Kitabı oxu: «Ohle und der Brunnen der sieben Schlüssel: Die Abenteuer der Koboldbande (Band 8)»
Jork Steffen Negelen
Die Abenteuer der Koboldbande
Achter Teil:
Ohle und der Brunnen der sieben Schlüssel
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2017
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Erste Auflage
Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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www.engelsdorfer-verlag.de
Zwei ungleiche Freunde
Die Nacht rückte unaufhaltsam näher und die Kälte nahm zu. Der Wind spielte mit den Schneeflocken. Er ließ sie ihren Reigen tanzen, bevor sie zu Boden fielen und alles bedeckten, was sich nicht vor ihnen verstecken konnte. Bäume und Sträucher ächzten unter der Last des Schnees und ab und zu gab ein Ast krachend unter der weißen Pracht des Winters nach.
Ein einsamer Wanderer sammelte diese Äste ein, um sich ein Lagerfeuer zu machen. Er war müde und er fluchte leise über die Kälte. Doch er war dem Schnee auch dankbar, der ihm das Holz für sein Feuer spendete.
Als einige Augenblicke später die Flammen loderten und der Wanderer sich eine Suppe in einem kleinen Kessel kochte, kamen ihm die Gedanken an seine Flucht noch einmal in den Sinn. Fast siebenhundert Jahre hatte er in einem Käfig gelebt. Gefangen von einem Viel-Auge, musste er in einer finsteren Höhle in einem großen Käfig ausharren. Er durfte diesen Käfig nur ein einziges Mal verlassen und selbst dann waren seine Beine mit Ketten gefesselt. Ein eiserner Ring, mit seltsamen Kräften an seinem Hals, hatte zudem verhindert, dass er seine eigenen magischen Kräfte nutzen konnte. Sein Martyrium endete erst, als das Viel-Auge einen Elf fing, der zur Belustigung und als Essen dienen sollte.
Das Viel-Auge war nichts weiter als ein boshafter alter Waldschrat. Ihm wuchsen überall auf seinem haarigen Schädel kleine und große Augen. Alles, was um ihn herum geschah, konnte er sehen. Selbst wenn er schlief, waren mehrere Augen wach.
Am liebsten aß er das rohe Fleisch von Hirschen oder Wölfen. Selbst Bären und Elche verschmähte er nicht. Doch besonders gern verspeiste er junge Elfen. Wenn er einen Elf gefangen hatte, so brachte er ihn in seine Höhle. Dort stieß er ihn so lange in ein Wasserloch, bis der Elf im eisigen Wasser ertrunken war. Erst dann wollte der Schrat ihn fressen. Dieses Viel-Auge war wirklich ein besonders boshafter Waldschrat.
Doch beim letzten Elf war etwas schief gelaufen. Er tauchte im Wasserloch nicht mehr auf und der Schrat ging hungrig und wütend noch einmal auf die Jagd. Nur eine Stunde später kam er mit einem Schaf zurück. Das hielt er an den Hinterbeinen fest, als er es ertränkte. Danach fraß er die Hälfte des Tieres auf. Ein Stück vom Fleisch bekam der Gefangene im Käfig. Der Schrat sprach nicht mit ihm und er sagte auch nicht, warum er ihn im Käfig gefangen hielt.
Die Suppe war fertig und der Wanderer zog einen hölzernen Löffel aus seinem löchrigen Mantel. Vorsichtig probierte er, ob sie ihm schmeckte. Dann löffelte er langsam den Kessel leer. Dabei glitten seine Gedanken wieder zurück zu seiner Flucht. In der letzten Nacht tauchte plötzlich die Seele des Elfs aus dem Wasserloch auf und sie betrachtete den Gefangenen im Käfig. Sie zerbrach den eisernen Ring, der ihm eng um den Hals hing. Von der Magie des Ringes befreit, kehrten seine eigenen Zauberkräfte zu ihm zurück und der Gefangene konnte die Ketten von seinen Beinen streifen und das Schloss des Käfigs öffnen.
Die Seele, die wie ein weißes Abbild vor dem Gefangenen schwebte, flüsterte ihm etwas zu. »Verstecke mich, sonnst werde ich in das Seelenreich meiner Ahnen gezogen. Doch ich will noch nicht dort hin.«
Der Gefangene sah sich in der Höhle um. Neben einem Haufen alter Sachen lag ein gelber Handschuh. Er ließ die Elfenseele in ihn hinein schlüpfen. Dann steckte er den Handschuh in eine Tasche seines zerlumpten Mantels. Danach ging er zu dem Viel-Auge.
Der Schrat lag in einer Ecke der geräumigen Höhle und schnarchte. Er erwachte sofort, als er seinen Gefangenen sah. Langsam stand er auf und er versuchte, zu einer Keule zu gelangen.
»Na Sehto, hast du dich doch noch befreien können?«, sprach der Schrat. Es war das erste Mal, dass Sehto seine Stimme hörte.
Unerwartet schnell griff der Schrat zur Keule und er bedrohte seinen Gefangenen sofort. Doch Sehto war schneller. Er streckte das Viel-Auge mit einem Blitzschlag nieder. Dabei löste sich ein Auge vom Kopf des Schrates. Sehto sammelte es auf und steckte es sich in seine Manteltasche. Dann wollte er seinem Peiniger noch einmal seine Magie spüren lassen. Doch der Schrat rannte aus der Höhle und verschwand im Wald.
So sammelte Sehto auf, was er in der Höhle an brauchbaren Sachen finden konnte. Es lagen allerlei Dinge herum, die von den widerlichen Mahlzeiten des Viel-Auges übrig waren. Dann verließ auch er die Höhle.
Draußen im Freien war es unerwartet kalt. Sehto wusste nicht, dass es gerade Winter war. Doch er wollte auf keinen Fall zurück in die Höhle gehen, in der er so lange gefangen war. Also suchte er sich im Wald einen passenden Wanderstock. Dann ging er einfach los.
Nun war es Abend und er saß als freier Mann an seinem eigenen Lagerfeuer. Er aß seine Suppe, die wohl keinem anderen Wesen in dieser kalten Welt schmecken würde. Doch er fühlte sich plötzlich so gut. Nur den armen Elf bedauerte er. Langsam zog er den Handschuh aus seiner Manteltasche.
»Vorsichtig«, meckerte die Elfenseele im Handschuh los. »Wenn ich herausrutsche, so kann es passieren, dass ich in das Seelenreich meiner Ahnen hineinfahre.«
»Warum eigentlich nicht?«, fragte Sehto. »Dort hast du es bestimmt besser, als in dem Handschuh.«
»Wie bitte?!«, ereiferte sich die Seele. Dabei konnte sie das Auge zum Sehen benutzen, dass Sehto vom Schrat aufgelesen hatte. Es sah irgendwie komisch aus, aber der Handschuh konnte sogar laufen und mit dem Auge in der Handfläche blinzeln.
»Warum hast du mich überhaupt in einen gelben Handschuh gesteckt?«, wollte die Seele wissen.
»So schnell habe ich nichts anders finden können«, erklärte Sehto. »Wie heißt du überhaupt und wo kommst du her?«
»Ich?«, fragte die Seele, so als wäre sie über die Frage beinahe empört. »Ich bin Trajan und ich komme aus Bochea. Dort war in letzter Zeit ganz schön was los. Diebe und Mörder waren in der Stadt. Doch die Minitrolle und die Kobolde und die Nekromanten …«
»Was sagst du da!?«, rief Sehto aufgebracht. Sagtest du eben das Wort Nekromanten!?«
»Äh, ja. Warum auch nicht?«, fragte die Seele zurück und sie blinzelte dabei mit dem Auge.
»Ich bin der Diener der Nekromanten«, erklärte Sehto und seine Stimme klang leise und traurig. »Doch nach all der Zeit, die vergangen ist, werden mich die Nekromanten nicht mehr benötigen. Ich hätte mein Tal mit dem Baumhaus und den Kobolden niemals verlassen dürfen. Doch ich wollte unbedingt an der Schlacht teilnehmen.«
Der Handschuh hüpfte vor Aufregung auf dem Schoß von Sehto hin und her. »Meinst du etwa die Schlacht, bei der Dämonicon vor über siebenhundert Jahren von dem großen König Alfagil besiegt wurde?«, rief er so laut er konnte.
Sehto betrachtete den Handschuh und er konnte sein Erstaunen nicht verbergen. Dann nickte er, bevor er antwortete. »Ich saß bereits in diesem verfluchten Käfig, als die Schlacht stattfand, doch ich wäre gern bei dem Sieg von Alfagil dabei gewesen. Erst jetzt, nach so langer Zeit, erfahre ich von dem Triumph dieses großartigen Königs. An seiner Seite wollte ich unbedingt kämpfen. Deshalb habe ich mein Tal mit dem Baumhaus verlassen. Ich wollte mich gerade auf den Weg machen und meine Flugschale zum Fliegen vergrößern. Doch da kam dieser hässliche Schrat hinter einem dicken Baum hervor. Er hat mich überrumpelt und mit einem magischen Netz gefangen. Danach hat er mich in seinen Käfig gesperrt und so habe ich die Schlacht verpasst. Nur einmal kam ich aus dem Ding heraus. Die Gitterstäbe rosteten langsam durch und so bekam ich einen neuen Käfig. Doch wie konntest du mir helfen und den magischen Eisenring zerbrechen, der um meinen Hals hing?«
»Ich weiß es nicht genau«, antwortete Trajan. »Eine Stimme sagte mir, dass ich auftauchen sollte. Hilf dem Mann im Käfig, hat die Stimme mir gesagt. Und so habe ich den Ring zerbrochen. Doch mein Körper ist weg und ich sitze hier in einem Handschuh und sehe durch das Auge eines gemeinen Schrates.«
»Das ist bedauerlich«, meinte Sehto. »Doch jetzt sind wir hier, weil uns das Schicksal zusammengebracht hat. Morgen will ich versuchen, zu meinen früheren Herren zu kommen. Mit ein wenig Glück erinnere ich mich an den Zauberspruch, den ich für meine Flugschale brauche. Vielleicht finden wir eine Siedlung mit friedlichen Menschen oder Elfen, die uns weiter helfen können. Und du kannst mir berichten, was sich alles in den letzten siebenhundert Jahren in der Welt ereignet hat.«
Trajan erzählte Sehto von der Schlacht, so wie ihm sein Großvater von ihr erzählt hatte. Dann berichtete er von dem Kampf um die Stadt Viedana und von Vagho, der zusammen mit seiner Schwester dem Geist des Dämonicon einen Nekromantenkörper gegeben hatte. Sehto schlief am Feuer ein, als Trajan ihm von den Kämpfen im Nebelgrund berichtete. Trajan bemerkte es, und so beschloss er, den Schlaf des alten Dieners zu bewachen. Als Seele konnte er selbst ohnehin nicht gut schlafen.
Am nächsten Morgen wurde Sehto von einem Brüllen in seinem linken Ohr unsanft geweckt. Es war Trajan, der ihm ins Ohr schrie. »Wach auf, du alter Narr! Es sind Wölfe in der Nähe! Wach endlich auf!«
»Ja doch, es ist ja schon gut«, stöhnte Sehto. »Ich habe es vernommen und ich werde gleich aufstehen.«
Der alte Diener stand mühselig auf und reckte und streckte sich ausgiebig. Seine Glieder waren steif von der Kälte. In der Nacht war das Feuer fast ganz erloschen. Mit einer Handbewegung entfachte er es wieder.
»Brauchst du keinen Zauberstab, wenn du dich deiner Magie bedienst?«, fragte Trajan erstaunt.
Sehto sah lächelnd auf seine linke Schulter. Dort saß der Handschuh mit der Seele und er zwinkerte immer wieder mit dem Auge des Schrates.
»Manchmal habe ich einen Zauberstab benutzt«, antwortete der alte Diener. »Das war früher, als ich die Nekromanten traf und ihr Diener wurde. Doch ich habe meinen Zauberstab oft verloren oder verlegt. Da musste ich mich umstellen und so benutze ich seit dem meistens meine Hände. Ich bin erstaunt, dass ich nach siebenhundert Jahren noch nichts verlernt habe. Ein Feuer zu entfachen, ist gar nicht so einfach.«
Sehto sah sich um und er entdeckte das Wolfsrudel, vor dem ihn Trajan gewarnt hatte. Knurrend sahen die unbarmherzigen Jäger der Nacht den alten Mann mit seinem zerlumpten Mantel an. Das lodernde Feuer ließ sie zurückschrecken. Doch es würde nicht mehr lange dauern, bis ihr Hunger über ihre Angst siegte. Nichts konnte sie dann zurückhalten und sie würden sich auf alles stürzen, was sie fressen wollten.
»Was willst du jetzt tun?«, fragte Trajan zaghaft.
»Bleib ganz ruhig auf meiner Schulter«, flüsterte Sehto. »Das Feuer wird uns helfen. Es ist unser Verbündeter und die Wölfe wissen das.«
Langsam rückten die Wölfe vor und Sehto erkannte, was sie wirklich zum Angriff antrieb. Im Schatten der Bäume, die hinter dem Wolfsrudel standen, verbarg sich der wahre Gegner. Es war das Viel-Auge, dass mit seinen magischen Kräften die Wölfe gegen Sehto aufstachelte.
Der alte Diener streckte seine rechte Hand zum Feuer hin und ein großer Feuerball stieg langsam empor. Er wurde immer größer, und als er die ersten Baumwipfel erreichte, ließ Sehto ihn auf den Waldschrat los. Der Feuerball raste auf den Baum zu, hinter dem sich der Schrat verbarg. Mit einem lauten Knall schlug er im Baum ein und der Stamm des Baumes zerplatzte wie eine Seifenblase.
Mehr als hundert Schritte flog der Waldschrat durch die Luft, dann blieb er im Schnee benommen liegen. Die Wölfe rannten in den Wald hinein und Sehto ging zu dem Viel-Auge. Als er bei ihm ankam, versuchte der Schrat gerade, sich zu erheben. Nur mühsam kam er wieder auf die Beine.
»Dämonicon hatte recht gehabt«, sprach der Schrat mühsam zu Sehto. »Du bist wirklich ein starker Gegner.«
»Was hast du mit diesem schwarzen Prinzen zu tun?«, wollte der alte Diener wissen. Er sah den Schrat herausfordernd an und über seinen Händen schwebte ein kleiner Feuerball.
»Nicht viel«, meinte das Viel-Auge. »Ich bin mit ihm einen Monat vor der großen Schlacht einen Handel eingegangen. Ich sollte dich fangen und sicher verwahren. Der schwarze Zauberer wollte dich gleich nach der Schlacht holen. Er hatte dich im Verdacht, irgendwelche Schlüssel von ihm gestohlen zu haben. Doch ich habe keine Schlüssel bei dir gefunden und Dämonicon ist nie zu mir in die Höhle gekommen. Also habe ich gewartet.«
»Und warum hast du nicht ein einziges Mal mit mir gesprochen?«, fragte Sehto aufgebracht. »Du hättest doch mit mir darüber reden können!«
»Er hat es verboten«, antwortete der Schrat und er trat einen Schritt zurück, weil er sich vor dem Feuerball fürchtete. Der kam ihm unheimlich vor, denn er änderte immer wieder seine Farbe. Gerade jetzt leuchtete er in seiner Mitte hellblau auf.
»Ich durfte auf keinen Fall mit dir sprechen. Und wenn du mich etwas fragen würdest, so sollte ich dir nicht antworten. Dämonicon sagte mir, das könnte die Magie des eisernen Halsringes beeinflussen, den er mir für dich mitgegeben hatte.«
Sehto wurde jetzt erst richtig wütend. »Und diesen Unsinn hast du Narr ihm geglaubt!?«, brüllte er das Viel-Auge an. »Du bist ein Waldschrat! Ein Hüter von Bäumen, Sträuchern und Wiesen! Unser Schöpfer hat dich für diese Aufgabe auserwählt! Und du bist trotzdem einen Handel mit einem Träger der schwarzen Magie eingegangen! Das wird dir der Schöpfer nie vergeben!«
Verzweifelt fiel der Schrat auf seine Knie. Dann faltete er flehend seine Hände und er streckte sie Sehto entgegen. »Er hat mir das ewige Leben versprochen, wenn seine Heerscharen siegreich gewesen wären. Verstehst du mich? Das ewige Leben, das höchste Glück, das ich erlangen kann. Doch er hat die Schlacht verloren und er kam nie in meine Höhle.«
Sehto sah die Verzweiflung und die Tränen, die aus den vielen Augen des Waldschrates kullerten. »Warum hast du mich so lange in deinem Käfig gefangen gehalten?«, fragte er mit brüchiger Stimme.
»In den ersten hundert Jahren habe ich einfach nur abgewartet, ob er oder einer seiner Diener kommen würde,« antwortete der Schrat. »Doch dann wurde mir klar, dass er mich vergessen hatte. Und da war noch meine Angst. Ich konnte sie nicht überwinden und so habe ich mich immer weiter an den Handel gehalten. Als ich hörte, dass er wieder da sei, da war ich voller Hoffnung. Doch er hatte mich noch immer vergessen und ich glaubte nicht mehr an den Handel, den ich vor so vielen Jahren mit ihm abgeschlossen hatte.«
Kopfschüttelnd kam der alte Diener dem Schrat einen Schritt näher. Er sah ihn an und eine Frage wollte ihm gerade über die Lippen kommen. Doch da flüsterte ihm Trajan etwas ins Ohr. »Vorsichtig, er ist hinterlistig. Seine linke Hand ist hinter seinem Rücken.«
Mit einer Schnelligkeit, die ihm bei seiner Größe niemand zutrauen würde, sprang der Schrat auf. Er schwang ein großes magisches Netz hoch über seinen Kopf. Mit diesem Netz konnte er Sehto sofort wieder einfangen. Doch der Feuerball war schneller. Er durchschlug die Brust des Waldschrates. Dabei wurde er gegen den nächsten Baum geschleudert. Zunächst sah es so aus, als ob der Schrat mit seinem Netz vor dem Baum stehen bleiben würde. Doch dann fiel er wieder auf seine Knie. Kein Laut kam über seine Lippen, als er mit dem Gesicht in den Schnee fiel. Sehto nahm den Handschuh in beide Hände und ging zum Feuer zurück.
»Ich würde dir jetzt bestimmt einen dicken Kuss auf deine Stirn drücken, wenn du leibhaftig mit deinem Körper vor mir stehen würdest«, flüsterte der alte Diener Trajan zu.
»Igitt!«, rief die Seele im Handschuh empört. »Dieses Abschlecken konnte ich selbst zu meinen Lebzeiten nie ausstehen! Da bleibe ich lieber in dem Handschuh.«
Sehto lächelte, als er Trajans Worte hörte. Er drehte sich noch einmal um und sah zu dem toten Waldschrat. Die Wölfe waren bereits in seiner Nähe. Es würde nicht mehr lange dauern und sie holten sich, was ihnen das Viel-Auge noch zu bieten hatte.
Seine alte Flugschale hatte Sehto in der Höhle des Waldschrates nicht wiederfinden können. Doch es war für ihn nicht schwer, sich mit etwas anderem zu begnügen. Der Kessel, in dem am Abend zuvor die Suppe kochte, war leicht zu vergrößern. Doch er wurde dadurch auch sehr schwerfällig. Sehto stieg in den Kessel hinein, nachdem er ihn so vergrößert hatte, dass er bequem hineinpasste.
Es sah schon ein wenig merkwürdig aus, als sich dieses unförmige Fluggerät langsam in die Luft erhob und Sehto es über die Wipfel des Waldes steuerte. Den Handschuh hatte er wieder auf seiner linken Schulter sitzen. Trajan wollte sich unbedingt den Wald von oben ansehen.
Mehr als drei Stunden irrte der Kessel mit seiner seltsamen Fracht im langsamen Flug über den Wipfeln der Bäume umher. Glücklicherweise schneite es nicht und so war die Sicht recht gut.
Trajan entdeckte zuerst eine dünne Rauchfahne, die sich weit entfernt zum Himmel erhob. Hoffentlich war dort jemand, der dem alten Diener und der Elfenseele helfen konnte. Weder Sehto noch Trajan wussten, wo sie sich befanden.
»Bestimmt sind es Menschen oder Elfen, die sich an einem Feuer wärmen und uns freundlich gesinnt sein werden«, flüsterte Trajan Sehto ins Ohr. »Es können aber auch Riesen sein, oder Zwerge, die auf der Jagd sind.«
Als sie sich mit ihrem Kessel dem Feuer näherten, erkannten sie, dass sich eine kleine Gruppe Elfen und sieben kleine Kobolde um eine große eiserne Schale scharrten. Sie schienen den fliegenden Kessel erst zu bemerken, als er nur noch hundert Schritte entfernt war und dicht über den Boden schwebte.
Albanarius war der Erste, der die Fracht des Kessels erkannte. »Das kann doch nicht wahr sein«, flüsterte er vor sich hin. Dann rannte er auf den Kessel zu, als dieser wenige Schritte vor ihm zur Landung ansetzte.
Orbin stellte sich neben seine Schwester und zeigte mit seinem Zauberstab zu dem Kessel. »Wenn mich meine Augen nicht belügen, so ist gerade Sehto zu uns zurückgekehrt«, erklärte er der Königin.
Artur und der Bergboss sahen sich kurz an, als sie Orbins Worte hörten. Dann sahen sie zu, wie sich Albanarius und Sehto um den Hals fielen. Vor Freude rollten ihnen die Tränen in den Bart des Nekromanten. Es dauerte einen Augenblick, bis sich die beiden Freunde voneinander lösen konnten.
Dann wurden Sehto und sein kleiner Freund im Handschuh von allen Freunden begrüßt und begutachtet. Selbst den Kessel schauten sie sich aufmerksam an. Cylor klopfte sogar an die Wand des seltsamen Fluggerätes. »Das Ding ist eine solide Schmiedearbeit«, stellte der Nekromant anerkennend fest.
Albanarius redete vor lauter Freude ununterbrochen auf Sehto ein, sodass ihn Theodora mit einem strengen Blick ermahnen musste. »Lass den armen Mann doch erstmal richtig Luft holen!«, unterbrach sie den Redeschwall des Nekromanten. »Er wird uns bestimmt so einiges zu berichten haben.«
»Oh ja, natürlich«, antwortete Albanarius etwas leiser. »Es ist nur die Freude, die mich überwältigt hat.«
Sofort zauberte Albanarius seine große Tafel und einen Haufen Stühle herbei. Bei der eisigen Kälte dampften die Speisen und Getränke besonders stark.
»Dieses Zauberkunststück wirst du wohl nie verlernen«, meinte Sehto, als er sich lächelnd an die Tafel setzen wollte.
Artur war jedoch dagegen, denn er stellte sich auf Sehtos Stuhl. »Einen kleinen Augenblick Geduld noch«, rief er dem alten Diener zu. Dann schwenkte er seinen Zauberstab hin und her. Dabei sprach er einen Zauberspruch aus, den seine Brüder nur zu gut kannten. Im nächsten Augenblick war Sehtos zerlumpte Kleidung verschwunden und der alte Diener stand frisch gewaschen in neuen Wintersachen vor dem Kobold.
Zufrieden stieg Artur vom Stuhl herunter und Sehto betrachtete sich. Der leuchtend gelbe Mantel und der dicke Pelzkragen gaben ihm das Gefühl, endgültig bei seinen Freunden angekommen zu sein. Sogar die neuen Stiefel passten, ohne zu drücken.
Trajan sprang mit dem Handschuh auf den Tisch. Dann schimpfte er aufgeregt los. »Und was ist mit mir? Ich würde auch gern etwas essen. Doch ich kann nicht. Ich bin ja nur noch eine Seele. Kann mir niemand von euch helfen? Ich bin doch aus Bochea. Und ich habe Sehtos eisernen Bann gebrochen. Das muss doch für euch etwas wert sein.«
Noch ehe jemand dem armen Trajan antworten konnte, hörten alle ein leises Zischen. Es war nur für einen kurzen Moment zu hören und der Elfenkrieger Gordal wollte schnell den Handschuh vom Tisch nehmen. Doch er war nicht schnell genug. Es war der Hauptmann der Minitrolle, der mitten auf dem Tisch landete und den Handschuh zu packen bekam.
»Pass doch auf, du Grobian!«, brüllte Trajan los. »Beinah hättest du mein Auge in die heiße Soße getaucht!«
»Oh Schreck!«, rief der Hauptmann, als er bemerkte, was er da in seinen Händen hielt. »Ein sprechender Handschuh. Und ein Auge hat er auch noch. So etwas habe ich noch nie gefangen.«
Trajan schimpfte sofort wieder los und drei andere Minitrolle, die ebenfalls auf dem Tisch gelandet waren, fingen an zu kichern. Der Hauptmann setzte den Handschuh behutsam auf den Tisch ab und betrachtete ihn genauer.
»Das ist mein Freund Trajan«, erklärte Sehto. »Er hat mich befreit und er steht unter meinen Schutz.«
»Ach was. Und wer bist du?«, fragte Barbaron, der sich ebenfalls den Handschuh ansehen wollte.
Sehto stellte sich kurz vor und erklärte dann, dass er eine Möglichkeit suchte, das Schicksal von Trajan zu ändern. Barbaron wollte eigentlich Theodora berichten, dass sie die Lichtmagierin Flavia gefunden hatten und das sie bereits auf dem Weg zum Feuertempel der Erz-Elfen sei. Doch das überließ er Nummer Sieben und Nummer Neun. Er ließ sich lieber berichten, wie Trajans Seele in den Handschuh kam. Danach befragte er sofort seinen Kompass nach dem Verbleib von Trajans Körper. Irgendwo musste er ja sein.
Theodora hatte Nummer Sieben und Nummer Neun einfach rechts und links auf ihre Schultern verteilt. Dann sah sie Barbaron zu, wie er seinen Trollkompass beschwor. Als der kleine König aller Minitrolle plötzlich in der Luft schwebte und nach Osten zeigte, verstummte auch der letzte Minitroll.
»Zwölf Meilen in dieser Richtung fließt ein Bach!«, rief er aufgebracht. »Er entspringt einer unterirdischen Quelle. Und genau dort, wo er an die Oberfläche kommt, hat sich Trajans Körper am Ast eines großen Strauches verfangen!«
Es war, als hätte Barbaron zu einem Wettrennen aufgefordert. Plötzlich stand er mit Sehto und dem Handschuh allein in der alten Schmiede zwischen den steinernen Säulen der Erz-Elfen.
Eine der Säulen bewegte sich und der Kopf von Trond, dem Fürsten der Schmiede, wurde sichtbar. »Keine Angst«, erklärte Barbaron sofort. »Wir haben euch nicht vergessen. Die Hilfe ist unterwegs. Ihr werdet staunen, wie hübsch die Lichtmagierin ist.«
Eine zweite Säule bewegte sich. Es war Norger, der Bruder von Trond. »Uns ist egal, ob sie hübsch oder hässlich ist«, sprach Norger mit tiefer Stimme. »Sie kann auch dick sein und einen Buckel haben. Die Hauptsache ist doch, sie kann uns helfen.«
»Na ja, du hast ja recht«, meinte Barbaron, während er sich ein Stück vom Schweinebraten abschnitt. »Doch hübsch ist besser. Da hat man mehr zum Staunen. Und wie heißt es doch so schön? Das Auge isst mit.«
»Hoffentlich verschlucken sich deine Augen nicht«, antwortete Norger.
Es dauerte nicht lange und die ersten Minitrolle trafen wieder in der Schmiede ein. Sie berichteten aufgeregt, dass Trajans Körper von ihnen gefunden wurde und das ihn Theodora selbst herbringen wollte.
Als die Königin neben Albanarius großer Tafel landete, schob Sehto einige der Speisen zur Seite. Er half Theodora, den leblosen Körper von Trajan auf die Tafel zu legen. Aufgeregt zappelte der Handschuh mit der Seele auf der Schulter von Sehto hin und her.
Die anderen Freunde kamen nach und nach angeflogen. Cylor hatte Gordal auf seiner Flugschale mitgenommen und sie landeten erst, als alle anderen schon zurück waren. »Albanarius sollte dir ein Flugamulett anfertigen«, sprach Cylor zu dem Elfenkrieger. »Dann kannst du selbst mit einer Flugschale fliegen.«
»Ich würde einen Kriegsschild zum Fliegen bevorzugen«, meinte Gordal. »Eine Flugschale ist etwas für euch Nekromanten und für die Kobolde.«
Sie sahen beide zu Theodora und zu Albanarius. »Wie immer, so ist auch dieses Mal Eile nötig«, sprach die Königin zu dem Nekromanten. »Er muss so schnell wie möglich zum Tor von Dragon-Gorum gelangen. Nur das Gesicht des Tores vermag Trajans Seele mit seinem Körper zu verbinden. Und ich möchte unbedingt, dass es heute noch geschieht. Dieser Elf gehört zu den Kriegern des Fürsten Silberhand.«
Albanarius drehte sich um. Er sah zu Cylor und Gordal. »Ihr habt es gehört. Ihr werdet die Seele und den Körper von Trajan zum Tor von Dragon-Gorum bringen. Bittet das Gesicht im Tor um Hilfe. Ich bin mir sicher, dass es sich nicht weigern wird. Und damit alles gelingt, wird Gordal ein Flugamulett bekommen. Er wird unterwegs lernen müssen, wie er damit umgehen muss.«
In dicke Wolfspelze gehüllt, saß Gordal eine halbe Stunde später auf einem fliegenden Kriegsschild. Cylor hatte den Körper von Trajan auf seiner Flugschale liegen. Sie waren beide so gut in Pelze verpackt worden, dass der Nekromant beinah zu schwitzen begann. Den Handschuh mit der Seele hatte er auch bei sich. Als sie davon flogen, sahen ihnen die Freunde nach.
»Jetzt können wir uns endlich um die Erz-Elfen kümmern«, erklärte Barbaron Theodora, als er wieder auf ihrer linken Schulter saß. »Die haben lange genug gewartet und Flavia hat mir versprochen, dass sie so schnell wie möglich kommen wird.«
»Du kannst ja deinen Kompass befragen«, flüsterte ihm die Königin ins Ohr.
»Das ist eine glänzende Idee«, antwortete der kleine König begeistert. Er zog den Kompass aus seinem Zauberbeutel und sofort waren die Blicke aller Freunde auf ihn gerichtet.
Die Magie des Lichtes
Als sich einen Tag später eine kleine fliegende Gruppe der alten Schmiede näherte, hatten sich dort bereits zahlreiche Freunde eingefunden. Nicht nur die Minitrolle waren da, auch Urgos und der Drachenjunge hatten sich auf den Weg gemacht.
Theodora staunte, als sie Tabor erblickte, der geschickt und wendig nach Urgos Landung vom Drachenkönig kletterte. Sie hatte nicht erwartet, dass der Junge schon so groß war. Doch für eine ausführliche Begrüßung war keine Zeit, denn Flavia und Aella setzten fast gleichzeitig zur Landung an. Flavia flog auf einem goldenen Kriegsschild, das sofort verschwand, als es den Schnee berührte. Aella benutzte ebenfalls einen Schild. Sie ließ ihn über dem Schnee schweben und sprang einfach herunter. Dann verschwand auch ihr Schild.
Danach kamen die drei Nekromanten Bärhand, Wolfshand und Luchshand. Sie landeten gleichzeitig und sie lösten sofort bei den bereits ungeduldig wartenden vier Zirkelmagiern einen wahren Jubel aus. Alle sieben Magier waren endlich wieder vereint und sie hatten sogar ihren alten Diener in ihrer Mitte.
Snobby wurde von seinen Brüdern freudig begrüßt, nachdem er etwas unsanft im Schnee landete.
Telos war der letzte Gast, der von den Freunden erwartet wurde. Er ließ sich mit seiner Landung ein wenig Zeit. Erst nachdem er noch eine große Runde gedreht hatte, setzte er mit seinem Schild neben seiner Schwester auf.
Die Begrüßungen und Umarmungen fielen etwas kurz aus. Das ärgerte besonders den kleinen König aller Minitrolle. Doch selbst er konnte nicht verhindern, dass eine weitere Erschütterung der alten Schmiede jeden seiner Freunde zur Eile mahnte.
Jabo, der Sohn von Albanarius, war mit Tabor und Urgos eine Wette eingegangen. Er hatte behauptet, schneller bei der Schmiede anzukommen. Und diese Wette hatte er gewonnen. Die Zeit, die er dadurch gewann, hatte er genutzt, um sich die Bergwerksstollen unter der Schmiede anzusehen. Barbaron und sein Hauptmann hatten ihm dabei geholfen. Was sie zu berichten hatten, war überaus beunruhigend.
»Nach dem wir den Eingang zum Bergwerk gefunden hatten, mussten wir uns den Weg freiräumen«, erklärte Jabo. »Ohne Barbarons Kristall wäre das nicht so leicht gewesen. Das Bergwerk teilt sich in viele Gänge und kleinere Stollen auf. Bei einigen dieser Stollen wurden die Sicherungsstützen nicht aufgestellt. Aus irgendeinem Grund wurde die Arbeit nicht beendet. Bestimmt war der Streit zwischen dem König Widugar und dem Fürsten Trond der Anlass für das Ende der Stollensicherung. Das Wasser, das überall durch das Bergwerk fließt, hat einige Stützen umgerissen.«
»Es gibt auch eine gute Nachricht«, erklärte Barbaron weiter. »Im Bergwerk gibt es keinen versteinerten Erz-Elfen und die Stützen, die direkt unter der Schmiede sind, halten noch eine Weile. Sie bestehen aus soliden Eichenstämmen und sie sind noch nicht morsch. Doch wir müssen uns trotzdem beeilen. Irgendwann wird der Boden unter den Stützen wegen des Wassers nachgeben. Unsere Lichtmagierin sollte sich für die Erlösung der Erz-Elfen bereit machen.«
»Und wie soll ich das anstellen?«, fragte Flavia etwas zaghaft. Sie sah zu den Säulen, die sich bewegten. Bei einigen von ihnen waren die Gesichter der Erz-Elfen gut zu erkennen.
»Du hast ein Juwel bei dir«, sprach Trond mit leiser Stimme. Doch er war trotzdem so laut, dass jeder ihn deutlich hören konnte. »Halte es vor dich hin und bete für uns. Nur wenn der Schöpfer es will, werden wir erlöst. Du wirst seine Antwort erkennen, denn dein Kristall ist die Verbindung zwischen dir und ihm. Sei ohne Furcht und flehe ihn an.«
Flavia sah zu Trond und dann zu Theodora. Die Königin nickte ihr aufmunternd zu und die junge Elfenprinzessin begriff, dass sie als Lichtmagierin eine schwere Aufgabe erhalten hatte.
Die Kobolde verteilten ihre Wolfsfelle so im Schnee, dass jeder eines vor sich liegen hatte. Selbst die Minitrolle gingen nicht leer aus.
Urgos flüsterte Flavia das Gebet zu, dass sie aufsagen sollte. »Oh du mein Schöpfer. Ich bin deine getreue Dienerin. Du bist der Herr dieser Welt und ich rufe dich. Vergib den Schmieden der Erz-Elfen, die ihrem König die Gefolgschaft verweigerten. Löse den Bannfluch, auf dass sie dir wieder dienen können. Nimm von ihnen die Schmach und die Schande, sodass sie ihre Schmiede wieder errichten und ihr Tagwerk vollbringen können.«
Flavia kniete auf dem Wolfsfell nieder, das vor ihr lag. Sie sprach drei Mal das Gebet und selbst der kleinste Minitroll kniete nieder und betete mit ihr zum Schöpfer.
Ein Raunen durchdrang die Luft und ein Wirbel aus Schneeflocken und Licht erhob sich. Er hüllte die alte Schmiede so dicht ein, dass niemand mehr die Hand vor den Augen sehen konnte. Dann erstrahlte der gesamte Ort im hellen Schein von Flavias Lichtkristall. Obwohl die Lichtmagierin ihre Augen geschlossen hielt, blendete sie das Licht. Erst als es langsam erlosch, wagte sie, ihre Augen wieder zu öffnen.
Die alte Schmiede stand wieder in voller Größe an ihrem Platz, so als wäre sie niemals durch die Zeit, und durch Wind und Wetter zerstört worden. Mehr als ein Dutzend Schmiede standen in ihrer Werkstatt und ringsherum standen ihre Familien vor ihren Häusern. Der Ort hatte sich völlig verändert und die Freunde stauten. Sie erkannten die Macht des Schöpfers und sie wussten, dass sie richtig gehandelt hatten.
Trond und Norger gingen auf Flavia zu. Sie erhob sich von dem Wolfsfell, doch sie konnte nichts sagen.
»Du hast uns mit deinem Gebet erlöst«, sprach Trond sie an. »Wir stehen tief in deiner Schuld, so wie wir tief in der Schuld des Schöpfers stehen.«
Norger beugte sich zu der viel kleineren Flavia herunter. Lächelnd sprach er weiter. »Sag uns, was wir für dich und deine Freunde tun können. Was immer in unserer Macht steht, dass wollen wir vollbringen.«
Verunsichert schaute die Lichtmagierin in Norgers Gesicht und dann zu Trond.
»Ich weiß es nicht genau«, erwiderte sie zögernd. »Auf der Insel Selan haben die Obinarer und die Dragolianer das Joch des Dämonicon abgeschüttelt. Doch ich bin mir sicher, dass der schwarze Zauberer sich damit nicht abfinden wird. Bestimmt will er die Herrschaft über die Insel zurückgewinnen. Die Krieger der Insel könnten bessere Waffen und Rüstungen gut gebrauchen.«
»Das ist eine hervorragende Idee«, mischte sich Barbaron ein. Er schwebte plötzlich zwischen den beiden Schmieden und der Elfenprinzessin. »Die Kobolde und die Nekromanten vervielfachen mit ihren Zauberkräften eure Vorräte an Erz und Kohle und an all den anderen Dingen, die ihr sonnst noch braucht. Wir Minitrolle bringen Stück für Stück alles auf die Insel. Und wenn der blöde Dämonicon erscheint, sind seine ehemaligen Untertanen bis an die Zähne bewaffnet und kampfbereit.«
Mit erstaunen sahen die Freunde, wie Trond den Worten des kleinen Königs zustimmte. »So wie du es gesagt hast, so soll es getan werden, mein kleiner fliegender Freund.«
Der Fürst wollte sich sofort an die Arbeit machen, doch Urgos mischte sich jetzt ein. »Wir können noch mehr tun«, sprach er so leise er konnte. Trotzdem erklang seine Stimme wie ein entfernter Donnerhall. »Ich werde mein Volk zur Drachenwiege rufen und dann sehen wir uns diese Insel Selan an.«
Als Trond dem Drachen zustimmte, kletterte Tabor auf Urgos Rücken und der Drachenkönig erhob sich sofort in die Luft.
Barbaron saß wieder auf Theodoras linker Schulter. »Ist er nicht zum Knutschen, unser Freund Urgos?«, flüsterte er mit einem honigsüßen Lächeln der Feenkönigin ins Ohr.
Die Königin hatte plötzlich sichtlich Mühe, sich zu beherrschen. Am liebsten hätte sie laut losgelacht, doch das wollte sie nicht. Sie drehte sich um und sah zu den Erz-Elfen. Norger hatte einen Hammer und ein großes Stück Eisen in seinen Händen. Trond arbeitete mit zwei seiner Gesellen am Schmelzofen. Jeder Mann und jede Frau in der Schmiede hatte etwas zu tun.
»Du hörst jetzt auf mit deinen vorlauten Sprüchen«, zischte Theodora Barbaron zu. »Befrage lieber deinen Kompass. Ich will wissen, was Dämonicon vorhat. Der gibt sich bestimmt noch nicht geschlagen.«
Barbaron sprang auf eines der Wolfsfelle, die noch immer auf dem Schnee lagen. Dann zog er seinen Kompass aus seinem Zauberbeutel. Sofort umringte ihn sein Volk. Selbst der kleinste Minitroll wollte jetzt wissen, was sein König dem Kompass für ein Geheimnis entlocken würde.
Barbaron beschwor den Trollkompass und er befragte ihn nach Dämonicon. »Ach du meine Güte«, fluchte der kleine König aller Minitrolle los. »Was zum Kuckuck noch mal ist denn ein Seelenfinder? Der Kerl will wohl ein Heer aus Geistern aufstellen. Er lässt allerhand Dinge im Bluthort der Schattenalps zusammentragen.«
»Was sind das für Dinge?«, fragte Bärhand, als er sich neben dem kleinen König auf das Wolfsfell setzte. Ihn beschlich ein finsterer Verdacht. »Befrage den Kompass weiter. Wir müssen es wissen, denn es ist bestimmt sehr wichtig für uns.«
»Es sind sogenannte magische Ingredienzien«, erklärte Barbaron. »Feinste Pulver aus verschiedenen Steinen, Erzen und Holzkohle sind dabei. Dazu kommen Goldpulver, Wasser und ein schwarzer Altar.«
»Das kann man alles für die Herstellung von Nekromantenkörpern verwenden«, sprach Bärhand und seine Stimme wurde bei seinen Worten immer leiser.
»Wie groß sind die Mengen der Ingredienzien, die Dämonicon zusammentragen lässt?«, wollte Albanarius wissen.
Barbaron drehte sich zu ihm um und sah ihn erschrocken an. »Es sind viele Fässer und Säcke. Der schwarze Prinz bereitet alles für die Erschaffung eines Nekromantenheeres vor.«
»Nein, das werden keine Nekromanten«, erklärte Artur laut und alle Freunde sahen ihn an. »Ein einfacher Nekromant ist zu leicht zu besiegen. Dämonicon will etwas anderes erschaffen. Was er braucht, das sind wirklich starke Krieger, die für ihn siegen können. Vaghos Schattenalp werden ihm nicht stark genug sein. Er wird die Krieger eines Volkes ins Leben zurückrufen, das schon längst vergessen ist.«
»Welches Volk meist du?«, fragte Theodora. »Doch nicht etwa diese Bärenmenschen, die Urtaren? Das wäre eine Katastrophe.«
Artur sah, wie die Feenkönigin noch weißer wurde, als sie sonnst schon war. »Genau dieses alte Volk meine ich«, erklärte er.
»Zumindest hat er die Seele eines großen Kriegsherrn gerufen«, verkündete der kleine König. »Hat jemand schon mal was von einem Moragh gehört? Der soll einst ein großer König gewesen sein.«
»Oh ja, das haben wir«, sprach Albanarius. »Er war einst ein Verbündeter des letzten Königs der Erz-Elfen. Albaron war sein Name und er führte vor langer Zeit einen erbitterten Krieg gegen seinen Bruder Leanderich. Als es zur Entscheidungsschlacht kam, sollte Moragh Albaron helfen. Doch der König der Urtaren verriet ihn. Nachdem sich die Heere der Erz-Elfen gegenseitig fast völlig vernichtet hatten, ließ Moragh alles abschlachten, was er an Erz-Elfen finden konnte. Dann plünderte er die Schatzkammern von Silvergard. Doch dabei muss etwas schief gegangen sein. Außerdem hatte Moragh sich die schwarze Fürstin Monga zum Feind gemacht, als er sich mit Albaron gegen sie verbündete. Die Helusen aus Ategared waren auch dabei. So nannte man in alter Zeit die Halbriesen. Es war ein merkwürdiger Bund, dem auch Brando, der letzte König der Halbriesen beitrat. Sie sorgten dafür, dass Monga für lange Zeit verschwand. Doch sie kehrte ab und zu als schwarzer Geist zurück. Das muss Moragh im Augenblick seines größten Sieges zum Verhängnis geworden sein. Das Gold der Erz-Elfen von Silvergard soll ihn in den Wahnsinn getrieben haben.«
»Ich war ebenfalls ein Teil dieses Bundes«, fügte Aurelia hinzu. »Ich habe sie damals im Kampf besiegt. Sie dachte, dass sie mit der Hilfe des schwarzen Brunnens von Dragon-Gorum über uns siegen würde. Doch die Macht der weißen Magie war stärker. Den Körper, den sie jetzt besitzt, den hat sie bestimmt von ihrem Sohn Dämonicon bekommen.«
»Und damit wären wir auch schon bei der nächsten Frage«, erklärte Ohle. Das Licht seiner Laterne leuchtete bei seinen Worten auf und er streichelte sie, als wäre sie ein geliebter Freund. »Zu was braucht der schwarze Prinz einen Altar? Dafür gibt es doch nur zwei Erklärungen. Er will bestimmt, dass seine Mutter ihm das Gift herstellt, dass die Urtaren in Wehralps verwandeln kann. Und er wird diese Wehralps mit der Hilfe eines schwarzen Portals nach Selan schicken. Nur ein ebenso schwarzer Altar kann so ein Portal lange genug offen halten. Die Obinarer und die Dragolianer auf der Insel würden gegen einen übermächtigen Feind kämpfen müssen. Die Waffen der Erz-Elfen würden ihnen nicht lange helfen. Was sie brauchen, das ist ein wirksamer Schutz gegen Mongas Gift.«
»Wir sollten versuchen, den Bluthort so schnell wie möglich zu vernichten!«, rief Telos aufgebracht und seine Schwester stimmte ihm sofort zu.
»Das ist nicht so schnell möglich«, erklärte Barbaron. »Der Bluthort liegt gut geschützt unter einem starken Schutzbann. Dämonicon hat ihn vor wenigen Augenblicken errichtet. Der Kerl ist nicht dumm. Er hat den Schutzbann so beschworen, dass wir den Bluthort nur dann finden können, wenn wir direkt vor ihm stehen.«
»Von solchen Dingen versteht der schwarze Prinz etwas«, meinte Ohle. »Nicht umsonst konnte sich der Bann von Selan so lange halten. Wir konnten die Insel nicht finden und somit war die Quelle der schwarzen Magie immer geschützt. Deshalb konnte er warten, denn er hatte ja viel Zeit. Doch jetzt muss er handeln und ich kann wittern, dass er uns schon bald eine Kostprobe seiner Macht geben wird.«
Selbst die Erz-Elfen in der Schmiede hörten aufmerksam den Worten von Ohle zu. Als sie verklungen waren, schwangen sie ihre Hämmer und das glühende Eisen formte sich zu Schwertern und Rüstungen für die Krieger von Selan. Trond sah Norger an und sie wussten beide, dass sie keine Worte brauchten. Jetzt konnten sie ihren neuen Freunden helfen und ihre Seelen flogen nicht mehr durch die Lüfte. Niemals mehr mussten sie hilflos zusehen. Und wenn eines Tages die Zeit gekommen war, so würden auch sie mit dem Schwert in der Hand kämpfen. Da waren sie sich absolut sicher.
Die Rückkehr der Halbriesen
Monga war geradezu entzückt, als sie sah, dass der Bluthort sogar aus der Nähe nicht zu sehen war. Selbst der Schneefall verriet nicht, wo sich die alte Festung befand. Von den neuesten Plänen ihres Sohnes war sie dagegen weniger entzückt. Dass ausgerechnet die Urtaren wieder auferstehen sollten, das passte ihr nicht wirklich.
Im Bluthort war überall ein geschäftiges Treiben zu sehen. Vaghos Krieger schleppten Kisten, Säcke und Fässer in den großen Festungshof. Dort wurden die Steine aus dem Boden gestemmt, die vorher als Hofpflaster dienten. Dann gruben die Krieger drei Dutzend Gruben in den gefrorenen Boden. Sie legten diese Gruben mit Tüchern aus und schütteten, nach genauen Anweisungen von Dämonicons neuem Magier Laygon, die Ingredienzen hinein.
Überall zog ein übler Geruch durch die alte Festung. Monga und Vagho sahen sich das Spektakel von einem der oberen Wehrgänge an. Dort roch es nicht so stark nach den Zutaten.
Als die Gruben gefüllt waren, erklärte Dämonicon dem Magier den Gebrauch des Seelenfinders. Laygon erwies sich dabei als überaus gelehrig. Schnell verstand er, wie er mit dem Seelenfinder die richtigen Seelen herbeirufen konnte.
»Hol dir zuerst die Seele des Königs Moragh. Sein Sohn Arran wird ihm folgen und mit ihm alle Kriegerseelen«, sprach der schwarze Prinz zu dem Magier.
»Oh ja, so werde ich es machen«, antwortete Laygon. »Wenn wir erstmal den König der Urtaren haben, so haben wir das gesamte Volk. Sie werden ihm folgen, wie die Bienen dem Honig.«
Laygon rief mit der Hilfe des Seelenfinders die Seele von König Moragh herbei. Das war noch recht leicht, doch der Magier musste Moragh zum Bleiben überreden. Wie ein blasser Nebelschleier schwebte die Seele des Königs vor dem Magier und dem schwarzen Prinzen.
»Was wollt ihr von mir?«, fragte die Seele. »Ich will nicht von euch gestört werden. Also lasst mich gehen.«
»Das können wir nicht«, entgegnete Laygon. »Wir brauchen deine Hilfe. Und deshalb machen wir dir ein Angebot, das du nicht ausschlagen solltest.«
»Was für ein Angebot soll das sein?«, fragte die Seele.
Dämonicon trat einen Schritt auf Moraghs Seele zu. »Wir bieten dir und deinem Volk die Rückkehr in unsere Welt an«, sprach er mit leiser Stimme. Trotzdem erzitterten die Mauern des Bluthortes. »Du kannst an unserer Seite kämpfen und du wirst erneut als König der Urtaren den Kriegsschrecken in die Welt tragen, für den dein Volk einst gefürchtet war.«
Soweit es zu erkennen war, schüttelte Moragh den Kopf. »Nein, das ist längst vorbei«, gab er zur Antwort. »Mein Volk hat in dieser Welt nichts mehr verloren. Wir haben den Preis für unsere Taten bezahlt und unsere Seelen bleiben, wo immer sie sind.«
Die Seele verschwand und Dämonicon sah den Magier wütend an. »Das ist nicht das Ergebnis, das ich wollte«, knurrte der schwarze Prinz.
»Da gibt es noch eine zweite Möglichkeit«, erklärte Laygon schnell. »Die Halbriesen sind ebenfalls gute Kämpfer. Sie sind größer und stärker als die Urtaren. Und wir haben bei ihnen einen Vorteil.«
»Ach was?«, fragte Dämonicon sofort. »Einen Vorteil haben wir bei ihnen? Und welcher Vorteil soll das sein?«
Laygon räusperte sich etwas verlegen. »Nun ja«, begann er zu antworten. »Sie sind erheblich dümmer, als die Urtaren.«
»Das ist ja nicht zu fassen!«, ereiferte sich Dämonicon. »Was soll ich den mit Kriegern anfangen, die beinah so blöd wie die roten Kriegstrolle sind!?«
Die Mauern des Bluthortes erzitterten erneut und Laygon ging vorsichtshalber einen Schritt zurück. »Ich weiß, dass die Halbriesen nicht sehr schlau sind. Doch vielleicht kann man sie deshalb besser lenken und leiten. Außerdem werden aus ihnen sowieso Wehralps entstehen, sobald sie auf der Insel sind. Dann kann uns ihre Dummheit doch egal sein. Für das Gift, das nur die Fürstin Monga brauen kann, habe ich alle Zutaten bereits zusammentragen lassen. Sieben Wagenladungen sind es insgesamt.«
Dämonicon sah den Magier in die Augen. »Hm, na ja, da ist was dran«, meinte er nachdenklich. »Doch für diese Halbriesen brauchen wir größere Gruben.«
Laygon kümmerte sich um die Gruben und die Zutaten und Monga sah zusammen mit Vagho vom Wehrgang dem munteren Treiben zu. Dämonicon ließ sich einen großen Stuhl bringen, der sein Gewicht aushalten konnte. Von einer Ecke des Festungshofes sah er ebenfalls den Kriegern zu.
Als alle Arbeiten erledigt waren, kam Laygon mit dem Seelenfinder auf den schwarzen Prinzen zu. »Jetzt werden wir gleich wissen, was unsere Mühen wert sind«, sprach er zu Dämonicon. »Ich bin mir sicher, dass Brando, der König der Halbriesen, leichter zu überzeugen ist.«
Der schwarze Prinz war erstaunt, wie leicht sein Magier die Seele von Brando rufen konnte. Sie war deutlicher zu sehen, als die Seele von Moragh. Und sie war dunkelgrau. Dämonicon stand von seinem Stuhl auf und betrachtete sie.
Laygon lächelte, als er erkannte, das Brando sich ihm zuwendete. »Du hast mich gerufen?«, fragte die Seele.
»Ja, das habe ich«, antwortete Laygon und er spürte sofort, dass Brandos Seele anders war, als die von Moragh. »Ich habe dich gerufen, weil wir dir ein Angebot machen wollen, dass du nicht ausschlagen solltest.«
»Ein Angebot?«, fragte die Seele weiter. »Was könnt ihr mir anbieten?«
»Es ist das Wertvollste, was wir dir geben können«, erklärte Laygon. »Du erhältst von uns die Gelegenheit, in unsere Welt zurückzukehren.«
»Ich kann zurückkehren?«, fragte Brando erstaunt. »Und was ist mit meinem Volk? Das kann ich doch nicht allein lassen?«
Dämonicon mischte sich jetzt ein. »Du würdest gern zurück in unsere Welt kommen?«, fragte er die Seele.
»Oh ja, das würde ich zu gern. Ich kann aber mein Volk nicht im Stich lassen.«, Brando wirkte irgendwie traurig bei seinen Worten. Er sah abwechselnd zu Dämonicon und zu Laygon.
»Ich glaube, wir können dir und deinem Volk helfen«, sprach der Magier. »Doch wir brauchen auch etwas von dir.«
»Ich verstehe euch«, erwiderte die Seele. »Ihr wollt mit mir einen Handel machen.« Brando sah den schwarzen Prinzen und seinen Magier unschlüssig an. »Was soll das für ein Handel sein?«, wollte er schließlich wissen.
Laygon schaute grinsend zu Dämonicon. Der schwarze Prinz bemerkte es und er erklärte deshalb Brando sofort, was er von ihm wollte. »Wir holen dich und dein Volk zurück in unsere Welt. Doch unsere Feinde werden sich gegen uns erheben wollen, wenn sie von unserem Handel erfahren. Jeden Halbriesen geben wir einen Nekromantenkörper. Er wird dann so groß und so stark sein, wie er es einst vor langer Zeit war. Doch dafür benötigen wir euren Schutz und eure Hilfe. Wenn ihr uns Waffenbrüderschaft schwört, so sind wir uns einig und wir können eure Körper herstellen. Zunächst holen wir dich und alle deine Krieger. Später, also nach dem Krieg, holen wir eure Weiber und eure Kinder, wenn ihr welche in eurem Seelenreich habt.«
Brando schwebte vor dem schwarzen Prinzen und seinem Magier. Er beugte sich ein wenig zu ihnen herunter. »Ich kann selbst als Seele wittern, dass in eurer Welt noch immer einige meiner alten Feinde leben«, sprach er mit brummiger Stimme. »Einer dieser Feinde ist eine Frau. Sie ist sehr schön und sie ist auch überaus klug und stark. Ihr Name ist Aurelia. Sie hat mich und viele meiner Krieger getötet, nach dem der Bund mit den Erz-Elfen brach und wir erneut gegen sie in die Schlacht zogen. Wenn ihr es schafft, alle fünftausend Seelen meiner Krieger in eure Welt zurückzubringen, schwöre ich euch Waffenbrüderschaft bis in den Tod.«
Dämonicon grinste Brando an und er breitete dabei die Arme aus. »Na siehst du!«, rief er so laut, dass der Bluthort wieder erzitterte. »Da haben wir ja schon unseren ersten gemeinsamen Feind. Ich kenne diesen Namen und ich weiß, dass sie eine verfluchte Bergnymphe ist. Und was die fünftausend Seelen deiner Krieger betrifft, die sind in zehn Tagen auferstanden. Wir geben euch Waffen und Proviant und wir schicken euch auf die Insel Selan. Dort wird das Schlachtfeld sein, denn dort lauern unsere Feinde. Wir werden bald alle auf der Insel ankommen und Seite an Seite in die Schlacht ziehen. Also, was sagst du, mein Freund Brando? Ist das ein guter Handel für dich?«
»Ja, das ist ein guter Handel«, sprach der König der Halbriesen. »Schafft meine Krieger und mich zurück in eure Welt und wir werden gemeinsam kämpfen.«
Laygon deutete auf eine Grube, in der alles für Brandos Rückkehr vorbereitet war. Ein Schattenalp schüttete Wasser in diese Grube und sofort stieg ein stinkender Rauch auf. Als sich dieser Rauch verzogen hatte, lag in der Grube ein großer Nekromantenkörper. Laygon erklärte Brando, dass er durch Mund des Körpers in seinen Kopf gelangen konnte. Erst dann würde er seine endgültige Gestalt annehmen.
Dämonicon erhob sich von seinem Stuhl. Er sah sich Brandos Auferstehung an. Der unansehnliche graue Nekromantenkörper wurde größer und seine Haut glänzte im hellen Braun. Der Kopf nahm die Gesichtszüge von Brando an und überall am Körper traten die Haare hervor. Sie wuchsen auf dem Kopf besonders dicht und struppig.
Brando reckte und streckte sich ausgiebig. Dann stieg er aus der Grube. »Endlich bin ich wieder am Leben!«, rief er, als er Dämonicon und Laygon erblickte. »In diesem trostlosen Seelenreich, in dem ich bis eben war, gab es nur wenig Freude und die Erinnerungen an frühere Zeiten haben mich nie zur Ruhe kommen lassen.«
Dämonicon streckte Brando seine rechte Hand entgegen. Der Halbriese ergriff sie und er grinste dabei den schwarzen Prinzen an. »Mein Volk und ich, wir werden dich nicht enttäuschen«, sprach Brando. »Wir stehen in deiner Schuld und wir werden für dich kämpfen.«
Dämonicon lächelte ebenfalls und er nickte dem fast gleichgroßen König der Halbriesen zu. Einige Krieger brachten Kleidung und Essen für Brando und Laygon rief die nächsten Seelen herbei.
Zwei Stunden später begannen die ersten Halbriesen, neben dem unsichtbaren Bluthort ihr eigenes Lager aufzubauen. Sie errichteten Zelte und entzündeten große Lagerfeuer. Dann gingen sie auf die Jagd, denn es kamen immer mehr Krieger von ihrem Volk dazu.
Da die Anzahl der Halbriesen in den nächsten Tagen schnell zunahm, blieben ihre Jagdzüge nicht unbeobachtet. Verborgen hinter Bäumen und Sträuchern, wurde ihr Lager von zwei Gestalten beobachtet, die kaum glauben konnten, was sie da sahen. Diese Gestalten waren selbst auf der Jagd und sie hatten nur durch Zufall das Lager gefunden.
»Schau nur Falk, es werden immer mehr von diesen großen Kerlen«, flüsterte Sybilla ihrem Liebsten zu.
Der Elfenkrieger drückte mit seinen Händen vorsichtig die Zweige eines großen Gebüsches zur Seite. Dann sah er sich die Halbriesen in aller Ruhe an. »Es sieht so aus, als würden sie aus dem Nichts kommen«, flüsterte er zurück. »Soweit ich mich erinnern kann, stand hier irgendwo in dieser Gegend eine alte Festung. Die kann doch nicht verschwunden sein?«
Die weiße Elfe machte Falk auf einen der Halbriesen aufmerksam, der durch den hohen Schnee in ihre Richtung stapfte. Er hatte einen großen Speer bei sich und seinen braunen Ledersachen sah man schon von weitem an, das sie neu waren. Sicherlich ging er gerade auf die Jagd.
Falk ergriff Sybillas linke Hand. Er zog sie weg von dem Gebüsch. Sie stellten sich hinter eine dicke Eiche. Dann ließen sie den ahnungslosen Jäger vorbeigehen. Als er hinter den Bäumen und Büschen des Waldes verschwunden war, sahen die beiden Elfen noch einmal zum Lager. Die Rauchsäulen mehrerer Feuerstellen stiegen zum Himmel und der Geruch von gebratenem Fleisch wehte herüber.
So ahnungslos, wie Falk und Sybilla dachten, war der Jäger wohl doch nicht. Plötzlich tauchte er hinter ihnen wieder auf. Er rannte brüllend auf sie zu und sein Speer verfehlte Falk nur knapp. Krachend schlug die Waffe in der Rinde der Eiche ein. Sofort stiegen die Elfen auf ihre Flugschilde und sie flogen in eine sichere Höhe. Erst dann schossen sie mit ihren Bögen auf den Halbriesen. Doch der Jäger nutzte die Bäume als Deckung und die Elfen flogen davon, ohne ihren Angreifer getroffen zu haben.
Zielstrebig flogen Sybilla und Falk nach Ando-Hall, der Stadt der Nachtaugenriesen. Dort wurden sie von Fürst Artem und zahlreichen weiteren Riesen bereits erwartet.
Als die beiden Elfen berichteten, was sie gesehen hatten, schüttelte der Fürst seinen massigen Kopf und er zwinkerte aufgeregt mit seinem Nachtauge, das sich auf seiner Stirn befand.
»Bei unserem Schöpfer! Es ist kaum zu glauben!«, fluchte Kalon, der Tempelherr von Ando-Hall, sofort los. Er stand neben dem Fürsten. »Da lässt man euch zwei Elfen auf die Jagd nach einem leckeren Rehbock gehen und ihr kommt ohne Beute und dafür mit einer so schlechten Nachricht zurück!«
»Seid ihr euch sicher, dass ihr wirklich Halbriesen gesehen habt?«, fragte Artem und er zwinkerte wieder mit dem Nachtauge.
Sybilla wurde jetzt leicht ungehalten. »Natürlich waren es Halbriesen!«, fuhr sie den Fürsten an. »Wir wissen doch, was wir gesehen haben! Oder haltet ihr uns für verrückt?!«
Artem hob beschwörend die Hände. »Oh nein!«, rief er so laut, dass sich Falk die Ohren zuhielt. »Das würde ich nie wagen! Ihr seid unsere Gäste und es tut mir leid, dass ihr in Gefahr gekommen seid. Ich kenne die Halbriesen nur aus den Erzählungen meines Großvaters und wir dachten immer, dass sie alle längst erschlagen und gestorben sind.«
Cromber, der Onkel des Fürsten, kam aufgeregt angelaufen. Nach Luft ringend, stellte er sich neben den Fürsten und sogleich sprudelten seine Fragen aus ihm heraus. »Habe ich richtig gehört? Die Halbriesen sind wieder da? Habt ihr sie wirklich gesehen?«
Falk verdrehte bei diesen Fragen seine Augen und Sybilla stellte sich herausfordernd vor den viel größeren Cromber auf. »Nein, das haben wir nicht! Uns ist der Mond auf den Kopf gefallen und jetzt erzählen wir nur noch Unsinn! Verstehst du mich, mein kleiner dicker Cromber?!«
»Ist ja gut«, versuchte Cromber zu beschwichtigen. »Ich hab ja nur mal gefragt. Außerdem ist das eine sehr wichtige Nachricht. Wir müssen uns mit unseren Freunden beraten. Jemand muss sie benachrichtigen.«
»Das übernehmen wir«, rief Falk. »Sybilla kann beim Fliegen ihr erhitztes Gemüt etwas abkühlen und vielleicht erwischen wir doch noch einen Rehbock. Dann können wir auf eure ewigen Wildschweine verzichten.«
»Fliegt immer in Richtung Bochea«, meinte Artem. »Mit etwas Glück werdet ihr auf sie stoßen.«
Die Riesen sahen den beiden Elfen nach, als sie davon flogen. »Warum war das Mädchen nur so aufgebracht?«, fragte Cromber den Fürsten und Kalon.
Artem fing an zu lachen und der Priester antwortete mit einem Lächeln. »Sie ist eben eine temperamentvolle junge Elfenfrau. Sie braucht keinen besonderen Grund. Sie folgt einfach ihren Launen.«
»Na toll«, maulte Cromber los. »Und ich muss diese Launen dann ertragen. Ein Grund mehr, sich keine eigene Frau anzuschaffen.«
Artem klopfte seinem Onkel lachend auf die Schulter. Doch das Gelächter hörte schnell auf, als ein verwundeter Krieger einen gefangenen Schattenalp anschleppte. Sofort versammelten sich die Riesen wieder auf dem großen Platz vor dem Eingang des Tempels.
Der Schattenalp war mit beiden Händen an einen Speer gebunden worden. Es sah aus, als wäre er gekreuzigt worden. Zitternd vor Kälte sank er vor dem Fürsten auf die Knie. Seinen Kopf hielt er gesenkt. Er wusste bestimmt, was ihn erwartete, denn er sagte kein einziges Wort.
Artem fragte ihn nach seinem Namen, doch er bekam keine Antwort. Der Fürst packte ihn und zog ihn an den Haaren hoch, so das der Schattenalp in der Luft zappelte. Dann fragte Artem erneut nach seinem Namen. Doch der Schattenalp spuckte ihm ins Gesicht.
Angewidert ließ der Fürst den Schattenalp los, sodass er in den Schnee zurückfiel. »Schafft mir diesen Dreck aus den Augen und verscharrt ihn irgendwo im Wald!«, sprach er voller Verachtung.
Zwei Riesen ergriffen den Schattenalp und schleppten ihn sofort weg. Der verwundete Riese sah ihm für einen kurzen Augenblick nach. Dann wendete er sich seinem Fürsten zu. »Dieser Mistkerl hat mich mit zwei von seinen Freunden im Wald überfallen. Die anderen zwei Schattenalp habe ich erschlagen und den Wölfen überlassen. Und den dritten Kerl wollte ich dir zeigen, mein Fürst. Diese Brut wird immer dreister.«
»Ja, das stimmt«, erwiderte Artem. Er hockte sich hin und steckte seine Hände in den Schnee. Er war frisch gefallen und als er sich mit ihm sein Gesicht abrieb, erfrischte es ihn. Die Freunde fielen ihm wieder ein. Hoffentlich konnte er sich bald mit ihnen treffen. »Ich muss mich mit Tritor beraten. Was wir jetzt brauchen, ist das Erbe unserer Ahnen.«
Der verwundete Riese trat erschrocken einen Schritt zurück. »Das Erbe …«, flüsterte er so leise, dass er seine eigenen Worte kaum vernahm. Dann sah er zu seinem Fürsten. »Ich hoffe, du handelst ebenso weise, wie es einst unsere Ahnen taten«, sprach er zu Artem. Dann ging er zu seiner Familie.
Das schwarze Portal
Die Nacht war gekommen und die zahlreichen Lagerfeuer erhellten die gesamte Umgebung. Zufrieden betrachtete Dämonicon die fünftausend Halbriesen, die sich in ihrem Lager aufgestellt hatten. Neben ihm stand Brando, mit einer großen Streitaxt in der rechten Hand. Mit ihr zeigte er zu seinen Kriegern.
»Sie werden für dich kämpfen und sie werden siegen«, sprach der König der Halbriesen zu Dämonicon. »Jeder von ihnen hat die Kraft von zehn Elfen. Sie waren schon zur Zeit der Erz-Elfen gefürchtet und schon bald wird ihr blutiger Ruf ihnen wieder vorauseilen.«
»Auf einen blutigen Ruf gebe ich nicht viel«, erwiderte der schwarze Prinz. »Für mich zählen nur Siege und die müsst ihr erst noch erringen. Ich habe mein Wort gehalten und euch in die Welt der Lebenden zurückgeholt. Jetzt seid ihr dran. Ich schicke euch durch ein schwarzes Portal. Sobald es offen ist, lauft ihr einfach hinein. Ihr kommt auf der anderen Seite heraus. Die andere Seite - das ist die Insel Selan. Tötet alles, was sich euch dort in den Weg stellt.«
»Wann öffnest du dieses Portal?«, fragte Brando etwas zögerlich.
»Wenn es soweit ist«, antwortete Dämonicon. »Um ein so großes Portal zu öffnen, brauche ich nicht viel Magie. Doch ich muss es auch offen halten. Und das, mein lieber Brando, kostet mich sehr viel Kraft. Deshalb muss ich einige schwarze Geister herbeirufen. Doch diese Geister fordern ein Opfer für ihre Dienste. Ich will aber weder einen Halbriesen noch einen Schattenalp opfern. Deshalb habe ich meine Mutter mit Vagho und einige seiner besten Krieger losgeschickt.«
»Und wann werden sie zurück sein?«, fragte Brando, und dieses Mal klang seine Stimme reichlich ungeduldig.
Dämonicon beugte sich zu dem König vor und er sah ihm direkt in die Augen. »Nur keine Sorge«, knurrte er los. »Ich erwarte sie bis morgen Mittag zurück. Am Abend wird es dann soweit sein. Schicke deine Krieger in aller Frühe auf die Jagd. Ich weiß nicht, ob jeder von ihnen wirklich für zehn Elfen kämpfen kann. Doch für zehn ausgehungerte Elfenkrieger essen - das können sie bestimmt. Lass die Krieger zu ihren Feuerstellen zurückgehen und sorge für Ruhe. Sicherlich werden schon bald die ersten ungebetenen Besucher erscheinen. Da solltest du genügend Wachen aufstellen.«
Dämonicon drehte sich um und ging zu Laygon. Der hatte sich die Besichtigung der Halbriesen in aller Ruhe angesehen. »Diese Krieger sind wirklich beeindruckend«, sprach der Magier zu Dämonicon, als sie zum Bluthort zurückgingen. Ich möchte lieber nicht gegen solche Ungetüme zur Schlacht antreten.«
Der schwarze Prinz musste lächeln. »Diese Halbriesen sehen in der Tat Furcht einflößend aus. Doch sie sind nicht besonders schlau.«
»Na ja«, meinte Laygon. »Sie scheinen jedoch schlauer, als die roten Kriegstrolle zu sein. Sie haben jedenfalls bessere Manieren.«
Dämonicon erreichte seinen Polsterstuhl, der vor dem Kamin stand. Ächzend ließ er sich auf ihn nieder. »Die besseren Manieren haben sie bestimmt von ihren Vorfahren«, erklärte er dem Magier. »Die sollen ja zur Hälfte Riesen und zur anderen Hälfte Elfen gewesen sein. Ich weiß nicht, wie aus dieser ungleichen Mischung die Halbriesen entspringen konnten, doch der Legende nach soll es so gewesen sein.«
»Nun ja, auf gewisse Einzelheiten lege auch ich keinen all zu großen Wert«, erwiderte Laygon. »Viel wichtiger sollte die gesunde Heimkehr der Fürstin Monga und meines Königs Vagho sein. Ich bin mir sicher, dass sie die passenden Opfergaben finden werden.«
Dämonicon sah in den Kamin. Dort tanzte das Feuer wie immer auf den glühenden Holzscheiten. Er konnte sich denken, dass seine Mutter und der König der Schattenalp in der Nähe der westlichen Bauerndörfer ihre Beute suchten.
Zur gleichen Zeit schlichen sich Monga, Vagho und zehn weitere Krieger tatsächlich an ein kleines Dorf an. Sie hatten es auf die Bewohner eines einzeln stehenden Hofes abgesehen. Der war jedoch, wie alle Höfe des Dorfes, mit einer hohen Palisadenmauer umgeben.
Ein Hund bellte, ohne dass sich jemand darum zu kümmern schien. Vagho winkte einen seiner Krieger zu sich. Er deutete auf einen Baum, der nahe der Palisadenmauer stand. »Ich will nicht unnütz im Schnee liegen und warten«, flüsterte der König dem Krieger zu. »Deshalb wirst du auf den Baum klettern. Dann erlegst du mit deinem Bogen den verdammten Köter. Den Rest erledigen wir.«
Der Krieger nickte seinem Herrn zu und schlich zum Baum. Wieder ertönte das Gebell des Hundes. Rasch kletterte der Krieger auf den Baum. Dann sah er über die Palisadenmauer. Der Hund schien ihn zu sehen, denn sein Bellen verstummte und er starrte zum Baum, dessen Wipfel er gerade noch sehen konnte. Ein Pfeil traf ihm im Hals und er jaulte vor Schmerz auf. Dann blieb er regungslos im Schnee liegen.
Für die Anderen war es das Zeichen zum Angriff. Monga und Vagho flogen über die Palisaden, öffneten das Tor und die Krieger stürmten in den Hof. Sie drangen in alle Häuser ein und trieben die Bauern mit ihren Familien aus ihren Betten. Sie legten ihnen Fesseln an und führten sie sofort weg von dem Hof. Der Marsch zum Bluthort würde einige Stunden dauern, doch die Krieger fanden in den Stallungen Pferde und drei große Schlitten. Damit transportierten die Bauern eigentlich das Holz für ihre Kamine. Jetzt mussten sie sich auf ihre Schlitten setzen. Die Kinder weinten und die Frauen hielten sie ängstlich fest. Doch die Schattenalp kannten kein Erbarmen. Sie trieben die Menschen mit ihren Speeren zur Eile an.
Vagho sah zufrieden zu Monga. »Das hat doch wunderbar geklappt«, sprach er zur Fürstin. »Zwei Männer, vier Frauen und vier Kinder. Das ist ein guter Fang. Oder bist du anderer Meinung.«
Monga sah Vagho lächelnd an. »Wenn mein Sohn das schwarze Portal geöffnet hat, bin ich ganz deiner Meinung«, flüsterte sie ihm zu. Dann ging die Fürstin zu einem der Schlitten, um sich die Beute anzusehen.
Vagho gab den Befehl zum Aufbruch. Mit den drei Schlitten zogen seine Krieger zum Hort zurück. Er selbst hatte sich auf seine Flugschale gesetzt. Dadurch hatte er einen größeren Überblick.
Gegen Mittag kam die kleine Schar mit ihrer Beute am Hort an. Sie fuhren zum Lager der Halbriesen, wo sie von Brando und seinen Kriegern erwartet wurden. In aller Ruhe sah der König der Halbriesen zu, wie die Menschen neben einem Lagerfeuer im Schnee landeten. Einige von ihnen hatten nicht viel an und sie froren entsetzlich. Brando ließ Felle und Decken bringen und eine wärmende Suppe gab es ebenfalls.
»So wie diese Bauern aussehen, hätten sie nicht mehr lange durchgehalten«, sprach er zu Monga und Vagho. »Wäre der Weg noch länger gewesen, so hättet ihr vielleicht nicht genügend Opfer für die Geister gehabt.«
»Nur keine Sorge«, knurrte Monga zurück. »Dort, wo dieses Menschenpack herkommt, gibt es noch viel mehr.«
Die Fürstin ging mit Vagho zu einem der Lagerfeuer. Sie sahen Dämonicon zu, der sich ihre Beute anschaute.
»Das ist ein guter Fang«, rief der schwarze Prinz voller Freude. »Die Geister werden zufrieden sein und wir können heute Nacht aufbrechen.«
Dämonicon ging zu Monga und beugte sich zu ihr herunter. »Und du, meine über alles geliebte Mutter …«, flüsterte er, so leise er konnte. »Du kannst dir von Laygon holen, was du braucht. Es ist alles nach deinem Wunsch angerichtet.«
Über Mongas Gesicht huschte sofort ein feines Lächeln. »Das Gift …,« sprach sie den Gedanken aus, der ihr gerade durch den Kopf ging.
Laygon hatte also alles besorgen lassen, was die Fürstin für das Gift brauchte, mit dem sie jeden Halbriesen in einen Wehralp verwandeln konnte. Sofort ging sie in den Hort, um Laygon aufzusuchen.
Als sich einige Stunden später die Sterne des Nachthimmels zeigten und der Mond aufging, war die Zeit für das schwarze Portal gekommen. Bei den Halbriesen und den Schattenalp machte sich eine gewisse Unruhe breit. Die Krieger warteten voller Spannung auf Dämonicon und sein Portal. Der schwarze Prinz war noch nicht im Lager der Halbriesen zu sehen. Dabei wurden vor dem Bluthort schon die Vorbereitungen für das Portal getroffen. Ein großer Steinkreis wurde gelegt und in ihm der Schnee weggefegt. Dann wurden um den Steinkreis zehn Holzpfähle aufgestellt. An ihnen fesselten Vaghos Krieger die Menschen. Die Kinder und die Frauen weinten und schluchzten und die Männer versuchten, ihnen gut zuzureden.
Als Dämonicon endlich aus dem Tor des Bluthortes trat und zu dem Steinkreis ging, verstummten selbst die Kinder. In dichten Reihen drängten sich jetzt die Krieger um den Kreis.
An seinem Rand standen Monga, Vagho und Laygon. Der König der Schattenalp sah in das vor Aufregung verzerrte Gesicht des Magiers und er erkannte sofort, dass in diesem Mann etwas vorging. Zu deutlich standen Laygon die Angst und die Unsicherheit im Gesicht geschrieben. Jede Regung seines Mundes und jedes Zucken seiner Augenlider verrieten ihn. Er selbst bemerkte es nicht, doch Vagho konnte die Zeichen nur zu deutlich lesen. Dieser Magier hatte große Mühe, seine Gefühle zu beherrschen.
In der Mitte des Steinkreises hatte sich Dämonicon aufgestellt. Er genoss den Jubel der Krieger, als er die Hände zum Himmel streckte. In vollen Zügen zog er die klare Nachtluft in seine Lungen und er stieß sie wie heißen Dampf aus seiner Nase heraus. Dabei schloss er die Augen und aus seinem Mund kamen die Worte, mit denen er die schwarzen Geister herbei rief. Die Krieger rückten sofort ein Stück weg von dem Steinkreis. Niemand wollte den Geistern zu nahe kommen.
Zwei schwarze Rauchsäulen schossen plötzlich aus dem Boden. Sie überragten selbst die größten Halbriesen und ein entsetzliches Kreischen drang in die Ohren der Krieger. Aus den Rauchsäulen formten sich die Gestalten der Geister. Unruhig schwebten sie im Steinkreis hin und her.
»Du bringst uns ein großes Opfer, schwarzer Prinz«, sprach der erste Geist zu Dämonicon. »Dabei hätte ich große Lust, noch mehr einzufordern. Doch für die Aufgabe, die du uns stellen wirst, reicht deine Opfergabe.«
»Wir werden viel Spaß mit den Menschen haben«, sprach der zweite Geist. »Ihre Angst wird uns stärken und schon bald werden sie uns dienen.«
Dämonicon sah sich die zwei schwarzen Geister mit einem hässlichen Grinsen an. »Dann sind wir uns einig?«, fragte er sie.
Die Geister bauten sich vor dem schwarzen Prinzen auf. »Wie du schon in der letzten Nacht sagtest«, antwortete der Erste von ihnen. »Wir bekommen die Opfergaben und du die Kraft für den schwarzen Altar. Er wird sich in zwei Portale teilen. Sie werden bis zum Morgengrauen offenbleiben, dafür hast du unser Wort.«
»Oh ja, das hast du«, bestätigte der zweite Geist. »Wann sollen wir mit unserer Arbeit beginnen?«
Dämonicon holte tief Luft. Er ließ sie langsam durch seine Nase wieder heraus. Das war ein sicheres Zeichen seiner inneren Anspannung. »Errichtet das Portal sofort«, sprach er mit bebender Stimme. »Ich will noch heute Nacht nach Selan zurückkehren und mich an meinen untreuen Untertanen rächen. Außerdem spüre ich deutlich, dass die Zeit für die Erlösung der Söhne des Schöpfers gekommen ist. Sie sollen die Herrschaft über diese Welt zurückerhalten. Niemand wird uns dann noch aufhalten können.«
»Ein großes Ziel und es ehrt dich, dass du nach so langer Zeit deinen einstigen Herren noch immer treu ergeben bist«, sprachen die Geister wie aus einem Munde. Dann sahen sie sich noch einmal die Opfergaben an. Dabei riefen sie ihre viel kleineren Diener, die sofort aus dem Boden krochen und die Menschen in die tiefe zogen. Schreiend und zappelnd versuchten die bedauernswerten Opfer, sich zu wehren. Doch es half nichts, sie mussten mit den Geistern im Boden versinken.
Als die Menschen verschwunden waren, drehten sich die beiden großen Geister so lange um sich selbst, bis sich ein Torbogen aus schwarzem Marmor im Steinkreis erhob. In diesem Torbogen zeigte sich eine glatte Masse, die wie ein matter Spiegel glänzte und in der sich das Mondlicht erkennen ließ.
Dämonicon berührte diese Masse und er spürte die Macht des Portals. Mit einem Ruck drehte er sich um. Sein Blick suchte Brando, der in der Mitte seiner Krieger stand. »Bist du bereit, mein Freund? Wir sollten gemeinsam den Boden von Selan betreten.«
Etwas unsicher sah der König der Halbriesen zu dem schwarzen Prinzen. Dann nickte er ihm zu. »Wir stehen zu unserem Wort«, sprach Brando und er ging auf den schwarzen Prinz zu.
Dämonicon deutete auf das Portal. »Auf der Insel gibt es einen Felsen, um den herum die gefesselten und versteinerten Körper der sieben Söhne des Schöpfers stehen. Damit wir auf der Insel ankommen können, müssen wir in der Nähe des Felsens durch ein zweites Portal gehen. Ich habe das schon in der letzten Nacht mit den Geistern vereinbart. Um die Söhne des Schöpfers zu schützen, wurden um sie herum große Tempel errichtet. Doch die Kriege der Inselbewohner haben sie zum Teil wieder zerstört. Trotzdem können wir gemeinsam die Schönheit der Tempel bewundern. Du wirst erkennen, dass mein Handeln nur der Auferstehung der sieben Alten dient. So wurden sie einst genannt, weil sie die ersten Bewohner unserer Welt waren.«
Brando sah mit Ehrfurcht zu dem Portal. »Zu was brauchen wir so ein zweites Ding auf der Insel?«, fragte er.
Dämonicon wurde jetzt etwas ungehalten, doch er versuchte trotzdem, mit ruhiger Stimme zu antworten. »Das Ding hier vor dem Hort ist der Beginn unserer Reise und das Ding auf der Insel ist das Ende. Es ist so etwas wie ein magischer Tunnel, durch den wir gehen. Dabei sind die beiden Portale im eigentlichen Sinn ein einziger Altar. Sie gehören untrennbar zusammen. Verstehst du das, mein Freund?«
Etwas unsicher nickte Brando. Er sah zu Vagho und der Fürstin und dann zu den Kriegern. Als sein Blick wieder das Portal traf, zog er die kalte Nachtluft tief in sich ein. »Wir sollten nicht länger zögern«, sprach er zu Dämonicon. »Vor zwei Tagen habe ich eine feine Erschütterung der Magie gespürt. Ich bin mir sicher, dass sie von unserem Ziel kam.«
Der schwarze Prinz sah zu Brando und dann zum Portal. »Das werden wir bald herausfinden«, knurrte er vor sich hin.
Die Auferstehung des Trajan
»Bei unserem Schöpfer!« rief das Gesicht im Tor entsetzt aus. »Solange ich als Tor von Dragon-Gorum der weißen Seite der Magie diene, ist mir noch kein Wesen untergekommen, dessen Seele vom Körper getrennt wurde und das mich nun bittet, Körper und Seele wieder zu vereinen!«
»Alles geschieht ein erstes Mal«, versuchte Gordal vorsichtig zu erklären.
»Was für eine großartige Weisheit!«, rief das Gesicht. »Wer hat dir denn das beigebracht?«
Der Handschuh, der auf dem leblosen Körper von Trajan vor Aufregung hin und her sprang und mit dem Auge zwinkerte, konnte jetzt nicht mehr an sich aalten. »Was ist nun?!«, rief er dem Gesicht zu. »Hilfst du mir, oder haben wir den weiten Weg umsonst gemacht?! Ich hätte gern eine Antwort!«
Das Gesicht wurde dunkelrot und seine Augenbrauen zogen sich zusammen. Dann entspannte es sich wieder und es nahm eine rosige Farbe an. »Natürlich helfe ich dir«, antwortete es erstaunlich ruhig. »Doch ihr müsst danach etwas Wichtiges erledigen. Nicht für mich selbst. Ihr sollt euren Freunden helfen. Ich schicke euch deshalb zur Insel Selan. Dort werdet ihr dem Inselkönig Platos beistehen müssen. Er ist der Bruder der weißen Fee Aella. Dieser Mann ist vom Schicksal schwer geprüft worden. Er hat sich von der Macht des Dämonicon befreien können und nun braucht er jede Hilfe, die er bekommen kann.«
»Sag uns, was wir tun sollen und wir werden nicht zögern«, erklärte Cylor.
Das Gesicht im Tor schwankte hin und her. Dann antwortete es. »Ich will zuerst, dem unglücklichen Trajan beistehen. Es wird nicht leicht sein, doch ich werde es schaffen. Danach erkläre ich euch eure Aufgabe.«
Der Körper des Elfs wurde plötzlich, wie von unsichtbarer Hand, ein Stück hochgehoben. Dann kam Trajans Seele aus dem Handschuh heraus. Auch sie schien zu schweben. Der Körper stellte sich auf und das Gesicht betrachtete ihn. Stirn und Wangen des Elfs waren hellgrau und selbst die Lippen waren so weiß wie der Schnee. Langsam öffnete sich der Mund und das Gesicht im Tor flüsterte leise eine Beschwörungsformel. Mit einem Ruck fuhr Trajans Seele zurück in den Körper. Er schlug die Augen auf und dann schnappte er nach Luft. Cylor und Gordal fingen ihn auf, da er zu fallen drohte. Sie legten ihn auf ihre Wolfsfelle und Trajan atmete so rasch, als hätte er eine schwere Arbeit verrichtet.
»Ich lebe …« flüsterte der junge Elf schließlich.
»Oh ja, du lebst wirklich und wahrhaftig, mein Freund«, sprach das Gesicht. »Lass dich von deinen Freunden umsorgen und ruhe noch eine Stunde aus. Dabei könnt ihr mir zuhören. Denn die Aufgabe, die ich für euch habe, wird nicht einfach sein.«
Während Cylor und Gordal den überglücklichen Trajan mit Wein, Brot und Fleisch versorgten, erzählte das Gesicht von Platos traurigem Schicksal. Es sprach von seiner Verführung zur schwarzen Seite der Magie und seiner Versklavung zum Iht-Dag durch Dämonicon. Vor allem Trajan fand Platos Befreiung von der schwarzen Magie überaus spannend und er hörte dem Gesicht aufmerksam zu. Als es dann zur Aufgabe kam, die es für die drei Freunde hatte, sahen sie voller Erwartung auf den Mund des Gesichts, so als könnten sie schon vorher erkennen, was es sagen wollte.
»Also, dann will ich euch erklären, was ihr auf der Insel tun müsst«, sprach das Gesicht. Dabei machte es eine sorgenvolle Miene. »Schon bald wird Dämonicon mit einem großen Heer in der Nähe der Tempel der sieben Söhne des Schöpfers eintreffen. Niemand kann das noch verhindern. Doch ihr könnt schneller sein und Platos warnen. Er darf sich nicht auf eine offene Feldschlacht einlassen. Seine Krieger sollen den Feind hinter den Mauern ihrer Stadt empfangen. Nur dann haben sie noch Aussicht auf einen Sieg. Einer von euch muss versuchen, Brando, den König der Halbriesen, unauffällig zu erreichen. Und dafür brauchen wir dich, Trajan.«
»Was soll ich denn tun?«, fragte der junge Elf. »Ich weiß doch noch nicht einmal, wer dieser Brando überhaupt ist.«
Das Gesicht nickte dem Elf nachdenklich zu. »Du hast recht. Diesen König kennen die wenigsten lebenden Wesen in unserer Welt. Doch er ist ein überaus gefährlicher Mann. Einst hat die Fürstin Monga versucht, mit seiner Hilfe Silvergard, die einstige Hauptstadt der Erz-Elfen zu erobern. Sie ließ die sterbenden Krieger der Urtaren und der Halbriesen vor den Mauern der Stadt zu Wehralps werden. Das nahmen ihr Moragh, der König der Urtaren, Albaron, der König der Erz-Elfen und Brando, der König der Halbriesen, nach der Schlacht sehr übel. Sie verbündeten sich und mit der Hilfe von Aurelia und eines grünen Gnoms konnten sie Monga besiegen. Sie starb und ihre Seele ging in das Reich der Dämonen hinein. Doch sie ist wieder da und sie will erneut die Halbriesen zu Wehralps umwandeln. Das musst du verhindern. Brando weiß noch nichts von den finsteren Plänen der schwarzen Fürstin. Zwar misstraut er ihr, doch er hat keine Ahnung, welch falsches Spiel Monga und Dämonicon treiben. Außerdem ist da noch ein gewisser Laygon. Der Kerl ist ein gefährlicher schwarzer Magier. Entwende ihm den Seelenfinder, den er immer bei sich trägt. Damit kann er sehr viel Schaden anrichten. Verstehst du das, mein junger Freund?«
Trajan nickte und er sah dabei zu Cylor und Gordal. Das Gesicht bemerkte, dass Trajan nicht wusste, wie er diese Aufgaben meistern sollte. »Ich gebe dir einige Dinge mit, die dir helfen werden. Schau zu deinen Füßen und du wirst finden, was du brauchst.«
Trajan und seine beiden Begleiter sahen, wie vor dem jungen Elf auf einem Wolfsfell ein Bogen und ein Schild erschienen. Außerdem lagen da ein goldener Helm und ein reichlich verziertes Schwert. Seine Kleidung verschwand und dafür bedeckte eine goldene Rüstung seinen Körper.
»Das sieht ja wunderbar aus, doch die Rüstung klappert bestimmt und sie wird mich bei meinen Aufgaben hindern«, sprach Trajan, als er seine Rüstung betrachtete. Dabei strich er fast zärtlich über den verzierten Brustpanzer und die glänzenden Armschienen.
Das Gesicht im Tor lächelte gütig. »Dein Helm, deine schöne Rüstung und deine Waffen haben ihre eigenen Kräfte«, erklärte es dem Elf. »Setz den Helm auf, spann den Bogen oder stell dich auf den Kriegsschild. Du wirst die Kräfte spüren.«
Trajan setzte den Helm auf und sofort verschwand sein Körper. »Was ist das!«, schrie er entsetzt. »Ich kann meine Beine nicht mehr sehen und meine Arme und wo ist mein Bauch und …!«
Er nahm den Helm ab und sofort war er wieder sichtbar. »Du meine Güte«, flüsterte der Elf. Dabei betrachtete er den Helm. »Ich habe schon von solchen Dingen gehört. Doch das ich selbst unsichtbar werden kann, das hätte ich nicht zu träumen gewagt.«
Vorsichtig legte er den Helm auf das Wolfsfell zurück. Dann nahm er den Bogen. Als er ihn spannte, hatte er sofort einen Pfeil auf der Bogensehne. Er zielte auf einen Stein, den Gordal in die Luft warf. Der Pfeil traf sein Ziel und der Stein stürzte zersplittert in den Schnee.
Nun stellte sich Trajan auf den Schild. Sofort schwebte er in der Luft und der Elf hockte sich hin. »Ich verstehe«, flüsterte er wieder. »Den Kriegsschild kann ich mit meinem Willen steuern. Das ist ja fantastisch. Ich weiß gar nicht, wie ich mich für diese Gaben bedanken soll.«
»Oh, das ist einfach«, sprach das Gesicht mit einem breiten Grinsen. »Du dankst mir am besten, wenn du deine Aufgaben erfüllst. Dann kannst du behalten, was ich dir gegeben habe.«
Trajan stieg vorsichtig vom Schild. Er legte auch ihn auf das Wolfsfell. Dann nahm er das Schwert an sich. Er zog es langsam aus seiner Scheide. Ein leichtes Summen lag in der Luft und das Gesicht von Trajan erstrahlte. Die Magie dieser Waffe durchflutete ihn und er fühlte, wie sich Blitz und Donner in ihr vereinte. Als er das Schwert in die Höhe hielt, fuhr mit lautem Donnerhall ein Blitz in den Himmel.
»Oh ja, du lernst schnell mit meinen Gaben umzugehen!«, rief das Gesicht erfreut aus. »Die weiße Magie ist stark in dir und wenn du sie richtig anwendest, wird sie dir immer dienen.«
Trajan steckte das Schwert zurück in die Scheide. Dann sah er glücklich und voller Tatendrang zu seinen Freunden.
»Jetzt bist du bereit, für die Reise zur Insel«, sprach Gordal und er stellte sich neben Trajan hin.
Cylor räumte mit einer Bewegung seiner linken Hand die Felle und die Reste der Mahlzeit weg. Dann sah auch er zum Tor.
Das Gesicht nickte ihm lächelnd zu. »Geht durch mich hindurch und erfüllt euer Schicksal, meine Freunde. Ich gebe jedem von euch so viel Kraft mit auf dem Weg, wie er brauchen wird.«
Das Gesicht verschwand und eine glatte Felswand war zu sehen. Die drei Freunde traten nahe heran. Für einen winzigen Augenblick zögerten sie. Doch dann gingen sie durch die Felswand hindurch.
Im nächsten Augenblick durchschritten sie das Tor von Selan. Es döste gerade wieder in der Sonne. Sein lautes Schnarchen nervte die drei Krieger, die das Tor bewachen sollten. Um der Hitze der Mittagssonne zu entgehen, hatten sie sich in ein großes Zelt zurückgezogen. Als sie Trajans Stimme hörten, kamen sie eilig heraus. Staunend betrachteten sie die drei Ankömmlinge.
»Seid ihr Freunde von unserem König Platos?«, wollte einer der Krieger wissen.
»Natürlich sind es Freunde«, erklärte das Gesicht im Tor. Es war aufgewacht und betrachtete die drei Gestalten, die es nur von hinten sah.
»Sie an«, sprach es weiter. »Ein Elf, noch ein Elf und ein Hoch-Elf. Und die Drei haben so starke magische Kräfte, dass sie eine ganze Armee vernichten könnten.«
»Und genau deshalb sind wir auch hier«, erklärte Cylor. »Wir müssen mit eurem König Platos sprechen. Die Zeit drängt und die Feinde nahen schon.«
Die drei Krieger erschraken und das Gesicht im Tor wankte bedenklich hin und her. Einer der Krieger erklärte schließlich, dass ihr König in der Stadt sei. Er würde sich selbst um die Ausbildung der jungen und unerfahrenen Verteidiger der Stadt kümmern. Die wenigen Priester, die noch da seien und weiter zu ihrem König hielten, kümmerten sich um die Verteidigungsanlagen der Stadt. Dann zeigten sie den drei Freunden die Richtung, die sie einschlagen mussten. Staunend sahen die Krieger zu, wie sie fliegend verschwanden.
In der einzigen Stadt der Insel waren die meisten Anwohner mit irgendeiner Arbeit beschäftigt. Platos stand vor dem Eingang des Tempels. Er erklärte einer Gruppe noch sehr junger Krieger den Umgang mit dem Speer. Als ihm gemeldet wurde, dass drei fliegende Gestalten direkt auf den Tempel zuhielten, machten sich die Bogenschützen und die Krieger mit den Speeren sofort zum Kampf bereit.
Der König hielt zum Schutz seiner Augen beide Hände über sie. Die Sonne blendete ihn und so erkannte er seine Gäste beinah zu spät. »Die Waffen runter«, rief er den Bogenschützen zu. »Das müssen Freunde sein. Unsere Feinde sehen wesentlich anders aus.«
Nur wenige Schritte vor dem König landeten die drei Freunde. Bei Trajan klappte die Landung noch nicht so gut. Er wäre beinah von seinem Flugschild gestürzt. Doch Gordal bekam seine rechte Hand zu fassen.
Lächelnd sah Platos die drei unerwarteten Gäste an. Die verbeugten sich vor ihm und Cylor grüßte überaus höflich. »Großer König Platos. Wir überbringen dir die besten Grüße von unseren Freunden, die sich gerade in der Schmiede von Erz-Hall befinden. Besonders von Aella, der weißen Fee soll ich dich grüßen.«
Der König nickte und sein Lächeln zeigte deutlich, das er über den Besuch dieser drei Gäste sehr erfreut war. Platos bedankte sich und er forderte sie auf, ihm in die kühlen Hallen des Tempels zu folgen. Dort wartete bereits ein Priester. Er scheuchte sofort einige junge dragolianische und obinarische Dienerinnen auf, die Speisen und Getränke für die Gäste holen sollten.
Einen Augenblick später hörte sich Platos an, was ihm seine Gäste zu berichten hatten. »Ich habe zahlreiche Späher in alle Winkel der Insel geschickt«, meinte er schließlich. »Sie werden mir sofort berichten, wenn Dämonicon mit seinem Heer hier ankommt. In den Augen meiner Untertanen kann ich oft genug die Angst erkennen, die sie haben, wenn sie den Namen des schwarzen Prinzen hören. Doch sie wollen tapfer für ihre Heimat und für die gerechte Sache kämpfen. Ich selbst habe die Macht, so manchen Feind niederzustrecken. Doch die einfachen Krieger von Selan haben nicht die Magie, die sie für solch eine Macht benötigen. Deshalb werdet ihr mich immer an der Spitze meines Heeres finden.«
Cylor räusperte sich, bevor er etwas erwiderte. »Wir werden dir zur Seite stehen und gemeinsam werden wir dem Feind ins Auge schauen. Doch vielleicht gelingt unserem Freund Telos das Kunststück, Brando umzustimmen. Mit seinen Halbriesen wäre er den Schattenalp weit überlegen. Das wäre für uns die Gelegenheit, Dämonicon und seine Mutter zu vernichten. Bis dahin werden wir abwarten müssen und uns um die Sicherheit deiner Stadt und ihrer Bewohner kümmern.«
Platos saß auf einem bequemen Stuhl. Als er aufstand, hüllte er sich in ein grünes Licht ein. Es leuchtete hell auf und der König hob entschuldigend beide Hände. »Das passiert mir immer wieder«, versuchte er zu erklären. »Die Wachen des Tempels nennen mich schon den grünen Zauberkönig von Selan. Und ich kann es ihnen nicht mal verübeln.«
»Das ist nicht so schlimm«, meinte Cylor. »Es bedeutet nur, dass du noch längst nicht alle magischen Quellen nutzt, die dir zustehen.«
»Woher kommt das grüne Leuchten?«, wollte Gordal wissen.
Platos winkte einen Diener herbei und befahl ihm, die große Truhe mit den Edelsteinen und Kristallen von den Wachen bringen zu lassen. Zwei starke Krieger schleppten diese Truhe herbei und Cylor öffnete sie mit einer Handbewegung.
»Diese Zauberei mit der Handbewegung kennt wohl jeder weiße Magier?«, fragte einer der Priester verblüfft. »Als die Truhe das letzte Mal hier in der großen Tempelhalle stand, hat sie der kleine Kobold mit dem lustigen Hut auf die gleiche Art geöffnet.«
»Das war Snobby«, antwortete Cylor. »Er ist ein sehr guter Handmagier und er kann viel mehr, als man ihm ansieht.«
Die Freunde schauten in die Truhe und Telos wollte schon hineingreifen. Ein Blitz, der aus einem der Edelsteine schoss, traf ihn an der Hand und er ging sofort zu Boden. Benommen versuchte er, wieder aufzustehen. Gordal half ihm dabei.
»Ich glaube, hier ist ein Wächterstein in der Truhe«, flüsterte Cylor. Er zog seinen Zauberstab und im nächsten Augenblick schwebte ein dunkelrot leuchtender Edelstein vor seiner Nase. Sofort traten alle Freunde und der Priester einen Schritt zurück.
»Oh das ist ein Karfunkel«, flüsterte der Priester ehrfurchtsvoll.
»Das stimmt«, bestätigte Cylor. »Doch er ist noch viel mehr. Manche bezeichnen ihn auch als Drachenstein. Da ihn Telos erweckt hat, ohne ihn beherrschen zu können, wird er sich seinen neuen Herrn selbst aussuchen. Mal sehen, zu wem er schweben will.«
Cylor senkte seinen Zauberstab. Er gab somit den Karfunkel frei. Der Stein schwebte sofort auf den Priester zu. Zögernd nahm der ihn mit seinen Händen auf. Dann umströmte ein purpurnes Licht den Priester. Er trug eine eiserne Kette um den Hals mit einem hölzernen Schmuckstück. Es stellte die Hand des Schöpfers dar. Die Kette veränderte sich und aus dem Eisen wurde pures Gold. Die hölzerne Hand an der Kette verwandelte sich in Elfenbein. Sie hielt den Karfunkel fest. Der Stein erstrahlte, als der Priester ihn vorsichtig berührte.
Platos trat auf den Mann zu, der vollständig in das rote Licht eingehüllt war. »Jetzt weiß ich, warum du Draco heißt. Dir war schon immer vorherbestimmt, die Macht dieses Steins zu nutzen. Doch nutzte sie weise, mein Freund, sonnst verdirbt sie dich und der Segen des Schöpfers wird für dich zum Fluch.«
Vorsichtig sah Draco an sich herunter und sofort wurde die Magie erschüttert. Ein Beben durchströmte jedes lebende magische Wesen.
»Diese Erschütterung kann sogar Dämonicon spüren«, flüsterte Gordal. »Er wird erkennen, woher es kommt und das ihm ein neuer weißer Magier zum Feind geworden ist.«
Noch am selben Tag ernannte Platos der neuen weißen Magier Draco zum höchsten Priester von Selan. Seine Magie stellte sich am Abend als überaus nützlich heraus. Während des Abendmahls saß Draco an der königlichen Tafel, zusammen mit den Gästen und dem König. Mitten im Gespräch fing der Priester an, rot zu leuchten. Er stand auf und ging in die Mitte der Tempelhalle. Dann streckte er beide Hände in die Höhe. Vor ihm entstand ein roter Nebel. In diesem Nebel wurde ein großer schwarzer Torbogen sichtbar. Aus ihm marschierten die Schattenalp und die Halbriesen. Draco brach ohnmächtig zusammen und Cylor fing ihn im letzten Augenblick auf.
Vorsichtig wurde der Priester auf die königliche Tafel gelegt. Langsam kam er wieder zu Bewusstsein. »Sie kommen …«, flüsterte er. »Drei Meilen vor den Tempeln der sieben Alten …«, sprach er mit Mühe zu seinem König.
Platos hatte seinen Mantel zusammengerollt und unter den Kopf von Draco geschoben. Nun sah er ihn sorgenvoll an. »Deine neuen magischen Kräfte haben ihren Dienst nicht versagt«, sprach er leise zu dem Priester. »Wir konnten das feindliche Heer in deiner Nebelwolke sehen. Es marschierte durch ein schwarzes Portal. Du mein Freund, du bist wahrhaftig der Wächter von Selan.«
»Ruh dich aus und komme schnell wieder zu Kräften«, meinte Cylor. »Jetzt sind wir an der Reihe. Trajan hat seine eigenen Kräfte und die wird er bald nutzen müssen.«
Mit Herzklopfen und einem flauen Gefühl in der Magengegend hörte der junge Elfenkrieger die Worte des Nekromanten. Er sah zu seinem Schwert, das an seinem Gürtel hing und er hoffte inständig, dass die Gaben des Tores von Dragon-Gorum ihm beistehen würden. Eine halbe Stunde später machte er sich auf den Weg in das Lager des Feindes.
Ohles Plan
Barbaron sah sich die Waffen an, die die Erz-Elfen geschmiedet hatten. Schwerter, Streitäxte und Lanzenspitzen lagen in drei großen Haufen vor der Schmiede. Jetzt mussten sie auf die Insel Selan geschafft werden. Die Nachricht, dass Dämonicon bereits mit seinem Heer durch das schwarze Portal marschierte, zwang jeden Freund des kleinen Königs zu Eile. Die Kobolde waren zusammen mit der Feenkönigin Theodora aufgebrochen. Die Nekromanten folgten ihnen. Auch Aella und Aurelia flogen zur Insel.
»Jetzt sind auch Urgos und der Drachenjunge losgeflogen«, berichtete Nummer Sieben dem kleinen König.
Barbaron stand auf einem Stein, der vor den drei Waffenhaufen aus der Erde ragte. Er nickte Nummer Sieben zu. Gleichzeitig zog er seinen Kompass aus seinem Zauberbeutel. Dann beschwor er ihn. Sogleich zeigte der Kompass dem kleinen König die gewünschten Koordinaten an.
Barbaron rief seinen Hauptmann herbei. »Noch heute Nacht werden wir die ersten Waffen zum Tempel der Stadt von Selan bringen«, erklärte er mit einem Ton, der keine Widerrede duldete. »Wir zwei springen zuerst. Die anderen folgen uns. Jeder nimmt nur eine Waffe mit, denn zwei oder gar drei dieser schweren Dinger wären zu viel.«
Der Hauptmann wusste, was er zu tun hatte. Sofort ließ er das gesamte Volk antreten. Dieses Schauspiel ließen sich die fleißigen Erz-Elfen nicht entgehen. Sie stellten sich vor ihrer Schmiede auf und sahen den Minitrollen grinsend zu. Barbaron befahl dem Hauptmann, sein Volk durchzählen zu lassen. »Eins … zwei … drei …«, waren die Stimmen der kleinen Trolle deutlich zu hören. Als der Hauptmann die Vollständigkeit der Minitrolle verkündete, sah der kleine König sein Volk mit ernster Miene an.
»Volk der Minitrolle!«, rief Barbaron schließlich so laut er konnte. Er war sich auch der Zuschauer bewusst. »Wir haben heute Nacht eine schwere Aufgabe zu erfüllen. Jeder von euch schnappt sich eine Waffe und springt zu den Koordinaten, die ich euch gleich aufsagen werde. Nach meinen Berechnungen landen wir im großen Saal des Tempels der Stadt von Selan. Und nur der Himmel weiß, warum diese alberne Stadt noch immer keinen eigenen Namen hat. Aber das ist jetzt egal. Der Hauptmann und ich, wir springen zuerst. Nummer sieben und Nummer Neun bilden die Nachhut.«
Barbaron betrachtete die Gesichter seiner Minitrolle. Er sah ihre Anspannung und ein feines Lächeln umspielte seine Lippen. Dann räusperte er sich und er gab mit klarer Stimme die Koordinaten für den Sprung bekannt. Danach ging er zu den Haufen mit den Schwertern. Mit einem kleinen Trollsprung landete er auf den Schwertern, die glücklicherweise alle eine Schwertscheide hatten. Er hob mit viel Mühe eines der Schwerter hoch und sagte die Koordinaten auf. Im nächsten Moment war er verschwunden und mindestens zwei der Erz-Elfen fielen vor Staunen die Schmiedehämmer aus den Händen.
Es dauerte nur einen kleinen Moment und im Tempel war ein leises Zischen und Summen zu hören. Cylor wusste sehr gut, was das zu bedeuten hatte.
»Die Minitrolle kommen«, flüsterte der Nekromant. Er nahm sofort seinen Weinbecher vom Tisch, doch für die große Weinkanne, die ebenfalls auf dem Tisch stand, kam jede Hilfe zu spät. Barbaron landete mitten auf dem Tisch und er kam erst zum Stehen, als er ihn zur Hälfte abgeräumt hatte. Die Weinkanne landete dabei auf dem Boden der Halle.
Mit dem großen Schwert in beiden Händen, meckerte Barbaron sofort los. »Bei meinem Schöpfer! Das darf doch wohl nicht wahr sein! Wer hat in meiner Landezone diesen verdammten Tisch aufgestellt?!«
»Äh, na ja …«, versuchte Cylor den aufgebrachten Barbaron zu beschwichtigen. »Das waren wir … äh ich meine …«
»Drucks hier nicht so herum, du alter Narr!«, brüllte der kleine König weiter. Im nächsten Moment wurde er jedoch von seinem Hauptmann umgeworfen, denn der landete ebenfalls auf dem Tisch. Noch ehe der Hauptmann einen üblen Fluch loswerden konnte, ließ Cylor den Tisch in eine abgelegene Ecke schweben. Dann holte er sich die zwei Minitrolle. Er stellte sie vor Platos auf ihre kleinen Füße und grinste verlegen.
»Das sind die Minitrolle«, meinte Gordal. »Doch meistens treten sie in einem großen Rudel auf.«
Barbaron wollte wieder losmeckern, denn sein Volk war für ihn kein Rudel. Doch nun kamen immer mehr Minitrolle an. Sie ließen die Waffen mitten im Tempel fallen und verschwanden sofort wieder. Einige von Dracos Dienern kamen sofort herbeigeeilt. Sie hoben die Waffen auf und brachten sie zu den Kriegern, die vor dem Tempel wachten.
Drei Mal sprang jeder Minitroll, dann waren sie erschöpft. Sie versammelten sich alle im Saal und der Hauptmann hielt wieder eine Zählung ab.
»Sehr schön«, meinte der kleine König, als der Hauptmann ihm zum zweiten Mal die Vollständigkeit seines Volkes meldete.
Platos hatte sich das Spektakel, ohne ein Wort zu sagen, mit einem Lächeln angesehen. Jetzt ging er auf Barbaron zu und betrachtete ihn. Der kleine König schwebte plötzlich vor seinem Gesicht und er scheute sich nicht, den viel größeren Platos in die Augen zu schauen.
»Ich begrüße dich und dein Volk in meinem Tempel, König Barbaron«, sprach Platos mit feierlicher Stimme. »Und ich danke euch für die Waffen.«
»Und ich grüße dich, auch im Namen meines Volkes, du edler Inselkönig Platos«, antwortete der kleine König. »Hoffentlich gibst du deiner Stadt bald einen Namen. In hundert Jahren wollen die Völker schließlich wissen, vor welcher Stadt Dämonicon die Prügel seines Lebens bezogen hat.«
»Nun, wenn das deine größte Sorge ist, so sei beruhigt. Wenn dieser Krieg vorüber ist, werden wir auch darüber entscheiden.« Platos tippte mit der rechten Hand auf seine linke Schulter und Barbaron nahm diese Einladung sofort an. Jemand musste diesem imposanten Inselkönig von seinen Vorlieben berichtet haben.
Der Tisch wurde wieder in die Mitte des Saales gerückt und für die zahlreichen Minitrolle wurden Essen und Trinken herbeigeschafft. Einige neugierige Wachen schauten vorsichtig vom großen Eingangstor zu und ein Raunen und Flüstern zog durch die Stadt. Geheimnisvolle kleine Krieger waren angekommen. Sie hatten die besten Waffen mitgebracht, die man je gesehen hatte und ihr Anführer war selbst ein König, der zu alledem fliegen konnte. Der Mut der Krieger wurde mit jedem Gerücht größer und selbst die Wächter der Stadtmauern traten in dieser Nacht fester auf.
Das Raunen und Flüstern in der Stadt wollte kein Ende nehmen. Noch bevor die Nacht vorbei war, kamen immer mehr fremde Kämpfer an. Manche waren eher klein, manche recht groß. Und sie flogen auf Schalen und Kriegsschilden.
Einer dieser Fremden hatte sogar eine Laterne bei sich, die ihm in der Nacht ein geheimnisvolles Licht spendete. Es war Ohle, der kleinste aller Kobolde. Er landete direkt vor dem Tempel. Die Wachen sahen ihm und seinen Brüdern staunend nach und sie nickten sich vielsagend zu.
Langsam füllte sich der Tempel mit den Nekromanten, Kobolden und Elfen. Aurelia und Aella flogen durch die großen Fenster der Tempelkuppel herein. Elegant landeten sie neben dem Inselkönig und Aella gab ihrem Bruder zur Begrüßung einen Kuss auf die rechte Wange. Auf die linke Wange küsste ihn Flavia, die schöne Lichtmagierin.
Barbaron sah sich die Küsserei der Fee und der Magierin mit einigem Neid an. Doch Theodora zwinkerte ihm zu und so saß er plötzlich auf ihrer linken Schulter. Sie küsste den kleinen König auf die Stirn und ein breites Grinsen tauchte sofort in seinem Gesicht auf.
Draco, der Priester, stellte sich in die Mitte der Freunde seines Königs. Er hob beide Hände hoch und sprach zu ihnen. »Gleich werde ich euch zeigen, was jetzt in der Nähe des Tempels geschieht. Mit der Magie meines Karfunkels kann ich euch einen Blick in das Lager des Dämonicon gewähren. Doch das gelingt mir nur für wenige Augenblicke. Also schaut euch schnell an, was ich euch jetzt zeige.«
Der Priester rief einen feinen Nebel herbei, der aus den Feuerbecken der Tempelhalle zukommen schien. Einzelne Dinge wurden sichtbar. Offenbar bauten sich die Halbriesen und die Schattenalp ein Heerlager auf. In der Mitte des Lagers stand Dämonicon. Er erklärte wohl gerade einem Halbriesen und einem Schattenalp etwas. Ein wenig abseits stand ein weiterer Schattenalp. Er hielt eine Schatulle in seinen Händen. Der Nebel löste sich auf und alles verschwand so schnell, wie es gekommen war. Dieses Mal fiel Draco nicht in Ohnmacht. Er atmete erleichtert auf.
»Das hast du sehr gut gemacht«, sprach Ohle zu ihm, noch ehe jemand etwas sagen konnte. Dann zog der Kobold seine Flugschale aus seinem Zauberbeutel und setzte sich auf das schwebende Ding. »Hört Ohle mit Laterne zu, ihr Freunde des Schöpfers und der weißen Magie«, sprach er weiter und selbst der kleinste Minitroll rückte neugierig ein Stück näher heran. »Die Schatulle, die ihr bei dem Schattenalp gesehen habt, kann uns sehr gefährlich werden. Sie verrät seinem Meister, wo sich seine Feinde befinden. Außerdem kann es die Seele jedes Wesens herbeirufen. Nur so konnte Brando in unsere Welt zurückkommen und so viele seiner Krieger mitbringen.«
»Kann er uns in diesem Augenblick etwa belauschen?«, fragte Albanarius besorgt und er ging einen Schritt auf den schwebenden Kobold zu.
»Ja, das könnte er«, antwortete Ohle und das Licht seiner Laterne tanzte im Wind der Nacht. »Sein Hochmut ist jedoch so groß, dass er es noch nicht für nötig hält, uns zu jeder Zeit zu belauschen. Er wird den Seelenfinder nur dann zurate ziehen, wenn er es muss. Das Ding verlangt viel Kraft von ihm und er ist noch längst nicht so stark, wie er es einst an jenem Tag war, da der gute König Alfagil ihm seinen geweihten Speer in die Brust stieß. Außerdem hat er bestimmt einen Magier, der ihm die Drecksarbeit abnimmt. Das wird der Kerl gewesen sein, der die Schatulle hielt. Dieser Mann wird bald schwach werden und sterben. Der Seelenfinder ist ein Diener der schwarzen Magie. Wir müssen ihn uns holen und vernichten. Erst dann können wir einen vernünftigen Plan schmieden.«
»Trajan ist schon auf dem Weg zum Heerlager des schwarzen Prinzen«, sprach Cylor zu Ohle und er sah sofort das Entsetzen im Gesicht des Koboldes. »Er will versuchen, den König der Halbriesen heimlich zu sprechen und ihm erklären, was Dämonicon und Monga wirklich vorhaben.«
»Bis jetzt beobachtet er aus sicherer Entfernung, was unsere Feinde so alles in ihrem Lager aufbauen«, erklärte Barbaron. Er hielt triumphierend seinen Kompass in die Höhe, der ihm zeigte, wo sich Trajan gerade befand.
Ohle schwebte zu Theodora. Als er sich vor ihrer linken Schulter befand, lächelte er sie und Barbaron an. »Ohle mit Laterne hat einen Plan und für diesen Plan brauche ich dich. Wir holen uns die Schatulle. Die Nekromanten finden bestimmt einen Weg um sie zu vernichten.«
»Oh ja«, rief der kleine König sofort. »Das machen wir noch heute Nacht. Das wird bestimmt ein toller Spaß. Und wenn wir können, helfen wir auch noch Trajan.«
Kaum hatte Barbaron Ohle zugestimmt, kam auch schon ein leichter Tumult auf. Jeder Minitroll wollte natürlich seinen König begleiten. Doch Ohle wollte das nicht. Er meinte, dass nur er und der kleine König die Schatulle mit dem Seelenfinder holen sollten.
Albanarius wollte sich einmischen doch er kam nicht zu Wort. Die Gemüter der Minitrolle erhitzten sich und Ohle gab schließlich nach. »Na gut!«, rief er, so laut er konnte. »Ohle mit Laterne ändert den Plan noch ein wenig ab. Wer von euch will einen Halbriesen oder einen Schattenalp lebend fangen? Ich habe in meinem Zauberbeutel ein Mittel, das bringt jeden Feind zum Reden. Ohle mit Laterne will unbedingt wissen, was Dämonicon mit dem Brunnen im Tempel der sieben Alten vorhat.«
Sofort kam bei den Minitrollen wieder Tumult auf. Der Hauptmann sah fragend zu seinem König. Doch der war gerade abgelenkt. Der kleine König schrie Theodora beinah ins Ohr, was er in Dämonicons Lager vorhatte. Bei dem Trubel hätte sie ihn sonnst nicht verstanden.
»Es werden alle Minitrolle an der Jagd teilnehmen. Und es wird ein besonderer Gast sein, den wir mitbringen wollen. Wir machen Jagd auf Dämonicons Magier. Und das bedeutet, mit etwas Glück schnappen wir ihn mit seiner albernen Schatulle. So ein einfacher feindlicher Krieger wird bestimmt nicht wissen, was der schwarze Prinz mit dem Brunnen im Tempel vorhat. Deshalb brauchen wir den schwarzen Magier lebend.«
Da stimmte Platos sofort zu. »Mein lieber Barbaron. Bring uns den schwarzen Magier. Ich weiß, dass es nicht leicht werden wird. Doch ich bin mir sicher, dass ihr es schaffen werdet.«
Ohle schüttelte den Kopf und er sah dabei dem kleinen König tief in die Augen. »Es muss schnell und leise gehen. Die Nacht neigt sich dem Ende zu. Da sind selbst die bösesten Kreaturen müde. Ich hoffe, dass die Wachen nicht mehr so aufmerksam sind. Mit kurzen Trollsprüngen solltet ihr schnell zum Heerlager der Feinde gelangen. Geht ohne mich kein Risiko ein und wartet, bis ich bei euch bin.«
Barbaron gab Theodora einen Kuss auf ihre Wange. »Ich verlasse dich nur ungern«, säuselte er ihr ins Ohr. »Aber ich muss wieder einmal die Welt retten. Doch ich kehre zu dir zurück.«
Die Königin kicherte amüsiert und im nächsten Augenblick schwebte Barbaron über seinem Volk. »Auf geht's, mein geliebtes Volk, holen wir uns den Magier und schauen wir nach Trajan, dem tapferen Krieger.«
Seine Worte brachten die Minitrolle sofort zum Jubeln. Ohle lächelte und das Licht in seiner Laterne tanzte noch immer im Nachtwind.
Das Erbe der Nachtaugenriesen
»Ich kann es kaum glauben«, sprach Sibylla, als sie Falk mit seiner Jagdbeute auf seinen Schultern sah. »Du hast tatsächlich den Rehbock so schnell getroffen, dass ich noch nicht mal den Bogen spannen konnte. Du wirst immer besser, mein geliebter Gefährte.«
Sibylla lächelte Falk so verführerisch an, dass dieser leicht errötete. Doch ein feiner Geruch wurde vom Wind in die Nasen der zwei Elfen geweht.
»Es riecht nach Rauch und nach Kohle«, meinte Falk. Erlegte den Rehbock auf seinen Kriegsschild und ließ ihn ein Stück in die Höhe schweben. Dann sprang er auf den Schild und Sibylla tat es ihm nach.
»Ich glaube, ich weiß, aus welcher Richtung der Geruch kommt«, sprach sie leise zu Falk. »Folge mir und halte deinen Bogen bereit. Wenn es Feinde sind, müssen wir schnell handeln.«
Sie flogen langsam durch den Wald. Dabei hielten sie sich dicht über dem Schnee, um nicht so schnell aufzufallen. Der Wind kam ihnen entgegen und der Geruch von verbrennendem Holz und glühender Kohle wurde immer stärker. Als sie an eine Lichtung kamen, trauten sie ihren Augen nicht. Mitten auf dieser Lichtung stand eine Schmiede und ein Haufen merkwürdiger Elfen arbeitete dort so fleißig, dass sie die beiden Ankömmlinge nicht zu bemerken schienen.
»Was sind das für Elfen?« Falks Frage war durchaus berechtigt.
»Woher soll ich das wissen«, antwortete Sibylla. »Die sind ja beinah so groß wie die Riesen in Ando-Hall.«
Hinter ihnen knackte ein Ast und eine leise Stimme war zu hören. »Nicht umdrehen und die Hände weg von den Waffen.«
»Wer seid ihr und was wollt ihr hier?«, war eine zweite Stimme zu hören.
Falk spürte einen spitzen Gegenstand in seinem Genick. Ein Blick zu Sibylla genügte und er wusste, was zu tun war. Mit einem Sprung nach vorn und einer Drehung standen sie plötzlich so weit von ihren Angreifern weg, dass sie auf ihre Kriegsschilde springen konnten. Dabei verlor Falk seinen Rehbock. Er fluchte leise vor sich hin und die zwei verdutzten Erz-Elfen, die sich an sie herangeschlichen hatten, wichen sofort erschrocken zurück.
Sibylla zielte mit ihrem Bogen auf den größeren der zwei fremden Gestalten. Dabei umrundete sie die vermeintlichen Angreifer geschickt. Falk streckte seine linke Hand nach dem Rehbock aus und ließ ihn schweben. Langsam legte er so seine Jagdbeute zurück auf seinen Schild. Dann sah er zu den Erz-Elfen. Die waren nur mit langen Speeren bewaffnet und sie schienen noch reichlich jung zu sein.
»Wir sind Erz-Elfen«, sprach der Größere. »Unsere Väter betreiben hier eine Schmiede. Wenn ihr Verbündete der Feenkönigin Theodora und der Kobolde seid, so seid ihr uns willkommen.«
»Ihr habt eine komische Art, die Freunde der Feenkönigin zu begrüßen«, sprach Sibylla. »Doch wie, um alles in der Welt, kommt ihr hier her?«
»Das erklärt euch besser mein Vater«, sprach der Kleinere. »Er ist der Fürst von Erz-Hall. Mein Vetter und ich, wir waren auf der Jagd, als wir euch entdeckten. Ich hoffe ihr nehmt uns unseren schlechten Scherz nicht übel.«
Sibylla ließ den Bogen sinken und Falk steckte sein Schwert weg.
»Lasst uns zu euren Vätern gehen. Sicherlich können die Frauen in eurer Schmiede die Beute meines Gefährten zubereiten,« meinte Sibylla etwas versöhnlicher.
Als die beiden weißen Elfen bei den Erz-Elfen in der Schmiede saßen und ein wenig später beim Essen Trond zuhörten, wollten sie kaum glauben, was sich alles ereignet hatte.
»Wir müssen zurück zu den Nachtaugenriesen«, erklärte Falk. »Sie müssen erfahren, was geschehen ist. Außerdem wurde die Magie erschüttert und ich bin mir sicher, dass es die weiße Seite war.«
Norger setzte sich gegenüber von Falk und Sibylla auf eine grobe Holzbank. »Ein neuer Magier muss geweiht worden sein«, sprach er bedächtig aus, was er von der Erschütterung hielt. »Es muss weit im Westen geschehen sein. Für einen Moment sah ich einen edlen Stein vor meinem inneren Auge. Er war so rot wie das Blut in meinen Adern. Das bedeutet, dass er ein Hüter ist. Er kann bestimmt vieles sehen und er wird immer stärker.«
»Mein Bruder hat recht«, erklärte Trond. »Ich bin derselben Meinung. Seid also unseren Söhnen nicht böse, wegen des dummen Streiches. Ihr solltet schnell zu den Riesen zurückkehren und ihnen berichten, was ihr wisst. Für den Fürst der Riesen habe ich eine besondere Waffe. Es ist eine edle Streitaxt. Ich habe sie aus dem besten Eisen geschmiedet, das jemals in unserer Schmiede zum glühen gebracht wurde. Sie wird ihm gute Dienste leisten.«
Die Streitaxt erwies sich als reichlich schwer. Die Söhne von Trond und Norger kicherten leise, als Falk sie mit aller Kraft auf seinem schwebenden Kriegsschild legte. Er bemerkte das Kichern und er konnte sich einen kleinen Streich nicht verkneifen. Plötzlich schwebten die jungen Burschen über dem Schnee. Sie fielen ihren Vätern genau vor die Füße. Lachend halfen der Fürst und sein Bruder ihren Söhnen wieder auf die Beine. Dann winkten sie den weißen Elfen hinterher.
Trotz des eisigen Wetters und des leichten Schneefalls, flogen die beiden Elfen direkt nach Ando-Hall. Artem war erstaunt, als er das Geschenk des Fürsten Trond in seinen Händen hielt. Mit so einer Streitaxt konnte er getrost in jede Schlacht ziehen. Er stand vor dem Tempel, umringt von zahlreichen Freunden, die bewundernd die neue Waffe ihres Fürsten bestaunten. Doch am meisten staunten sie über das, was die beiden Elfen zu berichten hatten. Dass es wieder Erzelfen in ihrer Welt gab, konnten sie kaum glauben.
Der Waffenmeister Tritor lud den Fürsten und die zwei Elfen zu sich in sein Haus ein. Kalon, der Priester, erwartete sie schon. Mit zwei anderen Priestern versuchte er seit einigen Stunden vergebens, ein großes Fass zu öffnen. Der Deckel ließ sich beim besten Willen nicht anheben.
»Oh, mein Freund Tritor«, jammerte Kalon, als der Waffenmeister mit dem Fürsten und den Elfen im großen Gästesaal seines Hauses eintraf. »Die lange Zeit, die das Geheimnis unserer Ahnen im Boden deines Gartens ruhte, ist dem Fass nicht gut bekommen. Es ist so verrottet, dass es sich nicht öffnen lässt.«
Kalons Blick fiel auf die neue Streitaxt. »Nicht mit dem Ding!«, rief er sofort. »Mit dieser Waffe würdest du das Geheimnis zerstören und das Wissen unserer Ahnen wäre für immer verloren.«
»Wenn ich es mal probieren dürfte?«, fragte Sibylla. »Ich habe meinem Gefährten Falk einen wunderbaren Zauber beigebracht. Mit diesem Zauber möchte ich euch jetzt helfen.«
Kalon nickte zögerlich und die Riesen staunten, als Sibylla das Fass zum Schweben brachte. Mit Leichtigkeit hob sie mit der Hilfe ihrer Magie den verrotteten Deckel vom Fass. Dann stellte sie es vorsichtig ab.
Sofort versuchte jeder, in das Fass zu schauen. Doch außer einer länglichen Holzkiste war nicht viel zu sehen. Artem holte sie mit einer Hand heraus. Er legte sie auf Tritors große Festtafel. Dann öffnete er sie, indem er rechts und links je einen Hebel betätigte. Die Kiste sprang auf und zum Vorschein kam ein prächtiger Mantel aus rotem Samt. Blumenornamente aus feinstem Gold schmückten ihn und er schien so leicht wie eine Feder zu sein.
»In den alten Schriften unserer Ahnen wird dieses magische Stück erwähnt«, flüsterte Kalon ehrfurchtsvoll. »Es steht geschrieben, dass der Träger dieses Mantels sich selbst und zwei seiner Freunde dahin bringen kann, wo immer ein Tempel steht. Das gute Stück soll vom Schöpfer selbst geweiht worden sein.«
»Bei meiner Kriegskeule«, staunte Tritor mit leuchtenden Augen. »Mein Großvater hat diesen magischen Mantel in die Kiste gelegt und dann in das Fass getan. Doch es war ihm nicht sicher genug. Deshalb hat er das Fass eines Nachts im Garten vergraben. Doch vorher hat er mir den Mantel gezeigt. Ich hätte nie gedacht, dass wir seine Magie noch einmal benötigen.«
Kalon stimmte dem Waffenmeister zu. »Noch im Sommer hätte das niemand für möglich gehalten. Doch nun brauchen wir ihn. Und zu unserem Glück weiß ich genau, wie man die Magie des Mantels anwendet.«
»Dann lasst uns nicht länger zögern«, sprach Artem mit brummiger Stimme. »Wir müssen unseren Freunden helfen. Es ist der Wille des Schöpfers, dass wir Nachtaugenriesen für das Gute in dieser Welt kämpfen.«
Kalon ergriff den Mantel und ging damit zum Tempel. »Man kann mit diesem Mantel nur von Tempel zu Tempel reisen«, erklärte er seinem Fürsten. »Ich lege mir das heilige Stück um die Schultern und spreche ein besonderes Gebet. Du, mein Fürst Artem, bestimmst den anderen Krieger, der mit uns reisen wird.«
Artem sah zu Falk und Sybilla. »Wir verstehen schon«, meinte der junge Elfenkrieger. »Such dir den besten deiner Krieger aus. Wir fliegen auf unseren Kriegsschilden.«
»Es tut mir leid«, sprach der Fürst zu den weißen Elfen. »Doch zwei Elfen ist ein Elf zu viel. Mein Adler Aquila wird euch begleiten. Er kann uns auf der Insel noch nützlich sein. Ich schicke ihn sofort los. Ihr solltet auch nicht länger zögern. Fliegt so schnell ihr könnt und hüllt euch gut in eure Wolfspelze ein. Nicht das ihr unterwegs zu Eis erstarrt und von euren Schilden fallt. Nehmt euch auch reichlich Proviant mit. Und vergesst nicht, im Weinkeller von Kalon einen guten Tropfen einzustecken. Möge der Schöpfer über euch wachen.«
Die beiden Elfen taten, was ihnen Artem geraten hatte und sie lächelten bei seinen wohlmeinenden Worten. Kaum waren sie hoch über dem Land der Riesen, hörten sie Aquilas Jagdschrei. Sie flogen nach Südwesten und der Adler eilte ihnen voraus.
Der Fürst sah ihnen nach und als sie nicht mehr zu sehen waren, ging er mit Tritor und Kalon in den Tempel. Cromber und ein großer Haufen Freunde kamen hinterher. Artem beauftragte seinen Onkel mit der Befehlsgewalt über Ando-Hall. Der Waffenmeister hatte seine beste Kriegskeule bei sich und Artem musste lächeln, als er sich mit seiner neuen Streitaxt neben ihn stellte.
Kalon legte sich den Mantel über seine Schultern. Er gesellte sich zu dem Fürsten und dem Waffenmeister und breitete seine Arme aus. Dann sprach er das besondere Gebet, von dem er erzählt hatte. Der Mantel legte sich um die drei Riesen, so als hätte ihn ein Windstoß hochgehoben. Kaum war das letzte Wort des Gebetes ausgesprochen, verschwanden die drei Riesen mit einem leichten Knall.
Cromber und die anderen Riesen staunten. »Ich wünsche euch eine sichere Reise und einen glorreichen Sieg«, flüsterte er. Dann sah er zu den anderen Kriegern. »Solange wir nichts von unserem Fürsten hören, werden wir die Gegend um Ando-Hall absuchen«, befahl Cromber. »Kein Schattenalp, der sich in unserem Land befindet, darf uns entkommen. Und außerdem Suchen wir diesen Bluthort. Es ist an der Zeit, diese Zuflucht des Bösen zu vernichten.«
Cromber wollte noch etwas sagen, doch der Jubel der Krieger verhinderte das.
Pulsuz fraqment bitdi.