Kitabı oxu: «+++ Neue Nachricht +++»

Şrift:

Johannes Tilly

+++ Neue Nachricht +++

Liebe übers Internet

Dieses eBook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

27.

28.

29.

30.

31.

32.

33.

34.

Impressum

1.

Christian Söndermann fährt seinen Laptop hoch...Yahoo zeigt ihm zuerst Klatsch und Nachrichten des Tages. Am Klatsch weckt nur das Doppelleben einer einst erfolgreichen amerikanischen Athletin als Prostituierte sein Interesse. Bei den politischen Nachrichten geht es wie immer um den Euro. Kann man nur verdrängen! Doch hier: Berlusconi will wieder kandidieren. Christian schüttelt den Kopf. Aber der > mehr...Button < ist diese Meldung nicht wert.

Er überfliegt sein mail-Postfach. Amazon und ein Yachtausrüster werben mit Sonderangeboten. Interessiert im Moment nicht. Kreditkartenabrechnung stimmt, zumindest grob. Er hat keine Lust, sich die auf den Cent genaue Abrechnung herunterzuladen.

Aber hier: facebook meldet eine Nachricht von Veronika. Kennt er nicht. Doch er klickt sie an. Facebook öffnet eine Maske, er drückt den mittleren Nachrichtenbutton, rechts neben dem Schriftzug facebook. Er liest:

Du hast ein interessantes Profil. Darf ich dich auf meiner Seite als Freund vernetzen ?

Liebe Grüße

Veronika

Links von diesen kurzen Zeilen erkennt er im Minibild eine schwarzhaarige Frau.

Er klickt es an und das Foto öffnet die Seite von Veronika Langhäuser. Eine schwarzhaarige Frau, mindestens 50, Durchschnitt.

Er klickt ihr Profilbild an und es eröffnet sich zum bildschirmfüllenden Foto. Ja, die großen Ohrringe sind schön und der Ansatz ihrer Brüste ist im Dekollete zu sehen. Sexy. Trotzdem nicht sein Beuteschema, denkt er. Aber eine weitere Interessentin an seinen Reiseberichten und Fotos von seinem Segeltörn durchs Mittelmeer.

Von Gibraltar aus einmal rund. Ein Lebenstraum, den er sich jetzt als Rentner erfüllt. Eine Reise durch die Vergangenheit. Durch 5000 Jahre menschliche Kultur. Durch das Binnenmeer des Römischen Imperiums.

Seine kleine Segelyacht Nirwana - Yacht ist bei einem 32 Fuß-Boot hoch gegriffen – liegt seit Oktober im Hafen von Bastia auf Korsika in einer Marina an Land aufgebockt. Die nächste Segelsaison beginnt im Mai des nächsten Jahres mit Arbeit. Das Unterwasserschiff benötigt einen neuen Antifoulinganstrich. Zwei schweißtreibende Tage.

Christian wischt die Gedanken zur Seite. Ja, als Leserin seines Profils ist diese Veronika ihm willkommen und er formuliert schnell eine Antwort auf ihrer Nachrichtenseite.

Hallo Veronika,

schön, dass mein Profil oder besser meine Reiseberichte dir gefallen, und gerne nehme ich dich als facebook-Freundin auf meine Seite. Ich selbst bin ein Streuner und nicht das, was die meisten Frauen suchen.

LG Christian

Er drückt den Antworten-Knopf und die Nachricht ist weg.

Jetzt noch schnell auf der Startseite überfliegen, was seine rund 300 facebook-Freunde so hinterlassen haben. Die meisten kopieren hier irgendwelche Bilder oder Nachrichten von anderen Seiten. Interessant sind höchstens die Kommentare dazu. Mancher ist ganz originell, viele wichtigtuerisch.

Doch hier ein neues Foto einer ehemaligen Mitarbeiterin. Er drückt den > Gefällt mir-Button <. . Soll sie sich freuen. Dieser Knopf müsste eigentlich heißen: > Habe es gesehen, habe es zur Kenntnis genommen <.

Der Feedback > Gefallen < ist typisch amerikanisch, denkt Christian, schließt seine facebook-Seite und fährt den Laptop herunter.

2.

Veronika Langhäuser sitzt am Schreibtisch und bereitet sich auf ihren Geschichtsunterricht an der Ernst Barlach Realschule in Miesenhain vor. Seit 30 Jahren ist sie jetzt Lehrerin, davon 25 an dieser Schule. Geschichte und Deutsch hat sie studiert, der Kunstgeschichte gilt ihre Leidenschaft.

Wenn sie im Unterricht mal ihren Schülern davon erzählen will, schauen ihr ahnungslose, gelangweilte Gesichter entgegen.

Geschichte ist schon eine Zumutung, aber die Ästhetik des romanischen Kaiserdoms in Speyer, es nervt..., wie die Schüler heute sagen. Veronika weiß das. Sie übertreibt es auch nicht. Manchmal überkommt es sie einfach. Noch ist sie begeisterungsfähig, neugierig auf alles Schöne und Interessante in dieser Welt. Warum sollte sie damals Lehrerin geworden sein, wenn sie diese Begeisterung nicht weitergeben darf?

Sie verscheucht diese Gedanken und konzentriert sich wieder auf ihr eigentliches Tun. Das Wachsen des Römischen Weltreiches heißt die Unterrichtseinheit für die nächsten 12 Unterrichtsstunden der 7.4. Das sind sechs Wochen Geschichtsunterricht bei 12 bis 14jährigen pubertierenden Jungen und Mädchen. Wenn sie die Kriege von Hannibal bis Teuteburger Wald in den Mittelpunkt des Unterrichts rückt, hat sie wenigstens die Jungen etwas motiviert. Wichtig, sagt der Lehrplan, ist, dass die Schüler die Romanisierung erkennen, den Kulturtransfer, den die Römer über das ganze

Mittelmeergebiet gebracht haben, auch hier nach Deutschland.

Stunde für Stunde entsteht als Konzept in ihrer Vorbereitung.

Früher schrieb sie das immer mit der Hand auf unzählige Notizblöcke, jedes Jahr neu, weil man Unterricht nie „eins zu eins“ übernehmen kann.

Heute tippt sie ihre Konzepte in den Computer. Ihr Laptop ist ihr wichtigstes Arbeitsinstrument geworden. Es spuckt Bilder und Texte aus, ist Notizbuch, ihr Mädchen für alles und kann mit einem Tastendruck das Schulleben beenden und sie zur Privatperson machen.

Sie überfliegt ihre emails und freut sich über die Grüße einer Freundin aus Hannover, mit der sie im letzten Jahr in den Sommerferien eine Türkeireise unternommen hatte. Von Istanbul nach Izmir mit Ausflügen nach Pergamon, Ephesos, Hierapolis und viele andere Kulturdenkmäler aus hellenistischer und römischer Zeit. Monika und sie hatten gemeinsam den Wandel von ägyptischer, über altgriechische, hellenistische zur römischen Architektur und Bildhauerkunst bewundert und zu begreifen gelernt.

Veronika sieht das > f < von facebook und drückt wie gedankenverloren auf den Button.

Die Startseite springt auf. Oh, sie hat eine Nachricht:

Ach ja, dieser Segeltyp, hat geantwortet:

...Streuner...nicht, was Frauen sich wünschen.

„Hab ich auch noch nicht gelesen“, konstatiert sie. Fast ohne nachzudenken, formuliert sie eine Antwort.

Ja, lieber Christian,

Streuner zu sein, find ich toll, neugierig auf diese Welt mit all ihren Facetten. Da führst du ein wunderbares Leben, um das ich dich beneide.

Liebe Grüße

Veronika

Schon ist die Antwort weg, nicht mehr zurückholbar!

Veronika liest sie jetzt noch mal genau durch. Einen Streuner beneiden?

Nein, sie hat natürlich an den Segler gedacht mit seinen Reiseberichten von der spanischen Süd- und Ostküste, sie hatte seine Fotos von Malaga und Tarragona im Hinterkopf, als sie so schrieb. Diese wunderschönen Fotos von der alten römischen Provinzhauptstadt Tarraco, wie die Römer Tarragona nannten.

Sie vergrößert sein Profilbild.

Ein älterer Mann mit Baseballmütze schaut ihr lachend entgegen. Nicht unsympathisch. Irgendwie anders als ihre Kollegen an der Schule.

Sie muss lächeln. Früher, als sie jung war, hatte sie viele männliche Kollegen, die meisten in Jeans, tolle Typen waren dabei, von den 68ern geprägt, Individualisten, gierig auf Freiheit und Unabhängigkeit.

Wo sind die geblieben? Ja, wie im Song Sag mir, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben? Mädchen pflückten sie geschwind... und die Bürokratie hat sie aufgefressen.

Veronika lässt diese Gedanken fallen. In facebook heutzutage legt man seine Worte nicht mehr auf die Goldwaage, die Zeiten, wo Goethe jedes Wort fein säuberlich setzte, die Texte noch im Rhythmus der Versform erschienen, sind vorbei. Ja, auch das war griechisch-römische Kultur. Wie Homer seine Verse in der Ilias und der Odyssee formulierte: Nenne mir Muse den Mann, den weitgereisten ... Odysseus war gemeint. Der segelte auch durchs Mittelmeer, wie dieser Christian.

Schluss jetzt, sie zwingt sich zur Konzentration auf ihre Unterrichtsvorbereitung.

3.

Schon wieder diese schwarzhaarige Frau. Schreibt, dass sie Streuner gut findet und

… du führst ein wundervolles Leben.

Er fühlt sich geschmeichelt. Ja, so findet er facebook gut, darum macht er sich die Arbeit, Texte und Fotos ins Netz zu stellen. Hier zu Hause geht das schnell, dsl-mäßig. Auch so ein neumodisches, dummes Wort, denkt er. Eigentlich ungenau formuliert.

In Spanien und auf Sardinien hatte er sich in die jeweiligen wlan-Netze eingeloggt. Entweder waren sie ungesichert, dann kam er über seine Spezialantenne in die Netze von Restaurants und Marinas, oder sie waren passwortgesichert, dann trank er im Restaurant mit dem stärksten Netz ein Bier, holte sein Smartphone aus der Tasche und erbat das Codewort. Von Bord seiner Nirwana aus ging er dann mit dem Laptop ins Netz. Doch die Verbindungen waren zum Teil erbärmlich langsam gewesen, das Hochladen der Fotos eine Geduldsprobe.

Ob er wirklich so ein wundervolles Leben führte, wie sie es sich vorstellte, weiß er selbst nicht.

Nach seiner Scheidung und dem Ende seines Arbeitslebens hatte er sich zwar einen alten Traum erfüllt, doch das Singledasein und das Einhandsegeln ist nicht immer nur ein Vergnügen. Manchmal lag er tagelang einsam in irgendeiner Bucht, die ihn vor den nördlichen Winden und der daraus resultierenden Welle schützte und hatte mit niemanden Kontakt. Da kam ihm das Arbeiten an seinen Reiseberichten gerade recht.

Christian bearbeitete ein doppeltes Reiseberichtsprogramm. Für facebook schrieb er kurze, prägnante Texte über seine Reise, über Städte, Landschaften, historische und kulturelle Epochen, über amüsante oder aufregende persönliche Erlebnisse,

über bemerkenswerte Veranstaltungen, die er besuchte. Solche Schilderungen, oder waren es Reportagen mit Fotos, stellte er bei facebook ins Netz. Irgendeiner seiner vielen Freunde, die ja eigentlich nur Bekannte sind und auch das nicht immer, reagierte schon mit > gefällt mir < oder auch einem kleinen Kommentar. Das erzeugt das Feeling, nicht allein zu, vernetzt zu sein, wie man heute sagt.

Er hatte seine Seite auch für alle facebook-Nutzer freigegeben, so dass alle ihn anklicken und seine Seite öffnen, sich seine Fotos ansehen und seine Texte lesen konnten.

Persönliches hatte er eigentlich nicht angegeben, nur sein Geburtsdatum und den Begriff Single. Für alle Fälle.

Für sich selbst bearbeitete Christian noch ein anderes Programm > Fotostory for windows <. Dieses Programm veränderte seine Fotoreihen mit digitalen Zoom- und Schwenkeffekten zu videoähnlichen Berichten, die er dann mit gesprochenen Kommentaren versah und zum Schluss mit der passenden Musik unterlegte.

Video wird generiert, sagte zum Schluss das Programm und ein rund einstündiger Videofilm war auf der Festplatte. Eine Erinnerung für alle Zeiten und ein von ihm immer wieder gern gezeigtes Arbeitsergebnis.

Ja, er kommunizierte gerne mit Menschen. Menschen waren seine Leidenschaft. Wichtig, hatte einmal ein Bekannter zu ihm gesagt, sind die vier großen M's. „Man muss Menschen mögen!“

Und man muss Antworten geben.

Auch Veronika sollte ihre Antwort bekommen.

Christian schreibt ihr einen netten Brief -eigentlich das falsche Wort, aber es ist doch ein Brief, eine in Worte gefasste Mitteilung an Menschen- ,erzählt von seinem Reiseziel, der Umrundung des Mittelmeeres, dass er im nächsten Jahr über Elba und Italiens Westküste nach Süden segeln will, durch die Straße von Messina ins Ionische Meer und dann nach Norden durch die Straße von Otranto in die Adria.

Überwintern wolle er dann in Kroatien, schreibt er Veronika.

Kroatien, da denkt er an Tauchurlaube mit seinem Schlauchboot. An tolle Sommerwochen auch noch mit seiner Familie. An die verträumten Buchten, die vielen FKK-Strände, die er dort in den 80er Jahren zum ersten Mal kennengelernt hatte. An fanatische FKK'ler, er muss heute noch lachen, wenn er daran denkt, wie die abends, wenn die Sonne untergegangen war, ein T-Shirt überzogen, später dann darüber einen Pullover, wenn es sein musste auch noch einen Parka , aber niemals eine Hose.

Ihm hatte dieses Nacktbaden und Nacktsonnen schon gefallen, als bekennender Saunagänger hatte er da auch keine Probleme, aber wenn er ein T-Shirt anzog, dann auch eine Badehose, und wenn Pullover, dann auch eine Jeans.

Das alles schreibt er dieser unbekannten Frau natürlich nicht, nur, dass er Kroatien toll finde und dann noch nette Grüße an sie und dass er sich freue, dass sie an seinem Leben solchen Anteil nähme.

4.

Veronika kommt wieder einmal spät aus der Schule.

Mein Gott, denkt sie, was waren das noch für Zeiten, als um zehn nach eins der Unterricht endete. Natürlich hatte man dann kein frei, aber der Druck war weg. Erst mal was essen, dann eine Kanne Kaffee, auch schon mal ein Mittagsschläfchen. Irgendwann am Tage die notwendige Schreibtischarbeit. Stunden für den nächsten Tag vorbereiten, Unterrichtseinheiten projektieren, Klassenarbeiten und Tests korrigieren und benoten. So zwischen zwei und drei Stunden, also ungefähr zwölf Schreibtischstunden pro Unterrichtswoche. Das konnte man, wenn es eng wurde, auch alles an einem Arbeitssonntag erledigen. Aber das war hart und der Qualität diente es auch nicht.

Aber mal einen ganzen Mittag nichts tun, zu Freundinnen fahren, in die Sauna gehen, nach Kleinklottenburg ins Städtchen oder nach Köln in die Großstadt, das konnte man sich als Lehrer schon mal erlauben.

Heute hat sie dreimal pro Woche Unterricht bis viertel vor vier. Wenn sie dann um halb fünf zu Hause ist, ist sie so platt wie jeder Arbeitnehmer nach acht Arbeitsstunden.

Ja, ich bin ein Arbeitnehmer, eine Angestellte beim Staat, offiziell Landesbeamtin, aber ein freier Lehrer wie vor 30 Jahren bin ich nicht mehr, denkt sie.

Die Bezahlung ist nicht schlecht, aber Karriere, wie man das heute sogar bei den Kassiererinnen bei Aldi nennt?

Sie wurde 1982 als Realschullehrerin mit A 13 eingestellt und aller Voraussicht nach wird sie mit derselben Gehaltsstufe in rund zehn Jahren in Pension gehen. Eine tolle Karriere!

Sie verscheucht diese negativen Gedanken. Quatsch! Sie ist gesund und ihr geht es gut.

Sie hat etliche Männer in ihrem Leben kennen gelernt, mit dreien war sie über längere Zeiträume liiert.

Mit dem ersten dieser drei, Erwin, war sie sogar zusammen gezogen. Heirat war für beide kein Thema, schwanger wurde sie nicht, obwohl sie nachlässig verhüteten. Der

Zauber des Anfangs, den Hermann Hesse zitiert, hatte sich verflogen, sie hatten sich nach vier Jahren wieder getrennt.

Später waren noch Dieter und Maik ihre Lebensabschnittspartner geworden, doch ihre Wohnung hatte sie nie mehr aufgegeben, wenn sie auch manchmal wochenlang verwaist war.

Seit 2002 lebt sie als Single, braucht ab und zu einen Flirt, auch mal einen One-Night-Stand.

Während sie in der Küche Spaghetti kocht und aus einer vom Vortag übrig gebliebenen Kopfsalathälfte einen Salat zubereitet, lässt sie im Arbeitszimmer den Computer hochlaufen. Zu den Spaghetti gibt es Ketchupsoße und zwei Spiegeleier, dann den Salat mit Vollkornbrot. Satt !

Fleisch mögen eh nur die Männer!

Zwei von diesen Spezies haben ihr auf facebook eine Nachricht hinterlassen.

Klaus-Jürgen, ein Urlaubsflirt vom letzten Jahr, schickt ihr schöne Grüße aus Miami. Ja, in Florida ist es auch jetzt im November noch angenehm warm. Aber eigentlich interessiert es sie gar nicht, der Typ auch nicht. Bankangestellter, im Moment einfach nur unsexy.

Die zweite Nachricht ist von diesem Segler: Er dankt ihr für ihre tolle Einstellung einem Streuner gegenüber, ihre Weltoffenheit und Toleranz und erzählt dann von seinem Projekt: Rund ums Mittelmeer.

Nächstes Jahr will er Anfang August Kroatien erreichen. Das interessiert sie eher, sie kennt diese Küste und einige der wunderschönen vorgelagerten Inseln. Cres zum Beispiel, der istrischen Ostküste gegenüber, nur getrennt durch die Kvarner Bucht, diesem herrlichen Meeresarm, oft schrecklich von der Bora gebeutelt.

Veronika vergrößert noch einmal sein Profilfoto, liest: Christian Söndermann, geb.

10. November 1949, Single.

Sie klickt auf die Sammlung >Fotos< und mehrere Fotoalben werden sichtbar. Sie öffnet irgendeins, sieht herrliche, von der Sonne verwöhnte Mittelmeerlandschaften, sieht ein Segelschiff in einer malerischen Bucht vor Anker liegen und am Strand einen älteren, schlanken, gut gebräunten Herrn in sportlicher Badehose. Sie vergrößert auch dieses Foto. Für einen 63 jährigen Mann hat er sich gut gehalten. Er lächelt sympathisch in die Kamera, ein facebook-Foto halt. Ein Sympathie-Foto für die Welt.

Unter dem Foto steht als Untertext: Wie Odysseus am Strand der Phäaken.

Ja, sie kennt diese historische Theorie: Wenn Homers Geschichten wirklich einen realen Hintergrund haben, dann ist Odysseus, der listenreiche, vielleicht wirklich von den Kräften der Natur - Homer gibt natürlich Poseidon die Schuld - durchs Mittelmeer getrieben worden, auf Schiffen, die nicht die technischen und navigatorischen Möglichkeiten von heute hatten.

Dem Typen mal ein paar Zeilen schreiben, macht sicher mehr Spaß als diese widerlichen Kommentare unter Schüleraufsätzen, dieser Mischung aus keine Ahnung und orthographischem Unvermögen. Ein ganzer Stapel solcher Hefte eines neunten Schuljahres liegt noch auf der Fensterbank. Zehn Hefte hat sie durchgelesen und korrigiert. Auch ihre Kommentare schon darunter geschrieben. Benotet hat sie diese Aufsätze noch nicht, nur ein Zettelchen mit einem Bleistiftvermerk dazu gelegt: 3-4 oder 4-.

Eigentlich sind diese Leistungen nur mit mangelhaft zu bewerten. Aber das akzeptiert man heute nicht mehr. Maximal ein Drittel einer Klassenarbeit darf schlechter als ausreichend benotet werden. Ihr graut es. Sie schreibt in den Laptop:

Hallo, Christian,

zwischen der Korrektur zweier Schüleraufsätze will ich dir schnell ein paar Zeilen schreiben.

Wie schön ist es, deine Texte zu lesen und deine Fotos anzuschauen. Das ist Leben pur, nicht Leben aus zweiter Hand.

Wie faszinierend finde ich es, Odysseus am Strand zu suchen und nicht im Geschichtsbuch auf Seite 133 unter der Überschrift: Die alten Griechen.

Auf deinen Fotos kann ich das Meer rauschen hören, die silbrig glänzenden Blätter der Olivenbäume glitzern in der Sonne. Das Zirpen einer Zikade zersägt die Stille. Ich spüre förmlich das Brennen der Sonne auf meiner Haut, wie angenehm und antörnend. Ja, du stehst da auf einem Foto wie Odysseus, so stark, so schlau, so durchtrieben!

Veronika findet Spaß an solcher Formulierkunst. Ja, sie schreibt gerne, wenn es sich lohnt, wenn es keine Perlen vor die Säue geworfen ist.

Und Kroatien kenne ich auch, als Kind

Sie rechnet nach, Anfang der 70er war sie schon mit ihren Eltern auf Krk im damaligen Jugoslawien noch.

habe ich schon auf Krk gebadet. Leider hatten wir kein stolzes Segelboot, aber dafür war die Küste auch nicht so überlaufen wie heute.

Auf der Ostsee bin ich auch schon mal mitgesegelt von der Schleimündung hinauf in die Inselwelt der Dänischen Südsee und zurück.

Und ich bewundere deinen Mut, so alleine in der Welt unterwegs zu sein. Ohne Angst vor Wellen und Menschen, mit Selbstvertrauen auf dein seglerisches Können und deine Menschenkenntnis.

Ich wünsche dir aber auch hier in Deutschland jetzt im traurigen Spätherbst eine schöne Zeit und freue mich weiterhin auf deine facebook-Beiträge.

So und nach diesem Spaß, dir schreiben zu können, nehme ich meinen nächsten Aufsatz vor, da muss ich dann was drunter schreiben, bei dir wollte und durfte ich.

Es grüßt dich herzlich,

Veronika

Sie drückt auf >Antworten< und der Text ist angenommen. Auch wenn er Rechtschreib- und Formulierungsfehler enthalten sollte, darauf kommt's hier nicht an. Nur der Inhalt zählt, die Absicht, das erzählende, informatorische Element.

Widerstrebend wendet sie sich ihrer beruflichen Tätigkeit zu. Sie schlägt ein Aufsatzheft auf.

Erörterung: Sollte die Benotung in den Schulen abgeschafft werden?

Erörtern heißt, das Pro und Contra finden.

An einer ähnlichen Themenstellung: Sollte man das Sitzenbleiben in den Schulen abschaffen? hatte sie es eine Woche lang im Deutschunterricht geübt. Solche Themen müssen doch der Gedankenwelt der Schüler entsprechen.

Doch was muss sie lesen?

„Bei einer guten Note gibt es von der Oma Schokolade und vom Vater Geld! Also wäre die Abschaffung der Noten ein Nachteil für die Schüler.“

Ihr graut es. Befriedigend minus, schreibt sie auf ein Zettelchen und wirft das Heft zu den zehn schon nachgesehenen. Es reicht ihr. An die restlichen 14 Hefte geht sie morgen.

Sie schlägt noch einmal Christians Seite auf und schreibt:

Ich begrüße auf meiner Seite Christian, den Streuner!

Darunter schreibt sie einen Text, der bei ihr im Arbeitszimmer an der Wand hängt:

Es gibt keine Pflicht des Lebens,

es gibt nur eine Pflicht des Glücklichseins.

Dazu allein sind wir auf der Welt,

und mit aller Pflicht und aller Moral und allen Geboten

macht man einander selten glücklich,

weil man sich selbst damit nicht glücklich macht.

Wenn der Mensch gut sein kann, so kann er es nur, wenn er glücklich ist,

wenn er Harmonie in sich hat, also wenn er liebt.

Dies war die Lehre, die einzige Lehre der Welt:

dies sagte Jesus, dies sagte Buddha, dies sagte Hegel.

Für jeden ist das einzig Wichtige auf der Welt

sein eigenes Innerstes, seine Seele, seine Liebesfähigkeit.

Ist die in Ordnung, so mag man Hirse oder Kuchen essen,

Lumpen oder Juwelen tragen,

dann klingt die Welt mit der Seele zusammen, ist gut, ist in Ordnung.

5.

„ Die Periode der Fremdherrschaft über Sardinien, die etwa 800 v. Chr. mit den Phöniziern und Karthagern begann und sich über etliche Zwischenstufen fortsetzte, wurde im 11. Jahrhundert in Alghero damit fortgeführt, dass die genuesische Familie Doria die Stadt im Namen der Republik Genua von sarazenischen Piraten befreite, besetzte und in eine Festung gegen die konkurrierenden Pisaner umbaute. Im Jahre 1354 eroberten die Katalanen (das Haus Aragon) die Stadt, bauten die Festung aus und vertrieben die einheimische Bevölkerung. Das führte unter anderem zur Gründung der Stadt Villanova Monteleone.“

Christian zieht sich diese Wikipediabeschreibung auf seinen Reisebericht. Seine Ankunft in der Bucht von Alghero im Westen Sardiniens ist ihm gut in Erinnerung geblieben, „als wenn es gestern gewesen wäre“, denkt er.

Er hatte die Nacht zuvor in der Südbucht von Mandriola vor Anker gelegen, geschützt vor dem Mistral, dem heftigen Nordwestwind an der sardischen Westküste.

Er war früh am Morgen, schon bei Sonnenaufgang gestartet, wenn das Meer noch einigermaßen ruhig ist.

Doch als er Kap Mannu umrundet hatte, blies es schon ganz heftig und eine unangenehme Welle bremste seine Nirwana immer wieder ab.

Er steuerte einen klaren Nordkurs, hoch am Wind, und kämpfte sich Meile für Meile nach Norden. 60 Seemeilen, das waren rund 100 km.

Er rechnete immer noch in Kilometer und hatte auch sein GPS und seinen Speedometer auf km/h eingestellt. Nur die Windstärke las er in miles/h ab und rechnete sie in Beaufort um.

Bei 3-4 Beaufort war er gestartet. Sein Segler machte dabei rund acht Stundenkilometer über Grund.

Mittags war der Wind auf gut 5 Beaufort aufgefrischt, sein Vorwindkurs und seine Geschwindigkeit waren gleich geblieben, nur die Kränkung hatte zugenommen.

Erst als er spät am Abend Capo Caccia an Backbord hatte, war die Welle weg, hatte er es mal wieder geschafft. Ein harter Tagestörn war erfolgreich zurückgelegt.

Er hatte vor dem Hafen Alghero in einer Nebenbucht geankert, das sparte die teuren Liegegebühren und brachte den Luxus mit sich, am Morgen direkt nach dem Wachwerden mit einem Kopfsprung in das azurblaue Wasser den Tag zu beginnen.

Ja, die Arbeit an seinem großen Reisebericht war auch eine Aufarbeitung seiner Abenteuer, es war sozusagen, des Törnes dritter Teil.

Der erste war die Vorfreude der Planung, der Törnfestlegung und die voraussichtlichen Etappenziele. Der zweite Teil war die Reise selbst, die Konfrontation mit der Wirklichkeit, die doch manchmal ganz anders verlief als die Planung. Und nun saß er an der Nachbereitung und vieles wurde ihm erst jetzt richtig klar. Auch hier hatten sarazenische Piraten von der algerischen und marrokanischen Küste angelandet und Beute gemacht. Erst die Rekonquista, die er in Spanien studiert hatte, hatte auch hier in Sardinien für die Vorherrschaft der christlichen Adelsfamilien gesorgt.

Ach wie leicht und informativ ist es heutzutage, denkt Christian, während man die Texte zu seinen Fotos ins Schreibfenster des Fotoprogrammes eintippt, über google alles nachschlagen zu können, was man nicht oder nicht sicher weiß. Die Welt tritt aus dem Dunkeln, aus der Geschichte in das Licht des 21. Jahrhunderts. In seinem Weltpuzzle, dreidimensional zergliedert in Längen- und Breitengrade und in die Ebenen der Geschichte, wie beim Häuten einer Zwiebel, hatte Günther Grass geschrieben, hat ein weiteres Puzzleteil seinen Platz gefunden.

Seine Gedanken schweifen zurück ins Jahr 1981.

31 Jahre sind das jetzt her, ein junger Mann war er damals gewesen, 32 Jahre alt, verheiratet, mit zwei Kindern gesegnet. Nach dem Bau seines Einfamilienhäuschens hatte er mit zwei Hobbies begonnen.

In den Weihnachtsferien und über Karneval ging er zum Skifahren.

Dann war das Tauchen dazu gekommen.

Mit zwei befreundeten Familien waren sie in den Sommerferien mit ihren PKW's hochbeladen von Genua aus nach Olbia auf Sardinien gefahren. Das Land kennenlernen und Tauchen waren ihre Urlaubsziele.

Seine älteste Tochter war nun schon im 2. Schuljahr und damit war er nun die nächsten zwei Jahrzehnte von den Sommerferien abhängig, was bedeutete, dass alles teurer war, Flüge, Fähren, Hotels.

Und überlaufen war alles, alle waren unterwegs. Die Adriastrände waren bunt vor Handtüchern, nicht goldgelb vom Sand.

Deshalb hatten sie beschlossen, mit Camping- und Tauchausrüstungen und mit Schlauchbooten nach Sardinien zu fahren in die große Bucht von Alghero, dort wild zu campen und mit den Booten rund ums Capo Caccia zu tauchen.

Sie hatten auch einen wunderschönen Platz oberhalb einer Klippe gefunden, die zwei Boote schwammen in einer kleinen Bucht und konnten bei Südwind an Land gezogen werden.

Doch schon am dritten Tag waren Carabinieri gekommen und hatten auf das Schild hingewiesen, das am Anfang des Weges zu ihrem Zeltplatz stand: Camping divieto . Zelten verboten. Der Beton um die Stange war noch feucht, sie hatten es nur wegen uns aufgestellt.

Wir hatten die zwei Polizisten zum Rotwein eingeladen und es war ein geselliger wunderschöner Abend gewesen. Der Beginn einer deutsch-italienischen Freundschaft, hatten wir gedacht.

Am nächsten Morgen waren sie zurückgekommen und hatten uns, als sie sahen, dass wir nicht verschwunden waren, angebrüllt und unmissverständlich zum Einpacken aufgefordert.

Die Freiheit der 60er und 70er Jahre hatte in weiten Teilen Südeuropas ein Ende gefunden.

Man hatte in Campingplätze investiert und dort sollten die reichen Deutschen auch ihr Geld lassen.

Wir hatten uns dann getrennt, Rudi war nach Norden auf einen Campingplatz gefahren, wo er Tauchfreunde kannte. Georg und ich fuhren weiter nach Süden und fanden schließlich ganz im Süden Sardiniens bei Villasimius doch noch einen herrlichen wilden Zeltplatz für unser Tauchhobby.

Zurück in die Gegenwart, denkt Christian.

Er drückt auf seinem Laptop das > f< für facebook.

Als erstes drückt er den Button >Benachrichtigungen<. Die zeigen ihm alle Einladungen, > Gefällt mir <- und Textkommentare auf, die seit seiner letzten facebook-Sitzung angekommen sind.

Er klickt sie einzeln an und sieht die Reaktionen auf seine eigenen Aktivitäten.

Das interessiert und freut ihn, gibt ein Gemeinschaftsgefühl, vertreibt das Gefühl von Einsamkeit.

Auf seiner eigenen Seite hat doch diese Veronika ein Gedicht hinterlassen, nein, Gedicht ist der falsche Ausdruck, einen Text, der beginnt:

Es gibt keine Pflicht des Lebens, es gibt nur eine Pflicht des Glücklichseins....

Ja, Recht hat sie, nur das Glück zählt, das, was der Mensch aus sich macht, was er empfindet beim Leben.

Ja, er war Bankkaufmann gewesen, war jeden Morgen im Anzug mit Krawatte zur Arbeit gefahren und, „doch die ersten Jahre war ich glücklich, ich habe gerne mit Menschen zu tun gehabt und es war mir eine Befriedigung, ihnen bei ihren Geldgeschäften zu helfen, ihnen mein Wissen zur Verfügung zu stellen.“ Bei manchen hatte er nur gesagt, „machen Sie das und das...“, anderen hatte er den Mechanismus der Geldanlage genau erklärt, ihnen etwas BWL beigebracht. Die Kunden hatten gerne bei ihm im Kundenbüro gesessen, die Mädchen hatten auf Telefonanruf Kaffee gebracht, man hatte über vieles geredet.

Manchmal auch über ganz andere Dinge, die gar nichts mit Bankgeschäften zu tun hatten. Dann war er manchmal der Zuhörer, der Lernende gewesen.

Das war wirkliche, effektive Kundenbindung gewesen, vertrauensbildend, nicht dieser dumme Schnickschnack von heute, die dummen auswendig gelernten Sprüche, die man den Kunden entgegensäuselte.

Er liest weiter:

Wenn der Mensch gut sein kann, so kann er es nur, wenn er glücklich ist, wenn er Harmonie in sich hat, also wenn er liebt...

Christian denkt nach: Bei seiner China-Reise vor fünf Jahren war das Wort Harmonie permanent präsent gewesen. Er hatte in Peking einen Tempel besucht, der der „Harmonie im Alter“ gewidmet war und hatte das für bemerkenswert gefunden. Überhaupt hatten ihn die chinesische Kultur und Philosophie und die Chinesen begeistert, aber ist das Liebe?

Jetzt wird’s schwierig und kompliziert.

Was ist Liebe?

Nein, den Gedanken will ich jetzt nicht weiterspinnen.

Der Text erwähnt Jesus, Buddha und Hegel und stellt sie in eine gedankliche Reihe.

Für jeden, liest er weiter, ist das einzig Wichtige auf der Welt sein eigenes Innerstes, seine Seele, seine Liebesfähigkeit. Ist sie in Ordnung, so mag man Hirse oder Kuchen essen, Lumpen oder Juwelen tragen, dann klingt die Welt mit der Seele zusammen, ist gut, ist in Ordnung.

Das kann er nachvollziehen, das würde er unterschreiben.

Ob diese Veronika das selbst geschrieben hat? Mein Gott, dann müsste sie eine interessante Frau sein.

Nein, denkt er, das hat sie irgendwo abgeschrieben, aber wo? Und warum gerade das?

Er hatte ihr doch nur von seinem Segeltörn und seinem Ziel, das Mittelmeer zu umrunden, erzählt.

Hatte sie daraus gefolgert, dass er so sein Glück suchte, mit sich und der Welt in Harmonie sein wollte, die Wahrheit suchte, die sich durch die Geschichte der Menschen zog?

Nicht dumm der Text.

Er geht noch einmal auf ihre Seite.

Ja, sie ist Single, nicht sein Beuteschema, aber doch etwas sexy. Er hätte nichts gegen einen date.

Er schreibt unter ihren Text:

Wenn du das selbst formuliert hast, bist du ein Philosoph,

wenn du es nur ausgesucht hast, bist du eine kluge Frau, die ich kennenlernen möchte.

So, der Köder ist ausgeworfen.

Er wendet sich einer weiteren facebook-Nachricht zu, schreibt ein paar belanglose Worte, über deren Wirkung beim Adressaten er sich nicht viel Gedanken macht. Oberflächlichkeit ist angesagt.

6.

Drei Tage später sitzt Christian Söndermann vor seinem Computer, aufgeregt rückt er seinen Stuhl hin und her und hält das Mikrofon in der Hand.

Heute ist wieder so ein Lifetag, an dem man sich bei seiner Schreibtischarbeit nicht hinter der Programmmaske verstecken kann. Heute muss er das recherchierte und niedergeschriebene Wissen, die Kommentare und Schilderungen auf die Tonspur sprechen. Keiner kann ihm dabei helfen, akzentuiert, in einer gleichbleibenden Lautstärke, aber doch wieder nicht einschläfernd zu sprechen, die Stimme honor oder spannend klingen zu lassen, Überraschungen zu akustizieren, Sprechpausen einzuhalten, die Texte zu Beginn, in der Mitte oder erst am Ende einer Bildlaufzeit zu sprechen.

Er konfiguriert das Mikrophon auf der Soundkarte des Computers, liest sich den Text zum ersten Bild noch einmal durch und beginnt mit den Sprachaufnahmen zum dritten Teil des Reiseberichtes:

Inseln im Tyrrhenischen Meer: Sardinien und Korsika

Zwei Stunden intensivster Arbeit liegen nun vor ihm, kleine Fehler lässt er durchgehen, bei echten Aussprachefehlern muss er anhalten, löschen und sofort neu sprechen. Der Gesamtrhythmus der Aufnahme sollte nur selten unterbrochen werden, sonst leidet das Feeling. Er selbst wird später jede nachträgliche Korrektur hören und daran leiden, aber er weiß aus Erfahrung, dass seine Zuhörer das kaum bemerken werden.

Aber er macht diese Reiseberichte in erster Linie nicht für eventuelle Vorträge oder für private Vorführungen bei sich zu Hause, sondern für sich selbst, für seine Erinnerungen, sein Ego, als Beweis seiner Kreativität.

Seine wunderbaren Fotos von der Reise vergammeln nicht auf irgendwelchen Festplatten oder CD's, unstrukturiert und nach Jahren kaum auffindbar, sondern sie werden hoffentlich noch von seinen Kindern und Enkeln gerne gesehen.

Als er nach zwei Stunden getaner Arbeit das Mikrophon aus der Hand legt, ist er platt, gemolken, ausgebrannt.

Facebook hat nun die notwendige Leichtigkeit und Unverbindlichkeit, um von dieser Anspannung runter zu kommen.

Mehrere Benachrichtigungen hat er.

Unter anderem den Kommentar zu einem Reiseberichtsbeitrag, den er im letzten Jahr in facebook eingestellt hatte. Er hatte damals aus gegebenem Anlass einen Artikel zum Thema

Alleine Reisen – Angst und Langeweile oder Mut und Chance

geschrieben, hatte dargelegt, dass alleine unterwegs sein nicht die Abstinenz von Zweisamkeit ist, sondern gerade ständig neuen Bekanntschaften, Einladungen und Begegnungen Tür und Tor öffnet.

Die schwarzhaarige Veronika hatte jetzt fast anderthalb Jahre später diesen Artikel kommentiert.

Ja, schreibt sie, sie könne seine Haltung nur zu gut verstehen und habe das auch schon so erfahren. Sie finde es toll, wie positiv er auf die Menschen zugehe. Nur so werde man fremde Kulturen verstehen, andere Länder und Regionen kennenlernen. Das Vertrauen in sich selbst und das prinzipielle Vertrauen anderen Menschen gegenüber sei ein wunderbarer Charakterzug eines Menschen.

Das liest er gerne. Zustimmung verbindet. Aber fast noch wichtiger ist die Tatsache, dass diese Veronika weit in die Vergangenheit seiner facebook-Reportagen hinab getaucht ist, sich mit seiner Seite und mit ihm selbst, hofft er doch, beschäftigt hat.

Aber auf seinen Köder ...diese Frau möchte ich kennenlernen ..., ist sie nicht eingegangen.

Er schreibt ihr eine persönliche Nachricht:

Hallo Veronika,

danke für deinen interessanten Kommentar. Deine Texte erstaunen mich immer wieder und machen mich neugierig auf den Menschen, der sowas schreibt.

Deshalb würde ich mich sehr freuen, wenn ich dich persönlich kennenlernen könnte. Bei 'nem Bier, im Cafe, gerne auch im Restaurant oder wie immer du das möchtest, wenn du es denn möchtest.

Du weißt, ich bin unkompliziert und spontan und verbinde mit Kennenlernen, die Befriedigung meiner Neugierde, wie du sprichst, dich gibst, aussiehst, reagierst, lachst oder traurig bist.

Hier ist meine Nummer: 01523569103.

Als Streuner habe ich natürlich nur Handy, aber mit Flatrate.

Ruf mich an oder schicke mir deine Nummer. Dann rufe ich dich an. Oder schreib mir, was du zu meinem Wunsch zu sagen hast. Egal wie oder was, sieh' es bitte locker!

Ganz liebe Grüße

Christian

So, das ist ja wohl mehr als deutlich. Wie leicht ist es doch, solch einen unverbindlichen Text ins Netz zu setzen. Der Stress beginnt frühestens, wenn es wirklich zu einer Verabredung käme. Käme ist Konjunktiv, Möglichkeitsform, nichts, um das man sich schon heute einen Kopf macht.

Er blättert noch ein bisschen durch die Startseite, staunt, was so alles kopiert wird, und beendet facebook.

Ja, es ist fast schon so ein Ritual: Du fährst den Computer hoch, um irgendeine Arbeit zu erledigen, und überfliegst schon auf der Startseite Klatsch und Nachrichten des Tages.

Dann machst du dein email-Programm auf und sichtest deine mails. Schrott wird sofort gelöscht, Infos eventuell notiert, Wichtiges bearbeitet, manchmal kopiert oder gedruckt. Beiträge von facebook werden ebenfalls als mail angekündigt. Auf eine von ihnen drückst du drauf und schon bist du in facebook, genau an der Stelle, Kommentar oder

Nachricht, die die mail ankündigt.

Zum Schluss überfliegt man noch die facebook-Startseite und wundert sich, dass schon die erste halbe Stunde der Arbeitszeit verflogen ist.

Am Ende vor dem Herunterfahren ein ähnliches Ritual.

7.

Die letzten drei Schulwochen vor den Weihnachtsferien haben begonnen. Stress pur. Eigentlich in allen Klassen und Fächern noch einmal eine Runde Klassenarbeiten, Tests und Hausaufgabenüberprüfungen. Die Schulbürokratie fordert eine Menge von Einzelnoten, ohne die eine Zeugnisnote Ende Januar nicht ausgesprochen werden darf.

Die Schüler hassen diese ständigen, oft an den Haaren herbei gezogenen Überprüfungen und als Folge auch die Lehrer, die sie durchführen.

Das ergibt genau die richtige Atmosphäre vor Weihnachten, vor dem Fest der Liebe, denkt Veronika zynisch.

Anstelle mit den Kindern in aller Ruhe Weihnachten vorzubereiten, kreativ zu basteln, zu dichten, zu singen, kleine Theaterstücke einzuüben, für einander Verständnis zu entwickeln, auch einmal einen Blick auf die Kinderwelt außerhalb unseres westeuropäischen Paradieses zu werfen, nur Stress, Druck, Aggression, manchmal sogar Hass und nirgendwo Liebe.

Pädagogische Liebe war ein Stichwort in ihrem Studium, die Liebe zu den Zöglingen, zu den Schülern, die man über mehrere Jahre doch intensiv kennenlernte und begleitete. Vergleichbar der elterlichen Liebe, die nur an das Weiterkommen des Nachwuchses, an die Vorbereitung auf das spätere Leben gerichtet ist.

Diese pädagogische Liebe war damals noch unbelastet von den Skandalen sexueller Übergriffe, wie sie in den letzten Jahren bekannt geworden sind. Auch unfassbar!

Heute darfst du kein Kind mehr tröstend in den Arm nehmen, ihm verständnisvoll über das Haar streichen, es vielleicht mit deinem Auto nach Hause zu den Eltern fahren. Die Beziehung zu den Schülern wird bürokratisiert, juristisch geregelt, unterliegt ständiger Kritik.

Ist es ein Wunder, dass die Lehrer sich zurückziehen, dafür die Schulleiter in den Regionalausgaben der Tageszeiten ihre wunderbare erfolgreiche Arbeit an ihrer Schule medienwirksam ins Bild setzen?

Ein Kollege hatte einmal in einer Konferenz Andersens Märchen von des Kaisers neue

Kleider bemüht. Dieser falsche Applaus für viele Dinge, die jeder heimlich als Potemkinsche Dörfer einschätzt, sich aber nicht traut, es laut zu sagen. Diese dann hundertprozentige Zustimmung des Schulkollegiums wandert dann als Bericht zur Schulaufsichtsbehörde und ergibt in der Addition solcher Ereignisse die selbst befriedigende Reaktion des Kultusministeriums.

Veronika könnte heulen, wenn sie an diese Entwicklung der letzten zwanzig Jahre denkt.

Sie hatte anfangs gekämpft, sich den Mund verbrannt, mit Kollegen später beim Bier ohne die Schulleitung darüber gesprochen.

Die letzten Jahre ist es auch ein Generationenproblem, die jungen Lehrer kennen es doch aus ihrer eigenen Schulzeit nicht mehr anders. Junge Männer kommen eh nur noch selten an die Schule. Junge Frauen zwischen Karriere und Kochtopf, oft überfordert und ohne Kraft, bilden einen Großteil des heutigen Kollegiums.

Schluss jetzt, andere Gedanken. Ich will überleben. Sie drückt das magische > f <, die Fahrkarte in eine andere Welt.

Sie hat Post von ihrem Segler. Er schickt ihr seine Telefonnummer und erbittet ein Date. Na, endlich mal was erfreuliches.

Es ist nicht ihr erstes Treffen dieser Art. Noch vor ca. zwei Monaten war sie zu solch einer Verabredung gegangen und war, jetzt fällt es ihr wieder genau ein, so enttäuscht von diesem Schwätzer und Langeweiler. Eine ganze Stunde hatte sie bei einem wunderbaren Schokoladeneisbecher mit diesem … den Namen hat sie vergessen ... zusammengesessen, sich gelangweilt und unwohl gefühlt und war dann unter dem Vorwand noch Unterricht vorbereiten zu müssen, schnell wieder nach Hause gefahren.

Nein, diese Dates mit Männern, die man nur aus dem Internet kennt, sind immer problematisch. Schöner und erfolgreicher sind die Bekanntschaften, die man wirklich draußen im Leben macht. Wenn man abends mal an der Theke steht und ein wirklich lustiger Typ erzählt einen Joke nach dem anderen, und weil man so herrlich lacht, bestellt er schließlich ein Bier für sie mit, prostet ihr zu oder stößt sogar mit ihr an.

Sie erinnert sich an Friedrich-Karl, allein schon der Name, aber er war mit goldenem Humor gesegnet und was sie damals tatsächlich beeindruckte war, dass er sich auch wunderbar ernsthaft und super informiert über Geschichte und Politik unterhalten konnte.

Sie hatte ihn nach Mitternacht mit nach Haus genommen zu einem One-night-stand, wie man heute zu sagen pflegt. Er war etwas älter als sie und im Bett nur Durchschnitt, an der Theke war er viel besser gewesen. Er verschwand morgens nach dem gemeinsamen Frühstück, ließ sein Visitenkärtchen zurück und rief die nächsten Tage noch ein paarmal an. Doch auch am Telefon konnte er den Charme des Thekenstehers nicht mehr entfalten.

Ja, dachte Veronika, so mache ich es jetzt auch, er kann schreiben, er kann fotografieren, belassen wir es erst mal dabei. Ein Lifedate beendet meist die Romanze nach irgendeiner Seite hin. Lassen wir das Süppchen doch einfach auf dem Herd ein bisschen köcheln. Sie lächelt über ihre eigenen Gedanken. So kreativ möchte sie manchmal noch in der Schule sein, lauthals lachen über sich, die Kinder, die Situation.

Sie schreibt dem Segler zurück:

Lieber Christian, schön, dass du dich mit mir treffen willst. Ich weiß dein Angebot zu schätzen.

Aber sei mir bitte nicht böse, ich möchte jetzt noch nicht. Im Moment steht mir aus Gründen, die ich dir auch jetzt noch nicht erzählen möchte, nicht der Kopf danach.

Ich genieße deine wunderbaren Fotos, deine Reiseberichte, in denen ich erkenne, dass du ein ganz besonderer Mann bist, ein Streuner, wie du selbst schreibst, aber im absolut positiven Sinne.

Ich selbst reise auch gerne, bin eigentlich in allen Ferien unterwegs und war auch schon in Tarragona und habe wie du die Geschichte, Kultur und Schönheit der alten Römerstadt genossen.

Bleib du für mich bitte noch ein bisschen im Dunkeln...das wäre schön! Jetzt im Weihnachtsstress als Lehrerin an einer Schule ist mein Herz nicht offen für etwas vernünftiges, vielleicht Großes.

Ich gebe dir aber meine Telefonnummer: 02166/37869.

Hab noch einen schönen Abend und alles Liebe wünscht dir

Veronika

Sie überfliegt ihre Worte noch einmal flüchtig auf Rechtschreibfehler, schließlich ist sie Lehrerin, und drückt den > Antwort-Button <.

So, die Antwort hat er.

Erst jetzt denkt sie noch einmal über den Inhalt und die Konsequenz ihrer Worte nach:

Sie hat ihn mit Lob angemacht und sicher einen Jagdinstinkt in ihm geweckt, wenn er denn ein richtiger Mann ist. Er kann sie haben, wenn er baggert, später, vielleicht, es kommt auf seine Qualitäten an, die er ihr beweisen muss.

Ja, sie hat ein Spiel angefangen, in dem sie allein, hofft sie zumindest, die Spielregeln vorgibt. Mein Gott, denkt Veronika, genau umgekehrt wie in der Schule. Sie ist mit sich zufrieden.

Morgen in der 10. Klasse muss sie sich mit dem 3. Reich beschäftigen, muss versuchen den Schülern zu zeigen, mit welchen Instrumenten man Massen hinter sich bekommt. Sie selbst kann es heute eigentlich noch nicht nachvollziehen, wie diese Bewegung die Macht an sich gerissen hat und wie Adolf Hitler zum Idol der Massen aufgestiegen ist.

Er hatte hier in Deutschland die Popularität eines Papstes Benedikt, eines Thomas Gottschalk, Franz Beckenbauer und Peter Maffay zusammen. Unvorstellbar, wie will man sowas vermitteln?

Ein ganzes Volk richtet sich freiwillig auf den Willen des Führers aus, noch nicht einmal ein Gesetz zwang sie dazu.

Doch, entscheidend war sicherlich, dass keine andere Meinung seit Monaten, später Jahren, mehr zu hören gewesen war. Die Opposition saß im Knast, Konzentrationslager nannten sie es.

Der persönliche Eid der Wehrmacht auf den Führer nutzte die Gottgläubigkeit der Menschen aus, obwohl gerade die Nazis damit nichts am Hut hatten und das Schicksal bemühten.

Natürlich war hier auch die alte Weisheit am Werk, dass ein voller Bauch vor der Freiheit kommt. Hitler brachte nach der Weltwirtschaftskrise Arbeit und Einkommen. Wen interessierte es schon, ob die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen volkswirtschaftlich zu vertreten waren?

Noch heute versteht das ja kaum einer, sie selbst auch nicht.

So, liebe Veronika, dann mache bitte aus diesen Erkenntnissen eine spannende, pubertierende Schüler interessierende Unterrichtsstunde.

Alternativ kann sie ein Video zeigen aus der Reihe: Wir Deutschen: Das dritte Reich. Es steht in der Bibliothek des Laptops. Sie braucht nur am Pult die Stecker des Beamers einzustecken und die 45 Minuten Geschichtsunterricht sind abgedeckt.

Sie fährt ihren Laptop herunter.

8.

Christian sitzt mit seiner Gitarre im Arm in seinem Arbeitszimmer.

Heute will er wieder an seinem Reisebericht über die Inseln im Thyrrenischen Meer, Sardinien und Korsika weiterarbeiten.

Die Tonaufnahmen vorgestern sind gelungen, soweit man davon bei seinem Amateurniveau reden kann. Natürlich ist er kein ausgebildeter Schauspieler, nie hat er Sprachunterricht erhalten, aber in seinen Beratungs- und Verkaufsgesprächen bei der

Bank hatte er sich schon bemüht, allein durch den Klang seiner Stimme, durch betont deutliches Sprechen und Akzentuierung, Erfolg zu erzielen.

Heute will er mit dem letzten Schritt dieser Filmemacherarbeit beginnen, mit der Hintergrundmusik.

Er weiß, viele Amateure, die ihre Videos vertonen, lassen hier irgendwelche Musik ablaufen und fertig, er weiß aber auch, dass über die Filmmusik ein ganz wichtiges Element der Information abläuft. Während die Texte alleine den Verstand ansprechen, die Bilder großenteils auch, - nur manche werden durch ihre Ästhetik unmittelbar vom Gefühl aufgenommen -, wendet sich die Hintergrundmusik alleine an das Unterbewusstsein. Sie erzeugt Spannung, Trauer, Freude, Skepsis, Humor, je nachdem, was der Reisebericht gerade erzählt und transferiert.

Nicht umsonst sind Filmmusiken oft berühmt geworden. Er denkt an die Mundharmonikamelodie aus: Spiel mir das Lied vom Tod.

In dieser Phase der Arbeit ist Feeling angesagt, ein Gefühl, ein Händchen für die richtige Musikauswahl. Dazu muss er sich selbst erst einmal auf einen gewissen sensitiven Level bringen. Am besten kann er das mit Musik, mit seiner Gitarre.

Christian spielt einige Songs der Beatles, Yesterday, Let it be und Norwegian wood. Er liebt diese Musiker noch heute, 42 Jahre, nachdem sie sich getrennt haben. Dann John Lennons Imagine, bei dessen Melodie es ihm immer noch kalt den Rücken runter läuft. Nur diese gefühlvollen Lieder braucht er jetzt, um sich hochzubringen in eine Gefühlswelt, wo er die richtige Melodie für die richtigen Bilder empfindet. Er spielt noch drei Songs von Leonard Cohen, dem kanadischen Liedermacher, Suzanne und Marianne, und zum Abschluss sein wahnsinniges Halleluja.

Während seinem Gitarrenspiel und seinem Gesang hat er bereits den Laptop hochgefahren und das Programm von > Fotostory < hochlaufen lassen.

Die Arbeit kann beginnen. Er lässt jeweils eine Erzählpassage in der Vorschau ablaufen und sucht dann in seiner riesigen Musikbibliothek nach dazu passenden Songs oder Melodien. Auch eine ganze Reihe rein instrumentaler Aufnahmen stehen zur Verfügung, auch selbst gespielte, die er mit seinem DR2 - Aufnahmerecorder aufgenommen hat. Auch einige Liveaufnahmen von unterwegs sind dabei.

Oft ist aber die erste Wahl falsch, so gut die Musik auch an sich passte, im Zusammenspiel mit den sich bewegenden Fotos und seiner Sprache ist der Gesamteindruck dann doch nicht befriedigend. Es ist wie ein Puzzle.

Nun kommt die herrliche Fahrt durch das Maddalena-Archipel im Norden Sardiniens und die Überquerung der Straße von Bonifacio zur gleichnamigen Stadt im Süden Korsikas.

Hier muss die Musik einfach der Lebensfreude Ausdruck verleihen, die dieser Törn in ihm ausgelöst hatte.

Christian versucht es mit Summertime von George Gershwin. „Summertime and the living is easy“. Ja, genau das war's, diese Leichtigkeit des Seins, als die Nirwana über

azurblaues Wasser durch die Inselwelt des Maddalena-Archipels hindurchglitt.

Dann die zwölf Kilometer über die eigentliche Straße von Bonifacio nach Korsika hinüber, häufig sturmumtost. Er hatte sie aber bei traumhaftem Wetter übersegelt, und dank GPS musste man auch keine Angst vor den zahlreichen Klippen und Untiefen dort haben.

Schließlich Bonifacio selbst, ein Traum. Auf hohen weißen Kreidefelsen diese korsische Küstenstadt. Eine tiefe, fjordartige Bucht schneidet in dieses Kalksteinplateau ein und bildet einen wunderschönen Naturhafen.

Sein Reisebericht erzählt nun die Geschichte der Stadt von der Stadtgründung 828 durch den toskanischen Grafen Bonifacio II bis zur Besetzung 1942 durch deutsche Truppen.

Welche Musik passt zu diesen historischen Informationen?

Er probiert es mit einer ganz schlichten Tonfolge, eigentlich gar keiner richtigen Melodie, die er selbst eingespielt und bereits im Reisebericht des letzten Jahres verarbeitet hatte. Jawohl, wieder passt sie. Sie verdrängt nicht die gesprochene Information, sie lässt den Bildern den Vorrang, aber sie beruhigt die Seele des Zuschauers, sie hilft bei der Konzentration.

Nach zwei Stunden Arbeit hat er die erste halbe Stunde seines Reiseberichtes fertig, knapp die Hälfte und er ist platt. Jetzt würde es zur Routine, sein Feeling ist verbraucht. Er speichert sein Arbeitsergebnis und beendet dieses Programm.

Jetzt erst geht er ins Internet.

Die Nachrichten bei yahoo bringen eine Meldung der Piraten zum Urheberrecht. Sie haben ihr 10-Punkte Programm vom Mai dieses Jahres noch einmal überarbeitet.

Eigentlich interessiert ihn diese Partei gar nicht. Und Schwarmintelligenz als gewünschte menschliche Verhaltensweise ist für ihn Schwachsinn pur. Das haben wir im 3. Reich gesehen.

Aber die Sache mit den Urheberrechten geht ihn unmittelbar an.

Gershwin hat sein Summertime, welches er eben in seinem Reisebericht unterlegt hat, 1935 geschrieben, also vor 77 Jahren. Der Song war damals Teil seiner berühmten Oper: Porgy und Bess.

Nach US-Recht ist er 95 Jahre lang geschützt. Das gilt, wenn er den Song selbst auf der Gitarre spielt und singt. Unterlegt er aber eine Interpretation von Janis Joplin, beginnt der Schutz erst in den 70er Jahren.

Nur der absolut private Gebrauch ist frei. Zeigt er seine Reiseberichte irgendwo in der Öffentlichkeit ohne Eintrittsgelder, macht er sich eigentlich schon strafbar.

Das ist, denkt Christian, eine Schwachsinnsregelung. Er sieht ein, wo Geld fließt, Geld verdient wird, will auch der geistige Urheber seinen Anteil haben. Aber „ohne Moos, nix los“, sagt der Volksmund, da gibt er den Piraten Recht. Auch die Rechtslage in facebook, das ständige Kopieren fremder Texte, Bilder und Melodien, liegt sicher

rechtlich in einer Grauzone.

Er schaut in seinen mail-Briefkasten, bearbeitet seinen Inhalt und geht in facebook. Auf der Startseite nichts Besonderes, aber er hat eine Nachricht: Aha, von Veronika.

Sie will sich nicht mit ihm treffen. Noch nicht, schreibt sie. Sie hätte ihre Gründe, welche auch immer.

Bleib du für mich bitte noch ein bisschen im Dunkeln...das wäre schön.

Geheimnisvolle Worte, die er mehrmals liest.

Ach, Lehrerin ist sie, das hatte er gar nicht gesehen oder gibt sie es auf ihrer Seite auch gar nicht an? Und ihre Telefonnummer schreibt sie dazu. OK. Das letztere ist eigentlich der Beweis oder die Aufforderung, dass es weitergehen soll. Wenn sie ihm ganz ein Rendevouz absagen wollte, würde sie ja wohl nicht ihre Telefonnummer dazu schreiben.

Mit ...und alles Liebe wünscht dir Veronika, schließt sie ihre Nachricht.

Was soll er antworten?

Heute erst mal gar nichts, lass sie zappeln, falls sie doch angebissen hat.

Zwei Tage später schreibt er ihr:

Liebe Veronika,

dein Schreiben und deine Äußerungen sind absolut ok, nicht alles im Leben passt jederzeit zu jeder Situation. Das Geheimnis des Erfolges ist es, zur rechten Zeit am richtigen Platz das Richtige zu tuen.

Vielleicht vertraust du mir ja einmal zu einem späteren Zeitpunkt dein kleines Geheimnis an, welches dich hindert, dich im Moment mit mir zu treffen.

Ich selbst bin auch etwas im Stress, weil ich nächste Woche einen Tauchtörn nach Ägypten unternehme und mein Tauchgepäck nicht extra anmelden will.

Die Fluggesellschaften haben in diesem Jahr die Beförderungskosten dafür verdoppelt von 50,- € auf 100,- €. Deshalb leihe ich mir ein ganz leichtes Jackett, verzichte auf überflüssiges Equipement und bringe meinen Atemregler zerlegt im Handgepäck unter.

Warum nehme ich eigentlich immer eine zweite Jeans, einen zweiten Pullover usw. mit? Zu Hause laufe ich doch auch eine Woche lang in den gleichen Klamotten rum. Und tagsüber auf dem Tauchboot brauchst du eh nur eine Trainingshose, warme Jacke

und Badehosen. Alleine mein großer Tauchbag wiegt schon sechs Kilo von den 20 erlaubten. Nein, ich versuche mein komplettes Gepäck auf 20 kg plus Handgepäck zu begrenzen.

Ja, und eben, bevor ich facebook öffnete, habe ich an einem weiteren Teil meines Reiseberichtes gesessen, an dem ich im Moment arbeite.

Inseln im Thyrrenischen Meer: Sardinien und Korsika

Im Moment bringe ich die Hintergrundmusik ein. Du kennst das sicher aus Filmen als Filmmusik. Ein wesentlicher Teil des Gesamtprojektes. Einen Teil der Musik mache ich selbst mit Gitarre und Gesang. Und auch jetzt steht die Gitarre noch neben mir, mit ihr hab ich mich in Stimmung gebracht, meine Nerven hochgekitzelt, mein Feeling trainiert. Doch länger als zwei Stunden kann man das nicht tun, dann ist man platt, ist leer, ist wie ausgesaugt.

So das reicht, ich denke, ich habe dir genug von mir erzählt, ich muss ja auch noch ein bisschen aufbewahren für den Fall, dass wir uns wirklich einmal treffen.

Ich wünsche dir und deiner Arbeit in der Schule jetzt in den letzten Wochen vor Weihnachten ein gutes Gelingen und denke mal an dich, wenn ich unter der ägyptischen Sonne liege.

Liebe Grüße

Christian

9.

Im Lehrerzimmer der Ernst Barlach Realschule in Miesenhain sitzen, alle weit voneinander entfernt, drei Lehrer. Sie haben eine Freistunde, 45 Minuten keinen Unterricht. Ob das aber Arbeitszeit ist, wird nach wie vor unterschiedlich interpretiert. Auf jeden Fall ist es unterrichtsfreie Zeit, wie die Bürokratie das nennt.

Eine von den dreien ist Veronika Langhäuser, Deutsch- und Geschi-Lehrerin, wie die Schüler sagen. Sie hat wie ihre Kollegin am anderen Ende des Tisches ihren Laptop vor sich stehen und schaut auf ihre facebook-Seite. Doch ihre Gedanken fliehen vom Monitor hinweg.

Ihre Kollegin, Bärbel Sommer, unterrichtet Englisch und Musik, ist so um die zehn Jahre jünger als sie und bei den Schülern recht beliebt. Sie scheint es geschickt zu verstehen, Musik und Englisch miteinander zu verknüpfen: How many roads must a man walk down, lernt sich in Verbindung mit Bob Dylan natürlich leichter, als wenn dieser Satz in Lektion 11 im Englisch-Lehrbuch steht.

Aber sonst weiß Veronika nicht sehr viel über Bärbel, sie sind aber per du, wie die meisten hier.

Um die 50 Frauen, zum Teil als Teilzeitlehrerinnen, manche auch nur mit einem Lehrauftrag für Maschinenschreiben und ähnliches.

Dann unterrichten heute hier auch Frauen, die gar nicht Lehramt studiert haben, sondern als Seiteneinsteiger ein paar Stunden bei mieser Bezahlung diesen Job machen. Sport zum Beispiel. Richtig weiß sie es aber auch nicht. Es herrscht eine ständige Fluktuation und viel reden tut man heutzutage auch nicht mehr miteinander. So wie im Moment.

In einer Ecke des Lehrerzimmers sitzt noch der Mathe- und Physiklehrer Johannes Maier, ihr Alter, übergewichtig geworden in den letzten Jahren. Er sagt offen, dass er keine Lust mehr hat und lieber heute als morgen in den Sack hauen würde.

Veronika erinnert sich an frühere Zeiten. Da hätten die drei jetzt neben einander und gegenüber gesessen, hätten sich unterhalten, gelacht, über einzelne Schüler geschimpft und Pläne für das Schulfest geschmiedet. Informelle Gruppenarbeit, würde man das heute nennen.

Nein, sie hatten einfach nur Spaß miteinander, sie waren Kollegen, auch Freunde, auf jeden Fall zogen sie zusammen an einem Strick, wussten instinktiv, dass dieser Job nur in Solidarität zu bewältigen war.

Sie hatten gemeinsam geraucht und Kaffee getrunken und das Gespräch unterbrach nicht, bis die Klingel zur nächsten Stunde sie zum Aufstehen zwang.

Nein, als Team hatten sie sich nicht gesehen, Team, das war eine Fußballmannschaft mit Trainer mit klar verteilten Rollen.

Lehrer waren früher aber Individualisten, freiheitsliebende Einzelkämpfer, die in Konferenzen Gemeinsamkeit planten, den Rest aber in solidarischen Chaos gestalteten.

Wie gerne ging sie damals jeweils nach zwei absolvierten Unterrichtsstunden in das Lehrerzimmer, es war Heimat und Freiheitsraum, die Viertelstundenpausen dort massierten das angekratzte Ego zum nächsten Einsatz.

Gut, sie alle waren jünger gewesen, aber kann es daran liegen? Auch damals gab es einige ältere Kollegen, die man schon mal ermutigen musste, nach der Konferenz noch auf ein Bier mitzukommen. Die Jungen zogen, die Alten folgten.

Sie kann sich gar nicht mehr erinnern, wann sie mit einer größeren Kollegengruppe im Ort eine Kneipe besucht hatte, gefühlte 50 Jahre nicht mehr.

Egal, sinnlose Gedanken, sie wendet sich der modernen Art der Kommunikation zu.

Facebook ersetzt das Plaudern früherer Zeiten. Wenn sie junge Leute in der Stadt im Straßencafe beobachtete und sah, dass die anstelle von Reden, Erzählen, Flirten, Lachen, nur noch in ihre Smartphones starten, einander mit ausgestreckter Zunge fotografierten und diese affischen Bilder sofort in facebook veröffentlichten,

kommentar- und kritiklos, ahnte sie, dass die Welt sich gerade entscheidend änderte.

Doch auch sie, Veronika Langhäuser, moderne, emanzipierte Frau, nutzt facebook oder benutzt es sogar.

Jetzt zum Beispiel:

Dieser Segler hatte ihr wieder geschrieben und wunderbar von seinen Reisen und seiner Arbeit an den Reiseberichten erzählt. Sogar Gitarre kann er spielen. Und kennenlernen würde er sie gerne. Doch sie hat ihn vertröstet, nicht weil sie wirklich Probleme oder keine Zeit gehabt hätte, nein, wenn sie ehrlich zu sich selbst ist, genießt sie dieses langsame Anmachen durch kurze Schreiben, durch Andeutungen. Das prickelt mehr, als wenn sie sich mit ihm zum Kennenlernen trifft, dann ist das Flair weg, was sollte an einem 63jährigen auch noch smart sein? Nur sein Geist, sein Charme, wenn er ihr schreibt, sie gewinnen will, reizt sie wirklich. Und nächste Woche fliegt er zum Tauchen nach Ägypten, wird dort wahrscheinlich mit allen Taucherinnen flirten und sie längst vergessen haben.

Ah, sie hat eine Idee: Soll er ihr doch eine Postkarte schicken, dann muss er ihre Adresse mitnehmen, eine vernünftige, interessante, ästhetisch schöne, vielleicht leicht anmachende Postkarte suchen, Briefmarken und eine Postbox finden, und das alles nur für sie, Veronika.

Sie schreibt ihm in der Rubrik: Nachrichten:

Lieber Christian,

ich danke dir für deine netten Zeilen und dass du so verständnisvoll meine momentane Dateabsage akzeptierst.

Ich weiß, das ist nicht selbstverständlich, aber du scheinst ein sehr sensibler Mann zu sein, der bei allem Abenteuergeist und Mut sich ein Herz für kleine Geheimnisse bewahrt hat.

Ja, ich bin seit 30 Jahren Lehrerin und hier an der Ernst Barlach Realschule in Miesenhain schon seit 25 Jahren.

Ich habe Germanistik und Geschichte studiert und liebe ganz besonders die Kunstgeschichte. Da, denke ich, liegt auch eine große Gemeinsamkeit zwischen uns. Deine Reiseberichte zeigen, dass auch du die Welt mit den Augen der Historie schaust, und als ich dein Foto von der Kathedrale Sagrada familia in Barcelona sah und deine ausführliche Bildunterschrift zu Gaudis Architektur, habe ich in dir schon mehr gesehen als den bewundernswerten Segler und Weltenbummler.

Ich konnte in jungen Jahren übrigens auch mal Gitarre spielen, habe es aber schon gefühlte 100 Jahre nicht mehr getan, die Gitarre steht aber noch in einer Ecke meines Arbeitszimmers. Oh, wie liebe ich es, guten Gitarristen zuzuhören. Eric Clapton zum Beispiel. Sein wonderful tonight macht mich an.

Und du fliegst nach Ägypten, Christian !

Da wünsche ich dir ganz viele tolle Erlebnisse. Und ich drücke dir die Daumen für ein super schönes Postkartenwetter. Ach ich denke, jeder Urlaub birgt immer was Schönes in sich. Es fängt schon mit der Vorfreude an. Und wenn man dann noch mit guten Freunden zusammen ist, dann macht das Spaß.

Erstmal siehst du das Meer wieder, auf dem du dich doch sicherlich wie zu Hause fühlst.

Hab eine schöne Zeit und komme gesund wieder zurück!

Wenn du Lust hast, kannst du mir ja eine Karte schreiben. Ich würde mich freuen:

Veronika Langhäuser

Lange Reihe 13

43150 Miesenhain

Mal sehen, wann sie ankommt, aber es ist ja egal!

O.k., das war‘s für heute. Alles Liebe dir, Christian, und pass auf dich auf!

Ciao von Veronika

Ab geht’s, es klingelt gleich. Hat das nun mehr Spaß gemacht, als ein Gespräch mit Bärbel, von Frau zu Frau sozusagen? Sie weiß es nicht. Sie fährt ihren Laptop runter.

10.

Ägypten, Sharm el Sheikh, Tauchbasis Oasis. Christian sitzt zusammen mit seinen Tauchfreunden in der Loggia des Tauchclubs und trinkt ein Deko-Bier. Die Stimmung ist prächtig, er fühlt sich hier pudelwohl.

Heute ist Mittwoch, die Hälfte des Tauchurlaubs schon um.

Sie sitzen an einem langen Tisch, sechs Taucher des eigenen Vereins TSV Seepferdchen Ganzheim, und Rita aus Aschaffenburg, die ganz alleine hierher geflogen ist. Einmal im

Jahr der häuslichen Routine entfliehen, dem schönsten Hobby der Welt nachgehen und Gleichgesinnte treffen und mit ihnen Party machen. Neben ihr Rainer aus Basel, erst 26 Jahre alt, Reisender in Sachen Parfüm, spricht arabisch und hat sich auch den Ganzheimer Tauchern angeschlossen, weil dort am meisten los ist. Es wird gelacht und viel erzählt, kurzweilige, lockere Unterhaltung ist am Tisch, aber auch schon vorher auf dem Tauchboot angesagt. Rainer fühlt sich hier wohl, obwohl der jüngste der Ganzheimer schon 44 Jahre zählt. Christian selbst ist mit seinen 63 Jahren der Senior an diesem Tisch, aber nicht der älteste im Tauchclub.

Da gibt es noch ein älteres Pärchen, sie Anfang 50, Rubensfigur, er, Matthias, 65 Jahre alt und schlank und durchtrainiert. Ja, und dann haben sie noch Safak und Leonhard in ihrer Gruppe integriert, beide wohnhaft in Salzburg in Österreich, sie, wie der Name schon verrät, türkischer Abstammung. Safak, die aufgehende Morgenröte, heißt das auf Türkisch. Doch sie erzählt, sie sei eigentlich Kurdin, fühle sich aber türkisch, so wie ein Bayer sich deutsch fühle, wenn er nach Hamburg komme. Christian staunt. Anfang 30 und so beschlagen und weltoffen. Toll. Ihr Freund Leonhard ist nicht ihr Lover, sondern ihr bester Freund. Ja, sowas hat es früher auch schon gegeben. Beziehungskisten sind eine seltsame Fracht.

Happy hour feiern sie jeden Tag, wenn sie mit dem Tauchboot in den Hafen laufen und dann vom Minibus des Tauchclubs zurück in die Basis gefahren werden. Jetzt kostet die Flasche Bier nur 12,5 Ägyptische Pfund, also rund 1,60 €. Außerhalb dieser berühmten Happy hour- Zeit das doppelte.

Christian genießt diese tolle Gruppendynamik. In den 80ern war das selbstverständlich, doch in den 1990er Jahren hatte sich die Einstellung zu Vereinen und zu gemeinsamen Unternehmungen langsam verändert. Immer mehr trat der Individualismus in den Vordergrund, man buchte eine Tauchreise mit irgendwelchen Leuten irgendwo hin. Nur preiswert oder exotisch musste es sein. Absprachen, Kompromisse wurden erst gar nicht mehr angestrebt.

Sogar die gemeinsame Fahrt der TSV nach Düsseldorf auf die boot, die große Ausstellung für Wassersport, war aufgegeben worden, weil man keine Gemeinsamkeit mehr herstellen konnte. Die einen wollten samstags, die anderen sonntags, die einen wollten abends um 18.00 Uhr nach Messeschluss sofort nach Hause, die anderen noch traditionsgemäß in die Düsseldorfer Altstadt. Und die letztere Gruppe zerfiel in die, die aber um 22.00 Uhr zu Hause sein wollten und die, die kein Ende fanden. Schließlich kam diese Tour, die fast 20 Jahre lang Vereinsveranstaltung war, nicht mehr zustande.

Ja früher, früher trank man sein Dekobier unmittelbar auf dem Boot, nachdem man den Tauchgang beendet hatte. Erst das Bier und dann sich aus dem Anzug schälen.

Oh, das ist heute verpönt. Erst wenn man wieder trocken mit Trainingsanzug und Wollmütze im Salon sitzt, trinkt man Kaffee oder Tee, eventuell auch eine Cola, aber nie Alkohol.

Er erzählt am Tisch die Story mit den abgestorbenen Gehirnzellen.

Alle wenden ihre Aufmerksamkeit ihm zu.

Vor ungefähr 15 Jahren beschäftigte sich der Sporttaucher, die Zeitschrift des deutschen Tauchsportverbandes, mit einem medizinischen Thema. Bei jedem Tauchgang würden Millionen von Gehirnzellen durch den Überdruck unter Wasser absterben: „Tauchen macht blöd“, hieß der Slogan. Allgemeines Gelächter ertönte, jeder versuchte mit einem weiteren Gag die Stimmung am Tisch noch höher zu bringen.

Christian erzählt weiter, wie die Diskussion fast ein Jahr lang in dieser monatlich erscheinenden Fachzeitschrift weiter aufgekocht wurde, Leserbriefe wurden veröffentlicht, Pro und Contra hielten sich die Waage, die Menge der abgestorbenen Gehirnzellen schwankte zwischen hunderttausend und vielen Millionen. Doch schließlich schrieb ein Taucher einen allgemein überzeugenden Leserbrief: Egal, welche Berechnung man anstellen würde, bei jeder Flasche Bier nach dem Tauchen würden auf jeden Fall mehr Gehirnzellen absterben. Danach war diese akademische Diskussion gestorben. Prost!

Allgemeiner Beifall, die Stimmung steigt weiter.

Am Counter des Tauchclubs steht eine neuartige Maschine, ein Postkartencomputer. Man wählt ein Foto vom Tauchgeschehen aus, gibt eine email-Adresse ein und schon ist die Postkarte mit dem obligatorischen Hai oder, was immer gefällt, bei dem Zuhausegebliebenen. Tolle Sache, denkt Christian, würde Veronika auch eine solche Karte schicken, aber ich kenne nicht ihre mail-Adresse.

Er steht vom Tisch auf und verlässt den Club, um eine traditionelle Postkarte zu kaufen. Wirklich originelle Karten haben sie hier in diesem Sinai-Touristenort nicht. Strandmotive, das Katharienenkloster, Red Sea Fotos und natürlich Unterwasseraufnahmen. Er kauft eine Karte, auf dem ein Taucher hinter einem wunderbar bunten Korallenstock zu sehen ist, erwirbt die für Germany notwendigen Briefmarken und geht zurück zum Club.

Letzte Runde im Happy hour wird eingeläutet. Last order!

Während Michael Stories von seiner Arbeit erzählt, schreibt Christian schnell einen kleinen Text auf die Postkarte:

Viele Grüße aus Sharm el Sheikh. Unsere Gruppe sitzt beim Bier und die Stimmung ist toll. Wir trinken auf die ersten sechs wunderbaren Tauchgänge hier am Sinai. Gestern waren wir draußen vor Ras Muhamed, dem Südkap der Sinai-Halbinsel. Das Meer fällt dort in einer Steilwand in scheinbar unbegrenzte Tiefen. Wir schwebten wie die Adler an dieser Wand herab. Leider sind auch hier schon Großfische selten.

Liebe Grüße

Christian

So, sein Flirtauftrag ist erfüllt, in der Hotelrezeption hängt eine Letterbox.

Alles andere später am Laptop über facebook. Er wendet sich wieder dem Gespräch am Tisch zu.

Pulsuz fraqment bitdi.

18,90 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Həcm:
180 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9783738025255
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar