Kitabı oxu: «1918»
Johanes Sachslehner
1918
DIE STUNDEN
DES UNTERGANGS

ISBN 9783990402566

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Buchgestaltung: Alfred Hoffmann
Reproduktion: Pixelstorm, Wien
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

„Das Grauen“. Federzeichnung von Alfred Kubin. ©VBK, Wien, 2005.
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Augenzeugen
Niemandsland zwischen den Zeiten
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Quellen- und Literaturverzeichnis
1. Archivalische Quellen
2. Zeitungen
3. Memoiren, Erinnerungen, Augenzeugenberichte, Regiments- und Divisionsgeschichten, literarische Darstellungen
4. Literatur (in Auswahl)
Bildnachweis
Ein Herzliches Danke
Weitere Bücher
Für Kasia, Nina und Laura

Hoffnung auf eine glückliche Heimkehr: k. u. k. Soldaten an der Südwestfront.
AUGENZEUGEN
Es reut uns, daß nächtlich im Bette wir ruhten
Bei diesem Verbluten der Edlen und Guten.
Es reut uns, die wir uns freuten und lachten
In der Zeit, die in Qual und Schmutz sie verbrachten.
Es quält und durchs Leben, beschmutzt uns das Leben,
daß es diesen Krieg, diesen Kaiser gegeben.
Karl Kraus, Heldengräber
… und wenn auch das Grauen manchem von ihnen in langen Kriegsjahren zur gewohnten Umgebung geworden war, und wenn sie auch unter Flüchen und Witzen ihr Lager herrichteten, so gab es doch keinen, der nicht wußte, daß er als einsamer Mensch mit einsamem Leben und einsamem Tode hier herausgestellt worden war in eine übermächtige Sinnlosigkeit, in eine Sinnlosigkeit, die sie nicht begreifen oder höchstens als Scheißkrieg bezeichnen konnten.
Hermann Broch, 1918 Huguenau oder die Sachlichkeit
Das waren Tage, wo man schlafen ging, um für einige Stunden Vergessen zu finden, sich loszulösen von einem harten Geschehen.
Friedrich Funder, Vom Gestern ins Heute
Österreich war damals am Marsch. (Phonetisch zu lesen.)
Anton Kuh, Großösterreich stirbt
Mravni kráso 28. řijna zustan s námi, zustan s námi na veky!
„Moralische Schönheit des 28. Oktobers, bleib mit uns in alle Ewigkeit!“
Rudolf Medek (1890 – 1940),
tschechischer General und Schriftsteller
Die einen trauerten um ein versunkenes Reich, die anderen träumten vom Aufgehen in einem neuen Reich aller Deutschen, und in der Mitte befand sich nichts.
Bruno Kreisky, Zwischen den Zeiten
Ach, nicht im Willen und im Denken lag das Geheimnis der Geschichte, sondern im abgefeimten Zusammenspiel des Lebens selbst, das ähnlich wie das menschliche Bewußtsein nichts als eine gehetzte, fiebrische Bilderflucht war, deren Gesetzmäßigkeit Gott allein enträtseln konnte.
Franz Werfel, Barbara oder Die Frömmigkeit
Auf dieser Erde schritt ich
und spürte meine Glieder nicht,
so leicht war mir.
Egon Schiele
NIEMANDSLAND ZWISCHEN DEN ZEITEN
Man schreibt den 28. Oktober 1918: 24 dramatische Stunden, in denen der Untergang Österreich-Ungarns unumstößliche Gewissheit wird. Ein Tag, an dem der Wahnsinn einer „großen Zeit“ seinen abschließenden Höhepunkt erreicht. Während am Monte Asolone und am Monte Pertica, am Piave und am Monticano sich die letzten getreuen k. u. k. Regimenter verzweifelt der Offensive der Alliierten entgegenstemmen, im mörderischen Granathagel der feindlichen Artillerie verbluten, wird in Wien die neue Regierung eines Staates angelobt, der eigentlich gar nicht mehr existiert. Soldaten aus Böhmen und Mähren, aus Polen und Ungarn kämpfen und sterben für ein Vaterland, das nicht mehr ihres ist, für einen Kaiser, der seltsam kraftlos zusieht, wie die Dinge ihren verhängnisvollen Lauf nehmen. Während er, verstrickt in Illusionen von Gottesgnadentum und Treue zur Dynastie, noch immer auf den Abschluss eines Friedens hofft, der den Fortbestand der Monarchie ermöglicht, entgleitet ihm Schritt für Schritt die Macht. Ohnmächtig müssen er und seine Minister zusehen, wie in Prag und Krakau, in Budapest und Agram der Doppeladler in den Staub getreten, die Apokalypse des Vielvölkerstaats Wirklichkeit wird. Es ist ein denkwürdiger Feiertag für Jahrhunderte hindurch von Habsburg unterdrückte Nationen, traumatisches Erleben hingegen für jene, die das von schwarz-gelben Grenzbalken umschlossene Land als ihre Heimat ansehen.
Es sind 24 chaotische Stunden, in denen Heldenmut und feiger Verrat, Zaudern und entschlossenes Handeln, Gleichgültigkeit und selbstlose Hilfsbereitschaft aufeinander treffen und miteinander in Wechselwirkung treten, 24 lange Stunden des Hungers und der Verzweiflung, 24 dunkle Stunden, in den Tausende sterben, hingestreckt vom tödlichen Virus der Spanischen Grippe. 24 gespenstische Stunden, in denen das Gestern zu Ende geht und in ersten hellen Umrissen ein Morgen heraufdämmert: von Schrecken, aber auch von Hoffnung erfülltes Niemandsland zwischen den Zeiten, das die Konflikte der Zukunft bereits erahnen lässt. Tummelplatz für die Männer, die den Nachkrieg und die Republik bestimmen werden, die in gewaltigen Visionen schwelgen, weit reichende revolutionäre Konzepte bereithalten, gewagte Experimente angedacht haben. Ideologen und Parteidoktrinäre, Idealisten und Querdenker, Fantasten und selbst ernannte Propheten formulieren ihre Parolen für die neue Zeit. Und in einem Lazarett im pommerschen Pasewalk beschließt ein durch Giftgas zeitweilig erblindeter Gefreiter namens Adolf Hitler Politiker zu werden …
Johannes Sachslehner

Nachschub für die Fronttruppen am Monte Asolone: kurze Rast auf dem schmalen Saumweg durch die Cesillaschlucht.
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Felsenfestung Monte Asolone im Monte-Grappa-Massiv, eine Schlüsselstellung der etwa 140 km langen Südwestfront, die von den Bergriesen Südtirols bis zur Mündung des Piave reicht. Seit vier Tagen tobt hier, in einer trostlosen Stein- und Felswüste 1500 Meter über dem Meer, die Schlacht. Gehalten wird dieser Frontabschnitt, der sich weiter westlich durch das tief eingeschnittene Tal der Brenta bis zum Monte Alessi und zu den Linien des VI. Korps fortsetzt, im Osten die ebenso steile Schlucht des Valle Cesilla quert und unterhalb des Monte Pertica an die Stellungen des I. Korps grenzt, vom XXVI. k. u. k. Armeekorps, kommandiert von General der Infanterie Ernst von Horsetzky. Die grauenvolle Zerrissenheit dieser wasserlosen Landschaft soll, so erzählt man sich, bereits Dante Alighieri vor Augen gehabt haben, als er in seiner Divina Commedia den Eingang zum Inferno beschrieb: eine kahle, lebensfeindliche, schwer zugängliche Bergwelt, erreichbar nur über einen Fußsteig, der vom kleinen Dorf Vannini, gelegen am Zusammenfluss von Brenta und Cismon, hier heraufführt. Dreizehnhundert Höhenmeter müssen die Nachschubkolonnen auf diesem bewältigen, auf Schritt und Tritt sind Pferde und Träger dem schweren Feuer des Feindes ausgesetzt, der von seinen höher gelegenen Positionen im Gipfelbereich des Monte Grappa den gesamten Weg einsehen kann und dies gnadenlos nützt – es gibt kaum eine Möglichkeit vom Weg abzuweichen. Am Osthang der engen Cesillaschlucht, die sich vom Hauptgipfel des Gebirgszugs, dem Monte Grappa (1775 m), herabzieht, hat man in halber Höhe einen Saumweg in den Fels gehauen, der zum östlichen Flügel der Stellung führt; auch hier wütet täglich die italienische Artillerie. Die Transporte aus dem Tal müssen dennoch Tag für Tag weitergehen: Allein der Schießbedarf des Korps für einen einzigen Kampftag beträgt 2.200 Tonnen, dazu kommen Lebensmittel, Heiz-, Bau- und Befestigungsmittel. Unter verzweifelter Anstrengung der Seilbahnabteilungen errichtete Seilbahnverbindungen sind im Geschosshagel immer wieder zerfetzt worden, ein Druckpumpenwerk im Brentatal liefert zwar Wasser, aber nie in ausreichendem Maße.
Geradezu komfortabel und hoch technisiert dagegen die Stellungen der Italiener am Monte Grappa, dem höchsten Gipfel im Süden des Massivs, dessen Flanken nach allen Seiten hin steil abfallen und so gut zu verteidigen sind: unterirdische Unterkünfte, eine beschusssichere Wasserleitung, ein Elektrizitätswerk, ein Lazarett und eine gut ausgebaute Zufahrtsstraße, die auch für Lastkraftwagen befahrbar ist. Luigi Cadorna, Oberbefehlshaber des italienischen Heeres bis zur Niederlage von Karfreit im Oktober 1917, hat die Grappa-Position bereits 1916 zur strategisch perfekt gelegenen Auffangstellung ausbauen lassen – eine Vorsichtsmaßnahme, die sich nun, nach dem Zusammenbruch der Isonzo-Front, mehr als bezahlt macht: Der Grappa-Gipfel, die letzte Barriere vor der venetianischen Tiefebene, wird für die k. u. k. Armee zur unüberwindlichen Hürde. Im November 1917 kommt hier der österreichische Vorstoß zum Stehen, der Abwehrsieg am Monte Grappa rettet die Italiener vor dem Aufrollen der gesamten Front am Piave.
Es ist eine empfindlich kühle Herbstnacht, über dem von Granaten zerwühlten Felsenmeer liegt der süßliche Geruch des Todes: Tausende sind hier in den letzten Tagen gestorben – von Kugeln und Splittern durchsiebt. Am Morgen des 24. Oktobers waren elf Divisionen der 4. italienischen Armee von General Gaetano Giardino an der Grappa-Front zum entscheidenden Angriff angetreten, am 25. stand der Feind dreimal am Monte Asolone, dreimal konnte der Gipfel im Gegenangriff wieder zurückerobert werden. Für die Überlebenden des südmährischen Infanterieregiments Nr. 99 ist es jedoch endlich ruhig geworden, in einer Reservestellung haben die abgekämpften Soldaten Gelegenheit etwas Schlaf zu finden. Leutnant Otto Gallian verbringt dennoch eine äußerst unruhige Nacht. Immer wieder läutet das Telefon: Die Bürokraten beim Regimentskommando möchten wissen, wie viel Schuhe seine Leute brauchen, dann wie viel Decken benötigt werden, es folgen lästige Fragen nach Konserven, Mänteln, Kappen und schließlich auch nach der Zahl der notwendigen Unterhosen. Bis der junge Offizier die Geduld verliert, kurz entschlossen sein Messer aus der Tasche zieht und den Telefondraht kappt – die Freude über die so gewonnene Nachtruhe ist jedoch nur kurz: Ein diensteifriger Telefonist taucht in der Dunkelheit auf, drängt darauf, dass er endlich ans Telefon gehen müsse, dem Leutnant bleibt nichts anderes übrig, als den Teufelsdraht mit einem Isolierband wieder zusammenzuflicken.
Leutnant Otto Gallian, der mitten in der Nacht so rücksichtslos schikaniert wird, hat übergenug vom Krieg, aber will nicht aufgeben, denn er ist Soldat mit Leib und Seele und wenn wir bis jetzt durchgehalten haben, so ist es ein Verbrechen, im letzten Augenblick auszuspannen und sich dem Feind auszuliefern. Da heißt es die Zähne zusammenbeißen und durchkämpfen, ob’s einem nun gefällt oder nicht …
Zusammen mit 15 weiteren Infanterieregimentern bilden die 99-er das k. u. k. XXVI. Korps „Asolone“, kommandiert von General der Infanterie Ernst von Horsetzky. Die Zusammensetzung seiner Truppen ist ein Spiegelbild des habsburgischen Vielvölkerstaats: Neben drei von deutschsprachigen Mannschaften dominierten Regimentern zählen dazu jeweils vier ungarische und kroatische Regimenter, drei tschechische, ein ruthenisches und ein bosnisches. Die Situation des Korps „Asolone“ ist kritisch: Nur durch den Einsatz des Geburtsjahrgangs 1899 und von russischen Heimkehrern kann der Stand halbwegs gehalten werden, die Kampfkraft der Mannschaften schätzt der erfahrene Soldat allerdings nicht allzu hoch ein: Sind doch 137 Mann des Bataillons zum ersten Mal an der Front, davon haben 125 noch nicht das 20. Lebensjahr erreicht.
Die tatsächliche, erdrückende Überlegenheit der Alliierten ist den Männern um Otto Gallian in der Kampflinie am Monte Asolone unbekannt: Sie wissen nicht, dass 608 k. u. k. Bataillone und 403.100 Gewehre einer feindlichen Streitmacht von 912 Bataillonen und 670.000 Gewehren gegenüberstehen, dass von den 58 Divisionen an der Südwestfront bereits 19 nur mehr 25 bis 50 Prozent des Sollstandes aufweisen und neun durch die Malaria geschwächt sind – allein im August 1918 verliert die Isonzoarmee 33.000 Mann durch Krankheit, die Tagesabgänge durch Malaria, Ruhr und Grippe bei der Heeresgruppe Boroević steigen bis auf 6.800 Mann. Auch ohne Feindeinwirkung schwindet die Widerstandskraft, der Geist der Truppe ist nicht mehr überall der alte.
Seit dem 17. Oktober ist Otto Gallian wieder bei seinem Bataillon, die zwei Wochen davor hat er auf Fronturlaub in Wien verbracht und hier ein Wiedersehen mit seinem Bruder Karl gefeiert, der aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt ist und nun auf seine Wiedereinberufung wartet. In der Hauptstadt, so hat er feststellen müssen, sieht es traurig aus: Endlose Streiks, eine Unzahl Deserteure. Die Zeitungen, die sich in der Zeit des Glanzes und der Siege nicht genug des Lobes tun konnten, fordern offen zur Revolution auf … Die Behörden kraftlos und schwächlich, die Verhältnisse sind ihnen längst über den Kopf gewachsen. Armes Vaterland!
Der Leutnant erinnert sich an einen Wiener Straßenbahnschaffner, der mit Verwunderung registriert hatte, dass da jemand noch pflichtbewusst an die Front fahre, obwohl ohnehin schon bald alles aus wäre – der gute Mann ahnte nicht, dass für ihn, den Offizier mit Leib und Seele, an die Front fahren so viel wie „nach Hause“ fahren bedeutet. Nur hier, inmitten der Kameraden, fern der zerwühlten und zerrissenen Heimat, fühlt er sich frei und glücklich, die Existenz als Soldat ist ihm zu Sinn und Inhalt des Lebens geworden.
Und während ringsumher eine Welt einstürzt, das alte Donaureich in Trümmer zerberstet, ersteht hier in den blutgetränkten Felsen der Brenta zum letzten Male altösterreichisches Soldatentum in seiner ganzen Größe, geht zum letzten Male durch die Schluchten des Grappa ein Ahnen von Nibelungentreue und Nibelungenlos …
Während sich Leutnant Otto Gallian so beim Abzählen der erforderlichen Unterhosen seine Gedanken über den Krieg macht, sitzt beim Heeresgruppenkommando in Udine der Generalstabschef der Heeresgruppe Boroević, Generalmajor Anton Ritter von Pitreich, die rechte Hand des Feldmarschalls, wie immer noch über seinem Tagebuch. Pitreich, 1870 in Wien als Sohn eines k. u. k. Feldzeugmeisters geboren, hat eine mustergültige Karriere hinter sich: Theresianische Militärakademie und Kriegsschule jeweils mit sehr gutem Erfolg absolviert, die Prüfung zum Major im Generalstab (1907) mit sehr entsprechendem Gesamterfolg. Sein Chef Boroević ist voll des Lobes über ihn: Streng, gerecht, leidenschaftslos, nobel, notiert er im „Vormerkblatt für die Qualifikationsbeschreibung“, militärisch sehr begabt, wissenschaftlich hoch gebildet, in den schwierigsten Situationen ruhig, besonnen, dabei stets initiativ. Den Krieg hat Pitreich, der hervorragend französisch und gut ungarisch spricht, von Anbeginn mitgemacht: 1914 bei der 3. und 5. Armee in Galizien, wo er in den Oktoberkämpfen um Przemyśl erstmals im Feuer stand, später am Isonzo, dabei immer klaren Überblick und volles Verständnis für die Lage bekundet, im kritischen Moment große Ruhe bewahrt. Doch nun gibt sich der erfahrene und hoch dekorierte Generalstäbler, bei dem im Laufe des Tages alle Informationen von den Fronttruppen zusammenlaufen, keinen Illusionen mehr hin: „Am Abend zeigt sich, dass der feindliche Einbruch namentlich von Papadopoli aus nicht unbedenkliche Fortschritte machen konnte. An ein Hinauswerfen des Feindes aus dem Bereich der Isonzoarmee wie auch der 6. Armee ist, bei aller Tapferkeit der noch verfügbaren treuen Truppen, wohl kaum mehr zu denken; die Zahl jener Truppen, welche nicht mehr ganz verlässlich sind, mehrt sich; wo man hinhört, werden neue Gehorsamsverweigerungen bekannt; bis in die späte Nacht hinein laufen hierüber Meldungen ein.

Nur an der Front „frei und glücklich“: Leutnant Otto Gallian – Soldat für den Kaiser und den „Führer“.
Nur die Gebirgsfront hatte sich auch heute wieder brav gehalten; dort ist das zersetzende Gift aus dem Tale noch nicht auf die umkämpften Höhen gelangt. So kommt es zur traurigen Erkenntnis, dass auch der militärische Widerstand hiermit erledigt ist und es jetzt nur mehr darauf ankommt, an die weiteren Konsequenzen der gänzlich verunglückten Politik zu denken. Diesbezüglich zeigt sich, dass die revolutionären Umtriebe im Hinterland immer ärger werden; Nationalräte, -ausschüsse, -garden etc. gemahnen lebhaft an die Ereignisse im Jahre 1848; wir stehen bereits mitten in der Revolution!“
Anton von Pitreich ist einer jener führenden k. u. k. Offiziere, die an der Konstruktion einer österreichischen „Dolchstoßlegende“ arbeiten und schreiben, eigene militärische Versäumnisse und Unzulänglichkeiten, fehlende Vorbereitung, auch unter den zweifellos schweren Umständen, werden in diesen Aufzeichnungen verschwiegen; so hatte Generaloberst Freiherr Wenzel von Wurm, der Kommandant der Isonzoarmee, noch bis zum Abend des 26. Oktober gemeint, dass man es beim Angriff der Alliierten auf die Insel Papadopoli bloß mit einem Ablenkungsmanöver zu tun hätte – und war dann überrascht, als plötzlich wenige Stunden später massiert britische Infanterie über die Insel hinweg angriff.
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Baden bei Wien, Armeeoberkommando. Einen bewegten Tag hat auch Generaloberst Arthur Albert Baron Arz von Straußenburg hinter sich, seit 1. März 1917 Chef des Generalstabes für die gesamte bewaffnete Macht Österreich-Ungarns und Generalstabschef des Armeeoberkommandos. Der gebürtige Siebenbürger hat so wie Pitreich eine glänzende Karriere im Generalstabsdienst und bei verschiedenen Kommanden hinter sich, sein Vorbild und Vorgänger Conrad von Hötzendorf hatte ihm schon 1907 in einer Dienstbeschreibung nur das beste Zeugnis ausgestellt: Hervorragend taktvoll, weltmännisch, sehr gewinnendes Auftreten, würdevolle Repräsentation, eignet sich speziell zu Ehrendiensten bei allerhöchsten und höchsten Herrschaften sowie zu repräsentativen Missionen im Ausland … ist stets im Gleichgewicht … vollendeter Kenner des gesamten Dienstbetriebs … fürsorglich für die Truppe … zum Regimentskommandanten hervorragend geeignet … besitzt in vollem Umfang alle Qualitäten sowohl als Truppenführer wie für leitende Stellen der Zentralbehörde.
Nun jedoch scheint diese erfolgreiche Laufbahn einem düsteren Ende zuzusteuern. Aufgewühlt, schlaflos analysiert der Dirigent der k. u. k. Armeen die Lage, lässt die Ereignisse des 27. vor seinem Auge abrollen. Um 7 Uhr morgens waren die Allerhöchsten Majestäten, Kaiser Karl und Kaiserin Zita, mit dem Hofzug am Südbahnhof eingetroffen und hatten sich anschließend zur Entwirrung der österreichischen Krise sofort nach Schönbrunn fahren lassen. Arz war als Verantwortlicher für die militärische Lage als Erster beim Monarchen zum Vortrag geladen – und bei diesem Gespräch gab es die erste böse Überraschung: Er erfuhr, dass mit dem Hofzug auch Graf Mihály Károlyi nach Wien gekommen sei, der Mann, der als Kandidat der radikalen nationalen Kräfte neuer Ministerpräsident in Ungarn werden möchte. Der Generaloberst ist entsetzt, beschwört den Kaiser, Károlyi nicht zum Chef des ungarischen Kabinetts zu ernennen, er sei das Unglück der Monarchie – noch klingen ihm die Worte des Magnaten vom 16. Oktober im Ohr: Wenn wir nicht stürmisch die Gemeinsamkeit mit Österreich aufheben, so werden wir nicht nur den Krieg, sondern auch den Frieden verloren haben …
Beeindruckt vom Widerstand Arzens, der in Ungarn am liebsten eine Militärdiktatur errichten und Károlyi ins Gefängnis werfen lassen möchte, lässt Karl daraufhin den Grafen nicht nach Schönbrunn kommen und in seinem Zimmer im Hotel Bristol „verhungern“, auch die geplanten Gespräche von Károlyi mit Lammasch und Andrássy finden nicht statt; gegen Mittag kann Karl seinem Generalstabschef mitteilen, dass Károlyi noch am Nachmittag wieder abreisen werde. Als Ersatz für den radikalen Grafen fasst Karl den Honvédminister Baron Szurmay ins Auge und fragt bei diesem telefonisch an, ob er sich zutraue, das Amt des Ministerpräsidenten zu übernehmen – Szurmay lehnt jedoch sofort entschieden ab; die Krise in Budapest ist damit prolongiert. Erst im Exil werden Karl und Zita erfahren, dass die Mitnahme Károlyis im Hofzug auch ihre gute Seite hatte: Radikale ungarische Eisenbahner beabsichtigten den Zug mit dem Kaiserpaar zu stoppen, verzichteten aber auf diese Aktion, als sie von der Anwesenheit des Grafen im Zug erfuhren …
Am Nachmittag hatte dann Feldmarschall Erzherzog Joseph von der Front in Italien kommend in Wien kurz Station gemacht. Kaiser Karl hatte dies zu einem Gespräch mit dem ehemaligen Kommandanten der Heeresgruppe Tirol genutzt und Eindrücke gewonnen, die ihn alles andere als optimistisch stimmten: Auf der Hochfläche der Sieben Gemeinden bei Asiago hatten ungarische Truppen, die 27. und 38. Honvéddivision, gemeutert, weitere Meutereien würden nur mehr eine Frage der Zeit sein. Der Abschluss eines Waffenstillstandes, so Erzherzog Joseph, müsse daher sofort ins Auge gefasst werden. Karl und auch Arz stimmen dieser Ansicht zu; der Kaiser will zunächst aber eine Lösung für das ungarische Problem finden und greift nun eine Idee des zurückgetretenen Ministerpräsidenten Dr. Sándor Wekerle auf: Er ernennt den 46-jährigen Erzherzog Joseph, den ältesten Sohn von Erzherzog Joseph Karl Ludwig, zum homo regius, zum „Stellvertreter des Königs“, der als solcher zwischen den rivalisierenden Parteien vermitteln solle. Erzherzog Joseph erklärt sich mit dieser ehrenvollen Aufgabe einverstanden, erbittet sich jedoch zur Unterstützung eine zuverlässige Division, vor allem ein Regiment, das ihm Treue geschworen habe. Der Kaiser sagt zu, man kommt überein, dass diese Einheiten so rasch wie möglich nach Budapest verlegt werden sollen.
Erzherzog Joseph hatte sich daraufhin sofort zum Ostbahnhof bringen lassen; um 14 Uhr 30 rollte der Schnellzug nach Budapest aus der Station. Am Ende des Zugs war der Salonwagen Erzherzog Josephs angehängt worden; unter den Fahrgästen auch – Graf Mihály Károlyi, der am Vormittag vergeblich darauf gewartet hatte, beim Kaiser einen Gesprächstermin zu erhalten. Angeblich, so berichtete später etwa Prinz Ludwig Windisch-Graetz, Sektionschef im Ministerium des Äußeren, hätte Karl ihn mit Andrássy vertrösten wollen, auf ein Treffen mit seinem Landsmann und Schwiegervater im Ministerium soll wiederum der höchst aufgebrachte Károlyi keinen Wert gelegt haben – die Abneigung der beiden gräflichen Herren zueinander beruhte übrigens auf Gegenseitigkeit: Andrássy hatte sich seinerseits geweigert das Außenamt zu übernehmen, sollte sein Schwiegersohn Károlyi Ministerpräsident in Budapest werden. – „Wenn Sie Károlyi ernennen, können Sie mich genauso gut in ein Irrenhaus schicken, dort würde ich mehr am Platze sein!“, war angeblich Andrássys Kommentar auf Karls Vorschlag gewesen. Nun versucht Károlyi sein Glück beim Erzherzog, der ihn im Beisein seiner Frau, Erzherzogin Augusta, im luxuriös ausgestatteten Salonwagen empfängt. Aber auch hier kommt er nicht weiter, der Erzherzog, nicht unbedingt ein Freund des ehrgeizigen Adeligen im Dienste der Revolution, lässt sich zu keinerlei konkreten Erklärungen bewegen. Ich fühlte instinktiv, dass, während der König Hals über Kopf dem Untergang entgegeneilte, der Erzherzog bestrebt war, für sich zu sichern, was nur möglich war.
Erfreulicher für Károlyi, der überzeugt war, dass der Kaiser ihn hatte fallen lassen, sollte seine Ankunft in Budapest verlaufen: Tausende Menschen bereiteten ihm am Bahnhof einen stürmischen Empfang, hatte man doch fest damit gerechnet, dass er als Ministerpräsident zurückkehren würde, nun war man überzeugt, dass er Opfer eines schmutzigen Tricks des Königs geworden wäre. „Wenn du nicht als Ministerpräsident des Königs gekommen bist, so werden wir dich zum Ministerpräsidenten des Volkes ernennen!“, meinte sein Freund Martin Lovaszi bei der Begrüßung zu ihm. Gleichzeitig demonstrierte man gegen den Erzherzog – „Diktator Erzherzog!“, „Wir brauchen keinen Diktator!“ und „Nieder mit dem Diktator!“ lauteten die Parolen. Auch in Budapest hatte also Habsburg bereits schlechte Karten: Die Budapester Arbeiterschaft, aber auch große Teile der Mittelschichten und der Intelligenz wollen den Bruch mit der Dynastie. Sándor Wekerle, der noch immer die Geschäfte des Ministerpräsidenten führt, weigert sich jedoch noch immer das Standrecht zu verhängen, auch Erzherzog Joseph lehnt es ab, Truppen gegen die Bevölkerung einzusetzen. Polizei und zivile Behörden haben sich inzwischen dem „Nationalrat“ unterstellt, der sich am 25. Oktober konstituiert hat.
Kann Arz mit der Ernennung des etwas undurchsichtigen und ungarnfreundlichen Erzherzogs Joseph zum homo regius noch einigermaßen leben, so ist das mit der zweiten wichtigen Personalentscheidung des Kaisers an diesem trüben Sonntag schon weniger der Fall. Als Nachfolger von Max Hussarek ernennt Karl den 65-jährigen Völkerrechtsexperten Dr. Heinrich Lammasch zum neuen Ministerpräsidenten. Der ehemalige Berater von Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand, geboren im niederösterreichischen Seitenstetten, ist überzeugter Pazifist, ein international angesehener Gelehrter, der jedoch Arz nicht den Eindruck eines Mannes machte, der den schwersten Stunden des Reichs gewachsen war. Karl aber möchte ein Zeichen setzen, einen Mann des Friedens an die Spitze jener Regierung stellen, die, wenn möglich, sein Reich und seinen Thron noch retten soll – Arz muss das akzeptieren, auch wenn er ahnt, dass von Lammasch und seinen Ministern für die Männer an der Front keine wirkliche Unterstützung mehr kommen wird. Auch vom neuen Außenminister nicht, dem Grafen Julius Andrássy, Sohn jenes ungarischen Diplomaten, der vor knapp vierzig Jahren das Bündnis der Monarchie mit dem Deutschen Reich geschlossen hat.
Was das Amt des Finanzministers betrifft, so hat sich der Kaiser für den aus Göding (Hodonín) in Mähren stammenden Verwaltungs- und Verfassungsrechtler Josef Redlich entschieden, der als deutschnationaler Abgeordneter am 21. Oktober auch Mitglied der Provisorischen Nationalversammlung der Republik Deutschösterreich geworden und nunmehr in einer äußerst seltsamen Doppelrolle tätig ist: Als k. u. k. Finanzminister schwört er den Eid auf Karl und verpflichtet sich, für Wohl und Wehe des versinkenden Vielvölkerstaats zu wirken, als Verfassungsexperte im Vollzugsausschuss der Provisorischen Nationalversammlung ist er angehalten an den Rahmenbedingungen für den entstehenden deutschsprachigen „Nationalstaat“ zu arbeiten – Redlich wird dafür zwar von seinen eigenen Parteifreunden heftig kritisiert werden, er selbst aber sieht in diesem kunstvollen Spagat zwischen Monarchie und Republik keinen besonderen Grund zur Aufregung.
Tatsächlich tief getroffen wird Generalstabschef Arz von einer Nachricht, die aus Berlin eintrifft: Der Erste Generalquartiermeister Erich Ludendorff, Kopf der Obersten Heeresleitung des mit Österreich-Ungarn verbündeten Deutschen Reiches, der Mann, der zusammen mit Hindenburg gleichsam eine uneingeschränkte Militärdiktatur errichtet hatte und den „totalen“ Krieg führen wollte, ist entlassen worden – für Arz, der die militärischen Leistungen Ludendorffs immer sehr bewundert hat, eine Katastrophe: Es war kein Zweifel mehr, wir waren am Ende angelangt.
„Würdevolle Repräsentation“: Generalstabschef Arz von Straußenburg wird von der kaiserlichen Diplomatie nicht immer am Laufenden gehalten …
Die Schwierigkeiten mit den Ungarn in Budapest und bei den ungarländischen Truppen, die überraschende Nachricht von der Entlassung Ludendorffs, die neue Regierung unter Lammasch und die insgesamt ungünstige Entwicklung an der Piavefront – all das aber sollte noch nicht den Gipfel des Ärgers an diesem Sonntag bedeuten: Um etwa 20 Uhr abends hatte sich plötzlich Kaiser Karl am Telefon gemeldet: „Hat Graf Andrássy mit Ihnen gesprochen?“ Erstaunt über diese seltsame Frage, verneinte der Generaloberst. „Hat er Ihnen nicht die Note gesendet?“ Wieder musste Arz verneinen, bewahrte aber Fassung und versicherte Karl, dass er sich sofort an den Minister des Äußeren wenden werde. Um 21 Uhr hat er schließlich die fragliche Note in Händen, liest sie einmal, dann noch einmal, gibt sie an Generalmajor Alfred von Waldstätten, den Chef der Operationsabteilung im Generalstab, weiter, dann auch an den eben beim Armeeoberkommando anwesenden Grafen Trautmannsdorf aus dem Ministerium des Äußeren. Arz, der überzeugte Anhänger des Bündnisses und der Gemeinsamkeit mit Deutschland, ist konsterniert, kann zunächst nicht glauben, was er da schwarz auf weiß vor sich sieht: Gespräche über den Frieden werden angeboten, „ohne das Ergebnis anderer Verhandlungen abzuwarten“. Ein Affront für das mit Österreich-Ungarn verbündete Deutsche Reich! Waldstätten und Trautmannsdorf sehen die Dinge nicht so tragisch, versuchen die Bedenken des Generalstabschefs zu zerstreuen, wobei zur Sprache kommt, dass die Note der Regierung an US-Präsident Woodrow Wilson bereits abgegangen ist – ein nächster Schlag für Arz, der so erfahren muss, dass man ihn bei der Beratung und Abfassung des Textes einfach übergangen hat! Er beklagt sich bei Andrássy, der ihm jedoch kühl mitteilt, dass er es nicht für notwendig gehalten habe, die diplomatischen Details der Durchführung mit dem Generalstabschef zu besprechen, da er, Arz, sich bereits für Waffenstillstand und Frieden ausgesprochen habe. Außerdem habe man auch den deutschen Botschafter über den Inhalt der Note vor ihrer Absendung informiert, der Kaiser selbst habe bereits am 26. von Gödöllö aus ein Telegramm an den deutschen Kaiser Wilhelm II. geschickt, in dem er seinen Waffenbruder über diesen Schritt informiert habe. Arz muss die Erklärungen des Ministers akzeptieren, ahnt zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht, dass ihm der wendige Diplomat in einem Punkt nicht die ganze Wahrheit gesagt hat … Auch vom Telegramm Karls an den Hohenzoller in Berlin hat Arz nicht gewusst, auch das ein Punkt, der schmerzt: Er, der verantwortlich ist für Erfolg und Misserfolg der Armeen, wird von seinem Obersten Kriegsherrn nicht über jeden Schritt informiert! Erst jetzt erfährt er den Wortlaut der Depesche, mit der Karl seinen Entschluss zu einem Separatfrieden angekündigt hat: „Teuerer Freund!
Es ist meine Pflicht, Dir, so schwer es mir auch fällt, zur Kenntnis zu bringen, dass mein Volk weder imstande noch willens ist, den Krieg weiter fortzusetzen.
Ich habe nicht das Recht, mich diesem Willen zu widersetzen, da ich nicht mehr die Hoffnung auf einen guten Ausgang hege, für welchen die moralischen und technischen Vorbedingungen fehlen, und da unnützes Blutvergießen ein Verbrechen wäre, das zu begehen mir mein Gewissen verbietet.
Die Ordnung im Innern und das monarchische Prinzip sind in der ernstesten Gefahr, wenn wir dem Kampf nicht sofort ein Ende bereiten.
Selbst die innigsten bundesbrüderlichen und freundlichsten Gefühle müssen vor der Erwägung zurückstehen, dass ich den Bestand jener Staaten rette, deren Geschick mir die göttliche Vorsehung anvertraut hat.
Deshalb kündige ich Dir an, dass ich den unabänderlichen Beschluss gefasst habe, innerhalb vierundzwanzig Stunden um einen Separatfrieden und um einen sofortigen Waffenstillstand anzusuchen.
Ich kann nicht anders, mein Gewissen als Herrscher befiehlt mir also zu handeln.
In treuer Freundschaft
Karl“
Wilhelm II. hatte auf diesen „Verrat“ sofort reagiert, Karl telegrafisch beschworen, nur im Einvernehmen mit der deutschen Regierung die Verhandlungen mit den USA fortzuführen – vergeblich. Karl, der sich so oft den Wünschen Berlins gebeugt hatte, der nach der Sixtus-Affäre im April 1918 in völlige Abhängigkeit von der deutschen Führung geraten war, sah nun, in der Stunde der Verzweiflung, nur mehr die Rettung der Monarchie und seines Throns als Ziel. Gemeinsam mit Andrássy tüftelt man an den Formulierungen, der Entwurf geht auch an die designierten Regierungsmitglieder Lammasch, Ignaz Seipel und Josef Redlich, die zu Mittag im Büro von Julius Meinl darüber beraten. Sonntagabend entscheidet man sich am Ballhausplatz endgültig für die Absendung der Note, die über Stockholm nach Washington befördert wird; ihr endgültiger Text, der noch während der Nacht die führenden Männer der Mittelmächte in helle Aufregung versetzen wird, lautet schließlich:
„In Beantwortung der an die österreichisch-ungarische Regierung gerichteten Note des Herrn Präsidenten Wilson vom 18. des Monats und im Sinne des Entschlusses des Herrn Präsidenten mit Österreich-Ungarn abgesondert über die Frage des Waffenstillstands und des Friedens zu sprechen, beehrt sich die österreichisch-ungarische Regierung zu erklären, dass sie, ebenso wie den früheren Kundgebungen des Herrn Präsidenten, auch seiner in der letzten Note enthaltenen Auffassung über die Rechte der Völker Österreich-Ungarns, speziell jene der Tschechoslovaken und Jugoslaven, zustimmt.
Da sonach Österreich-Ungarn sämtliche Bedingungen angenommen hat, von welchen der Herr Präsident den Eintritt in Verhandlungen über den Waffenstillstand und den Frieden abhängig gemacht hat, steht nach Ansicht der österreichischungarischen Regierung dem Beginne dieser Verhandlungen nichts mehr im Wege.
Die österreichisch-ungarische Regierung erklärt sich daher bereit, auch ohne das Ergebnis anderer Verhandlungen abzuwarten, in Verhandlungen über einen Frieden zwischen Österreich-Ungarn und den gegnerischen Staaten und über einen sofortigen Waffenstillstand an allen Fronten Österreich-Ungarns einzutreten und bittet den Herrn Präsidenten Wilson, die diesfälligen Einleitungen zu treffen.“
So gut gemeint die Note an Wilson auch ist – sie wird beim Präsidenten und seinen Beratern, vor allem bei Robert Lansing, US Secretary of State, und bei „Colonel“ Edward House, seinem Europa-Spezialisten, keinerlei Eindruck mehr machen. Die Amerikaner sind auf dieses Angebot der Österreicher längst nicht mehr angewiesen, der Vielvölkerstaat an der Donau ist für sie so oder so „erledigt“, die Verbündeten, allen voran Italien, wollen den Lohn für ihre Opfer kassieren. Eine geradezu explosive Wirkung entfaltet diese Note dagegen auf die politische Lage im Inneren der Monarchie. Wieder einmal hat Kaiser Karl genau das Falsche veranlasst: Anstatt zur Entspannung beizutragen, wird die Note Andrássys den Zerfall seines Reiches schon in wenigen Stunden in verhängnisvoller Weise extrem beschleunigen …
Während Arz von Straußenburg und die Stabsoffiziere in den Kommandozentralen noch über die fatalen Folgen der Wiener Politik für ihre Militärmaschinerie sinnieren, lassen die Alliierten nicht locker. Sie sind fest entschlossen, ihre drei am 27. erkämpften Piave-Brückenköpfe bei der Grave di Papadopoli, bei Sernaglia und bei Pederobba, wo der Fluss aus den Bergen in die Tiefebene tritt, weiter auszudehnen. Der Befehl für die 10. Armee von Lord Cavan, dem 10. Earl of Cavan, lautet unmissverständlich: Der Angriff wird am 28. fortgesetzt …
Südlich des Dörfchens Fontigo hat die reißende Strömung des aufgrund der Regenfälle in den vorangegangenen Tagen noch immer Hochwasser führenden Piave die drei Brücken über den Fluss teilweise zerstört; italienische Pioniere arbeiten in tiefer Dunkelheit fieberhaft an ihrer Wiederherstellung. Für die Truppen der italienischen 8. Armee unter Generalleutnant Enrico Caviglia, die im Morgengrauen des Vortags über den Fluss gegangen sind und im überraschenden Angriff bis Sernaglia bzw. zum Soligobach vordringen konnten, ist die Verbindung lebenswichtig, da die Munition im Brückenkopf am linken Piaveufer bereits knapp wird und die Versorgung aus der Luft nicht effizient genug ist.
Knapp nach Mitternacht ist es so weit: Die Brücken sind wieder passierbar; österreichisch-ungarische Stellungsartillerie, die die Übergänge unter Beschuss nehmen könnte, ist nicht mehr vorhanden, da die Geschütze der 11. Honvédkavalleriedivision und der 12. Reitenden Schützendivision, die diesen Abschnitt verteidigten, in den Gefechten des Vortags bereits verloren gegangen sind. Dramatisch die Verluste bei den Mannschaften: Die Zahl der Toten, Vermissten und Verwundeten am 27. Oktober erreicht bei der 12. Reitenden Schützendivision 40 % des Standes, in die weiteren Kämpfe wird man nicht mehr entscheidend eingreifen können. Um die Italiener an einem weiteren Vordringen aus dem Brückenkopf Sernaglia zu hindern, hat man sich buchstäblich aufgeopfert, gewonnen hat man allerdings nur etwas Zeit – Zeit, die letztlich doch wieder vom Feind besser genützt werden kann. Nachschub und Verstärkungen rollen nun über den Piave: die italienische 60. Infanteriedivision und Teile der 66.; doch die Belastung für die notdürftig instand gesetzten Brücken ist zu groß; noch bevor es Tag wird, sind sie wieder unpassierbar, die Truppen Caviglias neuerlich abgeschnitten.
Die Chance, die sich den k. u. k. Truppen damit unverhofft bietet, kann jedoch nicht genützt werden. Generalmajor Hegedüs von der 21. Honvédkavalleriebrigade und Oberst Alois Czulik von Thurya, der mit den Reserven der 25. Infanteriedivision und hier vor allem mit dem 84. Infanterieregiment und zwei Bataillonen des 44. Infanterieregiments den Gegenangriff Richtung Sernaglia führen soll, können zwar am frühen Abend des 27. Oktober Geländegewinne erzielen, kommen in der Dunkelheit aber nicht mehr entscheidend weiter, ja, das Infanterieregiment 128 verirrt sich sogar und taucht plötzlich im Rücken der eigenen Truppen auf, die vor Sernaglia kämpfen. Nach Mitternacht befiehlt Hegedüs deshalb den Rückzug nach Pieve del Trevisan. Die abgekämpfte 12. Reitende Schützendivision geht in fester Ordnung hinter den Soligobach zurück, ihre Nachhuten halten die Linie Kote 151 südlich Soligo bis Kote 136 südlich Pieve di Soligo.
Die drei Bataillone der 84er haben sich, nachdem ihr Angriff zum Stehen gekommen ist, auf der Linie Nordrand Mosnigo – Südende Giusin – Gravette–Kote 134 südlich von Antonio eingegraben – in notdürftig ausgehobenen Schützenlöchern inmitten von dichten Obstkulturen, durchnässt vom Regen, versucht man den Scheinwerfern der Italiener zu entgehen, deren Lichtkegel immer wieder suchend über das Schlachtfeld tasten. Ohne Pause toben die Geschütze der Italiener, die schweres Sperrfeuer über die Nachschubwege der Österreicher legen, vor allem auch auf die Straße von Canale nach Posmone, die von Granaten zerpflügt, kaum noch passierbar ist. Zerstörte Geschütze, umgestürzte Wagen, Leichen und Pferdekadaver säumen den Weg, auf dem Verwundete zurückgebracht werden und der Nachschub versuchen muss irgendwie durchzukommen. 70 Italiener, die als Gefangene eingebracht worden sind, werden dazu angehalten die Verwundeten der 84er zurück in die Kirche von Fontane zu tragen, die als Lazarett dient – das Gotteshaus füllt sich rasch mit Blessierten, beim Schein von Taschenlampen leisten die Ärzte unermüdlich die notwendigste Erstversorgung.
Um Mitternacht, nach langen Bemühungen, steht endlich auch die Küche in der Nähe der ersten Schwarmlinie: In kleinen Gruppen kommen die Soldaten aus ihren Stellungen, um Essen zu fassen, da es unmöglich ist, den Kochkessel zu ihnen nach vorne zu schleppen. Zu essen gibt es etwas Brot und Suppe und wie überall an der Südwestfront den unvermeidlichen „Drahtverhau“, staubtrockenes Dörrgemüse, das sich nur mit dem Heißhunger der Kämpfer hinunterschlingen lässt.
Bereits vor Mitternacht ist vom Kommando der 25. Infanteriedivision die Gefechtsdisposition für den 28. eingetroffen. Man ist entschlossen, dem Feind hartnäckigen Widerstand entgegenzusetzen, nüchtern und umsichtig plant man die Attacke auf die Armee Caviglias, von Selbstaufgabe oder Katastrophenstimmung keine Spur: „Morgen allgemeiner Gegenangriff. Feldmarschallleutnant Luxardo mit der 11. und 12. Kavalleriedivision, dem Infanterieregiment 128 und die 34. Infanteriedivision greifen mit dem rechten Flügel vom Westende Farra di Soligo in der Richtung auf das Westende Mosnigo an. Oberst von Czulik und die 50. Infanteriebrigade, letztere mit allen aus der Piavefront entbehrlichen Kräften, schließen sich nach Maßgabe der vorrückenden Truppe Feldmarschallleutnant Luxardo im Angriffe an. Das Bataillon Hauptmann Foschum (84. Infanterieregiment) nimmt noch nachts über Farra di Soligo Verbindung mit der Gruppe des Oberstleutnants Glaser auf. Oberst von Czulik hat eine intensive Aufklärung nach Moriago und Sernaglia durchzuführen. Die eingeschobenen Honvédhusaren Nr. 3 (ca. 200 Mann) im Raume Casa Balbi stellen die Verbindung zwischen der Gruppe Oberst von Czulik und den entbehrlichen Angriffskräften des Oberstbrigadiers Haas her, werden diesem unterstellt. Die Artillerie ist mündlich angewiesen, den Gegenangriff zu unterstützen und wird in den Raum Posmone – Canale vorgeschoben. Die Fernkampfgruppe unterhält ein ständiges Feuer auf die feindlichen Flussübergangsstellen südlich von Fontigo.“ Der Disposition sind Grüße und Glückwünsche Seiner Exzellenz des Korpskommandanten zur braven Haltung in den kritischen Stunden des 27. angeschlossen.
Unverzüglich werden alle Maßnahmen zur Umsetzung dieser Disposition getroffen – in über vier Jahren Krieg sind die Mechanismen der Todesmaschine zur Perfektion gereift, jeder Offizier weiß, was er zu tun hat.
Es ist schon nach Mitternacht, als beim Regimentskommando der 84er ein Befehl der 25. Infanteriedivision eintrifft, der doch etwas Besorgnis auslöst: „Nachdem mit dem Eingreifen einer neuen eigenen Division aus dem Raume Refrontolo erst am Nachmittag gerechnet werden kann, muss sich die 25. Division bis dahin aus eigenen Kräften halten. Geht der Feind zurück, so folgt die Gruppe Oberst Czulik unmittelbar nach. Trifft dies nicht zu, so ist in geeigneter Gruppierung bis zum Eingreifen dieser eigenen Division auszuharren, ein Bataillon des Infanterieregiments 44 aus der Front zu ziehen und bei Fontane bereitzustellen“ – eine Anweisung, die durchklingen lässt, dass man auch den Rückschlag bei der Division bereits einkalkuliert. Oberst Czulik lässt auf diesen Befehl hin ein halbes Bataillon der 44er, die sich bei Mosnigo bereits in einer schwierigen Lage befinden, in eine Reservestellung zurückgehen. Das Risiko, dass die dadurch weiter geschwächte Stellung bei Mosnigo durchstoßen werden kann, nimmt man wohl oder übel in Kauf. Von einem Angriffsbefehl, den man erbeuten konnte, weiß man auch das unmittelbare Angriffsziel Caviglias: die Höhen von Farra di Soligo. Die 25. Infanteriedivision, die ihre Stellungen noch am Ufer des Piave hat, fühlt sich dadurch an ihrer linken Flanke bedroht und beschließt vorsichtshalber gleich den Rückzug. Noch während der Nacht geht man auf die Linie Bigolino – Cobertaldo–Farra zurück Am Piave lässt man nur Feldwachen zurück, denen es in der Folge sogar gelingt, weitere Übergangsversuche der Italiener zu vereiteln.
Das Frontgebiet am Piave mit den drei Brückenköpfen der Alliierten am Morgen des 28. Oktober 1918 (strichlierte Linien).
1 UHR
Heeresgruppenkommando Udine: Am Piave, so weiß man, muss alles getan werden, um eine weitere Konsolidierung der Brückenköpfe des Feindes zu verhindern. Tatkräftige Gegenmaßnahmen sind unerlässlich. Da braucht man auch die Unterstützung der Flieger: Feldmarschall Boroević lässt in dieser „langen Nacht“ alle verfügbaren österreichisch-ungarischen Fliegerkompanien Angriffe auf die Brücken des Feindes über den Piave fliegen. Der Nachschub von frischen Truppen und Kriegsmaterial in die Brückenköpfe soll so weit wie möglich unterbunden werden. Unterstützung finden die verwegenen Piloten durch die Artillerie, die auf die Übergänge des Feindes ein heftiges Geschützfeuer unterhält. Ein Volltreffer ist zu verzeichnen: Die Brücke bei Pederobba, auf der die Stoßbataillone der 12. Armee der Alliierten über den Fluss gegangen sind, wird zerstört.
Aufgrund der drückenden Überlegenheit der alliierten Luftwaffe ist jeder Feindflug ein Todeskommando, dennoch scheuen sich die k. u. k. Feldpiloten nicht den ungleichen Kampf aufzunehmen: Oberleutnant Steiner von der Fliegerkompanie 60 vollbringt auf einem dieser wagemutigen Schlachtflüge eine besondere Heldentat: Innerhalb der feindlichen Linien abgeschossen, rettet er seinen schwer verwundeten Piloten, Zugsführer Pawlowski, dessen Kleider brennen, durch Untertauchen in das Wasser des Piave. Dann schleppt er seinen halbtoten Kameraden zurück bis in die eigenen Stellungen. Beim gleichen Angriff auf die Piave-Brücken wird Zugsführer Fachs von der Fliegerkompanie 69 durch einen Schuss ins Gesicht, abgegeben von einem feindlichen Jagdflieger, schwer verwundet. Dennoch gelingt es ihm, das Flugzeug zusammen mit seinem Beobachter heil auf dem Flugfeld zu landen.
1 UHR 30
Prag, die Goldene Stadt, caput regni Bohemiae, das Lebenszentrum der Tschechen und ihre innig verehrte Hauptstadt, „jenes erträumte Wesen, jene heilige Stätte, jenes Götzenbild“, wie der Dichter Vilem Mrstik in seinem Roman Santa Lucia schreibt, „das jeder zu erblicken sich sehnt und von dem jeder träumt, wie einst die weißhaarigen Großmütter von ihm träumten und erzählten. Prag mit dem Vyšehrader Felsen, den Königsburgen, den Palästen, den Ufern auf der Kleinseite, Prag, errichtet über Jahrhunderte, geheiligt seit Urväter Zeiten.“ Dieses Prag, durchflossen von der Moldau, der Herzschlagader des böhmischen Landes, ist in dieser Nacht im Oktober 1918 noch immer eine Stadt Österreich-Ungarns, überwacht von einem k. u. k. Militärkommandanten, verwaltet von einem k. u. k. Statthalter. Eine Stadt auch, in der in dieser Nacht trügerisch-gespannte Ruhe herrscht, in der die maßgeblichen Männer unter den tschechischen Patrioten auf den großen Augenblick warten …
In der Wohnung von Dr. Alois Rašín, Mitglied des tschechischen Nationalausschusses (Národní vybor), in der Zítna 10 brennt noch Licht. Zusammen mit seiner Frau Karla bespricht der 51-jährige Abgeordnete die Vorbereitungen für den „Umsturz“ – beide sind von innerer Erregung ergriffen und davon überzeugt, dass bereits der kommende Tag die entscheidende Wende im Ringen mit Österreich-Ungarn bringen wird. Mit Bleistift notiert Rašín erste Formulierungen für ein Gesetz, das der Nationalausschuss sofort nach der „Machtübernahme“ erlassen wird.
Alois Rašín, geboren 1867 in Nechanice bei Königgrätz (Hradec Králové) nur ein halbes Jahr nach der Katastrophe der österreichischen Armeen gegen die Preußen in unmittelbarer Umgebung seines Heimatortes, hat allen Grund, um aufgewühlt zu sein: Sein jahrzehntelanger Kampf für die Freiheit der tschechischen Nation scheint nun einem letzten Höhepunkt zuzusteuern. Schon während des Jurastudiums an der Prager Karlsuniversität hatte er sich als radikaler Verfechter der tschechischen Unabhängigkeit hervorgetan, 1893 war er nach einem öffentlichen Auftritt als Redner das erste Mal verhaftet und im so genannten Omladina-Prozess zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, im November 1895 jedoch begnadigt worden: Rašín, von tiefem Hass gegen die Österreicher verzehrt, lehnte zum Erstaunen der Gefängnisbeamten den Gnadenerweis jedoch ab – beinahe mit Gewalt musste er aus seiner Zelle geschleppt werden.
Zu Beginn des neuen Jahrhunderts hatte Rašín in Prag eine Anwaltskanzlei eröffnet, daneben aber auch Beiträge für die nationaltschechische Zeitung Národní listy geschrieben und sich weiterhin politisch engagiert; 1911 war er zum Abgeordneten im Reichsrat gewählt worden. Mit Beginn des Krieges hatte dann sein Aufstieg zu einem der führenden Männer des antihabsburgischen tschechischen Widerstandes begonnen, nun war er auch in Kontakt mit Tomáš Garrigue Masaryk, dem Haupt des tschechischen Exils, getreten. Insbesondere die Abwehrabteilung des Armeeoberkommandos, die vor allem negative Auswirkungen auf die Kampfkraft tschechischer Truppen befürchtete, wollte seinem Treiben jedoch nicht lange zusehen: Bereits am 12. Jänner 1915 wird er verhaftet, am 6. Dezember 1915 beginnt vor einem Militärgericht in Wien die Hauptverhandlung gegen ihn und den Reichsratsabgeordneten Dr. Karel Kramář, den Führer der tschechischen Sozialdemokraten. Der Staatsanwalt wirft beiden angeklagten Tschechen Hochverrat vor; zwei weitere Mitstreiter, der Redakteur Vincenz Červinka von den Národní listy und der Buchhalter Joseph Zamazal, sitzen wegen „Ausspähung“, d. h. Spionagetätigkeit, auf der Anklagebank.
Nach sechsmonatigen Verhandlungen, geleitet von dem berüchtigten Militärrichter Oberleutnant-Auditor Hofrat Dr. Peutlschmid, der mit großer Gründlichkeit in alle Winkel der Tschechenfrage von ihrem Anbeginn her hineinleuchtet, folgt das Urteil: Tod durch den Strang für alle vier Angeklagten. Die Urteilsbegründung bleibt geheim und wird nicht publiziert – Ministerpräsident Stürgkh will die Tschechen nicht „kränken“, obwohl das Armeeoberkommando und Böhmens Statthalter Max Graf Coudenhove für eine Veröffentlichung sind, um jeder Legendenbildung entgegenzuwirken. Eine Nichtigkeitsbeschwerde beim Obersten Landwehrgerichtshof bleibt ergebnislos.
Während Rašín in der Todeszelle auf seine Hinrichtung wartet, stirbt Kaiser Franz Joseph I. – der Tod des alten Mannes bedeutet für ihn Leben. Die Todesstrafe wird im Jänner 1917 in eine 10-jährige Haftstrafe umgewandelt; am 2. Juli 1917 folgt – gegen den Rat von Generalmajor Max Ronge, dem Chef der Nachrichtenabteilung im Generalstab – die Amnestie durch Kaiser Karl, Rašín und seine drei Landsleute sind wieder freie Männer.
Die Aufenthalte in österreichischen Gefängnissen haben Alois Rašín nicht mutlos gemacht – im Gegenteil: Er ist agiler denn je, tatkräftig und kompromisslos, kümmert sich wenig um Freund und Feind und hat nur ein Ziel: Österreich-Ungarn muss untergehen!
Der Grund für die Zuversicht des Ehepaars Rašín, das schlaflos dem Morgen entgegenfiebert, sind die letzten Nachrichten, die man am Vorabend aus Wien erhalten hat. Um 20 Uhr hatte sich Vlastimil Tusar, der Verbindungsmann des Nationalausschusses und Vertreter des Vereins der tschechischen Reichratsabgeordneten, telefonisch gemeldet und Bericht über die letzten Ereignisse erstattet: Bereits zu Mittag habe der neue Innenminister Gayer ihn, Tusar, zu einer kurzen Unterredung ins Ministerium gerufen. Der Generalstab beim Armeeoberkommando in Baden wolle mit ihm sprechen, es handle sich um die Unruhen unter den Truppen an der Front. Man wünsche sich die Unterstützung von Abgeordneten der einzelnen Nationalitäten, die zu den Soldaten sprechen sollten. Er habe aber abgelehnt – nach Baden fahre er auf keinen Fall, zu Verhandlungen in Wien sei er jedoch bereit.
Am Abend sei dann noch Generalmajor Max Ronge zu ihm ins Hotel gekommen. Man müsse, so der Chef der k. u. k. Abwehr, bei der Armee bolschewistische Ausbrüche befürchten, tschechische Abgeordnete sollten deshalb an die Front gehen und die tschechischen Regimenter zum Ausharren bewegen. Ronge habe die kritische Lage des österreichisch-ungarischen Heeres geschildert, die Verzweiflung der Verantwortlichen wiedergegeben.
Rašín, der nun die Stunde der Revanche für all das, was er an Verfolgung und Schikanen von Seiten der österreichischen Behörden zu erleiden hatte, gekommen sah, hatte Tusar auf diesen Bericht hin entsprechend hart und triumphierend Bescheid gegeben: „Wir können keine Abgeordneten an die Front schicken, solange nicht Österreich-Ungarn einen Waffenstillstand ohne jede Bedingung unterzeichnet!“
Dass Ronge, der Tschechenhasser, der Mann, der als fragwürdiger „militärwissenschaftlicher Sachverständiger“ während des Prozesses alles getan hatte, um ihn und Kramář an den Galgen zu liefern, nun so zu Kreuze gekrochen kam, überzeugte Rašín insgeheim in der Auffassung, dass der Zusammenbruch der k. u. k. Armeen unmittelbar bevorstehen müsse. Nach außen hin blieb er jedoch gelassen und ließ Ronge durch Tusar ausrichten, dass er mit dem Nationalrat über diese Sache verhandeln werde, mit einer Antwort sei für den kommenden Morgen zu rechnen. Tusar reichte diese Antwort des Prager Abgeordneten sofort an das Wiener Sekretariat der Südslawen weiter, das seinerseits den südslawischen Nationalrat in Agram informierte.
Wegen „Hochverrats“ von einem österreichischen Militärgericht zum Tode am Galgen verurteilt und von Kaiser Karl begnadigt: Dr. Alois Rašín, führendes Mitglied des tschechischen Nationalausschusses.
Nach dem Gespräch mit Tusar hatte Rasín sofort mit Dr. Josef Scheiner, dem Starosten der tschechischen Sokolbewegung, telefoniert – man müsse sofort alle Vorbereitungen für den Umsturz treffen, bereits in wenigen Stunden könne es so weit sein. Scheiner versprach, sofort alles Notwendige zu veranlassen.
Um 23 Uhr hatte sich dann Tusar noch einmal am Telefon gemeldet, diesmal aber nichts Neues zu berichten gewusst. Rašín gab seinem Wiener Verbindungsmann zu verstehen, dass er fest mit dem „Umsturz“ für den kommenden Tag rechne …
2 UHR
An der Piavefront bei Nervesa. Die Alliierten versuchen einen neuen Brückenkopf zu bilden: Truppen des VIII. italienischen Korps gehen über den Fluss und versuchen am linken Ufer Fuß zu fassen; der 51. Honvédinfanteriedivision gelingt es jedoch im Gegenstoß den Feind zu vertreiben.
Ein Missgeschick trifft die von Lord Cavan kommandierte 10. Armee der Alliierten bei der Papadopoli-Insel: Da der Wasserstand des Piave fällt, ändert sich auch die Hauptströmung des Flusses, die nun nicht mehr senkrecht auf die lebenswichtige, über 450 Meter lange Brücke bei Salettuol trifft, sondern in einem Winkel. Der am 26. Oktober von britischen Pionieren fertig gestellte Übergang, auf dem am 27. die Stoßtruppen der 23. britischen Infanteriedivision erfolgreich über den Fluss gingen, ist zur Hälfte eine so genannte „Bockbrücke“, zur anderen eine Pontonbrücke, was nun zum Nachteil wird: Durch die veränderte Strömung werden die „Bockfüße“ unterwaschen und die „Bockschwellen“ leicht ineinander verzwängt, das Wasser beginnt die Brücke zu überströmen, schließlich reißen sich zwei Pontons aus ihrer Verankerung los – die Brücke ist damit unpassierbar für den Nachschub und die am rechten Piaveufer wartenden Reserven; mehrere verzweifelte Versuche zur Reparatur der Brücke scheitern: Ständig gestört von österreichischem Geschützfeuer, gelingt es in der Dunkelheit nicht, neue Pontons so auf die Brücke zuzusteuern, dass sie genau in die Lücken treffen. Als ein Ponton kentert und ein britischer Pionier ertrinkt, gibt man auf. Erst mit Hilfe italienischer pontonieri kann die Brücke wieder instand gesetzt werden. Um der dringend notwendig gewordenen Versorgung der Truppen am linken Piaveufer eine sichere Basis zu geben, entschließt man sich einen zweiten Übergang bei der Papadopoli-Insel zu errichten.
2 UHR 30
Auswärtiges Amt, Berlin. Blitzschnell, noch vor Veröffentlichung der Note Andrássys mit der Bitte um einen Separatfrieden, reagiert die deutsche Regierung auf die neue Situation: In einem Telegramm des Auswärtigen Amtes an Staatssekretär von Hintze bei der Obersten Heeresleitung wird angeregt, nunmehr verstärkt den Kontakt mit der Provisorischen Nationalversammlung „Deutschösterreichs“ zu suchen. Die Nationalversammlung solle Kundgebungen zugunsten des Waffenbündnisses mit dem Deutschen Reich veranstalten und dadurch Druck auf die Regierung Lammasch ausüben – immer klarer zeigt sich, dass Berlin bereits mit dem Entstehen eines neuen Staates an der Donau spekuliert und dieses Szenarium auch konsequent weiterdenkt: Der Gedanke eines „Anschlusses“ Deutschösterreichs an das Deutsche Reich nach Kriegsende wird als konkrete Möglichkeit ins Auge gefasst, Botschafter Graf Botho von Wedel in Wien dazu angehalten, den deutschösterreichischen Abgeordneten diese Lösung – von der viele träumen – als „Belohnung“ für ihre Loyalität in Aussicht zu stellen. Wedel, seit 1916 Vertreter des Deutschen Reichs in Wien, nimmt sich vor, noch an diesem Tag Dr. Victor Adler, den für außenpolitische Fragen zuständigen Mann im Vollzugsausschuss der Provisorischen Nationalversammlung, entsprechend zu instruieren.
Der Gedanke, dass man die deutschsprachigen „Landsleute“ in Österreich-Ungarn nach dem Zusammenbruch der habsburgischen Herrschaft vielleicht schützen werden müsse, geht natürlich einher mit ersten Überlegungen, deutsche Truppen in Österreich einmarschieren zu lassen. Immerhin versucht das Auswärtige Amt sofort die notwendigen Finanzmittel bereitzustellen: Zehn Millionen Mark für Geheimunternehmungen in Österreich-Ungarn werden vom Finanzministerium beantragt …
Die Deutschen fühlen sich verraten und hintergangen: Über die Absicht Andrássys und Kaiser Karls, bei der Entente mit der Bitte um einen Separatfrieden einzukommen, werden Botschafter Wedel und General August von Cramon, der bevollmächtigte deutsche General beim k. u. k. Armeeoberkommando, bereits Sonntag früh von Major Fleck vom AOK aus Baden telefonisch verständigt. Fleck beruft sich auf eine Mitteilung von Generalstabsmajor Edmund Glaise von Horstenau, der als Informant den Deutschen schon oft hervorragend gute Dienste geleistet hat. Als überzeugter Anhänger des Bündnisses mit Deutschland sehe dieser nun keinen anderen Ausweg, als die deutsche Militärmission über die Pläne der österreichisch-ungarischen Führung zu informieren. Graf Wedel begibt sich auf diese Nachricht hin ins Außenministerium und verlangt Aufklärung, Andrássy beruhigt den Botschafter und legt ihm den Entwurf zur beabsichtigten Note vor – der Text scheint Wedel unbedenklich, Glaise von Horstenau, so meint er, hätte diesmal übereilt gewarnt. Was er allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Karls Außenminister hat ihm nur die halbe Wahrheit mitgeteilt, dem Entwurf fehlt der entscheidende letzte Satz, in dem die Wiener Regierung sich bereit erklärt, in Friedensverhandlungen einzutreten, „ohne das Ergebnis anderer Verhandlungen abzuwarten“ – in den Augen der Deutschen offener Verrat am Bündnis, ein Treubruch, der letztlich Österreichs Untergang nicht verzögern werde.
Verwundert müssen die Deutschen feststellen, dass selbst Generalstabschef Arz nicht in die Beratungen über die Textierung der Note miteinbezogen, ja, erst am späten Abend des 27. durch einen Telefonanruf des Kaisers über deren Existenz informiert worden ist und ihren genauen Inhalt mühsam im Außenministerium erfragen musste.
Während man in Berlin bereits darüber nachdenkt, wie man aus dem Zerfall Österreich-Ungarns noch rasch Kapital für sich selbst schlagen könnte, beginnt es sich auf den dunklen Straßen der Haupt- und Residenzstadt Wien, in denen ansonsten nur der Marschtritt der allgegenwärtigen Militärpatrouillen zu hören ist, zu regen: Die ersten Menschen treffen vor Bäckereien und Brotgeschäften ein, um im Wettlauf um ein bisschen Brot eine günstige „Warteposition“ zu ergattern. Ab halb drei Uhr, so hat die Wiener Polizeidirektion verfügt, ist es gestattet sich anzustellen. In Viererreihen, fest vermummt gegen die durchdringende Nachtkälte, warten die Unentwegten im fahlen Licht der Bogenlampen – wer jetzt einen Platz besetzt in der Reihe der grauen Gestalten, hat die Aussicht in über vier Stunden, etwa um 6 Uhr 45, zum ersehnten Brot zu kommen. Erfahrene „Schlangensteher“ haben vorgesorgt und ihr „Feldstockerl“ mitgebracht, auf dem sie im Sitzen vor sich hindösen.
Gegen 6 Uhr 15 werden sich endlich die Türen öffen. Zu viert, so wie sie angestellt sind, werden sie auch eingelassen. In einer knappen Stunde werden die Vorräte weg sein, und an der Tür wird der ominöse Zettel Ausverkauft erscheinen. Aber zahlreiche Menschen werden noch dastehen und haben weder Brot noch Mehl bekommen – für sie gilt es auszuharren, auf die nächste Nacht und den nächsten Morgen zu hoffen, auf die nächste Warteschlange …
Freilich gibt es auch viele Menschen in Wien, die sich ihr Brot nicht selbst „organisieren“ müssen, die auch ohne „Brotkarte“ kaum Mangel leiden. Der Krieg lässt nun die Gegensätze zwischen Notleidenden und Wohlhabenden immer deutlicher hervortreten, er lässt Neid und Missgunst wachsen, den Hass auf jene, denen es besser geht oder von denen man glaubt, dass es ihnen besser geht …
3 UHR
Monte Pertica im Grappa-Massiv. Nach drei schlaflosen Nächten haben die Überlebenden des Kärntner Infanterieregiments Graf von Khevenhüller Nr. 7 endlich etwas Ruhe gefunden. Der Wahnsinns-Angriff zur Rückeroberung des verlorenen Gipfels, eines der am heftigsten umkämpften im Umfeld des Monte Grappa, hat am 27. Oktober in einem Blutbad geendet: 862 Mann und 35 Offiziere sind tot, nur etwa 400 haben das Gemetzel überlebt. Da im so genannten „Südlager“ alle Kavernen besetzt sind, bleibt dem letzten Häuflein getreuer Khevenhüller nichts anderes übrig, als sich aufzuteilen und bei den Kameraden von anderen Einheiten Unterschlupf zu suchen. Ein Ausharren in ungeschützter Stellung wäre tödlich: Vor allem die eigene Artillerie ist es, die immer wieder Opfer fordert. Vergeblich bemüht sich Hauptmann Dr. Norbert Assam dies zu ändern – das Abschießen grüner Leuchtraketen hilft ebenso wenig wie das Toben am Telephon. Vierzehn Verwundete werden an diesem Tag zu beklagen sein, am 29. jedoch 70 Tote: Das verlustreiche Kurzfeuer der Vortage steigerte sich zeitweise geradezu zum Trommelfeuer. Mit gellendem Krachen barsten schwere, tempierte Granaten über dem Südlager, haushoch stieg die Erde empor beim Einschlagen schwerer Geschosse. Maschinengewehre gingen in Trümmer, die restlichen Infanteriegeschütze wurden zerschlagen, wachsbleich mit zerspellter Stirn lagen Tote überall umher und vermehrten die Anzahl derer, die längs des Weges zum Nordlager in langen Reihen geschlichtet lagen wie Brennholz …
Schuss um Schuss auf die feindlichen Linien: österreichische Geschützstellung in einer Kaverne.
3 UHR 50
Bes, Südtirol, Regimentskommando des 4. bosnisch-herzegowinischen Infanterieregiments. Die seit dem 23. Oktober auftretenden Gehorsamsverweigerungen bei der bosniakischen Elitetruppe in der Südtiroler Etappe lassen sich nicht mehr, wie vom Heeresgruppenkommando in Belluno gewünscht, intensivst disziplinieren. Die Männer mit dem Fez, deren außergewöhnliche Tapferkeit im Kampf sprichwörtlich ist, sind seit der Verlautbarung des kaiserlichen „Völkermanifests“ vom 16. Oktober wie ausgewechselt. Sie klagen darüber, dass der Kaiser sie mit dieser Erklärung an die Ungarn ausgeliefert habe, allen anderen Völkern der Monarchie sei ihr Recht geworden, nur den Bosniern nicht. Ihre Zukunft sei damit völlig ungewiss, dazu komme, dass die Unterhaltsbeiträge an ihre Familien nur schleppend ausbezahlt würden, auf ihren Höfen werde alles requiriert, was nur irgendwie verwertbar sei; ohne Männer würden die Felder verkommen. Nicht zuletzt sei auch die Verpflegung bei weitem unzureichend, ihre Uniformen zerrissen und zerfetzt. Sollten sie nun an der Front fallen, so wären ihre Familien dem sicheren Untergang geweiht.
Hauptmann Gyebic trifft beim Regimentskommando in Bes zur vereinbarten Situationsmeldung ein und berichtet, dass es weiterhin unmöglich sei, die Meuterer, die zwischen Cugnach und Carmegn versammelt seien, zur Einsicht zu bewegen. Sie seien entschlossen nicht mehr in Stellung zu gehen und sie würden auch nicht zulassen, dass einzelne Einheiten des Regiments zum Straßenbau abgetrennt würden. In ein bis zwei Tagen, so ihre klare Forderung, möchte man in die Heimat abtransportiert werden. Oberst Leo Kuchynka, der Kommandant der Truppe, ist ratlos. Er glaubt, dass die Rebellion von langer Hand vorbereitet ist. Da die Meuterer, an ihrer Spitze das 1. Bataillon, sehr geschickt als geschlossenes Kollektiv vorgehen und sich keine Rädelsführer ausmachen lassen, ist es ihm jedoch unmöglich, gegen einzelne Personen vorzugehen. An eine Entwaffnung der Bosniaken ist nicht zu denken, es bleibt dem Obersten nichts anderes übrig, als das Heeresgruppenkommando in Belluno um Hilfe zu bitten – so genannte „Assistenztruppen“ werden angefordert, womöglich auch Artillerie …
4 UHR
An der Piavefront. Ernste disziplinäre Probleme auch bei der 20. Brigade im Kampfverband der 10. Infanteriedivision. Das tschechische Infanterieregiment Nr. 21 weigert sich geschlossen zum geplanten Gegenstoß anzutreten, die dem Regiment zugeteilten „deutschen“ Offiziere werden von der Mannschaft in einem Kirchhof eingeschlossen. Falls man sie nach Hause marschieren lasse, so erklären die Soldaten, würden sie weiter nichts unternehmen. Vergeblich versuchen die Kommandanten die Meuterer von ihrem Vorhaben abzubringen; schließlich lässt man das Regiment abmarschieren, um im Rücken der schwer kämpfenden Truppen Ordnung zu halten, wie Hauptmann Oskar Regele später erklärt. Die 10. Infanteriedivision, auf dem Papier der Generalstäbler eine kampfkräftige „Eingreifdivision“, bietet ein trauriges Bild: große Abgänge an Malaria, schlecht verpflegte Soldaten, jedes Regiment besteht eigentlich nur mehr aus einem Bataillon, von der Artillerie ist kaum mehr als die Hälfte bespannt und bemannt, die Geschütze hat man in so genannten „Rücklaufgruppen“ hinter der Front gesammelt – ein Angriff auf die vorrückenden Alliierten ist in dieser Verfassung Utopie, was bleibt ist der Rückzug zum Monticano und weiter zum Tagliamento.
Inzwischen gehen Teile der italienischen 56. Division unter dem Kommando von General Vigliani und der italienischen 33. Division, befehligt von General Sanna, beide Einheiten zum XXIII. italienischen Korps zählend, im Bereich des XIV. Korps über den Piave und besetzen den Frontabschnitt von C. la Sega bis C. Tonon.
4 UHR 22
Bahnhof der nordwestkroatischen Grenzstadt Koprivnica an der Strecke Budapest – Zagreb. Der Personenzug aus Budapest fährt pünktlich ein. Auf dem ansonsten einsamen und nur schwach beleuchteten Bahnsteig wartet schweigend eine Schar seltsam gekleideter bärtiger Männer, die sich in kleine Gruppen geteilt hat und nun rasch in die Waggons steigt: eine mit Bajonetten bewaffnete Bande von Deserteuren, die während der Weiterfahrt des Zugs Richtung Süden in aller Ruhe mit dem Ausrauben der Fahrgäste beginnt. Das ungarische Zugpersonal ist machtlos; wer Widerstand leistet, wird von den ehemaligen Soldaten der kaiserlichen Armee brutal zusammengeschlagen; die Deserteure raffen zusammen, was sie nur kriegen können: Bargeld, Uhren, Schmuck und selbst die Kleider ihrer Opfer werden in die mitgebrachten Säcke gestopft. Alles ist exakt geplant: Erst unmittelbar vor Zagreb wird die Bande mit ihrer Beute den Zug verlassen, Verfolgung durch Militär oder Polizei hat sie nicht zu befürchten, aus Angst vor den Deserteuren ist das Bahnpersonal in den meisten Stationen bereits geflüchtet; ungehindert konnten so am Vortag auf der Strecke Zagreb – Brod an der Save 150 Waggons geplündert werden. Da die Bahnen ungarisches Staatseigentum sind, sind sie ein bevorzugtes Ziel der meist antimagyarisch eingestellten Deserteure.
Zur gleichen Zeit im Bahnknotenpunkt Našice in der slawonischen Gespanschaft Osijek-Baranja: An die 700 meuternde Soldaten vom dalmatinischen Schützenregiment Nr. 23 halten seit dem Nachmittag des 27. Oktober die Stadt besetzt, seit 18 Uhr toben in den Straßen blutige Auseinandersetzungen. Bürgermeister und Stationskommandant haben alles versucht, um es nicht zu dieser Orgie der Gewalt kommen zu lassen: Man hat die Soldaten mit einem ausgiebigen Essen bewirtet, hat ihnen ein sicheres Quartier versprochen und sogar einen eigenen Zug, der sie nach Prijedor in Bosnien bringen sollte – vergeblich, denn mit den Meuterern sind auch Komitadschis des so genannten „Grünen Kaders“, irreguläre Freischärler, in die Stadt gekommen, die nun an vorderster Front an den Ausschreitungen beteiligt sind: Vor allem jüdische Geschäfte, Gast- und Kaffeehäuser werden geplündert und in Brand gesteckt, die Wahrzeichen der alten Herrschaft, Bezirkshauptmannschaft, Gemeindeamt und Gutskanzlei, werden verwüstet, ein Magazin in der Stadtmitte wird ausgeraubt und niedergebrannt; aus dem Pferdespital von Našice führt man 195 Pferde fort.
Als die Feuerwehr anrückt, drohen die Komitadschis mit dem Einsatz von Schusswaffen. Russische Kriegsgefangene, die in Našice stationiert sind, und auch die Bevölkerung aus der Umgebung schließen sich den Plünderungen an, die sich schließlich auch gegen Privathäuser richten und bis in das Morgengrauen hinein andauern. Mit Pferdefuhrwerken wird die Beute weggebracht; schließlich zündet man auch noch das Bahnhofsgebäude an und macht damit jeden weiteren Bahnverkehr unmöglich. Und auch vor Mord und Totschlag schrecken die Plünderer nicht zurück: 20 Menschen überleben diese Nacht des Schreckens nicht …
Über den Piave: Die Pontonbrücken der Alliierten von Salletuol zur Grave di Papadopoli (oben) und von der Insel zum „österreichischen“ Ufer.

5 UHR
Piavefront bei Pederobba. Französische Pioniere haben im Kampfabschnitt der 12. alliierten Armee, die von General Jean Graziani befehligt wird, die Nacht durchgearbeitet und eine der zerstörten Brücken wiederhergestellt. Das 138. Regiment kann nun über den Fluss gehen und die fünf Bataillone verstärken, die am Tag zuvor gegenüber Pederobba einen Brückenkopf freigekämpft haben. Den Franzosen folgen italienische Alpini-Einheiten über den Fluss.
Fortschritte gibt es in der Nacht auch für die 10. Armee der Alliierten bei der Grave di Papadopoli: Über die intakte Brücke bei Salettuol haben trotz heftigem österreichischem Artilleriefeuer die Como-Brigade der 56. Division und ein Regiment der Bisagno-Brigade der 33. Division das linke Ufer des Piaveerreicht. Wie geplant setzt Punkt fünf Uhr vor der gesamten Front der 10. Armee das Sperrfeuer der italienischen und britischen Artillerie ein: Angriffsvorbereitung für die Como-Brigade. Als Zeitpunkt des Angriffs ist 9 Uhr festgelegt; Ziel ist es, die Frontlinie am linken Flügel der Armee etwa 3.000 Yards (ca. 2.800 m) weiter vorzuschieben. Jeweils nach 6 Minuten, so die exakte Disposition für die Männer an den Geschützen, müsse das Feuer 100 Meter weiter feindwärts liegen.
Inzwischen beginnt auch am rechten Flügel der Isonzoarmee wieder der Kampf. Ein Sturmbataillon der 64. Honvédinfanteriedivision erobert das Dorf Roncadelle zurück, wird dann jedoch von italienischen Truppen umfasst und kann sich nur mit knapper Not durch die feindlichen Linien zurück in die eigenen Stellungen durchschlagen.
Noch herrscht Zuversicht bei den österreichisch-ungarischen Truppenführern, noch glaubt man die Engländer und Italiener wieder über den Piave zurückdrängen zu können. Der Kommandant der 6. Armee, General der Kavallerie Alois Fürst Schönburg-Hartenstein, während der Juni-Offensive durch einen Granatsplitter am Magen verwundet und nun bereits wieder im Einsatz, lässt neue k. u. k. Truppen heranführen: Die zweiten Stellungen am Monticano werden durch die 10. Infanteriedivision, die 26. Schützendivision und die 24. Infanteriedivision verstärkt; bei Oderzo bereitet sich die 8. Kavalleriedivision zum Gegenangriff über Ormelle vor. Reserven der 70. Honvédinfanteriedivision verstärken bei Roncadelle die 64. Honvédinfanteriedivision und versuchen neuerlich dieses Dorf und die Negrisialinie anzugreifen. Im Raum östlich von Conegliano sammeln sich, aus Sacile und Pordenone kommend, die 36. Infanteriedivision, die 43. Schützendivision und die halbe 44. Schützendivision – aus den drei Einheiten soll eine neue, schlagkräftige Stoßgruppe gebildet werden, befehligt von Feldmarschallleutnant Maximilian von Nöhring. Der Plan sieht vor, dass diese Stoßgruppe im Verein mit der 10. Infanteriedivision und den drei Eingreifdivisionen der Isonzoarmee in einem konzentrierten, massiven Gegenangriff den Brückenkopf der Alliierten westlich von Oderzo „eindrückt“ und den Feind über den Piave zurückwirft. Keine schlechte Planung des Generalstabs, allerdings soll sich bald zeigen, dass man zwei Faktoren nicht ausreichend berücksichtigt hat, nämlich erstens den Faktor Zeit: Man hat auf den Vorstoß der Briten über die Insel Papadopoli hinweg etwas zu langsam reagiert, ihnen zu wenig entschiedenen Widerstand entgegengesetzt. Die britischen und in ihrem Gefolge italienischen Verbände können daher den Brückenkopf rascher ausweiten als erwartet, zugleich sammeln sich die k. u. k. Reserven in eher behäbigem Tempo – die Chancen eines erfolgreichen Gegenangriffes sinken buchstäblich mit jeder Stunde. Artillerie und Fliegertruppe sind nicht mehr in der Lage, den Nachschub über den Piave entscheidend zu stören, sodass die materialmäßige Überlegenheit des Feindes ebenfalls immer stärker zum Tragen kommt.
Zweitens hat man den Faktor Kampfkraft bzw. die Verlässlichkeit der herangeführten Reserven überschätzt: Gerade bei den Truppen, die aus der Etappe kommen, ist die Bereitschaft zum Kampf schon gering. Niemand will im letzten Moment noch sein Leben riskieren für eine Sache, die nicht mehr die eigene zu sein scheint. Die beunruhigenden Nachrichten aus der Heimat tun ein Übriges, um die Zersetzung des Heeres voranzutreiben. Nicht zuletzt sieht man sich einem Feind gegenüber, der bestens gerüstet und materialmäßig weit überlegen ist. Das gilt für die Artillerie, aber auch für die Fliegertruppe und für Spezialeinheiten wie die Aufklärer.
6 UHR
Wien, Schloss Schönbrunn. Kaiser Karl, noch Herrscher über den zweitgrößten Staat Europas und mehr als 52 Millionen Menschen, steht auf. Die harte Wirklichkeit hat die Welt der Träume rasch beiseite geschoben. Wie Franz Joseph I., sein Vorgänger auf dem Thron, hält auch Karl eisern sein Tagesprogramm ein, Tag für Tag arbeitet er, gibt Audienzen und leitet Besprechungen, wühlt sich durch Aktenberge und unterschreibt gewissenhaft Schriftstücke, die ihm vorgelegt werden.
Karl, der tiefgläubig ist, weiß, dass dieser kommende Tag und die Tage danach für ihn und seine Familie, für die Dynastie und die Monarchie Schicksalstage sein werden. Die Hiobsbotschaften der letzten Tage, die immer klarer zutage tretende Aussichtslosigkeit der Lage, die endlosen Gespräche mit Vertretern aller Nationalitäten, die Konferenzen mit Militärs und Ministern haben ihn in einen seltsamen Zustand versetzt: Eine Mischung aus Widerstandsgeist und Ohnmachtsgefühl, aus betäubender Verzweiflung und Gottvertrauen treibt ihn vorwärts. Mit Rücksicht auf sein geschwächtes Herz sollte er, so haben die Ärzte empfohlen, etwas zurückstecken – Karl will jedoch daran gar nicht denken; als erster Diener seiner Länder und Völker akzeptiert er beinahe widerstandslos die ihm vorgelegten Tagesprotokolle. Er ist bereit um den Thron seiner Ahnen zu kämpfen …
Das Frühstück, die Hauptmahlzeit des jungen Monarchen, ist wie immer sehr stark: gebratenes Fleisch, Obst, Mineralwasser, ohne Kaffee oder Tee. Dann folgt der Gang zur Heiligen Messe in der Schlosskapelle; wie meist empfängt Karl die Kommunion.
Karl I., Kaiser von Österreich und als Karl IV. König von Ungarn, ist als Herrscher nicht mehr unumstritten. Politisch unbedacht und unerfahren, schlitterte er in die Sixtusaffäre, die verheerende Konsequenzen für seine Reputation als Monarch haben sollte. Indem er die Autorschaft für die Briefe an den Prinzen Sixtus Bourbon-Parma zunächst vehement abstritt, erschien er vielen als Lügner und Schwächling und beschwor durch sein fortgesetztes ungeschicktes Verhalten einen Machtkampf mit Außenminister Czernin herauf, dem schließlich nichts anderes übrig blieb als seinen Rücktritt einzureichen. In der Armee hatte Karl sein Ansehen damit verspielt – Generaloberst Arz von Straußenburg brachte es August von Cramon, dem Deutschen Bevollmächtigten General beim k. u. k. Armeeoberkommando, gegenüber angeblich auf den Punkt: Ich habe erfahren, dass mein Kaiser lügt!
Als Resultat der Sixtusaffäre hatte sich die Position Österreich-Ungarns gegenüber dem Deutschen Reich entscheidend verschlechtert. In Berlin forderte man nach diesem Alleingang Karls für den habsburgischen Bündnispartner strenge Kontrolle: „Vertrauen kann man jetzt nicht mehr haben, also müssen wir Garantien fordern“, depeschierte Cramon an Hindenburg; Kaiser Wilhelm II., der seiner moralischen Entrüstung über den „verräterischen“ Bündnispartner nicht genug Ausdruck geben konnte, verlangte, dass sich Karl bei ihm persönlich zu entschuldigen habe – eine Forderung, der der österreichische Monarch am 12. Mai 1918 mit einer Reise nach Spa ins deutsche Hauptquartier wohl oder übel nachkam. Den Wünschen der Deutschen konnte Karl nichts mehr entgegensetzen: Eine Militärkonvention wurde geschlossen, mit der sich Österreich-Ungarn endgültig in völlige Abhängigkeit vom Deutschen Reich begab; die bisher „Oberste gemeinsame Kriegsleitung“ wurde durch eine „Oberste Kriegsleitung“ ersetzt. Die Gazetten der beiden Monarchien lobten die Erweiterung des Bündnisses als wichtigen Schritt, als welthistorisches Ereignis.
Als führungsschwach in den Augen der Militärs zeigte sich Karl bei den Vorbereitungen zur letzten Offensive an der Italien-Front im Juni 1918: Er stimmte zwar dem mit Conrad, damals Kommandant der Heeresgruppe Tirol, besprochenen Operationsplan zu, der einen Angriff aus dem Raum Asiago vorsah, ließ sich aber nach der Abreise Conrads zu den Truppen vom Generalstab wieder „umdrehen“ und plädierte nun für eine Offensive weiter östlich zwischen Astico und Piave. Für die Generäle an der Front war klar: Der Monarch war in Fragen der umfassenden operativen Planung überfordert, vor allem aber den Intrigen und „Spielchen“ der mächtigen Männer im Armeeoberkommando nicht gewachsen. Dazu kam das nachdrückliche Bestreben Karls, einen „sanften“ Krieg führen zu wollen, einen Krieg also, der mit möglichst wenig Blutvergießen auskommen sollte – für die an den Zynismus des täglichen Blutvergießens gewöhnten Generäle eine seltsame Haltung, die von ihnen als gefährliche Inkonsequenz interpretiert wurde: Wer den Krieg siegreich führen will, so das zynische Kalkül der Militärs, kann nicht auf die Opfer blicken …
Karl möchte den Krieg beenden, einen Krieg, von dem er jedoch bis zum Ende seines Lebens überzeugt sein wird, dass es ein „gerechter Krieg“ war. Ein Krieg, den Österreich zur Selbstverteidigung gegen die Interessen der feindlichen Großmächte, vor allem von Russland und Italien, gegen Freimaurer, Sozialisten, Bolschewiken zu führen gehabt hätte. Nie wird er zu der Erkenntnis gelangen, dass Österreich im Einvernehmen mit dem Deutschen Reich den Krieg im Juli 1914 mutwillig vom Zaun gebrochen hat, dass es eine Hand voll Männer war, die geglaubt hatte, das scheinbar hoffnungslos unterlegene Serbien angreifen zu müssen, ermutigt dazu durch die zum Krieg bereiten Militärs in Berlin, die ihrerseits die Chance gekommen sahen, zum Schlag gegen Russland ausholen zu können. Moltke lockte Österreich mit dem berühmten „Blankoscheck“ –. Wien war so unvorsichtig zuzugreifen. 1914 wollte niemand Österreich-Ungarn „zertrümmern“ – erst durch die Kriegserklärung provozierte man jene Kräfte, die schließlich zum Zusammenbruch seines Reiches führen sollten.
Kann sich mit dem zynischen Kalkül der Militärs nicht anfreunden: Kaiser Karl I. will den Frieden, hält aber auch den Krieg für „gerecht“.
Auch Karls Gegner sammeln sich für die Kämpfe des Tages. Um 6 Uhr klingelt das Telefon in der Wohnung von Alois Rašín. Am Apparat ist Sokol-Chef Dr. Scheiner. Ob es etwas Neues gebe? Rašín verneint, weist nochmals darauf hin, dass trotzdem alles für den großen „Knall“ vorbereitet werden müsse.
Über dem Frontgebiet am Piave dämmert der Morgen heran. Man bereitet sich auf den neuen Kampftag vor: Punkt 6 Uhr beginnt die Lagebesprechung beim 2. k. u. k. Dragoner-Regiment Graf Paar in der kleinen Ortschaft Camino, wo die Truppe, aus der Reservestellung in Rivarotta kommend, um Mitternacht eingetroffen ist. Oberstleutnant Stluka, ein Tscheche vom Dragoner-Regiment 9, der in Vertretung des beurlaubten Regimentskommandanten Oberst Hugo von Schram das Regiment führt, hat für die Herren Offiziere vom „D 2“ wenig erfreuliche Nachrichten: Englische und französische Truppen hätten am Morgen des Vortags die Dammstellung der ungarischen 7. Division durchbrochen und die Papadopoli-Insel erobert, der weitere Vorstoß des Feindes erfolge auf der Straße Tezze – San Polo – Ormelle.
Zum Gegenangriff sei die 8. k. u. k. Kavalleriedivision befohlen, bestehend aus den Dragoner-Regimentern 2 und 14 (Windischgraetz) sowie den Ulanenregimentern 11 (Kaiser Alexander von Russland) und 12 (Graf Paar); an den Flanken würden die 24. und die 26. Schützendivision Unterstützung bieten.
Für die 2er-Dragoner, die sich in Rivarotta bei guter Verpflegung 6 Wochen lang ausgezeichnet erholt haben, ist dies zunächst kein Grund zur Panik – in bester Ordnung marschiert man über Oderzo nach Colfrancui und geht hier in Stellung: In den Weingärten beiderseits der Straße will man den Feind erwarten, das 1. Halbregiment bildet die vorderste Linie, das 2. Halbregiment die 2. Linie; die II. Maschinengewehrschwadron, befehligt von Leutnant Ernst Putz, und die Tragtiere bleiben auf der Straße; das Regimentskommando wird in der Nähe der Kirche von Colfrancui eingerichtet.
Ein klarer sonniger Herbsttag kündigt sich an, beinahe wolkenlos spannt sich der blaugraue Morgenhimmel über die Ebenen Friauls. Vom Feind noch weit und breit keine Spur, dafür sind es k. u. k. Truppen, die nach Osten zurückgehen, vor allem ungarische Einheiten passieren in kleinen Gruppen den Ort. Auffallend viele Soldaten haben die linke Hand verbunden – Selbstverstümmelung als letztes und endgültiges Argument, um in Richtung Heimat aufbrechen zu können. Zwischen den Infanterieeinheiten tauchen immer wieder einzelne Artillerieabteilungen und Trainfahrzeuge auf – die Front bröckelt auch ohne Feindeinwirkung!
Die 2er-Dragoner, vor allem Egerländer, Tschechen und Kroaten, sehen dem ruhmlosen „Abmarsch“ ihrer ungarischen Kameraden mit gemischten Gefühlen zu, behalten aber eiserne Ruhe und Disziplin; sie sind bereit zu kämpfen.
6 UHR 36
Reichshaupt- und Residenzstadt Wien. Die Sonne geht auf.
6 UHR 50
Prag. Dr. Alois Rašín verlässt seine Wohnung in der Zitna, um sich wie geplant in die Redaktion der Národní listy, der wichtigsten Zeitung des Landes, zu begeben und hier die während der Nacht eingelangten Nachrichten zu studieren. Vor allem aber ist er neugierig auf den Text der Note von Außenminister Andrássy. Im Anschluss daran, so sein Plan, wird er sich mit Sokol-Chef Dr. Scheiner über die weiteren Schritte beraten. Der untersetzte kleine Mann mit Glatze und sorgfältig gepflegtem Spitzbart nimmt heute einen Umweg durch den Stadtpark, um sich innerlich zu sammeln – die Nachrichten von Verbindungsmann Vlastimil Tusar aus Wien haben die freudige Hoffnung auf unmittelbar bevorstehende große Ereignisse geweckt.
Am Wenzelplatz, in der Nähe des Nationalmuseums, trifft Rašín einen Bekannten, von dem er weiß, dass er Mitglied der Sokol ist. Die beiden Männer schütteln sich die Hände; flüsternd fragt der Sokol-Mann: „Geht’s los?“ Rašíns Antwort ist kurz: „Jawohl!“ Dr. Scheiner, so erkennt er zufrieden, hat seine Männer bereits instruiert und auf ihre Wachposten rücken lassen.
7 UHR
Wien, Hohe Warte. Die Zentralanstalt für Meteorologie gibt in ihrem „Internationalen telegraphischen Wetterbericht“ die aktuellen Wetterwerte durch. In Wien hat es nach dem Regen der letzten Tage aufgeklart, dafür ist es deutlich kälter geworden, das Thermometer zeigt 5 Grad, es ist halb bewölkt, in Budapest hat es 6 Grad und es regnet; Prag und Krakau melden bei trübem Himmel ebenfalls 5 Grad, kaum wärmer ist es in Lemberg mit 6 Grad und bewölktem Himmel. Unternormal kalt ist es im Westen und Süden: Innsbruck meldet 1 Grad, Klagenfurt 2 Grad, Agram 4 Grad bei Schneeregen. Angenehme 9 Grad hat es in Triest, wo sich auch der Himmel von seiner heiteren Seite zeigt, immerhin noch 8 Grad erreicht die Quecksilbersäule in Bozen. Keine Werte sind aus Lussinpiccolo eingetroffen, im Kriegshafen Pola regnet es bei 6 Grad. Die Prognose für den kommenden Tag sieht zunehmend heiteres Wetter vor, ab und zu können bei auffrischenden nördlichen Winden unergiebige Schauer auftreten. Die Höchstwerte werden im Wiener Raum 10 Grad nicht übersteigen.
Erstmals in der Geschichte des Telefons gibt es eine Verbindung zwischen Berlin und Wien: Punkt 7 Uhr steht die Leitung; genützt werden kann sie eine Stunde lang bis 8 Uhr. Als nächste Sprechzeit ist 21 Uhr 30 bis 22 Uhr 30 festgelegt. Das Handelsministerium und das Reichspostamt in Berlin reagieren damit auf einen vielfach vorgebrachten Wunsch der österreichischen Pressevertreter.
7 UHR 15
Im Luftraum östlich des Piave. Drei Sopwith-Maschinen der Royal Air Force vom Typ Camel B.2436, befehligt von Lieutenant A. F. White von der 28. Squadron, befinden sich auf Feindflug, unter ihnen, im strahlenden Morgenlicht, die Tiefebene Venetiens. In der Nähe von Cimadolmo entdecken die RAF-Piloten eine zweisitzige feindliche Hansa-Brandenburg, die in etwa 1.000 Fuß Höhe nach Norden fliegt. White greift sofort an: Er zieht die wendige Camel, mit 1.294 Abschüssen das erfolgreichste Jagdflugzeug des Weltkriegs, steil nach unten, setzt sich in den Rücken des Österreichers, feuert eine mörderische Salve aus seiner vor dem Cockpit montierten Twin Vickers machine gun auf ihn und dreht dann ab, um nicht am Gegner vorbeizujagen und in den Kugelhagel des österreichischen Bordschützen zu geraten. Als Nächster attackiert Lieutenant E. J. Ffoulkes-Jones die Hansa-Brandenburg, auch sein Feuerstoß sitzt im Ziel. Lieutenant Lindsay, der dritte Sopwith-Pilot, hat dagegen keine Chance zum Schuss zu kommen, denn schon ist White wieder an der Hansa-Brandenburg und nimmt sie neuerlich unter Feuer – mit Erfolg: Stark qualmend sackt die österreichische Maschine nach unten weg, streift eine Reihe von Baumwipfeln und kracht dann mit der Schnauze voraus auf ein Feld nördlich von Casa Danela, südlich von Visna. White umkreist die Absturzstelle des Gegners noch etwa fünfzehn Minuten lang, sieht, dass der Beobachter offensichtlich tot neben dem Flugzeugwrack liegt, ansonsten ist keine Bewegung auszumachen.
Plötzlich bemerken die drei RAF-Piloten 12 feindliche Flugzeuge, die in einer Höhe von 8.000 Fuß im Anflug auf die britische Frontlinie im Brückenkopf östlich der Grave di Papadopoli sind. Lieutenant White und seine beiden Kameraden versuchen sofort an Höhe zu gewinnen, um die Österreicher abfangen zu können. Während sie noch im Steigflug sind, geraten die feindlichen Maschinen jedoch bereits in das Abwehrfeuer der britischen Bodentruppen und drehen schließlich in Richtung Nordosten ab, zu hoch und zu schnell, um von den in einer Höhe von 5.000 Fuß fliegenden Sopwith noch erreicht werden zu können. In den Annalen der RAF werden sich White und Ffoulkes-Jones den heroischen Abschuss der Brandenburg auf ihrer scoring list teilen müssen …
Während am Piave das Kriegsdrama seinen Lauf nimmt, beginnt Kaiser Karl, der Oberste Kriegsherr des k. u. k. Heeres, in Schloss Schönbrunn seinen Arbeitstag. Im so genannten Gobelinsaal, den einst auch Napoleon benutzt hat, geht er mit seinem Flügeladjutanten das Programm des Tages durch, dann folgt der erste Termin – Lagebesprechung mit Generalstabschef Arz von Straußenburg. Längst zur Seite geschoben ist unter dem Druck des Krieges der große, schwerfällige, zeremoniöse Apparat der verschiedenen Hofbehörden, Karl legt Wert auf Sachlichkeit und Prägnanz, sucht die rasche Entscheidung. Floskeln, Etikette, all der steife Ballast des Hoflebens früherer Tage gelten ihm nichts. Die Stimmung am Beginn des Gesprächs ist etwas kühl. Arz hat dem Kaiser noch immer nicht ganz verziehen, dass er in der Frage von Graf Andrássys Friedensnote übergangen worden ist und nicht einmal seine Meinung dazu vor Absendung des Schriftstücks äußern konnte. Der Generalstabschef unterrichtet Karl über die Darstellung der politischen Lage, die das AOK in den frühen Morgenstunden den beiden Heeresgruppenkommandos und dem Flottenkommando übermittelt habe. In dieser Nachricht an die Befehlszentralen im Feld, so gesteht Arz offen ein, habe er einen Sonderwaffenstillstand eindeutig abgelehnt, da er persönlich nicht glaube, dass ein solcher Schritt von den Alliierten überhaupt angenommen werden würde. Und er betont, dass man auch die Auswirkungen der Note auf die Soldaten an der Front nur schwer einschätzen könne.
Eingehend und prägnant wie immer referiert der 61-jährige Generalstabschef, Träger des Kommandeurkreuzes des Maria-Theresien-Ordens, dann die Situation an der Front. Die Offensive der Alliierten habe noch nicht wirklich entscheidende Fortschritte gemacht, der befürchtete völlige Zerfall auf den ersten Angriff hin sei nicht eingetreten, bereits vier Tage wehre man sich immerhin erfolgreich. Der Kaiser klammert sich an die dünne Hoffnung, dass man sich bis zum Erreichen eines Friedensschlusses halten werde können, auch Arz schließt dies nicht ganz aus. Alles hänge von der Zuverlässigkeit der Truppen ab, und da gebe die Entwicklung der letzten Stunden doch Grund zur Besorgnis – der von Karl sanktionierte Rücktransport ungarischer Einheiten habe einen wahren Flächenbrand ausgelöst. Psychologisch verständlich, wie Arz erklärt – wer möchte schon gerne nach vorne in den Kugelhagel gehen und als Held sterben, während sich die anderen nach Hause verdrücken können?
Karl aber hofiert die Ungarn, willigt in ihre Forderungen ein, weil er hofft, dass zumindest die Krone des heiligen Stephan für die Dynastie gerettet werden kann – das ist auch die Meinung von Arz, eine Politik, wie sich bald herausstellen wird, die sich auf gefährliche Illusionen gründet – nach dem Krieg wird Karl es besser wissen und verärgert in seinen Aufzeichnungen notieren: Der innere Friede scheiterte an der maßlos dummen Haltung herrschender Cliquen von Deutschen und Ungarn …
Der junge Kaiser und sein Generalstabschef können an diesem kühlen Oktobermorgen aber auch nur schwer die Augen davor verschließen, dass sie beide an der explosiven Situation im Inneren, die sich nun so belastend für die Front zeigt, nicht unschuldig sind. Am Abend des 16. Oktober, nach langen Diskussionen über den endgültigen Text, hatte Karl die Veröffentlichung des so genannten „Völkermanifestes“ befohlen, mit dem man ein radikales Zeichen nach außen setzen wollte, tatsächlich aber eine gewaltige Lawine im Inneren lostrat: die Umwandlung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn in einen Bund von Nationalstaaten. Die entscheidenden Sätze hatten gelautet:
„Österreich soll dem Willen seiner Völker gemäß zu einem Bundesstaat werden, in dem jeder Volksstamm auf seinem Siedlungsgebiete sein eigenes staatliches Gemeinwesen bildet … Diese Neugestaltung, durch die die Integrität der, Länder der heiligen ungarischen Krone‘ in keiner Weise berührt wird, soll jedem nationalen Einzelstaate seine Selbstständigkeit gewähren … Bis diese Umgestaltung auf gesetzlichem Wege vollendet ist, bleiben die bestehenden Einrichtungen zur Wahrung der allgemeinen Interessen unverändert aufrecht …
An die Völker, auf deren Selbstbestimmungsrecht das neue Reich sich gründen wird, ergeht Mein Ruf, an dem großen Werke durch Nationalräte mitzuwirken, die – gebildet aus den Reichsratsabgeordneten jeder Nation – die Interessen der Völker zueinander sowie im Verkehr mit Meiner Regierung zur Geltung bringen sollen.“
Mit der Zauberformel „Selbstbestimmungsrecht für die Völker der Monarchie“ hatte man gehofft, das Wohlgefallen von policeman (Karl Kraus) US-Präsident Wilson zu finden, wurde darin aber bitter enttäuscht: In seiner Antwort vom 20. Oktober ließ Wilson keinen Zweifel daran, dass es für diesen Schritt Kaiser Karls bereits zu spät gewesen sei. Inzwischen habe man die Tschechoslowakei als Krieg führenden Staat und Verbündeten anerkannt, ebenso die nationalen Ansprüche der Jugoslawen. Er sehe sich daher nicht mehr in der Lage, „die bloße Autonomie dieser Völker als Grundlage für den Frieden anzuerkennen, sondern ist gezwungen, darauf zu bestehen, dass sie und nicht er Richter darüber sein sollen, welche Aktion auf seiten der österreichischungarischen Regierung die Aspirationen und die Auffassung der Völker von ihren Rechten und von ihrer Bestimmung als Mitglieder der Familie der Nationen befriedigen wird … “
Während sich so das „Völkermanifest“, das sich im Übrigen durch die dem multinationalen Ungarn zugestandene Klausel selbst ad absurdum führte, nach außen hin als völlig wirkungslos erwies, bewirkte es im Inneren eine verhängnisvolle Beschleunigung jener Entwicklungen, die den Zerfall Österreich-Ungarns herbeiführen: So wie das Manifest es angeregt hatte, bildeten die einzelnen Nationen sofort „Nationalräte“. Diese dachten jedoch nicht im Traum daran, die Oberhoheit Habsburgs weiter anzuerkennen und ihre Schritte in einem gesetzlichen Rahmen zu halten, sondern lieferten sich nun ein wahres Wettrennen um die Verteilung der „Beute“. Und bei allen – den Tschechen ebenso wie bei den Deutsch sprechenden Österreichern, bei den Polen ebenso wie bei den Ukrainern – war die Angst groß, dass man zu kurz kommen, die Konkurrenz besser abschneiden könnte. Das Konfliktpotential, das so aktiviert wurde, war unabsehbar – in Ostgalizien und den sudetendeutschen Gebieten sollte es bald zu blutigen Auseinandersetzungen kommen …
Der Agrarstaat Österreich-Ungarn ist nach über vier Jahren Krieg zu einem Reich des Hungers geworden. Besonders betroffen: die Metropole Wien. Angewiesen auf regelmäßige Lebensmittellieferungen aus Ungarn, Böhmen, Mähren und Galizien, wird die Krise des Staates für die Hauptstadt zu einer Frage von Leben oder Tod.
Wer in Wien am Wochenende zu einem kostbaren Stückchen Fleisch auch seine letzten Kartoffeln verspeist hat, muss heute ohne die gewohnte Knolle auskommen: Die „Kartoffelquote“ für diese kurze Arbeitswoche – Freitag, der 1. November, ist Feiertag – sieht vor, dass man gegen Abtrennung des Abschnittes E auf der Lebensmittelkarte von Dienstag bis Donnerstag zum Preis von 72 Heller 1 kg Kartoffeln kaufen kann – mehr ist nicht möglich. Aufgrund des drohenden Lieferungsboykotts durch Böhmen und Galizien scheint selbst dies gefährdet.
Unser „tägliches Brot“ gibt es nur mehr sehr eingeschränkt: Genau 1260 Gramm pro Woche sind für den Nichtselbstversorger vorgesehen, wer nachweislich schwer arbeitet, hat immerhin 1920 Gramm zur Disposition – sofern das Brot überhaupt erhältlich ist und man die Nerven zum stundenlangen Schlangestehen hat. Fleisch ist zu einem wahren Luxus geworden: Selbst für den schwer arbeitenden Nichtselbstversorger sieht die amtliche Regelung nur eine wöchentliche Ration von 125 Gramm vor; als Ergänzung dazu noch 60 Gramm Fett; minimale 40 Gramm Fett darf der „normale“ Nichtselbstversorger verbrauchen – so die Theorie; tatsächlich sind seit 20. Oktober die zur Verteilung gelangenden Mengen oft noch geringer; für die Herstellung von Margarine fehlt es wiederum an Kohle.
Auch die Versorgung mit Milch ist streng rationiert: Ein Achtelliter pro Tag muss genug sein, ausgenommen sind nur stillende Mütter und Kinder bis zum vollendeten 1. Lebensjahr: Sie erhalten 1 Liter täglich, Kinder bis zum 2. Lebensjahr immerhin noch einen halben Liter, bis zum 6. Lebensjahr gibt’s einen Viertelliter.
Selbst mit jedem Stäubchen Mehl muss sorgfältig umgegangen werden: Pro Person sind wöchentlich nur mehr 250 Gramm erlaubt – im Jahre 1916 sind es noch 500 Gramm gewesen. Der Zuckerverbrauch ist mit 0,75 kg pro Monat und Nichtselbstversorger limitiert.
Infolge einer Verordnung des Ernährungsamtes sind vom Wiener Marktamt neue Äpfel- und Birnenpreise festgelegt worden: Tischäpfel aus Ungarn kosten nun 3 Kronen 80 Heller je Kilo, Wirtschaftsäpfel 3 Kronen 40 Heller und Mostäpfel 3 Kronen 20 Heller je Kilo; auch für böhmische Äpfel gilt ein Durchschnittspreis von 3 Kronen 80 Heller. Birnen aus Ungarn kann man für 3 Kronen 50 Heller je Kilo erstehen, böhmische Birnen kommen auf 3 Kronen 70 Heller. Wer Obst kaufen will, muss sich jedoch beeilen: Aus Ungarn sind nur 20.600 kg Äpfel angeliefert worden, dazu noch 7.560 kg Weintrauben und 635 kg Hagebutten – das Obst ist blitzschnell ausverkauft.
Etwas besser ist die Lage bei Gemüse: Am Naschmarkt sind aus Böhmen 142.350 kg, aus Ungarn immerhin 126.000 kg Weißkraut eingetroffen sowie 22.150 kg Rotkraut. Aus Galizien kommen zehn Waggons mit Kartoffeln, aus Niederösterreich werden 12.500 kg Karotten und 9.250 kg Möhren sowie 650 kg Fisolen angeliefert. 15.540 kg böhmische Speiserüben, 10.550 kg Wruken und 32.600 kg ungarische Kürbisse ergänzen das Angebot; aus Ungarn, dem bedeutendsten Gemüselieferanten der Wiener Märkte, kommen 40.890 kg Karotten, 14.975 kg gelbe Rüben, 36.750 kg Stoppelrüben, 25.670 kg Zwiebeln und 24.600 kg Knoblauch. Reich ist das Angebot an Pilzen, allein an Hallimasch verfügen die Händler über 4.580 kg.
Dramatisch dagegen ist die Versorgungslage bei Fleisch und Wurstwaren: In der Großmarkthalle Inzersdorf gelangen nur 500 kg verschiedener Würste zum Verkauf; einen Lichtblick stellen die neun Waggons mit 1.996 Schafen (29.700 kg) dar, die aus Ungarn in St. Marx eintreffen. Per Achse – so die Tagesstatistik – belaufen sich die Zufuhren auf 15 kg Rindfleisch und 1.381 kg Würste.
Eine erfreuliche Neuigkeit gibt es für die Mitglieder des „Reichswirtschaftsbundes der Festangestellten“: In der Zentrale im 3. Bezirk, Hohlweggasse 30, kommen am Vormittag lebende Gänse zum Verkauf; in der Kleiderverkaufsstelle in der Hohenstaufengasse 10 sind Kindermäntel und Pelzkrägen eingelangt.
Auch der „Konsumverein von Bankangestellten“ hat für seine Mitglieder wieder erfolgreich Waren organisiert: Im Verkaufslokal Schottenbastei 10 bekommt man Mahlprodukte, Kriegskaffee, Seife, Salz und Spiritus; wesentlich größer ist die Bandbreite der angebotenen Produkte im Verkaufslokal in der Rockhgasse 2 – hier, in einem kleinen Paradies von Köstlichkeiten, das an die reiche Warenwelt der Vorkriegszeit erinnert, gibt es verschiedene Mineralwässer, Essig, Zitronenessenz, „Teerumersatz“, Kognak, Senf, trockenes Suppengemüse, Suppenwürfel, Kümmel, Paprika, Streichkäse, ungarische Zwiebeln, Rosinen, Heringe, Eier, „Eßfeigen“, „1a-Brimsen“, Bier, Fleischkonserven und „nach Einlangen“ sogar Backpulver. Wer von den Bankangestellten Bundholz benötigt, kann dieses im Magazin in der Helferstorferstraße 4 erstehen, vorher allerdings ist das Bundholz in der Kanzlei des Konsumvereins, Schottenbastei 6, zu bezahlen.
Wer sich dagegen als eingeschriebenes Mitglied des „Wirtschaftsvereins der RFO“ ausweisen kann und einen Familiennamen führt, dessen Anfangsbuchstabe zwischen F und K liegt, hat heute im Verkaufslokal des Vereins in der Hofmühlgasse 14 immerhin die Möglichkeit, einige Eier zu erstehen. Und in den Verschleißmagazinen 8, 12, 15, 16 und 18 werden neben den „rayonirten Artikeln“ auch Sultaninen, Haselnüsse, Puddingpulver, Fleischkonserven, Zitronenersatz, Labsal, Schuhwichse, Schuhcreme, Lederfett, Senf und so wichtige praktische Dinge wie Waschpulver, Soda, Schmierseife und Reibbürsten feilgeboten.
Nicht zuletzt werden von der Preisprüfungsstelle Wien auch die Richtpreise für Brennholz festgelegt – angesichts der sinkenden Temperaturen und des Kohlemangels von elementarer Bedeutung im Kampf gegen den Wucher: Für den Raummeter Scheiter und Prügel mit nicht mehr als 10 Prozent schadhaften oder angefaulten Stellen stehen dem Erzeuger ab zufahrbarem Aufstellungsorte im Walde zumindest 26 Kronen zu, für weiche Auholzscheiter von 13 Zentimetern Stärke zumindest 21 Kronen, für den Raummeter Bürdelholz zumindest 18 Kronen. Der Großhandel, das ist der Verkauf in Mengen von einem Waggon aufwärts, darf 8 Prozent, jedoch nicht mehr als 14 Kronen pro Raummeter ab Verladestation aufschlagen, der Kleinhandel 7 Heller pro Kilogramm zuzüglich der Kosten für das Schneiden und Zerkleinern des Holzes. Für Schneiden und Grobhacken darf der Kleinhändler pro Raummeter 10 Kronen in Rechnung stellen, für Schneiden und Kleinhacken 12 Kronen; erledigt er diese Arbeit mit einer Maschine, stehen ihm nur 7 Kronen pro Raummeter zerkleinerten Holzes zu.
Und es wäre nicht der k. u. k. Staat, hätte man nicht zur strengen Überwachung all der Regeln und Limits, der Beschränkungen und Begrenzungen in dieser Hungerkrise eine eigene Behörde gegründet: das Kriegswucheramt. Seine Beamten haben Tag und Nacht zu tun, sind mit Feuereifer bei der Verfolgung der Volksausbeuter. Und so ertappen sie einen Übeltäter nach dem anderen: etwa die Milchverschleißerin Katharina Fleischmann, wohnhaft Sonnbergplatz 6 im 19. Bezirk – ihr weist man nach, dass sie absichtlich Milch sauer werden lässt, um diese dann zur lukrativen Buttererzeugung zu verwenden. Die strenge Revision der Überwachungsorgane in der Milchverschleißstelle fördert denn auch sieben Kilogramm Butter und eine größere Menge Rahm zutage. Nach Abschluss der Amtshandlung wird Katharina Fleischmann wegen Veruntreuung und Betrug sowie Übertretung des Lebensmittelgesetzes und Preistreiberei bei der Staatsanwaltschaft angezeigt – eine empfindliche Strafe ist ihr gewiss. Was die Verteilung der Milch durch die Molkereien selbst betrifft, so werden auch hier immer häufiger Unregelmäßigkeiten beobachtet: Selbst an eineinhalbjährige Kinder, berichtet etwa die Reichspost, wird die Hälfte der vorgesehenen Milchmenge in saurer Milch ausgegeben.
Hunger im Herbst: Auf den abgeernteten Feldern in der Umgebung Wiens sucht man nach Essbarem.
Einen besonderen Fund machen die fleißigen Kontrollore bei einem Bürstenbinder auf der Landstraße, der im Verdacht steht sich durch Schleichhandel ein Zubrot zu verdienen: eine lebende Milchkuh, die seit einem Tag in seiner Werkstatt eingestellt ist. Der Handwerker hat einigermaßen Erklärungsbedarf, denn zu seinem Pech ist die brave Kuh als gestohlen gemeldet, ja, auf ihre Wiederbeschaffung ist sogar eine Belohnung von 1.000,- Kronen ausgesetzt.
Ein beliebter Treffpunkt der Wiener Schleichhändler ist in den letzten Oktobertagen 1918 das Café des Hotels National in der Taborstraße im 2. Bezirk. Verfügt man über das nötige Geld, so kann man hier bei reicher Auswahl erwerben, was das Herz begehrt, zum Beispiel Schuhe und Textilien in bester Qualität oder auch Medikamente, die aus den Apotheken bereits verschwunden sind. Allerdings: Auch hier lauern die Spürhunde des Kriegswucheramtes auf Käufer und Verkäufer. Und wer frisches Obst kaufen will, muss sich des Nachts auf die Praterstraße begeben: Schlaue Händler, die es leid sind, ihre schöne Ware zum regulierten Marktpreis abgeben zu müssen, verkaufen hier in dunklen Ecken die begehrten frischen Vitamine zu wahren Rekordpreisen – immer mit dem Risiko, dass sie plötzlich einem Beamten ins Auge blicken.
Auch Privatwohnungen sind vor dem Zugriff des Kriegswucheramts nicht geschützt: In der Woche vom 21. zum 26. Oktober werden von seinen Beamten 163 Beschlagnahmungen in privaten Unterkünften vorgenommen; die Mengen, die gefunden werden, sind zum Teil beachtlich: Einer der kontrollierten Haushalte hortet immerhin 100 kg Mehl und 40 kg Zucker – und zwölf Paar neue Damenschuhe.
Die hungernden Menschen sind der guten Ratschläge müde geworden: „Wir haben in den letzten vier Jahren so viel theoretisch gekocht, dass wir fast das praktische Kochen darüber verlernt haben, und der Mehlspeisen ohne Mehl, Fett, Ei und Zucker sind wir alle schon einigermaßen müde geworden. Sie schmecken im besten Fall nach gebratener Luft und eingebrannten Illusionen!“, hatte am 23. Juni 1918 eine Journalistin der Arbeiter Zeitung anlässlich einer „Ersatzmittel-Ausstellung“ im Prater sarkastisch festgestellt.
Auffallend sind im Straßenbild die vielen Männer in Uniform, Soldaten, die traurigen Gespenster der Front. Mit den umjubelten Helden von 1914 haben diese trostlosen Elendsgestalten jedoch nichts mehr zu tun. Mit ihnen, die erdgrau, dreckgrau, grabesgrau durch die Stadt ziehen, in einer brenzligen Gestankhülle von getrocknetem Schlamm und Karbol, will nun niemand mehr etwas zu tun haben. Zurückgekehrt aus dem Reich des Todes müssen sie zur Kenntnis nehmen, dass sie für das Vaterland, das sie vier Jahr hindurch unter Einsatz ihres Lebens verteidigten, nicht viel mehr als unappetitliche Pechvögel sind, Bazillenträger, denen man besser aus dem Weg geht. Sie sind auferstandene Tote, die sich in der Heimat nicht mehr zurechtfinden, ausgespuckt von der „großen Zeit“, Verlierer und Depravierte, die mit den erstaunten Augen aufgerüttelter Schläfer auf eine ihnen fremde Welt blicken. Wer überleben will, muss die Augen immer offen halten, muss immer bereit sein zuzuschlagen, kostbare Beute zu erhaschen: Wurst ohne Fleischkarte, Fischkonserven, Obst, ein Paket Würfelzucker – der Rucksack ist deshalb notwendiger Begleiter, wenn man in der Stadt unterwegs ist; hier wird verstaut, was man in dunklen Hausfluren eingetauscht oder zu weit überhöhten Preisen gekauft hat. Männer und Frauen tragen ihn, Arme und Reiche, Arbeiter und Bürger, Schleichhändler und Schieber, unermüdliche Hamsterer und geborene Abenteurer der Verproviantierung, die Rutengänger verbotener Genüsse und die einfache Hausfrau, die ihre Familie versorgen muss. Diese Aufgabe erfordert Strategien: Man muss geschickt mit Brotkarten, Fettkarten, Fleischkarten, Zuckerkarten jonglieren, darf nie den Überblick über Angebote und Termine verlieren, muss immer bereit sein zu stundenlangem Schlangestehen.
Pulsuz fraqment bitdi.