Kitabı oxu: «Heidis Lehr- und Wanderjahre»

Şrift:

Johanna Spyri

Heidis Lehr- und Wanderjahre

Neu durchgesehen von Alexander Troll

Mit Bildern von Karl Mühlmeister

Saga

Heidis Lehr- und WanderjahreCoverbild / Illustration: Sutterstock Copyright © 1880, 2020 Johanna Spyri und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726539400

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

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Zum Alm-Öhi hinauf

Vom freundlich gelegenen alten Städtchen Mayenfeld aus führt ein Fussweg durch grüne, baumreiche Fluren bis zum Fusse der Höhen, die von dieser Seite gross und ernst auf das Tal herniederschauen. Wo der Fussweg zu steigen anfängt, beginnt bald das Heideland mit dem kurzen Gras und den kräftigen Bergkräutern dem Kommenden entgegenzuduften; denn der Fussweg geht steil und direkt zu den Alpen hinauf.

Auf diesem schmalen Bergpfade stieg am hellen, sonnigen Junimorgen ein grosses, kräftig aussehendes Mädchen dieses Berglandes hinan, ein Kind an der Hand führend, dessen Wangen in solcher Glut standen, dass sie selbst die sonnverbrannte, völlig braune Haut des Kindes flammenrot durchleuchtete. Es war auch kein Wunder: das Kind war trotz der heissen Junisonne so verpackt, als hätte es sich eines bitteren Frostes zu erwehren. Das kleine Mädchen mochte kaum fünf Jahre zählen; welches aber seine natürliche Gestalt war, konnte man nicht ersehen; denn es hatte sichtlich zwei, wenn nicht drei Kleider übereinander angezogen und drüberhin ein grosses rotes Baumwollentuch um und um gebunden, so dass die kleine Person eine völlig formlose Figur darstellte, die, in zwei schwere, mit Nägeln beschlagene Bergschuhe gesteckt, sich heiss und mühsam den Berg hinaufarbeitete. Eine Stunde vom Tal aufwärts mochten die beiden gestiegen sein, als sie zu dem Weiler kamen, der auf halber Höhe der Alm liegt und „im Dörfli“ heisst. Hier wurden die Wandernden fast von jedem Hause aus angerufen, einmal vom Fenster, einmal von der Haustür und einmal vom Wege her; denn das Mädchen war in seinem Heimatsort angelangt. Es machte aber nirgends halt, sondern erwiderte alle zugerufenen Grüsse und Fragen im Vorbeigehen, ohne stillezustehen, bis es am Ende des Weilers bei dem letzten der zerstreuten Häuschen angelangt war. Hier rief eine Stimme aus einer Tür: „Wart einen Augenblick, Dete, ich komme mit, wenn du weiter hinaufgehst!“

Die Angeredete stand still; sofort machte sich das Kind von ihrer Hand los und setzte sich auf den Boden.

„Bist du müde, Heidi?“ fragte die Begleiterin.

„Nein, es ist mir heiss“, entgegnete das Kind.

„Wir sind jetzt gleich oben; du musst dich nur noch ein wenig anstrengen und grosse Schritte nehmen, dann sind wir in einer Stunde oben“, ermunterte die Gefährtin.

Jetzt trat eine breite, gutmütig aussehende Frau aus der Tür und gesellte sich zu den beiden. Das Kind war aufgestanden und wanderte nun hinter den zwei alten Bekannten her, die sofort in ein lebhaftes Gespräch über allerlei Bewohner des Dörfli und vieler umherliegenden Behausungen gerieten.

„Aber wohin willst du eigentlich mit dem Kinde, Dete?“ fragte jetzt die neu Hinzugekommene. „Es wird wohl deiner Schwester Kind sein, das hinterlassene.“

„Das ist es“, erwiderte Dete, „ich will mit ihm hinauf zum. Öhi (Oheim), es muss dort bleiben.“

„Was, beim Alm-Öhi soll das Kind bleiben? Du bist, denk ich, nicht recht bei Verstand, Dete! Wie kannst du so etwas tun! Der Alte wird dich aber schon beimschicken mit deinem Vorhaben!“

„Das kann er nicht; er ist der Grossvater, er muss etwas tun. Ich habe das Kind bis jetzt gehabt, und das kann ich dir schon sagen, Barbel, dass ich einen Platz, wie ich ihn jetzt haben kann, nicht dahinten lasse um des Kindes willen; jetzt soll der Grossvater das Seinige tun.“

„Ja, wenn der wäre, wie andere Leute, dann schon“, bestätigte die breite Barbel eifrig; „aber du kennst ja den. Was wird der mit einem Kinde anfangen und dann noch mit einem so kleinen! Das hält’s nicht aus bei ihm! Aber wohin willst du denn?“

„Nach Frankfurt a. M.“, erklärte Dete, „da bekomm ich einen besonders guten Dienst. Die Herrschaft war schon im vorigen Sommer unten im Bad; ich habe ihre Zimmer auf meinem Flur gehabt und sie besorgt, und schon damals wollten sie mich mitnehmen; aber ich konnte nicht fortkommen; und jetzt sind sie wieder da und wollen mich mitnehmen, und ich will auch gehen, da kannst du sicher sein.“

„Ich möchte nicht das Kind sein!“ rief die Barbel mit abwehrender Gebärde aus. „Es weiss ja kein Mensch, was mit dem Alten da oben ist! Mit keinem Menschen will er etwas zu tun haben, jahraus, jahrein setzt er keinen Fuss in eine Kirche, und wenn er mit seinem dicken Stock im Jahr einmal herunterkommt, so weicht ihm alles aus und muss sich vor ihm fürchten. Mit seinen dicken grauen Augenbrauen und dem furchtbaren Bart sieht er auch aus wie ein alter Heide und Indianer, so dass man froh ist, wenn man ihm nicht allein begegnet.“

„Und wenn auch“, sagte Dete trotzig, „er ist der Grossvater und muss für das Kind sorgen; er wird ihm wohl nichts tun, sonst hat er’s zu verantworten, nicht ich.“

„Ich möchte nur wissen“, sagte die Barbel forschend, was der Alte auf dem Gewissen hat, dass er solche Augen macht und so mutterseelenallein da droben auf der Alm bleibt und sich fast nie blicken lässt. Man sägt allerhand von ihm; du weisst doch gewiss auch etwas davon, von deiner Schwester, nicht, Dete?“

„Freilich, aber ich rede nicht davon; wenn er’s hörte, so käme ich schön an!“

Aber die Barbel hätte schon lange gern gewusst, wie es sich mit dem Alm-Öhi verhielt, weshalb er so menschenfeindlich aussah und da oben ganz allein wohnte und die Leute immer so mit halben Worten von ihm redeten, als fürchteten sie sich, gegen ihn zu sein, und wollten doch nicht für ihn sein. Auch wusste die Barbel gar nicht, warum der Alte von allen Leuten im Dörfli der Alm-Öhi genannt wurde: er konnte doch nicht der wirkliche Oheim von sämtlichen Bewohnern sein. Da aber alle ihn so nannten, tat sie es auch und nannte den Alten nie anders als Öhi, was die Aussprache der Gegend für Oheim ist. Die Barbel hatte sich erst vor kurzer Zeit nach dem Dörfli hinauf verheiratet; vorher hatte sie unten im Prättigau gewohnt, und so war sie noch nicht so ganz bekannt mit allen Erlebnissen und besonderen Persönlichkeiten aller Zeiten vom Dörfli und der Umgegend. Die Dete, ihre gute Bekannte, war dagegen vom Dörfli gebürtig und hatte da mit ihrer Mutter bis vor einem Jahr gelebt. Da war diese gestorben, und die Dete war nach dem Bade Ragaz hinübergezogen, wo sie im grossen Hotel als Zimmermädchen einen guten Verdienst fand. Sie war auch an diesem Morgen mit dem Kinde von Ragaz hergekommen. Bis Mayenfeld hatte sie auf einem Heuwagen fahren können, auf dem ein Bekannter von ihr heimfuhr und sie und das Kind mitnahm. — Die Barbel wollte also diesmal die gute Gelegenheit, etwas zu vernehmen, nicht unbenutzt vorbeigehen lassen. Sie fasste die Dete vertraulich am Arm und sagte: „Von dir kann man doch erfahren, was wahr ist und was die Leute darüber hinaus sagen; du weisst, denk ich, die ganze Geschichte. Sag mir jetzt ein wenig, was mit dem Alten ist, und ob der immer so gefürchtet und ein solcher Menschenhasser war!“

„Ob er immer so war, kann ich, denk ich, nicht genau wissen: ich bin jetzt sechsundzwanzig und er sicher siebzig Jahr alt; ich hab ihn also nicht gesehen, als er jung war, das wirst du nicht erwarten. Wenn ich aber wüsste, dass es nachher nicht im ganzen Prättigau herumkäme, so könnte ich dir schon allerhand von ihm erzählen; meine Mutter war aus dem Domleschg und er auch.“

„A bah, Dete, was meinst du denn?“ gab die Barbel ein wenig beleidigt zurück; „es geht nicht so streng mit dem Schwatzen im Prättigau, und dann kann ich schon etwas für mich behalten, wenn es sein muss. Erzähl mir’s jetzt, es soll dich nicht gereuen.“

„Ja nu, so will ich, aber halt Wort!“ mahnte die Dete. Erst sah sie sich aber um, ob das Kind nicht zu nahe sei und alles anhöre, was sie sagen wollte; aber das Kind war gar nicht zu sehen, es musste schon seit einiger Zeit den beiden Begleiterinnen nicht mehr gefolgt sein, diese hatten es aber im Eifer der Unterhaltung nicht bemerkt. Dete stand still und schaute sich überall um. Der Fussweg machte einige Krümmungen, doch konnte man ihn fast bis zum Dörfli hinunter übersehen; es war aber niemand darauf sichtbar.

„Jetzt seh ich’s“, erklärte die Barbel; „siehst du dort?“ und sie wies mit dem Zeigefinger weit ab vom Bergpfad. „Es klettert die Abhänge hinauf mit dem Geissenpeter und seinen Geissen. Warum der so spät hinauffährt mit seinen Tieren? Es ist aber gerade recht, er kann nun zu dem Kinde sehen, und du kannst mir um so besser erzählen.“

„Mit dem Nach-ihm-sehen braucht sich der Peter nicht anzustrengen“, bemerkte die Dete; „es ist nicht dumm für seine fünf Jahre; es tut seine Augen auf und sieht, was vorgeht, das hab ich schon an ihm bemerkt, und es wird ihm einmal zugut kommen; denn der Alte bat gar nichts mehr als seine zwei Geissen und die Almhütte.“

„Hat er denn einmal mehr gehabt?“ fragte die Barbel.

„Der? Ja, das denk ich, dass er einmal mehr gehabt hat“, entgegnete eifrig die Dete, „eins der schönsten Bauerngüter im Domleschg bat er gehabt. Er war der ältere Sohn und hatte nur noch einen Bruder, der war still und ordentlich. Aber der Ältere wollte nichts tun, als den Herren spielen und im Lande herumfahren und mit bösem Volk zu tun haben, das niemand kannte. Den ganzen Hof hat er verspielt und verzecht, und wie es herauskam, da sind sein Vater und seine Mutter hintereinander gestorben vor lauter Gram, und der Bruder, der dadurch auch an den Bettelstab kam, ist vor Verdruss in die Welt hinausgegangen, es weiss kein Mensch wohin, und der Öhi selber, als er nichts mehr hatte als einen bösen. Namen, war auch verschwunden. Erst wusste niemand wohin; dann vernahm man, er sei unter das Militär nach Neapel gegangen, und dann hörte man nichts mehr von ihm zwölf und fünfzehn Jahre lang. Dann auf einmal erschien er wieder im Domleschg mit einem halberwachsenen Buben und wollte diesen in der Verwandtschaft unterzubringen suchen. Aber es schlossen sich alle Türen vor ihm, und keiner wollte mehr etwas von ihm wissen. Das erbitterte ihn sehr; er sagte: ins Domleschg setze er keinen Fuss mehr, und dann kam er hierher ins Dörfli und lebte da mit dem Buben. Die Frau muss eine Bündnerin gewesen sein, die er dort unten getroffen und dann bald wieder verloren hatte. Er musste noch etwas Geld haben; denn er liess den Buben, den Tobias, ein Handwerk erlernen, Zimmermann, und der war ein ordentlicher Mensch und wohlgelitten bei allen Leuten im Dörfli. Aber dem Alten traute keiner; man sagte auch, er sei von Neapel geflüchtet, es wäre ihm sonst schlimm gegangen; denn er habe einen erschlagen, natürlich nicht im Krieg, verstehst du, sondern beim Raufhandel. Wir anerkannten aber die Verwandtschaft, da meiner Mutter Grossmutter mit seiner Grossmutter Geschwisterkind gewesen war 1 . So nannten wir ihn Öhi, und da wir fast mit allen Leuten im Dörfli wieder verwandt sind vom Vater her, so nannten ihn diese alle auch Öhi, und seit er dann auf die Alm hinaufgezogen war, hiess er eben nur noch der ,Alm-Öhi‘.“

„Aber wie ist es dann mit dem Tobias gegangen?“ fragte gespannt die Barbel.

„Wart nur, das kommt schon, ich kann nicht alles auf einmal sagen“, erklärte Dete. „Also der Tobias war in der Lehre draussen in Mels, und sowie er fertig war, kam er heim ins Dörfli und nahm meine Schwester zur Frau, die Adelheid; denn sie hatten sich schon immer gern gehabt, und auch wie sie nun verheiratet waren, lebten sie sehr gut zusammen. Aber es ging nicht lange. Schon zwei Jahre nachher, als der Tobias an einem Hausbau mithalf, fiel ein Balken auf ihn herunter und schlug ihn tot. Und als man den Mann so entstellt nach Hause brachte, da fiel die Adelheid vor Schrecken und Leid in ein heftiges Fieber und konnte sich nicht mehr erholen. Sie war sonst nicht sehr kräftig und hatte manchmal so eigene Zustände gehabt, dass man nicht recht wusste, schlief sie, oder war sie wach. Nur ein paar Wochen, nachdem der Tobias tot war, begrub man auch die Adelheid. Da sprachen alle Leute weit und breit von dem traurigen Schicksal der beiden, und leise und laut sagten sie, das sei die Strafe, die der Öhi für sein gottloses Leben verdient habe, und ihm selbst wurde es gesagt, und auch der Herr Pfarrer redete ihm ins Gewissen, er sollte doch jetzt Busse tun, aber er wurde immer grimmiger und verstockter und redete mit niemand mehr; es ging ihm auch jeder aus dem Wege. Auf einmal hiess es, der Öhi sei auf die Alm hinaufgezogen und komme gar nicht mehr herunter, und seither ist er dort und lebt mit Gott und Menschen im Unfrieden. Das kleine Kind der Adelheid nahmen wir zu uns, die Mutter und ich; es war ein Jahr alt. Wie nun im letzten Sommer die Mutter starb und ich im Bad drunten etwas verdienen wollte, nahm ich es mit und gab es der alten Ursel oben im Pfäfferserdorf in Kost. Ich konnte auch im Winter im Bad bleiben; es gab allerhand Arbeit, weil ich zu nähen und flicken verstehe, und früh im Frühling kam die Herrschaft aus Frankfurt a. M. wieder, die ich voriges Jahr bedient hatte, und die mich mitnehmen will. Übermorgen reisen wir ab, und der Dienst ist gut, das kann ich dir sagen.“

„Und dem Alten da droben willst du nun das Kind übergeben? Es nimmt mich nur wunder, was du denkst, Dete“, sagte die Barbel vorwurfsvoll.

„Was meinst du denn?“ gab Dete zurück. „Ich habe das Meinige an dem Kinde getan, und was sollte ich denn mit ihm machen? Ich denke, ich kann eines, das erst fünf Jahre alt wird, nicht mit nach Frankfurt nehmen. Aber wohin gehst du eigentlich, Barbel, wir sind ja schon halbwegs auf der Alm?“

„Ich bin auch gleich da, wo ich hin muss“, entgegnete die Barbel; „ich habe mit der Geissenpeterin (Frau des verstorbenen Geissenpeter) zu reden, sie spinnt mir im Winter. So leb wohl, Dete, mit Glück!“

Dete reichte der Begleiterin die Hand und blieb stehen, während diese der kleinen dunkelbraunen Almhütte zuging, die einige Schritte seitwärts vom Pfad in einer Mulde stand, wo sie vor dem Bergwind ziemlich geschützt war. Die Hütte stand auf der halben Höhe der Alm, vom Dörfli aus gerechnet, und dass sie in einer kleinen Vertiefung des Berges stand, war gut; denn sie sah so baufällig und verfallen aus, dass es auch so noch ein gefährliches Darinwohnen sein musste, wenn der Föhnwind so mächtig über die Berge strich, dass alles an der Hütte klapperte, Türen und Fenster, und alle die morschen Balken zitterten und krachten. Hätte die Hütte an solchen sagen oben auf der Alm gestanden, sie wäre unverzüglich ins Tal hinabgeweht worden.

Hier wohnte der Geissenpeter, der elfjährige Bube, der jeden Morgen unten im Dörfli die Geissen holte, um sie hoch auf die Alm hinaufzutreiben, damit sie da bis zum Abend die kurzen, kräftigen Kräuter abfressen konnten. Dann sprang der Peter mit den leichtfüssigen Tierchen wieder herunter, tat, im Dörfli angekommen, einen schrillen Pfiff durch die Finger, und jeder Besitzer holte seine Geiss von dem Platze. Meistens kamen kleine Buben und Mädchen; denn die friedlichen Geissen waren nicht zu fürchten, und das war den ganzen Sommer durch die einzige Zeit am Tage, wo der Peter mit seinesgleichen verkehrte; sonst lebte er nur mit den Geissen. Er hatte zwar daheim seine Mutter und die blinde Grossmutter; aber da er immer am Morgen sehr früh fort musste und am Abend vom Dörfli spät heimkam, weil er sich da noch solange wie möglich mit den Kindern unterhalten musste, so vollbrachte er daheim nur gerade soviel Zeit, um am Morgen seine Milch und sein Brot und am Abend ebendasselbe hinunterzuschlucken und sich dann aufs Ohr zu legen und zu schlafen. Sein Vater, der auch schon der Geissenpeter genannt worden war, weil er in früheren Jahren in demselben Berufe gestanden hatte, war vor einigen Jahren beim Holzfällen verunglückt. Seine Mutter, die zwar Brigitta hiess, wurde von jedermann um des Zusammenhangs willen die Geisseripeterin genannt, und die blinde Grossmutter kannten weit und breit alt und jung nur unter dem Namen Grossmutter.

Die Dete hatte wohl zehn Minuten gewartet und sich nach allen Seiten umgesehen, ob die Kinder mit den Geissen noch nirgends zu erblicken seien; als dies aber nicht der Fall war, so stieg sie noch ein wenig höher, wo sie besser die ganze Alm bis hinunter übersehen konnte, und guckte nun von hier aus bald dahin, bald dorthin mit Zeichen grosser Ungeduld auf dem Gesicht und in den Bewegungen. Unterdessen rückten die Kinder auf einem grossen Umwege heran; denn der Peter wusste viele Stellen, wo allerhand Gutes an Sträuchern und Gebüschen für seine Geissen zu naschen war; darum machte er mit seiner Herde vielerlei Umwege. Erst war das Kind mühsam nachgeklettert, in seiner schweren Rüstung vor Hitze und Unbequemlichkeit keuchend und alle Kräfte anstrengend. Es sagte kein Wort, blickte aber unverwandt bald auf den Peter, der mit seinen nackten Füssen und leichten Höschen ohne alle Mühe hin- und hersprang, bald auf die Geissen, die mit den dünnen, schlanken Beinchen noch leichter über Busch und Stein und steile Abhänge hinaufkletterten. Auf einmal setzte sich das Kind auf den Boden nieder, zog mit grosser Schnelligkeit Schuhe und Strümpfe aus, stand wieder auf, zog sein totes, dickes Halstuch weg, machte sein Röckchen auf, zog es schnell aus und hatte gleich noch eins auszuhäkeln; denn die Base Dete 2 hatte ihm das Sonntagskleidchen über das Alltagszeug angezogen, um der Kürze willen, damit es niemand tragen müsse. Blitzschnell war auch das Alltagsröcklein weg, und nun stand das Kind im leichten Unterröckchen, die blossen Arme aus den kurzen Hemdärmelchen vergnüglich in die Luft hinausstreckend. Dann legte es schön alles auf ein Häufchen, und nun sprang und kletterte es hinter den Geissen und neben dem Peter her, so leicht als mur eines aus der ganzen Gesellschaft. Der Peter hatte nicht achtgegeben, was das Kind mache, als es zurückgeblieben war. Wie es nun in der neuen Bekleidung nachgesprungen kam, zog er lustig grinsend das ganze Gesicht auseinander und schaute zurück, und wie er unten das Häuflein Kleider liegen sah, ging sein Gesicht noch ein wenig mehr auseinander, und sein Mund kam fast von einem Ohr bis zum anderen; er sagte aber nichts. Wie nun das Kind sich so frei und leicht fühlte, fing es ein Gespräch mit dem Peter an, und er fing auch an zu reden und musste auf vielerlei Fragen antworten; denn das Kind wollte wissen, wieviele Geissen er habe und wohin er mit ihnen gebe und was er dort tue, wo er hinkomme. So langten endlich die Kinder samt den Geissen oben bei der Hütte an und kamen der Base Dete zu Gesicht. Kaum aber hatte diese die herankletternde Gesellschaft erblickt, als sie laut aufschrie: „Heidi, was machst du? Wie siehst du aus? Wo hast du deinen Rock und den zweiten und das Halstuch? Und ganz neue Schuhe habe ich dir für den Berg gekauft und neue Strümpfe gemacht, und alles fort! Alles fort! Heidi, was machst du, wo hast du alles?“

Das Kind zeigte ruhig den Berg hinunter und sagte: „Dort!“ Die Base folgte seinem Finger. Richtig, dort lag etwas, und obenauf war ein roter Punkt, das musste das Halstuch sein.

„Du Unglückstropf!“ rief die Base in grosser Aufregung; „was kommt dir denn in den Sinn, warum hast du alles ausgezogen? Was soll das sein?“

„Ich brauch es nicht“, sagte das Kind und sah gar nicht reuevoll aus über seine Tat.

„Ach du unglückseliges, vernunftloses Heidi, hast du denn auch noch gar keine Begriffe?“ jammerte und schalt die Base weiter; „wer sollte nun noch einmal da hinunter; es ist ja eine halbe Stunde! Komm, Peter, lauf du mir schnell zurück und hol das Zeug, komm schnell und steh nicht dort und glotze mich an, als wärst du am Boden festgenagelt!“

„Ich komme schon zu spät“, sagte Peter langsam und blieb, ohne sich zu rühren, auf demselben Flecke stehen, von dem aus er, beide Hände in die Tasche gesteckt, dem Schreckensausbruch der Base zugehört hatte.

„Du stehst ja doch mur und reissest deine Augen auf und kommst, denk ich, nicht weit auf die Art“, rief ihm die Base Dete zu; „komm her, du sollst etwas Schönes haben, siehst du?“ Sie hielt ihm ein neues Fünferchen hin, das glänzte ihm in die Augen. Plötzlich sprang er auf und davon auf dem geradesten Weg die Alm hinunter und kam in ungeheuren Sätzen in kurzer Zeit bei dem Häuflein Kleider an, packte sie auf und erschien damit so schnell, dass ihn die Base rühmen musste und ihm sogleich sein Fünfrappenstück (etwa 4 Pfennig) überreichte. Peter steckte es schnell tief in seine Tasche, und sein Gesicht glänzte und lachte in voller Breite; denn ein solcher Schatz wurde ihm nicht oft zuteil.

„Du kannst mir das Zeug noch bis zum Öhi hinauftragen, du gehst ja auch den Weg“, sagte die Base Dete jetzt, indem sie sich anschickte, den steilen Abhang zu erklimmen, der gleich hinter der Hütte des Geissenpeter emporragte. Willig übernahm dieser den Auftrag und folgte der Voranschreitenden auf dem Fusse nach, den linken Arm um sein Bündel geschlungen, in der rechten die Geissenrute schwingend. Das Heidi und die Geissen hüpften und sprangen fröhlich neben ihm her. So gelangte der Zug nach drei Viertelstunden auf die Almhöhe, wo frei auf dem Vorsprung des Berges die Hütte des alten Öhi stand, allen Winden ausgesetzt, aber auch jedem Sonnenblick zugänglich und mit der vollen Aussicht weit ins Tal hinab. Hinter der Hütte standen drei alte Tannen mit dichten, langen, unbeschnittenen Ästen. Weiter hinten ging es nochmals bergan bis hoch hinauf in die alten grauen Felsen, erst noch über schöne, kräuterreiche Höhen, dann in steiniges Gestrüpp und endlich zu den kahlen steilen Felsen hinan.

An die Hütte festgemacht, der Talseite zu, hatte sich der Öhi eine Bank gezimmert. Hier sass er, eine Pfeife im Mund, beide Hände auf seine Knie gelegt und schaute ruhig zu, wie die Kinder, die Geissen und die Base Dete herankletterten; denn die letztere war nach und nach von den anderen überholt worden. Heidi war zuerst oben; es ging geradeaus auf den Alten zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte: „Guten Abend, Grossvater!“

„So, so, wie ist das gemeint?“ fragte der Alte barsch, gab dem Kinde kurz die Hand und schaute es mit einem langen, durchdringenden Blick an unter seinen buschigen Augenbrauen hervor. Heidi gab den langen Blick ausdauernd zurück, ohne nur einmal mit den Augen zu zwinkern; denn der Grossvater mit dem langen Bart und den dichten grauen Augenbrauen, die in der Mitte zusammengewachsen waren und aussahen wie eine Art Gesträuch, war so verwunderlich anzusehen, dass Heidi ihn recht betrachten musste. Unterdessen war auch die Base samt dem Peter herangekommen, der eine Weile stillestand und zusah, was sich da ereigne.

„Ich wünsche Euch guten Tag, Öhi“, sagte die Dete hinzutretend, „und hier bring ich Euch das Kind vom Tobias und der Adelheid. Ihr werdet es wohl nicht mehr kennen; denn seit es jährig war, habt Ihr es nie mehr gesehen.“

„So, was soll das Kind bei mir?“ fragte der Alte kurz. „Und du dort“, rief er dem Peter zu, „du kannst geben mit deinen Geissen, du bist nicht zu früh gekommen; nimm meine mit!“

Der Peter gehorchte sofort und verschwand; denn der Öhi hatte ihn angeschaut, dass er schon genug davon hatte.

„Es muss eben bei Euch bleiben, Öhi“, gab die Dete auf seine Frage zurück. „Ich habe, denk ich, das Meinige an ihm getan die vier Jahre hindurch; es wird jetzt wohl an Euch sein, das Eurige auch einmal zu tun.“

„So“, sagte der Alte und warf einen blitzenden Blick auf die Dete. „Und wenn nun das Kind anfängt, dir nachzuflennen und zu winseln, wie kleine Unvernünftige tun, was muss ich dann mit ihm anfangen?“

„Das ist dann Eure Sache“, warf die Dete zurück; „ich meine fast, es habe mir auch kein Mensch gesagt, wie ich es mit dem Kleinen anzufangen habe, als es mir auf den Händen lag, ein einziges Jährchen alt, und ich schon für mich und die Mutter genug zu tun hatte. Jetzt muss ich meinem Verdienst nach, und Ihr seid der Nächste am Kind. Wenn Ihr’s nicht haben könnt, so macht mit ihm, was Ihr wollt, dann habt Ihr’s zu verantworten, wenn’s verdirbt, und Ihr werdet wohl nicht nötig haben, Euch noch etwas aufzuladen.“

Die Dete hatt kein recht gutes Gewissen bei der Sache; darum war sie so hitzig geworden und hatte mehr gesagt, als sie im Sinn gehabt hatte. Bei ihren letzten Worten war der Öhi aufgestanden. Er schaute sie so an, dass sie einige Schritte zurückwich, dann streckte er den Arm aus und sagte befehlend: „Mach, dass du hinunterkommst, wo du heraufgekommen bist, und zeig dich sobald nicht wieder!“ Das liess sich die Dete nicht zweimal sagen. „So lebt wohl, und du auch, Heidi“, sagte sie schnell und lief den Berg hinunter in einem Trab bis ins Dörfli hinab; denn die innere Aufregung trieb sie vorwärts wie eine wirksame Dampfkraft. Im Dörfli wurde sie diesmal noch viel mehr angerufen; denn es wunderte die Leute, wo das Kind sei. Sie kannten ja alle die Dete genau und wussten, wem das Kind gehörte, und alles, was mit ihm vorgegangen war. Als es nun aus allen Türen und Fenstern klang: „Wo ist das Kind? Dete, wo hast du das Kind gelassen?“ rief sie immer unwilliger zurück: „Droben beim Alm-Öhi! Nun, beim Alm-Öhi, Ihr hört’s ja!“

Nun wurde sie aber unwillig, weil die Frauen von allen Seiten ihr zuriefen: „Wie kannst du so etwas tun!“ und „Das arme Tröpfli!“ und: „So ein kleines Hilfloses da droben lassen!“ und dann wieder und wieder: „Das arme Tröpfli!“ Die Dete lief, so schnell sie konnte, immer weiter, und war froh, als sie nichts mehr hörte; denn es war ihr nicht wohl bei der Sache; ihre Mutter hatte ihr beim Sterben das Kind noch übergeben. Aber sie sagte sich zur Beruhigung, sie könne dann ja eher wieder etwas für das Kind tun, wenn sie nun viel Geld verdiene, und so war sie sehr froh, dass sie bald weit von allen Leuten, die ihr dreinredeten, weg und zu einem schönen Verdienst kommen konnte.

Beim Grossvater

Nachdem die Dete verschwunden war, hatte der Öhi sich wieder auf die Bank hingesetzt und blies nun grosse Wolken aus seiner Pfeife; dabei starrte er auf den Boden und sagte kein Wort. Derweilen schaute das Heidi vergnüglich um sich, entdeckte den Geissenstall, der an die Hütte angebaut war, und guckte hinein. Es war nichts darin. Das Kind setzte seine Untersuchungen fort und kam hinter die Hütte zu den alten Tannen. Da blies der Wind so stark durch die Äste, dass es oben in den Wipfeln sauste und brauste. Heidi blieb stehen und hörte zu. Als es ein wenig stiller wurde, ging das Kind um die andere Ecke der Hütte herum und kam vorn wieder zum Grossvater zurück. Als es diesen noch in derselben Stellung erblickte, wie es ihn verlassen hatte, stellte es sich vor ihn hin, legte die Hände auf den Rücken und betrachtete ihn. Der Grossvater schaute auf. „Was willst jetzt tun?“ fragte er, als das Kind immer noch unbeweglich vor ihm stand.

„Ich will sehen, was du drinnen in der Hütte hast“, sagte Heidi.

„So komm!“ Und der Grossvater stand auf und ging voran in die Hütte hinein.

„Nimm dort dein Bündel Kleider noch mit!“ befahl er im Hereintreten.

„Das brauch ich nicht mehr!“ erklärte Heidi.

Der Alte kehrte sich um und schaute. durchdringend auf das Kind, dessen schwarze Augen in Erwartung der Dinge glühten, die da drinnen sein konnten. „Es kann ihm nicht an Verstand fehlen“, sagte er halblaut. „Warum brauchst du’s nicht mehr?“ setzte er laut hinzu.

„Ich will am liebsten gehen wie die Geissen, die haben ganz leichte Beinchen.“

„So, das kannst du, aber hol das Zeug!“ befahl der Grossvater, „es kommt in den Kasten.“ Heidi gehorchte. Jetzt machte der Alte die Tür auf, und Heidi trat hinter ihm her in einen ziemlich grossen Raum ein, es war der Umfang der ganzen Hütte. Da stand ein Tisch und ein Stuhl darin. In einer Ecke war des Grossvaters Schlaflager, in einer anderen hing der grosse Kessel über dem Herd, und auf der anderen Seite war eine grosse Tür in der Wand; die machte der Grossvater auf, es war der Schrank. Da hingen seine Kleider drin, und auf einem Gestell lagen ein paar Hemden, Strümpfe und Tücher, und auf einem anderen standen einige Teller und Tassen und Gläser und auf dem obersten ein rundes Brot und geräuchertes Fleisch und Käse; denn in dem Kasten war alles enthalten, was der Alm-Öhi besass und zu seinem Lebensunterhalt gebrauchte. Wie er nun den Schrank aufgemacht hatte, kam das Heidi schnell heran und stiess sein Zeug hinein, soweit hinter des Grossvaters Kleider wie möglich, damit es nicht so leicht wiederzufinden sei. Nun sah es sich aufmerksam in dem Raum um und sagte dann: „Wo soll ich schlafen, Grossvater?“

„Wo du willst!“ gab dieser zur Antwort.

Das war dem Heidi eben recht. Nun fuhr es in alle Winkel hinein und schaute nach jedem Plätzchen aus, wo am schönsten zu schlafen wäre. In der Ecke vorüber an des Grossvaters Lagerstätte war eine kleine Leiter aufgerichtet; Heidi kletterte hinauf und langte auf dem Heuboden an. Da lag ein frischer, duftender Heuhaufen oben, und durch eine runde Luke sah man weit ins Tal hinab.

„Hier will ich schlafen“, rief Heidi hinunter, „hier ist’s schön! Komm und sieh einmal, wie schön es hier ist, Grossvater!“

„Weiss schon!“ tönte es von unten herauf.

„Ich mache jetzt das Bett!“ rief das Kind wieder, indem es oben geschäftig hin- und herfuhr; aber du musst heraufkommen und mir ein Leintuch mitbringen; denn auf ein Bett kommt auch ein Leintuch, und darauf liegt man.“

„So, so“, sagte unten der Grossvater, und nach einer Weile ging er an den Schrank und kramte ein wenig darin herum; dann zog er unter seinen Hemden ein langes, grobes Tuch hervor, das musste so etwas wie ein Leintuch sein. Er kam damit die Leiter herauf. Da war auf dem Heuboden ein ganz artiges Bettlein zugerichtet; oben, wo der Kopf liegen musste, war das Heu hoch aufgeschichtet, und das Gesicht kam so zu liegen, dass es gerade auf das offene runde Loch traf.

„Das ist recht gemacht“, sagte der Grossvater, „jetzt wird das Tuch kommen, aber wart noch“ — und damit nahm er einen guten Wisch Heu von dem Haufen und machte das Lager doppelt so dick, damit der harte Boden nicht durchgefühlt werden konnte; „so, jetzt komm her damit!“ Heidi hatte das Leintuch schnell zur Hand genommen, konnte es aber fast nicht tragen, so schwer war’s; aber das war sehr gut; denn durch das setzte Zeug konnten die spissen Heuhalme nicht durchstechen. Jetzt breiteten die beiden miteinander das Tuch über das Heu, und wo es zu breit und zu lang war, stopfte Heidi die Enden eilfertig unter das Lager. Nun sah es recht gut und reinlich aus, und Heidi stellte sich davor und betrachtete es nachdenklich.

„Wir haben noch etwas vergessen, Grossvater“, sagte es dann.

„Was denn?“ fragte er.

„Eine Decke; denn wenn man ins Bett geht, kriecht man zwifchen das Leintuch und die Decke hinein.“

„So, meinst du? Wenn ich aber keine habe?“ sagte der Alte.

„Oh, dann ist’s gleich, Grossvater“, beruhigte Heidi; „dann nimmt man wieder Heu zur Decke“, und eilfertig wollte es gleich wieder an den Heustock gehen; aber der Grossvater wehrte es ihm.

„Wart einen Augenblick“, sagte er, stieg die Leiter hinab und ging an sein Lager hin. Dann kam er wieder und legte einen grossen, schweren leinenen Sack auf den Heuboden.

„Ist das nicht besser als Heu?“ fragte er. Heidi zog aus Leibeskräften an dem Sacke hin und her, um ihn auseinanderzulegen; aber die kleinen Hände konnten das schwere Zeug nicht bewältigen. Der Grossvater half, und wie es nun ausgebreitet auf dem Bette lag, da sah alles sehr gut und haltbar aus, und Heidi stand staunend vor seinem neuen Lager und sagte: „Das ist eine prächtige Decke, und das ganze Lager ist schön! Jetzt wollt ich, es wäre schon Nacht, so könnte ich mich hineinlegen.“

„Ich meine, wir könnten erst einmal etwas essen“, sagte der Grossvater, „oder was meinst du?“ Heidi hatte über dem Eifer des Bettmachens alles andere vergessen; nun ihm aber der Gedanke ans Essen kam, stieg ein grosser Hunger in ihm auf; denn es hatte heute noch gar nichts weiter bekommen als früh am Morgen sein Stück Brot und ein Tässchen dünnen Kaffee, und nachher hatte es die lange Reise gemacht. So sagte Heidi ganz zustimmend: „Ja, ich meine es auch.“

„So geh hinunter, wenn wir denn einig sind“, sagte der Alte und folgte dem Kinde auf dem Fusse nach. Dann ging er zum Kessel hin, schob den grossen weg und drehte den kleinen heran, der an der Kette hing, setzte sich auf den hölzernen Dreifuss mit dem runden Sitz davor hin und blies ein helles Feuer an. Im Kessel fing es an zu sieden, und unten hielt der Alte an einer langen Eisengabel ein grosses Stück Käse über das Feuer und drehte es hin und her, bis es auf allen Seiten goldgelb war. Heidi hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugesehen.

Jetzt musste ihm etwas Neues in den Sinn gekommen sein; auf einmal sprang es weg und an den Schrank und von da immer hin und her. Jetzt kam der Grossvater mit einem Topf und dem Käsebraten an der Gabel zum Tisch heran. Da lag schon das runde Brot darauf und zwei Teller und zwei Messer, alles schön geordnet; denn das Heidi hatte alles im Schrank gut wahrgenommen und wusste, dass man das alles nun gleich zum Essen brauchen werde.“

„So, das ist recht, dass du selbst etwas ausdenkst“, sagte der Grossvater und legte den Braten auf das Brot als Unterlage; „aber es fehlt noch etwas auf dem Tisch.“

Heidi sah, wie einladend es aus dem Topfe hervordampfte, und lief schnell wieder an den Schrank. Da stand aber nur ein einziges. Schüsselchen. Heidi war nicht lange in Verlegenheit. Dort hinten standen zwei Gläser; augenblicklich kam das Kind zurück und stellte Schüsselchen und Glas auf den Tisch.

„Recht so, du weisst dir zu helfen, aber wo willst du sitzen?“ Auf dem einzigen Stuhl sass der Grossvater selbst. Heidi schoss pfeilschnell zum Herd hin, brachte den kleinen Dreifuss zurück und setzte sich darauf.

„Einen Sitz hast du wenigstens, das ist wahr, nur ein wenig weit unten“, sagte der Grossvater; „aber von meinem Stuhl aus wärst du auch zu kurz, auf den Tisch zu langen. Jetzt musst du aber erst einmal etwas haben, so komm!“ Damit stand er auf, füllte das Schüsselchen mit Milch, stellte es auf den Stuhl und rückte den ganz nahe an den Dreifuss hin, so dass das Heidi nun einen Tisch vor sich hatte. Der Grossvater legte ein grosses Stück Brot und ein Stück von dem goldenen Käse darauf und sagte: „Jetzt iss!“ Er selbst setzte sich nun auf die Ecke des Tisches und begann sein Mittagsmahl. Heidi ergriff sein Schüsselchen und trank und trank ohne Unterlass; denn der ganze Durst seiner langen Reise war ihm wieder aufgestiegen. Jetzt tat es einen langen Atemzug — denn im Eifer des Trinkens hatte es lange den Atem nicht holen können — und stellte sein Schüsselchen hin.

„Gefällt dir die Milch?“ fragte der Grossvater.

„Ich habe noch gar nie so gute Milch getrunken“, antwortete Heidi.

„So musst du mehr haben“, und der Grossvater füllte das Schüsselchen noch einmal bis oben hin und stellte es vor das Kind, das vergnüglich in sein Brot biss, nachdem es von dem weichen Käse daraufgestrichen; denn der war, so gebraten, weich wie Butter, und das schmeckte ganz kräftig zusammen, und zwischendurch trank es seine Milch und sah sehr vergnüglich aus. Als nun das Essen zu Ende war, ging der Grossvater in den Geissenstall hinaus und hatte da allerhand in Ordnung zu bringen, und Heidi sah ihm aufmerksam zu, wie er erst mit dem Besen fegte, dann frische Streu legte, dass die Tierchen darauf schlafen konnten, wie er dann nebenan nach dem Schöpfchen, dem kleinen Holzschuppen, ging, und hier runde Stöcke zurechtschnitt und an einem Brett herumhackte und Löcher hineinbohrte und dann die runden Stöcke hineinsteckte und aufstellte. Da war es auf einmal ein Stuhl wie der vom Grossvater, nur viel höher, und Heidi staunte das Werk an, sprachlos vor Verwunderung.

„Was ist das, Heidi?“ fragte der Grossvater.

„Das ist mein Stuhl, weil er so hoch ist; auf einmal war er fertig“, sagte das Kind, noch in tiefem Erstaunen und grosser Bewunderung.

„Es weiss, was es sieht; es hat die Augen am rechten Ort“, bemerkte der Grossvater vor sich hin, als er nun um die Hütte herumging und hier einen Nagel einschlug und dort einen und dann an der Tür etwas zu befestigen hatte und so mit Hammer und Nägeln und Holzstücken von einem Ort zum anderen wanderte und immer etwas ausbesserte oder wegschlug, je nach dem Bedürfnis. Heidi ging Schritt für Schritt hinter ihm her und schaute ihm unverwandt mit der grössten Aufmerksamkeit zu, und alles, was da vorging, war ihm sehr kurzweilig anzusehen.

So kam der Abend heran. Es fing stärker an zu rauschen in den alten Tannen; ein mächtiger Wind fuhr daher und sauste und brauste durch die dichten Wipfel. Das klang dem Heidi so schön in die Ohren und ins Herz hinein, dass es ganz fröhlich darüber wurde und unter den Tannen umherhüpfte und -sprang, als hätte es eine unerhörte Freude erlebt. Der Grossvater stand unter der Schopftür und schaute dem Kinde zu. Jetzt ertönte ein schriller Pfiff. Heidi hielt in seinen Sprüngen an, der Grossvater trat heraus. Von oben herunter kam es gesprungen, Geiss um Geiss, wie eine Jagd, und mitten drin der Peter. Mit einem Freudenruf schoss Heidi mitten in den Rudel hinein und begrüsste die alten Freunde von heute morgen einen um den anderen. Bei der Hütte angekommen, stand alles still, und aus der Herde heraus kamen zwei schöne, schlanke Geissen, eine weisse und eine braune, auf den Grossvater zu und leckten seine Hände; denn er hielt ein wenig Salz darin, wie er jeden Abend zum Empfang seiner zwei Tierlein tat. Der Peter verschwand mit seiner Schar. Heidi streichelte zärtlich die eine und dann die andere von den Geissen und sprang um sie herum, um sie von der anderen Seite auch zu streicheln, und war ganz Glück und Freude über die Tierchen. „Sind sie unser, Grossvater? Sind sie beide unser? Kommen sie in den Stall? Bleiben sie immer bei uns?“ so fragte Heidi hintereinander in seinem Vergnügen, und der Grossvater konnte kaum sein stetiges: „Ja, ja!“ zwischen die eine und die andere Frage hineinbringen. Als die Geissen ihr Salz aufgeleckt hatten, sagte der Alte: „Geh und hol dein Schüsselchen heraus und das Brot!“

Heidi gehorchte und kam gleich wieder. Nun melkte der Grossvater gleich von der Weissen das Schüsselchen voll und schnitt ein Stück Brot ab und sagte: „Nun iss, und dann geh hinauf und schlaf! Die Base Dete hat noch ein Bündelchen abgelegt für dich, da seien Hemdlein und so etwas darin, das liegt unten im Kasten, wenn du’s brauchst; ich muss nun mit den Geissen hinein, so schlaf wohl!“

„Gut Nacht, Grossvater! Gut Nacht — wie heissen sie, Grosspater, wie heissen sie?“ rief das Kind und lief dem verschwinden den Alten und den Geissen nach.

„Die weisse heisst Schwänli und die braune Bärli“, gab der Grossvater zurück.

„Gut Nacht, Schwänli, gut Nacht, Bärli!“ rief nun Heidi noch mit Macht; denn eben verschwanden beide in den Stall hinein. Nun setzte sich Heidi noch auf die Bank und ass sein Brot und trank seine Milch; aber der starke Wind wehte es fast von seinem Sitz herunter. So machte es schnell fertig, ging dann hinein und stieg zu seinem Bett hinauf, in dem es auch gleich nachher so fest und herrlich schlief, als nur einer im schönsten Fürstenbett schlafen kann.

Nicht lange nachher, noch ehe es völlig dunkel war, legte auch der Grossvater sich auf sein Lager; denn am Morgen war er immer schon mit der Sonne wieder draussen, und die kam sehr früh über die Berge hereingestiegen in dieser Sommerszeit. In der Nacht kam der Wind so gewaltig, dass bei seinen Stössen die ganze Hütte erzitterte und es in allen Balken krachte: durch den Schornstein heulte und ächzte es wie Jammerstimmen, und in den alten Tannen draussen tobte es mit solcher Wucht, dass hier und da ein Ast niederkrachte.

Mitten in der Nacht stand der Grossvater auf und sagte halblaut vor sich hin: „Es wird sich wohl fürchten.“ Er stieg die Leiter hinauf und trat an Heidis Lager heran. Der Mond draussen stand einmal helleuchtend am Himmel, dann fuhren wieder die jagenden Wolken darüber hin, und alles wurde dunkel. Jetzt kam der Mondschein eben leuchtend durch die runde Öffnung herein und fiel gerade auf Heidis Lager. Es hatte sich unter seiner schweren Decke feuerrote Backen erschlafen, und ganz ruhig und friedlich lag es auf seinem runden Ärmchen und träumte von etwas Erfreulichem; denn sein Gesichtchen sah ganz wohlgemut aus. Der Grossvater schaute so lange auf das friedlich schlafende Kind, bis der Mond wieder hinter die Wolken trat und es dunkel wurde; dann kehrte er auf sein Lager zurück.

Auf der Weide

Heidi erwachte am frühen Morgen an einem lauten Pfiff, und als es die Augen aufschlug, kam ein goldener Schein durch das runde Loch auf sein Lager hereingeflossen und auf das Heu daneben, dass alles ringsherum golden leuchtete. Heidi schaute er: staunt um sich und wusste durchaus nicht, wo es war. Aber nun hörte es draussen des Grossvaters tiefe Stimme, und jetzt kam ihm alles in den Sinn: woher es gekommen war, und dass es nun auf der Alm beim Grossvater sei, nicht mehr bei der alten Ursel, die fast nichts mehr hörte und meistens fror, so dass sie immer am Küchenfeuer oder am Stubenofen gesessen hatte, wo dann auch Heidi hatte verweilen müssen, oder doch ganz in der Nähe, damit die Alte sehen konnte, wo es war, weil sie es nicht hören konnte. Da war es dem Heidi manchmal zu eng drinnen, und es wäre lieber hinausgelaufen.

So war es sehr froh, als es in der neuen Behausung erwachte und sich erinnerte, wieviel Neues es gestern gesehen hatte, und was es heute wieder alles sehen könnte, vor allem das Schwänli und das Bärli. Heidi sprang eilig aus seinem Bett und hatte in wenig Minuten alles wieder angezogen, was es gestern getragen hatte; denn es war sehr wenig. Nun stieg es die Leiter hinunter und sprang vor die Hütte hinaus. Da stand schon der Geissenpeter mit seiner Schar, und der Grossvater brachte eben Schwänli und Bärli aus dem Stall herbei, dass sie sich der Gesellschaft anschlössen. Heidi lief ihm entgegen, um ihm und den Geissen guten Tag zu sagen.

„Willst du mit auf die Weide?“ fragte der Grossvater. Das war dem Heidi eben recht; es hüpfte hoch auf vor Freuden.

„Aber erst waschen und sauber sein, sonst lacht einen die Sonne aus, wenn sie so schön glänzt da droben und sieht, dass du schwarz bist; sieh, dort ist’s für dich gerichtet.“ Der Grossvater zeigte auf einen grossen Zuber voll Wasser, der vor der Tür in der Sonne stand. Heidi sprang hin und platschte und rieb, bis es ganz glänzend war. Unterdessen ging der Grossvater in die Hütte hinein und rief dem Peter zu: „Komm hierher, Geissengeneral, und bring deinen Habersack mit!“ Verwundert folgte Peter dem Ruf und streckte sein Säcklein hin, in dem er sein mageres Mittagessen bei sich trug.

„Mach auf!“ befahl der Alte und steckte nun ein grosses Stück Brot und ein ebenso grosses Stück Käse hinein. Der Peter machte vor Erstaunen seine runden Augen so weit auf wie nur möglich; denn die beiden Stücke waren jedes wohl nochmal so gross wie jedes der zwei, die er als eigenes Mittagsmahl drinnen hatte.

„So, nun kommt noch das Schüsselchen hinein“, fuhr der Öhi fort; „denn das Kind kann nicht trinken wie du, mur so von der Geiss weg, es kennt das nicht. Du melkst ihm zwei Schüsselchen voll zu Mittag; denn das Kind geht mir dir und bleibt bei dir, bis du wieder herunterkommst; gib acht, dass es nicht über die Felsen hinunterfällt, hörst du?“

Nun kam Heidi hereingelaufen. „Kann mich die Sonne jetzt nicht auslachen, Grossvater?“ fragte es angelegentlich. Es hatte sich mit dem groben Tuch, das der Grossvater neben dem Wasserzuber aufgehängt hatte, Gesicht, Hals und Arme in seiner Furcht vor der Sonne so erstaunlich gerieben, dass es krebsrot vor dem Grossvater stand. Er lachte ein wenig.

„Nein, nun hat sie nichts zu lachen“, bestätigte er. „Aber weisst du was? Am Abend, wenn du heimkommst, da gehst du noch ganz hinein in den Zuber wie ein Fisch; denn wenn man geht wie die Geissen, da bekommt man schwarze Füsse. Jetzt könnt ihr ausziehen.“

Nun ging es lustig die Alm hinan. Der Wind hatte in der Nacht das letzte Wölkchen weggeblasen; dunkelblau schaute der Himmel von allen Seiten hernieder, und mitten darauf stand die leuchtende Sonne und schimmerte auf die grüne Alp, und alle die blauen und gelben Blümchen darauf machten ihre Kelche auf und schauten ihr fröhlich entgegen. Heidi sprang hierhin und dorthin und jauchzte vor Freude; denn da waren ganze Trüppchen feiner roter Himmelsschlüsselchen beieinander, und dort schimmerte es ganz blau von den schönen Enzianen, und überall lachten und nickten die zartblätterigen, goldenen Zistusröschen in der Sonne. Vor Entzücken über all die flimmernden, winkenden Blümchen vergass Heidi sogar die Geissen und auch den Peter. Es sprang ganze Strecken voran und dann auf die Seite; denn dort funkelte es rot und da gelb und lockte Heidi nach allen Richtungen.. Und überall brach Heidi ganze Bündel von den Blumen und packte sie in sein Schürzchen ein; denn es wollte sie alle mit heimnehmen und ins Heu stecken in seiner Schlafkammer, dass es dort werde wie hier draussen. —

So hatte der Peter heut nach allen Seiten zu gucken, und seine kugelrunden Augen, die nicht besonders schnell hin- und hergingen, hatten mehr Arbeit, als er gut bewältigen konnte; denn die Geissen machten es wie das Heidi: sie liefen auch dahin und dorthin, und er musste überallhin pfeifen und rufen und seine Rute schwingen, um wieder alle die Verlaufenen zusammenzutreiben.

„Wo bist du schon wieder, Heidi?“ rief er jetzt mit ziemlich grimmiger Stimme.

„Da“, tönte es von irgendwoher zurück. Sehen konnte Peter niemand; denn Heidi sass am Boden hinter einem Hügelchen, das dicht mit duftenden Prünellen besät war; da war die ganze Luft umher so mit Wohlgeruch erfüllt, dass Heidi noch nie so Liebliches eingeatmet hatte. Es setzte sich in die Blumen hinein und zog den Duft in vollen Zügen ein.

„Komm nach!“ rief der Peter wieder. „Du musst nicht über die Felsen hinunterfallen, der Öhi haťs verboten.“

„Wo sind die Felsen?“ fragte Heidi zurück, bewegte sich aber nicht von der Stelle; denn der süsse Duft strömte mit jedem Windhauch dem Kinde lieblicher entgegen.

„Dort oben, ganz oben; wir haben noch weit, drum komm jetzt! Und oben am höchsten sitzt der alte Raubvogel und krächzt.“

Das half. Augenblicklich sprang Heidi in die Höhe und rannte mit seiner Schürze voller Blumen dem Peter zu.

„Jetzt hast du genug“, sagte dieser, als sie wieder zusammen weiter kletterten; „sonst bleibst du immer stecken, und wenn du alle nimmst, gibt’s morgen keine mehr.“ Der letzte Grund leuchtete Heidi ein, und dann hatte es die Schürze schon so angefüllt, dass da wenig Platz mehr gewesen wäre, und morgen mussten auch noch welche da sein. So zog es nun mit dem Peter weiter, und die Geissen gingen nun auch geregelter; denn sie rochen die guten Kräuter von dem hohen Weideplatz schon von fern und strebten deshalb ohne Aufenthalt dahin. Der Weideplatz, wo Peter gewöhnlich mit seinen Geissen halt machte und sein Quartier für den Tag aufschlug, lag am Fusse der hohen Felsen, die, erst noch von Gebüsch und Tannen bedeckt, zuletzt ganz kahl und schroff zum Himmel hinaufragen. An der einen Seite der Alp ziehen sich Felsenklüfte weit hinunter, und der Grossvater hatte recht, davor zu warnen. Als nun dieser Punkt der Höhe erreicht war, nahm Peter seinen Sack ab und legte ihn sorgfältig in eine kleine Vertiefung des Bodens hinein; denn der Wind kam manchmal in starken Stössen dahergefahren, und den kannte Peter und wollte seine kostbare Habe nicht den Berg hinunterrollen sehen. Dann streckte sich der Peter lang und breit auf den sonnigen Weideboden hin; denn er musste sich nun von der Anstrengung des Steigens erholen.

Heidi hatte unterdessen sein Schürzchen losgemacht, schön fest mit den Blumen darin zusammengerollt und zum Proviantfack in die Vertiefung hineingelegt, und nun setzte es sich neben den ausgestreckten Peter hin und schaute um sich. Das Tal lag weit unten im vollen Morgenglanz. Vor sich sah Heidi ein grosses, weites Schneefeld sich erheben, hoch in den dunkelblauen Himmel hinauf, und links davon stand eine ungeheure Felsenmasse, und zu jeder Seite ragte ein hoher Felsenturm kahl und zackig in die Bläue hinauf und schaute von dort oben ganz ernsthaft auf das Heidi nieder. Das Kind sass mäuschenstill da und schaute ringsum — weit umher war eine grosse, tiefe Stille. Nur ganz sanft und leise ging der Wind über die zarten blauen Glockenblümchen und die golden strahlenden Zistusröschen, die überall auf ihren dünnen Stengelchen herumständen und leise und fröhlich hin und her nickten. Der Peter war eingeschlafen nach seiner Anstrengung, und die Geissen kletterten oben an den Büschen umher. Dem Heidi war es so froh zumute wie in seinem Leben noch nie. Es trank das goldene Sonnenlicht, die frischen Lüfte, den zarten Blumenduft in sich hinein und begehrte gar nichts mehr, als immerzu da zu bleiben. So verging eine gute Zeit, und Heidi hatte sooft und solange zu den hohen Bergstöcken drüben aufgeschaut, dass es nun war, als hätten sie alle auch Gesichter bekommen und schauten ganz bekannt zu ihm hernieder, so wie gute Freunde.

Jetzt hörte Heidi über sich ein lautes, scharfes Geschrei und Krächzen ertönen, und wie es aufschaute, kreiste über ihm ein so grosser Vogel, wie es in seinem ganzen Leben nie einen gesehen hatte, mit weit ausgebreiteten Schwingen in der Luft umher, und in grossen Bogen kehrte er immer wieder zurück und krächzte laut und durchdringend über Heidis Ropf.

„Peter! Peter! Erwache!“ rief Heidi laut. „Sieh, der Raubvogel ist da, sieh, sieh!“

Peter erhob sich auf den Ruf und schaute mit Heidi dem Vogel nach, der sich nun höher und höher hinaufschwang ins Himmelsblau und endlich über den grauen Felsen verschwand.

„Wo ist er jetzt hin?“ fragte Heidi, das mit gespannter Aufmerksamkeit den Vogel verfolgt hatte.

„Heim ins Nest“, war Peters Antwort.

„Ist er dort oben daheim? Oh, wie schön, so hoch oben! Warum schreit er so?“ fragte Heidi weiter.

„Weil er muss!“ erklärte Peter.

„Wir wollen doch dort hinaufklettern und sehen, wo er daheim ist“, schlug Heidi vor.

„Oh, oh, oh!“ brach der Peter aus, jeden Ausruf mit verstärkter Missbilligung hervorstossend; „wenn keine Geiss mehr dorthin kann und der Öhi gesagt hat, du dürfest nicht über die Felsen hinunterfallen!“

Jetzt begann der Peter mit einemmal ein so gewaltiges Pfeifen und Rufen anzustimmen, dass Heidi gar nicht wusste, was das bedeuten sollte; aber die Geissen mussten die Töne verstehen; denn eine nach der anderen kam heruntergesprungen, und nun war die ganze Schar auf der grünen Halde versammelt, die einen fortzupfend an den würzigen Halmen, die anderen hin- und herrennend, und die dritten ein wenig mit ihren Hörnern zum Zeitvertreib gegeneinanderstossend. Heidi war aufgesprungen und rannte mitten unter den Geissen umher; denn das war ihm ein neuer, unbeschreiblich vergnüglicher Anblick, wie die Tierlein durcheinandersprangen und sich lustig machten, und Heidi sprang von einem zum anderen und machte mit jedem ganz persönliche Bekanntschaft; denn jedes war eine ganz besondere Erscheinung für sich und hatte seine eigenen Gewohnheiten. Unterdessen hatte Peter den Sack herbeigeholt und alle vier Stücke, die drin waren, schön auf den Boden in ein Viereck hingelegt, die grossen Stücke auf Heidis Seite und die kleinen auf die seinige hin; denn er wusste genau, wie er sie erhalten hatte. Dann nahm er das Schüsselchen und melkte schöne frische Milch vom Schwänli hinein und stellte das Schüsselchen mitten ins Viereck. Dann rief er Heidi herbei; musste aber länger rufen als nach den Geissen; denn das Kind war so in Eifer und Freude über die mannigfaltigen Sprünge, und Erlustigungen seiner neuen Spielkameraden, dass es nichts sah und nichts hörte ausser diesen.

Aber Peter wusste sich verständlich zu machen. Er rief, dass es bis in die Felsen hinauf dröhnte, und nun erschien Heidi, und die gedeckte Tafel sah so einladend aus, dass es vor Wohlgefallen um sie herumhüpfte.

„Hör auf zu hopsen, es ist Zeit zum Essen“, sagte Peter; „jetzt setz dich und fang an!“

Heidi setzte sich hin. „Ist die Milch mein?“ fragte es, nochmals das schöne Viereck und den Hauptpunkt in der Mitte mit Wohlgefallen betrachtend.

„Ja“, erwiderte Peter, „und die zwei grossen Stücke zum Essen sind auch dein, und wenn du ausgetrunken hast, bekommst du noch ein Schüsselchen vom Schwänli, und dann komm ich.“

„Und von wem bekommst du die Milch?“ wollte Heidi wissen.

„Von meiner Geiss, von der Schecke. Fang erst einmal zu essen an!“ mahnte Peter wieder. Heidi fing bei der Milch an, und sowie es sein leeres Schüsselchen hinstellte, stand Peter auf und holte ein zweites herbei. Dazu brach Heidi ein Stück von seinem Brot ab, und das ganze übrige Stück, das immer noch grösser war, als Peters eigenes Stück gewesen, das nun schon samt Zubehör fast zu Ende war, reichte es diesem hinüber mit dem ganzen grossen Brocken Käse und sagte: „Das kannst du haben, ich habe genug.“

Peter schaute das Heidi mit sprachloser Verwunderung an; denn noch nie in seinem Leben hatte er so sagen und etwas weggeben können. Er zögerte noch ein wenig; denn er konnte nicht recht glauben, dass es dem Heidi Ernst sei; aber dieses hielt erst recht seine Stücke hin, und da Peter nicht zugriff, legte es sie auf das Knie des Buben nieder. Nun sah er, dass es ernst gemeint war; er erfasste sein Geschenk, nickte in Dank und Zustimmung und hielt nun ein so reichliches Mittagsmahl wie noch nie in seinem Leben als Geissbub. Heidi schaute derweilen nach den Geissen aus. „Wie heissen sie alle, Peter?“ fragte es.

Das wusste dieser nun ganz genau und konnte es um so besser in seinem Kopf behalten, als er daneben wenig darin aufzubewahren hatte. Er fing also an und nannte ohne Anstoss eine nach der anderen, immer mit dem Finger die betressende bezeichnend. Heidi hörte mit gespannter Aufmerksamkeit der Unterweisung zu, und es währte gar nicht lange, so konnte es sie alle voneinander unterscheiden und jede bei ihrem Namen nennen; denn es hatte eine jede ihre Besonderheiten, die einem gleich im Sinne bleiben mussten. Man musste nur allem genau zusehen, und das tat Heidi. Da war der grosse Türk mit den starken Hörnern; der wollte mit diesen immer gegen alle anderen stossen, und die meisten liefen davon, wenn er kam. Sie wollten von dem groben Kameraden nichts wissen. Nur der kecke Distelfink, das schlanke, behende Geisschen, wich ihm nicht aus, sondern rannte von sich aus manchmal drei-, viermal hintereinander so rasch und tüchtig gegen ihn an, dass der grosse Türk öfters ganz erstaunt dastand und nicht mehr angriff; denn der Distelfink stand ganz kriegslustig vor ihm und hatte scharfe Hörnchen. Da war das kleine weisse Schneehöppli, das immer so eindringlich und flehentlich meckerte, dass Heidi schon mehrmals zu ihm hingelaufen war und es tröstend beim Kopf genommen hatte. Auch jetzt sprang das Kind wieder hin; denn die junge jammernde Stimme hatte eben wieder flehentlich gerufen. Heidi legte seinen Arm um den Hals des Geissleins und fragte ganz teilnehmend: „Was hast du, Schneehöppli? Warum rufst du so um Hilfe?“ Das Geisslein schmiegte sich nahe und vertrauensvoll an Heidi an und war jetzt ganz still. Peter rief mit einigen Unterbrechungen von seinem Sitz aus; denn er hatte immer noch zu beissen und zu schlucken: „Es tut so, weil die Alte nicht mehr mitkommt: sie haben sie vorgestern nach Mayenfeld verkauft, nun kommt sie nicht mehr auf die Alm.“

„Wer ist die Alte?“ fragte Heidi zurück.

„Pah, seine Mutter“, war die Antwort.

„Wo ist die Grossmutter?“ rief Heidi wieder.

„Hat keine.“

„Und der Grossvater?“

Pulsuz fraqment bitdi.

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