Kitabı oxu: «Vinus und das Auge der Zyklopen: Die Abenteuer der Koboldbande (Band 4)»
Jork Steffen Negelen

Vierter Teil:
Vinus und das Auge der Zyklopen
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
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Zweite überarbeitete Auflage
Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
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Orbins Auferstehung
Die Kälte des nahenden Winters hatte das Drachengebirge erobert. Der Nordwind fuhr mit seinem frostigen Atem durch die Täler und ließ alles Wasser zu Eis erstarren. Es schneite unaufhörlich und die Flocken fielen so dicht, dass ein einsamer Jäger mit seinem treuen Begleiter nur mühsam den Weg durch ein kleines Tal fand.
Dieser Jäger war Arglod, ein roter Kriegstroll. Er hatte sich und seine Familie aus all den Kämpfen der letzten Zeit herausgehalten und sich in das Drachengebirge zurückgezogen. Hier konnte er mit seinem Jagdwolf Selitos dem Wild nachstellen und die kalten Nächte in einer der vielen Höhlen des Gebirges verbringen.
Doch die Einsamkeit der Berge schützte ihn nicht vor einem alten Freund aus längst vergangenen Zeiten. Der Mönchsdämon Ihlo war für Arglod so ein alter Freund. Erst vor drei Tagen hatte er den Kriegstroll aufgesucht und ihn an eine alte Schuld erinnert. Vor vielen Jahren hatte Ihlo Arglod schwer verwundet gefunden und ihm das Leben gerettet. Der Kriegstroll war bei einem Jagdausflug in das Gebiet der Schneeland-Elfen eingedrungen und wollte einen Hirsch erlegen. Doch das Tier entkam und eine Horde Elfen griff ihn an. Aus vielen Wunden blutend entkam er ihnen und Ihlo rettete ihn vor dem sicheren Tod. Seit jenem Tag erfüllte Arglod immer wieder kleinere Aufgaben, die Ihlo ihm ab und zu aufgab.
Heute sollte er den Begräbnisplatz eines alten Hexenmeisters finden. Ihlo hatte dem Kriegstroll die Stelle genau beschrieben. Sobald Arglod diesen Platz gefunden hatte, sollte er Ihlo rufen. Doch der Schneefall ließ nicht nach und Arglod musste sich immer wieder umsehen. In dieser weißen Landschaft sah ein Baum wie der andere aus und der Kriegstroll befürchtete schon, die Orientierung verloren zu haben.
Nur sein treuer Freund Selitos half ihm, immer wieder den Weg zu finden. Arglod wollte schon rasten und auf besseres Wetter warten, da erreichte er den Stamm einer alten Nordeiche. Der Baum war so alt, dass die meisten Äste fehlten und der ausgehöhlte Stamm als Wegmarkierung diente. Nur noch wenige Schritte und er erreichte den Begräbnisplatz.
Arglod wusste nicht viel über den alten Hexenmeister. Aus irgendeinem Grund hatten ihn die Schneeland-Elfen vor vielen Hundert Jahren in der Nähe der hohlen Eiche in einem großen Tonkrug verscharrt und den Platz mit einem Bann belegt.
Als der Kriegstroll den Platz erreicht hatte, warnte ihn Selitos vor diesem Bann. Das Nackenfell des Wolfes sträubte sich und er zog sich knurrend zurück. Jetzt war es an der Zeit, den Mönchsdämon zu rufen. Arglod formte die Hände zu einem Trichter und hielt sie sich vor dem Mund. Dann rief er so laut er konnte. „Set erem Set agitor Ihlo!“
Vor dem Kriegstroll erschien der Mönchsdämon mit einem Zischen und einem kurzen Knall. Er schaute sich um und sprach zu Arglod. „Das hast du gut gemacht. Ich habe schon befürchtet, dass du den Platz heute nicht mehr findest. Doch du bist ein sehr guter Jäger und Fährtensucher. Dank dir und deinem Wolf habe ich mir viel Zeit und Mühe erspart. Jetzt werde ich versuchen, den alten Orbin aus seinem Gefängnis zu befreien. Geh ein Stück zur Seite. Dieser Orbin ist ein unberechenbarer Mann mit sehr viel schwarzer Magie. Er könnte dich und den Wolf sofort töten.“
Arglod schaute zu der flatternden Gestalt vor ihm und fragte erstaunt. „Was ist dieser Orbin für ein Wesen? Sind wir in großer Gefahr, wenn du ihn erweckst?“
Ihlo schwebte dicht vor Arglods Augen und zischte ihn an. „Mach genau das, was ich dir sage. Dann wird dir der untote Hexenmeister nichts tun. Und jetzt geh mit deinem Wolf ein Stück zurück.“
Mit einem unguten Gefühl im Magen zog der Kriegstroll seinen Wolf einige Schritte weg von Ihlo und diesem unheimlichen Begräbnisplatz. Dann sah er dem Mönchsdämon zu.
Ihlo flog über Orbins Ruhestätte und versuchte, mit einer Beschwörung den Bann der Schneeland-Elfen zu brechen. Drei schwarze Geister krochen aus der Erde und umkreisten wie Nebelschwaden den gebannten Platz. Mit einem schwachen Leuchten gab der Bann seine Kraft auf. Die Geister verschwanden und Ihlo rief Orbin aus der Tiefe seines Grabes herbei.
Arglod staunte und sein Wolf zog jaulend den Schwanz ein. Er verkroch sich hinter seinem Herrn. Ein tiefes Loch entstand und in ihm lag ein großer Tonkrug. Mit einer rostigen Kette und drei großen Schlössern war dieser Krug gut gesichert. Doch für Ihlo war das kein Problem. Er ließ den Krug aus dem Loch nach oben schweben und stellte ihn neben der alten Eiche ab.
Der Kriegstroll wagte es nicht, sich zu bewegen. Mit offenem Mund sah er Ihlo zu, wie dieser mit seiner schwarzen Magie die Schlösser öffnete, die Kette in den Schnee fiel und so den Deckel des Krugs freigab. Der Krug drehte sich dreimal im Kreis und der Deckel sprang auf. Eine Säule aus schwarzem Staub streckte sich in dem Himmel und schwebte langsam zu Boden.
Als die schwarze Staubsäule sich auflöste, ließ sie ein altes vertrocknetes Männlein in einer schwarzen Kutte zurück. In seiner rechten Hand hielt dieses Männlein einen Zauberstab. Er stand neben dem Krug und sah sich langsam um. Als er Ihlo sah, hielt er ihm den Zauberstab entgegen und fauchte ihn an. „Du bist es also, du hast mich aus meinem Grab befreit. Ich habe dich schon einmal gesehen, doch ich erinnere mich nicht, wo das war.“
Ihlo umkreiste den Krug und den Hexenmeister und sprach eine letzte Beschwörung aus. Das Männlein wurde größer und nahm seine alte Gestalt an. Ihlo sah sich sein Werk an und war zufrieden. „Wer hätte das gedacht. Nach so vielen Jahren sehe ich dich noch einmal wieder. Du bist Orbin, der schwarze Hexenmeister und damit ein Diener meines Herrn Dämonicon. Mehr sage ich dir nicht. Ich werde dich zu ihm bringen und ihm dein weiteres Schicksal anvertrauen.“
Arglod schaute verängstigt zu Ihlo und Orbin und wich langsam immer weiter zurück. Ihlo bemerkte das und ließ vor dem Kriegstroll einen Beutel Gold in den Schnee fallen. „Das soll der Lohn für deine Mühe sein. Du bist ein guter Freund. Doch gib in Zukunft mehr Acht und verwische deine Spuren. Schon bald werden die Schnee-Landelfen bemerken, dass Orbins Grab leer und ihr Bann gebrochen ist. Dann solltest du nicht in ihrer Nähe sein.“
Arglod verstand den Rat. Er hob den Beutel mit dem Gold auf und sah zu dem Mönchsdämon. „Ich werde hier verschwinden und diesen Ort nie wieder aufsuchen. Das verspreche ich dir.“ Der Kriegstroll steckte das Gold ein und lief mit seinem Wolf davon.
Jetzt war Ihlo mit Orbin allein. Er betrachtete den Hexenmeister und sprach zu ihm. „Bist du bereit für eine Reise? Oder hast du noch nicht genügend Kraft von mir bekommen?“
Orbin sah an sich herunter. Seine alte Kutte hing ihm in Fetzen am Körper und er konnte sich nicht einmal erinnern, wer er wirklich war. „Ich habe zu lange geschlafen und zu viel vergessen. Ich weiß nicht einmal ob ich vor dir und deinem Herrn Angst haben soll.“
Ihlo nickte ihm zu. „Das wirst du bald herausfinden. Dein Gedächtnis wird mit der Zeit besser werden. Doch jetzt müssen wir aufbrechen. Die Zeit drängt und dich erwartet noch eine große Aufgabe.“
Ihlo hielt Orbin seinen mächtigen Dämonenspiegel vor die Nase und ließ ihn hineinschauen. Sofort verschwanden sie und kamen an dem von Ihlo gewählten Ort an.
Dämonicon hörte ein Zischen und einen Knall. Im nächsten Augenblick stand Orbin vor ihm und der Mönchsdämon flatterte über ihnen. Mit finsterer Miene sah Dämonicon den untoten schwarzen Hexenmeister an. Er beugte sich ein Stück zudem kleineren Orbin herunter, und obwohl er leise sprach, erzitterte das Wasser im See der Grotte. „Nach so langer Zeit sehen wir uns wieder, mein alter Kampfgefährte Orbin. Die Elfen sind nicht gerade zimperlich mit dir umgegangen. Du siehst noch sehr schwach aus. Ich werde das ändern und du wirst erkennen, dass es auch seine Vorteile hat, mich zum Herrn zu haben.“
Dämonicon sah zu dem Mönchsdämon, der vor ihm flatterte. „Du kehrst jetzt zu meinem Vater Imperos zurück. Sage ihm, das Orbin für mich das Auge der Zyklopen suchen wird. Ich werde ihn für seine Aufgabe vorbereiten. Wenn ich dich brauche, werde ich dich rufen.“
Ihlo nickte nur und verschwand sofort. Jetzt war Dämonicon mit seinem alten Diener allein. Er betrachtete ihn genau und schüttelte den Kopf. Du bist der einzige Iht-Dag, der seine äußere Gestalt behalten durfte. Doch du hast zu viel von der schwarzen Magie genutzt und dich in einen untoten schwarzen Hexenmeister verwandelt. Jetzt kann dich die Sonne töten. Das ist nicht gut. Ich muss dich in den Stand der Lebenden zurück versetzen. Damit muss ich aber auch dein Dasein als Iht-Dag beenden.“
Verständnislos sah Orbin den viel größeren Dämonicon an. Er konnte sich noch immer nicht erinnern. „Ich weiß nicht, was du meist, Herr. Mein Gedächtnis spielt mir einen bösen Streich.“
In Dämonicons Gesicht war ein hinterhältiges Grinsen zu erkennen. Er zog seinen Zauberstab aus seinem Gürtel und sprach zu Orbin. „Das ist nicht weiter tragisch. Schon bald wirst du dich an dein früheres Dasein als mein Diener erinnern. Ich werde dir dabei helfen und dir dein Leben wiedergeben. Zuerst werde ich den Fluch aufheben, der dich als Iht-Dag an mich bindet. Dann hauche ich dir deine Seele ein, und wenn alles vollbracht ist, erkläre ich dir deine neue Aufgabe. Du wirst deine alten Fähigkeiten für mich nutzen und mir einen großen Dienst erweisen. Wenn du erfolgreich bist, werde ich dich reich belohnen.“
Orbin verneigte sich vor Dämonicon und sprach. „Es soll so sein, wie du es dir wünschst. Ich werde dir dienen.“
Dämonicon lachte so laut, dass das Wasser im See seine Wellen an das Ufer warf. Er streckte die Arme aus und beschwor mit seinem Zauberstab einen schwarzen Geist herauf. Der bedeckte Orbin wie einen Schleier. Dämonicon sprach eine weitere Beschwörung aus und der Geist zog sich sofort zurück.
Orbin sah erstaunt an sich herunter. In seinen Körper war das Leben zurückgekehrt und er spürte seit langer Zeit wieder seinen Herzschlag. Er reckte und streckte sich und einige seiner Erinnerungen kamen zurück. Wie ein kurzer Traum zog der Kampf mit den Schneeland-Elfen, den er vor Jahrhunderten verloren hatte, an ihm vorüber. Er sah vor sich, wie einer der Elfen ihn mit einem Blitzschlag niederstreckte und er in einen großen Tonkrug gesteckt wurde. Er hörte, wie der Elf den Bannspruch aufsagte. Der Deckel klapperte und eine Kette rasselte. Dann wurde es dunkel um ihn und seine Erinnerung erlosch, als hätte jemand eine Kerze in finsterer Nacht ausgeblasen.
Dämonicon nickte zufrieden. Er berührte mit seinem Zauberstab Orbins zerschlissene Kutte und im nächsten Augenblick trug der Hexenmeister ein neues Gewand. „Mit diesem einfachen grauen Gewand solltest du in Bochea weniger auffallen. Du wirst dich an viele deiner einstigen Fähigkeiten erinnern. Das sollte dir bei deiner neuen Aufgabe helfen. Du musst für mich in die Stadt Bochea gehen und mir einen Gegenstand bringen. Er ist sehr gefährlich, doch ich brauche ihn. Solltest du versagen, oder mich sogar hintergehen, so werde ich dich finden und aus dir wieder einen untoten Hexenmeister machen. Dann werde ich dich der Sonne opfern und deine Seele wird nie in einem Seelenreich Einlass finden.“
Dämonicon schlug Orbin mit seinem Zauberstab gegen die Brust. Von der Wucht dieses Schlages wurde Orbin einige Schritte weit weggeschleudert. Keuchend stand der Hexenmeister wieder auf und hielt Dämonicon seine Hände entgegen. „Ich habe dich verstanden, Herr. Du wirst mit mir zufrieden sein. Sag mir nur, wie der Gegenstand heißt und wie ich zu dieser Stadt gelangen kann.“
Mit finsterer Mine sah Dämonicon Orbin an. „Du bist jetzt ein einfacher Hexenmeister und stehst in meinen Diensten. Gehe immer nach Osten und suche nördlich der Steppe die alte Straße der Händler. Sie bringt dich zur Stadt Bochea. Dort gibst du dich als Reisender aus den westlichen Ländern aus. Sage jedem, dass du ein alter Kräutersammler bist. Dann wird man dich in Ruhe lassen. Sieh dich in der Stadt um und achte auf die Gespräche in den Wirtshäusern und auf dem Markt. Das kann dir helfen. Vermeide es aber, jemanden nach dem Auge der Zyklopen zu fragen. Damit machst du dich schnell verdächtig. Dieses Auge der Zyklopen ist eine fünfeckige Altartafel. In der Mitte dieser Tafel ist ein Auge aus Gold zu sehen. Bring mir die Tafel und dein Lohn ist dir sicher.“
Orbin war, als hätte er vor langer Zeit schon einmal etwas von der Stadt und der Tafel gehört. Doch eine genaue Erinnerung wollte sich in seinem Kopf nicht einstellen. Er verneigte sich vor Dämonicon und stellte noch eine letzte Frage. „Soll ich gleich aufbrechen, mein Herr?“
Dämonicon hob seinen Zauberstab und sprach. „Ja Orbin, nachdem du dich bei einem guten Mal gestärkt hast, wirst du dich auf dem Weg machen. Doch vorher werde ich mir noch deine unbedingte Ergebenheit sichern. Du bekommst von mir ein besonderes Halsband. Dieses Schmuckstück wird verhindern, dass du mir untreu wirst.“
Dämonicon streckte Orbin seinen Zauberstab entgegen. Mit einem hellen Blitz entfuhr dem Zauberstab ein lederndes Band. Es legte sich sofort um Orbins Hals und ein kleines schwarzes Wölkchen verschwand in seinem Mund.
Der Hexenmeister fiel auf die Knie und Dämonicon belehrte ihn. „Solltest du mich verraten, so wird dich dieses Halsband sofort zu mir bringen und ich werde dich bestrafen.“
Der Hexenmeister verbeugte sich dreimal vor seinem Herrn. Dann setzte er sich auf den Boden und aß, was ihn Dämonicon von seinem Erdtroll Tantara bringen ließ.
Dämonicon sah ihm zu und hielt dabei eine schwarze Flasche in seinen Händen. Immer wieder ging von ihr ein leises Klopfen aus und Dämonicon flüsterte ganz leise. „Jetzt nicht, mein Freund. Erst muss er gegangen sein. Dann lasse ich dich frei.“
Noch am selben Tag musste Orbin aufbrechen und von den Ruinen der alten Schlangenfestung nach Osten ziehen. Bewaffnet mit seinem Zauberstab und einem kleinen Beutel zum Sammeln von Kräutern, ging Orbin den alten Weg, den nur noch die Tiere des Waldes benutzten. Er sah sich noch einmal um und betrachtete von Weitem die Ruine.
Orbin wusste nicht warum. Aber ihm kam die Festung aus irgendeinem Grund bekannt vor. War er schon einmal hier gewesen? Und warum sah er in seinem Geiste eine Gruppe von Männern vor sich, die sich selbst als Achanten bezeichneten? Orbin konnte keine Erklärung in seinen verworrenen Gedanken finden. Irgendwann gab er es auf und er beschloss, sich auf den Weg zu konzentrieren. Der Hexenmeister wusste nicht, wie weit Bochea noch von ihm weg war. Doch er wanderte bis zum Beginn des Abends.
Nachdem er sich einen Platz für die Nacht gesucht hatte, entfachte er ein Feuer und trank einen Schluck Wasser von einem nahen Bächlein. Mit einem Messer schnitzte er sich einen Wanderstab. Der sollte ihm helfen, beim Wandern schneller voranzukommen.
Orbin versuchte seine Gedanken zu ordnen, doch immer wieder verschwanden die Bilder in seinem Kopf und er konnte sich nur an Bruchstücke seiner Vergangenheit erinnern. Da waren diese Männer, sie kamen auf ihm zu. Er schloss die Augen und sah sie vor sich. Einer von ihnen sagte ihm, dass sie Achanten seien. Doch dann war diese Erinnerung zu Ende und ein alter Mann mit einem gelben Mantel stand vor ihm. Er hob seine Arme in die Höhe und im nächsten Augenblick war auch diese Erinnerung zu Ende.
Erschöpft legte sich Orbin in das feuchte Gras. Trotz des Feuers war ihm kalt. Kleine Steine und Holzstücken drückten ihm in den Rücken. So etwas hatte er schon lange nicht mehr gespürt. Der Zauberstab kam Orbin in den Sinn. Er betrachtete ihn und versuchte sich an seine Eigenschaften zu erinnern. Leise flüsterte er vor sich hin. „Zwei Decken und ein Wolfsfell für den Kopf könnte ich jetzt gut gebrauchen.“
Der Zauberstab war aus schwarzem Holz und hatte einen kleinen rauchschwarzen Kristall an seiner Spitze. Er war nicht groß, doch seine Kräfte mussten gewaltig sein. Das konnte Orbin spüren. Er schwang ihn hin und her. Sofort lagen neben ihm zwei Decken und ein Wolfsfell.
Mit einem breiten Grinsen nickte Orbin. Jetzt brauchte er in der Nacht nicht mehr zu frieren. Er legte noch einmal Holz ins Feuer und begab sich dann zur Ruhe. Doch seine Gedanken kreisten immer weiter in seinem Kopf. Im Schlaf träumte er von der Schlangenfestung. Er sah sie in voller Größe vor sich. Doch einige Hände packten ihn und warfen ihn zu Boden. Er sah in die Gesichter von fremdartigen Kriegern und hörte eine Stimme. Sie kam ihm bekannt vor. Aber er konnte nicht erkennen, wer zu ihm sprach. Nur das, was gesagt wurde, hallte jetzt in seinem Kopf wieder. „Lasst ihn am Leben. Ich will einen gehorsamen Diener aus ihm machen … einen gehorsamen Diener … Diener … Diener.“
Der Klang dieser Stimme ließ Orbin aufschrecken. Er sprang auf die Beine, zog seinen Zauberstab und sah sich um. Es war bereits früh am Morgen. Sein Feuer war schon längst erloschen und bald würde die Sonne aufgehen. Orbin zog die frische Luft in seine Lungen und reckte sich. Durst und Hunger kamen in ihm auf und verscheuchten die letzten Gedanken an den Traum der Nacht.
Mit der Hilfe seines Zauberstabs konnte sich Orbin ein ordentliches Frühstück herbeizaubern. Danach packte er seine Sachen und zog weiter. Er folgte einem Weg, den wohl das Wild in dieser Gegend nutze. Wenn Orbins Gedächtnis besser funktionieren würde, so hätte er gewusst, dass solche Wege auch ihre Tücken haben. Doch Orbin bemerkte keine Gefahr und ging so ganz leicht in eine Netzfalle der dunklen Waldläufer-Elfen. Ein Fangnetz umgab ihn plötzlich. Es zog sich mit einem Ruck zusammen und riss Orbin in die Höhe.
Mit wildem Geheule kamen die Jäger aus den Büschen ringsherum und ließen das Netz wieder zu Boden fallen. Orbin schlug unsanft auf. Er griff nach seinem Zauberstab und seine Sinne waren jetzt erwacht. Mit einem magischen Blitz zerfetzte der Hexenmeister das Netz und dann sah er sich um. Noch schneller, als sie aus den Büschen gesprungen waren, rannten die Elfen schreiend davon. Sie machten erst halt, als sie in ihrem Jagdlager bei ihrem Häuptling ankamen.
Auf einer Wolke aus Staub stehend, hetzte ihnen Orbin nach. Vor dem Häuptling sprang er von der Wolke und brüllte los. „Auf die Knie mit euch oder ihr werdet hier alle von mir vernichtet!“
Die Elfen fielen zu Boden und der Häuptling fragte flehend. „Was haben wir dir getan, du großer Zauberer, dass du uns so hart bestrafen willst?“
Orbin stampfte zornig mit dem rechten Fuß auf. Dann brüllte er wieder los. „Da fragst du noch, du Narr!? Ihr habt versucht, mich mit einer Netzfalle zu überwältigen!“
Er packte den Häuptling an der Kehle und zog ihn hoch. Dann schaute er ihn genau in die Augen. „Wer seid ihr verlausten Gesellen, dass ihr es wagt, mich anzugreifen? Hat euch jemand geschickt? Solltet ihr mich fangen oder seid ihr einfach zu dumm, um einen harmlosen Kräutersammler von einem Schwein oder Hirsch zu unterscheiden?“
Orbin ließ den Häuptling los und sah ihn an. Der Elf duckte sich und hustete. Dann hob er beide Hände und sprach. „Ich schwöre dir, meine Jäger waren nicht hinter dir her. Wir hatten es auf das Wild in dieser einsamen Gegend abgesehen. Sie waren sehr ungeschickt und hätten dich vor der Falle warnen sollen. Wenn wir dir helfen können, dann sag es uns.“
Orbin wiegte den Kopf hin und her und streckte seinen Zauberstab dem Häuptling entgegen. „Ich bin Orbin der Kräutersammler und würde gern wissen, wer ihr seid. Sag mir deinen Namen und erzähl mir von euch.“
Der Häuptling nickte eifrig und verbeugte sich mehrmals. „Ja, Herr, es soll geschehen, wie du es wünschst. Ich werde dich bewirten und dir von uns erzählen.“
Einen Augenblick später saß Orbin mit dem Häuptling und einem alten Schamanen in einem Zelt. Der Häuptling reichte dem Hexenmeister einen Becher Wein und begann zu erzählen. „Also Herr Orbin, wir sind vom Stamm der Waldläufer-Elfen. Ich bin Eschenhand, ihr einziger Häuptling und der Alte hier ist unser Schamane Eichblatt. Wir sind dunkle Elfen und wandern nach Süden. Dort ist es wärmer und das Wild ist zahlreicher.“
Nachdenklich sah Orbin in den Weinbecher. In seinem Kopf arbeiteten die Gedanken und er konnte sich ein wenig an die dunklen Elfen erinnern. Doch er brachte sie nur mit einer Insel in Verbindung. Darum fragte er Eschenhand. „Sag mir, Häuptling, lebt ihr dunklen Elfen nicht mehr auf eurer Insel? Ich kann mich nicht mehr an ihren Namen erinnern.“
Beinah ungläubig schauten die Elfen den Hexenmeister an und der in einen Bärenpelz gehüllte Schamane schüttelte hastig den Kopf. „Ich glaube Herr, du bist lange nicht mehr in der Gesellschaft von uns dunklen Elfen gewesen. Ich werde dir etwas mehr von uns erzählen.“
Eschenhand goss jedem frischen Wein in die Becher und der Schamane begann zu berichten. „Die Insel, die du meinst, heißt noch heute Villbass. Wir Waldläufer-Elfen stammen nicht von den dunklen Elfen von Villbass ab. Wir haben diese Insel und ihre Bewohner immer gemieden. Doch wir kämpften, genau wie sie, für Dämonicon, dem Zauberer der alten Götter. Dafür wurden wir nach seiner Vernichtung aus unserer Heimat vertrieben. Wir lebten einst sehr weit im Westen. Auch dort gibt es ein großes Gebirge und dichte Wälder. Wenn wir vor siebenhundert Jahren Dämonicons Versprechungen nicht geglaubt hätten, so könnten wir heute noch in unserer alten Heimat leben.“
Orbin stellte seinen Becher neben sich auf dem Boden ab und sah zum Häuptling. „Lebt ihr seit dieser Zeit hier in diesen Wäldern?“
„Oh nein, wir sind erst seid wenigen Tagen hier.“ Eschenhand trank seinen Becher leer und sprach weiter. „Wir haben uns vorher in der Nähe der alten Ruinen von Illwerin aufgehalten. Dort wurden wir von dem Boten einer schwarzen Hexe zu Hilfe gerufen. Auf einem Friedhof bei den Ruinen gab es einen Kampf. Doch wir kamen zu spät und die Sache war schon erledigt.“
Orbin sah Eschenhand aufmerksam an. Die Verlegenheit des Häuptlings war kaum zu übersehen. Der Schamane beeilte sich deshalb, noch schnell etwas hinzuzufügen. „Diese schwarze Hexe hieß Irrsande und sie hatte einen Raben. Der hat uns zu diesem Friedhof geschickt. Doch als wir ankamen, hatten ihre untoten schwarzen Dienerinnen den Kampf schon verloren und wir mussten uns zurückziehen. Wir sind gewiss nicht feige, aber gegen einen Zirkelmagier, einen Haufen Kobolde und Minitrolle können wir nicht siegen. Wir benutzen unsere Magie meist nur, um unser Leben zu verlängern. Doch unsere Gegner bei den Ruinen von Illwerin kannten sich mit der Magie sehr viel besser aus. Wir hätten dort nur den Tod finden können. Darum sind wir aus dieser Gegend weggezogen. Das verstehst du doch, mein Herr Orbin?“
Orbin nickte vor sich hin. Er verstand diese Waldläufer-Elfen. Aber etwas von dem, was der Schamane soeben gesagt hatte, ging ihm nicht aus dem Sinn. Es war nur dieses einzige Wort „Zirkelmagier“. Er versuchte, sich zu erinnern. Doch in seinem Kopf wollte keine Vision in Zusammenhang mit diesem Wort kommen. Orbin schüttelte den Kopf und fragte Eichblatt, was er über diesen Zirkelmagier wisse.
Der Schamane zuckte mit den Schultern und antwortete verwundert. „Ich weiß nur, was alle von uns wissen. Er hat im letzten Krieg an der Seite der Menschen und der Drachen gegen das Heer des dragolianischen Priesterkönigs Tholoam gekämpft. Tholoam hat mit seinem Heer verloren. Wir hatten Glück, weil wir nicht für ihn kämpfen wollten. Deshalb stellt man uns jetzt nicht wieder nach. Man sagt, die Dragolianer wollten dem Geist des gefallenen Dämonicon einen neuen Körper geben. Wir wissen nicht, ob das alles wahr ist, aber wenn es so ist, so können wir nur jedem davon abraten.“
Orbin horchte auf. Offenbar wusste er etwas, was diese dunklen Elfen noch nicht wissen konnten. Deshalb fragte er sogleich. „Warum könnt ihr nur jedem davon abraten?“
Eichblatt wurde jetzt leicht ungehalten. „Na was ist denn das für eine Frage? Dieser Dämonicon will doch nur wieder einen fürchterlichen Krieg erzwingen. Wenn er gewinnt, dann wird er die alten Götter auferstehen lassen und unsere Welt gerät erneut in die Hände der Finsternis. Wir Waldläufer-Elfen gehen schon einen gefährlichen Weg mit unserer dunklen Magie. Doch dieser Dämonicon ist einfach besessen von der Idee, an der Seite der alten Götter über unsere Welt herrschen zu können.“
Eschenhand stimmte seinem Schamanen zu. „So ist es, und ich hoffe doch, es hat ihm noch niemand geholfen. Aber ich glaube, ich habe da vor einigen Tagen einen Ruck in der Magie gespürt. Jemand hat ihr Gleichgewicht erschüttert. Das kann sehr gefährlich sein.“
Eschenhand und Eichblatt schauten zu Orbin. Sie erwarteten wohl jetzt von ihm eine Antwort. Doch der Hexenmeister wich einfach aus. „Ich habe mich schon lange nicht mehr mit solchen magischen Dingen beschäftigt. Ich sammle meist nur noch Kräuter. Da ist mir wohl dieser Ruck in der Magie entgangen.“
Der Häuptling und sein Schamane sahen sich jetzt vieldeutig an. Ein Verdacht keimte in den Beiden auf und der Häuptling sprach jetzt betont ruhig. „Na so etwas, aber das kann ja mal vorkommen. Ich habe selbst schon beim Sammeln von Pilzen und Beeren so einiges nicht bemerkt. Auch ein magisch begabtes Wesen ist nicht immer perfekt.“
Orbin bemerkte den spöttischen Unterton in Eschenhands Rede und das machte ihn zornig. „Es ist so, wie ich es sagte. Ich komme von weit her, und ich habe diesen Ruck nicht gespürt!“ Der Hexenmeister sprach seine letzten Worte lauter aus, als er es wollte. Er stand auf und verließ das Zelt.
Der Häuptling und der Schamane folgten ihm. Eschenhand versuchte, ihn zu beruhigen. „Herr Orbin, wir wollten dich nicht verärgern. Doch wir kennen dich nicht. Da solltest du unser Misstrauen verstehen.“
Orbin sah Eschenhand an und reichte ihm die Hand. „Es ist schon gut, ich wollte mich nicht mit euch Elfen streiten. Seid bedankt für den Wein und lebt wohl. Ich muss jetzt meines Weges ziehen.“
Der Häuptling nahm die Hand des Hexenmeisters und nickte ihm zu. „Wir wünschen dir eine gute Reise.“
Orbin drehte sich um und ging einfach davon. Die Waldläufer-Elfen sahen ihm nach und der Schamane flüsterte seinem Häuptling zu. „Er konnte sich sehr schnell aus unserem Netz befreien. Ein Kräutersammler ist dieser Orbin nicht. Wohl eher ein finsterer Zauberer.“
Eschenhand schüttelte den Kopf. „Nein, der Kerl ist ein Hexenmeister. Hast du denn nicht seinen Zauberstab mit diesem seltsamen Kristall in seinem Gürtel bemerkt? So ein gefährliches Ding besitzt nur ein dunkler Hexenmeister.“
Die Waldläufer-Elfen rüsteten zum Aufbruch und verließen schnell ihr Jagdlager. Sie wollten Orbin auf keinem Fall noch einmal begegnen.
Einsam zog der Hexenmeister nach Osten, der Stadt Bochea entgegen. In seinem Kopf versuchte er, seine wirren Gedanken zu ordnen. Er griff sich an sein Halsband und die Worte seines Herrn fielen ihm wieder ein. Orbin dachte an seine Aufgabe und eine Frage bohrte sich in seinem Kopf fest. „Was würde geschehen, wenn er die Stadt betreten hatte?“
Der Weg nach Bochea
Der Regen hatte in der Nacht nicht nachgelassen. Schlecht gelaunt sah sich Artur die dunklen Wolken am Himmel an. Dann ging er in das Baumhaus. Knurr spielte mit Barbaron ein Würfelspiel und einige Minitrolle sahen im Schein des Kaminfeuers gespannt zu.
Gerade gewann Knurr das dritte Mal hintereinander und Barbaron wurde ärgerlich. „Freund Knurr, das ist für heute das letzte Spiel, das du gewonnen hast. Jetzt werde ich drei Sechsen würfeln und schon hab ich das Glück auf meiner Seite.“
Barbaron nahm den Würfelbecher und schüttelte ihn. Dann ließ er ihn krachend auf dem Boden landen und hob ihn hoch. Die Würfel zeigten jedoch dreimal die Eins. Fluchend stand Barbaron auf. „Seitdem es heute Morgen diese neue Erschütterung der Magie gab, habe ich kein Glück mehr. Da ist wohl irgendein böses Wesen aufgewacht.“
Artur wollte gerade etwas sagen, doch Vinus kam mit seinem Becher herein und sah sich um. Dann setzte er sich neben dem Kamin auf eine Bank und sah zu Artur. Er schüttelte den Kopf und sprach, als wollte er zu sich selbst reden. „Ich konnte heute Morgen nicht aus meinem Becher trinken. Es geht nicht mehr. Der Wein hat sich in Blut verwandelt. Sieh ihn dir an.“ Vinus hielt Artur den Becher entgegen.
Erschrocken nahm Artur Vinus den Becher aus der Hand und sah hinein. Im Schein des Kaminfeuers konnte er erkennen, dass sein Bruder recht hatte. Der Becher war zur Hälfte mit Blut gefüllt. Er stellte ihn auf den einzigen Tisch im Raum, sodass Knurr und die anwesenden Minitrolle ebenfalls den Inhalt des Bechers betrachten konnten.
Leise flüsterte Knurr. „Die Erschütterung der Magie ist schuld. Wenn das so weitergeht, wird sie noch ihr Gleichgewicht verlieren und wir werden alle in ein schwarzes Chaos stürzen.“
Artur ermahnte Knurr sofort. „Sag nicht so etwas, du alter Schwarzseher! Solange wir das Böse bekämpfen können, wird es ein solches Chaos nicht geben!“
Barbaron erkannte schnell, dass Knurr sich mit Artur streiten wollte. Er sprang auf den Tisch und rief. „Wollt ihr nicht wissen, was die Ursache für die letzte Erschütterung gewesen ist?! Oder wollt ihr euch lieber erst ein wenig um die Wahrheit schlagen, obwohl sie keiner von euch kennt?“
Knurr und Vinus stimmten dem König aller Minitrolle zu und Artur forderte ihn auf, seinen Trollkompass zu befragen. Barbaron war jetzt in seinem Element. Er genoss die Aufmerksamkeit seiner Freunde und beschwor seinen Kompass. Der zeigte ihm zunächst den Ausgangspunkt der Erschütterung an. „Na da haben wir ja schon die erste Antwort.“ Mit stolzgeschwellter Brust sah der kleine König zu Artur. „Die Erschütterung wurde weit oben im Norden, im Gebiet der Schneeland-Elfen ausgelöst.“
Artur beugte sich gespannt zu Barbaron und sah auf den Kompass. „Und wer hat diese Dummheit begangen?“
Knurr und Vinus sahen ebenfalls auf den Kompass und Barbaron sprach ganz leise eine neue Beschwörung aus. Mit großen Augen starrten die drei Kobolde auf die Zeichen, die der Kompass ihnen zeigte.
Der kleine König schaute in die Gesichter der Kobolde und drückte Vinus den Mund zu. „Da habt ihr es. Ein Hexenmeister wurde erweckt. Jetzt sollten wir noch wissen, was er vorhat. Da der Becher von Vinus mit im Spiel ist, habe ich auch schon eine Idee. Diese Kerle führen meist Aufträge von besonders boshafter Natur aus.“
Der Kompass verriet noch den Namen des Ortes, den der Hexenmeister aufsuchen wollte. „Bochea“, flüsterten die drei Kobolde gleichzeitig und Vinus fügte noch hinzu. „Es gibt nur einen wirklich wertvollen Schatz in dieser Stadt und ich wollte im Frühjahr dort hin. Jetzt will mir wohl jemand zuvor kommen und etwas Schreckliches tun.“
Artur und Knurr nickten sich zu und schauten dann zu Vinus. Barbaron steckte seinen Kompass weg und fragte sogleich. „Mein lieber Freund Vinus, da du den Becher des Schöpfers gefunden hast, willst du ihn wohl nach Bochea bringen?“
Vinus nickte. „Ich dachte, ich hätte bis zum Frühjahr Zeit und könnte dann die Tafel hierher zu uns bringen. Doch jetzt haben sich die Dinge geändert. Ich muss so schnell wie möglich nach Bochea um die Feenkönigin Theodora zu warnen. Wenn sie den Becher und die Altartafel vereinen kann, werden sie der Königin die magische Kraft geben, jeden Feind abzuwehren. Das hoffe ich jedenfalls.“
Barbaron rieb sich die Hände und schwebte plötzlich mit der Hilfe seines blauen Kristalls neben Vinus. Er klopfte dem Kobold auf die Schulter und rief. „Das wird bestimmt eine spannende Sache und wir Minitrolle werden dich selbstverständlich begleiten.“
Vinus schüttelte den Kopf. „Nein Barbaron. Ich gehe lieber allein. Das ist bestimmt sicherer. Mit einer großen Schar Minitrolle falle ich überall sofort auf und es werden Feinde auf uns aufmerksam, denen ich allein entgehen kann.“
Barbaron war damit überhaupt nicht einverstanden. Er holte tief Luft und wollte etwas erwidern, doch Artur kam ihm zuvor. „Er hat recht, Barbaron. Wenn du mit deinem Volk Vinus begleitest, wird jeder Lump es wissen und wir werden nie erfahren, wo sich Dämonicon aufhält. Selbst dein Kompass kann uns das nicht sagen.“
Barbaron setzte sich auf den Tisch und verschränkte beleidigt seine Arme. „Sollen wir Minitrolle etwa den ganzen Winter nutzlos in diesem Tal verbringen, während sich Vinus in Bochea so vielen Gefahren aussetzt?“
Artur versuchte, den kleinen König zu beschwichtigen. „Ihr Minitrolle seid doch nicht nutzlos. Ich werde mir eine Aufgabe für euch einfallen lassen und ich bin mir sicher, sie wird euch gefallen.“
Barbaron sprang vom Tisch und rief. „Nein Artur, wir suchen uns unsere Aufgaben lieber allein!“ Er verließ mit seinen Minitrollen das Baumhaus und Artur zuckte mit den Schultern.
Vinus nahm seinen Becher und betrachtete ihn wieder. Dabei flüsterte er vor sich hin. „Morgen breche ich in aller Frühe auf. Dann werde ich ja sehen, welches Schicksal uns zugedacht ist.“
Der nächste Morgen war etwas freundlicher. Es regnete nicht mehr und der Nebel verzog sich langsam aus dem Tal. Vinus verabschiedete sich und versuchte seine Brüder und die Minitrolle zu beruhigen. „Nur keine Sorge. Ich werde mich beeilen und vor dem Winter zurück sein.“
Vinus drehte sich um und ging zum geheimen Gang, der durch einen Berg in das nächste Tal führte. Dort wollte der Kobold mit seiner Flugschale starten. Barbaron fragte Artur verärgert. „Bist du dir sicher, das Vinus dieser Aufgabe gewachsen ist? Das wird bestimmt kein Spaziergang.“
Artur tippte dem kleinen König mit seinem Zauberstab auf dessen Bauch und antwortete ihm. „Das ist nicht sein erster Flug nach Bochea. Er hat schon viele Abenteuer allein bestanden und er kennt das Steppenland sehr gut. Glaub mir, wenn er Hilfe brauchen würde, so hätte er uns darum gebeten. Geh du lieber mit deinen besten Jägern auf die Schweinejagd. Dann werden dir die düsteren Gedanken schon vergehen.“
Artur drehte sich um und ließ Barbaron mit seinem Volk allein. Sein Hauptmann stellte sich neben ihm und flüsterte ihm ins Ohr. „Mein König, du solltest Vinus nicht ganz aus den Augen lassen. Verfolge ihn doch mit deinem Kompass. So weißt du immer, ob es ihm gut geht.“
Barbaron grinste den Hauptmann an. „Ich habe nichts anderes vor, mein treuer Freund. Dieser Artur ist mir etwas zu unbesorgt.“
Unterdessen startete Vinus seinen Flug. Er nahm auf seiner Schale Platz und flog im nächsten Augenblick über die Bäume, die das dunkle Tal umgaben. Sein Weg führte ihn durch die Schluchten und Täler des Drachengebirges. Er folgte den Bächen und Flüssen und erreichte schon am frühen Mittag das Tiefland der Zwerge. Es war für den Kobold nicht schwer, mit der Hilfe der Straßen und Flüsse den Weg zum Steppenland zu finden. Doch in der Steppe war das schon schwieriger. Hier gab es keine Flüsse und nur staubige Wege, die in der Luft schlecht zu erkennen waren.
Vinus landete am frühen Nachmittag und rastete im Schatten einiger Büsche. Bäume gab es in dieser Gegend nur selten. Sein Rastplatz lag in einem flachen Tal und er blieb nicht lange unentdeckt. Ein Rudel hungriger Steppenwölfe umringte ihn. Die Tiere legten sich auf die Lauer und schlichen sich Stück für Stück an ihn heran. Der Duft von frischem Brot und Speck ließ sie schnell jede Vorsicht vergessen und sie rasten von allen Seiten gleichzeitig auf den Kobold zu. Doch ein Schutzbann, den Vinus ausgelegt hatte, ließ die Wölfe plötzlich stoppen. Sie erkannten die Gefahr und zogen sich knurrend und zähnefletschend zurück.
Ohne Hast stand Vinus auf und sah sich um. Er zählte neun Angreifer. In sicherer Entfernung warteten sie auf eine zweite Gelegenheit. Doch Vinus hatte keine Lust, mit ihnen zu kämpfen. Er setzte sich wieder auf seine Flugschale und ließ die Wölfe allein. Ihr Geheule hörte er bald nicht mehr. Dafür kam er der Stadt Bochea immer näher.
Eine Meile vor der Stadt landete Vinus. Er steckte seine Schale ein und machte sich zu Fuß auf den Weg. Trocken und staubig war die Straße. Es hatte hier schon lange nicht mehr geregnet. Doch über der Steppe zogen schwarze Wolken auf und der Wind wurde stärker. In der Nacht würde es in der Gegend ein Unwetter geben. Vinus beeilte sich, denn er wollte die Stadt mit trockenen Sachen erreichen.
Es war kurz vor der achten Stunde, als der Kobold das große Stadttor erreichte. Zwei gewaltige Riesen und eine Horde Steppenland-Elfen bewachten es. Sie kontrollierten jeden, der in die Stadt wollte. Die Riesen hatten mitten auf der Stirn ein drittes Auge. Sie sahen sich die Karren der Händler an und die Elfen fragten sie nach ihrer Herkunft und den Grund für die Reise nach Bochea aus.
Vinus musste sich in die Schlange der Händler einreihen. Einer der beiden Riesen beugte sich zu ihm herunter und betrachtete ihn kurz. Dann kam der Anführer der Elfen auf ihn zu. Mit heiserer Stimme sprach er Vinus schroff an. „Na, was haben wir denn hier für einen komischen kleinen Kerl? Du bist doch bestimmt ein Dieb, hä? Oder bist du sogar ein Mörder?“
Vinus war sofort erbost. Wütend entgegnete er dem Elfen. „Da hast du völlig recht! Ich erwürge gern Riesen im Schlaf und dir werde ich deine lose Zunge stehlen, wenn du mich noch ein wenig reizt!“ Der Kobold streckte dem Elfen seine Hände entgegen und eine Feuerkugel schwebte plötzlich vor ihm.
Erschrocken wichen die Elfen zurück und die Riesen grinsten. Sofort kam ein weiterer Elf in prächtiger Rüstung auf Vinus zu und sprach zum Anführer der Wachen. „Lass den Kobold in die Stadt herein. Er heißt Vinus und er ist ein Freund unserer Königin. Ich kenne ihn schon sehr lange und ich verbürge mich für ihn.“
Der Anführer war erschrocken und er verbeugte sich. „Entschuldigt bitte, Herr Vinus. Ich wusste nicht, wer Ihr seid. Aber in letzter Zeit versucht hier allerlei Gesindel, in unsere Stadt zu kommen. Da müssen wir uns jeden Besucher genau ansehen.“
Vinus ließ die Feuerkugel verschwinden und zeigte zu den beiden Riesen. „Frag das nächste Mal diese großen Kerle. Die kennen mich auch.“
Die Riesen nickten und einer sprach zum Anführer. „Er hat recht. Wir sehen diesen Kobold nicht zum ersten Mal. So einen guten Zauberer wie ihn findest du nicht alle Tage in der Stadt. Ihr weißen Steppenland-Elfen solltet euch lieber nicht mit ihm anlegen.“
Der Elf mit der prächtigen Rüstung geleitete Vinus in die Stadt hinein. Sie gingen zu einem guten Wirtshaus. „Mein lieber Vinus, ich hätte nicht gedacht, dich hier noch einmal zu sehen. Seit deinem letzten Besuch ist viel Zeit vergangen.“
Vinus nickte und öffnete die Eingangstür eines großen Wirtshauses. Willst du mit mir einen guten Becher Wein trinken, Fürst Silberhand? Ich habe einige Neuigkeiten für dich und noch viel mehr Fragen.“
Der Fürst schüttelte den Kopf. „Nein, ich muss die Wachen in der ganzen Stadt kontrollieren. Für dich habe ich jetzt keine Zeit. Doch ich werde dich aufsuchen, wenn es mein Dienst erlaubt. Für heute wünsche ich dir einen guten Abend.“
Vinus ging allein in die Schankstube des Wirtshauses und sah sich um. Der Wirt kam sofort angelaufen und bat den Kobold, an einem Tisch Platz zu nehmen. Einen Krug mit süßem Wein, einen Becher und ein leckeres Abendmahl brachte eine junge Magd heran und Vinus langte schnell zu. Dabei betrachtete er die anderen Gäste.
In so einem Wirtshaus konnte man alle möglichen Gestalten finden. An einem Tisch saßen drei Zwerge und redeten mit einem blauen Gnom über einen Handel. Am nächsten Tisch saßen sechs weiße Elfen. Die Wappen auf ihren langen Mänteln verrieten, dass sie Jäger aus dem Flussland waren. Zwei dunkle Sumpfland-Elfen unterhielten sich am Schanktisch mit einem Obinarer und der Wirt selbst war ein Mensch.
Vinus lenkte seinen Blick zurück auf seinen Teller und seine Gedanken wanderten zu seinen Freunden. Dass er noch vor dem Winter hier nach Bochea reisen musste, das passte ihm gar nicht. Im nächsten Frühjahr wäre ihm die Reise lieber gewesen. Aber wenigstens hatte er diese aufdringlichen Minitrolle nicht mitnehmen müssen. Dieses quirlige Durcheinander und die vielen derben Späße waren nichts für ihn.
Bestimmt würde Barbaron versuchen, ihn mit seinem Kompass zu überwachen. Doch die Aura der Stadt würde das verhindern. Die Königin Theodora hatte sie wie eine große unsichtbare Glocke über die Stadt gelegt, um zu verhindern, dass jemand mit einem Orakelkristall oder einem ähnlichen magischen Gegenstand das Auge der Zyklopen finden konnte.
Vinus war so tief in seine Gedanken versunken, dass er gar nicht bemerkte, wie die Magd seinen leeren Becher nachfüllte. Erst als der Wirt an seinen Tisch kam, löste er sich von ihnen. Der Wirt sah ihn freundlich an und wischte den Tisch mit seiner Schürze ab. Vinus legte ein Goldstück auf den Tisch. „Reicht dir das als Lohn für deine Mühen?“
Der Wirt nickte und steckte das Goldstück schnell weg. „Wenn Du ein Zimmer haben willst, dann sag es mir. Bald ist Sperrstunde und dann darf niemand mehr bis zum nächsten Morgen die Straße betreten. Der Herr der Wachen, Fürst Silberhand, hat das so angeordnet. Vor einigen Tagen wurden im Süden Zentauren gesichtet und jetzt haben die Elfen Angst. Auch die Feen im Tempel und die Riesen sind beunruhigt.“
Vinus gab dem Wirt ein zweites Goldstück und ließ sich von der Magd ein Zimmer geben. Es war klein und hatte nur einen Tisch, einen Hocker und ein Bett. An dessen Fußende stand eine Truhe. Aus ihr holte die Magd eine Decke und ein Kissen für die Nacht.
Vinus wollte das Fenster öffnen, doch die Magd war sofort dagegen. „Bitte nicht Herr Kobold, wenn das die Stadtwachen sehen, dann werden sie kommen und wir müssen eine Strafe zahlen. Es ist streng verboten, in der Nacht ein Fenster zu öffnen.“
Vinus war jetzt sehr verwundert. „Ich war vor vielen Jahren schon ein Mal in dieser Stadt, aber damals gab es solche Verbote nicht. Hier hat sich seit dem vieles verändert.“ Die Magd nickte hastig und verließ das Zimmer.
Vinus sah zum Fenster. Er konnte durch einen Spalt zwischen den Fensterklappen auf die Straße schauen. Es war niemand zu sehen. Er setzte sich auf das Bett und sah in die Dunkelheit der kleinen Kammer. Seine Gedanken wanderten zu dem Tempel, in dem Theodora, die Königin von Bochea herrschte. Ihr wollte Vinus den Becher geben. Er hoffte, dass sie mit ihrer Weisheit die Veränderung seines Bechers erklären konnte.
Der Kobold zog seinen Mantel aus und legte sich hin. Seine Gedanken kreisten um den Tempel und der Königin. Der Schlaf überkam ihn und bald war nur noch ein gleichmäßiges Schnarchen zu hören.
Mitten in der Nacht wachte Vinus jedoch auf. Ein Geräusch ließ ihn in die Höhe fahren und er sah durch den Spalt zwischen den Fensterklappen auf die Straße. Im Schein des Mondlichtes konnte Vinus zwei Gestalten erkennen. Der eine war groß und schlank, der andere eher klein und von breiter Gestalt. Vinus rieb sich den Schlaf aus den Augen. Waren diese beiden Kerle nicht der Obinarer und der blaue Gnom. Er hatte sie im Schankraum gesehen.
Die Neugierde plagte sofort den Kobold und er wollte wissen, was sie mitten in der Nacht trotz Sperrstunde auf der Straße zu suchen hatten. Er sah, wie die Beiden in die Richtung des Tempels davon schlichen. Vorsichtig öffnete Vinus das Fenster und er sprang auf die Straße. Mit einem magischen Wink schloss er das Fenster wieder. Dann schlich er dem Obinarer und dem Gnom nach. Drei Mal mussten sie sich vor den Wachen der Elfen verstecken. Für Vinus wäre es leicht gewesen, Alarm zu schlagen, doch er tat es nicht. Er wollte wissen, was die anderen vorhatten.
Je näher sich der Obinarer und der Gnom an den Tempel schlichen, des so heller wurde die Umgebung durch die Fackeln der Wachen. Doch sie kamen unerkannt in den Hinterhof eines Hauses an, das dem Tempel direkt gegenüberstand. In der Mitte des Hofes stellten sie sich hin und der blaue Gnom zog eine magische Rute aus einer Tasche seines Mantels. Vinus war mit seiner Flugschale das letzte Stück des Weges geflogen und leise auf dem Dach des Hauses gelandet. Jetzt konnte er das erste Mal einem blauen Gnom bei seiner Arbeit zusehen. Der Kobold ahne, was jetzt geschehen würde.
Mit der magischen Rute hatte der Gnom eine große Wasserader gefunden. Durch eine Beschwörung ließ dieser Gnom ein Loch im Boden des Hofes entstehen. Sie stiegen hinein und das Loch verschloss sich hinter ihnen. Es sah aus, als wären sie nie hier gewesen. Vinus wusste nun, was zu tun war. Jetzt musste er die Wachen alarmieren.
Mit seiner Flugschale landete er direkt vor dem Lagerfeuer einiger Wachen am Tor des Tempels. Den verdutzten Kriegern rief er zu. „Gebt Alarm, es sind zwei gefährliche Diebe in den Tempel eingedrungen!“
Sofort dröhnte ein Horn durch die Stille der Nacht und Fürst Silberhand kam mit weiteren Kriegern angelaufen. Vinus rief ihm zu, das er den Tempel unbedingt nach den beiden Dieben durchsuchen sollte. Der Fürst teilte seine Krieger in mehrere Gruppen ein und rief dem Kobold zu. „Folge mir, einen Kobold wie dich kann ich jetzt gut gebrauchen.“
Vinus flog einfach dem davoneilenden Fürsten hinterher. Im Tempel wurde es immer lauter. Waffen klirrten und die Rufe der Wachen waren weithin zu hören. Ihre Stiefel stampfen auf den Boden auf und die Königin Theodora erschien im großen Saal. Ihre Dienerinnen hielten Fackeln in den Händen und ihr Ruf hallte durch den Tempel. „Fürst Silberhand, könnt Ihr mir erklären, was dieser nächtliche Lärm zu bedeuten hat?!“
Der Fürst lief zur Königin und verbeugte sich kurz. „Ein alter Freund beehrt uns mit seiner Anwesenheit und zeigt uns, wie nützlich er uns sein kann. Seht, hier ist der Kobold Vinus. Er hat zwei Diebe entdeckt. Sie sollen sich bereits im Tempel befinden. Jetzt suchen wir sie.“
Die Königin schaute verwundert zu Vinus. Der schwebte immer noch mit seiner Flugschale im Saal. Der Kobold grüßte mit einer Handbewegung. „Verzeiht die Störung zu dieser Stunde, verehrte Königin, aber Euer Tempel ist in Gefahr. Ein blauer Gnom und ein Obinarer sind durch eine Wasserader in Eure heiligen Hallen eingedrungen. Bestimmt sind sie schon in den Gewölben und suchen nach Beute. Der Gnom hat eine magische Rute bei sich. Das ist ein gefährliches Ding.“
Die Königin war entsetzt. „Was, wir haben Diebe im Gewölbe? Oh nein, so einen Frevel lasse ich nicht zu! Wo ist meine Tochter Helena?! Wir müssen zum Wächter, die Tafel ist in Gefahr!“
Die Prinzessin zog ihre Mutter am Ärmel ihres Mantels. „Ich stehe genau hinter dir, Mutter. Jetzt beruhige dich und lass mich mit dem Schlüssel vorausgehen.“
Die Prinzessin nahm ihre Mutter an die Hand und zog sie zur Mitte des Saals. Dort führte eine steile Wendeltreppe in das Gewölbe des Tempels. Der Königin und ihrer Tochter folgten der Fürst und der Kobold. Dann kamen die Wachen und die Dienerinnen.
Helena öffnete mit einem großen Schlüssel das Tor zum Gewölbe. Dieses Gewölbe war groß und die Gänge verzweigten sich immer wieder. Ohne einen Plan würde man sich früher oder später hier verlaufen. Um sich nicht zu verirren, hatten die beiden Eindringlinge einen sicheren Weg gewählt. Die Wasserader führte sie direkt zu einer Grotte, durch die das Wasser hindurchfloss. Die Feen nannten sie die Quellengrotte.
Völlig durchnässt kamen der Obinarer und der Gnom in dieser Grotte an. Mit der Hilfe seiner magischen Rute konnte der Gnom die finstere Grotte beleuchten. Außer zwei großen Löchern, durch die das Wasser hinein und wieder hinaus floss, gab es noch drei Türen. Die ersten beiden Türen waren klein und unscheinbar. Die andere Tür war dagegen groß und breit. Hinter dieser Tür vermuten die beiden Diebe einen besonderen Schatz. Gerade wollte der Gnom mit seiner Rute die große Tür öffnen, da sprang eine der beiden kleinen Türen auf und die Königin stürmte mit ihrem Gefolge in die Grotte. Sofort warf sie mit ihren Zauberkräften die Eindringlinge zu Boden und die Wachen stürzen sich auf sie. Gefesselt an Händen und Füßen wurden sie davon getragen.
Erstaunt schaute der Kobold den Wachen nach. Er hatte eigentlich mit etwas mehr Gegenwehr gerechnet. Dass sich diese Kerle so einfach fangen ließen, das hätte er nicht gedacht.
Einige Minuten später standen die beiden Übeltäter im großen Saal des Tempels vor der Königin. Grimmig sah sie sich die dreisten Gestalten an. Sie setzte sich auf ihren Thron und sprach zu ihnen. „Was jetzt auf euch für eine Strafe zukommt, das könnt ihr Diebe euch doch denken. Wir werden euch morgen vor der Stadt hängen lassen. Das ist mein Urteil für euch Verbrecher.“
Fürst Silberhand mischte sich sogleich ein. „Entschuldigt, meine Königin, doch dieses Urteil könnt Ihr nicht verhängen. Das wäre zu hart, trotz der nächtlichen Aufregung. Sie haben keinen Schaden verursacht und Ihr habt sie noch nicht einmal angehört.“
Die Königin sah den Fürsten überrascht an. „Wollt Ihr, Fürst Silberhand, mir damit sagen, dass ich kein gerechtes Urteil gefällt habe? Oder wollt Ihr mich über unsere Gesetze aufklären?“
Vinus erkannte die Feindseligkeit im Blick des Fürsten und er spürte die Kälte in seiner Stimme, als er der Königin antwortete. „Lasst es für heute Nacht genug sein, Königin Theodora. Eure Schätze sind sicher verwahrt und es gibt keinen Grund für Eure unnötige Härte. Ich werde diese beiden Diebe in Gewahrsam nehmen und sie in sieben Tagen aus der Stadt werfen lassen. So ist das Gesetz und so soll es geschehen.“
Die Königin erhob sich von ihrem Thron und auch ihr Blick gab ihre Wut wieder. Trotzdem sprach sie unerwartet ruhig. „Fürst Silberhand, ich habe mich wohl etwas von meinem Zorn hinreißen lassen. Natürlich werden sie bestraft, wie Ihr es sagtet. Ich ziehe mich jetzt in meine Gemächer zurück.“ Sie gab ihrer Tochter einen Wink und ging.
Die Prinzessin kam auf Vinus zu und lächelte ihn an. „Meine Mutter würde sich gern mit dir unterhalten. Jetzt zu Bett zu gehen hat keinen Sinn mehr. Die Nacht ist gleich vorbei und nach dieser Aufregung kann die Königin nicht mehr schlafen.“
Vinus nickte nur und stieg von seiner Flugschale ab. Er steckte sie ein und folgte der Prinzessin. Vom Saal führte ein Flur zu den königlichen Gemächern. Eines dieser Gemächer war ein Arbeitszimmer. Die Königin saß an einem Tisch und lass in einem Brief, als Helena und Vinus hereinkamen. Ohne viele Umstände bat sie den Kobold, sich in einem bequemen Sessel zu setzen. Dann bot sie Vinus einen guten Wein in einem Kelch an und trank selbst einen Schluck.
Helena hatte das Zimmer verlassen und der Kobold leerte den Kelch in einem Zug. Dann stellte er ihn auf den Tisch.
Die Königin sah ihn aufmerksam an. „Mein lieber Vinus, dein Durst scheint nicht schwächer zu werden. Seid unserer letzten Begegnung ist sehr viel Zeit vergangen, doch du bist nicht um einen Tag gealtert. Ist das bei euch Kobolden so üblich?“
In Vinus Kopf arbeiteten die Gedanken, doch er lächelte und antwortete der Königin. „Wir Kobolde sind von einer besonderen Art. Uns gibt es nur sieben Mal in dieser schönen Welt. Warum sollten wir es also eilig mit dem Alter haben. Das kommt bestimmt noch früh genug.“
Die Königin sah auf den Tisch und zeigte mit einer Gänsefeder auf die vielen Briefe und Berichte, die vor ihr lagen. „Das alles sind Schriftstücke, die ich von Königen und Fürsten bekomme. Manche sind auch von Kaufleuten und Handwerkern. Sie alle berichten mir, was sich in dieser Welt zugetragen hat. Krieg, Frieden, Glück und unsägliches Leid sind da oft eng beisammen. Was dem einen Kaufmann Wohlstand bringt, das lässt den anderen Kaufmann arm werden. Viele möchten einen guten Rat von mir, oder sogar dringende Hilfe.“ Theodora sah dem Kobold in die Augen und sprach weiter. „Doch jetzt brauche ich selbst einen guten Rat und dringende Hilfe. Verstehst du das, Vinus?“
Der Kobold holte tief Luft und zog ein Bündel aus seiner Manteltasche. Er wickelte es aus und der Becher des Schöpfers kam zum Vorschein. Vorsichtig stellte er ihn auf den Tisch. „Als ich vor langer Zeit von Euch ging, Königin Theodora, da wollte ich unbedingt der Wächter dieses edlen Gefäßes sein. Ich wollte ihn beschützen und dachte, wenn ich ihn hätte und nicht ihr, dann wäre Eure Macht nicht so groß und ihr könntet sie dann auch nicht falsch gebrauchen. Doch nun hat sich der Wein, der immer im Becher war, in Blut verwandelt. Ich bin also zu Euch geeilt, weil auch ich Rat und Hilfe suche.“
Die Königin sah in den Becher und erschrak. „Seit der Zeit der ersten Feen ist dieser Becher in unserer Welt. Er hat dem durstigen Wanderer immer Wein gespendet, so wie der Feenbecher Wasser aus den heiligen Quellen unserer Grotte gibt. Wir Feen konnten früher die Wege des Schicksals genau vorherbestimmen, doch die Zeit der Orakel ist vorbei. Jetzt sind wir auf die Hilfe von weißen Elfen und Riesen angewiesen und wir können unsere Stadt nicht mehr selbst schützen. Wenn du mir den Becher des Schöpfers überlässt und ich ihn mit der Altartafel vereinen kann, wird sich meine Kraft so stark vermehren, dass ich wieder die Wege des Schicksals erkennen kann. Dann werde ich nicht nur eine Feenkönigin sein, dann bin ich viel mehr.“
Sie sah den Kobold eindringlich an. „Verstehst du es? Ich werde wieder meine alten Kräfte haben und ein Orakel sein. Doch da ich es noch nicht bin, vermag ich dir auch nicht zu sagen, was den Wein des Bechers in Blut verwandelt hat. Es muss eine dunkle Macht dahinter stecken.“
Vinus nickte bedächtig. „Wenn Ihr das Ritual des Schöpfers vollzogen habt und sich der Becher von selbst auf die Tafel stellt und wenn er wieder Wein von sich gibt, dann wird die alte Kraft der Feen zu Euch zurückkehren. Doch vorher habe ich noch eine Frage. Was war das vorhin für ein seltsamer Urteilsspruch?“
Die Königin verzog das Gesicht, als hätte sie in etwas sehr saures gebissen. „Das war nichts weiter. Der Fürst und ich, na ja, wir haben da so eine kleine Meinungsverschiedenheit. Er ist der Anführer der Kriegergilde und der Wachen. Das bedeutet, dass er eigentlich auch als Richter die Urteile über die Verbrecher fällt. In letzter Zeit haben wir uns ein wenig gestritten. Aber ich halte ihn trotzdem für einen treuen Freund und vertraue ihm.“
Vinus stand auf und sah zum Fenster. Es wurde langsam hell und er hatte seine Aufgabe erfüllt. Das war sogar schneller geschehen, als er es wollte. Sein Blick wanderte zum Becher auf dem Tisch und er spürte, dass es ein endgültiger Abschied von ihm war. „Königin Theodora, Ihr könnt den Becher behalten. Ich überlasse ihn Euch. Hoffentlich gehen Eure Wünsche in Erfüllung.“
Mit einem gütigen Lächeln verabschiedete sich die Königin von dem Kobold. „Mein lieber Vinus, du brauchst keine Angst zu haben. Ich werde gut auf den Becher achten. Das verspreche ich dir. Bleib in der Stadt, solange du willst. Ich lasse dir im Tempel ein Zimmer herrichten. In einigen Tagen ist Vollmond. Dann können wir das Ritual vollziehen und du wirst sehen, dass es nichts gibt, was dir Sorgen bereiten könnte.“
Vinus dankte der Königin für ihre Worte, doch ein kleiner Zweifel blieb zurück.
Die Geheimnisse der Stadt
Der Kobold war von dem Wirtshaus in den Tempel umgezogen und bewohnte jetzt ein geräumiges Zimmer neben den Gemächern der Königin. Das gefiel ihm schon besser. Die weitläufige Tempelanlage war das Erste, was er sich an diesem sonnigen Tag in aller Ruhe ansah. Dabei begleitete ihn Prinzessin Helena.
Im Garten stand zwischen einigen Bäumen und Sträuchern ein kleines Häuschen. Davor standen ein steinerner Tisch und eine steinerne Bank. Dort setzten sie sich hin und ließen sich von den Dienerinnen der Königin bewirten. Diese Dienerinnen waren ebenfalls Feen. Mit ihren langen weißen Gewändern schienen sie zu schweben und mit ihrem lieblichen Lächeln hatten sie wohl schon so manchen Gast des Tempels in ihren Bann gezogen.
Vinus beachtete sie kaum, denn er betrachtete immer wieder den Tisch und die Bank. Dann schüttelte der Kobold verwundert den Kopf. Er rückte sich seinen dreieckigen Hut zurecht und fragte schließlich die Prinzessin nach der Herkunft dieser sonderbaren Möbel.
Helena lachte, denn sie fand den Kobold einfach lustig. Dann beantwortete sie seine Frage. „Diese beiden Dinge stehen hier schon immer. Sie sind älter als die Stadt, denn sie stammen aus der Zeit der Erz-Elfen.“
Vinus war erstaunt. „Ach wirklich, von diesen Erz-Elfen habe ich schon in den Büchern meines Bruders Artur gelesen. Waren die nicht unsterblich?“
Helena nickte und zeigte mit einer Gabel auf die Bank. „Hier haben sie einst gesessen und genau wie wir gegessen und getrunken. Viele sagen, es wäre eine schöne Zeit gewesen. Doch ich habe im Archiv unseres Tempels die Schriften über diese Erz-Elfen gelesen und ich sage dir, sie haben sich gestritten und bekämpft. Es ging, wie immer, um Macht und Liebe. An dieser Zeit war nichts schöner oder gar besser als an unserer Zeit. Einige von ihnen waren mächtige Magier. Sie zeugten viele Nachkommen und zogen in zahlreiche Kriege. Am Ende haben sie sich dann gegenseitig vernichtet. Übrig geblieben sind nach den Kriegen nur noch einige ihrer Nachkommen. Das waren die Hoch-Elfen. Sie waren nicht mehr so mächtig und die meisten kannten auch nicht mehr das Geheimnis der Unsterblichkeit. Sieben weiße Männer dieser Hoch-Elfen überlebten alle Kriege. Sie wurden zu Zauberern und sollen sich in einem magischen Zirkel vereint haben. Keiner weiß noch, ob das wahr ist. Doch von den Hoch-Elfen stammen die weißen Elfen ab und auch wir, die weißen Feen. Viele nehmen an, dass wir unsterblich sind. Doch das stimmt nicht. Wir werden nur verdammt alt.“
Vinus zerteilte mit seinem Messer einen Apfel und gab eine Hälfte der Prinzessin. „Ich würde gern noch ein wenig mit dir durch die Stadt gehen und mich in ihrer Umgebung etwas umsehen. Möchtest du mitkommen, Helena.“
Die Prinzessin schüttelte den Kopf und ihr weißes, lockiges Haar flog durch die Luft. „Nein, das geht nicht. Ich muss nach meiner Mutter sehen. Bestimmt hat sie wieder eine Aufgabe für mich.“
Das verstand Vinus gut. „Ich weiß, du hast viele Pflichten zu erfüllen. Ich werde mich also allein auf den Weg machen. Bis zum Abend bin ich im Tempel zurück. Dann können wir ja noch einen guten Tropfen trinken.“
Helena lachte, doch ihre Augen verrieten dem Kobold ihre heimlichen Sorgen. Sie ließ den Kobold allein im Garten zurück. Kaum war sie gegangen, da rückte Vinus sich seinen Hut auf seinem Kopf zurecht und flüsterte vor sich hin. „Diese Feen denken wohl, sie können einen Kobold zum Narren halten. Selbst dieser Barbaron würde sie sofort durchschauen und erkennen, dass hier so einiges nicht stimmt. Jetzt sehe ich mir die Stadt an. Bestimmt finde ich einen Hinweis. Ich muss nur gründlich genug suchen.“
Der Kobold ging vom Tempel direkt zum Marktplatz. Dort boten die Händler an ihren Ständen die schönsten Waren an. Sie kamen von überall her und versuchten, sich beim Feilschen zu überbieten.
Vinus sah sich das bunte Treiben bis zum Mittag an. Er wollte schon in ein Wirtshaus gehen, um einen guten Braten und einen leckeren Wein zu bekommen. Doch kurz vor dem Wirtshaus sah er plötzlich zwei Gestalten unter der löchrigen Leinenplane eines Bauernkarrens verschwinden. Er traute beinah seinen Augen nicht, doch er erkannte den Obinarer und den blauen Gnom. Hatte der Fürst Silberhand diese beiden Diebe nicht eingesperrt? Zwei Steppenland-Elfen halfen ihnen sogar und setzen sich auf den Karren. Sie trieben die Pferde zur Eile an und verschwanden schnell zum Tor hinaus. Niemand hielt das Gespann auf.
Vinus sah sich um. Er stand genau vor dem Haus der Kriegergilde. Von diesem Haus aus führte der Fürst die Stadtwachen. Wer ihn suchte, der konnte ihn meist hier finden. Doch warum verhalfen seine Krieger den beiden Dieben zur Flucht?
Der Kobold ging zum Tempel zurück und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Die Wachen ließen ihn ungehindert hinein. Er kam bis zum großen Saal. Dort sah er Helena. Er wollte sie schon ansprechen, doch sie ging in den Flur zu den Schreibstuben. Vinus folgte ihr und holte sie an der Tür zum großen Archiv des Tempels ein.
Die Prinzessin war sichtlich erschrocken, als sie den Kobold sah. „Was machst du denn hier? Ich dachte, wir wollten uns erst heute Abend treffen? Ist dein Durst so groß, dass du jetzt schon mit mir einen Becher Wein trinken willst?“
Vinus sah sie verärgert an und hielt sie am Ärmel ihres Kleides fest. „Lass den Quatsch, ich bin jetzt nicht für deine Scherze zu haben. Wir beide werden uns gleich unterhalten und du wirst mir erklären, was in eurer Stadt los ist.“
Mit einem Wink ließ Vinus die Tür zum Archiv aufgehen und er schob die Prinzessin hinein. Er schloss die Tür hinter sich und sah sich um. Helena ging zu einem Tisch und setzte sich. Der Kobold nahm ihr gegenüber Platz und fragte sie mit einem strengen Ton in seiner Stimme. „Also, meine liebe Prinzessin, was hast du mir zu sagen?“
Helena sah den Kobold mit einem verlegenen Blick an und seufzte. „Na gut, du wirst es ja früher oder später doch erfahren. Meine Mutter kann die Aura der Stadt nicht mehr lange aufrechterhalten. Die Steppenland-Elfen können das spüren. Sie werden sich bald gegen uns auflehnen und dann wird es zum Kampf kommen. Wir haben Boten zum Fürsten der dreiäugigen Riesen geschickt und ihn um Hilfe gebeten. Er heißt Taurus und er war uns bis jetzt immer ein guter Verbündeter. Einige Wachen an den Toren der Stadt und vor dem Tempel sind Riesen. Sie werden von Prinz Artem geführt, dem Sohn von Taurus. Artem lässt sich von Fürst Silberhand nicht viel sagen. Deshalb gab es schon einigen Streit und meine Mutter musste ihn immer wieder schlichten. Außerdem ist Artem gerade nicht in der Stadt, denn viele Riesen gehen im Herbst auf die Bärenjagd. Mehr kann ich dir jetzt nicht sagen.“
Vinus Augenbrauen zogen sich eng zusammen und auf seiner Stirn waren deutlich einige Zornesfalten zu erkennen. Er stützte sich auf den Tisch auf und rief. „Oh doch, du kannst mir bestimmt noch mehr sagen! Ich würde gern wissen, warum die Krieger von Fürst Silberhand die beiden Diebe heute mit einem alten Bauernkarren aus der Stadt geschmuggelt haben! Die Kerle haben sich unter einem Fetzen aus Leinenplane versteckt und zwei Elfen haben sie aus der Stadt kutschiert!“
Erschrocken hielt Helena Vinus ihre Hände vor dessen Mund. „Pst, jetzt schrei doch nicht so laut. Man kann dich ja im ganzen Tempel hören. Sprich leise mit mir, ich bitte dich.“
Vinus drückte ihre Hände weg. „Na gut dann spreche ich eben etwas leiser. Aber meine Fragen wirst du mir trotzdem beantworten. Oder ich hole mir den Becher des Schöpfers von deiner Mutter zurück. Das ist für mich eine Kleinigkeit. Wenn du das nicht willst, dann beantworte mir meine Fragen.“
Helena nickte und sah vor sich hin auf den Fußboden. „Meine Mutter hatte mit dem Fürsten Silberhand vor einiger Zeit einen Streit. Es ging um einen Schlüssel. Er muss etwas ganz Besonderes sein. Mit ihm kann man den Wächter des Auges der Zyklopen kontrollieren. Ohne diesen Schlüssel lässt er niemanden an diese heilige Tafel heran. Der Fürst denkt wohl aus irgendeinem Grund, dass ihm der Schlüssel zusteht. Deshalb hat er bestimmt die beiden Diebe selbst beauftragt, im Tempel einzubrechen und den Schlüssel zu holen. Meine Mutter kann das natürlich nicht beweisen, aber sie vermutet es.“
Vinus kratzte sich am Kopf. „Wie sieht er denn aus, dieser Schlüssel für euren Wächter? Und was für einen Wächter habt ihr überhaupt?“
Helena zuckte mit den Schultern. „Das kann ich dir nicht sagen. Meine Mutter geht immer allein zu ihm. Außer ihr kann niemand durch die große Tür am Ende der Grotte gehen.“
Vinus schüttelte den Kopf. „Jetzt bin ich nicht viel schlauer als zuvor. Doch das Eine sage ich dir. Ich werde euch Feen, Elfen und Riesen im Auge behalten. Sollte ich feststellen, dass ihr mich hintergangen habt, dann werde ich mich an meine Brüder und meine Freunde wenden. Einen meiner Freunde kennt deine Mutter bestimmt noch. Er heißt Albanarius und ist ein Zirkelmagier.“
Vinus sah Helena in die Augen und er konnte an ihrem offenen Mund ihr Erstaunen erkennen. „Lass den Mund nicht so lang offen stehen, Prinzessin. Mit trockener Zunge kann man schlecht sprechen.“
Der Kobold ließ die Prinzessin allein im Archiv zurück. Er wollte in ein Wirtshaus gehen, denn jetzt hatte er großen Durst.
Das Haus des Meisters
Der Wind trieb auf der Straße das Laub vor sich her, als Orbin am Nachmittag des nächsten Tages durch das Stadttor von Bochea schritt. Er hatte sich als Kräutersammler bei den Stadtwachen ausgegeben und war ohne viele Worte in die Stadt hineingelassen worden. Jetzt suchte er ein unscheinbares Wirtshaus. Dort wollte er sich ein Zimmer nehmen und sich dann ein wenig in der Stadt umsehen. Doch die meisten Wirtshäuser waren mit Gästen überfüllt und Orbins Suche dauerte bis zum Abend. In einer stillen Gasse fand er eine alte abgelegene Herberge. In ihr bekam er vom Wirt für einige Kupfermünzen etwas zu essen und eine winzige Kammer.
Orbin setzte sich in die dunkle Schankstube und aß eine Rübensuppe mit Speck und ein Stück Brot. Mit einem Krug Bier spülte er das Essen herunter. Dann sah sich dann um. Zwei Bauern aus der Umgebung von Bochea saßen mit am Tisch und unterhielten sich über ihre Felder. Das interessierte Orbin nicht weiter. Erst als der eine Bauer den anderen fragte, was in der vorletzten Nacht für eine Aufregung im Tempel gewesen sei, wurde Orbin neugierig. So erfuhr er, was sich zugetragen hatte, ohne jemanden durch eine Frage auf sich aufmerksam zu machen.
Die Bauern tranken ihre Krüge lehr und ließen den Hexenmeister allein am Tisch. Doch das störte Orbin nicht, denn jetzt bekam er das Gespräch zweier Händler aus der Stadt mit. Sie saßen am Nachbartisch und unterhielten sich über ein altes Haus in der Nähe des Stadttores. Dort sollte es Geister geben und die Seele eines Toten würde im Haus umherwandern. In der Nacht sollte es ein unerklärliches Licht geben. Am merkwürdigsten fanden jedoch die beiden Händler, dass die Dachziegel völlig mit Moos überwuchert waren. Dadurch wäre es das einzige Haus mit einem grünen Dach. Dort sollte man sogar die Aura der Stadt deutlich spüren können.
Die Händler tranken ihre Bierkrüge aus und wollten gerade gehen, da flog die Tür auf und drei Krieger der Stadtwache kamen mit Fackeln in den Händen herein. Sie sahen sich jeden Gast genau an.
In seinem linken Ärmel hielt Orbin den Zauberstab verborgen. Gespannt wartete er, bis einer der Krieger ihn mit seiner Fackel ins Gesicht leuchtete und ihn ziemlich unfreundlich ansprach. „Na, wer bist du denn, du stinkst ja fürchterlich.“
Orbin war von diesen Worten nicht sehr beeindruckt. Mit funkelnden Augen sah er den Krieger an und seine dunkle Stimme war deutlich zu hören. „Ich bin nur ein alter Kräutersammler. Ich will morgen auf dem Markt meine Kräuter verkaufen.“
Der Krieger machte ein finsteres Gesicht. „So, so, du willst morgen zum Markt. Wo hast du denn deine Ware gelassen? Die hätte ich gern mal gesehen.“
Orbin zeigte mit der linken Hand zum Wirt und wollte dem Krieger erklären, dass er hier ein Zimmer in der Herberge hatte und sich dort sein Sack mit den Kräutern befinden würde. Doch der Krieger achtete nur auf den Zauberstab, der Orbin aus seinem Ärmel rutschte und auf den Boden fiel. Sofort wollte er sich auf diesen Zauberstab stürzen und ihn an sich bringen, doch Orbin war schneller. Er stieß den Krieger weg und hatte mit einer Handbewegung seinen Zauberstab in der rechten Hand.
Wütend stand der Krieger auf und zog sein Schwert. „Das wirst du bereuen! Ich lasse dich in den Kerker der Stadt werfen!“ Er wollte Orbin mit der Waffe bedrohen, doch der Hexenmeister wich geschickt aus und brachte den Krieger mit seinen Zauberkünsten erneut zu Fall. Dann stieß er die beiden anderen Krieger um und rannte aus der Herberge heraus.
Die Wachen standen wieder auf und liefen dem Hexenmeister schreiend hinterher. Eine wilde Jagd begann und immer mehr Wachen schlossen sich ihr an. Orbin wusste bald nicht mehr, wohin er sich wenden sollte. In seiner Verzweiflung wollte er schon versuchen, die Stadt zu verlassen, da führte ihn seine Flucht zu einem alten Haus mit einem grünen Moosdach. Die Tür stand offen und da die Wachen hinter ihm her waren, rannte er einfach hinein. Mit einem Krachen fiel die Tür hinter ihm zu und ein schwaches Licht erleuchtete den Raum.
Orbins Augen brauchten einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Er sah sich um und suchte nach einem Versteck, doch eine seltsame Stimme sprach aus dem scheinbaren Nichts zu ihm. „Du brauchst dich nicht zu fürchten. Die Elfen, die dich verfolgten, sind weitergelaufen. Bald werden sie merken, dass ihre Jagd vergebens war.“
Orbin sah sich um und erhellte mit seinem Zauberstab den Raum. Eine Lichtgestalt wurde jetzt sichtbar. Sie kam dem Hexer irgendwie bekannt vor, doch seine Erinnerungen waren noch immer sehr lückenhaft.
Leise flüsterte der Hexenmeister der Gestalt zu. „Sag mir, wer du bist. Ich habe dich schon einmal gesehen, aber ich kann mich nicht mehr an dich erinnern.“
Doch die Lichtgestalt sprach nicht weiter. Sie verschwand und eine andere Gestalt kam aus der Dunkelheit hervor. Es war Vinus und er hielt einen kleinen Feuerball zwischen seinen Händen. „Ich nehme mal an, dass du ein schwarzer Hexenmeister bist. Ich habe dich schon am Nachmittag in der Stadt bemerkt und gleich gewusst, dass mit dir etwas nicht stimmt. Deshalb habe ich dir die drei Wachen in die Herberge geschickt. Sie sollten dich gefangen nehmen, doch du bist ihnen entkommen und dann hat die seltsame Seele, die in diesem Haus herumwandert, dich und mich hereingelassen, damit du den Elfen entkommen kannst.“
Orbin sah zu dem Kobold und der Feuerkugel und er versuchte zu leugnen. „Das siehst du völlig falsch, du kleiner Zauberer. Ich bin nur ein Kräutersammler. Die Wachen haben sich geirrt. Lass mich gehen und ich werde die Stadt verlassen. Das verspreche ich dir.“
Die Lichtgestalt kam wieder zum Vorschein und sprach zum Hexenmeister. „Nein, du kannst jetzt nicht gehen. Nach all den Jahren bist du zu mir zurückgekehrt. Du musst mir helfen und mich erlösen.“
Die Seele schwebte jetzt dicht vor Orbins Gesicht und nahm die Gestalt eines Magiers an. Sie nickte Orbin zu und verschwand. Völlig verwirrt starrte der Hexenmeister vor sich hin und der Kobold ließ seinen Feuerball verschwinden. Er merkte immer deutlicher, dass dieser eigenartige Kerl nicht wirklich gefährlich war und er berührte ihn am Arm. „Wer bist du, sag mir deinen Namen.“
Der Hexenmeister schaute Vinus an und irgendetwas in ihm meinte wohl, das er dem Kobold trauen konnte. Seine Stimme klang brüchig, als er antwortete. „Ich bin Orbin, ein Diener des Dämonicon. Wenn ich ihn verrate, so wird mich das Halsband, das ich von ihm bekommen habe, geradewegs zu ihm zurückbringen und er wird mich vernichten. So hat er es mir gesagt.“
Vinus entzündete eine Kerze. „Das glaube ich nicht. Die Macht der Feen herrscht hier in der Stadt und die Aura ihrer Königin würde das niemals zulassen.“
Orbin schüttelte den Kopf. „Nein, du kennst die Macht dieses schwarzen Herrn nicht. Er ist der Sohn eines Dämonenfürsten. Ich habe dir sicher schon zu viel gesagt und ich werde bestimmt gleich verschwinden.“
Mit Angst in den Augen drehte sich der Hexenmeister in jede Richtung. Aber es geschah nichts. Vinus stellte die Kerze auf einen Tisch und zog Orbin zu einem Stuhl. Er wischte den Staub von ihm und bat den Hexer, sich zu setzen. „Jetzt mach schon, ich will mir dein Halsband mal ansehen. Doch du bist verdammt groß. Wenn ich kann, werde ich dich von diesem Ding befreien.“
Orbin setzte sich und ließ den Kobold sein Halsband betrachten. „Na mal sehen, das Leder sieht sehr nach gegerbter Trollhaut aus. Die Zeichen darauf sind mit schwarzer Magie versehen. Doch sie haben tatsächlich keine Wirkung. Es ist so, wie ich es vermutet habe. Die Aura, die über der Stadt liegt, verhindert die Ausführung von schwarzer Magie.“
Mit einem Zauberspruch öffnete Vinus den Verschluss des Halsbandes. Er steckte es in einen Leinenbeutel und knotete diesen zu. Dann belegte er den Beutel mit einem Bannspruch und warf ihn auf den Tisch. Triumphierend sah er zu Orbin. Der war aufgestanden und reckte sich. Er rieb sich den Hals mit beiden Händen und nickte. Dann betrachtete er seinen Zauberstab.
Erstaunt drehte und wendete er ihn hin und her. „Das ist nicht zu fassen. Der Kristall meines Zauberstabs leuchtet hell. Das bedeutet für mich, dass ich die weiße Magie wieder benutzen kann.“
Orbin sah zu Vinus und schaute dann seine Kleidung an. Er trug jetzt die Tracht eines weißen Zauberschülers. Wie kleine Blitze schossen die Erinnerungen in seinen Kopf und er lächelte mit einem Mal Vinus zu. Dann sprach er mit sanfter Stimme. „Noch ist die Macht, die Dämonicon über mich hat, nicht ganz gebrochen. Doch ich bin mir sicher, dass wir das richtige Mittel hier im Haus meines alten Freundes Meerland finden. Er war einst mein Meister. Die Erinnerungen von besseren Tagen kehren zu mir zurück. Ich muss mich nur auf die Dinge konzentrieren, die ich hier finde, dann werde ich bald wissen, wer ich einst war.“
Vinus rieb sich die Hände. „Das ist ja toll. Ich kam in die Stadt, um der Königin einen heiligen Becher zu bringen und du solltest bestimmt im Auftrag des Dämonicon das Auge der Zyklopen stehlen, was ich natürlich verhindern wollte. Doch jetzt bin ich hier in einem alten Haus und suche etwas, von dem ich nicht einmal weiß, was es ist. Und ich suche es mit jemandem, der nicht genau weiß, wer er ist. Also, worauf warten wir? Arbeit ist hier bestimmt genug zu finden und außerdem spüre ich, dass noch etwas in dir ist, was nicht zu dir gehört.“
Orbin zuckte mit den Schultern. Dieser Kobold redete entschieden zu viel. Er nahm die Kerze und ging zu einem Schrank. Den sah er sich genau an. Eine Erinnerung war plötzlich in seinem Kopf. Orbin öffnete den Schrank und machte ihn wieder zu. Dann öffnete er ihn wieder.
Er sah zu Vinus und winkte ihm zu. „Komm her, ich weiß jetzt wieder, wie ich früher in die geheime Schreibstube meines Meisters kommen konnte. Dieser Schrank ist so etwas wie eine Tür für die Stube dahinter.“
Vinus stellte sich nur ungern mit Orbin in den Schrank. Doch der Hexenmeister sagte die Wahrheit. Kaum schloss sich die Schranktür, da verschob sich die Schrankwand und eine völlig verstaubte Schreibstube wurde sichtbar. Auf dem Lesepult eines großen Schreibtisches lag ein dickes Buch von beträchtlicher Größe. Orbin stellte die Kerze in einen Halter neben dem Buch und öffnete es. Im Schein der Kerze war die Schrift gut zu erkennen.
Vinus Neugierde hatte schon längst gesiegt und er hielt es vor Aufregung kaum noch aus. „Was steht in dem Buch geschrieben, Orbin? Kannst du es lesen, oder soll ich es mal versuchen?“
Orbin klopfte dem Kobold auf die Schulter. „Bleib ruhig, ich lese vor und wir werden gemeinsam erfahren, was darin geschrieben steht.“ Er strich die erste Seite glatt und begann. „Dies ist das Buch des weißen Magiers Meerland. In ihm sind die Erlebnisse seiner Wanderungen und die Ausbildung seiner Schüler von ihm selbst aufgeschrieben worden.“
Ein helles Licht unterbrach ihn. Meerlands Seele erschien wieder und sie flüsterte den beiden sogleich etwas zu. „Das ist das richtige Buch. Doch nur die letzten Seiten sind wichtig.“
Orbin blätterte in dem Buch herum und fand eine Zeichnung. Sie stellte die heilige Altartafel und den Becher des Schöpfers dar. Daneben stand etwas geschrieben. Orbin las es vor. „Der heilige Bund mit dem Schöpfer ist zerbrochen. Seine Gaben sind entweiht. Nur wenn der Becher mit der Tafel während des Rituals des Schöpfers vereint wird, kann die Aura neue Kraft gewinnen.“
Orbin blätterte die Seite um und las weiter. „Das Gleichgewicht der Magie ist ins Wanken geraten. Die Hüter der heiligen Gaben wurden für ihren Frevel hart bestraft. Ihre Feinde haben über sie triumphiert. Doch auch ihr Preis war hoch. Nur die Feen und die Zauberer können noch helfen. Ich setze mein Vertrauen in die Kraft meines Schülers Orbin. Er sprach von einem neuen Zirkel, dem er beitreten wollte. Doch zuerst muss er ein Meister werden.“
Über dem Hexenmeister und dem Kobold schwebte Meerlands Seele. Leise sprach sie zu den beiden. „Hört gut zu, meine Freunde. Als der Priester Damian vor langer Zeit seinen König erschlug und selbst blind und einsam in der Steppe starb, war die Liebe des Schöpfers für das Volk der Zyklopen erloschen. Doch nichts ist für die Ewigkeit. Eines Tages wird die Liebe zu ihm zurückkehren und das Volk der Zyklopen wird die Fesseln der Sklaverei verlieren.“
Orbin schaute zu Meerlands Seele auf. „Meister, ich kann mich an so viele Ereignisse in meinem Leben nicht mehr erinnern. Wenn wir dir helfen sollen, dann musst du uns verraten, wie wir das anstellen müssen. Ich weiß nicht, wie ich die Seele eines Meisters der alten Hoch-Elfen erlösen kann.“
Meerlands Seele leuchtete hell auf, als sie rief. „Das ist nicht weiter schwierig. Doch zuerst will ich dir und deinem kleinen Freund noch etwas über mich erzählen. Dann wirst du verstehen, warum ich als Lichtgestalt an diesen Ort gebunden bin und noch nicht in das Seelenreich der Hoch-Elfen gelangen konnte.“
Orbin setzte sich auf den Sessel, der hinter dem Schreibtisch stand und seufzte. „In meinem Kopf drehen sich die Gedanken, ich weiß bald nicht mehr, was ich noch alles wieder lernen muss. Aber bitte, Meister Meerland, wenn es uns hilft, dann erzähle uns von dir.“
Die Seele Meerlands schwebte dicht über dem Schreibtisch. Beinah sah es so aus, als wollte sie sich setzen. „Also dann hört mir gut zu. Vor vielen Tausend Jahren erschuf der Schöpfer die Erz-Elfen. Sie waren die Reinsten und Edelsten aller Geschöpfe. Sie waren über alle Maßen klug und schön wie das Licht der Sonne, wenn es sich im Morgentau widerspiegelt. Viele Jahrhunderte lebten sie glücklich den Traum der Unsterblichkeit. Doch eines Tages zerbrach dieser Traum. Albaron, der König der Erz-Elfen, verlor durch einen schrecklichen Unfall bei einer Hirschjagd seinen einzigen Sohn Elion. Er gab seinem Jagdmeister Zassan die Schuld und aus Rache verbot er ihm noch am selben Tag, seine Tochter, Prinzessin Lianda im heiligen Pantheon des Schöpfers zur Frau zu nehmen.“
„Das kann nicht stimmen“, unterbrach der Kobold die Lichtgestalt. „In den Büchern meines Bruders Artur steht geschrieben, dass Lianda die Schwester von Albaron war.“
„Ach ja, das stimmt“, erklärte Meerlands Seele. „Doch Zassan liebte die Schwester des Königs so sehr, dass er sie entführte und mit seiner ganzen Sippe weit weg in ein abgelegenes Tal des Drachengebirges zog. Dort lebten sie verborgen vor den Häschern des Königs. Da Zassan und seine Sippe nicht mehr im Pantheon beten und heiraten konnten, brachten alle ihre Frauen nur noch Hoch-Elfen zur Welt. Diese Hoch-Elfen hatten ein sehr langes Leben, doch ihnen fehlte der Segen des Schöpfers. Nur der Oberste Priester im Pantheon konnte diesen Segen im Namen des Schöpfers aussprechen und er war nur für die Erz-Elfen bestimmt. Die Nachkommen der Hoch-Elfen wurden deshalb nur noch weiße Elfen. Da auch ihnen der Segen des Schöpfers fehlte, war ihre Lebensspanne noch kürzer. Schon viele Elfen versuchten deshalb, die Schattenseite der Magie zu nutzen, um ihre Lebensenergie zu stärken. Doch der Weg von der dunklen zur schwarzen Magie ist sehr kurz. Oft ist die Grenze fließend und man bemerkt nicht den Irrtum, den man gerade beging.“
Meerland schaute traurig zu Orbin und Vinus. Dann seufzte er. „Ach nein, ich schweife ja von dem ab, was ich euch eigentlich erzählen wollte. Also, der König der Erz-Elfen ließ überall nach Zassan und seiner Sippe suchen. Doch das Tal lag weit weg und die Erz-Elfen hatten schnell andere Sorgen. Denn des Königs Bruder, Prinz Leanderich, wollte selbst König sein. Da die Schar seiner Anhänger groß war, forderte Leanderich Albaron heraus. So kam es zum ersten Elfenkrieg. Albaron besiegte Leanderich und hielt ihn in einem Turm gefangen. Seinen Bruder töten, das wollte der König nicht, denn das war gegen die Gesetze, die er selbst erlassen hatte. Aber da er befürchtete, das Leanderich von seinen Freunden befreit würde, betete Albaron im Pantheon. Er bat den Schöpfer, ihm sichere Wachen zu schicken, denn wenn Leanderich entfliehen konnte, so würde der nächste Krieg nicht lange auf sich warten lassen. Noch am selben Tag schickte der Schöpfer die Drachen. Sie sollten von nun an den Frieden bewahren. Doch Leanderich war listig. Es sang die Drachen in den Schlaf und entkam. Nach langer Suche fand er Zassan und seine Sippe. Mit ihnen wollte er in Frieden leben und nie wieder gegen seinen Bruder in den Krieg ziehen.“
Orbin wurde jetzt ungeduldig. Er lehnte sich im Sessel zurück und zog die Luft hörbar durch seine Nase ein. Dann unterbrach er Meerland. „Meister, was ist an dieser Geschichte denn so wichtig? Das hat doch alles nichts mit mir zu tun. Zu dieser Zeit kann ich noch nicht gelebt haben, denn ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern.“
Meerland leuchtete jetzt hell auf. Das war ein sicheres Zeichen für den Zorn, der in ihm aufstieg. „Du kannst dich wohl überhaupt nicht mehr an deine Kindheit erinnern? Doch damit du es weißt. Du bist Leanderichs einziger Sohn und König Albaron war dein Onkel!“
Orbin saß für einen kurzen Augenblick mit offenem Mund steif im Sessel und wurde immer blasser. Dann schüttelte er den Kopf und seinem Mund entfuhr wie von selbst eine Frage. „Wenn das wahr ist, wieso kann ich mich dann nicht daran erinnern?“
Meerland wiegte seinen Kopf hin und her. Dann sprach er weiter. „Du warst gerade erst drei Jahre alt, da fanden Albarons Krieger mitten im Winter die Spur eines unvorsichtigen Jägers aus Zassans Sippe. Sie meldeten Albaron sofort, wo sich sein Bruder und dessen Freunde befanden. Mitten in der Nacht ließ Albaron das Lager seines Bruders angreifen. Ich selbst war ein Jüngling von fünfzehn Jahren. Deine Schwester und dich konnten Zassan und ich gerade noch in Sicherheit bringen. Doch dein Vater und deine Mutter fielen im Kampf. Ich brachte euch in die Wälder und ließ dich und deine Schwester von den Zwergen großziehen.“
Orbin war aufgestanden. Er sah die Lichtgestalt vor sich an und konnte kaum glauben, was er da hörte. „Du sagst, ich habe eine Schwester? Wer ist sie und ist sie überhaupt noch am Leben?“
Meerland grinste, als er antwortete. „Jetzt kommt der beste Teil deines einstigen Lebens. Deine Schwester ist die Feenkönigin Theodora und mein eigener Vater ist Zassan, der einstige Jagdmeister von Albaron. Da meine Mutter des Königs Schwester ist, ist dieser auch mein Onkel. Deine Schwester, du und ich, wir sind vom selben königlichen Blut.“
Vinus mischte sich jetzt ein. „Ich kenne mich mit diesen alten Legenden der Erz-Elfen nicht so aus. Was ist aus dem König geworden? Für gewöhnlich seid ihr Elfen doch alle sehr auf Rache aus. Sie ist ein Teil eurer Gesetze.“
„Das ist richtig“, stimmte Meerland dem Kobold zu. „Wir haben uns auch gerächt. Mein Vater Zassan erklärte mir die Regeln der Magie. Er erkannte schnell, dass alle Hoch-Elfen für die weiße Magie sehr begabt waren. Die Sippen der Erz-Elfen, die Albaron hassten, verbündeten sich mit meinem Vater und schon dreißig Jahre später gab es mehr Hoch-Elfen als Albaron zählen konnte. Der Zorn des Königs wuchs unaufhörlich und er befahl den Drachen, zusammen mit seinem Heer in den Krieg zu ziehen. Doch die Drachen weigerten sich. Sie rieten Albaron von seinem Vorhaben ab und zogen sich in die Berge zurück. Aber dadurch fühlte sich der König nur noch mehr verraten. An der Spitze seines Heeres zog er in die Schlacht. In dieser Schlacht traf er auf meinen Vater. Sie waren beide von Hass und Rache getrieben und sie ahnten wohl, dass die Zeit der Erz-Elfen vorbei war. Am Ende dieses furchtbaren Tages suchte ich das Schlachtfeld nach Ihnen ab. Mein Vater und der König Albaron lagen tot neben ihren Pferden. Der König hatte seinem einstigen Jagdmeister sein Schwert in die Brust gerammt und mein Vater hatte ihm mit seiner Jagdlanze aufgespießt. Ich werde diesen Anblick niemals vergessen. Die überlebenden Hoch-Elfen suchten überall, doch sie fanden keinen einzigen lebenden Erz-Elfen mehr. Albaron hatte sogar die Frauen und die Kinder mit in die Schlacht genommen und mein Vater hatte es ebenso getan. An diesem Tag gab es keine Sieger.“
Orbin stöhnte auf. Seine Erinnerungen versuchten, mit aller Macht wiederzukommen. Doch etwas blockierte sie offenbar. Zitternd stand er vor dem Tisch und er drückte seine Hände gegen seine Schläfen. „Vinus hilf mir. Da ist etwas in meinem Kopf. Ich habe Schmerzen … ich habe … ich … äh …“
Orbin verlor das Bewusstsein und brach zusammen. Der Kobold hatte Mühe ihn aufzufangen. Er legte ihn auf den Fußboden und sah eine kleine schwarze Rauchwolke aufsteigen. Sie verschwand sehr schnell, denn die Aura der Feenkönigin ließ keine schwarzen Geister in der Stadt zu.
Pulsuz fraqment bitdi.