Kitabı oxu: «Abbazia»

Şrift:

ABBAZIA



Am Strand. Algraphie von Stephanie Glax aus dem Zyklus „Der Tag einer Dame“, geschaffen 1900 während ihres letzten Studienjahrs an der Kunstgewerbeschule in Wien.

Johannes Sachslehner


K. u. k. Sehnsuchtsort an der Adria



INHALT

Cover

Titel

SEHNSUCHT NACH DEM SÜDEN

EIN BRIGHTON IM SOMMER UND EIN CANNESIM WINTER

Eine neue Epoche beginnt

Schüler und sein Team

Unser Abbazia: Theodor Billroths Werbefeldzug

DIE ERSTEN HOTELS

Der Mann, der die Villen baut

Steter Aufschwung

Das kleine Monte Carlo

VORNEHME GÄSTE

Ein Steirer am Strand von Abbazia

Von Abbazia nach Mayerling

„Bolla“ und Nora

KUR-ALLTAG MIT GRANTIGEM HELDEN

Um die Meisterschaft von Abbazia

TRAGÖDIE AM KARFREITAG

Max Constantin Herz: Unser Abbazia gegenacute chronische Männerscheu

KAISERTREFFEN AM QUARNERO

Wilhelm, Phili, Linschi und Lilli beim Lawn-Tennis

Entrevue mit Oskar

ANTON TSCHECHOW TRIFFT IN ABBAZIAEINEN K. U. K. GENERAL

Ein Posträuber in Abbazia

Flora Horn: Wie lebt sich’s in Abbazia

OLGA, ARTHUR & SOPHIE: FLUCHTPUNKT ABBAZIA

AUS DEM LEBEN EINES KURARZTS

Die alte Lynker

Flora Horn: Abbazias Mondnächte

SKANDAL UM LOUISE

ICH BADE IM MEERE MEIN HERZ

Skandal um Isadora Duncans Badekostüm

Ida Barber: Frühlingsmoden in Abbazia

DER LETZTE RITTER DES KÖNIGSGAMBITS

AUTOMOBILE, MOTORBOOTE & SCHLACHTSCHIFFE

UND DANN KOMMEN AUCH DIE MINISTERNACH ABBAZIA …

Am Vorabend des Großen Kriegs

LITERATURVERZEICHNIS

Ein herzliches Danke

Bildnachweis

Impressum

Attraktion für die Gäste aus dem Norden: die Palmen von Abbazia. Ansichtskarte, um 1905.

SEHNSUCHT NACH DEM SÜDEN


ür die Menschen Kakaniens, des Landes unter dem Doppeladler, ist es das Traum-Reiseziel schlechthin: Abbazia, die aus dem Nichts gewachsene Versammlung von kaisergelben Hotelpalästen und Villen im nordwestlichen Winkel des Golfs von Fiume. Klimatischer Curort und Seebad zugleich, verheißt es seinen Gästen den Eintritt in die elitäre Welt des Müßiggangs und des exklusiven Vergnügens. „Herrliche Paläste winken mir zu im Lorbeerhaine, Prunk und Pracht, schöne Frauen, liebliche Musik! Als ob das Feinste der feinen Welt sich hier versammelt hätte, um mich zu grüßen“, schwärmt Besucher Peter Rosegger in seiner Reiseskizze Am Strande von Abbazia. Ja, ihm, dem Dichter aus dem Norden, der ansonsten den Besuch von Kurorten vermeidet, ist hier am Ufer des Quarnero so „wohl wie einem Seligen nach Erdennoth und Sterben“, er feiert hier die mystische Begegnung mit dem „sommerlich sonnigen Meer“, der „gewaltigen Harfe Gottes“: „Ich liebe das Meer und bade in demselben mein Herz.“

Für die eleganten Damen und Herren aus Wien und Budapest, aus Prag, Krakau und Lemberg, die plaudernd den Strandweg am Felsenufer entlang promenieren, ist der Aufenthalt in Abbazia zum willkommenen gesellschaftlichen Ritual geworden. Es ist ein „Bild voll Leben, Bewegung und Fashion“, die Damen beeindrucken mit „lichten, duftigen Toiletten“, die Herren tragen schon zur Mittagszeit den Smoking. Man ist stolz darauf, dass man hier, an diesem einzigartigen kakanischen „Sammelpunkt des high-life“, präsent ist, genießt nach „Lust und Laune sociale Amusements“ oder gibt sich auch nur der ungestörten Ruhe hin. Belohnt wird der Erholungsreisende mit der „Empfindung gehobener Kraft und frischesten Lebensmuthes“; Voraussetzung dafür sind eine gut gefüllte Reisekasse und eine entsprechende seelische und charakterliche Disposition: „Abbazia ist nichts für Herdenmenschen! Es ist ein vornehm stiller Kurort, ein zur Wirklichkeit gewordenes süßes Märchen, das seine eigens dafür gestimmten Gemüther verlangt“, schreibt 1897 die Reisejournalistin Flora Horn aus Grüna in Sachsen über die ganz besondere Atmosphäre des Seebads, dem sie, angezogen von der unwiderstehlichen „Sehnsucht nach Blüthenduft und lauen Lüften“, im Frühling und Sommer 1896 einen Besuch abstattet: wohlhabende, distinguierte Menschen in gepflegter Umgebung, ohne Hektik, eingebettet in die lichtdurchflutete Welt der Adriaküste. „Es lernt sich hier sehr schnell das Nichtsthun, eine Fähigkeit, die zu üben der an Thätigkeit gewöhnte Mensch an anderen Orten oft viele Mühe braucht“, weiß Flora Horn ihren Lesern zu berichten. Das dolce far niente erfüllt den Augenblick, der Alltag des Nordens verliert in diesem „köstlichen Hafen des Friedens“ seine Bedeutung, Dasein ist wunschloses Genießen: „Wir schwelgen in Meereswollust und dem schmeichelnden Musikgesang … nur der Minute gehört jetzt unser ganzes Sein, kein Vorwärts, kein Zurück … eine stumme Bitte: ,O Sonne, stehe still!‘ und ein Zurückdrängen alles Kommenden: ,après nous le déluge!‘“

Attraktion für die Gäste aus dem Norden: die Palmen von Abbazia. Ansichtskarte, um 1905.

„Nach uns die Sintflut!“ – nirgendwo passt dieses Wort besser als hier, wo sich ein distinguirtes Curpublicum allenfalls über die Höhepunkte des nächsten „Weißen-Kreuz-Balls“ im Hotel Kronprinzessin Stephanie echauffiert, nicht aber über Preiserhöhungen bei Brot und Fleisch, die die Arbeiter Wiens auf die Straße treiben. Abbazia, das „gottgesegnete Stück Land an der Küste des Quarnero“, ist die Enklave des Mondänen in Altösterreich, ein Ort, an dem das Verdrängen und Vergessen der wirklichen Welt zum Prinzip erhoben worden ist, glanzvolle Bühne für eine Gesellschaft, die in Ruhe und Stille genießt, die das Laute scheut, manches Unangenehme ausblendet. Ein Ort mit eigenem Rhythmus, frei vom „modernen Teufel, genannt Nervosität“ (Peter Rosegger), ihn „zu preisen reicht weder Zunge noch Feder hin“, schwärmt 1890 der bekannte Kurarzt k. k. Sanithäts-Rat Dr. Alexander Wettendorfer aus Baden. Ja, man ist stolz auf Abbazia, denn es ist die Geschichte eines kakanischen Erfolgs, über die man berichten kann; wo einst „Dürftigkeit und Weltvergessenheit vorwalteten“, blüht nun ein Winter-Kurort und Seebad, der „wirtschaftlichen Segen“ entlang der ganzen Küste, der „Österreichischen Riviera“, verbreitet, der dem „internationalen High-life Rendezvous“ gibt und für immer mehr gut betuchte Gäste zur Alternative für Nizza, Cannes oder Hyère wird. „Jedem Österreicher“, so behauptet die „illustrirte Cur- und Bade-Zeitung“ Hygiea, „ist Abbazia in’s Herz gewachsen“, sein „Aufstreben“ bedeute ein „österreichisches Interesse“.

In Abbazia erschafft sich Kakanien in wenigen Jahrzehnten eine eigentümliche Parallelwelt, aufgebaut aus an den Quarnero exportierten kulturellen Versatzstücken, die das Land der Lorbeerhaine in ein zauberhaftes Stück „Österreich am Meer“ verwandeln, in eine perfekte „Heillandschaft“, in der die „fröhliche Apokalypse“, von der Hermann Broch später spricht, virtuos zelebriert wird: Nirgendwo sonst blühen Tratsch und Klatsch prächtiger, nirgendwo sonst fühlen sich die Kranken gesünder und die Einsamen glücklicher, nirgendwo sonst gibt man sich sorgloser angesichts einer Welt, die immer dreister mit dem Feuer spielt. Das Amüsement kennt hier keine Pause und kurz ist die Langeweile, immer raffinierter, immer vielfältiger wird das Angebot: Zwischen weichen Walzerklängen und schmetternden Märschen, zwischen Konfettischlachten und Varietéabenden, Tanzkränzchen und Parkfesten, Lawn-Tennis-Turnieren und Schwimmkonkurrenzen fällt es leicht, sich unbeschwert und unpolitisch zu geben; es ist ein Schweben in Genuss und Glück und Leichtsinn vor prachtvoller Kulisse und in herrlichen Dekorationen. Ja, hier am Quarnero will man diese Augenblicke ungetrübter Lebensfreude festhalten, sie festzurren unter diesem unheimlich blauen Himmel und nie mehr entfliehen lassen. Die Erste Gesellschaft Kakaniens feiert in Abbazia, der heiteren Bastion des Doppeladlers am Meer, ihre letzte Erfüllung, findet hier zu ihrer vollendeten, reinen Form, ehe sie mitgerissen wird vom verhängnisvollen Gang der Weltgeschichte. Was blieb, ist der Traum von einem Ort im Süden, der „einmal bei Österreich war“, der italienisch wurde, später jugoslawisch und kroatisch und in dem die Hauptstraße „Marschall-Tito-Straße“ heißt und nicht mehr „Kaiser-Franz-Josef-Jubiläums-Reichsstraße“, in dem die Hotels und Villen zwar vielfach andere Namen tragen, aber heller in imperialem Glanz erstrahlen denn je. Der alte Geist Kakaniens ist noch zu spüren, wer ihn fassen, ihm ahnend begegnen möchte, muss nur die Augen öffnen … Abbazia ist versunken, Opatija jedoch nicht unerreichbar. Wie sang man doch im Wien der Zwischenkriegszeit so treffend:

Wer a Göd hot, der foahrt noch Abbazia,

und wer kans hot, foahrt in ’n Übazieha …

Erstes Südbahnhotel in Abbazia: das Hotel Quarnero. Photochromdruck, um 1890.

Das Hotel Kvarner heute.

EIN BRIGHTON IM SOMMER UND EIN CANNES IM WINTER


urch Jahrhunderte, ja, Jahrtausende war es das Land der Fischer und der Piraten gewesen. Nie hätte sich hier jemand freiwillig niedergelassen, nur um die Schönheit der Landschaft zu genießen. Liburnia hatten die Römer diesen Küstenstrich Illyriens genannt und seine Bewohner, die Liburnier, waren geschätzt für ihre Fertigkeit im Bau seetüchtiger Schiffe, gefürchtet für ihre Raubzüge über Meer. Eine ganze Kriegsflotte hatte das Imperium zur Unterwerfung der Liburnier in das Meer vor der istrischen Küste entsandt; einen Winter lang lagen die Galeeren im Hafen von Val Augusta (Mali Lošinj) und machten von hier aus Jagd auf die liburnischen Schiffe. Den Schauplatz dieser langwierigen Kämpfe bezeichnete man als Mare Quaternarium, das „aus vier Teilen bestehende Meer“, für dessen merkwürdig zerrissene Inselwelt die Römer im Mythos eine makabre Erklärung fanden: Medea, die mörderische Königstochter aus Kolchis, hätte auf der Flucht ihren Bruder Absyrtos zerstückelt, um so König Aetes, ihren Vater und Verfolger, aufzuhalten. Die einzelnen Gliedmaßen des armen Absyrtos lägen so noch immer verstreut im Meer: einen Schenkelknochen könne man in der Insel Cherso (Cres) erkennen, einen dünnen Armknochen in Lussin (Lošinj), Veglia (Krk) sei sein Schulterblatt gewesen und die Inseln Unie, Levrera und Sansego seien weitere Knöchelchen des Ermordeten. Die Eilande des Quarnero (heute: Kvarner) trugen daher in alter Zeit auch den Namen „Absyrtische Inseln“. Freilich gab es auch andere Erklärungsversuche: Eingedenk der zahlreichen Opfer, die schwere Stürme hier immer wieder unter den Seeleuten forderten, leiteten die Venezianer, jahrhundertelang Herrscher über den Quarnero, seinen Namen von italienisch carnivoro (= „der Fleischfressende) ab. Und nüchterne Interpreten aus dem Norden wollten noch später eine Verwandtschaft zu „Karst“ und „Kärnten“ erblicken – Quarnero hätte also seine Wurzel in kar, dem keltischen Wort für „Stein, Felsen“.


Wäschermädchen am Strand von Abbazia. Gemälde von Olga Wisinger-Florian.

© Giese & Schweiger, Kunsthandel Wien.

Die Mönche von St. Jakob. Algraphie von Stephanie Glax aus dem 1906 entstandenen Mappenwerk „Abbazia“.

Wie dem auch sei – die Liburnier unterwarfen sich schließlich im 2. Jahrhundert vor Christus den Römern und bauten nun Schiffe für ihre neuen Herren. Iulius Caesar und später die Feldherren der Kaiser fuhren auf ihnen gegen die Feinde Roms. Nach dem Untergang des Imperium Romanum, in den Stürmen der „Völkerwanderung“, verwandelte sich auch die Welt am Quarnero; der byzantinische Kaiser Heraklios erlaubte schließlich im 7. Jahrhundert die Landnahme durch das slawische Volk der Chrovati (Kroaten); das alte Liburnien fiel an das Patriarchat von Aquileja, das wiederum die Grafen von Duino als Lehensherren einsetzte. Doch 1372 kündigten die Grafen von Duino dem Patriarchen die Lehenspflicht auf und wandten sich neuen mächtigen Herren zu, die von nun an die Geschicke Istriens mitbestimmten: den Habsburgern.

Irgendwann zwischen 1422 und 1431 kamen Benediktinermönche aus der zerstörten friulanischen Abtei St. Peter in Rosazzo an den Quarnero und gründeten hier ein kleines Kloster, das sie Abbazia S. Giacomo al palo nannten, die „Abtei St. Jakob am Stöckchen“. Eine Urkunde aus dem Jahre 1449 erwähnt ein erstes Mal diese bescheidene Niederlassung des mächtigen Benediktinerordens im istrischen Küstenland, die bald schwer unter den häufigen Einfällen der Türken und Venezianer zu leiden hatte. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts verließen die Mönche des heiligen Benedikt das Kloster, das nun von Weltpriestern geführt wurde und der kleinen Ansiedlung, die rund um die Abtei herangewachsen war, ihren Namen gab. Ferdinand I., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, schenkte San Giacomo 1560 den Augustinern von Fiume für „immerwährende Zeiten“, doch auch diese sollten zu Ende gehen: 1723 erwarben die Jesuiten des Fiumaner Seminars um 2.650 Gulden die Abtei im grünen Lorbeerwald; mit der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 und der Einziehung seiner Besitzungen wurde der größte Teil der Klostergründe an Private verkauft; den kleinen Rest verlieh man an den Archidiakon von Fiume, der sich nun auch „Abt von St. Jakob“ nennen durfte. Verbunden war diese Verleihung einzig mit der Auflage, dass der Archidiakon einen Priester zum Kirchendienst in Abbazia unterhalten müsse – es wurde still um das „ärmliche Kirchlein“ am Gestade der Adria.

EINE NEUE EPOCHE BEGINNT

Am Gang der Dinge auf diesem verträumten Flecken Erde ändert sich wenig – bis eines Tages der Holz- und Weizenhändler Higinio Scarpa (1794 – 1866) aus Fiume sich für das Terrain rund um die Abtei zu interessieren beginnt. Scarpa, Freimaurer und tüchtiger Geschäftsmann, zählt zu den Patriziern Fiumes und hat sich einen beachtlichen Wohlstand erarbeitet. Er will sein Geld sinnvoll investieren und kauft so zu Beginn der 1840er-Jahre einem gewissen Baron Haller von Hallerstein aus Triest in Abbazia ein Grundstück mit Gebäude ab, der Kaufpreis ist ein wahres Schnäppchen: Scarpa zahlt 700 Gulden für das gesamte riesige Areal – allein der heutige Park umfasst 3,64 Hektar. Er lässt das vorhandene kleine Gebäude, das Wohnsitz eines Abbazianer Seemanns namens Matija Justi ist, im Stil des späten Biedermeiers zur eleganten Sommerresidenz umbauen und nennt es nach seiner bereits 1832 verstorbenen Frau, einer geborenen Sartori, „Villa Angiolina“. Das Gebäude weist im oberen Stockwerk – im Unterschied zu heute – noch zwei offene Terrassen auf, von denen sich ein herrlicher Blick auf den Quarnero bietet.

Das Herrenhaus der Familie Scarpa: die Villa Angiolina.

Die besondere Aufmerksamkeit Scarpas gilt der Gestaltung des Parks, für den er zahlreiche exotische Pflanzen nach Istrien bringen lässt, darunter Magnolien, Libanonzedern, Himalayazypressen und die japanische Kamelie (Camelia japonica). Um mit seiner Jacht bequem unmittelbar vor dem Ort vor Anker gehen zu können, investiert Higinio Scarpa auch noch in den Ausbau des Hafens, genannt „Porto Herdt“ – eine Verballhornung des Wortes rt (= „Landzunge“). Der leutselige Unternehmer führt ein offenes Haus und lädt immer wieder Gäste ein, für die er sogar einen eigenen Pendelverkehr mit Zweispännern zwischen Abbazia und Fiume einrichtet. Seine glanzvollen Feste erfreuen sich in der Fiumaner Gesellschaft großer Beliebtheit und bald kann er sich spektakulärer Besuche rühmen: 1854 kommen der Banus von Kroatien, Josef Freiherr von Jellačić, und seine Frau; 1860 hält sich Kaiserin Maria Anna zur Kur in Abbazia auf – die Villa Angiolina wird zum beliebten Anlaufpunkt der Ersten Gesellschaft des Reichs und mit ihr rückt auch die Region am Quarnero allmählich immer deutlicher ins Blickfeld des österreichischen und ungarischen Adels. Noch ist Abbazia ein Geheimtipp, doch langsam beginnt das einst so verschlafene Fischerdorf sein Gesicht zu verändern: Gegen Ende der 1860er-Jahre werden erste private Hotels und Gästehäuser errichtet und die Zahl der Besucher steigt. Unter jenen nicht allzu vielen „Touristen“, die in dieser Zeit bereits den Weg in den österreichischen Süden finden, ist auch der bayrische Reiseschriftsteller Heinrich Noe (1835 – 1896). Auf seinen Wanderungen durch die Karstlandschaften Istriens und Dalmatiens kommt der polyglotte Münchner – angeblich kann er sich in 18 Sprachen verständigen – auch in das kleine Fischerdorf Abbazia und genießt hier die Gastfreundschaft der Familie Scarpa.

Im alten Hafen: Ein „Barcarole“ wartet auf Ausflügler. Foto, um 1885.

Scheitert an der Wiener Bürokratie: Georg Mathias Šporers visionäres „Programm“ aus dem Jahre 1872 zur Errichtung einer „Balnear und Inhalations Heilanstalt“ in Abbazia.

Paolo Ritter von Scarpa, „Gutsbesitzer, Besitzer mehrerer hoher Amten, Consul mehrerer Mächte, Patrizier und Gemeinderath von Fiume“, pflegt wie sein Vater sorgfältig die gesellschaftlichen Verbindungen der Familie; 1855 heiratet er Maria von Bruck, die Tochter des angesehenen Wirtschaftsfachmanns Karl Ludwig von Bruck, der eben in diesem Jahr von Franz Joseph auf den Posten des Finanzministers berufen wird. Bruck, ein glühender Patriot, tatkräftiger Reformer und eifriger Verfechter des Culturfortschritts in allen Bereichen, wird 1860 durch ungerechtfertigte Anschuldigungen in den Selbstmord getrieben; sein Schwiegersohn trägt diesen unruhigen Geist jedoch weiter, seine große Vision: der Ausbau Abbazias zu einem Bade- und Kurort.1869 gründet Paolo von Scarpa eine Aktiengesellschaft, die „Elisabeth Bad Aktiengesellschaft“. Ihr Ziel es ist, in Abbazia ein maritimes „Badeinstitut“, das „Elisabeth Bad“, zu errichten. Dafür sollen weitere, an seinen Besitz angrenzende Grundstücke erworben werden, die allesamt der Kirche gehören. Es gelingt ihm sogar, die Zustimmung der kirchlichen Autoritäten zum Kauf dieser Grundstücke zu erlangen, allerdings scheitert die Aktiengesellschaft, die mit Entscheidung vom 12. August 1870 ihre Konzession erhält, am Auftreiben der entsprechenden Geldmittel. Auch in Wien, wo er seinen Plan möglichen Geldgebern vorlegt, findet dieser wenig Anklang – noch scheint die Zeit nicht reif dafür. Nach 1874 gerät das visionäre Projekt Scarpas in Vergessenheit.

Heinrich Noe

Unabhängig von Paolo von Scarpa verfolgt auch der aus Karlovac stammende Schriftsteller und Arzt Dr. Georg Mathias Šporer (1795 – 1884) den Plan, in Abbazia ein Sanatorium zu errichten. Protomedicus und k. k. Gubernial Rath Šporer hat als Arzt in Laibach gearbeitet und ist nach seiner Pensionierung an die Adriaküste übersiedelt; er empfiehlt vor allem für „anämische und schwächliche Individuen, namentlich für blutarme Kinder“ einen Aufenthalt in Abbazia, positive Effekte möchte er aber auch bei lungen-, magen- und herzkranken Menschen sowie bei Patienten mit einem Nervenleiden erkennen. Hartnäckig unternimmt er einige Anläufe zur Verwirklichung seiner Idee; 1872 schafft es Šporer immerhin, ein Consortium zur Gründung der Balnear und Inhalations Heilanstalt in Abbazia zu bilden, bestehend aus wohlhabenden und einflussreichen Bürgern aus Fiume, Abbazia und Volosca. Statuten werden ausgearbeitet und ein ambitioniertes „Programm“ zur Finanzierung des Instituts, das beim Innenministerium in Wien eingereicht wird. Šporers Idee dabei ist es, eine Aktiengesellschaft mit einer humanitären Non-profit-Organisation zu verbinden – die Mühlen der Wiener Bürokratie mahlen jedoch derart langsam, dass auch Šporer sein Projekt schließlich aufgeben muss. Die Verwandlung Abbazias zum Kur- und Badeort bleibt also vorerst ein Wunschtraum.

Nachdem Paolo von Scarpa mit einem Geschäft Schiffbruch erlitten hat, ist er durch Geldnot 1875 gezwungen, die Villa Angiolina um 80.000 Gulden an den mährischen Adeligen Graf Viktor von Chorinsky (1838 – 1901) zu verkaufen. Ein Jahr später, 1876, schreibt Dr. Šporer einen Brief an den bedeutenden Wiener Laryngologen Leopold Schrötter Ritter von Kristelli, in dem er dem Kollegen seine Pläne mit Abbazia schildert. Der Versuch, endlich einen Verbündeten in der Hauptstadt zu gewinnen, gelingt tatsächlich – Schrötter verspricht, Abbazia seinen Patienten zu empfehlen, geht aber dann noch weiter: In seinen Schriften verweist er erstmals auf die „hervorragende Konzentration des Areosols in der Luft Abbazias“ und ruft damit auch das Interesse seiner Kollegen wach.

Damit ist der verträumte Ort an den Felsufern des Quarnero endgültig ein Thema in Wiener medizinischen Kreisen geworden; dazu tragen nicht zuletzt auch die enthusiastischen Schilderungen Heinrich Noes bei, der, nunmehr in der Hauptstadt als Herausgeber der Alpenzeitung tätig, in den Salons das Loblied Abbazias singt. Es sei dies eine Örtlichkeit geeignet zum „Seebad und zum Wintergarten von Wien“, zu einem „maritimen Vorort der Metropole“. Angesichts dieser Elogen wird ein Mann hellhörig, der es üblicherweise nicht bei Worten belässt: Friedrich Julius Schüler (1832 – 1894). Der aus Buchsweiler (Bouxwiller) im Elsass stammende Manager hat eine wahre Blitzkarriere im Eisenbahngeschäft hinter sich: mit 29 Jahren Generalinspektor der Südbahn und mit 39 deren Betriebsdirektor, seit 1878 Generaldirektor der Südbahngesellschaft, des größten österreichischen Bahnkonsortiums. Schüler ist unermüdlich auf der Suche nach besonderen Attraktionen für die Fahrgäste der Gesellschaft, denn er hat klar erkannt, dass mit der Schaffung neuer touristischer Ziele auch ein Ansteigen des Bahnreiseverkehrs erzielt werden kann und damit eine weitere Konsolidierung der angespannten Finanzen – die Südbahn lebt vor allem vom Personenverkehr.

Nach Triest der wichtigste Handelshafen Österreich-Ungarns: die Hafenmole von Fiume. Photochromdruck, um 1890.

Inspiriert von einem Vortrag Noes über die Bucht des Quarnero, greift Schüler daher dessen Idee begeistert auf und entwickelt sein eigenes Konzept: Hier, wo jetzt nur Fischerhütten stehen und grüne Lorbeerwälder, soll für die Reichen der Monarchie eine neue Attraktion aus dem Boden gestampft werden, ein „Brighton im Sommer und ein Cannes im Winter“, wie es Noe formuliert. Nach dem Vorbild der großen Eisenbahnhotels am Semmering und in Toblach soll nun auch an der Adria ein neues Tourismuszentrum entstehen, die „Gesellschaftlichen Hotels“ am Quarnero sollen Kristallisationspunkte für den wachsenden Trend zum Meer werden und entsprechend Geld in die Kassen spülen. Der notwendige Bahnanschluss ist bereits vorhanden: 1873 hat die Südbahn die Strecke von St. Peter in der Krain (Pivka) nach Fiume fertiggestellt; von der Station Mattuglie sind es noch sieben Kilometer mit dem Pferdefuhrwerk nach Abbazia, das so von Wien aus direkt und bequem „über Nacht“ erreicht werden kann.

Verwitterte Erinnerung: das Denkmal für Südbahn-Generaldirektor Friedrich Julius Schüler im Angiolina-Park.

Abbazia wird zum „maritimen Vorort der Metropole“ Wien: Die 1873 fertig gestellte Südbahn knüpft die entscheidende Verbindung. Aus: Heinrich Noe, Österreichische Südbahn. Von der Donau zur Adria (Zürich o. J.).

SCHÜLER UND SEIN TEAM

Das Vorhaben des umtriebigen Südbahnmanagers, der 1884 die österreichische Staatsbürgerschaft annimmt, ist komplex, gilt es doch einerseits die Finanzierung der geplanten Großhotels in einer Umgebung ohne entsprechende Infrastruktur auf die Beine zu stellen, andererseits aber auch das Projekt mit Leben zu erfüllen und die richtigen Männer – „Promotoren“ – dafür zu finden. Erstes Ziel ist es jedoch, das Areal mit der Villa Angiolina zu erwerben, und man muss sich beeilen, denn inzwischen ist bereits eine andere Interessensgruppe, „sogenannter Gründer“, an den Grafen Chorinsky mit einem Kaufangebot herangetreten. Schüler beauftragt den ortskundigen Heinrich Noe mit der Führung der Gespräche und tatsächlich gelingt es dem enthusiastischen Bayern, Chorinsky vom Angebot der Südbahngesellschaft zu überzeugen, und das obwohl er nicht der Bestbieter ist – der Graf zieht jedoch das Angebot der Südbahn vor, von „deren Verwaltung er sicher sein konnte, dass sie mit ihren auf die Hebung des Verkehrs und auf den allgemeinen Nutzen gerichteten Bestrebungen bei ihren technischen und anderen Mitteln, bei dem Einflusse, welcher ihr zur Verfügung stand, aus seinem unvergesslichen Besitz am Südmeer etwas anderes zu machen wissen werde, als eine Gruppe von Spekulanten, deren nächste Absichten nur die einer rücksichtslosen Ausbeutung sein konnten“. Am 18. Juli 1882 wird der Kaufvertrag unterzeichnet – für 100.000 Gulden geht das „Object“ an die Südbahn; ein angemessener Preis, wenn man bedenkt, dass 1910 die Villa Angiolina zusammen mit dem Park um stolze 2,5 Millionen Kronen verkauft werden wird.

Friedrich Julius Schüler

Sofort danach beginnen die Bauarbeiten, die Pläne dazu hat man bereits fertig in der Schublade. Auch an die Versorgung der zu erwartenden Gäste mit frischem Obst und Gemüse wird gedacht: In dem kleinen Dorf Ika, zwischen Abbazia und Lovrana gelegen, erwirbt die Südbahngesellschaft einen der größten Landwirtschaftsbetriebe der Gegend, die „Campagna Colona“, zu der damals auch noch Weingärten gehörten.

Nicht ganz einfach ist es, das für den Hotelbetrieb notwendige weibliche Dienstpersonal zu finden. Wichtigster Arbeitgeber der Region für junge Frauen ist die Zigarrenfabrik in Fiume, bekannt für ihre Virginias. Etwa 2.000 Arbeiterinnen sind hier bei relativ gutem Lohn beschäftigt, ein Wechsel ins Hotelgewerbe daher für sie uninteressant. So ist man gezwungen, Köchinnen und „Kammerzofen“ aus Böhmen und Ungarn anzuwerben; die Kellner kommen aus Wien.

Für den Posten des Chef-Kurarztes hat Schüler einen aufstrebenden Wiener Mediziner im Visier, der sich auf Balneologie spezialisiert hat und inzwischen in Rohitsch-Sauerbrunn (heute: Rogaška Slatina) als „landschaftlicher Brunnenarzt“ praktiziert und an der Universität Graz Hydrotherapie und Balneotherapie lehrt: Dr. Julius Glax (1846 – 1922), den Sohn des Historikers Heinrich Glax. Durch erste wissenschaftliche Arbeiten hat sich Glax den Ruf eines Reformers und kompetenten Kritikers erworben, eines Mannes, der modern und zukunftsorientiert denkt. Die Diskussion um Abbazia kann diesem engagierten Arzt nicht verborgen bleiben: Angeregt durch die begeisterten Schilderungen Schweiger-Lerchenfelds (siehe unten), reist Glax, der sich 1876 in Graz habilitiert hat und 1880 vom Kaiser zum k. k. Universitätsprofessor ernannt worden ist, zum ersten Mal im September 1883 nach Abbazia und begibt sich dann nach Wien, wo er zunächst dem Wirtschaftsfachmann Wilhelm Freiherrn von Schwarz-Senborn seine Eindrücke schildert, und dieser vermittelt ihm schließlich eine Unterredung mit Schüler.

Lenkt als Vorsteher der Kurkommission jahrzehntelang die Geschicke des Seebads: Dr. Julius Glax.

Glax erkundigt sich dabei ausführlich nach den Plänen der Südbahn: Wolle man nur eine Hotelanlage errichten oder tatsächlich einen Kurort gründen? Falls man Letzteres anstrebe, müsse die Gesellschaft auch die Schaffung „entsprechender Einrichtungen wie Wasserleitung, Kanalisation, Bäder, hydropathische Anstalt, Milchwirtschaft“ im Auge haben, weiters sieht das sehr fortschrittliche „Hygienekonzept“ des ambitionierten Balneologen die „einwandfreie Beseitigung der Abfallstoffe, geeignete Isolierrräume für infektiöse Kranke, Desinfektion und Desinfektionsräume, Leichenkammern, entsprechende Einrichtungen für Krankenpflege, Krankentransport, Rettungswesen und Feuerwehr, Überwachung der Kurmittel und ihrer Verabreichung“ und auch eine „Überwachung der Lebensmittel“ vor, daneben müsse aber auch die „Ruhe im Kurort“ gewährleistet sein. Als sich Schüler mit diesen zum Teil sehr kostenintensiven Forderungen konfrontiert sieht, gibt er offen zu, dass man sich noch nicht endgültigfestgelegt habe, lädt aber Glax zu einem längeren Aufenthalt in Abbazia ein, was dieser ab dem Oktober 1885 auch wahrnimmt. Da sich zu dieser Zeit auch der angesehene Müchner Laryngologe Max Joseph Oertel (1835 – 1897) und der berühmte Chirurg Theodor Billroth (1829 – 1894) in Abbazia aufhalten, bittet Schüler die drei Mediziner zu einem Consilium über die Zukunft Abbazias – auf Anraten der drei Gelehrten entscheidet sich Schüler endgültig für eine Zukunft Abbazias als Kurort. So vertritt der celebre Münchner Mediziner, der sich auch noch in den 1890er-Jahren am Quarnero aufhalten wird, die Meinung, dass sich Abbazia wegen seines hohen Luftdrucks – 760 Millimeter im Mittel – und seiner „staub- und keimfreien Seeluft“ vor allem als Kurort für Herzkranke eigne und als solcher in die „vorderste Linie“ zu stellen sei.

Julius Glax verlegt ab 1885/​86 seine Winteraufenthalte und ab Sommer 1887 seinen ständigen Wohnsitz nach Abbazia; gemeinsam mit seinem Freund Graf Benedikt Giovanelli, dem Statthaltereirat von Triest, arbeitet er die Kurordnung für Abbazia aus, die zur Grundlage des Landesgesetzes vom 4. März 1889 wird, mit dem der Ort das Kurstatut verliehen erhält. Im Oktober 1887 wird er von Schüler zum „dirigierenden Arzt der Kuranstalten der k. k. privileg. Südbahn-Gesellschaft“ berufen und als solcher den Aufstieg Abbazias vom „Kurort-Baby“ zum „Weltkurort“ entscheidend mitgestalten. Theodor Billroth würdigt 1888 in der Wiener klinischen Wochenschrift diese Entscheidung Schülers: „Die Südbahn hat an Herrn Professor Glax eine ungewöhnlich glückliche Acquisition gemacht, wozu man den Kurort nur beglückwünschen kann; es ist das ein Vorzug von Abbazia, den ich ganz besonders hervorhebe, und den meine Kollegen zu würdigen wissen werden.“ Gleich nach Amtsantritt drängt Glax auf den Bau einer neuen Wasserleitung vom Monte Maggiore, um den Kurort mit tadellosem Trinkwasser versorgen zu können, stößt hier aber auf den Widerstand Schülers, der zuerst die bestehende Wasserleitung zu den Hotels der Gesellschaft von den sogenannten „Klara-Quellen“ südlich von Abbazia durch weitere Bohrungen absichern möchte. Das Problem der Klara-Quellen ist, dass sie in „intermittierender“ Beziehung zum Meer stehen und bei gewissen Seewasserständen Brackwasser liefern (siehe dazu auch das Kapitel „Kur-Alltag mit grantigem Halden“). Die Wasserleitung von den Hochquellen des Monte Maggiore wird schließlich erst 1897 in Betrieb genommen, der in diesem Jahr projektierte Bau des Kanalisationsnetzes 1907 fertiggestellt.

1889 wird Julius Glax Mitglied der Kur-Kommission, 1899 übernimmt er als Kurvorsteher den Vorsitz in dieser Institution und führt diesen durch zwei Jahrzehnte hindurch bis 1919. Ob Unterhaltungsveranstaltungen für die Kurgäste oder Ausflüge in die Umgebung, ob der Ankauf eines Müllverbrennungsofens oder das Anlegen eine neuen Friedhofs – ohne Glax geht nichts; Abbazia ist Glax und Glax ist Abbazia. Zu seinen prominenten Patientinnen und Patienten zählen Kronprinzessin Stephanie, die Gattin Kronprinz Rudolfs, das rumänische Königspaar Carol I. und Elisabeth (Carmen Sylva), Prinz Peter KarageorgeviĆ, der spätere König von Serbien, Prinzessin Klementine von Sachsen-Coburg-Gotha und Fürst Johannes II. von und zu Liechtenstein sowie der eigenwillige Großherzog Adolph von Luxemburg. 1894 betreut Julius Glax die Söhne des deutschen Kaiserpaars während ihres Aufenthalts in Abbazia (siehe dazu auch das Kapitel „Kaisertreffen am Quarnero“) und auch Schauspielstar Alexander Girardi, der Liebling des Wiener Theaterpublikums, der nach der Auseinandersetzung mit seiner Frau Helene Odilon im Frühjahr 1897 Erholung in Abbazia sucht, legt Wert darauf, vom „Herrn Professor“ persönlich untersucht und betreut zu werden.

Eine zweite wichtige Personalentscheidung Schülers betrifft die Direktion der Hotels und Kuranstalten der Südbahn in Abbazia, und auch hier beweist er das richtige Gespür: Am 12. September 1889 ernennt er Anton Silberhuber (1839 – 1899), den Präsidenten des Österreichischen Touristenklubs und ehemaligen Inhaber eines Reisebüros in Wien, zum Direktor und bindet damit einen der besten Tourismus-Fachleute der Habsburgermonarchie in sein Imperium ein. Silberhuber ist seit 1881 Präsident des ÖTK, der unter seiner Leitung einen enormen Aufschwung genommen hat, und Chefredakteur der Österreichischen Touristen-Zeitung; als Reisebegleiter Kronprinz Rudolfs hat er bei Hochtouren und Bergbesteigungen auch Kroatien kennen gelernt. Beinahe ein Jahrzehnt lang wird von nun an Anton Silberhuber die Geschicke Abbazias mitbestimmen; erst mit der Verpachtung der Südbahn-Hotels an die Internationale Schlafwagengesellschaft geht seine Ära zu Ende. Am 15. Juni 1898 verlässt er den Kurort und geht nach Wien, wo er noch als „Reisemarschall“ eine Nordlandfahrt Erzherzog Karl Ludwigs und der ihm bestens bekannten Kronprinzessin-Witwe Stephanie organisiert. Anton Silberhuber stirbt am 7. März 1899.

Nachfolger Silberhubers als Direktor der Kuranstalten wird der 38-jährige Wiener Alfred Pachler, der von der Internationalen Schlafwagengesellschaft aus dem Pariser Hotel Continental nach Abbazia berufen wird. Pachler, der in Paris als Direktor-Stellvertreter tätig war, bietet, wie die Hygiea rühmend schreibt, das „ungemein ansprechende Characterbild eines zielbewussten Mannes in der Vollkraft der Jahre, der mit den höchsten fachlichen Erfordernissen ausgerüstet ist. Zu diesen gehören zunächst Weltkenntnis, Gewandtheit im Umgange und gründliche Sprachenkenntnisse; diese Erfordernisse vereinigt Herr Director Pachler im ungewöhnlichsten Maße in sich. Die Liebenswürdigkeit seiner Umgangsformen sichert ihm das höchste Ansehen unter den distinguirten Curgästen.“ Das „Corps seiner Untergebenen“ zählt 180 Menschen; bald bewundert man Pachlers Geschick, mit dem er unter seinen Mitarbeitern Disziplin zu halten weiß.

Aus dem verträumten Fischerdorf ist innerhalb weniger Jahre ein mondäner Kurort geworden: Panoramablick auf den Quarnero mit Abbazia und Volosca. Photochromdruck, um 1890.

Zu jenen Autoren, die bereitwillig die Werbetrommel für die Vision Schülers rühren, zählt auch Amand von Schweiger-Lerchenfeld (1846 – 1910), ehemals k. u. k. Offizier und Veteran der Schlacht von Custozza 1866, der sich mit Talent und enormem Fleiß zum wohl führenden „Sachbuchautor“ der Monarchie emporgeschrieben hat. 1883 veröffentlicht er sein Buch Abbazia. Idylle von der Adria, das in geradezu hymnischer Weise das Loblied auf das „Paradiesesgestade“ am Quarnero singt und dessen „Befähigung zu einem Winterasyle“ nachdrücklich dartun möchte. Mit den Bauplänen der Südbahngesellschaft – er spricht diskret von einer „großen Unternehmung“ – zum ersten Hotel und zu einem „still gelegenen Sanatorium“ offensichtlich bereits vertraut, greift er der Zeit voraus und denkt sich den „freundlichen Platz mit Gästen aus nah und fern bevölkert“, geschickt streut er in seinen Bericht die Versatzstücke mediterraner Traumwelten mit ein; er zitiert antike Mythen, Lord Byron und Goethe am Strand von Taormina, im Mittelpunkt stehen die einzigartige Natur und schöne Frauen, immer wieder versteht er es, Bezüge zu bekannten und touristisch bereits erschlossenen Orten am Mittelmeer zu knüpfen: „Dieser Blüthenduft zu Abbazia ist ein einziger langwährender Athemzug, den der Süden über Meere und Länder haucht. Auch in dieser Richtung schweift die Erinnerung gerne aus und schließt den Zauberring, der um das Mittelmeer und seinen schönsten Golf – die Adria – herumläuft. So ein duftumhauchtes Lauschplätzchen am Gestade von Abbazia streicht Raum und Zeit aus ihrem Zusammenhange. Man denkt an Cannes, wo die laue Seebrise über die Halbinsel von La Croisette streicht und mit frischem Blüthen-Athem die Locken schöner Frauen bethaut; oder man gedenkt jener Zauberstunde, wo im Palmenschatten der ,Promenade des Anglais‘ zu Nizza das Herz von zwei Magneten zugleich sich angezogen fühlte, von leuchtenden Frauenaugen und den Kindern Florens in den im Abendwind aufschauernden Blüthenbeeten; oder man frischt die Erinnerung an jenen Genuß auf, den man während einer Raststunde in den Gärten von Sorrent empfunden, wo man den blauen Himmel nur zwischen goldrothen Orangen sieht, und im Frühling das Haupt in den Duftwolken von Millionen von Orangenblüthen sich badet.“ In Abbazia, so Schweiger-Lerchenfelds Resümee, habe man all die Vorzüge der anderen Orte gemeinsam „zur Hand, und keinen schönern Märchengarthen gibt’s, als den, welchen wir hier durchwandern“, wer sich die Kindlichkeit des Gemüts bewahrt und die „eitle Weltlichkeit“ abgestreift habe, könne so durch „die unendliche Tiefe der Ahnungen, welche der Naturgenuß in uns erweckt“, seinen geistigen Horizont „bis auf Sonnenweiten“ öffnen und ausdehnen. Abbazia, so das erklärte Ziel, könne so etwas wie ein nationaler „Haltepunkt“ werden, eine „Localität“, einzig in ihrer Art, in der sich die Sehnsucht eines ganzen Volkes kristallisiere, ein „Altar im großen Tempel der Natur“, nur „schwerlich“ aber „ein Tummelplatz für Weltkinder“ – eine Einschätzung, mit der sich der Naturschwärmer Schweiger-Lerchenfeld kräftig irren sollte. Ein „fieberhafter Aufschwung“, so meint er warnend, könne für Abbazia nur schädlich sein, man dürfe seine „keuschen Naturreize“ nicht durch „betäubenden Luxus“ ersticken und solle es nicht zu „jenem fashionablen Cannes“ auswachsen lassen, „wo nur die britischen Erzmillionäre und depossedierte Fürsten in ihre Zaubervillen unterkriechen“, denn dann hielte die „Langeweile ihren Einzug und ertödtete das naive Vergnügen“. Die „Begründung des erforderlichen Comforts“ will er durchaus zugestehen, „fashionablen Luxus“ lehnt er jedoch ab, seine Forderung daher: „Man verschone diesen traulichen Erdenwinkel mit Cercles und Clubs, mit Taubenschießen und Theater, mit rauschendem Festgepränge und verdächtigem Spielgelichter, das bisher noch jeden aufblühenden Curort discreditiert und unleidlich gemacht hat. (…) Im Übrigen mag Abbazia bleiben, was es ist: ein trauliches Asyl für Alle, die einen grünen, sonnigen Küstenstrich aus anderen Gründen aufsuchen, als jene Weltkinder, die ohne Spiel und Sport, ohne Residenz-Odeur und Demimonde nirgends auf dieser Welt existieren können, und wäre es das leibhafte mesopotamische Paradies der Bibel.“

Gedenktafel für „Promotor“ Theodor Billroth am Lungomare.

UNSER ABBAZIA:
THEODOR BILLROTHS WERBEFELDZUG

Tatkräftige Unterstützung für sein Projekt als „Promotor“ findet Schüler nicht zuletzt bei Theodor Billroth (1829 – 1894), der erstmals zu Weihnachten 1884 nach Abbazia reist und hier im neuen Hotel Quarnero Quartier nimmt. Herr Hofrat Billroth, ansonsten ein treuer Gast in seinem geliebten St. Gilgen am Wolfgangssee, schreibt über die Eindrücke an der Adria am 29. Dezember 1884 einen langen Brief an seinen Freund, den Musikkritiker Eduard Hanslick, wobei Duktus und Länge des „Briefs“ darauf hindeuten, dass hier Billroth offenbar einem klaren Kalkül folgt – er möchte, wohl im Rahmen einer „konzertierten“ Aktion, „Reklame“ für das Südbahn-Projekt Schülers machen. Er lässt daher den „Reisebrief“ am 2. Jänner 1885 in der Neuen Freien Presse abdrucken; darin heißt es:

„Liebster Freund!

Da bin ich nun seit einigen Tagen in dem lorbeerumkränzten Abbazia und finde es herrlich hier. Wenn ich Wien verlasse, so suche ich Ruhe, Luft und Einsamkeit. Wer, wie ich, den größten Theil des Tages für Andere leben und denken muß, dabei über das Geschick vieler Menschen zu entscheiden hat, der sehnt sich, diese mit der Zeit immer schwerer werdende Last der Verantwortung öfter auf einige Zeit abzulegen. (…)

Wohin soll man zu Weihnachten, zu Ostern in die Ferien reisen? Südtirol, die Riviera, Corfu, Zante waren mir diesmal zu weit, also versuchte ich es mit Abbazia. Ich preise mich glücklich, dass ich diesen Vorsatz ausführte; auch abgesehen davon, dass ich als Arzt nicht gerne einen meiner Clienten an einen mir unbekannten Ort sende. Daß man so oft von Abbazia reden hört, machte mich aufmerksam; denn über ganz dumme Dinge ist man auch bald fertig mit dem Reden. Oft wirst Du hören, Abbazia sei als Curort ein Kunst- und Reclameproduct, in Allem unfertig und ohne Spaziergänge, eine ganz kleine Oase in der Wildniß, kein San Reno, kein Mentone, nicht einmal mit Arco, Bozen, Meran zu vergleichen etc. Mir fällt bei solchen Reden immer die alte Volkswortspielerei ein: ‚Äppel sind keine Birnen, Birnen sind keine Äppel, die Wurst hat zwei Zäppel, zwei Zäppel hat die Wurst‘ etc. Was hier vor einem oder zwei Jahren war oder nicht war, weiß ich nicht; jetzt steht hier an einem ausgesucht schönen Punkte ein treffliches Hotel mit Dependence, ähnlich dem ‚Hotel Bellaggio‘ am Comer-See, daneben eine zum Hotel gehörige, große Villa mit sorgfältig gepflegtem, altem Parke; ein neues großes Hotel ist im Bau. Rundum Leben, Bewegung, Fortentwicklung. Es ist eine Freude, zu beobachten, von welch’ großen, die Zukunft sicher beherrschenden Gesichtspunkten aus das Ganze von dem General-Director der Südbahn angelegt wird. In dem erwähnten Parke stehen die gleichen schönen Riesen-Coniferen, Magnolien etc. wie auf Isola madre. Ich bin überzeugt, dass unter sachkundiger Leitung auch Citronen, Orangen, Palmen zu erziehen wären, Sträucher und Bäume, die ja auch auf Sicilien nicht wild wachsen, sondern in den Gärten sorgfältig cultiviert werden.

Über den Winteraufenthalt in europäischen südlichen Curorten mag man als Arzt denken, wie man will; es bleibt eine Wonne, mitten im Winter nur aus dem Hause zu treten, um an so manchen Tagen stundenlang im hellen Sonnenschein spazieren gehen zu können. Man ist hier so ganz ‚am Land‘. Auch hier wird es zuweilen schlechtes Wetter geben; es ist eben nicht zu ändern, dass es naß ist, wenn es regnet, und dass die Erde trocken und staubig wird, wenn die Sonne lange scheint. Würde der Himmel stets unter Thränen lachen, die Menschen würden auch das bald fad finden; ihretwegen wird sich die Atmosphäre unseres Planeten nicht ändern.

Ich sah in San Remo im Januar Schnee liegen und war einmal um Ostern in Meran gründlich eingeschneit; vor zwei Jahren amüsierte sich die Jugend von Spezzia (sic!) im April mit der Plastik von Schneemännern, wie in meinem Geburtslande an der Ostsee. Hier hat man den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass man bei solchen Intermezzi nicht in den Zimmern zu frieren braucht, wie in Italien; die Zimmer haben Doppelfenster und Öfen, die trefflich nach dem Thermometer bedient werden. Es gibt hier bei den Spaziergängen auch keine Windwinkel und kalte Passagen, wie in San Remo und Mentone, wenn man durch die Stadt gehen muß. Auf diese Weise fällt bei einiger Vorsicht der Acclimations-Schnupfen fort, dem man im Winter in Italien nicht leicht entgeht; man erkältet sich dort ja meist im Zimmer.

Ich kenne die Winter- und Frühlingsanfänge in Italien genug, um darüber keine Illusionen zu haben. Italien hat wohl einen milderen und kürzeren Winter als wir, doch ist es immerhin ein Winter; man darf sich durch die Sonnenwärme der Mittagsstunden nicht täuschen lassen. Tage mit einem Februarmorgen, einem Julimittag, einer Oktobernacht sind auch an der Riviera zu Zeiten nichts Ungewöhnliches. Der Culturmensch soll als der Klügere in diesem Kampf mit der Natur hier wie anderwärts nachgeben und außer seiner Wollhaut zweierlei Überzieher haben. Gewiß sind die Morgen- und Abend-Temperaturen in San Remo, Mentone, Cannes, Ajaccio und Palermo um 2 bis 3 Grad höher; doch beim Sonnenschein am Tage dürfte die Differenz nicht so erheblich sein. Wer solche Stürme in Nizza und Bordighera erlebt hat, wie ich, wird sich nicht wundern, wenn es auch in Abbazia zuweilen windet; doch der Raum ist zu beengt, als dass Sirocco und Borina sich hier in allzu tollem Wirbel drehen könnten.

Die Natur ist nicht so wildromantisch wie etwa in Taormina, doch von zauberisch, anmuthigem Reiz. Das Meer, von den Gebirgen zu einem colossalen Hafen eingedämmt, glänzt, nach Süden offen, weit hinaus; das Auge weidet sich an der Mannigfaltigkeit der Buchten und Klippen; von den Bergen, den Geländen, aus den Thälern leuchten Städte, Dörfer, Capellen, Villen hervor. Wie für die Riviera die Ölbaumwaldungen, so sind für Abbazia die stark duftenden und darum Zanzaren vertreibenden Lorbeerbäume charakteristisch. Und wie schön ist dieser edle, saftgrüne, dichte Dichterbaum, zumal im Contrast zu den in etwas geringerer Menge verbreiteten blaugrünen Olivenbäumen! Die dunklen Monatsrosen blühen auch jetzt an den Hecken in purpurnem Glanze. Wie herrlich die Gebirge rings umher, auf den Inseln, an den Küsten, eines sich hinter das andere bald so, bald so verschiebend! ‚Über drei Gebirge hin‘ ruft und flucht das Mädchen dem Geliebten in den von Brahms so gluthvoll componirten, von elementarer Sinnlichkeit strotzenden, südslavischen Liedern; daran muß ich hier oft denken.

Man sagt, es gäbe hier keine Spaziergänge; unbegreiflich! Am Meere entlang nach beiden Richtungen hin die trefflichsten Straßen, auf denen man freilich keine Hotelbewohner findet; doch manches Andere sieht und hört man da. ‚Maiennacht‘, ‚Am Seegestade‘, ‚Über die See‘, ‚Abenddämmerung‘, ‚Sommerabend‘ – der ganze Brahms klingt mir hier immerfort entgegen. Nach dem Takte des letzten Satzes seines F-moll-Clavierquintetts trotte ich die Straße entlang, und der dritte Satz meines (wollte sagen seines) A-moll-Streichquartetts führt mich gemächlich zurück. Ich kann mir nichts Besseres wünschen. Andere mögen hier Anderes sehen und hören und gleichfalls zufrieden sein. Viele hören und sehen wohl auch nichts; die armen innerlich Blinden und Tauben!

„Ist man der einseitigen Unterhaltung müde, so schaut man wieder hinaus aufs Meer“ (Theodor Billroth): Barcarole mit bunten Segeln.

Illustration für eine Tourismus-Broschüre von Stephanie Glax.

Die Wege sind eben, oder nur schwach ansteigend; das ist wichtig, weil nothwendig für ruhiges Denken im Gehen. Starke Körperanstrengung, ja selbst kleine, doch häufige Hemmnisse auf schlechter Straße hindern das freie Weben und Wogen der Gedanken. Beethoven wusste das und suchte sich seine Sommerfrischen danach aus. Man hat genug zu thun, aus dem großen Schwarm seines Gedankentrosses sich je nach Stimmung diesen oder jenen Kumpan hervorzuholen. Beschäftigt man sich lange mit Einem, so ziehen sich die Anderen eifersüchtig zurück; auf diese Weise erfährt man zuweilen von seinen eigenen Gedanken etwas Neues. Ist man der einseitigen Unterhaltung müde, so schaut man wieder hinaus aufs Meer, auf die Berge. Wie schön ist das Alles auch zur Winterszeit! Und wie mag es erst im Frühling sein, wenn der Sonnengott mit seinen Strahlenarmen die Erde so fest umklammert, und diese mit halbgeschlossenem Aug’, der wolkenumflossenen Io gleich, ganz wonnigen Entzückens den Hauch seines glühenden Athems trinkt. Da sprießen die Blumen üppig hervor, die Eichen, Kastanien, Platanen, Feigen; sie wetteifern, den tiefgrünen Lorbeer, die schwarzen Cypressen, den blassen Ölbaum mit ihrem jungen Laub zu überstrahlen.

Doch wohin gerathe ich da? Mir scheint in eine Bildergalerie, und weiß doch, dass Du kein Freund von übermäßig alten Bildern bist. Ein Bild nur will ich Dir noch zeigen: Still-Leben, bürgerliches Genre, ganz modern. Du siehst mich da am Abend mit meinen, mehr aber noch mit Deinen Büchern in einem höchst behaglichen, claviersicheren Zimmer der Villa Angiolina bei der Lampe sitzen. Die göttliche Stille ringsum ist freilich ebenso unmalerisch, wie das himmlische Nirwana. Übrigens wirst Du mir wohl ansehen, dass ich kurz zuvor Languster speiste; der Quarnero ist ja eine Art von Homard-Reservoir; der Pomard dazu war höchst trinkenswürdig. Die Cigarre, die Du mich rauchen siehst, ist eine echte Carolina, ein Geschenk unseres gemeinschaftlichen Kunstfreundes Wilhelm von Gutmann. Riechst du das feine Aroma? Bei solchen ‚Geschehnissen‘ pflegt der Züribieter (der Ur-Züricher) zu sagen: ‚Schöner nützt nüt!‘

Und ist denn nichts an Abbazia auszusetzen? wirst Du fragen. Nun ja! Die Zwiebelthürme der Jesuitenkirche in Volosca stören mich; es fehlen die italienischen Campanile, die malerischen Capuziner. Die gutmüthige Bevölkerung ist unschön, durch Armuth elend, ohne Race, nicht slavisch, nicht italienisch, auch noch recht abergläubisch. Vor nicht langer Zeit hat man hier einen sogenannten Hexenmeister im Sarge angenagelt; es hat freilich nichts genützt; er ist vor Kurzem doch als Vampyr in Wien gesehen worden (= eine Anspielung auf die Oper Der Vampyr von Heinrich August Marschner, die am 15. Oktober 1884 in Wien uraufgeführt wurde). Auch zeigt man hier eine von Weinbergen umgebene Casa maledetta; der Teufel soll darin ein Zimmer als Absteigequartier haben, es gefällt ihm eben auch in Abbazia. Ein Schiffer, der uns neulich diese Mittheilung machte, und der oft die Erde umfahren hatte, fügte verächtlich hinzu: Gente stupido! – Es gibt hier auch zu strenge Polizei, und daher zu wenige naiv und lustig bettelnde Kinder; man merkt, dass man noch nicht ganz in Italien ist. – Doch das sind so meine Privatschmerzen. Andere mögen Anderes zu bemäkeln haben. Ich halte mich an Dein schönes Wort: ‚Nur wer zu lieben fähig ist, weiß auch zu schonen.‘ Schon lange sehe ich im Geiste Deinen Papierkorb nach meinem Briefe schnappen, der so sehr Deiner Schonung bedürftig ist. Auf baldiges Wiedersehen in Wien.

Dein

Th. Billroth.“

Die wohl kalkulierte Begeisterung des Chirurgen für Abbazia sorgt für Aufregung unter seinen Medizinerkollegen und Patienten: Der Brief veranlasst „mehrfache Anfragen, sogar injurielle Zurechtweisungen und Anklagen (natürlich anonym) von anderen südlichen Kurorten“; da diese ihm „aufgezwungene Korrespondenz“ nicht nach seinem „Geschmack“ ist, sieht er sich gezwungen, in der angesehenen Wiener Medizinischen Wochenschrift vom 11. Jänner 1885 ein „offenes Schreiben“ über Abbazia an deren Herausgeber und Chefredakteur Leopold Wittelshöfer zu publizieren. Wie Billroth betont, möchte er damit „die Sache gern summarisch abthun“, deutlich spürbar ist das Bemühen um ein ausgewogenes Urteil, aber auch die Entschlossenheit, in der Sache selbst nicht nachzugeben. So räumt er einleitend gleich mit dem Vorurteil auf, dass das südliche Klima eine „spezifische Wirkung“ auf Tuberkulose habe; „wohlthätig und durch nichts zu ersetzen“ sei dagegen der „Aufenthalt am südeuropäischen Meergestade für schwächliche Kinder und chlorotische Mädchen im Winter“; die „glänzendsten Erfolge“ würde man jedoch bei Nervenkranken erzielen. Was nun seine Empfehlung für Abbazia betreffe, so „mag das davon kommen, dass ich auf einer Insel (= Rügen, J. S.) geboren bin und am Meere meine Jugend verlebte. So gern ich auch in Italien bin, so ist es doch ein noch angenehmeres Gefühl, im Heimatlande das Gesuchte zu finden und nach alter Gewohnheit fortleben zu können. Dass sich weder Triest noch Fiume zu Kurorten eignen, ist bekannt. Bleibt also das alte, junge Abbazia, das in 14 Stunden von Wien aus bequem zu erreichen ist. Unser Abbazia. Nicht Jedem wird die Landschaft dort so sympathisch sein wie mir. Viele werden enttäuscht bald wieder von dannen fahren; das hängt ja ganz von der Individualität, von Stimmungen, von den Menschen, die man trifft, und von vielen anderen Dingen ab.“

Ausführlich kommt Billroth auf „die größte Schwierigkeit, Abbazia für Fremde bewohnbar zu machen“ zu sprechen, die „Beschaffung von gesundem Trinkwasser“. Es sei jedoch gelungen, im Karst drei Wasseradern abzufangen und deren Wasser in eine „gemeinsame Brunnenstube“ zu leiten, von der aus das kostbare Nass „mittelst einer Dampfmaschine in ein großes, hochgelegenes Reservoir hinaufgepumpt“ und von hier in „das jetzige und die neu zu erbauenden Hotels“ verteilt werde.

Offene Worte findet Billroth für die noch vorhandenen „Übelstände“ im Hotel Quarnero; seine Ausführungen lassen vermuten, dass er in die Planungen für den Ausbau von Abbazia mit einbezogen worden ist und bestens Bescheid weiß: „Das jetzige Hotel Quarnero soll, zumal wenn das neue große Hotel Cherso fertig ist, vorwiegend Sanatorium für Leidende werden, welche einen längeren Aufenthalt in Abbazia nehmen. Zu diesem Zwecke ist der jetzige Esssaal durch eine breite geheizte Wandelbahn mit dem Hause für warme Seebäder verbunden. Das neue, bis zum nächsten Winter bewohnbare Hotel soll mehr für Passanten sein, und wird, wie ich aus den Plänen ersehe, sehr zweckmäßig eingerichtet. Für die Sonn- und Feiertagsbesucher der Extra-Vergnügungszüge wird später, wie auf dem Semmering, eine sogenannte ‚Jubelhalle‘ in einiger Entfernung von den Hotels mit billiger Restauration, Würsteln, Fassbier und Allem, was der Wiener sonst zu seinem Vergnügen braucht, errichtet.“ Noch scheint das Südbahn-Management also entschlossen, das bewährte Semmering-Konzept zur Gänze auch auf Abbazia zu übertragen – ein Vorhaben, das man bald revidieren wird müssen: Die „Extra-Vergnügungszüge“ an die Adria und die „Jubelhalle“ bleiben Utopie, die Gäste Abbazias kommen weiterhin aus dem Adel und dem Großbürgertum, vom Massentourismus muss Abstand genommen werden. Bemerkenswert auch, dass für das zweite große Hotel, wenige Monate vor seiner Eröffnung, noch der Name „Hotel Cherso“ vorgesehen ist – ein Indiz dafür, dass wohl erst jetzt, zu Beginn des Jahres 1885, der Plan gefasst wird, das Kronprinzenpaar stärker in die bereits laufende Abbazia-Kampagne einzubinden. Mit der Zusage Rudolfs und Stephanies, zur Eröffnung des neuen Hotels in die „Winterstation“ zu kommen, haben sich hier neue Perspektiven ergeben, die Südbahn setzt nun mit dem „Kronprinzessin Stephanie“ ganz auf die kaiserliche Familie.

Vorsichtige Annäherung an das Meer: das Bad. Algraphie von Stephanie Glax aus dem Mappenwerk „Abbazia“ (1906).

Der erfahrene Kurort-Kenner Billroth spart denn auch nicht mit konstruktiver Kritik, was Details der Ausstattung und Organisation im Hotel Quarnero betrifft: „Der jetzige Raum für die gemeinschaftlichen Mahlzeiten ist als Table d’hôte-Saal eine Unmöglichkeit. Er muss mit der Wandelbahn zusammen allgemeines Gesellschaftslokal werden, in welchem unter keiner Bedingung geraucht werden darf. Es gehören Tische mit Zeitungen, Journalen und eine Bibliothek hinein, Billard und Spieltische. Die sogenannte Wandelbahn muss in einen Wintergarten umgewandelt werden. Dann wird dieses Gesellschaftslokal mit seinem Ausblicke aufs Meer nicht seines Gleichen haben. Die sämtlichen Zimmer unten rechts vom Eingange, wo jetzt das Lesezimmer und die kleinen Salons für die Separatdiners sind, müssen Restauration werden, wo geraucht werden darf, denn der deutsche Mann setzt sich gern Abends mit einer Flasche guten Weins und mit der Zigarre zu Anderen zum Plausch zusammen. Der Table d’hôte-Saal muss nach oben verlegt werden, wo auch außer der Table d’hôte-Zeit (1/​2 2 und 6 Uhr) gefrühstückt und à la carte gespeist werden kann und wo nie geraucht werden darf. Der große Saal in der Villa Angiolina mit seiner Terrasse muss zum Café werden; an die Stelle des unnützen Podiums gehört ein nobles Buffet. Es wäre sehr wünschenswerth, dass die erwähnten Veränderungen bald eintreten; denn es ist eine Illusion, dass sich diese Verhältnisse durch den Bau des neuen, großen Hotels ändern werden, weil dasselbe aus lokalen Gründen nie durch einen gedeckten Gang mit dem Hotel Quarnero verbunden werden kann.“

Drei Jahre später wird der britische Entdeckungsreisende Sir Richard Francis Burton ähnliche Forderungen erheben (siehe unten); auch dessen Wunsch nach einem professionellen Hotelmanagement nimmt Billroth schon vorweg: „Es fehlt ein im großen Style durchgebildeter Maître d’hôtel, der vom Buffet aus wie in den großen Schweizer Hotels in Frack und weißer Halsbinde die Table d’hôte (sie mag aus 2 oder 40 Personen bestehen) dirigiert und jedes kleinste, formelle Versehen sofort bemerkt und behebt. Jetzt sind nur Österreicher, Ungarn, Polen und Berliner im Hotel, die sich in die sogenannte Gemütlichkeit der Menage fügen. Separatdiners sollten nur außerhalb der Table d’hôte-Zeit und theurer servirt, wenn sie nicht mehr Gänge haben als die Table d’hôte, weil sie besonderes Service brauchen.“ Für einen „europäischen Kurort“, wie er angestrebt sei, müsse man sich eben in die „internationalen Sitten“ fügen und offensichtliche Fehler vermeiden, dazu gehörten etwa das der „chaotische Zustand“ an der table d’hôte oder die Beleuchtung der Hotelkorridore durch Petroleumlampen (siehe dazu auch Kapitel „Kuralttag mit grantigem Helden“).

Eingedenk seiner Aufgabe, Abbazia als neues Reiseziel zu propagieren, kommt Billroth auch auf die Preise zu sprechen und holt dazu, rechtfertigend, weit aus: „In jedem Ort der Welt, Petersburg, London, Nizza, Monte Carlo nicht ausgenommen, kann man als Fremder bei gleichen Ansprüchen billiger leben als in Wien. Man zahlt im Hotel Quarnero 16 – 18 fl. für ein kleines, 26 – 28 fl. für ein großes Zimmer per Woche; für die Verköstigung im Abonnement 4 fl. Eine eigentliche Pension, d. h. Pauschalbeträge für Wohnung und Verköstigung zusammen, kann es dort so lange nicht geben, als das Hotel von der Südbahn direkt verwaltet wird und der (sic!) Restaurant für sich arbeitet. Das wäre auch noch zu bessern. Man muss für Wohnung, Beköstigung, Erleuchtung, Vino nostrano, Service etwa täglich 10 fl. rechnen, was ja der Fremde in Wien, wenn er behaglich, aber dabei bescheiden leben will, für die gleichen Bedürfnisse auch aufwenden muss. Viel billiger kann man es in Abbazia unter den gegebenen Verhältnissen nicht verlangen.“

So kritisch Billroth in manchen Details ist und so bereitwillig er auch einräumt, dass es „noch viel in Abbazia zu thun gibt“, so entschieden hält er an seiner großen Vision fest: dass Abbazia „einen Weltruf begründen“ werde. Voraussetzung dafür sei der Bau einer Uferpromenade und das Anlegen entsprechender Straßen – damit revidiert er seine unbedachte Behauptung von den „trefflichsten Straßen“ im Hanslick-Brief –, aber auch die Errichtung eines Fußweges hinauf auf den Monte Maggiore und einiger mit Bänken versehener Schutzhäuser entlang dieses Pfades.

Billroth schließt seinen „offenen Brief“ an den Herrn Dr. Wittelshöfer mit einer persönlichen Impression, die verrät, dass der Pionier der Bauchchirurgie, der eben mit einer „Modifikation“ der Magenresektion die Fachwelt beeindruckt hat, auch ein feiner Genießer ist: „Wer an einem sonnigen Dezembertag in Moschenizza in lustiger Gesellschaft im Freien Risotto, Scampi und Maroni arostiti mit dem feurigen Wein von Ika gefrühstückt hat, das herrliche Landschaftsbild der Ufer des Quarnero vor sich, der wird meine Liebhaberei für diesen südlichen, heimlichen Winkel unseres herrlichen Landes begreifen. Ich wünsche Ihnen gleich fröhliche, erfrischende Tage, wie ich sie in unserem Abbazia verlebt habe.

Ihr Th. Billroth“


Villa am Meer bei Abbazia. Gemälde von Lea von Littrow, um 1912. © Galerie Kovacek & Zetter, Wien.

Theodor Billroth bleibt Abbazia buchstäblich bis zum Tode treu: Er stirbt hier am 6. Februar 1894 an Herzversagen. Seine Verdienste bleiben unvergessen: Am 26. Oktober 1907 wird die Gedenktafel für Theodor Billroth enthüllt, Julius Glax würdigt in seiner Rede noch einmal die Bedeutung des Chirurgen für den Aufstieg Abbazias, als Freund Friedrich Schülers, des Gründers der Österreichischen Riviera, habe er seine ganze Aufmerksamkeit, seine Liebe und seine Sorgen dem jungen Abbazia gewidmet.

Schon 1890 können Josef Rabl und Anton Silberhuber in ihrem Führer Wintercurort und Seebad Abbazia stolze Bilanz ziehen: „Und so sind denn für die Gestade des heiligen Jacob neue Tage des Glanzes erschienen. Tage eines beispiellosen, fast märchenhaften Aufschwunges, dessen segensreiche Consequenzen sich nicht alleine auf die Küste, sondern allmälig auch auf andere Theile des so traurig-verarmten, aber an eigenthümlichen Naturschönheiten überreichen Istriens erstrecken dürften.

Die Bucht von Preluca, einst berühmt für den Thunfischfang. Photochromdruck, um 1890. Die steil aufgerichtete „Leiter“ diente den Fischern als „Beobachtungsstation“ – von ihnen aus spähten sie nach der Ankunft eines Thunfischzuges. Gefangen wurden die Thunfische in großen Netzen, genannt „Tonnara“.

Die Geschichte der Menschheit aber wird die Schöpfung von Abbazia als eine humanitäre und civilisatorische That feiern, und den Namen ihres Urhebers, des General-Directors Friedrich Schüler, der Unvergänglichkeit überliefern.“

Volosca mit der zweitürmigen Jesuitenkirche, die Theodor Billroth so gar nicht ins südländische Bild passen wollte.

DIE ERSTEN HOTELS


as Hotel ist das Schloß des Großbürgertums. In ihm usurpiert die neue Klasse demonstrativ die Lebensformen der Aristokratie“, schreibt Hans Magnus Enzensberger in seinem Essay „Eine Theorie des Tourismus“ und Abbazia ist der k. u. k. Kristallisationspunkt dieser Entwicklung. Der kleine Ort in der Kvarnerbucht wird zur Bühne, auf der Österreich-Ungarns Aristokratie jenes high life vorexerziert, das als Ideal modernen Lebensstils bald zunehmend von Angehörigen des Großbürgertums und auch des Bürgertums kopiert wird: Müßiggang und Vergnügen in Perfektion. Die Riesenhotels, die in Abbazia gebaut werden, sind tatsächlich Schlösser, sie gaukeln die Aura einer Luxuswelt vor, an der der bürgerliche Reisende ansonsten keinen Anteil hat, sie symbolisieren die Entrückung aus dem Alltag in die Traumlandschaft der Ersten Gesellschaft. Abbazia wird von den Planern der Südbahngesellschaft als „mondän“ konzipiert und mit diesem Epitheton zur Marke im Reigen der mediterranen Reiseziele aufgebaut.

1881 ist es so weit: Die Südbahngesellschaft erwirbt erste Grundstücke in der Kvarnerbucht, 1882 kauft man wie erwähnt auch die Villa Angiolina und westlich daran bis zum Meer hin anschließende Gründe sowie die sogenannte „Slatina“ etwas weiter südwestlich; unverzüglich wird mit der Planung der neuen „Winterstation“ begonnen; Vorbild sind die berühmten Seebadeorte an der Riviera wie Monte Carlo, Menton, Nizza oder Cannes. Um den zukünftigen Fähr- und Dampfschiffverkehr bewältigen zu können, baut man zunächst den Hafen von Abbazia aus. Die Hafenmole wird um 25 Meter verlängert und um 5 Meter verbreitert und ein Zollgebäude errichtet; als Warteraum für illustre Gäste erbaut man gleich daneben den „Kaiserpavillon“. Für den kleinen Küstendampfer, der tieferes Wasser benötigt, wird vor der Hafenmole eine Boje angebracht, bei der dieser Anker werfen kann – eine Vorrichtung, die von Marinefachmann Erzherzog Ludwig Salvator während seines Aufenthalts 1885 kritisiert werden wird: Ein größeres Schiff laufe Gefahr, „an den Molo zu gerathen“. Chronist Ludwig Salvator berichtet auch, dass der neue Hafen der „Hauptsitz der Barcaroli mit ihren Gozzi“ sei. Diese Gozzi seien „kräftige, schwere, aber nicht unelegante Boote, fast alle in Ika, Lovrana oder Fiume gebaut; in Abazia (!) selbst wird kein neues Boot gebaut, nur ein Stümper bessert einige kleine Mängel an den alten aus. Sie sind fast alle weiss gefärbt, der obere Rand geölt, aus Nuss-, Maulbeer- oder Eichenholz hergestellt, vom Kiel bis zur Wasserlinie aber in anderer Farbe, zumeist hochroth angestrichen, sauber gehalten und schauen mit ihren breiten flatternden, am Rande ausgelappten, blendend weissen baumwollenen Zelten und den rothen Sitzpolstern recht nett aus. Jedes Boot hat auch seinen Namen, bald von Menschen, wie ‚Montefiore‘, ‚Gisela‘, bald von Seethieren, wie ‚Dolfino‘.“ Die „Barcaroli“ selbst seien „ruhige, gutmüthige, aber eckige Leute, zumeist alte Matrosen“, im Sommer würde sich ihr ganzer Verdienst auf das Aus- und Einschiffen der mit dem Dampfer ankommenden Passagiere beschränken.


Der neue Hafen. Zeichnung von Erzherzog Ludwig Salvator in seinem Buch „Lose Blätter aus Abbazia“ (Wien 1886).

Bereits 1883, nach der Genehmigung der Entwurfspläne durch den Verwaltungsrat der Südbahngesellschaft, beginnt der aus Stuttgart stammende Architekt Franz Wilhelm mit dem Bau zweier Hotelgebäude für die Gesellschaft; Dort, wo sich einst die Weinberge der Familie Tomašić erstreckten, entstehen in nur zehn Monaten Bauzeit das Hotel Quarnero (heute „Kvarner“) und die „Dependance I“ (heute Hotel „Atlantic“). Bauleiter vor Ort ist Ober-Ingenieur Oswald Meese von der Südbahngesellschaft; die Baumaterialien werden in eigenen Zügen transportiert: Die Ziegel kommen aus Marburg, Laibach und Agram, der Kalk aus Steinbrück und Cilli, der Sand von der Insel Veglia (Krk); das Holz für die Dachstühle wird in der Umgebung von Laibach geschlagen. Vor allem Wiener Firmen kommen beim Innenausbau der Hotels zum Zug: Die „Erste Österreichische Fenster-, Türen- und Fußbodenfabrik“ zeichnet für die Tischlerarbeiten verantwortlich; die Installationen für Heizung, Ventilation und Beleuchtung liefert die Firma Kurz, Rietschel & Henneberg; die Firma Sasse in Altmannsdorf wird mit der Durchführung der Schlosserarbeiten betraut und Zimmermaler Weygand erhält den Zuschlag für die Malerarbeiten.

Das neu erbaute Hotel Quarnero, dahinter die Abtei St. Jakob. Foto, um 1885.

Auf die gewachsenen Strukturen des Fischerortes wird bei den Bauarbeiten wenig geachtet. Rücksichtslos setzen Franz Wilhelm und die Bauingenieure ihre Pläne um: Da der Friedhof stört, wird er einfach verlegt und sogar die altehrwürdige Kirche zum Hl. Jakob soll den neuen Tourismus-Tempeln weichen; dies wird jedoch von kirchlichen Stellen verhindert. Am 27. März 1884 wird das Hotel Quarnero, das ursprünglich als Lungensanatorium gedacht ist, eröffnet und die ersten Gäste ziehen ein; am 8. September 1884 ist auch die Dependance I bezugsfertig. Im „Badepavillon“ an der Ostseite des Hotels Quarnero, der durch einen überdachten und beheizten Gang, eine sogenannte „Wandelbahn“, mit dem Haupttrakt verbunden ist, befinden sich die Warmbäder, eine Terrasse vor dem Hotel lädt zum Blick auf das Meer. Auch Abbazia-Entdecker Heinrich Noe, der Ende März 1884 an den Quarnero reist, um hier Eindrücke für ein neues Buch zu sammeln, kann nicht ganz verhehlen, dass er von den Veränderungen betroffen ist. Die Verwandlung unberührter Natur in eine künstlich gestaltete Tourismus-Landschaft löst bei ihm wehmütiges Erinnern aus, wie er dies in seinem Tagebuch aus Abbazia (Wien und Teschen 1884) auch immer wieder anklingen lässt. Das gilt etwa für das „Schweizerhaus“, einen seiner Lieblingsplätze, der nun offenbar seinen ursprünglichen Reiz für ihn verloren hat: „O schönes Schweizerhaus, mein altes Lorbeergefängniß – einst umblüht von Bignonien, Glycinen – mit der dichten Weinlaube, mit den Zweigen des delphischen Baumes, die an die Stube hinanlangten … was haben sie dir angethan …

Am Anfang stand der Blick aufs Meer: Aussichtspunkt vor dem Hotel Quarnero. Foto, um 1885.


Noch säumen dichte Lorbeerhaine die Hauptstraße. Foto, um 1885.

Weiter. Das Meer schlägt noch klar an die Felsen, vorne auf dem Rundplatz zwischen den japanischen Pfaffenkäppchen und den Thujen höre ich die alte Musik. Blätterlos neigt sich noch die Eiche, unter der ich einen Sommer hindurch arbeitete, über das Meer hinaus. Aber drüben steht ein mächtiger Bau. Dort war einst nur Rebengelände, Baumgarten, der Strand und das Geklipp war von Lorbeer beschattet. Jetzt ragen Mauern und es wimmelt von Gästen. (…) Weißt du noch, wie wir dort auf Schemeln und leeren Kisten saßen und uns, wenn die Thüre aufging, die auf den Rasenplatz hinaus führte, auf dem die hohen Distelgewächse der Artischocken sich in den Rosmarin, unter die blühenden Kirschbäume, hineingedrängt hatten, über die Vermengung des Scheines von unserem Herde mit dem Mondlicht freuten?“ Noes „Tagebuch“, vielleicht sogar als Auftragswerk der Südbahngesellschaft entstanden, spiegelt in verräterischen Passagen wie diesen wider, dass die Idylle bereits eine gestörte und unvollkommene ist – das neue Abbazia hat das alte zum Untergang verurteilt. Noe, der sich ganz als „Abbazianer“ sieht, demonstriert diesen Unterschied zur Welt davor am Essen und Trinken: Während man jetzt im Hotel Quarnero die Kurgäste mit Gänseleber und getrüffelter Braunschweiger Leberwurst sowie frischem Bier verwöhnt, gab’s zuvor in der Osteria al Mare „unter dem großen Feigenbaum“ des alten Pepitsch den sauren Wein aus den Rieden von Abbazia und „Brod aus der Kreide- oder Jura-Periode“, sonst nichts – und dennoch fühlte man sich an den Tischen „im Lorbeerschatten“ erfrischt und glücklich.

Die Mauern wachsen jedoch weiter, für Sentimentalitäten wie die Heinrich Noes ist kein Platz mehr. Am 15. Dezember 1885 eröffnet auch das Hotel Kronprinzessin Stephanie (heute „Imperial“), das mit 115 Zimmern auf noble Kundschaft wartet. Beeindruckend vor allem der angeschlossene luxuriöse Speisesaaltrakt, der, so das Konzept des Architekten Franz Wilhelm, in Zukunft die große Bühne für die oberen Zehntausend der Monarchie abgeben soll. Im Zentrum der prachtvolle, 23 Meter lange und knapp 14 Meter breite Ballraum, der durch seine in weiß, gold und blau gehaltene Holzdekoration, riesige Kristallluster und eine lange Balkonfront, die den Blick auf das Meer freigibt, imponiert. Alle drei Speisesäle zusammen fassen 624 m2 und bieten Platz für 490 Personen; in der Ebene darunter liegen die Restaurationsküche und alle notwendigen Wirtschaftsräume – auch hier hat man alles versammelt, was gut und teuer ist: Neben der Küche befinden sich eine eigene Mehlspeisküche und mehrere Speisekammern, ein Kontrollbüro und ein Office mit Speisen-Aufzug, zwei Räume zum Reinigen des Geschirrs, die Kaffeeküche, ein Ausschankzimmer sowie mehrere Speisezimmer für das Hotelpersonal und die Dienerschaft der Gäste. Zur „Welt unten“ gehören auch noch der Eis-, Fleisch-, Wein-, Flaschen-, Gemüse-, Holz- und Kohlenkeller, Zimmer zum Aufbewahren der Wäsche und zum Reinigen der Stiefel und Kleider. Da man bald noch mehr Kapazität zum Kühlen der Lebensmittel benötigt, baut man neben dem Hotelgebäude noch zusätzlich zwei amerikanische Eiskeller. Die Südbahngesellschaft selbst betreibt das Hotel und kümmert sich um die Logistik; den betuchten Gästen „oben“ darf es an nichts fehlen.

Da die Zahl der Gäste rasch wächst, sieht sich die Südbahngesellschaft gezwungen, rasch weitere Herbergen in Auftrag zu geben. Die Dependance I und die Dependance II werden errichtet, dann das Hotel „Slatina“ (heute „Slavija“), dazu gesellen sich elegant eingerichtete Villen wie die 1890 erbaute Villa Amalia, die vor allem als Unterkünfte für Familien gedacht sind, die mit Dienstmädchen und Köchin anreisen und hier die Winter- oder Sommersaison über ihre „eigene Menage“ führen wollen. In der Villa Amalia sind der rumänische König Karol und seine Gattin Elisabeth alias Carmen Sylva zu Gast, im Frühjahr 1894 logiert hier die deutsche Kaiserfamilie, später steigen auch Erzherzog Ludwig Viktor und Adolf von Nassau, der Großherzog von Luxemburg, hier ab.

Der Stolz der Südbahngesellschaft: das Hotel Kronprinzessin Stephanie kurz vor seiner Eröffnung. Foto, um 1885

1893 umfasst das Imperium der Südbahn in Abbazia folgende Hotels und Villen: Hotel Kronprinzessin Stephanie, Hotel Quarnero, Villa Angiolina, Villa Amalia, Villa Slatina und das Schweizerhaus sowie die Dependancen I–III. Daneben haben sich jedoch bereits private Hotels und Pensionen etabliert; besten Komfort und gute Verpflegung bieten ihren Gästen etwa Pension und Hotel Quisisana, erbaut vom Grazer Unternehmer von Reininghaus, weiters Pension Villa Bellevue, Pension Villa Augusta, Pension Würth, Pension Wiener Heim, Pension Villa Mayne, Pension Hausner und der Gasthof Slatina, ein „Hotel II. Ranges mit Restauration“. 1891 wird die Villa Madonna oder Villa Schalek, südwestlich des Ortszentrums, errichtet: Hier sollen sich, so die Legende, Kaiser Franz Joseph und Katharina Schratt mehrfach getroffen haben. Bis zum Jahr 1890 sind es 85 Neubauten, die zwischen den grünen Lorbeerhainen aufgeführt werden.

DER MANN, DER DIE VILLEN BAUT

Carl Seidl (1858 – 1936), geboren in Mährisch-Schönberg (Šumperk) als Sohn eines Fabrikbesitzers, studiert am Polytechnikum in Zürich und an der Wiener Akademie der bildenden Künste bei Theophil Hansen; als angehender Architekt hat er bald seine „Nische“ gefunden: den Villenbau in der aufstrebenden neuen Tourismusregion an der Österreichischen Riviera. Bereits 1884 plant er ein Wohngebäude für Baron Benedikt von Hasslinger, die Villa Hasslinger, ab 1905 Villa al Mare (Abbazia 115 bzw. 15, heutige Adresse: ulica Maršala Tita 109), und das Rathaus sowie das Amtsgebäude der Bezirkshauptmannschaft in Volosca; im selben Jahr ist er auch mit einem Auftrag für die Südbahngesellschaft beschäftigt, der Errichtung von „Wohngebäude II“, besser bekannt als „Dependence I“ (Abbazia 21, heutige Adresse: ulica Maršala Tita 105), unweit vom Hotel Quarnero. 1889 projektiert er für den Grazer Ingenieur Oscar de Lazarinija die Villa Lazarini (Abbazia 189, heutige Adresse: stubište Dražica 4); weiters errichtet er in Abbazia die Villen Friedmann und Ransonnet; in Volosca baut Seidl die Villa Schmidt-Zabierów, in Lovrana die Villa Frappart, die Villa Scharmitz und die Villa Baron Cherpon, Wohnbauten, bei denen es ihm gelingt, Architektur und Landschaft harmonisch zu vereinen. 1907 beginnt der Bau der von ihm geplanten Kirche St. Maria Annunciata. Carl Seidl genießt in der Gesellschaft Abbazias große Anerkennung und ist gerngesehener Gast bei allen großen Festlichkeiten; 1894 errichtet er für den Besuch Kaiser Franz Josephs den Triumphbogen in Volosca.

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22 dekabr 2023
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9783990403488
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