kam die Straße hinuntergesaust, ich hielt es an und ließ mich zum Bladet fahren.

Der Fahrer war in Plauderlaune. “Du warst wohl bei der Polizei?” Er sah mich im Rückspiegel an. “Das ist aber eine ordentliche Schramme, die du da an der Wange hast, was?”

Hinter dem fragenden Tonfall war der Wunsch zu erkennen, die ganze Geschichte zu erfahren, damit er sie anderen Kunden weitererzählen konnte. Ich hatte in den letzten zwei Stunden auf so viele Fragen geantwortet, daß mir die Neugier des Fahrers jetzt zu viel wurde. “Ja, ja”, sagte ich wie in Gedanken versunken und schaute aus dem Fenster hinaus.

Der Fahrer, der nach seinem Alter zu urteilen eine langjährige Erfahrung haben mußte, war nicht der Typ, der daraufhin den Mund hielt. Er wechselte nur das Thema und plapperte jetzt davon, daß es nachmittags wärmer geworden war, und den ganzen Weg zum Bladet hinaus wechselte er von einem Thema zum anderen. Ein “Hmm” von meiner Seite ab und zu reichte. Man konnte nicht behaupten, daß er von der Person, mit der er sprach, viel verlangte.

Beim Bladet ging ich in Sonjas Büro, ohne daß ich angesprochen wurde, und direkt ins siebte dir auf ihrem Computer. Wie der Name sagte, handelte es sich um Artikel über den Krieg, in chronologischer Reihenfolge: Der Angriff auf Polen, Dünkirchen, die Besetzung Dänemarks und Norwegens, der Blitz über London, usw. Es waren zwanzig, anscheinend ganz gewöhnliche Zeitungsartikel. Ich “blätterte” ein Stück hin und her, las hier und dort ein wenig, fand aber nichts Besonderes. Es gab nichts, was eine Glocke zum Läuten brachte. Andererseits wußte ich gar nicht, wonach ich suchte, oder ob ich an der richtigen Stelle suchte. Aber ich hatte das Gefühl, es hatte etwas mit dem 2. Weltkrieg zu tun. Die Mappe bei Hugo zu Hause, Sonjas Artikelserie.

Wie es wohl mit Bildern aussah? Die konnte man nicht auf dem Computer sehen, aber das Bladet hatte sicher einige Exemplare jeder Zeitung archiviert. Ich ging ins Vorzimmer und fragte. Ja, ich sollte einfach ins Archiv gehen, die letzte Tür rechts.

Das Archiv war ungefähr zehn Quadratmeter groß und fast vollständig mit Zeitungen angefüllt, auf Regalen und auf dem Boden. Ich warf einen Blick auf einige Bündel und sah, daß die Zeitungen in einer gewissen Reihenfolge lagen. Der Computer hatte die Artikel datiert, also brauchte ich nicht lange, um die richtigen Zeitungen herauszufinden.

Nachdem ich über eine Stunde gelesen und geraucht hatte, stieß ich auf einen Artikel über Kämpfe in Italien, in dem viel über die Lovat Scouts stand, die auf den Färöern waren, bevor sie auf die Schlachtfelder geschickt wurden. Es gab auch einige Fotos: das zerstörte Monte Cassino, die Truppenlandung in Salerno, Bilder von Alexander, Patton, Montgomery, Mussolini, mit dem Kopf nach unten hängend, und dann von der deutschen Heeresleitung: Kesselring, von Vietinghoff, von Mackensen, Herr, Heidrich, Baade, von Senger und Etterling, Kappler. Die Namen des ersten und des letzten waren rot unterstrichen. “Kesselring und Kappler” dachte ich. Aus dem Artikel war ersichtlich, daß Kesselring der deutsche Oberkommandierende in Italien war, und daß er ein größeres Problem darstellte, als die Alliierten erwartet hatten. Kappler wurde in dem Artikel nicht erwähnt, aber auf dem unscharfen Foto sah es aus, als wäre er ein SS-Mann.

Das alles sagte mir nicht besonders viel. Es war langsam Zeit zum Abendessen, aber noch hatte niemand mich gebeten, zu gehen, also las ich weiter. Die letzten Artikel handelten von den Endkämpfen in Europa und Asien. Die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki wurden gesondert beschrieben. In dem Artikel über Europa nach dem Krieg stand ein wenig über die Werwölfe und die Organisation ODESSA, die alten Nazis half, und daß viele von ihnen sich in Südamerika versteckten. Dieser Abschnitt war auch rot unterstrichen, und es war ein Fragezeichen dahinter gesetzt worden. ODESSA? Ob das etwas mit der Wirklichkeit zu tun hatte? Ich hatte vor vielen Jahren einen Film mit diesem Namen gesehen, der von faschistischen Zusammenkünften und ähnlichem handelte, hatte aber die Handlung immer als freie Phantasie abgetan.

Summa summarum: die Namen zweier deutscher Offiziere in Italien waren unterstrichen sowie die Hypothesen - denn war es mehr als eine Hypothese? - von den Werwölfen und ODESSA. Was konnte ich daraus schließen? Ich versuchte, intensiv nachzudenken, aber ganz gleich, wie ich die wenigen Erkenntnisse, die ich hatte, auch drehte und wendete, ich kam nicht von der Stelle. Ich war kurz davor zu glauben, das Ganze sei nur ein Hirngespinst.

Jemand rief, daß sie jetzt nach Hause gingen. Ich rief zurück, ich käme gleich. Ich ging in Sonjas Büro und schaute ein letztes Mal auf ihren Computer. Der Artikel über Italien und der über Deutschland nach dem Krieg standen in einer Rubrik für sich, geschrieben genau um 4.59 in der Nacht, bevor Sonja starb. Ich sah die beiden Artikel durch, konnte aber nichts entdecken, was sich vom Gedruckten unterschied. Nicht, bevor ich bis ans Ende kam, da stand: Sjeyndir? Hugo. Nur diese beiden Worte, nichts anderes.

Ich hatte ins Schwarze getroffen. “7-dir” bedeutete sowohl Sjeyndir als auch die siebte dir. Wieviel Rätselraten ich noch vor mir haben sollte, das ahnte ich nicht.

14

Die Whiskyflasche schaute mich nicht mehr so verlockend an. Es war nur noch wenig übrig, womit sie hätte locken können, und jetzt, wo der Abend schon etwas fortgeschritten war, waren wir miteinander vertraut geworden. Es war jedenfalls besser, mit ihr zu reden, als sich immer und immer wieder die gleichen Fragen zu stellen: Wer? Warum? Wie?

Es gab keine Antwort.

Was ging da vor sich? Die Fragen ließen mich nicht so einfach in Ruhe. Ich lehnte mich mit dem Glas in der Hand zurück. Was willst du? Was geht da vor sich? Was übersiehst du? Der Alkohol übernahm langsam das Steuer, so daß es im Kreis ging.

Du akzeptierst nicht, daß die Leute in großer Zahl um dich herum sterben. Nicht, daß die Welt für dich still stehen soll. Du weißt, daß alles, was still steht, stirbt, Leben ist Bewegung. Aber du willst nicht, daß die Menschen, die du kennst, und die dich gekannt haben oder die, die oftmals dasselbe wie du erlebt haben, mit denen du gemeinsame Erinnerungen hast, sterben. Das empfindest du wie einen Diebstahl, als würde jemand das Dasein schrumpfen lassen, eine systematische Amputation, und zum Schluß bist nur noch du übrig.

Vielleicht möchtest du ja doch, daß die Welt still steht?

Also, was sind denn das für Katastrophengedanken? Außerdem ist die Chance, daß du die Mehrheit überlebst, nicht besonders groß. Krebs oder ähnliches Teufelszeug haben dich sicher bereits geschafft, ehe deine Bekannten überhaupt die ersten Anzeichen des Alterns bemerkt haben.

Ich nahm einen großen Schluck.

Es ist unglaublich, wie sentimental man von Schnaps wird. Bevor ich es recht wußte, würden die Tränen fließen.

Es gab nur zwei Möglichkeiten, dem zu entkommen. Entweder schlafen oder in die Stadt gehen. Damit die Gefühle etwas Abstand gewinnen konnten.

Eine dritte Möglichkeit bestand darin, den Fernsehapparat anzuschalten. Ich versuchte diesen Mittelweg, aber nein, das Färöische Fernsehen sendete montags nicht. Auf dem Fußboden unter dem Fernsehapparat stand ein Videogerät, und ein paar Kassetten lagen auch herum. Sie waren nicht beschriftet. Ich nahm eine, schob sie in den Apparat und befand mich in einer finnischen Sendung über die Färöer.

Sie erwies sich schnell als ausgesprochen komisch, als ein färöischer Spezialist sich verschiedene färöische Mythen vorknöpfte: Die Färöer kann man als eine Nation von Fixern charakterisieren, die ihren Schuß von Dänemark benötigen, es wird für alle Arbeitsplätze so viel Unterstützung gezahlt, daß das Land faktisch eine große beschützte Werkstatt ist, die färöischen Alkoholiker sind Luxusalkoholiker, die zum Entzug nach Island geschickt werden, damit sie von vorn anfangen können, wenn sie zurückkommen. Ich saß da und brüllte vor Lachen, aber das lag vielleicht auch am Whisky?

15

Nachdem die R.C.Effersøesgøta lange Zeit eine der ruhigsten Straßen der Hauptstadt gewesen war, wurde sie vor ein paar Jahren zu einer der meistbefahrenen. Hübsch ist die Straße nicht, aber sie dient ihrem Zweck, den Verkehr vom Zentrum und Hafen hinauf zum Industrieviertel á Hálsi zu führen. Der Verkehr ist fast immer fürchterlich, und mitten am Tag und gegen fünf Uhr herrscht ständig Stau. Das wird nicht besser durch die Tatsache, daß das größte Einkaufszentrum des Landes an der Straße liegt und es keine separaten Ein- und Ausfahrten besitzt.

Ich stand mit dem Kadett, den ich mir bei einer Autovermietung ausgeliehen hatte, mitten auf der Straße und wartete auf eine Lücke im Verkehr. Nachdem ich mich auf das Gelände des Einkaufszentrums gedrängelt hatte, stellte ich das Fahrzeug so schnell wie möglich ab. Als ich mich von dem Wagen entfernen wollte, sah ich ein Schild: Nur für die Kunden der Apotheke. Ich dachte, es würde sicher nicht leicht sein, herauszufinden, wer wo einkaufte, also brauchte man sich nicht darum zu kümmern.

Als die Brötchen und der Kaffee gerutscht waren und die erste Zigarette dieses Tages entzündet, fühlte ich mich besser. Es saßen nur wenig Leute in der Cafeteria, die Kinder waren noch nicht da. Möglicherweise machten sie mit ihren Eltern Urlaub und konnten deshalb nicht in das größte Vergnügungszentrum der Hauptstadt kommen.

Man hatte sich viel Mühe gegeben, und ein großes, hübsches Kunstwerk aus Glas erhob sich über drei Etagen. Drumherum wanden sich zwei Wendeltreppen aus Marmor. Es war wie in dem Lied “If I Were a Rich Man”: eine um hinaufzugehen und eine um hinunterzugehen. In dem Lied gibt es noch eine dritte nur zum Schmuck, aber das mußte die Treppe am anderen Ende des Zentrums sein.

Die Uhr besagte, daß die Bank jetzt geöffnet hatte, und ich setzte mich deshalb langsam im Bewegung.

Während der Zusammenkunft mit der Whiskyflasche am gestrigen Abend war mir Hugos Auto eingefallen, und woher er wohl das Geld dafür hatte. Vielleicht war ja gar nichts Merkwürdiges dabei, aber eine Untersuchung war es schon wert. Wie es um Sonjas finanzielle Situation stand, wußte ich nicht, und ich wollte nicht dieses spröde Frauenzimmer auf Suðuroy fragen, aber im Brief hatte Sonja Auslandsreisen erwähnt. Sie mußte etwas erwartet haben. Blieb nur noch die Frage, in welches Geldinstitut ich gehen sollte. Ab und zu hatte ich einen Scheck von ihr bekommen, und mir war so, als wäre er von der Filiale hier auf Trapputrøðin. Es war zumindest einen Versuch wert.

Am Schalter fragte ich nach dem Geschäftsführer, es würde mir sowieso niemand sonst Informationen geben. Ein junges blondes Mädchen in einem so winzigen Rock, wie ich ihn vor mehr als zwanzig Jahren das letzte Mal gesehen hatte, fragte, ob ich einen Termin hätte. Ich sagte, daß dem so wäre und bat sie, mir das Büro des Geschäftsführers zu zeigen. Ohne nachzudenken deutete Sie den Flur hinunter, und bevor sie etwas sagen konnte, war ich schon auf dem Weg zur Tür.

Mitten im Zimmer stand ein großer alter Schreibtisch, und an der Weg gegenüber der Tür hing ein entsprechend großes Bild der Insel Mykines, auf dem das Abschlachten der Grindwale dargestellt war. Der Mann, der hinter dem Schreibtisch saß, entsprach in seinen Maßen weder den Dimensionen noch der Brutalität des Gemäldes. Er war klein und dünn, blaß mit Nickelbrille, und seine Glatze glänzte, als wäre sie poliert. Zwei kalte, blaue Augen, so schmal wie der Spalt einer Muschel und genau so scharf wie diese sahen mich an.

“Was bilden Sie sich ein, hier einfach so hereinzuplatzen?”

“Ich brauche einige Informationen und dachte, so ginge es am schnellsten.”

“Mir gefällt Ihr Auftreten nicht.”

“Das spielt keine Rolle. Es ist sowieso nicht zu verkaufen.”

Der Kopf fuhr zurück, als würde er geschlagen. Er schaute mich einen Augenblick lang von unten an, dann begann er zu lachen. “Philipp Marlowe.”

“Ja”, sagte ich, “‘Lady in the Lake’.”

“Sieh mal an, du kennst deinen Chandler.” Aus dem Sie war ein Du geworden.

“Das ist nicht so überraschend wie die Tatsache, daß ein Bankdirektor ihn kennt.”

“Wir Bankleute lesen auch noch was anderes als Zahlen.” Er zog die Manschetten mit den Goldknöpfen weiter aus den Jackenärmeln, schob den Schlips gerade und sah mich über den Brillenrand an. Die Unterhaltungspause war vorbei.

“Wir haben einen gemeinsamen Freund, aber jetzt ist nicht die Zeit, über ihn zu reden. Sag mir, worum es geht und...” Er schaute auf die Uhr.

“Und beeil dich ein bißchen, ich muß gleich zu einer Sitzung.” Ich erzählte dem Geschäftsleiter, daß die beiden Toten meine besten Freunde gewesen waren und daß ich wissen wollte, ob die kleine Elsa etwas bekommen würde, jetzt, wo ihre Mutter und deren zukünftiger Mann tot waren. Ich murmelte etwas davon, daß ich sonst versuchen würde, ihr zu helfen.

“Sie müssen wissen, eigentlich dürfen wir nicht jedem Erstbesten Auskünfte über unsere Kunden geben. Aber wenn es um eine Samaritertat geht...” Er drückte auf ein paar Tasten seines Computers.

“Stimmt, sowohl Sonja Pætursdóttir als auch Hugo Jensen hatten eine hübsche Summe Geld auf ihrem Konto. Mehr darf ich nicht sagen, aber jetzt können Sie ja wieder beruhigt schlafen. Die Kleine ist versorgt.” Er sagte das in einem spöttischen Ton, und die kalten, blauen Augen schauten mich durchbohrend an. Ganz offensichtlich hatte er nicht ein Wort von dem geglaubt, was ich gesagt hatte. Er war scharf wie ein Rasiermesser.

Ich verabschiedete mich und eilte davon.

Mir war bestätigt worden, daß Sonja und auch Hugo Geld auf ihrem Konto hatten, während sie doch sonst keinen roten Heller besaßen. Hugo fuhr außerdem ein neues, teures Auto. Irgendwo mußten sie auf eine Goldader gestoßen sein, aber wo? Und ob das etwas mit ihrem Tod zu tun hatte? Mammon und Tod wandern gemeinsam...

Der Verkehr auf der R.C. Effersøesgøta strömte ohne Unterlaß in beide Richtungen, alle wollten zur gleichen Zeit nach Hause, um Mittag zu essen. Man stopfte sich was in den Mund, wobei man Radio hörte, hastete aufs Klo und dann wieder davon. In den meisten Familien arbeiteten beide, da war es nicht besonders lustig, am Ende eines Arbeitstages heim zu den Resten des Mittagessens und dem Abwasch zu kommen, wenn eigentlich das Abendbrot an der Reihe ist. An immer mehr Arbeitsplätzen änderte sich das, die Leute wollten lieber etwas früher fertig sein und nicht mehr mittags nach Hause gehen. Aber diese Veränderung hatte sich noch nicht soweit durchgesetzt, daß die Straßen in Tórshavn vor und nach der Mittagspause leerer waren.

Ich saß im Kadett und wartete, bis das Schlimmste vorbei war. Ich tat, als nähme ich Tabletten, damit die Leute glaubten, ich stünde mit Recht auf einem Parkplatz der Apotheke, aber vielleicht glaubte doch niemand, daß meine Zigarette ein Wundermittel der Pharmaindustrie sei?

Als der Autofluß auf der Straße nicht mehr ganz so dicht war, startete ich den Wagen und fuhr Richtung Norden. Ich wollte nach Eysturoy, und wenn es sich machen ließ, rauf aufs Støðlafjall. Und es schien ganz so, als ließe es sich machen, bei hohem Himmel und Sonne.

Auf dem Weg den Oyggjarvegur hinaufblickte ich auf Tórshavn hinunter, das friedlich und still dalag und sich sonnte. Ich versuchte, soviel wie möglich von diesem Anblick in mich aufzunehmen. In diesem Jahr hatte es bisher wenige schöne Tage gegeben, und es war nicht sicher, daß noch viele kommen würden. Der Winter war hart gewesen, der schlimmste seit Menschengedenken, dann ein nasses Frühjahr, und jetzt fast kein Sommer, so daß niemand noch Hoffnungen für die verbleibenden zwei Sommermonate hegte. Aber heute war alles eitel Freude, die Stadt genoß den Augenblick und stellte sich vor, sie könne, was das Wetter betraf, ebensogut im Mittelmeer liegen. Draußen auf dem Fjord gab es einige Schiffe, die meisten lagen zwischen Borðan und Kirkjubønes, und ich überlegte, ob ich nicht lieber zum Fischen rausfahren sollte. Es gab viele, die ein Boot hatten, es wäre also kein Problem, irgendwo mitzufahren. Ich wußte sowieso nicht, was ich auf dem Støðlafjall wollte und hatte auch nicht viel Hoffnung, daß die Fahrt etwas bringen würde, was ich nicht schon im Voraus wußte. Es wäre bestimmt lustiger zu angeln, als im Gebirge herumzukraxeln.

Während ich bei dem schönen Wetter weiter in den Norden fuhr, die meiste Zeit ganz allein auf der Straße, träumte ich von Dorschen und Schellfischen, die glänzend über die Reling kamen. Als ich an der alten Walstation bei Air vorbeikam, hatte ich auch einen kleinen Heilbutt gefangen.

Der Blick vom Støðlafjall war großartig. Der Himmel war blau und wolkenlos. In allen Richtungen ein Berg nach dem anderen, die nächsten hellgrün, um dann in die Ferne hin immer dunkler zu werden. Das Gebirge in der hintersten Reihe hatte einen bläulichen Schimmer, schattenblau. Es lag ein Hauch von etwas Unwirklichem über dem Panorama, man konnte es nicht so recht glauben, es sah zu sehr aus wie auf einer Postkarte. Eine sanfte Brise streichelte die Ebene, und ich hatte das Gefühl, als wollte dieser Windhauch unterstreichen, wie schön und still Land und Meer sich zusammenfügten. Abgesehen von einem grauen Inspektionsschiff, das in schnellem Tempo nach Norøragøta fuhr, lag die Gøtuvík glatt und unberührt. Von oben aus gesehen, aus einer Höhe von fast 600 Metern, ähnelten Bucht und Häusergruppen einer Spielzeuglandschaft, wie man sie auf größeren Bahnhöfen sehen kann. Steck eine Krone rein, und die Züge fahren los. Aber hier gab es keine Möglichkeit, die Krone loszuwerden, und die Gebirge waren keine Spielzeugberge, sondern hohe, steile Berge, von denen man hinunterfallen konnte. So wie Sonja Pæturdóttir.

Die Ebene auf dem Støðlafjall war groß, man konnte bequem darauf Fußball spielen. Es wuchs ein wenig Gras und Moos, das meiste war jedoch von Kieselsteinen und Schlamm bedeckt. Es gab hier auch ein kleines Haus mit einer großen Antenne, eine Transformatorstation. Sonst war es kahl. Ich ging die östliche Kante entlang, und mir schien es nicht so leicht, hier hinunterzufallen, aber sie war runtergefallen, und zwar ganz offensichtlich, und ich hatte keinen Zweifel daran, daß jemand ihr eine helfende Hand gereicht hatte. Andererseits konnte man sicher im Halbdunkel, leicht betrunken, hinunterstürzen, von daher leuchtete mir der Standpunkt der Polizei auch ein.

Ich blieb einen Augenblick stehen und schaute die steilen Felswände hinunter, dabei fiel mir ein, daß während des Krieges ein englischer Kapitän hinuntergefallen und gestorben war. Aber er war auf dem Felsen herumgeklettert, das war etwas ganz anderes. Nur zur Syørugøta hin fiel der Berg so steil ab, mehrere hundert Meter fast senkrecht in die Tiefe. Alle anderen Seiten waren zugänglich, jedenfalls einigermaßen. Warum um alles in der Welt war Sonja auf die Idee gekommen, in die einzige Richtung zu gehen, in die sie nicht gehen sollte, wenn die Sicht so schlecht war?

Während ich dastand, in die verschiedenen Richtungen sah und erneut das Inspektionsschiff entdeckte, das den Silberspiegel der Bucht zerstörte, kam mir der Gedanke, daß es wohl kaum eine Landspitze auf den Färöern gab, an der noch kein Schiff kollidiert war. Ganz gleich, wieviele moderne Instrumente es gab, die Küste wurde torpediert wie nie zuvor. Vielleicht sollte man einmal alle Landzungen auf den Färöern zählen, dagegen alle Kollisionen und die Prozentzahl ermitteln. Außerdem könnte man berechnen, welches die am meisten angefahrene Landspitze ist und ob es noch welche gibt, die ungeschoren davon gekommen sind. Ich schüttelte den Kopf, um all diese unnützen Gedanken loszuwerden. Ich wußte, wie schnell ich mich in irgendwelche bedeutungslosen Sackgassen verirren konnte.

Außerdem war ein Grund für die vielen Kollisionen, daß die Mannschaft auf einem modernen Frachtschiff nicht groß genug war. Und die wenigen, die es gab, konnten nur auf den Strecken auf offener See schlafen. So kam es vor, daß sie in Landnähe, zwischen den Inseln, während der Wache einschliefen. Schlicht und ergreifend vor Übermüdung. “Du bist nur eine Figur im Schachspiel, bei dem das Geld die Leute regiert”, summte ich. Das Auto stand vor dem großen, grünen Zelt der Zeltmission bei Gøtueiði. Das Zelt hatte vor allem Aufmerksamkeit erregt, weil es die Postnummer 666 hat, die Zahl aus der Offenbarung. Der Rundfunk berichtete oft von Veranstaltungen im Zelt, aber ich hatte nie aufmerksam genug zugehört, um mitzukriegen, worum es sich dabei drehte. Das Zelt stand in einem alten Steinbruch, und mitten am Tag ähnelte es einem Reservelager der Ingenieure, wie es so verschlossen dastand. Aber wer weiß, vielleicht spielten sie da im Dunkeln splitternackt Blinde Kuh, wie von einer Sekte südlich des Fjords zu den glücklichen Zeiten der Walstation berichtet wurde?

Auf dem Rückweg südwärts bei ebenso schönem Wetter wie auf der Hinfahrt, aber mit mehr Autos auf der Straße, dachte ich darüber nach, daß ich nicht vom Fleck gekommen war. Ich wußte nicht, wonach ich suchte, und nur ich war der Meinung, daß es überhaupt etwas gab, wonach gesucht werden mußte. Ich konnte genauso gut wieder nach Dänemark zurückfahren.

Nein, sagte eine andere Stimme, du fährst nicht unverrichteter Dinge wieder nach Dänemark. Du bist zweimal niedergeschlagen worden, es passieren äußerst merkwürdige Dinge, und zwei Menschen sind tot. Du bist der einzige, der Klarheit in die Sache bringen kann, denn du bist der einzige, der sie ernst nimmt. Das Material, das Sonja im Computer hatte, mußte etwas mit den Ereignissen zu tun haben wie auch die Unterlagen in Hugos Haus, die du nicht untersuchen konntest. Irgendwo muß etwas sein, das dich auf die richtige Spur bringt. Außerdem ist in dem ganzen Durcheinander irgendwo eine Story verborgen, die verkauft werden kann. Wenn alles gut geht, kannst du sie bei den internationalen Medien unterbringen. Über kurz oder lang wird etwas ans Licht kommen, und dann geht’s los.

Auf diese Art und Weise versuchte ich mich selbst zu überreden, nicht den Schwanz einzuziehen, auch wenn ich ganz genau wußte, daß ich es später bereuen würde.

Der moralische Standpunkt, Hand in Hand mit dem ökonomischen, gewann.

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