Kitabı oxu: «James Bond 18: Eisbrecher»

Şrift:

JAMES BOND


EISBRECHER
von

JOHN GARDNER

Ins Deutsche übertragen von Stephanie Pannen und Anika Klüver


Die deutsche Ausgabe von JAMES BOND – EISBRECHER

wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern,

Übersetzung: Anika Klüver und Stephanie Pannen;

verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde;

Lektorat: Katrin Aust und Gisela Schell; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik;

Cover Artwork: Michael Gillette. Printausgabe gedruckt von

CPI Morvia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice.

Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: JAMES BOND – ICEBREAKER

German translation copyright © 2015, by Amigo Grafik GbR.


Copyright © Ian Fleming Publications Limited 1983

The moral rights of the author have been asserted.

Die Persönlichkeitsrechte des Autors wurden gewahrt.

Ian Fleming and the Ian Fleming logo are both trademarks owned by the Ian Fleming Estate, used under licence by Ian Fleming Publications Ltd.

JAMES BOND and 007 are registered trademarks of Danjaq LLC, used under license by Ian Fleming Publications Limited. All Rights Reseved.

Print ISBN 978-3-86425-454-3 (März 2015)

E-Book ISBN 978-3-86425-465-9 (März 2015)

WWW.CROSS-CULT.DE · WWW.IANFLEMING.COM

ÜBER DEN AUTOR

John Gardner war ein britischer Spionageroman- und Krimiautor. 1979 erhielt er von Glidrose Publications (heute Ian Fleming Publications) offiziell den Auftrag, Ian Flemings Vermächtnis weiterzuführen und neue James-Bond-Abenteuer zu schreiben. Zwischen 1981 und 1996 schrieb Gardner vierzehn eigene James-Bond-Romane und die Bücher zu zwei James-Bond-Filmen.

Bevor er in den frühen 1960ern eine Karriere als Romanschriftsteller begann, war John Gardner als Zauberkünstler, Offizier der königlichen Marine, Journalist und für kurze Zeit auch als Priester der Anglikanischen Kirche tätig. Gardner erschuf viele beliebte Figuren wie zum Beispiel Boysie Oakes und Herbie Kruger und verfasste insgesamt fünfundfünfzig Romane – darunter zahlreiche Bestseller –, bevor er im August 2007 verstarb.

Weitere Informationen finden sich auf www.john-gardner.com oder der Webseite für Ian Fleming: www.ianfleming.com.

INHALT

1. Der Tripoli-Zwischenfall

2. Eine Vorliebe für Blondinen

3. Messer zum Abendessen

4. Zuckerschlecken

5. Rendezvous im Reid’s

6. Gelb gegen Silber

7. Rivke

8. Tirpitz

9. Die Wurfleine

10. Kolja

11. Schneesafari

12. Blue Hare

13. Der Eispalast

14. Eine Welt der Helden

15. Tödliche Kälte

16. Komplizen

17. Ein Deal ist ein Deal

18. Die Fechter

19. Lose Enden

20. Schicksal

21. Das kann nicht der Himmel sein

ANMERKUNG DES AUTORS

Ich möchte gern allen danken, die mich bei der Vorbereitung für dieses Buch tatkräftig unterstützt haben. Zuerst meinen guten Freunden Erik Carlsson und Simo Lampinen, die mich am Polarkreis ertragen haben. John Edwards, der mir vorschlug, nach Finnland zu gehen, und es möglich machte. Ian Adcock, der nie die Geduld verlor, sondern gelassen blieb, als ich ihn während einer Reise quer durch den Norden Finnlands – Anfang Februar 1982 – nicht ein, sondern drei Mal in eine Schneeverwehung führte.

Mein Dank geht außerdem an den Diplomaten unter den finnischen Gentlemen, Bernhard Flander, der das Gleiche mit mir machte, allerdings an einem wesentlich unangenehmeren Ort – direkt an der finnisch-russischen Grenze. Wir beide danken dem finnischen Militär dafür, dass sie uns da rausgeholt haben.

Diese Danksagung wäre nicht komplett, ohne Philip Hall zu erwähnen, der mich die ganze Zeit über enorm unterstützt hat.

JOHN GARDNER, 1983


DER TRIPOLI-ZWISCHENFALL

Der militärische Handelsmissionskomplex der Sozialistischen Volksrepublik Libyen liegt etwa fünfzehn Kilometer südöstlich von Tripoli. Der Komplex ist nah an der Küste angesiedelt und gut vor neugierigen Augen verborgen. Von allen Seiten ist er durch süß duftenden Eukalyptus, ausgewachsene Zypressen und große Kiefern abgeschirmt. Aus der Luft könnte man ihn leicht für ein Gefängnis halten. Der nierenförmige Bereich ist von einer Begrenzung aus drei einzelnen sechs Meter hohen Sturmschutzzäunen umgeben, auf denen oben jeweils noch einmal ein Meter Stacheldraht und Elektrozaun befestigt sind. Nachts laufen Hunde in den Gängen zwischen den Zäunen auf und ab, während reguläre Patrouillen den äußeren Bereich in Cascavel-Panzerfahrzeugen umrunden. Die Gebäude innerhalb der Anlage sind in erster Linie funktional. Es gibt niedrige Baracken aus Holz für die Sicherheitskräfte. Zwei komfortablere Bauwerke dienen als »Hotels« – eins für ausländische Militärdelegationen, das andere als Unterkunft für ihre libyschen Kollegen.

Zwischen den »Hotels« steht ein beeindruckender einstöckiger Block. Seine Wände sind über einen Meter dick, doch ihre Stabilität wird durch die pinke Stuckverkleidung und die verzierte Fassade verborgen. Stufen führen zu einem Haupteingang, und das Innere wird durch einen einzigen Korridor geteilt, der durch die Mitte verläuft. Links und rechts davon befinden sich Verwaltungsbüros und ein Funkraum. Der Korridor selbst endet abrupt vor einer zweiflügeligen schweren und hohen Tür, die in einen langen, schmalen Raum führt, in dem sich lediglich ein gewaltiger Konferenztisch mit Stühlen sowie technische Ausrüstung für das Abspielen von Filmen, Videos und Dias befinden.

In diesem wichtigsten Raum des gesamten Komplexes gibt es keine Fenster. Eine Klimaanlage sorgt für eine gleichbleibende Temperatur, und eine kleine Metalltür am anderen Ende für das Reinigungs- und Sicherheitspersonal stellt den einzigen anderen Eingang dar.

Der militärische Handelsmissionskomplex wird fünf oder sechs Mal im Jahr benutzt, und die Vorgänge im Inneren werden ständig – so gut wie möglich – von den Geheimdiensten der westlichen Demokratien überwacht.

An dem Morgen, an dem es geschah, arbeiteten vielleicht einhundertvierzig Menschen in der Anlage.

Diejenigen in den Hauptstädten des Westens, die ein wachsames Auge auf die Vorgänge im Nahen Osten hatten, wussten, dass ein Abkommen getroffen worden war. Obwohl die Wahrscheinlichkeit einer offiziellen Stellungnahme minimal blieb, würde Libyen irgendwann mehr Raketen, Flugzeuge und diverse militärische Ausrüstung erhalten, um sein ohnehin schon gut ausgestattetes Arsenal aufzustocken.

Die letzte Sitzung der Verhandlungen sollte um Viertel nach neun beginnen, und beide Parteien hielten sich streng ans Protokoll. Die libyschen und die sowjetischen Delegationen, die jeweils aus etwa zwanzig Personen bestanden, trafen sich vor dem pinken Stuckgebäude und nach den üblichen herzlichen Begrüßungen gingen sie hinein und durch den Korridor zu der hohen Doppeltür, die dank ihrer gut geölten Angeln lautlos von zwei bewaffneten Wachen geöffnet werden konnte.

Etwa die Hälfte der beiden Delegationen war bereits in den Raum gegangen, als die ganze Gruppe schockiert innehielt und angesichts des Anblicks, der sich ihnen bot, wie angewurzelt stehen blieb.

Zehn identisch gekleidete Gestalten bildeten am anderen Ende des Raums einen großen Halbkreis. Sie trugen Kampfjacken und graue Baumwollhosen, die in Lederstiefeln steckten. Ihre Erscheinung wirkte durch die feinen Tarnnetze, die ihre Gesichter bedeckten, noch bedrohlicher. Die Netze wurden von schwarzen Baskenmützen an Ort und Stelle gehalten, auf denen polierte silberne Abzeichen prangten. Die Abzeichen hatten die Form eines Totenschädels unter dem die Buchstaben NSAA standen. Flankiert wurde das Ganze von blitzförmigen Runen.

Die Situation war unfassbar, da die libyschen Offiziere den Raum weniger als fünfzehn Minuten vor dem Eintreffen der beiden Delegationen draußen vor dem Gebäude überprüft hatten.

Die zehn Gestalten nahmen klassische Feuerpositionen ein – linkes Bein nach vorn, Knie gebeugt, die Griffe ihrer Maschinenpistolen oder Automatikgewehre fest an die Hüften gepresst. Zehn Mündungen waren auf die Delegierten gerichtet, die sich bereits im Raum befanden, und auch auf den Rest der Gruppe, der noch draußen im Korridor stand. Für ein paar Sekunden war die Szene wie eingefroren. Dann brach eine Welle aus Chaos und Panik los, als der Beschuss losging.

Die zehn Automatikwaffen feuerten systematisch auf den Eingang. Kugeln bohrten sich mit einem Getöse, das in dem geschlossenen Raum noch verstärkt wurde, durch Fleisch und Knochen.

Die Feuersalve dauerte weniger als eine Minute an, doch als sie aufhörte, waren alle bis auf sechs der sowjetischen und libyschen Delegierten entweder tot oder tödlich verwundet. Erst dann reagierten die libyschen Truppen und Sicherheitsoffiziere.

Der Attentätertrupp war außergewöhnlich diszipliniert und gut ausgebildet. Bei dem Feuergefecht – das etwa fünfzehn Minuten dauerte – wurden nur drei der Eindringlinge erwischt, während sie noch im Raum waren. Die restlichen entkamen durch den Hintereingang und nahmen innerhalb der Anlage Verteidigungsstellungen ein. Die folgende Auseinandersetzung forderte weitere zwanzig Leben. Am Ende waren alle zehn Mitglieder des Teams tot. Sie lagen zwischen ihren Opfern wie Teile eines bizarren Puzzles.

Um neun Uhr westeuropäischer Zeit am nächsten Morgen erhielt Reuters eine Nachricht per Telefon. Innerhalb weniger Minuten wurde der Text an die Medien auf der ganzen Welt weitergeleitet.

Die Botschaft lautete:

In den frühen Stunden des gestrigen Morgens befanden sich drei leichte Flugzeuge im Luftraum über dem militärischen Handelsmissionskomplex außerhalb von Tripoli, der Hauptstadt der Sozialistischen Volksrepublik Libyen. Sie flogen tief, um nicht auf dem Radar zu erscheinen, stellten ihre Motoren ab und glitten über die gut bewachte Anlage hinweg.

Eine Einheit der Nationalsozialistischen Aktionsarmee landete unentdeckt per Fallschirm auf dem Gelände des Komplexes.

Später fügte diese Einheit dem internationalen Faschismus einen schweren Schlag zu, indem sie eine große Anzahl Menschen exekutierte, die sich dafür einsetzten, die weitere Verbreitung der bösen kommunistischen Ideologie zu unterstützen, die nach wie vor eine Bedrohung für den Weltfrieden und die Stabilität darstellt.

Voller Stolz betrauern wir den Tod der Mitglieder dieser Einheit, der sie in Ausübung ihrer noblen Aufgabe ereilte. Die Einheit wurde aus der Elite unserer Ersten Division zusammengestellt.

Die Vergeltungsschläge für Verbrüderung oder Handel zwischen kommunistischen und nicht kommunistischen Ländern oder Individuen werden schnell ausgeführt. Wir werden den kommunistischen Teil vom Rest der freien Welt abschneiden.

Dies ist die amtliche Verlautbarung Nummer eins des Oberkommandos der NSAA.

Zu diesem Zeitpunkt kam es niemandem besonders bösartig vor, dass die Waffen, die die NSAA-Truppe benutzt hatte, alle aus russischer Herstellung stammten: sechs leichte Kalaschnikow-RPK-Maschinenpistolen und vier der kleinen Brüder der RPK – das leichte und sehr effektive AKM-Sturmgewehr. Tatsächlich war der Überfall in einer Welt, die durchaus an Terrorismus gewöhnt war, nur eine Schlagzeile unter vielen. Die Medien stellten die NSAA als eine kleine Gruppe faschistischer Fanatiker dar.

Knapp einen Monat nach dem Ereignis, das als der »Tripoli-Zwischenfall« bekannt wurde, veranstalteten fünf Mitglieder der britischen Kommunistenpartei ein Abendessen, um drei russische Parteimitglieder zu unterhalten, die im Zuge einer Mission zur Demonstration des guten Willens in London zu Besuch waren.

Das Abendessen wurde in einem Haus in der Nähe des Trafalgar Square abgehalten. Der Kaffee war gerade serviert worden, als ein Klingeln an der Vordertür den Gastgeber zwang, den Tisch zu verlassen. Alle Anwesenden hatten eine Menge Wodka getrunken, den die Russen mitgebracht hatten.

Die vier Männer, die vor der Tür standen, trugen paramilitärische Uniformen, die denen des Trupps beim Tripoli-Zwischenfall ähnelten.

Der Gastgeber – ein bekanntes und lautstarkes Mitglied der britischen Kommunistenpartei – wurde auf seiner eigenen Türschwelle erschossen. Die verbleibenden vier Briten und die drei Russen wurden innerhalb von Sekunden ausgeschaltet.

Die Mörder verschwanden und wurden nicht gefasst.

Während der Autopsien an diesen acht Opfern wurde klar, dass sie alle durch Schüsse aus einer Waffe russischer Herstellung getötet worden waren – vermutlich Automatikpistolen der Marke Makarow oder Stetschkin. Die Munition war eindeutig in der UdSSR hergestellt worden.

Die amtliche Verlautbarung Nummer zwei des Oberkommandos der NSAA wurde am nächsten Tag um neun Uhr westeuropäischer Zeit herausgegeben. Dieses Mal wurde verkündet, die Einheit habe zum »Adolf-Hitler-Kommando« gehört.

In den folgenden zwölf Monaten standen nicht weniger als dreißig »Zwischenfälle« mit Mehrfachermordungen auf Befehl des Oberkommandos der NSAA in den Schlagzeilen der Zeitungen.

In West-Berlin, Bonn, Paris, Washington, Rom, New York, London – zum zweiten Mal –, Madrid, Mailand und mehreren Städten im Nahen Osten wurden bekannte Kommunisten ermordet, zusammen mit Menschen, die offiziell oder nur freundschaftlich mit ihnen zu tun hatten. Unter den Opfern befanden sich drei britische und amerikanische Gewerkschafter.

Mitglieder der Mordanschlagtrupps verloren ebenfalls ihr Leben, aber nie wurden Mitglieder der Organisation gefangen genommen. In vier Fällen begingen die Männer der NSAA Selbstmord, um einer Verhaftung zu entgehen.

Alle Ermordungen erfolgten schnell und wurden mit sorgfältiger Planung und großer militärischer Präzision ausgeführt. Nach jedem Zwischenfall wurde die unvermeidliche amtliche Verlautbarung des Oberkommandos herausgegeben. Sie war stets in der gestelzten Sprache gehalten, die für alle Ideologien typisch ist. Jede Verlautbarung enthielt Einzelheiten über die angeblich beteiligte Einheit und die alten Namen, wie Erstes Eichmann-Kommando und Heinrich-Himmler-SS-Division, weckten schreckliche Erinnerungen an das berüchtigte Dritte Reich. Für die Polizei- und Sicherheitsdienste der Welt war das die einzige Konstante, der einzige Hinweis. Die Leichen der NSAA-Männer und -Frauen wiesen keinerlei Beweise auf. Es war, als wären sie plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht, voll ausgewachsen und in die NSAA hineingeboren. Nicht eine einzige Leiche konnte identifiziert werden. Experten der Spurensicherung plagten sich mit winzigen Hinweisen ab, Sicherheitsbehörden gingen ihren Spuren nach, Behörden für vermisste Personen gingen auf ähnliche Weise vor. Und alle Spuren endeten in einer Sackgasse.

Der Bericht einer Zeitung klang wie ein Poster für einen Film aus den 1940ern:

Sie kommen aus dem Nichts, töten, sterben oder verschwinden – und kehren in ihre Verstecke zurück. Sind diese Gefolgsleute der dunklen Nazizeit ihren Gräbern entstiegen, um sich an ihren einstigen Bezwingern zu rächen? Bislang wurde der Großteil des städtischen Terrorismus durch linksgerichtete Ideologien motiviert. Die selbsternannte und effiziente NSAA hebt ihn auf ein neues und äußerst verstörendes Level.

Doch in den Schatten jener verborgenen und geheimen Welt der Geheimdienste und Sicherheitskomitees fingen die Leute an, unruhig zu werden, als würden sie aus einem Albtraum erwachen, nur um festzustellen, dass dieser Albtraum wahr geworden war. Es begann mit dem Austauschen von Meinungen und dann, vorsichtig, Informationen. Schließlich arbeiteten sie sich zu einer seltsamen und nie da gewesenen Allianz vor.


EINE VORLIEBE FÜR
BLONDINEN

Schon lange bevor er dem Secret Service beigetreten war, hatte James Bond ein spezielles System der Gedächtniskunst verwendet, um sich Telefonnummern zu merken. Nun hatte er in seinem Gedächtniscomputer die Nummern Tausender Leute gespeichert und konnte sie bei Bedarf jederzeit abrufen. Die meisten dieser Nummern waren beruflicher Natur, weshalb man sie ohnehin besser nicht aufschrieb.

Paula Vacker hatte nichts mit seinem Beruf zu tun. Paula diente einzig und allein dem Vergnügen.

In seinem Zimmer im Inter-Continental Hotel am nördlichen Ende von Helsinkis großer Hauptstraße Mannerheimintie wählte Bond die Telefonnummer. Es tutete zwei Mal, dann meldete sich eine Frau auf Finnisch.

Bond sprach in höflichem Englisch: »Paula Vacker, bitte.«

Die finnische Telefonistin wechselte problemlos in Bonds Muttersprache. »Wen soll ich als Anrufer nennen?«

»Mein Name ist Bond. James Bond.«

»Einen Augenblick, Mr Bond. Ich werde nachsehen, ob Ms Vacker zur Verfügung steht.«

Stille. Dann ein Klicken und die Stimme, die er so gut kannte. »James? James, wo bist du?« Der Akzent wies nur einen leichten Hauch des Singsangs auf, der für die Skandinavier so typisch war.

Bond erwiderte, er sei im Inter-Continental.

»Hier? Hier in Helsinki?« Sie versuchte gar nicht erst, ihre Freude zu verbergen.

»Ja«, bestätigte Bond, »hier in Helsinki. Sofern Finnair keinen Fehler gemacht hat.«

»Finnair ist wie eine Brieftaube«, sagte sie lachend. »Die machen nur selten Fehler. Aber was für eine Überraschung. Warum hast du mir nicht mitgeteilt, dass du kommst?«

»Ich wusste es selbst nicht«, log Bond. »Eine unerwartete Planänderung.« Das stimmte zumindest teilweise. »Ich musste über Helsinki reisen, also dachte ich, ich mache einen kleinen Zwischenstopp. Eine Art spontane Entscheidung.«

»Spontane Entscheidung?«

»Eine Laune. Eine plötzliche Idee. Wie könnte ich denn bitte durch Helsinki reisen, ohne mich mit Paula Schön zu treffen?«

Sie lachte von Herzen. Bond stellte sich vor, wie sie den Kopf zurückwarf und den Mund öffnete, sodass die hübschen Zähne sowie die zierliche rosa Zunge zum Vorschein kamen. Paula Vackers Name deutete darauf hin, dass sie schwedische Vorfahren hatte. Eine direkte Übersetzung ihres Namens aus dem Schwedischen würde sie zu Paula Schön machen. Der Name passte zu ihr.

»Hast du heute Abend Zeit?« Falls sie nicht zur Verfügung stand, würde es ein langweiliger Abend werden.

Erneut ließ sie ihr besonderes Lachen vernehmen, voller Humor und ohne die Schärfe, die manche Karrierefrauen entwickelten. »Für dich habe ich immer Zeit, James. Aber ich bin nicht leicht zu haben.« Es war ein alter Scherz, den Bond einmal gemacht hatte. Zu dem Zeitpunkt war er mehr als treffend gewesen.

Sie kannten einander inzwischen seit etwa fünf Jahren. Ihre erste Begegnung hatte in London stattgefunden.

Es war im Frühling gewesen, die Art von Londoner Frühling, die die weiblichen Büroangestellten so wirken lässt, als würden sie gerne zur Arbeit gehen, und die Parks in gelbe Teppiche aus Osterglocken verwandelt.

Die Tage hatten gerade angefangen, länger zu werden, und es gab ein Gelage im Außenministerium, um die Zahnräder des internationalen Handels zu schmieren. Bond war geschäftlich dort – um auf verdächtige Personen zu achten. Tatsächlich war im Vorfeld heftig darüber diskutiert worden, da die innere Sicherheit eine Aufgabe des MI5 und keine von Bonds Abteilung war. Doch am Ende hatte das Außenministerium, unter dessen Schirmherrschaft die Feier abgehalten wurde, die Oberhand gewonnen. Widerwillig hatte der MI5 einem Kompromiss zugestimmt, aber nur unter der Voraussetzung, dass sie ebenfalls ein paar Männer vor Ort haben würden.

Aus professioneller Sicht war die Feier ein Reinfall. Paula war hingegen eine ganz andere Geschichte.

Sie war Bond selbst in dem überfüllten Raum sofort ins Auge gefallen, man konnte sie einfach nicht übersehen. Es war, als wären keine anderen Frauen eingeladen worden, und das gefiel den anderen Frauen ganz und gar nicht – besonders den älteren und den femmes fatales des diplomatischen Dienstes, die derartige Feierlichkeiten immer heimsuchten.

Paula trug Weiß. Ihre Haut besaß eine natürliche Bräune, die nicht mit künstlichen Hilfsmitteln aufgebessert werden musste, eine Gesichtshaut, die, wenn sie ansteckend gewesen wäre, sämtliche Make-up-Firmen in den Ruin getrieben hätte, und dichtes blondes Haar, das so schwer war, dass die Frisur wohl selbst einem Sturm der Windstärke zehn problemlos standgehalten hätte. Und als wenn das alles noch nicht genug gewesen wäre, war sie auch noch schlank, attraktiv, hatte große von grauen Flecken durchzogene Augen sowie Lippen, die zu einem einzigen Zweck geformt worden waren.

Bonds erste Gedanken waren vollkommen professionell. Sie würde einen guten Lockvogel abgeben, entschied er, und er wusste, dass man in Finnland Probleme hatte, gute Lockvögel zu bekommen. Er hielt sich eine ganze Weile lang von ihr fern und vergewisserte sich, dass sie ohne Begleitung gekommen war. Dann ging er auf sie zu und stellte sich vor. Er sagte, der Minister habe ihn gebeten, sich um sie zu kümmern. Zwei Jahre später, in Rom, erzählte Paula ihm, der Minister habe es recht früh am Abend selbst bei ihr versucht – bevor seine Gattin eingetroffen sei.

Sie war für eine Woche in London. An jenem ersten Abend führte Bond sie zu einem späten Abendessen ins Ritz aus, was sie »altmodisch« fand. Vor ihrem Hotel erteilte Paula ihm eine sanfte, aber sehr deutliche Abfuhr.

Bond setzte zur Belagerung an. Zuerst versuchte er, sie zu beeindrucken, doch ihr gefielen weder das Connaught noch das Inn on the Park, das Tiberio’s, das Dorchester, das Savoy oder das Royal Garden Roof, während sie Tee im Brown’s lediglich »amüsant« fand. Er war kurz davor gewesen, sie mit ins Tramp’s oder ins Annabel’s zu nehmen, als sie selbst das Au Savarin in der Charlotte Street entdeckte. Es war genau ihr Ding und der patron kam gegen Ende der Mahlzeiten und setzte sich zu ihnen an den Tisch, damit sie schlüpfrige Geschichten austauschen konnten. Bond war sich nicht ganz sicher, was er davon halten sollte.

Sie wurden sehr schnell enge Freunde und entdeckten gemeinsame Interessen – Segeln, Jazz sowie die Werke von Eric Ambler. Außerdem gab es eine weitere Sportart, der sie sich am vierten Abend endlich widmeten. Bond, dessen Ansprüche bekanntermaßen hoch waren, gestand ein, dass sie eine Goldmedaille mit Eichenlaub verdiente. Im Gegenzug verlieh sie ihm das Eichenlaub. In diesem Fall war er sich ebenfalls nicht sicher, was er davon halten sollte.

Im Laufe der folgenden Jahre waren sie sehr gute Freunde geblieben, die einen »engen« Kontakt pflegten. Sie trafen sich oft zufällig an so unterschiedlichen Orten wie New York oder der französischen Hafenstadt Dieppe, wo er sie im vergangenen Herbst das letzte Mal gesehen hatte. Dieser Abend in Helsinki würde Bonds erste Gelegenheit sein, Paula in ihrer Heimat zu begegnen.

»Abendessen?«, fragte er.

»Wenn ich das Restaurant aussuchen darf.«

»Tust du das nicht immer?«

»Willst du mich abholen?«

»Das und noch mehr.«

»Bei mir zu Hause. Um halb sieben? Hast du die Adresse?«

»Sie ist in mein Herz eingemeißelt, hübsche Paula.«

»Das sagst du doch zu allen Frauen.«

»Meistens schon, aber ich meine es ehrlich. Und du weißt, dass ich eine besondere Vorliebe für Blondinen habe.«

»Du bist ein Verräter, weil du im Inter-Continental wohnst. Warum übernachtest du nicht wie ein Finne im Hesperia?«

»Weil man dort von den Fahrstuhlknöpfen Stromschläge bekommt.«

»Die bekommt man im Inter-Continental auch. Das hängt mit der Kälte und der Zentralheizung zusammen …«

»… und mit den Teppichen. Ich weiß. Aber das hier sind teurere Stromschläge, und ich muss nicht selbst zahlen. Ich kann die Kosten absetzen, also kann ich mir auch ruhig die luxuriösen Stromschläge leisten.«

»Pass bloß gut auf, was du anfasst. Hier bekommt man zu dieser Jahreszeit von jeder metallenen Oberfläche in einem Gebäude Stromschläge. Besonders im Badezimmer.«

»Ich werde Gummischuhe tragen.«

»Ich hatte nicht unbedingt deine Füße im Sinn. Ich bin so froh, dass du dieser Laune nachgegeben hast, James. Wir sehen uns um halb sieben.« Sie legte auf, bevor ihm eine elegante Erwiderung einfiel.

Draußen hielt sich die Temperatur bei etwa fünfundzwanzig Grad unter null. Bond streckte sich, entspannte sich dann wieder und nahm sein Zigarettenetui aus Geschützbronze vom Nachttisch, um sich eine Zigarette anzuzünden – eine der »Sonderanfertigungen«, die H. Simmons aus der Burlington Arcade dank einer Abmachung für ihn herstellte.

Das Zimmer war warm und gut isoliert, und Bond fühlte sich enorm zufrieden, als er den Rauch in Richtung Decke blies. Manchmal brachte sein Beruf zweifellos Entschädigungen mit sich. Erst an diesem Morgen hatte Bond Temperaturen von vierzig Grad unter null hinter sich gelassen, denn der wahre Grund für seine Anwesenheit in Helsinki hing mit einer kürzlich durchgeführten Reise zum Polarkreis zusammen.

Der Januar war nicht die angenehmste Zeit für einen Besuch der Arktis. Wenn man jedoch ein geheimes Überlebenstraining unter harten winterlichen Bedingungen absolvieren musste, war das finnische Gebiet des Polarkreises bestens dafür geeignet.

Der Service legte Wert darauf, seine Mitarbeiter für den Außeneinsatz in tadelloser Verfassung zu halten und sie in allen modernen Methoden auszubilden. Aus diesem Grund verschwand Bond mindestens einmal pro Jahr, um mit dem 22. Regiment des Special Air Service in der Nähe von Hereford zu trainieren. Und dann waren da noch seine gelegentlichen Reisen nach Poole in Dorset, bei denen er bezüglich Ausrüstung und Taktiken der Special Boat Squadron der königlichen Marine auf den neuesten Stand gebracht wurde.

Auch wenn die alte Elite der Doppelnullabteilung mit ihrer dazugehörigen »Lizenz, in Ausübung der Pflicht zu töten« mittlerweile aus dem Service entfernt worden war, war Bond immer noch fest in seiner Rolle als 007 verwurzelt. Der grimmige Leiter des Service, den alle nur als M kannten, war diesbezüglich sehr konkret gewesen: »Soweit es mich betrifft, werden Sie 007 bleiben. Ich werde die volle Verantwortung für Sie übernehmen, und Sie werden wie immer ausschließlich von mir Befehle und Aufträge entgegennehmen. Es gibt Augenblicke, in denen dieses Land einen Problemlöser braucht – ein stumpfes Werkzeug –, und bei Gott, den wird es bekommen.«

Offiziell war Bond das, was der amerikanische Geheimdienst als »Einzelexemplar« bezeichnete – ein umherziehender Fallmitarbeiter, dem bei besonderen Aufträgen freie Hand gelassen wurde, zum Beispiel bei der genialen verdeckten Ermittlung, die er während des Falklandkriegs von 1982 geleistet hatte. Damals war er sogar – nicht identifiziert – in einem Fernsehnachrichtenbericht aufgetaucht, aber darüber war genau wie über alles andere Gras gewachsen.

Um Bond in professioneller Topform zu halten, schaffte es M für gewöhnlich, mindestens eine zermürbende Feldeinsatzübung pro Jahr zu arrangieren. Dieses Mal war es der Umgang mit kaltem Klima gewesen, und Bond hatte den Befehl erst kurzfristig erhalten, sodass ihm nur wenig Zeit geblieben war, sich auf die Strapazen vorzubereiten.

Während des Winters trainierten Mitglieder der SAS-Einheiten regelmäßig im Schnee in Norwegen. Dieses Jahr hatte M ein weiteres Risiko hinzugefügt und dafür gesorgt, dass Bond eine Trainingsübung am Polarkreis ausführte, und zwar verdeckt und ohne die Erlaubnis des Landes, in dem er operieren sollte – Finnland.

Die Operation, die weder bösartige noch bedrohliche Begleiterscheinungen hatte, beinhaltete eine Woche Überlebenstraining in der Gesellschaft zweier SAS-Männer und zweier Offiziere des SBS.

Das Militär- und Marinepersonal würde es schwerer haben als Bond, denn ihr Teil würde zwei heimliche Grenzüberschreitungen erfordern – von Norwegen nach Schweden und dann, immer noch im Geheimen, weiter über die finnische Grenze, um Bond in Lappland zu treffen.

Dort würde die Gruppe, wie man es nannte, für sieben Tage »vom Gürtel leben«: Sie mussten ausschließlich mit dem Allernötigsten überleben, das sie an speziell entwickelten Gürteln bei sich trugen. Ihre Mission bestand darin, in schwierigem Terrain zu überleben und gleichzeitig unentdeckt zu bleiben und sich nicht identifizieren zu lassen.

Auf diese Woche würden weitere vier Tage folgen, in denen Bond als Anführer fungieren sollte. Sie würden an der Grenze zwischen Finnland und der Sowjetunion entlanglaufen und versuchen, Bild- und Tonaufnahmen zu machen. Danach würden Sie sich trennen – die SAS- und die SBS-Männer sollten in einer abgelegenen Gegend von einem Hubschrauber abgeholt werden, während Bond eine andere Route nahm.

Soweit es Bond betraf, gab es in Finnland keine Schwierigkeiten mit der Tarnung. Er musste seinen Saab Turbo – das »Silberbiest«, wie er ihn nannte – allerdings noch unter harten Winterbedingungen testen.

Saab-Scania hielt jedes Jahr einen anspruchsvollen Winterfahrkurs am Polarkreis in der Nähe des finnischen Skigebiets Rovaniemi ab. Eine Einladung für die Teilnahme an diesem Kurs zu erhalten, war leicht und kostete lediglich ein paar Telefonate. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden hatte Bond sein Auto – komplett mit all seinen geheimen »Extras«, die er auf eigene Kosten von Communications Control Systems hatte einbauen lassen – nach Finnland verfrachtet. Dann flog Bond über Helsinki nach Rovaniemi, um sich dort mit den Autoexperten zu treffen, darunter sein alter Freund Erik Carlsson und der adrette Simo Lampinen.

Der Fahrkurs dauerte nur ein paar Tage. Anschließend verließ Bond – nach einer Unterhaltung mit dem massigen Erik Carlsson, der versprach, ein Auge auf das Silberbiest zu haben – das Hotel in der Nähe von Rovaniemi in den frühen Stunden eines bitterkalten Morgens.

Die Winterkleidung, dachte er, würde sein Ansehen bei den Damen zu Hause kaum verbessern. Thermounterwäsche war für gewisse Aktivitäten kaum förderlich. Über der langen Unterhose trug er einen Trainingsanzug, einen dicken Rollkragenpullover, sowie eine gepolsterte Skihose und die dazugehörige Jacke, während seine Füße fest in Mukluk-Stiefel geschnürt waren. Eine Thermokapuze, ein Schal, eine Wollmütze und eine Schneebrille schützten sein Gesicht. Handschuhe mit Lederstulpen hielten seine Hände warm. Eine kleine Tasche enthielt das Nötigste, darunter seine eigene Version des SAS/SBS-Militärgürtels.

Bond stapfte durch den Schnee, der ihm auf den leichteren Wegabschnitten bis zu den Knien reichte, und achtete darauf, nicht von dem schmalen Weg abzukommen, den er während der Tageslichtstunden ausgekundschaftet hatte. Eine falsche Bewegung nach rechts oder links konnte ihn in Schneeverwehungen führen, die tief genug waren, um ein kleines Auto zu bedecken.

Das Schneemobil war genau dort, wo die Unterweisungsoffiziere gesagt hatten. Niemand würde fragen, wie es dort hingelangt war. Schneemobile ließen sich mit ausgeschaltetem Motor nur schwer handhaben, und Bond brauchte gute zehn Minuten, um dieses hier aus seinem Versteck unter schweren und unnachgiebigen Tannenzweigen zu ziehen. Dann zerrte er das Fahrzeug zum höchsten Punkt eines langen Abhangs, der fast einen Kilometer weit bergab führte. Ein kleiner Stoß genügte, und die Maschine bewegte sich vorwärts. Bond blieb gerade noch genug Zeit, um auf den Sattel zu springen und seine Beine in die Schutzabschirmungen zu befördern.

Das Schneemobil glitt lautlos den langen Abhang hinunter und kam schließlich zum Stehen, als die Wucht des Schwungs nachließ. Obwohl Geräusche leicht über den Schnee weitergetragen wurden, war er nun weit genug vom Hotel entfernt, um den Motor gefahrlos starten zu können – nachdem er seine Position mit dem Kompass überprüft und seine Karte mit einer abgeschirmten Taschenlampe betrachtet hatte. Der kleine Motor erwachte zum Leben. Bond öffnete das Drosselventil, legte den Gang ein und begann seine Reise. Er brauchte vierundzwanzig Stunden zum Treffpunkt mit seinen Kollegen.

Rovaniemi war eine ideale Wahl gewesen. Von der Stadt aus konnte man sich schnell Richtung Norden in einsamere Gegenden bewegen. Außerdem waren es mit einem Schneemobil nur ein paar Stunden bis zu den leichter zugänglichen Stellen entlang der russisch-finnischen Grenze, zu Orten wie Salla, dem Schauplatz großer Schlachten während des Krieges zwischen den Russen und den Finnen von 1939–40. Weiter nördlich wurde das Grenzgebiet unwirtlicher.

Während des Sommers war dieser Teil des Polarkreises nicht unangenehm, aber im Winter, wenn Schneestürme, extreme Minustemperaturen und heftiger Schneefall die Herrschaft übernahmen, konnte das Land für die Unvorsichtigen trügerisch und grausam sein.

Sobald alles vorbei war und er die beiden Übungen mit der SAS und der SBS hinter sich hatte, würde Bond zweifellos erschöpft sein und Erholung, Schlaf sowie Entspannung von der Art brauchen, die er nur in London finden konnte. Während der schlimmsten Augenblicke seiner Strapazen war er mit den Gedanken tatsächlich in seiner gemütlichen Wohnung in Chelsea. Daher war er bei seiner Rückkehr nach Rovaniemi ein paar Wochen später nicht darauf vorbereitet gewesen, dass sein Körper nur so vor Energie und Fitness strotzen würde. Überrascht stellte er fest, dass er sich seit einer ganzen Weile nicht mehr so gefühlt hatte.

Nach seiner Rückkehr in den frühen Morgenstunden huschte er ins Ounasvaara Polar Hotel – wo Saab sein Winterfahrhauptquartier hatte – und hinterließ eine Nachricht für Erik Carlsson, in der stand, dass er ausführliche Anweisungen für den Transport des Silberbiests schicken werde. Dann fuhr er per Anhalter zum Flughafen und stieg in die nächste Maschine nach Helsinki. Zu diesem Zeitpunkt plante er, die nächste Verbindung direkt nach London zu nehmen.

Erst als sich die DC9-50 gegen zwölf Uhr dreißig Helsinkis Vantaa-Flughafen näherte, dachte James Bond an Paula Vacker. Der Gedanke ließ ihn nicht los, was zweifellos auch an seinem neu entdeckten Wohlergehen und der körperlichen Fitness lag.

Als das Flugzeug landete, hatten sich Bonds Pläne komplett geändert. Er musste zu keiner bestimmten Zeit zurück in London sein, man schuldete ihm ohnehin noch Urlaub, auch wenn M ihm aufgetragen hatte, so schnell wie möglich aus Finnland zu verschwinden und zurückzukehren. Allerdings würde ihn für ein paar Tage niemand wirklich vermissen.

Vom Flughafen nahm er ein Taxi direkt zum Inter-Continental und checkte ein. Sobald der Gepäckträger seine Tasche in sein Zimmer gebracht hatte, warf sich Bond aufs Bett und rief Paula an. Um halb sieben bei ihr zu Hause. Er lächelte voller Vorfreude.

Bond hätte auf keinen Fall wissen können, dass die einfache Handlung, eine alte Freundin anzurufen und sie zum Abendessen einzuladen, sein Leben im Laufe der kommenden paar Wochen drastisch verändern würde.


MESSER ZUM ABENDESSEN

Nach einer warmen Dusche und einer Rasur zog sich Bond an. Es war angenehm, sich wieder in einen gut geschnittenen grauen Kammgarnanzug, ein einfaches blaues Hemd und eine seiner liebsten Strickkrawatten von Jacques Fath kleiden zu können. Selbst im tiefsten Winter zogen die Hotels und guten Restaurants in Helsinki es vor, wenn Herren Krawatten trugen.

Die Heckler & Koch P7, die die schwerere VP70 ersetzte, ruhte bequem in ihrem Klemmfederholster unter seiner linken Achselhöhle, und um die beißende Kälte abzuwehren, trug Bond beim Betreten des Hotelfoyers seinen warmen Mantel von Crombie. Er verlieh ihm ein militärisches Aussehen – besonders mit der Fellkapuze –, aber das erwies sich in skandinavischen Ländern stets als Vorteil.

Das Taxi fuhr mit gleichmäßiger Geschwindigkeit über die Mannerheimintie nach Süden. Der Schnee war ordentlich zur Seite geräumt worden und lag nun in kleinen Bergen neben den Gehwegen. Die Bäume bogen sich unter seinem Gewicht. Ein paar von ihnen waren mit langen Eiszapfen geschmückt, die von den Ästen hingen – als hätten sie sich für Weihnachten herausgeputzt. In der Nähe des Nationalmuseums, dessen hoher Turm in den Himmel aufragte, schien ein Baum wie ein weiß verhüllter Mönch zu kauern, der einen funkelnden Dolch umklammert hielt.

Über allem konnte Bond im klaren Frost die beeindruckenden, von Flutlichtern angestrahlten Kuppeln der Uspenski-Kathedrale sehen, und er wusste sofort, warum Filmemacher in Helsinki drehten, wenn sie eine Kulisse brauchten, die wie Moskau aussah.

Eigentlich waren sich die beiden Städte so ähnlich wie eine Wüste und ein Dschungel – die modernen Gebäude der finnischen Hauptstadt waren voller Flair und Schönheit und stellten einen deutlichen Kontrast zu Moskaus hässlichen, einheitlichen Ungetümen dar. Doch in den älteren Teilen beider Städte wurde das Spiegelbild unheimlich – in den Seitenstraßen und auf den kleinen Plätzen, wo die Häuser aneinanderzulehnen schienen und die verzierten Fassaden an das erinnerten, was Moskau einst gewesen war, in der guten schlechten alten Zeit der Zaren und Prinzen und der Ungleichheit. Nun, dachte Bond, hatten sie stattdessen einfach das Politbüro, Kommissare, den KGB und … Ungleichheit.

Paula lebte in einem Wohngebäude am Esplanade Park am südöstlichen Ende der Mannerheimintie. Es war ein Teil der Stadt, den Bond noch nie zuvor besucht hatte, daher war er bei seiner Ankunft sowohl überrascht als auch erfreut.

Der Park selbst war ein langer, landschaftlich gestalteter Streifen, der zwischen den Häusern entlang verlief. Es gab Anzeichen dafür, dass es im Sommer mit den Bäumen, den Steingärten und den Wegen ein sehr idyllisches Plätzchen sein dürfte. Jetzt, mitten im Winter, erfüllte der Esplanade Park eine neue, originelle Funktion. Künstler aller Altersstufen und Fähigkeiten hatten den Ort in eine Freiluftgalerie mit Schneeskulpturen verwandelt. Aus dem frischen Schnee der vergangenen Tage erhoben sich liebevoll gestaltete Formen und Figuren: abstrakte Gebilde, Kunstwerke von solcher Feinheit, dass man glauben könnte, sie seien aus Holz geschnitzt oder mit viel Geduld aus Metall hergestellt worden. Gezackte aggressive Formen standen neben nachdenklichen runden, friedlichen Kunstwerken, während sich Tiere – naturalistisch oder nur in kantigen Blöcken angedeutet – aneinanderdrückten oder den vorbeieilenden Passanten, die sich unter ihren warmen Pelzmänteln zusammenkauerten, ihre leeren winterlichen Mäuler entgegenreckten.

Das Taxi hielt fast direkt gegenüber einer lebensgroßen Skulptur eines Mannes und einer Frau, die sich in einer innigen Umarmung umschlungen hielten, aus der sie nur die Wärme des Frühlings befreien konnte.

Die Gebäude um den Park herum waren fast alle alt. Die wenigen neuen Bauwerke sahen wie neu erschaffene Pufferstaaten aus, die die Lücken in der lebendigen Geschichte überbrücken sollten.

Aus keinem logischen Grund heraus hatte sich Bond vorgestellt, dass Paula in einem neuen und schicken Wohnblock leben würde. Stattdessen musste er feststellen, dass ihre Adresse zu einem vierstöckigen Haus mit frisch gestrichenen grünen Fensterläden gehörte. Eisblumen zierten die Fassade wie hängende Blumenkästen und schmückten mit ihren frostigen Spuren das Schweifwerk und die Dachrinnen, als wären im Dezember Vandalen eingefallen, um die leicht zu erreichenden Stellen mit Sprühfarbe zu bearbeiten.

Zwei geschwungene, halb mit Holz gedeckte Giebel teilten das Haus, das einen einzigen verglasten und unverschlossenen Eingang hatte. Direkt hinter der Tür zeigte eine Reihe metallener Briefkästen an, wer hier lebte. Die Namensschilder befanden sich in winzigen Fenstern. Im Flur und auf der Treppe lag kein Teppich, und der Geruch guter Politur vermischte sich mit verlockenden Küchendüften.

Paula wohnte im dritten Stock – 3A –, und Bond öffnete die Knöpfe seines dicken Mantels und machte sich daran, die Treppe zu erklimmen. Auf jedem Treppenabsatz entdeckte er zwei Türen, eine rechts, eine links. Sie waren solide gebaut, mit Klingelknöpfen versehen und wiesen die gleichen kleinen Namensschilder wie die Briefkästen im Erdgeschoss auf.

Auf dem dritten Treppenabsatz sah er Paula Vackers Namen, der in eleganter Schrift auf einem Schild unter der Klingel von Wohnung 3A stand. Aus Neugier warf Bond einen Blick zu Wohnung 3B. Der Bewohner war ein gewisser Major A. Nyblin. Er stellte sich einen Militär im Ruhestand vor, der umgeben von Militärgemälden, Büchern über Strategie und Kriegsromanen – ein enorm gut gehendes Geschäft für finnische Verleger – lebte und die Erinnerungen an jene drei Unabhängigkeitskriege der Nation gegen Russland am Leben hielt: zuerst gegen die Revolution, dann gegen die Invasion und schließlich Seite an Seite mit der Wehrmacht.

Bond drückte hart und lang auf Paulas Klingel. Dann stellte er sich direkt vor den kleinen Türspion im mittleren Teil der Tür. Im Inneren erklang das Rasseln von Ketten, dann wurde die Tür geöffnet und da war sie. Sie trug einen langen seidenen Morgenmantel, der locker mit einem Band zugebunden war. Sie war dieselbe Paula, so einladend und attraktiv wie immer.

Er sah, wie sich ihre Lippen bewegten, als wollte sie ihn willkommen heißen. In diesem Augenblick erkannte er, dass dies nicht dieselbe Paula war. Ihre Wangen waren blutleer und weiß, die Hand an der Tür zitterte. Und tief in den grau gefleckten Augen saß das unmissverständliche Flackern der Angst.

Intuition, so lehrte man es in der Ausbildung des Service, war etwas, das man durch Erfahrung lernte: Man wurde nicht damit geboren, als wäre es ein zusätzlicher Sinn.

Laut sagte Bond: »Ich bin’s nur, der Mann von der anderen Seite des Meeres.« Gleichzeitig schob er einen Fuß vor und drückte die Seite seines Schuhs gegen die Tür. »Freust du dich, dass ich gekommen bin?« Während er sprach, packte Bond Paulas Schulter mit der linken Hand, wirbelte sie herum und zerrte sie auf den Treppenabsatz. Mit der rechten Hand hatte er bereits die Automatik gezogen. In weniger als drei Sekunden stand Paula an der Wand neben Major Nyblins Tür und Bond betrat ihre Wohnung mit der gezückten Heckler & Koch.

Sie waren zu zweit. Ein kleiner Wicht mit einem dünnen, pockennarbigen Gesicht versteckte sich links von Bond. Er drückte sich flach gegen die Wand, wo er Paula mit einem Revolver bedroht hatte, der wie ein Charter Arms Undercover .38 Special aussah. Am anderen Ende des Raums – es gab keinen Flur – hatte sich ein großer Mann mit gewaltigen Händen und dem Gesicht eines gescheiterten Boxers neben einer schönen, in Leder und Chrom gehaltenen Wohnzimmergarnitur aus Sessel und Sofa aufgebaut. Zu seinen auffälligen Gesichtsmerkmalen zählte eine Nase, die wie ein Karbunkel in fortgeschrittenem Stadium aussah. Er trug keine sichtbare Waffe bei sich.

Links von Bond hob der Wicht seine Waffe, und der Boxer setzte sich in Bewegung. Bond setzte seine Waffe ein. Die große Heckler & Koch schien sich in Bonds Hand nur minimal zu bewegen, als sie mit voller Kraft auf das Handgelenk des Wichts hinabsauste. Der Revolver wurde aus seiner Hand geschleudert, und ein schmerzerfüllter Aufschrei begleitete das laute Knacken der Knochen.

Bond hielt die Heckler & Koch auf den größeren Mann gerichtet und benutzte seinen linken Arm, um den Wicht wie einen Schutzschild vor sich zu zerren. Gleichzeitig rammte Bond sein Knie hart nach oben. Der kleine Schütze sackte zusammen, seine unverletzte Hand tatschte halbherzig umher, um seine Leistengegend zu schützen. Er quiekte wie ein Schwein und wand sich zu Bonds Füßen.

Den größeren der beiden schien die Waffe nicht zu beeindrucken, was entweder für großen Mut oder einen Mangel an geistiger Gesundheit sprach. Eine Heckler & Koch konnte auf diese Entfernung ein großes Loch in einen menschlichen Körper reißen.

Bond stieg über den Körper des Wichts und trat noch einmal mit seiner rechten Hacke zu. Dann hob er mit ausgestreckten Armen die Automatik und rief seinem näher kommenden Gegner zu: »Stehen bleiben oder Sie sind ein toter Mann.« Es war eher ein Befehl als eine Warnung, denn Bonds Finger spannte sich bereits am Abzug.

Der Mann mit der Karbunkelnase kam der Aufforderung nicht nach. Stattdessen schlug er in schlechtem Russisch vor, dass Bond Inzest mit seinem weiblichen Elternteil begehen solle.

Bond nahm die Bewegung seines Gegners kaum wahr. Der Mann war besser, als er vermutet hatte, und sehr schnell. Als er sich herumdrehte, setzte sich Bond in Bewegung, um ihm mit der Automatik zu folgen. Erst dann verspürte er den heftigen, unnatürlichen Schmerz in seiner rechten Schulter.

Für eine Sekunde brachte die plötzliche Pein Bond aus dem Gleichgewicht. Seine Arme sackten nach unten, Karbunkelnases Fuß hob sich. Bond wurde klar, dass man mit seiner Einschätzung nicht immer bei allen Menschen richtigliegen konnte. Dieser hier war eine echte Bedrohung – ein Mörder, ausgebildet, präzise und erfahren.

Zu dieser Erkenntnis gesellten sich gleichzeitig drei andere Dinge: der Schmerz in Bonds Schulter, dass ihm die Waffe aus der Hand getreten wurde – die davonflog und gegen die Wand knallte – und hinter ihm das leiser werdende Jammern des Wichts, der die Treppe hinunterrannte und floh.

Karbunkelnase kam schnell näher. Er hatte eine Schulter gesenkt und hielt den Körper seitlich.

Bond machte einen schnellen Schritt zurück und nach rechts zur Wand. Als er sich bewegte, entdeckte er, was den Schmerz in seiner Schulter verursacht hatte. Im Türsturz steckte ein zwanzig Zentimeter langes Messer mit einem Horngriff und einer Klinge, die sich zur Spitze hin krümmte. Es war ein Häutungsmesser, wie jene, die die Lappen einsetzten, um das Fell vom Kadaver eines Rentiers zu trennen.

Bond griff nach oben und schloss die Finger um den Griff. Seine Schulter war mittlerweile taub vor Schmerz. Er kroch schnell zu einer Seite und hielt das Messer fest in der rechten Hand. Die Klinge hatte er nach oben gerichtet, und Daumen und Zeigefinger ruhten in Kampfhaltung ganz weit vorne am Griff. Man musste immer, so hieß es in der Ausbildung, eine Position zum Zustoßen einnehmen und das Messer niemals in einer abwärts zustechenden Bewegung halten. Wenn man ein Messer hatte, durfte man nie in Verteidigungshaltung gehen, sondern musste immer angreifen.

Bond drehte sich herum und stellte sich Karbunkelnase entgegen. Er hatte die Knie gebeugt und einen Fuß in der klassischen Messerkampfpose nach vorn verlagert, um das Gleichgewicht zu halten.

Karbunkelnase war mit den Regeln vertraut, doch er zögerte. Bond vermutete, dass er ein Messerkämpfer war, der nicht viel von Schusswaffen verstand. Er hatte zweifellos weitere Messer an seinem Körper versteckt, denn nun befand sich wie von Zauberhand eine ähnliche Waffe in seiner großen rechten Hand.

»Was haben Sie da über meine Mutter gesagt?«, knurrte Bond in besserem Russisch als sein Gegner.

Karbunkelnase grinste und zeigte fleckige Zähne. »Jetzt werden wir sehen, Mr Bond.«

Sie umkreisten einander, und Bond trat einen kleinen Stuhl beiseite, um ihnen eine größere Kampffläche zu verschaffen. Karbunkelnase fing an, sein Messer von einer Hand in die andere zu werfen. Er war leichtfüßig, bewegte sich die ganze Zeit und zog den Kreis enger. Es war eine bestens bekannte Verwirrungstaktik: Man ließ den Gegner im Ungewissen, lockte ihn näher und schlug dann zu.

Komm schon, dachte Bond, Komm schon. Komm her, näher, komm zu mir. Karbunkelnase tat genau das, ohne die Gefahr zu bemerken, in die er sich begab, indem er den Abstand verringerte. Bond hielt unablässig den Blick des großen Mannes, seine Sinne richteten sich auf das Messer seines Feindes, während es funkelnd hin- und hergeworfen wurde und der Griff bei jedem Wechsel mit einem festen Klatschen auf die Handfläche schlug.

Das Ende kam plötzlich und schnell.

Karbunkelnase rückte ein Stück näher an Bond heran und warf das Messer weiterhin zwischen seinen Händen hin und her. Bond trat abrupt vor, sein rechtes Bein schnellte in einem Ausfallschritt vor, der Fuß kam mitten zwischen den Füßen des Gegners auf. Im selben Augenblick warf Bond sein Messer von rechts nach links. Dann täuschte er an, das Messer wieder in die rechte Hand zu werfen, wie sein Gegner es erwarten würde.

Der Moment war gekommen. Bond sah, wie sich die Augen des großen Mannes leicht in die Richtung bewegten, in die das Messer fliegen sollte. Es folgte ein Sekundenbruchteil, in dem Karbunkelnase unsicher war. Bonds linke Hand schnellte fünf Zentimeter nach oben, schoss dann nach vorn und nach unten. Das klirrende Krachen von aufeinandertreffendem Stahl erklang.

Karbunkelnase hatte das Messer gerade erneut in die andere Hand geworfen. Bonds Klinge hatte die Waffe mitten in der Luft abgefangen und sie zu Boden geschleudert. Aus einem automatischen Reflex heraus bewegte sich der große Mann nach unten und streckte eine Hand aus, um nach dem Messer zu greifen. Bonds Messer schnellte nach oben.

Der große Mann richtete sich sehr schnell wieder auf und gab ein Ächzen von sich. Seine Hand zuckte zu seiner Wange, der Bond mit seinem Messer einen hässlichen, blutenden und klaffenden Schnitt verpasst hatte, der vom Ohr bis zur Kieferpartie reichte. Mit einem weiteren schnellen Stoß nach oben schnitt Bond mit dem Messer in die abwehrende Hand. Dieses Mal stieß Karbunkelnase ein Brüllen aus, in dem sich Schmerz und Wut vermischten.

Bond wollte niemanden töten – nicht in Finnland, nicht unter diesen Umständen. Aber er konnte die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Der große Mann riss die Augen ungläubig und ängstlich auf, als Bond erneut angriff. Das Messer blitzte wieder zwei Mal auf, hinterließ eine ausgefranste Wunde auf der anderen Wange und schnitt das Ohrläppchen ab.

Karbunkelnase hatte offensichtlich genug. Er taumelte zur Seite und hielt keuchend auf die Tür zu. Bond kam zu dem Schluss, dass der Mann über mehr Intelligenz verfügte, als er ihm zugetraut hätte.

Der Schmerz kehrte in Bonds Schulter zurück und brachte ein Schwindelgefühl mit sich. Er hatte nicht vor, seinem mutmaßlichen Angreifer zu folgen, dessen stolpernde, unsichere Schritte er auf der Holztreppe poltern hörte.

»James?« Paula war ins Zimmer zurückgekehrt. »Was soll ich tun? Die Polizei rufen oder …?« Sie sah verängstigt aus, ihr Gesicht war vor Schreck ganz blass. Bond vermutete, dass er ebenfalls nicht sehr gut aussah.

»Nein. Nein, die Polizei können wir hier nicht gebrauchen, Paula.« Er ließ sich auf den nächstgelegenen Stuhl sinken. »Schließ die Tür, schieb die Kette vor und wirf einen Blick aus dem Fenster.«

Alles um ihn herum schien sich zurückzuziehen. Überraschenderweise, dachte er vage, tat Paula, was er verlangt hatte. Normalerweise hinterfragte sie ihn immer. Frauen wie Paula gab man für gewöhnlich keine Befehle.

»Siehst du etwas?« Für Bond klang seine Stimme, als käme sie von weit weg.

»Ein Auto fährt davon. Weitere Autos parken da unten. Ich kann keine Menschen sehen …«

Das Zimmer kippte zur Seite und wurde dann wieder scharf.

»… James, deine Schulter.« Er konnte sie neben sich riechen. »Erzähl mir einfach, was passiert ist, Paula. Das ist wichtig. Wie sind sie reingekommen? Was haben sie gemacht?«

»Deine Schulter, James.«

Er warf einen Blick darauf. Der dicke Stoff seines warmen Wintermantels hatte ihn vor einer ernsthaften Verletzung bewahrt. Doch das Messer hatte sich durch das Schulterstück gebohrt. Blut sickerte durch den Stoff und hinterließ einen dunklen feuchten Fleck.

»Erzähl mir, was passiert ist«, wiederholte Bond.

»Du bist verletzt. Ich muss mir die Wunde ansehen.«

Sie schlossen einen Kompromiss, und Bond zog sich obenherum aus. Ein hässlicher Schnitt verlief diagonal über seine Schulter, wo sich das Messer gut einen Zentimeter tief in sein Fleisch gebohrt hatte. Paula benutzte ein Antiseptikum, heißes Wasser, Pflaster und Mullbinden, um die Wunde zu säubern und zu verbinden, während sie ihm ihre Geschichte erzählte. Nach außen hin wirkte sie ruhig, doch Bond bemerkte, dass ihre Hände leicht zitterten, als sie berichtete, was passiert war.

Die beiden Mörder waren nur ein paar Minuten vor seiner Ankunft vor ihrer Tür aufgetaucht. »Ich war ein wenig spät dran.« Sie vollführte eine vage Geste und deutete auf ihren seidenen Morgenmantel. »Ich war dumm. Ich hatte die Kette nicht vorgehängt und dachte einfach, dass du es wärst. Ich habe nicht mal durch den Türspion geschaut.« Die Eindringlinge hatten sich gewaltsam Zutritt zur Wohnung verschafft, sie zurück ins Zimmer gedrängt und ihr gesagt, was sie tun sollte. Außerdem hatten sie recht ausführlich erklärt, was sie mit ihr anstellen würden, falls sie ihren Anweisungen nicht nachkam.

Bond kam zu dem Schluss, dass sie unter den Umständen das einzig Richtige getan hatte. Was ihn betraf, gab es allerdings einige Fragen, die nur über die Kanäle des Service beantwortet werden konnten, was bedeutete, dass er nach London zurückmusste, auch wenn er gerne noch in Finnland geblieben wäre. Die Tatsache, dass die beiden Männer nur ein paar Minuten vor seiner Ankunft in Paulas Wohnung gewesen waren, ließ ihn vermuten, dass sie gewartet hatten, bis sein Taxi am Esplanade Park angehalten hatte.

»Tja, danke, dass du mich an der Tür gewarnt hast«, sagte Bond und entspannte seine verpflasterte und verbundene Schulter.

Paula zog einen kleinen Schmollmund. »Ich wollte dich gar nicht warnen. Ich hatte einfach nur echte Angst.«

»Ach was, du hast doch nur so getan, als ob du Angst hättest.« Bond lächelte sie an. »Ich kann beurteilen, ob Leute wirklich Angst haben oder nicht.«

Sie beugte sich vor, küsste ihn und runzelte dann leicht die Stirn. »James, ich habe immer noch Angst. Ich bin ganz starr vor Schreck, wenn du es unbedingt wissen musst. Was hat es mit dieser Waffe auf sich, und wie konntest du auf diese Weise reagieren? Ich dachte, du wärst nur ein hohes Tier der Regierung.«

»Das bin ich. Hochgewachsen und manchmal werde ich zum Tier.« Er hielt inne, bereit, die wichtigen Fragen zu stellen, doch Paula ging durch den Raum, um die Automatikpistole aufzuheben und sie ihm nervös zurückzugeben.

»Werden sie wiederkommen?«, wollte Paula wissen. »Ist es wahrscheinlich, dass sie mich noch mal angreifen werden?«

»Hör zu«, sagte Bond und breitete die Hände aus, »aus irgendeinem Grund waren ein paar Gangster hinter mir her. Ich weiß wirklich nicht, warum. Ja, manchmal führe ich etwas gefährliche Aufträge aus – daher die Waffe. Aber mir fällt kein Grund ein, warum mich diese beiden hier in Helsinki angreifen sollten.«

Er erklärte, dass er die wahre Antwort in London finden mochte und das Gefühl habe, dass Paula sicher sein werde, sobald er aus dem Weg sei. An diesem Abend war es bereits zu spät, um noch einen British-Airways-Flug nach Hause zu erwischen, also musste er auf die reguläre Finnair-Maschine am nächsten Morgen um kurz nach neun warten.

»Das war’s wohl mit unserem Abendessen.« Sein Lächeln sollte entschuldigend wirken.

Paula sagte, sie habe Lebensmittel im Haus. Sie könnten hier essen. Ihre Stimme zitterte. Bond beschloss, dass es am besten wäre, seine Befragung von der positiven Seite aus anzufangen, bevor er das wirklich große Problem in Angriff nahm: Woher wussten die mutmaßlichen Auftragsmörder, dass er in Helsinki war, und – noch wichtiger – woher wussten sie, dass er Paula besuchen wollte?

»Hast du hier ein Auto, Paula?«, begann er.

Sie hatte draußen ein Auto inklusive Parkplatz.

»Kann gut sein, dass ich dich später um einen Gefallen bitte.«

»Das hoffe ich.« Sie schenkte ihm ein tapferes Lächeln.

»Okay. Bevor wir uns darum kümmern, gibt es noch wichtigere Dinge.« Bond bombardierte sie in schneller Abfolge mit den offensichtlichen Fragen und verlangte schnelle Antworten. Er ließ ihr keine Zeit, irgendetwas zu umgehen oder über die Erwiderungen nachzudenken.

Hatte sie seit ihrer ersten Begegnung je mit ihren Freunden oder Kollegen hier in Finnland über ihn geredet? Natürlich. Hatte sie das auch in einem anderen Land getan? Ja. Konnte sie sich an die Anzahl der Leute erinnern, mit denen sie geredet hatte? Sie nannte ein paar offensichtliche Namen – enge Freunde und Personen, mit denen sie arbeitete. Konnte sie sich daran erinnern, ob andere Leute in der Nähe gewesen waren, als sie über Bond gesprochen hatte? Leute, die sie nicht kannte? Das sei durchaus möglich, doch Paula konnte ihm keine Einzelheiten nennen.

Bond machte mit den aktuelleren Ereignissen weiter. War jemand bei ihr im Büro gewesen, als er sie aus dem Inter-Continental angerufen hatte? Nein. Gab es irgendeine Möglichkeit, dass jemand den Anruf mitgehört haben könnte? Möglicherweise. Jemand hätte über die Schaltzentrale mithören können. Hatte sie nach dem Telefonat mit jemandem gesprochen – irgendjemandem erzählt, dass er in Helsinki sei und sie um halb sieben abholen würde? Nur einer Person. »Ich habe mich mit einer Frau getroffen – einer Kollegin aus einer anderen Abteilung. Wir hatten uns verabredet, um beim Abendessen über die Arbeit zu sprechen.«

Der Name dieser Frau lautete Anni Tudeer, und Bond nahm sich sehr viel Zeit, um alle Fakten über sie in Erfahrung zu bringen. Schließlich verfiel er in Schweigen, stand auf, ging zum Fenster hinüber, schob den Vorhang zurück und starrte hinaus.

Die Gegend unter ihm wirkte trostlos und ein wenig feindselig. Die weißen gefrorenen Figuren warfen Schatten über die Frostschicht auf dem Boden. Zwei kleine Fellbündel schlurften den gegenüberliegenden Gehweg entlang. In der Straße parkten mehrere Autos. Zwei davon wären ideal für eine Überwachung gewesen: Der Winkel, in dem sie standen, bot eine gute Sicht auf die Vordertür. Bond glaubte, eine Bewegung in einem von ihnen wahrzunehmen, beschloss aber, die Sache erst einmal zu verdrängen, bis der richtige Zeitpunkt gekommen war. Er kehrte zu seinem Stuhl zurück.

»Ist das Verhör vorbei?«, fragte Paula.

»Das war kein Verhör.« Bond zog sein altbewährtes Zigarettenetui hervor und bot ihr eine seiner speziellen Simmons-Zigaretten an. »Eines Tages werde ich dir vielleicht mal zeigen, wie ein Verhör abläuft. Weißt du noch, wie ich sagte, ich würde dich vielleicht um einen Gefallen bitten müssen?«

»Bitte und er wird gewährt.«

Sein Gepäck sei im Hotel, erklärte Bond ihr, und er müsse zum Flughafen. Ob er wohl bis vier Uhr morgens in ihrer Wohnung bleiben und dann mit ihrem Auto zum Hotel fahren könne, um dort die Rechnung zu bezahlen und auszuchecken, bevor er weiter zum Flughafen fahren würde? »Ich kann dafür sorgen, dass man dein Auto hierher zurückbringt.«

»Du fährst nirgendwo hin, James.« Sie klang furchtbar ernst und stur. »Du hast eine scheußliche Wunde an deiner Schulter. Sie wird früher oder später weitere Behandlung benötigen. Ja, du bleibst bis vier Uhr früh hier, dann werde ich dich zu deinem Hotel und zum Flughafen fahren. Aber warum so früh? Der Flug geht doch erst nach neun. Du könntest von hier aus buchen.«

Einmal mehr wiederholte Bond, dass sie nicht wirklich sicher sein würde, bis sie nicht mehr in seiner Gesellschaft war. »Wenn ich in den frühen Morgenstunden am Flughafen eintreffe, wirst du mich los sein. Außerdem werde ich einen Vorteil haben. In der Wartehalle eines Flughafens kann man sich so positionieren, dass einem niemand eine unangenehme Überraschung bereiten kann. Und dein Telefon werde ich aus offensichtlichen Gründen nicht benutzen.«

Sie stimmte zu, bestand jedoch weiterhin darauf, ihn zu fahren. Und da Paula eben Paula war, willigte Bond ein.

»Du siehst besser aus.« Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Willst du einen Drink?«

»Du weißt ja, was ich mag.«

Sie ging in die Küche und mixte einen Krug mit seinem liebsten Martini. Er hatte ihr vor über drei Jahren in London das Rezept beigebracht – ein Rezept, das aufgrund gewisser Veröffentlichungen bei vielen Leuten zum Standard geworden war. Nach dem ersten Drink schien das Pochen in seiner Schulter an Heftigkeit zu verlieren. Beim zweiten hatte Bond das Gefühl, fast wieder im Normalzustand zu sein. »Ich liebe diesen Morgenmantel.« Sein Verstand fing an, Dinge zu seinem Körper zu sagen, und sein Körper reagierte darauf – Wunde oder nicht.

»Tja«, erwiderte sie mit einem scheuen Lächeln, »um die Wahrheit zu sagen, ich hatte das Abendessen hier schon vorbereitet. Ich hatte nicht vor, auszugehen. Ich war fertig, als diese … diese Grobiane auftauchten. Wie geht es deiner Schulter?«

»Sie würde mich nicht von einer Partie Schach abhalten, oder jeder anderen beliebigen Sportart, die man drinnen ausüben kann.«

Mit einer einzigen Bewegung zog sie den Bindegürtel auf, und der Morgenmantel öffnete sich. »Du sagtest, ich wisse, was dir gefalle«, bemerkte sie leichthin und fügte dann hinzu: »Das heißt, sofern du dich dazu in der Lage fühlst.«

»Ich fühle mich durchaus dazu in der Lage«, entgegnete Bond.

Als sie aßen, war es fast Mitternacht. Paula dekorierte den Tisch mit Kerzen und servierte ein wahrhaft denkwürdiges Mahl: Schneehuhn in Aspik, flambierter Lachs und eine köstliche Schokoladenmousse. Dann, um vier Uhr morgens und mit der entsprechenden Kleidung, um sich der beißenden Kälte der Dämmerung zu stellen, gestattete sie Bond, die Treppe hinunter voranzugehen.

Mit der P7 in der Hand nutzte Bond die Schatten, um auf die Straße zu schleichen und sich seinen Weg über die eisglatte Fahrbahn zu bahnen, zuerst zu einem Volvo, dann zu einem Audi. Im Volvo saß ein schlafender Mann. Er hatte den Kopf zurückgelehnt, den Mund offen stehen und war tief in Träumen versunken, denen Überwachungsmänner im Laufe der Nacht anheimfielen. Der Audi war leer.

Bond gab Paula ein Zeichen, und sie kam sicheren Schrittes über die Straße zu ihrem Auto. Es startete beim ersten Versuch. Der Auspuff schickte dichte Wolken in die eisige Luft hinaus, und Paula fuhr mit dem Können einer Person, die daran gewöhnt war, ihr Auto jedes Jahr aufs Neue für lange Zeitspannen durch Schnee und Eis zu steuern. Im Hotel verliefen das Abholen des Gepäcks und das Auschecken problemlos. Als Paula dann nach Norden Richtung Vantaa fuhr, folgte ihnen niemand.

Offiziell öffnete der Vantaa-Flughafen nicht vor sieben Uhr, aber es waren trotzdem immer Leute dort. Um fünf Uhr morgens hatte der Ort diese Atmosphäre, die man überall auf der Welt mit dem säuerlichen Geschmack von zu vielen Zigaretten, ständigem Kaffeekonsum und der Müdigkeit beim Warten auf Nachtzüge oder Flugzeuge in Verbindung bringt.

Bond ließ nicht zu, dass Paula mit ihm wartete. Er versicherte ihr, dass er sie so bald wie möglich aus London anrufen würde, und sie küssten sich zum Abschied liebevoll.

In der Hauptwartehalle für den Abflugbereich, wo Bond Position bezog, waren Reinigungskräfte beschäftigt. Seine Schulter fing wieder an zu pochen. Mehrere gestrandete Passagiere versuchten, auf den tiefen, bequemen Stühlen zu schlafen, und eine nicht gerade geringe Anzahl an Polizisten marschierte in Paaren umher und hielt nach Problemen Ausschau, die sich nie ereigneten.

Pünktlich um sieben erwachte der Ort zum Leben. Bond hatte sich bereits am Finnair-Schalter angestellt, damit er der Erste in der Schlange war. Auf dem Finnair-Flug 831 um zehn nach neun gab es noch jede Menge freie Plätze.

Der Schneefall setzte gegen acht Uhr ein. Er war recht heftig geworden, als die große DC9-50 um zwölf nach neun unter lautem Getöse von der Rollbahn abhob. Helsinki verschwand schnell in einem Sturm aus weißem Konfetti, der schon bald einer aufgetürmten Wolkenlandschaft unter einem strahlend blauen Himmel wich.

Um genau zehn nach zehn Londoner Zeit brauste dasselbe Flugzeug über die Schwelle von Rollbahn 28 Links in Heathrow. Die Störklappen wurden aktiviert, als sie sich dem Boden näherten, und die jaulenden Turboturbinen von Tratt & Whitney stellten auf Rückwärtsgang, woraufhin sich die Geschwindigkeit des Flugzeugs langsam verringerte, nachdem die Maschine aufgesetzt hatte.

Eine Stunde später kam James Bond an dem hohen Gebäude am Regent’s Park an, in dem sich das Hauptquartier des Service befand. Mittlerweile pochte seine Schulter wie ein örtlich versetzter Zahnschmerz, Schweiß tropfte von seiner Stirn, und er fühlte sich krank.


ZUCKERSCHLECKEN

»Es handelte sich eindeutig um Profis?« M hatte die Frage bereits drei Mal gestellt.

»Daran besteht kein Zweifel«, antwortete Bond, genau wie er es zuvor getan hatte. »Und ich betone noch einmal, Sir, dass ich das Ziel war.«

M schnaubte.

Sie saßen in Ms Büro im neunten Stock des Gebäudes: M, Bond und Ms Stabschef, Bill Tanner.

Sofort nach Betreten des Gebäudes hatte Bond ohne Umwege den Fahrstuhl in den neunten Stock genommen, wo er sich ins Vorzimmer geschleppt hatte. Es war das Reich von Ms ordentlicher und effizienter persönlicher Assistentin, Miss Moneypenny.

Sie schaute auf und lächelte zuerst erfreut. »James …«, begann sie. Dann sah sie, wie Bond taumelte, und sprang von ihrem Schreibtisch auf, um ihm auf einen Stuhl zu helfen.

»Das ist wundervoll, Penny«, murmelte Bond, der vor Schmerz und Erschöpfung ganz benommen war. »Sie riechen toll. Ganz nach Frau.«

»Nein, James, ganz nach Chanel. Während Sie nach einer Mischung aus Schweiß, Antiseptikum und einem Hauch von etwas von Patou riechen, denke ich.«

M war außer Haus bei einer Besprechung der Vereinten Geheimdienstkomitees, daher befand sich Bond innerhalb von zehn Minuten und mit Miss Moneypennys Hilfe unten in der Krankenstation und wurde von den zwei fest angestellten Krankenschwestern umsorgt. Der diensthabende Arzt war bereits auf dem Weg.

Paula hatte recht gehabt: Die Wunde musste behandelt werden, mit Antibiotika und Stichen. Gegen fünfzehn Uhr fühlte sich Bond schon sehr viel besser, gut genug, um sich zurückbringen zu lassen und sich einer Befragung durch M und den Stabschef zu stellen.

M fluchte nur selten, doch sein aktueller Gesichtsausdruck war der eines Mannes, der bereit war, der Versuchung nachzugeben. »Erzählen Sie mir noch mal von der Frau. Diese Vacker.« Er lehnte sich über den Schreibtisch, stopfte seine Pfeife, ohne hinzusehen, und starrte den jüngeren Mann mit seinen harten grauen Augen an, als wäre Bond nicht vertrauenswürdig.

Bond erzählte detailgenau noch einmal alles, was er über Paula wusste.

»Und die Freundin? Die, die sie erwähnte?«

»Anni Tudeer. Sie arbeitet für dieselbe Agentur und hat einen ähnlichen Posten wie Paula inne. Offenbar arbeiten sie momentan im Rahmen eines besonderen Auftrags zusammen. Sie unterstützen eine Organisation für chemische Forschung oben in Kemi. Das ist im Norden, aber auf dieser Seite des Polarkreises.«

»Ich weiß, wo Kemi liegt«, knurrte M fast. »Dort muss man auf dem Weg nach Rovaniemi und allen anderen Orten im Norden Zwischenstation machen.« Er neigte den Kopf in Tanners Richtung. »Stabschef, würden Sie die Namen für mich durch den Computer jagen? Finden Sie heraus, ob wir irgendetwas über sie haben. Sie können sogar mit dem MI5 zusammenarbeiten. Fragen Sie sie, ob sie irgendetwas wissen.«

Bill Tanner nickte bestätigend und verließ das Büro.

Sobald sich die Tür geschlossen hatte, lehnte sich M auf seinem Stuhl zurück. »Also, wie lautet Ihre persönliche Einschätzung, 007?« Die grauen Augen funkelten, und Bond dachte bei sich, dass M die Wahrheit vermutlich bereits irgendwo in seinem Kopf versteckt hatte – zusammen mit vielen Tausend anderen Geheimnissen.

Bond wählte seine Worte mit Bedacht: »Ich glaube, ich wurde markiert – ausgesucht –, entweder während der Übung in der Arktis oder bei meiner Rückkehr nach Helsinki. Irgendwie haben sie mein Hoteltelefon verdrahtet. Entweder das oder es war Paula – was ich nur schwer glauben könnte – oder jemand, mit dem sie gesprochen hat. Es war zweifellos eine zufällige Operation, denn selbst ich wusste nicht, dass ich noch bleiben würde, bis wir in Helsinki landeten. Aber sie handelten schnell und hatten definitiv vor, mich auszuschalten.«

M nahm die Pfeife aus dem Mund und stocherte damit in Bonds Richtung wie mit einem Schlagstock. »Wer sind sie?«

»Leute, die in der Lage sind, ortsansässige Experten anzuheuern, die nicht aus Finnland stammen – professionelle Beseitiger.«

»Aber warum sollten sie sie anheuern?« M saß ganz still da, seine Stimme war ruhig.

»Ich freunde mich nicht leicht mit Leuten an.«

»Sparen Sie sich die Frivolität, 007.«

»Tja.« Bond seufzte. »Ich vermute, es könnte ein Auftragsmord gewesen sein. Überreste von SPECTRE. Sicherlich nicht der KGB – das wäre sehr unwahrscheinlich. Es gibt ein halbes Dutzend unausgegorener Gruppen, die dahinterstecken könnten.«

»Würden Sie die Nationalsozialistische Aktionsarmee als unausgegorene Gruppe bezeichnen?«

»Das ist nicht ihr Stil, Sir. Die konzentrieren sich auf kommunistische Ziele – auf den großen Knall, einschließlich Informationsmaterial für die Öffentlichkeit.«

M gestattete sich ein schmales Lächeln. »Sie könnten eine Agentur benutzen, nicht wahr, 007? Eine Werbeagentur, wie die, für die Ihre Ms Vacker arbeitet.«

»Sir.« Bonds Stimme war tonlos, als wäre M verrückt geworden.

»Nein, Bond. Das ist nicht ihr Stil, es sei denn, sie wollten die schnelle Beseitigung einer Person, die sie als Bedrohung ansehen.«

»Aber ich bin nicht …«

»Das hätten sie nicht wissen dürfen. Sie hätten nicht wissen dürfen, dass Sie wegen irgendeines Playboy-Unsinns Zwischenstation in Helsinki gemacht haben – eine Rolle, die zunehmend ermüdend wird, 007. Sie hatten Anweisung, direkt nach London zurückzukehren, sobald Ihre Übung in der Arktis beendet war, oder etwa nicht?«

»Niemand bestand darauf. Ich dachte …«

»Mir ist völlig egal, was Sie dachten, 007. Wir wollten Sie hier haben. Stattdessen stromern Sie durch Helsinki. Sie hätten den Service und sich selbst in Schwierigkeiten bringen können.«

»Ich …«

»Sie konnten es nicht wissen.« M schien ein wenig milder zu werden. »Immerhin habe ich Sie einfach zu einer Übung in kalten Wetterbedingungen geschickt, eine Akklimatisierung. Ich übernehme die Verantwortung. Ich hätte deutlicher sein sollen.«

»Deutlicher?«

M schwieg eine ganze Minute lang. Über ihm verbildlichte die Originalversion von Robert Taylors Gemälde Trafalgar die Grundlagen von Ms Entschlossenheit und Persönlichkeit. Dieses Gemälde hing nun schon seit zwei Jahren dort. Davor war es Coopers Seeschlacht bei Kap St. Vincent gewesen, eine Leihgabe des National Maritime Museums, und davor … Bond konnte sich nicht erinnern, aber es waren immer Gemälde von britischen Marinesiegen. M besaß jene grundlegende Arroganz, die die Loyalität zum eigenen Land über alles andere stellte, sowie einen festen Glauben an die Unbesiegbarkeit der britischen Streitkräfte, egal wie die Chancen standen oder wie lange es dauerte.

Schließlich sprach M: »Momentan findet am Polarkreis eine sehr wichtige Operation statt, 007. Die Übung war ein Aufwärmtraining – wenn ich mich erdreisten darf, diesen Ausdruck zu benutzen. Ein Aufwärmtraining für Sie. Um es auf den Punkt zu bringen: Sie werden sich dieser Operation anschließen.«

»Gegen wen?« Bond ahnte die Antwort.

»Die Nationalsozialistische Aktionsarmee.«

»In Finnland?«

»Nahe der russischen Grenze.« M beugte sich noch weiter über den Tisch vor, als wollte er verhindern, dass man sie belauschte. »Wir haben bereits einen Mann vor Ort – oder ich sollte wohl besser sagen: Wir hatten einen Mann vor Ort. Er befindet sich auf dem Rückweg. Momentan besteht keine Notwendigkeit, ins Detail zu gehen. Seine Persönlichkeit kollidierte mit unseren Verbündeten. Das gesamte Team kommt her, um sich neu zu gruppieren und Sie kennenzulernen, Sie ins Bild zu setzen. Natürlich erhalten Sie als Erstes eine Unterweisung von mir.«

»Und wer ist das gesamte Team?«

»Seltsame Bettgenossen, 007. Sehr seltsame Bettgenossen. Und ich fürchte, dass wir durch Ihre Tändelei in Helsinki nun einen Teil des taktischen Überraschungsmoments verloren haben könnten. Wir hatten gehofft, dass Sie unbemerkt reingehen würden. Sich dem Team anschließen, ohne diese Neofaschisten vorzuwarnen.«

»Dem Team?«

M hustete und spielte auf Zeit. »Eine Operation mit diversen Verbündeten, 007, eine ungewöhnliche Operation, die auf Anfrage der Sowjetunion ins Leben gerufen wurde.«

Bond runzelte die Stirn. »Wir machen gemeinsame Sache mit Moskau?«

M nickte knapp. »Ja« – es schien, als würde er das ebenfalls nicht gutheißen. »Und nicht nur mit Moskau. Wir haben auch mit Langley und Tel Aviv zu tun.«

Bond stieß einen leisen Pfiff aus, woraufhin M die Augenbrauen hochzog und die Lippen zusammenpresste. »Ich sagte doch seltsame Bettgenossen, 007.«

»Wir, der KGB, die CIA und der Mossad – die Israelis«, murmelte er, als könnte er es kaum glauben.

»Ganz genau.« Nun, da die Katze aus dem Sack war, wurde M mitteilsamer. »Operation Eisbrecher. Natürlich haben die Amerikaner sie benannt. Die Sowjets stimmten dem zu, weil sie die Bittsteller waren …«

»Der KGB hat um eine gemeinsame Operation gebeten?« Bond klang nach wie vor ungläubig.

»Durch geheime Kanäle, ja. Als wir die Neuigkeit hörten, waren einige von uns skeptisch. Dann erhielt ich eine Einladung für einen Besuch am Grosvenor Square. Und da sie die CIA sind, wussten sie natürlich, dass auch der Mossad kontaktiert worden war. Innerhalb eines Tages hatten wir eine Konferenz mit allen drei Parteien arrangiert.«

Bond gestikulierte, um wortlos zu fragen, ob er rauchen dürfe. M fuhr mit seinen Ausführungen fort und erteilte ihm mit einer winzigen Handbewegung die Erlaubnis. Er hielt nur hin und wieder inne, um seine Pfeife wieder anzuzünden. »Wir haben uns das Problem von allen Seiten angesehen. Wir haben nach den Fallen gesucht – und natürlich gibt es ein paar –, die Optionen erwogen, falls die Sache schiefgeht, und dann beschlossen, Mitarbeiter für den aktiven Einsatz zu nominieren. Jeder von uns wollte mindestens drei haben. Den Sowjets passte das nicht: zu viele Personen, man müsse die Sache geheim halten und all das. Schließlich trafen wir uns mit dem Verhandlungsführer des KGB: Anatoli Pawlowich Grinew …«

Bond nickte wissend. »Oberst des Ersten Aufsichtsrats, Dritte Abteilung. Fungiert unter der Tarnung des Ersten Handelsministers in der KPG.«

»Genau der«, sagte M. KPG stand für Kensington Palace Gardens, genauer gesagt für das Haus mit der Nummer 13 – die russische Botschaft. Die Dritte Abteilung des Ersten Aufsichtsrats des KGB kümmerte sich ausschließlich um Geheimdienstoperationen mit Bezug auf das Vereinigte Königreich, Australien, Neuseeland und Skandinavien. »Genau der. Kleiner Bursche, Segelohren.« Das war eine zutreffende Beschreibung des gerissenen Oberst Grinew. Bond hatte schon zuvor mit dem Herrn zu tun gehabt und vertraute ihm in etwa so sehr, wie er einer fehlerhaften Landmine trauen würde.

»Und er erklärte alles?« Bond ließ es nicht wie eine Frage klingen. »Er erklärte, warum der KGB wollen würde, dass wir, die CIA, und der Mossad uns für eine geheime Operation auf finnischem Boden zusammentun? Sie haben doch sicher entsprechende Beziehungen zur SUPO, um sich direkt darum zu kümmern.« Die SUPO war der finnische Geheimdienst.

»Nicht ganz«, erwiderte M. »Haben Sie alles gelesen, was wir über die NSAA haben, 007?«

Bond nickte und fügte hinzu: »Das Wenige, das wir haben – die detaillierten Berichte über ihre etwa dreißig erfolgreichen Mordanschläge. Viel mehr gibt es nicht …«

»Da wäre noch die Analyse der Vereinten Geheimdienste. Ich vertraue darauf, dass Sie diese fünfzig Seiten gelesen haben?«

Bond bestätigte das. »Sie behaupten, dass die Nationalsozialistische Aktionsarmee nicht nur eine kleine fanatische Terrororganisation ist, sondern etwas sehr viel Gefährlicheres. Ich bin nicht sicher, ob diese Schlussfolgerung korrekt ist.«

»Tatsächlich?« M schnaubte. »Nun, ich bin sicher, 007. Die Mitglieder der NSAA sind Fanatiker, aber die leitenden Geheimdienstgesellschaften und Sicherheitsdienste sind sich einig: Die NSAA steht unter der Führung und Förderung alter Naziprinzipien. Sie meinen, was sie sagen, und es scheint so, als würden sie mit jedem Tag mehr Menschen in ihrem Netz fangen. Die Anzeichen deuten darauf hin, dass ihre Anführer sich als die Architekten des Vierten Reichs sehen. Das Ziel ist derzeit der organisierte Kommunismus. Aber kürzlich sind noch zwei weitere Elemente aufgetaucht.«

»Die da wären?«

»Ausbrüche von Antisemitismus in ganz Europa und in den Vereinigten Staaten …«

»Es gibt keine bewiesene Verbindung …«

M brachte ihn mit einer erhobenen Hand zum Schweigen. »Und zweitens haben wir einen von ihnen erwischt.«

»Ein Mitglied der NSAA? Niemand hat …«

»Es verkündet oder darüber gesprochen, nein. Das ist ein extrem gut gehütetes Geheimnis.«

Bond wollte wissen, ob M mit dem »wir« buchstäblich das Vereinigte Königreich meine.

»Oh ja. Er ist hier, in diesem Gebäude. Im Gästeflügel.« M vollführte eine ruckartige Bewegung, mit der er nach unten deutete, um anzuzeigen, dass sich der Gefangene in dem großen Verhörzentrum im Keller befand. Das Hauptquartier war umgebaut worden, als die Kosteneinsparungen der Regierung im Verteidigungssektor dem Service sein »Haus auf dem Land« verwehrt hatten, wo die Verhöre früher durchgeführt worden waren.

M fuhr fort und erklärte, sie hätten den Mann, um den es gehe, »nach dem letzten Zwischenfall in London« gefangen genommen. Damit bezog er sich auf das Gemetzel vor sechs Monaten, das sich am helllichten Tag ereignet und drei britische Staatsbeamte das Leben gekostet hatte. Sie hatten nach einigen Handelsbesprechungen gerade die Sowjetische Botschaft verlassen. Einer der Attentäter hatte versucht, sich selbst zu erschießen, als Mitglieder der Special Patrol Group eintrafen.

»Er hat schlecht gezielt.« M lächelte humorlos. »Wir sorgten dafür, dass er überlebte. Ein Großteil dessen, was wir wissen, basiert auf dem, was er uns erzählt hat.«

»Er hat geredet?«

»Herzlich wenig.« M zuckte mit den Schultern. »Aber das, was er gesagt hat, ermöglicht es uns, zwischen den Zeilen zu lesen. Nur wenige Menschen wissen überhaupt etwas darüber, 007. Ich erzähle Ihnen das nur, damit Sie nicht mehr daran zweifeln, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden. Wir sind uns zu achtzig Prozent sicher, dass die NSAA eine globale und wachsende Bedrohung ist, und wenn wir sie jetzt nicht aufhalten, wird daraus irgendwann eine öffentlich agierende Bewegung werden, die für die Wähler vieler Demokratien eine Verlockung darstellen könnte. Die Sowjets hegen natürlich ein berechtigtes Interesse.«

»Warum sollten wir dann dabei mitspielen?«

»Weil kein einziger Geheimdienst vom Bundesnachrichtendienst bis zum SDECE irgendwelche anderen Hinweise in Erfahrung bringen konnte …«

»Und …?«

»Kein einziger, bis auf den KGB.«

Bond zeigte keinerlei Regung.

»Sie wissen natürlich nicht, was wir haben«, fuhr M fort. »Aber sie haben uns einen recht bedeutenden Hinweis geliefert. Über die Waffen der NSAA.«

Bond legte den Kopf schief. »Sie haben immer russische Fabrikate benutzt, daher nehme ich an …«

»Nehmen Sie gar nichts an, 007, das ist eine der obersten Strategieregeln. Der KGB hat überzeugende Beweise dafür, dass die Ausrüstung der NSAA innerhalb der Sowjetunion auf raffinierte Weise gestohlen und von dort an diverse Abholorte verschifft wird, vermutlich von einem finnischen Staatsbürger. Aus diesem Grund wollten sie heimlich und ohne das Wissen der finnischen Regierung vorgehen.«

»Und warum wir?« Bond blickte langsam durch.

»Sie sagen«, begann M, »dass es Unterstützung von einem Land geben muss, das nicht zum Ostblock gehört. Die Israelis sind eine recht offensichtliche Wahl, denn Israel könnte das nächste Ziel sein. Großbritannien und Amerika würden für die Welt eine beachtliche Front darstellen, falls sie sich in die Sache einmischen. Außerdem sagen sie, dass es in unserem gemeinsamen Interesse liegt, uns zu beteiligen.«

»Und Sie glauben denen, Sir?«

M warf ihm einen nüchternen Blick zu und lächelte nicht. »Nein. Nicht vollkommen, aber ich glaube nicht, dass dahinter etwas Bösartiges steckt wie eine komplizierte Falle für drei Geheimdienste.«

»Und wie lange läuft Operation Eisbrecher schon?«

»Sechs Wochen. Sie haben von Anfang an speziell nach Ihnen verlangt, aber ich wollte das Eis erst testen, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Und es ist fest?«

»Es wird Ihr Gewicht tragen, 007. Zumindest denke ich das. Nach dem, was in Helsinki vorgefallen ist, gibt es nun natürlich eine neue Gefahr.«

Für eine ganze Minute herrschte Schweigen. Weit entfernt hinter der schweren Tür klingelte ein Telefon.

»Der Mann, den Sie eingeschleust haben …?«, brach Bond die Stille.

»Eigentlich sind es zwei Männer. Jede Organisation hat einen ortsansässigen Leiter, der in Helsinki untergebracht ist. Das ist der Mann, den wir abziehen. Dudley. Clifford Arthur Dudley. Er hat für eine ganze Weile in Stockholm gelebt.«

»Guter Mann.« Bond zündete sich eine weitere Zigarette an. »Ich habe mal mit ihm gearbeitet.« Tatsächlich hatten sie vor ein paar Jahren in Paris eine komplizierte Personenüberwachung mit anschließender Ermordung bei einem rumänischen Diplomaten durchgeführt. »Sehr geschickt«, fügte Bond hinzu. »Ein Alleskönner. Sie sagten, seine Persönlichkeit sei mit den anderen kollidiert …?«

M schaute Bond nicht direkt an. Er stand auf, ging zum Fenster hinüber, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und starrte auf den Regent’s Park hinaus. »Ja«, sagte er langsam. »Ja, er hat unserem amerikanischen Verbündeten ins Gesicht geschlagen.«

»Cliff Dudley?«

M drehte sich herum. Er hatte seinen verschlagenen Gesichtsausdruck aufgesetzt. »Oh, er tat es auf meine Anweisungen hin. Wir haben auf Zeit gespielt, wie ich sagte, das Eis getestet – und darauf gewartet, dass Sie sich akklimatisieren, wenn Sie mir folgen können.«

Wieder folgte Schweigen, das Bond erneut brach. »Und ich soll mich dem Team anschließen?«

»Ja.« M wirkte plötzlich ein wenig geistesabwesend. »Ja, ja. Sie haben sich alle zurückgezogen. Sie sollen Sie so bald wie möglich treffen. Ich habe zufälligerweise den Treffpunkt ausgewählt. Was halten Sie vom Reid’s Hotel in Funchal, Madeira?«

»Besser als eine lappische kote am Polarkreis, Sir.«

»Gut. Dann werde ich Ihnen hier eine vollständige Unterweisung geben, und wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen, werden wir Sie schon morgen Abend losschicken. Ich fürchte allerdings, dass die Arktis nach Madeira Ihr nächster Halt sein wird. Aber nun steht erst einmal eine Menge Arbeit an. Ihnen muss klar sein, dass diese Angelegenheit kein Zuckerschlecken wird, wie man damals im Zweiten Weltkrieg sagte.«

»Nicht einmal der Teil auf Madeira?«, hakte Bond nach.

M ließ tatsächlich ein kurzes Lachen vernehmen.


RENDEZVOUS IM REID’S

Letztendlich verließ Bond London doch nicht so schnell wie erwartet. Es gab eine Menge vorzubereiten, und die Ärzte bestanden außerdem auf einer gründlichen Untersuchung. Dann tauchte auch noch Bill Tanner mit den Überprüfungsergebnissen für Paula Vacker und ihre Freundin Anni Tudeer auf.

Es gab einige interessante und beunruhigende Informationen. Wie sich herausstellte, war Paula gebürtige Schwedin, hatte aber die finnische Staatsbürgerschaft angenommen. Ihr Vater hatte offenbar einst für das schwedische Diplomatenkorps gearbeitet, auch wenn ein Hinweis besagte, er habe »militante rechtsradikale Tendenzen«.

»Das bedeutet vermutlich, dass der Mann ein Nazi ist«, brummte M.

Der Gedanke beunruhigte Bond, doch Bill Tanners nächste Worte verstörten ihn noch mehr.

»Vielleicht«, sagte der Stabschef, »aber der Vater ihrer Freundin ist oder war definitiv ein Nazi.«

Was Tanner zu sagen hatte, weckte in Bond den dringenden Wunsch nach einer Gelegenheit, Paula bald wiederzusehen und vor allem Anni Tudeer kennenzulernen.

Im Computer gab es nur wenig über die Frau, aber er spuckte eine ganze Menge über ihren Vater aus, einen ehemaligen hochrangigen Offizier der finnischen Armee. Oberst Aarne Tudeer war 1943 in der Tat ein Mitglied des Personalstabs von Finnlands leitendem Kommandanten – dem berühmten Marschall Mannerheim – gewesen und im selben Jahr, als die Finnen Seite an Seite mit der deutschen Armee gegen die Russen kämpften, nahm Tudeer einen Posten bei der Waffen-SS an. Obwohl Tudeer in erster Linie ein Soldat war, blieb klar, dass seine Bewunderung für Nazideutschland und vor allem für Adolf Hitler keine Grenzen kannte. Gegen Ende des Jahres 1943 war Tudeer in den Rang eines SS-Oberführers befördert und auf einen Posten innerhalb des Vaterlandes der Nazis versetzt worden.

Als der Krieg endete, verschwand Tudeer, aber es gab eindeutige Hinweise darauf, dass er noch lebte. Die Nazifänger hatten ihn nach wie vor auf ihrer Fahndungsliste, da zu den vielen Operationen, bei denen er eine wichtige Rolle gespielt hatte, auch die »Hinrichtung« von fünfzig Kriegsgefangenen zählte, die im März 1944 in Sagan nach der berühmten »Großen Flucht« aus Stalag Luft III erneut geschnappt worden waren – ein Ereignis, das man unter dem Titel Gesprengte Ketten sogar verfilmt hatte.

Später kämpfte Tudeer tapfer während des historischen und blutigen Marsches der zweiten SS-Panzerdivision (»Das Reich«) von Monbauban in die Normandie. Es ist bestens bekannt, dass im Laufe dieser zwei Wochen im Juni 1944 Taten von grenzenlosem Schrecken verübt wurden, die die gewöhnlichen Regeln des Krieges überschritten. Eine dieser Taten war die Verbrennung von sechshundertzweiundvierzig Männern, Frauen und Kindern im Dorf Oradour-sur-Glane. Aarne Tudeer hatte bei diesem Zwischenfall mehr als nur die Finger im Spiel.

»In erster Linie war er Soldat, ja«, erklärte Tanner, »aber der Mann ist ein Kriegsverbrecher und deswegen sind die Nazijäger immer noch hinter ihm her, auch wenn er mittlerweile ein alter Pensionär ist. In den 1950ern gab es bestätigte Sichtungen in Südamerika, aber es ist fast sicher, dass er in den 1960ern nach einem erfolgreichen Identitätswechsel zurück nach Europa kam.«

Bond speicherte die Informationen in seinem Kopf ab und bat um die Gelegenheit, vorhandene Unterlagen und Fotos durchzusehen.

»Ich schätze, es besteht wohl keine Möglichkeit, dass ich schnell zurück nach Helsinki schleiche, um Paula zu treffen und diese Tudeer kennenzulernen?« Bond schaute M hart an, doch der schüttelte den Kopf.

»Tut mir leid, 007. Zeit ist ein entscheidender Faktor. Das gesamte Team hat seine Operationszone aus zwei Gründen verlassen – erstens um Sie zu treffen und zu unterweisen und zweitens um das zu planen, was sie für die letzte Phase ihrer Mission halten. Sehen Sie, diese Leute glauben zu wissen, wo die Waffen herkommen, wie sie an die NSAA weitergeleitet werden und – das ist das Wichtigste – wer die Operationen der NSAA leitet und von wo aus das geschieht.«

M stopfte seine Pfeife neu, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und begann zu erzählen. Das, was er erzählte, reichte in vielerlei Hinsicht aus, um Bond die Haare zu Berge stehen zu lassen.

Sie blieben an diesem Abend bis spät in die Nacht im Hauptquartier. Danach fuhr man Bond zurück in seine Wohnung in Chelsea und lieferte ihn Mays sanfter Barmherzigkeit aus. Seine respekteinflößende Haushälterin warf einen Blick auf ihn und befahl ihm im Tonfall eines altmodischen Kindermädchens, sofort ins Bett zu gehen. »Sie sehen vollkommen erschöpft aus, Mr James. Sofort ins Bett mit Ihnen. Ich bringe Ihnen ein schönes leichtes Abendessen auf einem Tablett. Und jetzt ab mit Ihnen.«

Bond hatte keine Lust auf eine Diskussion. May erschien bald darauf mit einem Gericht aus Räucherlachs und Rührei, das Bond aß, während er den Stapel mit der Post durchsah, der auf ihn gewartet hatte. Er hatte die Mahlzeit kaum beendet, als ihn die Müdigkeit überkam und er problemlos in einen tiefen, erholsamen Schlaf fiel.

Als er aufwachte, wusste Bond, dass May ihm erlaubt hatte, auszuschlafen. Die Zahlen auf seiner digitalen Nachttischuhr verrieten ihm, dass es schon fast zehn war. Innerhalb von Sekunden rief er nach May, damit sie ihm Frühstück machte. Ein paar Minuten später klingelte das Telefon.

M verlangte nach ihm.

Die zusätzliche Zeit in London zahlte sich aus. Bond erhielt nicht nur eine Übersicht über seine Partner bei Operation Eisbrecher, sondern hatte auch Gelegenheit, ausführlich mit Cliff Dudley zu sprechen, dem Mitarbeiter, dessen Aufgabe er übernehmen würde.

Dudley war ein kleiner, hartgesottener, kampflustiger Schotte, ein Mann, den Bond sowohl mochte, als auch respektierte. »Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte«, erzählte Dudley ihm, »hätte ich vermutlich die ganze Wahrheit herausgefunden. Aber eigentlich wollten die lieber Sie haben. Das hat M mir vor meiner Abreise klargemacht. Sie sollten wissen, James, dass Sie sehr vorsichtig sein müssen. Keiner der anderen wird Ihnen Rückendeckung geben. Moskau hat eindeutig etwas vor, aber es stinkt alles nach einem doppelten Spiel. Vielleicht bin ich nur von Natur aus misstrauisch, aber deren Kerl verheimlicht etwas. Er hat ein Dutzend Asse im Ärmel, und zwar alle im selben Anzug, darauf wette ich.«

»Deren Kerl«, wie Dudley ihn nannte, war für Bond kein Unbekannter, zumindest kannte er seinen Ruf. Nikolai Mosolow hatte durchaus einen Ruf, und der war nicht besonders angenehm. Seine Freunde beim KGB kannten ihn unter dem Namen Kolja. Mosolow sprach fließend Englisch, Amerikanisch, Deutsch, Holländisch, Schwedisch, Italienisch, Spanisch und Finnisch. Mittlerweile war er Ende dreißig, aber in der Grundausbildung in der Nähe von Nowosibirsk war er ein Musterschüler gewesen. Außerdem hatte er für eine Weile mit der Expertengruppe für technische Unterstützung des Zweiten Aufsichtsrats seines Geheimdiensts zusammengearbeitet, der im Grunde genommen eine professionelle Einbruchseinheit darstellte.

In dem Gebäude am Regent’s Park kannte man Mosolow auch unter zahlreichen Decknamen. In den Vereinigten Staaten war er Nicholas S. Mosterlane, in Schweden und anderen skandinavischen Ländern Sven Flanders. Sie wussten das alles, konnten ihn aber nie dingfest machen – nicht einmal als Nicholas Mortin-Smith in London.

»Er ist der unsichtbare Typ«, sagte M. »Ein Chamäleon. Er verschmilzt mit seinem Hintergrund und verschwindet immer dann, wenn man denkt, man hat ihn erwischt.«

Mit seinem amerikanischen Gegenpart bei Operation Eisbrecher war Bond ebenso unzufrieden. Brad Tirpitz, den man in Geheimdienstkreisen als »Bad« Brad kannte, war ein Veteran der alten CIA-Schule und hatte die zahlreichen Säuberungsaktionen im Hauptquartier seiner Organisation in Langley, Virginia, überlebt. Für manche war Tirpitz eine Art säbelrasselnder Abenteuerheld, eine Legende. Doch andere sahen ihn in einem anderen Licht – als die Art von Einsatzoffizier, die in der Lage war, äußerst fragwürdige Methoden anzuwenden. Er war ein Mann, der der Meinung war, dass der Zweck stets die Mittel heiligte. Und diese Mittel konnten, wie einer seiner Kollegen es ausdrückte, »sehr gemein sein. Er hat den Instinkt eines hungrigen Wolfs und das Herz eines Skorpions.«

Also, dachte Bond, würde er sich mit einem Schläger aus Moskau und einem Scharfschützen aus Langley auseinandersetzen müssen, der dazu neigte, zuerst zu schießen und dann Fragen zu stellen.

Der Rest der Unterweisung und der medizinischen Untersuchung nahm die verbleibenden Stunden des Tages und einen Teil des nächsten Morgens ein. Daher ging Bond erst am Nachmittag des dritten Tages an Bord der Vierzehn-Uhr-Maschine von TAP nach Lissabon, die ihn zu einer der Boeing-727-Pendelmaschinen nach Funchal bringen würde.

Die Sonne stand tief, berührte fast das Wasser und warf warme rote Farbflecke auf die Felsen, als Bonds Flugzeug – das nun auf eine Höhe von knapp zweihundert Metern heruntergegangen war – die Landzunge von Ponta de São Lourenço überquerte, um diese aufregende niedrige Drehung zu vollführen, die die einzige Möglichkeit darstellte, auf die gefährliche kleine Landebahn in Funchal zu gelangen, die sich wie das Flugdeck eines Flugzeugträgers zwischen die Felsen zwängte.

Innerhalb einer Stunde brachte ihn ein Taxi zum Reid’s Hotel, und am nächsten Morgen hielt er die Augen offen, um entweder Mosolow, Tirpitz oder das dritte Mitglied der Eisbrecher-Gruppe zu entdecken – die Mossad-Agentin, die Dudley als »eine absolut tödliche junge Frau, knapp unter eins siebzig mit reiner Haut und einer Figur wie die Venus von Milo« beschrieben hatte. »Nur dass diese hier beide Arme hat«, hatte er hinzugefügt. »Und der Kopf ist anders.«

»Inwiefern anders?«, hatte Bond nachgehakt.

»Umwerfend. Ich würde sagen, sie ist Ende zwanzig. Und sehr, sehr gut. Mit der würde ich mich nur ungern anlegen …«

»In professioneller Hinsicht versteht sich.« Bond hatte sich die Stichelei nicht verkneifen können.

Soweit es M betraf, war die israelische Agentin eine unbekannte Variable. Ihr Name lautete Rivke Ingber. In der Akte stand: »Nichts bekannt.«

Also schaute James Bond nun durch seine Sonnenbrille über die beiden Swimmingpools des Hotels hinweg und betrachtete die Gesichter und Körper der Hotelgäste.

Für einen Augenblick fiel sein Blick auf eine große, atemberaubende Blondine in einem Bikini von Pierre Cardin, deren Körper jeder Beschreibung trotzte. Tja, dachte Bond, als die Frau ins warme Wasser sprang, es gibt kein Gesetz, das einem das Anschauen verbietet. Er verlagerte seinen Körper auf der Sonnenliege, verzog aufgrund des Schmerzes in seiner schnell verheilenden Schulter leicht das Gesicht und beobachtete die junge Frau weiter beim Schwimmen. Ihre hübschen langen Beine öffneten und schlossen sich, während sich ihre Arme träge bewegten, sodass es fast wie eine bewusst sinnliche Geste wirkte.

Bond lächelte einmal mehr angesichts Ms Wahl für den Treffpunkt. Das Reid’s war nach wie vor eines der wenigen Hotels unter den zahlreichen Touristenfallen von Gran Canaria bis Korfu, das sich – in Bezug auf die Küche und den Service – seit den 1930ern gewisse Standards erhalten hatte. Der Hotelladen verkaufte Erinnerungsstücke an die alten Zeiten – Fotografien von Sir Winston und Lady Churchill, die in den üppigen Gärten aufgenommen worden waren. Spindeldürre ältere Männer mit säuberlich gestutzten Schnurrbärten saßen in den luftigen Aufenthaltsräumen und lasen. Junge Paare, die Outfits von Yves Saint Laurent und Kenzo trugen, saßen neben ältlichen Damen mit Titeln auf der berühmten Teeterrasse. Er befand sich, überlegte Bond, in einer Umgebung, in der zweifellos Sätze wie »Der Butler ist der Mörder« fallen könnten. Ms Kumpane besuchten diese idyllische Zeitschleife sicher mit der Regelmäßigkeit einer Armbanduhr von Patek Philippe.

Während er dalag, suchte Bond den Bereich rund um den Pool und die Sonnenliegen mit sorgfältig schweifenden Blicken ab. Keine Spur von Mosolow. Keine Spur von Tirpitz. Dank der Fotos, die er sich in London angesehen hatte, konnte er die beiden problemlos erkennen. Von Rivke Ingber hatte es kein Foto gegeben, und Cliff Dudley hatte lediglich wissend gelächelt und Bond gesagt, er werde schon noch früh genug herausfinden, wie sie aussehe.

Die Leute bewegten sich nun auf das Poolrestaurant zu, das zu zwei Seiten offen war und von pinkfarbenen Steinbögen geschützt wurde. Die Tische waren eingedeckt, die Kellner verharrten in wartenden Positionen, eine Bar lockte und ein langer Büfetttisch war aufgebaut worden, um jede nur erdenkliche Sorte Salat und Aufschnitt oder – falls der Gast es wünschte – heiße Suppe, Quiche, Lasagne oder Cannelloni anzubieten.

Mittagessen. Bonds alte Gewohnheiten folgten ihm auch nach Madeira. Die warme Luft und die Sonne der morgendlichen Observation riefen in ihm das angenehme Bedürfnis nach einem leichten Mittagsmahl hervor. Bond zog einen Frotteebademantel an, trottete zum Büfett, nahm sich ein paar dünne Scheiben Schinken und machte sich daran, etwas von dem farbenfrohen Salatangebot auszuwählen.

»Wie wäre es mit einem Drink, Mr Bond? Um das Eis zu brechen?« Ihre Stimme war sanft und wies keinerlei Akzent auf.

»Miss Ingber?« Bond drehte sich nicht herum, um sie anzusehen.

»Ja, ich habe Sie eine ganze Weile lang beobachtet – und ich glaube, Sie mich auch. Sollen wir zusammen zu Mittag essen? Die anderen sind ebenfalls eingetroffen.«

Bond drehte sich um. Vor ihm stand die umwerfende Blondine, die er im Pool gesehen hatte. Sie hatte sich einen trockenen schwarzen Bikini angezogen und ihre Haut schimmerte bronzefarben wie Buchenblätter im Herbst. Der Kontrast der Farben – die Haut, der dünne schwarze Stoff und die atemberaubenden kurz geschnittenen goldenen Locken – ließ Rivke Ingber nicht nur enorm attraktiv wirken, sondern machte sie auch zu einem Musterbeispiel an Gesundheit und Körperpflege. Ihr Gesicht leuchtete förmlich. Es war makellos und klassisch, fast schon nordisch – ein starker Mund und dunkle Augen, in denen ein Sinn für Humor beinahe verführerisch zu tanzen schien.

»Tja«, gab Bond zu, »Sie haben mich überflügelt, Ms Ingber. Shalom.«

»Shalom, Mr Bond …« Der rosige Mund verzog sich zu einem Lächeln, das offen, einladend und vollkommen aufrichtig schien.

»Nennen Sie mich James.« Bond speicherte das Lächeln in seiner Erinnerung ab.

Sie hielt bereits einen Teller in der Hand, auf dem eine kleine Portion Hühnerbrust, ein paar geschnittene Tomaten und ein Salat aus Reis und Äpfeln lagen. Bond deutete auf einen der nahe gelegenen Tische. Sie ging voran, ihr Körper war geschmeidig, der Schwung ihrer Hüften fast schon frivol. Rivke Ingber stellte ihren Teller vorsichtig auf den Tisch und zupfte automatisch an ihrem Bikinihöschen. Dann fuhr sie mit den Daumen an der Innenseite des Stoffsaums an der Rückseite der Beine entlang und zog ihn über ihren festen prallen Po. Es war eine Geste, die Frauen an Stränden und Swimmingpools täglich zahllose Male durchführten, und zwar ganz selbstverständlich und ohne darüber nachzudenken. Doch bei Rivke Ingber wirkte die Bewegung wie eine extrem verlockende, offene sexuelle Einladung.

Nun, da sie Bond gegenübersaß, ließ sie wieder ihr Lächeln aufblitzen und fuhr mit der Spitze ihrer kleinen Zunge über ihre Unterlippe. »Willkommen an Bord, James. Ich will schon sehr lange mit Ihnen zusammenarbeiten« – sie machte eine kleine Pause – »was ich von unseren Kollegen leider nicht behaupten kann.«

Bond schaute sie an und versuchte, die dunklen Augen zu ergründen – ein ungewöhnliches Merkmal bei einer Frau mit Rivkes Haut- und Haarfarbe. Seine Gabel verharrte auf dem Weg vom Teller zu seinem Mund, als er fragte: »So schlimm?«

»Schlimmer«, erwiderte sie. »Ich vermute, man hat Ihnen mitgeteilt, warum Ihr Vorgänger uns verlassen hat?«

»Nein.« Bond schaute sie unschuldig an. »Ich weiß nur, dass ich ganz plötzlich für diese Operation rekrutiert wurde. Es blieb kaum Zeit für Unterweisungen. Es hieß, das Team – das mir eine recht seltsame Mischung zu sein scheint – würde mir die Einzelheiten erklären.«

Sie lachte erneut. »Es gab einen Zwischenfall, den man vermutlich als Persönlichkeitskonflikt bezeichnen könnte. Brad Tirpitz verhielt sich wie üblich rüpelhaft, und zwar auf meine Kosten. Ihr Mann schlug ihm ins Gesicht. Ich war ein wenig verärgert. Ich meine, ich wäre selbst mit Tirpitz fertiggeworden.«

Bond nahm einen Bissen, kaute und schluckte. Dann fragte er sie, was es mit der Operation auf sich habe.

Rivke schenkte ihm einen flüchtigen koketten Blick mit leicht gesenkten Augenlidern. »Oh«, sie hob spöttisch einen Finger an die Lippen, »das ist verboten. Ich bin nur der Köder. Ich soll Sie zu dem Expertenpaar locken. Wir alle müssen bei Ihrer Unterweisung anwesend sein. Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, ich glaube nicht, dass die mich sehr ernst nehmen.«

Bond lächelte bitter. »Dann haben sie noch nie den wichtigsten Spruch über Ihren Geheimdienst gehört …«

»Wir sind bei unserem Auftrag gut, weil die Alternative zu schrecklich ist, um darüber nachzudenken.« Sie sprach die Worte tonlos aus, fast wie ein Papagei.

»Und sind Sie gut, Rivke Ingber?« Bond kaute einen weiteren Happen.

»Kann ein Vogel fliegen?«

»Dann müssen unsere Kollegen sehr dumm sein.«

Sie seufzte. »Nicht dumm, James. Chauvinisten. Sie sind nicht für ihr Vertrauen in die Zusammenarbeit mit Frauen bekannt, das ist alles.«

»Das Problem hatte ich noch nie.« Bonds Gesicht blieb ausdruckslos.

»Nein. Das habe ich gehört.« Rivke klang plötzlich formell. Vielleicht wollte sie ihm damit sogar sagen, dass er sich von ihr fernhalten sollte.

»Also. Wir reden nicht über Eisbrecher.«

Sie schüttelte den Kopf. »Keine Sorge, Sie werden genug darüber hören, wenn wir nach oben gehen, um die Jungs zu treffen.«

Bond bemerkte selbst in der Art, wie sie ihn ansah, den Anflug einer Warnung. Es war, als hätte sie ihm die Möglichkeit einer Freundschaft angeboten und dieses Angebot dann plötzlich wieder zurückgezogen. Ebenso schnell wurde Rivke wieder ganz die Alte. Ihre dunklen Augen hefteten sich auf Bond.

Sie beendeten ihr leichtes Mittagessen, ohne dass Bond noch einmal versuchte, das Thema Eisbrecher anzusprechen. Er redete über ihr Land – das er gut kannte – und über seine zahlreichen Probleme, aber er achtete darauf, während der Unterhaltung nicht auf ihr Privatleben einzugehen.

»Zeit, die großen Jungs kennenzulernen, James.« Sie tupfte sich die Lippen mit einer Serviette ab und schaute in Richtung Hotel.

Mosolow und Tirpitz hatten sie vermutlich von ihrem Balkon aus beobachtet, sagte Rivke. Ihre Zimmer lagen direkt nebeneinander im vierten Stock und beide Balkone gewährten einen guten Blick auf die Gärten. Außerdem konnte man von dort aus die ganze Zeit über den Bereich rund um den Swimmingpool im Auge behalten.

Sie gingen in getrennte Umkleidekabinen und kamen in angemessener Kleidung wieder heraus. Rivke trug einen dunklen plissierten Rock und eine weiße Bluse, Bond seine liebste marineblaue Hose, ein Sea-Island-Baumwollhemd und Mokassins. Gemeinsam betraten sie das Hotel und nahmen den Fahrstuhl in den vierten Stock.

»Ah, Mr James Bond.«

Mosolow war so unauffällig, wie die Experten behauptet hatten. Er hätte jedes Alter haben können – von Mitte zwanzig bis Ende vierzig.

»Kolja Mosolow«, sagte er und ergriff Bonds Hand. Der Handschlag war weder fest noch lasch, und die Augen – die trüben grauen Augen – starrten ausdruckslos vor sich hin, ohne sich eindeutig auf Bonds Blick zu richten.

»Freut mich, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.« Bond schenkte ihm sein charmantestes Lächeln, während er versuchte, den Mann so gut wie möglich einzuschätzen: relativ klein und blondes Haar, das zu keiner bestimmten Frisur geschnitten war, aber paradoxerweise ordentlich wirkte. Von dem Mann selbst und seiner Kleidung ging keinerlei Persönlichkeit aus – zumindest schien es so: ein kurzärmeliges braun kariertes Hemd, eine Hose, die aussah, als wäre sie an einem besonders schlechten Tag von einem Schneidergehilfen zusammengenäht worden, ein Gesicht, das sich mit der Stimmung zu verändern schien und je nach Lichteinfall alt oder jung wirkte.

Kolja deutete auf einen Stuhl, allerdings sah Bond nicht so recht, wie er es machte – er benutzte keine Gesten und bewegte auch seinen Körper nicht. »Kennen Sie Brad Tirpitz?« Sein Englisch war tadellos, sogar umgangssprachlich und wies einen leichten Hauch eines Londoner Vorstadtakzents auf.

Auf dem Stuhl saß Tirpitz – ein breiter, gewaltiger Mann mit großen, groben Händen und einem Gesicht, das aus Granit gemeißelt zu sein schien. Sein Haar war grau und sehr kurz, sodass es geradeso seine Kopfhaut bedeckte, und Bond stellte erfreut fest, dass auf der linken Seite des ungewöhnlich kleinen Mundes des Mannes der Hauch eines blauen Flecks und eine kleine Platzwunde prangten.

Tirpitz hob träge eine Hand zu einer Art Gruß. »Hi«, schnaubte er. Seine Stimme war rau, als hätte er eine Menge Zeit damit verbracht, sich den Akzent der harten Kerle aus den Filmen anzutrainieren. »Willkommen im Club, Jim.«

Bond konnte an dem Mann weder Freundlichkeit noch Freude erkennen.

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr Tirpitz.« Bond betonte das Mister.

»Brad«, gab Tirpitz knurrend zurück. Dieses Mal zuckte um seine Mundwinkel herum die Andeutung eines Lächelns. Bond nickte.

»Wissen Sie, worum es hier geht?«, Kolja Mosolow klang fast ein wenig entschuldigend.

»Nur in Ansätzen …«

Rivke mischte sich ein und schenkte Bond ein Lächeln. »James hat mir erzählt, dass er sehr kurzfristig hergeschickt wurde. Er hat von seinen Leuten keine Unterweisung erhalten.«

Mosolow zuckte mit den Schultern, nahm Platz und deutete auf einen der anderen Stühle. Rivke ließ sich aufs Bett sinken und faltete die Beine unter ihrem Körper zusammen, als würde sie es sich bequem machen.

Bond setzte sich auf den angebotenen Stuhl und schob ihn bis an die Wand zurück, damit er sich in einer Position befand, aus der er die anderen drei sehen konnte. Außerdem hatte er auf diese Weise einen guten Blick auf das Fenster und den Balkon.

Mosolow holte tief Luft. »Wir haben nicht viel Zeit«, begann er. »Wir müssen innerhalb von achtundvierzig Stunden von hier verschwinden und wieder im Operationsbereich sein.«

Bond deutete auf den Raum. »Ist es sicher, hier drinnen zu reden?«

Tirpitz gab ein raues Lachen von sich. »Keine Sorge. Wir haben alles überprüft. Mein Zimmer ist nebenan, dieses hier befindet sich an der Ecke des Gebäudes, und ich suche es ständig ab.«

Bond wandte sich wieder Mosolow zu, der während dieser kleinen Unterbrechung geduldig, fast unterwürfig gewartet hatte. Der Russe wartete noch einen Augenblick länger, bevor er wieder sprach. »Finden Sie das seltsam? Dass die CIA, der Mossad, meine Leute und Ihre Leute hier alle zusammenarbeiten?«

»Anfangs schon.« Bond schien sich zu entspannen. Dies war der Moment, vor dem M ihn gewarnt hatte. Es bestand die Möglichkeit, dass Mosolow gewisse Dinge für sich behalten würde. Wenn das der Fall war, musste er besonders vorsichtig sein. »Anfangs fand ich es seltsam, aber nachdem ich darüber nachgedacht habe … Nun ja, wir sind alle in derselben Branche. Wir haben möglicherweise unterschiedliche Auffassungen, aber es gibt keinen Grund, warum wir nicht für das Allgemeinwohl zusammenarbeiten sollten.«

»Korrekt«, sagte Mosolow knapp. »Dann werde ich Ihnen nun eine Kurzfassung aller Informationen geben.« Er hielt inne, schaute sich um und gab ein glaubhaftes Abbild eines kurzsichtigen und irgendwie zurückhaltenden Akademikers ab. »Rivke, Brad, bitte fügen Sie jegliche Punkte hinzu, die ich Ihrer Meinung nach ausgelassen habe.«

Rivke nickte, und Tirpitz lachte unangenehm.

»Also gut.« Wieder erfolgte der Verwandlungstrick: Kolja veränderte sich, und aus dem langsamen Professor wurde ein aufgeweckter Leiter, der Entschlossenheit und Kontrolle ausstrahlte. Es machte Spaß, ihm zuzusehen, fand Bond. »Also gut. Ich werde es kurz und schmerzlos machen. Wie Sie sicher schon wissen, Mr Bond, geht es um die Nationalsozialistische Aktionsarmee: eine erwiesene Bedrohung für mein Land und auch für Ihre Länder. Faschisten der alten Schule.«

Tirpitz ließ wieder sein unangenehmes Lachen vernehmen. »Olle Faschisten.«

Mosolow ignorierte ihn. Es schien die einzige Methode zu sein, mit Brad Tirpitz’ Sprüchen umzugehen. »Ich bin kein Fanatiker.« Mosolow senkte die Stimme. »Und ich bin auch nicht von der NSAA besessen. Allerdings glaube ich genau wie unsere Regierungen, dass diese Organisation groß ist und jeden Tag weiter wächst. Sie ist eine Bedrohung …«

»Das können Sie laut sagen.« Brad Tirpitz kramte eine Schachtel Camels hervor, klopfte die Öffnung gegen seinen Daumen, zog eine Zigarette heraus und zündete sie mithilfe eines Streichholzheftchens an. »Kommen Sie zum Punkt Kolja. Die Nationalsozialistische Aktionsarmee jagt euch Sowjets eine Scheißangst ein.«

»Sie ist eine Bedrohung«, fuhr Kolja fort, »für die Welt. Nicht nur für das sowjetische Russland und den Ostblock.«

»Sie sind deren Hauptziel«, schnaubte Tirpitz.

»Und wir sind in die Sache verwickelt, Brad, wie Sie sehr wohl wissen. Aus diesem Grund hat sich meine Regierung an Ihre Leute gewandt. Und an Rivkes und Mr Bonds Regierungen.« Er wandte sich wieder an Bond. »Wie Sie vielleicht wissen oder auch nicht, stammen alle Waffen, die bei den von der NSAA durchgeführten Operationen verwendet wurden, aus einer sowjetischen Quelle. Das Zentralkomitee wurde erst nach dem fünften Zwischenfall darüber informiert. Andere Regierungen und Agenturen hegten den Verdacht, wir würden irgendeine Organisation – möglicherweise eine aus dem Nahen Osten – mit Waffen versorgen, die sie daraufhin weiterleitete. Das war nicht der Fall. Diese Information löste ein Problem für uns.«

»Jemand hatte seine Finger in der Kasse«, warf Brad Tirpitz ein.

»Stimmt«, schnauzte Mosolow. »Im vergangenen Frühjahr entdeckte ein leitender Offizier der Roten Armee während einer Stichprobenüberprüfung der Lagerbestände – der ersten seit zwei Jahren – eine gewaltige Abweichung: einen unerklärlichen Schwund an Waffen. Sie stammten alle aus einer einzigen Quelle.« Er stand auf, ging durchs Zimmer zu einem Aktenkoffer und nahm eine große Karte heraus, die er auf dem Teppichboden ausbreitete.

»Hier.« Er deutete auf das Papier. »Hier, in der Nähe von Alakurtii, haben wir ein großes Waffenlager …«

Alakurtii lag etwa sechzig Kilometer östlich der finnischen Grenze, weit oben am Polarkreis – gut zweihundert Kilometer nordöstlich von Rovaniemi, wo Bond selbst während seiner kürzlichen Expedition stationiert gewesen war.

Kolja fuhr fort: »Im vergangenen Winter wurde ebendieses Waffenlager geplündert. Wir waren in der Lage, sämtliche Seriennummern der Waffen, die die NSAA benutzte, zu identifizieren. Die stammten eindeutig aus Alakurtii.«

Bond fragte, was fehle.

Koljas Gesicht wurde ausdruckslos, während er die Liste herunterratterte: »Kalaschnikows, RPKs, AKs, AKMs, Makarow- und Stetschkin-Pistolen, RDG-5- und RG-43-Granaten … Eine große Anzahl samt Munition.«

»Keine größeren Geschütze?« Bond ließ die Frage beiläufig klingen, wie eine spontane Reaktion.

Mosolow schüttelte den Kopf. »Das genügt. Sie wurden in großen Mengen entwendet.«

Zuerst kamen sie auf den Schwarzmarkt, dachte Bond. Er wusste bereits von M – der seine eigenen Quellen hatte –, dass Kolja Mosolow die bedeutendsten Waffen ausgelassen hatte: eine beträchtliche Anzahl von RPG-7V-Panzerabwehrwaffen einschließlich Raketen, die mit mehreren unterschiedlichen Sprengköpfen ausgestattet waren – konventionellen, chemischen und taktischen Atomsprengköpfen. Sie waren groß genug, um eine kleine Stadt in Schutt und Asche zu legen und alles in einem Radius von achtzig Kilometern rund um die Einschlagstelle zu verwüsten.

»Diese Ausrüstung verschwand während des Winters. Zu dieser Zeit haben wir eine kleine Garnison an der Basis Blue Hare stationiert, wie wir das Lager nennen. Der Oberst, der die Entdeckung machte, benutzte seinen gesunden Menschenverstand. Er erzählte es niemandem in Blue Hare, sondern erstattete umgehend der GRU Bericht.«

Bond nickte. Das ergab Sinn: Die Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije – der sowjetische Militärgeheimdienst, eine Organisation, die enge Verbindungen zum KBG hatte – würde natürlich die Behörde sein, die es in einem solchen Fall zu informieren galt.

»Die GRU schickte zwei Mönche los – so nennen sie gern die verdeckt ermittelnden Männer, die in Regierungsbüros oder Militäreinheiten arbeiten.«

»Und sie haben ihre heiligen Gebote befolgt?« fragte Bond, ohne zu lächeln.

»Mehr als das. Sie haben die Rädelsführer ausfindig gemacht – gierige Unteroffiziere, die von einer außenstehenden Quelle bezahlt wurden.«

»Also«, unterbrach Bond, »wissen Sie, wie das Zeug gestohlen wurde …«

Kolja lächelte. »Wie und die Richtung, in die es gebracht wurde. Wir sind uns ziemlich sicher, dass die Lieferung im letzten Winter über die finnische Grenze gebracht wurde. Diese Grenze kann man nur schwer bewachen, auch wenn ein paar Bereiche vermint sind und wir kilometerweise Bäume abgeholzt haben. Trotzdem überqueren sie täglich immer noch Leute. Wir glauben, dass die Waffen auf diese Weise weggeschafft wurden.«

»Dann kennen Sie das erste Ziel also nicht?« Es war Bonds zweite Testfrage.

Mosolow zögerte. »Wir sind uns nicht sicher. Unsere Satelliten versuchen, einen möglichen Ort zu bestimmen, und unsere Leute halten die Augen nach dem Hauptverdächtigen offen. Aber die Fakten sind nach wie vor unklar.«

James Bond wandte sich an die anderen. »Und sind sie für Sie beide ebenso unklar?«

»Wir wissen nur, was Kolja uns erzählt hat«, sagte Rivke ruhig. »Dies ist eine freundschaftliche Operation des Vertrauens.«

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