Kitabı oxu: «Wie Nonni das Glück fand»
Jón Svensson
Wie Nonni das Glück fand
Saga
Vorbemerkung
An vielen Orten, wo ich in den letzten Jahren Vorträge gehalten habe, wurde besonders eine Frage immer wieder an mich gerichtet. Man wollte wissen, wie es eigentlich kam, dass ich als kleiner zwölfjähriger Wildfang die schöne Insel Island verliess, um draussen in der weiten Welt meine Studien zu machen und dort mein Glück zu suchen.
Gerne habe ich diese Bitten erfüllt, und so kam es, dass ich über meine innern Erlebnisse und darüber, wie Gott mich führte, noch häufiger erzählen musste als über alles andere, was in meinen Jugendjahren mit mir geschah.
Sehr oft wurde mir nahegelegt, diese merkwürdigen Begebenheiten nicht nur mündlich zu erzählen, sondern auch schriftlich niederzulegen. Das habe ich hiermit getan. Und nun lade ich alle meine Freunde, die grossen und die kleinen, ein, in Gedanken mich zu begleiten und dem, was ich in diesem Buche aufgeschrieben habe, so froh zu begegnen, wie es mir begegnet ist, als es geschah.
Es würde mich freuen, wenn ich auch mit diesem Buche dazu beitragen könnte, andern eine Freude zu machen und sie in ihrem Glauben an das Schöne und Gute in der Welt zu stärken.
Pfingsten 1934
Jón Svensson
(Nonni)
1
Nonnis Traum von der weiten Welt
Wie man es in den „Nonnibüchern“ lesen kann, verbrachte ich meine zwölf ersten — überaus glücklichen — Jugendjahre bei meinen Eltern in Nord-Island.
Ich wuchs auf wie eine wilde Blume in Gottes freier Natur, inmitten der stolzen isländischen Berge, nahe dem Meeresufer.
Erzogen wurde ich nach den Grundsätzen der meisten isländischen Familien, nämlich in der grösstmöglichen Freiheit.
Nach althergebrachtem normannischem Gebrauch lässt man dortzulande den Kindern reichliche Freiheit — nicht damit sie ungezogen werden, sondern zu dem Zweck, dass sie sich selbst helfen lernen und sobald wie möglich zu einer gewissen Selbständigkeit gelangen. Die Kinder sollen nicht wie willenlose Geschöpfe herumgeschoben und auf Schritt und Tritt überwacht werden.
Selbstverständlich hat diese Freiheit ihre Grenzen: mit grösster Strenge wird Gehorsam und gutes Betragen gefordert. Darüber wird unerbittlich gewacht; denn Vornehmheit ist Ehrensache.
Natürlich hatte ich, der kleine Wildfang, gegen diese Erziehungsweise nichts einzuwenden. So wuchs ich heran, und als ich sieben Jahre alt geworden, war ich kräftig und gesund und voller Unternehmungslust.
Die Reitkunst, die in Island für jung und alt unentbehrlich ist oder wenigstens damals war, lernte ich zu dieser Zeit und bekam nun von meinem Vater ein niedliches kleines Reitpferd zum Geschenk. Es war schneeweiss und hiess Grani, gerade wie das berühmte Reitpferd Siegfrieds des Drachentöters.
Nach Herzenslust durfte ich auf dem sichern Rücken Granis in der Umgegend Ritte machen. Ich ritt über Stock und Stein, über Berge und Täler und machte Besuche auf weit entfernten Höfen, wo ich immer mit grösster Freundlichkeit empfangen wurde. Die Gastfreundschaft ist eine der schönsten Tugenden des isländischen Volkes.
Zuweilen durfte ich sogar meinen kleinen Bruder Manni mitnehmen: er setzte sich dann hinter mir auf den Rücken Granis und hielt sich fest „im Sattel“.
Aber die Ritte durch das herrliche Land machten nicht unsere einzigen Vergnügungen ans: wir wohnten am Meeresstrande, und unmittelbar vor unserem Elternhaus lag das grosse Atlantische Meer. Da war es ja selbstverständlich, dass wir auch einen kleinen Kahn besassen.
Ohne Widerspruch vonseiten meiner Eltern durfte ich auf dem weiten Meer Ruder- und Segelfahrten unternehmen. Da ruderte oder segelte ich also, wie es mir passte, allein oder auch mit meinem kleinen Bruder Manni.
Gewiss kamen wir dabei mitunter in Gefahr. Das wussten unsere Eltern wohl. Trotzdem wurden uns diese Ausflüge nicht verwehrt. Derartige Gefahren galten nicht als hinreichender Grund zu einem Verbot.
Mehr als einmal fiel ich in die salzigen Fluten. Ich hätte ertrinken können. Doch immer kam ich wieder mit dem Leben davon.
Einmal machte ich mit Manni eine kühne Bootfahrt. Unser Kahn wurde von einer starken Strömung erfasst und aufs hohe Meer hinausgetrieben. Wir gerieten mitten in ein Rudel riesengrosser Walfische. Doch auch da konnten wir nachher sagen: „Ende gut, alles gut!“ Wir kamen mit knapper Not davon und hatten ein zwar gefährliches, aber auch wahrhaft schönes Abenteuer hinter uns1.
Ist das vielleicht unvorsichtig oder gar leichtsinnig gewesen? Darüber will ich nicht urteilen. Ich kann nur sagen, dass trotz der grossen Freiheit dort im Lande nicht mehr Unglücksfälle vorkommen als anderswo. Wie es nun aber auch sein mag, bei mir ging es jedenfalls immer gut aus, und so tummelte ich herum, frisch und fröhlich, glücklich und gesund, bis ich beinahe acht Jahre alt war.
Ich war noch in keine eigentliche Schule gegangen. Meinen einzigen Unterricht hatte ich bei meiner Mutter gehabt. Sie hatte mir viel Schönes und Lehrreiches erzählt. Meine — ein paar Jahre ältere — Schwester Bogga hatte ihr dabei treulich geholfen. Doch das Lesen hatte ich noch nicht gelernt. Bald sollte auch mit dieser Kunst begonnen werden. Durch einen glücklichen Zufall erlernte ich sie auf eigene Faust, ohne dass meine Mutter etwas davon erfuhr.
Das kam so:
Eines Tages gab mir ein gleichaltriger Kamerad, Arni mit Namen, ein zusammengefaltetes Stückchen Papier mit den Worten:
„Nonni, lauf schnell zu deiner Schwester Bogga und gib ihr das. Sag ihr, es komme von mir.“
Ich lief so schnell, wie meine kleinen Beine mich tragen konnten, zu meiner Schwester, übergab ihr das Papier und sagte, es komme von Arni.
Bogga entfaltete es, betrachtete es eine Zeit lang aufmerksam und brach dann bald in ein unbändiges Gelächter aus.
Ich war höchst erstaunt, dass ein einfaches Stück Papier eine solche Wirkung haben könne, und fragte meine Schwester, warum sie so lache.
„Weil Arni mir so lustige Sachen geschrieben hat“, erwiderte sie.
Ich kam aus dem Staunen nicht heraus und bat sie, mir nähere Erklärung zu geben. Sie tat es, indem sie mir auseinanderzusetzen versuchte, dass man durch geheimnisvolle Zeichen seine Gedanken auf ein Stück Papier übertragen könne.
Ich wollte es mit eigenen Augen sehen. Sie zeigte mir das Papier. Ich schaute genau zu, konnte aber keine Gedanken darauf entdecken. Ich sah nur schwarze Striche und Punkte, wie wenn eine Fliege darüber gewandert wäre.
Mir kam das alles wie ein Zauber vor, und sofort bat ich Bogga, mich diese Zeichen zu lehren. Sie ging darauf ein, und mit Hilfe einer kleinen neunjährigen Freundin gelang es mir, in einer verhältnismässig kurzen Zeit das Lesen und Schreiben zu lernen.
Als ich endlich lesen konnte, wurde ich auf einmal von einer neuen eigentümlichen Leidenschaft ergriffen: es bemächtigte sich meiner eine unersättliche Leselust.
Ich ging nun nicht mehr soviel hinaus, sondern sass von jetzt an gern zu Hause und las ein Buch nach dem andern. Mein Vater hatte eine kleine Bibliothek. Er erlaubte mir, alle Bücher zu lesen, die darin standen.
Ich las und las mit grösster Freude nicht nur während des Tages, sondern auch zuweilen bis tief in die Nacht hinein. Ja so gross war mein Eifer, dass ich einmal die ganze Nacht hindurch las. Ich konnte das leicht tun, ohne jemand zu stören; denn ich schlief allein, in einem eigenen kleinen Kämmerlein unter dem Dach, gerade über meinen Eltern.
Licht brauchte ich, im Sommer wenigstens, nicht anzuzünden, denn in Island sind die Sommernächte ebenso hell wie der Tag. Die Sonne leuchtet ja fast die ganze Nacht am Himmel.
Und was für Bücher las ich denn? Allerlei. Ja, man horche und staune! Sogar Homer und Virgil in isländischer Übersetzung versuchte ich mir zu Gemüte zu führen, natürlich ohne viel davon zu verstehen. Mein Vater hatte mir gesagt, diese Bücher gehörten zu den glänzendsten Dichterwerken der Welt. Da musste ich doch versuchen, mich auch mit ihnen ein wenig bekannt zu machen.
Dann las ich aber auch die persisch-arabischen Wundermärchen, die man „Tausend und eine Nacht“ nennt. Das ging leichter. Durch das Lesen dieser Märchen entwickelte sich meine Phantasie sehr, ja fast ins Unbegrenzte. Ferner vertiefte ich mich in die herrlichen isländischen Sagas, aus dem Goldalter der altisländischen Literatur. Sie machten auf mein junges Gemüt einen unauslöschlichen Eindruck. Sogar mit den unvergleichlichen Eddaliedern versuchte ich Bekanntschaft zu machen. Sie überwältigten mich durch ihre grossartige Poesie, obwohl ich eher ein Ahnen als ein Verstehen ihres goldenen Wertes hatte.
Dann aber kam ein Buch an die Reihe, das stärker als alle andern auf mich wirkte und meinem Gemütsleben eine gänzlich neue Richtung gab: es war dies ein schöner Auszug aus der bekannten Weltgeschichte des italienischen Geschichtsschreibers Cantù. Das Buch war in meine Muttersprache übersetzt und in leichter volkstümlicher Form gehalten.
Es standen dort wundervolle Berichte über die europäischen Länder und Völker. Ich las sie das eine Mal nach dem andern in grösster Spannung und mit einem wahren Heisshunger. Und als ich mit diesem Studium zu Ende gekommen war, war mir plötzlich eine neue Welt aufgegangen.
Ich entdeckte hier zum ersten Mal in meinem Leben, dass es auf der Erde noch andere Länder gab als die Insel Island. Bis jetzt war nämlich Island für mich sozusagen die ganze Welt gewesen. Nun aber hatte sich mein Blick plötzlich ins Riesige erweitert.
Es gab drüben, jenseits des grossen Atlantischen Meeres — in weiter, weiter Ferne — eine Menge Länder und Reiche, die noch viel grösser und schöner waren als meine Heimatinsel. Und es gab Völker dort, die viel mächtiger und älter waren als unser isländisches Volk.
Da war Skandinavien, England und Deutschland, Spanien, Österreich, Frankreich und Italien, und noch viele andere dazu. In England war eine Riesenstadt, die London hiess. Dort wohnten mehr Menschen als in ganz Island.
In Deutschland war ein weltberühmter Fluss, den man den Rhein nannte. Er floss dahin zwischen blühenden Weinbergen und lieblichen Hügeln, auf welchen lauter Rosinen wuchsen. Auf jedem Hügel hoch oben standen Burgen und Schlösser. Da musste ich unbedingt hin!
In Frankreich war eine Stadt, die Paris hiess. Das war eine der glänzendsten Städte der Welt. Dort hatte Napoleon gelebt, der grosse Kriegsheld. In Frankreich hatte auch die Jungfrau von Orléans gelebt. Ihre Geschichte hatte mich tief ergriffen.
In Österreich waren so viele Völker, dass man sie kaum zählen konnte. — In Italien lag Rom, die berühmteste aller Städte der Welt. Und da war der Petersdom und viele andere wunderbare Bauten. Und dort brannte die Sonne so stark, dass die Menschen braun wurden und ihre Haare schwarz. — In Spanien war ein Zauberschloss, das Alhambra hiess, und auch dort gab es viele Rosinen und viel süssen Wein.
Kurz, diese neue gewaltige Zauberwelt draussen entzückte mich, und dieses Entzücken verwandelte sich allmählich in ein leidenschaftliches, ungeheuer grosses Verlangen, in diese weite Welt hinauszureisen. Ich wollte diesen Zauber mit eigenen Augen schauen und die Länder und Völker draussen kennen lernen.
Meine Heimatinsel kam mir jetzt vor, wie wenn sie sich ausserhalb der bewohnten Welt befände. Tatsächlich lag sie am Ende der Welt ganz droben am nördlichen Polarkreis, wie verloren an der nördlichsten Grenze des Atlantischen Meeres.
Ja, hinaus musste ich unbedingt. Diese mächtigen Reiche und diese zahlreichen Völker musste ich sehen. Mein Verlangen wurde so gross, dass ich es nicht mehr loswerden konnte. Ich dachte daran Tag und Nacht. Ich sann und überlegte, wie ich meinen grossen Plan verwirklichen könne.
Endlich meinte ich, das Richtige gefunden zu haben: Draussen auf dem Meere, gerade vor unserem Haus, lagen jeden Sommer eine Menge fremder Schiffe vor Anker. Das Vernünftigste wäre wohl, so dachte ich mir, in meinem Kahn aufs Meer hinanszufahren, das eine oder andere der fremden Schiffe zu besteigen, mich dem Kapitän als Schiffsjungen anzubieten und so die grosse Weltreise anzufangen.
Doch als ich bald darauf meinen Eltern den „schönen“ Plan mitteilte, wollten sie zu meinem Erstaunen nichts davon wissen. Und so musste ich also zu meinem Leidwesen das ganze Vorhaben aufgeben. Mein Verlangen aber, die grosse Reise zu machen, wurde immer stärker.
Die Zeit verstrich, und ich fuhr fort, mit unermüdlichem Eifer aus meinen Büchern mir neue Kenntnisse zu verschaffen.
Mein Herumtummeln draussen in Gottes freier Natur gab ich aber dabei nicht ganz auf.
Doch die grosse Reise in die weite Welt hinaus war und blieb für mich die Hauptsache.
Der goldene Schimmer, welcher über den Abenteuern meines Wunderbuches „Tausend und eine Nacht“ lag, verbreitete sich auch über die fernen Länder, die ich so sehnsüchtig zu besuchen wünschte.
Ich sah sie immer strahlend und leuchtend in einem zauberhaften, goldenen Glanze.
Und was konnte mir nicht alles begegnen in dieser Zauberwelt! — Vielleicht würde ich dort ähnliche Abenteuer erleben wie die kleinen arabischen Prinzen in meinem Märchenbuche ...
Ja, wer konnte wissen, was da alles mit mir geschehen würde! Vielleicht würde ich, wie einige von ihnen, ein Königreich gewinnen ...
In meiner glühenden Phantasie schien mir alles möglich.
2
Die Mutter gibt einen guten Rat
Eines Tages ging ich zu meiner Mutter und sprach eingehend über die Sache mit ihr. Als sie alles gehört hatte, sagte sie mir unter anderem:
„Ich kann dein Verlangen gut verstehen, Nonni. Du hast so viel Schönes über die grosse Welt draussen gelesen. Es ist ganz natürlich, dass du das alles auch sehen möchtest.“
„Aber, Mutter“, fragte ich sie, „gibt es denn kein Mittel, um diese grosse Reise in die weite Welt hinaus zu machen?“
Auf diese Frage gab sie mir eine Antwort, die einen tiefen Eindruck auf mich machte.
„Wenn ein Mensch“, sagte sie, „einen heftigen Wunsch hat, gerade wie du jetzt, und wenn das, wonach er sich sehnt, nicht etwas Böses, Schädliches oder Törichtes, sondern etwas Gutes oder wenigstens etwas Vernünftiges ist, so kann er es immer erlangen. Es gibt ein unfehlbares Mittel dazu.“
Man wird verstehen, wie aufmerksam ich bei diesen Worten wurde. In grösster Spannung bat ich meine Mutter, mir dieses Mittel mitzuteilen. Sie erwiderte:
„Das will ich gern tun, Nonni. Es ist etwas sehr Einfaches und Leichtes. Wenn das, was man sich wünscht, so ist, wie ich vorher sagte, dann braucht man nur sich an Gott zu wenden und ihn darum zu bitten. Gott ist allmächtig. Er kann uns alles geben. Er ist auch unendlich gut und will uns nur Gutes tun. Er hat uns sogar ausdrücklich versprochen, uns alles geben zu wollen, um was wir ihn bitten würden.“
Hier machte meine Mutter eine kleine Pause und warf mir einen mütterlich lieben, aber auch ernsten Blick zu. Dann fuhr sie fort:
„Wenn du also, mein kleiner Nonni, ein so grosses Verlangen darnach hast, in die weite Welt hinauszufahren, dann brauchst du nur den lieben Gott darum zu bitten. Er wird deine Bitte ganz sicher erhören.“
Mit aufgerissenen Augen schaute ich meine Mutter an, wusste aber vor lauter Erstaunen nicht, was ich sagen sollte. Denn, was sie mir da mitgeteilt hatte, war so wundervoll, dass ich es kaum glauben konnte. Ich fürchtete, ich habe sie vielleicht nicht richtig verstanden.
Sie schien meine Gedanken zu erraten und erzählte weiter:
„Was ich dir eben gesagt habe, Nonni, ist wahr. Du kannst dich ruhig darauf verlassen. Ich will es dir aber etwas näher erklären.
Wie ich dir sagte, gibt Gott uns alles, um was wir ihn bitten, vorausgesetzt, dass es etwas Gutes und Vernünftiges ist. Aber merke dir wohl: Gott hat eine merkwürdige Eigentümlichkeit: er lässt die Menschen auf die Erhörung oft lange warten, zuweilen sogar sehr lange.
Wenn wir also etwas von Gott erreichen wollen, da kommt es für uns vor allem darauf an, dass wir Geduld haben, und dass wir mit unserer Bitte so lange fortfahren, bis Gott sie uns gewährt, auch wenn wir lange warten müssen. Unser Gebet muss anhaltend sein. Das beste ist, dass wir unser Gebet jeden Tag wiederholen und damit fortfahren, bis wir erhört werden. Lange Gebete braucht man nicht herzusagen. Ein kurzes Gebet, das man täglich wiederholt, wird immer erhört. Und wenn Gott uns lange auf die Erhörung warten lässt, so ist das kein schlechtes Zeichen. Es ist im Gegenteil ein Zeichen, dass Gott uns etwas besonders Grosses und Schönes geben will.“
Ich lauschte diesen Worten meiner lieben Mutter wie einer himmlischen Offenbarung. Und voll Begeisterung sagte ich mir: „Jetzt weiss ich endlich, wie ich in die weite Welt hinauskommen kann!“ Sofort war auch mein Entschluss gefasst: Ich werde Gott jeden Tag darum bitten und damit fortfahren, bis er mich erhört.
Um diese tägliche Bitte nicht zu vergessen, nahm ich mir vor, sie Gott jeden Abend in meinem Bette vor dem Einschlafen vorzutragen.
An diesem ersten Abend fing ich auch schon an. Meine Bitte war kurz und einfach. Keine bestimmte Formel, sondern nur eben die Worte, die mir jedesmal gerade einfielen.
Gewöhnlich lautete meine Bitte so: „Lieber Gott, ich bitte dich, hilf mir doch, in die weite Welt hinauszukommen! Ich habe so ein Verlangen danach.“
Und jedesmal schlief ich dann freudig ein mit der Überzeugung, mein Gebet sei zum Ohre des lieben Gottes gedrungen, und er sinne schon auf Mittel und Wege, um mich über das grosse Meer in die märchenhafte Wunderwelt draussen zu führen.
So tat ich jeden Abend.
Und es vergingen Tage und Wochen, ja es vergingen Monate, und — nichts geschah.
Ich verlor aber deshalb den Mut nicht, sondern betete unentwegt jeden Abend weiter. Endlich war ein ganzes Jahr verflossen. Und während dieser langen Zeit auch nicht das geringste Zeichen von Erhörung zu entdecken!
Es war hart. Aber ich dachte bei mir selbst: „Meine Mutter hat es ja vorausgesagt. Und wahrhaftig, sie hat recht: Gott lässt lange warten.“ — Keinen Augenblick aber kam es mir in den Sinn, an der schliesslichen Erhörung zu zweifeln.
Ich fuhr also fort und betete jeden Abend frisch und fröhlich und mit festem Vertrauen das kurze Gebetlein weiter. Und es vergingen noch weitere Monate, und — auch nicht das Geringste geschah. Nun war sogar das zweite Jahr zu Ende!
Wieder sagte ich mir: „Meine Mutter hat recht: Gott lässt lange warten!“ Und dann fügte ich hinzu: „Das ist aber ein gutes Zeichen: Gott bereitet sicher etwas ganz besonders Schönes für mich vor.“
Und ich fuhr treulich fort — im dritten Jahre — Gott meine Bitte jeden Abend vorzutragen. So vergingen noch einige Monate im dritten Jahre.
Und dann....
Ja, was jetzt kommt, ist etwas so Erstaunliches, dass ich es kaum erzählen kann: die Erhörung kam — auf einmal, plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel! Und was für eine Erhörung! Sie war so herrlich, so wunderbar, dass sie alle meine Erwartungen weit übertraf ...!
Ich will aber doch versuchen, dieses Ereignis — wohl eines der grössten in meinem ganzen Leben — kurz zu erzählen.
3
Herr Baudoin schickt einen Brief
Es war am 31. Juli 1870, im lieblichen Städtchen Akureyri in Nord-Island. Wir spielten vor unserem Hause am Meeresufer.
Mein Elternhaus stand auf einer kleinen Erhöhung — etwa 25 Meter vom Meere entfernt. Hier wohnte meine Mutter mit uns Kindern. Mein Vater war ein Jahr vorher gestorben. Die Mutter erzog uns mit Güte und Milde. Zuweilen konnte sie auch streng werden, besonders wenn wir Streiche machten. Und was mich, den unverbesserlichen Wildfang, betraf, so liess ich es daran nicht fehlen. Ich war damals schon zwölf Jahre alt geworden.
Während ich nun am Spielen war, kam auf einmal aus dem Hause heraus meine grössere Schwester Bogga. Sie lief geradewegs auf mich zu und schaute mich ungewöhnlich feierlich an:
„Nonni“, sagte sie, als sie mich erreicht hatte, „du musst sofort zur Mutter hinauf. Sie wartet auf dich und hat — dir — etwas — Wichtiges — zu — sagen.“
Die letzten Worte betonte sie ganz eigentümlich und sprach sie unheimlich langsam aus. Man wird verstehen, dass mir bei diesem Bescheid nicht ganz geheuer zu Mut wurde.
Ich dachte natürlich, dass ich mir wohl wieder etwas zuschulden habe kommen lassen. Und nun sollte ich von meiner Mutter zur Rechenschaft gezogen werden. Das war nicht gerade angenehm.
Doch im Augenblick konnte ich nicht finden, was es sein mochte. Es schien mir sogar, dass mein Gewissen eben jetzt in ziemlich guter Verfassung sei. Ich wandte mich deshalb an meine Schwester mit der Frage:
„Weisst du, was es ist, Bogga?“
Sie antwortete — immer noch hochfeierlich und ernst —: „Ja, Nonni, ich weiss, was es ist. Ich darf es dir aber nicht mitteilen. Ich kann dir nur das eine sagen: es — ist — etwas ausserordentlich — Wichtiges — und — Ernstes ...“
Diese Antwort meiner Schwester war weit davon entfernt, die Sache besser zu machen. Jetzt wurde ich geradezu erschreckt. Doch da war nichts zu machen, ich musste zu meiner Mutter hinauf.
Ich ging langsam auf unser Haus zu, blieb ein wenig vor der Eingangstür stehen und trat dann endlich hinein. Ich näherte mich der Tür des Zimmers, in dem die Mutter sass, wartete auch dort noch ein wenig und klopfte schliesslich an.
„Herein!“ rief meine Mutter. Zögernd machte ich die Tür auf. Ich warf vorsichtig einen Blick ins Zimmer hinein und schaute zur Mutter hin. Sie sass auf einem Stuhl und war am Nähen. Ich tat einen forschenden Blick auf ihr Gesicht und entdeckte zu meiner Beruhigung, dass sie zwar feierlich-ernst, aber doch nicht unwillig aussah.
Als ich näher kam, schaute sie mich — wie mir schien — mit etwas Besorgnis an. Sonst konnte ich aus ihrem Blick und Benehmen nichts anderes als ihre gewöhnliche mütterliche Milde und Güte herauslesen. Das beruhigte mich sehr.
Durch ein Zeichen gab sie mir zu verstehen, dass ich mich nah zu ihr setzen sollte. Ich nahm auf einem Stuhl Platz und rückte zu ihr hin.
Dann fing sie an zu sprechen. Und was sie mir jetzt sagte, das war so seltsam-grossartig, es war so erstaunlich, und es kam mir so unerwartet, dass mir bald Hören und Sehen vergingen.
Meine Mutter fing an:
„Hättest du vielleicht Lust, Nonni, höhere Studien zu machen? In ein Gymnasium zu gehen, wo man Griechisch und Lateinisch lernt?“
„O ja, Mutter“, erwiderte ich rasch. Denn höhere Studien zu machen, danach sehnte ich mich schon lange und ganz gewaltig. Es war mir klar: ich sollte Gymnasiast werden. Ich konnte mir aber nichts anderes denken, als dass ich nach der Landeshauptstadt Reykjavik geschickt werden solle, dort war nämlich das einzige grosse Gymnasium der ganzen Insel.
Nach Reykjavik zu reisen war aber etwas sehr Ungewöhnliches, denn Reykjavik lag weit von uns entfernt, auf der andern Seite des Landes. In gewaltiger Spannung fragte ich deshalb meine Mutter:
„Mutter, soll ich nach Reykjavik, um dort zu studieren?“
Statt gleich zu antworten, schaute meine Mutter mich eine Weile merkwürdig ernst an und sagte dann langsam und mit Nachdruck:
„Nein, Nonni, es handelt sich nicht um Reykjavik, auch nicht um das Gymnasium dort. Es handelt sich um etwas unendlich Grösseres und Wichtigeres!“
Jetzt verwandelte sich meine Spannung in eine ungeheuere Ergriffenheit. Sprachlos schaute ich meine Mutter mit weitaufgerissenen Augen an. Sie aber legte ihr Nähzeug auf den Tisch, wandte sich zu mir hin und fuhr fort:
„Ich will dir sagen, um was es sich handelt, Nonni. Du hast jetzt Gelegenheit, höhere Studien zu machen, nicht hier in Island, sondern draussen in der grossen weiten Welt, nach der du dich so lange hinsehnst, in einem der südlichen Länder Europas, in einer der schönsten Gegenden der Welt. In einem Lande, wo fast immer Frühling herrscht, wo die köstlichsten Früchte wachsen, die wir hier kaum dem Namen nach kennen: Apfelsinen, Feigen, Weintrauben, wo überall herum Palmbäume zu sehen sind. Dort hast du jetzt Gelegenheit hinzureisen, um in einem vornehmen Gymnasium zu studieren....“
Jetzt bekam ich Herzklopfen.... Es wurde mir schwindelig.... Ich war unfähig, auch nur ein Wort herauszubekommen....
Nach einer kleinen Pause fragte mich meine Mutter:
„Und nun, Nonni, was sagst du dazu? Hast du Lust, diese Gelegenheit zu benutzen?“
Mit grösster Anstrengung, meiner Ergriffenheit Herr zu werden, brachte ich schliesslich nur die Worte heraus:
„Mutter, wie ist das aber gekommen? Wie hängt das alles zusammen? Wie heisst das Land, wohin ich reisen soll?“
„Du hast ein Recht, danach zu fragen, mein lieber Nonni. Ich will dir nun auch alles sagen:
Du weisst ja, dass ein katholischer französischer Priester in Reykjavik wohnt. Er heisst Baudoin und ist der einzige Katholik auf ganz Island. Als junger Priester ist er von Frankreich hierher gekommen.
Er kennt unsere Familie ein wenig; denn vor nicht langer Zeit ist er hier im Nordlande gewesen. Bei der Gelegenheit kam er auch zu mir. Du warst damals nicht zu Hause. Er fragte mich nach meinen Kindern, und dann wurde auch von dir gesprochen. Er ist ein ausgezeichneter Mann und hat auf uns alle hier im Haus den besten Eindruck gemacht.
Jetzt aber kommt die grosse Sache, Nonni.
Heute habe ich von Herrn Baudoin ein Schreiben bekommen. Darin erzählt er mir sehr merkwürdige Dinge.
Er schreibt, dass er vor kurzem einen Brief erhalten hat von einem vornehmen und sehr angesehenen französischen Grafen aus der Stadt Avignon.
Dieser Graf, schreibt er, sei ein sehr gottesfürchtiger, guter Mann. Er kenne Island, die Geschichte und die Literatur des Landes und habe infolgedessen ein grosses Interesse und eine grosse Liebe zum isländischen Volk.
Um diese seine Zuneigung für Island zu beweisen, habe er den dringenden Wunsch, ein paar isländische Knaben zu sich nach Avignon kommen zu lassen. Er habe sich deshalb an ihn, den Herrn Baudoin nämlich, gewandt, um ihn zu bitten, ihm zwei solche Knaben ausfindig zu machen und sie in seinem Namen nach Avignon einzuladen.
Er verspricht von seiner Seite, für sie sorgen zu wollen, wie wenn sie seine eigenen Kinder wären. Er werde sie studieren und christlich erziehen lassen, und zwar in einem der besten Institute des Landes, wo die Söhne der vornehmen französischen Familien studieren und erzogen werden. Er werde über sie wachen und, wie gesagt, für sie in jeder Beziehung sorgen.
Dies alles schreibt mir der Herr Baudoin in seinem Briefe“, sagte meine Mutter.
Dann machte sie eine Pause und liess ihren Blick auf mir ruhen. Ich merkte wohl, dass jetzt etwas sehr Wichtiges komme. Und ich täuschte mich nicht, denn nach einer Weile fuhr sie fort:
„Am Schlusse seines Schreibens, Nonni, wendet der Herr Baudoin sich an mich mit dem Vorschlag, ob ich wohl Lust habe, meinen Sohn, den kleinen Nonni, von dem ich ihm damals bei seinem Besuch bei uns erzählt habe, nach Südfrankreich, zum vornehmen Grafen in Avignon reisen zu lassen.
Also Nonni, von den beiden isländischen Knaben, welche zu dem Grafen in Avignon eingeladen sind, bist du der eine!
Selbstverständlich werde ich, wie immer, so auch besonders jetzt, in dieser überaus wichtigen Angelegenheit dir gänzliche Freiheit lassen. Du selbst sollst entscheiden, ob du dieses Angebot des französischen Edelmannes annehmen willst oder nicht. Aber, merke es dir wohl, du stehst hier vor einer sehr wichtigen Entscheidung.“
Hier machte meine Mutter wieder eine Pause und schaute mich fragend an. Ich war aber noch immer so ergriffen und so verwirrt, dass ich kaum imstande war, etwas Vernünftiges zu sagen.
Die Mutter merkte es wohl. Sie fuhr deshalb bald fort:
„Mein lieber Nonni, im Briefe des Herrn Baudoin steht noch etwas, was sich auch noch auf dich bezieht und was dich interessieren wird. Der französische Graf hat nämlich fünf Bedingungen in Bezug auf die Wahl der beiden isländischen Knaben gemacht. Ich will sie dir mitteilen:
Erstens sollen die beiden Knaben zwölf Jahre alt sein. Das trifft für dich zu, denn du bist jetzt zwischen zwölf und dreizehn.
Zweitens will er nur solche Knaben, die von blühender Gesundheit sind. Auch das passt auf dich; denn deine Gesundheit ist gut und lässt überhaupt nichts zu wünschen übrig.
Drittens verlangt er, dass man Jungen auswähle, die Lust und Fähigkeit zu höheren Studien haben.
Viertens will er nur solche Knaben, die noch unschuldig und unverdorben sind. Von verdorbenen Jungen will er nichts wissen.
Endlich, als fünfte Bedingung, verlangt er, dass die Knaben aus einer guten Familie sind.
„Und nun, Nonni“, fuhr meine Mutter fort, „jetzt möchte ich dir die Frage stellen: Was meinst du selber zu dieser Einladung des französischen Grafen? Hast du Lust, sie anzunehmen? Das ist wohl die wichtigste Frage, die dir bis jetzt in deinem ganzen Leben gestellt worden ist.
Bevor du mir aber deine Antwort gibst, bitte ich dich um eines: bleibe erst ruhig auf deinem Stuhle hier neben mir sitzen, warte ein wenig und denke erst eine Weile nach. Wenn du dir dann alles gut überlegt hast, dann erst sage mir deine Antwort: entweder ja oder nein.
Was du wählen wirst, das wirst du bekommen. Wenn du nein sagst — und das darfst du ja tun —, nun gut, dann wirst du weiter hier bei mir bleiben. Ein anderer Junge wird dann statt deiner eingeladen werden. Wenn du aber ja sagst, dann wirst du nach ungefähr drei Wochen von hier abreisen. So steht es im Briefe des Herrn Baudoin.
Nach kurzer Zeit wird hier im Hafen ein kleiner dänischer Segler eintreffen. Der wird bei uns eine Zeit lang liegen bleiben; dann fährt er nach Kopenhagen ab.
Auf diesem kleinen Schiffe wirst du Island verlassen. Es wird dich über das grosse Atlantische Meer bis zur ersten Haltestelle deiner langen Reise bringen, nämlich nach Kopenhagen, der Hauptstadt Dänemarks. Dort wirst du ans Land gehen und einige Tage dich ausruhen — bei dem Bischof der dortigen Katholiken.
Pulsuz fraqment bitdi.