Kitabı oxu: «Pilgerwahnsinn»
Jörg Steinert
Pilgerwahnsinn
Warum der Jakobsweg süchtig macht
Notizen von unterwegs
Patmos Verlag
Inhalt
VIELE WEGE FÜHREN NACH SANTIAGO
1 WIE ICH PILGER WURDE
Bonding statt Pilgern
Anfängerglück
2 AUF DEM KÜSTENWEG: ZWISCHEN BEGEISTERUNG UND ZWEIFEL
Überfüllte Herbergen
Schnauze voll, ich breche ab
Wenn du weit kommen willst, dann geh zusammen
Wie katholisch ist der Jakobsweg?
Die Ankunft in Santiago
3 BIS ANS ENDE DER WELT
Der Pilgertod
Zurück in Deutschland
4 TAUSEND KILOMETER ZU MIR SELBST
Niemand geht den Weg zufällig
¡Buenos días! Ich spreche kein Spanisch
Luxusartikel im Gepäck
Jeder Schritt tut weh
Blinddate in Santiago
5 AUF KURZEN UND LANGEN WEGEN NACH SANTIAGO
Auf dem Weg für Anfänger gescheitert
Wie lang muss eine Pilgerreise sein?
6 SECHS WOCHEN AUF DEM CAMINO
Pilgerprofis
Das Glück finden
Nicht schon wieder Bettwanzen
„Camino is not holiday“
Im Schlafsaal
Jesus didn’t start in Sarria
7 AUF DEM MEISTGELAUFENEN WEG
Die Sehnsucht nach Freiheit
Mr. Monk und die Bettwanzen
No Vino, no Camino
Pilgerfieber
8 UNTERWEGS MIT SEYRAN ATEŞ
Die Stalkerin
Mit Personenschutz auf dem Jakobsweg
Weg der Liebe
Die Zukunft des Weges
DANKSAGUNG
Landkarte
Über den Autor
Über das Buch
Impressum
Hinweise des Verlags
VIELE WEGE FÜHREN NACH SANTIAGO
Warum fühle ich mich ausgerechnet auf einem überlaufenen katholischen Pilgerweg so geborgen? Ich ostdeutscher Protestant und papstkritischer Geschäftsführer einer Lesben- und Schwulenorganisation. Ich, der Fremdsprachen nur schlecht beherrscht, seinen Feierabend am liebsten mit Netflix-Serien verbringt und sich vor Bettwanzen total ekelt.
Erstaunte Blicke sind mir nicht fremd, wenn ich von meinen zahlreichen Reisen auf dem Jakobsweg berichte. „Du bist den ganzen Weg gelaufen?“, lautet dabei die häufigste Frage. Nein, ich bin nicht zu Hause losgelaufen. Denn genau dort beginnt nämlich der Jakobsweg. Vor der eigenen Haustür.
Auch gibt es nicht den „einen“ Weg nach Santiago de Compostela, sondern eine Vielzahl an Möglichkeiten. Natürlich gibt es Haupttrassen, je näher man der sagenumwobenen Stadt im Nordwesten Spaniens kommt. Der bekannteste Hauptweg ist der Camino Francés, der an den Pyrenäen beginnt und dann 800 Kilometer durch verschiedene Regionen Spaniens führt.
Immer mehr Menschen aus der ganzen Welt pilgern wieder auf Jakobswegen nach Santiago zum Grab des Apostels Jakobus. Im Jahr 1973 wurde die Ankunft von nur 37 Pilgern registriert. Im Jahr 2019 waren es über 340.000 Frauen, Männer und Kinder.
Der Jakobsweg gehört zu den großen Abenteuern unserer Zeit. Ungefährlich, aber aufregend. Anstrengend und zugleich genussvoll.
Der Camino, so nennt man den Jakobsweg in Spanien, macht süchtig. Aber was genau gibt einem der Weg, von dem alle reden? Der Weg, auf dem Menschen nach einer schweren Lebenskrise Kraft tanken. Der Weg, der ein willkommenes Kontrastprogramm zum beschleunigten Alltag darstellt.
Gemäß einem Sprichwort pilgert man nach Jerusalem, um Jesus zu finden, und nach Rom, um auf den Spuren von Petrus zu wandeln. Auf dem Weg nach Santiago findet man aber vor allem sich selbst.
Meine erste Pilgerreise war trotz eines holprigen Starts unbeschreiblich schön und fühlte sich wie das Paradies auf Erden an. Beim zweiten Mal ging sehr viel schief, die Voraussetzung für ein noch größeres Abenteuer. Jeder weitere Weg war anders und brachte mir jeweils nicht das, was ich suchte, sondern was ich brauchte. Egal wie groß die Frustrationsmomente zwischendurch auch waren, am Ende strahlten meine Augen vor Glück.
Zu Fuß in der Fremde unterwegs sein. Meist allein, aber nicht einsam. Das ist der Jakobsweg.
1 WIE ICH PILGER WURDE
Bonding statt Pilgern
Das ist also der Jakobsweg?“, fragte ich mich. Da lag ich, auf dem Fußboden einer spanischen Ferienwohnung. Unter mir eine Frau, die weinte, weil ich sie an ihren Ex-Ehemann erinnerte. Das Ganze war Teil einer Übung namens Bonding. Warum hatte ich diese absurde Selbsterfahrungs-Reisegruppe gebucht? Warum wollte ich unbedingt auf den Jakobsweg? Wie konnte es so weit kommen, dass ich als schwuler Mann auf einer weinenden Frau liege?!
Ich war noch nie besonders sportlich, religiös oder spirituell. Und ich wollte bloß keine Veränderungen in meinem Leben. Alles wie gewohnt. Alles wie geplant. Abweichungen von meinen konkreten Erwartungen verursachten immer große Enttäuschungen. Vielleicht ist es bis heute deshalb ein so großes Abenteuer für mich, den Jakobsweg zu entdecken. Am Morgen weiß ich noch nicht mit Gewissheit, wo ich abends schlafen werde und wie weit mich meine Füße tragen.
Hätte jemand vor dem Jahr 2014 die Vermutung geäußert, dass ich mich auf den Camino de Santiago, also den Jakobsweg, einlasse, hätte ich sie oder ihn vermutlich für verrückt erklärt. Doch meine Studienfreundin Madeleine, die ich einige Jahre aus den Augen verloren hatte, erzählte mir im Oktober 2014 von ihrer Pilgerreise. Für mich war der Weg bis dahin nicht besonders reizvoll. Mich faszinierte jedoch, dass sich eine moderne Großstädterin, deren früherer Schulweg der Berliner Kurfürstendamm war, so offen darauf eingelassen hatte.
Einige Tage nach dem Gespräch mit Madeleine ging ich in eine Buchhandlung und musste feststellen, wie viele Bücher es über den Jakobsweg gibt. Ungeduldig griff ich mir schließlich das Buch mit dem schönsten Coverbild und kaufte es. Ein Buch über den Camino del Norte, der entlang der spanischen Atlantikküste verläuft.
Es schien wenig wahrscheinlich, dass mein damaliger Partner mich begleitet. Er war zwar fit und kulturell interessiert, aber er konnte sich nicht für das Wandern begeistern und unsere Beziehung stand sowieso kurz vor dem Aus. Also entschied ich mich, diese Reise unabhängig von ihm anzutreten.
Noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich allein Urlaub gemacht, immer im Schlepptau von Familie, Freunden oder Partner. Von Rucksacktourismus ganz zu schweigen. Daher war ich ganz froh, als ich auf einer sehr ansprechenden Internetseite über den Jakobsweg ein Angebot für eine angeleitete Gruppenreise fand.
Eigentlich richtete sich die Reise an sehr junge Erwachsene, zu denen ich mit meinen 33 Jahren laut Reiseangebot nicht mehr gehörte. Trotzdem fragte ich beim Anbieter nach. Wir vereinbarten einen Telefontermin. Ich kam mir dabei vor wie bei einem Bewerbungsgespräch. Aber entscheidend war das Ergebnis: Ich durfte mit.
Wenige Monate später, es war inzwischen Anfang April, saß ich auf dem Flughafen von Bilbao und wartete auf die anderen Mitreisenden. Ich war so erleichtert, als ich mitbekam, dass weder die Frauen noch die Männer der beworbenen Altersgruppe entsprachen. Mit Bus und Bahn ging es gemeinsam nach Irun, von dort zu Fuß ins bezaubernde Hondarribia. Unser Reisebegleiter machte einen etwas verwirrten Eindruck. Aber ich dachte mir nichts weiter dabei.
Wir hatten eine zentral gelegene Ferienwohnung, direkt im Ortskern. Doch erst einmal entbrannte eine Diskussion darüber, wer welches Bett bekommt. Ich war davon ausgegangen, dass jeder sein eigenes Zimmer hat. Fehlanzeige. Im Angebot waren Mehrbettzimmer und sogar ein Doppelbett. Ich nahm ein Kinderbett in einem Durchgangszimmer. Hauptsache allein. Und der Blick über die Bucht nach Frankreich war einfach großartig.
Am nächsten Morgen fanden wir uns in einem Stuhlkreis wieder und sprachen über Lebenskrisen. Mir schien das alles unangemessen intim. Aber ich wollte kein Spielverderber sein und machte mit. Mich selbst beschäftigte gerade das Ende meiner Beziehung.
Gegen Mittag wurden schließlich Körperübungen angekündigt. „Na endlich“, dachte ich mir und erwartete Wandervorbereitungen und hilfreiche Tipps. Stattdessen wurde uns Bonding vorgestellt. Von der Sexualpraktik Bondage hatte natürlich jeder von uns schon gehört. Aber Bonding?
Unser etwa 29-jähriger Reisebegleiter, ein kleiner muskulöser Mann, der nach Schweiß roch, erläuterte uns, dass wir Paare bilden müssten. Dann würde sich eine Person auf den Fußboden legen und die andere Person auf sie drauf. Während alle anderen schwiegen, verschränkte ich die Arme vor meinem Oberkörper und sagte etwas patzig: „Nein!“ Ich wollte das nicht machen. Alle anderen stimmten mir zu. Wir wurden um eine Pause gebeten.
Während der Pause entschieden sich alle um. Jetzt waren wir einmal hier, dann könnten wir uns auch auf die Übung einlassen. Eine sehr sympathische Frau, mit der ich mich von Anfang an gut verstand, fragte mich, ob wir die Übung zusammen machen würden. Ich war so erleichtert. Denn einige andere Mitreisende fand ich etwas bizarr. Da waren ein junger Mann, der sich an traumatisierende Erfahrungen als Säugling zu erinnern meinte, eine junge Frau, die vor allem verunsichert schien, und ein frommer Mann mittleren Alters mit Bibel und Gebetbüchern im Gepäck.
Bevor die Übung losging, vergewisserte ich mich, keine Schweißflecken unter den Armen zu haben. Schließlich hatte ich die ganze Zeit ein negatives Beispiel vor Augen. Ich erinnere mich nicht mehr an den Namen der netten Frau. Aber sie sollte zuerst unten liegen. Ganz vorsichtig legte ich mich auf sie. Eigentlich sollte die Übung der Entspannung dienen, aber ich war total angespannt, weil ich die zierliche Person unter mir nicht verletzen wollte. Und dann das. Sie fing an zu weinen. Hilflos wusste ich nicht, was ich tun sollte. Der Bonding-Guru kam zu uns, streichelte ihre Schulter und fragte sie, warum sie weinen müsse. Sie antwortete, dass ich sie an ihren Mann erinnern würde, den sie nach zwanzig Ehejahren erst kürzlich verlassen hatte.
Noch während wir dalagen, beschloss ich, dem Spuk ein Ende zu machen. Nicht sofort. Ja keine Szene machen. Aber meinen Urlaub wollte ich keinen weiteren Tag in dieser Gruppe mit diesen skurrilen Aktivitäten verbringen.
Es war etwa 5 Uhr morgens am nächsten Tag, als ich aufwachte. Es war dunkel und ruhig, ich konnte die Lichter in Frankreich sehen. Als Erstes musste ich feststellen, dass mein Gepäck nicht in meinen Rucksack passte, wenn ich auch Wasser und Essen mit mir führen wollte. Ich begann daher, einige mitgebrachte Kleidungsstücke zu entsorgen, auch wenn es mir widerstrebte. Ich konnte das unmöglich alles mit mir schleppen. Als ich die Tür der Ferienwohnung gegen 6 Uhr leise hinter mir schloss, wusste ich, dass es kein Zurück geben würde. Schließlich hatte ich keinen Schlüssel.
Das morgendliche Hondarribia glich einem Gemälde. Die Straßenlaternen dieses historischen Ortes leuchteten. Das nasse Kopfsteinpflaster reflektierte das warme Licht. Es war nur ein kurzer Stadtspaziergang. Am Rande des Ortes suchte ich mit Mühe die ersten gelben Pfeile, die den Weg nach Santiago weisen, und lief den Berg nach oben. Etwa zwei Stunden, bei Dunkelheit, Regen und ganz viel Matsch. Zum Glück hatte ich eine Stirnlampe dabei.
Es war ein beschwerlicher Weg. Und an der ersten Wegkreuzung, es wurde inzwischen heller, fragte ich mich, wohin ich laufen sollte. Den normalen Weg oder die schwere Variante, die bei schlechtem Wetter nicht empfohlen wird. Trotz starkem Regen entschied ich mich für die steile Variante. Ich kam mir vor wie ein großer Abenteurer. Und ein bisschen plagte mich auch ein schlechtes Gewissen, da ich der Pilgergruppe nicht mal eine Nachricht hinterlassen hatte. Was würden sie denken? Ich wollte natürlich auch nicht, dass sich irgendjemand Sorgen macht. Aber egal, der Weg war einfach zu mühsam, ich konnte mir darüber jetzt keine Gedanken machen.
Auf der Spitze des Berges kam ich gegen 8 Uhr morgens an. Durchgeschwitzt. Nass vom Regen. Schmutzig vom Schlamm. Aber auch ein fantastischer Ausblick auf Hondarribia, die baskische Perle in Spanien, sowie auf die französische Küste und den Atlantik. Ich griff zu meinem Mobiltelefon und rief meine Eltern an. Ich wollte mich mitteilen. Doch die Geschichte vom Bonding und der Flucht hätten einen zu besorgniserregenden Eindruck hinterlassen. Im Ergebnis brachte ich daher nur die Aussage heraus: „So schön habe ich es mir nicht vorgestellt. Es ist wunderschön.“
Sven, das war der Mann mit Bibel und Gebetbüchern, war inzwischen auch unterwegs. Er fragte mich per SMS ziemlich direkt, ob ich geflohen sei. Was ich nur bestätigen konnte. Auch er hatte die Schnauze voll und plante kein Wiedersehen mit der Gruppe in der nächsten Pilgerherberge.
Sowohl Sven als auch ich beschlossen, aus zwei Tagesetappen eine zu machen. Hauptsache Abstand zwischen uns und die Bonding-Gruppe bringen. Wir trafen uns am Abend in der Jugendherberge im schicken San Sebastián wieder. Und da gerade Ostern war, hatten wir großes Glück, die letzten Betten zu ergattern.
Sven und ich hatten nicht viel gemein. Er war Mitte 40, heterosexuell, sehr gläubig, ein gestandener sportlicher Typ und ein ziemlicher Macho. Aber die gemeinsame Flucht einte uns.
Anfängerglück
Eine wichtige Lektion hatte ich bereits gelernt. Du kannst Pech haben im Leben. Aber entscheidend ist, wie du damit umgehst. Natürlich ärgerte es mich, dass wir abgezockt worden waren. Aber während Sven darüber nachdachte, wie er sich das für die Gruppenreise gezahlte Geld zurückholen könnte, war ich vor allem froh darüber, dass ich mir keine weitere Lebenszeit rauben ließ.
Am nächsten Morgen liefen Sven und ich gemeinsam weiter. Auf dem Weg begegneten wir auch den ersten anderen Pilgerinnen und Pilgern, darunter Matis – ein Aussteiger aus München, der seinen Job und seine Wohnung gekündigt hatte. Der charmante Matis verdrehte Frauen wie Männern, auf ganz unterschiedliche Art und Weise, den Kopf. Als er jedoch von den Stimmen in seinem Kopf erzählte, ging ich sofort auf Distanz. „Nicht noch mehr wirres Zeug“, dachte ich mir. Sven störte sich weniger daran. Wer felsenfest an Gott glaubt, zweifelt vielleicht auch nicht an Stimmen im Kopf – so meine damalige These. Ich wollte damit aber nichts zu tun haben.
Inzwischen hatten sich Sven und ich auch ordnungsgemäß von unserer Reisegruppe abgemeldet. Da wir am Tag zuvor eine beachtliche Strecke zurückgelegt hatten, wollte Sven nur bis ins 14 Kilometer entfernte Orio laufen. Matis wollte auf jeden Fall weiter. Ich war noch unentschlossen. Aber auch ich machte wie Sven bei „Mama Camino“, so nennt man die Herbergsmutter Rosa, Halt. Die Herberge war eine frühere Garage, liebevoll hergerichtet. Wir wuschen unsere Wäsche mit der Hand, wrangen sie gemeinsam aus, beobachteten sie beim Trocknen im Wind und genossen die Frühlingssonne.
José, ein spanischer Pilger, wollte immer wieder mit uns ins Gespräch kommen. Da er aber kein Englisch sprach und wir kein Spanisch, war dies kaum möglich. Wir verstanden uns trotzdem gut. José faszinierte an mir, dass ich nach nur zwei Pilgertagen schon so viel Wäsche auf der Leine hatte – und überhaupt so viele Wechselkleidung mit mir führte.
Später am Nachmittag trafen Renate, Maria und Christine ein, drei deutsche Frauen. Sven musste jedem unsere Geschichte vom Bonding erzählen. Mir war das etwas peinlich. Zugleich war die Geschichte ein perfekter Eisbrecher. Es war mein erster richtiger Pilgertag. Laufen in Gesellschaft, eine gemütliche Pilgerherberge, gemeinsames Abendessen und pünktlich um 22 Uhr wurde das Licht im Schlafsaal ausgemacht.
Gruppenschlafsäle waren mir bis dahin immer ein Graus. Doch während wir dalagen, fühlte ich mich geborgen. Renate, eine evangelische Theologin mit tiefer Stimme, sagte auf einmal laut in den Saal hinein: „Jörg, was macht denn jetzt eure Bondage-Gruppe?!“ Die Verwechslung zwischen Bondage und Bonding war gewollt. Alle mussten lachen. Wenige Minuten später ertönten die ersten Schnarchgeräusche.
Vorsorglich verabschiedeten sich Renate, Christine, Maria, Sven und ich am nächsten Morgen voneinander. Und auch wenn mir die anderen Pilger sympathisch waren, ich wollte mich an keine neue Gruppe binden und frei sein. Und es war wirklich herrlich, links die Berge, rechts das Meer und vor mir der hügelige Weg.
Allein zu pilgern bedeutete aber auch, auf sich und seine Gedanken zurückgeworfen zu sein. Und als ich zwischen zwei Orten entlang der viel befahrenen Küstenstraße lief, fand ich es nicht mehr so schön – ich fühlte mich fast ein bisschen einsam. Denn da war niemand, mit dem ich über diesen doofen Wegabschnitt lästern konnte. Und ich fragte mich auf einmal, was ich hier auf dem Jakobsweg überhaupt wollte. Ich wurde immer langsamer, unmotiviert schlurfte ich vor mich hin. Und genau in diesem Moment drehte sich ein vorbeieilender älterer Spanier um und wünschte mir einen „Buen Camino“, also einen guten Weg, den man Pilgern für ihre lange Reise wünscht. Ich hatte diesen Gruß schon zuvor gehört. Aber dieses „Buen Camino“ traf mich mitten ins Herz. Der Herr lächelte freundlich dabei und schon war er entschwunden. Ich musste mit den Tränen kämpfen. Wie konnte es sein, dass mir dieser Unbekannte ungefragt genau das gab, was ich brauchte: Aufmerksamkeit.
Am nächsten Ort war ich so froh, auf Sven zu stoßen, der ein Cerveza, ein spanisches Bier, genoss. Auch er freute sich sehr, mich zu sehen. Wir zogen zusammen weiter.
In den kommenden Tagen genoss ich es, einen Teil meiner Tagesetappe mit den anderen Pilgern zu verbringen und abends in derselben Herberge abzusteigen. Es war schön, sich über die Tageserlebnisse und was uns im Alltag bewegte auszutauschen. Wir genossen das gewachsene Miteinander. Es floss viel Rotwein. Und trotzdem waren wir am nächsten Tag wieder fit wie ein Turnschuh.
Ich konnte es morgens kaum erwarten, dass das erste Handy ertönte. Ich war meist schon eine Stunde früher wach, in freudiger Erwartung auf die nächste Tagesetappe. Eine Tour schöner als die andere. Und dank der gelben Pfeile war es so gut wie unmöglich, den Weg zu verlieren.
Ich war der Einzige, der im Alltag keinen Sport trieb. Maria und Sven berichteten von ihren Marathonerfahrungen. Darüber konnte ich nur staunen. Trotzdem lief alles so gut. Keine Blasen an den Füßen. Und auch keine anderen körperlichen Beschwerden. Was für ein Anfängerglück.
Ungewohnt war es jedoch schon, kein eigenes Zimmer zu haben. Und als sich eines Nachmittags eine junge Pilgerin auffällig kratzte und lautstark fragte, ob das Flohbisse seien, regte sich ein Ekelgefühl in mir. So richtig verging mir dann die Abenteuerlust, als sich die gleiche Person für eine Unterhaltung auf mein Bett setzte. Ich hörte ihr kaum zu und sah stattdessen die imaginären Flöhe in meinen Schlafsack hüpfen.
Noch mehr vermisste ich ein eigenes Badezimmer. Ich fand es immer eklig, anderen Menschen beim Zähneputzen zuzusehen – selbst meinem eigenen Partner. Auch wollte ich selbst nicht dabei beobachtet werden. Mein Bedürfnis nach ausreichender Privatsphäre war groß. Doch aufgrund der wenigen Sanitäranlagen in den Pilgerherbergen blieb es nicht aus, dass wir zu dritt oder viert zusammen am Waschbecken standen. Ich versuchte die anderen zu ignorieren, was jedoch nicht möglich war, da uns Maria, die als zahnmedizinische Fachassistentin arbeitete, auf die jeweiligen Putztechniken ansprach.
„Du benutzt wohl auch keine Zahnseide? Wie meine Schwester Christine“, merkte Maria kritisch an. Obwohl es Maria gar nicht anklagend meinte und ich ebenso wie Christine in Gegenwart anderer nicht mit der Zahnseide rumspritzen wollte, fühlte ich mich in einer Rechtsfertigungsposition. Renate kam mir zur Hilfe: „Ich benutze auch keine Zahnseide.“ Worauf Maria nur antwortete: „Das habe ich mir schon gedacht.“ Mit dieser Bemerkung machte sich Maria bei Renate sehr unbeliebt. Noch am nächsten Tag regte sich Renate darüber auf. „Hat die etwa gemeint, ich habe schmutzige Zähne?“, fragte sie mich. Aber Renate war sowieso eine recht impulsive Person, weshalb andere Gefühle diesen Vorfall schnell in Vergessenheit geraten ließen. Sven war ähnlich gestrickt. Gleichzeitig war ich für ihn „der beste Camino-Freund“. Emotional überschwänglich äußerte er, dass er die Bonding-Übung am liebsten mit mir gemacht hätte. Ich hingegen hätte die Übung am liebsten gar nicht gemacht. Sven stimmte mir lachend zu.
Die 52-jährige Christine war ganz anders, zurückhaltend, gutmütig und fürsorglich. Die zweifache Mutter verstand sich mit jedem von uns gut. Sie war um das Wohlbefinden aller sehr bemüht. Und meine skeptischen Nachfragen zu katholischen Glaubenshandlungen wusste die gläubige Christine mit Empathie zu beantworten. Ihre nur wenige Jahre jüngere Schwester Maria präsentierte sich von einer besonders fröhlichen und unbeschwerten Seite, was ihrem herzlichen Charakter authentisch entsprach.
Wir waren ungleiche Freunde, die sich im Alltag nicht begegnet wären beziehungsweise sich gegenseitig nicht wahrgenommen hätten. Der Camino war der Kitt, der uns zusammenhielt.
Wir hatten ein perfektes Pilgerleben. Am Morgen standen wir um 7 Uhr auf, dann ein einfaches Frühstück, etwa acht Stunden unterwegs, nach der Ankunft duschen und Wäsche waschen, ein üppiges Abendessen in der Gruppe und Schlafengehen um 22 Uhr. Das Leben als Pilger war einfach und auf das Wesentliche reduziert, aber befriedigend.
Die frühe Schlafenszeit empfand ich nicht als Bevormundung. Vielmehr als sinnvolle Regel. Und auch wenn es ungewohnt für mich war, mit so vielen Menschen in einem Gruppenschlafsaal die Nacht zu verbringen, schlief ich sehr gut. Sogar besser als in meiner Wohnung in Berlin, die sich in einem unruhigen Mietshaus befand.
Ich fühlte mich nach nur wenigen Tagen entspannt und frei. Niemandem gegenüber zu etwas verpflichtet. Und zugleich in guter Gesellschaft. Mit diesen mir bis dato fremden Menschen war alles so vertraut. Wir waren wie eine kleine Familie. Eine Trennung wäre jederzeit möglich gewesen. Aber niemand von uns wollte das.
Auch die Zweifel an meinem Job wurden geringer. Dieser war ein zusätzlicher Stressfaktor in meiner Beziehung gewesen, weil ich auch am Abend ständig von den täglichen Herausforderungen sprach. Die berufliche Situation von Renate war das genaue Gegenteil. Als studierte Theologin langweilte sie sich am Empfang eines Bürogebäudes. Und ich erkannte, wie dankbar ich für meine Arbeit sein konnte, die zwar stressig, aber auch befriedigend und sinnstiftend für mich war.
Unser Weg führte uns durch das im 20. Jahrhundert zerstörte Guernica. Das gleichnamige Kunstwerk von Pablo Picasso über die Grausamkeit des Krieges war mir durch den Schulunterricht bestens bekannt. Das Friedensmuseum im neu errichteten Ort rief sowohl Schrecken über die Vergangenheit als auch Dankbarkeit über den Frieden im heutigen Europa in mir hervor. Selten hatte mich ein Museumsbesuch so berührt. Kulturell abgerundet wurde unsere Reise schließlich im Guggenheim-Museum in Bilbao.
Nur Renate war es vergönnt weiterzulaufen. Für uns anderen war nach 150 Kilometern in Bilbao erst einmal Schluss. Vor unserem Abflug wollten wir aber richtig ins Nachtleben eintauchen. Statt Pilgermenü gab es Pintxos und Wein. Die spanienaffine Renate klärte uns darüber auf, dass man ein oder zwei kleine Happen isst, dazu ein Glas Wein, und dann in die nächste Bar weiterzieht. Da wir noch im Baskenland waren, sollten wir auf jeden Fall „Pintxos“ sagen und nicht „Tapas“, wie im restlichen Spanien. Nach der dritten Bar waren wir dann bettreif.
Entgegen der Vermutung, dass Pilger besonders diszipliniert sind, mischten wir das gesamte Hostel lautstark auf. Am nächsten Morgen zog Renate von Tür zu Tür und entschuldigte sich auf Spanisch bei den anderen Gästen sowie dem Betreiber. Wir anderen zeigten uns von unserer besonders leisen Seite. Marias bayerisches „Ja mei“ beschrieb die Situation passend.
So viele Erlebnisse in einer Woche. Ich war in ein unbekanntes Abenteuer gestartet. Geflohen vor der Bonding-Gruppe. Meisterte 150 Kilometer ohne körperliche Beschwerden. Erlebte eine zauberhafte Landschaft. Genoss Kultur und Party mit neuen Freunden. Der Satz „So schön habe ich es mir nicht vorgestellt“ hatte sich als berechtigte Aussage entpuppt. Auf dem Flughafen von Bilbao war ich erfüllt von den Erfahrungen der vergangenen Tage. Infiziert vom Pilgervirus kehrte ich in meinen Alltag nach Deutschland zurück.
2 AUF DEM KÜSTENWEG: ZWISCHEN BEGEISTERUNG UND ZWEIFEL
Überfüllte Herbergen
In Berlin schwärmte ich allen von meinen Erfahrungen auf dem Jakobsweg vor. Ich recherchierte die Gesamtlänge des Camino del Norte, der zum Großteil entlang der spanischen Atlantikküste verläuft. 150 Kilometer hatte ich schon geschafft. Es lagen also noch 680 Kilometer vor mir.
Im Juli des gleichen Jahres ging es weiter. In drei Wochen wollte ich von Bilbao nach Santiago laufen. So lange hatte ich noch nie Urlaub im Ausland gemacht.
Ich war voller Tatendrang, an meiner körperlichen Fitness hatte ich aufgrund der guten Erfahrungen im Baskenland keinen Zweifel. Und die Wunderwaffe Hirschtalg sollte meine beanspruchten Füße wieder vor Blasen schützen. Andere Verletzungen und Erkrankungen fürchtete ich nicht.
Ich ging von wenigen Menschen aus, da der Küstenweg aufgrund seines Schwierigkeitsgrades nur von etwa sechs Prozent der Pilger gelaufen wird. Zwar regnet es zwischen Atlantik und Bergen häufig, aber mit der richtigen Kleidung wäre das alles kein Problem. Sicherheitshalber hatte ich mir eine neue Wanderhose gekauft.
Zu meinem Glück war es sommerlich warm. Ich startete in Portugalete bei Bilbao, wo ich im Frühjahr meinen Weg vorerst beendet hatte. Die Herberge war ungewohnt voll. Sechs Prozent waren also gar nicht so wenige bei einer geringen Herbergsdichte. Aber ich bekam ein Bett. Es hatten sich schon erste Grüppchen gebildet. Ich blieb allein.
Am ersten Pilgertag lief ich 27 Kilometer, das waren acht Kilometer weniger als meine neue tägliche Durchschnittsdistanz. Meine Pilgerfreundinnen Christine und Maria, mit denen ich SMS schrieb, sahen meine ambitionierten Pläne kritisch, da wir im Baskenland täglich maximal 25 Kilometer gelaufen waren. Aber dort kennzeichneten auch anspruchsvolle Höhenprofile und ein matschiger Untergrund den Weg. Und ich wollte nun eine echte Herausforderung meistern.
Die Landschaft empfand ich als wunderschön. Selbst die Etappen entlang der Autobahn störten mich nicht.
Als ich am ersten Pilgertag sehr erschöpft in Castro Urdiales ankam, fing mein rechtes Bein im Bereich der Achillessehne an zu schmerzen. Auf dem letzten Kilometer forderte mich das Gehen sehr. Aber ich war mir sicher, am nächsten Morgen sei alles wieder gut.
Zunächst musste ich aber das spanische Wort „Completo“ lernen. Die Pilgerherberge war überfüllt, sogar alle Notschlafplätze waren vergeben. Ausgerechnet ich war der erste Pilger in der Schlange, der kein Bett bekam.
Hilfsbereit wurde mir eine private Unterkunft organisiert. Die älteren Leute vermieteten ihre Gästezimmer und Schlafplätze auf dem Sofa. Ich war stundenlang der einzige Pilger im Haus. Die Frau redete unentwegt auf mich ein. Ich musste ständig in meinem Mini-Wörterbuch blättern, um an der Konversation irgendwie teilhaben zu können.
Mein Magen knurrte vor Hunger. Die anderen Pilger, die inzwischen angekommen waren, vermittelten mir, dass ich mich daran gewöhnen müsse, dass das Abendessen erst sehr spät eingenommen wird.
Mit vollem Bauch ging es kurz nach 22 Uhr zu Bett. Die Nacht war die Hölle. Der nette spanische Pilger in meinem Doppelzimmer hörte sich wie eine Kettensäge an. Am Frühstückstisch sahen mich alle mitleidig an, weil sie das Schnarchorchester durch die Wände mitbekommen hatten.
Aber noch schlimmer war, dass sich die anfänglichen Schmerzen zu einer Achillessehnenentzündung entwickelt hatten.
Ich humpelte pflichtbewusst langsam los, gestützt auf meinen Wanderstock. Alle Pilger überholten mich. Ich hörte häufig ein freundliches „Buen Camino“, ein Gespräch kam nicht zustande. Auch nicht mit der Anfang 20-jährigen Jessi und ihrem etwa zehn Jahre älteren Freund Nils aus Hamburg. Ich hatte sie schon am Flughafen in Berlin an ihrem gelben Buch als Pilger identifiziert. Das Paar machte einen netten Eindruck, sie wirkten zugleich etwas distanziert. In einem sportlichen Stechschritt zogen sie an mir vorbei.
Wie sollte ich humpelnd 35 Kilometer zurücklegen? Was war denn auf einmal los? Aber ich hatte einen strikten Plan, daher zeigte ich Biss. Und es ging weiter voran, wenn auch nur langsam.
Während alle anderen Pilger einen langen Strandabschnitt genossen, war ich vom mühsamen Laufen auf dem Sand genervt. Ich hielt immer wieder an. Weniger wegen des wunderschönen Ausblicks, sondern wegen der Schmerzen.
Die erste Cafeteria war die meine. Hier konnte ich einen Café con leche genießen. In Deutschland trank ich bis dahin nie Kaffee, aber in Spanien lechzte mein Körper danach. Und da kam er: ein sportlicher Mann um die 35 Jahre, der eine halbvolle Flasche Wein mit sich durch die Gegend trug. Ich hatte bis dahin meist Pilger kennengelernt, die sogar die Wäscheklammern vor der Pilgerreise abwogen oder in der Lage waren, sich auf das wirklich Notwendigste zu reduzieren. Und jetzt war da dieser Typ, der Wein mit sich herumschleppte, in einer schweren Glasflasche. Ohne mit ihm zu sprechen, mochte ich ihn. Eine halbe Stunde später hörte ich Schritte hinter mir. Es war Mr. Weinflasche. Er hatte in einem anderen Restaurant Halt gemacht. Auch er war allein unterwegs und hatte bislang ebenso keinen Anschluss gefunden. Ihn faszinierte an mir, dass ich humpelnd unterwegs war.
Der junge Papa lebte getrennt von seinem Kind und seiner Ex-Partnerin. Sein Motiv für den Jakobsweg lag daher auf der Hand. Ich hatte schon viel davon gehört, dass Menschen nach dem Tod eines nahestehenden Menschen, kurz nach dem Ende einer Beziehung oder zum Stressabbau auf den Jakobsweg gehen. Bei mir war es die Mischung aus allem, vielleicht auch etwas Abenteuerlust.
In den nächsten Tagen kreuzten sich meine Wege immer wieder mit Jessi und Nils. Irgendwie gelang es mir, die gleichen Tagesetappen wie sie zu schaffen. Jessi brauchte nicht lange, um festzustellen, dass Mr. Weinflasche sein Leid in Alkohol ertränkte. Beliebt machte er sich damit bei dem norddeutschen Paar nicht, das weitestgehend auf Alkohol verzichtete.
Ich beteiligte mich weder an der abendlichen Kneipentour von Mr. Weinflasche noch wollte ich in den Chor der Enthaltsamkeit einstimmen. Ich erfreute mich wie die meisten Pilger jeden Abend an einer halbe Flasche Wein, die es zum 3-Gänge-Pilgermenü für insgesamt nur zehn Euro gab.
Nicht nur das Essen und Trinken war verdammt günstig. Auch die Unterkünfte. Da ich aufgrund meines langsamen Tempos in den Pilgerherbergen jedoch häufig keinen Platz mehr bekam, musste ich auf Pensionen und Hotels ausweichen. Der Vorteil war, dass ich hier besser schlief. Der Nachteil lag in den höheren Kosten. Auch wenn 30 Euro nicht viel waren für eine Nacht, so waren es doch erheblich mehr als sechs Euro. Einige deutsche Abiturienten übernachteten daher notgedrungen im Freien. Das kam für mich nicht infrage.
Es lief irgendwie alles anders als erwartet. Die Verstöße gegen die mir bekannten Pilgerregeln störten mich besonders. Warum hielten sich die Mitpilger im Sommer nicht an die Nachtruhe im Schlafsaal ab 22 Uhr? Da waren die partywütigen Studenten und Schüler. Und dann war da auch noch Jesus. Er hieß nicht wirklich so. Aber der etwa 40-Jährige verglich sein Leid mit dem von Jesus Christus. Die jüngeren Pilgerinnen nahmen ihn offenbar auch noch ernst. Ich war von dem Gejammer nur genervt.
Jesus war ein lieber Kerl, aber auch ein ungepflegter Schmarotzer. Er wollte alles umsonst. Selbstbewusst hatte er sich ohne jegliches Geld auf den Weg begeben. Sosehr er für sich in Anspruch nahm, keinen finanziellen Beitrag zum Schlafplatz und zum gemeinsamen Essen zu leisten, so sehr interessierte er sich auch nicht für die Regeln. Das genaue Kontrastprogramm zu mir. Und nun standen unsere Betten auch noch nebeneinander.
Die übelriechenden Wanderschuhe durften nicht mit in den Schlafsaal genommen werden. Sie standen im überdachten Außenbereich zum Auslüften. Kurz vor 23 Uhr und nach vielen Diskussionen sollte nun endlich das Licht im Schlafsaal ausgemacht werden. Jesus kam kurz zuvor herein und zehn Sekunden vor der kompletten Dunkelheit im Saal zog er seine Wanderschuhe direkt neben meinem Kopfende aus und stellte sie auf den Boden. Es roch bestialisch. Ich hätte die Schuhe gerne beiseitegeschoben. Aber ich ekelte mich davor, womöglich versehentlich in die schweißgetränkten Latschen zu fassen. Daher drehte ich mich angewidert in die andere Richtung, im Nacken die unmenschliche Duftwolke von Jesus. Mir blieb hier wirklich nichts erspart.
Zumindest die Sonne lachte mich jeden Tag an. Am Surferstrand etwa zwei Kilometer vor Santander genossen die anderen Pilger mal wieder einen schönen Wegabschnitt direkt am Meer. Mich schmerzte hingegen immer noch jeder Schritt im Sand, und ich sehnte mich nach der Fähre, die wohl bald kommen würde. Eine junge Surferin lief auf mich zu. Sie wollte wissen, ob ich ein Jakobspilger sei. Ich bestätigte dies. Sie strahlte über das ganze Gesicht und berichtete, dass sie den Weg im Vorjahr gelaufen sei und dass dies ihr Leben verändert hätte. Ihre Offenheit beeindruckte mich sehr. Bis eben war ich noch auf meine Schmerzen konzentriert. Jetzt fragte ich mich, ob der Camino auch mein Leben verändern würde.
Natürlich kam ich auch mit anderen Pilgern ins Gespräch. Aber es waren immer die gleichen oberflächlichen Fragen, die einander gestellt wurden. Woher kommst du? Wohin gehst du? Was machst du?
Die Frage nach dem Woher bezog sich auf die eigene Herkunft. Dies umfasste meist den aktuellen Wohnort. Deutschland galt als nichts Besonderes. Aber Berlin fanden alle cool.
Das Woher bezog sich aber auch auf den Start der eigenen Pilgerreise. Die Pilger waren an ganz unterschiedlichen Orten gestartet. Und auch nicht jeder Pilger brachte die Zeit und die Kraft auf, bis Santiago zu laufen.
Auf die Frage nach meinem Beruf hatte ich keine Lust. Schließlich war die katholische Kirche noch nie für ihre Toleranz gegenüber Homosexuellen bekannt. Und es war nun mal ein katholischer Weg. Doch die Reaktionen waren durchgängig sehr positiv. Zugleich redete ich in meinem Urlaub nun über die Arbeit.
Aber ich hatte hier weiß Gott andere Sorgen. Viele Stunden am Tag konnte ich in der wunderschönen Natur allein laufen, in Ruhe meinen Gedanken freien Lauf lassen. Doch spätestens am Nachmittag, wenn es um die Herbergssuche ging, trat der Bettenmangel wieder offen zutage.
Zum Glück ging es mir dank einem Tape am Bein inzwischen gesundheitlich wieder etwas besser. Ich kam zunehmend schneller voran. Dass ich in den Herbergen häufig trotzdem keinen Platz mehr bekam, frustrierte mich, zumal die Bettenvergabe alles andere als fair lief. Da war zum Beispiel der Chinese Lee. Er war perfekt gestylt, sogar der Kaffeebecher aus Metall, der am Rucksack baumelte, schrie nach Lagerfeuerstimmung. Doch Lee war kein Abenteurer, er war vielmehr ein Busreisender. Er war ein sehr freundlicher Mann. Seine Feststellung „Oh, du bist heute wirklich wieder die gesamte Strecke gelaufen“ war sicher als Lob gemeint, aber ich empfand sie als Provokation. Lee war nicht der einzige Pilger, der sich das Leben mit motorisierter Hilfe leichter machte.
Da mich Jessi und Nils nur humpelnd kannten und ich auf einmal immer eher als sie am jeweiligen Tagesziel ankam, vermuteten sie, dass auch ich zu den Busreisenden gehören würde. Aber in Wahrheit folgte ich einer harten Routine mit frühem Aufstehen und wenigen Pausen.
Jessi und Nils hatten zwar sechs Wochen Zeit, aber aufgrund der überfüllten Herbergen mussten auch sie sehr lange Tagesetappen auf sich nehmen. Ich freute mich, die vertrauten Gesichter immer wiederzusehen. Und bei jeder Begegnung berichtete ich über andere Beschwerden. Sie witzelten, welche neue Verletzung oder Erkrankung ich mir als Nächstes zuziehen würde. Nach der Achillessehnenentzündung folgte eine Magendarmerkrankung, ein Wespenstich am Po, Schürfwunden durch einen Sturz in einen Graben, ich ließ fast nichts aus. Und trotzdem wirkte ich unbekümmert, unbeschwert und optimistisch. Ich litt jedoch, anders als mein Lächeln vermuten ließ, sehr unter dem Stress und den Strapazen. Und mein Galgenhumor half langsam auch nicht mehr weiter.
Die einzigen Belohnungen, die ich mir gönnte, waren das reichhaltige Pilgermenü am Abend, guter spanischer Wein und das Dessert Flan, die spanische Variante von Karamellpudding. Ansonsten war mein Tag darauf ausgerichtet, mit schwerem Rucksack auf den Schultern 35 Kilometer in hügeligem Gelände zu meistern und einen überdachten Schlafplatz zu finden.
Auch gab es trotz der vielen Pilger kaum ein geselliges Miteinander, so wie ich es beim ersten Mal erlebt hatte. Die meisten waren irgendwie für sich. Man kannte sich, aber ich fühlte mich nicht wirklich verbunden. Jessi und Nils ließen mich nur langsam an sich heran.
Zumindest die nahende Regenfront wurde ein interessantes Gesprächsthema. Während bei den anderen Pilgern Panik ausbrach, nahm ich es gelassen. Mit meinem lieb gewonnenen Regenponcho und der neuen Wanderhose war ich bestens auf das schlechte Wetter vorbereitet. Ich freute mich sogar ein bisschen darauf.
Es dauerte nur wenige Minuten im Regen und ich musste feststellen, dass meine neue Hose nicht wasserdicht war, sondern sich wie ein Schwamm vollsaugte. Der nasse Stoff klebte sehr unangenehm an der Haut. Ansonsten hatte ich nur kurze Hosen und eine Wanderleggins dabei. So oder so würde das Wasser von oben in die Wanderstiefel laufen. Und das nicht nur für ein paar Stunden, auch nicht für einen Tag, sondern für vier Tage am Stück. Mir war inzwischen alles egal.
Nach dem ersten Regentag waren nicht nur meine Füße kalt und nass, sondern fast der gesamte Inhalt meines Rucksackes war feucht. In meinem Pilgerbuch stand, dass man die Kleidungsstücke in Stoffbeutel packen solle, weil durch das Geraschel von Plastiktüten andere Pilger im Schlafsaal gestört werden. Na toll, Stoffbeutel waren vielleicht nicht geräuschintensiv, aber sie saugten sich voll Wasser. Wie war überhaupt Wasser in den Rucksack gekommen? Ein Reißverschluss war einen Spalt offen. Und ich wusste bis dahin nicht, dass man den Poncho auch über den Rucksack stülpt und nicht wie eine Regenjacke nur am eignen Leib trägt. Es war zum Heulen. Sogar mein Schlafsack war nass. Keine einzige trockene Hose. Nur noch ein T-Shirt, meine Badehose und ein Paar Wechselschuhe waren trocken.
Mein Blick beim Laufen war in den kommenden Tagen nur noch zu Boden gerichtet. Mein Regenschutz hielt bis zum Knie. Ab dort floss mir das kalte Wasser die Beine herunter. Die Kälte stieg in mir auf. Ab und zu zog ich mich unter dem Vordach einer Garage oder im Häuschen einer Bushaltestelle um, damit ich zumindest für ein paar Minuten den Eindruck von Trockenheit und Wärme hatte. Ein Kirchenbesuch zum Innehalten und Ausruhen war mir nicht gegönnt. Alle Kirchen auf dem Weg waren abgeschlossen. Restaurants und Bars gab es auf diesem Wegabschnitt nur sehr wenige.
Ich war abends dankbar für jede Herberge. Hauptsache ein trockenes Bett. Na ja, fast jede Herberge. In der angeblich urigen und stimmungsvollen Herberge in San Vicente de la Barquera war es schmutzig, die Matratzen waren durchgelegen und im Badezimmer fiel ständig der Türknauf ab. Als ich nachts aufwachte, musste ich aufgrund einer verkühlten Blase so dringend auf Toilette, dass ich versehentlich keine Schuhe anzog und stattdessen barfuß schlaftrunken zum Badezimmer lief. Auf meinem Rückweg spürte ich den klebrigen Untergrund und den körnigen Schmutz, der sich auf meiner gesamten Fußfläche festsetzte. Ausgerechnet jetzt konnte ich mich nicht erinnern, welcher mein Schlafsaal war. Also ging ich in irgendeinen Schlafsaal hinein und gleich wieder heraus. Und in den nächsten hinein. Es war so dunkel. Wo verdammt nochmal war mein Bett? Ich stand etwa drei Minuten vor einer Schlafstelle, unsicher, ob darin jemand liegen würde. Doch Stück für Stück gewöhnten sich meine Augen wieder an die Dunkelheit, und ich tastete mich vorsichtig heran. Es war zum Glück mein Bett, in dem ich aber nicht mehr lange verbringen wollte, weil es so extrem unbequem war.
Um 5 Uhr stand ich schon wieder auf und tippte Mr. Weinflasche, der im Doppelstockbett über mir lag, an die Schulter. Ich fragte ihn flüsternd, ob er mit mir aufbrechen wolle, da es hier so furchtbar sei. Als er erfuhr, wie spät es war, antwortete er aber nur etwas empört „Nein“ und drehte sich um. Also zog ich trotz strömendem Regen allein los.
Die ersten Sonnenstrahlen durfte ich erst am nächsten Tag genießen. Sie waren eine Wohltat. Entspannung setzte aber nicht ein, da ich immer noch einen straffen Zeitplan im Nacken hatte.
Eines Abends fragte mich jemand in der Herberge, wohin ich morgen gehen würde. Ich bezog diese Frage zunächst auf die Distanz. Das war aber nicht gemeint. Es ging auch um keine hübsche Tagesalternative. Es ging um einen anderen Weg. Ein anderer Weg? Ich wollte Richtung Santiago und nicht auf irgendeinem anderen Weg weiterlaufen. Aber auch darum ging es nicht, sondern darum, ob ich dem Camino del Norte weiter folgen würde oder die Pilgerschaft auf dem Primitivo fortsetzen wolle. Von diesem Weg hatte ich noch nie etwas gehört, daher war das keine ernsthafte Option für mich.
Am nächsten Tag, mitten in einem kleinen Dorf gabelte sich auf der Hauptstraße tatsächlich der Weg. Große Pfeile wiesen nach links, auf den Primitivo, der vom Meer wegführte. Geradeaus ging es weiter auf dem Norte. Mein Weg stand fest. Mein Buch gab nur Auskunft über Strecke und Unterkünfte des Küstenweges. Und trotz allem Stress wollte ich auch nicht vorzeitig das Meer verlassen.
Etwa 25 Kilometer vor Gijón hatte ich an diesem Tag entschieden, meine erste 40-Kilometer-Strecke zu laufen, um die in den Anfangswochen zu wenig gelaufenen Kilometer aufzuholen. Dadurch ließ ich auch die junge Jessi und den sportlichen Nils hinter mir, die meinten, jetzt sei ich total verrückt geworden.
Mein Schritttempo war in den kommenden Tagen nicht mehr das Problem. Nicht mal das hässliche Industriegebiet zwischen Gijón und Avilés konnte meine Motivation mildern. Aber das Laufen auf dem Seitenstreifen einer viel befahrenen Straße zehrte an meinen Nerven. Die vorbeirauschenden Lkws machten mir Angst. Ich klammerte mich immer wieder an die Leitplanke, um nicht im Sog des Fahrtwindes mitgerissen zu werden. Das war kein entspanntes Pilgern, sondern Überlebenstraining.
In Kantabrien und Asturien setzten mir zunehmend die viel befahrene Küstenstraße und die häufigen Asphaltstrecken zu. Die Aussicht war zugleich immer wieder überwältigend. Wunderschöne Strände und hohe Wellen lockten vor allem Surfer, da es zum Baden zu kalt und aufgrund der Strömung teilweise gefährlich war. Die Naturgewalten des Ozeans waren beeindruckend.
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Als sich die Entdeckung des Grabes von Jakobus vor 1.200 Jahren über Europa verbreitete, war der Großteil der Iberischen Halbinsel von Muslimen besetzt. Daher waren die Pilger gezwungen, den anstrengenden Weg entlang der Nordküste zu nehmen. Als es infolge der christlichen Rückeroberung einfachere Wegmöglichkeiten gab, verlor dieser Streckenverlauf an Bedeutung. Aufgrund des Pilgerbooms der vergangenen 40 Jahre wurde der Küstenweg Stück für Stück wieder beliebter.
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Ich hatte immer nur die Zahl sechs Prozent im Kopf. Und den täglichen Bettenmangel vor Augen. Wie mag es dann auf dem Hauptweg, dem Camino Francés, den 60 Prozent der Pilger laufen, wohl sein? Dass dieser in etwa 100 Kilometer Entfernung parallel verlaufende Weg sich aber mit seiner Infrastruktur entsprechend darauf eingestellt hatte, während der Küstenweg bezüglich der Herbergsdichte noch in einen Dornröschenschlaf versetzt war, wusste ich nicht. Wie ich später erfuhr, wechselten einige Pilger daher zum populären Inlandsweg.
Ich blieb dem Norte treu und nutzte die verschiedenen kleinen Wegführungen entlang der Küste, um ein Maximum an Naturerlebnissen zu genießen. Auch wenn Genuss angesichts meines sportlichen Zeitplans wohl die falsche Bezeichnung war.
Die kleinen Umwege hatten den Vorteil, dass ich auf vielen Wegabschnitten fast allein unterwegs war. Dies änderte aber nichts daran, dass abends in den Herbergen wieder „Completo“ verkündet wurde.
Ich lief Tag für Tag am Meer entlang. Aber zum Baden war keine Zeit. Außerdem gab es an der schroffen Steilküste wenige Möglichkeiten. Und ich hatte in meinem Pilgerführer gelesen, dass durch Baden die Füße aufweichen, was die Blasenbildung befördern würde. Und ein weiteres körperliches Leiden konnte ich mir wirklich nicht erlauben. Inzwischen hatte ich nämlich auch noch eine Sehnenscheidenentzündung im Bereich des Handgelenks, bedingt durch das stundenlange Festhalten meines Wanderstockes.
Die Sonne brannte, das Meer glitzerte, die Wellen rauschten. Nein, das konnte ich nicht ignorieren. Ich verweilte ausnahmsweise für ein paar Minuten an einem Badestrand und hüpfte vergnügt den Wellen entgegen. Das kurze Vergnügen war so erfrischend, für Körper und Seele. Ein Herbergsbett würde ich aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit sowieso nicht mehr bekommen. Aber ein Zimmerchen in einer Pension hatte sich immer gefunden. Zwei Stunden später hatte ich bereits zum vierten Mal das Wort „Completo“ gehört. Im Umkreis von 15 Kilometern gäbe es kein Bett mehr, so ein österreichischer Pilger, der auf seinem Smartphone herumspielte. Ein teures Vier-Sterne-Hotel war die letzte Rettung. In der Tat war das Hotel noch nicht ausgebucht. Und aufs Geld sollte es jetzt nicht ankommen.
Es gab nur noch ein Zimmer. Aber wir waren zwei Pilger. Da das Bett groß war, schwatzte uns die Rezeption das Zimmer zusammen auf. Ich kannte den Mann nicht, aber was blieb mir anderes übrig.
Das Zimmer war wirklich schick. Der etwa 50-jährige Künstler breitete sich selbstbewusst aus. Leider auch im Bett. Er hatte kein Schamgefühl und begann seine Fußnägel zu schneiden. Ein Würgereiz breitete sich in meiner Kehle aus. An kollektives Zähneputzen hatte ich mich gewöhnt, aber fremde Fußnägel überschritten meine Ekelgrenze. Er bemerkte meine Verwunderung, nahm dies aber nicht zum Anlass, sich ins Badezimmer zurückzuziehen, sondern einen Vortrag über Fußhygiene zu halten. Genau das hatte ich jetzt noch gebraucht.
Der Mann hatte auch nachts kein Gefühl für Grenzen. Schräg lag er im Bett, welches nur eine Breite von 1,50 Meter hatte. An den Bettrand gedrängt konnte ich dieses luxuriöse Zimmer nicht genießen. Und dann auch noch der Krach, der durch die Wände drang. Wir waren in einem Seitenflügel des Hotels untergebracht, neben uns eine feierwütige Gruppe von Spaniern.
Irgendwie schaffte ich es doch noch einzuschlafen. Und als ich wenig später wieder aufwachte, hatte ich das Bett für mich allein. Ich freute mich schon, dass der Typ verschwunden war. Manche Pilger sind krass drauf und laufen nachts. Warum nicht auch er.
Ich schlurfte Richtung Toilette und erschrak mich gewaltig. Denn er lag samt Bettzeug in der Badewanne. Er hatte sich dort einquartiert, da das Badezimmer weniger stark vom nächtlichen Partylärm betroffen war. Doch wo sollte ich jetzt auf Toilette gehen? Drei Stunden später war das Badezimmer endlich wieder frei.
Was für eine furchtbare Nacht. Die nächsten Nächte bekam ich wieder ein eigenes Bett, und auch der Gang zur Toilette war jederzeit möglich. Ein Stressfaktor blieb die Frage der Unterkunft aber weiterhin.
Mein Pilgerausweis füllte sich wie ein Tagebuch mit Stempeln. Jeder Stempel erzählte eine andere leidvolle Geschichte. Der Urlaub war abenteuerlich, aber in anderer Hinsicht als erhofft. Der Camino gab mir nicht das, was ich wollte, sondern was ich brauchte. Leider war das eins auf die Fresse.
Schnauze voll, ich breche ab
Zwischen 13 und 15 Uhr war für die meisten Pilger Schluss. Sie kehrten in der Herberge ein. Die Spanier hielten einen traditionellen Mittagsschlaf. Andere Pilger lagen in der Wiese oder saßen im Café. Doch mir war das zu langweilig. In den meisten Orten gab es außer der Herberge und einer Kneipe nichts. Das Meer war meist zu weit entfernt, als dass man abends einfach so mal hätte schwimmen gehen können. Auch hatte ich um 15 Uhr mein Tagessoll von 35 Kilometern noch nicht geschafft. Für mich war gegen 17 oder 18 Uhr die perfekte Einkehrzeit: Es bestand noch genug Zeit zum Wäschewaschen, Duschen und Abendessen, ohne dass Langeweile aufkam.
An diesem Abend, es war inzwischen nach 19 Uhr, stand ich verzweifelt in einer Apotheke. Nein, ich wollte keine Medikamente oder Bandagen. Mir ging es inzwischen körperlich wieder gut. Die beiden Mitarbeiterinnen telefonierten fürsorglich das halbe Dorf ab, um mir einen Schlafplatz zu organisieren. Zuvor hatte ich mir in der Herberge anhören müssen, ich könne doch unter dem Vordach der Schule schlafen, auf dem Betonboden. Ich hatte einfach keine Lust mehr. Das Wort „Completo“ konnte ich nicht mehr hören. Obwohl ich immer sehr früh aufstand und wenig Pausen machte: Der Bettenmangel war zu extrem. Ich wollte einfach nur ein Bett oder ein Sofa, egal, Hauptsache nicht den nackten Boden draußen, wo ich der nächtlichen Nässe und Kälte ausgesetzt wäre. Die nette Apothekerin gab mir zu verstehen, dass es wirklich gar nichts mehr im Dorf gab, sie mir aber ein Bett in zehn Kilometern Entfernung reserviert habe. Also nahm ich die Füße in die Hand, da es schon langsam dunkel wurde.
Auf dem Acker außerhalb des Dorfes schlug ein anderer Pilger gerade sein Zelt auf und umringte dieses freudig mit einer Flasche Wein in der Hand. Ich griff zum Mobiltelefon und rief meine Eltern an. Meine Mutter war dran. Ich dachte, ich würde sie überraschen, indem ich ihr verkünde, dass Schluss sei mit dem Pilgern. Aber sie war vielmehr überrascht, dass ich nicht schon eher abgebrochen hatte. Massenschlafsäle und ihren Sohn, der sich als Kind gern allein in sein Kinderzimmer zurückzog und sich auch als Erwachsener noch vor vielen Dingen ekelte, konnte sie einfach nicht zusammenbringen.
Ich hatte beschlossen, noch etwas Strandurlaub in Sitges bei Barcelona zu machen. Doch in Geographie war ich noch nie gut. Meine Mutter teilte mir nach einer kurzen Recherche mit, dass das über 900 Kilometer entfernt sei. Zudem war mein Rückflug ab Santiago schon gebucht. Ich verwarf daher erst einmal diese Alternative. Irgendeinen schönen Badeort zum Verweilen würden es wohl auch an der nordspanischen Atlantikküste geben.
Ich wollte mich nicht mehr sorgen, ob ich nachts einen Schlafplatz haben würde. Daher konnte ich meine Reise definitiv nicht in der bisherigen Art und Weise fortsetzen.
Ich schwitzte aus allen Poren. Nicht nur unter den Armen, am Rücken und auf der Stirn. Wirklich überall schoss der Schweiß aus mir. Ich war einfach fertig.
Nachdem ich auch die letzten zehn Kilometer gemeistert hatte, kam ich in einem sehr schicken Hotel an. Und hier sollte ich für kleines Geld von 25 Euro schlafen können? Fast, von hier wurde ich in ein nahegelegenes Gewerbegebiet gefahren. Die große Wohnung hatte viele kleine Zimmer. Ich hatte freie Wahl. Meine nächtlichen Mitbewohner lernte ich nicht kennen, da ich mich in einem Zimmer verbarrikadierte. Ich hörte nur, wie einer nach dem anderen nachts abgeliefert wurde. Aber wo war ich hier eigentlich gestrandet? Auf dem Jakobsweg war ich nicht mehr.
Am nächsten Morgen lief ich zurück zur Küste, wo ich in einem Fischerdorf wieder auf den Jakobsweg traf. Ich steuerte zielgenau auf den Busbahnhof zu, ein absolutes Tabu auf meinem bisherigen Weg. Während der nächsten 30 Minuten schaute ich mitleidig auf die Pilger, die sich entlang der Küstenstraße quälten. Ich hatte kein schlechtes Gewissen. Jetzt war ich also auch einer dieser Busreisenden. Nein, ich war sogar ein Abbrecher, einer, der auf dem Weg gescheitert war.
Mein Zielort war ein touristischer Ort mit Badestrand. Hier plante ich die nächsten anderthalb Wochen zu verbringen. Doch wollte ich 200 Kilometer vor dem Ziel wirklich abbrechen? Nein, wollte ich nicht. Aber auch keinen weiteren Stress. Warum das Kind mit dem Bade ausschütten? Zweifel waren okay. Aber Zweifel an der Art meiner Pilgerschaft, nicht am Pilgern an sich. Und ich war noch nie ein Mensch, der Dinge aufgab, nur weil es Probleme gab.
Die Pflicht, Santiago zu Fuß zu erreichen, schlug ich mir aus dem Kopf. Was gestern war, war egal. Was in drei Tagen sein würde, war auch nicht bedeutsam. Das Heute zählte, der Moment. Befreit von Sorgen der vergangenen Tage und den Befürchtungen der Zukunft leerte sich mein seelischer Rucksack. Das zwischenzeitliche Scheitern gab mir die Möglichkeit, neu zu starten. Ich lernte, dass manchmal auch selbst auferlegte Zwänge einfach beiseitegeschoben werden müssen.
Am nächsten Tag lief ich nur zwölf Kilometer bis Ribadeo. Ich nahm mir für den kurzen Weg Zeit. Gegen 13 Uhr hörte ich schon wieder „Completo“ in der Herberge. Wie absurd. Wie früh sollte ich denn noch ankommen, um ein Bett zu bekommen?
Ich wollte dieses verhasste spanische Wort kein einziges Mal mehr hören, daher ging ich zur Touristeninformation, um eine Auskunft darüber zu bekommen, wo etwas frei wäre. Doch die Siesta-Zeit ist den Spaniern heilig. Ich eilte durch die Eingangstür und wurde – ebenso wie andere Pilger – wieder nach draußen gebeten, weil ab sofort Mittagspause sei. Ab 17 Uhr könnten wir wieder nachfragen. Ich sah vor meinem geistigen Auge, wie alle Zimmer der Stadt bis dahin wieder vergeben sein würden. Ich wollte einfach nur eine Hotelliste. Aber die Mitarbeiterin motzte mich an, da sie Hunger hatte und jetzt Mittagessen wollte. Ich war jedoch nur an einem Schlafplatz interessiert. Ich verlor das Wortgefecht, stürmte wütend aus der Touristeninfo und rannte in ein Fahrrad. Zum Glück wurde niemand ernsthaft verletzt. Auf einmal stand die Mitarbeiterin hinter mir, nickte mir mürrisch zu, ich folgte ihr und sie half mir doch weiter.
Inzwischen hatte mich meine Freundin Katja angerufen, die auf dem Weg nicht zurechtkam. Ich besorgte uns daher ein schnuckeliges Doppelzimmer.
Katja war etwa 100 Kilometer hinter mir. Wir waren schon seit 14 Jahren befreundet und kannten uns vom Studium. Sie war der Typ Mensch, der immer Selbstbewusstsein und gute Laune ausstrahlt. Aber jetzt ging es ihr nicht gut.
Ich hatte Katja eine Woche zuvor auf dem Weg getroffen. Da sie sehr langsam unterwegs war, hatte wir nur einen gemeinsamen Abend. Ich wollte sie und Mr. Weinflasche verkuppeln, was aus ihrer Sicht aber vollkommen absurd war. Kurz danach kam mir Mr. Weinflasche abhanden.
Ich freute mich, als Katja in Ribadeo mit dem Bus ankam. Und zugleich war klar, dass sie sich den Bettenmangel nicht antun wollte, dem man in den kommenden Tagen ausgesetzt wäre. Und während ich Santiago wieder fest im Blick hatte, schickte ich meine Freundin am nächsten Morgen mit dem Bus zurück nach Irun, damit sie das Baskenland, das sie noch nicht kannte, wie ich lieben lernen konnte. Ich war mir sicher – und hatte damit recht –, dass in dieser großen Entfernung zu Santiago die Unterkunftssituation wieder entspannter sei. Und Katja folgte diesem Rat. Sie hatte keine Ahnung, worauf sie sich einließ. Aber es sollte ihr Leben verändern.
Wenn du weit kommen willst, dann geh zusammen
Katja schlummerte noch, als ich meine Sachen zusammenpackte. Es war so schön mit ihr. Und zugleich war es für uns beide genau richtig, unseren jeweils eigenen Weg zu gehen.
Zudem musste ich mich auch noch vom Meer verabschieden, einem der wenigen Dinge, die mir auf dieser Leidensreise Kraft gaben. Bei Ribadeo verließ der Weg das Meer Richtung Landesinnere.
Da ich gelernt hatte, wie wichtig es ist, im eigenen Tempo unterwegs zu sein, lief ich gemütlich los. Ohne Stress. Ich konnte die Umgebung mit ihren verzauberten kleinen Dörfern und der bodenständigen Ursprünglichkeit richtig genießen. Ich hatte nach all diesen Rückschlägen tatsächlich weitergemacht und mich aus dem selbst geschaffenen Hamsterrad befreit.
Bereits gegen Mittag kam ich bei einer Herberge auf Spendenbasis an. Ich war der erste Pilger. Ich fand eine Kasse des Vertrauens und menschenleere Schlafräume vor. Ich grübelte, ob ich weiterlaufen oder hierbleiben solle? Doch ich wollte keine weiteren Risiken mehr eingehen und blieb.
Während ich meine Wäsche stundenlang im Wind beobachtete, wurde mir klar, dass alle Alltagssorgen wie weggeblasen waren. Ich grübelte nicht über Luxusprobleme in Berlin. Hier war ich froh, wenn meine Grundbedürfnisse Essen, Trinken und Schlafen befriedigt wurden.
Immer wieder kamen Pilger vorbei, die sich die gammelige Herberge anschauten und schließlich doch weiterzogen.
Eine schlichte Bar war in direkter Nähe. Die kulinarische Verköstigung war eine Katastrophe. Es gab Bocadillos, also Sandwiches aus trockenem Baguette. Dazu ein gekühltes Wasser. Wasser und Brot sowohl zum Mittagessen als auch Abendessen fühlte sich wie Knastfraß an. Keine Früchte, kein Dessert, nichts Warmes.
Inzwischen waren auch andere Pilger eingekehrt. Es waren junge Spanier, deren Geräuschempfinden mal wieder nicht dem meinen entsprach. Es gab zwei große Schlafsäle und ein kleines Schlafzimmer mit nur einem Doppelstockbett. Ich hatte mich auf beiden Etagen des Doppelstockbettes ausgebreitet, um den Eindruck zu erwecken, dass der kleine Raum komplett belegt sei. Ich wollte mit keinem dieser lautstarken Menschen den Schlafraum teilen.
Zum Abend wurde die Herberge immer voller und ich wusste, dass jedes Bett gebraucht wurde. Daher entschied ich mich, die ankommenden Pilger genau zu scannen und einem ruhig wirkenden Pilger das Bett über mir anzubieten. Die Wahl fiel auf Matteo, einen Italiener mit schwedischen Wurzeln.
Wir verstanden uns auf Anhieb gut und klagten uns unser Leid. Matteo hatte ein Zelt dabei. Das zusätzliche Gewicht machte ihm zu schaffen, weshalb er sich davon trennen wollte. Drei Tage zuvor hatte ihn das Zelt aber gerettet. Während ein anderer Pilger abends an ihm vorbeieilte und er es total verrückt fand, dass jemand gegen 20 Uhr noch ein Dorf verlässt, hatte er mit Genehmigung eines Bauern sein Quartier auf dem Acker aufgeschlagen. Als ich ihm erzählte, dass ich dieser Verrückte war, musste er lachen. Uns beiden war dieser Moment eindringlich in Erinnerung geblieben.
Ich mochte Matteo sehr. Aber wichtiger als neue Bekanntschaften war mir die Gewissheit, ein Bett zu finden. Am nächsten Morgen brach ich – mit Stirnlampe auf dem Kopf – vor Sonnenaufgang im Dunkeln auf. Ich kam nicht weit, denn auf einem Feldweg versperrten mir zwei aggressive Hunde den Weg.
Ich wusste, dass ein Biss ausreichen konnte, das Ende meiner Reise zu besiegeln. Und ich konnte die Hunde auch nicht erkennen. Waren es kleine Tölen mit großer Schnauze oder ernstzunehmende Gefahrenquellen? Ich vernahm nur ihr Knurren und Bellen. Ihre Augen reflektierten das Licht meiner Stirnlampe. Jeden Schritt, den ich rückwärts machte, folgten sie mir. Die Tiere bewegten sich immer am Rande des Lichtkegels meiner Lampe. Lockte meine Lampe sie an oder hielt sie sie ab? Ich wollte es nicht testen. Also gab ich mich geschlagen und nahm im Dunkeln entlang der Dorfstraße einen riesigen Umweg in Kauf. Es wäre mir peinlich gewesen, in die Herberge zurückzukehren. Aber gebissen werden wollte ich auch nicht.
Über eine Stunde später war ich endlich wieder auf dem Weg. Der liebgewonnene gelbe Pfeil half mir bei der Orientierung. Wenig später holte mich Matteo ein, der sich wunderte, dass mein Vorsprung nicht größer war, obwohl ich so früh aufgebrochen bin. Meine Geschichte von den aggressiven Hunden amüsierte ihn. Er fand sie nicht dramatisch genug. Mit einem breiten Grinsen fragte ich mich kokettierend, ob es nicht eventuell doch ein Rudel Wölfe gewesen sei. Denn ein mutiger Pilger wie ich würde sich doch nicht von Dorfkötern einschüchtern lassen. Ja, vielleicht waren es doch ein Dutzend Wölfe, denen ich mich heldenhaft gestellt hatte …
Bei jedem Dorfhund, der uns mit wedelndem Schwanz entgegenkam, rief Matteo: „Vorsicht, ein Wolf!“ Er liebte es, mich aufzuziehen.
Matteo hatte eine rege Fantasie. Wir malten uns aus, wie wir die Pilger hinter uns in die Irre führen könnten, damit sie uns später kein Bett wegnehmen. Ein anderes Mal stellten wir uns angesichts zahlreicher humpelnder und verletzter Pilger vor, dass es eigentlich Zombies wären, die man töten müsse. Unser Humor passte gut zueinander. Beim nächsten „Completo“ wollte ich zudem einen Aufstand der Pilger anführen. Alle Türen, egal wie voll das jeweilige Haus auch sei, sollten uns offenstehen. Wir waren nicht irgendwelche Touristen. Wir waren Pilger, denen Hilfe zuteilwerden musste. Ich war erstmals in meinem Leben in Revolutionslaune.
Zum Glück hörte uns niemand zu. Er oder sie hätte uns in eine Psychiatrie für gewalttätige Verbrecher einliefern lassen. Aber wir waren körperlich am Ende. Unsere Fantasie lenkte uns von den körperlichen Leiden ab. Und wir kamen in der Tat zügig voran. Eines Tages schafften wir sogar 40 Kilometer, ohne dass es anstrengend war. Es machte einfach Spaß mit Matteo.
Ab und zu bremste mein neuer Pilgerfreund und stocherte mit seinem Stock im Boden herum. Er sammelte tatsächlich Steine. War sein Rucksack nicht schon schwer genug? Der romantische Italiener sammelte Steine in Herzform, um sie als Andenken zu behalten oder einer lieben Person in der Heimat zu schenken.
Einer von Matteos Steinen war ganz gewiss für eine Person auf dem Weg bestimmt: Leticia. Ich kannte sie nur aus Matteos Erzählungen. Er hatte sie am Anfang seines Weges kennen und lieben gelernt. Sie musste ihren Weg nach zwei Wochen unterbrechen, um ihrer Arbeit in Madrid nachzugehen. Doch auch sie hatte sich in Matteo verliebt und wollte für die letzten Kilometer zurückkehren.
Ich hatte davon gehört, dass sich lange Zeit insbesondere Südamerikanerinnen auf den Jakobsweg begaben, um einen passenden Partner zu finden. Ob solche vermeintlichen Erwartungshaltungen mit späterem Glück verbunden waren, entzog sich meiner Kenntnis. Aber ich bemerkte, dass sich die Menschen hier gut kennenlernen konnten. Wenn du hier mit dem Gegenüber klarkommst, den Tag und die Nacht gemeinsam verbringst, körperliche Strapazen meisterst und trotz aller zutage tretenden Unzulänglichkeiten den anderen immer noch ansprechend, interessant und vielleicht sogar attraktiv findest, dann muss es wirklich Liebe oder echte Freundschaft sein.
Und so wie Matteo, der auf dem Camino del Norte seine Liebe fand, mit der er vielleicht sogar den Rest seines Lebens verbringen würde, erging es auch anderen.
Da das Durchschnittsalter in den Sommermonaten sehr niedrig war und die Fraktion der 20-Jährigen die größte Gruppe ausmachte, war das Schaulaufen zugleich enorm. Junge testosterongesteuerte Männer versuchten, junge Frauen zu beeindrucken, die wiederum kindlich kicherten.
Meine Freundin Katja hingegen suchte gar niemanden. Weder neue Freunde noch einen Partner. Sie war zufrieden. Und im Gegensatz zu meinen 35-Kilometer-Mammutmärschen legte sie zum Teil nur fünf Kilometer am Tag zurück und schlug dann wieder ihr Zelt auf. Während mein Ziel mit Santiago feststand, hatte sich in der ansonsten so entspannten Katja eine unerwartete Orientierungslosigkeit breitgemacht. In Ribadeo hatte ich ihr zum Glück den Schubs in die richtige Richtung gegeben. Sie genoss den Weg im Baskenland tatsächlich sehr. Hier lernte sie den charmanten Spanier Jorge kennen, einen Ladenbesitzer aus der Region Rioja, der auch als Pilger unterwegs war.
Doch nicht alles auf dem Jakobsweg entwickelte sich wie im Märchen. Während der Pilgerschaft zeigte sich ziemlich deutlich, wenn Paare nicht zueinander passten. Während sie sich im Alltag durch Beruf oder Studium gut aus dem Weg gehen konnten, hatten sie den jeweils anderen auf dem Jakobsweg Tag und Nacht um sich. Ich bemitleidete daher im Stillen einen deutschen Pilger, der von seiner Freundin durch die Gegend gescheucht wurde. Wenn man ihn etwas fragte, nahm sie ihm sogar das Antworten ab. Während ich mir dieses Trauerspiel ansehen musste, war ich erstmals seit langem froh, nicht in einer Beziehung zu sein.
Mein Geschenk war keine neue Partnerschaft, aber die Freundschaft mit Matteo. Es stimmte, dass ich allein gehen musste, um schnell zu sein. Aber um weit zu kommen, musste ich jemand finden, der den Weg mit mir zusammen geht.
Ich hatte Herausforderungen gemeistert, war Unvorhergesehenem begegnet, erlebte Verwundung und Heilung, musste mich um Essen, Trinken und einen Schlafplatz bemühen und durfte Gastfreundschaft erleben. Ich stellte auf ganz einfache Weise fest, wie wenig ich zu einem zufriedenen Leben brauche. Doch war ich wirklich ein Pilger? Oder nur ein Wanderer auf einem geistlichen Weg?
Wie katholisch ist der Jakobsweg?
Es gefiel mir gut, auf dem Weg auf so viele Kirchenkritiker zu stoßen. Und eine spanische Pilgerin bestätigte mit ihrer Geschichte meine Sicht von der katholischen Kirche. Auf einer früheren Pilgerreise fand sie bei einem Gewitter keine Bleibe. Angekommen bei einer Kirche wendete sie sich an den dortigen Priester, der ihr spirituelle Unterstützung anbot, aber einen Schlafplatz – und sei es nur die kalte, aber trockene Kirchenbank – versagte. Laut ihrer Schilderung versuchte sie dem Priester zu verdeutlichen, dass sie kein spirituelles Problem habe, sondern ein ganz weltliches, da draußen das schlechte Wetter tobte. Aber sie fand kein Gehör und musste außerhalb von Kirche und Pfarrhaus nächtigen.
Etwa eine Woche nachdem ich die Geschichte gehörte hatte, lief ich mit Matteo durch das verregnete Galicien. Die Region machte ihrem Ruf alle Ehre. Irgendwie hatte ich immer „gallisch“ statt „galicisch“ im Kopf. Ebenso wie das Land von Asterix und Obelix, die natürlich keine Spanier, sondern Franzosen waren, hatte sich diese einfache Region ihre Ursprünglichkeit bewahrt. Und sogar das Wetter trotzte dem Klimawandel. Während in Deutschland sommerliche 40 Grad herrschten, hatten wir hier gerade einmal 16 Grad und Dauerregen.
Da Matteo keinen Poncho besaß, trug er fast den ganzen Tag einen Schirm. Beide Hände waren von der Kälte schon blau angelaufen. Doch die Rettung nahte. Das alte Kloster von Sobrado dos Monxes sollte uns Schutz und eine erholsame Nacht bieten. Hier wollten sich auch Matteo und Leticia wiedersehen, um in den nächsten Tagen gemeinsam in Santiago einzulaufen.
Zunächst stießen wir auf verschlossene Tore. In unserem Schlepptau befand sich das junge Paar mit der schikanösen Frau. Wir alle waren pitschpatschnass, erschöpft und zu keinem weiteren Schritt in der Lage. Das änderte aber nichts an den Einlasszeiten. Die Mittagsöffnungszeit hatten wir um eine halbe Stunde verpasst. Die Tore sollten sich erst in drei Stunden wieder öffnen. Für diese Regel hatte ich kein Verständnis. In drei Stunden hätte ich mir eine fette Erkältung eingefangen. Also wummerte ich mit der geballten Faust gegen das Tor. Matteo und die anderen beiden Pilger winkten ab. Ich wollte mich nicht geschlagen geben. Nach ein paar Minuten tat ich es doch.
Verzweifelt saß ich am Boden, als sich die Eingangspforte öffnete. Aber nicht, um uns hereinzubitten, sondern um Besucher herauszulassen. Während die anderen Pilger die Situation als gegeben akzeptierten, eilte ich zum Mönch, der mich grimmig anschaute. Das Argument, dass uns kalt sei, konnte sein Herz nicht erweichen. Er war schon dabei, die Tür wieder zu schließen, als ich ihm verzweifelt zurief, dass wir doch nicht mehr als vier Pilger seien. Er warf einen prüfenden Blick um die Ecke, der ihm bestätigte, dass außer mir tatsächlich nur drei weitere Personen anwesend waren. Er willigte also ein.
Während wir dankbar durch das Einlasstor gingen, merkte der Mönch leise und schuldbewusst an, dass dies gegen die Regeln des Klosters sei. Um anschließend mit einem Schmunzeln zu ergänzen, dass es manchmal notwendig ist, die Regeln zu brechen.
Mit der katholischen Kirche hatte ich noch nie viel am Hut. Als Jugendlicher spottete ich über Papst Johannes Paul II. Und anlässlich des Deutschlandbesuchs von Papst Benedikt XVI. war ich für ein halbes Jahr lang Sprecher eines Protestbündnisses, welches die „menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik des Papstes“ kritisierte. Und nun pilgerte ich auf einem katholischen Weg und bekam in einem Kloster Unterschlupf.
Mit gläubigen Menschen hatte ich weniger Probleme, da die meisten Katholiken die Lehren der eigenen Kirche zu Sexualmoral und Frauenrechten seit Jahrzehnten zunehmend kritisch sehen. Aber die Institution Kirche stellte ich bei allen Handlungen stets infrage, ihre Absichten und Motive sowie ihr Machtstreben und ihr Geltungsbedürfnis. Selbst karitative Einrichtungen sah ich mit Skepsis.
Und nun zeigten mir eine milde Geste und ein kurzes menschliches Schmunzeln, dass auch ich zu mehr Differenzierung in der Lage sein sollte. Mein Ex-Freund, ein Ex-Katholik, sah in solch emotionalen Momenten meinerseits eine intellektuelle Schwäche. Ich würde mich zu leicht einlullen lassen, so seine These.
Meine Sorge galt an diesem Nachmittag aber nicht meinen Wertvorstellungen, sondern wie ich meine Schuhe bis zum nächsten Tag wieder trocken bekommen würde. Der Handtrockner in den Wasch- und Toilettenräumen war dabei recht nützlich. Das fünfsekündige kurze Blasgeräusch ging mir zwar bereits nach ein paar Minuten gewaltig auf die Nerven. Aber tapfer stand ich etwa zwei Stunden an dem Gerät. Es heulte kurz auf und schon war es wieder aus. Wie verrückt wackelte ich permanent mit den Schuhen und den herausnehmbaren Schuhsohlen unter dem Sensor, bis das Gerät wieder ansprang.
Matteo kümmerte sich kaum um seine nassen Sachen. Er war zu aufgeregt wegen des Wiedersehens mit Leticia. Als sie später eintraf, wurden wir einander kurz vorgestellt. Aber dann waren die beiden mit sich als Paar beschäftigt.
In meiner Altersgruppe existierte einfach niemand. Sie waren verloren gegangen, hatten jemanden gefunden oder kümmerten sich in der Heimat um Karriere und Familie. Während der Handtrockner wieder kurz aufjaulte, stellte ich mir die Frage, was ich Mittedreißigjähriger hier zwischen Paaren, Studenten und Rentnern eigentlich wollte. Nein, nochmal dachte ich nicht über einen Abbruch nach. In Santiago wollte ich ankommen. Aber Erwartungen hatte ich ansonsten keine mehr an den Weg.
Inzwischen waren die Tore auch offiziell wieder geöffnet. Und die durchnässten Pilger strömten in Scharen in das alte ehrwürdige Kloster.
Ich schlenderte durch die Wandelgänge auf dem Weg zum Schlafraum, als mir aus einem Badezimmer eine Frau mit nassen Haaren und einem großen Handtuch um den Körper gewickelt fast schon kreischend zurief: „Jörg, Jörg, bist du es?“ Es war Jessi. Sie und Nils hatte ich schon ewig nicht mehr gesehen. Wie lang war es wohl her? „Bestimmt 100 Kilometer“, meinte ich gönnerhaft. Sie korrigierte mich: „Bestimmt mehr als 200.“ Tatsächlich hatten sich unsere Wege vor 300 Kilometern getrennt.
Jessi und Nils waren unter sich geblieben. Und ich war für sie offenbar gar keine so schlechte Pilgerbegegnung. Wir drei freuten uns sehr über das Wiedersehen. Ihre kühle norddeutsche Art hatte ich zuvor als nicht vorhandene Zugewandtheit interpretiert. Erst jetzt erkannte ich ihre Herzlichkeit. Sympathisch waren sie mir bereits vorher.
Beim gemeinsamen Abendessen entbrannte eine Diskussion darüber, ob und welche Pilgerurkunde wir uns in Santiago holen würden. Die lateinische Compostela für religiöses Pilgern, gewissermaßen das Original, wollte ich nicht nehmen. Das stieß auf großes Unverständnis, insbesondere bei Jessi. Ich sei doch den ganzen Weg gelaufen und könne stolz darauf sein. Aber für mich fühlte sich das nach einer Unterwerfung unter kirchliche Dogmen an. Daher wollte ich nur eine einfache „sportliche“ Urkunde.
Bereits der Reformator Martin Luther zweifelte die Echtheit der Grabesstätte von Jakobus an, weil dort eventuell nur die Gebeine eines toten Hundes liegen würden. Und ich wollte so oder so keinem Heiligen huldigen, weil ich an „Heiligkeit“ nicht glaubte, höchstens an „Scheinheiligkeit“.
Während die Menschen im Mittelalter aufbrachen, um ein Gelübde zu erfüllen, würden die wenigsten Pilger ihre Absichten heutzutage so beschreiben. Und doch vermutete ich bei nicht wenigen meiner Begleiter ein inneres Gespräch mit Gott. Ich hingegen schrie weder Richtung Himmel noch flüsterte ich in Gedanken mit ihm.
Auch wenn ich wochenlang auf einem katholischen Weg zum Grab des Apostels Jakobus lief, ich war mir ziemlich sicher, dass ich ohne religiöse Absichten hier war. Ich sah im Pilgern ein bloßes Ausbrechen aus dem Alltag. Bis aufs Kloster in Sobrado mied ich auf dem gesamten Weg religiöse Unterkünfte, obwohl ich aufgrund des Bettenmangels alles andere als wählerisch sein konnte. Ein Sturkopf war ich schon immer.
Als armselig empfand ich den Glauben, den die Menschen über Jahrhunderte der Kirche schenkten. Diese versprach ihnen, dass durch die Pilgerschaft nach Santiago ihre Sündenstrafen erlassen werden, um nach dem Tod dem Fegefeuer zu entgehen. Der kirchliche Missbrauch des menschlichen Glaubens widerte mich an. Die Drohkulisse des Fegefeuers erzeugte das Bild eines strafenden Gottes, den ich so nicht mochte.
Auch Jakobus war mir nicht sonderlich sympathisch, da er lange Zeit als Symbol der christlichen Rückeroberung der Iberischen Halbinsel herhalten musste und auf Kunstwerken häufig als Krieger mit Schwert in der Hand dargestellt wurde. Zugleich faszinierten mich die Legenden um den Apostel.
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Jakobus der Ältere gehörte zu den ersten vier von Jesus berufenen Jüngern. Nach Christi Himmelfahrt soll er auf der Iberischen Halbinsel, der damaligen römischen Provinz Hispania beziehungsweise dem heutigen Spanien, erfolglos gepredigt haben. Er kehrte daher zu Lebzeiten nach Jerusalem zurück.
Im Jahr 44 während der Herrschaft von Herodes Agrippa I. wurde er als erster Apostel mit dem Schwert hingerichtet. Seine Jünger sollen seinen Leichnam nach der Enthauptung einem Schiff übergeben haben, das von einem Engel geleitet in Galicien ankam. Die Gebeine wurden schließlich von Helfern im Landesinneren beigesetzt. Dann geriet das Grab in Vergessenheit. Nach der Wiederentdeckung etwa 800 Jahre später wurde darüber eine kleine Kirche errichtet, um die herum sich Santiago de Compostela entwickelte.
Der Name Santiago de Compostela leitet sich von Santiago als Kurzform von Sankt Jakobus und Compostela als spanische Übersetzung von Sternenfeld ab. Nicht nur die Erzählung um die Entdeckung des Grabes durch Sternenschnuppen und andere Himmelserscheinungen, sondern auch die Behauptung, dass der Leichnam dort begraben worden ist, wird historisch angezweifelt. Doch auf Fakten waren Legenden noch nie angewiesen.
Am 25. Juli 816 wurde die damalige Kirche über der Grabstätte geweiht. Aus dem Kirchweihtag wurde später der Gedenktag an den heiligen Jakobus.
Im Jahr 997 wurden Santiago und dessen Kirche vom Heer des muslimischen Feldherrn Almansor zerstört. Aus Respekt blieb das Apostelgrab dabei aber unangetastet.
Um das Jahr 1075 wurde mit dem Bau der heutigen Kathedrale begonnen. Santiago entwickelte sich ab diesem Zeitpunkt neben Rom und Jerusalem zu der bedeutendsten Pilgerstätte des Christentums.
Seit Mitte des 15. Jahrhunderts wurde immer dann ein „Heiliges Compostelanisches Jahr“ ausgerufen, wenn der 25. Juli, der ursprüngliche Kirchweihtag, auf einen Sonntag fiel. In diesen Heiligen Jahren wird bis heute auch die Heilige Pforte der Kathedrale geöffnet und ein vollständiger Erlass von Sündenstrafen verkündet. In den Heiligen Jahren kann ein starker Anstieg der Pilgerzahlen vermerkt werden.
Schon im Mittelalter erlebte das Pilgern eine Kommerzialisierung, die bis heute anhält. Vermeintliche Reliquien wurden gehandelt, Pilgermuscheln als Beweis für die Pilgerschaft verkauft. Unterkünfte, Verpflegung und sonstige Dienste wurden seit jeher angeboten.
Nach dem Pilgerboom im Mittelalter gingen die Pilgerzahlen zunächst zurück. Einen großen Anteil daran hatte die Reformation ab dem 16. Jahrhundert. Martin Luther bezeichnete das Pilgern als „Narrenwerk“. Der Reformator wehrte sich gegen die von der Kirche propagierte Vorstellung, dass man Gott mit seiner Pilgerleistung gnädig stimmen müsse. Die Ansicht, man könne vor Gott gerechtfertigt sein, wenn man gute Werke tut, lehnte Luther ab und betonte die Rechtfertigung aus der Gnade Gottes im Glauben.
In Norwegen wurde das Pilgern von den herrschenden Protestanten ab 1537 sogar unter Todesstrafe verboten. Aber auch ohne Verbote war das Pilgern kein unbeschwerter Zeitvertreib. Für den Fußmarsch an den westlichen Rand Europas und zurück verging in der Regel ein ganzes Jahr. Viele Gläubige fielen dabei Krankheiten und Räubern zum Opfer.
Auch Seuchen waren wiederholt ein Problem. Im Jahr 1854 wurden aufgrund einer Cholera-Pandemie Feierlichkeiten und Menschenansammlungen in Santiago verboten. Doch die Pilgerbewegung erholte sich immer wieder von diesen Rückschlägen.
Im Jahr 1884 erklärte Papst Leo XIII. die Echtheit des Apostelgrabes und versuchte damit, Zweifel am Pilgerort ein für alle Mal zu zerstreuen.
Große Probleme gab es im 20. Jahrhundert. Die beiden Weltkriege, der spanischen Bürgerkrieg und die Franco-Diktatur erschwerten eine Pilgerschaft erheblich. Der neuzeitliche Boom setzte erst wieder in den 1980er-Jahren durch die Besuche von Papst Johannes Paul II. in Santiago ein.
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