Kitabı oxu: «Der Henker»

Şrift:

Johannes Sachslehner


Leben und Taten

des SS-Hauptsturmführers Amon

Leopold Göth


ISBN 9783990401729


© 2008 und 2013 by Styria premium

in der Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG

Wien · Graz · Klagenfurt

Alle Rechte vorbehalten

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Umschlaggestaltung: Bruno Wegscheider

Buchgestaltung: Alfred Hoffmann

Reproduktion: Pixelstorm, Wien

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Zitate

Hoffnung Erinnerung

Kosename Mony

Gegen eine Welt voll Teufel und Juden

Geschäfte mit dem Vater

Im inneren Kreis der Mörder

„Schöne Arbeit“ Krakau

Ich bin euer Gott!

Monys Reich

Der Mamser

Wer zuerst schießt, hat mehr vom Leben

Welch ein Traum von Mann!

Sex & Liebe

Oskar, Amon und die „Emalia“

Das Attentat

Das Polenlager

Hände waschen nach der „Arbeit“

Blutiger Herbst

Der Coup des Mietek Pemper

Liebesstunde

Showdown im Julag I

Geburtstag & Feiertage

KZ Płaszów

Entsprechende Arbeit für jeden

Die ganzen Nazis, die können mich mal!

Eine tödliche Falle für Wilek Chilowicz

Ringen um Schindlers Liste

Verhaftung und SS-Gericht

Dem Galgen entgegen

Anhang


Cruelty has a human heart.

William Blake A Divine Image

Die Wirklichkeit der Ereignisse ist nicht rekonstruierbar.

Die unermüdliche Suche nach Erkenntnis geht weiter, und mag sie noch so aufwändig sein, damit nicht alles verloren und vergessen wird.

Raul Hilberg

Die Quellen des Holocaust

Amon Göth gehörte zu der Gattung von Menschen, die man, selbst wenn man sie nur einmal gesehen hat, nie wieder vergessen kann.

Roman Frister

Die Mütze oder Der Preis des Lebens

HOFFNUNG
ERINNERUNG

Über sechs Jahrzehnte trennen uns inzwischen von den grauenvollen Verbrechen der Nazimörder. So wie ihre Opfer haben auch die Täter vielfach ihr Gesicht verloren, Zehntausende von Massenmördern sind in der Anonymität einer sich immer weiter entfernenden Vergangenheit versunken. Vieles aus diesen Zeiten des Terrors und des Schreckens kann nicht mehr erzählt werden, da es vergessen ist, so ganz und gar vergessen, dass es scheint, als ob es nie gewesen wäre.

Indem sich dieses Buch auf die Suche nach den Spuren eines der österreichischen Täter und seiner zahllosen Opfer begeben hat, möchte es unsere Sinne für die Wahrnehmung der Nazi-Verbrechen schärfen. Es plädiert für eine Wahrnehmung, die über gedankenlose Feststellungen und Lippenbekenntnisse, über das folgenlose Repetieren von Zahlen und Fakten hinausgeht. Die trauerlose, schweigende Gleichgültigkeit, mit der Millionen von Menschen der Kriegsgeneration dem Judenmord, dem Mord an den Roma und Sinti oder an den Homosexuellen und Behinderten zusahen, darf nicht die unsere sein! Es genügt nicht zu wissen, dass sechs Millionen Juden feige ermordet worden sind – dieses Wissen muss auch in unser Herz einziehen, die Verbrechen der Nazis müssen uns Vermächtnis und klarer Auftrag sein, der schmerzende Stachel, der uns antreibt: nicht nachzulassen im Kampf gegen die faschistische Ideologie, gegen Rassismus und Gewalt. Nur wenn das furchtbare Geschehen von damals unauslöschlich Teil unseres Bewusstseins ist, werden wir auch entsprechend reagieren können, wenn sich das Pendel wieder gefährlich in die Richtung faschistischer Herrschaftspraxis bewegen sollte. Wer sich scheut hinzublicken und nur „seine Ruhe“ haben will, darf nicht überrascht sein, wenn schon morgen das Tabu des Tötens außer Kraft gesetzt wird und die Mörder morgen wieder unter uns sind!

Frieden und Demokratie, die Eckpunkte unseres Wohlstands, sind nur zu bewahren, wenn wir für sie bereit sind zu kämpfen. Die Erinnerung an die Schrecken des Holocaust wird uns Quelle der Kraft sein. Zwar stimmt es, dass dieses Erinnern „nichts sühnt“, wie es der Soziologe Wolfgang Sofsky formuliert hat, und es den Opfern nicht hilft. Inmitten von Ignoranz und Passivität, von Dummheit und Genusssucht unserer „Spaßgesellschaft“ ist sie aber zumindest ein Hoffnungsschimmer: auf ein Bewusstsein von Geschichte, das die Vergangenheit ernst nimmt. Immer wieder liest man in den Aufzeichnungen von Überlebenden des Holocaust, dass sie es nicht glauben konnten, dass derartige Exzesse von Gewalt von Angehörigen einer modernen Gesellschaft überhaupt begangen werden konnten. Man vertraute bis zum letzten Schritt an den Rand des Massengrabes darauf, dass diese „unvorstellbaren“ Verbrechen unmöglich seien – und wurde eines Besseren belehrt! In den Todeslagern und Tötungsfabriken der Nazis zeigte sich: Auch wer Goethe liest und Richard-Wagner-Opern hört und von Kant schwärmt und von Schopenhauer, ist vor dem Blutrausch des Mordens nicht gefeit – der Holocaust führte das Gerede von der deutschen „Kulturnation“ ebenso ad absurdum wie jenes vom „Kulturland“ Österreich. Ja, die Schreie der Gemarterten und der Sterbenden sind nicht mehr hörbar, ihre Hilflosigkeit und Verlassenheit, ihre Verzweiflung und ihre Todesangst nicht mehr spürbar, wir, die Nachgeborenen, können nicht mehr helfen, nichts, nichts kann rückgängig gemacht werden. Wir können allenfalls die Opfer für die Untaten unserer Großväter und Großmütter, unserer Väter und Mütter um großmütige Verzeihung bitten. Wir können aber zuhören, wenn Überlebende erzählen, wir können unser Gewissen erforschen und zumindest die richtigen Schlüsse ziehen. Aus der Erinnerung wächst eine wichtige Erkenntnis: Die Archive des NS-Grauens eröffnen uns Dimensionen des Menschseins, die wir nicht wahrhaben wollen und die dennoch Wirklichkeit sind. An die Stelle des „Willens zum Nichtwissen“ (Wolfgang Sofsky) muss daher der Willen zum Wissen treten – nicht als lästige Pflicht und sinnentleertes Ritual der allseits geforderten political correctness, sondern als Selbstschutz. Wenn wir überleben wollen, müssen wir handeln!

Der Wiener SS-Killer Amon Leopold Göth, von dem dieses Buch erzählt, handelte nicht aus Befehlsnotstand. Er war kein „Täter wider Willen“. Göth war sein eigener Herr und scherte sich wenig um Vorgesetzte, ja, er hasste all die „Schreibtischhengste“ in ihren Büros. Das Töten war allein seine Initiative, er tat es aus Lust und nicht aus Zwang. Er benötigte keinen Befehl, sondern nützte skrupellos den „Freiraum“, den ihm die Todeswelt der Lager bot. Göth, der Lagerkommandant, zelebrierte seine uneingeschränkte Macht über rechtlose Häftlinge bis zum Exzess. In einer barbarischen Welt, in der Menschenwürde nichts mehr zählte, genoss er es, alle Grenzen des Menschlichen zu überschreiten. Es war der wollüstig-teuflische Reiz des Töten-Dürfens, dem er nicht widerstehen konnte, dieser letzte „Kick“, den er empfand, wenn er in die Augen der Todgeweihten blickte. Und er war kreativ, wenn es darum ging, dieses Morden „mit Stil“ zu inszenieren. Ihm, dem erfinderischen Regisseur des Todes, wurde das Lager zur Bühne, auf der Tag für Tag in immer neuen Varianten dasselbe blutige Schauspiel gegeben wurde: der Mord an den Juden. Gekonnt setzte er die entsprechenden Signale für seine „Mitspieler“: das Tragen einer bestimmten Mütze und/​oder von weißen Handschuhen, Schlagermusik, Walzer und große Oper – das Töten wurde so gleichsam zum „Event“, es hatte tatsächlich Unterhaltungswert und machte ihm und seiner SS-Entourage nicht wenig „Spaß“. Es war ein „Sport“ für „harte“ Männer. All das wussten die Häftlinge auch bald richtig zu deuten und zu fürchten. Ein eigener Lagercode für die Zahl der Opfer wurde kreiert: 4 : 0 hieß es lakonisch am Lagertor, wenn Häftlinge abends von ihrem Arbeitseinsatz zurückkamen – vier Tote, für Göth das „Ergebnis“ des Tages.

Der Verlegersohn aus Wien verlor dabei niemals die „wirtschaftliche“ Seite des Judenmordes aus den Augen: jene attraktiven Gewinnaussichten, die ihn bereits träumen ließen von einem Luxusleben als Bankhaus-, Druckerei- und Landgutbesitzer. Göth sah die einmalige Chance gekommen, sich für die Zeit „danach“ als „Unternehmer“ großen Stils etablieren zu können – man musste es nur geschickt anfangen. Doch da ließen ihn seine Kumpane schlussendlich im Stich …

Göths Geschichte ist die exemplarische Geschichte eines jungen Österreichers, der vom idealistisch gesinnten braunen „Revolutionär“ zum gewissenlosen Akteur des Massenmordes wurde. Eindringlich führt sie uns vor Augen, was an Bestialität und Menschenverachtung möglich ist, wenn nur die Bedingungen dafür geschaffen werden. Es ist daher eine Geschichte, die uns alle angeht.

Johannes Sachslehner

März 2008


Kosename Mony

Es ist der 11. Dezember 1908. Unter den Menschen, die an diesem trüben Wintertag in Wien geboren werden, sind manche, denen ein außergewöhnliches Schicksal vorgezeichnet ist. Da ist etwa ein Mädchen, die Jüdin Ruth Weiss. 1933 wird sie nach Shanghai emigrieren; später wird die Lehrerin und freie Journalistin Augenzeugin der chinesischen Revolution und der Aufbaujahre der Volksrepublik China, sie stirbt 2006 im Alter von 97 Jahren. Und da ist ein Junge, Amon Leopold Göth. Er wird 1946 am Galgen sterben, sein Leichnam verbrannt, die Asche verstreut. Die Erinnerung an ihn wird jedoch für immer bleiben.

Er tritt ins Leben im Haus Nummer 5 in der Morizgasse in der Vorstadt Gumpendorf. Hier liegt an diesem 11. Dezember 1908 die 31-jährige Bertha Göth in den Geburtswehen, ihr zur Seite steht die Hebamme Maria Altmann, die aus der nahen Stumpergasse herbeigerufen worden ist und das Vertrauen der Gebärenden besitzt. Als der ersehnte Sohn das Licht der Welt erblickt, ist die Freude groß.

Eine Woche später, am 18. Dezember 1908, bringen Amon Franz und Bertha Göth ihr Kind in die Pfarrkirche Gumpendorf zur Taufe; Taufpate ist Onkel Amon Göth, wohnhaft in der Oberen Augartenstraße 50, als Beruf hat er im Pfarramt „Geschäftsleiter“ angegeben.

Die Eltern sind sich einig: Ihr Sohn wird jenen ungewöhnlichen Vornamen tragen, der in der Familie zur Tradition geworden ist: Amon. Amon oder Amun, das ist der widderköpfige „Allesbeweger“ der alten Ägypter, der Gott der Fruchtbarkeit, der den Sternen, den Menschen und den Tieren das Leben gab und als Amun-Re zum Hauptgott des Landes wurde. Um ihn von Vater und Taufpaten und Großvater, der ebenfalls Amon Göth heißt, zu unterscheiden, hat man sich für „Leopold“ als zweiten Vornamen entschieden. Der Kooperator der Pfarrkirche zum heiligen Ägydius, Pater Gallus Urwalek, spendet das Sakrament; die Familie feiert andächtig mit; sie fühlt sich den Traditionen des katholischen Glaubens eng verbunden. Amon Franz und Bertha Göth, geborene Schwendt, haben am 2. Februar 1908 in der Pfarrkirche Mariahilf in Graz geheiratet, beide sind jedoch „echte“ Kinder der Haupt- und Residenzstadt Wien und stammen aus einfachen Verhältnissen: Der Vater, Sohn des Kellners Amon Göth und der Maria Göth, geborene Rokos, ist am 4. Mai 1880 in Hernals geboren; die Mutter Bertha ist am 21. Juli 1877 als Tochter des Leopold Schwendt, eines Gumpendorfer Zimmermeisters, und der Anna Schwendt, geborene Fröhsl, zur Welt gekommen. Amon Franz Göth ist „Reisender“, was immer das genau heißen mag. Und er hat eine große Familie: Acht Geschwister sind es neben ihm.

Tante Käthe, eine der Schwestern des Vaters, selbst kinderlos, kümmert sich aufopferungsvoll um den kleinen Amon, der nur mit seinem Kosenamen „Mony“ gerufen wird, ja, sie „vergöttert“ den Jungen geradezu, dem es an nichts fehlt. Obwohl sich seine Eltern wenig Zeit für ihn nehmen, entwickelt der Junge, so die Familienüberlieferung, eine starke Elternbindung.

Es ist Monys Mutter Bertha, die Geschäftssinn beweist und das kleine Familienunternehmen, einen 1916 gegründeten „Buch- und Kunsthandel“, erfolgreich führt. Inhaber des im März 1916 ausgestellten Gewerbescheins ist Vater Franz Amon, der bereits seit dem Frühjahr 1914 eine Konzession als „Reisebuchhändler“ besitzt. Nun ist er für die neue Firma, die unter „Ausschluss des Ladenverkaufs“ arbeitet, als Reisender tätig. Er und wohl auch einige Mitarbeiter verkaufen, was man in den bürgerlichen Haushalten in diesen Tagen des Krieges benötigt: Bücher religiösen und patriotischen Inhalts, Heiligenbilder, Ansichtskarten und diverse Papierwaren. Im Oktober 1916 erwirbt Amon Franz Göth noch eine Konzession für den „Gemischtwarenhandel en gros“; Standort des Unternehmens ist von nun an die Mariahilfer Straße 105. Die Familie selbst ist inzwischen von der Morizgasse 5 in die Mittelgasse 37 umgezogen.


Ein netter Junge aus bürgerlichem Haus: Amon Göth, genannt Mony

Als „Seele des Unternehmens“ werkt von Beginn an Bertha Göth, sie führt die Geschäfte. Ihr Mann gibt das Geld, das sie verdient, auf weiten Reisen, die ihn bis in die USA und durch Europa führen, wieder aus. Franz Amon Göth ist ein Gentleman und ein Mann von Welt – er spricht perfekt Englisch und beeindruckt durch beste Umgangsformen. Diesen ausgeprägten Sinn für Stil und Etikette vererbt er auch seinem Sohn: „Er prüfte zuerst die Tischmanieren. Und wenn da nichts missfiel, wurde man in seinen Kreis aufgenommen“, erzählt Tochter Monika heute über ihren Vater.

Familie Göth lebt in guten bürgerlichen Verhältnissen: Man hat ein Dienstmädchen und irgendwann zu Beginn der Zwanzigerjahre kann man sich sogar ein schickes Automobil leisten – für den heranwachsenden Mony wird der erste Ausflug mit dem chromblitzenden Gefährt zur faszinierenden Erfahrung.

Als Mony im Herbst 1915 beginnt in die Schule zu gehen, tobt seit über einem Jahr der Erste Weltkrieg. Längst ist die Begeisterung der Augusttage 1914 verflogen; nach den blutigen Niederlagen im Herbst 1914 schöpft man jedoch wieder etwas Hoffnung: In Galizien sind die k. u. k. Truppen wieder in der Offensive; in den Dolomiten und am Isonzo stehen sie erfolgreich im Abwehrkampf gegen die Italiener. Noch mag niemand daran denken, dass dieser Krieg der letzte der ruhmreichen Armee des Kaisers sein könnte. Für Franz Amon Göth bleibt der Krieg überhaupt ein fernes Ereignis: Er hat es irgendwie geschafft, nicht zur Truppe eingezogen zu werden.

Mony besucht eine private katholische Volksschule; seine Eltern wollen ihm jene Werte vermittelt wissen, die sie zur Richtschnur ihrer Existenz erhoben haben: Gottvertrauen, Fleiß, Anständigkeit, Gesetzestreue. Ihr Sohn soll einmal in ihre Fußstapfen treten und die Firma übernehmen, die sie mit so viel Kraftanstrengung aufgebaut haben. Es ist das drückende Gefühl dieser Verpflichtung den Eltern gegenüber, das Mony von den Volksschultagen an nicht mehr los wird.

Die Schrecken des Krieges ziehen an dem durchaus aufgeweckten Volksschüler wohl nicht spurlos vorbei: Familie Göth wohnt seit Februar 1917 in einem neu erbauten Haus in der Mollardgasse 34; unweit davon befindet sich die 1873 als „k. k. Kunststickereischule“ gegründete „k. k. Zentral-Lehranstalt für Frauengewerbe“, die seit dem Ausbruch des Krieges als Lazarett dient. Beinahe täglich treffen hier von dem nur einen Kilometer entfernten Frachtenbahnhof der Südbahn die Sanitätswagen mit Verwundeten vom Isonzo ein – der Anblick verstümmelter, halbtoter Soldaten, von Männern ohne Arme oder Beine in blutigen Verbänden wird zu seinem Kriegserlebnis. Für große Illusionen über den heroischen Krieg ist da kein Platz mehr, wohl aber für das schmerzende Gefühl der Niederlage und des Untergangs, das auch die bürgerliche Welt der Göths durchtränkt. Mony ist zehn Jahre alt, als die Monarchie zusammenbricht und die Republik „Deutsch-Österreich“ ausgerufen wird. Bald wird er erkennen, dass er mit dieser um ihr Überleben kämpfenden Repablick nichts zu tun haben will; da ist die Sehnsucht nach einer größeren Heimat, die nur Deutschland heißen kann …

Noch ordnet er sich jedoch der Lebensplanung seiner katholischen Familie unter: Am 29. Mai 1919, es ist der Christi-Himmelfahrts-Tag, empfängt Mony im Stephansdom das Sakrament der Firmung – in St. Germain-en-Laye wartet die österreichische Delegation an diesem Tag vergeblich auf die angekündigte Überreichung des Friedensvertrages. Eine weitere Demütigung durch die Entente-Mächte, die man nicht vergessen wird.


GEGEN EINE WELT VOLL TEUFEL UND JUDEN

Mony war kein Musterschüler“, wird später sein Vater über ihn sagen. Eine vornehme Formulierung für den Ärger, den seine schulischen Leistungen bereiten. Dabei ist Mony, daran besteht kein Zweifel, ein intelligenter, vielseitig begabter Junge; was fehlt, ist die nötige Einstellung zum Lernen. Er will nur eines: ausbrechen aus der engen Welt dieses katholisch-bürgerlichen Haushalts. Die Eltern fühlen sich jedenfalls überfordert und wählen eine Lösung, die als letzter Ausweg für Wiener Familien dieser Zeit nicht unpopulär ist: Sie schicken ihn nach fünf Klassen Volksschule aufs Land – ins Konvikt nach Waidhofen an der Thaya. Hier, in der stillen Waldviertler Kleinstadt, abseits aller Verführungen durch das „Sündenbabel“ Wien, soll er die Oberrealschule besuchen und mit der Matura den Grundstein für ein erfolgreiches Berufsleben legen. Das Waidhofener Konvikt ist bekannt als refugium peccatorum, den Widerspruchsgeist Monys vermögen jedoch auch die strengen Erzieher des Heims nicht zu brechen; ja, vielmehr scheint hier sein Charakter weitere negative Prägungen erfahren zu haben – so könnte sein Hang zu seltsamen sadistischen Scherzen aus den Erfahrungen dieser Zeit resultieren. Die großen Hoffnungen der Eltern erfüllen sich nicht: In der 6. Klasse ist für ihn Schluss mit der „Quälerei“, es helfen keine Drohungen und keine Versprechungen mehr; die Matura bleibt ein unerfüllter Wunschtraum. Was bleibt, ist eine ebenso unspektakuläre wie vernünftige Entscheidung: Bertha und Amon Franz Göth holen ihren Sohn in die Firma, er soll Verlagsbuchhändler lernen und so zumindest für das familieneigene Geschäft gerüstet sein. Der Zeitpunkt ist günstig, denn am 1. Juli 1925 kann Amon Franz Göth seine Konzession betreffend den Buch-, Kunst- und Musikalienhandel auf den „Verlag und Vertrieb unter Ausschluss des offenen Ladengeschäftes“ ausdehnen.

Da, bevor Mony noch nach Wien zurückkehren muss, nimmt ihn ein Freund mit zu einer Veranstaltung der jungen Hakenkreuzler, die seit kurzem im Waldviertel ihr Unwesen treiben. Und es eröffnet sich ihm eine andere Welt, eine Welt des Hasses und des Kampfes, in der der Feind einen Namen hat: die Judenseuche. 1925 tritt der 17-jährige Mony der Ortsgruppe der „Vereinigung der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterjugend Deutsch-Österreichs“ in Waidhofen an der Thaya bei; die wahnwitzigen, unablässig getrommelten Parolen dieser antisemitischen Fanatiker werden nun auch zu den seinen. Die Kameraden schätzen seine Körperkraft und seine sportlichen Fähigkeiten; einen „Kerl“ wie ihn können sie gut gebrauchen. Ja, und er möchte auch dabei sein, wenn man dereinst „Schulter an Schulter gegen die große Judenseuche“ kämpfen und Deutschland von ihr befreien wird, ja, auch er ist nun einer von jenen, die berufen sind, „unser Volk und den deutschen Arbeitsmenschen aus Knechtschaft zur Freiheit“ zu führen. Mony setzt mit dem Beitritt ein Zeichen; er hat erkannt, was er sein möchte: ein Kämpfer und Soldat gegen eine „Welt voll Teufel und Juden“. Und er bekennt sich zu den Grundsätzen seiner neuen Genossen: „Deutsch bis ins Mark, Sozialist bis zur glühenden Leidenschaft und Judengegner zum Heile deines Volkes, so sollst du’s halten dein Leben lang!“ – eine Losung, der Mony bis zu seinem Tod treu sein wird.

Mit der vorzeitigen Entlassung Hitlers aus der Festungshaft in Landsberg am 20. Dezember 1924 bekommen auch seine Anhänger in Österreich neuen Auftrieb. Nun, da der „Meister und Führer“ das Banner wieder ergriffen hat, reißen sein „Schaffenswille und Kampfesmut“, sein „hoher Seelenschwung“ und seine „Vaterlandsliebe“ mit fort zur Arbeit für das große Ziel, den „Sieg über Judentum und Marxismus“. Schritt für Schritt rückt sich auch Mony, der von diesem entschlossenen „Willen zur Tat“ beeindruckt ist, sein Weltbild endgültig zurecht; er akzeptiert die Rassenlehre der Völkischen als Richtschnur seines Handelns und stimmt in der Diagnose des politischen Ist-Zustandes seinen neuen Freunden bei den Hakenkreuzlern zu, wenn etwa Adolf Bauer, der Schriftleiter des „Kampfblatts“ Der jugendliche Nationalsozialist, das einige Zeit hindurch bei August Buschek in Waidhofen an der Thaya gedruckt wird, schreibt: „Wirtschaftlich versklavt, unser Blut geschändet, alles was deutsch ist von jüdischem Geifer besudelt, in Klassen gespalten und die Jugend im jüdischen Sinne irregeleitet, so rennt unser Volk dem Abgrund entgegen.“

Dennoch verlässt Göth 1927, er wird neunzehn, die Jungnazis und tritt der 5. Kompanie des „Steirischen Heimatschutz Verbandes Wien“ bei; vermutlich glaubt er hier für sein Anliegen einen stärkeren Rückhalt zu finden als bei den sektiererischen Hitleranhängern, die zu diesem Zeitpunkt kaum wirklich ernst genommen werden und nur über die Macht des Wortes verfügen – bei der Nationalratswahl Anfang 1927 erhalten sie kaum 30.000 Stimmen. Da können die Heimwehrfaschisten, deren Erkennungszeichen der Hahnenschwanz ist, schon anderes bieten: Hervorgegangen aus den steirischen Wehrverbänden des Nachkriegs, die sich der Bedrohung durch Jugoslawien entgegenstellten, haben sich die „Heimatschützer“ noch aus den Arsenalen der k. u. k. Armee mit Waffen versehen und Anton Rintelen, der steirische Landeshauptmann, sorgt geschickt dafür, dass der Nachschub nicht abreißt. Es sind bestens ausgerüstete paramilitärische Verbände, die Sonntag für Sonntag in den österreichischen Städten provokativ ihre Stärke demonstrieren; Mony lernt hier erstmals den Zauber von Uniformen und Waffen kennen, erliegt der Faszination des Männerbündischen, Soldatischen, das ihn von nun an nie mehr ganz loslassen wird.


In der 6. Klasse ist Schluss mit der „Quälerei“: die Oberrealschule in Waidhofen an der Thaya.

Neben den Abenteuern, die er in den Reihen der marschierenden Kameraden findet, sucht der junge Göth vermutlich zu diesem Zeitpunkt noch nach Alternativen zur Arbeit im Verlag. So halten sich hartnäckig Gerüchte, dass er zwei Semester an der Wiener Hochschule für Bodenkultur „Landwirtschaft“ studiert habe – eine Behauptung, für die es keine Belege gibt; allerdings ist es möglich, dass Mony als außerordentlicher Hörer Vorlesungen besuchte. In seinem 1941 für das SS-Personalhauptamt handschriftlich verfassten Lebenslauf erwähnt er davon allerdings nichts – Indiz dafür, dass eventuelle Anläufe in diese Richtung erfolglos bleiben.

Inzwischen hat die Verlagsbuchhandlung Franz Amon Göths auch verlegerisch Fuß gefasst; 1926 gelingt mit dem von J. Viktor Kowalewski herausgegebenen Band Vergewaltigte Menschen. Blätter aus dem Felde und der Kriegsgefangenschaft ein erster großer Erfolg. Der heroisierende Blick zurück auf die Opferjahre des Ersten Weltkrieges hat nun Konjunktur und wird zu einem Haupttema des kleinen Programms.

Was Göth bei den „Hahnenschwänzlern“ fehlen mag, ist die Radikalität antisemitischer Äußerungen, wie er sie von den Jungnazis her gewohnt ist, dazu kommt die Zerstrittenheit der Heimwehrführer untereinander – im Vergleich zu Männern wie Walter Pfrimer oder Ernst Rüdiger Starhemberg mag Adolf Hitler tatsächlich als Lichtgestalt erscheinen. Mony erinnert sich wieder an seine alten Freunde von den Hakenkreuzlern und beginnt sich allmählich neu zu orientieren: Wohl schon 1929 ist er wieder im Umfeld der Nazis zu finden, noch allerdings nur als Sympathisant. Möglicherweise hängt auch sein Aufenthalt in der Marktgemeinde St. Andrä-Wördern im April und Mai 1930 mit dieser politischen „Neuorientierung“ zusammen. Im Meldebuch des kleinen Ortes an der Donau trägt sich der 21-Jährige, der bis dahin immer beim Vater in der Mollardgasse gemeldet gewesen ist, als „Privatbeamter“ ein, als Wohnadresse gibt er die Sackgasse 5 an – der Verdacht liegt nahe, dass Göth diese Tarnung benutzt, um ungestört seine Kontakte in die Szene pflegen zu können. Indiz dafür ist nicht zuletzt die Tatsache, dass er sich auch in späteren Jahren, etwa 1935, wiederholt in St. Andrä-Wördern aufhält.

Das Thema Steirischer Heimatschutz erledigt sich schließlich von selbst. Im Sommer 1930 steuert die Führungskrise der Heimwehren einem neuen Höhepunkt zu. Am 2. September 1930 wird Starhemberg auf einer Tagung aller Landesleiter in Schladming zum „Bundesführer“ der Heimwehren gewählt, gleichzeitig schafft die NSDAP bei den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 den Sprung zur zweitstärksten Partei Deutschlands. Für zahlreiche Angehörige des Heimatschutzes ein klares Signal, das Lager zu wechseln und zu den Nazis zu gehen – sie trauen Starhemberg nicht mehr, der ihre Überzeugungen „verraten“ hat: den Kampf für den „Anschluss“ und den Sturz der Bundesregierung. Auch für Mony ist das Maß jetzt voll – am 13. Mai 1931 tritt er der Ortsgruppe Margareten der NSDAP bei; er erhält die Mitgliedsnummer 510.764. Da er im 6. Bezirk gemeldet ist, überweisen ihn die überkorrekten Parteigenossen aus Margareten bald darauf an die Ortsgruppe Mariahilf, wo er als „politischer Leiter und als SA-Mann“ erste Funktionen im Kreis der braunen Kämpfer übernehmen darf – Mony bekommt das wichtige Gefühl vermittelt, dass er hier tatsächlich gebraucht wird.

Von der SA ist der Weg zur SS für ihn nicht mehr weit: Auf einer Versammlung beeindruckt ihn das forsche Auftreten der SS-Recken so sehr, dass er sich sofort zur Mitgliedschaft in Himmlers Totenkopf-Truppe entschließt; auf seinem SS-Ausweis prangt von nun an die Nummer 43.673. Seinen „Dienst“ versieht er beim Trupp „Deimel“, einer Teilformation des SS-Sturms „Libardi“; offensichtlich zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten, denn im Jänner 1933 wird er zum Stab der 52. SS-Standarte versetzt. Hier überträgt man ihm die „Geschäfte“ eines Adjutanten des Stabsführers und betraut ihn zusätzlich noch mit den Agenden eines „Motorstaffelführers“. Als Inhaber der Kraftfahrzeugführerscheine 1, 2, 3 und 4 und begeisterter Automobilist ist Göth für diesen Posten die ideale Besetzung.

Ein „Dienstleistungszeugnis“ von 1941 bescheinigt ihm, dem „vorbildlichen SS-Kamerad“, sicherlich zu Recht „große Verdienste“ um die Partei.

„Blutopfer“, Illegalität und erste Ehe

Die Machtergreifung Hitlers in Deutschland am 30. Jänner 1933 löst unter seinen Anhängern in Österreich enorme Euphorie aus. Ungeduldig drängen sie, die so ganz „deutsch“ fühlten, auf den „Anschluss“ und die sehnsüchtig erwartete „Heimkehr ins Reich“; entschlossen verstärken sie ihre Aktivitäten. Göth, jetzt 24 Jahre alt, ist mit ganzem Herzen bei der Sache. Im Mai 1933 wird er zum SS-Scharführer befördert. Kryptisch äußert er sich in seinem später verfassten „Lebenslauf“ über die damalige Tätigkeit: „Nach dem Parteiverbot erhielt ich vom damaligen Führer der 52 SS Stand. den Auftrag im Rahmen der 52 SS Stand. die notwendigen Maßnahmen zu organisieren. In Ausübung dieses Auftrags musste ich im Juli 1933, da ich von den öst. Behörden wegen Sprengstoff– verbrechens gesucht wurde, ins Reich flüchten.“

Während einer „Dienstfahrt“ mit der SS-Standarte 11 hat Göth bei Drosendorf im Waldviertel einen Unfall und wird schwer verletzt. In einem Fragebogen zur „Erhebung zwecks Vorprüfung der Anwartschaft für die Zuteilung eines Antragscheines zum Erwerb des Blutordens“, datiert mit 19. Februar 1939, gibt Göth die näheren Umstände dieses Unfalls an: „Absturz des Wagens, 2 Tote und 28 Schwerverletzte blieben unter dem Wagen. Bei den Bergungsarbeiten, obwohl schwer verletzt, stürzte ich nochmals und zog mir weitere schwere Verletzungen zu.“ Obwohl Verletzungen aus einem Unfall keine Anwartschaft auf Verleihung des Blutordens begründen, wird ihm daraufhin ein Antragschein zugeteilt – der Beginn eines bürokratischen Hürdenlaufes durch die Parteistellen, der letztlich erfolglos bleiben sollte.

Im Sommer 1933, wohl Ende Juli, Anfang August, nach den Sprengstoffanschlägen der Nazis in Krems und dem daraufhin ausgesprochenen Verbot der NSDAP und ihrer Organisationen, flüchtet Göth nach München. Die österreichischen Behörden haben ihn zur Fahndung ausgeschrieben: „Privatbeamter“ nennt ihn das Zentralpolizeiblatt vom 19. Juli 1933 und erwähnt als besondere Kennzeichen einen „kleinen englischen Schnurrbart“, eine Rissnarbe im Gesicht – wohl vom Unfall in Drosendorf – und seinen „lässigen Gang“. Nach Göth wird gesucht, weil man in ihm einen der Hintermänner der Sprengstoffattentate im Frühsommer 1933 vermutet. Man weiß, dass er Führer der „Motorstaffel der SS Niederösterreich“ ist und in der Mollardgasse 34 gemeldet war.

In München findet Göth Unterschlupf bei einem gewissen Josef Stehberger in Neubiberg, Wotanstraße 7. Stehberger ist Doggenzüchter und freundet sich mit dem jungen, aufgeweckten Nazi aus Österreich rasch an. Hier findet man für ihn eine neue Aufgabe: den Schmuggel von „Sende-Geräten“ nach Österreich, anschließend ist er als Kurier im Einsatz, wird aber bereits im Oktober 1933 von der österreichischen Polizei gestellt und in Haft genommen. Aus Mangel an Beweisen gegen ihn lässt man ihn zu Weihnachten 1933 wieder laufen.

Das gefährliche Treiben ihres Sohnes ist den Eltern inzwischen nicht mehr ganz geheuer. Um ihn auf andere Gedanken zu bringen, verfallen sie auf eine etwas unkonventionelle Idee. Sie präsentieren ihm eine junge Frau, die bereit ist ihn zu heiraten: Olga Janauschek, von Beruf Bankbeamtin, geboren am 17. Jänner 1905 in Wien, also beinahe vier Jahre älter als er. Mony nimmt diesen Vorschlag erstaunlich gelassen zur Kenntnis und willigt ein. So beginnen, als er im Dezember 1933 nach Hause kommt, die Hochzeitsvorbereitungen; die Eltern sorgen für ein großes Fest: Am 7. Jänner 1934 heiraten in der Karlskirche Mony und Olga Leopoldine Janauschek. Trauzeugen sind die Väter Amon Franz Göth und der 1878 in Graz geborene „Lohnfuhrwerker“ und Autobusunternehmer Rudolf Janauschek aus Waidhofen an der Thaya.

Göth hat seinen Eltern nachgegeben; rasch zeigt sich aber, dass er sich mit Olga nicht versteht. Dazu kommt, dass es ihn wieder zu seinen Kameraden bei der SS zieht – von einer harmonischen Partnerschaft kann also keine Rede sein; bald steht die Scheidung zur Diskussion. Das Frühjahr 1936 wird zur kritischen Phase, dies umso mehr, als am 5. März 1936 Mutter Bertha Göth an Brustkrebs stirbt. Für Vater und Sohn Göth ist das ein schwerer Schlag – beide sind nun gefordert: Es gilt den persönlichen Verlust zu verarbeiten und es gilt den Verlag und die Buchhandelsgeschäfte weiterhin wirtschaftlich erfolgreich zu führen. Mony zeigt Entschlossenheit und will dem Vater demonstrieren, wie man das Bücherverkaufen richtig anpackt: Mit den neu erschienenen Bücher unter dem Arm marschiert er in Cafés und Bars, wo er sie vom Tisch weg an Gäste verhökert. Eine kleine Anekdote aus diesen Tagen weiß Tochter Monika zu erzählen: Göth sitzt wieder einmal im Kaffeehaus und will Bücher verkaufen. Da kommt er mit einer attraktiven rothaarigen Dame ins Gespräch, beide unterhalten sich bestens – bis ihm ein Freund an die Schulter tippt und zuflüstert, dass die Frau Jüdin sei. Göth dreht sich sofort wortlos um und lässt die Frau einfach stehen – mit Juden darf er nicht verkehren.


Ein charmanter Wiener Gentleman mit besten Manieren: Amon Göth in den dreißiger Jahren

Am 6. Juli 1936 wird am Amtsgericht Margareten ein „Versöhnungsversuch“ unternommen. Der Versuch bleibt „fruchtlos“; beide Ehepartner akzeptieren, dass für 15. Juli neuerlich eine Tagsatzung im Bezirksgericht Margareten anberaumt wird, bei der die Scheidung ausgesprochen werden soll. Vor Ort ist auch ein zu diesem Zeitpunkt noch wenig bekannter Jurist namens Arthur Seyß-Inquart, er hat die Rechtsvertretung von Olga Göth übernommen. Interessant ein Vermerk im Protokoll zu diesem Versöhnungsversuch: In der Rubrik „Beruf“ hat man zu Göth „Autohändler“ vermerkt, bei Religion steht das vertraute „rk.“ Als Adresse wird die Schelleingasse 12 im IV. Bezirk genannt – unter dieser Adresse war Göth jedoch nie offiziell gemeldet; als Wohnsitz nennt das Wiener Melderegister für die Zeit vom 25. Jänner bis zum 3. Oktober 1936 die Kettenbrückengasse 18.

Am 15. Juli 1936 erfolgt die Scheidung von „Tisch und Bett“ von Olga Janauschek, die später einen Anton Wreßnig heiraten und 1943 nach Leoben in der Steiermark übersiedeln wird. Rechtskräftig wird der Beschluss des Amtsgerichts erst am 17. September 1938, also nach dem „Anschluss“. Wohl auf Drängen der Eltern hat Göth auch eine kirchliche Scheidung beantragt; nun macht er vermutlich geltend, keinen ausreichenden „Ehewillen“ besessen zu haben. Mit Urteil des Erzbischöflichen Diözesangerichtes vom 12. Dezember 1940, Zahl 2886/​54, wird die Ehe „im Sinne des Can. 1086, § 2 CIC defectus consensus im kirchlichen Bereich für ungültig erklärt“; am 12. September 1941 bestätigt schließlich auch das Metropolitangericht Salzburg diesen Spruch mit der Begründung: „Can. 1987 kommt zur Anwendung.“

Das Verkaufen von Büchern bietet wenig Abenteuerliches und so macht sich Göth bald wieder auf den Weg nach Westen, auf in Richtung „Drittes Reich“. Am 3. Oktober 1936 meldet er sich von der Kettenbrückengasse 18 nach „Vorarlberg“ ab und bleibt unbekannten Aufenthalts. Im Sommer 1937 taucht er in München bei seinem alten Kameraden Stehberger auf, die Meldekarte im Stadtarchiv München, datiert vom 16. Juli 1937, nennt als Aufenthaltszweck „beruflich“; tatsächlich scheint er wieder als SS-Funktionär aktiv zu sein, denn erstmals bekommt er nun Probleme mit einem Vorgesetzten von der SS: SS-Oberführer Alfred Bigler, Chef des SS-Abschnitts VIII Linz, stellt ihn auf Grund „ernster Differenzen“, wie Göth in seinem „Lebenslauf“ einräumt, sogar außer Dienst. Bigler, um zehn Jahre alter als Göth, verlässt die SS auf eigenen Antrag mit Ende Oktober 1936; Göths Beschwerden, die er gegen seine Entlassung einbringt, sind damit gegenstandslos.


GESCHÄFTE MIT DEM VATER

Der „Anschluss“ im März 1938 bringt endlich die ersehnte Wende: Göth kehrt nach Wien zurück. Am 15. Juni 1938 füllt er den „Personal-Fragebogen zum Antragschein auf Ausstellung einer vorläufigen Mitgliedskarte und zur Feststellung der Mitgliedschaft im Lande Österreich“ aus. Darin gibt er an, dass sein Parteimitgliedsbuch bei der Ortsgruppe Thalkirchen-München „erliege“; sowohl an die Ortsgruppe in Thalkirchen als auch an die Ortsgruppe Mariahilf habe er regelmäßig die Parteibeiträge bezahlt. Und immerhin kann er darauf verweisen, wegen „illegaler nationalsozialistischer Betätigung“ bestraft worden zu sein: mit „Untersuchungshaft, die nach ergebnislosem Verfahren als Haft verlängert wurde (Staatspolizei & Sicherheitsbüro)“.

Am 13. Oktober 1938 probiert es Mony, begünstigt durch das nun geltende deutsche Eherecht, noch einmal. Er schließt vor der Bezirkshauptmannschaft Mariahilf mit Anna (Anny) Geiger die Ehe. Anny ist Tirolerin, geboren am 19. September 1913 in Innsbruck, und eine Frau so ganz nach dem Geschmack Göths: keine langweilige Stubenhockerin, sondern eine echte Sportskanone, die im Sattel eines Motorrads ebenso zu Hause ist wie am Volant eines BMWs. Mony hat sie bei einem Motorradrennen kennen gelernt; glaubt man den Angaben Göths in einem Fragebogen der SS, so erfolgte die Verlobung bereits am 7. März 1936 – also noch vor der Scheidung von Olga Janauschek und zwei Tage nach dem Tod der Mutter. Anny Geiger erfüllt ohne Zweifel die strengen Normen, die die SS den Frauen ihrer auserwählten Recken vorschreibt – ein perfektes Paar der nun angebrochenen „neuen Zeit“.

Wie es von einem Angehörigen der SS erwartet wird, tritt Göth im Herbst 1939 aus der römisch-katholischen Kirche aus und bezeichnet sich von nun an mit der im Kameradenkreis gängigen Worthülse als „gottgläubig“.

Gleich nach der Hochzeit ist die Familie darum bemüht, auch die wirtschaftlichen Grundlagen für das junge Paar neu zu ordnen. Am 2. Juli 1937 hat Franz Amon Göth seinen Verlag als Einzelunternehmen in das Handelsregister eingetragen; nun wandelt man den Verlag in eine Offene Handelsgesellschaft um, in die Mony am 1. Jänner 1939 als Gesellschafter eintritt. „Betriebsgegenstand“ ist zu diesem Zeitpunkt erstaunlicherweise noch immer der Buch- und Kunsthandel, der sich „auf den Versand von Büchern religiösen Inhaltes und von solchen, die patriotische Themata behandeln, ferner von Heiligenbildern (…), sowie von patriotischen Bildern unter Ausschluss des Ladengeschäftes“ konzentriert.

Die Ereignisse des Jahres 1939, vor allem der Ausbruch des Krieges, führen rasch zu einem Umdenken: Religion ist in den Tagen des Blitzkriegs nicht mehr opportun; jetzt haben Jubelschriften über die glorreichen Siege der Wehrmacht Konjunktur. Vater und Sohn Göth entschließen sich daher zu einer Auflösung des Handels mit religiösen Produkten und konzentrieren sich nun wieder auf die Verlagstätigkeit und den Verkauf von aktuellen Militaria, wobei man auf das altbewährte Vertriebsmodell setzt: Direktverkauf durch Vertreter gegen Ratenzahlung. Im Herbst 1941 sind es bereits an die 100 Vertreter, die für die Göths tätig sind: 25 in der „Ostmark“, 23 in den Sudetengebieten und 55 im „Altreich“, wobei letztere der „Verkaufsorganisation“ des in Berlin-Charlottenburg ansässigen „Generalvertreters“ Paul Gerhard Engelbert angehören.

Der Gesellschaftsvertrag sieht vor, dass Mony zwar nicht an den Vermögenswerten, dafür aber an Gewinn und Verlust zu je 50 Prozent beteiligt sein soll; Vater Göth legt die alte Konzession zurück und erwirbt eine neue für die Verlagstätigkeit und den Vertrieb ohne Ladengeschäft; das Unternehmen firmiert nun als „Verlag für Militär- und Fachliteratur A. Franz Göth & Sohn“. Als Mitgesellschafter in der väterlichen Firma kann sich Mony mit einem gewissen Recht nun tatsächlich als „Verleger“ bezeichnen. Mit dem noch schnell für das Weihnachtsgeschäft 1939 produzierten Prachtband Der große deutsche Feldzug gegen Polen. Eine Chronik des Krieges in Wort und Bild, herausgegeben „im Einvernehmen“ mit Heinrich Hoffmann, dem Reichsbildberichterstatter der NSDAP, und einem Geleitwort von Generaloberst von Reichenau landet man gleich einen ersten „Bestseller“; 1940 druckt man eine zweite Auflage. Zu einem Erfolg wird auch Konrad Leppas „Heldenbuch“ Die Sudetendeutschen im Weltkriege 1914 – 18, das 1940 erschien und ebenfalls zwei Auflagen erlebt.

Die Neuausrichtung des Verlags macht sich also bezahlt, die Göths verdienen gut: Der durchschnittliche Jahresumsatz bewegt sich bei beachtlichen 1,5 Millionen Reichsmark und kann bis 1944 in dieser Höhe gehalten werden. Bereits 1941 steht man daher vor der Frage, wie die Gewinne aus dem Verlagsgeschäft sinnvoll investiert werden könnten, und da verfällt Amon Franz Göth, wohl auch von Mony dazu gedrängt, auf die Idee, sich an einer Druckerei zu beteiligen – ein nahe liegender Gedanke, kann man so doch die Produktionskosten der Bücher entsprechend regulieren; gleichzeitig soll die Druckerei von den Aufträgen des Verlags profitieren.


Glückliche Tage: Hochzeit mit Anny Geiger im Oktober 1938

Amon Franz Göth entscheidet sich schließlich für eine Teilübernahme der Hermes Druck- und Verlagsanstalt AG. Dieses Unternehmen ist 1921 als Druck- und Verlagsanstalt Melantrich AG gegündet worden, der Firmensitz befindet sich im neunten Bezirk in der Pramergasse 6; leitendes Vorstandsmitglied ist ein gewisser Franz Opatril. Man ist sich schnell handelseinig: Vater und Sohn Göth übernehmen nicht nur ein beträchtliches Aktienpaket, sondern kaufen auch gleich die Druckmaschinen, das Setzmaterial und die Lagerbestände der Hermes AG. Der SS-Offizier Amon Göth ist damit, wenn man so will, auch zum Druckereibesitzer avanciert.

Die Geschäftspraxis der Göth-Vertreter, das aggressive „Hineinverkaufen“, ruft allerdings bald auch Kritik und Beschwerden hervor; die Wellen schlagen hoch in der Branche. Gutachten werden eingeholt, die Betriebsräume in der Mariahilfer Straße 105 einer Prüfung unterzogen. Von einem „Geschwür“ ist in einem Schreiben der Reichsschrifttumskammer an die Wiener Landesleitung der RSK die Rede, das „mit Stumpf und Stiel, ohne Rücksicht auf Firma oder Namen des Betreffenden, ausgebrannt werden muss“. Hugo Heineke, der Leiter der Fachgruppe Reise- und Versandbuchhandel in der Reichsschrifttumskammer, zitiert Vater Göth am 26. Oktober 1942 zu sich nach München. In dem mehrstündigen Gespräch mit Heineke muss er eingestehen, dass ihm „die Dinge über den Kopf gewachsen sind“, nicht zuletzt, wie er betont, durch den „Druck“, den sein Sohn auf ihn ausübe, um eine „Erweiterung der Firma nach jeder Richtung durchzuführen“. Amon Franz Göth gelobt eine entsprechende Besserung, vor allem eine genaue Kontrolle seiner Vertreter. Wie diese arbeiten, schildert anschaulich ein Beitrag vom September 1942 im SS-Organ Das schwarze Korps. Unter dem Titel „Gangstermethoden“ heißt es da über den Vertrieb des Feldzuges gegen Polen, eines Buches, das immerhin 24 Reichsmark kostet: „Die Kolonne überfällt also beispielsweise die Gemeindesiedlung Wienerfeld und sucht dort die Wohnungen heim. Ist der Mann zu Hause, so räumt sie mit einigen leeren Redewendungen das Feld. Ist der Mann aber als Soldat an der Front – und das sind dort die meisten –, so wird die alleinstehende Soldatenfrau einer zünftigen Seelenmassage unterzogen. Die, Herren‘ legen sich eine amtliche Miene zu, mimen militärische Haltung, lassen den, Vorgesetzten‘ durchschimmern und legen also los: Das Buch müsse gekauft werden, erklärt der Inquisitor Karl Kaiser, es sei ein, aufklärendes Militärbuch‘. Die Soldatenfrau erwidert etwas zaghaft, sie könne die 24 RM nicht aufwenden, sie lebe von der Familienunterstützung. Darauf wird Kaiser, Karl, spitzig: Wie, Sie wollen doch nicht etwa behaupten, dass die Unterstützung zu gering sei? Der Führer gibt Ihnen genug Unterstützung, dass Sie das Buch kaufen können! Worauf die Soldatenfrau einen Ratenzahlungsvertrag unterschreibt, denn wenn ihr, der Führer‘ die Unterstützung gibt, damit sie aufklärende Militärbücher kaufen könne, muss sie wohl in den sauren Apfel beißen. Der Mann erfährt es dann aus dem nächsten Feldpostbrief und macht sich seine Gedanken über, die Heimat‘, die mit der einen Hand nimmt, was sie mit der anderen gegeben hat.“


Der Gewerbeschein vom 21. April 1941 schreibt es fest: Amon Göth ist Geschäftsführer im Verlag des Vaters.


Selbst das SS-Magazin „Das Schwarze Korps“ widmet den Vertriebsmethoden des Göth-Verlages einen kritischen Beitrag.

Vater Göth, der für Mony den Kopf hinhalten muss, zieht die Konsequenzen: Er verzichtet auf die bereits bei der Reichsschrifttumskammer beantragte Aufstockung seiner Vertretermannschaft auf 300 Mann und sorgt in der Folge für eine rigorose Überprüfung seiner Vertreter – der schlechte Ruf bleibt dem Göth’schen Unternehmen allerdings erhalten.


IM INNEREN KREIS DER MÖRDER

Im Juli 1939 wird dem Ehepaar Göth Sohn Peter geboren, das Glück der jungen Familie scheint vollkommen. Dann folgt am Abend des 9. Februars 1940 der tiefe Fall: Anny und Mony sind an diesem verhängnisvollen Tag für einige Stunden weg, als sie zurückkommen, ist Peter bereits tot – hilflos erstickt an den Folgen einer Diphtherie-Infektion.

Am 5. März 1940, knapp einen Monat nach dem tragischen Tod seines Sohnes, meldet sich Göth, der seit 1938 der in Wien stationierten 11. SS-Standarte „Planetta“ angehört, bei der Wiener Ergänzungsstelle der Waffen-SS zum Dienst; wenige Tage später, am 9. März 1940, verlässt Göth seine Familie und geht ins oberschlesische Industriegebiet, das die Nazis nach der Eroberung Polens dem „Reich“ eingegliedert haben. Er rückt ein zu einem Sonderkommando des Reichsführer-SS, und zwar wird er Verwaltungsführer in Kattowitz bei der „Einsatzführung Ost Oberschlesien“; in der Friedrichstraße 20 bezieht er privat ein Zimmer. Sein erster Dienstort ist jedoch Teschen (Ciezsyń) an der polnisch-tschechischen Grenze, eine Stadt, in der 22 Jahre nach dem Untergang der Habsburgermonarchie die Welt des Doppeladlers noch immer gegenwärtig ist. Sein Vorgesetzter in Teschen ist SS-Obersturmbannführer Franz Weilguny; die Aufgaben sind vorerst wenig spektakulär – so stellt es Göth zumindest in seiner Aussage vor dem Krakauer Untersuchungsrichter dar: Er sei mit der „Registrierung“ von Pferden und anderen Tieren beschäftigt gewesen.

Amon Leopold Göth ist nunmehr ein Auserkorener in der schwarzen Uniform mit dem Totenkopf, ein Gefolgsmann des Rassenmystikers Heinrich Himmler, in dessen Auftrag er an der Errichtung der „Neuen Ordnung“ Europas mitwirkt. „Volkstumsarbeit“ nennen die Nazis ihren wahnwitzigen Bestrebungen, Menschen kreuz und quer durch Europa zu verschieben, und die Umsiedlung der „Volksdeutschen“ ist sein erstes Arbeitsgebiet, seine Anlaufstelle das Büro der „Volksdeutschen Mittelstelle“ in Kattowitz. Diese Parteidienststelle der NSDAP, gegründet 1935, wird von Himmlers SS systematisch unterwandert; der Reichsführer-SS will seine Hände im Spiel haben, wenn es um das Schicksal der so genannten „Volksdeutschen“ geht. Geleitet wird die kurz „Vomi“ genannte Institution seit 1937 von SS-Obergruppenführer Werner Lorenz, dem Sohn eines pommerschen Gutsbesitzers, der dafür Sorge trägt, dass auch Wiener SS-Männer in den „Sonderkommandos“ arbeiten.

Mony bringt die besten Voraussetzungen für eine steile, erfolgreiche Karriere in der SS mit: Er verkörpert den Typus des jungen, intelligenten, sportlichen „Machers“, er ist ehrgeizig bis zur Selbstaufgabe, aggressiv und skrupellos, wenn es um die Erreichung eines Ziels geht. Er ist ein hervorragender Organisator, bereit, die alte Welt zu zerstören, um eine neue zu erschaffen. Er fühlt sich als „Revolutionär“ und Auserwählter vor der Geschichte, dem es beschieden ist, mitzuwirken an der Errichtung dieser neuen Ordnung. Und er ist bereit die alten Werte seiner katholischen Kindheit dafür hinzuwerfen. Er ist bereit zu töten. Nicht, weil er die Juden, Polen oder „Zigeuner“ so abgrundtief hasst, sondern weil das Töten in der Welt der SS-Männerelite an sich zu einem neuen Wert geworden ist: Wer nicht „hart“ genug ist, um zu töten, kann im Kreis der Kameraden keine Führungsaufgaben übernehmen. Mony zeigt es allen: Auch ein Wiener Gentleman hat diese Härte, ja, er übertrumpft alle!

Am 10. September 1940 kommt Göth aus Teschen für einige Tage nach Wien; der SS-Scharführer zieht es merkwürdigerweise vor, nicht bei der Familie zu wohnen, und steigt im Palace Hotel in der Mariahilfer Straße 99, unweit des Verlages, ab. Bereits am 15. September verlässt er das Palace wieder und kehrt zurück nach Teschen; wenig später wird er der Grenzstadt für immer den Rücken kehren und nach Kattowitz in die Zentrale der Vomi gehen. Das SS-Personalhauptamt würdigt seine Verdienste: Im Jänner 1941 avanciert er zum SS-Oberscharführer.

Bereits bei seinem Wien-Aufenthalt im September muss er es gewusst haben: Seine Frau ist wieder schwanger; am 30. März 1941 wird Tochter Ingeborg geboren. Als ihm Anny telegrafiert: „Es ist ein Mädchen geworden“, telegrafiert Göth, der sich einen Sohn gewünscht hat, zurück: „Bitte telegrafiere, was es wirklich geworden ist.“ Anny antwortet: „Es ist wirklich ein Mädchen geworden!“ Später, als er Ingeborg bei einem Aufenthalt in Wien das erste Mal sieht, verliebt er sich in sie und bringt ein lebensgroßes Foto von ihr nach Płaszów.

Im „Umsiedlungskommando“ der „Volksdeutschen Mittelstelle“ in Kattowitz ist Göth Kassenverwalter; sein Arbeitsbereich ist die Eingliederung von Russlanddeutschen. Eines Tages trifft er einen alten Bekannten aus der illegalen Zeit wieder: den ehemaligen Ringer Franz Grün, von dessen sportlichen Fähigkeiten er sich bald am eigenen Leib überzeugen kann. Als er dem breitschultrigen, athletischen Grün eines Tages am Korridor zum Spaß das „Haxel stellt“, revanchiert sich dieser mit einem gekonnt ausgeführten Schulterwurf, der Göth prompt unsanft zu Boden streckt. Das werde er ihm, Grün, nie vergessen, erklärt er danach wütend, er werde dafür sorgen, dass er diese Aktion büßen müsse – noch ahnt er nicht, dass er dazu tatsächlich bald Gelegenheit haben wird.

Ein Blick auf die nicht untypische NS-„Karriere“ Franz Grüns lohnt sich: Geboren in Wien am 5. Oktober 1902 als Sohn eines Metallgießermeisters in der Gumpendorfer Straße 104, arbeitet er bis 1933 in Wien als Bäckergehilfe und ist dann bis 1937 ständig arbeitslos. 1929/​30 ist er Mitglied des Steirischen Heimatschutzes Wien, am 24. März 1931 tritt er der Ortsgruppe Wien-Mariahilf der NSDAP als Mitglied (Mitgliedsnummer 442.388) und im August 1931 dem SS-Sturm 2/​II/​11 bei. Er erhält die SS-Nr. 14863. Bis zum Verbot der NSDAP beschäftigt er sich nach eigener Darstellung „legal in der Propaganda“, danach „im Rahmen der Schutzstaffel mit Werben von Mitgliedern und überhaupt im Sinne der NSDAP“. Den Höhepunkt seiner Karriere als Sportringer erlebt er 1927/​28 im pfälzischen Pirmasens beim Athleten-Klub Herkules; beschäftigt ist er in dieser Zeit bei der örtlichen Konsumbäckerei und hier in Pirmasens lernte er auch seine spätere Frau Anna Maria, geborene Selbig, kennen, die er 1932 heiratet.


Der handgeschriebene Lebenslauf Göths für das SS-Personalhauptamt:


Von einem Studium der „Landwirtschaft“ ist keine Rede mehr.

Für das Ehepaar Grün, das zusammen mit dem 1933 geborenen Sohn Franz ein Leben am Rande des Existenzminimums fristet, werden die Nazis zur einzigen Hoffnung. In Wien müssen sie bei den Eltern von Franz leben, da das Wohnungsamt alle Anträge auf eine eigene Wohnung abweist. Es gibt keine Verdienstmöglichkeiten, dazu kommt, dass die politische Gesinnung Franz Grüns inzwischen polizeibekannt ist und immer wieder Hausdurchsuchungen stattfinden. Schließlich richtet die verzweifelte Anna Maria Grün ohne Wissen ihres Mannes ein Schreiben direkt an Hitler, in dem sie den „Führer“ um die Erlaubnis zur Übersiedlung nach Pirmasens bittet. Und die Beamten des Reichskanzlers enttäuschen sie nicht: Im Februar 1937 wird die Einreisegenehmigumg ausgesprochen; das NSDAP-Flüchtlingshilfswerk nimmt sich der Familie, die zunächst im Hilfswerklager Kreuz-Pullenbach untergebracht wird, großzügig an: Man gewährt ein Einrichtungsdarlehen in der Höhe von 600,– Reichsmark, anlässlich der Geburt von Tochter Anna Beatrix 1938 erlässt man ihm die Restschuld. Grün selbst kommt in das SS-Lager Ranis. Da gibt es bald auch die erste obligate „Beurteilung“ Grüns durch den Lagerleiter: Dieser sei „zwar im Wesen etwas schwerfälllig und nicht mit großen Geistesgaben gesegnet, dafür aber nicht minder zuverlässig und willig. Benehmen und Führung einwandfrei.“

Dann kommt der „Anschluss“ und da will auch Franz Grün nicht fehlen, wenn es darum geht, als „alter Kämpfer“ für die Entbehrungen der „Systemzeit“ entschädigt zu werden: Im Juli übersiedeln die Grüns zurück nach Wien, man findet eine Wohnung in der Gumpendorfer Straße 87; das NSDAP-Flüchtlingshilfswerk zeigt sich ein letztes Mal spendabel und übernimmt die Speditionskosten. Franz Grüns Leben bekommt nun Sinn und Richtung und er ist entschlossen, diese einzige Chance zu nützen. Ein Fragebogen der Wiener Gauleitung zur politischen Beurteilung Grüns vom 26. Jänner 1939 nennt bereits jenen „Beruf“, der sein Schicksal werden wird: „SS Wache“.

Ein Mann wie SS-Scharführer Franz Grün, mit Oberlippenbart und Bürstenhaarschnitt seinem Idol Hitler nicht unähnlich, ist als Handlanger gut zu gebrauchen – Göth wird sich an ihn bald wieder erinnern.

Am 14. Juli 1941 stellt SS-Sturmbannführer Otto Winter, der „Führer“ der 11. SS-Standarte, für Göth ein „Dienstleistungszeugnis“ aus, die „Beurteilung“ lässt nichts zu wünschen übrig: „Der genannte ist charakterlich und weltanschaulich gefestigt, frei von jeder konfessionellen Bindung. In der Verbotszeit war Göth als Adjutant der 52. SS-Standarte tätig und hat sich dort große Verdienste erworben. Göth ist ein vorbildlicher SS-Kamerad und steht seit 1925 in der Bewegung und zwar von 1925 – 1926 in der HJ und 1929 bis 1930 in der SA. Seit 1930 in der Schutzstaffel.“ Und in einem „Personal-Bericht“ vom 10. Oktober 1941, unterzeichnet von Ernst Kaltenbrunner, damals noch „Führer des SS-Oberabschnittes Donau“, attestiert ihm derselbe Otto Winter, dass er ein „aufrechter Nationalsozialist & opferfreudiger & einsatzbereiter SS-Mann“ sei, „zum SS-Führer“ geeignet. Ein SS-Mann also, wie man ihn sich wünscht – auch das „rassische Gesamtbild“ stimmt: „fälisch-ostisch“ steht da, gepaart mit „mutiger, bestimmter Haltung“ und „umfassendem“ Wissen; es gebe keine besonderen Mängel und Schwächen. Das ist eine neuerliche Beförderung wert: Am 9. November 1941 avanciert Göth zum SS-Untersturmführer in der 11. SS-Standarte.

Die Personalakten Göths aus seinen beiden ersten Jahren im Dienste der SS zeigen das Bild eines ehrgeizigen, loyalen und ambitionierten Mannes. All dies ist jedoch nur Präludium zum großen Karrieresprung, der nun bevorsteht und dessen Hintergründe im Dunkeln liegen: Wer hat ihm den Weg nach Osten ins Generalgouvernement geebnet, ihn als Mitarbeiter angefordert? Haben hier persönliche Kontakte zu Männern aus dem Stab Odilo Globocniks oder seine Reputation als hervorragender „Organisator“ den Ausschlag gegeben?

Wie dem auch sei: Wohl schon im Frühjahr 1942 – der offizielle „Einstellungsvorgang“ erfolgt erst am 11. August 1942 – trifft Göth in Lublin ein, dem „weit nach Osten vorgeschobenen Posten der abendländischen Kultur“. Hier wohnt und arbeitet er in der Julius-Schreck-Kaserne, dem ehemaligen Stefan-Batory-Kolleg in der Pieradzkiegostraße 17, die als Hauptquartier für die Drahtzieher der Aktion Reinhardt dient. Er ist nun Mitglied im Stab von SS-Brigadeführer Globocnik, den die Männer nur „Globus“ nennen. Im Kreis dieser SS-Offiziere wird der Massenmord an den Juden im Generalgouvernement minutiös geplant und mit gnadenloser Härte „umgesetzt“.

Seine erste Aufgabe: der Ausbau des seit 1940 bestehenden Arbeitslagers in Budzyń, etwa 40 Kilometer südwestlich von Lublin bei Krasnik gelegen. Baracken für 2.000 Arbeiter sollen errichtet werden; gleich daneben baut man an einer Flugzeugfabrik der Heinkel-Werke. Im Oktober 1942 treffen nach und nach jüdische Arbeiter aus dem Ghetto in Końskowola ein; obwohl die Flugzeugfabrik noch nicht fertig ist, müssen sie dort Tragflächen reparieren bzw. neu produzieren.

Flugzeugpionier Ernst Heinkel, später als genialer Erfinder und Konstrukteur verklärt, nützt wie kein anderer deutscher Unternehmer die Möglichkeiten, die das System der Zwangsarbeiterlager ihm bietet. So betont er im Juni 1942 in einem Brief an Generalluftzeugmeister Erhard Milch, den Verantwortlichen für die Luftrüstung, die Vorteile eines Einsatzes von jüdischen Zwangsarbeitern: „Neue Arbeitskräfte sind im Generalgouvernement leichter zu beschaffen als an jedem anderen Ort im Altreich. Außer Polen können vor allem gute Arbeitskräfte aus der reichlich vorhandenen jüdischen Bevölkerung gewonnen werden.“

Wenig kümmert den Visionär Heinkel, wie die Rekrutierung dieser „leicht zu beschaffenden“ jüdischen Arbeiter tatsächlich erfolgt: Im Ghetto Końskowola, unweit von Puławy gelegen, wird trotz einer Ruhrepidemie, die hier wütet, gnadenlos „ausselektiert“: Jene, die zu schwach und zu krank sind, um am Marktplatz zur Selektion anzutreten, werden sofort erschossen, dann sucht man am Marktplatz die kräftigsten Männer aus, vor allem Facharbeiter. Frauen und Kinder sowie ältere Männer, etwa 800 bis 1000 Menschen, werden von Angehörigen des Polizeibataillons 101 in einen nahe gelegenen Wald geführt und dort ermordet. Auch von den zur Zwangsarbeit „ausselektierten“ Männern sind viele durch den Typhus extrem geschwächt, insgesamt etwa 100 Häftlinge brechen auf dem fünf Kilometer langen Weg zur Bahnstation zusammen und werden ebenfalls erschossen. 800 bis 900 Juden aus dem Ghetto von Końskowola erreichen das neue Lager in Budzyń. Im Distrikt Lublin haben Globocniks Männer bereits in der Nacht vom 16. zum 17. März 1942 mit der Räumung der kleineren Ghettos begonnen. Es sind blutige Menschenjagden, die nach erprobtem Schema ablaufen: Das Ghetto wird von SS, Schutzpolizei und ukrainischen, litauischen oder lettischen Hilfseinheiten umstellt, dann durchkämmen kleine Einsatztrupps die Häuser und treiben die Bewohner auf den Sammelplatz, alte und kranke Menschen sowie Kleinkinder werden meist sofort erschossen. Wer bei der folgenden „Selektion“ auf dem Sammelplatz eine gültige, gestempelte Arbeitskarte vorweisen kann, darf meist wieder gehen, die anderen werden in Güterwaggons verladen und in die Vernichtungslager transportiert. Mittendrin Amon Göth, dem bald leitende Funktionen übertragen werden. So organisiert er die „Selektionen“ im Ghetto Bełżyce, südwestlich von Lublin. Seit dem 16. Jahrhundert leben hier Juden; von 1795 bis 1809 war das Städtchen Bełżyce Teil des Habsburgerreichs; nun ist es ein Österreicher, der für die Juden des Orts zum Schicksal wird. An die 700 Juden sollen nach Majdanek deportiert werden. Etwa 500 Juden bestechen ihn und werden nicht in den sofortigen Tod geschickt, sondern „dürfen“ ins Zwangsarbeitslager Budzyń. Wie Mietek Pemper 1946 vor dem Untersuchungsrichter aussagt, soll die „Beute“ der SS in Bełżyce gewaltig gewesen sein: Mit Pelzen, gegerbten Fellen, Juwelen und anderen kostbaren Wertgegenständen habe sich Göth den Verzicht auf den „Transport“ nach Majdanek abkaufen lassen, irgendetwas sei dann aber „schiefgelaufen“, seine Unterschlagung ans Licht gekommen. Noch 1943 sei in der Angelegenheit korrespondiert worden. Die „Aktion“ in Bełżyce begründet jedenfalls seinen Ruf als korrupten SS-Offizier; spätestens jetzt muss er erkannt haben, welche „Geschäftsmöglichkeiten“ der Judenmord in sich birgt.


Wahnwitzige „Volkstumsarbeit“: Himmler begrüßt an der deutschen Grenze eine Kolonne von Rückwanderern.


Dieses „Mitarbeiterverzeichnis“ dokumentiert es: Göth ist im Stab Globocniks für den „Arbeitseinsatz“ zuständig.

Irgendwann in diesen Tagen macht Göth die Bekanntschaft mit SS-Oberscharführer Reinhold Feix, einem der grausamsten SS-Mörder, die im „Gangster-Gau“ ihr Unwesen treiben. 1942 ist Feix, ein Sudetendeutscher aus Neudorf in der Nähe von Gablonz und von Beruf Friseur, im Vernichtungslager Bełżec tätig; von Dezember 1942 bis August 1943 ist er Kommandant des Zwangsarbeiterlagers Budzyń; wie Mietek Pemper später bezeugt, unterhält Göth mit ihm auch in Płaszów noch eine intensive Korrespondenz. Vieles deutet darauf hin, dass er in der Umgebung von Feix auch das Töten „gelernt“ hat – es ist die gemeinsame Erfahrung des Judenmordes, die sie verbindet.

Jedenfalls muss Göths Talent als „Organisator“ von seinem Chef Globocnik bald anerkennend registriert worden sein, denn im Frühsommer 1942 stellt er seinem „Referenten ohne Verwendung“, wie wieder Pemper bezeugt hat, eine Bevollmächtigung zum Einkauf von Materialien in Ostrau und anderen mährischen Städten aus; der Hintergrund für diese Vollmacht sind nicht näher ausgeführte „Geheime Baumaßnahmen des Reiches“. Schon Pemper hat dazu den Verdacht geäußert, dass es sich hier nur um „Materialien“ für den Bau der Krematorien in den polnischen Vernichtungslagern handeln konnte. Dazu passt auch der ebenfalls von Pemper erwähnte Brief Globocniks vom Juni oder Juli 1942 an die Kommandanten von Bełżec, Sobibór und Treblinka, in dem diese angewiesen werden, Göth den Zutritt auf das Lagergelände zu erlauben. Mietek Pemper vermutete, dass diese Zutrittserlaubnis noch einen anderen Grund gehabt haben könnte: Göth sei vielleicht mit der Kontrolle bzw. Erfassung der Wertgegenstände der Ermordeten betraut gewesen – da hätte natürlich Globocnik den Bock zum Gärtner gemacht; andererseits würde das auch die wachsende Spannung zwischen Göth und Globocniks Stabschef SS-Sturmbannführer Hermann Höfle im Herbst 1942 erklären. Der Österreicher Höfle, 1911 in Salzburg geboren und von seiner Ausbildung her Automechaniker, ist seit 1933 Mitglied der NSDAP und der SS und auf eine Empfehlung Adolf Eichmanns hin seit Oktober 1941 der „Referent für Judenangelegenheiten“ im Stab Globocniks. Er koordiniert die Deportationen aus Lublin, Mielec, Rzeszów, Białystok und Warschau in die Vernichtungslager. Auch der Schützling Eichmanns verdankt also der Aktion Reinhardt einen massiven Karrieresprung. Gut denkbar, dass sich die beiden „Ostmärker“ in der Frage des „Umgangs“ mit jüdischen Vermögenswerten in die Quere gekommen sind, denn seit Sommer 1942 leitet Höfle eine Art „Lagerhaus“ für die bewegliche Habe der Juden, das in der Lubliner Chopinstraße 27, dem alten Flughafen der Stadt, eingerichtet worden ist. In einer eigenen Zentralkartei werden hier von Höfle Kleidungsstücke, Schuhe und Ähnliches registriert; für die Erfassung von Edelsteinen und Devisen ist allerdings SS-Sturmbannführer Georg Wippern zuständig. Er und Höfle wissen um die Bestechlichkeit Göths und versuchen ihn loszuwerden.


„SCHÖNE ARBEIT“ KRAKAU

Ja, in Krakau fühlen sich die deutschen Besatzer so richtig wohl, das ist eine Stadt nach ihrem Geschmack: „Auf Schritt und Tritt begegnen uns hier die steinernen Zeugen eines harten, entschlossenen Willens, nimmermüder Tatbereitschaft und unversiegbarer Schöpferkraft, daraus mitten im volksfremden Raume eine deutsche Stadt reiner und edler Prägung entstand“, schreibt Theodor Müller, einer der vielen kulturbeflissenen „Experten“, die sich nun in Krakau herumtreiben, in seiner Landeskunde des Generalgouvernements, verfasst im Auftrag der „Hauptabteilung Wissenschaft und Unterricht“ in der Regierung Hans Franks. Sie alle sind, glaubt man der NS-Propaganda, dem hehren „Ruf des Ostens“ gefolgt, um hier den „neuen deutschen Lebensraum“ aufzubauen; tatsächlich lockt der Reiz des Abenteuers, vor allem die gar nicht so utopische Aussicht, im Reich Hans Franks das schnelle Geld machen zu können. Da gibt es die Firmen und Vermögenswerte der jüdischen Polen, die man sich ganz ungeniert aneignen kann, da gibt es Kunstschätze und Möbel, Teppiche und Porzellan, Diamanten und Bargeld. Und da gibt es etwa die 2,5 Millionen jüdischen Polen, deren Ermordung man nun „zügig“ in Angriff nimmt.

Ein heftiger Kampf um Zuständigkeiten und Kompetenzen zwischen Himmler und Frank entbrennt, aus dem schließlich der Reichsführer-SS im November 1941 endgültig als Sieger hervorgeht. Was das Schicksal der jüdischen Polen angeht, so haben Himmler und seine Mordgehilfen ab diesem Zeitpunkt das Heft fest in der Hand: Die Entscheidungen über Tod und Leben der Juden fallen nun bei den SS-Dienststellen. An der Spitze der SS-Gewaltherrschaft im Distrikt Krakau steht, zumindest am Papier, General Friedrich Wilhelm Krüger, der Höhere SS- und Polizeiführer Ost (HSSPF Ost), ein ehrgeiziger, 48-jähriger, mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichneter Weltkriegsveteran aus Straßburg, ihm zur Seite als persönlicher Adjutant SS-Hauptsturmführer Emmanuel Graf von Korff, 36 Jahre alt. Krüger residiert wie sein Intimfeind Hans Frank auf dem Wawelschloss, ihm unterstehen alle SS- und Polizeidienststellen im Generalgouvernement: die Befehlshaber der Sicherheitspolizei (SIPO) und des Sicherheitsdienstes (SD) ebenso wie die Chefs der Kriminal- und der Ordnungspolizei; für alle „Aktionen“ gegen die Juden trägt er zwar nominell die Letztverantwortung, tastächlich kümmert sich ein Mann wie der Kärntner SS-Brigadeführer Odilo Globocnik, der in Lublin die Aktion Reinhardt startet, wenig um die Meinung Krügers und zieht es vor, seine Weisungen direkt bei Heinrich Himmler einzuholen. Und auch in Krakau selbst passiert vieles, was nicht unbedingt mit ihm abgestimmt ist. Die Initiative in Sachen „Judenpolitik“ liegt da eher beim SS- und Polizeiführer des Distrikts Krakau, Oberführer Julian Scherner, dessen Hauptquartier sich in der Oleanderstraße befindet. Als Stabsführer Scherners fungiert SS-Sturmbannführer Willi Haase.

Die ersten Terroraktionen der deutschen Besatzer in Krakau lassen nicht lange auf sich warten: In der Zeit zwischen dem 10. Mai und dem 12. Juli 1940 ordnet Generalgouverneur Hans Frank die „Außerordentliche Befriedungsaktion“ an. Die Sicherheitspolizei inhaftiert 3.500 Angehörige des polnischen Widerstandes, und etwa 3.000 so genannte „Berufsverbrecher“ werden in Gefängnissen ermordet. Frank zitiert den „Führer“, der ihm gesagt hätte, dass die Führerschicht in Polen zu liquidieren und was „nachwachse“ wieder wegzuschaffen sei. Dann meint er weiter über die Maximen seines Handelns: „Wir brauchen diese Elemente nicht erst in die Konzentrationslager des Reichs abzuschleppen, denn dann hätten wir nur Scherereien und einen unnötigen Briefwechsel mit den Familienangehörigen, sondern wir liquidieren die Dinge im Lande. Wir werden es auch in der Form tun, die die einfachste ist.“

Hans Frank versteht sich als deutscher Kulturmensch, ja, als Speerspitze der Zivilisation, und hält entsprechend Hof: So begrüßt der vielseitig interessierte und durchaus belesene Herr am Wawel zum Beispiel den Physiker Werner Heisenberg, Paul Hörbiger, Lil Dagover, Max Halbe, Elly Ney, Veit Harlan, Heinrich George, Clemens Krauß, diverse Solisten der Mailänder Scala, die Wiener Sängerknaben oder auch seinen Freund, den Komponisten Hans Pfitzner. Zu einer größeren Schärfe des Denkens vermögen ihn all diese Kontakte nicht zu bewegen und so schwadroniert er am Rednerpult weiter drauf los.


Arbeiten „für das Wohl und die Größe des Reiches“: die Nazis in Krakau

In seiner Ansprache auf der Weihnachtsfeier des I. Wachbataillons Krakau am 19. Dezember 1940 resümiert Frank: „Ich habe freilich in einem Jahr weder sämtliche Läuse noch sämtliche Juden beseitigen können. Aber im Laufe der Zeit und besonders wenn Ihr mir dabei helft, wird sich das schon erreichen lassen.“

Das Krakauer Ghetto

Ein erster Schritt zur angestrebten „Beseitigung“ der Juden ist die Einrichtung eines Ghettos am rechten Weichselufer im Stadtteil Podgórze. Auf dem etwa 20 Hektar großen Gelände um den Zgody-Platz, das 15 Straßen zwischen Weichsel, Rynek Podgórski und der Bahnlinie Kraków – Płaszów einschließt, stehen 320 Häuser mit 3.167 Zimmern – darin sollen bis zum 20. März 1941 16.000 Juden Platz finden; die vorgegebene unmenschliche Norm sieht dabei folgendermaßen aus: zwei Quadratmeter eines Zimmers für eine Person oder drei Personen für ein Fenster. In einer Zwei- oder Dreizimmerwohnung müssen daher mehrere Familien eine neue Heimstatt finden. Die Situation verschärft sich noch nach dem 15. September 1941, als etwa 4.000 Juden aus den Orten in der Umgebung Krakaus ebenfalls ins Ghetto übersiedeln müssen – insgesamt leben nun 20.000 Menschen zusammengepfercht auf engstem Raum.

Schritt für Schritt ziehen die Nazi-Bürokraten die tödliche Schlinge enger: Ab dem 15. Oktober 1941 steht auf das Verlassen des Ghettos ohne entsprechende Erlaubnis die Todesstrafe; ab 1. Dezember 1941 werden Lebensmittel rationiert: Vorgesehen sind 100 Gramm Brot täglich sowie 200 Gramm Fett und Zucker monatlich. Als Antwort darauf beginnt der Schmuggel von koscherem Fleisch und anderen Nahrungsmitteln. Wer genug Geld hat, kann noch immer alles kaufen; für viele beginnt jedoch nun das Hungern.

Am 11. Dezember 1941 veranstalten SS und Sicherheitspolizei eine erste Treibjagd auf Menschen, die keine gültige Aufenthaltserlaubnis für das Ghetto besitzen; wer gefasst wird, wird in den Wäldern um Kielce erschossen.

Am 27. Dezember 1941 kommt unter Androhung der Todesstrafe der Befehl zur Ablieferung von Pelzen, Schi und Schischuhen – an die 8.000 Pelze werden eingesammelt; während der Suchaktionen in den Wohnungen erschießen Polizei und SS zahlreiche Menschen.

Die Strategen des Massenmordes denken inzwischen in unfassbaren Dimensionen: Am 13. Oktober 1941 trifft Globocnik mit Heinrich Himmler zusammen, der ihm die Genehmigung zum Bau des Vernichtungslagers in Bełżec erteilt. Am 17. Oktober 1941 ist bei SSPF Odilo Globocnik in Lublin eine Besprechung angesetzt. Angereist aus Krakau sind Generalgouverneur Hans Frank, der im Slang der SS inzwischen auch höhnisch König Hans oder Stanislaus der Verspätete genannt wird, und der Stellvertreter des Staatssekretärs Dr. Ernst Boepple, anwesend sind weiters der Gouverneur des Distrikts Lublin Ernst Zörner und dessen Amtschef Wilhelm Engler. Einer der Punkte, die besprochen werden, betrifft die „Judenfrage“. Nach angeregter Diskussion einigen sich die Herren auf folgende Vorgangsweise: „Die Juden sollen – bis auf unentbehrliche Handwerker und dergl. – aus Lublin evakuiert werden. Zunächst werden 1.000 Juden über den Bug überstellt werden. Den Vollzug übernimmt der SS- und Polizeiführer. Die Auswahl der zu evakuierenden Juden erfolgt durch den Stadthauptmann.“

Damit ist eine wichtige Weichenstellung in Richtung systematischer Ermordung der Juden gefallen, Frank und Globocnik, die es beide nicht erwarten können, das Generalgouvernement ihrem „Führer“ endlich „judenfrei“ präsentieren zu können, haben sich durchgesetzt. Mit der „Evakuierung der Juden über den Bug“ hat man für das beginnende Massaker auch ein erstes passendes sprachliches Mäntelchen gefunden. Und die Kompetenzen dafür sind festgelegt: Nicht wie bisher die Zivilverwaltung ist für die „Evakuierung“ zuständig, sondern der SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik – ein verräterischer Hinweis darauf, dass jetzt die Skrupellosigkeit und Brutalität des SS-Apparats gefragt sind. Globocnik, der zudem um die Zustimmung Himmlers zum Bau der Gaskammern in Bełżec weiß, kann seinem Tatendrang jetzt freien Lauf lassen. Bereits in seiner einleitenden Ansprache zur Sitzung hat Hans Frank durchklingen lassen, dass dieser Weg von Hitler vorgegeben sei: „Ich habe in der nächsten Zeit auf Grund eines besonderen Auftrages des Führers sowieso hier noch öfter zu tun und werde daher das Glück haben, öfter in Lublin zu erscheinen.

Frank, der schon von der Besiedlung des Generalgouvernements durch deutsche Siedler träumt, scheint seine fiebrige Ungeduld in Sachen „Judenfrage“ kaum bezähmen zu können. Zwei Monate später, am 16. Dezember 1941, schließt er eine Regierungssitzung in Krakau mit sehr deutlichen Worten: „Mit den Juden – das will ich Ihnen auch ganz offen sagen – muss so oder so Schluss gemacht werden. Mitleid wollen wir grundsätzlich nur mit dem deutschen Volke haben, sonst mit niemanden auf der Welt. Die anderen haben auch kein Mitleid mit uns gehabt.

Ich muss auch als alter Nationalsozialist sagen: Wenn die Judensippschaft den Krieg in Europa überleben würde, wir aber unser bestes Blut für die Erhaltung Europas geopfert hätten, dann würde dieser Krieg doch nur einen Teilerfolg darstellen. Ich werde daher den Juden gegenüber grundsätzlich nur von der Erwartung ausgehen, dass sie verschwinden. Sie müssen weg.


Ein Motiv für den Propagandafeldzug: „König Hans“ Frank begegnet Mädchen in ukrainischer Tracht.


Übersiedlung ins Ghetto: Möbel und Hausrat werden auf Leiterwagen verladen.

Meine Herren, ich muss Sie bitten, sich gegen alle Mitleidserwägungen zu wappnen: Wir müssen die Juden vernichten, wo immer wir sie treffen und wo es irgend möglich ist, um das Gesamtgefüge des Reiches hier aufrecht zu erhalten.

Die Juden sind auch für uns außergewöhnlich schädliche Fresser. Die 3,5 Millionen Juden können wir nicht erschießen, wir können sie nicht vergiften, werden aber doch Eingriffe vornehmen können, die irgendwie zu einem Vernichtungserfolg führen, und zwar im Zusammenhang mit den vom Reich her zu besprechenden großen Maßnahmen. Das Generalgouvernement muss genau so judenfrei werden, wie es das Reich ist.“

Die Planungen zum Mord an den Juden sind offenbar weiter fortgeschritten. Bereits einen Monat vor der Wannsee-Konferenz stimmt Hans Frank seine Mitarbeiter auf das Blutbad ein – in den Köpfen ist man bereit für die große „Aktion“. Das Generalgouvernement will sich als Musterschüler zeigen, der die Aufgabe bereits angeht, bevor sie noch offiziell ausgesprochen ist – diesen Rahmen für die „Endlösung“ steckt dann die berüchtigte Wannsee-Konferenz vom 20. Jänner 1942 ab – der Massenmord an den europäischen Juden ist beschlossene Sache …

Die Deportationen

Am 28. Mai 1942 umstellen Einheiten der SS, der Waffen-SS und der Sicherheitspolizei das Krakauer Ghetto. Die Schergen der „Endlösung“ beginnen ihre mörderische „Selektionen“: Bis 8. Juni werden drei Todeszüge mit 7.000 Juden „abgefertigt“; Ziel der „Transporte“: das Vernichtungslager Bełżec im Distrikt Lublin.

Vorbereitet wird die „Aktion“ durch eine weitere Schikane der Nazi-Bürokratie: den „Blauen Schein“. Die Kennkarte bietet ab nun den Bewohnern des Ghettos nicht mehr ausreichend Schutz vor Deportation, auch nicht dann, wenn sie mit dem Stempel einer offiziellen Arbeitserlaubnis versehen ist. Der Blaue Schein, den ebenfalls nur arbeitende Juden erhalten, teilt die Ghettobewohner auf bürokratischem Weg, er „selektiert“ für die „Endlösung“ vor: in jene, die arbeiten und vorläufig leben dürfen, und in jene, die bereits jetzt zum Tode verurteilt sind – vorgesehen für den Abtransport in eine der Todesfabriken im Osten.

Zahlreiche Juden werden von der SS noch im Ghetto erschossen; in wenigen Tagen fordert die Menschenjagd an die 600 Opfer. Höhepunkt des Massakers ist der 4. Juni 1942, der „Blutige Donnerstag“: Unter den Ermordeten dieses Tages sind auch der Dichter Mordechai Gebirtig, der Maler Abraham Neumann und Arthur Rosenzweig, der Vorsitzende des Judenrates. Etwa 12.000 Menschen bleiben noch im Ghetto zurück. Das Schicksal der noch lebenden Juden entscheidet sich Anfang Juni 1942: Hans Frank hat den Machtkampf mit Himmler um die Befugnisse in der Siedlungs- und Judenpolitik endgültig verloren; für die „Judenangelegenheiten“ ist nun der Höhere SS- und Polizeiführer Friedrich-Wilhelm Krüger zuständig. Krüger, daran lässt der von kaltem Ehrgeiz zerfressene Mann aus Straßburg keinen Zweifel, ist für den Massenmord: Mitte Juni verhandelt er bereits mit den führenden Verwaltungsbeamten der einzelnen Distrikte über die Ausdehnung der Massentötung auf das gesamte Generalgouvernement. Die zivilen Verwaltungsstellen stellen sich der „Herausforderung“ bereitwillig, sie sehen darin „eine harte Notwendigkeit“, die man im Interesse des „Endsiegs“ zu akzeptieren hat. Und so werden auch die Bewohner des Krakauer Ghettos unerbittlich weiter gequält: Am 20. Juni 1942 verkleinert man das Ghetto um den Streifen zwischen der Tarnowskastraße (heute Limanowskiegostraße) und Krzemionki; die nächste Verkleinerung erfolgt am 1. November 1942 mit der Abtrennung der so genannten „Ukraine“: Der Bereich Janowa-Wola-Straße, die Dąbrówkistraße und die linke Seite der Lembergstraße werden vom Ghetto abgelöst.


Deportation in den Tod: „selektionierte“ Opfer auf dem Marsch zu den Zügen am Krakauer Hauptbahnhof

Nach einer kurzzeitigen Unterbrechung fahren ab Mitte Juli 1942 wieder zwei Deportationszüge pro Woche aus dem Distrikt Krakau zum Vernichtungslager Bełżec. Die Aktion Reinhardt steuert ihrem Höhepunkt zu: Am 18. und 19. Juli 1942 ist Heinrich Himmler in Lublin; neben Bełżec sind jetzt auch die Vernichtungslager in Sobibór und Treblinka „einsatzbereit“, die „Reduzierung der überflüssigen Juden“ wird in fieberhaftem Tempo fortgesetzt. Bald erreicht der Massenmord unvorstellbare Dimensionen: Ab dem 22. Juli 1942 sterben in den Vernichtungslagern durch fast zehn Wochen hindurch jeden Tag bis zu 25.000 polnische Juden. Ende 1942 werden von den einst zwei Millionen Juden im Generalgouvernement nur mehr 300.000 leben.

Hans Frank, Chef des Gangster Gaus, der am 1. August auf einer Großkundgebung in der ostgalizischen Metropole Lemberg spricht, ist daher bestens aufgelegt. So kann er es sich nicht verkneifen, die laufenden Mordaktionen zumindest anzudeuten: „[M]it diesen Juden werden wir auch noch fertig. (…) Es soll doch in dieser Stadt einmal Tausende und Abertausende von diesen Plattfußindianern gegeben haben – es war keiner mehr zu sehen. Ihr werdet doch am Ende mit denen nicht böse umgegangen sein? (Das Protokoll verzeichnet „Große Heiterkeit“.)

(…) Wir haben das Glück, daß wir hier mit den Juden so umgehen können, wie sie mit dem deutschen Volk umgegangen sind. (…) Der Jude ist in diesem Land kein Problem mehr, sondern höchstens geeignet, uns artgemäß zu interessieren.“

Nach den ersten Wochen des Mordens zieht auch der Reichsführer-SS ein zufriedenes Zwischenresümee. In einem Brief an Odilo Globocnik vom 13. August 1943 schreibt Himmler: „Arbeiten Sie weiter so tatkräftig wie bisher und ich glaube sicher, daß Sie in dieser schönen Arbeit Befriedigung finden.“ Während Göth bei der „Aktion Reinhardt“ seine Erfahrungen mit dem Judenmord sammelt, holt das SS-Personalhauptamt offiziell nach, was de facto schon Realität ist: Am 13. August 1942 wird er für die Dauer seines Einsatzes beim Höheren SS- und Polizeiführer Ost zum „Fachführer der Waffen-SS“ ernannt; als Dienstgrad bleibt der SS-Untersturmführer, allerdings darf Göth jetzt ein „(S)“ dahinter setzen.

Im Herbst 1942 trifft Göth, angeblich auf Befehl von Globocniks Stabsführer Ernst Lerch, dem Sohn eines Klagenfurter Cafetiers, an seinem nächsten Einsatzort ein: Poniatowa südwestlich von Lublin. Im September 1941 hatte man hier ein Lager für sowjetische Kriegsgefangene errichtet, das Stalag (Stammlager) 359, bewacht vom Landesschützenbataillon 709. 24. 000 Soldaten der Roten Armee brachte man bis Dezember 1941 hierher – bis zum Frühjahr 1942 waren 22.000 Gefangene tot, zugrunde gegangen an den entsetzlichen sanitären Bedingungen – es gab kein Wasser zum Waschen und keine Möglichkeiten zum Kleiderwechsel –, an Hunger und Krankheiten, vor allem Typhus. Zu Beginn des Jahres 1942 starben hier täglich (!) an die 1.000 Menschen. Die Toten hatte man in 32 Massengräbern außerhalb des Lagers verscharrt. 500 gefangene Sowjetsoldaten, hauptsächlich „Volksdeutsche“, rekrutierte man für den Wachdienst in den Lagern und brachte sie zur „Ausbildung“ ins berüchtigte „Trainingscamp“ der SS in Trawniki.

Göths Aufgabe ist auch hier der Aufbau eines Lagers für jüdische Sklavenarbeiter, und er zeigt sich wiederum als erfolgreicher „Campmanager“. Bereits im Oktober 1942 werden die ersten Juden aus dem „Transit-Ghetto“ von Opole Lubelskie nach Poniatowa gebracht, bis Jänner 1943 sind an die 1.500 Zwangsarbeiter im Lager, unter ihnen auch Juden aus Wien und der Slowakei. Göths Plan sieht eine Kapazität von 9.000 jüdischen Arbeitern vor; im Sommer 1943 werden es allerdings bereits an die 10.000 sein. Sie arbeiten in den Textilfabriken von Walter Toebbens, in denen vor allem Wehrmachtsuniformen hergestellt werden. Im Jänner 1943 werden die Betriebe von Walter Toebbens in Odilo Globocniks SS-Industriekomplex „Osti“ eingebracht; im August 1943 ist „Konzernchef“ Globocnik zu Besuch im Lager und überzeugt sich von der Produktivität seiner Sklaven. Die „Liquidierung“ des Lagers in Poniatowa sollte dann am 4. November 1943 im Rahmen des Blutbads „Aktion Erntefest“ erfolgen: Mehrere Tage vor der Massenexekution müssen die Häftlinge ihre eigenen Massengräber ausheben. Einige Gräben werden im Lager selbst gezogen, andere außerhalb des Lagers. Man sagt ihnen, dass dies „Splittergräben“ zum Schutz vor Luftangriffen wären. Am 4. November um fünf Uhr früh müssen die Häftlinge zu einem Zählappell antreten und werden dann in ein großes Geschäftsgebäude gepfercht. Dann holt die SS Gruppen von je 50 Häftlingen ab. Im Freien müssen sie ihre Schuhe ausziehen und eventuell verbliebene Wertsachen in Körbe geben, dann bringt man sie in eine nahe gelegene Baracke, wo sie sich nackt ausziehen müssen. Von hier treibt die SS sie zu den Gräben, in die sie hinabsteigen müssen und sich auf den Bauch legen, Gesicht nach unten. Dann werden sie erschossen. Während der Exekutionen spielt man dröhnende Musik aus Lautsprecherwagen, um die Schüsse und Schreie der Opfer zu übertönen.

In einer der Baracken, in der die Mitglieder der jüdischen Untergrundbewegung versammelt sind, kommt es zum Widerstand: Aus versteckt gehaltenen Waffen eröffnen Häftlinge das Feuer auf die SS. Diese setzt jedoch die Baracke in Brand und die jüdischen Kämpfer verbrennen bei lebendigem Leibe. An diesem 4. November werden an die 14.000 Menschen erschossen. Etwa 150 bis 200 Juden hat man am Leben gelassen – sie sollen die Kleider der Opfer sortieren und die Leichen verbrennen. Als die Häftlinge ablehnen, werden sie ebenfalls erschossen, ihre „Arbeit“ wird vom „Sonderkommando“ aus Majdanek und von jenen jüdischen Häftlingen übernommen, die man während der „Aktion Erntefest“ in Majdanek „ausselektiert“ hat. Wochenlang brennen in Poniatowa noch die Leichenfeuer …

Geschützt durch die Körper der Getöteten überleben das Massaker zwei Frauen, Estera Rubinsztajn und Ludwika Fiszer. Stundenlang Seite an Seite mit ihrer toten Tochter im Massengrab liegend, kann Ludwika Fiszer im Schutz der Dunkelheit fliehen.

Flucht aus dem Todeszug

Im Ghetto von Krakau haben inzwischen die Menschen die Hoffnung auf ein baldiges Ende ihrer Leiden nicht aufgegeben. Von ihren Peinigern zum Tode bestimmt, klammern sie sich an die Macht des Überirdischen. Von jenen Weisen, die um die Geheimnisse der alten Schriften wissen und in den Sternen zu lesen gelernt haben, hat man erfahren, dass noch in diesem Jahr sich ein großes Wunder ereignen würde und der Krieg dann sofort zu Ende wäre. Ja, es geht sogar das Gerücht, dass ein tzadik, ein Heiliger, im Ghetto lebe, der Tag und Nacht mit seinem Fernrohr nach einem Zeichen des Himmels suche, um dann die shofar, das Widderhorn, blasen und so das Erscheinen des Messias ankündigen zu können. Und ein anderes Gerücht will wissen, dass die Arbeiter in der Metallfabrik zufällig einen Wasserhahn in der Form des Davidsterns gegossen hätten, ein sicheres Zeichen dafür, so meint man, dass der Erlöser in Kürze die Mauern des Ghetto einreißen und jedem Hungrigen einen großen Laib Brot anbieten würde, jenen Hungrigen, die nun verzweifelt um ein Stück altes Brot beteten. Und man erzählt sich die neuesten Nachrichten, die der heimlich abgehörte Sender Voice of America verbreitet: Eine zweite Front würde durch die Alliierten bald eröffnet und die Nazis und ihre Verbündeten vernichtet werden. Nacht für Nacht wartet man so auf das Ertönen der shofar, auf das Zeichen der Erlösung und die Botschaft, dass Gott sein auserwähltes Volk in dieser schweren Stunde nicht im Stich lasse.


Eine jüdische Familie aus dem Krakauer Ghetto wartet auf die Deportation in ein Vernichtungslager.

Am 28. Oktober 1942 findet die zweite große Deportation aus dem Ghetto statt. Jeder der Ghettobewohner, so die Aufforderung durch die SS, habe sich am Plac Zgody mit seinen wichtigsten Besitztümern einzufinden, man würde das Ghetto „liquidieren“ und alle in Arbeitslager transportieren. Auf den Gesichtern der Menschen, die auf dem Platz mit Koffern und Bündeln zusammenströmen, spiegelt sich die Angst. Man spürt, dass sich hinter den nüchternen Anweisungen der Nazis etwas Furchtbares verbirgt. Etwa 4.500 Menschen werden in die Viehwaggons gepfercht; wieder tötet man in den Wohnungen Kinder und alte Menschen; im Spital erschießt man die Kranken mitsamt den Ärzten.

Betroffen davon ist auch die Familie Sternlicht, die im März 1941 gezwungen worden ist ins Ghetto zu gehen. Vater Szymon Sternlicht, ehemals Soldat der k. u. k. Armee und Inhaber eines metallverarbeitenden Unternehmens in Krakau, besitzt zwar eine Legitimation der Gestapo und spricht fließend Deutsch, aber auch das hilft ihm nichts – er muss den Todeszug ins Vernichtungslager Bełżec besteigen. Zurück bleiben seine Frau Lola, die sich bei einer Christin verstecken kann und so dem Transport entgeht, und die drei Töchter Bronia, Helen und Sydonia. Was mit den „ausgesiedelten“ Juden geschieht, ist inzwischen kein Geheimnis mehr. Von polnischen Eisenbahnern weiß man, dass die Menschen am Zielort spurlos „verschwinden“ und die Züge leer zurückkehren. Die Eisenbahner berichten von Schreien, die sie gehört hätten, Gerüchte von Gaskammern machen die Runde. Soll das Unvorstellbare, der fabriksmäßige Massenmord, tatsächlich Wirklichkeit sein? „Wir wussten es, aber wir wollten es nicht glauben“, wird Helen Sternlicht später über die Stimmung im Ghetto erzählen.

In diesem Todeszug nach Bełżec, zusammengepfercht in einem Viehwaggon, ohne Wasser und mit kaum ausreichend Luft zum Atmen, befindet sich auch die Familie Lezerkiewicz: Abraham und Bertha Lezerkiewicz und drei ihrer fünf Kinder: Leon, Victor und Greta. Zwei Kinder fehlen: Das jüngste, Sohn Jakub, ist bei einer polnischen Familie außerhalb des Ghettos versteckt, das älteste, Tochter Lola, ist bereits 1932 nach Palästina ausgewandert. Vater Abraham hat in der Targowastraße 1 in Kazimierz ein kleines Stoffgeschäft geführt, ins Ghetto ist er im Frühjahr 1942 aus Niepolomice, einem kleinen Ort in der Nähe Krakaus, gekommen. Keiner der Familie konnte einen Blauen Schein ergattern, auch die erwachsenen Söhne nicht, die beide immerhin über eine gültige Arbeitsbescheinigung als Kraftfahrzeugmechaniker verfügten – aber auch diese praktische Profession hatte sie nicht vor der „Aussiedlung“ retten können. Der 24-jährige Victor, der im Sanitätszweiglager Krakau der Waffen-SS tätig gewesen war, hatte sogar eine „Unabkömmlichkeits-Bescheinigung“ vorgezeigt, doch der die „Aktion“ leitende SS-Offizier, Hauptsturmführer Martin Fellenz, hatte sie ihm aus Hand genommen und ungelesen zerrissen; sein lapidarer Kommentar: „Nehmt ihn weg!“ – das Todesurteil.

Victor und sein Bruder Leon, genannt „Leszek“, waren vor der Okkupation Polens durch die Deutschen Mitglieder einer zionistischen Jugendorganisation gewesen und sind entschlossen, nicht alles ohne Gegenwehr hinzunehmen: Sie wollen fliehen. Das Blatt einer Bügelsäge, das Victor in seinem Stiefel immer mitträgt, kommt nun gerade recht: Er beginnt damit die Streben der Metallvergitterung des kleinen Fensters des Waggons durchzusägen – eine Nerven aufreibende Mühsal, da er immer wieder beschworen wird, doch damit aufzuhören, es würden alle erschossen, wenn die Wachen beim Zählappell am Ankunftsort bemerkten, dass jemand fehlte: Auch die bewaffneten SS-Leute am Dach könnten aufmerksam werden. Victor lässt sich jedoch nicht irritieren – „Fahren Sie zum Arbeiten oder in den Tod – was meinen Sie?“, ist seine Gegenfrage, „ich bin überzeugt davon, dass wir alle in die Gaskammer kommen!“ Selbst der Tod beim Sprung aus dem Fenster wäre ihm da noch lieber.

Als es dunkel wird, ist Victor mit dem Durchsägen der Fensterstreben fertig; jetzt geht es nur mehr darum, den günstigsten Moment zur Flucht abzuwarten. Schwester Greta, die zwei Jahre älter ist als Victor, will nicht springen, auch die Eltern fühlen sich dazu nicht imstande. Man nimmt voneinander Abschied. Vater Abraham gibt Victor Geld und seine goldene Schaffhausen-Uhr mit Kette; Leszek erhält von Muttter und Schwester Schmuck, um ihn zu Geld zu machen. Der Vater segnet Victor und Leszek, man umarmt sich ein letztes Mal, alle haben Tränen in den Augen. Gespannt beobachten die beiden Brüder das Gelände, das der Zug durchquert. Als neben der Bahntrasse der Wald von Niepolomice auftaucht, springen sie – zuerst Victor, dann Leszek. Victor schlägt mit dem Kopf auf den Schienen eines Nebengleises auf und verliert das Bewusstsein.

Es ist noch immer dunkel, als Victor zu sich kommt. Von Leszek keine Spur. Er entschließt sich trotz schmerzender Prellungen und Blutergüsse die Gleise entlang Richtung Krakau zurückzulaufen, immer in der Hoffnung, seinen Bruder zu finden. Am Bahnhof Kłaj steigt er in einen Zug nach Bochnia, seine Hoffnung, dass Leszek dort Zuflucht bei Verwandten im Ghetto von Bochnia gesucht hat, erfüllt sich jedoch nicht und so verlässt er das Ghetto in Richtung Bahnhof. Auf dem Weg dorthin kommen ihm SS-Sondertruppen entgegen, die ihn zum Glück unbehelligt lassen, da er kein Armband mit dem Davidstern trägt. Juden, die ohne Armband angetroffen werden, werden auf der Stelle erschossen, ebenso Juden, die es wagen, mit der Eisenbahn zu fahren. Erst später erfährt Victor, was die SS in Bochnia vorhatte: Sie „liquidierte“ an diesem Tag das Ghetto, auch von hier wird ein Transport nach Bełżec geschickt, unter den Opfern sind alle seine Verwandten, von denen er nie wieder etwas hören wird. Da ihm die Chance zu überleben dort größer scheint und er keine Verbindung zu Partisanengruppen hat, kehrt Victor schließlich nach Krakau ins Ghetto zurück – Leszek ist zu seiner Freude bereits vor ihm hier eingetroffen. Von den Tausenden von Menschen im Todeszug wird sonst niemand überleben; ihr Mörder Martin Fellenz wird es nach dem Krieg zum FDP-Ratsherren in Schleswig bringen, ehe 1965 er doch noch wegen Mordes an 39.000 Juden angeklagt wird – das Urteil: 7 Jahre Gefängnis.

Im Ghetto hat sich nun auch Jakub, genannt „Kuba“, der jüngste, eingefunden, er hielt es bei der polnischen Familie nicht mehr aus und wollte seine Familie wiedersehen – zu spät. Victor gelingt es, ihm durch Bestechung jenes Juden, der für die Liste der vorgesehenen jüdischen Arbeitskräfte zuständig ist, eine Anstellung in den „Kabelwerken“ zu beschaffen – ein begehrter Job, denn diese Fabrik wird von einem Deutschen namens Böhme geführt, der seine „Arbeitsjuden“, so erzählt man sich, wie Menschen und nicht wie Vieh behandelt.

Victor, der nun keine Kennkarte mehr besitzt und daher ständig in Gefahr schwebt, findet zunächst in einer Groß-Schneiderei Unterschlupf, dann holt ihn seine alte Dienststelle, das Krakauer Sanitätszweiglager, zurück. Als er hört, dass die Nazis Leute für den Aufbau des neuen Lagers in Płaszów suchen und dafür keine Kennkarte notwendig ist, meldet er sich zum „Barackenbau“ und wird prompt bereits beim Bau der ersten Baracken an der Straße nach Wieliczka eingesetzt. Anfangs kehren er und seine Kollegen, ein Trupp von fünfzig Männern, am Abend immer ins Ghetto zurück; der Weg von und zur Arbeit ist lang, etwa sechs Kilometer sind es von der Baustelle in Płaszów ins Ghetto. Nachdem die ersten drei Baracken fertig geworden sind, werden sie in einer davon einquartiert – das Ghetto sehen sie nie mehr wieder. Victor vermisst seine Freundin Regina Steiner, die mit ihrem Vater Israel im Ghetto lebt, und seinen Bruder Leon sehr. Dazu sind die Arbeitsbedingungen katastrophal: Die Tagesration Essen besteht aus einer Schnitte Brot und einer Tasse schwarzen Kaffees am Morgen, einer Tasse Suppe zu Mittag und einer Tasse Suppe am Abend. Für manche der Männer ist das zu wenig – sie verhungern oder werden von der SS getötet, wenn sie zu schwach sind, um zu arbeiten. Wer zu wenig energisch zupackt, wird mit 25 Peitschenhieben auf das nackte Gesäß bestraft.

Und bald wird in dieser trostlosen Barackenlandschaft jener Mann auftauchen, den er nie vergessen wird: Amon Göth …

Für lebende Leichen

Die Entscheidung ist gefallen: Das neue Zwangsarbeitslager für die noch lebenden Juden im Ghetto von Podgórze wird in Płaszów errichtet. Nach dem Eintreffen des Baubefehls aus Berlin hatten SS-Obersturmbannführer Haase und seine Berater noch Alternativen überlegt: das Dorf Bronowice im Westen Krakaus etwa oder den Krzemionki-Hügel, auf dem sich noch die Festungsanlagen der k. u. k. Armee befinden. Bronowice hat man dann ausgeschieden, weil es über keinen Anschluss an das städtische Wasser- und Kanalnetz verfügt, das Gelände am Krzemionki-Hügel bietet dagegen zu wenig Raum für ein großes Lager. So beginnt am 10. Oktober 1942 die Absiedlung der polnischen Bewohner aus ihren Häusern an der Jerozolimskastraße; Kanal- und Wasserrohre werden verlegt, Straßen errichtet und die jüdischen Friedhöfe zerstört. Neben der Straße nach Wieliczka schlägt man Pfähle ein und spannt Stacheldraht, Warntafeln in Polnisch und Deutsch weisen darauf hin, dass das Betreten des Geländes streng verboten ist, bald erhebt sich ein erster Wachturm über dem Terrain. Die Deutschen haben es eilig. Bereits im November beginnt auf dem Areal der beiden jüdischen Friedhöfe in Wola Duchacka der Bau von Baracken; auf eingeebneten, zerstörten Gräbern, zwischen den ausgegrabenen, in der Sonne bleichenden Knochen wächst nun ein hölzernes Städtchen für die „lebenden Leichen“, wie die Deutschen zynisch ihre jüdischen Arbeitskräfte nennen. Schritt für Schritt werden einzelne Arbeitsgruppen aus dem Ghetto hierher verlegt; insgesamt ist man auf deutscher Seite jedoch unzufrieden mit dem Tempo, in dem der Ausbau des geplanten „Zwangsarbeiterlagers für Juden“ voranschreitet.


Blutiger Terror: Ein deutscher Wachmann hetzt seine beiden Hunde auf einen jüdischen Zwangsarbeiter.

Erster Kommandant auf dem Baugelände ist der SS-Unterscharführer Horst Pilarzik, ein, wie Mietek Pemper ihn später charakterisieren sollte, „ziemlich primitiver Mensch“ mit Magenproblemen, der gerne trinkt und in alkoholisiertem Zustand völlig unberechenbar ist: Am 28. Oktober, dem Tag der letzten „Aussiedlungsaktion“ im Ghetto, erschießt er seine „ersten“ Juden.

Inzwischen bereitet man Schritt für Schritt die „Liquidierung“ des Ghettos vor. Am 14. Dezember ergeht ein Schreiben von Julian Scherner an die Rüstungsinspektion sowie an alle Heeresdienststellen und Privatfirmen mit „wehrwirtschaftlichen Aufträgen“, die jüdische Arbeitskräfte beschäftigen. Diese, so Scherner ohne Umschweife, müssten in Zukunft im „geschlossenen Judenarbeitslager“ Płaszów untergebracht werden. Bis zur Fertigstellung des Lagers verblieben „die Juden in einem besonders umzäunten und gesicherten Teil des bisherigen Krakauer Ghettos (Arbeitsghetto)“. Von hier seien die Arbeiter wie bisher von den Arbeitgebern zur Arbeit abzuholen, zur und von der Arbeitsstätte zu begleiten und wieder „abzuliefern.“ Jeder Arbeitgeber erhalte vom Kommandeur der Sicherheitspolizei „blaue Judenausweise“, die er mit den Personalangaben des betreffenden Juden und dessen Arbeitsverwendung zu versehen habe. Kennbuchstaben und Ordnungszahl dieses blauen Ausweises müssten mit dem Kennbuchstaben und der Zahl auf dem Abzeichen übereinstimmen, dass die jüdischen Arbeitskräfte von nun an auf der linken Brustseite angenäht tragen müssten.

Die Teilung in ein „Arbeitsghetto“ oder Ghetto A für ca. 4.000 arbeitsfähige Personen und in ein Ghetto B für etwa 3.000 arbeitsunfähige Menschen, Kinder und alte Leute, hat man bereits am 6. Dezember 1942 vollzogen. Die „Grenze“ zwischen den beiden Teilen verläuft vom zentralen Zgody-Platz durch die Targowastraße zur Józefińskastraße, wobei auch hier das zynische Nützlichkeitskalkül der Nazis offensichtlich wird: Die arbeitsunfähigen Juden müssen auf 2,6 Hektar Platz finden, für die arbeitsfähigen stehen immerhin 7,1 Hektar zur Verfügung.


Auf jüdischen Gräbern entsteht an der Jerozolimskastraße eine Barackenwelt für lebende Leichen.


Das „Land, in dem der Tod haust“: 5 Distrikte wurden zum „Generalgouvernement“ zusammengeschlossen.

SS-Unterscharführer Pilarzik wird im Dezember 1942 von Scherner seines Amtes enthoben, Planung und Oberleitung der Bauarbeiten vertraut der SS-Polizeiführer Krakau nun dem SS-Hauptscharführer Franz-Joseph Müller an, der seit Juni 1942 bereits die drei bestehenden kleinen „Judenarbeitslager“ (Julags) in Płaszów, Prokocim und Bieżanów leitet. Müller, 1910 in Mosbach, Baden-Württemberg, geboren und von Beruf Buchbinder und Bildereinrahmer, „nur mittelmäßig intelligent“, ist seit Dezember im Stab Scherners tätig und hat an den „Aussiedlungen“ des Jahres 1942 mitgewirkt – an diese neue, komplexe Aufgabe geht er nun mit großem Ehrgeiz heran. In seinem nach dem Krieg in der Haft verfassten „Tatsachenbericht“ Brücke zur Freiheit schreibt er dazu: „Von Scherner hatte ich den Auftrag ein Barackenlager als Ersatzghetto zu bauen und zwar auf der Höhe hinter dem jüdischen Friedhof. Ich machte mir ein Baubüro auf, nahm einen jüdischen Architekten, entwarf einen Plan, in dem ich an alles dachte. Baracken mit Waschräumen für Familien, eine Schule und Kinderschule [sic] und so weiter. Der Architekt arbeitete den Plan aus und ich legte ihn dem SS- und Polizeiführer vor. Wie hatte der Mann getobt und mich alles Mögliche geheißen: Was fällt ihnen ein, Kinder-Garten, Schule, Waschräume für Familien? Glauben Sie vielleicht, wir wollen Juden großziehen? und so weiter. Er riss meinen Plan auseinander und sagte: Nur ein Barackenlager für die Juden, die wir noch brauchen, alles andere wird vernichtet! Ja, Sie tragen SS-Uniform und bemitleiden noch dieses Parasitenvolk?“

Müller erhält eine letzte Frist: In sechs Wochen muss das neue Lager fertig sein, damit das Ghetto geräumt werden kann. Scherner, der sich mit seinem Schreiben an die Rüstungsinspektion selbst unter Druck gesetzt hat, macht Müller bald neue Vorwürfe: Die Bauarbeiten gingen zu langsam voran, da er zu wenig Arbeitskräfte einsetze. Es müssten ab sofort mindestens 1.000 Juden auf der Baustelle arbeiten. Müller lässt daraufhin die OD-Männer Poldek Goldberg und Tomek Katz kommen und ordnet an, dass sie von nun an 1.000 Arbeitskräfte zu stellen hätten. Sollte die Kontrolle durch Scherner allerdings vorbei sein, könnten sie es wieder gemächlicher angehen. Ab morgen müssten sie jedoch „auf Draht“ sein.


Abtransport zur Zwangsarbeit: Ein Tritt für den letzten Juden, der auf die Ladefläche eines LKW klettert

Prompt ist am nächsten Tag um 8 Uhr 30 Zählappell; Scherners Stabsführer SS-Obersturmbannführer Haase ist zur Kontrolle auf die Baustelle gekommen. In der Brücke zur Freiheit erzählt Müller: „Ich meldete ihm 1.000 Juden bei der Arbeit. Das haben mir die OD-Leute auch schon gemeldet, aber ich glaube es nicht. Alles antreten lassen! Die Juden standen da, aber keine 1.000. Da, schrie er mich an, was, das sollen 1.000 Menschen sein? Sie sind beschissen worden, legen Sie die beiden Kerle um! Ich musste die beiden Männer erschießen. Im Ganzen hatten sie nur 290 Arbeitskräfte und das nur zum größten Teil Frauen und Kinder. Ich war verärgert. Laufe mir die Beine aus, dass alles klappte, und die beiden waren nicht in der Lage für 1 oder 2 Tage zu sorgen, dass die Herren befriedigt sind.“

Einige Tage nach der Erschießung von Goldberg und Katz kommt Scherner persönlich zur Inspektion auf die Baustelle nach Płaszów. Er bringt neue Ideen für seinen Lagerleiter mit: Zwischen den Baracken müsste Stacheldraht gezogen werden, Männer und Frauen seien streng zu trennen, vor allem aber müssten die „Polenhäuser“ am Rand des Geländes beschlagnahmt und die Bewohner „rausgeschmissen“ werden.

„Oberführer, das kann ich nicht“, lehnt Franz-Joseph Müller das Ansinnen seines Chefs ab.

Scherner beginnt zu toben: „Was, das können Sie nicht und sind SS-Mann? Ich werde Ihnen einen Mann aus Bautzen vorsetzen! Verschwinden Sie und lassen Sie sich mit ihren Juden aufhängen!“

In seinem merkwürdigen „Tatsachenbericht“ notiert Müller später: „Als ich in meinem Zimmer war, konnte ich mich nicht mehr halten. Zum ersten Mal musste ich als Soldat weinen.“


ICH BIN EUER GOTT!

Das Wort Julian Scherners vom „Mann aus Bautzen“ war keine leere Drohung. Eines Tages, es ist der 11. Februar 1943, ist er da: Amon Leopold Göth. Woher kommt er an diesem Tag wirklich? Wohl nicht aus der Spreestadt Bautzen in der Oberlausitz, sondern aus dem Zwangsarbeitslager Budzyń in der Nähe von Lublin. Müller dürfte hier einem Hörfehler erlegen sein.

Göth trifft jedenfalls am Krakauer Hauptbahnhof ein und begibt sich sofort zum Büro seines alten Kumpels und Freundes Scherner in der Oleanderstraße 4. Die beiden kennen sich noch aus der Münchner Zeit – Scherner, „beliebt als Führer und Kamerad“, führte ab Februar 1933 in der „Stadt der Bewegung“ die 1. SS-Standarte und stieg in der Folge bis zum Führer des SS-Abschnitts XIV auf. Geboren 1895 im tansanischen Bagamoyo, der Hauptstadt „Deutsch-Ostafrikas“, als Sohn eines Hauptmanns der kaiserlichen Schutztruppe, ein alter Frontkämpfer, Inhaber des Eisernen Kreuzes und Blutordensträger und als Mitglied des Bundes Oberland schon 1923 beim Putsch Hitlers in München dabei, ist er Herr über Leben und Tod der Juden im Distrikt Krakau. Seit August 1941 als SSPF in Krakau, ist er für alle Deportationen aus dem Krakauer Ghetto nach Bełżec verantwortlich. Scherner hat sich auf Göth gut vorbereitet und will ihm die neue große Aufgabe, den weiteren Aufbau des Arbeitslagers in Płaszów, so schmackhaft wie möglich machen. Göth zögert nicht lange – er ist mit Płaszów einverstanden, weil er hier sein eigener Herr sein wird. Er wählt die Herausforderung, weil er darin ein Abenteuer sieht, eine Möglichkeit, sich sein persönliches Königreich zu schaffen. Erfreulich auch die materiellen Möglichkeiten, die sich in der freundschaftlichen Besprechung mit Scherner abzeichnen: Mit ein wenig Geschick kann er hier ein Vermögen herausholen.

So lässt er auch beim Antritt seiner „Herrschaft“ in Płaszów keinen Zweifel an seinen Absichten aufkommen. „Ich bin euer Gott!“, erklärt er den auf dem Appellplatz zu seinem Empfang angetretenen Häftlingen. Juliusz Spokojny, ein 20-jähriger Jude aus Miechów, der seit Jänner im Lager an der Jerozolimskastraße festgehalten wird, kann sich auch später noch an den darauf folgenden Satz Göths erinnern: „Im Distrikt Lublin habe ich 60.000 Juden erledigt, jetzt ist die Reihe an euch!“

Bald werden alle begriffen haben, dass dieser Mann schlimmer ist als alles, was sie zuvor erlebt haben. „Brutal und rücksichtslos“ werden die restlichen polnischen Familien aus ihren Häusern geworfen; die neuen Termine für die Arbeiter an den Baracken sind unmenschlich knapp. So verlangt Göth die Fertigstellung des Kühlhauses innerhalb von zwei Wochen – für die Nichteinhaltung des Termins droht er alle an diesem Bauprojekt beteiligten Häftlinge zu erschießen.

Wenige Tage nach der Ankunft Göths in Płaszów begibt sich der 53-jährige Arzt Dr. Aleksander Bieberstein auf Wunsch der Jüdischen Gemeinde zu ihm in die neue Barackenstadt. Begleitet wird er von dem um einige Jahre älteren Dr. Schwarz. Ziel der beiden Mediziner ist es, mit Göth den Bau eines Spitals und von sanitären Anlagen im Lager zu besprechen. Als sie ankommen, ist Göth nicht in seiner Baracke, erst nach einiger Zeit taucht er auf, gibt sich dann aber sehr höflich und zuvorkommend – er offeriert den beiden jüdischen Ärzten Zigaretten, bittet sie Platz zu nehmen und fragt sie über den Grund ihres Kommens. Bieberstein und Schwarz versuchen ihr Anliegen vorzubringen, Göth lässt sie jedoch nicht richtig zu Wort kommen. Er erzählt, dass er sich um den Aufbau von zwei Lagern, Płaszów und Szebnie, kümmern müsse und deshalb momentan sehr viel Arbeit hätte. In Płaszów wolle man vor allem große Werkstätten errichten, so sollen unter anderem die „Zentrale für Handwerkslieferungen“ sowie die Firmen „Optima“ und Julius Madritschs Unternehmen hierher verlegt werden. Seine Absicht sei es, dass es allen Arbeitern, die hierher übersiedelt würden, gut gehe, sie ordentlich ernährt sein sollten und die bestmögliche ärztliche Betreuung für sie gewährleistet sei. Im Verlaufe des denkwürdigen Gesprächs fällt, wie Bieberstein später bezeugen wird, kein einziges Mal der Begriff „Jude“ und auch nicht das Wort „Häftling“. Göth präsentiert sich als leutseliger Organisator – und als Patient: Er zeigt den beiden Ärzten sein Bein, das am Unterschenkel einige Geschwüre aufweist, und fragt sie nach ihrer Spezialisierung. Dr. Bieberstein erklärt, dass er Internist sei, Dr. Schwarz stellt sich als praktischer Arzt vor und erzählt, dass er sich im Besonderen mit Röntgentherapie beschäftige und der Röntgenologe des Spitals im Ghetto sei. Das kranke Bein des Herrn Kommandanten sei am besten mit Röntgenstrahlen zu heilen. Göth fragt ihn, ob der Röntgenapparat im Ghetto für diese Therapie geeignet sei. Dr. Schwarz verneint, und Göth meint daraufhin, dass man sich bemühen werde, für das Lager ein besseres Gerät zu beschaffen. Und er hat eine Bitte an die beiden Ärzte: Er möchte, dass sie ihn mit der Weigl-Impfung gegen Fleckentyphus immunisieren, da man um die geringe Widerstandskraft der Deutschen gegen Typhus wisse und mit der Größe des Lagers wachse ja auch die Ansteckungsgefahr.

Damit ist das Treffen zu Ende, Bieberstein und Schwarz kehren ins Ghetto zurück und berichten im Rahmen einer Konferenz über ihr Gespräch. Einige Kollegen sind mit dem Ergebnis zufrieden, Dr. Bieberstein sieht es anders: Er interpretiert Göths Auftritt als hinterhältig, perfide und absolut zynisch.

Zwei, drei Tage später erhalten Bieberstein und seine Kollegen von den Ingenieuren des Lagerbaus eine Kopie des geplanten Spitals – und sind überrascht. Tatsächlich ist da ein ordentliches Spital geplant: 3 bis 4 Baracken werden zusammengefasst und sind durch die Korridore verbunden, überall schöne Fenster und kleine Patientenzimmer, sogar an Wohnungen für die Ärzte hat man gedacht. Bieberstein jedoch ist weiter skeptisch, er glaubt nicht, dass diese Pläne auch verwirklicht werden. Sein Verdacht verstärkt sich, als er durch Zufall von einem für die Verpflegung zuständigen Unteroffizier, der sich von ihm impfen lässt, die Liste der geplanten täglichen Lebensmittelrationen erhält. Maximal 2.200 – 2.500 Kalorien pro Tag sind da vorgesehen – auch bei günstiger Interpretation zu wenig für schwer arbeitende Menschen.

An einem der ersten Märztage begibt sich neuerlich eine Ärztedelegation aus dem Ghetto nach Płaszów, diesmal sind es bereits 5 oder 6 Mediziner. Mit Göth selbst sprechen jedoch nur wieder Dr. Bieberstein und Dr. Schwarz; der Unterschied zum ersten Gespräch ist jedoch gewaltig: Göth empfängt sie nicht in seinem Büro, sondern am Zeichentisch, wo er ihnen die Baracken für das Spital zeigt. Als Bieberstein anmerkt, dass diese Baracken aus Holz für ein Spital nicht geeignet seien, antwortet Göth kurz angebunden, dass im Lager arbeitende Menschen leben würden und keine schwer kranken, die Mängel würden später behoben. Nach zwei Minuten ist das Gespräch vorbei, von der Freundlichkeit des ersten Zusammmentreffens keine Spur mehr.

Es ist Freitag, der 5. März 1943. Am Morgen lässt Göth die Häftlinge am Appellplatz antreten. Der 17-jährige Moniek Puntirer, Sohn eines kleinen Milchverkäufers in Kazimierz, seit September 1942 in Płaszów, wird Zeuge, wie Göth auf Grund des Fehlens zweier Mädchen, die ins Ghetto zurück geflüchtet sind, zwei jüdische Kapos erschießt. Die Männer müssen sich niederknien, dann tötet er beide durch Schüsse aus nächster Nähe. Anschließend nimmt Göth seinen Hut ab, füllt diesen mit dem Blut der Toten und setzt ihn einem der Mithäftlinge Puntirers auf. „Jetzt führst du das Kommando!“, sagt er zu dem völlig überraschten Mann – eine Szene, die Moniek Pantirer in „wahre Todesangst“ versetzt und die er nie vergessen wird. Göth macht auf ihn den Eindruck eines „Raubtiers auf der Jagd“ und rasch erkennen er und seine Lagergenossen, welch besondere Rolle die Kopfbedeckungen für Göth spielen: Trägt er sein einfaches Soldatenkäppi, ist von ihm weniger zu befürchten, gefährlich wird es, wenn er seine Offiziersmütze oder gar seinen Tirolerhut aufsetzt – „ich rannte“, so Moniek Pantirer, „dann immer in die Latrine, weil er die nie betrat. Dann kam er in die Baracken und verließ sie erst wieder, nachdem er ein paar Leute erschossen hatte.“

Am Abend dieses 5. März 1943 schockt Göth das Lager mit einer ersten Hinrichtung. Die beiden jungen Mädchen, Rega Teichmann-Salz und Erica Weitz, sind gefunden worden. Sie hatten zwar die Erlaubnis, das Lager zu verlassen, kehrten aber über Nacht nicht zurück – daraufhin ließ sie Göth im Ghetto suchen, wo sie schließlich auch entdeckt wurden. Eine Eskorte von zwanzig Wachleuten bringt sie nach Płaszów zurück. Noch weiß niemand, was für eine Strafe sie erwartet, die Häftlinge glauben, dass es beim Auspeitschen bleiben wird, doch für Göth ist diese „Disziplinlosigkeit“ Anlass genug, erstmals ein Exempel zu statuieren: Rega und Erica, beide fast noch Kinder, sollen vor versammelter Belegschaft um sieben Uhr abends gehängt werden. Zuvor werden sie noch ausgepeitscht, dann behandelt man ihre Wunden mit Jod; über ihr Schicksal lässt man sie bis zuletzt im Unklaren.

Die „Show“ am Appellplatz beginnt, nachdem alle Häftlinge von ihrer Arbeit ins Lager zurückgekehrt sind. Als Henker fungiert der aus einer prominenten Familie stammende jüdische Kapo Itche Saltz, ein Brillenträger. Er hat nicht einmal ordentliche Stricke zur Verfügung, stattdessen benutzt er Gürtel. Bei einem der Mädchen reißt der Lederriemen, worauf Göth es unbarmherzig noch einmal hängen lässt und dann noch einige Schüsse auf den baumelnden Körper abgibt. Ihr qualvolles Sterben wird begleitet von der deutschen Lagerband: Den Schlager, den sie zur Hinrichtung spielen muss, hat Göth selbst ausgesucht: Komm zurück! von Rudi Schuricke.

Zeugin der entsetzlichen Szene sind unter anderem die 17jährige Felicja Friedmann aus Krakau, die im Kabelwerk beschäftigt ist, und der neunzehnjährige Julius Feldman, der in der „Zentrale für Handwerkslieferungen“ in der Limanowskiegostraße 4 arbeitet. Hier werden Möbel aus jüdischen Wohnungen zusammengetragen, überholt und den diversen Nazi-Bonzen zur Verfügung gestellt. Gut möglich, dass sich auch Göth bei der Einrichtung seiner Villa aus der „Zentrale“ bedient hat.

Der Mord an Diana Reiter

Die Bauarbeiten auf dem Lagergelände sind in vollem Gange. Die Leitung des Lagerbaus hat Göth dem 47-jährigen jüdischen Ingenieur Zygmunt Grünberg aus Krakau anvertraut, der, das ist ihm bekannt, von Julian Scherner protegiert wird. Grünberg ist ein tüchtiger Architekt, der auch in dieser aus Angst und Unsicherheit emporwachsenden Barackenwelt seinen Mann steht. „Wo andere aufgaben, fand Grünberg noch immer eine Lösung“, wird später Mietek Pemper über ihn schreiben.

Auch Göth ist rasch vom großen Können Grünbergs überzeugt und entwickelt ein seltsames Verhältnis zu ihm. Anfangs verspricht er ihm noch einen besonderen Status im Lager: „Du wirst hier wie ein König leben, wenn du alle meine Wünsche erfüllst“, soll Göth, so berichtet Jakub Stendig in seinem Buch über Płaszów, zu Grünberg anlässlich der „Amtsübergabe“ gesagt haben. Gleichzeitig macht er jedoch Grünberg für alle Probleme beim Lagerbau verantwortlich und beginnt ihn dafür immer wieder erbarmungslos zu schlagen und zu quälen. Grünberg, so erleben es die Häftlinge mit, ist jener Unglückliche, der die Wutanfälle Göths in erschreckend häufiger Weise auf sich konzentriert. Da Grünberg die Sympathien Scherners besitzt, kann er von Göth nicht getötet werden, obwohl dieser einige Male kurz davor steht. Als Grünberg, verzweifelt und am Ende seiner Kräfte, ihn eines Tages bittet, ihn doch gleich zu erschießen, antwortet ihm Göth, dass er damit noch warten würde, weil er ihn vorher noch brauche.

Mietek Pempers Darstellung zufolge nährte sich der Hass Göths auf seinen jüdischen Lagerarchitekten nicht zuletzt aus der Tatsache, dass er – so wie Hitler – eine Vorliebe für die Architektur hegte und angeblich sogar mit dem Gedanken spielte, nach dem Krieg Architektur zu studieren.

Gebaut wird nicht nur an den Baracken für die Häftlinge, sondern auch an den solide aus Ziegeln gemauerten Häusern für die SS-Offiziere und -Mannschaften. Aufsicht über den jüdischen Bautrupp, der mit Eifer bei der Sache ist, hat SS-Oberscharführer Albert Hujar. Eines Tages gibt es auf der Baustelle ein Problem: Eine etwa acht Meter lange und zwei Meter hohe Mauer der „Wachkaserne“ zeigt Risse; die zuständige Architektin, ein junge Jüdin namens Diana Reiter, erklärt, dass hier offensichtlich feuchte Ziegel verwendet worden seien, die später in der Kälte aufgefroren wären.

Hujar meldet das Problem und Göth lässt die Architektin zu sich kommen. Diese legt ihm die Gründe für den Bauschaden dar. Göth hört sich ihre Rechtfertigung ein paar Minuten an und kommt in Rage über dieses jüdische „Geschwätz“ – „Leg sie um, diese Scheißingenieurin!“, brüllt er los und Albert Hujar tut, was ihm befohlen worden ist: Er zerrt die Frau zur Seite, stößt sie vor sich her, zieht seinen Revolver und schießt ihr ins Genick. Jakub Stendig und die anderen Umstehenden sehen mit Grauen, dass Göth nach dem Mord entspannt und bester Dinge wirkt; erstmals werden sie Zeugen seiner seltsamen „Zufriedenheit“ nach Gewalttaten. Den Aufgabenbereich der Ermordeten übernimmt Ingenieur Jakub Stendig, der im Ghetto die Bauabteilung der Jüdischen Gemeinde geleitet hat.

Alle werden es in der nächsten Zeit in Briefen erfahren, die SS-Freunde in Lublin und auch der Vater in Wien: „Jetzt bin ich endlich mein eigener Kommandeur.“


Ein Bild des Todes und der Verwüstung: die Hauptstraße des Krakauer Ghettos nach der „Liquidierung“ vom 13./​14. März 1943

Die „Liquidierung“ des Ghettos

Nur wenige Tage später, am Samstag, dem 13. März 1943, beginnt die „Liquidierung“ des Krakauer Ghettos. Reichskanzler Adolf Hitler besucht an diesem Tag die Heeresgruppe Mitte und entgeht dabei mit schon gewohntem Glück einem Attentat. Der Rechtsanwalt und Militärrichter Oberleutnant Dr. Fabian von Schlabrendorff, zu diesem Zeitpunkt Ordonnanzoffizier Henning von Tresckows, des Stabschefs der 2. Armee, hat zwei als Kognakflaschen getarnte Bomben in das Flugzeug des „Führers“ geschmuggelt; im entscheidenden Moment versagt jedoch die Zündung des Sprengstoffpakets – im Frachtraum des Flugzeugs ist es zu kalt.

Und Amon Göths alter „Chef“ Odilo Globocnik weitet an diesem Tag seine „unternehmerischen“ Tätigkeiten aus: Er wird Geschäftsführer der „Ostindustrie GmbH“, die zu ihren lukrativen Geschäftsfeldern „Arisierungen“, Vermögenstransfers und die Organisation von Zwangsarbeit zählt. Hausbank des Unternehmens wird die Dresdner Bank, deren Vorstand Prof. Dr. Emil Heinrich Meyer, nebenbei auch SS-Standartenführer, sich glücklich schätzt die Konten der „Osti“ führen zu dürfen. Die Aussiedlung ist organisatorisch gut vorbereitet: Bereits einige Wochen zuvor ist es in einen Teil A und in einen Teil B geteilt worden; zwischen beiden Hälften hat man Stacheldraht gezogen, ein Wechseln in den anderen Teil ist verboten. Das Ghetto A ist Lebensraum der arbeitenden Menschen, das Ghetto B ist für die nicht arbeitenden vorgesehen, also für Alte, Kranke und Kinder. Viele arbeitende Menschen wollen jedoch ihre Familienmitglieder nicht im Stich lassen und wechseln in den B-Teil – eine Entscheidung, die sie in den Tod führt.

Um 11 Uhr am Vormittag wird von OD-Chef David Gutter ein Befehl Julian Scherners bekannt gemacht: Alle Bewohner von Ghetto A haben sich innerhalb von vier Stunden für die „Übersiedlung“ in das neue Lager Płaszów bereitzuhalten.

Tadeusz Pankiewicz, der im Ghetto eine Apotheke betreibt, wird Zeuge, wie Göth und seine Männer dann über die Menschen am Zgodyplatz herfallen. In seinen Erinnerungen beschreibt er Göths Erscheinungsbild an diesem Tag: „Er ist ein großer, gut aussehender Mann mit einem mächtigen Körper auf dünnen Beinen, einem gut proportionierten Kopf und blauen Augen. Er trägt einen schwarzen Ledermantel. In einer Hand hält er eine Reitpeitsche, neben ihm sind seine beiden Hunde.“

Göth und seine Killer sind wie berauscht von der Effizienz, mit der sie ihr Mordgeschäft an diesem Tag betreiben; ja, jetzt zeigen sie den schlappen Krakauern, was sie im Osten bei der Aktion Reinhardt gelernt haben. Estera Schwimmer, eine 36-jährige Jüdin aus Sosnowiec, die bei Julius Madritsch arbeitet, wird Zeugin dieses Blutrauschs: Sie steht in einer Fünferreihe, bereit zum Abmarsch ins Lager nach Płaszów, an der Hand hält sie das zweieinhalbjährige Kind ihrer Schwester, die bereits 1942 ermordet worden ist. Plötzlich taucht Göth vor ihr auf, entreißt ihr das Kind und schmettert es auf den Boden. Estera beginnt zu schreien und will sich um das Kind kümmern, doch Göth tritt sie zurück in die Reihe, die in Richtung Płaszów losmarschieren muss.

Auch Samuel Stöger und seine Familie geraten an Göth, der aufgebracht die Kolonne umkreist, die an der Węgierskastraße Aufstellung genommen hat. Immer wieder reißt er Müttern die Kinder aus den Händen, schlägt ihnen mit der Reitpeitsche ins Gesicht. Als er der Frau von Samuel Stöger das Kind wegnehmen will und diese sich weigert, muss sie mit dem Kind aus der Kolonne treten und wird von Göth zusammengeschlagen, die Kolonne marschiert inzwischen weiter. Samuel Stöger sieht seine Frau und sein Kind nie wieder. Den ganzen nächsten Tag, es ist Sonntag, wartet er am Lagertor von Płaszów – vergeblich. Statt der Lebenden kommen nur Stöße von nackten Leichen. Er versucht jemanden zu erkennen, kann aber den schrecklichen Anblick der Massakrierten nicht lange ertragen. Als einige Wochen später die Kleider von Ermordeten ins Lager gebracht werden, erkennt Stöger den Mantel seiner Frau und die Kleidung seines Kindes.

Leon Bittersfeld, der an diesem 13. März 1943 seinen 15. Geburtstag begeht, steht ebenfalls in einer Fünferreihe. Der schmächtige Junge ist Vollwaise; sein Vater Izaak, ein Krakauer Textilhändler, war beruflich gerade in Berlin, als der Krieg ausbrach. Die Nazis verhafteten ihn und brachten ihn nach Dachau, wo er ermordet wurde. Seine Mutter Róza starb 1942 an einer unheilbaren Krankheit, sein älterer Bruder Julek geriet als Soldat der polnischen Armee in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Um größer zu erscheinen, hat sich Leon, der es trotz seiner Jugend in der Kunst des Überlebens schon weit gebracht hat, eine List ausgedacht: Er steht auf einem Stück Holz, das vom langen Mantel, den er trägt, verdeckt wird. Irgendwie scheint Göth die „hochgewachsene“ Gestalt mit dem Milchgesicht jedoch verdächtig. Er kommt daher auf Leon zu und fragt ihn nach seinem Alter. Ohne zu zögern antwortet dieser: „18!“, wobei er sich bemüht seiner Stimme einen tiefen, männlichen Klang zu geben. „Dein Beruf?“, fragt Göth – „Blechschmied!“, sagt Leon und Göth ist zufrieden: Facharbeiter wie diesen jungen Mann wird er in Płaszów gut gebrauchen können. Leon hat nicht ganz gelogen, hat er doch im Ghetto nicht nur Lebensmittel geschmuggelt, sondern bereits im Betrieb des jüdischen Unternehmers Westreich als Blechschmied gearbeitet. Und schon dort erlebte er, zu welchen Brutalitäten die Nazis fähig waren: Sein Chef Westreich wurde von den Nazis ermordet, Leon war Zeuge dieser „Hinrichtung“ und brachte die Leiche Westreichs zum Friedhof.

Das „Marschgepäck“ für den Transfer ins Lager ist pro Person auf 30 Kilogramm limitiert; alle Schreibutensilien sowie Papier und Bücher sind streng verboten, und wer es wagt, ein Radiogerät mitzunehmen, riskiert den Tod. Sämtliche persönlichen Dokumente wie Reisepässe und Geburtsurkunden, die geeignet sind, die Identität nachzuweisen, werden den angehenden Lagerinsassen abgenommen. In Fünferreihen wird die etwa drei Kilometer lange Strecke nach Płaszów in Angriff genommen.

Franz-Joseph Müller beobachtet vom Eingang zum Julag I aus das Eintreffen des Zuges: „Endlos war die Marschkolonne. Mütter weinten und drückten noch zum letzten Male ihr Kind an die Brust. Manche waren halb bekleidet, andere im Schlafanzug. Den Schluss bildete ein unvergessliches Bild in mir. [sic] Erst waren es zwei Pferdefuhrwerke, große Pritschenwägen mit Gummirädern. Voll mit Leichen. Dahinter fuhren noch einige kleinere Kastenfuhrwerke, ebenfalls mit Leichen gefüllt. Das Blut lief von den Wägen und tagelang führte eine Blutschicht [sic] auf der Straße vom Ghetto zum K.Z. Den Schluss des Zuges machte der Tyrann des K.Z. in seinem Auto: Amon Göth.“

Auch Helen Sternlicht steht in der Reihe jener, die zur Deportation nach Bełżec bestimmt sind. Sie beobachtet, wie eine Freundin ihrer Schwester Bronia versucht einen SS-Mann zu bestechen. Der SS-Scherge nimmt zwar seelenruhig das Geld, schiebt sie dann aber mit dem Gewehrlauf ebenso entschlossen zurück zu den Todgeweihten. Helen setzt jetzt alles auf eine Karte: Sie bemerkt, dass ein Mann Milchkannen auf einen Pferdewagen lädt, die für das Lager Płaszów bestimmt sind: Als der Mann sich wieder zu einer Kanne umdreht, springt sie geistesgegenwärtig auf den Wagen, versteckt sich unter der Plache, mit der die Milchkannen zugedeckt sind, und gelangt auf diese Weise nach Płaszów.

Ihre Schwester Bronia hält sich inzwischen im Keller des Hauses verborgen, in dem die Familie gewohnt hat. Lieber will sie sterben, als den Todeszug nach Bełżec besteigen. Als sie versucht ins Nebenhaus zu wechseln, wird sie von einigen SS-Leuten entdeckt, die sie jedoch entkommen lassen. „Lass sie leben. Sie ist noch jung!“, meint einer von ihnen. Im Nebenhaus ist die Lage nicht besser, bereits zwanzig Menschen halten sich hier verborgen. Doch Bronia hat Glück: Nach dem Ende der „Aktion“ ist es ein jüdischer OD-Mann, der sie herausholt und nach Płaszów bringt.

Am Sonntag, dem 14. März, ist Ghetto B das Ziel Göths und seiner Männer. Auch hier haben die Menschen von Julian Scherner den Befehl bekommen, sich für die „Aussiedlung“ bereitzuhalten. Am Zgodyplatz „selektioniert“ Göth unter den älteren Männern 150 für die Arbeit in Płaszów aus; Obersturmbannführer Haase ist gegen diese Zahl und befiehlt 75 der ausgewählten Männer sofort zu erschießen. Die überlebenden 75 müssen den Getöteten die Kleider ausziehen und sie auf die Kastenwägen für den Transport nach Płaszów laden.

Ziel der Mörder am 14. März ist nicht zuletzt das jüdische Hauptkrankenhaus in der Józefińskastraße, in dem zahlreiche Patienten in ihren Betten getötet werden. SS-Oberscharführer Albert Hujar leitet die „Aktion“: Menschen werden aus den Fenstern im dritten Stock in den Tod gestürzt, einige Ärzte zusammen mit den Kranken erschossen. Die Häuser werden durchkämmt, wer gefunden wird, auf der Stelle getötet oder zum Zgodyplatz gebracht und dort ermordet.

Die Opferbilanz der Ghetto-„Liquidierung“: Etwa 1.000 Menschen werden nur an diesen zwei Tagen ermordet, 4.000 deportiert, die Hälfte davon in das Vernichtungslager Auschwitz.

Am Montag, dem 15. März, erhalten schließlich 40 Mitarbeiter des jüdischen Gesundheitsdienstes den Befehl, die medizinischen Einrichtungen des Ghettospitals nach Płaszów zu übersiedeln. Auf den Röntgenapparat, dem er zuvor noch die Behandlung seiner Fußgeschwüre anvertrauen wollte, glaubt Göth nun allerdings verzichten zu können – er wird beschlagnahmt, abgebaut und ins „Reich“ geschickt. Eine Woche lang werden die Geräte unter SS-Bewachung in die beiden Spitalsbaracken übersiedelt, in denen jeweils 45 Betten aufgestellt werden.

Leiter des Krankenreviers wird Dr. Leon Gross, ein junger jüdischer Arzt, der in Schlesien deutsche Schulen besucht und sein Medizinstudium in Italien absolviert hat. Gross ist zusammen mit zwei anderen Ärzten bereits seit Dezember 1942 in Płaszów, und obwohl es streng verboten ist, dass jüdische Ärzte „arische“ Patienten behandeln, fasst Göth bald Vertrauen zu dem jungen Mann und überträgt ihm die medizinische Betreuung der deutschen und ukrainischen SS-Wachmannschaften. Ja, er selbst findet nichts dabei, von Gross berührt oder untersucht zu werden – wenn es um seine eigene kostbare Gesundheit geht, spielt der Rassenwahn plötzlich keine so große Rolle mehr. So lässt er einige Schutzimpfungen durch ihn an sich durchführen und später auch seine Diabetes von ihm behandeln. Dafür wird Gross mit Privilegien ausgestattet: Er darf die Uniform eines OD-Mann tragen und sich in ihr frei im Lager bewegen; glaubt man Zeugen wie Jehuda L. Stein, der am 25. Mai 1943 aus dem kleinen Lager Czarny Dunajec nach Płaszów kommt, so entpuppt sich Gross bald als Kollaborateur der schlimmsten Sorte: Er schikaniert seine Ärztekollegen, bereichert sich an den Patienten der „Lagerprominenz“ und arbeitet Göth nur allzu bereitwillig in die Hände. Eine Haltung, die er nach dem Krieg mit dem Leben bezahlen wird: Im Sommer 1945 wird Dr. Leon Gross von den polnischen Polizeibehörden verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Es war eine vorbildliche Umsiedlungsaktion, sollte Gerald Reitlinger später in seinem Buch über die „Endlösung“ schreiben.


MONYS REICH

Płaszów heute. Auf der Wielicka, einer dreispurigen Ausfallstraße nach Osten in Richtung Tarnów, Rzeszów, Przemyśl, fließt der Verkehr ohne Unterlass, daneben drängen sich die Trasse der Straßenbahn und die Bahngleise. Dworcowa, „Bahnhofstraße“, heißt die Haltestelle, an der Besucher des Lagers aussteigen müssen. Angehörige der Wehrmacht „bis ausschließlich Wachmeister“ zahlten damals 10 Groschen für die Fahrt mit der Linie Nr. 6 vom Zentrum hierher, „normale“ Fahrgäste 25 Groschen. Oder man gönnte sich gleich die bequeme Pferdedroschke: Vom Bahnhofsplatz in Krakau bis Płaszów musste man mit einer Fahrgebühr von etwa 3 Zloty rechnen.

Über die mit Ampeln geregelte Kreuzung geht es in Richtung Lager. Menschen hasten tagaus, tagein ihren Geschäften nach; links von der Wielicka ein kleines Einkaufszentrum, rechts ein McDonald’s, Plattenbauten wachsen in den Himmel. Apartamenty na przyszłość – „Appartements für die Zukunft“ verkündet ein großes Schild: Am Rand des ehemaligen Lagers werden weitere neue Wohnungen gebaut – mit Blick auf das Gelände. Dann unübersehbar, ein düsterer Monolith auf freiem Feld: das „Graue Haus“, in dessen Kellerräumen die SS Häftlinge gefangen hielt und folterte. Das Haus ist bewohnt, ein Fernseher läuft – was mögen die Menschen hier über die Vergangenheit des Gebäudes wissen?

Eine Hinweistafel taucht auf: Man betrete das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Płaszów und bitte die Besucher um entsprechendes Verhalten. Hier muss sich einst der Eingang für Häftlinge befunden haben. Links führt die Heltmanstraße den Berg hinauf, damals einfach „SS-Straße“ genannt. Moderne Wohnhäuser, gepflegte Gärten, dann die Nummer 22, ebenso unverkennbar wie das „Graue Haus“: die Villa Göths. Gespenstisch, drohend wirkt das Gebäude, ein rostiger Zaun verhindert den Zutritt. Der Verputz blättert ab, die rote Farbe, die einst das Giebelfeld zierte, ist nur mehr schwach erkennbar. Nichts zu sehen auch von dem Marmor, mit dem der Zugang zur Villa ausgelegt gewesen sein soll; den edlen Stein mussten die Häftlinge vom jüdischen Friedhof hierher bringen. Jeder Hinweis auf die Vergangenheit des Hauses fehlt – Pläne zu seiner Umgestaltung in ein Museum sollen allerdings in der Krakauer Stadtverwaltung schon diskutiert werden.

Vom ehemaligen Haupttor führt ein breiter Weg in das zerklüftete Gelände; links in den Fels gehauen einige Höhlen, die bei Luftangriffen als Zuflucht hätten dienen sollen. Dzień dobry! – „Guten Tag!“ tönt es herausfordernd aus dem Dunklen, als ich näher trete. Inmitten von Abfall und unzähligen Plastiksackerln hat ein Krakauer Obdachloser hier sein neues Zuhause gefunden. Ich verzichte auf ein Gespräch mit ihm und wandere weiter, den Weg hinauf zum Todeshügel, der Chujowa Górka, dem „Schwanzhügel“. Jenen Weg, den einst die zum Erschießen verurteilten Häftlinge gehen mussten. Links und rechts Gräben, Verwerfungen, gewaltige Betonbrocken und auch noch immer Grabsteine – es gelang den Nazis nicht, die Spuren der beiden jüdischen Friedhöfe, die sich einst hier befanden, völlig zu tilgen. Oben beim Denkmal angekommen, das für die Opfer errichtet worden ist, bietet sich ein guter Blick über das Lagergelände und unwillkürlich fragt man sich, wie einst in dieser trostlosen Stein- und Felslandschaft Tausende von Menschen leben und überleben mochten. Allein der Gedanke, hier ein Arbeitslager errichten zu wollen, konnte nur dem gnadenlosen Kalkül der Nazi-Mörder entspringen …

Nach seiner Ankunft in Płaszów wohnt Göth zunächst in einem Haus neben der Lagerküche, das später zur Bäckerei umgebaut wird; nach kurzer Zeit übersiedelt er jedoch in das so genannte „Untersturmführerhaus“ unweit des Lagerhaupteingangs an der Jerozolimskastraße, das auch als „Rotes Haus“ in die Geschichte des Lagers eingeht. Seinen Namen hat das Gebäude von den unverputzten rohen Ziegelwänden; neben Göth haust hier auch der harte Kern seiner Killer: Leonhard John, Albert Hujar, Edmund Zdrojewski und Franz Grün. Von Anfang an ist klar, dass für ihn ein neuer „Amtssitz“ nach seinen Vorstellungen errichtet werden muss – ja, eine Villa muss es sein, das ist der Wunsch des SS-Killers und Bohemiens aus Wien-Mariahilf.

Schritt für Schritt stellt Mony nun seine „Mannschaft“ zusammen. Vor allem benötigt er eine tüchtige Schreibkraft für das Kommandanturbüro – er weiß, dass der Verwaltungsaufwand, den die SS-Bürokratie ihm abverlangt, enorm sein wird. Zwei Häftlinge, die man ihm empfohlen hat, werden zum Probediktat eingeladen: ein gewisser Heinz Dressler, der in Dresden eine Wirtschaftsoberschule besucht hat und perfekt stenografiert, und ein 23-jähriger Student namens Mietek Pemper. Dieser, Sohn eines Krakauer Kaufmanns, hat sich zwar die deutsche Kurzschrift nur im Selbststudium angeeignet, dafür aber den großen Vorteil, dass er zweisprachig aufgewachsen ist, und so entscheidet sich Göth für ihn – er benötigt ja vor allem auch einen Dolmetsch. Seine Wahl wird Göth nicht bereuen: Mit Pemper hat er einen außergewöhnlich fähigen, scharfsinnigen Mann in seinem Büro, der bis zur Schließung aller polnischen Hochschulen 1939 an zwei Krakauer Universitäten gleichzeitig studiert hat: Rechtswissenschaften an der Jagiellonen-Universität, Betriebswirtschaft und Rechnungswesen an der Hochschule für Ökonomie. Pemper, der mit seinen Eltern und mit seinem jüngeren Bruder Stefan im Lager ist, hat im Ghetto bereits für den Judenrat gearbeitet und sich hier als rechte Hand von David Gutter, dem Leiter des Judenrats, bewährt; rasch findet er sich in die neue Aufgabenstellung. Nur beim Dolmetschen in der Folterbaracke „versagt“ er: „Mein Schrecken und meine Bestürzung über die grausamen Methoden der SS brachten mich dermaßen aus der Fassung, dass ich, statt zu übersetzen, nur die in Schmerz ausgestoßenen Wortfetzen des gequälten Mannes wortwörtlich in Polnisch wiederholte.“

Göth verzeiht Pemper diese kleine „Schwäche“ und zieht in der Folge zu den Folterungen andere Dolmetscher bei. Da ihm die Bürokratie in Wirklichkeit auf die Nerven geht, hat er rasch begriffen, was Pemper für ihn bedeutet. Er lässt sich von Pemper daher gerne „entlasten“ und überantwortet ihm bald die gesamte Korrespondenz; sein jüdischer Schreiber erhält dadurch Einblick in so manche Zusammenhänge, die anderen Häftlingen verborgen bleiben. Geschickt versteht es der fleißige junge Mann, der Göth „jeden Tag, egal zu welcher Stunde, egal wie lange, zur Verfügung zu stehen“ hat, seine Position zu festigen und für seinen durch eine Beinverletzung gehandikapten Vater eine relativ sichere Beschäftigung im Bäckereikommando zu arrangieren. Erst später wird ihm bestätigt, was er vermutet: Göth, der anfangs misstrauisch ist, lässt ihm nachspionieren, will herausfinden, ob Pemper über seine Funktion im Lager mit anderen plaudert. Pemper ist jedoch klug genug, um diese „Fallen“ zu vermeiden, und schweigt sogar seinen Eltern gegenüber über seine Arbeit. Göth fasst schließlich Vertrauen zu ihm, es entwickelt sich ein eigenartiges Verhältnis zwischen den beiden: Göth braucht den jungen Mann für die Verwaltung, dieser fürchtet sich wiederum vor den Gewaltausbrüchen des Kommandeurs, deren Zeuge er immer wieder wird. Göth, so weiß er, tötet, wann immer es ihm beliebt, selbst während eines Diktats in der Kommmandanturbaracke: „Während er spricht, sieht er in den Außenspiegel an seinem Fenster, mit dessen Hilfe er das Gelände vor der Baracke überblicken kann. Plötzlich steht er auf, nimmt eines der Gewehre von der Wand, öffnet rasch das Fenster. Ich höre einige Schüsse, dann nur Schreie. Als hätte nur ein Telefonat das Diktat unterbrochen, kommt Göth zum Schreibtisch zurück und fragt:, Wo waren wir stehengeblieben?‘“

Doch Göth kann manchmal auch anders: Als er Pemper einmal noch nach Mitternacht bei der Arbeit in der Kommandantur antrifft, schreibt er spontan eine Notiz an Heinz Kühler, den für die Versorgung verantwortlichen SS-Obersturmführer, in der er für Pemper um zusätzliche Lebensmittel bittet: 25 Gramm Zucker, 10 bis 20 Gramm Fett und 30 Einheiten Marmelade wird dieser nun pro Woche mehr bekommen. Das Angebot einer zusätzlichen Ration Brot lehnt Pemper jedoch ab, da sein Vater in der Bäckerei arbeite und dort bereits eine zusätzliche Ration Brot erhalte. Die Reaktion Göths wird Mietek Pemper nie wieder vergessen: „Göth schaut mich erstaunt an und lehnt sich dabei im Stuhl weit zurück. Dann schüttelt er ungläubig den Kopf und sagt:, Pemper, Sie sind kein Jude! Ein Jude hätte das alles angenommen und danach gegen etwas anderes getauscht.‘“

Schließlich schreibt Pemper auch die Privatbriefe Göths an seine Freunde in der Lubliner SS und an die Familie in Wien. In den Briefen an den Vater, so weiß Pemper später zu berichten, zeigt sich Göth durchaus interessiert am Verlagsgeschehen und schlägt verschiedene, seiner Meinung nach verkaufsträchtige Projekte vor, etwa eine Postkartenserie mit Alpenlandschaften. Er gibt den sich sorgenden Sohn, der sich nach dem Heuschnupfen des Vaters erkundigt, verliert jedoch kein Wort über seinen Gewalt-Alltag im Lager. Ähnlich „nomal“ verhält er sich in den Briefen an seine Frau Anny, die er doch nach Strich und Faden betrügt: Er spielt den treuen Gatten und ist stolz auf seinen Sohn – auf die Nachricht von Anny, dass Werner seine Schwester Ingeborg schlage, diktiert er Pemper: „Das Schlagen, das hat der Werner wohl von mir.“

Trotz dieser Nähe zu Göth und der „Sympathie“, die der Kommandeur offenbar für ihn hegt, macht sich Pemper keine Illusionen. Er sieht sich als „Todgeweihten“, der nur eines tun kann: die Vollstreckung des Todesurteils möglichst lange hinauszuzögern. Er weiß, dass Göth dann nicht nur ihn, sondern seine ganze Familie töten würde …


Göths Terror-Reich: 180 Baracken in trostloser Stein- und Felslandschaft, umzäunt von vier Kilometern Stacheldraht

Das Horn von Wilhelm „Wiluś“ Rosner, des jüngsten der Rosner-Brüder, bestimmt den Tagesablauf: Jeden Morgen um Punkt sieben Uhr ertönt sein Weckruf, den er selbst komponiert hat. Um zwölf Uhr ruft sein Horn zum Mittagessen, um zwölf Uhr dreißig wieder zur Arbeit. Wiluś Rosner darf als einziger Häftling eine Armbanduhr tragen, damit er immer pünktlich ist – und er enttäuscht Göth nicht: Kein einziges Mal versäumt er ein Signal, auch wenn an eisigen Wintertagen seine Lippen am Mundstück festfrieren. Ein Hornruf Wiluś Rosners signalisiert nicht zuletzt besondere Anlässe – wie Hinrichtungen am Appellplatz …

Die Flucht aus dem Lager ist beinahe unmöglich: Wachturm folgt auf Wachturm, zwei Reihen Stacheldrahtzaun stehen unter Starkstrom, alles funktioniert bestens: Die Transformatoren dafür werden von Siemens & Halske geliefert. In der Nacht wandert das Licht der Scheinwerfer über das Lagergelände; Trupps von SS-Leuten kontrollieren immer wieder den Zaun. Nur wenigen Häftlingen gelingt es auf diesem Weg in die Freiheit zu gelangen – die Folgen für die Kameraden sind jedoch immer schrecklich: Nachdem die Abwesenheit eines Lagerinsassen bemerkt worden ist, lässt Göth die Häftlinge zu einem Zählappell antreten; jeder zehnte Häftling aus der Gruppe des Geflüchteten wird erschossen.

Seine Vorstellung von Ordnung und Disziplin glaubt Göth am besten mit einprägsamen „Beispielen“ demonstrieren zu können. So lässt er eines Tages in der Mitte des Appellplatzes ein zwei Meter tiefes Loch in der Größe eines Zimmers graben. Dann müssen die Blockältesten aller Blöcke antreten, zwölf Männer, unter ihnen Poldek Pfefferberg, und zwölf Frauen, darunter auch Manci Rosner, die Frau Herman Rosners und Leiterin des Frauenblocks Nummer 10, die diese „Lektion“ Göths später bezeugen wird.

Auf der anderen Seite des Lochs fährt ein Lieferwagen vor; gefangene Frauen und Männer werden aus dem Laderaum geholt, Menschen, die von außerhalb des Lagers kommen und auf der Flucht erwischt oder denunziert worden sind. Sie müssen sich nackt ausziehen und dann am Rande der Grube hinknien. SS-Männer nehmen hinter den Opfern Aufstellung, ziehen ihre Revolver und töten sie mit Genickschuss; ein Tritt mit den Stiefeln befördert die Toten in das Loch. Die Blockältesten müssen Erde über die Leichen schaufeln, dann schließt Göth mit einer kleinen Rede die „Vorstellung“: „Ich will, dass ihr das seht und den Leuten in eurem Block sagt, was geschieht, wenn sich einer an Sabotage versucht.“

Manci, eigentlich Marianne Rosner, geboren 1910, ist Blockälteste geworden, weil sie als Wienerin eine besondere Erscheinung unter den polnischen Jüdinnen im Lager ist. Sie ist die jüngste Tochter von Ernestine und Max Robitschek, dem wohlhabenden Besitzer des Café Central, und lernt als 16-Jährige Herman Rosner kennen, als er mit dem Rosner-Orchester, den Rosner’s Players, in Wien gastiert – für ihre Mutter Ernestine ist der fesche polnische „Zigeuner“ eine klassische Mesalliance. 1930 haben sie dennoch in Wien geheiratet; 1935 wird Sohn Aleksander „Olek“ geboren, die Familie wohnt in Warschau, Herman verdient gut mit seiner Musik. Dann kommen auch sie unter die Räder der deutschen Okkupation: 1940 flüchten Manci und Herman mit ihrem Sohn aus Warschau nach Tyniec, einem kleinen Ort südlich von Krakau, in dem die ganze Familie Rosner Zuflucht vor den Nazis sucht. Doch bald ist es mit dem friedlichen Leben am Land vorbei: Im März 1941 folgt die Übersiedlung ins Krakauer Ghetto, wo sich die Rosners eine Sechs-Zimmer-Wohnung mit der Familie Horowitz und acht anderen Familien teilen; Herman sichert das Überleben der Familie, indem er zusammen mit seinem Bruder Poldek im Café Polonia eines gewissen Alexander Forster am Rynek Podgórski 15 auftritt – Forster, seit August 1939 in Krakau, ist deutscher Jude und spioniert für die Gestapo, trotz mancher Privilegien – so muss er nicht die Armbinde der Juden tragen – wird aber auch er zusammen mit seiner ganzen Familie bei der „Liquidierung“ des Ghettos von den Deutschen erschossen. Knapp zuvor, Anfang 1943, lässt Manci Rosner im jüdischen Krankenhaus des Ghettos noch eine Abtreibung vornehmen – ihr und Hermans ganzes Augenmerk gilt nun dem Überleben von Alex, den sie mit Hilfe von Freunden und Bekannten immer wieder vor dem Zugriff der Deutschen bewahren können – auch in Płaszów.

Über die Auftritte der Brüder Rosner bei Göth gibt es eine legendäre Geschichte, die es zu besonderer Popularität gebracht hat: Göth hat wieder einmal zu einer feuchtfröhlichen Party eingeladen. Eine Reihe von SS-Offizieren ist erschienen, der wie immer am Schwarzmarkt „organisierte“ Alkohol fließt in Strömen, Herman und Poldek Rosner geben ihr Bestes an den Instrumenten. Der Abend ist schon fortgeschritten, als die beiden eine schwermütige ungarische Melodie anstimmen – Düsterer Sonntag heißt der Schlager mit dem unwiderstehlichen Crescendo, in dem es darum geht, dass ein junger Mann aus unglücklicher Liebe zu sterben beschließt. Nachdem sie das Lied einige Mal wiederholt haben, bemerkt Herman Rosner, dass einer der Gäste, ein Offizier der Waffen-SS, in zunehmend verzweifelte Stimmung verfällt. Da Göth selbst kein Zeichen für einen Wechsel der Musik gibt, wiederholt Herman diese Melodie immer wieder – er hat es auf den Offizier abgesehen. Nach der zehnten Wiederholung steht der SS-Offizier tatsächlich wankend auf, schleppt sich auf den Balkon und schießt sich eine Kugel in den Kopf. „Ich war so glücklich, dass ich einen Deutschen getroffen hatte“, wird sich Herman Rosner später erinnern.

Helfer, Kumpane, Killer

Jetzt, wo es darum geht, eine verlässliche Mannnschaft um sich zu haben, skrupellose Männer, die sich widerspruchslos seinen Anordnungen beugen und vor nichts zurückschrecken, erinnert sich Göth wieder an den etwas schwerfälligen Athleten Franz Grün, der ihn einst in Kattowitz so unsanft zu Fall gebracht hat. Er fordert ihn Berlin seine Versetzung nach Płaszów an, und Grün hält, was sich Göth von ihm verspricht: Der „Franz“ aus Wien schafft sich rasch einen Ruf als „Persönlichkeit“. „Er war der Typ, bei dem man das Gefühl hat, dass er keine Gnade kennt“, wird Bluma Ben Jakob, die Tochter der von Grün ermordeten Jüdin Rachel Altscher, über ihn vor den Wiener Geschworenen sagen. Ein treuer Diener seines Herrn, immer bewaffnet und beinahe ebenso schießwütig wie sein Chef, macht Grün das Lager unsicher. Er trägt mit Vorliebe eine Schiffchenmütze und lässt beim Gehen die Hände nach vorne baumeln, was ihm bei den Häftlingen auch den Spitznamen Małpa, „Affe“, einbringt. Szlomo Ziegler, geboren 1921 in Krakau, im Lager als Stallbursche und Fuhrmann tätig, berichtet von einem zweiten Spitznamen Grüns – demnach habe dieser die Gewohnheit gehabt, männlichen Häftlingen Fußtritte in die Genitalien zu versetzen und sei deshalb auch Abele Szuwer genannt worden. Und so wie sein Herr und Meister hat auch Grün eine Vorliebe für seltsame Scherze: So taucht er eines Tages in einer Baracke auf und lässt einen Häftling namens Gross Kasatschok tanzen. Nachdem dieser tatsächlich für ihn getanzt hat, erschießt er ihn.

Franz Grün kann zwar nicht reiten, dennoch muss er Göth manchmal zu Pferd auf dessen Kontrollritten begleiten und so verbindet die beiden eine gewisse Vertraulichkeit, die nicht zuletzt auch dadurch verstärkt wird, dass Göth bei seinem „Schießer“ Boxunterricht nimmt. Und er vertraut dem „Franz“ so manch wertvolle Sendung an, die dieser der Familie Göth in Wien überbringt …

Zuverlässig wie Grün und ebenso ein Vomi-Veteran ist der glatzköpfige SS-Untersturmführer Leonhard John, geboren 1900 in Mühlhausen, der durch seine ungewöhnlich hohe, feminine Stimmlage auffällt und wegen seiner geringen Körpergröße, der dünnen Beine und des gewaltigen Bauchs darüber von den Häftlingen nur „Alibaba“ genannt wird. Alibaba begann seine Karriere beim „Führerschutzkommando“ und kam dann zur Volksdeutschen Mittelstelle in Kattowitz, ehe er sich zum „Osteinsatz“ meldete und zum gefürchteten Killer wurde. Vor dem Krieg hatte er im Kattowitzer Vorort Brynów ein Restaurant mit Gastgarten, ein beliebtes Ausflugsziel der Kattowitzer, geführt. So wie sein Herr hat auch John das Ziel reich zu werden; wie Jakub Stendig später bezeugt, ist er einer der eifrigsten, wenn es darum geht, Möbel, Teppiche und Wertgegenstände aus den verlassenen jüdischen Wohnungen im Ghetto „einzusammeln“. Vor allem des Nachts streift er gerne durch das Lager, seine Spezialität: Frauen aufzulauern, die ihre Notdurft nicht bei der Latrine verrichten, und sie dafür drakonisch zu bestrafen. Natan Bernard, ein 1917 in Breslau geborener Häftling, der am 15. Mai 1943 zusammen mit 112 weiteren Juden aus dem kleinen Arbeitslager in Kłaj nach Płaszów kommt und der John noch von seinem Restaurant in Brynów her kennt, wird Zeuge, wie dieser sechs Juden tötet, die vor Regen und Schnee in einer Garage Zuflucht gesucht haben, an der gerade noch Bauarbeiten ausgeführt werden: Als Alibaba merkt, dass die sechs Häftlinge nicht zu dem auf der Baustelle tätigen Trupp gehören, treibt er sie ins Freie und erschießt sie bei einem Holzstoß gegenüber.

Aus Thorn (Toruń) im Pommerland kommt SS-Hauptscharführer Edmund Zdrojewski, ein 1915 geborener junger Mann, der, so erzählt Jakub Stendig, insgeheim Angst vor Göth hat, sich jedoch absolut loyal verhält und vor allem eines nicht besitzt: Hemmungen zu töten. So ist Zdrojewski eine der Hauptstützen von Göths Terrorherrschaft, ein erbarmungsloser Killer, der auf Zuruf mordet. Auf Befehl Göths tötet er selbst seine jüdische Geliebte, ein überaus hübsches Mädchen namens Wolf.


In den ersten Monaten der Stützpunkt Göths und seiner SS-Kumpane: das „Rote Haus“, am Fenster im ersten Stock Ruth Irene Kalder

Ebenso skrupellos und schießwütig ist auch SS-Oberscharführer Albert Hujar, ein Sudetendeutscher aus der Nähe von Komotau, dessen große Leidenschaft, wie später die Häftlinge feststellen können, das Fotografieren ist. Als Adjutant Göths ist er bei allen offiziellen Auftritten des Kommandeurs an dessen Seite. So auch bei der „Liquidierung“ des Ghettos, als er im Spital nicht nur die Kranken in ihren Betten, sondern auch die Ärztin Dr. Blau erschießt. Hujar tötet gerne aus eigener Initiative: So beobachtet ihn eines Tages der Häftling Aba Szajniak, ein aus dem schlesischen Turek stammender Jude, aus dem Barackenfenster bei einem Mord in der Nähe des Badehauses: Hujar stößt eine nur mit Unterwäsche bekleidete Frau vor sich her, reißt sie dann zu Boden. Auf allen Vieren vor ihm kriechend, bittet sie in Polnisch und gebrochenem Deutsch verzweifelt um ihr Leben: „O Jesus, ich bin keine Jüdin! Hilfe!“ – Hujar kümmert ihr Flehen nicht im Geringsten, eiskalt beugt er sich ein wenig nach vor, setzt den Revolver an und tötet sie mit einem Genickschuss …

Einen besonderen Ruf als Gewalttäter genießt SS-Hauptscharführer Willy Eckert, ein Sadist, wie Jakub Stendig und Tadeusz Śliwiński in ihren Erinnerungen über ihn schreiben; ebenso gefürchtet bei den Häftlingen ist SS-Mann Willi Stäubl.

Im so genannten „Balb-Kommando“, einer kleinen Außenstelle des Lagers, auch „Säuberungskolonie“ genannt, treibt der Wiener SS-Mann Alois Zugsberger sein Unwesen. Er hat nur eine Hand, die linke, mit der er die Reitpeitsche schwingt. Die rechte ist eine Gummihand, die er zum Schlagen der Häftlinge benutzt. Ihm zur Seite steht mit dem jungen Karl-Heinz Ritschek ein gewalttätiger Psychopath, der es vor allem auf Geld und Schmuck seiner Opfer abgesehen hat. Und er mag die Schlagermusik von Marika Rökk: Ich brauche keine Millionen, mir fehlt kein Pfennig zum Glück, ich brauche nur deine Liebe und Musik, Musik, Musik!, singt er unablässig vor sich hin, während er die Häftlinge durchsucht und je nach Lust und Laune mit der Hand ins Gesicht schlägt. Göths Chauffeur heißt Iwan, ein kleiner, etwa 30-jähriger Ukrainer von bäuerlichem Aussehen, der stets die schwarze Uniform und natürlich auch eine Waffe bei sich trägt. Iwan fährt ja nicht immer nur Auto: Er zögert nicht zu töten, wenn Göth es ihm befiehlt. Häufig wird Göth auch von dem lettischen SS-Mann Arvid Janetz begleitet, ein schlanker, großgewachsener, blonder Mann mit „sympathischem Gesicht“, wie „Lena“ Helene Horowitz später bezeugen wird. Auch er ist häufig dabei, wenn der Chef eine „Aktion“ angesetzt hat. Mietek Pemper, der bis Ende 1943 Zugang zu den Personalakten der SS-Leute hat, kann anhand des hohen Munitionsverbrauches von Janetz diesen als besonders „einsatzfreudigen“ Killer identifizieren.

Zum „Haftstättenpersonal“ zählen schließlich auch Männer wie Karl-Heinz Bigell, der Leiter der Verkauf- und Einkaufstelle in Płaszów, ein „kaltblütiger und uneinsichtiger Mörder“, wie Mietek Pemper bezeugt hat. Bigell, der immer nur Zivil trägt, ist eigentlich der Generalgouvernement-Referent von General Hanns Oberlindober, des NS-Reichskriegsopferführers, und so nur „nebenamtlich“ in Płaszów. Wie Pemper von SS-Leuten erfährt, habe Bigell in einer Art „Mutprobe“ und nur um Göth zu imponieren – auch er traue sich einen Juden „umzulegen“ – eines Nachts die Familie von David Gutter rufen lassen und auf der Lagerstraße erschossen, darunter auch die zwei Kinder der Gutters.

Göth zeigt seine Launenhaftigkeit auch den SS-Männern gegenüber; beim Exerzieren wird die Wachmannschaft nicht geschont; für kleinste Vergehen und Missgeschicke gibt es Disziplinarstrafen. Er ist deshalb nicht beliebt, ja, einige SS-Offiziere beginnen den Emporkömmling aus Wien bald zu hassen. Und er fördert eine Tendenz, die für ihn selbst noch verhängnisvolle Folgen nach sich ziehen wird. Es bilden sich zwei Lager: Göths Killer-Clique um Hujar, Grün, John, Zdrojewski und Scheidt auf der einen Seite, auf der anderen Seite die SS-Mannschaften und auch einige SS-Führer, die ihre Verbündeten schließlich außerhalb des Lagers suchen sollten. Göth unterschätzt sie und das ist sein Fehler.

OD-Männer und Kapos

An der Spitze des jüdischen Ordnungsdienstes im Lager steht das legendäre Ehepaar Wilek und Maria Chilowicz, das sich mit Haut und Haaren an die Nazis verkauft hat. Wilek ist die Kreatur Göths, ein ebenso eitler wie schlauer Jude, der weiß, mit welchem Einsatz er dieses gefährliche Spiel treibt, von dem er glaubt, dass er auf der Seite der Gewinner sein wird. Er tut das, was der Kommandeur von ihm will, allerdings: Vielfach bezeugt ist auch, dass er Häftlingen Hilfe zukommen lässt, wenn Göth nicht in der Nähe ist, oder einen Befehl einfach missachtet.

Wileks Frau Maria, im Lagerjargon wegen ihres eigenartigen Ganges nur Kaczka, die „Ente“, genannt, ist auffallend klein, kompensiert dies aber nicht nur mit den hohen Absätzen ihrer Stiefel und einem schreienden Make-up, sondern auch mit energisch-derber Fröhlichkeit – sie selbst spricht die Häftlingsfrauen häufig mit „Ihr Płaszów-Huren“ an. Zimra Harsanyi, ein 1929 geborenes jüdisches Mädchen aus dem siebenbürgischen Dej, das seine Erinnerungen an das Lager Göths unter dem Namen „Ana Novac“ veröffentlichen wird, gibt eine einprägsame Beschreibung: „Man stelle sich ein Huhn vor, das aus irgendeinem Grund nicht zu Ende gerupft wurde und dessen spärlicher Flaum platinblond gefärbt ist. Und wenn sich der solcherart aufgeputzte Kopf herumdreht, stellt man schaudernd fest, dass er ein Affengesicht trägt – das Gesicht eines traurigen, alten dickgeschminkten Affen, das oft und schnarrend lacht, wie um sich selbst zu ermuntern.“ Maria Chilowicz unterhält beste Beziehungen zu einigen SS-Offizieren; in den zahlreichen Geschichten, die über sie im Lager kursieren, sind diese Kontakte nicht nur dienstlicher Natur; angeblich, so will man wissen, sei sie nur Halb- oder Vierteljüdin, deshalb auch ihre verhängnisvollen Neigungen.

Wie es sich für einen „König“ geziemt, sammelt Mony um sich einen kleine „Palasttruppe“, rechtlose, jüdische Sklaven, deren Leben jeden Augenblick verwirkt sein kann.

Es ist der dritte Tag Helen Sternlichts im Lager. Zusammen mit ihren Mitbewohnerinnen ist sie gerade beim Saubermachen der Baracke, als Göth den Raum betritt. Der Reihe nach mustert er jedes Mädchen, schließlich bleibt er vor Helen stehen und sagt zur Blockältesten: „Wenn ein jüdisches Mädchen klug genug ist, ein Fenster auch bei Sonnenschein putzen zu können, könnte ich es brauchen.“ Für Helen hat sich in diesen Sekunden ihr Schicksal entschieden: Bereits am nächsten Tag wird sie in das Haus des Kommandeurs gebracht und sofort mit Arbeiten betraut. Eine der ersten Aufgaben ist das Bügeln von Göths zahlreichen Hemden. Kaum hat sie begonnen, mit dem ihr völlig ungewohnten Bügeleisen zu hantieren, erscheint Göth. Das unsichere Verhalten des Mädchens erregt seinen Unwillen. Er tritt von hinten an Helen heran, zieht sie an den Zöpfen, gibt ihr zwei Ohrfeigen, wirft sie zu Boden und schreit sie an: „In Wien kann ein Mädchen deines Alters ein Hemd ordentlich bügeln, kochen und andere Hausarbeiten erledigen. Aber dazu bist du zu blöde, Jüdin!“ Als Helen zu weinen beginnt, schlägt er sie wieder. „In meinem Haus will ich keine traurigen Gesichter sehen“, sagt er. Helen versteht in diesem Augenblick, dass es, will sie überleben, darauf ankommen wird, ihre Gefühle zu beherrschen.

Göth nennt sie „Susanna“, um sie von Helena Hirsch zu unterscheiden, die für ihn „Lena“ ist. Immer wieder hat er nur Schimpfworte für sie parat: „Schlampe“, „Hure“ oder „dreckige Jüdin“ prasseln dann auf sie ein. Und er schlägt sofort zu, wenn ihm etwas nicht passt, manchmal auch völlig grundlos. Dabei trifft er nicht nur die Wange, sondern den ganzen Kopf Helens, die deshalb ständig an Ohrensausen und geschwollenen Wangen leidet. Nicht verborgen bleibt Helen der „sehr zufriedene“ Gesichtsausdruck Göths, wenn er sie misshandelt, die seltsame Genugtuung sie quälen zu können. Lob für ihre Arbeit kann sie als Jüdin keines erwarten, das widerstrebt Göth, dem Judenhasser aus Pflicht. Als sie später von Ruth Kalder, der Geliebten Göths, gelobt wird, meint dieser: „Na und? Selbst wenn sie mal etwas richtig macht, selbst wenn sie ganz nett ist, bleibt sie doch eine Jüdin, und ich habe sie zu verabscheuen!“ Göth verbietet seinen Dienstmädchen die Häftlingsbaracken zu besuchen, weil sie von dort nur „Bakterien und Läuse“ mitbringen würden. Helen Sternlicht hält sich jedoch nicht daran, hat sie doch ihre Mutter Lola und die Schwestern Bronia und Sydonia, kurz „Sydel“ genannt, im Lager. Vor allem ihrer Mutter, die sich große Sorgen um sie macht, bringt sie immer wieder etwas zum Essen aus der Küche mit. Zusammen mit Helena Hirsch bewohnt Helen im „Roten Haus“ ein Zimmer neben der Küche; zwei Betten und „vielleicht eine Kommode oder ein Schrank“ bilden die ganze Einrichtung. Die beiden Mädchen müssen schwarze Kleider und weiße Schürzen tragen; zu „Susannas“ Aufgaben gehört auch die Betreuung der beiden Doggen Ralf und Alf, die Göth zur Hetze auf Juden abgerichtet hat.

In der Küche arbeitet auch Regina Tempelhof, 38 Jahre alt, von Beruf Schneiderin. Der Arbeitstag dauert für sie von 6 Uhr morgens bis 1 Uhr früh; einige Wochen hindurch ist sie noch mit ihrer 10-jährigen Tochter zusammen, von der sie sich am 14. Mai trennen muss – zusammen mit vielen anderen Kindern und Jugendlichen aus Płaszów wird sie in Auschwitz ermordet. Regina Tempelhof verliert neben ihrer Tochter noch zwei Brüder und einen Neffen.

Der Alltag ist für Regina Tempelhof erfüllt von Angst. Für die kleinste Unachtsamkeit in der Küche drohen Strafen: 25 oder gar 50 Peitschenhiebe auf das nackte Gesäß, wenn die Suppe zu viel oder zu wenig gesalzen ist, auf schwerere „Vergehen“ steht die Todesstrafe. Regina Tempelhof wird so Zeugin, wie Göth eine Kollegin, die 18-jährige Gemeiner, erschießt – ein unschuldiges Mädchen, das dafür büßen muss, dass jemand aus der Küchengruppe so unvorsichtig gewesen ist und aus dem Fenster geblickt hat. Das wurde bemerkt und Göth gemeldet. Als dieser in die Küche kam und fragte, wer das gewesen sei, meldete sich niemand – das Todesurteil für das Mädchen.

Für Göth arbeiten weiters: Ala Gut (Guth), ein 18-jähriges „schönes Mädchen mit hellblondem lockigem Haar, hochgewachsen und schlank“ als Zimmermädchen. Alas Schönheit bezaubert jeden – auch den Lagerältesten Wilek Chilowicz, der sie schließlich zu seiner Geliebten macht. Das zweite überaus hübsche Mädchen in Göths Diensten ist die 19-jährige brünette Niusia Reich, die für ihn putzt und aufräumt. Niusias Eltern sind im Ghetto erschossen worden, sie muss sich daher auch um ihren jüngeren Bruder Dolek kümmern, der ebenfalls im Lager lebt. Samek Kempler, ein ehemaliger Ulan, ist Stallmeister und Reitlehrer Göths, der auf seinem Schimmel nicht unbedingt die beste Figur macht und immer ein bisschen wirkt, als „schaukle er auf einer Kuh hin und her“. Pferdeknecht und Stallbursche ist der beleibte Izaak Grunwald, der mit Göth, so scheint es, besonders gut auskommt. Der Kommandeur hält sich manchmal stundenlang bei ihm im Stall auf und hört zu, wenn Grunwald über Pferde redet, angeblich schenkt Göth ihm hin und wieder sogar Zigaretten und einmal hat Grunwald, so will es die Legende, sogar dem Chef ungestraft auf die Schulter klopfen dürfen.

„Mädchen für alles“ ist der 18-jährige Naftali Derschowitz aus Stary Sącz, der über das Zwangsarbeitslager Bad Rabka und das Krakauer Ghetto bereits im Jänner 1943 nach Płaszów gekommen ist. Vom Barackenbau-Kommando holt ihn Göth in seinen Haushalt – er hat beobachtet, wie Naftali für „Lena“ Kohlen in die Küche bringt. Von nun an muss der Junge für die Dienstmädchen die schweren Arbeiten übernehmen; bald muss er aber für Seine Exzellenz und die anderen SS-Offiziere auch Schuhe putzen und die Wäsche holen. Als Naftali zu sehr von den anderen SS-Leuten beansprucht wird, stellt Göth eines Tages beim Essen unmissverständlich klar: Der Junge ist ausschließlich sein „Putzer“!


Eine Luftaufnahme des Lagers Płaszów (im Bild unten, Mitte), fotografiert 1944 von einem deutschen Aufklärer

Der „hübsche, grünäugige“ Adaś Sztab ist für die Hunde verantwortlich und der kräftige Fredek Umholz massiert den Kommandanten. Wie er seinen Mithäftlingen erzählt, sind Ohrfeigen sein ständiges Los: Einmal massiere er zu leicht, dann wieder zu fest: „Es gefällt ihm manchmal gar nicht, wenn ich seinen fetten Arsch durchwalke. Er dreht sich um und fragt, ob ich auch ein wirklicher Masseur bin. Ich erzähle ihm dann, wo und in welchen Ländern ich welche Persönlichkeiten massiert habe. Natürlich kenne ich diese Länder bloß von der Landkarte. Wenn das kein böses Ende nimmt!“

Fredek Umholz wird auf Grund seiner Nähe zu Göth zu einem der Privilegierten im Lager, der nicht nur mit den Adjutanten Göths, sondern auch mit anderen SS-Offizieren gut bekannt ist. Für die sechzehnjährige Sonia Schreiber und ihre um acht Jahre ältere Schwester Blanca, die Töchter eines Lederhändlers aus Krakau, sollte diese Stellung Fredeks zum lebensrettenden Moment werden: Beide befinden sich bereits in einem Viehwaggon, der zum Abtransport in ein Vernichtungslager bereit steht, als Fredek auftaucht und die ihm bekannten Mädchen unter den „Selektierten“ erblickt. Er beschließt sofort zu handeln: Dem vor dem Waggon postierten SS-Mann erzählt er, dass die beiden Schwestern Schreiber unabkömmlich für den Betrieb des Badehauses seien, das er neben seiner Massagetätigkeit für Göth überwache. Der SS-Mann zögert nicht, deutet auf Sonia und Blanca und schreit „Raus!“ – das Herausklettern aus dem Waggon ist für beide ein Schritt zurück ins Leben. Zurück bleibt ihre Tante Syda, eine Schwester ihres Vaters. Noch einmal sieht Sonia zurück auf die Todgeweihten in der Waggontür, ein Blick, den sie nie vergessen wird. Für die beiden Schwestern müssen zwei andere Frauen den Todeszug besteigen – die Zahlen müssen bei den Nazis stimmen …

Adaś Sztab, der bei den jungen Frauen im Lager rundum beliebt ist und sich bald mit der siebzehnjährigen Helen Sternlicht anfreundet, verbirgt ein großes Geheimnis: Er gehört der Leitung der Untergrundbewegung an, die wiederum mit dem jüdischen Widerstand in Krakau in Kontakt steht. Adaś versucht Helen zur Mitarbeit im Untergrund zu bewegen, was Helen jedoch trotz seiner monatelangen Bemühungen entschieden ablehnt. Sie hat Angst um ihre Mutter und ihre Schwestern – wenn Göth sie als Mitglied des Untergrunds erwischen würde, wäre nach seinen erbarmungslosen Regeln auch ihre Familie dem Tode geweiht – es gilt „Sippenhaftung“. Immer wieder kommt es so zu erregten Diskussionen mit Adaś.

Nützlich machen will sie sich schließlich dennoch: Als Adaś sie bittet, aus einem der Schränke im „Herrenzimmer“ von Göths Villa einen Plan des unterirdischen Rohrsystems von Płaszów zu entwenden, gibt sie nach und „besorgt“ den Plan, dazu auch einige kleine Pässe, von denen die Widerstandskämpfer Kopien anfertigen. Auf dem Plan, so erinnert sich Helen später, soll eine Art von Tunnel eingezeichnet gewesen sein, der vom Lager in die Stadt führte. Sie weiß auch, dass die Gruppe um Adaś Waffen beschafft hat, die irgendwo versteckt sind – diese Männer sind fest entschlossen sich nicht kampflos töten zu lassen.

Der Autonarr

In der Garage des Lagers stehen drei Fahrzeuge für den Autonarren Göth bereit: ein BMW-Sportwagen-Cabriolet, ein 8-Zylinder-Ford und eine 6-Zylinder-BMW-Limousine. Die drei Automobile werden von den Arbeitern der Garage betreut und müssen immer perfekt gepflegt und gewartet sein, jedes kleinste Versäumnis der Mechaniker wird schwer bestraft. Der 44-jährige Jan Podgórski, der aufgrund seiner Kenntnisse als Automechaniker aus Auschwitz nach Płaszów abgestellt worden und in der Garage tätig ist, erinnert sich: Einmal befahl Göth den SS-Leuten, sich einen kleinen „Scherz“ mit den Garagenarbeitern zu machen. Sie müssen eine Strecke laufen, dann umdrehen, wieder laufen – ein SS-Mann hält sie mit der Peitsche auf Trab, während Göth von seiner Villa aus dieses „Training“ durch den Feldstecher beobachtet.

In der immer „blitzsauberen“ Garage des Kommandeurs arbeitet auch der 35-jährige Lackierer Adolf Berliński. Als Arbeiter in der Gruppe „Feldzeugdienststelle“ ist er seit dem 23. Jänner 1943 im Lager; am 11. Juni 1943 erfolgt seine Versetzung in die Garage. Berliński, dessen Frau ebenfalls im Lager ist, hat im Ghetto seine 4-jährige Tochter verloren. Sie war von einem Bekannten in einem Korb, versteckt unter einem Mantel, ins Ghetto geschmuggelt worden. Als das Mädchen erkrankte, hatten die Eltern es ins Spital am Zgody-Platz gebracht, seitdem aber nicht mehr gesehen.

Adolf Berliński ist Zeuge des Mordes an Frau Wassermann, der Schwägerin des Kapos Warenhaupt. Als Göth eines Tages vor der Garage hält und nach dem Kapo, ihrem Schwager, ruft, kommt sie mit einem Putzlappen herbei und beginnt die Windschutzscheibe zu reinigen. Göth hat dafür kein Verständnis und meint zu seinem Chauffeur: „Was will diese Hure bei meinem Auto? Iwan, leg sie um!“ – Iwan fasst die Frau an der Hand und tötet sie mit einem Schuss in die Schläfe.

Adolf Berliński hat eine Schwester, die in der Kommandantur arbeitet, zusammen mit einem gewissen Dr. Streimer, ebenfalls einem Häftling. Als Göth eines Tages weißes Brot, Wurst und ein Stück Butter bei Dr. Streimer findet, erteilt er dem Zugwachtmeister Glaser, einem der fanatischen Nationalsozialisten unter seinen Killern, den Befehl 5 Leute zu erschießen: die Schwester Berlińskis, Dr. Streimer, einen gewissen Bachner, eine Frau Balsam und einen Jungen. Da Göth wie immer in solchen Fällen keine Angehörigen am Leben lassen will, wird auch Berliński von einem OD-Mann in die Todeszelle geführt, der Vorwand: Er müsse einige Sachen seiner Schwester übernehmen. In der Zelle befinden sich schon die Frau Dr. Streimers, der Vater von Frau Balsam und die Kusine des Jungen. Berliński hat Glück: Am nächsten Morgen kommt Leo John in die Zelle und fragt, warum er, Berliński, im Gefängnis sitze, sein Auto müsse doch lackiert werden. Als ihm dieser von der Brotaffäre und den Hinrichtungen erzählt, verspricht ihm John zu Göth zu gehen und ihn zu befreien. John, der sich um sein Auto sorgt, hält Wort: Berliński kommt schließlich am vierten Tag um zwei Uhr nachmittags frei, um vier Uhr werden die anderen Zelleninsassen erschossen, mit ihnen auch ein Dr. Stenzel, der einen Brief aus dem Lager schmuggeln wollte.

Vor Gericht wird Göth behaupten, dass bei den Hingerichteten eine Feuerwaffe gefunden worden sei, was Mietek Pemper aber nicht bestätigen kann. Er gibt jedoch an, dass er eine Frau durch seine Intervention vor dem Tode bewahren konnte.

Wenn Göth mit seiner BMW-Limousine durchs Lager fährt, rast er nicht selten wie verrückt. Die Lagerinsassen wissen dann, dass etwas bevorsteht, etwas Gefährliches, Schreckliches. Wer kann, geht in Deckung, versteckt sich. So auch eines Tages Samuel Stöger; er verbirgt sich gegenüber der Werkstatt der Garage. Dort steht noch Frau Wassermann, die gerade eines der hier parkenden Autos wäscht. Sie ist die Schwägerin von Warenhaupt, dem Leiter der Garage. Sie hat gerade eine kleine Ruhepause eingelegt und merkt nicht, dass Göth sich in seiner Limousine nähert. Der Wagen halt neben ihr an, Göth befiehlt seinem Chauffeur Iwan: „Umlegen!“ – Iwan zögert nicht und erschießt die Frau.

Vor Gericht wird sich Göth später damit verantworten, dass in dem Auto, das Frau Wassermann gewaschen hat, nach einer Fahrt außerhalb des Lagers vier Maschinenpistolen und zwei Handgranaten gefunden worden wären. Der Fahrer hätte Anweisung gehabt, die Waffen aus dem Auto zu nehmen und abzugeben. Dabei hätte er aber die beiden Handgranaten vergessen, die dann plötzlich nicht mehr im Auto gewesen wären. Bei einer Revision aller Verdächtigen habe dann angeblich Chilowicz im Bett der Frau eine Granate gefunden; er, Göth, sei also bereits mit dem festen Vorsatz zur Garage gefahren die Wassermann erschießen zu lassen.

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22 dekabr 2023
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9783990401729
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