Kitabı oxu: «Mala Sombra - Böser Schatten»
José R. Brunó
Mala Sombra
Böser Schatten
Kriminalroman
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen,
die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.
Albert Einstein
José R. Brunó
Das höchste Gut des Menschen ist die Freiheit. Wenn Völker sich aus der Knechtschaft einer Diktatur befreien und sich zur Demokratie bekennen, beginnt ein Prozess, der Generationen dauert, um das gewünschte Ziel, Freiheit, zu erreichen.
Die Einen möchten ihre Macht nicht hergeben, und die Anderen sinnen auf Rache, für das in der Vergangenheit zugefügte Leid.
Die hier erzählte Kriminalgeschichte hat sich mit Abweichungen so zugetragen. Allerdings sind Orte und Personen erfunden, Namensgleichheiten rein zufällig. Der politische Hintergrund ist historisch belegt.
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Coverbild © Gisela Brigitte Brüntrup
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
www.engelsdorfer-verlag.de
PROLOG
Spanien 1975, der Diktator Francisco Franco war gestorben. Ein Segen für die Menschen, die fast vierzig Jahre unter der Diktatur gelitten hatten, und eine Katastrophe für die Leute, die sich genüsslich in der Diktatur eingerichtet hatten.
Nur wenige Tage nach dem Ableben Francos sollte Juan Carlos de Borbón, den Franco gründlich auf seine Nachfolge vorbereitet hatte, das Land in eine neue Zeit führen. Spanien sollte eine parlamentarische Monarchie werden. Die Sehnsucht nach Demokratie und Freiheit war riesengroß und weckte Begehrlichkeiten. Insbesondere das Baskenland und Katalonien sahen nun eine Chance, endlich ihre Unabhängigkeit zu erlangen.
Es waren nur wenige Jahre nach dem Tode Francos vergangen, als ein Serienmörder durch das Land zog und die Behörden vor eine fast unlösbare Aufgabe stellte. Opfer waren in erster Linie Männer der paramilitärischen Guardia Civil, die während des Bürgerkrieges instrumentalisiert wurden, Präsenz und Stärke zu zeigen. Dabei waren die Schergen Francos in der Wahl ihrer Mittel nicht besonders wählerisch und in der Bevölkerung gehasst und gefürchtet. Sie wurden La Mala Sombra, böser Schatten genannt.
In den 1980er Jahren gestaltete sich die Aufklärung von Verbrechen noch recht schwierig. Die neununddreißigjährige Diktatur hatte ihre Spuren hinterlassen und nicht nur die Infrastruktur war am Boden. Alle Polizeiorgane mussten sich neu sortieren. Die Guardia Civil wurde im Jahre 1978 weitgehend entmachtet und die Policia Nacional übernahm Aufgaben der Verbrechensbekämpfung, mit denen bisher die Guardia Civil betraut war.
Bei all den Widrigkeiten schickten sich die Ermittlungsbehörden im ganzen Land an, europäische Standards zu erreichen. Beamte der Policia Nacional wurden nach Amerika geschickt, um sie in moderner Forensik ausbilden zu lassen. Mediziner, die bisher im Dienste der Polizei gestanden hatten, mussten ebenfalls die Reise über den Atlantik antreten, um sich in die moderne forensische Pathologie einweisen zu lassen. Ein fast aussichtsloses Unterfangen, wie sich herausstellen sollte. In Spanien laufen die Uhren anders und es mussten Generationen vergehen, einen halbwegs funktionierenden Polizeiapparat zu bekommen.
Die hier erzählten Serienmorde, die am Anfang den Separatisten der baskischen ETA angelastet wurden, sollten letztendlich nach jahrelanger Ermittlungsarbeit und durch moderne Wissenschaft aufgeklärt werden.
VERMISST
Es war Freitag, der zwanzigste März 1981. Als die zweiundsechzig Jahre alte Isabel Maria Sanchez das Cuartel (die Kaserne) der Guardia Civil in Terassa betrat, war es gerade auf den Glockenschlag, der von der gegenüberliegenden Kirche zu hören war, zehn Uhr.
Isabel steuerte auf den Uniformierten zu, der in der großen Eingangshalle hinter seinem Schreibtisch saß. Über seinem Tisch hing an zwei Ketten ein Schild mit der Aufschrift: »Information«. An der Wand, im Rücken des Beamten, prangten die Flaggen der Region Katalonien und die gelb – rote Landesfahne. Der Cabo (Unteroffizier) kannte die Dame, die mit hochrotem Kopf auf ihn zukam. Sie war die Ehefrau seines ehemaligen obersten Chefs, des Comandante Antonio Francisco Sanchez, der erst vor wenigen Monaten pensioniert worden war.
»Was ist passiert, Dona Isabel?«, fragte der der Unteroffizier besorgt.
»Lassen Sie mich sofort zu Eusébio Sainz, es scheint etwas Schreckliches passiert zu sein.«
Der Cabo griff sofort zum Telefon. um die Anwesenheit der Señora Sanchez zu melden.
»Der Comandante erwartet Sie in seinem Büro, Dona Isabel, sie kennen sich ja bei uns aus«, sagte der Unteroffizier respektvoll und wies mit der rechten Hand auf den langen Flur, in dem das Büro des Offiziers lag. Dona Isabel klopfte an die Tür und betrat das Büro des Befehlshabers, ohne das obligatorische »Adelante« abzuwarten. Die Familien Sanchez und Sainz waren seit vielen Jahren befreundet. Die Ehefrauen waren Freundinnen und ihre Ehemänner hatten einige Dienstjahre zusammen in dieser Kaserne verbracht. Isabel und Antonio Sanchez hatten die ersten Jahre, in denen Antonio der Befehlshaber dieses Cuartels war, in dieser Kaserne gewohnt. Einige Angehörige der paramilitärischen Guardia Civil wohnten nach wie vor mit ihren Familien in dem Cuartel.
»Was ist passiert, Isabel«?, fragte Sainz.
»Antonio ist nicht nach Hause gekommen, ich war in Matadepera auf der Finca. Als ich dort ankam, lag der Hund tot vor dem Haus und Toni war nicht da.«
Sanchez hatte das alte Anwesen von seinen Eltern geerbt, die in Matadepera, am Rande eines Naturschutzgebietes, fernab von der Zivilisation, eine Schafzucht betrieben hatten. Es war Antonios Elternhaus, hier war er geboren und aufgewachsen.
»Und du bist dir sicher, dass er nicht gerade bei seinem Nachbarn war?«
Isabel schüttelte mit dem Kopf. »Und du meinst, dann bringt er vorher seinen Hund um?«
Sainz lächelte. »Okay, dann schicke ich mal ein paar Leute auf die Finca (bäuerliches Anwesen). Du solltest dir nicht so große Sorgen machen. Ihm wird schon nicht passiert sein.«
Eusébio Sainz reagierte sofort und beorderte sechs Leute mit einem Spürhund zur Finca nach Matadepera. Endlich passierte mal etwas. Die Guardia Civil war in den letzten Jahren zu langweiligen Verkehrspolizisten degradiert worden.
Einige Einheiten hatten die Aufgabe, Grenzen zu schützen, Häfen und Flughäfen zu kontrollieren. Für die Verbrechen im Lande waren seit der neuen spanischen Verfassung von 1978 die Kollegen der Policia Nacional zuständig.
Als die sechs Polizisten mit ihrem klapprigen Renault R4 auf der Finca ankamen, bemerkten sie sofort, dass Rauch aus dem Schornstein des alten Steinhauses emporstieg. Die Eingangstür war weit geöffnet und es sah aus, als sei Antonio Sanchez gerade mal einige Minuten aus dem Haus. Antonios bester Freund, der Hund Pepe, lag erschlagen vor der Tür. Aus der Ferne waren Glockentöne der Schafe zu hören, die sich herrenlos über das gesamte Anwesen verteilt hatten.
Der Cabo, den Eusébio Sainz mitgeschickt hatte, bemerkte sofort, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Sein Name war Pepe Roldán. Die Leute hatten sich auf dem Anwesen verteilt und riefen immer wieder den Namen des Vermissten.
Es war inzwischen eine Stunde vergangen und es gab keine Spur von Antonio Sanchez. Das Haupthaus lag auf einer Anhöhe und man konnte die umliegenden Höfe sehen.
»Das nächste Haus ist mindestens drei Kilometer entfernt«, bemerkte Roldán, der mit der Hand auf das weiße Gebäude zeigte, das in einem langgezogenen Tal lag. »Das Motorrad steht hinterm Haus und zu Fuß ist er mit Sicherheit nicht unterwegs.«
Pepe Roldán hatte sich entschlossen, den Spürhund aus dem Auto zu holen, der schon eine Stunde bellend im Auto verbracht hatte. Am Inneren der Haustür hing eine alte Cordhose von Sanchez, die Roldán dem Hund zum Schnüffeln gab.
Der Spürhund war in kürzester Zeit von null auf hundert und steuerte sofort auf den Pozo (Brunnen) zu. Der Hund legte sich auf den Boden und fing laut an zu bellen. Alle Beteiligten schauten sich fragend an und alle schienen zu wissen, was sich in diesem Brunnen befand. Der Schacht war mit einem Wellblech bedeckt und mit einigen Steinen beschwert. Pepe Roldán schob die Steine von dem Blech und entfernte die Abdeckung. Es war dunkel in dem runden Schacht, der wohl mindestens eine Tiefe von fünfzehn Metern hatte.
»Hol mir mal die Taschenlampe aus meinem Auto«, befahl der Unteroffizier einem jungen Polizisten.
Er tat, wie ihm geheißen, während die anderen Kameraden wie angewurzelt herumstanden.
Roldán leuchtete in den Brunnen, der seit vielen Jahren kein Wasser mehr führte. Auf dem Grund des Schachts war etwas zu entdecken, das aussah wie eine zusammengekauerte Gestalt. Alle wussten sofort, das war Antonio Sanchez.
Roldán hatte noch einige Male vergeblich den Namen seines ehemaligen Chefs in den Brunnen hineingerufen. Er bekam keine Antwort. Der junge Unteroffizier lief aufgeregt zu seinem Auto, um über Funk seiner Leitstelle den Fund des pensionierten Comandante zu melden.
Was vor einigen Stunden für die jungen Polizisten der Guardia Civil noch als eine willkommene Abwechslung ausgesehen hatte, sollte für sie ein schreckliches Erlebnis werden. Die jungen Paramilitärs, die noch nicht einmal ihre Ausbildung beendet hatten, schienen auch noch nie einen Toten gesehen zu haben.
Eine halbe Stunde war vergangen und auf der Finca wimmelte es von Menschen. Inzwischen war die Mordkommission mit ihrer Spurensicherung aus Barcelona angerückt. Eusébio Sainz war ebenfalls auf der Finca eingetroffen und lief aufgeregt um den Brunnen herum, in dem vermutlich sein Freund Antonio Sanchez lag. Der Unteroffizier überlegte, wie er am besten hinunter in den Brunnen kommen sollte. Die alte Vorrichtung, mit der in früheren Jahren die Eimer mit Wasser heraufgezogen wurden, war längst nicht mehr funktionsfähig.
Man hatte sich erinnert, dass Abschleppfahrzeuge eine Seilwinde besaßen, mit der man in den Brunnenschacht hinuntergelassen werden konnte.
Während Pepe Roldán sich auf den Abstieg in den Brunnen vorbereitete, schaute die Chefin der Spurensicherung, Laura Velazquez, zu dem Comandante der Guardia Civil herüber.
»Sind das alles Ihre Leute Comandante?«, fragte sie.
Sainz schaute sich um. »Die Uniformierten schon, aber die Zivilisten? Ich dachte, das wären Ihre Leute.«
»Ich schlage vor, Sie veranlassen, dass die Menschen, die hier nichts zu suchen haben, schleunigst verschwinden.«
Inzwischen war der Abschleppwagen eingetroffen, der Roldán in den Brunnen hinunterlassen sollte.
Alle schauten gebannt auf das, was dort nach einer Weile aus dem Schacht gezogen wurde. Es war nichts für schwache Nerven. An der Seilwinde hing Antonio Sanchez. Der Kopf war nach vorne gebeugt und zwischen seinen Schulterblättern steckte ein Beil. Es war gespenstisch zu sehen, wie seine Beine an seinem Körper baumelten, als gehörten sie nicht zu ihm. Vermutlich waren beide Beine beim Sturz in den tiefen Brunnen gebrochen.
Langsam wurde der Leichnam auf den Boden herabgelassen und auf das Gesicht gelegt, um das Beil aus seinem Rücken entfernen.
Der junge Gerichtsmediziner, der sich nun mit dem Opfer beschäftigte, war der achtundzwanzig-jährige Madrilene Doktor Angel Domingez, ein junger Mediziner, der das Team verstärken sollte, denn die Kriminalität, insbesondere die Kapitalverbrechen, hatten in und um Barcelona enorm zugenommen.
»Und was meinst du?«, fragte Laura den Gerichtsmediziner.
»Ich denke, der ist noch nicht einmal zehn Stunden tot. Die Leichenstarre ist gerade dabei einzutreten.«
»Die Todesursache?«
»Ich denke, dass er noch gelebt hat, als er in den Brunnen geworfen wurde.«
»Oh Gott, das behalten wir mal besser für uns«, sagte Laura und wandte sich an ihren Kollegen, Inspektor Jorge Garau.
»Hast du was Brauchbares gefunden, Jorge?«
Jorge lächelte. »Bist du die Spusi oder ich? Aber ich habe im Haus Zigarettenstummel der Marke Winston gefunden, in einem Aschenbecher, der auf dem Tisch stand. Die Ehefrau hat mir gerade versichert, dass ihr Mann Zigarrenraucher war.«
»Das ist ja interessant. Und in dem Aschenbecher waren keine Zigarrenstummel?«
»Nur einer, und ich habe ihn dir hier bereits getrennt eingetütet.«
»Okay, dann frag mal die Ehefrau, ob im Haus etwas fehlt, falls sie ansprechbar ist. Da ist noch etwas. Hast du die aufgemalte – oder aufgesprühte – Zwei auf dem Hemd des Opfers gesehen? Frag sie doch mal, was das bedeutet.«
Jorge schaute Laura fragend an. »Die Ehefrau sagt, soweit sie das beurteilen könne, fehle nichts, aber eine Zwei? Was ist das denn?«
»Keine Ahnung, aber geh hin und schau es dir an. Ich hoffe nicht, dass wir es hier mit einem Killer zu tun haben, der Opfer nummeriert. Das hatten wir nämlich noch nicht.«
Zwischenzeitlich hatte der Gerichtsmediziner seine Arbeit beendet. Laura war noch damit beschäftigt, den Griff des Beils abzukleben, auf dem sich zahlreiche Fingerabdrücke befanden. Der Leichenwagen war eingetroffen, um das Opfer in die Gerichtsmedizin zu bringen, und die Polizisten der Guardia Civil hatten den Befehl erhalten, sich vom Tatort zu entfernen.
Es war inzwischen siebzehn Uhr geworden und es wurde empfindlich kalt. Der Frühling hatte noch nicht Einzug gehalten und ab achtzehn Uhr dreißig war es stockdunkel. Die charismatische Laura Velazquez hatte ihren Schutzanzug abgestreift und suchte ihre Utensilien zusammen.
Laura war eine echte Persönlichkeit in der Rechtsmedizin. Nicht nur, weil sie eine absolute Schönheit war, sondern sie bestach auch durch ihr unglaubliches Wissen im Bereich der Forensik. Sie war der lebende Beweis, dass man nicht unbedingt studiert haben musste, um sich ein Wissen anzueignen, für das andere Leute studieren mussten. Sie war von Beruf Laborantin und hatte sich im Laufe der Jahre auf Finger– und Faserspuren spezialisiert und hatte sich in Amerika zu einer Blutspuren-Analytikerin ausbilden lassen. Eine Sparte in der Forensik, unter der man sich in den achtziger Jahren in Spanien noch nichts vorstellen konnte. Laura Velasquez hatte sich der forensischen Wissenschaft verschrieben und ihre unersättliche Neugierde trieb sie immer wieder an, etwas Neues zu erlernen.
Das Computerzeitalter hatte begonnen und man war plötzlich im Stande, Dinge zu tun, von denen viele Leute vor einigen Jahren, nicht zu träumen gewagt hätten. Fingerabdrücke konnten gespeichert werden und in wenigen Minuten mit den Abdrücken eines Verdächtigen verglichen werden.
Die Katalanen hatten etwas Geld in die Hand genommen und der Gerichtsmedizin eine neue Heimat verschafft. Sie war jetzt nur noch einige Minuten vom Polizeipräsidium entfernt, an der Plaza d´Antoni Maura. Helle, freundliche Räumlichkeiten waren gebaut worden, und in der Pathologie wurden riesige Kühlhäuser angeschafft, die es den Gerichtsmedizinern erlaubte, Leichen einige Tage aufzubewahren. In der Regel musste ein Leichnam wegen der Seuchengefahr, speziell in den Sommermonaten, innerhalb von achtundvierzig Stunden eingeäschert werden.
Am nächsten Morgen hatte sich Laura darangemacht, die Fingerspuren, die sie am Beil gesichert hatte, welches im Rücken des ermordeten Antonio Sanchez gesteckt hatte, auszuwerten. Es waren zwei unterschiedliche Abdrücke auf dem Griff des Beiles. Die einen waren von dem Opfer und die anderen waren zweifellos vom Täter, der sich keine Mühe gemacht hatte, irgendwelche Spuren zu verwischen. Die Fingerabdrücke wurden gespeichert und mit denen bereits in der Datenbank vorhandenen verglichen. Das Ergebnis war negativ, kein Treffer.
Laura wunderte sich immer wieder, wie dumm sich Täter anstellten. Irgendwann, sei es bei der Beantragung eines Passes oder eines Ausweises, würde der Täter seinen Fingerabdruck abgeben müssen. In Spanien wurde in jedem Dokument der Identifikation der Fingerprint festgehalten.
Eine Kollegin von Laura hatte inzwischen die Kleidung des Opfers akribisch mit einer Klebefolie abgeklebt, um eventuell fremde Fasern oder Haare zu finden. Vergeblich. Außer der großen »Zwei«, die der Täter offensichtlich mit schwarzer Farbe aus einer Sprühdose auf das Hemd des Opfers gesprüht hatte, gab es keine Spuren.
›Komisch‹, dachte Laura, ›wer oder was ist denn da die Nummer Eins? Offensichtlich hatte es einen Fall gegeben, von dem wir nichts wissen.‹
Aus irgendeinem Grund wurde ein Ermittler des Departamento II ernannt. Er hieß Juan Medina. Eine zweite Mordkommission war gegründet worden, die sich ausschließlich mit Fällen der Außenbezirke rund um Barcelona kümmern sollte. Für die Innenstadt, für das Departamento I, war ihr Lebensgefährte Jóse Maria Cardona verantwortlich. Oftmals kam es zu Kompetenzrangeleien zwischen der ersten und zweiten Mordkommission, weil man sich nicht klar war, wo der Außenbezirk begann und wo der Innenbezirk endete.
Laura mochte diesen Juan Medina, der das ganze Jahr ohne Stümpfe herumlief, nicht besonders. Medina war ein typischer spanischer Macho. Ein Besserwisser, der sich für unwiderstehlich hielt und Laura permanent irgendwelche Avancen machte. Juan Medina war ein Typ, der einige Tage mit ungewaschenen Haaren und dem gleichen Hemd herumlief. Er war nicht größer als ein Meter siebzig und schob einen kleinen Bierbauch vor sich her. Das Einzige, was seine Vorgesetzten allerdings an ihm schätzten, war sein messerscharfer Verstand.
Die hübsche Laura war es gewohnt, Komplimente zu bekommen. Mit ihrer Körpergröße von ein-meter-siebzig, ihrer schlanken Figur und ihren langen, schwarzen Haaren war sie die Attraktion in der Gerichtsmedizin. Sie war der Grund, warum alle Kollegen so gerne ins Labor kamen.
In den nächsten Tagen berichteten alle Tageszeitungen von dem Mord an dem pensionierten Comandante der Guardia Civil Antonio Sanchez. Schuldige waren längst ausgemacht, es waren die Separatisten der baskischen ETA, so glaubte man zu wissen. Aber die baskische Terrorgruppe bekannte sich immer zu ihren Taten. Bisher waren noch keine Bekennerschreiben eingegangen. Im Gegenteil, die Basken leugneten, mit der Sache zu tun zu haben.
Inzwischen war die Obduktion abgeschlossen. Der Gerichtsmediziner hatte den Mageninhalt entnommen und ins Labor gegeben. Laura hatte sogar noch unverdaute Bohnen und Fleischrückstände feststellen können. Das würde bedeuten, dass sein Abendbrot noch nicht einmal gänzlich verdaut war, als der Tod eintrat. An Hand der Körpertemperatur und des Mageninhalts hatte der Gerichtsmediziner den Todeszeitpunkt auf zirka vier Uhr morgens festgelegt. Die Todesursache war die stumpfe Gewalteinwirkung auf den Kopf des Opfers. Die Schädeldecke war total zertrümmert.
Der Gerichtsmediziner war sich sicher, dass der Täter das Beil in den Rücken des Opfers gerammt hatte, als es bereits tot war.
In der Regel sollte sich eine Forensikerin nicht in die Ermittlungsarbeit der Polizei einmischen, aber nun war Laura neugierig geworden. Sie hatte mit Medina über die seltsame Nummer auf dem Rücken des Opfers gesprochen. Er hatte dem keine Bedeutung beigemessen.
Laura entschloss sich, die überregionale Tageszeitung »El Mundo« aufzusuchen. Die Redaktion befand sich nur wenige hundert Meter entfernt. Sie brauchte nicht sehr lange, um im Archiv der Zeitung einen Fall zu finden, der vor etwa vier Wochen im Raum Tarragona passiert war.
In dem Küstenort Cambrils, einige Kilometer südlich von Tarragona, wurde Anfang Februar eine Leiche ohne Kopf angeschwemmt. Die Ermittler hatten einige Wochen gebraucht, den Leichnam als den sechsundsechzig-jährigen Francisco Llompart zu identifizieren, einen pensionierten Guardia-Civil-Mann.
Laura rief sofort die Kollegen in Tarragona an. Es hatte einige Zeit gedauert, bis sie den Ermittler am Telefon hatte, der ihr etwas zu dem Fall sagen konnte. Für sie war nur relevant, ob das Opfer mit irgendeiner Nummer beschrieben war. Und tatsächlich, der Täter hatte seinem Opfer eine »Eins« mit einem scharfen Gegenstand, vermutlich mit einem Messer, auf den Oberkörper geritzt.
Das war es, was Laura wissen wollte, jetzt ergab das Ganze einen Sinn. Hier war ein Serientäter am Werk, der möglicherweise noch eine offene Rechnung mit der Guardia Civil zu begleichen hatte. Erschwerend kam hinzu, dass sich der Mörder gezielt seine Opfer aussuchte und sich nicht auf eine Provinz beschränkte.
Spanien ist ein großes Land und was gerade in Barcelona passierte, konnte sich morgen im eintausend Kilometer entfernten Malaga wiederholen.
Es waren drei Jahre vergangen und man schrieb bereits das Jahr 1984. Laura hatte fast täglich die überregionalen Zeitungen gelesen. Es gab seltsamerweise keine neuen Tötungsdelikte an Guardia-Civil-Beamten.
Der Fall war in Vergessenheit geraten und zu den ungelösten Fällen gelegt worden. Selbstverständlich dachte Laura nicht mehr an die Geschichte. Täglich gab es neue Fälle und für die Ermittlungsarbeiten war die Polizei zuständig. In der katalanischen Metropole Barcelona gab es ausreichend ungeklärte Fälle, die es zu lösen gab. Die Aufklärungsquote für Kapitalverbrechen lag gerade mal bei 50 Prozent.
UNBESTECHLICH
Am Abend des fünfundzwanzigsten Mai musste Laura eine Erfahrung machen, die sie so schnell nicht vergessen sollte. Es war bereits neunzehn Uhr, als im Labor das Telefon schellte. Sie hatte sich bereits ihren weißen Kittel abgestreift, um in den wohlverdienten Feierabend zu gehen. In der Gran Villa hatte es einen Unfall mit Todesfolge gegeben.
Eine Frau war die Treppe hinuntergestürzt, mehr wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Bei Unfällen mit Todesfolge musste zu jener Zeit immer die Polizei benachrichtigt werden, um festzustellen, ob nicht doch möglicherweise ein Verbrechen vorlag.
Laura hatte sich mit einer Kollegin auf den Weg gemacht. Die dritte Etage bewohnte der Kommunalpolitiker Adolfo Casillas. Eine Luxuswohnung direkt im Zentrum von Barcelona. Aus dem Salon führte eine Holztreppe in den oberen Bereich, in dem die Schlafräume untergebracht waren.
Als Laura den Salon betrat, bemerkte sie den Kommunalpolitiker, der auf dem großen Ledersofa saß und nur kurz aufgeschaut hatte, als er die Spurensicherung sah. Sein Gesicht in den Händen vergraben, stammelte er fortwährend unverständliche Worte.
Laura kannte seine Visage, die sie einige Male auf Wahlplakaten gesehen hatte. Casillas schien am Boden zerstört. »Ich habe ihr immer gesagt, sie solle die blöden Schuhe wegschmeißen«, stammelte er.
Juan Medina saß Casillas gegenüber und versuchte einige Fragen zu stellen, die den Unfallhergang betrafen, währen Laura auf den Mann zuging, der sich über die Leiche beugte.
»Sind Sie der Arzt, der den Tod feststellen soll?«, fragte Laura.
»Und Sie sind die Spurensicherung? Ich glaube, hier gibt es nichts zu sichern, das war ein Unfall.«
»Herr Doktor, ob das ein Unfall war oder nicht, das werden unsere Untersuchungen ergeben. Unterstehen sie sich, auf dem Totenschein als Ursache einen Unfall zu bescheinigen. Oder woher, glauben Sie, kommt die große Menge Blut dort an der Wand?«
Laura wandte sich ab. Sie hatte längst gesehen, dass hier etwas nicht stimmen konnte. Der Mediziner, der hier vor Ort war, schien der Hausarzt der Familie Casillas zu sein. Schnell den Tod als Unfall darzustellen, einen Tag später die Leiche einäschern zu lassen und alles war vergessen. Das war mit Laura Velasquez nicht zu machen. Sie war Blutspurenspezialistin und das, was sie hier sah, war alles andere als ein Unfall.
Das Opfer lag am unteren Treppenabsatz und war vor eine Natursteinwand gefallen und hatte sich, wie man auf den ersten Blick vermuten konnte, an dieser Wand die Kopfverletzungen zugezogen – wenn da nicht die Wand in einer Höhe von ein-Meter-sechzig mit Blutspuren übersät gewesen wäre. Die Spritzspuren, die im oberen Bereich der Wand zu sehen waren, konnten nur entstanden sein, wenn mit großer Gewalt auf die Blutungsquelle mit einem Gegenstand eingeschlagen wurde. Laura und ihre Kollegin hatten kleine Schilder mit Zahlen aufgestellt und mit Akribie unzählige Fotos gemacht.
Laura war die hölzerne Treppe hinaufgegangen und stand nachdenklich auf dem oberen Absatz.
»Hier hat das angefangen«, sagte sie leise zu sich selbst. Zu ihren Füßen hatte Laura einen feuchten Fleck auf dem Terrakottaboden entdeckt. Hier war gründlich gereinigt worden. Ihr Blick fiel auf den oberen Bereich der Wand, an dem sich ebenfalls einige Spritzspuren befanden. Rasch nahm sich Laura ein Messer und kratzte einige dieser Spuren von der Wand, die der Täter offensichtlich beim Saubermachen übersehen hatte.
Auf den Treppenstufen lagen einige Wäschestücke verteilt. Laura hatte eines dieser Stücke angehoben, unter dem sie eine große Blutlache entdeckte. Wie kam das Blut unter die Wäschestücke? Dieser Tatort war so dilettantisch inszeniert worden, dass sie kopfschüttelnd minutenlang auf dem Treppenabsatz stand.
Als sie von oben in den Salon schaute, bemerkte sie, dass der Politiker Casillas und der Ermittler Juan Medina verschwunden waren. ›Komisch, dachte Laura, wohin sind die beiden gegangen? Haben die beiden etwas zu besprechen, was niemand hören soll?‹ Diesen Gedanken, wagte sie nicht zu Ende zu denken.
Die beiden Frauen hatten inzwischen ihre Utensilien zusammengepackt und wollten den Ort des Geschehens verlassen. Laura hatte Casillas und Medina durch eine große Glastür auf dem Balkon entdeckt, wo sie sich angeregt unterhielten. Als Laura die Balkontür öffnete, um zu avisieren, dass sie fertig sei, erschraken die beiden und verstummten augenblicklich.
›Aha, also doch‹, dachte Laura.
»Einen Augenblick«, sagte Medina, »ich gehe mit euch!« Er verabschiedete sich eiligst von Casillas. Die Forensikerin hatte längst gemerkt, dass Medina etwas loswerden wollte.
»Und was steht morgen in deinem Bericht, Laura?«
»Auf jeden Fall das, was es ist – Mord.«
Medinas Gesicht verfärbte sich augenblicklich.
»Ich würde mir das in deiner Stelle noch einmal gründlich überlegen. Casillas ist Politiker und hat großen Einfluss.«
»Pass mal auf, mein Freund«, sagte Laura zornig, »wenn ich morgen früh die Leiche nicht in der Pathologie habe, bist du die längste Zeit Polizist gewesen. Und jetzt geh wieder hoch zu deinem Freund, ruf den Leichenwagen und mach gefälligst deine Arbeit, wie sich das für einen Polizisten gehört.« Juan Medina stand wie angewurzelt auf der Straße und schaute Laura an, als habe ihn der Blitz getroffen.
Der nächste Morgen – Laura hatte nicht gut geschlafen und ihr erster Weg führte sie in die Pathologie. Die Leiche der Irma Casillas war tatsächlich in den späten Abendstunden noch in die Gerichtsmedizin gebracht worden. Laura zog sich schnell ihren weißen Kittel über, um bei der Leichenschau und der Obduktion dabei sein zu können.
Doktor Domingez hatte inzwischen der Toten den Schädel rasiert, um sich ein Bild der Verletzungen zu machen, die zum Tode geführt hatten. Auf der Schädeldecke waren drei riesige Verletzungen zu erkennen. Eine tiefe Delle, die mit roher Gewalt durch einen schweren Gegenstand verursacht worden war, kam zum Vorschein. Die tiefe Kerbe auf dem Kopf hatte mit hoher Wahrscheinlichkeit ein schweres Hirntrauma ausgelöst und zum sofortigen Tod geführt. Die anderen zwei Kopfverletzungen waren nach Aussagen des Gerichtsmediziners nicht tödlich und möglicherweise beim Sturz entstanden. Die Unterarmfraktur, die Domingez bei dem Opfer feststellte, war vermutlich die Folge des Treppensturzes. Laura fing an, den Fall zu rekonstruieren.
»Also, der Casillas schlägt auf dem oberen Treppenabsatz seiner Frau mit irgendeinem Gegenstand auf den Kopf. Sie verliert das Bewusstsein und fällt die Treppe hinunter. Am unteren Teil der Treppe, vor der Wand, bleibt das Opfer liegen. Der Ehemann geht hinunter und schlägt ihr noch zweimal auf den Schädel, um sicher zu sein, dass sie auch tot ist.«
Domingez nickte nachdenklich mit dem Kopf.
»So könnte es gewesen sein, Laura. Ich bin zwar nicht persönlich vor Ort gewesen, aber wenn du es sagst, wird das wohl so sein.«
»Das würde auch die Spuren auf dem oberen Treppenabsatz erklären. Außerdem kann der Aufprall des Körpers an der Wand nicht so stark gewesen sein, dass meterhohe Spritzspuren entstehen können.«
»Das ist wohl wahr, ein Selbstmörder kann sich auch nicht zwei Mal in den Kopf schießen«, sagte Laura grinsend und schaute zur Tür.
Medina hatte die Pathologie betreten und steuerte sofort auf Laura zu.
»Hast du deinen Bericht fertig?, fragte er.
»Du solltest auf meinen Bericht nicht warten Juan, den werde ich persönlich deinem Chef übergeben. Ich versichere dir, wenn in deinem Bricht irgendwo das Wort Unfall zu lesen ist, kannst du deine Karriere bei der Polizei vergessen.«
Medina hatte verstanden und verließ fluchtartig die Pathologie.
Zu jener Zeit, als Spanien sich aufmachte, sich auch wirtschaftlich zu erholen, erreichte die Korruption ihren Höhepunkt. Jeder schmierte jeden und ohne »Vitamina«, wie man es seinerzeit nannte, ging nichts.
Laura hatte sich gefragt, wie weit die Leute wohl gehen würden. Ihr Kollege Medina war gerade dabei, oder machte zumindest den Versuch, einen Mord zu vertuschen. Eine widerliche Vorstellung, die die Forensikerin nicht hinnehmen wollte.
Am nächsten Morgen machte sich Laura auf, um ihren – und den Bericht des Pathologen persönlich im Kommissariat der Kriminalpolizei abzugeben. Medinas Chef, war der Comisario Juan Carlos Contento, der sich natürlich die Frage stellte, warum die Gerichtsmedizin ihm die Berichte persönlich überbrachte.
»Gibt es einen besonderen Grund, warum du mir die Unterlagen bringst, Laura?«
»Sei mir bitte nicht böse, Juan Carlos, aber ich möchte die Unterlagen in diesem Fall persönlich übergeben.«
Contento schaute Laura eine Weile nachdenklich an. »Der Ermittler ist Medina, oder?«
Laura nickte mit dem Kopf. »Ich möchte niemanden verdächtigen, aber …«
»Schon gut, Laura, ich werde den Fall genau beobachten. Mach dir keine Gedanken.«
In den nächsten Tagen ging alles sehr schnell. Der Politiker wurde festgenommen.
Adolfo Casillas wurde letztendlich des Mordes an seine Ehefrau angeklagt. Der Politiker blieb bis zum Beginn des Prozesses, immerhin sollte das vier Jahre dauern, auf freiem Fuß. Casillas wurde zu dreißig Jahren Haft verurteilt. Warum er bereits nach drei Jahren wieder ein freier Mann war, wurde nie bekannt.
*
Es war Juli 1985, einer der heißesten Monate des Jahres. Die Temperaturen stiegen auf unerträgliche vierzig Grad. Barcelona war völlig verwaist. Die Menschen machten Urlaub am Meer, und wer trotzdem noch in der Stadt verblieben war, suchte sich, zumindest bis in die frühen Abendstunden, einen kühlen Platz.
In diesen Tagen überschlugen sich die Ereignisse. Lauras Lebensgefährte, der Ermittler José Cardona vom Departamento I der Mordkommission, hatte gerade einen Serienmörder zur Strecke gebracht. Eine Sensation für das Land. So etwas hatte es noch nie gegeben. Zumindest konnte sich niemand an einen vergleichbaren Fall erinnern. Was selbstverständlich daran lag, dass es in der vierzigjährigen Franco-Diktatur, so etwas nicht gab und nicht geben durfte. Sicherlich hatte es auch in jener Zeit Fälle dieser Art gegeben, aber sie kamen nicht an die Öffentlichkeit.
Für die Presse, die seit einigen Jahren ihre Freiheit erlangt hatte, war das ein gefundenes Fressen. Viele Boulevardblätter, die es vorher nie gegeben hatte, waren in den letzen Jahren erschienen, ein Journalismus, den man bisher nur aus Amerika, Frankreich oder England kannte.
Lauras Lebensgefährte war über Nacht zu einer Art »Star« geworden. Fotografen und Schreiberlinge tauchten überall auf, um mit ihm Fotos oder Interviews zumachen. Es sollte eine schreckliche Zeit werden, in der auch seine Lebensgefährtin Laura nicht zur Ruhe kam. Ihr Bild war plötzlich auch überall in der Regenbogenpresse zu sehen. Sie konnte sich nirgendwo mehr sehen lassen, überall wurde sie angesprochen.
Laura und José hatten sich kurzerhand entschlossen, einige Tage aus Barcelona zu verschwinden. Die beiden verbrachten ihren Urlaub immer im Baskenland, in der Nähe von San Sebastian. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. An der Biskaya war es merklich kühler und sie konnten sich für einige Tage dem Presserummel entziehen. In der Grenzstadt zu Frankreich, in Irun, hatten Laura und José viele Freunde, mit denen sie sich auch ab und zu telefonisch austauschten.
In diesen Tagen war es besonders gefährlich im Baskenland. Die Gewalt zwischen den baskischen Separatisten ETA und ihren Todfeinden, der Guardia Civil hatte wieder enorm zugenommen. Die Gefahr, zwischen die Fronten zu geraten, war riesengroß. Die Verkehrspolizei, die Guardia Civil, traute sich kaum noch, Verkehrskontrollen durchzuführen. Die Separatisten hatten bereits mehrere Polizisten bei ihrer Arbeit erschossen.
Am Abend waren die beiden mit Freunden im Parador de Hondarrabia verabredet, einem alten historischen Gebäude, das in den 1930er Jahren zu einem Hotel – Restaurant umgebaut wurde. Das kleine Örtchen Hondarrabia, direkt an der Grenze zu Frankreich gelegen, war die Hochburg der ETA. Von hier aus konnten die Separatisten ohne Probleme im benachbarten Frankreich untertauchen.
Zum Abendessen waren einige Freunde mit ihren Frauen gekommen, die ihre Freunde aus Barcelona willkommen heißen wollten.
Unter ihnen befand sich auch der Journalist Iñaki Etxebarria mit seiner Lebensgefährtin Maria. Laura und José kannten die Beiden seit einigen Jahren und hatten mit ihnen viele fröhliche Stunden verbracht. Iñaki war zugleich Kommunalpolitiker der baskischen Linkspartei Herri Batasuna und freier Journalist einer französischen Zeitschrift.
Zunächst genossen alle die baskisch–französische Küche. Immerhin waren in dieser Region die meisten Sterneköche der iberischen Halbinsel beheimatet.
Zu vorgeschrittener Stunde, der Wein zeigte bereits seine Wirkung, wurden die Diskussionen etwas lauter.
Laura hatte das Gefühl, dass Iñaki etwas loswerden wollte. Der kleine Kommunalpolitiker hatte schon zwei Mal den Versuch gemacht, das Gespräch mit der Forensikerin zu finden.
»Sag mal, Laura«, begann er, »was ist mit euren Mordfällen an den »Malas Sombras«, wie weit seid ihr?«
»Keine Ahnung, Iñaki, da musst du José fragen. Ich bin nicht der Ermittler dieser Fälle.«
Iñaki schaute nachdenklich. »Du bist doch im Thema, Laura, oder?«
Sie lächelte. »Natürlich, ich habe die Spuren beim ersten Opfer gesichert. Aber woher weißt du überhaupt von diesen Fällen?«
»Ich bin Journalist, Laura, schon vergessen?«
»Zunächst kann ich dir sagen, dass die Fälle bereits vier Jahre zurückliegen und längst zu den Akten gelegt wurden. Oder weißt du noch etwas, was wir nicht wissen?«
Iñaki schüttelte mit dem Kopf. »Wenn du glaubst, das hätte was mit der ETA zu tun gehabt, seid ihr auf dem Holzweg. Die hätten sich seinerzeit dazu bekannt. Der Typ hat ein anderes Motiv und ehrlich gesagt, es gibt noch Millionen Gründe, die alten Säcke ins Jenseits zu befördern.«
»Aber nach so vielen Jahren? Ich dachte, dass die Geschichte längst vorbei ist.«
Laura hatte keine Lust, am heutigen Abend über ihre Arbeit zu diskutieren und ließ Iñaki mit seinen Fragen allein.
Inzwischen hatten sich die Anwesenden wieder den Freuden des Lebens zugewandt, der Lieblingsbeschäftigung der Spanier – ausgiebig essen und trinken und das konnte viele Stunden dauern.
Die Basken waren ein Volk, das mit den typischen Spaniern nicht viel gemein hatte. Sie hatten ihre eigene Sprache, die niemand verstand, der nicht im Baskenland geboren war. Wenn es allerdings um die Freuden des Lebens ging, unterschieden sie sich keinesfalls von ihren spanischen Landsleuten.
DAS DRITTE OPFER
Der Alltag war wieder eingekehrt. Laura und José waren nach Barcelona zurückgekommen, als am Montag, dem dreiundzwanzigsten September in der Rechtsmedizin um neun Uhr das Telefon schellte. Nichts Außergewöhnliches, aber dieser Tag sollte es in sich haben.
In Grácia, einem Stadtteil Barcelonas, in der Avenida del Litoral, war ein Verbrechen gemeldet worden.
Laura packte rasch ihre Sachen zusammen, informierte den Gerichtsmediziner und machte sich mit zwei weiteren Kollegen auf den Weg.
Als die Spurensicherung dort ankam, war bereits der Ermittler Raúl Alonso vor Ort. Raúl war ein langer schlaksiger Katalane aus Girona, der aus der Abteilung Departamento I kam, der Mordkommission, in der der Lebensgefährte von Laura der Leiter war.
Raúl Alonso war der Stellvertreter und enger Vertrauter von José Cardona.
Als Gerichtsmediziner war Doktor Montes gekommen. Montes hatte mit Laura zusammen seine Karriere bei der Rechtsmedizin begonnen.
Als Laura mit ihren Kollegen dort ankam, mussten sie sich erst einmal einen Weg durch die Neugierigen bahnen, die sich im Treppenhaus versammelt hatten. Es schienen die Bewohner des Hauses zu sein. In der ersten Etage angekommen, bemerkte Laura einige Beamte der Policia Municipal, der Stadtpolizei. Sie waren offensichtlich die Ersten, die informiert worden waren. Auf dem oberen Treppenabsatz stand Juan Medina.
Laura schaute den Ermittler vom Kommissariat II verwundert an.
»Was willst du denn hier?«, fragte Laura erstaunt.
»Ich dachte, wir sollten hier ermitteln.«
»Ihr solltet euch mal einig sein. Ich dachte, für den Stadtbezirk ist das K1 zuständig. Wäre sonst Raul Alonso hier?«
Medina war der spezielle »Freund« von Laura. Sie mochte ihn nicht. Nach der Geschichte mit dem Politiker Casillas, bei der Medina für etwas Schmiergeld einen Mord vertuschen wollte, hatte sie nichts mehr mit ihm zu tun gehabt.
Raúl knöpfte sich als erstes einmal den Dienstältesten der Stadtpolizei vor.
»Kannst du mal dafür sorgen, dass die Leute, die hier nichts zu suchen haben, vom Tatort verschwinden?«
Der Polizist tat wie ihm geheißen. Laura und ihre Kollegen hatte sich inzwischen ihre Schutzkleidung angelegt. In dem spärlich eingerichteten Salon war es passiert.
Das Opfer hing, am Hals aufgeknüpft, am Fensterkreuz und seine Hose war heruntergelassen. Zunächst hätte man glauben können, das Opfer hätte sich selbst erhängt, Laura hatte aber sofort erkannt, dass es kein Suizid war. Auf dem Boden war eine Blutlache zu sehen, in der etwas Seltsames zu sehen war.
»Was ist das Laura?«, fragte Raúl neugierig.
»Der Täter hat ihm die Hoden abgeschnitten.«, antwortete Laura.
»Ja Raúl«, mischte sich Doktor Montes ein, »wenn dich deine Frau mal beim Fremdgehen erwischt, dann weißt du wenigstens schon einmal, wie so was aussieht.« Montes lachte lauthals und steckte sich erst einmal eine Zigarette an.
Der Doc war Kettenraucher und schaffte spielend sechzig Zigaretten am Tag.
»Kann denn hier mal jemand helfen, den Mann abzuhängen?«, fragte Laura. »Und öffnet doch bitte mal die Persianas (Fensterklappen).«
Ihr war aufgefallen, dass etwas auf einer Fensterscheibe geschrieben stand. Es war eine mit Blut geschriebene große Drei.
Zwei Beamte der Stadtpolizei waren herbeigeeilt, den Körper des Opfers anzuheben, während einer der Polizisten auf einen Stuhl stieg, um das Seil zu lösen. Raúl Alonso entfernte sich zunächst einmal, um seine Arbeit zu machen.
»Weiß hier jemand, wer ihn gefunden hat?«, fragte er.
»Die Nachbarin gegenüber auf dem Flur«, meldete sich ein junger Polizist.
Raúl klopfte an die große verschlissene Wohnungstür gegenüber der Wohnung des Opfers. Nach einigen Minuten öffnete sich der Wohnungseingang und vor ihm stand eine ältere Dame, die am ganzen Körper zitterte.
»Mein Name ist Raúl Alonso von der Policia National. Haben sie den Toten gefunden?«
Die alte Dame nickte mit dem Kopf.
»Sind sie in der Lage, mir ein paar Fragen zu beantworten?«
»Fragen Sie! Mein Name ist übrigens Mercedes, sie können Merce zu mir sagen.«
»Okay, Merce, zunächst einmal, wer ist der Tote und was hatten Sie für ein Verhältnis zu ihm?«
»Ich kenne ihn nur als meinen Nachbarn. Er ist vor drei Jahren hierhergezogen, nachdem seine Frau gestorben war.«
»Und wie heißt er?«
»Sein Name ist Emilio Gonzalez und er war pensionierter Guardia-Civil-Mann. Ich verstehe nicht, warum er sich umgebracht hat. Der hatte doch so eine gute Pension«, jammerte Mercedes und zog ein Taschentuch aus ihrer Kitteltasche, um sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen.
»Hatte er des Öfteren oder gestern Besuch?«
»Die letzten Tage kam ab und zu ein Mann zu ihm, ich glaube, es war ein Kamerad aus seiner Militärzeit.«
»Könnten Sie den Mann beschreiben, Merce?«
»Nicht wirklich, ich habe ihn nur einmal hier im Hausflur gesehen. Aber warum fragen Sie das alles?«
»Weil das möglicherweise ein Verwandter war, den wir benachrichtigen müssen«, log Raúl.
»Wie alt war der Mann, Señora?«
»Schlecht zu sagen, ich schätze, nicht viel älter als fünfzig.«
Raúl nickt nachdenklich mit dem Kopf. »Okay, Señora, wenn ich noch Fragen habe, melde ich mich wieder bei Ihnen.«
Inzwischen hatten die Leute der Spurensicherung ihre Arbeit in der gegenüberliegenden Wohnung getan und der Leichenwagen war eingetroffen.
Laura hatte unzählige Fotos gemacht und es waren überall eingeschwärzte Stellen zu sehen, an denen die Spurensicherung Fingerspuren zu finden versucht hatte. Auf dem Tisch hatten ein voller Aschenbecher und eine halbvolle Weinflasche mit zwei Gläsern gestanden. Laura hatte all diese Dinge akribisch untersucht und eingepackt.
Der Gerichtsmediziner Doktor Montes hatte schon vor geraumer Zeit den Tatort verlassen. Er war immer der Erste, der den Ort des Geschehens verließ.
Die Leute der Spurensicherung waren in der Regel immer die Letzten, die den Ort des Verbrechens verließen. Inzwischen war auch ihre Arbeit getan und Laura drängte zum Aufbruch.
Am nächsten Tag sollten bereits in der frühen Morgenstunde die Leichenschau und die anschließende Obduktion sein.
Als Raúl Alonso die Gerichtsmedizin betrat, war Doktor Montes gerade dabei, seine medizinischen Instrumente zu reinigen.
»Nun Doc, wie sieht es aus?«, fragte Raúl.
»Wenn du den da meinst«, Montes zeigte mit der rechten Hand auf den Seziertisch, »kann ich dir nur sagen, der arme Kerl hat sich nicht selbst an das Fensterkreuz gehängt.«
»Habt ihr Abwehrspuren entdecken können?«
»Nichts, gar nichts. Ich glaube, dass der Täter das Opfer vorher betäubt hat.«
»Und mit was?«
»Das kann ich dir leider nicht sagen, Raúl, ich bin kein Toxikologe. Möglicherweise K. O.–Tropfen oder so was, die lassen sich spätestens nach fünf Stunden sowieso nicht mehr nachweisen.«
»Okay, Ramon, ich geh dann mal ins Labor. Schauen wir mal, was die KTU so sagt.«
Als Raúl das Labor betrat, war Laura gerade dabei, die mitgebrachten Weingläser abzukleben, um die darauf befindlichen Fingerabdrücke zu sichern.
»Dieses«, sagte sie, »hat der Täter benutzt und das andere das Opfer. So was ist mir ja noch nie untergekommen. Erst saufen sie zusammen und dann bringt der Eine den Anderen um.«
«Du weißt schon, dass das Opfer ein pensionierter Guardia-Civil-Mann war, oder?«
»Das war nicht schwer zu erraten, Raúl. Die große »Drei«, die der Täter auf die Fensterscheibe geschmiert hat, war kaum zu übersehen.«
»Also wieder unser Freund, der es auf die pensionierten Malas Sombras abgesehen hat?«
»Davon kannst du ausgehen, Raúl. Ich frage mich nur, was hat der Kerl für ein Motiv?«
»Motive gibt es vermutlich eine Million, aber wenn die Taten keinen terroristischen Hintergrund haben, wer kann denn so einen Hass auf die »Grünen« haben?«
Laura schaute ihren Kollegen ratlos an und zuckte mit den Schultern. »Ich bin mir sicher, dass die Opfer sich alle aus der Vergangenheit kannten und was mich erstaunt, der Kerl macht sich nicht einmal die Mühe, Spuren zu verwischen.«
»Und ich frage mich, wenn das sein drittes Opfer war, wie viele werden es noch?«
»Wir werden es erleben, wobei ich nicht besonders scharf darauf bin, dass der Kerl weitere Taten vor unserer Haustür verübt.«
Es waren nur wenige Tage nach der Unterhaltung mit Raúl vergangen, als eines Morgens der Journalist Iñaki Etxebarria bei Laura anrief.
»Das ist aber eine Überraschung«, sagte Laura, »sonst hört man von dir das ganze Jahr nichts und dann gleich so kurz hintereinander?«
Iñaki kam sofort zur Sache. »Ich bin übermorgen in Barcelona, kann ich mit dir reden?«
»Natürlich kannst du mit mir reden, José freut sich bestimmt. Aber was ist denn so wichtig?«
»Na, du weißt schon, euer neuer Fall in Barcelona.«
»Woher hast du die Information über unsern neuen Fall? Außerdem, du weißt hoffentlich, dass ich nicht über meine Arbeit sprechen kann und dass ich nicht der Ermittler bin.«
»Nun ja, vielleicht kann ich euch ein wenig helfen und so hätten wir alle was davon.«
»Und was hast du davon, Iñaki?«
»Ich schreibe darüber, mit – oder ohne eure Hilfe und du weißt, wir können ziemlich flexibel sein.«
»Okay, wenn du hier ankommst, rufe José an, der holt dich dann vom Flughafen ab.«
Am übernächsten Morgen schellte schon sehr früh das Telefon. Iñaki war angekommen und hatte bereits in der Cafeteria des Flughafens den zweiten Kaffee getrunken. José Cardona zog sich rasch an und fuhr zum Flughafen.
Iñaki Etxebarria hatte einen Anschlussflug nach Valencia für fünfzehn Uhr. José sollte es nur recht sein, denn er hatte nachmittags Termine und seine Arbeit stapelte sich bereits auf seinem Schreibtisch.
»Komm Iñaki, lass uns in meine Stammkneipe gehen, ich habe nämlich noch nicht gefrühstückt. Du hast mich fast aus dem Bett geschmissen. Laura kommt dazu.«
Der Journalist lächelte und nickte zustimmend mit dem Kopf. Als die beiden in der Cafeteria ankamen, war Laura bereits da. Sie saß an einem Tisch im hintersten Teil des Gastraumes und hatte sich bereits ihren obligatorischen Café con Leche mit einem Croissant bestellt.
»Na, das ist ja mal eine Überraschung, Iñaki, dass wir uns so schnell wiedersehen«, sagte Laura lächelnd.
»Ich würde euch gerne einen Deal vorschlagen.«
José schaute Laura an und fragte: »Einen Deal? Was meinst du damit?«
»Kurzum, ihr wisst, dass ich an der Sache mit den »Mala Sombra«-Morden bin. Vielleicht könnt ihr mir ein wenig bei meinen Recherchen helfen.«
»Und du glaubst, dass wir dir weiterhelfen können?«, fragte Laura. »Du weißt sicherlich, dass wir über die Ermittlungen nicht reden dürfen.«
»Ach komm, Laura, ein paar Informationen und ich sage euch, was ich herausbekommen habe.«
»Was weißt du, was wir nicht wissen?«, mischte sich José ein. Außerdem bringt der Täter offensichtlich nicht nur vor unserer Haustür seine Opfer um.«
»Genau das meine ich, José. Es gab bereits das vierte Opfer – in Zaragoza.«
Laura schaute José eine Weile an. »Das ist aber Sache der Ermittlungsbehörden in Aragon, Iñaki. Du siehst, dass wir hier zwei ungelöste Fälle haben, aber ansonsten, was nicht gerade um Barcelona herum passiert, ist nicht unser Problem.«
»Aber ich kann euch dabei helfen, gerade diese beiden Fälle zu lösen. Möglicherweise gibt es noch Mordfälle in naher Zukunft, von denen ihr noch nichts ahnt.«
»Sag mal, Iñaki, um wie viel Geld geht es eigentlich dabei?«, fragte Laura neugierig.
»Willst du das wirklich wissen? Wenn die Geschichte gut wird und sie sich gut verkaufen lässt, drei Millionen Pesetas.«. (seinerzeit 36.000 D-Mark)
José schaute ungläubig und konnte sich einen leisen Pfiff nicht verkneifen. »Drei Millionen? Soviel Geld geben die Boulevardblätter dafür aus?«
»Tja, mein Freund José, die Zeiten haben sich geändert. Heute werden Geschäfte gemacht, die vor einigen Jahren noch undenkbar waren.«
»Nun«, sagte Laura, »lass doch mal hören, vielleicht kannst du uns ja etwas über das Motiv dieses Täters sagen.«
»Einen pensionierten Mala Sombra umzubringen, da gibt es viele Gründe. Ich bin Baske – und ein Motiv hätte jede dritte Familie im Baskenland. Diese alten Säcke hatten alle Dreck am Stecken.«
»Kannst du uns das mal etwas genauer erklären, Iñaki?«, fragte Laura neugierig.
»Gerne, in der Zeit nach dem Bürgerkrieg hat sich Franco diese Typen zunutze gemacht, Stärke zu zeigen und Menschen, die anders dachten, zu verhaften und wegzusperren. Viele sind gefoltert worden und wenn sie Glück hatten, kamen sie nach einiger Zeit wieder frei. Dabei sind viele Männer nie wieder aufgetaucht.
Über Nacht standen die Familien ohne ihren Ernährer und die Kinder ohne ihre Väter da.«
»Und du glaubst, das ist eines der Kinder, das sich für das, was ihnen angetan wurde, rächen will?«
»Natürlich, warum sonst glaubst du, hat er es nur auf pensionierte Guardia Civiles abgesehen?«
Was Iñaki gerade sagte, klang ziemlich logisch und entsprach ohne weiteres den Tatsachen. Die Malas Sombras, die »bösen Schatten«, waren im Franco Regime überall gefürchtet. Mit ihren grünen Uniformen und ihren schwarzen Lackhüten machten – und nahmen sie sich, was sie wollten. Dass es Menschen gab, die sich, nachdem der böse Schatten seine Macht verloren hatte, rächen wollten, war nachvollziehbar.
»Denkst du, dass der Täter Baske ist, Iñaki?«, fragte Laura.
»Ich weiß es nicht, aber ich werde es herausfinden.«
»Sag mal, Iñaki«, fragte José, »hast du außer diesen drei Millionen noch ein anderes Motiv, dass du dich so intensiv mit der Geschichte befasst?«
Der Journalist schaute seine Gegenüber eine Weile an.
»Ja, ich werde euch eines Tages davon erzählen. Jetzt wäre ich dir dankbar, José, wenn du mich zum Flughafen fahren würdest, sonst verpasse ich noch meinen Flieger.«
Die Zeit war wie im Fluge vergangen und es war bereits viertel vor zwei Uhr. Zeit, sich Gedanken zu machen wo man zu Mittag essen wollte. Laura blieb einfach sitzen, um in ihrem Lieblingsrestaurant zu speisen, während José seinen Freund zu Airport brachte.
José und Laura diskutierten noch tagelang über die merkwürdige Unterhaltung mit dem Journalisten aus dem Baskenland. Fest stand, in Barcelona gab es zwei unaufgeklärte Morde, die es lösen galt. Immerhin hatte das Gespräch mit Iñaki etwas Gutes gehabt. Die beiden konnten sich eine Vorstellung über das Motiv des Täters machen.
Rache ist eines der ältesten Motive der Welt und die Tatsache, dass der Mörder sich nur ehemalige Guardia Civil – Pensionäre aussuchte, ließ Iñakis Theorie durchaus logisch erscheinen.
Monate waren vergangen und Barcelona schickte sich an, wieder eine Großstadt mit Niveau zu werden. Die katalanische Metropole hatte den Zuschlag für die Olympiade 1992 bekommen. Gebäude, die vierzig Jahre keine Farbe gesehen hatten, wurden renoviert und erstrahlten nach und nach im neuen Glanz. Auf dem Montjuic, dem Hausberg, wurde ein Schwimmstadion gebaut, ein neuer Jachthafen musste her und das Autobahnnetz wurde erweitert.
Wer die Katalanen und ihren Ehrgeiz kannte, wusste, dass sie sich besonders gründlich auf das Großereignis vorbereiten würden. Die Verantwortlichen der katalanischen Metropole waren ohnehin der Meinung, dass es Barcelona verdient hätte, die Hauptstadt Spaniens zu sein.
Man befand sich in einer Zeit, in der sie Leute brauchten, die sie vorzeigen konnten. Sportler und Menschen, die sich in der Provinz Katalonien verdient gemacht hatten, sollten den »Orden de Honor de la Provincia Catalunya« bekommen, eine Auszeichnung, die mit dem Bundesverdienstkreuz vergleichbar war.
Diese Ehre sollte später auch noch Laura und ihrem Partner zuteil werden.
DER FALL VICARIO
Man schrieb bereits das Jahr 1989. Es war Sonntag, der siebenundzwanzigste August. Ein heißer Sommertag an dem man sich alles vorstellen konnte, nur nicht arbeiten zu müssen.
Es war neunzehn Uhr, als das Telefon schellte. In der Carrer de Bany Nova, in der Nähe des alten Rathauses, war eine Frau ermordet in ihrem Apartment aufgefunden worden. José und Laura zogen sich legere Kleidung an und machten sich auf den Weg, Laura musste noch schnell an der Gerichtsmedizin vorbeifahren, um ihre Utensilien zusammenzusuchen.
»Dümmer kann man nicht sein, sich auf jedes Telefon zu stürzen, was klingelt«, hatte José erbost gesagt.
Als die beiden am Tatort ankamen und die Wohnung in der ersten Etage betraten, war der Gerichtsmediziner Angel Dominguez bereits vor Ort.
»Na, hat es dich auch erwischt?«, fragte Laura scherzhaft.
»So ein Mist, ich wollte mit meiner Frau noch eine Stunde zum Schwimmen an den Strand, daraus wird wohl heute nun nichts mehr.«
»Wer hat sie gefunden?, wollte José wissen.
»Der Nachbar, das ist der, der dort im Salon sitzt«, sagte Dominguez.
Laura begab sich in das Schlafzimmer, in dem das Opfer gefunden wurde, während sich José um den Mann kümmern wollte, der die Frau gefunden hatte.
»Mein Name ist José Maria Cardona. Sie haben die Frau gefunden?«
»Ja, mein Name ist Paco Bergans, ich habe sie gefunden.«
»Sie sind der Ehemann?«
»Nein, ich bin nur ein Freund der Familie Vicario.«
»Und was machen Sie dann im Schlafzimmer der Familie Vicario?«
»Der Ehemann ist der Fernsehkoch Francesco Vicario, er ist ein Freund von mir. Am Samstag in den frühen Morgenstunden ist er mit einem Freund zum Segeln aufs Meer hinausgefahren. Vor etwa einer Stunde hat mich die Hafenbehörde angerufen. Chisco (Francisco) hat den Hafenmeister gebeten, mich anzurufen.«
»Um Ihnen was zu sagen?«
»Um seiner Frau auszurichten, sie möge ihn um einundzwanzig Uhr zum Essen zu treffen. Dabei habe ich sie entdeckt.«
»Und wo ist der Ehemann jetzt?«
»Ich hoffe, dass er auf dem Weg hierher ist. Ich habe noch mal bei der Hafenmeisterei im Club Nautico angerufen und gebeten, ihn zu benachrichtigen.«
»Haben sie etwas angefasst, oder was verändert?«
»Ich glaube nicht, aber ich weiß es nicht genau«, sagte Bergans, der ziemlich bestürzt schien und aufgeregt an seinen Fingernägeln kaute.
Jose war zwischenzeitlich ins Schlafzimmer gegangen, in dem Laura nach verwertbaren Spuren suchte.
»Nun, Doc, wann glaubst du, ist sie gestorben?«, fragte José.
»Die Totenstarre ist gerade erst eingetreten und ich denke, gestern Abend. Aber bei den Temperaturen schwer zu sagen.«
»Todesursache?«
»Schau mal hier, die Würgemale am Hals, was glaubst du?«
»Wenn ich mir das Chaos hier so ansehe, der Täter hat alles durchwühlt. Sieht aus wie ein klassischer Raubmord.«
»Der Täter hat aber eines übersehen«, meldete sich Laura und zeigte auf den Arm des Opfers. »Sie trägt eine goldene Armbanduhr. Ein ziemlich teures Stück und wenn ich das richtig sehe, ist sie um siebzehn Uhr stehengeblieben. Das Datum zeigt den siebenundzwanzigsten, und den haben wir heute.«
Inzwischen war der Ehemann eingetroffen, der sich schwitzend und weinend auf seine Frau stürzte. Francesco Vicario war am Boden zerstört.
José hatte ihn sofort erkannt. Er war der Vorzeige – Koch der Katalanen, der in Barcelona zwei Restaurants betrieb, die nur für Leute mit Geld zugängig waren. Außerdem war er andauernd in verschiedene TV- Kochsendungen zu sehen.
José hatte sich noch einmal bei Vicario vorgestellt und begann seine Fragen zu stellen.
»Wann haben Sie am Samstag das Haus verlassen, Señor Vicario?«
»Ich habe um fünf Uhr dreißig mit meiner Frau noch einen Kaffee zusammen getrunken und einen Tostado (Toastbrot) gegessen. Um sechs Uhr habe ich das Haus verlassen. Um sechs Uhr fünfzehn war ich im Club Nautico, wo mein Freund bereits auf mich gewartet hat. Wir haben dann um sechs Uhr dreißig den Hafen verlassen. Wenn ich das alles gewusst hätte, wäre ich zuhause geblieben«, stammelte er.
»Schon gut, Señor Vicario, nur um Sie auszuschließen, wie heißt Ihr Freund und wo können wir ihn erreichen?«
»Er heißt Martinéz und ist mein Metre (Oberkellner).«
»Nun gut, wir werden das überprüfen«, sagte José und wandte sich Laura zu, die gerade dabei war, ihre Sachen zusammenzupacken.
Laura hatte dem Opfer die Uhr abgenommen, um sie zur Untersuchung mitzunehmen. Sie schaute noch einmal auf das teure Stück und musste feststellen, dass die Uhr wieder zu laufen begonnen hatte. ›Merkwürdig‹, dachte sie.
Inzwischen war die Leiche abtransportiert worden und es war bereits einundzwanzig Uhr geworden. Der Sonntag wäre fast dahin gewesen, aber es war gerade noch der richtige Zeitpunkt. Die Temperaturen waren ein wenig gefallen und die Restaurants waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht hoffnungslos überfüllt.
Am nächsten Morgen hatte Doktor Dominguez schon früh mit der Obduktion der Ana Vicario begonnen. Das Zungenbein war gebrochen, sie war erwürgt worden. Laura hatte sich darangemacht, die Fingernägel der Toten zu untersuchen, während Dominguez einen Abstrich machte, um zu sehen, ob Ana Vicario sexuell missbraucht worden war. Das Opfer war nur sehr spärlich bekleidet und außerdem war es reine Routine. Es gab keinerlei Spuren von Vergewaltigung.
Für den Gerichtsmediziner stand inzwischen fest, sie war erdrosselt worden und weitere Untersuchungen waren nicht vonnöten.
Laura war anderer Meinung. Ihr waren die Spuren am Tatort nicht ganz geheuer. Die durchwühlten Schränke und Schubladen sahen für sie ziemlich inszeniert aus. Dann war da die teure Rolex-Uhr, die in der Regel kein Täter zurücklässt, wenn er es auf Wertsachen abgesehen hat. Irgendetwas stimmte hier nicht.
»Ich bin der Meinung, dass du sie öffnen solltest, Angel«, sagte Laura. »Möglicherweise kannst du dann den Todeszeitpunkt etwas genauer bestimmen.«
Dominguez hatte sich überreden lassen und war später froh, die Leiche doch noch geöffnet zu haben. Zunächst war da der Mageninhalt.
»Was hat der Vicario gesagt?«, fragte Laura, »was haben die beiden gefrühstückt, bevor er das Haus verlassen hat?«
»Kaffee und einen Tostado, soviel ich weiß.«
»Also, dieser Toast scheint aber noch ziemlich frisch zu sein. Das muss ich mir deshalb im Labor noch genauer ansehen.«
Doc Dominguez war noch etwas aufgefallen. Bei der Leichenöffnung stellte der Gerichtsmediziner fest, dass die inneren Organe bereits im fortgeschrittenen Verwesungsprozess waren, was äußerlich in dieser Form nicht zu erkennen gewesen war.
Die Forensikerin Laura Velasquez hatte die Fähigkeit, sich in kürzester Zeit den Tathergang vorstellen zu können, wenn sie einen Tatort betrat. In der Regel gab es dafür Psychologen, die dafür ausgebildet waren und deren Dienste man sich bei schwierigen Fällen bediente.
Laura hatte beim Betreten des Tatortes nicht sehr lange gebraucht, um festzustellen, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Da waren die durchwühlten Schränke und die im Schlafzimmer verstreuten Kleidungsstücke. Laura glaubte, sie seien nachträglich da hingelegt worden, um es wie ein Raubmord aussehen zu lassen.
Dann war da noch die teure Uhr, die vermutlich das teuerste in der gesamten Wohnung war. Kein Täter, der es auf Wertsachen abgesehen hatte, ließe diese Uhr zurück. Darüber hinaus wollte sie wissen, warum die Rolex um siebzehn Uhr stehen geblieben war und als sie vom Arm der Leiche abgenommen wurde, wieder zu laufen begann.
Laura wollte eine Erklärung und begab sich in der Mittagszeit in die Gran Via, wo es einige Uhrenhändler gab, die diese hochwertigen Uhren verkauften.
Sie musste nicht lange suchen. Es gab eine Ansammlung von Uhrengeschäften, deren Produkte sich nicht jeder leisten konnte. Als Laura den klimatisierten Laden betrat, kam ein gut gekleideter junger Mann auf sie zu, um sie begrüßen.
»Mein Name ist Laura Velazquez«, sagte sie und zeigte ihren Dienstausweis. »Ich habe hier eine Damenuhr und würde gerne mehr über das gute Stück erfahren.«
»Dann darf ich davon ausgehen, dass Sie nicht die Eigentümerin der Uhr sind?«
»Die Uhr ist Gegenstand einer polizeilichen Ermittlung.«
Der Verkäufer schaute Laura eine Weile an und verschwand dann in einem angrenzenden Raum.
Es hatte einige Minuten gedauert, als der junge Mann mit einem älteren Herrn zurückkam, der sich als der Inhaber des Nobelgeschäftes vorstellte.
»Sie haben Glück, Señora, diese Uhr ist bei uns gekauft worden. Die Eigentümerin ist Señora Ana Vicario«, sagte der ältere Herr freundlich.
Laura schaut ungläubig. »Woher wissen Sie, dass die Uhr bei Ihnen gekauft wurde und wer der Eigentümer ist?«
»Weil alle Uhren der Marke Rolex auf dem Uhrenboden auf der Rückseite eine Zertifikatsnummer haben. Diese Nummer erlaubt uns, nachzuvollziehen, wo sie gekauft wurde und wem sie gehört.«
Laura war beeindruckt. »Die Uhr ist gestern um fünf Uhr Nachmittag stehen geblieben und dann, als wir die Uhr bewegt haben, hat sie wieder zu laufen begonnen. Können Sie mir das erklären?«
»Ganz einfach, Señora, diese Uhr stellt sich nach sechsunddreißig Stunden aus, wenn sie nicht bewegt wird.«
Laura schaute den älteren Herrn erschrocken an und verließ eiligst das Uhrengeschäft. Sie hatte in kürzester Zeit von siebzehn Uhr Sonntagnachmittag zurückgerechnet. Also hatte sich das Opfer um fünf Uhr Samstagvormittag das letzte Mal bewegt. Der Ehemann hatte aber gesagt, er habe um halb sechs Uhr noch mit ihr zusammen gefrühstückt und er habe um sechs Uhr das Haus verlassen.
Den Todeszeitpunkt bei Tötungsdelikten zu bestimmen, erweist sich oftmals als sehr schwierig. Witterungseinflüsse spielen dabei eine wesentliche Rolle. Erschwerend kommt hinzu, dass die Opfer meist erst Tage oder Wochen später entdeckt werden, wenn der Grad der Verwesung schon sehr weit vorgeschritten ist.
Hier aber schien alles anders zu sein. Ein absoluter Glücksfall, der in der Geschichte der Forensik nur selten vorkommt. Im Fall Ana Vicario war es somit möglich, den Zeitpunkt des Todes exakt zu bestimmen.
Laura fuhr sofort in die Gerichtsmedizin zurück, um ihrem Kollegen von ihren neusten Erkenntnissen zu berichten.
»Du wirst den Todeszeitpunkt überdenken müssen«, sagte sie voller Stolz zu Doktor Dominguez, der gerader dabei war, die Leiche wieder zuzunähen.
»Das habe ich bereits, die Dame ist nämlich von außen noch viel frischer als von innen.«
Laura kramte die Uhr aus ihrer Handtasche und legte sie auf den Seziertisch. »Das ist eine automatische Uhr, die, wenn sie nicht bewegt wird, nach sechsunddreißig Stunden stehenbleibt. Als wir die Leiche untersucht haben, war sie auf siebzehn Uhr stehengeblieben.«
Dominguez überlegte einen Augenblick. »Das würde bedeuten, dass sie um fünf Uhr in den frühen Morgenstunden verstorben ist. Besser kann man einen Todeszeitpunkt nicht bestimmen.«
»Ich werde José mal anrufen, ich glaube, dass er bereits einen Verdächtigen hat.«
Es waren nur zwanzig Minuten vergangen, als Jorge Garau in der Rechtsmedizin auftauchte, um sich von den neuesten Erkenntnissen berichten zu lassen.
»Du hättest deinen Kollegen Raúl mal gleich mitbringen sollen. Holt euch mal den Nachbarn und den Vicario zur Befragung in die Jefatura (Präsidium). Es sieht so aus, als wolle uns jemand für dumm verkaufen.«
Am nächsten Morgen hatten die Ermittler den Zeugen Bergans und den Ehemann der Toten zum Verhör ins Präsidium gebracht. Zunächst wollte man den Zeugen verhören, der ziemlich aufgeregt an seinen Fingernägeln kaute.
José hatte ihn am Sonntag schon einmal befragt und begann das Verhör.
»Nun, Señor Bergans, erzählen Sie doch noch einmal, was Sie getan haben, als Sie die Wohnung betraten.«
»Ich habe mehrmals den Namen von Ana gerufen und habe überall nachgesehen, bis ich sie dann im Schlafzimmer gefunden habe.«
»Und wie sind Sie in die Wohnung gekommen?«
»Ich habe einen Schlüssel, meine Frau putzt hin und wieder bei den Vicarios.«
»Und dann sind Sie einfach so in das Schlafzimmer der Dame gegangen?«
»Ich habe ein Geräusch gehört, und wie sich dann herausstellte, war es die Klimaanlage. Ich habe sie ausgestellt und dann sofort die Polizei angerufen.«
»Klimaanlage? Ich habe Sie doch am Sonntag gefragt, ob Sie etwas angefasst oder verändert haben. Warum haben Sie mir das nicht schon am Sonntag gesagt?«
»Weil ich das in der Aufregung vergessen habe.«
José erhob sich und ging nachdenklich durch den Raum. Er hatte sich inzwischen mit dem Gerichtsmediziner unterhalten, der sich über den Verwesungsgrad des Opfers gewundert hatte.
Das war die Erklärung, warum der Körper der Toten von innen stärkere Zerfallsmerkmale aufwies als von außen. Der Täter hatte die Klimaanlage angeschaltet, um den Todeszeitpunkt zu vertuschen.
Inzwischen hatten sich die Beamten den prominenten Ehemann des Opfers vorgeknöpft. Francisco Vicario war ein selbstbewusster Mann von vierzig Jahren, der auftrat, als gehöre ihm die Welt.
»Was wollen Sie von mir, ich habe ein Alibi. Haben sie meinen Metre Martinez nicht befragt?«
»Haben wir, Señor Vicario. Sie haben ein perfektes Alibi«, sagte Raúl ironisch und schaute zu José herüber. »Sie haben noch mit Ihrer Frau um fünf Uhr dreißig gefrühstückt und haben dann um sechs Uhr das Haus verlassen, richtig?«
»Das habe ich Ihnen doch alles schon einmal erzählt«, sagte Vicario mit einem breiten Grinsen.
José hatte während des Verhörs den arroganten Promikoch beobachtet. Ihm war das siegessichere Lächeln von Vicario aufgefallen. Damit sollte augenblicklich Schluss sein. José wollte jetzt die schärferen Geschütze auffahren.
»Und wie erklären Sie sich, Señor Vicario, dass Ihre Frau bereits um fünf Uhr tot war, obwohl Sie behaupten, mit ihr noch eine halbe Stunde vorher gefrühstückt haben, bevor Sie um sechs Uhr das Haus verließen? Können Sie mir das einmal erklären?«
Francisco Vicario war innerhalb einer Sekunde so weiß im Gesicht wie die Wand, vor der er saß.
»Ich sage jetzt gar nichts mehr, ich will meinen Anwalt sprechen«, sagte Vicario mit zittriger Stimme.
»Genau das wollte ich Ihnen auch vorschlagen, aber heute bleiben Sie erst einmal bei uns, Señor Vicario. Sie sind vorläufig festgenommen!«
Raúl grinste, während Jorge dem Promikoch Handschellen anlegte, um ihn abzuführen.
»Den Nachbarn kannst du nach Hause schicken und sieh zu, dass wir den Bericht von der Forensik kriegen, sonst kommt so ein schlauer Anwalt und boxt den Kerl noch raus, bevor er dem Haftrichter vorgeführt werden kann.«
Vicario wurde des Mordes an seiner Frau angeklagt und obwohl er nie geständig war, wurde er auf Grund der Indizien zu zwanzig Jahren Haft verurteilt.
Die Ironie der Geschichte: Die goldene Uhr, die er seiner Frau zum Geburtstag geschenkt hatte, hatte ihn verraten. Der unverdaute Mageninhalt und der Grad der Verwesung des Opfers hatten dabei nur eine untergeordnete Rolle gespielt.
Ohne die Aufmerksamkeit der Forensik wäre Francisco Vicario wahrscheinlich davongekommen.
Im Oktober 1989 war es soweit. Laura und ihr Lebenspartner José Cardona hatten Post von der Generalidad, der Autonomieregierung Catalunya bekommen. Der Staatsekretär des Präsidenten Jordi Pujol i Soley hatte sie eingeladen, um mit ihnen das Protokoll für die Verleihung des »Orden Honor de la Provincia Catalunya« zu besprechen.
Laura wollte diese Auszeichnung ablehnen, wobei es José ziemlich egal war, ob er sich diesen Orden an die Uniform heften könnte. Er trug sie ohnehin nur bei offiziellen Anlässen.
Laura hingegen war der Meinung, dass um ihre Person in der letzten Zeit zu viel Wirbel gemacht wurde. Sie war in allen möglichen Klatschblättern abgelichtet und wurde auch ständig von irgendwelchen Fotografen belauert. Schuld waren die Pressekonferenzen, auf denen sie permanent dabei sein musste. Sie wollte als Forensikerin in Ruhe ihre Arbeit machen und nicht als eine Person des öffentlichen Lebens wahrgenommen werden. Allerdings war es dafür schon zu spät, aus der Sache kam sie nicht mehr raus. Inzwischen kannte sie jede polizeiliche Dienststelle im Land.
Überhaupt schauten alle Provinzen des Landes neidisch nach Katalonien. Die hatten sehr viel Geld in ihren Polizeiapparat investiert.
Laura wollte, wenn sie schon einmal in die Generalidad einbestellt wurde, dafür sorgen, dass die forensische Wissenschaft in Barcelona Einzug hielt.
Sie hatte von einem Präzedenz- Fall in England gelesen. Zwei Mädchen im Alter von fünfzehn Jahren waren vergewaltigt worden. Der Täter wurde auf Grund seines genetischen Fingerabdrucks, der sogenannten DNA überführt und verurteilt. Dieses Verfahren war noch weitgehend unbekannt und wurde selbst in den USA das erste Mal als Beweismittel zugelassen. Es sollte der Urknall in der forensischen Wissenschaft werden.
Laura wollte diese Methode erlernen und dafür musste sie nach London, zu Scotland Yard. Ob sie ihren Status dafür nutzen könnte, den Staatssekretär von ihrem Vorhaben zu überzeugen, würde sich herausstellen.
*
Am Montag, dem siebenundzwanzigsten Oktober waren Laura und José in das Regierungsgebäude bestellt worden. Der Staatssekretär des Präsidenten hieß Manuel Pons, ein dynamischer junger Mann, der den Ablauf der Preisverleihung mit den beiden Kriminalisten besprechen wollte. Es waren noch einige Andere nominiert worden, Sportler und solche, die sich in der Provinz Catalunya mit besonderen Leistungen hervorgetan hatten.
Manuel Pons kannte die beiden Kriminalisten, die vor ihm saßen. Die Zeitungen hatten in letzter Zeit oft genug über sie berichtet.
Laura kam sofort zur Sache. »Señor Pons«, begann sie, »um ehrlich zu sein, ich habe mir lange überlegt, ob ich die Ehrung nicht ablehnen sollte.«
»Sie wollten was?« Der Staatsekretär war es nicht gewohnt, dass man solche Ehrungen ablehnte. »Und warum, wenn ich fragen darf?«
»Weil ich der Meinung bin, dass das Ganze der Ehre zu viel ist. Außerdem wird der Rummel um meine Person langsam zum Albtraum.«
Pons lächelte. »Das ist der Preis, den wir für unsere Arbeit bezahlen, Señora Velazquez.«
»Ich hätte noch ein besonderes Anliegen, Señor.«
»Und das wäre?«
»Ich würde es begrüßen, wenn wir unsere Forensik reformieren könnten.«
Pons überlegte einen Augenblick. »Sind wir da denn nicht schon ziemlich gut aufgestellt.«
»Nicht gut genug, ich würde gerne …«
Pons unterbrach Laura. »Señora Velazquez, bevor Sie mir jetzt etwas erzählen von dem ich nichts verstehe, arbeiten Sie ein Konzept aus und übergeben Sie es mir am nächsten Donnerstag bei der Ehrung. Ich übergebe es dem Minister. Ich bin sicher, dass wir was für Sie tun können.«
Drei Tage später sollte die Preisverleihung sein. Laura hatte auf die Schnelle ein Konzept ausgearbeitet, um es dem Staatssekretär bei der Gala zu übergeben.
Am Donnerstag, dem dreißigsten November hatten sich einige prominente Bürger der Stadt eingefunden, um solche zu ehren, die sich um die autonomen Provinz Catalunya verdient gemacht hatten. Ein großes Event, bei dem auch das Fernsehen nicht fehlen durfte. Der Minister, der Bürgermeister und einige Kommunalpolitiker waren anwesend.
Letztendlich wurde das Ganze eine gelungene Veranstaltung, obwohl Laura ihre Bedenken geäußert hatte.
In den folgenden Wochen überschlugen sich wieder einmal die Ereignisse. Es passierten Dinge, die Laura so nicht erwartet hatte.
Die Forensikerin bekam, was sie wollte. Der Minister hatte sich persönlich dafür eingesetzt, dass Laura sich bei den Engländern in London in die Methode der DNA einweisen lassen konnte. Zwei Wochen beim Scotland Yard waren für Laura wie ein Lottogewinn. Allerdings hatten die ehrgeizigen Katalanen auch einen Plan. Sie wollten im Land die Ersten sein, die eine DNA–Analyse erstellen konnten, um ihren Kontrahenten in Madrid ihre Überlegenheit zum Ausdruck zu bringen.
Am achten Januar machte sich Laura auf den Weg nach London, um in eine völlig neue Welt einzutauchen, wie sie später feststellen musste.
Was die Engländer machten, hatte nur annähernd etwas damit zu tun, was sie mit ihren Kollegen in Barcelona machte. In den nächsten zwei Wochen durfte Laura lernen, wie verblüffend einfach und zugleich, wie komplex die Forensik sein konnte.
Im Scotland Yard gab es Wissenschaftler, von denen sie zwar schon einmal gelesen hatte, aber sich darunter sehr wenig vorstellen konnte – Anthropologen, Toxikologen, Schussexperten, Ballistiker, Blutspuren – Analytiker und Labore, die alle mit der neusten Technik ausgestattet waren – und das alles unter einem Dach.
Laura erstarrte fast vor Ehrfurcht und musste sich schnell wieder daran erinnern, warum sie eigentlich hergekommen war. Sie wollte die Methode der DNA –Analyse erlernen, wobei ihr ihre Ausbildung als Laborantin zugutekam.
Anfang der neunziger Jahre steckte die Gewinnung eines genetischen Fingerabdrucks noch in den Kinderschuhen. Man benötigte dafür noch menschliches Zellmaterial, Blut oder anderes Gewebe. Dass die Forensik in den nächsten Jahren einen solchen Quantensprung machen würde, ahnte man noch nicht. Dass man selbst aus Speichel, Spermien und Kopfhaaren eine DNA erstellen konnte, daran arbeiteten Wissenschaftler in der ganzen Welt. Die Technik war nicht aufzuhalten und in den nächsten Jahren sollten sich Möglichkeiten in der Kriminaltechnik ergeben, von denen man einige Jahre zuvor noch nicht einmal etwas ahnte. Mit dem Computerzeitalter hatte auch die Telekommunikation begonnen. Die ersten Mobil-Telefone kamen auf den Markt, die in den Anfängen, so groß wie ein Kofferradio waren. Immerhin konnte man schon einmal schnurlos telefonieren.
Es sollte nur wenige Jahre dauern, bis sich jeder ein mobiles Telefon leisten konnte, das nicht viel größer als eine Zigarettenschachtel war.
Pulsuz fraqment bitdi.