Kitabı oxu: «Das Schweigen redet»

Şrift:

Johannes Czwalina

Das Schweigen redet

Wann vergeht diese Vergangenheit?


Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 9783865065704

© 2013 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelfotos: fotolia

Satz: Brendow PrintMedien, Moers

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

www.brendow-verlag.de

Vorbemerkung

Seit meiner Kindheit zieht sich eine Spur der Trauer durch mein Leben, die ich nicht loswerde. Sie setzte ein, als ich erfuhr, dass in dem schönen Haus meiner Jugendjahre zuvor Juden gewohnt hatten, die ihr Leben im Holocaust verloren haben, und sie war auch gegenwärtig beim Schreiben dieses Buches.

Johannes Czwalina

Das Autorenhonorar geht in vollem Umfang an:

 Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e. V.

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Spendenstichwort: Schweigen-Buch

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Geleitwort von Albrecht Fürst zu Castell-Castell

Einleitung

Erster Teil: Das Schweigen redet: Wann vergeht diese Vergangenheit?

1. Das Schweigen der Opfer

Abgewiesen von der desinteressierten Umgebung

Erlebte Traumatisierung verschließt den Mund

Zwischen Überlebenskraft und Zusammenbrüchen

Das Schuldgefühl, überlebt zu haben

Innere Unruhe und Unbehagen vor stillen Momenten

2. Das Schweigen der Täter

Schuldbewusstsein wird verdrängt

Rechtfertigungen

Selbstmitleid, Opferrolle, Abschieben der Schuld auf andere

Vorgeschobenes Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Familie

Großer Bogen um die einzige Lösung: Schonungslose Offenheit

Fehlgeleitetes Gehorsamsverständnis

Gefangen im abartigen Weltbild vom „perfekten Garten“

3. Das Schweigen der schweigenden Mehrheit

4. Das Schweigen redet: Auswirkungen des Schweigens

5. Das Schweigen der Täterkinder

Generationsübergreifende Übertragung und erdrückende Gefühlserbschaft

Schuldgefühle und das Gefühl, die Schuld der Väter sühnen zu müssen

Diffuse Todesängste und Schlafstörungen

Misstrauen und die Vorstellung, in jedem könnte ein Nazi stecken

Erschwerte Suche nach der eigenen Identität

Schwierigkeiten, nachhaltige Beziehungen zu pflegen

Bewältigungsversuch: Verklärung, Idealisierung, Verharmlosung

Bewältigungsversuch: Hass

Bewältigungsversuch: Die Gegenposition einnehmen

Bewältigungsversuch: Anpassung, nur nicht auffallen

Bewältigungsversuch: Ohne jede Verdrängung sich dem Erbe stellen

6. Das Schweigen der Opferkinder

Psychopathologische Erbschaften durch die Traumatisierung der Eltern

Wie überträgt sich ein Trauma auf die nächste Generation?

Entwicklungshemmnisse und Authentizitätsprobleme

Schuldgefühle und andere Symptome

7. Das Schweigen der Welt

8. Das Schweigen der Kirchen

9. Das Schweigen Gottes

Deutungen der jüdischen Theologie zum Schweigen Gottes

Deutungen der christlichen Theologie zum Schweigen Gottes

Zweiter Teil: Ohne Aufarbeitung wird Vergangenheit zur Gegenwart

10. Die bittere Wurzel

Die bittere Wurzel: Die 68er-Bewegung und die RAF

Neonazis: Die alte Saat geht wieder auf

„Faschismus des Profits“?

Dritter Teil: Das Schweigen brechen: Wann vergeht Vergangenheit?

11. Die Suche nach Perspektiven zwischen Hoffnung und Ablehnung

Südafrikanische Wahrheitskommission: Vergebung für ein ganzes Volk?

Geschichte und Philosophie der südafrikanischen Wahrheitskommission

Erfolge und Schwachstellen der südafrikanischen Wahrheitskommission

Die gesellschaftliche und politische Dimension der Vergebung

12. Was bedeutet Vergebung?

Vergeben unterbricht den Kreislauf der Rache

Vergebbar ist nur das Unvergebbare

Vergebung: keine verfügbare „Methode“

Darf ein Opfer überhaupt verzeihen?

Warum ist das Vergeben für die Opfer so schwierig?

Kann es Vergebung auch ohne die Bitte um Verzeihung geben?

Können andere stellvertretend vergeben?

Ist eine Rehabilitierung des Täters möglich?

Welche Einsichten können die Bereitschaft zu vergeben erhöhen?

Die Täterseite sitzt in uns allen

Die entlastenden Nachwirkungen bei denen, die Vergebung gewähren

Die Wirkungen des Vergebens bei denen, die Vergebung erhalten

13. Aufbruch zur Aufarbeitung – konkrete Schritte

Aufarbeitung in vier verschiedenen Kontexten

Den einzelnen Schmerzanteilen einen Namen geben

Kommunikationsräume öffnen und Vertrauen wagen

Trauer, Schmerz und Gefühle zulassen

Vorurteile entlarven

14. Plädoyer für ein Vergeben ohne Vergessen

Bedeutet Vergebung der Schuld automatisch auch Befreiung der Last?

Vertrauen wagen – unser Geschenk an nachfolgende Generationen

Zur Gedenkstätte für Flüchtlinge in Riehen (Schweiz)

Danksagung

Literaturverzeichnis

Glossar

Holocaust, Shoah

Holocaustüberlebender

Genozid

Trauma

Anhedonie

Zweite Generation

Geleitwort von Albrecht Fürst zu Castell-Castell

In sorgfältiger, gründlicher Weise hat Johannes Czwalina beschrieben, welche Auswirkung das Schweigen – ich will es zwanghaftes Verschweigen nennen – auf das ganze Leben eines Menschen hat. Das jüdische Volk hat in Europa entsetzliches Leid erlebt. Alle lebten in Angst, und es gibt kaum eine Familie, die von 1933 bis 1945 keine Ermordeten zu betrauern hat. Wer überlebt hat, ist oft lebenslang in seinem Wesen verändert und unfähig, über das Erlebte zu sprechen. Die meisten haben weggeschaut. Vermutungen wurden nicht hinterfragt, sondern verdrängt. Man wollte von den Verbrechen nichts wissen, und man hat geschwiegen. Die Frage der Schuld wurde verneint, schuldig waren nur die anderen. Jeder aber, der in der Nazizeit bereits erwachsen war, hat wohl etwas geahnt von Kriegsverbrechen, Judenverfolgung und Massenmord. Das ist unsere Geschichte, ein traurig-schauriger Abschnitt deutscher Geschichte.

Erst die Atmosphäre und die bildhaften Eindrücke bei Besuchen in Birkenau und Auschwitz haben mir die Augen geöffnet und schließlich auch mein Herz erreicht. Mir ist wie nie zuvor in meinem Leben bewusst geworden, dass auch ich ein Schuldiggewordener bin. Ratlos und Hilfe suchend habe ich diese Mitschuld in einem Beichtgespräch bekannt.

Denn Deutschland, in dessen Namen friedliche Länder überfallen und besetzt wurden und tausende unschuldiger Bürger jüdischen Glaubens ermordet wurden, ist mein Vaterland, für das ich als Soldat in den letzten Kriegsjahren im Einsatz war.

Ich vermute, dass viele Menschen in sich ein Geheimnis tragen, etwas, worüber sie nicht sprechen wollen. Das kann weit zurück liegen: eine Lüge, ein Betrug, eine Verleumdung, ein Missbrauch, eine Verletzung, ein Treuebruch oder auch ein Fluch, der irgendwann einmal ausgesprochen wurde. So gibt es mancherlei, was mit einer „Decke des Schweigens“ zugedeckt und im Verborgenen, in der Verschwiegenheit versteckt bleiben soll.

Ich wünsche allen, die „Das Schweigen redet“ lesen, Mut und Kraft, den Damm des Nichtredens einzureißen und die „Decke des Schweigens“ wegzuziehen.

Albrecht Fürst zu Castell-Castell

Castell, 2013

Einleitung

Der Buchhandel wird heute ständig mit neuem Stoff über das Dritte Reich versorgt. Das war bis in die Mitte der 1990er Jahre noch anders, als man in den Regalen bestenfalls einige Wälzer über die Architekten des deutschen Faschismus fand. Die zahlreichen, in den letzten Jahren oft von Laien geschriebenen Familien- und Schicksalsberichte aus der NS-Zeit markieren einen Wendepunkt in der Erinnerung an die nationalsozialistische Vergangenheit. Der Einzelne, der sein Augenmerk auf Ereignisse legt, die die eigene Familiengeschichte geprägt haben, besticht durch den geschärften Blick der persönlichen Betroffenheit. Darin liegt der entscheidende Unterschied zu den Ausführungen von einigen zeitgenössischen Historikern, deren Professionalität sich in der Wahrung des emotionalen Abstands ausdrückt.

Geschichte ist etwas Flüssiges. Man kann ihr keine feste Form aufzwingen. Sie entwickelt sich weiter mit den Ereignissen, die von Generation zu Generation aus neuen Blickwinkeln gesehen werden. Das macht das Ringen um die Deutungshoheit so offen. Bereits Abgehaktes kann plötzlich wieder als offenes Thema im Raum stehen.

In mühsamer Kleinarbeit rekonstruieren Enkel und Urenkel die Biografien ihrer Groß- und Urgroßeltern. Und fast jeden Monat kommen neue Bücher hinzu.

Es scheint, als sei ein Damm des Schweigens gebrochen worden. Das Schweigen beginnt zu reden, immer lauter erhebt es seine Stimme. Und das ist gut so, denn nur dadurch kann ein umfassender Aufarbeitungsprozess in Gang kommen, den diese Welt heute mehr denn je braucht.

Wie kommt es, dass erst jetzt dieser Damm des Schweigens bröckelt? Nun, zum einen sicher, weil die Enkelgeneration viel unbefangener ist, und zum anderen, weil die letzten Zeitzeugen oft erst in weit vorgerücktem Alter bereit sind zu sprechen, wenn sie nämlich realisieren müssen, dass – bedingt durch einen Verfall ihrer Kräfte – die Mauer des Schweigens ihre vermeintliche Schutzfunktion nicht mehr erfüllen kann.

Der KZ-Überlebende Elie Wiesel formuliert es so:

Die Jugend macht den Unterschied aus. Die jungen Leute wollen heute wissen, was damals wirklich geschehen ist, … weil sie sich sagen, dass das die letzte Chance ist, einem Zeitzeugen zuhören zu können. Sie hören mit einer gesunden Neugier, mit ihren Seelen, mit ihren Blicken. Ich spreche sehr gerne mit jungen Leuten und beantworte ihre Fragen. Sie interessieren sich für unsere Erfahrungen, nehmen sie an und zeigen uns ihr Mitgefühl. Das berührt mich. Es ist einfacher, mit den Enkeln zu sprechen als mit den Söhnen.1

Die Generation, die in den letzten Jahren des Dritten Reichs und unmittelbar danach geboren wurde, hat erfahren müssen, wie die Eltern ihren Fragen über die Zeit des Nationalsozialismus auswichen. Im Geschichtsunterricht in den 1960er Jahren haben wir das Thema „Drittes Reich“ durchgearbeitet. Ich bin während meiner Kindheit und Jugend aber keinem einzigen Menschen begegnet, der sich als ehemaliger Nationalsozialist zu erkennen gab. Muss das nicht nachdenklich stimmen angesichts der Tatsache, dass es nur wenige Jahre vorher offiziell keinen gab, der kein Nationalsozialist war?

Durch dieses Schweigen der Eltern hat die Neugierde, die in der ersten Generation noch weitgehend unterdrückt werden konnte, in der zweiten und dritten Generation umso mehr zugenommen. Das Schweigen hat einige der Kinder zur Verzweiflung oder Resignation getrieben, andere in Rebellion und Wut: Keinem aber hat es das Aufklärungsbedürfnis nehmen können. Bei vielen der Kinder und Enkel entwickelte sich diese Wissbegierde zu einem dringenden Bedürfnis, bis sie endlich ihre Wurzeln ausgraben und den Nebelschleier des Schweigens der Vorfahren auflösen konnten. Sie wollten wissen, woher sie kommen und was sie ausmacht. Sie spürten, dass sie an ihr Innerstes herankommen müssen, um sich selbst zu verstehen.

Dieses – aus heutiger Sich selbstverständliche – Recht haben viele Kinder der ersten Generation – die Kinder der Täter und Opfer – nicht wahrnehmen können. Sie wuchsen in einer Wolke des Schweigens auf und bemerkten oft erst im fortgeschrittenen Alter, welche Hypothek ihnen dadurch auferlegt wurde. Je länger sie mit der Aufarbeitung warteten, desto dringlicher meldete sich das Begehren nach Transparenz. Nicht immer heilt die Zeit alle Wunden. Verschwiegenes bleibt in uns wirksam, auch wenn es für lange Zeit verdrängt werden kann.

Claudia Brunner, die Großnichte von Adolf Eichmanns Stellvertreter, der für die Deportation von 130 000 Juden verantwortlich war, bringt den Unterschied der Generationen auf den Punkt:

Je mehr ich zu wissen glaube, umso größer wird das Bedürfnis, noch tiefer einzudringen in dieses dunkle Kapitel, das plötzlich auch meine Familiengeschichte und damit ein Teil meiner eigenen ist … Die Vergangenheit wirft ihre Schatten bis in die Gegenwart, sie wirkt in uns weiter, erst recht, wenn wir versuchen, sie zu verdrängen. … Spätestens beim Thema familiärer Loyalität musste es dann krachen, denn während ich es bisweilen laut herausschreie und meinen Großonkel für seine Taten auch vor anderen laut verurteile – nicht zuletzt, um mich deutlich von seiner Ideologie zu distanzieren –, kommt bei meinem Vater, wie bei vielen der Nachkriegsgeneration, die familiäre Gebundenheit viel stärker ins Spiel, die ihn davor zurückschrecken lässt, deutliche Worte zu finden, sogar mir gegenüber.2

Uwe von Seltmann, dessen Großvater aktiv an der Niederschlagung des Warschauer Ghetto-Aufstandes im Frühjahr 1943 teilnahm, schreibt:

Warum verbringe ich seit drei Jahren meine Zeit mit dem Aufsuchen von Zeitzeugen, mit der Lektüre von Dokumenten und Fachbüchern, warum beschäftige ich mich unaufhörlich mit dem unrühmlichsten Kapitel der deutschen Geschichte, warum rühre ich in diesem unappetitlichen braunen Schlamm und wühle dabei mich selbst und andere auf? Weil ich etwas gutmachen will? Weil ich von den dunklen Seiten in mir selbst ablenken will? Ja, warum gerade ich? ‚Du gehörst zur dritten Generation‘, hat mir meine Tante Ute einmal gesagt, ‚du hast die nötige Distanz.‘ Sie habe mit ihren Nachforschungen aufhören müssen, weil irgendwann der Punkt erreicht war, an dem es ihr – als Tochter – zu naheging. Aber ich als Enkel könne diesen Punkt überschreiten und weiter gehen.3

Die nachgeborenen Generationen suchen nach der Vergangenheit, die sie in sich als Gegenwart spüren. Sie ahnen, dass das vergangene Leben ihrer Eltern mit ihrer gegenwärtigen Befindlichkeit zu tun hat. Sie ahnen, dass sie das Puzzlestück der Vergangenheit dringend zur eigenen Orientierung brauchen, um ihre Herkunft, ihre Gefühlswelt, ihre eigene Identität besser deuten zu können. Um das Schweigen ablegen zu können, müssen sie aus dem Zustand des Unbewussten herauskommen. Sie müssen erfahren, was geschah, und sie müssen erkunden, wer es tat, und sie müssen aufgeklärt werden, warum es getan wurde. Sie verfügen über keine Landkarte dieser gegenwärtigen Vergangenheit. Aber sie wissen, dass die Kenntnis dieser Landkarte für sie enorm wichtig ist. Ohne sie bleibt die Suche nach dem unbekannten Puzzlestück ihrer eigenen Biografie und Persönlichkeitsfindung unvollständig. Sie sehnen sich nach Aufklärung über eine Vergangenheit, die sie nicht erlebt haben, die jedoch einen großen Teil ihrer Gefühle und Identität bestimmt. Das Gefühl, nur halb zu der Gesellschaft zu gehören, die deutlich anders empfindet, belastet sie. So leben sie permanent in zwei Kulturen und wollen um jeden Preis aus diesem Dilemma ausbrechen.4

Geschwiegen haben nicht nur die Täter, sondern genauso die überlebenden Opfer, und nicht zu vergessen die vielen Mitläufer, die keine Gelegenheit auslassen, ihre Hände in Unschuld zu waschen. Geschwiegen haben die Kirchen. Geschwiegen hat damals die Welt – jedenfalls viel zu lange. Hat auch Gott geschwiegen?

Die Geschehnisse der NS-Zeit führten zu Schuld, Mitschuld und Schuldgefühlen, die niemanden unbeteiligt ließen. Da aber in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg Schuld nur in einem spezifisch juristischen Sinn aufgearbeitet wurde, blieb sie in vielen anderen Formen erhalten: Moralische, psychologische und kollektive Formen von Schuld lassen sich nicht vor Gericht verurteilen. Um ein funktionierendes Leben führen zu können, schwieg man sich aus – schuldig waren schließlich Leute wie Eichmann, und für die gab es große Prozesse. Nicht vor den eigenen Kindern, in vielen Fällen nicht einmal vor sich selbst, gestand die große Masse der Mitläufer und Profiteure ihre Mitschuld ein: Alle schwiegen.

Die zahlreichen Publikationen, die sich auf die Suche nach der Familienvergangenheit machen, versuchen, dieses Schweigen zu brechen. Sie lassen sich als Ausdruck einer diffus empfundenen Belastung deuten – ein Erbe der unmittelbar betroffenen Generation.

So tragen viele, oft auch unbewusst, ein transgenerationelles Erbe mit sich. Dieses Erbe hat die bewussten Erlebnisse der Täter- und Opfergeneration in ein unbewusstes Dilemma der nächsten Generationen verwandelt. Das Erbe wird als Last empfunden, aber es fehlt die Orientierung, damit umzugehen. Es ist bisweilen schwerer zu verkraften als das, was die Eltern oder Großeltern auf der bewussten Ebene erlebten.

Der erste Teil dieses Buches dokumentiert, auf welche Weise diese unbewusste kollektive Schuld (denn wie sich zeigen wird, leiden auch die Opfer und ihre Nachkommen an subjektiv empfundenen Schuldgefühlen) sich in Einzelschicksalen als psychische Belastung auswirkt.

Hermann Hesse formulierte den tiefgehenden Satz: „Es kommt alles wieder, was nicht bis zu Ende gelitten und gelöst ist.“ Vergangenheit, die nicht durch Aufarbeitung geklärt wurde, kommt wieder. Schweigen, das sich durch Aufarbeitung nicht aufgelöst hat, hält das Verborgene am Leben. Angenommen, Hesses Behauptung stimmt und wir würden uns eingestehen, dass in der deutschen Vergangenheit Aufarbeitung durch das Schweigen der Täter und Mitläufer unzureichend stattgefunden hat; müssten wir dann nicht genauer analysieren, was wiedergekommen ist und was am Leben bleiben konnte, obwohl es für tot erklärt wurde?

Wir müssen uns der Frage stellen, was anders gelaufen wäre, wenn die Großväter und Väter schonungslos, betroffen und vorbehaltlos das Schweigen gebrochen und sich wahrhaftiger zu ihrer Schuld bekannt hätten.

Konnten sich gar bestimmte gesellschaftliche und politische Strömungen in Deutschlands Nachkriegszeit erst dadurch entwickeln, dass schweigende Mitläufer vor den kritischen Fragen ihrer Kinder in den Konsum und die Karriere geflüchtet sind? So lange, bis die junge Generation ihre Fragen einstellte und ihre aufgestaute Frustration auf die Straße hinaustrug und radikale Gruppierungen bildete, die auch vor Attentaten nicht zurückschreckten? Diese Kinder wollten von ihren Eltern erfahren, warum sie in der Zeit des Nationalsozialismus nicht widersprochen hatten, warum sie nicht nachgefragt oder protestiert hatten, als Juden in ihrer Nachbarschaft abtransportiert wurden. Mit dem Durchbrechen ihres Schweigens hätten sie bei den jungen Menschen Achtung gewonnen. Durch ihr Schweigen oder Verschweigen aber haben sie eine doppelte Hypothek auf sie gelegt.

Könnte also das wütende und verzweifelte Aufbegehren der 68er-Generation mit dem hartnäckigen Schweigen ihrer dem materiellen Wohlstand nachjagenden Eltern zusammenhängen? Wären wir von dem RAF-Terror verschont geblieben, der Deutschland ein Jahrzehnt lang erschütterte?

Die Täter und Mitläufer folgten in der Nachkriegszeit dem Pfad ihrer Furcht. Es war die Angst, dass irgendetwas offenbar werden könnte, das ihrem Image und ihrer Karriere schaden könnte. Dadurch haben sie aber ihren Kindern am meisten geschadet. Der Psychologe Tilmann Moser spricht von einer „Scheinheilung“ dieser Generation, die dazu geführt habe, dass den Nachgeborenen „ganze Container voller Probleme“ aufgeladen wurden.5

Ähnlich lief es nach dem Zusammenbruch der DDR ab. Außer dem ehemaligen Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz, der sich in einigen Gesprächen mit mir bewusst auch nach der Wende als überzeugter Kommunist zu erkennen gab, bin ich praktisch niemandem begegnet, der sich als ehemaliger Funktionär bekannt hatte. Immer waren es die Nachbarn oder die Leute im Wohnblock gegenüber gewesen. Tiefergehende, selbstkritische Aufarbeitungsbereitschaft fehlte auch nach der Wende. So, wie es nach dem Ende des 2. Weltkriegs plötzlich nirgendwo mehr Nazis gab, verschwanden nach dem Zusammenbruch der DDR auch alle Kommunisten.

Der zweite Teil dieses Buchs hält die verstörende Beobachtung fest, dass Verschwiegenes in späteren Generationen wiederkehrt, sowohl innerhalb von Familien als auch der gesamten Gesellschaft. Sogar in der scheinbar harmlosen Arbeitswelt lässt sich so etwas wie eine Arier-Ideologie feststellen. Können etwa auch die von der RAF ausgeführten Mordtaten und das eiserne Schweigen der beteiligten Täter als Nachwirkung des Dritten Reiches gedeutet werden? Was kann uns davor bewahren, dass sich Unaufgearbeitetes über Generationen weitervererbt? Eine Lösungsmöglichkeit zeigt uns die Geschichte Südafrikas.

In Südafrika konnte mit Hilfe eines strukturierten Versöhnungsprozesses, auf den in diesem Buch näher eingegangen wird, ein mörderisches System überwunden werden. Allen Erwartungen zum Trotz wurde eine Annäherung von verfeindeten Gesellschaftsschichten eingeleitet, die trotz Rückfällen als Erfolg zu bewerten ist. Unüberwindbare Barrieren zwischen Opfern und Tätern wurden durch Offenheit, Reue und Vergebung – einer neuartigen und nichtjuristischen Versöhnungspraxis – abgebaut.

Versöhnung als Gegenmittel wider das Vergessen und Verschweigen?

Was wäre in Deutschland nach 1945 oder nach 1989 anders gelaufen, wenn wir über ein Versöhnungsmodell verfügt hätten, wie es in Südafrika angewandt wurde? Welche Chancen haben wir persönlich, gesellschaftlich und politisch noch nicht genutzt?

Sind tiefgreifende Versöhnung und Vergebung möglich? Sind sie überhaupt gewollt? Diesen Fragen möchte ich im dritten Teil dieses Buches nachgehen und dabei konkrete Vorschläge machen, wie mit der generationenübergreifenden Schuld – nicht zu verwechseln mit den Vergehen von Einzelpersonen – umgegangen werden kann. Diese Schuld muss nicht nur juristisch und historisch, sondern auch individuell-psychisch oder im persönlichen Dialog aufgearbeitet werden.

Ich bin der Überzeugung, dass das symptomatische Phänomen des Schweigens ganzer Generationen letztlich einen stummen Schrei nach Versöhnung darstellt. Deswegen sollten wir keine Mühe scheuen, alles zu unternehmen, dass in dieser komplex und undurchschaubar gewordenen Welt voller Hass funktionierende Versöhnungspraktiken gefunden und angewandt werden können. Es liegt auf der Hand, dass der Weg der Versöhnung nicht leichtfertig beschritten werden kann. Gerade zu Beginn dieses Prozesses werden der Schmerz der Opfer und die Schuld der Täter wieder neu spürbar und präsent.

Ich halte mit diesem Buch Ausschau nach einer Kultur, die mehr erreichen will als die Verurteilung der Täter, um nur auf diesem Weg bestenfalls eine kleine Genugtuung der Opfer zu erreichen. Ich suche nach einer Kultur, die Lebensqualität und Versöhnung im Auge hat, die bereit ist, dem Verzeihen eine Chance zu geben, und das alles nicht nur im privaten Bereich, sondern auch auf gesellschaftlicher und politischer Ebene.

Erster Teil: Das Schweigen redet:

1. Das Schweigen der Opfer

Wie können wir Worte sagen, die das Undenkbare fassen könnten?6

Prof. Dr. Albert H. Friedländer

Den Biographien derer, die diesen Krieg weder anzettelten noch führten, ihn aber mit ihrer Gesundheit und dem Leben bezahlen mussten, widmet man sich in letzter Zeit häufiger. Im Osten durften die Schicksale dieser Menschen gar nicht erst erwähnt werden. Und auch im Westen wollte man die düsteren Erzählungen darüber, wer gerade noch davongekommen war, nicht hören: Man war im Schlussstrich- und Aufbaufieber. Für die Nicht-Davongekommenen aber gab es keinen Schlussstrich; durch Albträume und körperliche Schäden wurde aus ihrer Vergangenheit tägliche Gegenwart.7 Was machten sie mit diesem Dilemma? Die meisten wählten aus Selbstschutz eine Lebensform des Schweigens über das, was in Wahrheit ihre wichtigste Angelegenheit war.

Am besten konnten viele überleben, indem sie ihren Schmerz einschlossen und über die Wunden, die sie täglich spürten, mit möglichst niemandem sprachen. Der Überlebende Elie Wiesel begründet diese Haltung so: „Jene, die es nicht erlebt haben, werden sowieso nie wissen, wie es war; jene, die es wissen, werden es nie sagen; nicht wirklich, nicht alles.“8

Wenn wir nun unseren Blick genauer auf das Schweigen der Opfer und anschließend der Täter werfen, ist ein differenziertes Vorgehen geboten. Schweigen und Schweigen sind nicht dasselbe. Der Psychologe Jürgen Müller-Hohagen sagt: „Es gibt nicht das eine Schweigen, die eine Schuld, die eine Angst, die eine Traumatisierung, die eine Gewalt, sondern jeweils sehr verschiedene, unter Umständen sogar gegensätzliche Formen davon, je nach Kontext, der im Hintergrund steht. Klar ist: Das Schweigen der Verfolgten ist ein anders Schweigen als das Schweigen der NS-Tatbeteiligten.“9

Dabei ist aber die Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern nicht immer ganz präzise.

Die Einteilung z. B.: SS-Männer waren brutal und verbrecherisch; KZ-Häftlinge waren edle Menschen; Mitläufer waren harmlos; Wehrwirtschaftsführer waren Komplizen des Terrorsystems; Angehörige der besiegten Völker beteiligten sich an Verbrechen nur unter Druck, mag in vielen Fällen zutreffen, in anderen jedoch auch nicht. Der Alltag bestand oft aus Mischformen, und so dürfen wir ein Grobraster nur als Orientierungshilfe im Dschungel auf der Suche nach Durchblick ansehen.

Auch bei den Opfern waren solche, die Schuld auf sich geladen und anderen Schlimmes angetan haben. Es gehörte ja zur perfiden Strategie der Nazis, die Verfolgten in den Konzentrationslagern und Ghettos dazu zu missbrauchen, an der eigenen Verfolgung bis hin zur Vernichtung mitzuwirken. Es war eine Welt, in der man das eigene Überleben eine Zeitlang sichern konnte, andere Häftlinge zu denunzieren, zu bestehlen, zu verraten und dem Tod auszuliefern.10

Im August 2012 berichtet der Holocaustüberlebende Shlomo Graber hierzu in einem Interview:

Jedes KZ hatte jüdische Stubenälteste (Kapos). Sie waren bereit, den Nazis zu dienen, um selbst eine bessere Position im KZ zu haben. Das haben sie oft auf sadistische Weise erreicht. Jankel Tannenbaum war so einer. Die israelischen Medien hatten viel über diesen Fall berichtet. In den sechziger Jahren bekam ich in Tel Aviv einen Anruf von der Polizei. Eine Spezialeinheit, die Kollaborateure aufspürte, hatte ihn aufgegriffen. Die Polizei zeigte mir ein Album mit vielen Gesichtern, und plötzlich schrie ich auf, da ich Jankel Tannenbaum erkannte. Der Hass vieler Menschen auf ihn, auch meiner, war unermesslich. Auch einige Juden haben ganz schlimme Sachen gemacht, indem sie den Holocaust für ihre Zwecke missbrauchten.11

Es gab aber auch Unteroffiziere und Offiziere der Waffen-SS, welche Medikamente aus der eigenen Tasche bezahlten und den Häftlingen gaben und dabei ihr Leben riskierten. So berichtete es Viktor Frankl, der Begründer der sinnzentrierten Psychologie, der Logotherapie und Existenzanalyse, welcher vier Konzentrationslager überlebte. Seine eindrücklichen Erfahrungen beschrieb er in seinem Buch: „Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager.”12

Dennoch, ob es sich um unterlassene Hilfeleistung handelt oder um Denunziation eines Häftlings aus Todesangst, so ist ein solcher Tatbestand grundsätzlich anders zu betrachten als die Täterschaft der Verfolger, die in ihrer Dimension wiederum mit der Kollaboration eines Opfers kaum vergleichbar ist.

Warum schweigen die Opfer über das, was sie im Krieg erlebt haben? Weil es für das, was sie erlebt haben, keine Worte gibt. Über das Unsagbare kann nicht gesprochen werden. Den Raum des Unsagbaren hat Hans Keilson einmal mit den Worten „wohin die Sprache nicht reicht“ beschrieben.13 Erzählen, was man erlebt hat, gehört zu den normalen Regungen der Persönlichkeit und ist notwendig für unsere Gesundheit. Das Sprichwort „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ sagt etwas davon. Seinen Schmerz mit keinem teilen zu können bedeutet nicht nur, dass der Schmerz nicht geteilt wird. Es führt auch dazu, dass der Schmerz Fehlentwicklungen und Krankheiten zur Folge hat.

Der Überlebende hat die Fähigkeit verloren, sich mit der Welt zu verständigen. Er ist in eine Lage zurückversetzt worden, in der es keine Realität gibt, die er beeinflussen kann, um wieder normale Verhältnisse aufzubauen. Aus vielen Gesprächen mit Überlebenden wissen wir, dass sie es nicht fertigbrachten, von den Erniedrigungen zu erzählen, die sie erlebt hatten. Die Scham verschloss ihnen den Mund. Im November 2011 luden wir Wassili Michailowski als Zeitzeugen der Judenverfolgung in der Ukraine zu einem Vortrag in unserer Gedenkstätte für jüdische Flüchtlinge in Riehen (Schweiz) ein. Er zählt zu den wenigen Überlebenden des Massakers von Babij Jar, einer der größten Einzelmordaktionen der Nazis während des Zweiten Weltkriegs: Am 29. und 30. September 1941 wurden in der Schlucht Babij Jar bei Kiew 33 771 Menschen ermordet. Michailowski überlebte dank des Mutes einer Ärztin. Noch 60 Jahre später stand der 90-Jährige als ergrauter Mann vor seinem Schweizer Publikum und konnte nicht sprechen. Er brachte kein Wort heraus. Vor den betroffenen Besuchern bestand seine Botschaft einzig und allein aus seinem Schweigen.

Menschen, die die Hölle der Konzentrationslager überlebt haben, sagen immer wieder, wie unsagbar schwer es ihnen fällt, über das Erlebte zu sprechen.

Für die Opfer selbst ist das Erzählen eine große seelische Belastung. Wenn sie erzählen, schildern sie nicht nur ihre Vergangenheit, sondern sie wähnen sich wieder im Lager, und alles wird Gegenwart.

Der Holocaustüberlebende Elie Wiesel antwortet auf die Frage, warum ihm das Sprechen so schwerfällt, so:

Ich fühle mich ganz und gar nicht wohl, darüber zu sprechen. Ich muss dann etwas sagen, aber habe immer Lust, etwas anderes zu sagen. Und es ist mir auch schon passiert, dass ich mittendrin aufhören musste, weil ich spürte, dass ich weinen würde. Ich weine nicht gern in der Öffentlichkeit, sogar wenn ich alleine bin, weine ich nicht gerne. Das ist ein Gefühl, dem man nicht entkommen kann.14

Im Jahr 2011 war der Zeitzeuge Michał Ziółkowski in meinem Haus zu Gast. Nur unter Tränen konnte er an diesem Abend sagen:

Als ich am 20. Juli 1940 ins Konzentrationslager Auschwitz kam, wurden wir in eine Liste eingetragen, und jeder bekam seine Nummer. In diesem Moment verabschiedeten wir uns von unserem Namen. Ich bekam die Nummer 1055. … Als alles überstanden war, habe ich am Anfang kaum etwas erzählt. Ich kann mich nur erinnern, als ich meine Frau geheiratet habe, haben wir 1950 eine Rundreise durch Polen gemacht und auch Auschwitz besucht, da habe ich am Tor angefangen zu erzählen, wie ich hierherkam und was ich hier erlebt habe. Aber auf Block 11, als wir zu den Stehzellen kamen – ich hatte unter anderem erzählt, dass ich hier in dieser Stehzelle war –, da brach ich zusammen, und mein Reden verstummte. Seit dieser Zeit sagt meine Frau, sie kommt nie mehr hierher. In der Familie, als die Kinder klein waren, hatte es keinen Sinn, von diesen schrecklichen Ereignissen zu erzählen. Später haben sie das Haus verlassen. (…) Jetzt in meinem hohen Alter, ich bin 83, beschäftige ich mich mehr als früher mit der Vergangenheit. Früher musste ich arbeiten, für meine Familie sorgen, da hatte ich keine Zeit, über dieses Thema nachzudenken, und deswegen sprach ich nicht darüber.

Abgewiesen von der desinteressierten Umgebung

Ein oft genannter Grund für das Schweigen ist der, dass es einfach kein Interesse daran gegeben haben soll, diese schrecklichen Geschichten zu hören, sei es in der Familie oder im Bekanntenkreis. Fast jede Familie hatte Schreckliches erlebt und war nicht an den Erzählungen anderer interessiert.

Nicht wenige formulierten den Grund ihres Schweigens etwa so: „Diejenigen, die es erlebt haben, wissen es schon. Die anderen wollen es nicht wissen.“ Den Betroffenen hätten viele nicht zuhören wollen. In der alten Umgebung sei man oft nicht willkommen gewesen. Überall hätte man sich mehr auf den Wiederaufbau konzentriert. Wenn Opfer ihre Geschichte erzählen, werden sie häufig von jenen, denen sie sich anvertrauen, ein weiteres Mal verletzt. Auch deshalb schweigen sie. Menschen identifizieren sich nicht gerne mit Opfern, sondern lieber mit Siegern. Darum werden Opfer – ob bewusst oder unbewusst – häufig mit Verachtung gestraft.

„Man wollte uns einfach nicht zuhören. Weil wir eine Schande für die Menschheit waren. Man hatte Mitleid mit uns. Ich selber habe zehn Jahre gebraucht, bis ich darüber sprechen konnte, und ich sage im Grunde ja nur wenig darüber, und ich sage es nicht sehr gut. Man wollte uns jedenfalls nicht zuhören“, konstatierte Wiesel.15

Am 13. Juli 2011 führte ich ein Gespräch mit Professor Ivan Lefkovitz. Als fünfjähriges Kind erlebte er mit Mutter und Bruder das ganze Ausmaß der Verfolgung: Kellerversteck, Gefangennahme, Gestapo-Gefängnis, Deportation, Trennung der Familienmitglieder, KZ Ravensbrück, Vergasung seines Bruders, Todesmarsch, anschließend KZ Bergen-Belsen, Typhus, Befreiung am 15. April 1945 durch die Engländer. Am Schluss eines langen Gespräches stellte ich ihm die Frage: „Wie kommt es, dass Holocaustüberlebende es oft so schwer haben, über ihre Erlebnisse zu sprechen, und auch den eigenen Verwandten gegenüber, oft ein Leben lang schweigen? Ihnen wurde Böses getan. Sie hätten doch die Möglichkeit, darüber zu sprechen?“ Darauf antwortete mir Lefkovitz: „Es ist schwierig für mich, dies im Allgemeinen zu beantworten. Ich kann es aus der Sicht unserer Familie erzählen, das heißt, meiner Mutter und mir. Wir kehrten aus Bergen-Belsen zurück und stellten fest: Erstens haben nur wir zwei überlebt. Zweitens war es schwierig, den Leuten zu erklären, um was es eigentlich ging. Wir wurden oft mit der Bemerkung unterbrochen, dass es bei anderen genauso schlimm gewesen wäre. Wir stellten fest, dass Dinge, die nicht vergleichbar sind, durchaus von anderen verglichen wurden. Deshalb zogen wir das Schweigen vor. Aber es waren auch ganz triviale Gründe: Wir kamen zurück und hatten nichts, nicht einmal einen Koffer mit unseren Sachen. Leute sprachen uns auf der Straße an und sagten, dass von den Dingen, die wir bei ihnen deponiert hätten, nichts übrig geblieben sei. Unser Hab und Gut wurde entweder von den Deutschen oder den Russen weggenommen. Wir sahen so viel Unverständnis, dass es am besten war zu sagen: ‚Schwamm drüber.‘ Wir reden nur darüber, was jetzt ist, und nicht von dem Vergangenen.“

Aber es gab auch andere Gründe. Ich habe festgestellt, dass meiner Mutter die Fragen, die ich ihr eventuell stellen würde, wehtun würden, und das wollte ich nicht. Ich verdeutliche es an einem Beispiel: Da gab es eine Frau, sie war Apothekerin, genau wie meine Mutter. Sie kehrte aus Auschwitz zurück, wo ihr Mann und ihre zwei Söhne ermordet worden waren. Sie blieb alleine zurück. Wenn sie zu uns zu Besuch kam, umarmte sie mich und sagte, dass es schön gewesen wäre, wenn ihr Sohn noch leben würde. Dann sagte sie zu meiner Mutter: ‚Du bist doch so glücklich, dass du deinen Sohn noch hast, ich habe niemanden.‘ Ich hörte das alles, und die Reaktion des Elf- oder Zwölfjährigen, der ich damals war, war es, diese Frau zu meiden. Ich wusste, dass ich ihr durch meine Präsenz wehtue, weil sie durch mich an ihr tiefes Unglück erinnert wird.“16 Sogar unter Leidensgenossen war es also sehr schwer, das jeweils Erlebte zu teilen.

Erlebte Traumatisierung verschließt den Mund

Die anhaltende Traumatisierung durch die Bedrohung, die Flucht, die Ermordung der Angehörigen, durch den Verlust der Heimat und schließlich das erwähnte Desinteresse derer, die den Berichten misstrauten bzw. diese nicht hören wollten, haben so schwer gewogen, dass viele Opfer das Schweigen als Lebensweise angenommen haben. Unzählige, die überlebt haben und über ihre Erfahrungen nicht zu sprechen vermögen, tragen ein Leben lang die Folgen ihres Schweigens, was nicht ohne Wirkung auf Kinder und Kindeskinder bleibt.

Es wäre zu einfach, bei diesen jahre- und jahrzehntelang andauernden Verhaltensweisen von „Traumata“ zu sprechen. In der gängigen medizinischen Betrachtung ist ein Trauma die psychische Reaktion eines Einzelnen auf ein akutes, überwältigendes und mit Lebensgefahr verbundenes Geschehen. Bei betroffenen Menschen folgt vielfach nach relativ kurzer Zeit eine deutliche Erholung. Bei Kriegsopfern und speziell bei den Opfern des Holocausts aber verhält es sich oft anders: Ihre Erkrankung erstreckt sich über Jahrzehnte oder über das ganze Leben. Der Begriff „posttraumatische Belastungsstörung“ ist hier durchaus eine adäquate Bezeichnung. Eine posttraumatische Belastungsstörung beginnt in der Regel dort, wo das Trauma aufhört.17

Die in diesem Sinn traumatisierten Menschen leben sozusagen seelisch zerstört in dem „Gefängnis“ ihrer Trauer und ihres Schmerzes. Als Folge der traumatischen Beeinträchtigung ist es für die Betroffenen unmöglich, auf das zeitgeschichtliche Geschehen flexibel zu reagieren und sich im gesellschaftlichen Leben zu verwirklichen.18

Der Psychologe G. William Niederland hat den Begriff „Überlebenden-Syndrom“ geprägt:

[B]ei aller Unterschiedlichkeit der Begrifflichkeiten handelt es sich im Wesentlichen um Schmerz, Pein und große innere Drangsal […] die frühere Lebenslinie wurde durch Verfolgung abgeschnitten – vollständig und oft in grausamster Weise. So entstand ein zumeist unheilbarer Knick in der Lebenslinie […] nach der Rettung kam es zu Depressionen und Angst. Die Angst mündete bei vielen in quälende Empfindungen des ständigen Sich-fürchten-Müssens mit begleitenden körperlichen Zustandsänderungen (Herzklopfen, Atemnot, Händezittern, Schwäche) ein. Die seelischen Störungsbilder zeigten sich in der Form von ängstlichem Erregtsein, innerer Spannung und nervöser Unruhe, Angst- und Albträumen, unausgesprochenen phobischen Erscheinungen wie plötzlichem Zusammenschrecken beim Hören der Türklingel oder beim Anblick von uniformierten Menschen auf der Straße. Misstrauen, Furcht und Argwohn beherrschten die gesamte Gefühls- und Gedankenwelt der so Geschädigten. Das Verbrechen am Seelenleben dieser Menschen hält an.19

Der Psychologe Weitzel-Polzer ergänzt die Liste durch folgende weitere Beobachtungen:

 Gedächtnisstörung für zeitliche oder inhaltliche Erinnerungen

 gestörte Selbstwahrnehmung mit Ohnmachtsgefühl

 Selbstbezichtigung, Beschmutzungsgefühl oder Stigmatisierung

 das Gefühl, sich von anderen grundlegend zu unterscheiden

 ständiges Nachdenken über die Beziehung zum Täter

 unrealistische Einschätzung des Täters, Idealisierung oder paradoxe Dankbarkeit

 Übernahme des Überzeugungssystems des Täters

 Beziehungsprobleme mit Isolation und Rückzug

 gestörte Intimbeziehungen

 wiederholte Suche nach einem Retter

 anhaltendes Misstrauen

 Verlust fester Glaubensinhalte

 Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung

 andauernde Gefühle des Betäubtseins und emotionaler Stumpfheit

 Anhedonie (die Unfähigkeit, Freude und Lust zu empfinden)

 Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten

 Suizidgedanken

 Depressionen

 Alkoholmissbrauch

Hinzu kommen noch in bestimmten Situationen Angst auslösende Assoziationen, die Erinnerungen wachrufen wie Hundegebell, dichtgedrängte Menschenmassen, Feuerwerkskörper, Kindergeschrei oder Sirenen. Opfer des Holocausts haben oft das Gefühl des Ausgeliefertseins, des Verlassenseins und des Nichtgewolltseins.20

Bei einer so umfangreichen Liste von Symptomen ist es sehr verständlich, dass manche Opfer das Erlebte nicht nur verdrängen, sondern sogar versuchen, es von ihrer eigenen Person abzuspalten, so als wäre das Verbrechen nicht an ihnen, sondern an jemand anderem begangen worden.

Zwischen Überlebenskraft und Zusammenbrüchen

Gerade wegen dieses verdrängenden Schweigens waren viele paradoxerweise zu einem vollen, nützlichen und produktiven Leben imstande, immer danach strebend, ihre unaussprechlichen Verluste wiedergutzumachen.

Das unbewusste Schweigen diente dazu, den Überlebenden in ihrem Daseinskampf zu helfen. Die Welt nach 1945 forderte von den Zurückgekommenen Verleugnungen zugunsten der Wiederanpassung: „Und tatsächlich haben sie sich angepasst, haben Familien gegründet, haben Karriere gemacht. Und es fehlte ihnen die Zeit zum Sprechen.“21

Forschungsergebnisse der israelischen Sozialmedizin weisen darauf hin, dass man den überlebenden Opfern im Alltag ihre verborgene verschwiegene Last oft nicht ansah.22

Im Gegenteil: Sie wirkten oberflächlich betrachtet oft zäher und abgehärteter als nicht betroffene Zeitgenossen.

Vierzig Jahre nach der Schoah, nach einem abgehärteten Leben, brechen auffallend viele psychisch zusammen und suchen erst am Ende ihres Lebens – wesentlich öfter als andere Gleichaltrige – psychologische Beratung. Sie wollen sich jetzt aussprechen, meiden aber für ihr Anliegen Kliniken und Psychiater.

Der Holocaustüberlebende und Kinderpsychiater David de Levita (geb. 1926) begründet dieses Phänomen so: „Im Laufe der Jahre, nachdem man überlebt hat, halten sich zwei Komponenten die Waage: die Schuld, dass man überlebt hat, und der Triumph, dass man überlebt hat. Im vorgerückten Alter jedoch ist der Triumph dahin. Man steht der unausweichlichen Tatsache des eigenen Todes (ein zweites Mal) gegenüber. Diese Verschiebung ist der zentrale Konflikt des Überlebenden. Man hat in seiner Psyche verinnerlicht, dass man für immer dem Reigen des Todes entsprungen sei. Und jetzt zeigt sich, dass schließlich niemand dem Tod entkommt. So gibt es zwei Sorten von Überlebenden: Den einen geht es im Laufe ihres Lebens besser, weil sich ihr Schuldgefühl verringert. Die anderen brechen nach einer Periode der Latenz zusammen, weil das Gefühl des Triumphierens über den Tod, das sie in Gang hielt, im Angesicht des Todes zusammenschrumpft. Albträume, Angst- und Panikanfälle plagen plötzlich die älteren Leute der ersten Generation, die körperlich kerngesund sind und ein erfolgreiches Leben hinter sich haben. Die Konfrontation mit der Unausweichlichkeit des Todes ist hier am stärksten, stärker als bei der relativ hohen Zahl der Überlebenden, die von körperlichen Erkrankungen geplagt werden. In ihrem Körper ist der Tod gleichsam bereits tätig und die Konfrontation somit weniger plötzlich.“23

Das Schuldgefühl, überlebt zu haben

Das Vorhandensein von Schuldgefühlen sagt noch nichts über objektive Schuld aus. So haben viele, die in der NS-Zeit nichts Böses getan haben, besonders die Nachkommen von Opfern, Schuldgefühle, etwa in der Art, dass sie sich beschuldigen, nichts oder nicht genügend Gutes bewirkt zu haben, oder dass sie sich selbst Vorwürfe machen, unverdient überlebt zu haben, während ihre engsten Angehörigen ermordet wurden.

Die eigentlich Schuldigen empfinden seltsamerweise häufig keine Schuldgefühle, während sich Menschen, die eigentlich schuldlos sind, mit Schuldgefühlen quälen. Das Vorhandensein bzw. Nichtvorhandensein von Schuldgefühlen ist somit auch keine Messlatte für das Ermitteln tatsächlicher, objektiver Schuld.

Im Jahr 2001 fragte ich Ursula Meißner, die als 20-jährige Schauspielerin unter Gustaf Gründgens in Berlin die jüdische Familie des Konrad Latte über längere Zeit in ihrer Wohnung aufgenommen hatte, nach ihren Beweggründen. Sie antwortete: „Ich habe nur meine Pflicht getan mit meiner bescheidenen Hilfe, aber was mir im Rückblick viel Schmerz und Schuldgefühle bereitet: Warum habe ich nicht viel mehr getan und die mahnende Stimme meines Gewissens nicht viel häufiger und mehr beachtet?“

Die Reaktion auf eine Traumatisierung besteht also in oft unbewussten Scham- und Schuldgefühlen. Den direkt Betroffenen fällt es auch deshalb besonders schwer, sich zu öffnen. Sie ertragen das Leben am besten, wenn sie über das Erlebte schweigen. Dennoch besteht bei ihnen das unausgesprochene Bedürfnis, dass die Traumatisierung von ihrer Umgebung gesehen und anerkannt wird. Sie sind darauf angewiesen, dass sie Menschen treffen, die das Dilemma behutsam aufspüren.

Nicht wenige waren von Überlebensschuldgefühlen geplagt, im Sinne von: „Alle anderen mussten sterben, ich habe es doch nicht verdient zu überleben.“

So empfand auch Erika Landau:

In ihrer Pünktlichkeit haben die Deutschen immer nur bis zwei Uhr geschossen. So wurden wir zweimal wieder ins Lager zurückgebracht. Das Gefühl, zurück auf meine Pritsche im Lager zu gehen, nachdem ich den ganzen Tag zugesehen hatte, wie man Leute ins selbstgeschaufelte Grab hineinschoss, das ist kein Gefühl der Freude, überlebt zu haben. Das war ein Gefühl der Trauer und der Scham und des Schuldgefühls, dass ich zurück ins Lager gehen konnte und die anderen nicht.24

„Die Schuld des Überlebenden“, so stellte Robert Jay Lifton fest, „kennen alle, die Krieg, Naturkatastrophen etc. überlebt haben. … Das Opfer, nicht der Täter, fühlt sich schuldig.“25 Viele Überlebende des Holocausts empfinden nicht selten Schuldgefühle, weil sie sich selbst vor die Wahl gestellt sahen, entweder ihr Leben hinzugeben oder am Leben zu bleiben. Wie mutig und einfallsreich das Opfer auch immer war, es konnte damit die Katastrophe nicht abwenden. Wenn Opfer nach traumatischen Ereignissen ihr eigenes Versagen reflektieren und beurteilen, entstehen praktisch immer Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle. Karl Jaspers nennt dieses Phänomen „metaphysische Schuld“.26 Er beschreibt mit diesem Begriff ein Gefühl der Mitverantwortung für alle Ungerechtigkeit in der Welt nach der Logik: Ich bin mitschuldig, weil ich nicht alles getan habe, was ich hätte tun können, um das Unrecht zu verhindern. Können solche Schuldgefühle überhaupt angegangen und überwunden werden?

Wer aber kann den Opfern in ihrem tiefen Empfinden von Schuld eine Entlastung zusprechen? Jaspers nennt Gott als Instanz. Viele der Opfer haben aber Schwierigkeiten, sich an Gott zu wenden, weil sich damit unmittelbar die Bitterkeit darüber, dass Gott nicht eingegriffen hat, einstellt. Und sie stellen sich bisweilen die Frage: War in diesem Fall nicht Gott auch mitschuldig? Sie haben Zweifel an der Existenz Gottes, sie haben ihren Glauben an ihn verloren. Sie fragen sich, ob Gott nicht nur in Wahrheit ein bloßes Deckwort für „Niemand“ darstellt. Sie fragen sich, ob etwa die Aussage „Gott richtet“ nicht in Wahrheit dieselbe ist wie „Niemand richtet“.

Kein Gott? Kein Gericht? Keine Schuld? Wenn dem so wäre, dann handelte es sich bei ihren „Schuldgefühlen“ im Grunde nur um pathologische Symptome, die die „Normalen“ nicht ernst zu nehmen bräuchten. Das Verdrängen Gottes wäre dann nur ein möglicher Hinweis darauf, dass derart viele Opfer mit Schuldgefühlen es so schwer haben, über das Erlebte zu sprechen und sich anderen zu öffnen.

Überlebensschuld ist einer der fundamentalen Konflikte, die den Überlebenden bedrohen. Ein Gesicht der Schuld ist die Scham, die Neigung des Menschen, sich für das, was ihm widerfahren ist, zu schämen, auch wenn er gar keine Schuld daran hatte. Nirgendwo ist dieses Gefühl der Scham stärker als bei den Juden, dem Volk, das von seinen Feinden dazu ausgewählt wurde, ausgerottet zu werden. Es ist eine Scham, die über Jahrhunderte Juden zum Schweigen gebracht hat.

Innere Unruhe und Unbehagen vor stillen Momenten

Zum Schluss sei noch das Symptom der Ruhelosigkeit angeführt: Das Schweigen der überlebenden Opfer ist oft mit einer immensen inneren Unruhe gepaart, als ob man auf der Flucht sei. So lässt sich bei den Betroffenen ein Hang zu übermäßiger Arbeit und Selbstüberforderung beobachten. Innehalten könnte einen mit plötzlich auftauchenden Bildern der eigenen Vergangenheit konfrontieren, die man nicht ertragen könnte.

Der Schriftsteller W.G. Sebald schreibt in „Austerlitz“:

Ashman erwiderte darauf, er selber habe 1941, bei Requirierung des Hauses, die Türe zu dem Billardzimmer wie auch zu den Kinderstuben im obersten Stock durch das Einziehen einer falschen Wand verborgen, und als man die Paravents, vor die man große Kleiderkästen geschoben hatte, im Herbst 1951 oder 1952 entfernte und er zum ersten Mal seit zehn Jahren das Kinderzimmer wieder betrat, sagte Ashman, hätte nicht viel gefehlt, und er wäre um seinen Verstand gekommen. Beim bloßen Anblick des Eisenbahnzugs mit den Waggons der Great Western Railway und der Arche, aus der paarweise die braven, aus der Flut geretteten Tiere herausschauten, sei es ihm gewesen, als öffne sich vor ihm der Abgrund der Zeit, und wie er mit dem Finger die lange Reihe der Kerben entlanggefahren sei, die er im Alter von acht Jahren am Vorabend seiner Verschickung in die Preparatory School in stummer Wut, erinnerte sich Ashman, in den Rand des Beistelltischchens neben seiner Bettstatt geschnitzt hatte, da sei eben dieselbe Wut wieder in ihm aufgestiegen, und ehe er auch nur wusste, was er tat, habe er draußen auf dem hinteren Hof gestanden und mehrmals mit seiner Flinte auf das Uhrtürmchen der Remise geschossen, an dessen Zifferblatt man die Einschläge heute noch sehen könne. 27

Carolin Emcke kommentiert diese Stelle:

Die Wiederentdeckung des versteckten Zimmers der Kindheit, das plötzlich geöffnet wird, die Rückkehr an den verborgenen Ort des vergangenen Leidens, der Blick auf die Spuren der Ohnmacht, mit der das achtjährige Kind seinen Zorn in den Nachttisch geritzt hatte, entzündet eben dasselbe Gefühl der verzweifelten Wut erneut. Die zurückgelegte Zeit erlischt in diesem Moment, die geschichtliche Erfahrung zerrinnt. Als ob ein Druckausgleich stattfände, saugt der geöffnete Raum der Vergangenheit alle Gegenwart in sich hinein – und die frühere Emotion entlädt sich jetzt, da ihr kein Anlass, kein Grund, mehr gegeben ist.28

Viele der Opfer haben deshalb eine problematische Beziehung zu ihren Kindern, da man im guten Umgang mit Kindern innerlich gewissermaßen oft stillstehen muss, wenn man ihnen voll und ganz gerecht werden möchte. Und genau dieses Innehalten konnten viele wegen ihrer Vergangenheit nicht leisten. Stillstehen hätte den Kindern Anlass geben können, Fragen zu stellen, die sie nicht beantworten wollten.

Die aus der Ukraine stammende jüdische Musikerin Bella Liebermann schreibt von diesen Kindern, dass ihnen später die Erinnerung an eine stabile Kindheit und Jugend fehlte, die aber die Grundlage für eine gesunde Entwicklung der Psyche bildet.29 Sie beobachtete bei den Kindern später im jugendlichen Alter vermehrt Identitätsprobleme. Diese seien immer dort entstanden, wo die Kinder noch im Kleinkindalter ihre Eltern entbehrten, weil diese ihnen zu wenig persönliche Aufmerksamkeit widmen konnten.30

2. Das Schweigen der Täter

Schuldbewusstsein wird verdrängt

Das Schweigen der Opfer war aus einem Nicht-reden-Können entstanden, das der Täter aus einem Nicht-reden-Wollen. Der Münchner Psychologe Louis Lewitan bezeichnete dieses Verhalten der Täter und Mitläufer des Dritten Reichs als eine „Verschwörung des Schweigens“. Man redet nicht davon, man fragt nicht. Das Prinzip des Verdrängens, Verleugnens, des Nicht-wissen-Wollens hat funktioniert. Das Schweigen geschah und geschieht im vollen Bewusstsein. Sie verschweigen, damit es nicht nach außen dringt. Ein Täter gesteht selten im Nachhinein aus schlechtem Gewissen seine Tat. Schuldgefühle verspürt er nur, wenn er bei seinem Tun ertappt wird.

Führen wir uns vor Augen: Opfer wurde man im Nationalsozialismus meist zufällig. Es genügte die falsche Religion, der falsche Geburtsort, ein körperlicher Defekt oder eine abweichende politische Meinung. Täter oder Täterin hingegen konnte man nur aktiv werden, die Entscheidung zur Teilnahme am Verbrechen wurde, auch wenn es eine „Pflicht“ zu erfüllen gab, von jedem selbst getroffen – sie ist daher auch von jedem selbst zu verantworten.31

Ein Mensch führt selten eine schlechte Tat mit fatalen Auswirkungen aus, ohne sich nicht vorher eine moralische Begründung dafür zurechtzulegen. Hat er sich eine Rechtfertigung erst einmal glaubhaft eingeredet, kann er sein eigenes Vergehen erfolgreich ausblenden und sich ohne spürbare Gewissensbelastung wieder dem Alltag zuwenden. So lässt es sich ohne größere Probleme mit der verschwiegenen Last der Tat leben. Verdrängung ist der Vorgang, durch den eine innerseelische Belastung (ein Gedanke, eine Erinnerung etc.) ins Unbewusste abgeschoben und von dort nicht mehr direkt ins Bewusstsein gelassen wird: Der ins Unbewusste verbannte Bewusstseinsinhalt teilt sich nach seiner Abspaltung nur indirekt durch verschiedenste körperliche Symptome, Versprecher oder Angst und Wunschträume mit.

In Anspielung auf einen NS-Verbrecher kommentiert die Psychoanalytikerin Thea Bauriedel: „Gewiss hat er Schuldgefühle gehabt, so wie die allermeisten Nazitäter. Und weil er Schuldgefühle hatte, habe er weitergemacht. Jede Wiederholung, jede Steigerung von Taten habe auch dazu gedient, das zuvor Geschehene zu legitimieren. Warum trete jemand nach, wenn der andere bereits am Boden liegt, obwohl das der menschlichen Natur widerspreche? Weil er auf die eigenen Schuldgefühle draufsteigt. Die Spirale dreht sich dann immer weiter aufwärts, bis man gar nicht mehr aufhören könne.“32

Ich möchte an dieser Stelle wenigstens ein Beispiel anführen, das belegt, dass Schuldbewusstsein durchaus vorhanden war. Es gibt keinen Täter, der nichts von seiner Schuld weiß. Das macht folgendes Beispiel für Mitleid plausibel:

Adolf Eichmann wurde im Herbst 1941 auf Befehl des Gestapochefs Müller nach Minsk geschickt, um dort „praktische Erfahrungen für die Endlösung“ zu sammeln. Darüber fertigte er zeitnah einen Bericht an:

Es war ein kalter und trüber Tag, als ich auf dem Gelände ankam, das das Einsatzkommando ausgewählt hatte. Mich fror, obwohl ich einen Ledermantel anhatte, der mir bis zu den Knöcheln reichte. Auf dem Gelände war ein großer Graben ausgehoben. Es schien mir ein Panzergraben zu sein, und als ich hinzutrat, sah ich, dass der Graben schon gut zur Hälfte mit Leichen angefüllt war, mit nackten Leichen, Männern, Frauen, Greisen und Kindern. Dann führte man einen neuen Trupp Juden heran. Es mögen an die hundertfünfzig gewesen sein. Sie mussten sich in der Kälte nackt ausziehen und in den Graben auf die Leichen steigen. Das alles ging mit einer unheimlichen Ruhe vor sich. Niemand klagte, niemand weinte. Im letzten Augenblick, als das Erschießungskommando die Maschinenpistolen bereits entsicherte, sah ich, wie eine jüdische Frau ihr Kind – es mochte ein oder zwei Jahre alt sein – in die Arme riss und sich umdrehte, als wolle sie das Kind schützen. Das ging mir nahe. Ich wollte hinzuspringen, um das Kind zu retten, aber ich kam zu spät. Schon peitschten die Pistolenkugeln; das Kind wurde in den Kopf getroffen, und das Gehirn spritzte auf meinen Mantel. Ich bin dann mit meinem Fahrer in die Unterkunft gefahren, und wir haben das Blut und die Gehirnspritzer entfernt. Mir war klar, dass dies eine unmenschliche Lösung war, und ich fuhr sofort nach Berlin, um Müller zu melden, was ich erlebt hatte, und ihn zu fragen, ob es nicht möglich sei, eine humanere Methode anzuwenden …33

Wie der spätere Eichmann-Prozess zeigt, gelang es den Tätern, den eigenen Schuldanteil zu verdrängen. Mit dieser Verhaltensweise konnten sie meist erstaunlich gut psychisch überleben. Unentdeckte Täter hatten oft ein normales Leben ohne sichtbare psychische Folgen führen können. Sie meisterten diese Lebenslüge viel besser als ihre Kinder, die gar nicht selbst am Holocaust beteiligt waren. Es ist bekannt, dass Täter und übrigens auch Mitläufer fast nie den Weg in eine psychologische Beratungspraxis oder in die Seelsorge fanden, um sich dort als Täter zu erkennen zu geben.

Der gleichnamige Sohn von Hitlers Stellvertreter Martin Bormann (der in den Nürnberger Prozessen in Abwesenheit zum Tod verurteilt wurde) fand durch seinen persönlichen Verarbeitungsprozess den Weg ins Priesteramt. Von dem israelischen Psychologen Dan Bar-On wurde er gefragt: „Hat Ihnen einmal jemand Gräueltaten gebeichtet, an denen er während des Vernichtungsprozesses beteiligt war?“ Darauf antwortete Bormann:

Nein, daran kann ich mich nicht erinnern … doch, Moment, es gab eine Situation, aber ich bin nicht sicher, ob es das ist, was Sie suchen. Er kam zu mir, kurz bevor er starb. In seiner Beichte sagte er mir, dass in all den Jahren ihm die braunen Augen eines sechsjährigen Mädchens keine Ruhe gelassen hätten. Er war als Wehrmachtssoldat in Warschau während des Aufstandes im Ghetto. Sie hatten die Bunker zu räumen, und eines Morgens kam ein sechsjähriges Mädchen aus einem dieser Bunker zu ihm gelaufen und hielt ihm die ausgestreckten Arme entgegen. Er konnte sich noch an den Blick ihrer Augen erinnern, erschreckt und vertrauensvoll zugleich. Dann befahl ihm sein Vorgesetzter, sie mit dem Bajonett niederzustechen, was er auch tat. Er hat sie getötet. Aber der Blick in ihren Augen hat ihn sein Leben lang verfolgt. Und er kam zu mir, um es zu beichten. Er hat es zuvor nie jemandem erzählt.34

Bar-On:

Sagen Sie, vielleicht können Sie mir helfen zu verstehen: Wieso waren es nur diese Augen? Warum erinnerte er sich nicht an die Augen von all den anderen, die er vielleicht auch getötet hat? Warum war er der Einzige, der gebeichtet hat? Was machten all die anderen mit den Augen der Kinder und Frauen, die sie hilflos anschauten, bevor sie getötet wurden? Können Sie mir sagen, wie er diese Erinnerung die ganze Zeit für sich behalten konnte?35

Bar-On forschte bei seinen Deutschlandreisen in den 80er und 90er Jahren bei Priestern, Ärzten und Psychiatern nach Beichtsituationen von Nazitätern. Von 80 befragten Medizinern konnte keiner von einer solchen Beichte berichten.

Das berühmte Heidelberger Psychologenehepaar Alexander und Margarete Mitscherlich stellte in den 60er Jahren über den psychischen Gesundheitszustand der Deutschen fest: „Aus den Aufzeichnungen von über 4000 Patienten geht hervor, dass wir nur extrem wenige Anhaltspunkte für den Zusammenhang ihrer gegenwärtigen Symptome mit Erlebnissen der Nazi-Zeit fanden. Deklarierte Nazis erschienen so gut wie nie.“36

Der Freiburger Psychoanalytiker Tilmann Moser resümiert Ende der 90er: „Es scheint so, dass wir uns damit abfinden müssen, dass die Täter und Mitläufer keinen Zugang zu Scham und Schuld gefunden haben.“37

Der Münchener Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer kommt zu der Erkenntnis, dass es für den KZ-Mörder, der viele Menschen grausam getötet hat, oder für den KZ-Unternehmer, der vom Tod vieler Tausender profitiert hat, viel leichter ist, Schuld zu verleugnen und ein normales Familienleben zu führen, als es für die Opfer war, die meist unter schwersten Schuldgefühlen leiden, weil sie überlebt haben. Die Täter hatten nur mit ihrer Angst, ertappt zu werden, umzugehen.38

Der Autor Norbert Lebert schreibt:

Kein Zugang zu Scham und Schuld: Vielleicht ist das eine Formel, mit der die 50er Jahre in Deutschland ganz gut zu beschreiben sind. Man arbeitete am Wiederaufbau, man vergnügte sich, man genoss nach langen dunklen Jahren das Leben. Viele Menschen erzählen, wie überrascht sie gewesen sind, dass es so schnell wieder aufwärtsgegangen ist, das hätten wir nie gedacht. Mein Vater hat sein Leben in den 50er Jahren als eine Art Rausch beschrieben: Die Lust zu leben war so groß, alles wollte man aufsaugen, bloß sich nicht mit irgendwelchen schweren Dingen belasten.39

Der Preis dieser Euphorie war hoch. Aus vielen Gesprächen meiner seelsorgerlichen Tätigkeit weiß ich, dass die Kinder dieser Generation oft sehr darunter gelitten haben, dass sie zu ihren Eltern, speziell zu ihren Vätern, mit Fragen über Sinn und Werte im Leben nicht vordringen konnten. Zu ihren Fragen zählte eben auch die Frage nach der Lebenseinstellung ihrer Eltern in der NS-Zeit. Diese entschieden sich oft auf ganzer Linie für ein Verschweigen und Blockieren entlarvender Fragen. Die Wut über diese überhebliche Sprachlosigkeit – auch das weiß ich aus vielen Gesprächen – drängte viele der 68er-Bewegung auf die Straße und nicht selten auch zur Gewaltbereitschaft. Nicht die erlittenen oder ausgeübten Verbrechen der Eltern, sondern deren Verweigerung auf jedes Recht zu verstehen und zu verarbeiten und damit eine Chance zur Bewältigung zu bekommen, führte die Kinder in persönliche Konflikte, Wut, Depressionen, Lebensuntüchtigkeiten und Fehlentwicklungen mancher Art.

Rechtfertigungen

Der Tötungsapparat der Lager war in so viele „Scheiben“ geschnitten, dass jeder Schnittfeldverantwortliche schlussendlich ein Argument dafür fand, selbst nicht verantwortlich gewesen zu sein, weil er nur zugeschnittene Aufgaben korrekt und gewissenhaft ausgeführt hatte. Der Mann auf der Rampe bei der Selektion hatte ja nur die körperliche Kondition des Einzelnen zu prüfen, der Mann im Versuchslabor war ja nur für den Teil der Diagnostik verantwortlich, der Mann in der Lageraufsicht war ja nur für Ordnung und Disziplin zuständig, ebenso die Frauen in der Desinfektionsbaracke nur für die Hygiene, bis hin zu den Wachpersonen am Ofen, die ja nur die Tür aufmachen bzw. schließen mussten. Es handelte sich um ein System, das im Nachhinein vielen die Ausrede ermöglichte, nur ein kleines Rädchen im Getriebe gewesen zu sein, ohne eigene Verantwortung für das Töten gehabt zu haben. Jeder konnte es auf den anderen abschieben. Jeder konnte sich sogar als Opfer bezeichnen. Das war die Alltagserfahrung einer bürokratisierten und arbeitsteiligen Gesellschaft. Und dieses Bild entsprach der Rechtfertigung zahlreicher Täter und Mitläufer.

Martin Bormann, Sohn des Hitlersekretärs:

Ich habe im Nachhinein erfahren, dass Himmler einmal Zeuge bei solchen Massenerschießungen im Baltikum war und das selber nicht ausgehalten hat, dass also doch irgendwo das Menschliche durchbrach und dass er dann als eine Reaktion darauf, diese Brutalitäten nicht ertragen zu können, dass Frauen und Kinder in die Grube geschossen wurden, die Erschießungen eingestellt hat. Er hat ja wohl auch zuerst vom Kommandeur vorgetragen bekommen, dass die Soldaten das nicht aushalten. Das ist nicht Kampf, das ist Mord, Mord an Frauen und Kindern. Und das hält ein normaler Mensch nicht aus, vor allem nicht in dieser Häufung. Es gibt eine These oder Vermutung, dass diese Vergasungen, diese Techniken im Grunde genommen dazu dienten, die Tötung von den Mördern zu entfernen (abzuspalten), für die Mörder erträglicher zu machen. Dazu eine Analogie zum Krieg heute: Je weiter tragend diese fürchterlichen Waffen sind, umso weniger erfährt der, der die Waffe auslöst, was er damit an Elend, Tod und Leiden verursacht. Wer in 10 000 Meter Höhe seine Bomben fallen lässt, sieht nicht, was da unten passiert.40

So besehen diente die ausgeklügelte Tötungsmaschinerie nicht nur ihrem Hauptzweck, der Vernichtung von unschuldigen Menschen, sondern verhinderte auch das Entstehen von Schuldgefühlen bei den Einzelpersonen, die allesamt ihren Teil beitrugen.

Selbstmitleid, Opferrolle, Abschieben der Schuld auf andere

Die NS-Verbrecher und Mitläufer wollten von ihren Kindern lieber als Opfer und nicht als Täter gesehen werden. Darum verschwiegen sie nicht nur ihre Täterrolle, sondern sprachen auch gerne über ihre Leiden.

Wie Jürgen Müller-Hohagen beschreibt, haben sie nach 1945 geradezu eine Kehrtwende gemacht von Mitmachern, Kollaborateuren, Tätern hin zu „Opfern“:

Sie haben sich das zunächst selbst eingeredet, danach ihren Angehörigen, ihren Kindern, ihrer Umgebung. Das war Verschweigen durch Legendenbildung. Die Umdeutung von Tätern und Tatbeteiligten zu vermeintlichen Opfern ist als einer der zentralen Vorgänge anzusehen, durch den reale Schuld geleugnet wurde und die nachfolgenden Generationen bis tief in die geistig-seelische Substanz hinein verwirrt wurden. Am Ende dieses Lügenprozesses steht das Bild auf Seiten der Nachgeborenen: ‚Opa war kein Nazi.‘ Dadurch wurden sie erst recht zu Tätern, und das ausgerechnet noch ihren Kindern gegenüber, indem sie deren Wahrnehmung und Wahrheitsbezug nachhaltig störten oder gar zerstörten. Letztlich kamen sie dadurch noch mehr in die Eindeutigkeit der Zuordnung zur Täterkategorie, der sie eigentlich entfliehen wollten – und der sie zuvor vielleicht paradoxerweise nicht einmal so ausschließlich angehörten.41

Immer wieder hört man von Seiten der Täter und Mitläufer zahlreiche Beschönigungen und Verharmlosungen, aber nur selten echte Betroffenheit, echte Eingeständnisse, klare Stellungnahmen gegenüber ihrer wie auch immer gearteten Beteiligung.

„Gegen ein schlechtes Gewissen hilft bekanntlich am besten ein schlechtes Gedächtnis, und das Gewissen ist sowieso nur eine leise Stimme im Innern – dort, wo die Akustik schlecht ist.“42

Dieses Wegschieben der ersten Schuld beschreibt der bekannte Publizist Ralph Giordano als zweite Schuld. Diese zweite Schuld sei eine Schuld gegenüber den Opfern der Nazi-Herrschaft, aber auch eine Schuld gegenüber den eigenen Kindern und Kindeskindern. Giordano bezieht sich in seinen Überlegungen auch auf das erschütternde Buch von Peter Sichrovski, in dem Nachkommen von Nazis ihre Kindheit schildern.43

Martin Bormann junior:

Ich bin mir heute ziemlich sicher, dass mein Vater alles oder fast alles wusste. Das kann ich mir nur so erklären, … dass Hitler für ihn so etwas wie eine Vaterfigur abgegeben hat. Ich aber glaube, dass der Mensch niemals so unfrei ist, dass er etwas Schuldhaftes tun müsste, sondern Verantwortung setzt den Begriff der Freiheit voraus. Mein Vater hat nie auch nur ein Wort von den Vernichtungen gesprochen. Die Mutter hat mit uns auch nie ein Wort darüber gesprochen. Das waren Bereiche, die wahrscheinlich tabuisiert worden sind, vielleicht aus dem Bemühen heraus, die Kinder nicht mit Dingen zu belasten, die in der Tat belastend wären.44

Die Tochter eines SS-Mannes erzählt von ihrem Vater:

Er hat in der Ukraine Erschießungskommandos geleitet. Auch nach seiner Entlassung zeigte er nur Selbstmitleid. Nie hat er etwas über seine Opfer gesagt. Er fand es nur völlig ungerecht, dass er verantwortlich gemacht wurde für die Menschen, die er getötet hatte. Er hat nicht einmal das Schicksal seiner Opfer anerkannt. Es gab überhaupt keine Anzeichen dafür, dass er sich irgendwo wegen seiner Taten schuldig fühlte oder darunter litt. Es gab überhaupt kein Anzeichen dafür. Das wäre das Einzige, was ich heute fragen würde, wenn er noch am Leben wäre.45

Eine der unverschämtesten Selbstrechtfertigungen, die uns überliefert sind, sei an dieser Stelle angefügt. Dieser Satz ist von einer der letzten Mitarbeiterbesprechungen von Josef Goebbels überliefert: „Nun“, sagte er leise, „das deutsche Volk hat sich dieses Schicksal selbst gewählt. Niemand hat es gezwungen. Es hat uns ja selbst beauftragt. Warum haben Sie mit mir gearbeitet? Jetzt wird Ihnen das Hälschen durchgeschnitten.“ Dann hinkte Goebbels im korrekten dunklen Anzug mit blütenweißem Hemdkragen nach draußen, drehte sich in der Tür noch einmal um und sagte: „Aber wenn wir abtreten, dann soll der Erdkreis erzittern.“46

Vorgeschobenes Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Familie

Ein oft verwendetes Argument für die eigene Partizipation am Genozid war die Sorge um die eigene Familie. Doch das Auslöschen fremder Familien, die als Rechtfertigung für das Morden herhalten müssen, legt eine enorme Erblast auf die Kinder der Täter.

Renates Vater war während des Krieges Einsatzgruppenleiter eines Erschießungskommandos:

Mein Vater sagte, er hätte es für uns getan. Wenn er den Befehlen nicht nachgekommen wäre, hätten sie ihn erschossen, und dann wäre seine Familie hilflos zurückgeblieben. Das fand ich eigentlich das Schlimmste, wenn er sagte: Ich habe es für euch getan. Letztlich sagte er damit: Er habe all diese Leute getötet aus Liebe zu seiner Familie und zu seinen Kindern. Ich sagte ihm: ‚Wenn du nur gesagt hättest, du würdest es nicht tun.‘ Darauf sagte er: ‚Du hättest so gern einen Vater, der das getan hätte und dafür erschossen worden wäre.‘ Ja, vielleicht hätte ich lieber einen solchen Vater.47

Hier sind nur einige Beispiele für die Rechtfertigungen, deren sich die Täter bedienten:

 „Ich habe es zum Wohl für die Partei gemacht.“

 „Ich habe mein Versprechen gegeben.“

 „Keiner kann den Druck ermessen, unter dem wir damals standen.“

 „Wir müssen das Versagen unseres Landes von damals im europäischen Kontext sehen.“

 „Es haben damals ja alle mitgemacht.“

 „Wir hätten die Existenz unserer Familie gefährdet.“

Großer Bogen um die einzige Lösung: Schonungslose Offenheit

Es neigt immer die erste Generation nach dem Ende eines Schreckenssystems dazu, die Geister der Vergangenheit in ihren Gräbern zu lassen. Nur nicht an den vergangenen Verbrechen und Wunden rühren.

Nur ein verschwindend kleiner Bruchteil der Täter hat es geschafft, sich schonungslos und ohne Rechtfertigung der eigenen Schuld zu stellen. Nur mit einer solchen Haltung hätten sie Respekt bei ihren Kindern ernten und ihnen damit eine Brücke zur eigenen Lebensfindung bauen können.

Warum scheint es so unüberwindbar schwierig, sich der eigenen Schuld zu stellen? Im Fall des Holocausts liegt die besondere Schwierigkeit nicht im Verzeihen allein, sondern darin, dass die Schuld so „unverzeihlich“ schlimm ist. Eine „unverzeihliche“ Schuld aber kann und darf der Täter sich und anderen nicht eingestehen. Somit ist er weitgehend unfähig, um Verzeihung zu bitten.

Die Tochter des Leiters eines SS-Erschießungskommandos in der Ukraine wartete vergeblich auf einen Ausdruck von Schuldgefühl oder Reue für die Taten ihres Vaters. Ein einziges Wort hätte sie von der Last ihres inneren Gefängnisses befreit:

Ich glaube, es wäre für mich leichter gewesen, wenn mein Vater mir gesagt hätte, was er gemacht hat, wie er darunter gelitten hat und was er daraus gelernt hat. Und das ist eigentlich der wichtigste Punkt: Mein Gefühl, dass er überhaupt nichts gelernt hat, nichts aus seinem persönlichen Schicksal, nichts aus der politischen Entwicklung, nichts aus der Geschichte – überhaupt nichts hat er gelernt. Die Geschichte meines Vaters belastet mich deswegen bis heute noch viel mehr, als ich es bisher geahnt hatte. Ich führe oft innere Dialoge mit meinem Vater, Dialoge, die es ja nie gegeben hat, als er noch gelebt hat. Ich denke, dass er seine Rolle als Familienvater nur aufrechterhalten konnte, indem er seinen Kindern gegenüber sagte, er sei unschuldig und das Urteil sei ein Fehlurteil. Wenn ich nun also mit ihm rede, denke ich manchmal, er würde vielleicht sagen, dass die Schuld, die er empfindet, zu groß ist, um sie uns gegenüber zu gestehen, im Gegensatz zu früher, als ich gedacht habe, dass er gar keine Schuld empfindet. Also in den ‚Gesprächen‘ mit ihm habe ich die Vorstellung: Wenn er die Schuld übernimmt, kann sie auch von mir weggenommen werden. Und ich bin ganz sicher, dass ich ihn damals unterstützt hätte, wenn er mir gegenüber seine Schuld eingestanden und auch sein Mitleid für die Opfer gezeigt hätte. In meinen Phantasiegesprächen bekennt er sich zu der Schuld, vielleicht auch, weil ich hoffe, er würde dann sehen, was er durch sein Verhalten angerichtet hat, dass er mich, meine Geschwister und meine Mutter unglaublich belastet hat.48

Indem der Vater seine Schuld nicht eingestand, wurde sie zur Schuld seiner Tochter.

Fehlgeleitetes Gehorsamsverständnis

Nicht wenige der Täter haben in ihrer Kindheit selbst erlebt, dass Erwachsene willkürlich oder unberechenbar mit ihnen umgegangen sind: Das Ausgeliefertsein ist ihnen insofern nicht fremd. Als Kind mussten sie Gehorsam leisten und bekamen niemals Gelegenheit, diesen zu hinterfragen. Somit konnten sie kein gesundes Verhältnis zum Thema Gehorsam entwickeln.

Kinder lernen im frühen Lebensalter Gehorsam, damit sie zunächst einmal ungefährdet heranwachsen und später zunehmend Selbstbestimmung erlernen können. Ab einem bestimmten Alter aber beginnt eine Fehlentwicklung, wenn man einem Kind nicht die Freiheit zum straflosen Hinterfragen gibt. Wer früh lernt, den Gehorsam über die eigene Person und die eigenen Gefühle zu stellen, kann keine eigene autonome Persönlichkeit entwickeln und schiebt später die Verantwortung für das Böse der übergeordneten Person zu. Menschen, die so erzogen wurden, können perfekt mit dieser delegierten Verantwortung leben. Die Bandbreite der somit erreichten „Schizophrenie“ reicht von der willenlosen Abspaltung der Gefühle bis hin zur pervertierten Gewaltbereitschaft. Vor dem Hintergrund eines gebrochenen Verhältnisses zum Thema „Gehorsam“ und der Abspaltung von Gefühlen vereinigen diese Menschen in sich Gesinnungen, die mit dem gesunden Menschenverstand niemals vereinbar sind.

Hält man sich diese Überlegungen vor Augen, dann waren die Verantwortungsträger im Dritten Reich oft durch ihre so geartete, gespaltene Gefühlswelt für ihr heute so schwer nachvollziehbares Verhalten vorbelastet. Aus nicht hinterfragtem Gehorsam als oberstem Wert praktizierten sie im öffentlichen Leben eine andere Moral als zu Hause, ohne sich dieser Schizophrenie bewusst zu sein. Öffentlich überließ man die Bewertung der Moral der Obrigkeit, der man zu Gehorsam verpflichtet war. Nur im Privaten wurden die Werte ausgelebt, die dem normalen Moralkodex entsprachen. Die Widersprüchlichkeit verdrängte man. Der Gehorsam zum Führer als oberste nicht überbietbare und nicht hinterfragbare Gewissensinstanz bewirkte diese Spaltung, dass Menschen, die im privaten Bereich durchaus moralisch lebten, in ihrer politischen Karriere buchstäblich über Leichen gehen konnten.49

Ein Einfallstor für fehlgeleiteten Gehorsam ist die Minderwertigkeit. Ein Mensch, der sich seines Wertes und seiner Identität nicht sicher ist, ist gefährdet. Minderwertigkeit ist auch immer ein Türöffner für Anmaßung und Selbstüberschätzung. Zur Erhaltung dessen, worauf sie endlich stolz sein zu können vermeinen, sind diese Menschen geneigt, Dinge zu tun, die sie unter normalen Umständen nicht tun würden: Den Gehorsam hinterfragen sie nicht, wenn er ihnen Vorteile bringt. Aus der Minderwertigkeit heraus werden dann Rangordnungen erstellt, die definieren, was der Einzelne wert ist. Der Schritt von der Klassifizierung von Menschen bis zu ihrer Entwürdigung, zur Definition von Herren- und Sklavenrassen, ist klein. Die eigene Minderwertigkeit kann also in eine solche Anmaßung führen, dass in Kategorien von Herren- und Sklavenrassen, von lebenswertem und lebensunwertem Leben, gedacht wird. Es wird bestimmt, welches Leben gefördert und welches eliminiert werden muss, weil es krank, schwach oder fremd sei.

Die Autobiografie des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß verdeutlicht, dass es pflichtbewusste, autoritätsgläubige und zum gehorsamen Dienen erzogene Menschen waren, die sich einreden ließen, die Beseitigung von Millionen von Menschen würde einen Dienst an Volk und Vaterland bilden. Höß, ein durchschnittlicher Mensch, nicht bösartig, sondern ordnungsliebend, pflichtbewusst und ausgesprochen moralisch, gibt uns ein Beispiel dafür, dass auch private Integrität nicht vor Inhumanität bewahrt, sondern pervertiert und in den Dienst eines kollektiven Wahnsinns gestellt werden kann, ohne dass der Einzelne der Unmoralität seines Handelns gewahr wird. Gerade hierin besteht der Nährboden für den scheinbar unerklärlichen Fanatismus, mit welchem sich der Mensch, ohne es zu bemerken und ohne dabei dem privaten Moralkodex untreu zu werden, in den Dienst eines ‚höheren‘ Auftraggebers stellen kann, der ihn missbraucht.50

Höß zelebrierte mit seiner Familie jeden Morgen die Morgenandacht und hatte einige Tage lang Depressionen, nachdem seine Katze gestorben war (nachzulesen in seinen Tagebüchern), während er in seinem Berufsalltag die grauenhaftesten Hinrichtungen ohne jegliche Gewissensbisse mitverantwortete. Viele Naziverbrecher haben in Nürnberg und vor Gericht ausgesagt, sie hätten nur ihre Pflicht getan. Der einzelne Täter floh damit quasi in die Kinderrolle. Er stellte sich in den Schutz des „Übervaters“.

Auch Eichmann brachte dieses Selbstverständnis zum Ausdruck: „Ich war nichts anderes als ein getreuer, ordentlicher, korrekter, fleißiger und nur von idealen Regungen für mein Vaterland, dem anzugehören ich die Ehre hatte, beseelter Angehöriger der SS und des Reichssicherheitshauptamtes … “51

Mit dem Beginn des Dritten Reichs wurde die deutsche Gehorsamstugend für pervertierte Ziele missbraucht. Die meisten Deutschen waren sich dieses Mechanismus nicht bewusst. So gerieten die sittlichen Grundbegriffe ins Wanken. An ihre Stelle traten nun aus pervertiertem Gehorsam entweder selbstquälerische Skrupel, die nie zur Tat führten (Mitläufer), oder aber verantwortungslose Skrupellosigkeit. Gerade die gehorsamen und pflichtbewussten Bürger wurden so zu Tätern. Sie haben Menschen ausgepeitscht, ausgehungert, ihnen Schmerzen zugefügt, sie auf Todesmärsche geschickt, sie mit Gewehrkolben niedergeschlagen, eingesperrt, in Ghettos gepfercht, bombardiert. Sie haben Mütter mit ihren Kindern auf den Armen erschossen.

Hitler selbst stand Pate für das übergeordnete personale Gewissen. Ihm gegenüber war blinder Gehorsam gefragt. Gegenüber dieser Gehorsamspflicht wurde das subjektive Gewissen als zweitrangig eingestuft. Der „Führer“ konnte ja nicht irren.

Aus diesem uneingeschränkten Glauben an die Unfehlbarkeit des Führers heraus konnte Rudolph Höß in seinen autobiografischen Aufzeichnungen vermerken: Ich habe auch beobachtet, dass Frauen, die ahnten oder wussten, was ihnen bevorstand, mit der Todesangst in den Augen die Kraft noch aufbrachten, mit ihren Kindern zu scherzen. Eine Frau trat einmal im Vorbeigehen ganz dicht an mich heran und flüsterte mir zu, indem sie auf ihre vier Kinder zeigte, die sich brav angefasst hatten, um die Kleinsten über die Unebenheiten des Geländes zu führen: ‚Wie bringt Ihr das nur fertig, diese schönen, lieben Kinder umzubringen? Habt Ihr denn kein Herz im Leibe?‘ … Ich erlebte auch, dass eine Frau aus der Kammer beim Zumachen ihre Kinder herausschieben wollte und weinend rief: ‚Lasst doch wenigstens meine Kinder am Leben.‘ So gab es viele erschütternde Einzelszenen, die allen Anwesenden nahegingen. Im Frühjahr 1942 gingen Hunderte von blühenden Menschen unter den blühenden Obstbäumen des Bauerngehöftes, meist nichtsahnend, in die Gaskammern, in den Tod.52

Der Kadavergehorsam des nationalsozialistischen Mitläufertums war der gesamtgesellschaftliche Ausdruck von Strukturen, die in der Familie und ihren patriarchalischen Erziehungsformen bereits angelegt waren.

„In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Erziehung von der als selbstverständlich geltenden obersten Sekundärpflicht des Gehorsams bestimmt. Ziel waren Anpassung und Unterwürfigkeit unter die jeweils gegebenen herrschaftlichen Strukturen in allen Bereichen der Gesellschaft, und Ungehorsam sollten schon die Kinder als Schuld erleben. Dazu diente die ‚schwarze Pädagogik‘, die Dressur der ‚von Kindesbeinen an bösen‘ Raubtiere mit Zuckerbrot und Peitsche, in der Regel durch den Vater, der auch juristisch berechtigt war, seine Kinder und seine Frau zu schlagen. So gab er weiter, was er selbst als Kind erfahren hatte: Schmerz, Trauer, Vertrauensverlust, Entwürdigung, Schuldgefühle und Angst, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Durch solche Beschämungen und Kränkungen wurden Trotz, Verstocktheit, Verbitterung, Hass, Rache und Rohheit begünstigt oder gar geschaffen, die sich dann auswirkten, wenn die ursprünglichen Opfer Gelegenheit bekamen, selbst zu Tätern zu werden. So wurde auch ich mit Rohrstock zu Hause und in der Schule erzogen, und man marschierte im Gleichschritt in der Hitlerjugend mit … Als Kind hatte ich ja – wie schon mein Vater – Mitgefühl nicht erlernt oder durch Schläge verlernt. Barmherzigkeit war schon vorher in der bürgerlichen Gesellschaft kein Wert und wurde im ‚Dritten Reich‘ manchmal schon mit dem Tode bestraft, wenn es nur geäußert wurde. Ich schäme mich heute noch meines Erstaunens, als ein Freund angesichts einer Frau mit Judenstern zu mir sagte: ‚Die armen Juden!‘ So etwas hatte ich sonst weder gehört noch gefühlt und selbst kurz vorher eingestimmt in den Ruf ‚Jude, Jude!‘, den Spielkameraden erhoben, als auf der anderen Straßenseite ein jüdischer Junge mit gesenktem Kopf vorüberging.53

Und die Tochter eines SS-Erschießungskommandoleiters in der Ukraine kommentiert:

Mein Vater war ein richtig korrekter Beamter, der bestimmt nie eine Schummelei gemacht hat mit einer Reisekostenabrechnung oder Ähnlichem. Er hatte das preußische Pflichtbewusstsein. Vor Gericht hat er gesagt, er habe gewusst, dass es Unrecht war, aber alles andere wäre absurd gewesen, er hätte keine Möglichkeit gehabt, diese Befehle zu verweigern, die er bekommen hat und weitergegeben hat. Es ist dasselbe Pflichtbewusstsein, das sonst auch etwas Positives sein kann, das ihn aber in dieser Situation versagen lässt: Wenn der Staat mir befiehlt, egal, wie verbrecherisch es ist, dann tue ich es einfach, weil ich ein pflichtbewusster Beamter bin.54

Die Theologin Dorothee Sölle zieht daraus die Schlussfolgerung: „In unserer christlichen, deutschen Geschichte dieses Jahrhunderts hat Gehorsam eine katastrophale Rolle gespielt. Ich vermute, dass wir heute als Christen die Pflicht haben, den Gehorsam überhaupt zu kritisieren, und dass diese Kritik radikal sein muss.“55 Der Ausbruch der 68er Generation in den „Ungehorsam“ sollte auch im Licht dieser Gedanken betrachtet werden.

Gefangen im abartigen Weltbild vom „perfekten Garten“

Wenn der Mensch sich anmaßt, eine Welt zu erschaffen, in der das Böse eliminiert ist, dann richtet er eine Welt des Schreckens ein, in der das Böse herrscht.

Dierk Juelisch, Psychoanalytiker56

Adolf Hitler erklärte im April 1943 dem ungarischen Reichsverweser von Horty:

Sie (die Juden) sind wie Tuberkelbazillen zu behandeln, an denen sich ein gesunder Körper anstecken kann. Das ist nicht grausam, wenn man bedenkt, dass sogar unschuldige Naturgeschöpfe wie Hasen und Rehe getötet werden müssen, damit kein Schaden entsteht. Weshalb soll man die Bestien, die uns den Bolschewismus bringen wollen, mehr schonen?57

In einer Rede 1943 erntete Heinrich Himmler von niemandem Widerspruch, als er sagte:

Ich will hier vor Ihnen in aller Offenheit ein ganz schweres Kapitel erwähnen … Ich meine jetzt die Ausrottung des jüdischen Volkes … Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen beisammenliegen, wenn fünfhundert da liegen oder wenn tausend da liegen. Das durchgehalten zu haben und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.58

Es ist verblüffend, wie Himmler hier auch implizit zum Schweigen der Täter aufruft! Jürgen Müller-Hohagen kommentiert:

Diese Menschen waren verschmolzen mit der ‚Vision des Gärtners‘. Die ganze Gesellschaft sei nach dem Modell eines perfekten Gartens zu gestalten und alles Störende wie Unkraut auszurotten. Mit dieser Vision verschmolzen zu sein bedeutet den Einsatz der ganzen Person für dieses Ziel, und hier geht es aber, wie das Bild des perfektionistischen Gärtners anspricht, um Vernichtung.59

Der polnisch-britische Soziologe Zygmund Baumann bringt es auf den Punkt:

Der moderne Genozid ist ein Element des ‚Social Engineering‘. Die Beseitigung des Störenden sei eine Notwendigkeit, die sich aus der übergeordneten Zielsetzung ergibt. Diese Zielsetzung ist die Vision einer besseren, von Grund auf gewandelten Gesellschaft. Der moderne Genozid ist ein Instrument des ‚Social Engineering‘, mit dem eine soziale Ordnung etabliert werden soll, die dem Entwurf einer perfekten Gesellschaft entspricht […] Das ist […] die Vision des Gärtners, nun allerdings über die ganze Welt gelegt […] Dieser Gärtner hasst das Unkraut, das Hässliche inmitten des Schönen, die Unordnung inmitten der Ordnung […] Nicht als solches muss das Unkraut ausgerottet werden, sondern weil es die schönere Ordnung des Gartens verhindert […] Der moderne Genozid, wie die moderne Kultur allgemein, ist eine gärtnerische Tätigkeit, sozusagen eine gärtnerische Pflicht innerhalb der gesamtgestalterischen Aufgabe […] Alle Vorstellungen von einer Gesellschaft als Garten verknüpfen bestimmte soziale Gruppen mit dem Begriff Unkraut: Unkraut muss ausgesondert, gebändigt, an der Ausbreitung gehindert werden, von der Gesellschaft ferngehalten, und wenn dies nichts nützt, vernichtet werden.60

Jürgen Müller-Hohagen bemerkt dazu:

Es ist ein erschreckendes Bild. Wir lieben Gärten, finden sie schön – und dann diese Nähe zum Holocaust? Aber dafür spricht nicht nur, dass mit dem Ungeziefervertilgungsmittel Zyklon B Menschen vernichtet wurden, sondern das Projekt eines sauberen Gartens hat wirklich viel mit den Vorstellungen zu tun, die visionäre Gewaltherrscher von Staat und Gesellschaft haben. Dann liegen aber Horror und Normalität eng beieinander, der Horror, der den ‚Schmutzigen‘ von denen bereitet wird, die sich für berechtigt halten und die Macht haben, zwischen ‚Sauber‘ und ‚Schmutzig‘ zu unterscheiden und vorzugehen wie ein Gärtner angesichts von Kräutern und Unkräutern […] Diese Bilder vom Gärtner helfen mir, manches Monströse eher zu begreifen, manches auf den ersten Blick nur monströs wirkende und doch von ‚normalen‘ Leuten Begangene, die Nähe von Kultur (edel auftretend) und bürokratisch organisiertem Massenmord, von Normalität und Terror […] Wie können Menschen derartige Grausamkeiten gegen Mitmenschen verüben? Wie kann sich die Sozialisation von ansonsten durchaus oder sogar sehr ‚normalen‘ Menschen zu Teilhabern an dieser ‚gärtnerischen Vision‘ gestalten? Die Vision des Gärtners, die man als kalt missverstehen könnte, hilft gerade, von den falschen Fragestellungen abzusehen, also Nazi-Täter nicht mehr bevorzugt nach dem Modell des Triebtäters begreifen zu wollen, sondern nach dem eines beflissenen Gärtners.61

Die Vorstellung vom verwahrlosten ungepflegten Osten wurde spätestens am Ende des 19. Jahrhunderts greifbar, als die ärmsten ostjüdischen Emigranten auf der Flucht vor den Pogromen des russischen Zaren die Ostgebiete besiedelten. Sie galten als rückständig, schmutzig, unkultiviert und als Habenichtse. Der Krieg festigte dieses Bild als zu unterwerfenden und anschließend zu kultivierenden Raum gleich einem ungepflegten, dringend zu bearbeitenden Garten.62 Zum perfekten Garten gehörte konsequenterweise die Vorstellung einer ethnischen Flurbereinigung, die besonders von Medizinern und Sozialhygienikern verbreitet wurde.

Schon seit 1915 breitete sich die Vorstellung aus, die zu annektierenden Gebiete auch ohne deren Bevölkerung zu übernehmen. Eine entferne Verwandte Heinrich Himmlers, die Lehrerin Marianne Nässl, schrieb 1926 an den jungen Mann, dass es ihr ureigener Wunsch sei, dass das deutsche Volk gesunde und gereinigt werde von all dem Ungeziefer und den schlechten Elementen, die dazwischenstecken, damit es wieder voll und ganz seinen Platz ausfülle in der Welt und die Stellung einnehme, die ihm unter den Völkern gebührt. „Aber mit diesem Judengesindel durchsetzt, wie es heute ist, ist ja kein Aufkommen möglich.“63

So forderte in einer im Mai 1940 verfassten Denkschrift der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, dazu auf, den „ganzen Völkerbrei des Generalgouvernements“ aufzulösen, die „rassistische Siebung durchzuführen“, die „rassisch Wertvollen aus diesem Brei herauszufischen“. In einer Sitzung von Verwaltungsbeamten vom 11. März 1942 meinte Hans Frank, Generalgouverneur der besetzten polnischen Gebiete, dass man zwar in der Anfangsphase die polnische Bevölkerung noch als Arbeitskräfte brauche, nach dem gewonnenen Krieg aber könne „aus den Polen und Ukrainern und dem, was sich sonst noch herumtreibt, Hackfleisch gemacht werden“.64 In einer Ansprache vor SS-Führern am 24. April 1943 konnte Himmler Fortschritte verkünden: „Wir haben die Blutsfrage als erste wirklich in die Tat umgesetzt. […] Das ist genauso, wie sich jeder entlaust, sobald er das kann. Das ist aber keine Weltanschauungsfrage, dass man die Läuse wegtut, sondern das ist eine Reinlichkeitsangelegenheit. Genauso ist der Antisemitismus […] eine Reinlichkeitsangelegenheit, die ist ja bald ausgestanden. Wir sind bald entlaust, und dann ist es vorbei – in ganz Deutschland.“65

Wie kommt es, dass ein guter Mensch nur einen ganz kleinen Schritt tun muss, um sich plötzlich auf der Seite des Bösen zu befinden?

Das Böse kann sein Werk nur tun, wenn es sich uns in der Gestalt des Guten, des Edlen und des Notwendigen nähert und wenn dies in so kleinen Teilschritten geschieht, dass die Rechtfertigung der kleinen Einzeltat die Sicht für das Schreckliche der ganz großen Tat verblendet. Die Menschen, die das Böse tun, brauchen für ihr Handeln immer einen sie rechtfertigenden „ethischen“ Grund, den sie „höher“ bewerten können als die verwerfliche Tat, die sie gerade ausführen. Diese Tat wird dann in ihren Augen notwendig, muss tapfer durchgestanden werden, um diese gesteckte höhere Ebene zu erreichen. Genau das war beim Genozid des Dritten Reichs der Fall. Es gab einen „guten“, von vielen nachvollziehbaren Leitgedanken nach dem Motto: „Wir brauchen eine starke, reine, von aller Zersetzung befreite Rasse. Wir streben den perfekten, von Unkraut befreiten Garten an. Nur mit diesem großen und edlen Ziel vor Augen können wir uns zu der Führungsnation entwickeln, die wir sind.“ Dieser Gedanke klang in vielen Ohren edel, wertete das im Keller befindliche Selbstwertgefühl einer Nation auf und erhob eine resignierte Volksseele.

Etwas differenzierter sieht es der SS-Abwehroffizier Hans Georg Klamroth nach seiner Begegnung mit einer 22-jährigen vielsprachigen russischen Spionin aus Leningrad. Im November 1942 schreibt er in sein Tagebuch:

Ganz appetitlich anzusehen, dieses Mädchen. […] Da die Vertreter der russischen Intelligenz dünn gesät sind, halte ich es für falsch, die vereinzelten Pflanzen dieser höher entwickelten Gattung, selbst wenn sie zur Zeit noch giftig sind, ohne weiteres auszujäten, sondern möchte versuchen, sie durch Fremdbestäubung zur Mutation zu bringen. […] Diese Züchtungsversuche begegnen zwar höheren Orts vorläufig noch erheblichem Misstrauen, aber ich bin entschlossen, […] Vorschläge für gleichgerichtete Versuche zu machen.66

Die Naziverbrecher hatten mit diesem höheren Ziel ihr verwerfliches Handeln sich selbst gegenüber legitimiert. So war das Ziel des „perfekten Gartens“ wichtiger als der Schmerz, ein anmutig aussehendes Unkraut auszureißen, das durch seine Vermehrung den ganzen edlen Garten zerstören konnte. So mussten die Juden dran glauben, wenn es um die Reinerhaltung der nordisch-arischen Rasse ging, so musste die subjektive Gewissensbefindlichkeit zurückgestellt werden, wenn es um die Erhaltung der höheren Ordnung ging: den unbedingten Gehorsam dem Führer gegenüber.

Dabei dachte man nicht an das Verwerfliche eines Genozids. Der Massenmord diente einem guten Zweck. Viele kleine Schritte der Rechtfertigungen führten somit zur Blindheit für die perverse Fratze des schrecklichsten Massenmords der Geschichte.

Es war für mich faszinierend und zugleich erschreckend, diese kleinen Schritte in Richtung Perversion an den Biographien der prominentesten Nazitäter festzumachen. Die Schritte waren klein genug und die einzelnen Rechtfertigungen nachvollziehbar genug, dass sie gereicht haben, den Weg in die falsche Richtung abzuschreiten. Keiner von ihnen wäre in diese Richtung mit einem einzelnen großen Satz gegangen.

So waren viele der prominenten Naziführer in ihrer Jugend eher ängstliche, religiös geprägte Knaben mit einem überdurchschnittlich sensiblen Gewissen.

Die Tagebücher Himmlers, des prominentesten Massenmörders der Nazis, lohnen unter diesem Aspekt gelesen zu werden. So brachte ihn zum Beispiel das Mensurenschlagen in seiner schlagenden Verbindung in Konflikt mit seinem Glauben. Er war tief verunsichert, ob dieses Ritual vor der Kirche nicht als Sünde galt. Darüber führte er viele Gespräche mit seiner Familie und mit seinen Freunden. Er mahnte sich in seinen Tagebüchern ständig selbst, die Gebote zu halten, um aus sich einen „guten Menschen“ zu machen. Sexuelle Erfahrungen vor der Ehe lehnte er kategorisch ab. Der Verzicht auf körperliche Liebeserfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht fiel ihm schwer, aber er hielt es durch, um seiner Persönlichkeit keinen Schaden zuzufügen.67

So haben diese Menschen eine Meisterschaft darin entwickelt, ihr Gewissen täglich in kleinen Schritten abzustumpfen mit der Rechtfertigung einer höheren Moral, der es wichtiger ist zu folgen und derentwegen man die kleinen täglichen Morde und Perversitäten hinnehmen muss. Die meisten Naziverbrecher haben sich für durchaus sehr moralisch gehalten. Sie hatten den besseren Gehorsam dem Führer gegenüber gezeigt als die anderen. So sind einige von ihnen noch mit erhobenem Haupt als vermeintliche moralische Vorbilder bei den Nürnberger Prozessen aufgetreten.

Im März 1945 stehen die sowjetischen Truppen vor Wien. Eingekesselt von sowjetischen Stoßtruppen und unter dem ohrenbetäubenden Lärm der fallenden Bomben, hinterlässt der Reichsleiter Baldur von Schirach in einer Rede vor geladenem Festpublikum sein Vermächtnis, indem er die Worte von Moritz von Schwind zitiert: „Das Schöne ist das Allernotwendigste auf der Erde, das sei unser Credo. So wahr uns Gott helfe.“68 Sein Sohn kommentiert:

Alle diese gekonnten Handküsse, die austarierten Sitzordnungen, die nie vergessenen Blumensträuße, das artige Zerlegen von Artischockenköpfen, das arkanische Wissen um Anreden waren nichts wert, als es darum ging, das Gewissen zu schärfen und Mitmenschlichkeit zu beweisen. Die formvollendeten Manieren der Kriegsverbrecher und Rassisten konnten die Blutstropfen auf den maßgefertigten Glacéhandschuhen, Frackhemden und Gamaschen nicht unsichtbar machen; die geschliffenen Manieren erschienen mir, gerade wegen der Kultur und Bildung, die sie hervorgebracht und die so kläglich versagt hatten, besonders verwerflich.69

Bis unmittelbar vor dem Totalzusammenbruch war die Elite gefangen in dieser Lebenslüge, und nicht wenige Nazigrößen konnten sich auch nach dem Krieg, bekleidet mit einer Fülle guter Manieren und eingehüllt in ausgeprägter humanistischer Philosophie, unbemerkt wieder hohe Posten sichern.

Pulsuz fraqment bitdi.

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