Kitabı oxu: «Kronprinz Wilhelm: Ein Hohenzoller auf Holzschuhen»

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Die Autoren


John Dehé (rechts) studierte Niederländisch an der Universität von Amsterdam, war Niederländischlehrer in Purmerend und ist (Mit-)Autor zahlreicher Bücher und Artikel. Er schreibt hauptsächlich über die Regionalgeschichte von Waterland-Zaanstreek (Nordholland) und promovierte 2005 mit einer Arbeit über die Welt der Schleppboot-Schiffer und die ältesten öffentlichen Verkehrsmittel in Waterland. Sein neuestes Buch handelt von der Postzensur während des Ersten Weltkriegs.

Paul von Wolzogen Kühr studierte ebenfalls Niederländisch an der Universität Amsterdam, war Niederländischlehrer in Purmerend und später an der Europäischen Schule in Brüssel. Von 2008 bis zu seiner Pensionierung arbeitete er als Literaturexperte am Masterstudiengang der Hogeschool van Amsterdam.

John Dehé / Paul von Wolzogen Kühr

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Umschlagabbildung: Kronprinz Wilhelm im Wieringer Exil – auf Holzschuhen, inmitten einer Schar von Kindern, 23. März 1919 (Foto: unbekannt, Privatsammlung).

1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-041022-0

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-041023-7

epub: ISBN 978-3-17-041024-4

Inhaltsverzeichnis

1  Vorwort

2 Paul Moeyes

3  Einführung

4  1 Der Kronprinz, 1882–1918

5  2 Verbannung auf Wieringen, 1918–1923

6  3 Der Ex-Kronprinz, 1923–1951

7  4 Der Hohenzollern-Streit

8  Unser letztes Wort

9  Anmerkungen

10  Literaturverzeichnis

11  Quellenverzeichnis

12  Abbildungsverzeichnis

13  Namensregister

Vorwort
Paul Moeyes

Es war eine besondere Woche, diese zweite Novemberwoche 1918. Mehr als vier Jahre lang hatten die Niederlande es geschafft, sich aus dem Ersten Weltkrieg herauszuhalten – aber in der zweiten Novemberwoche schien alles schief zu gehen. Der Revolutionsgeist erfasste das ganze Land. Der sozialistische Führer Pieter Jelles Troelstra erklärte, die russische Arbeiterrevolution sei nun von Deutschland auf die Niederlande übergesprungen, und forderte die Regierung auf, ihm die Macht zu übertragen, um Blutvergießen zu vermeiden. Inmitten dieser innerstaatlichen Unruhen traten – im wahrsten Sinne des Wortes – auch zwei ausländische ›Problemfälle‹ auf. Am frühen Morgen des 10. November floh der deutsche Kaiser Wilhelm II. über die niederländische Grenze. Deutschland war im Begriff, den Krieg zu verlieren, und der ehemalige Oberste Kriegsherr suchte vor dem Hintergrund der Novemberrevolution und immer lauter erhobenen Forderungen nach seiner Abdankung nach einem sicheren Hafen in den neutralen Niederlanden. Am folgenden Tag beendete der Waffenstillstand den Ersten Weltkrieg. Einen weiteren Tag später, am Dienstagmorgen, dem 12. November, kam auch Kronprinz Wilhelm, der Sohn des Kaisers, in die Niederlande. »Er sah fröhlich und glücklich aus wie ein Ertrinkender, der gerade aus dem Wasser gerettet wurde«,1 berichtete der Tilburgsche Courant.

Die niederländische Regierung hingegen war über die Ankunft von Vater und Sohn Hohenzollern alles andere als erfreut. Der Kaiser und Kronprinz waren seit vier Jahren das Ziel alliierter Propaganda und wurden als Kriegsverbrecher und skrupellose Mörder gebrandmarkt. Die Niederlande würden sich international nicht beliebt machen, wenn sie diesen »Volksfeinden« Unterschlupf gewähren würden. Nach sorgfältiger Prüfung entschied man jedoch, dass die Niederlande nicht von der völkerrechtlichen Position abweichen dürften, die sie in den Kriegsjahren eingenommen hatten: Kriegsflüchtlinge wurden ohne Rücksicht auf die Person aufgenommen.

Die internationale Presse widmete dem Thema große Aufmerksamkeit. Die wildesten Gerüchte kursierten. In Frankreich wurde behauptet, der Kaiser würde genau wie einst Napoleon auf die Insel St. Helena verbannt. Die Franzosen fühlten sich in ihrer nationalen Ehre zutiefst gekränkt: »Das wollen wir nicht. Wir haben diese Schande nicht verdient; der gefallene Kaiser hat kein Recht, mit dem anderen, unserem, verglichen zu werden«,2 schrieb eine empörte französische Zeitung. Die niederländische Regierung entschied, dass der Ex-Kaiser und sein Sohn so bald wie möglich aus der Öffentlichkeit verschwinden sollten, auf dass sich das internationale Interesse schnell lege. Am 11. November wurde Wilhelm II. in das abgelegene Schloss Amerongen geschickt. Anfangs sollte er nur drei Tage als Gast des Grafen Bentinck und seiner Familie bleiben; am Ende waren es anderthalb Jahre, die er dort verbrachte.

Kronprinz Wilhelm war auf seiner »eigenen St. Helena« untergebracht: der Insel Wieringen. Eine andere Welt würde sich für den 36-jährigen Prinzen öffnen, der sein Leben in Luxus und Wohlstand verbracht hatte: »Wenn es die Absicht gewesen war, für den Wohnsitz des ehemaligen Kronprinzen einen völlig trostlosen, vom Rest der Welt abgeschiedenen Ort zu wählen, dann hat man mit der Insel Wieringen sicherlich eine gute Wahl getroffen«, berichtete der Nieuwe Tilburgsche Courant mit offensichtlicher Zustimmung.3 Es war sicherlich Absicht, dass die niederländische Regierung dem Kronprinzen keinen luxuriösen Wohnsitz zuwies. Die kritische in- und ausländische Presse sollte mit eigenen Augen sehen, dass der Prinz sein Exil statt im Luxus in den bescheidenen Verhältnissen der Insel Wieringen verbringen musste. Tatsächlich war das Pfarrhaus – auf Niederländisch Pastorie genannt –, in dem er untergebracht war, so dürftig eingerichtet, dass Wilhelm erst ein gewöhnliches Bad nehmen konnte, nachdem er eine Badewanne vom Festland hatte bringen lassen. Die Badewanne ist in einem Cartoon des niederländischen Künstlers Johan Braakensiek vom November 1918 zu sehen ( Abb. 28).

Dieses Buch erzählt die Geschichte des kulturellen Konflikts zwischen dem dekadenten deutschen Kronprinzen und den einfachen Fischern. Es zeichnet ein Bild der Lebensumstände, der Ausbildung und der Charakterbildung eines jungen Mannes, der glaubte, er sei dazu bestimmt, Kaiser von Deutschland zu werden. Es beschreibt seine Aktivitäten und Erfahrungen während des Ersten Weltkriegs und die Aufzeichnungen, die er davon in seinen Erinnerungen gemacht hat. Vor allem aber zeichnet es ein eindrucksvolles Bild von seinem Exil auf Wieringen: wie er sich bemühte, sich bei der Bevölkerung beliebt zu machen, und wie ihm dieses Vorhaben zumindest teilweise gelungen ist. Teilweise, denn Wilhelm pflegte einen recht extravaganten Lebensstil, der von Zeit zu Zeit direkt mit niederländischen Normen und Werten kollidierte und sogar in Den Haag Emotionen weckte: »Das ist ein feiner Herr! Er lässt sogar Frauen nach Wieringen kommen. Im deutschen Hauptquartier muss es bei ihm immer ein Schweinestall gewesen sein«,4 schrieb der katholische Arbeitsminister P. J. M. Aalberse – zweifellos kopfschüttelnd – im Dezember 1918 in sein Tagebuch. Und dann gab es noch Wilhelms politische Ambitionen, die stark darauf hindeuten, dass er Wieringen eher als sein Elba als sein St. Helena betrachtete. Was aus diesen Ambitionen wurde, wird in den letzten Kapiteln erzählt.

Kronprinz Wilhelm: Ein Hohenzoller auf Holzschuhen ist eine petite histoire eines vielleicht nicht sehr beeindruckenden Mannes in einer vielleicht nicht sehr ansprechenden Umgebung. Aber die Kombination des Kronprinzen und der Insel liefert eine schöne Geschichte, die nicht nur in diesem Buch erzählt, sondern auch farbenfroh illustriert wird. Und es spielt keine Rolle, dass Wilhelm kein dominanter Monarch, großer General oder begabter Staatsmann war. Wie die Autoren treffend sagen, er war »umstritten, und deshalb faszinierend«.

Einführung

Im Jahre 2013 veröffentlichte das Wieringer Eilandmuseum Jan Lont Wilhelm, kroonprins van Duitsland, Wieringer 1918–1923 (»Wilhelm, Kronprinz von Deutschland, Wieringer 1918–1923«). Das Büchlein war schnell ausverkauft und als wir beschlossen, die Geschichte des Kronprinzen nochmals nachzuzeichnen, wurde schnell klar, dass es sich dieses Mal nicht um ein Büchlein, sondern um ein Buch handeln würde – ein Buch mit vielen Bildern, um die Geschichte noch lebendiger zu machen.

Der Kronprinz war ein Mann mit vielen Gesichtern. Als er auf Wieringen ankam, war er berüchtigt als »der lachende Mörder von Verdun« – ein Augenzeuge will gesehen haben, dass das »Blut noch auf seinem Mantel« klebte.1 Er hatte außerdem einen zweifelhaften Ruf in Bezug auf seinen Umgang mit Frauen. Seine Ankunft auf Wieringen, aber auch seine Abreise sorgten für (inter-)nationale Aufregung. Als er 1923 die Insel verließ, bedauerten das die meisten Wieringer. Der Kronprinz hatte sich insgesamt als guter Nachbar herausgestellt. Diese Meinung änderte sich freilich später, als er mit den Nazis sympathisierte.

Der Kronprinz selbst schreibt seinen schlechten Ruf der Propaganda der Alliierten zu. Man neigt dazu, das zu glauben, und seine Feinde werden sicherlich zu seinem Image beigetragen haben – bis man die Geschichten über seine Exzesse und das Fehlverhalten der deutschen Truppen in Belgien und Frankreich gelesen hat. Was seinen Ruf als unermüdlicher Don Juan angeht, machte der Kronprinz kaum oder gar keinen Versuch, zu widersprechen. Er muss eingesehen haben, dass eine Korrektur dieses Bildes unmöglich war.

In Studien, Briefen, Tagebüchern, Romanen, Magazinen und Zeitungen wurde viel über den Kronprinzen geschrieben. Er wird in vielen Aufzeichnungen erwähnt, die jetzt Archivdokumente sind. Mit seinen Erinnerungen leistete auch er selbst – durch einen Ghostwriter – einen bedeutenden Beitrag zur Überlieferung seiner eigenen Lebensgeschichte. Diese Quellen haben einen sehr unterschiedlichen Charakter, manche rücken den Prinzen in gutes Licht, andere verlieren kein gutes Wort über ihn. Wir haben all dieses Material dankbar herangezogen – es zitiert, paraphrasiert und kombiniert sowie um unsere eigenen Kommentare und die anderer ergänzt.

Im Hauptteil des Buchs bleibt unsere persönliche Meinung über den Kronprinzen im Hintergrund, weil wir die Quellen für sich selbst sprechen lassen wollen, wenngleich wir es als unsere Pflicht ansahen, hier und da bereits einige Kommentare zu seinen Handlungen einzuflechten. Im Schlusskapitel ( Unser letztes Wort) verlassen wir die strenge Sachlichkeit unserer Quellen und den neutralen Ton des Buches, weil wir der Meinung waren, dass bestimmte Passagen nicht unkommentiert bleiben dürfen.

Wir hoffen, dass wir mit diesem Buch die vielen Gesichter des Kronprinzen zeigen und die relativ unbekannte Zeit seines Exils auf Wieringen einer breiteren Öffentlichkeit näher bringen können. Wir möchten uns bei allen bedanken, die zur Realisierung beigetragen haben. Besonderer Dank gilt Rob Holtjer und Kees van der Sluijs für seine Bemühungen und wertvollen Ergänzungen, genau wie Paul Moeyes, der uns beraten und unterstützt hat.

Zur deutschen Ausgabe

Aufgrund der vielen positiven Reaktionen auf unser Buch Wilhelm – een omstreden Eilandgast in den Niederlanden – die erste Ausgabe war innerhalb eines Jahres ausverkauft – haben wir uns für eine deutsche Sonderausgabe entschieden. Der Inhalt des Buches wurde behutsam an den unterschiedlichen Kenntnisstand und die unterschiedliche Interessenlage der Leser angepasst. So wurde für die deutsche Version etwa ein Kapitel über die jüngste Diskussion über die Rückgabe enteigneter Besitztümer der Hohenzollern ergänzt. Zitate aus niederländischen Quellen wurden für die deutsche Ausgabe von den Autoren übersetzt.

Kurzer Überblick über die Kapitel
Kapitel 1: Der Kronprinz, 1882–1918

Ein Porträt des Kronprinzen muss mit seiner Jugend anfangen, seiner Ausbildung im In- und Ausland, den Erfahrungen, die er dort gesammelt hat, den ersten Liebesaffären.

Als der Erste Weltkrieg 1914 ausbrach, versuchten die Niederlande, sich aus dem Krieg herauszuhalten. Auch wenn dies gelang, bekamen die Niederlande den Krieg zu spüren. Mobilisierung, Nahrungsmittelknappheit, die Ankunft vieler Flüchtlinge, Unsicherheit auf See und die Rationierung aller Arten von Nahrungsmitteln haben das Leben für vier Jahre verändert – auch auf Wieringen.

1918 flohen dann der deutsche Kaiser und sein Sohn in die »sicheren« Niederlande. Dieses Kapitel gibt einen Überblick über den militärischen und politischen Hintergrund und das Chaos in Deutschland. Auch die Flucht des Kronprinzen selbst wird ausführlich besprochen. Das Bild, das wir während des Ersten Weltkriegs vom Kronprinzen bekommen, ist weitgehend von alliierter Propaganda geprägt. Propaganda als Waffe im Kampf wird in diesem Kapitel ausführlich behandelt und mit zahlreichen Bildern illustriert.

Kapitel 2: Verbannung auf Wieringen, 1918–1923

Dieses Kapitel beschreibt die Ankunft des Kronprinzen auf Wieringen und seinen Aufenthalt dort. Er selbst erzählt davon in seinen Erinnerungen, daneben gibt es die Berichte zahlreicher Journalisten, die die Insel besuchten. Wir lesen, wie er das Vertrauen der Menschen auf der Insel gewinnt, seine Zeit verbringt, Freunde findet und ins Gerede kommt.

In England, aber insbesondere in Frankreich wurde die Auslieferung des Kronprinzen gefordert, den man als Kriegsverbrecher ansah. Die niederländische Regierung weigerte sich. Mithilfe von Freunden startete der Kronprinz eine Charmeoffensive, um seine Rückkehr nach Deutschland zu ermöglichen. Das Verfassen seiner Erinnerungen war Teil davon.

In einer heimlich vorbereiteten Aktion »floh« der Kronprinz im November 1923 nach Deutschland, sehr zum Zorn des Kaisers und der alliierten Mächte. In den Niederlanden waren die Meinungen geteilt. Auf Wieringen hatte man das Gefühl, dass der Frieden zurückgekehrt war. Zwar hatte der Kronprinz Wieringen im November 1923 verlassen, aber er würde in den folgenden Jahren nicht vergessen werden. Er kam einige Male auf die Insel zurück, Bücher über ihn wurden veröffentlicht, sogar ein Musical war ihm gewidmet. Zudem führte eine Diskussion über ein »Kronprinzenmuseum« zu erheblichen Spaltungen auf der Insel.

Kapitel 3: Der Ex-Kronprinz, 1923–1951

Obwohl der Kronprinz versprochen hatte, Abstand zur Politik zu halten, engagierte er sich bald nach seiner Rückkehr nach Deutschland wieder. Die Monarchisten sahen in ihm den idealen Reichspräsidenten. Zuerst hoffte er auf Unterstützung der Nazis, um die Monarchie wiederherzustellen, aber dieses Ziel blieb unerreichbar. Desillusioniert zog er sich in ein einfaches Haus in Hechingen zurück, wo er einsam starb.

Kapitel 4: Der Hohenzollern-Streit

In den letzten Jahren hat die Gemüter erhitzt, dass die Hohenzollern seit der Wiedervereinigung weitgehend hinter verschlossenen Türen mit dem deutschen Staat über die Rückgabe des Familienbesitzes verhandeln, der nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg insbesondere in der DDR enteignet worden war. Dreh- und Angelpunkt der juristischen Sachlage ist dabei die Frage, ob Familienmitglieder dem nationalsozialistischen oder dem kommunistischen System »erheblichen Vorschub« geleistet haben. Wäre das der Fall, kann die Rückerstattung verweigert werden. Ausschlaggebend dafür ist die Rolle, die der Kronprinz im Vorfeld und während des Zweiten Weltkriegs spielte – insbesondere die Zeit nach dem Tod des Kaisers 1941, in der Wilhelm auch offiziell das Familienoberhaupt war. Die Meinungen darüber, wie seine Rolle einzuschätzen ist, sind tief gespalten.

1 Der Kronprinz, 1882–1918
Das Elternhaus

Wilhelm wurde am 6. Mai 1882 als erster Sohn des letzten deutschen Kaisers geboren. Ein Kronprinz, der die Krone nicht mehr erlangen würde, entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Dazu bestimmt, seinem Vater auf dem Thron zu folgen und einer der mächtigsten Männer seiner Zeit zu werden, erwies sich Wilhelm als unfähig, mit den Mächten und Kräften umzugehen, die das frühe 20. Jahrhundert prägen würden. Sein Leben würde zu einer Reihe von Widersprüchen werden, die ihn in vielerlei Hinsicht charakterisieren. Er erhielt eine liebevolle Erziehung von seiner Mutter, aber beim Vater stieß er nur auf kalte Distanz; er wuchs am Hof in Berlin und im nahegelegenen Potsdam mit aller Pracht und Pomp auf, doch nach dem Krieg verschlug es ihn fünf lange Jahre unter schlechten Bedingungen auf eine unbekannte Insel in der Zuidersee in den Niederlanden; er war Oberbefehlshaber der Armee, hatte aber keinerlei Autorität. Seine Jugend voller Ehrgeiz und den strahlendsten Aussichten würde im Alter in eine relativ hoffnungslosen Existenz münden. Trotz seiner Stellung qua Geburt schreckte er nicht davor zurück, brüderlich mit dem einfachen Mann auf Tuchfühlung zu gehen. In Berlin genoss er an seinem Hochzeitstag einen ruhmvollen Umzug, bei dem er vom massenhaft zusammengeströmten Volk und Soldaten seiner eigenen Kompanie begrüßt wurde – aber nur Jahre später führte er, beschimpft und verspottet, nur von einer Handvoll Getreuer unterstützt, ein desillusioniertes Leben.

Friedrich Wilhelm Viktor August Ernst von Hohenzollern, wie sein voller Name lautete, wuchs im Neuen Palais im Park von Sanssouci in Potsdam auf. Dort hatte er eine unbeschwerte Kindheit mit seinen fünf Brüdern und seiner Schwester. Er wurde hauptsächlich von seiner Mutter erzogen, Auguste Victoria, Prinzessin zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg (geb. Dolzig, 22. Oktober 1858 – gest. Doorn/Niederlande, 11. April 1921). Sie war in bescheidenem bürgerlichen Umfeld aufgewachsen, nachdem ihre Familie in der Folge des Schleswig-Holstein-Aufstands gegen die dänische Herrschaft 1866 nach Thüringen verbannt worden war. Sie besaß eine starke soziale Ader und Wilhelms Beziehung zu seiner Mutter war stets liebevoll. Sie war eine Frau mit »preußischem Pflichtgefühl«, wie Wilhelm-Biograf Ries sagt, und anfangs hatte sie nur wenig politisches Interesse.

Gewiß, im Vergleich zu ihren Vorgängerinnen auf dem Thron war Auguste Victoria kein politischer Mensch. Dazu fehlte es ihr an Geschmeidigkeit und wohl auch an Übersicht. Darüber hinaus war ihrem Wesen die Fähigkeit zur Intrige fremd, welche die Politik der Wilhelminischen Ära mehr bestimmte, als es dem Staate guttat.1

Ihr Hauptanliegen war die Familie, vor allem ihr psychisch angeschlagener Ehemann, den sie gerade wegen seiner Schwächen und Mängel liebte. Wo ihr Mann den Kontakt mit seinen Kindern zu kurz kommen ließ, versuchte sie, dies zu kompensieren. Wilhelm konnte sich immer an sie wenden, wenn er wieder einmal mit seinem Vater aneinandergeriet oder vergeblich auf eine Antwort von ihm wartete. Die Kaiserin schaffte es regelmäßig, Konflikte zwischen ihrem Ehemann und seinem ältesten Sohn zu befrieden. Prinz Wilhelm schreibt in seinen Erinnerungen:

Der Mittelpunkt für uns Kinder war, seit ich denken kann, unsere geliebte Mutter. Von ihr ist Liebe und ist Wärme ausgegangen und zu uns gekommen. Was auch jemals unsere jungen Herzen an Freude oder Leid bewegen mochte, sie hat Verstehen und ein Mitschwingen und Mitempfinden dafür gehabt. Alles Beste unserer Kindheit, nein mehr: alles Beste an dem, was Elternhaus und Familie nur geben können, danken wie ihr. (Er. 3)

Prinz Wilhelms Vater, Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen (geb. Potsdam, 27. Januar 1859 – gest. Doorn/Niederlande, 4. Juni 1941) aus dem Hause Hohenzollern, war als Wilhelm II. der letzte deutsche Kaiser und König von Preußen. Er war ein Mann mit vielen Talenten und ebenso vielen Mängeln. Aufgrund einer Steißlage im Mutterleib war er mit einem verkümmerten linken Arm zur Welt gekommen, was ihm auch psychische Probleme bereitete. Er war ein schneller Denker und ein begabter Redner, aber auch ungeduldig, eitel, impulsiv und taktlos. Zudem entbehrte er jeglicher Menschenkenntnis.

Zwischen dem Kronprinzen und seinem Vater bestand von Anfang an eine große Distanz – was größtenteils die Schuld des Kaisers war. Wenn Prinz Wilhelm auf seine Kindheit zurückblickt, kann er sich nicht daran erinnern, dass sein Vater jemals anwesend war, als er mit seinen Brüdern spielte. Neben seiner Mutter waren Heimlehrern und Erziehern für Wilhelms Ausbildung zuständig. Diese fungierten, wie er es nannte, als ein »System von Dritten« (Er. 10), das den Kaiser über seinen Sohn informierte. Selbst für Kleinigkeiten, bei denen ein einziges väterliches Wort gereicht hätte, griff man auf Vermittler zurück. Ein direkter Kontakt bestand nicht, vor allem wohl deshalb, weil der Kaiser an einem persönlichen Meinungsaustausch mit seinem Sohn einfach kein Interesse hatte. Im Vermeiden von Kontakt konnte er sehr weit gehen.

In Bezug auf uns Söhne also kam es, als wir erst militärischen Rang bekleideten, dazu, daß der Kaiser mit uns im allgemeinen durch den General von Plessen verkehrte, und wir erhielten sogar gelegentlich wegen recht harmloser Dinge rein persönlicher Art Kabinettsorder zugestellt. […] Alles, was ich sprach oder tat, wurde ihm geschäftig zugetragen, und ich war damals jung und unbekümmert und habe so sicher manches unbedachte Wort gesprochen und manchen unbedachten Schritt getan. (Er. 10)

Um sich einzuschmeicheln, berichteten die »Vermittler« eifrig auch jeden noch so kleinen Fehltritt des jungen Wilhelm an den Kaiser, sodass sich die Beziehung zwischen Vater und Sohn stetig verschlechterte.

Kindheit und Jugend

Wilhelm war ein sozialer, temperamentvoller Junge mit vielen Interessen. An seinem sechsten Geburtstag im Jahr 1888 erhielt er seine erste Militäruniform, die bei formellen Anlässen und Festen getragen wurde. In diesem Jahr starb Kaiser Wilhelm I. und kurz darauf auch sein Sohn und Nachfolger, Kaiser Friedrich III. Noch im selben Jahr – man spricht vom »Dreikaiserjahr« – bestieg daraufhin Wilhelms Vater den Thron und Wilhelm war plötzlich Kronprinz geworden. So stand er schon in jungen Jahren im Zentrum des (internationalen) Interesses, was auch das Ende seiner unbeschwerten Kindheit bedeutete.

Mit sieben Jahren lernte er Reiten, was sein ganzes Leben lang eine Leidenschaft blieb. Neben dem Reiten und seiner Liebe zu Militäruniformen entwickelte er bereits früh eine dritte Leidenschaft: Frauen. Laut seinem Biografen Jonas fiel es den Menschen in seiner Umgebung auf, dass er sich schon in jungen Jahren sehr für schöne Frauen interessierte. Dies sollte eine wichtige Rolle in seinem Leben spielen.

Wenige Monate nach der Thronbesteigung seines Vaters, an dessen dreißigsten Geburtstag, war Wilhelm bereits zum Unteroffizier der preußischen Armee befördert worden. An seinem zehnten Geburtstag, dem 6. Mai 1892, trat er dann nach preußischer Tradition als Leutnant in die Leibkompanie des 1. Garderegiment zu Fuß ein. Zu diesem Anlass verlieh ihm sein Vater den Stern des Schwarzen Adlerordens.

Im Neuen Palais wurde Wilhelm – wie alle Generationen vor ihm – als preußischer Prinz erzogen. Wilhelm aber fühlte sich in dieser Rolle gefangen und sperrte sich dagegen. Als er 1896 die Kadettenschule in Plön in Schleswig-Holstein besuchte, erfuhr er die Nachteile dieser einsamen Erziehung und musste kämpfen, um sich an das neue Regime anzupassen: »Ich war als junger Mensch sicherlich kein Musterjüngling für das Schaufenster eines Knabenpensionates.« (Er. 29) Letztendlich verließ er die Schule 1900 jedoch erfolgreich.

Wilhelm ist ein sportlicher Typ und locker. Darüber hinaus zeigt er eine bemerkenswerte Abneigung gegen das formelle Verhalten, das sich für einen preußischen Prinzen ziemte.

Die Hohenzollern-Prinzen wurden bereits mit 18 Jahren für volljährig erklärt, was im Rahmen einer offiziellen Zeremonie erfolgte. Wilhelms Volljährigkeitserklärung fand am 6. Mai 1900 statt, nachdem er im Februar seine Abiturprüfung bestanden hatte, und geschah unter anderem in Anwesenheit königlicher Delegationen aus Österreich, Italien, Spanien und England.

In Potsdam sollte er in nur neun Wochen einen Militärkurs absolvieren, der eigentlich auf neun Monate angelegt war – ein Ansatz, der Fragen aufwirft. Aber diese unbotmäßige Eile und Schludrigkeit der Ausbildung hat Wilhelms Begeisterung für das Regiment nicht beeinträchtigt. In seinen


Abb. 1: Kronprinz Wilhelm in jungen Jahren, Postkarte um 1900.

Erinnerungen behauptet er, für seine Aufgabe als Offizier gut geeignet gewesen zu sein:

Ich wurde später als Leutnant und Zugführer der zweiten Kompanie zugeteilt, die mein Vater als junger Prinz befehligt hatte, und ich fühlte so: Du tust hier deine ersten Schritte auf einem Wege, der dich durch Lehrjahre hindurch zu großen Aufgaben führen soll. (Er. 33)

Im Ausland

Während seiner militärischen Ausbildung, mit 19 Jahren, reiste Wilhelm viel, um internationale oder oft auch familiäre Kontakte zu knüpfen bzw. zu pflegen. Sein Besuch bei Zar Nikolaus in Petersburg sollte die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland verbessern. Graf Waldersee schreibt über die Rolle dieser Reisen für die Entwicklung des Prinzen:

Der Kronprinz ist in Petersburg und soll seine Sache dort recht gut machen. Ich zweifle nicht daran, denn er hat bisher im Auslande überall sehr gefallen. Stets wird sein bescheidenes, dabei doch sicheres Auftreten und liebenswürdiges Wesen gelobt … die Hauptsache bleibt immer, daß der Kronprinz doch recht gute Fähigkeiten haben soll. Ich bin überzeugt, er lernt bei seinen Reisen durch Erweiterung seines Gesichtskreises mehr als in Bonn.2

Letzteres war sicherlich richtig, denn nach zwei Jahren, in denen seine Kommilitonen noch nicht die Hälfte des regulären Lehrplans absolviert haben, wird Wilhelm bereits der Abschluss ausgestellt, ohne dass dieser etwas Erwähnenswertes gelernt hätte. Einer seiner Lehrer, Professor Zorn, sagt sogar offen: »Die Berührung mit der Wissenschaft blieb doch nur Berührung […]. Keiner seiner Lehrer hat auf den Kronprinzen richtunggebend eingewirkt.«3

Beliebte Unterhaltung

Kronprinz Wilhelm mochte schöne Kleidung und stand gern im Mittelpunkt. Er kleidete sich gern in eng geschnittenen Uniformen nach der neuesten Mode und suchte die Gesellschaft schöner englischer Mädchen. Dieses Verhalten brachte ihm viele Freunde ein, die sich im Abglanz des mondänen Thronfolgers sonnen wollten, aber auch viele Feinde, die ihn deshalb für oberflächlich, leichtfertig und für eine so wichtige Funktion für völlig ungeeignet hielten. Von diesen Kritikern, auf deren Spott er immer zählen konnte, distanzierte sich Wilhelm offen. Auf jeden Fall störte ihn das nicht weiter: Häufig war er im Nachtleben zu sehen und er liebte die Operetten von Franz Lehár. Operetten wie Lehárs Die lustige Witwe oder Carl Millöckers Der Bettelstudent waren seiner musikalischen Vorliebe näher als klassische Komponisten. Populäre Unterhaltung – das war perfekt für ihn. Als fanatischer Sportler trat er mit und gegen Leute aus der Unterschicht an und wurde häufig für seine Besuche der ausverkauften Sechstagerennen Berlins verspottet, wo er inmitten der Menge die Radfahrer begeistert anfeuerte.

Mit seinen Besuchen des Berliner Renn-Ovals machte sich Wilhelm bei den einfachen Menschen beliebt, bei seinem Vater jedoch weniger. Die Gegner des Prinzen veranlassten, dass der Kaiser die entsprechenden Berichte zu sehen bekam, aber Wilhelm kümmerte sich nicht um seine Kritik. Er glaubte, dass es als zukünftiges Staatsoberhaupt seine Aufgabe sei, Menschen aller Art einander näher zu bringen:

Die sportliche Gemeinschaft ist wie kaum eine andere Grundlage geeignet, innere und äußere Schranken zwischen den gleichstrebenden Menschen aufzuheben, denn gerade bei Sport entscheidet ja nur die tatsächliche und jederzeit offenkundige Höchstleistung. Wer sie vollbringt – ob Junker, Kaufmann oder Fabrikarbeiter, ob Christ, ob Jude oder Muselmann – das ist gleichgültig. (Er. 37)

Reiten und Zeichnen

Wilhelms größtes Interesse galt immer der Armee. Er erhält seine militärische Ausbildung von mehreren Regimentern, denen er immer leidenschaftlich gedient hat. Regelwidrig und zum Ärger seines Vaters hatte er sich laut Ries den englischen Reitstil angewöhnt,4 mit nach vorne gestreckten Beinen. Dieser Stil unterscheidet sich deutlich vom strengen preußischen Reitstil und war dem Kaiser daher ein Dorn im Auge.

Neben seiner Begeisterung für den Sport hatte Wilhelm ein Talent für Porträtzeichnungen. Begeistert verfolgte er die Lektionen, die er darin von Professor Adolf von Menzel erhielt. Sie waren eine willkommene Abwechslung zu den vielen Verpflichtungen, denen er als Kronprinz nicht entkommen konnte. Später, an der Front und auf Wieringen, zeichnete Wilhelm viele Porträts und schenke sie oft denjenigen, die für ihn posierten ( Wilhelm als Künstler).

Abb. 2: Der Kronprinz demonstriert den englischen Reitstil.

Heirat mit Cecilie

1904 verlobte sich Wilhelm mit Cecilie Auguste Marie (geb. Schwerin, 20. September 1886 – gest. Bad Kissingen, 6. Mai 1954), der Herzogin zu Mecklenburg. Wilhelms Eltern waren sehr zufrieden mit dieser Wahl und hofften, dass seine unbändige Tendenz zur »unmoralischen freien Liebe« durch ihre Heirat etwas eingehegt werden könnte.

Laut Ries war es eine Liebesheirat unterschiedlicher Naturen, die aber durchaus auch ihre gemeinsamen Interessen hatten.5 Beide waren gern in der Natur, teilten eine Leidenschaft für Pferde und Hunde und hatten den gleichen Sinn für Humor.

Die Hochzeit fand ein Jahr später in Berlin statt. Während seines Exils auf Wieringen schreibt Wilhelm in seinen Erinnerungen:

Ein gütiges Geschick hat es gefügt, daß meine Wahl frei von einengenden politischen oder dynastischen Rücksichten auf die Frau fallen konnte, der ich von Herzen zugetan war und die auch mir gern ihre Hand gegeben hat. Wir haben uns in echter und aufrichtiger Zuneigung zu einander gefunden. […] Wenn in den Zeitungen mehrfach zu lesen war: »Die Scheidung des Kronprinzenpaares nahe bevorstehend«, dann hat das auf uns beide nur fröhlich erheiternd gewirkt: Was doch die Herrschaften Bedarf an Sensationen haben! Meiner Frau aber kann ich nur aus tiefem Herzen dafür danken, daß sie mir als bester und als treuester Freund und Kamerad zur Seite gestanden hat: eine fürsorgende Gattin und Mutter, nachsichtig und gütig verzeihend gegen manche meiner Fehler, voll Verstehen für das, was ich bin, unbeirrt zu mir haltend im Glück wie im Unglück. (Er. 57)


Abb. 3: Verlobung Wilhelm und Cecilie, Postkarte 1905.

Diesem Bild, das Wilhelm in seinen Erinnerungen von seiner Ehe zeichnet, ist aber wohl nicht zu trauen. Laut Wilhelms Freunden war der größte Glanz bereits während der Flitterwochen verflogen. Schon bald hatte sich das Paar nichts mehr zu sagen und der Thronfolger sehnte sich nach seinen alten Freunden. Wenig taktvoll, aber offen und ruhig erklärte er seiner jungen Gattin, dass sie bei den Unternehmungen mit seinen Freunden nur störe.6 Seine Freunde, nicht Cecilie, stünden immer noch an erster Stelle.

Hinzu kam das unbändige Bedürfnis nach sexuellen Eskapaden, das ihn seit seiner Jugend geprägt hatte. Der Kronprinzessin blieben diese Abenteuer natürlich nicht verborgen, was unerträgliche Spannungen verursachte. Wilhelms Freunde versuchten ihn dazu zu bringen, sein Verhalten zu ändern. Sie sahen, dass seine Ehe und sein Ruf in Gefahr waren – aber ohne Erfolg: Wilhelm hatte nie gelernt, etwas zu tun, worauf er keine Lust hatte. Infolgedessen sahen sich die Eheleute immer weniger und Cecilie entwickelte eine bittere Eifersucht gegen Wilhelms besten Freunde. Trotz der Geburt ihres ersten Sohnes lebten sie sich zunehmend auseinander.

Politische Ambitionen

Am 19. September 1907, mit 25 Jahren, ernannte sein Vater Wilhelm zum Major im Regiment Garde-du-Corps. Zum Leidwesen des Kaisers zeigt Wilhelm aber auch politische Bestrebungen. Er will im politischen und wirtschaftlichen Bereich tätig sein und muss alle Register ziehen, um die Erlaubnis zum weiteren Studium zu erhalten. Sein Vater sieht schließlich ein, dass Wilhelm als zukünftiger Kaiser auch Kenntnisse über Staatsangelegenheiten haben muss, und willigt ein, dass Wilhelm eine einjährige Weiterbildung im Ministerium des Innern erhält.

Obwohl Wilhelm mit einer Studie, die in dieser Zeit entsteht, promoviert wurde, hat er laut seinen Lehrern auch im Innenministerium wenig gelernt. Wilhelm selbst schildert sich jedoch als fleißigen und begeisterten Studenten. Tatsächlich war er wohl nicht viel mehr als ein Büroangestellter – was ihn nicht davon abhielt, jeden Morgen als Major in Uniform des 2. Kürassier Regiments zur Arbeit im Ministerium zu erscheinen.

Wilhelm hatte gehofft, sich nach dieser Ausbildung in auswärtigen Angelegenheiten zu engagieren, aber sein Vater ließ das nicht zu. Mehr und mehr wurde ihm klar, dass die Unterschiede zwischen ihm und seinem Vater noch größer waren als gedacht. Sie sehen Kultur und Innenpolitik anders. Außerdem war ihm sein Vater zu »theoretisch« – Wilhelm war überzeugt, dass der Kaiser nicht voll im Leben stehe. Außerdem berücksichtige die deutsche Monarchie die Entwicklungen der neuen Zeit zu wenig. Auch hier zeigte sich seine Vorliebe für den englischen Staat, den er dank vieler Reisen gut kannte.

Dem Willen des Kaisers zum Trotz konnte der Kronprinz nicht widerstehen, sich in die internationale Politik einzumischen. Als Deutschland in einen Konflikt mit Frankreich um Handelsinteressen in Marokko verwickelt war, schrieb er einen Brief an Reichskanzler von Bülow, in dem er sich auf einen Artikel in der hochnationalistischen Rheinisch-Westfälischen Zeitung bezog und sich dafür einsetzte, den Franzosen eine Lektion zu erteilen und ein Kriegsschiff nach Casablanca zu schicken. Laut von Bülow zeigte er in diesem Brief ein schockierend unreifes Verhalten in politischen Angelegenheiten.7

Im Jahr 1908 erlebte Deutschland erstmals ernsthafte Unruhen gegen den Kaiser. Der Kaiser war vom Reichstagsaufstand so getroffen, dass er wochenlang das Krankenbett hüten musste – man forderte der Kronprinz auf, seinen Vater zu vertreten. Während dieser kurzen Zeit bemerkte Wilhelm, dass sein Vater verschiedene wichtige Angelegenheiten im Land nicht kannte.

In der Folge reiste er wieder eine längere Zeit durch Europa, besuchte viele Länder, einschließlich Rumänien, und sah aus erster Hand, dass die Spannungen in Europa erheblich zunahmen. Er engagierte sich zunehmend in der internationalen Politik und warnte bei seiner Rückkehr nach Deutschland vor den wachsenden antideutschen Gefühlen – doch diese Warnungen wurden ignoriert. Besonders opponierte er gegen Politiker, die glaubten, dass England nicht gegen Deutschland in den Krieg ziehen werde, aber auch mit dieser Meinung fand er kein Gehör.

Im Herbst 1909 wurde der Kronprinz für zwei Jahre zum Kommandeur des 1. Bataillons des 1. Garderegiments zu Fuß ernannt. In diesem Jahr flog er außerdem sieben Minuten lang mit dem amerikanischen Flugpionier Orville Wright über Berlin. Wilhelm war so begeistert davon, dass er sein eigenes Flugzeug haben wollte. Er sprach darüber mit Cecilie, aber fand ein paar Tage später einen Artikel in der Presse, »der im Interesse des Staates von ihm als zukünftigem Kaiser forderte, daß er sich nicht leichtsinnig dieser Gefahr aussetzen dürfe. Erst sehr viel später erfuhr er, daß seine Lebensgattin aus Liebe zu ihm und Sorge diese Warnung in die Zeitung lanciert hatte.«8

Danzig: Totenkopfhusaren

1910 bereitete das Auswärtige Amt in Berlin in Zusammenarbeit mit König George V. eine Reise des Kronprinzenpaares nach Indien vor, da die Briten dort noch Kolonialmacht waren.

Als Wilhelm von seiner Reise nach Indien zurückkehrte, drückte er erneut seinen Wunsch aus, in der Nähe des Regierungszentrums zu bleiben und politische Aufgaben zu übernehmen. Aber die Berater aus der Umgebung des Kaisers unterstützten dieses Ansinnen nicht. Sein Vater, der generell kein Vertrauen in seine politischen Fähigkeiten hat, versuchte buchstäblich, ihn so weit wie möglich von der Politik fernzuhalten: Er versetzte Wilhelm von Berlin nach Danzig und ernennt ihn 1911 zum Kommandeur des 1. Leib-Husaren-Regiments in Langfuhr bei Danzig, besser bekannt als Totenkopfhusaren. Das schien zunächst wenig verlockend und Wilhelm ahnte auch, welche Absichten sein Vater mit dieser Versetzung hat.

Er passte sich jedoch schnell an, denn in Danzig konnte er Reiten und Fußball spielen. Er kümmert sich kaum um sein Regiment, geht auf viele Partys und kutschiert in schnellen Autos junge Frauen zwischen Danzig und Langfuhr auf und ab. Dieses Leben als Playboy hat für ihn kaum Grenzen – zum Ärger seiner Offiziere, die meinen, seine Lebensweise zieme sich für seine Position als Thronfolger nicht.

In seinen Erinnerungen erhält man den Eindruck, dass in dieser Zeit alles zum Besten stehe und Wilhelm in Harmonie mit seiner Familie und seinen Kollegen gelebt hätte. Er nennt die zweieinhalb Jahre in Danzig die »glücklichsten seines Lebens«, getrübt nur von der Sorge um die allgemeine Situation.

Wir wohnten in einer kleinen Villa, die kaum den nötigen Raum bot für meine damals schon recht ansehnliche Familie. Wir haben uns aber doch recht behaglich eingerichtet und führten ein harmonisches glückliches Leben.

Das Offizierskorps war durchgängig jung, adelige und bürgerliche Kameraden bunt durcheinander. […] Die meisten waren Söhne von Grundbesitzern in Ost- und Westpreußen, deren Väter und Großvater auch schon die schwarze Attila und den Totenkopfhusaren getragen hatten. (Er. 122)

Abb. 4: Die schwarze Attila und die Pelzmütze mit dem Totenkopf, die er zu besonderen Anlässen mit Stolz tragen würde, würden Wilhelms Markenzeichen werden.

Unruhen im Reichstag

Kurz nach seiner Versetzung nach Danzig geriet Wilhelm in Konflikt mit dem Reichskanzler Bethmann Hollweg, was seinen Ruf im In- und Ausland schwer beschädigte. Am 9. November 1911 besuchte Wilhelm den Reichstag in Berlin. Seine Absicht war es, Kritiker von Bethmann Hollweg in der oben erwähnten Marokko-Frage zu unterstützen. Als der konservative Abgeordnete von Heydebrand seine Rede gegen Bethmanns Politik hielt, applaudierte der Kronprinz übermäßig laut und schlug mit dem Knauf seines Degens auf die Logenbrüstung. Offenbar war ihm nicht klar, dass dieses Verhalten international großes Aufsehen erregen würde. Noch am selben Abend bestellte ihn sein Vater ins Berliner Schloss ein, wo er während des Abendessens von dem ebenfalls eingeladenen Bethmann eine Nachhilfestunde hinsichtlich der Position Deutschlands in der Außenpolitik im Allgemeinen und über die Pflichten des Thronfolgers im Besonderen erhielt. Wilhelm würde bald bemerken, dass man in Frankreich über seinen unangemessenen Auftritt im Reichstag bestürzt war, was die internationalen Beziehungen unnötig verschärfte. Die Kritik war auch in England hart. Man fühlte sich unter Druck gesetzt und hielt Wilhelm politische Ahnungslosigkeit vor, schließlich würde er sich normalerweise nur für oberflächlichen Freuden wie Polo und Jagd interessieren und jede ernsthafte Arbeit meiden. Besonders getroffen hat ihn die Kritik seiner englischen Freunde. Zwar bemühte sich Wilhelm, den Schaden zu reparieren – besonders bei ihnen –, aber die Einsicht, dass er sich mit seinem unüberlegten Schritt vor aller Welt lächerlich gemacht hatte, kam zu spät.

Trotzdem erfuhr Wilhelm 1914 eine beträchtliche Beförderung. Generaloberst von Eichhorn, der die 5. Armee führen sollte, war schwer krank geworden und auf Empfehlung des Generalstabschefs von Moltke ernannte der Kaiser den Thronfolger zum Befehlshaber der 5. Armee.

Um seinen Mangel an militärischer Erfahrung auszugleichen, wurde ihm ein besonders erfahrener Generalstabschef, der Generalleutnant Schmidt v. Knobelsdorf zugeteilt. »Was er Dir rät, mußt Du tun«, sagte der Kaiser. Dankbar war der Kronprinz für die ergänzenden Worte des Generals Moltke: »Sie haben guten militärischen Blick und gesunden Menschenverstand. So wie die anderen werden Sie Ihre Sache auch machen. Vergessen Sie nie, daß der Armeeführer verantwortlich ist und bleibt. Der Chef [Generalstabschef, zuständig für die Planung militärischer Operationen] hat nur Rat zu geben. Und nun – Gott schütze Sie.«9

Der unvermeidliche Krieg

Im Sommer 1914 erhielt Wilhelm nach einer Reise durch die Vogesen einige Wochen Sommerurlaub, den seine Familie und er in einer kleinen Villa in der Gemeinde Zoppot an der Ostsee verbrachten. Dort erreichte sie die Nachricht über den Mord an Franz-Ferdinand von Österreich. In seinen Erinnerungen schreibt Wilhelm:

Scharf, klar, als ob das gestern erst gewesen wäre, erinnere ich mich noch des 30. Juli. Mein Adjutant Müller und ich lagen in den Dünen und sonnten uns nach einem herrlichen Bade in der See – als mir von einem nachgesandten Boten eine dringende Depesche gebracht wurde. Sie enthielt den Befehl Seiner Majestät für mich, sofort nach Potsdam zu kommen. Jetzt sehen wir den ganzen Ernst der Lage. Ich reiste sogleich.

Nach Tisch ging Seine Majestät mit mir und dem Prinzen Heinrich im Garten auf und ab. […] Ich geriet noch mit meinem Onkel aneinander, als ich behauptete, daß England, wenn es zum Kriege käme, todsicher auf der Seite unserer Gegner stehen werde. Prinz Heinrich bestritt dies. So fand ich hier den gleichen Optimismus gegenüber England, der auch den Blick des Reichskanzlers umschleiert hielt, da er bis zum letzten Augenblicke fest an die Neutralität Englands glaubte. Seine Majestät war sich noch zweifelhaft über die Stellung, die England im Falle des Krieges etwa einnehmen würde. (Er. 135)

Wieder findet Wilhelm für seine Ansichten keine Unterstützung, wie ein letztes Gespräch mit Reichskanzler von Bethmann Hollweg vor seiner Abreise an die Front zeigt:

Bethmann: »Wird die Armee es schaffen?«

Ich: »Was eine Armee der Welt schaffen kann, das schaffen wir, aber ich kann es nicht unterlassen, Eure Exzellenz darauf hinzuweisen, daß die politische Konstellation, unter der wir in den Krieg eintreten, die denkbar ungünstigste ist.«

Bethmann: »Inwiefern?«

Ich: »Das ist doch klar: Rußland, Frankreich, England auf der Gegenseite, Italien und Rumänien günstigsten Falles neutral – aber auch das ist unwahrscheinlich.«

Bethmann: »Das ist ja ausgeschlossen, England bleibt bestimmt neutral!« (Er. 137–139)

Rückblickend kann er sich nur über die naiven Ansichten von Bethmann beschweren: »Dank einer unglaublich blinden Führung unserer äußeren Politik sind wir so in den Weltkrieg hineingetapert.« (Er. 139)

Abb. 5: Kaiser und Kronprinz vom Krieg gezeichnet, englische Postkarte der »Ludgate Serie«, September 1915.

Die Niederlande spüren den Krieg

Als sich im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts abzeichnete, dass es zu internationalen Spannungen kommen würde, hatten die Niederlande ihre Strategie bereits festgelegt: Sie wollten neutral bleiben. Diese Strategie war im Deutsch-Französischen Krieg erfolgreich gewesen und man war zuversichtlich, dass die Neutralitätspolitik auch jetzt funktionieren würde.

Die Politik des Kriegskabinetts von Cort van der Linden bestand darin, sich keiner der Kriegsparteien zu verpflichten. Das bedeutete sorgfältige Diplomatie, aber keine völlige Zurückhaltung, da die Niederlande von beiden Kriegsparteien abhängig waren. Das Land brauchte deutsche Kohle und Eisenerz und auch Getreide und Tierfutter mussten importiert werden.

Moeyes beschreibt die Beteiligung der Niederlande am Krieg wie folgt:

Eine vierjährige allgemeine Mobilisierung, wiederholte größere und kleinere politische Konflikte mit Kriegführenden; Momente akuter Kriegsgefahr; eine gestörte Wirtschaft; eine erzwungene Trennung der engen Beziehungen zu Niederländisch-Ostindien; die Aufnahme von einer Million belgischer Flüchtlinge und die Internierung von Zehntausenden von Soldaten; weit verbreitete sozialer Unzufriedenheit, die sich in Demonstrationen, Unruhen und Aufruhr äußerte; im letzten Kriegsjahr der Verlust von insgesamt 147 Handelsschiffen und 151 Fischerbooten (mehr als tausend Menschen an Bord getötet) und 138 Schiffe von den Alliierten 1918 beschlagnahmt; allgemeiner Mangel an Gütern, der die Rationierung von Nahrungsmitteln und Treibstoff in Großstädten erzwang; ein Revolutionsversuch in Nachahmung Russlands und Deutschlands und der in die Niederlande geflohen deutschen Kaisers sowie der Kronprinz, die von der Entente als Kriegsverbrecher bezeichnet wurden.10

In den Niederlanden war der Krieg also täglich zu spüren. Bereits im September 1914 war folgende Klage in der Purmerender Courant zu lesen:

Hunger und Elend haben bereits die Schwellen von Tausenden von Familien überschritten. Denn für Holland, das sich nicht einmal im Krieg befindet, ist bereits die Mobilisierung eine Katastrophe. Handel und Industrie stehen still. Fabriken und Werkstätten sind geschlossen. In einer langen Schlange drängen sich Menschen vor den Gebäuden, wo sie um Brot für sich und ihre Kinder bitten. Und hierunter viele mit besorgten Gesichtern, auf denen Angst und Leid bereits ihre Spuren hinterlassen haben, die bisher nie die Hand aufhalten mussten. Und im Moment kann noch etwas gegeben werden, um diese Hungersnot zu lindern, aber bald werden diese Lebensquellen ausgetrocknet sein, bald müssen Frauen und Männer mit ihren Kindern mit leeren Händen zurückgeschickt werden, schlimmer noch mit leeren Mägen. Mehr gibt es nicht!11

Ein Lebensmittelgesetz (3. August 1914) sollte die Turbulenzen der Lebensmittelpreise abfedern, aber die Probleme nahmen weiter zu. Die Knappheit bestimmter Lebensmittel wurde durch Spekulanten und durch groß angelegte Exportbetrügereien mitverursacht. Auch andere unverzichtbare Güter (wie Kraftstoffe) wurden immer knapper. In mehreren niederländischen Gemeinden wurde wie in Deutschland bereits Mitte 1915 ein System angewendet, bei dem Brot nur gegen Vorlage einer »Brotkarte« zur Verfügung gestellt wurde. Das sogenannte »Regierungsbrot« war ein billiges, dunkles Weizenbrot.

Das Zuteilungsgesetz (19. August 1916) sollte dafür sorgen, dass überall ausreichend Lebensmittel, Rohstoffe zu deren Produktion, Kraftstoffe und Haushaltsgegenstände verfügbar waren – zu von der Regierung festgelegten Höchstpreisen. Jede Gemeinde musste melden, welche Produkte auf Lager waren und was benötigt wurde. Überschüsse wurden anderswo verkauft oder verarbeitet. Im Herbst 1916 wurden vielerorts »Lebensmittelunternehmen« gegründet, um den Nachschub zu steuern. Durch lokale Zeitungen wurden Bevölkerung und Lieferanten informiert und angewiesen, wobei Mitteilungen sich oft einer eher bedrohlichen Sprache bedienten und für »einfache Menschen« kaum verständlich waren.

Nach der Brotkarte wurden bald Marken für andere Waren eingeführt. Neben dem »Regierungsbrot« entwickelte im Laufe des Jahres 1917 das Landwirtschaftsministerium einen bemerkenswerten Plan: die »Einheitswurst«. Das verfügbare Fleisch wurde gemischt und durch den Fleischwolf gedreht und nach vorgeschriebenem Rezept gewürzt. Auf diese Weise haben alle das Gleiche bekommen.

Trotz solcher Maßnahmen verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation, auch weil das Meer langsam, aber sicher unpassierbar wurde. Nicht nur wegen der Minenfelder, sondern auch, weil Schiffe von England und Deutschland festgesetzt oder versenkt wurden. Nachdem Deutschland im Februar 1917 einen uneingeschränkten U-Boot-Krieg erklärt hatte, waren selbst Schiffe aus neutralen Ländern nicht mehr sicher. Die Engländer blockierten die Versorgung Deutschlands und trafen damit auch die Niederlande, etwa weil der Handel mit Niederländisch-Ostindien wegfiel. Der Kanal wurde zu einer gefährlichen Wasserstraße, das Fischen in der Nordsee praktisch unmöglich. Fisch wurde knapp.

Abb. 6: Angespülte englische Seemine am belgischen Strand in einer »Original-Aufnahme vom Kriegsschauplatz«, deutsche Postkarte.

Das Kriegsende in den Niederlanden

1914 erwartete man, dass die Mobilisierung nicht lange dauern würde. Der Krieg würde vor Weihnachten vorbei sein und alle wären wieder zu Hause. Als sich dies nicht einstellte, wurde regelmäßig gefordert, die Mobilisierung zu beenden. Für die Niederlande würde keine Kriegsgefahr mehr bestehen. Die Regierung blieb jedoch standhaft: Demobilisierung würde die falsche Botschaft an die benachbarten Länder senden.

So verzögerte sich die Demobilisierung noch eine Weile. Einen Tag, nachdem der Waffenstillstand vom 11. November 1918 die Kampfhandlungen beendet hatte, kündigte der Kriegsminister im Parlament an, dass fast die Hälfte der mobilisierten Menschen nach Hause gehen könnte. Entlang der Grenzen bliebt das Kriegsrecht jedoch in Kraft und die Truppen sollten den Schmuggel nach Deutschland bekämpfen.

Das Kriegsende bedeutete noch nicht das Ende der englischen Blockadepolitik. Immerhin begann man mit der Räumung der Seeminen. Die Nahrungsmittel- und Kraftstoffknappheit hielt an, die Rationierung der


Abb. 7: »Nicht in die Kneipe, sondern direkt nach Hause«, niederländisches Plakat zur Demobilisierung.

Lebensmittel sollte noch viele Jahre in Kraft bleiben und überall gab es Beschwerden über die Preise. Wie in den Nachbarländern erschienen auch in den Niederlanden viele Ersatzprodukte auf dem Markt. Eicheln, Tulpen und Hyazinthenzwiebeln wurden verwendet, um Kaffeeersatz herzustellen. Junge Weißdornblätter dienten als Ersatz für Tee.

Abb. 8: Ausstellung zugunsten belgischer Flüchtlinge in Den Haag, Plakat von Leo Gestel.

Die Flüchtlinge

Eine der tiefgreifendsten Folgen des Krieges für die niederländische Gesellschaft war der gigantische Flüchtlingsstrom aus Belgien, der ab dem 4. August 1914 von der deutschen Armee auf dem Weg nach Frankreich ausgelöst wurde. Viele flohen sofort, aber der Strom nahm noch zu, als Deutschland Anfang Oktober Antwerpen angriff und schwer bombardierte.

Das Chaos in den Grenzgebieten war groß und die Regierung stand vor der schwierigen Aufgabe, den Flüchtlingsstrom zu kontrollieren. Ministerpräsident Cort van der Linden, der auch Innenminister war, übernahm die Verantwortung für die zivilen Flüchtlinge. Kriegsminister Bosboom wurde mit der Internierung von geflüchteten Soldaten beauftragt. Manchmal führte die Zusammenarbeit zu Spannungen, hauptsächlich weil Bosboom wie sein ranghöchster General Snijders gegenüber zivilen Flüchtlingen eine härtere Linie verfolgen wollte.

Ungefähr 35.000 belgische Soldaten, die um Antwerpen stationiert waren, flohen in die Niederlande. Aber auch britische und deutsche Soldaten überquerten die Grenze. Sie wurden entwaffnet und für die Dauer des Kriegs in Kasernen oder hastig errichteten Lagern interniert.

Der Zustrom ziviler Flüchtlinge war noch größer. Mehr als eine Million Belgier überquerten die Grenze, mit der Straßenbahn, dem Zug, die meisten aber zu Fuß oder mit verschiedenen Arten von Autos und Karren. Auch wenn viele Schutz bei Einzelpersonen im ganzen Land fanden, mussten auch für die zivilen Flüchtlinge Lager (»Zufluchtsorte«) gebaut werden. An verschiedenen Orten (einschließlich Den Helder, Anfang September) wurden Unterstützungskomitees eingerichtet, die Geld und Waren sammelten.

Das Ende des Deutschen Reiches

Die Ansichtskarte »Aus großer Zeit« ( Abb. 9) zeigt den Kaiser als Obersten Kriegsherrn an zentraler Stelle inmitten seiner Generäle. Als der Krieg jedoch Realität wurde, übergab er die eigentliche Leitung seinem Generalstab. Er sah ein, dass ihm die strategische Einsicht fehlte; vor Jahren schon war er bei wichtigen Manövern der Führung entbunden worden, weil alles schiefging.

Neben der Unterzeichnung der Befehle war die Hauptaufgabe des Kaisers die Aufrechterhaltung der Moral und die nationale Öffentlichkeitsarbeit. Er folgte seinen Generälen zum Militärhauptquartier in Spa und Pless, besuchte die Truppen und die Lazarette und verteilte Eiserne Kreuze. Er posierte mit seinen Generälen für Fotos, auf denen er auf Stabskarten Ziele anzeigt. Sein verkrüppelter linker Arm blieb außer Sicht. Im Privaten zeichnete er die sich ständig ändernden Fronten mit Buntstiften sauber auf seine Karten. Zwar äußerte er in Absprache mit seinem Militärstab


Abb. 9: »Aus großer Zeit«, deutsche Postkarte, 1914.

Meinungen, aber die Generäle arbeiteten ihre Pläne anschließend unabhängig aus. Die tatsächliche Entwicklung der Schlacht wurde ihm von seinen Adjutanten mitgeteilt. Dass er nur eine symbolische Funktion hatte, nagte an seinem Selbstbild:

Wenn man sich in Deutschland vorstellt, ich befehle die Armee, irrt man sich sehr. Ich trinke Tee und säge Holz und gehe spazieren, und dann höre ich von Zeit zu Zeit, dass dies und das passiert ist, so wie es die Herren [das Armeekommando] mögen.12

Vor der Hölle dieses Krieges mit seinen überfluteten Gräben, Mondlandschaften mit endlosem Stacheldraht, schrecklichen Bombenangriffen, spurlos gesunkenen Schiffen und U-Booten, Hunger, Verstümmelungen und Leichen blieb Kaiser Wilhelm trotz seiner Besuche in Lazaretten und Massengräbern und der Reisen durch zerstörte Landschaften und Dörfer verschont. Die Front, wenn er sie überhaupt sah, sah er nur durch ein Fernglas.

Ab Juli 1918 verschlechterte sich die Situation für die deutsche Armee weiter und der Mangel an Nachschub wurde aufgrund der alliierten Blockaden immer ernster. Im August 1918 wurde dem deutschen Armeekommando klar, dass ein Sieg nicht mehr möglich war. In der Zwischenzeit war in Deutschland eine breite Opposition aktiv geworden. Nach der ersten russischen Revolution im Februar 1917 hatte eine Diskussion über die Monarchie begonnen und ein Bündnis von Zentrumsparteien, Sozialdemokraten und sogar Rechtsliberalen bereitete eine Verfassungsänderung hin zur parlamentarischen Demokratie vor. Beeinflusst von Hindenburg, gab der Kaiser schließlich am 30. September bekannt, dass es sein Wunsch sei, dass das deutsche Volk »aktiver als bisher am Schicksal des Vaterlandes mitarbeitet.«13 Im Reichstag wurde nun offen über die Abdankung des Kaisers gesprochen. Dieser leistete heftigen Widerstand, gab aber nach, als Hindenburg und Ludendorff ihm versicherten, dass der Krieg verloren war.

In Deutschland sahen viele den verlorenen Krieg als Wilhelms persönliches Versagen. Er war »das Gesicht« des Armeekommandos gewesen. Das militärische Oberkommando versuchte, die Schuld für die Niederlage auf zivile Kräfte zu übertragen und setzte deshalb eine zivile Regierung mit Prinz Max von Baden als Kanzler ein, der die Friedensgespräche führen musste.

Am 5. Oktober wurde ein Waffenstillstandsgesuch bei den Amerikanern eingereicht. Präsident Wilson forderte indirekt den Rücktritt Kaiser Wilhelms. Ludendorff verschwand hinter den Kulissen und am 28. Oktober akzeptierte Kaiser Wilhelm widerwillig die neue Verfassung, in der die Regierung nicht mehr dem Kaiser, sondern dem Parlament gegenüber rechenschaftspflichtig war. Er unterschrieb seine eigene Abdankung als Monarch.

Doch die politischen Reformen kamen zu spät. Der linke Flügel der Arbeiterklasse und die Armee konnten nicht länger kontrolliert werden. Die Meuterei deutscher Matrosen in Kiel, die sich am 3. November 1918 weigerten, die Segel für eine hoffnungslose Mission zu setzen, inspirierte die Sozialisten. Von Norddeutschland aus verbreitete sich die Revolution im ganzen Land. Im November erreichte sie Berlin. Auch der König von Bayern trat zurück. In München wurde sogar eine Sowjetrepublik proklamiert.

Vor allem aus Angst vor den revolutionären Entwicklungen im Landesinneren war Kaiser Wilhelm am 29. Oktober ins belgische Spa abgereist. Er selbst hatte eine Unterkunft in einer neugotischen Villa, der Villa la Fraineuse. Dort diskutierten die höchsten Armeeführer intensiv über politische und militärische Entwicklungen. In seinen Erinnerungen berichtet der Kronprinz ausführlich über die chaotische Konsultation in Spa am 9. November, die letzten und bittersten Erfahrungen des Zusammenbruchs.

Am 8. November 1918 abends erhielt ich in Waulsort unerwartet von Seiner Majestät Befehl, mich am 9. November vormittags in Spa bei ihm zu melden. Kein Wort weiter darüber, worum es ging und was ich sollte – Blieb nur das Wissen, daß der Ruf viel Gutes nicht bedeuten konnte, das Ahnen neuer qualvoller Konflikte.

Bei trübem kalten Wetter ging die Autofahrt durch das von grauen, tieflastenden Nebeln fast erddrückte Land. Stumpf, trostlos, traurig, wie gebrochen alles: die halb zerfallenen Häuser, denen der Bewurf von dem geschwundenen Leibe bröckelte, die endlos langen, von hunderttausend wuchtenden, hart stoßenden Rädern zerfahrenen, von hunderttausend Pferdehufen und Nagelschuhen zermalmten Straßen. Und diese abgezehrten grauen Menschen, die so voll Bitterkeit und Gram und Elend schienen, als ob sie sich nie wieder zu einem neuen Lebensglauben würden erheben können.

Durch Schlammfelder schlingerte der Wagen, sprühte den braunen Dreck in Garben und Fontänen um sich her – raste schleudernd vorüber an mühsam trekkenden Kolonnen, an aufgelöst hinschürfenden Trupps und Gruppen von abgerissenen, mit unkennbarem Kram bepackten Gestalten von Männern, die einmal Soldaten gewesen waren – ließ fluchende Rufe und in das Grau gereckte Fäuste hinter sich. (Er. 271 f.)

Am frühen Nachmittag traf der Kronprinz in der Villa la Fraineuse ein. Dort gab es einerseits das Lager des Kaisers, das entschlossen war, die bevorstehende Revolution niederzuschlagen. Andererseits gab es einige Generäle um Generalfeldmarschall Hindenburg, die bereit waren, alles aufzugeben. Einer dieser Generäle, Groener, erklärte:

[D]ie militärische Lage der Armeen verzweifelt – die Truppen wankend – ohne Zuverlässigkeit – Verpflegung nur auf Tage noch – dann furchtbar drohend Hunger, Auflösung und Plünderung. Die Heimat aufflammend in unhemmbarem Umsturz – was an Ersatztruppen herangezogen werden soll, versagt, zersplittert und läuft zu der roten Fahne über. Das ganze Hinterland, Bahnen und Telegraphen, Rheinbrücken, Depots und Knotenpunkte in der Hand der Revolutionäre. Berlin in einer Überspannung, die jeden Augenblick zerreißen und Blutströme über die Stadt ergießen kann. – Mit dem völlig unsicher gewordenen Heere kehrt zu machen und so, den Feind im Rücken, in der Heimat den Bürgerkrieg niederzuschlagen, sei ganz ausgeschlossen.

Dieser, seiner und des Generalfeldmarschalls [Hindenburg] Ansicht hätten sich auch die Abteilungschefs und die meisten Vertreter der O.H.L. [Obersten Heeresleitung] angeschlossen. Wenn auch nicht ausgesprochen, lag in diesem Vortrag für meinen Vater die Aufforderung zur Abdankung. Wortlos, sichtlich tief erschüttert, hatte mein Vater diese in den dunkelsten Farben gehaltene Darstellung mitangehört (Er. 274).

Andere ergriffen ebenfalls das Wort. Nicht jeder glaubte, dass die Berichte die wahren Zustände widerspiegelten. Graf Schulenburg, Stabschef des Kronprinzen, glaubte, dass energische und unerbittliche Aktionen an den Brennpunkten des Aufstands, die auf die Wiederherstellung von Ordnung und Autorität abzielten, eine Chance auf Erfolg hatten. Der Kaiser neigte ebenfalls zu dieser Position. Aber die Generäle wandten ein, das Heer sei nicht mehr zuverlässig und stehe nicht mehr hinter Seiner Majestät. In der Einschätzung des Kronprinzen standen da

[z]wei Welten […] einander gegenüber, zwei Auffassungen, zwischen denen keine Brücke war und kein Verstehen möglich blieb: Der kaiser- und königstreue, in Pflicht und Hingabe großgewordene preußische Offizier, der in Erfüllung seines Treueschwures, den er als junger Mensch geleistet hat, lebt und stirbt – der andere, der die Dinge wohl niemals so heilig ernst verpflichtend, mehr als Symbole und ›Idee‹ genommen hat, der immer gerne ein ›moderner‹ Mensch gewesen ist und dessen wendigere Mentalität sich jetzt unschwer aus Bindungen befreit, die unbequem zu werden drohen. (Er. 284)

Ein neuer Bericht des Reichskanzlers Prinz Max von Baden aus Berlin mit der Einschätzung, dass die Monarchie nicht mehr zu retten wäre, wenn sich der Kaiser nicht sofort zur Abdankung entschlösse, ergriff den Kaiser sichtbar.

Der Kaiser nahm die Nachricht mit tiefem, schweigenden Ernst entgegen. Farblos die fest geschlossenen Lippen in dem graugelb gewordenen und wie um Jahre gealterten Gesichte. Nur wer ihn kannte wie ich, konnte ermessen, was er trotz dieses mühsam aufrecht gehaltenen Bildes der Fassung und Haltung unter der brüsk und ungeduldig drängenden Forderung des Kanzlers litt. […] Allein war der Kaiser. Nicht einer mehr von all den Männern der O.H.L., die einst von Ludendorff zu einer festen Einheit zusammengeschlossenen worden waren, trat jetzt zu ihm und sprang ihm bei. Zersplittert, in Zersetzung alles auch hier – nichts anders als in der Heimat. Hier, wo der eisern starke Wille hätte aufspringen, sich in allen Befehlsstellen zwingend auswirken, alle gesund gebliebenen Kräfte an den Fronten rings zur starken Tat hätte zusammenraffen müssen, um sich durchzusetzen. Nichts – nichts davon (Er. 285).

Der Kaiser befahl, Berlin telefonisch mitzuteilen, dass er bereit sei, die Kaiserkrone aufzugeben, wenn dies einen Bürgerkrieg vermeiden würde. Er würde aber König von Preußen bleiben und seine Armee nicht verlassen.

Während man noch über die schriftliche Formulierung dieser Abdankung nachdachte, berichtete die Reichskanzlei in Berlin, sie habe darauf nicht gewartet und der Nachrichtenagentur Wolff mitgeteilt, Wilhelm sei als Kaiser und als König von Preußen zurückgetreten. Auch der Kronprinz hätte seine Rechte aufgegeben. Die Männer waren fassungslos, Emotionen schlugen hoch. Der Kronprinz schlug vor, »uns mit der Niederwerfung der revolutionären Elemente in der Heimat zu betrauen, und […] zunächst in Köln geordnete Zustände wiederherzustellen.«

Er sah es als die Ehre eines Soldaten an, seine 5. Armee zurück ins Vaterland zu eskortieren. Aber Hindenburg erlaubte es nicht, weil er befürchtete, dass eine solche Rückkehr ins revolutionäre Deutschland zu einer Eskalation führen würde. Auch der Kaiser lehnte die Idee ab. Er wollte keinen Krieg Deutsche gegen Deutsche.

Daraufhin verabschiedete sich der Kronprinz. »Meine Pflichten als Oberbefehlshaber riefen mich in das Hauptquartier der Heeresgruppe nach Vielsalm.« (Er. 291) In dieser Nacht erhielt er einen Brief von seinem Vater:

Lieber Junge

Da der F.M. mir meine Sicherheit hier nicht mehr gewährleisten kann, und auch für die Zuverlässigkeit der Truppen keine Bürgschaft übernehmen will, so habe ich mich entschlossen, nach schwerem inneren Kampfe das zusammengebrochene Heer zu verlassen.

Berlin ist total verloren in der Hand der Sozialisten, und sind dort schon zwei Regierungen gebildet, eine von Ebert als Reichskanzler, eine daneben von den Unabhängigen. Bis zum Abmarsch der Truppen in die Heimat empfehle ich auf Deinem Posten auszuharren und die Truppen zusammenzuhalten! So Gott will auf Wiedersehen. Gen. von Marschall wird Dir weiteres mitteilen.

Dein tiefgebeugter Vater

(gez.) Wilhelm. (Er. 303)

Erst fast ein Jahr später würde er seinen Vater in den Niederlanden wiedersehen.

Trotz alldem spielte der Kaiser weiter mit der Idee, seine Armee auf Vordermann zu bringen und im Kampf gegen die Aufständischen sein Leben zu riskieren. Feldmarschall von Hindenburg forderte jedoch eine sofortige Abreise in die Niederlande.

Hindenburg habe ihm wörtlich gesagt: »Ich muß Euer Majestät dringend ersuchen, sofort nach Holland abzureisen. Ich kann es als preußischer General nicht verantworten, daß Sie von Ihren eigenen Truppen verhaftet und der revolutionären Regierung ausgeliefert werden!«14

Der Kronprinz berichtet:

Die Lage sei unhaltbar geworden, da die Aufstandsbewegung von Aachen und Eupen nach Spa überzugreifen drohe und aufständische Truppen bereits im Anmarsch auf Spa seien. Der Weg zur Front aber sei durch meuternde Etappentruppen verlegt.

S.M. gaben diesem erneuten kategorischen Drängen der verantwortlichen obersten militärischen und zuständigen politischen Ratgeber nach und befahlen die Abfahrt nach der holländischen Grenze für den 10. November, 5 Uhr vormittags. (Er. 307)

Die Flucht des Kronprinzen in die Niederlande

Über die Flucht des Kaisers und seinen Aufenthalt in den Niederlanden wurde viel berichtet. Aber wie ging es dem Kronprinzen? In den verwirrenden Novembertagen gab es verschiedene Gerüchte. De Tijd war die erste Quelle in Holland, die am 11. November berichtete, dass der Kronprinz möglicherweise erschossen wurde. Doch am 13. November berichtete die Zeitung, der Prinz sei gesund und munter in den Niederlanden angekommen:

DER EX-KRONPRINZ IN DEN NIEDERLANDEN.

MAASTRICHT, 12. November (Part.) Heute um 3 Uhr Mittag kam der deutsche Ex-Kronprinz in sechs offenen Wagen auf dem Tongerschen Steenweg über Oud Vroenhoven in unser Land. Eine Patrouille von Militärradfahrern, die gerade die Grenze entlangfuhr, traf ihn und internierte ihn. Er trug die Uniform der Totenkopfhusaren und war begleitet von Major von Müldner, Adjutant Major von Müller, Adjutant Rittmeister Fritz von Zobeltitz und einigen Fahrern und Kammerdienern. Sie kamen aus Roumont, wo sich der Kronprinz laut dem Bericht eines der Fahrer herzlich von seinen Truppen verabschiedet hatte. Er wird wahrscheinlich mit seinem Gefolge die Nacht im Gouvernementsgebäude verbringen. Für die Fahrer wurden bereits Militärbetten vorbereitet. Der Kronprinz, der sehr nervös war, wurde von den Franzosen und Belgiern auf der Straße mit Pfiffen und Buhrufen empfangen. Weitere Anweisungen wurden in Den Haag angefordert. Die Straßen vor dem Gouvernementsgebäude wurden von der


Abb. 10 u. 11: »Zuvor: Nach Paris« / »Jetzt: Nach Amerongen!«. Die Flucht des Kaisers, zwei Postkarten von Leo Gestel.

Militärpolizei abgesperrt. Unser Korrespondent signalisiert aus Maastricht: Der Ex-Kronprinz ist gestern Abend mittags in drei Autos still und heimlich mit einem unbekannten Ziel abgereist. In der Zwischenzeit konnte ich feststellen, dass er ungefähr eine Stunde in Thorn und Swalmen verbracht hat. Die Geheimhaltung scheint angeraten, um Demonstrationen zu vermeiden. Die Grenzen wurden von niederländischen Soldaten geschlossen. Laut einem Bericht wurden der Kronprinz und sein Gefolge auf dem Schloss des Grafen Wolff-Metternich unter Swalmen (in der Nähe von Roermond) interniert.15

In seinen Erinnerungen beschreibt Wilhelm seine Flucht ausführlich. Sein tiefster Wunsch sei es gewesen, bei seinen Männern zu bleiben und mit seiner 5. Heeresgruppe in die Heimat zu marschieren, was jedoch Hindenburg als Oberbefehlshaber verboten habe. Am 11. November teilte man ihm mit, dass er vom Oberkommando seiner Heeresgruppe entbunden sei. Das lange Rücktrittsschreiben an Hindenburg, das Wilhelm darauf hin verfasste, ist in seinen Erinnerungen abgedruckt (Er. 320). Darin kommentiert er auch die Vorwürfe, er sei ein Kriegshetzer und Reaktionär. Er habe stets vertreten, dass der Krieg für Deutschland ein Verteidigungskrieg sei. Tatsächlich hat Wilhelm in den Jahren 1916, 1917 und 1918 oft mündlich und schriftlich darauf hingewiesen, dass Deutschland sich bemühen sollte, den Krieg zu beenden, und froh sein sollte, den Status quo gegen eine Welt der Feinde aufrechtzuerhalten. Hindenburg wirft er vor, seine Ideen nicht beachtet zu haben. Er sei nicht gehört worden, als die überwältigenden Ereignisse seinen Vater vom Thron trieben. Er protestiert nachdrücklich gegen das, was er »diese Vergewaltigung Meiner Person, Meiner Rechte und Ansprüche« nennt. Er hätte seinen Posten behalten sollen,

[…] um nach den schwersten Erschütterungen, die der Armee der Verlust ihres Kaisers und Obersten Kriegsherrn und die schmählichen Waffenstillstandsbedingungen bringen mußten, ihr die neue Enttäuschung zu ersparen, nun auch den Kronprinzen seiner Stellung als militärischer Oberbefehlshaber enthoben zu sehen.

Von Ihr ist Mir der Bescheid geworden, daß die Regierung nicht mit einer weiteren militärischen Verwendung Meinerseits rechne, obwohl Ich Mich zu jeder Verwendung bereit gefunden hätte.

Ich glaube daher, so lange auf Meinem Posten geblieben zu sein, wie es Meine Ehre als Offizier und Soldat Mir vorschrieb. (Er. 321)

Am Morgen des 12. November reiste der Kronprinz nach einem emotionalen Abschied von seinen Offizieren mit zwei Autos in die Niederlande (dass die Zeitungen andere Zahlen nannten, hatte vermutlich den Hintergrund, dass der Tross des Prinzen schwer von der niederländischen Eskorte zu unterscheiden war). In Uniform und bewaffnet überschritt der Kronprinz die niederländische Grenze. Auch die Ankunft in den Niederlanden, »in Begleitung von meinen drei Getreuen zum bitteren Ende«: Müller, Müldner und von Zobeltitz, beschreiben die Erinnerungen. Trotz Schimpfen und Fluchen erreichen sie sicher die niederländische Grenze in der Nähe von Maastricht. Sie werden begrüßt von einem jungen Offizier,

[…] der sich vor Überraschung zunächst garnicht fassen kann und der nichts mit uns anzufangen weiß. Nur daß wir hier nicht bleiben können, sieht er ein. So werden wir, vorbei an einer präsentierenden Wache, zunächst in ein kleines Lokal gebracht, wo freundliche Wirtsleute, ohne viel zu reden, ein paar Töpfe mit heißem Kaffee vor uns hinstellen. Inzwischen wird nach Maastricht telephoniert. (Er. 331)

Die Männer müssen ihre Waffen, einschließlich des Degens des Kronprinzen, abgeben und werden nach einiger Zeit nach Maastricht zum Haus des Gouverneurs geleitet. Dort heißt es zunächst: warten. Am späten Abend wird dann das neue Ziel bekannt gegeben: Schloss Hillenraad bei Roermond. Dort erweist sich der Kronprinz – wie immer – als sensibel für weibliche Schönheit:

In einer großen Halle, die schwach von Kerzenlicht beleuchtet ist, legen wir ab. Erstarrt von Frost sind wir – elend in unseren Herzen – wurzellos auf diesem Boden. Da erscheint plötzlich, die Treppe niedersteigend, die Hausfrau. Jung, blond, ganz in Schwarz gekleidet, eine Perlenkette um den schlanken Hals. Keine Fremdheit bleibt vor dem warmen, mitempfindenden Ausdruck dieser Augen bestehen.

Mit feinstem Herzenstakt sorgt die gütige Frau von dieser Stunde ab durch die namenlos schweren zehn Tage, die wir auf Schloß Hillenraad verbringen, für uns und wird mir eine gütige Freundin, mit der ich mich über manches aussprechen kann, was mich zerquält. Eine gläubige Katholikin ist die Gräfin und leidet schwer unter dem Unglück, das unser Vaterland getroffen hat; zudem sorgt sie sich um ihren Mann, der während der Revolution in Berlin ist. (Er. 335)

Das Warten auf Schloss Hillenraad dauert zehn lange Tage.

Zehn Tage also – in denen Unglücksnachrichten um Unglücksnachrichten aus dem Felde und der Heimat kommen, durch die Verhandlungen mit der holländischen Regierung über unsere Zukunft ziehen. Bei diesen Aussprachen ergibt es sich, daß Holland an meine Grenzüberschreitung und meinen Wunsch, vorübergehend auf seinem neutralen Boden zu verweilen, im Zwange äußerer Umstände die Frage meiner Internierung knüpfen muß. (Er. 335)

Offensichtlich war nach dem Waffenstillstand am 11. November eine andere Situation eingetreten als kurz vor dieser Vereinbarung, als der Kaiser und sein Gefolge noch ungehindert reisen konnten.

Endlich erhalten wir dann auch etwas wie einen Anhalt für meine Zukunft. Der Oberst Schröder bringt die Nachricht, die holländische Regierung habe mir als Wohnort die Insel Wieringen angewiesen.

Wieringen? Die Insel Wieringen?

Niemand im Hause weiß, wo diese Insel liegen mag. Zum erstenmal im Leben höre ich den Namen, kann mir dabei nichts vorstellen, nichts denken. (Er. 336)

Die Internierungspflicht und der Status von Kaiser und Kronprinz

In Artikel 4 der Neutralitätserklärung hatten sich die Niederlande verpflichtet, Soldaten der Kriegsparteien, die niederländisches Territorium betraten, für die Dauer des Krieges festzunehmen, zu entwaffnen und weit entfernt vom Schlachtfeld zu internieren. Man wollte verhindern, dass Soldaten, die es in neutrales Gebiet verschlagen hatte oder die absichtlich dorthin geflohen waren, sich ihren Truppen später wieder anschließen konnten.

Anlässlich der Flucht des Kaisers gab es eilige Konsultationen zwischen Ministerpräsident Ruijs de Beerenbrouck und einigen Ministern. Fiel auch die kaiserliche Familie unter diese Bestimmungen? Man kam überein, dass der Kaiser nicht mehr zur deutschen Armee gehörte und dass sein Status der eines in den Niederlanden lebenden Ausländers war. Als Flüchtling wurde ihm, trotz der Einwände der Alliierten, politisches Asyl gewährt und eine dauerhafte Bleibe geboten.

Auch von der Ankunft des Kronprinzen wenige Tage später wurde die niederländische Regierung überrascht. Sein Status war unklar und man hatte nicht sofort eine Lösung zur Hand. Weder wusste man, ob er beabsichtigte, nach Deutschland zurückzukehren und den Thron zu besteigen, noch war klar, welchen militärischen Status er hatte. Schließlich


Abb. 12: Belgische Soldaten, interniert in Amersfoort (1914).

beschloss die Regierung, Wilhelm an einem Ort zu internieren, an dem er nur ein geringes politisches Risiko darstellte: die Insel Wieringen. Dabei dürfte auch sein Ruf eine gewisse Rolle gespielt haben, mehr dazu in der Folge.

In ihrer Autobiografie Eenzaam, maar niet alleen (»Einsam, aber nicht allein«, 1959) blickt Königin Wilhelmina auf die Zeit des Ersten Weltkriegs und auf die Flucht des deutschen Kaisers und des Kronprinzen in die Niederlande zurück.

Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich eine Woche gebraucht habe und vielleicht sogar noch länger, bis ich den Nachrichten Glauben schenken konnte. Diese Aktion erschien mir so unwahrscheinlich.

Ich werde nicht über Wilhelm II. sprechen. Schließlich weiß niemand genau, was in ihm vorging, und mit welchen Umständen er zu kämpfen hatte. Die niederländische Regierung wies ihm einen Wohnsitz zu und forderte ihn auf, zu versprechen, diesen nicht zu verlassen und auf niederländischem Boden keine Regierungsaktivitäten aufzunehmen. Bald darauf folgte seine Abdankung. Auf meine Initiative hin wurde die Kaiserin eingeladen, hierher zu kommen, um sich ihrem Ehemann anzuschließen. Es war nicht nur die Gastfreundschaft, die mich zu dieser Initiative brachte, sondern auch mein Wissen über die Beziehung und die Charaktere. Ich erwartete viel guten Einfluss durch ihre Anwesenheit und ihr Auftreten, nicht nur auf ihren Ehemann und seine Umgebung, sondern auch auf den gesamten politischen Aspekt dieser Ausnahmesituation.

Einige Tage nach seinem Vater überquerte der Kronprinz unsere Grenze und wurde als Kämpfer interniert, zuerst in Hillenraad und dann auf Wieringen.

Diese Ereignisse sorgten für große Aufregung in der Welt. Die öffentliche Meinung und die alliierten Regierungen forderten uns auf, beide auszuliefern. Wir haben dies abgelehnt; in Bezug auf den Kaiser aufgrund unseres Asylrechts und in Bezug auf den Kronprinzen aufgrund unserer Internierungspflicht als neutraler Staat.16

Die Tatsache, dass der Kronprinz interniert wurde, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Der Krieg war effektiv beendet, so dass keine Internierungspflicht mehr bestand. Es ist auch seltsam, dass die drei Männer, die den Kronprinzen begleiteten, nicht interniert waren – immerhin handelte es sich ebenfalls um Soldaten. Der Kronprinz war der Einzige der Gruppe, dessen Bewegungsfreiheit auf die Insel Wieringen beschränkt war. Die anderen konnten die Insel problemlos verlassen, nach Deutschland reisen usw. Im Übrigen ließ die Regierung die Qualifikation »interniertes Militär« schnell fallen. Nachdem der Kronprinz am 1. Dezember 1918 unter dem Druck vieler Seiten seinen Thronanspruch offiziell aufgegeben hatte (s. u.) und nicht mehr zur Armee gehörte, war sein Status der eines Ausländers, der als Privatperson auf der Insel blieb. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit resultierte insbesondere aus ausländischem Druck. Offiziell behauptete die Regierung, sie habe das Recht, Ausländern einen dauerhaften Wohnort anzubieten. Tatsächlich waren es wohl insbesondere England und Frankreich, die darauf bestanden.

Der Historiker Paul Herre meint dagegen, die Regierung hätte gar keine andere Wahl gehabt, als Wilhelm im völkerrechtlichen Sinne als interniert zu behandeln, als er sich an der niederländischen Grenze meldete.17

Folgen der Flucht

Die Frage ist, ob sich der Kronprinz der Folgen seiner Flucht voll bewusst war. Hindenburg hatte ihm verboten, an der Spitze seiner Armee nach Deutschland zurückzukehren, doch die revolutionären Turbulenzen ließen bald auch eine Rückkehr als Privatperson fraglich erscheinen. Jede Rückkehr konnte zu einer Eskalation der Gewalt führen. Schließlich wäre Wilhelm nie als reine Privatperson wahrgenommen worden. Stets wäre zu befürchten gewesen, er hege die Absicht, die Monarchie in Deutschland wiederherzustellen. Er war geflohen, um Schutz vor dem revolutionären Chaos in Deutschland zu suchen. Aber dort wurde er schnell beschuldigt, mit der Flucht seine Soldatenehre verloren zu haben, und diese Ehre war für ihn von größter Bedeutung. Und er hatte sicherlich nicht erwartet, dass er nach den anstrengenden Kriegsjahren noch fünf Jahre getrennt von seiner Frau und seinen Kindern würde leben müssen.

Bald wurde Wilhelms Wunsch, in die »Heimat« zurückzukehren, so groß, dass er entsprechende Anfragen an die niederländische Regierung stellte. Dem nachzukommen, war aber nicht einfach, denn seine Flucht hatte nicht nur in den Niederlanden, sondern auch außerhalb für viel Aufregung gesorgt. In Deutschland war es ein heikles Thema, aber auch England und Frankreich, die über den Kurs diskutierten, den sie nach dem Krieg in Bezug auf Deutschland einschlagen wollten, befassten sich mit der Frage der Rückkehr. Diese Länder stellten auch die niederländische Neutralitätspolitik infrage. War der Aufenthalt und eine mögliche Rückkehr des Kronprinzen mit diesem Kurs vereinbar? Oder würden sich die Niederlande mit einer Entscheidung, Wilhelm die Rückkehr zu ermöglichen, zu sehr in die Nachkriegspolitik einmischen, ja könnte dies sogar als Unterstützung der deutschen Monarchisten interpretiert werden?

Das Bild des Kronprinzen

In seinen Erinnerungen schreibt der Kronprinz, er sei nur sich selbst gegenüber rechenschaftspflichtig, aber seine Erzählung kann auch als Versuch gelesen werden, das Bild zu korrigieren, das die Menschen von ihm haben. Für alle außerhalb Deutschlands war er so etwas wie die Verkörperung des Bösen. Er und der deutsche Kaiser wurden von vielen als treibende Kräfte eines Krieges angesehen, der Millionen von Menschenleben gekostet hatte. Dieses Bild wurde von der alliierten Propaganda geschaffen; es war zweifellos eine Übertreibung, aber es hatte sicherlich etwas Wahres. In der Propaganda der Alliierten wurde ein düsteres Bild des Kronprinzen skizziert, vor allem in Karikaturen wurde er gnadenlos behandelt. Solche Karikaturen gibt es Dutzende, vielleicht Hunderte.


Abb. 13: »Le Kronprinz Don Juan« auf dem Cover von À la Baïonnette, einer französischen satirischen Wochenzeitschrift, Mai 1915. Sie erschien zwischen 1915 und 1920 und war ganz dem Krieg und der Diffamierung des Feindes gewidmet. Hier ist der Kronprinz behängt mit gestohlenen Gegenständen, inmitten alkoholischer Getränke, vor Feuer und Ruinen dargestellt.

Der neutrale Kurs der Niederlande sollte auch bedeuten, so die Vision von Ministerpräsident Cort van der Linden, dass im Land keine Propaganda verbreitet würde. Kriegspropaganda sah er als bloße Rhetorik an, die zweifellos Gefühle ausdrückte, aber nicht auf Vernunft und Fakten beruhte. Wenn die niederländische Presse zu offen gegen eine der Kriegsparteien Stellung bezöge, könnte dies zudem Zweifel an der Neutralität der Niederlande aufkommen lassen.

Eine entscheidende Rolle im Bestreben, Kriegspropaganda zu bekämpfen, kam der natürlich der Presse zu. Cort van der Linden war überzeugt: »Nur wenn der Journalismus seine Verantwortung übernimmt, kann die gefährliche Verbreitung von Kriegssympathien und Slogans begrenzt werden.«18 Im Allgemeinen waren die niederländischen Tageszeitungen bereit, eine neutrale oder moderate Haltung einzunehmen, aber es gab Ausnahmen, hauptsächlich aufgrund des Drucks von außen. Zum Beispiel versuchte das französische Konsulat, die niederländische Presse mit Geld, Broschüren und Fotos zu beeinflussen. Seit seiner Ernennung im März 1915 sah der deutsche Botschafter Richard von Kühlmann die Beeinflussung der Meinungsbildung sogar als seine Kernaufgabe an. Auch von dieser Seite flossen Bestechungsgelder an die Presse.

Den Franzosen gelang es, die Tageszeitung De Telegraaf auf ihre Seite zu ziehen – übrigens die einzige Zeitung, die gegen das Neutralitätsgebot verstieß –, und es erwies sich für die niederländische Regierung als schwierig, dagegen vorzugehen.

De Telegraafs Berichterstattung über den Kronprinzen war sicherlich nicht neutral. Laut Einschätzung des Historikers den Hertog habe die Zeitung

[…] die Pressefreiheit nicht nur verantwortungslos genutzt, sondern sie tatsächlich den Alliierten übergeben. Der Eigentümer, H. M. C. Holdert, der lange Zeit in Paris gelebt hatte, erwies sich sogar als eine Art Spion der Entente-Mächte. Er stand in Kontakt mit der französischen Regierung und lieferte Informationen für das französische Kriegsministerium. Er dachte sogar, er könnte und sollte Aussagen über militärische Daten wie die Bevorratung machen.19

Abgehörte Telefonate bewiesen, dass der französische Botschafter De Telegraaf tatsächlich Anweisungen zum Inhalt erteilte und dass er und Holdert regelmäßig geheime Mittagstermine hatten.

Eine Zensur der Zeitung wäre nur eine Option gewesen, wenn in Amsterdam das Kriegsrecht erlassen worden wäre, das Cort van der Linden als »Rosskur« ansah. Das Abhören von Telefonen war aber anscheinend akzeptabel. Als der Chefredakteur, J. C. Schröder, die Deutschen als »skrupellose Bösewichte« beschrieb, »die diesen Krieg verursachten«, erwog die Regierung eine Strafverfolgung, da die Aussage eine Bedrohung für die Neutralität darstelle. Es folgte eine langwierige Untersuchung, aber Schröder wurde schließlich freigesprochen.

1994 veröffentlichte der Historische Verein Wieringen eine Sonderausgabe, die sich ausschließlich dem Aufenthalt des Kronprinzen auf Wieringen widmete. Im Mittelpunkt stand eine Reihe von Artikeln von »Dr. van Amstel«, ein Pseudonym des in Berlin lebenden niederländischen Journalisten Johannes Göbels (1889–1964). Göbels war Leiter zweier in Berlin gegründeter Presseagenturen. 1926 hatte Göbels, der sich nun stets van Amstel oder auch großspurig Dr. van Amstel nannte, das »Niederländische Pressebüro« gegründet. Diese Agentur, über deren Arbeit vor 1933 uns nichts Näheres bekannt ist, belieferte nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland die niederländische Presse mit Beiträgen im Sinne der neuen Machthaber.20 Aus einem kurzen Briefwechsel geht hervor, dass Wilhelm van Amstels Texte zur Wieringer Zeit schätzte:

Seine kaiserliche Hoheit freute sich über Ihre wunderbar glückliche Geschichte und bedankte sich sehr für Ihre Freundlichkeit. Wir haben keinen Zweifel daran, daß Ihre Arbeit dazu beitragen wird, die allgemeine Meinung des Kronprinzen zu revidieren.21

Das verwundert nicht, denn in der Tat beschreibt van Amstel den Kronprinzen äußerst milde, kritisiert übermäßig aufdringliche Journalisten und beschreibt die angeblich große Enttäuschung in der Dorfkneipe, nachdem der Kronprinz gegangen ist. Aber der Kronprinz wird sich besonders über die Worte gefreut haben, mit denen van Amstel die »Lügenpresse« anspricht. Van Amstel zitiert Wilhelms Erinnerungen:

Ein scheues Sichbeiseitedrücken, wenn man vorüberkam: »De Kroonprins« – und das war so viel wie: dieser Boche – der Mörder von Verdun – der Frauenjäger –! Was die Entente mit Hilfe ihrer Lügenpresse und durch ihre Agenten den guten Leuten durch über vier Jahre eingehämmert hatte, saß. (Er. 23)

Mochten die Niederlande auch neutral sein, die Stimmung im Land war es keineswegs. Die Zeitungspresse und die illustrierten Magazine spielten dabei eine nicht unerhebliche Rolle, und laut van Amstel wurden sie fest von der »englischen Propagandamaschine« gespeist. Ihm zufolge schrieben alle Hauptzeitungen antideutsch.

Die englische Propagandamaschine blieb nicht untätig. Auf jede erdenkliche Weise versuchte sie, sensationelle Berichte in den Zeitungen von speziellen Presseagenturen in den Niederlanden und in England zu verbreiten. Sie hatten viel Erfolg mit den sogenannten Horrorberichten. Jeden Tag etwa sechs bis zwölf Berichte über die Brutalität der Deutschen in Belgien. Ein schöner Artikel für die kleinen Zeitungen. Eine Nachrichtenagentur in London verschickte täglich große Mengen an Horrorgeschichten. Jede Zeitung, die sie veröffentlichte, erhielt 6 bis 30 Cent pro Zeile.

Und so konnte in den niederländischen Zeitungen gelesen werden, dass die Deutschen viele belgische Städte ausgelöscht hätten; dass die jungen Mädchen und Frauen unter den Truppen aufgeteilt würden, damit diese »Hunnen« an ihnen ihre Begierden stillen könnten; dass belgische Freiwillige geblendet und mit glühendem Eisen gebrandmarkt würden; dass das Essen der Einwohner gestohlen würde, so dass die Belgier zu Tausenden an Hunger stürben; dass alle belgischen Kunstgegenstände nach Berlin gebracht würden; dass sogar die Leichen belgischer Zivilisten für deutsche Kriegszwecke verwendet würden, wofür ein Leichenverarbeitungszentrum gebaut worden sei.

Die gesamte britische Propaganda (Frankreich trat kaum in den Vordergrund) konzentrierte sich hauptsächlich auf die Person des Kronprinzen. Psychologisch sah man das ganz richtig: Sie können die Masse nicht gegen eine andere Masse aufrühren, aber Sie können sie gegen einen Exponenten dieser Masse anheizen. Das deutsche Volk, wie es in englischen Propagandageschichten dargestellt wurde, war im Allgemeinen nicht unsympathisch. Die Deutschen seien fleißig, praktisch veranlagt und hätten viele andere gute Eigenschaften. Leider neigten sie dazu, einer kleinen egoistischen Clique zu folgen. Diese militaristische, chauvinistische Kabale habe der Welt unerbittlich den Krieg erklärt, um mit militärischem Erfolg großen Reichtum zu erlangen. Der Kaiser gehöre nicht wirklich dazu, aber der Kronprinz sei der wahre Anführer dieser Gruppe.

Der Krieg sei also vom Kronprinzen verursacht worden. Er sei der Hauptschuldige, eigentlich der einzige Schuldige. Sein Vater stünde völlig unter seinem Einfluss. Bethmann-Hollweg sei ein williges Werkzeug in seinen Händen, leider nicht immer ein gutes Werkzeug. Der Krieg konnte vom Kronprinzen nicht beendet werden. Seine kriegerischen Wünsche seien immer noch unbefriedigt: »Immer feste druff« sei immer noch sein Motto.

Die niederländische Presse schloss sich dieser Propaganda an. Das kaiserliche Deutschland, der »Verbrecher Mitteleuropas«, wie De Telegraaf schrieb, wurde immer vom Kronprinzen personifiziert. Jeder konnte sein Bild träumen, so oft wurde er in den illustrierten Zeitungen gezeigt. Anti-Germanismus verwandelte sich in Hass auf ihn.22

Van Amstel geht mit der »Propagandamaschine« auf ein nicht unwichtiges Thema ein. De Zwaardjaren (»Die Schwertjahre«, 2018) von Paul Moeyes, das sich ausschließlich diesem Thema widmet, zeigt, wie im Ersten Weltkrieg die Diffamierung des Feindes und die Verherrlichung der eigenen Errungenschaften zur Waffe wurden. Nachrichten von vorderster Front dienten dazu, Kriegsanstrengungen zu rechtfertigen, Patriotismus zu schüren und das Vertrauen in einen guten Ausgang des Krieges zu unterstützen. Fotos und Drucke unterstützten die Texte; mehr noch als Fotos waren Zeichnungen geeignet, die Realität zu verzerren.

England hatte in diesem Propagandakrieg eindeutig die Oberhand. Die Briten hatten bereits ab September des ersten Kriegsjahres eine Propagandaabteilung, die vom Londoner Wellington House aus operierte. Prominente Schriftsteller und Historiker arbeiteten zusammen und stellten eine riesige Menge an Büchern, Broschüren und Prospekten zur Verfügung, aus denen die Leser nur die Schlussfolgerung ziehen konnten: England war gut, die Deutschen waren die Bösewichte.

Deutsche Gräueltaten und Plünderungen, die Zerstörung von Kulturgütern (Leuven-Bibliothek, Reims-Kathedrale) waren Wasser auf die Mühlen der Propagandapresse. Die Deutschen wurden als gnadenlose Barbaren, als »Hunnen«, dargestellt. Illustratoren und Karikaturisten fanden Inspiration in den Geschichten von Augenzeugen, Flüchtlingen und Soldaten. Ihre gezeichnete Vision des Krieges erreichte über Ansichtskarten ein großes Publikum.

In den Niederlanden dachten die meisten Leute wahrscheinlich, dass diese Geschichten zwar stark übertrieben waren, aber wahrscheinlich etwas Wahres enthielten. Postkarten und Cartoons haben sicherlich das niederländische Bild des Krieges beeinflusst – und so auch das Bild, das die Menschen vom Kaiser und vom Kronprinzen hatten, weil sie dankbares Thema für Zeichner und Karikaturisten waren.


Abb. 14: Der Kaiser und der Kronprinz begegnen dem Tod auf einem von Leichen übersäten Schlachtfeld, Postkarte.


Abb. 15: »Ihr Lächeln!« Der Kronprinz sabbernd vor der Kathedrale von Rheins, Postkarte.

Die deutsche Antwort

Franzosen und Engländer überzogen die Deutschen mit ihrer »Propagandamaschine«. Die Deutschen waren im Propagandakrieg nicht wehrlos, hinkten aber ständig hinterher.

Bald nach dem Einmarsch in Belgien gab es Berichte über deutsche Gewalt gegen Zivilpersonen, Zerstörung von Gebäuden, Plünderungen, Zerstörung von Kirchen und Hinrichtungen. Große Flüchtlingsströme mit ihren Geschichten voller Schrecken suchten Zuflucht in den Niederlanden. Für die Deutschen gab es wenig zu leugnen. Sie haben sich etwas anderes ausgedacht. In vielen Fällen, so die deutsche Propaganda, handele es sich um gerechtfertigte Vergeltungsmaßnahmen. Die Deutschen beanspruchten das Recht, mit Härte zu reagieren, wenn belgische Bürger auf ihre Soldaten schossen oder Gebäude für militärische Zwecke genutzt wurden. Zweifellos gab es Aktionen von Einzelgängern oder kleinen Gruppen, die nicht Teil einer regulären Armee waren (»Francs-Tireurs«, Freischärler), aber nicht in dem Ausmaß, wie die Deutschen glauben machen wollten.

Beide Seiten haben es geschafft, ihre eigene Heimatfront zu überzeugen, aber die Deutschen haben von Anfang an den internationalen Propagandakampf um die Francs-Tireurs verloren. Dies lag hauptsächlich daran, dass die Anschuldigungen, mit denen die örtlichen Militärbehörden versuchten, die summarischen Hinrichtungen von Zivilisten zu rechtfertigen, keinen Moment geglaubt wurden und den Berichten neutraler Kriegsberichterstatter widersprachen […].23

Als Reaktion auf die Horrorgeschichten brachten die Deutschen auch anrührende Bilder aus dem »Feindesland« mit, in denen sich die Soldaten liebevoll um kleine Kinder kümmerten oder ihr Essen mit der lokalen Bevölkerung teilten. Ob dies eine wirksame Waffe im (Propaganda-)Kampf war?

Die deutsche Propaganda konzentrierte sich auch auf die Verherrlichung von Erfolgen auf dem Schlachtfeld. Als der Kronprinz die Nachricht vom großen Sieg in Longwy nach Hause schickte, reagierte sein Vater begeistert:

Gratuliere zum ersten Sieg, den Du mit Gottes Hilfe so schön gewonnen. Verleihe Dir Eisernes Kreuz II und I Klasse. Grüße Deine braven Truppen mit Meinem und des Vaterlands Dank. Brav gemacht, bin stolz auf Dich. Dein treuer Vater Wilhelm.24

Abb. 16: »Wie die deutschen ›Barbaren‹ aussehen«, deutsche Postkarte 1914.

Der Kaiser muss sein Lob durchaus ernst gemeint haben. Als er Ende August 1914 in einer Diskussion nachdrücklich die militärischen Operationen seines Sohnes lobte, wagte einer der Anwesenden, auf den Mann hinzuweisen, der wirklich verantwortlich war: »Knobelsdorf, Majestät«. Aber der Kaiser wollte davon nichts wissen.

Der Erfolg in Longwy war ein Geschenk an die monarchistische Propaganda: Über eine Million Postkarten wurden gedruckt, um dem Triumph zusätzlichen Glanz zu verleihen, und der Markt wurde mit vielen anderen Fotos des Kronprinzen überflutet. Außerdem wurde ihm ein kämpferisches Motto zugeordnet, das Wilhelm ein Jahr zuvor benutzt, wenngleich nicht erfunden hatte: »Immer feste druff«. Das Motto wurde in David Kunhardts Kriegslied aufgegriffen und war titelgebend für ein »patriotisches Singspiel« in vier Akten von Herman Haller und Willi Wolff mit Musik von Walter Kollo, das am 1. Oktober 1914 uraufgeführt wurde. Mit mehr als 800 Vorstellungen war es ein großer Erfolg.

Dass der Schlachtruf so populär wurde, war mit einem gewissen Risiko verbunden. Die Gegner kannten ihn nun auch und fühlten sich


Abb. 17: Der Kronprinz als der Mann, der die deutschen Truppen zum Sieg in Longwy führte, deutsche Postkarte.

herausgefordert, »diese imperialen Idioten« und »gekrönten Bluttyrannen« besonders hart zu bekämpfen.

Verdun und das Image des Prinzen

Mehr Probleme hätte es den Deutschen bereitet, die katastrophale Schlacht bei Verdun zu instrumentalisieren. Ab Februar 1916 wurde an der Somme und in Verdun eine Schlacht ausgetragen, die zum Symbol für die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges wurde. Soldaten wurden massenhaft geopfert, ohne dass eine der Kriegsparteien an Boden gewann.

Der Name des Kronprinzen Wilhelm ist untrennbar mit der Schlacht von Verdun verbunden. Was dort geschah, brachte ihm den Beinamen »Der Schlächter von Verdun« ein – einen Beinamen, den bis heute viele sofort mit Wilhelm in Verbindung bringen. Zu Recht? Die Rolle des Kronprinzen wurde vielfach kontrovers diskutiert und naturgemäß hat Wilhelm selbst eine Meinung dazu. In den Erinnerungen schreibt er:

Unter den vielen Unwahrheiten, die Böswilligkeit oder Dummheit über mich in die Welt gesetzt und verbreitet haben, steht auch der Anwurf, ich sei an den Verlusten und an dem schließlichen Mißerfolge vor Verdun schuld. Die Zähigkeit, mit der diese Behauptung immer wieder auftaucht, macht die Klarstellung der Tatsachen notwendig. […]

Schon nach wenigen Wochen wurde mir hierbei klar, daß es nicht möglich sein würde, die zähe Verteidigung zu durchbrechen, und daß die eigenen Verluste auf die Dauer in keinem Verhältnisse zu dem Gewinn standen. So habe ich dann bald alles daran gesetzt, den Angriff einzustellen, und ich habe diese meine Ansicht und die aus ihr gefolgerten Vorschläge mehrfach mündlich zum Ausdruck gebracht. (Er. 201–205)

Niemand habe jedoch auf ihn gehört.

Als sich die Lage später so verschärfte, daß ich die Fortsetzung des Angriffes im Hinblick auf die Nutzlosigkeit der Opfer nicht mehr verantworten zu können glaubte, bin ich in persönlichem Vortrage bei Seiner Majestät dem Kaiser und auch schriftlich bei der O.H.L. vorstellig geworden, worauf der Kaiser meiner Ansicht beigetreten ist und die von mir gewünschte Einstellung des Angriffes genehmigt hat. (Er. 206)

Aber da war es schon September 1916 und das Sterben hatte ein halbes Jahr angedauert.

Neben zahlreichen Propaganda-Märchen gab es auch Geschichten über unangemessenes Verhalten des Kronprinzen, die von Augenzeugen belegt sind. So hat er etwa Soldaten begrüßt, die traumatisiert von der Front kamen – extravagant gekleidet, mit einer Reitpeitsche in der Hand, umgeben von seinen Hunden. Und wenn er gelegentlich Zigaretten rauchend in weißer Uniform daherkam, dachten viele empört, er komme gerade von einem Tennisspiel. Gelegentlich wiesen gute Freunde im Privaten auf seine Fehler und Schwächen hin. Wilhelm hörte ihnen zwar still zu, ließ ihren guten Rat aber mit einem Lächeln an sich abprallen. Dieses ewige Lächeln wurde schließlich zu seinem Markenzeichen – mal einnehmend, oft aber auch unangemessen. Die französische Zivilbevölkerung nannte ihn l’homme qui rit (»den lachenden Mann«), nach dem Titel eines Romans von Victor Hugo.

Es waren nicht nur die Alliierten, die den Kronprinzen diffamiert haben. Auch in Deutschland brach während, aber vor allem nach dem Krieg Kritik aus. In seinen Erinnerungen schreibt Wilhelm:

Ich möchte die Darlegungen über meine Stellung zu den Kämpfen um Verdun nicht schließen, ohne mich auch mit einem Schimpfe auseinandergesetzt zu haben, der mir seit nun zwei Jahren immer wieder aus solchen Zeitungen, die lieber ein billiges Schlagwort gebrauchen als der Wahrheit Raum gewähren, feige und verleumderisch entgegenspringt. […] Gerade dieser Tage konnt’ ich es wieder lesen: »– der Kronprinz, der lachende Mörder von Verdun –«. Galle und Bitterkeit in das karg genug bemessene Licht, das mir auf meiner Insel hier, die von dreihundertfünfundsechzig dreihundert Tage lang in Sturm und Nebel liegt, verbleibt. (Er. 207)

Die Bezeichnung »Schlächter von Verdun« verdankt Wilhelm dabei nicht so sehr seinen Aktivitäten an der Front – tatsächlich kam er nur nach Verdun, wenn gerade nicht gekämpft wurde. Der Name geht vielmehr auf Louis Dumur zurück, einen Schweizer Schriftsteller, der 1921 den Roman Le Boucher de Verdun schrieb. Rückblickend können wir diesen Titel als erfolgreiches Beispiel für die Imagebildung betrachten. In der sozialdemokratischen niederländischen Tageszeitung Voorwaarts erschien am 27. Juni 1921 eine Rezension des Buches, in der es heißt, der deutsche Kronprinz sei in Verdun, »wo Hunderttausende brutal zu Tode getrieben wurden, Oberbefehlshaber gewesen. Wäre die deutsche Armee durchgebrochen und hätte den Weg nach Paris geöffnet, wäre der Glanz und Ruhm dieses Sieges auf den zukünftigen deutschen Kaiser gefallen. 60 Millionen Deutsche verwechselten ihn mit einem Feuerschlucker.«

Dumurs Buch ist eine Mischung aus einer Liebesgeschichte und einem Antikriegsroman und spielt vor dem Hintergrund der Schlacht von Verdun im Jahr 1916. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Wilfrid Hering erzählt – einem deutschen Leutnant, der vom Sieg überzeugt ist – und thematisiert die Kriegshandlungen der deutschen Armee. Trotzdem hat das Buch einen ausgeprägten antideutschen Charakter, weil Dumur mit dieser Innenperspektive zeigt, wie perfide das Verhalten der Deutschen in Frankreich war. Die Plünderung, die Folter der Kriegsgefangenen, das Leid der französischen Zivilbevölkerung, die Völlerei und Besäufnisse der Offiziere, die Ausschweifungen und Sexpartys der Armeeführung in Charleville-Mézières werden als das Normalste der Welt dargestellt.

Hering ist eine der wenigen fiktiven Figuren im Buch, die meisten anderen werden einfach unter ihrem eigenen Namen aufgeführt, wie die gesamte deutsche Armeeführung mit Schmidt von Knobelsdorf, von Falkenhayn, von Moltke, von Müller, von Zobeltitz und vielen anderen – und natürlich der Kronprinz selbst, mit seinen Windhunden und seinem roten Sportwagen. Weiter wird der Eindruck einer realitätsnahen Darstellung durch die detaillierten Beschreibungen der Artillerietypen geweckt, die eingesetzt wurden, wobei Granaten auf den Millimeter genau unterschieden werden und alle Regimenter und Bataillone namentlich und an den spezifischen Orten, an denen die Schlacht ausgetragen wurde, vorkommen.

Der Roman handelt zunächst von der Beziehung zwischen Hering und der französischen Schauspielerin Juliette Rossignol, einer Frau, die sich mit dem jungen Leutnant trifft, um mit dem Kronprinzen in Kontakt zu kommen, auf den sie einen Anschlag verüben möchte. Sie nutzt den Ruf des Kronprinzen, keine schöne Frau lasse ihn unberührt. Während dieser Zeit hat der Kronprinz zwei weitere Affären, er tauscht seine Liebhaberin Blanche Desserey ohne Weiteres gegen Juliette Rossignol aus, während er gleichzeitig in Gabrielle Beurier, die Tochter eines Bordellbesitzers in der Rue de la Gravière in Charleville, verliebt ist. Oder wie Dumur schreibt: »Die einzige neue Eroberung, die in diesen schicksalhaften Tagen verzeichnet werden konnte, machte unser wackerer Kronprinz persönlich in Form eines endgültigen Sieges, dieses Mal über Gabrielle Beurier.«25 Der Anschlag von Juliette im Roman wird vereitelt, die aus weiteren Quellen verbürgten Beziehungen zu Blanche und Gabrielle sollten in der Realität Konsequenzen haben – dazu unten mehr.

Im Roman gibt es tatsächlich wenig, was den Titel »Schlächter von Verdun« rechtfertigen würde, obwohl es sein mag, dass Wilhelm als Oberbefehlshaber letztendlich für die Massaker verantwortlich ist. Eine der wenigen Passagen, in denen der Kronprinz mit dem Schlachten in Verbindung gebracht wird, schließt an eine schreckliche Beschreibung von Leichen und Verwundeten auf dem Schlachtfeld an:

Und während auf diese grausame Art seine Soldaten zum Schlachthof geführt wurden und die Hänge des Mort-Homme und der Wald von Corbeaux zu den höllischen Grabkammern einer zur Verdammnis verurteilten Welt wurden, suchte dieser eitle Affe, für den all dieses Blut vergossen wurde, inmitten seiner Generäle und seiner Mätressen, seiner Adjutanten und seiner Windhunde, mit vibrierender Musik und schäumendem Champagner Zerstreuung und heiteren Zeitvertreib. Obwohl ihnen noch nicht bewusst war, dass es ihre Pflicht war, die Ketten dieser erniedrigenden Disziplin zu zerbrechen, nannten seine Soldaten ihn bereits mit Hass und Abscheu: »Der Schlächter von Verdun«.26

In einer anderen Passage charakterisiert Dumur den Kronprinzen wie folgt:

In Wirklichkeit liebte der Kronprinz den Krieg wie ein Kind seine Spielzeugsoldaten. Sobald er zu einem ernsthaften Unterfangen wurde, das Zeit und Mühe, unerschöpfliche Geduld und sorgfältiges Studium geschickter und komplizierter Schlachtpläne erforderte, gefiel ihm der Krieg nicht mehr. Der Kronprinz war nicht an Taktik, Topographie, Ballistik oder Verwaltungsführung interessiert. Da er nicht in der Lage war, ein Bataillon nach den Regeln der Kunst in die Schlacht zu schicken, verließ er sich ganz auf seine Generäle, um den gewünschten Erfolg zu erzielen, ohne die Hand zu reichen, um ihre Aufgabe zu lösen. Er konnte jedoch sehr gut seine Ungeduld über den langsamen Fortschritt demonstrieren und die erzielten schlechten Ergebnisse kritisieren.27

Die Voorwaarts-Rezension geht auch kurz auf den Ruf ein, den der Kronprinz in Bezug auf Frauen hatte.

Keine Frau war vor ihm sicher. Bauernmädchen, Fabrikarbeiterinnen, Ladenfrauen, Prostituierte, alles war nach seinem Geschmack, einschließlich der deutschen Schreibkräfte und der Krankenschwestern des Roten Kreuzes. Ärgerliche und grobe Skandale, an denen allerlei Fürsten und große Offiziere beteiligt waren.28

Dass Louis Dumur die meisten Charaktere in seinem Roman unter ihrem echten Namen aufgeführt hat, können wir aus einem Artikel im Heldersche Courant vom 7. Juni 1921 schließen, in dem ein Prozess wegen Rufschädigung von Blanche Desserey gegen den Schriftsteller und seinen Verlag erwähnt wird: In diesem Zuge »versicherte Miss Blanche, dass ihre Beziehungen zum Kronprinzen recht ehrenhaft und anständig waren und ihr Ruf daher ernsthaft verleumdet wurde«.29

Paul Kiès übersetzte das Buch 1935 ins Niederländische. Die Übersetzung ist speziell, denn Kiès kann nicht widerstehen, sich ständig ins Buch einzumischen. Er gibt manchmal ausführliche antideutsche Kommentare in den Fußnoten ab, platzt mit persönlichen Kommentaren in die Geschichte hinein und verweigert dort die Arbeit, wo Dumur nicht zögert, dem Kronprinzen bei seinen erotischen Eskapaden zu folgen: »weil sie nicht unverzichtbar sind […] und ich den niederländischen Leser, der weniger daran gewöhnt ist als die Franzosen, nicht allerlei intimen Details aussetzen und nicht unnötig schockieren möchte!«30

Es gab weitere Bücher, die kein sehr positives Bild des Kronprinzen in Kriegszeiten zeichneten. Deutschen Veröffentlichungen, die ihn negativ beschrieben, drohten schwere Strafen: Als sich der Kronprinz 1913 in Danzig von seinen Totenkopfhusaren verabschiedete, hielt er eine hochtrabende Rede, die schwer zu verfolgen war. Die SPD-Zeitung Vorwärts parodierte seine Abschiedsrede, was dem Verleger drei Monate Haft einbrachte. Eine andere Zeitung schrieb ein satirisches Stück über ihn und der Verleger ging für sechs Monate ins Gefängnis.

Der Kronprinz als Frauenheld

Graf Kuno Westarp, Bruder des damaligen Generalmajors Adolf von Westarp, schrieb in Wahrheit und Fiktion über den Kronprinzen, dass der Kronprinz eine Schwäche für das weibliche Geschlecht gehabt habe. So gut er jeder Situation auf dem Schlachtfeld oder bei sportlichen Aktivitäten habe standhalten können und so viel Mut er in gefährlichen Situationen gehabt habe, so sanft und einfühlsam sei er in Bezug auf Kinder und Frauen.

Andere Autoren fanden zu drastischeren Einschätzungen, was Wilhelm und die Frauen anging. Der französische Schriftsteller Paul-Louis Hervier etwa verfasste als Beitrag zum Propagandakrieg mehrere Bücher (er selbst sprach von »Studien«), die ein beunruhigendes Bild der deutschen Herrscher vermitteln. The Two Williams erschien 1916 in London. The Super-Huns wurde im selben Jahr veröffentlicht. Silhouettes Allemandes wurde in Frankreich mit Porträts deutscher Generäle und Regierungschefs veröffentlicht (vermutlich handelte es sich um dasselbe Buch).

Das Porträt, das Hervier vom Kronprinzen skizziert, behandelt unter anderem seinen Sieg bei Longwy. Wilhelm hatte sich im Herzogtum Luxemburg niedergelassen, wo er und seinen Stab einen Hauptsitz in Esch-sur-l’Alzette hatten. Sie hätten dort ein komfortables Haus bezogen, das groß genug war, um eine wilde Party nach der anderen zu feiern: zahlreiche Orgien mit Alkohol und Frauen, »ein undiszipliniertes und beschämendes Leben.«31 Wilhelm habe dort nach seinen eigenen Regeln und Gesetzen gelebt. Die schockierten Bewohner von Alzette hätten ihn gefürchtet und sich abgestoßen gefühlt. Man habe ihn nur »the lunatic« genannt, den Wahnsinnigen. Generell habe sich Wilhelm wie ein Flegel verhalten – wenn er mit seinen Stabsoffizieren in seinem Auto vorfuhr, habe er hinten gesessen, die Mütze an einem Ohr, und seine dünnen Beine mit glänzenden Stiefeln baumelten aus dem Wagen.

Während der Ausschweifungen sei in Longwy weitergekämpft worden. Als die Stadt am 27. August schließlich fiel, habe der Kronprinz, so Hervier, sofort »sein Nest der Ausschweifung«32 verlassen und sich beim Fort gemeldet, blass von all den durchfeierten Nächten, benommen von den Exzessen. Dort habe er ein Gespräch mit dem französischen Befehlshaber, Oberstleutnant Darche, geführt, dessen Verhalten Hervier in höchsten Tönen lobt. Der Kronprinz (»das Monster von Esch«) habe seine Reihe schamloser Freuden bloß unterbrochen, um seinen berühmten Gegner zu demütigen. Als Geschlagener habe Darche Wilhelm sein Schwert angeboten, aber Wilhem habe es zerbrochen:

»Sie haben nicht ehrenhaft gekämpft«, sagte er und fügte eine weitere lügnerische Bemerkung hinzu: »Und Ihre Soldaten haben Dum-Dum-Geschosse benutzt.«33

Die Frage ist natürlich, was von solchen Geschichten tatsächlich wahr ist. Hervier hatte sicher keine Scheu, schlüpfrige Details zu erfinden oder sensationalistisch aufzubauschen, doch er verweist auch auf eine Reihe von Quellen, auf die er seine Darstellung stützt. Höchstwahrscheinlich war er also recht gut informiert – dennoch war sein Hauptzweck, den Kaiser und den Kronprinzen zu diffamieren.

Die Frage ist auch, wie gut die Kronprinzessin die Exzesse ihres Mannes kannte. Sie landeten nicht in deutschen Zeitungen und diejenigen, die davon wussten, hatten wahrscheinlich den Takt, die Prinzessin nicht darüber zu informieren. Wahrscheinlich ist, dass sie etwas vermutete. Bereits früher waren ihr die Flirts ihres Mannes und kleine Affären bekannt geworden. Aber jetzt, so dachte sie womöglich, sei er älter und weiser. Während sie sich von der Geburt ihres fünften Kindes erholte und zu Hause aufräumte, stieß sie auf ein schockierendes Foto in einer Hutschachtel: ihr Mann und die Tochter des Metzgers, leicht bekleidet in intimer Umarmung. Schockiert beschloss Cecilie, sich von ihrem untreuen Ehemann zu trennen – aber es gab eine andere Frau, die sie drängte, diesen Entschluss noch einmal zu überdenken: die Kaiserin. Sie bat Cecilie, den Vorfall nicht zu dramatisieren. Sie erinnerte an die Kinder und überzeugte die Kronprinzessin mit Geschichten aus ihrem eigenen Leben mit einem launischen, untreuen Ehemann, dass alles halb so wild sei.

Wilhelm galt als Mann, der im Schatten der realen Ereignisse lebte. Zwischen dem Sieg in Longwy und dem Angriff auf Verdun im Februar 1916 war er weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. Er wohnte in der Nähe von Stenay im komfortablen Chateau des Tilleuls, das einen Park, einen Tennisplatz und einen Bunker hatte. Da der Kronprinz nicht an die Front sollte und keine operative Rolle bei der Führung seiner Armee spielte, hatte er genügend Zeit, um zu reiten oder das Gebiet hinter der Front (die sogenannte »Etappe«) in seinem knallroten Auto zu besichtigen, an dem er ein Hufeisen befestigt hatte, das ihm Glück bringen sollte. Wenn es an der Front ruhig war, besuchte er seine Truppen und verteilte Auszeichnungen. Auf dem Schloss in Stenay ließ er eine Blockhütte bauen, die gut gegen die Luftangriffe geschützt war, die regelmäßig sein Hauptquartier zum Ziel hatten. Dort empfing er zahlreiche Geliebte, auch aus Stenay.


Abb. 18: Februar 1916, der Kronprinz in Verdun. Man bemerke das Hufeisen!

Die feindliche Propaganda behauptete, dass der Kronprinz einen ganzen Harem in seinem Hauptquartier habe, dass französische Frauen ihn als Fahrer verkleidet besuchten und dass er an wüsten Orgien teilnehme, bei denen auch der Alkohol in Strömen fließe. Vermutlich waren dies oft Erfindungen und Geschichten, die jeglicher Grundlage entbehrten. Im Winter 1916 kursierte in Deutschland etwa das Gerücht, der Kronprinz habe seine Truppen heimlich verlassen und sich 14 Tage lang mit einer Liebhaberin vergnügt, während seine Truppen in den Schützengräben kämpften. Die Wahrheit war, dass Wilhelm sich beim Besuch eines Militärkrankenhauses eine milde Form von Typhus zugezogen und alle Berichte über seine Erkrankung verboten hatte.

Aber nicht alles war Propaganda: Viele Offiziere waren vom Verhalten des Kronprinzen im Hauptquartier angewidert. Es sei schändlich, wie oft er von »zweifelhaften Frauen« besucht wurde. Dass er kein gutes Vorbild für seine Untergebenen abgab, stand außer Frage. »Nun weiß ja jeder, wie vornehmlich in der Etappe übel geklatscht und übertrieben wurde, aber wenn auch nur ein Teil der Gerüchte wahr gewesen sein sollte, so wäre das sehr zu bedauern gewesen«,34 so einer seiner wichtigsten politischen Berater. Viele Dokumente zeigen die Besorgnis der deutschen Armeeführung über die Gerüchte über den Kronprinzen. Unter den Papieren von Oberst Bauer fand man etwa einen anonymen Bericht, der im Februar 1918 an das deutsche Hauptquartier geschickt wurde. Darin heißt es, dass nicht nur unter der Zivilbevölkerung, sondern auch beim Militär die Stimmung gegenüber dem Kronprinzen völlig umgeschlagen sei. Seine unüberlegten Handlungen würden die Arbeit des Feindes erheblich erleichtern. In ihrer Absicht, Deutschland und der Monarchie Schaden zuzufügen, erhielte die feindliche Propaganda reichlich Unterstützung vom Kronprinzen.

Die Indiskretion, mit der er französische Frauen behandelte, war in den Augen von Freund und Feind empörend. Es gab unzählige Geschichten über diese Art von Fehlverhalten, die nicht nur seinen Ruf und den der Monarchie beschädigten, sondern auch den anderer Offiziere. Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich solche Geschichten in den Schützengräben. Zum Beispiel teilte ein deutscher Offizier seiner zuständigen Behörde mit, der Kronprinz sei kürzlich eine Beziehung mit einer schönen jungen französischen Frau eingegangen. Er habe von ihr ein Gemälde anfertigen lassen, welche Gelegenheit der Maler genutzt habe, um »sehr intimen« Kontakt mit ihr zu haben. Als der Kronprinz davon erfuhr, wollte er den Maler in einem Anfall von Wut direkt in die Schützengräben schicken. Glücklicherweise gelang es seinem Umfeld, dies zu verhindern. Später wurde dann der Kronprinz mit dieser Frau öffentlich gesehen.


Abb. 19: »Jetzt wissen wir endlich, wo der Kronprinz ist …«, französischer Cartoon aus dem Ersten Weltkrieg.

Anfang 1917 wandte sich Feldmarschall von Hindenburg in einem Rundschreiben an seine Armeekommandanten und nannte es »unangemessen«, den zukünftigen Träger der Kaiserkrone für den gescheiterten Angriff auf Verdun und die Rückschläge entlang der Maas verantwortlich zu machen. Dabei kam er auch auf die »verrückten« Gerüchte über das Privatleben seiner kaiserlichen Hoheit zu sprechen. Solchen Aussagen sollten die Offiziere bei jeder Gelegenheit widersprechen, um den Ruf des Kronprinzen zu schützen, der im November 1916 zum Befehlshaber der Heeresgruppe »Deutscher Kronprinz« befördert worden war. Eine weitere Maßnahme, um den Schaden zu begrenzen und das Image des Kronprinzen aufzupolieren, war die Veröffentlichung eines luxuriös ausgestatteten Buchs Unser Kronprinz im Felde durch den renommierten Verlag August Scherl, mit zahlreichen Zeichnungen und Gemälden des Kriegsmalers Wilhelm Pape. Karl Rosner verfasste eine positive Einführung, in der nicht nur Wilhelms Stärke als Soldat, sondern auch seine menschliche Sensibilität gelobt wurde. Wilhelm sei offen für die kleinsten Wünsche und Sorgen seiner Männer, habe den Blick für das Ganze, aber auch für die Details. Wie um diese Worte zu verstärken, wurden zahlreiche Bücher mit großformatigen Drucken veröffentlicht, die angebliche Szenen aus dem Kriegsleben des zukünftigen Kaisers zeigen: In seinem Auto bringt er einen schwer verwundeten Soldaten zum Lazarett, teilt Geschenke mit den Truppen, sitzt auf einem Krankenbett im Krankenhaus, ist vor Ort in den Schützengräben oder berät sich mit dem Feldmarschall.


Abb. 20: Der Kronprinz besucht einen schwerverwundeten Soldaten im Lazarett, Gemälde von Wilhelm Pape.

Vor und während seiner Ehe hatte der Kronprinz viele Beziehungen. Sie brachten ihm den Ruf eines »Womanizers« und »Don Juans« ein und belasteten das Verhältnis zu seiner Familie, aber auch zu seinen militärischen Vorgesetzten und Untergebenen. In Stenay hatte sich der Kronprinz bereits den Ruf eines nicht sehr sensiblen, unzuverlässigen Luftikus erarbeitet. Er bezog ein Haus auf dem Anwesen Presles im Kanton Carginan (Ardennen), wo er sich zurückziehen konnte und ungestört war. Die Kronprinzessin hatte ihn dort nur einmal besucht: Bei einem Luftangriff musste sie mit ihrem Mann in den Keller fliehen und hat das besetzte Frankreich seitdem gemieden. In Charleville eilte Wilhelm sein Ruf als Schürzenjäger voraus. Kaum in Charleville, bestätigten sich die Gerüchte. Die meisten Affären waren kurz, manchmal dauerte es aber auch mehrere Monate, bis eine Liebhaberin in Ungnade fiel.

In seiner Residenz in Charleville, der Villa Renaudin, empfing der Kronprinz in der Regel keine Frauen: Seine beiden Adjutanten Müller und von Müldner hätten dies nicht zugelassen. Stattdessen hatte der Kronprinz in der Nähe ein elegantes Haus speziell für den Empfang seiner weiblichen Besucher ausgewählt. Es war einst mit schönen Möbeln und wertvollen Gemälden eingerichtet, aber die »boches« (wie man seinerzeit in Frankreich die Deutschen schimpfte) hatten wenig davon übriggelassen. Der Kronprinz beschwerte sich nicht, schließlich war Krieg. Das Haus gehörte Madame Claudot, einer Vertrauten des Kronprinzen, die Botin seiner Liebesbriefe und Geliebte zugleich war. Als Kupplerin empfing sie die Frauen in ihrem Café du Barrage, auch bekannt als »Friture«, nicht weit von Wilhelms Villa. Über einen eigens gebauten Weg erreichte man von dort das Liebesnest des Kronprinzen, ohne an der Villa Renaudin vorbei zu müssen. Den Weg nannte man Chemin des Dames.

Jan van den Berghe weiß in De naakte kroon (»Die nackte Krone«, 2007) zu berichten:

In Charleville, wo sich sein Hauptquartier während des Ersten Weltkriegs befand, hatte ihn die Bevölkerung »Gugusse« genannt. Er hatte mehrere amouröse Abenteuer mit lokalen Schönheiten, darunter mit der neunzehnjährigen Picard Gabrielle Beurrier mit dem Spitznamen »Bébé«, die er in einem ländlichen Spirituosengeschäft am Ufer der Maas besuchte.35

Abb. 21: Der Kronprinz zu Pferd vor dem Café du Barrage, der »Friture«.

Es gibt verschiedene Varianten dieser Geschichte. Die umfangreichste und wahrscheinlich auch zuverlässigste stammt von Henri Domelier (zu seiner Person s. u.). Im Herbst 1917 geriet der Kronprinz in eine ernsthafte Beziehung mit der bereits erwähnten Blanche Desserey – gleichzeitig verliebte sich Wilhelm in eine lokale Schönheit, Gabrielle Beurier. Ihr Vater besaß eine »besondere Einrichtung« in der Rue de la Gravière, wo Soldaten auf Fronturlaub und späte Nachtschwärmer nach Feierabend noch etwas Unterhaltung zu Festpreisen finden konnten, kurzum: ein Bordell. Der Kronprinz war auf dem Weg zu seinem Büro, als er zwei entlang der Maas spazierengehende Damen erblickte, von denen die jüngere – besagte Gabrielle Beurier – sein besonderes Interesse erregte. Er fuhr ein paar Mal an ihnen vorbei und stieg schließlich aus, um mit ihr zu plaudern. Am nächsten Tag ließ er Gabrielle einen Brief bringen und in den folgenden Wochen benahm er sich wie ein verliebter Schüler und schickte ihr viele leidenschaftliche Briefe auf seinem persönlichen, mit der Kaiserkrone versehenen Briefpapier. Als er keine Antwort erhielt, wurde sein Ton ernster und er begann zu drohen: Er würde Gabrielle in ein Lager in Deutschland schicken und ihren Vater als Zivilarbeiter in die Armee einziehen lassen.

Schließlich ließ er Gabrielle von einem Mitarbeiter der Militärpolizei, einem gewissen Klein, in seine Villa bringen. Von diesem Moment an war sie seine »zweite Kronprinzessin«. Sie bekam ihr eigenes Zuhause in der Stadt, wo der Kronprinz sie zweimal besuchte, aber die meisten Begegnungen fanden in Wilhelms Villa statt. Neben den Treffen schrieb Wilhelm ihr weiter Briefe, bis er erkannte, dass seine Briefe nach dem Krieg gegen ihn verwendet werden könnten. Müller und Müldner entwickelten einen Plan, um an die bereits verschickten Briefe zu kommen: Sie beschuldigten Gabrielle, einige Monate zuvor einen französischen Flieger versteckt zu haben und mit französischen Agenten in Kontakt zu stehen. Kurz gesagt, sie wurde wegen Spionage angeklagt, ihre Wohnung wurde durchsucht und die Briefe beschlagnahmt. Durch Wilhelms Einfluss wurde die Anklage dann fallengelassen und die Beziehung konnte fortgesetzt werden.

Der Kronprinz arrangierte ein neues, näheres Zuhause für sie, eine schöne Villa auf dem Hügel Montcy-Notre-Dame, nicht weit von der »Friture« entfernt. Sie konnte ihn fast jeden Tag über den Chemin des Dames besuchen und so nahm im Frühjahr 1918 die Beziehung (Domelier: das »deutsch-französische Bündnis«) mehr Gestalt an. Er ließ seine Geliebte von seinem Lieblingsmaler zeichnen; er selbst fotografierte sie in attraktiven Kleidern.

Manchmal, so Domelier, habe Wilhelm mit Gabrielle über den Krieg gesprochen und angesichts der näher rückenden Niederlage seine Besorgnis geäußert, er würde niemals Kaiser von Deutschland werden. Er hatte wenig Illusionen über die Zukunft. Könnte er nach dem Krieg bei seiner Geliebten bleiben? Laut Domelier waren solche Gespräche vielen in Charleville bekannt die Managerin der »Friture« hätte dieser Skandalgeschichte viel hinzufügen können.

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