Kitabı oxu: «Emmanuel Macron»

JOSEPH DE WECK
EMMANUEL MACRON
Der revolutionäre Präsident
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© WELTKIOSK
Pappelallee 78–79, 10437 Berlin, Germany
1. Auflage, 2021
Alle Rechte vorbehalten.
Art Direction: Paul Finn, Fitzroy & Finn
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Umschlaggestaltung: BASICS09
unter Verwendung eines Fotos von Gonzalo Fuentes © Reuters
Satz: Thorsten Kirchhoff
ISBN 978-3-942377-21-8
eISBN 978-3-942377-22-5
Für Verena
Am Abend des 14. Juli ereignete sich das Feuerwerk. … Bunte, knallende Raketen gebar der Horizont. Auf den Schultern der Väter jubelten die Kinder. Diese Kinder, die niemals aufhören werden, Republikaner zu sein, auch, wenn sie einmal Opfer der Politik werden müssten. Denn sie haben in einem Alter, in dem ein Feuerwerk erhaben erscheint, den fernen, aber verwandten Glanz einer Flamme gesehen, die: Revolution heißt!
— JOSEPH ROTH
INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort
1 WER IST EMMANUEL MACRON?
Die Romanfigur — Der Grenzgänger — Der Hegelianer — Der Unfehlbare
2 ZWEIFEL UND VERZWEIFLUNG IN FRANKREICH
Der 21. April — Permanenter Ausnahmezustand — Candide oder der Optimismus
3 MACRONS THEORIE DER MACHT
Rückkehr der Autorität — La doctrine Macron — Die Technokratie-Demokratie — Königswahl — Der Geschichtenerzähler
4 MACRONS DRITTER WEG
Kein Gerhard Schröder — Steuerakrobatik — Meritokratische Revolution — Les Misérables — Aufstand der Gelbwesten — Unbeirrbar — Coronavirus-Etatist — Der neue Kapitalismus — Inkohärent wie das Leben
5 VOM MARKTEUROPA ZUM MACHTEUROPA
Die Vision — Gemischte Bilanzen — Realismus und Gaullismus — Der europäische Identitätspolitiker — Je diskreter, desto erfolgreicher
6 SCHICKSALSWAHL 2022
Links liegen gelassen — Der reaktionäre Aufklärer — Zerreißprobe für die Republik — Die Wiederwahl in Reichweite
Danksagung
Anmerkungen und Quellen
VORWORT
«Die Franzosen wollen mit Träumen regiert werden», sagte Napoleon Bonaparte einmal über seine Landsleute. Und es stimmt, Frankreich ist eine Nation, die an Träume glaubt. Liberté, Égalité, Fraternité, das ist das idealistische Versprechen, das Vermächtnis der Französischen Revolution von 1789 und der Aufklärung. Die drei Wörter stehen über der Eingangstür jeder Schule im Land. Aufgabe der Politik ist es, das einzulösen, diesem republikanischen Dreiklang gerecht zu werden — und zwar auch, um der Welt als Vorbild zu dienen. Ein hoher Anspruch, zumal wenn Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit immerzu im Widerstreit stehen.
Die träumerische ist zugleich eine frustrierte Nation. Unablässig folgen Politik-Skandale auf Sex-Affären, Streiks auf Terroranschläge. Immer wieder flammen gewalttätige Protestbewegungen auf. Ein sehr freigiebiger und zugleich sehr repressiver Staatsapparat wahrt den sozialen Waffenstillstand — er verwaltet die politische und wirtschaftliche Stagnation. Lange vor der Coronavirus-Pandemie trat das Land in einen permanenten Ausnahmezustand, mental und real.
In der Psychologie gelten Idealisten mit hohem Anspruch an sich selbst als anfällig für Lebenskrisen. Öffnet sich eine Kluft zwischen Realität und Erwartungen, bauen sich innere Spannungen auf. Dann schwindet das Selbstvertrauen, es weicht der Niedergeschlagenheit. Zwischen Traum und Trauma: Aus diesem Stoff macht man gute Romane. Ungleich schwieriger, daraus gute Politikgeschichte zu schreiben. Michel Houellebecq, der erfolgreichste, aber auch der pessimistischste französische Schriftsteller, befindet nüchtern: «Frankreich hat ein Talent zur Depression.» Um nicht ohne Ironie anzufügen: «Ich ähnele Frankreich.»1
Frankreich wirkt stets gefährdet, am Rand der (Selbst-)Überforde-rung. Das weckt Ängste, durchaus auch in Deutschland. Berlin sorgt sich, dass der wichtigste europäische Partner irgendwann abhandenkommen könnte. Was, wenn jenseits des Rheins die Frustration überhandnimmt: wenn die Mehrheit der Französinnen und Franzosen aus Politikverdrossenheit bis hin zur Verzweiflung die Rechtspopulistin Marine Le Pen in den Élysée-Palast wählt? Das Houellebecq’sche Traumszenario eines Austritts Frankreichs aus der Europäischen Union ist vielleicht mehr als eine Romanfantasie.
Doch Frankreich ähnelt nicht einzig Houellebecq. Es erkennt sich auch in einem anderen, ebenso leidenschaftlichen Kritiker der Verhältnisse: Emmanuel Macron.
Im Präsidentschaftswahlkampf 2017 rief Macron die Franzosen auf, ihre Träume nicht preiszugeben. «Denen, die an nichts mehr glauben — den Zynikern, Defätisten und Niedergangs-Propheten ringsum —, sagen wir: Das Beste liegt vor uns!» Es ist einer der Schlüsselsätze zum Verständnis des Rätsels Macron, vorgetragen in einem Lyoner Sportstadium.2
Er hatte — und hat noch heute — einen glaubwürdigen Plan: Frankreichs Wirtschaft dem Wettbewerb zu öffnen und im Gegenzug Europa nach außen zu stärken, auf dass die EU mit aller Macht die Unternehmen, die Menschen und die europäische Identität schütze. Aus dem «Markteuropa» soll ein «Machteuropa» werden. Denn ein bloßer Markt kann weder die Wohlfahrt der Europäerinnen und Europäer noch ihr Vertrauen in die Demokratie sichern.
Aus dem Stand heraus und geradewegs durch die neue Mitte überflügelte Monsieur «Weder-links-noch-rechts» die Bewerber aller etablierten Parteien. Sein Appell an den Mut zur Hoffnung, der in den Franzosen schlummert genau wie die Lust am Pessimismus, brachte ihn in Frankreich an die Macht und in Europa ins Scheinwerferlicht. Am Tag seines Amtsantritts als der achte Präsident der Fünften Republik sagte er: «Frankreich hat entschieden, der Aufklärung nicht den Rücken zu kehren, sondern sich der Zukunft zuzuwenden.»
Was ist wirklich neu an der politischen Philosophie des Mannes, der eine Politik jenseits aller Lager predigt und die heutige Debatte als eine Auseinandersetzung zwischen reaktionären Nationalisten und progressiven Europäern zu ordnen versucht? Wie erklärt sich, dass Macron die Republik durch den globalen Kapitalismus, den islamistischen Terror und die neue Identitätspolitik amerikanischer Prägung zugleich gefährdet sieht? Welche Politik verfolgt Macron, seit er im Machtzentrum angekommen ist? Hat er Frankreich revolutioniert und Europa neu gegründet, wie er es als Kandidat gelobte? Und die Präsidentschaftswahl im April 2022 wirft die Kernfrage auf: Träumen die Franzosen Macrons Traum?
1
WER IST EMMANUEL MACRON?
Man verbringt sein Leben damit, Beweggründe zu romantisieren und Sachverhalte zu vereinfachen.
— BORIS VIAN
Frankreichs Karikaturisten tun sich schwer mit Emmanuel Macron. Jacques Chirac war der hünenhafte Bonvivant. Nicolas Sarkozy der ordinäre Kleine, der sich aufplustern muss. François Hollande der lüsterne, schwabbelige Angsthase. Doch was genau soll man an Macron überzeichnen?
Er ist weder groß noch klein. Der Nordfranzose misst einen Zentimeter weniger als der Durchschnitt, nämlich 1,73 Meter. Schmächtig, aber nicht zu übersehen. Eine gewisse Eleganz, wiewohl mit Zahnlücke. Ein Mann, mehr Kopf als Körper. Mit der schmalen Krawatte und dem noch enger geschnittenen Anzug gleicht er auf frappierende Weise Boris Vian, dem Chansonnier und Kultautor der 1950er Jahre. «Was kümmert es mich, ob ich hässlich oder hübsch bin. Es kommt einzig darauf an, den Leuten zu gefallen, die mich interessieren», schrieb Vian.
Frankreichs Kommentariat ist sich bis heute im Unklaren, wen sich die Franzosen 2017 da eigentlich angelacht haben. Der linken Philosophin Myriam Revault d’Allonnes erscheint Macron als «ungreifbar».3 «Er ist ein seltsamer Mensch. Nicht fassbar. Er lässt sich nicht dechiffrieren», konstatierte Michel Houellebecq.4 Macron sagt selbst immer wieder: «Die Franzosen wissen nicht, wer ich bin.»5
Die Linke beschimpft ihn als «Präsident der Reichen» und «neoliberalen Abbauer des Sozialstaats». In der Tat: Reiche, die ihr Vermögen in Aktien und Finanzmarktanleihen halten, profitieren übermäßig von Macrons Steuersenkungspolitik. Er ist stolz darauf, «pro business» zu sein, und schwächt, ohne zu zögern, den Arbeitnehmerschutz. Und wo sein Vorgänger François Hollande die Spitzenverdiener mit 75 Prozent besteuern wollte, erwiderte Macron, das mache Frankreich «zu einem Kuba ohne Sonne».
Aber: Als Präsident hat er den Netto-Mindestlohn und die Mindestrente stärker angehoben als seine beiden Vorgänger zusammengenommen. Ein neues Gesetz, das die Nationalversammlung auf seine Initiative hin verabschiedet, erlaubt der Steuerfahndung, Daten sozialer Netzwerke wie Instagram zu verwenden, um Steuerhinterziehern auf die Schliche zu kommen — wenn sie beispielsweise behaupten, nicht in Frankreich zu leben oder arm zu sein. Macron verdoppelt die Vaterschaftsurlaubstage und halbiert die Größe von Schulklassen in sozialen Brennpunkten (auf maximal zwölf Schüler). Er stellt dazu Tausende neue Lehrkräfte ein und hebt ihre Löhne um 3 000 Euro jährlich an. Er sagt der «Menstruations-Armut» den Kampf an und lässt in Frauengefängnissen und bei lokalen Tafeln für Bedürftige Automaten mit kostenfreien Hygieneartikeln aufstellen.
Den Karikaturisten ist es misslungen, Macron als Geldmenschen zu entlarven; irgendwie fehlt ihnen eine griffige Chiffre. Macron trägt weder eine Ray-Ban-Sonnenbrille auf der Nase noch eine Rolex ums Handgelenk wie Sarkozy, ebenso wenig lässt er sich auf die Yacht französischer Industriekapitäne einladen, zu denen er allemal Abstand hält. Die «old economy» interessiert ihn nicht sonderlich. Lieber mischt er sich unter französische Start-up-Gründer. In seinen vier Jahren bei der Investmentbank Rothschild & Co. hat er zwar insgesamt 2,9 Millionen Euro verdient. Aber laut der staatlichen Stelle, die die Konten der Präsidentschaftskandidaten durchleuchtet, verfügte Macron 2017 über eins der kleinsten Vermögen aller Bewerber: nur ein Drittel des Kapitals von Linksaußen Jean-Luc Mélenchon. Und er fährt einen Volkswagen Baujahr 2005. Geldgetrieben sieht anders aus (umweltbewusst möglicherweise auch).
Macrons Wirtschaftspolitik ist orthodox, sie könnte als Checkliste der Politikempfehlungen des Internationalen Währungsfonds durchgehen. Die Reden des Staatspräsidenten sind viel zu lang; er liebt es, vor Publikum die Einzelheiten seiner Reformpläne durchzudeklinieren. Dennoch entspricht er nicht dem Klischee des kühlen, der Realität entrückten Technokraten wie der einstige Präsident Valéry Giscard d’Estaing, der Ende 2020 verstorben ist.
Macron ist immer auch der geschichtsbewusste Philosophenpräsident; er will weniger ein Manager als vielmehr ein in langen Zeiträumen denkender Staatsmann sein. Indessen sucht er mehr als seine Vorgänger den Kontakt zur Bevölkerung. Auf dem Höhepunkt der «Gelbwesten»-Proteste im Winter 2018–19, die das ganze Land lahmlegten, lancierte Macron den Grand Débat National: Binnen 80 Tagen fanden 10 134 Gesprächsrunden statt; die Franzosen waren eingeladen, ihre Anliegen und Sorgen zu äußern. Macron ging auf Frankreich-Tournee und reihte 16 Aussprachen von insgesamt 93 Stunden aneinander. Er hörte zu, gab recht, widersprach und erläuterte, was das Zeug hält. In diesen «Großen Debatten» war manchmal geradezu körperlich zu spüren, wie sich im Publikum die Frustration und Spannung in Luft auflösten. Trotz des anbrechenden und in Frankreich stets rebellischen Frühlings verebbten die Proteste.
Macron trägt Europas hartherzige Migrationspolitik mit. Er lässt keine Gelegenheit aus klarzustellen, dass er die «illegale Zuwanderung» bekämpfen und den Schleppern das Handwerk legen will. Er zieht die Stellschrauben des eher liberalen französischen Ausländerrechts an, vor allem pocht er auf eine unbarmherzige Umsetzung. Den Kampf gegen den Islamismus zeichnet er als eine zivilisatorische Auseinandersetzung zwischen dem Europa der Aufklärung und dem Obskurantismus. Zur Debatte um Denkmale und sonstige Darstellungen historischer Figuren, die im Sklavenhandel involviert waren, erklärt Macron «klipp und klar», die Republik werde keine Statuen vom Sockel stoßen.6 Der erste Rechtsakt, den die neue Macron-Mehrheit 2017 im Parlament verabschiedete, ist ein Terrorismus-Gesetz, das viele einschränkende Bestimmungen aus dem temporären Notstandsgesetz in die permanente Rechtsordnung übernahm.
Trotzdem taugt Macron nicht als der typisch wertkonservative, geschweige denn «abendländische» Politiker. Er mimt weder den wohltemperierten Aristokraten, wie das Giscard d’Estaing tat, noch den rustikalen, authentischen homme du terroir, die Rolle, mit der Chirac seine Provinzliebe herauskehrte. Er hat keine Kinder. Gottesdiensten bleibt er grundsätzlich fern, und dies nicht nur, weil er Präsident einer laizistischen Republik sei, so Macron. An den öffentlichen Schulen baut Macron den Arabischunterricht aus. Er anerkennt, dass man als weißer Mann privilegiert ist,7 und lädt eine Truppe schwarzer Transsexueller für eine Performance in den Élysée-Palast. Neben der in Netz-Shirts gekleideten Tanztruppe lässt er sich knabenhaft grinsend ablichten.
Mit Emmanuel Macron sitzt zum ersten Mal seit François Mitterrand ein Intellektueller im Élysée. Keine grundsätzliche politische Entscheidung, ohne dass er sie argumentativ in seinem philosophischen Koordinatensystem unterzubringen versucht, und sei es auf Kosten der Kohärenz. Keine Rede ohne Schriftstellerzitat, ohne Verweise auf die antike Mythologie, die auch dem Bildungsbürger erst nach Wikipedia-Konsultation präsent sind. In einer Fernsehansprache zu Beginn der Pandemie forderte er die Französinnen und Franzosen auf, die freie Zeit mit Lesen zu verbringen.
Gleichzeitig hält Macron Distanz zum Tout Paris, denn diese Groß-stadt-Schickeria erscheint ihm linkskonformistisch und zynisch. Mitterrand charmierte die Presse und die Intellektuellen, die ihn verehrten. Macron zeigt den französischen Leitmedien und der Pariser Intelligenzija die kalte Schulter. Selten gibt er Interviews und wenn, dann mit Vorliebe internationalen, regionalen und sozialen Medien, was ihm den Vorwurf einträgt, er entziehe sich Frankreichs «vierter» Gewalt.
Ein Monsieur normal, wie Hollande sich zu vermarkten suchte, ist Macron schon gar nicht. Der Wahlmonarch umgibt sich zwar mit Insignien der Populärkultur, aber rasch wirkt es peinlich, so wenn er sich das T-Shirt seines Lieblingsfußballklubs Olympique Marseille überzieht. Nach dem Tod der allseits geliebten, aber nicht gerade subtilen Rocklegende Johnny Hallyday sagte Macron: «Wir haben alle ein Stück Johnny in uns» (der bekennende Hallyday-Fan ließ in seiner Loge vor Wahlkampfmeetings das Lied Gabrielle laufen, in dem der Sänger sich von den Ketten einer ungesunden Liebesbeziehung freischreit). Doch in bewusster Abgrenzung zu Hollande erklärte Macron bei seinem Amtsantritt, er werde ein «jupiterhafter Präsident» sein.8 Er möchte über dem politischen Klein-Klein schweben als Jupiter, der römische Gott der Götter. Das «normale Leben» liebt er sowieso nicht, wie er unumwunden zugibt.
Und im Gegensatz zu seinen Vorgängern ist Macron kein Frauenheld. Er flirtet zwar mit jeder und jedem, die ihm über den Weg laufen. Ein Händedruck hier, ein Augenzwinkern da. Macron ist physisch, im permanenten Charmeur-Modus. Der Schriftsteller Emmanuel Carrère berichtete nach einer gemeinsamen Reise, Macron sei im direkten Kontakt so gewinnend, dass er gar einen Stuhl verführen könnte.9
Aber der Mann, der davon besessen scheint, alle mit seiner Intelligenz und seinem Charme einzunehmen, macht keine abendlichen Spritztouren mit dem Motorroller zur Geliebten wie Hollande. Er heiratet nicht drei Mal wie Sarkozy. Er hat keine geheime Zweitfrau und Zweitfamilie wie ehedem Mitterrand. Macron hat eine 24 Jahre ältere Frau geheiratet, die bereits dreifache Mutter war. Und dann doch wieder ganz konventionell Macrons Nachnamen annahm.
Kurz: Emmanuel Macron entspricht keinem der Bilder eines Präsidenten der Fünften Republik, das die Franzosen kennen. Schwierig festzumachen — und genau deshalb unverkennbar? Oder muss man das Rad der Geschichte weiter zurückdrehen? Napoleon kam aus dem Nichts und war nur 30 Jahre alt, als er zum Ersten Konsul avancierte, politisch schwer einzuordnen, autoritär und ein Meister der Macht-Inszenierung. So wie Macron?
DIE ROMANFIGUR
Die Stationen seines Lebens sind bekannt. Sie unterscheiden sich zunächst nicht grundsätzlich von denen eines jeden ehrgeizigen Politikers in Frankreich.
Die Kindheit verbringt Emmanuel Macron in der deindustrialisierten Provinzstadt Amiens im Norden des Landes: ein bildungsbürgerliches Elternhaus; das Studium an Eliteuniversitäten, gefolgt von einer Beamtenblitzkarriere. Dann der Eroberungsfeldzug: die stetige Annäherung ans Zentrum der politischen Macht. Zuerst als Mappenträger und Ideengeber wichtiger Regierungsberater. Dann der Abstecher in die Privatwirtschaft zwecks Füllens der Schatulle, um sich später die Durststrecken im Leben eines Politikers leisten zu können. Schließlich vor einer Präsidentschaftswahl — die das politische Leben Frankreichs für jeweils fünf Jahre bestimmt — die obligate Wette: Emmanuel Macron unterstützt die Bewerbung François Hollandes als Spitzenkandidat der Parti Socialiste (PS). Dies noch ehe der eigentlich für eine gemeinsame Kandidatur der linken Kräfte gesetzte Dominique Strauss-Kahn sich im Mai 2011 zurückziehen muss (der damalige Direktor des Internationalen Währungsfonds wird in New York aufgrund von Vergewaltigungsvorwürfen verhaftet).
Macron bleibt das Glück hold: 2012 setzt sich Hollande, der anstelle von Strauss-Kahn antritt, knapp gegen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy durch. Der Mittdreißiger Macron wird Hollandes stellvertretender Generalsekretär und Berater für Wirtschaftsfragen. Als Hollande 2014 zum vierten Mal die Regierung umbildet, folgt die Ernennung zum Wirtschaftsminister: Macron tritt ins Rampenlicht und inszeniert sich als liberaler Querdenker und unerschrockener Minister der Tat.
Durch kalkulierte Tabubrüche (wenn er beispielsweise Frankreichs Jugendliche dazu aufruft, sie sollten davon träumen, Milliardäre zu werden) bringt er sich selbst in die Schlagzeilen, die linke Regierungspartei in Rage und den Staatspräsidenten in Verlegenheit. Im August 2016 begeht er schließlich den Verrat an seinem Förderer Hollande. Macron verlässt die Regierung und kündigt im November an, bei den Präsidentschaftswahlen 2017 antreten zu wollen.
Und doch ist Macron eine singuläre Gestalt auf der französischen Bühne. Nicht nur, dass er eigentlich unerlässliche Etappen im Werdegang eines klassischen Politikers überspringt. Die Präsidentschaft ist Macrons erster Wahlsieg überhaupt. Lokalpolitiker, Bürgermeister, Abgeordneter und schließlich vielleicht Minister: Für die Ochsentour hatte der ehrgeizige Einzelgänger, der nur kurz, von 2006 bis 2009, Parteimitglied der Sozialisten war, offensichtlich keine Zeit übrig. Macron schafft den Senkrechtstart, indem er sich quer zur etablierten Parteienlandschaft und zum politischen System legt.
Macrons politische und persönliche Lebensgeschichte fällt aus der Reihe. Der Schriftsteller Philippe Besson sieht ihn als «Romanfigur».10 Macrons Selbstbeschreibung: «In Wirklichkeit bin ich nur Ausfluss der Vorliebe des französischen Volks für das Romaneske.»11
DER GRENZGÄNGER
In der Tat böte Macrons Leben Stoff für eine rasante Erzählung in der Kategorie «stranger than fiction», zuzüglich einer Prise Heldenepos. Hinzu kommen Romantik, überraschende Wendungen — und viel Spannung. Dies nicht nur, weil der Ausgang offenbleibt.
Die Erfahrung aus der jüngsten Geschichte lehrt uns: Reformer aus der politischen Mitte haben immer mal Populisten den Weg geebnet. Donald J. Trump folgte auf den übervorsichtigen Barack Obama, das Tandem der Links- und Rechtspopulisten Luigi Di Maio und Matteo Salvini auf den selbsternannten zentristischen «Bulldozer» Matteo Renzi. Wird sich die Geschichte wiederholen und Macron als tragischer Verlierer die Stufen des Élysée-Palasts ein letztes Mal herabschreiten und seiner Nachfolgerin, der rechtsnationalistischen Marine Le Pen, die Hand schütteln müssen?
Auf jeden Fall hat Frankreichs jüngster Staatspräsident der Geschichte zwei Qualitäten eines typischen Romanhelden. Erstens glaubt Macron, seines Glückes Schmied zu sein, Autor der eigenen Lebensgeschichte. «Soweit ich mich erinnern kann, hatte ich immer diesen Willen: Selbst mein Leben zu wählen und zu bestimmen»,12 schreibt Macron 2016 in seiner Kampagnenschrift Révolution.
Als Fünfjähriger will er von seinem Elternhaus zur Großmutter ziehen. Mit zwölf Jahren beschließt der in einer nicht-religiösen Familie aufgewachsene Macron, sich taufen zu lassen. Mit 16 Jahren verliebt sich der Teenager in Brigitte Auzière, eine Französischlehrerin an seinem Gymnasium. Mit 38 Jahren entscheidet er sich ohne Rückendeckung einer Partei, für das höchste Amt der Republik zu kandidieren. Und seiner neuen Ich-Partei En Marche! gibt er die Initialen seines Namens.
Macron entscheidet, wen er liebt, wem er dient, was er tut. Er ist autonom, sein Wille ist ihm Gesetz — das imponiert den Franzosen. Ob Jacques Chirac über die Metro-Schranke sprang oder der Chansonnier Serge Gainsbourg live im Fernsehen Banknoten in Flammen aufgehen ließ: Frankreich hegt eine große Liebe zum kleinen Regelbruch, es hat viel Sympathie für denjenigen, der eine verbotene Abkürzung nimmt, und eine Faszination für Eigenwillige, die sich über Konventionen hinwegsetzen, ja ganz und gar nach ihren Gesetzen leben.
An Macron fasziniert die Franzosen insbesondere die Liebesgeschichte mit seiner Ehefrau. Fast ein Vierteljahrhundert älter ist die Studienrätin, die Macron als Leiterin der Theater-AG seines Jesuiten-Gymnasiums La Providence in der Picardie kennenlernt und die nun Frankreichs première dame ist. Es ist die Geschichte einer amour interdit im Wortsinn: In Frankreich werden sexuelle Beziehungen (auch einvernehmliche) von Lehrpersonen mit minderjährigen Schülern und einem Altersabstand von mehr als 15 Jahren mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft.
Diese liaison dangereuse ist vor allem ein Bruch gesellschaftlicher Normen. Ganz Amiens tuschelt über die Affäre. Brigitte Auzière ist nicht irgendwer. Sie entstammt einer alteingesessenen Chocolatier-Familie. Sieben Confiserien betreibt das Unternehmen, das mittlerweile in der sechsten Generation geführt wird und dessen Spezialität macarons (!) sind, ein luftiges Mandelgebäck. Und: Brigitte ist verheiratet und Mutter; eine ihrer Töchter ist Macrons Klassenkameradin.
Die Situation wird 1993 etwas entschärft, als Macron mit 16 Jahren von Amiens nach Paris wechselt. Am Elitegymnasium Henri IV, das seine Schüler unter den Besten der Republik auswählt, absolviert er sein Abitur, das Baccalauréat. Doch auch die Hauptstadt bringt Macron nicht auf andere Gedanken, hartnäckig drängt er Brigitte in stundenlangen Telefonaten, sich von ihrem Mann zu trennen.
Ein Jahr darauf verlässt Brigitte nun ebenfalls Amiens und unterrichtet an einem Pariser Gymnasium, um bei Macron zu sein. 2007 heiratet das Paar, das auch in Paris Aufsehen erregt. «Wir hatten einigen Gegenwind. Wollten wir eine Liebe wie die unsere leben, mussten wir uns ein dickes Fell zulegen, um böswilligen Kommentaren, dem Spott und den Gerüchten standzuhalten. Wir mussten Schulter an Schulter stehen, mutig und lebensfroh sein», sagt Brigitte später in einem Interview.13
Wer wagt, gewinnt: Das Leben scheint Macron recht zu geben. Der gemeinsame Kampf für die Akzeptanz ihrer Liebe hat ihn geformt. «Unsere Geschichte hat uns den unbedingten Willen eingeimpft, nichts dem Konformismus zu opfern, wenn man mit Kraft und Ernst daran glaubt», lautet der letzte Satz des autobiographischen Teils von Révolution.
Diese ungewöhnliche Beziehung beeindruckt selbst die linke Schriftstellerin Virginie Despentes, die sonst kein gutes Haar an Macron lässt. Er habe ein «befriedetes Verhältnis zur Männlichkeit». In seinem Fall sei die Frau eines Politikers nicht lediglich eine Trophäe. Vor allem zeige sich Macrons Emanzipation und Fähigkeit, «das Leben zu leben, wie er es will».
Diese Liebe contre jede Konvention ist mittlerweile Teil von Macrons politischem Kapital geworden. Sie kennzeichnet ihn als selbstbestimmte, durchsetzungsstarke und zuweilen transgressive Persönlichkeit, die sich so leicht nicht beeindrucken lässt und selten Risiken scheut. Macron kultiviert seit Beginn seiner politischen Karriere gezielt dieses Image als Solitär jenseits der Parteien und Konventionen.
Nebem seinem Liebesleben ist sein bestes Instrument dazu auch sonst der wohlbedachte Tabubruch. Als Minister einer sozialistischen Regierung fordert er die Abschaffung der 35-Stunden-Arbeitswoche. Er macht Europa zum zentralen Kampagnenthema in einem Land, in dem alle Parteien seit dem Debakel der Volksabstimmung zum Europäischen Verfassungsvertrag 2005 die Frage zu umschiffen versuchen, wie sie denn zur Europäischen Union stünden — damals hatten 55 Prozent mit Nein gestimmt. Er bewertet Frankreichs Kolonialgeschichte als «Verbrechen gegen die Menschlichkeit», ungeachtet der vielen älteren Bürger, die im Algerienkrieg kämpften, und der 3,2 Millionen pieds-noirs («Schwarzfüße»), Algerien-Franzosen und ihrer Nachkommen, die seit 1830 in das nordafrikanische Land einwanderten und nach der Unabhängigkeit Algeriens zurück nach Frankreich gingen. Emmanuel Macron «ist dieses Kind, das Spaß daran hat, in Pfützen zu stapfen», abseits der Skipiste zu fahren und genau das Gegenteil dessen zu machen, was man von ihm erwartet, schreibt die Journalistin Corinne Lhaïk, die Macron seit neun Jahren beobachtet.14
Mit kleinen oder waghalsigen Grenzüberschreitungen zieht er die Aufmerksamkeit auf sich. Er rechtfertigt sich damit, dass er eben Klartext rede und den Franzosen die Wahrheit sage. Das Land sei zu lange vom politischen Personal mit einem «sterilisierten Diskurs» abgespeist worden. Die Wahrheit zu sagen: Ist das, ganz nach dem italienischen Philosophen Antonio Gramsci, den Macron gern zitiert, nicht der eigentliche «revolutionäre Akt», mit dem man eine Gesellschaft zwingt, in den eigenen Begriffen zu denken?
Es ist nicht so, dass seine Landsleute diese Transgressionen unisono gutheißen. Aber sie provozieren fast jedes Mal eine Debatte, die es ihnen erlaubt, miteinander ins Gespräch zu kommen, und jeden Einzelnen dazu einlädt, seine Position zu definieren. Und Widerspruch setzt zumindest Anerkennung voraus. Wenn Macron etwas bekommen hat, das sein Vorgänger Hollande nie erhielt, dann ist es dies: Anerkennung für seine Eigenständigkeit und das Wagnis, sich zu exponieren. Auch für die Chuzpe, seinen Wählerinnen und Wählern etwas zu zumuten.
DER HEGELIANER
Tatendrang ist eine weitere Eigenschaft des Emmanuel Macron, die ihn zum Romanhelden qualifiziert. Ursprünglich wollte der Junge aus Amiens Schriftsteller werden.15 In Frankreich wird dem erfolgreichen Intellektuellen oder Künstler zuteil, was in den Vereinigten Staaten dem Selfmade-Milliardär vergönnt ist: der sichere Weg zum Einzug in das Pantheon der Geschichte der Nation.
Man stelle sich vor: Bis zu einer Million Menschen kamen im Dezember 2017 in den Straßen von Paris zusammen, als der Gedenkgottesdienst für die Rocklegende Johnny Hallyday in der Pfarrkirche Madeleine abgehalten wurde. Weitere 15 Millionen verfolgten die Live-Übertragung im Fernsehen. Dass Hallyday Jahre zuvor in die Schweiz gezogen war, um Steuern zu sparen, war vergeben und vergessen.
Die 40 Mitglieder der Académie française, jener Institution, die seit 1635 die französische Sprache «pflegen» soll und den Inhalt des französischen Wörterbuchs bestimmt, werden buchstäblich «les immortels» («die Unsterblichen») genannt. Die Aufnahme ist die Krönung einer intellektuellen Karriere und in erster Linie Schriftstellern und Philosophen vorbehalten. Unsterblichkeit und ungeteilte Bewunderung erlangt man in Frankreich durch kulturelles Schaffen, seltener als Politikerin oder Politiker, und schon gar nicht, indem man Geld verdient.
Denn Kultur ist in Frankreich nicht Nebensache, sondern allgegenwärtig und alltäglich. Man kauft seinen trendigen deux-pièces (Zweiteiler) bei Zadig & Voltaire, den man dann beim Hamburgeressen im Take-away Le Flaubert mit Ketchup bekleckert, worauf man ihn im Kleinwagen Citroën Picasso zur Kleidereinigung Molière bringt. Bäckereien nennen sich in Anwandlung an Marcel Proust schon mal «Auf der Suche nach dem verlorenen Brot». Jeder Politiker, selbst ein Sarkozy oder eine Le Pen, will kultiviert erscheinen. Während der Gelbwesten-Krise debattiert Macron mit 64 Intellektuellen, vom Physik-Nobelpreisträger Serge Haroche bis zur Glücksökonomin Claudia Senik, live übertragen vom Radiosender France Culture.
Der Stil, die Sprache, die Umgangsformen zählen. Auf den Profilen der Internet-Dating-Plattform Tinder schreiben nicht wenige, das Gegenüber müsse bitte schön die französische Grammatik und den spielerischen Umgang mit der Sprache beherrschen. Das TV-Duell vor der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen 2017 gewann Macron nicht nur, weil Le Pen vor laufender Kamera inhaltlicher Fehler überführt wurde, sondern auch, weil sie absichtlich etwas vulgär auftrat. Es sind oft die feinen Unterschiede, die entscheidend sind. Schließlich war es der Franzose Pierre Bourdieu, der das Konzept des «kulturellen und sozialen Kapitals» in die Soziologie einführte und damit den Gedanken in die Welt setzte, dass Ungleichheit nicht nur eine Frage der Verteilung materieller Mittel sei.
In der Kulturnation Frankreich versucht sich auch Macron als Autor. Drei Bücher hat er angeblich bislang geschrieben. Als 19-Jähriger verfasste er einen ersten Roman über den spanischen Eroberer des Aztekenreiches, Hernán Cortés. Das zweite Werk handelt laut Aussage Brigitte Macrons von einer «enigmatischen, älteren Dame».16 Ein drittes Buch soll Macron über sein Leben geschrieben haben. Als Präsidentschaftskandidat dachte er darüber nach, Letzteres zu veröffentlichen. Macrons Berater sollen ihm jedoch davon abgeraten haben. Das Buch habe nicht unbedingt «literarische Qualitäten».17
Macrons erste Bücher bleiben also unter Verschluss. Und auch seine ursprünglich angepeilte Karriere als Intellektueller kommt anfangs nicht in die Gänge. Zweimal scheitert er an der Aufnahmeprüfung zur École normale supérieure (ENS), der Kaderschmiede der französischen Akademiker. Er sei abgelenkt gewesen und habe zu viel Zeit mit Brigitte verbracht, entschuldigt sich Macron heute. In Wahrheit versagte er im Fach Mathematik. Faute de mieux studiert Macron an der Pariser Sciences Po Poitik und Philosophie in Nanterre, wo er seinen philosophischen Lehrmeister Paul Ricœur kennenlernt.
Der in Frankreich hoch verehrte Giacomo Casanova schreibt in seinen Erinnerungen Aus meinem Leben: «Wenn du nichts getan hast, was wert ist, aufgeschrieben zu werden, so schreibe wenigstens etwas, was wert ist, gelesen zu werden.»18 Bei Macron ist es umgekehrt: Er muss handeln, um Geschichte zu schreiben. Und er glaubt, vom Zeitgeist getragen zu werden.
Für seine erste große öffentliche Rede 2016 wählte der Präsidentschaftskandidat Macron die Stadt Orléans und das Datum des 8. Mai. An dem Tag wird der Sieg von Jeanne d’Arc über die Engländer 1429 gefeiert, die Orléans belagert hatten. Macron erklärte: «Die Franzosen brauchen Jeanne d’Arc, denn sie sagt uns, dass unser Schicksal nicht vorbestimmt ist.» An anderer Stelle präzisiert Macron: «Die große Aufgabe liegt darin, aus der Unbedeutsamkeit auszubrechen. Seit 30 Jahren leben wir in einer Art schlecht verdautem Postmodernismus. Wir müssen wieder dazu übergehen, etwas aufzubauen, und dabei auch dafür geradestehen, dass ein Teil der Entscheidungen eindeutig und unilateral ist.»
Macron ist ein Kind der Aufklärung, zu der er sich immer wieder öffentlich bekennt. Sein Glaube an ihre Ideale hat beinahe religiöse Züge: Ratio, Autonomie und Voluntarismus sind für ihn die Treiber des «Triumphs der Hoffnung».
Einer fortschrittsskeptischen Aufklärungskritik hält Macron unbeirrbaren Optimismus entgegen. Der etwas in Vergessenheit geratene amerikanische Schriftsteller Saul Bellow schrieb 1983 nach einem Paris-Besuch: «Die Nachkriegsphilosophie in Frankreich, übernommen von Deutschland, ist wenig erbaulich. Marxismus, Eurokommunismus, Existentialismus, Strukturalismus und Dekonstruktion. Sie haben nicht das Potenzial, die französische Zivilisation wiederherzustellen.»19
Gut ein halbes Jahrhundert später würde Macron diese Beobachtung unterschreiben. «Frankreich ist kein zynisches Land, doch die Eliten glauben das. Frankreich ist nicht dafür gemacht, ein postmodernes Land zu sein», sagt der Präsident und verneint keineswegs, dass die heutige Welt voller realer Enttäuschungen sei.20 Die kritischen postmodernen «Dekonstruktivisten» hätten sehr wohl Schwachstellen des Aufklärungsversprechens beleuchtet. Aber die Postmoderne habe kein eigenes konstruktives Bild der Rolle des Menschen in der Welt geschaffen. Eine postmoderne «Haltung» helfe nicht weiter. Macron macht sie gar für einen wachsenden Relativismus und Fatalismus in den Eliten und der Gesellschaft verantwortlich, die Frankreich lähmen. Es nähre nur die Resignation, der Politik und dem Individuum die Möglichkeit abzusprechen, die Welt zu verbessern.
Macron könnte im Sinne Odo Marquards als ein «Weigerungsverweigerer» bezeichnet werden. Dem Philosophen zufolge gehört es zur Skepsis, Affirmationsverbote zu übertreten. Das kleine «Ja»-Sagen sei schwieriger als das große «Nein»-Sagen.21 Macron sagt «Ja» und handelt entsprechend. «Wenn wir das Land zum Erfolg führen und in der Kontinuität unserer Geschichte Wohlstand im 21. Jahrhundert schaffen wollen, müssen wir handeln. Wir tragen die Lösung in uns», schreibt er in Révolution.22 Handeln, auch wenn es bedeutet, Risiken einzugehen und sich die Hände schmutzig zu machen. Autorin Virginie Despentes kommentierte bei Amtsantritt Macrons im Mai 2017: «Ich hoffe, er wird kapieren, dass die Leute nahe daran sind, zu explodieren, dass sie verzweifelt sind. An seiner Stelle würde ich so wie Chirac gar nichts machen.»23 Der Präsident sagt dann vier Monate später, im September: «Wenn ich es nicht schaffe, Frankreich radikal umzubauen, wird es schlimmer, als wenn ich überhaupt nichts mache.»
Gilt die Weisheit des berühmten Leoparden von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, dass sich alles ändern müsse, damit alles so bleibe, wie es ist? Oder aber jene Sentenz aus Despentes’ Romantrilogie Das Leben des Vernon Subutex, dass am besten alles gleichbleiben solle, damit es nicht noch schlimmer werde?
Wenn Macron an seine Erfolgschance glaubt, dann weil er sein Schicksal als Teil einer größeren Geschichte, ja einer Vorsehung betrachtet. Dem Schriftsteller Emmanuel Carrère sagt er Sätze wie: «Ich glaube, unser Land steht am Rande des Abgrunds und könnte sogar stürzen. Wenn wir nicht an einem tragischen Moment unserer Geschichte wären, wäre ich nie gewählt worden.» In einem Interview mit der Literaturzeitschrift La Nouvelle Revue Française beteuert er: «Mich stimmt paradoxerweise optimistisch, dass die Geschichte wieder tragisch wird. Europa wird nicht mehr geschützt sein, wie es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Fall war. Dieser alte Kontinent von Kleinbürgern, die sich im materiellen Komfort geborgen fühlen, ist daran, ein neues Abenteuer zu beginnen, in dem die Tragik zurückkommt. … Und in diesem Abenteuer können wir wieder zu einem neuen Elan finden, dem sich auch die Literatur nicht entziehen wird.»24
Abgesehen davon, dass Macron von «Kleinbürger-Mentalität» wenig hält, zeigt das Zitat vor allem eins: Er glaubt im Sinne des Historikers Fritz Stern an die Offenheit der Geschichte. Für die Handelnden gibt es Raum, folgenreiche (Fehl-)Entscheidungen zu treffen. Wenn Bundeskanzler Helmut Kohl einst vom Zipfel des Mantels der Geschichte sprach, den er ergriffen habe, so geht es bei Macron mindestens um den halben Mantel. Die Grenze zwischen Vertrauen in die eigene Handlungsmöglichkeit und Größenwahn ist fließend.
So viel Verantwortung könnte Macron einschüchtern. Doch der Präsident sieht sich nicht nur als Held des eigenen National- und Europa-Epos, sondern auch als Teil einer Vorsehung. «Man ist immer nur das Instrument von etwas, das uns überragt», sagt der frühere Student der Philosophie,25 der seine Diplomarbeit mit dem Titel «Die Vernunft in der Geschichte» über Georg Wilhelm Friedrich Hegel schrieb.
In Interviews beruft er sich immer wieder auf den Denker des deutschen Idealismus und dessen Vorstellung von der «List der Vernunft». Hegel meint damit, dass «Fortschritt» in der Menschheitsgeschichte getrieben werde von einer Vielzahl größerer und kleinerer Handlungen, wobei die Akteure sich der Tragweite ihrer Entscheidung gar nicht bewusst seien. Verkürzt gesagt ist die «List der Vernunft» das Pendant zur Theorie der «unsichtbaren Hand» auf dem freien Markt: eine Art metaphysische Kraft, die zur richtigen Verteilung wirtschaftlicher Güter in dem einen Fall und zum Fortschritt der Menschheit im anderen Fall beiträgt.
Während seiner Präsidentschaftskampagne setzte Macron genau auf diesen Fortschrittsglauben, was ihm den Spott seiner Konkurrenten eintrug. Die Franzosen sollten nicht auf Macrons «halluzinogene Pilze» hereinfallen, warnte Jean-Luc Mélenchon, und der Mitterechts-Kandidat François Fillon schimpfte Macron einen «Guru». Am Ende aber gelang Macron ein erstaunlicher Kniff: Die Franzosen mögen nur zu gern jammern, aber Opfer wollen sie auf keinen Fall sein. Wenn Macron Frankreichs Pessimismus und Opferhaltung anprangerte, traf er bei seinen Landsleuten einen wunden Punkt.
Macrons philosophisch-ideologischer Diskurs verdrängte die handfestere politische Debatte über Verteilungskämpfe und Identitätspolitik, die seine Konkurrenten entfachen wollten. Die Optimismus-Predigten verfingen im ersten Wahlgang bei gut einem Viertel der Wählerinnen und Wähler, die nach Hoffnung und erstarktem Selbstvertrauen dursteten. Genug, um den Emporkömmling in den Élysée-Palast zu bringen und damit in das politische Amt, das in Europa mit der größten Machtfülle ausgestattet ist. Nun kann er sein Epos schreiben.
DER UNFEHLBARE
Emmanuel Macron ist der Typ Klassenbester. Im Klassenzimmer saß er in der vordersten Reihe. Auf den Fotos seines Jahrgangs sitzt er ebenfalls vorne in der Mitte und hält die Schiefertafel mit dem Klassennamen hoch.26 Doch er bekundet Mühe, Fehler einzugestehen. Als Macron während des Wahlkampfs fälschlicherweise in einem hektischen Straßeninterview Französisch-Guayana als eine Insel bezeichnet, räumt er den Fehler nicht einfach ein. Stattdessen sagt er, er habe immer gewusst, dass das Übersee-Département keine Insel sei, aber eingeklemmt zwischen dem Amazonas und dem Ozean fühle sich das Leben dort so an.
Emmanuel Carrère wartet mit einer weiteren vielsagenden Anekdote auf. Nach seiner Rede auf der Frankfurter Buchmesse 2017 wirft ein französisch-kongolesischer Autor Macron im Gespräch vor, keinen frankophonen Autor genannt zu haben, der nicht Franzose sei. Macron erwidert, er habe sehr wohl den senegalesischen Poeten Léopold Sédar Senghor erwähnt. Als die Situation peinlich wird, da niemand Senghors Namen in Macrons Rede gehört hat, wechselt der Präsident behände die Strategie. Er habe ja vom französischen Sprachraum gesprochen, und wenn man von Frankophonie rede, sei es ja klar, dass man auch Senghor im Kopf habe.
Unterlaufen ihm Fehler, die er nicht einfach so abschütteln kann, sind andere schuld. Wenn Frankreich in der Coronavirus-Pandemie zu Beginn mit dem Impfen langsamer vorankommt als etwa Deutschland, dann lässt er die Sonntagspresse wissen, er sei «stinksauer» auf die Verantwortlichen.27 Dabei laufen bei der Covid-19-Politik alle Fäden im Élysée-Palast zusammen. Der schleppende Start war nicht nur dem Mangel an Impfstoff geschuldet: Macron setzte aufgrund der in Umfragen gespiegelten hohen Impfskepsis im Land auf einen behutsamen Start und begrenzte den Kreis der Impfempfänger auf Altenheime.
Nach den Europawahlen 2019 lehnte das Europäische Parlament Sylvie Goulard ab, Macrons Kandidatin für das Amt der französischen EU-Kommissarin. Gegen die unermüdlich für das deutsch-französische Verständnis kämpfende Goulard, eine Verbündete Macrons der ersten Stunde, liefen Ermittlungsverfahren wegen illegaler Parteienfinanzierung. Macron machte die frisch gewählte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen für die Blamage verantwortlich. Sie habe Goulard als Kommissarin in Brüssel gewollt und zugesichert, dass das Europäische Parlament sie bestätigen würde.28 Selbst wenn dies stimmen sollte, wird doch deutlich: Macron desavouiert lieber von der Leyen, als Verantwortung zu übernehmen. Zumal manche Volksvertreter die Abfuhr Goulards auch nutzten, um sich an dem französischen Präsidenten zu rächen. Macron hatte sie zuvor gedemütigt, als er die Ernennung ihres Favoriten für das Amt des Kommissionspräsidenten blockierte, den Spitzenkandidaten der Europäischen Volkspartei (EVP), Manfred Weber. Der Franzose hielt den Bayern für nicht fähig genug.
Und selbst wenn Macron Fehler eingesteht, klingt es nicht wirklich so. Als die Gelbwesten-Proteste im Winter 2018-19 das Land an den Rand des Chaos bringen, erklärt Macron erst nach Wochen gewalttätiger Proteste: «Ich höre die Wut.» Und erläutert: Er habe es nicht geschafft, die Franzosen mit den Eliten zu versöhnen. Im ersten Pandemie-Jahr erklärt Macron im Juni 2020, die globale Gesundheitskrise zwinge die Welt und die Politik grundsätzlich dazu, sich neu zu erfinden. «Mich zuallererst», fügt er hinzu.
«Sich neu zu erfinden» ist nur ein halbes mea culpa. Einen Fehler richtig einzugestehen, wie das Angela Merkel getan hat, so dass die Bürgerinnen und Bürger seine Reue auch fühlen, das schafft Macron so gut wie nie. Solange man handelt und «mobil bleibt», wie Macron es ausdrückt, glaubt er fest daran, jede Situation wieder drehen und doch noch zu seinen Gunsten beeinflussen zu können. Gefragt, warum er nie einen seiner Romane veröffentlicht habe, erklärt Macron: «Im politischen Leben wird Unzufriedenheit mit Aktion behoben oder zumindest bekämpft. Solange Sie nicht vollkommen zufrieden sind, bleiben Sie mobil und machen weiter. Im literarischen Leben muss man irgendwann einen Punkt setzen und das, was man geschrieben hat, andere lesen lassen. Das finde ich schwierig. Wahrscheinlich bin ich zu stolz.»29
Nie aufgeben, den Einsatz verdoppeln, weitermachen: Das ist Macron. Scheitern gibt es nicht in seinem System, stattdessen immerzu die Flucht nach vorn. Als Jugendlicher fällt er bei der Aufnahmeprüfung für das Musikkonservatorium in Amiens im Klavierspiel durch. Ein Jahr später tritt er abermals an und besteht darauf, der gleichen Prüferin vorzuspielen. Macron wird zugelassen und gewinnt den dritten Preis des conservatoire. Auch die Aufnahmeprüfung zur École nationale d’administration (ENA), Brutstätte der französischen Top-Beamten und Alma Mater von vier französischen Präsidenten, meistert er erst im zweiten Anlauf — jene Eliteschule, die er 2021 dann abschafft. Erhält Macron, der Überehrgeizige, einmal nicht die Bestnoten oder macht er Fehler, versucht er sofort, sie auszuwetzen. Hat er sein Ziel erreicht, geht es auf zur nächsten Etappe.
Im Élysée-Palast steht ein Flügel. Ob Macron immer noch spielt?
2
ZWEIFEL UND VERZWEIFLUNG IN FRANKREICH
Eine Tür ist entweder offen oder geschlossen. Oder aus den Angeln gehoben, somit das Schloss dringend zu reparieren ist.
— BORIS VIAN
Ein Held braucht immer eine Bühne: Frankreich ist eine. Nach wie vor ist es das mit Abstand meistbesuchte Land der Welt. Die «Stadt der Lichter» glänzt in Netflix-Serien wie Emily in Paris und bleibt ein Magnet für globale Nomaden mit romantischen Selbstverwirklichungsentwürfen. Aber für die Einheimischen stellt Frankreich keine sonderlich gefällige Lebenskulisse dar. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass das Land schon seit Jahrzehnten in einer kollektiven depressiven Grundstimmung verharrt.
Schon vor Kaffee und Croissant geht es los. Der Radiowecker schrillt, und es läuft la matinale. Die Hälfte der Franzosen hört oder schaut täglich eines der unzähligen Morgenprogramme. Je nach politischer Ausrichtung schalten Madame et Monsieur France Culture (links), France Inter (Mitte-links), Europe 1 (Mitte-rechts), RTL (rechts) oder RMC (populistisch) ein. Während in Deutschland die morgendlichen Radio- und Fernsehsendungen kaum politisch gefärbt sind und primär gute Laune zu verbreiten suchen, genießen die Franzosen bei Tagesanbruch Polemik pur. Die Moderatoren berichten nicht über das politische Geschehen, sondern sie besprechen es kritisch-kämpferisch und oft mit zynischem Unterton, sie wollen abgebrüht wirken. Der Höhepunkt ist jeweils das Interview mit Exponenten aus der Politik oder der Literatur, die ein Klagelied gegen die Regierung, die Opposition, Brüssel oder allemal über die Welt anstimmen (und dabei meist ihr jüngstes Buch vorstellen).
Dem Land gehe es schlecht, so die veröffentlichte Meinung. Seit den 1970er Jahren hat Frankreich bekanntlich seine liebe Mühe mit dem globalen Kapitalismus. Der internationale Standortwettbewerb hat die steuerfinanzierte Umverteilungspolitik und den starken Schutz der Arbeitnehmer erschwert, auch das gut ausgebaute Gesundheitssystem kam unter Druck, was sich in der Pandemie gerächt hat. Die Abwanderung von Unternehmen, délocalisation genannt, weckt eine allgemeine Malaise.
Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit hat seit der Präsidentschaft Giscard d’Estaings (1974–1981) jede Regierung zu ihrer obersten Priorität erklärt. Doch mit wenig Erfolg. Frankreich ist im Grunde eine Gesellschaft von Anarchisten. «Wie wollen Sie ein Land regieren, in dem es 258 Käsesorten gibt?», fragte einmal Charles de Gaulle. So fanden die Franzosen keine gemeinsame Antwort auf den globalen Wettbewerb, anders als die weniger individualistischen und stärker am Gemeinwesen orientierten Deutschen. Die Bundesrepublik zelebriert in Sonntagsreden den Wettbewerb, aber werktags verständigen sich Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften zum Beispiel darauf, Lohnzurückhaltung im Übermaß zu üben.
François Mitterrand versuchte es mit dem Sozialismus à la française, einem Mix aus Nationalisierungen, Senkung des Rentenalters, Arbeitszeitverkürzung und keynesianischer Konjunkturpolitik. Doch die Rechnung des studierten Literaturwissenschaftlers ging nicht auf. Das Land geriet noch stärker in Schieflage. Nach zwölf Jahren an der Macht stellte der erste sozialistische Präsident der Fünften Republik 1993 resigniert fest: «Wir haben alles gegen die Arbeitslosigkeit versucht.»
Konservativ-liberale Regierungen hofften immer wieder, eine Schwächung des Arbeitnehmerschutzes und niedrigere Löhne würden die Leute wieder in Arbeit bringen, scheiterten jedoch mit ihren Reformplänen am Widerstand der Gewerkschaften, die jedes Mal die öffentliche Meinung für sich einnahmen und bei Bedarf das Land lahmlegten.
Die sozialistische Regierung unter Premierminister Lionel Jospin (1997–2002) setzte ein weiteres Mal auf großzügige Frührenten, und sie verkürzte die Wochenarbeitszeit von 39 auf 35 Stunden. Schließlich aber strich auch Jospin die Segel, als der Reifen-Hersteller Michelin ein Werk schloss: «Man kann nicht alles vom Staat erwarten. Man kann die Wirtschaft nicht mehr allein mit Gesetzen und Texten regulieren.»
Die hohe Arbeitslosigkeit war und ist ein Drama für die Betroffenen — vor allem für die jüngere Generation, sie trägt die Hauptlast. Die Jugendarbeitslosigkeit (15 bis 24 Jahre) fluktuiert seit den 1990er Jahren bei knapp 20 Prozent und erreichte nach der Finanzkrise 2009 sogar fast 25 Prozent. Im langjährigen Schnitt sind 8 Prozent der Gesamtbevölkerung erwerbslos.
Das Scheitern aller Regierungen legt den beschränkten Handlungsspielraum der Politik offen, ja ihre Machtlosigkeit. Das ist fatal für die Republik, denn das Land ist, im Unterschied zur deutschen Kulturnation, eine Staatsnation: Der Staat hat die Nation überhaupt erst geschaffen. Er ist die primäre Identifikationsgröße und ein idealistisches Projekt. L’État (den man mit großem E schreibt, obwohl die Sprache fast nur Kleinbuchstaben verwendet) soll den Franzosen Rechte und somit die Freiheit geben, nach ihrer Fasson zu leben; er soll umverteilen und dadurch Gerechtigkeit schaffen; und er soll die Bürgerinnen und Bürger «zusammenführen» (das Zauberwort rassembler), das heißt sie miteinander verbrüdern. Dazu gehört das in der französischen Verfassung verankerte Recht auf Arbeit, das auf die sozial-republikanische Revolution von 1848 zurückgeht. Aber wozu ist dieser Staat noch gut, wenn er die Lebensrealität der Franzosen nicht mehr zu gestalten und die Rechte, die er festschreibt, nicht durchzusetzen vermag?
DER 21. APRIL
So kam es 2002 zu dem Tag, der als le 21 avril in die Geschichtsbücher eingegangen ist: Der sozialistische Kandidat Jospin, der gegen Amtsinhaber Jacques Chirac antritt, erhält bei der Präsidentschaftswahl im ersten Durchgang lediglich 16 Prozent der Stimmen. Der Kandidat des rechtspopulistischen Front National, der rechtskräftig verurteilte Antisemit Jean-Marie Le Pen, zieht in den zweiten Wahlgang gegen Chirac, der mit knapp 20 Prozent selber ein lamentables Ergebnis erzielt hat. Viele Franzosen erleben den Tag als nationales Trauma. Zwei Wochen später gewinnt Chirac den zweiten Wahlgang mit 82 Prozent der Stimmen, die Wahlbeteiligung liegt bei fast 80 Prozent.
Romane, Filme und unzählige Sachbücher haben seither das «politische Erdbeben» vom 21 avril aufgegriffen und zu deuten versucht. Das einhellige Urteil: Es lag an der desolaten wirtschaftlichen Lage.
Das im deutschen Sprachraum meistgelesene (wiewohl in Frankreich kaum bekannte) Buch zu der These «Armut schafft Unmut» ist Didier Eribons halb autobiographische, halb soziologische Studie Rückkehr nach Reims, 2009 erschienen. Der Marxist Eribon, der wie Macron aus dem deindustrialisierten Norden stammt, erläutert anhand seiner Familiengeschichte, warum vormals links wählende Arbeiter zum Front National (heute Rassemblement National) gewechselt sind.
Die Erklärung des Soziologen: Die linken Parteien verstünden Politik nicht länger als Klassenkampf; sie verfolgten einen wirtschaftsliberalen Kurs, sie hätten die Arbeiter fallengelassen. Es gebe mehr Armut und darum mehr Front-National-Wähler, so die schlichte These, verkürzt sie doch den Rechtspopulismus auf eine rein ökonomische Frage. Liberale und Rechte bleiben ihrerseits in dieser Logik gefangen, wenn sie die Gegenthese vertreten und die missliche Lage am Arbeitsmarkt auf die «Reformblockade» der Linken zurückführen.
Doch wirtschaftliche Aspekte sind offensichtlich nur ein Teil der Erklärung. Von Dänemark über die Schweiz und Österreich bis nach Ungarn und Polen: In den wirtschaftlich erfolgreichsten und sozial mobilsten Ländern Europas sind Rechtspopulisten zum Teil noch erfolgreicher als in Frankreich. Autoritarismus, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit sind für viele Zeitgenossen auch dann attraktiv, wenn sie gute Chancen auf eine sichere Stelle und sozialen Aufstieg haben. Eribon lässt dies übrigens selbst anklingen. Das Arbeitermilieu, dem er als Homosexueller nach Paris entfloh, sei dem konservativen Gesellschaftsbild der Rechten schon immer nahe gewesen, schreibt er. In der patriarchalen Arbeiterwelt mit sexistischen und rassistischen Reflexen sei der Kampf der Linken für die Rechte von Ausländern oder sexuellen Minderheiten auf Unverständnis gestoßen.
Trotz des ganzen Kraftaktes einer Post-Rationalisierung des Aufstiegs des Front National durch Frankreichs Intellektuelle: Richtig verarbeitet haben sie das «Erdbeben» trotzdem nie. Chirac, Sarkozy und Hollande: Seit dem 21 avril agierten auch Frankreichs Präsidenten in steter Angst vor den Rechtspopulisten. Und viele Franzosen fühlen sich als Opfer einer nicht enden wollenden Farce. Präsidenten kommen und gehen. Doch egal, wen das Volk wählt, ob links oder rechts, jede Regierung sieht sich gezwungen, wegen des wachsenden Schuldenbergs und der anhaltenden Schwäche der Wirtschaft Einschnitte am Sozialstaat hier und Abstriche an den Arbeitnehmerrechten dort vorzunehmen.
Das gibt Nahrung für das in Frankreich sehr präsente Narrativ eines déclassement: eines französischen Abstiegs in die zweite oder dritte Liga. Frankreich werde abgehängt, dem Land gehe es schlecht, so die von Buch zu Buch und von Leitartikel zu Leitartikel bekräftigte Dauermeinung. Streitschriften wie Der französische Selbstmord: 40 Jahre, die Frankreich zerstört haben30 werden zu Bestsellern. Jede literarische Saison bringt immer neue Variationen des Themas: Das französische Malheur, Frankreich stürzt ab, Besessen vom Niedergang — die Liste ist endlos. Rundfunksendungen widmen sich Fragen wie: «Kann es einem gut gehen in einem Land, dem es schlecht geht?»
Deutschland kommt hier eine besondere Rolle zu. Permanent wird der Vergleich mit dem großen Nachbarn am anderen Ufer des Rheins gesucht, ob es denn um Wirtschaftswachstum, Arbeitslosigkeit, die Zahl der jährlichen Streiktage oder die der Patentanmeldungen geht. Rundum scheint die Bundesrepublik besser abzuschneiden. Selbst bei den Geburtenziffern — lange Frankreichs Stolz — holt der Nachbar allmählich auf.
PERMANENTER AUSNAHMEZUSTAND
Das mediale Narrativ eines nationalen Versagens spiegelt die trübsinnige Grundstimmung in der Bevölkerung. Seit Jahrzehnten bestätigen Umfragen, dass die Franzosen die Zukunft besonders pessimistisch einschätzen.
2019 glaubten 73 Prozent, Frankreich sei im Niedergang begriffen (und historisch gesehen ist das ein eher tiefer Wert!).31 Nur gerade 34 Prozent der Franzosen befanden im Sommer 2020, die Lage im Land sei «gut»: In der Bundesrepublik waren es 73 Prozent. Und 76 Prozent der Franzosen, aber bloß 43 Prozent der Deutschen bezeichneten die wirtschaftliche Lage als schlecht.
Gefragt, ob ihre nationale Kultur anderen überlegen sei, stimmen in einer anderen Umfrage 36 Prozent der Franzosen zu — im Vergleich zu 45 Prozent der Deutschen und 50 Prozent der Schweizer.32 Sage noch einer, die stolzen Franzosen seien chauvinistisch! Sie gehen unbarmherzig mit sich selbst ins Gericht.
Das hat nicht nur mit dem Auf-der-Stelle-Treten der Wirtschaft zu tun. Frankreich kommt seit Jahren einfach nicht zur Ruhe. Zum einen sind da die Terror-Anschläge: die Bluttat in der Redaktion der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo und die Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt am 7. Januar 2015; das Massaker im Pariser Konzerthaus Bataclan und auf zwei Barterrassen am 13. November 2015, während zur selben Zeit ein Anschlag auf das Freundschaftsspiel Deutschland–Frankreich im Stade de France fehlschlägt; die Lastwagen-Attacke am Nationalfeiertag 2016 auf der Promenade des Anglais in Nizza; die Attacke auf den Straßburger Weihnachtsmarkt am 11. Dezember 2018. Dazwischen traumatisieren immer wieder Messer-Attentate mit meist zufälligen Opfern — auf der Pariser Prachtstraße Champs-Élysées, aber auch in mittleren Städten und kleinen Ortschaften in der Provinz. Schockierend sind auch die zielgerichteten Morde an Juden, Priestern und Soldaten. Einer der jüngsten Anschläge in dieser Reihe ist die Enthauptung des Geschichtslehrers Samuel Paty am 16. Oktober 2020. Er hatte in einer Unterrichtsstunde zum Thema Meinungsfreiheit Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt.
Seit 2015 hat die Republik 31 solcher Terroranschläge erlebt, zuzüglich einer Vielzahl verhinderter Attentate. Zehntausend Soldatinnen und Soldaten der «Opération Sentinelle» patrouillieren jahraus, jahrein in Frankreichs Bahnhöfen, Gotteshäusern und Einkaufsstraßen. Man hat sich vollkommen daran gewöhnt, am Eingang eines Einkaufszentrums einen in Camouflage gekleideten Soldaten mit Maschinengewehr im Anschlag zu sehen. Nicht nur die Straßen sind militarisiert: die Geheimdienste haben freie Hand, Anti-Terror-Gesetze werden laufend verschärft. Individuelle Freiheit hin oder her: In der Krise setzen die Franzosen auf den Staat und erwarten, dass er sie mit seiner geballten Kraft beschützt. Die Armee (85 Prozent), gefolgt von der ebenfalls militärischen Gendarmerie (81 Prozent) und der Polizei (69 Prozent) sind die Institutionen, die in der Bevölkerung das größte Vertrauen genießen.33
Dieser Widrigkeiten nicht genug: Macrons Wahlsieg befeuert sofort die sozialen Spannungen. Den Anfang machen die von «Schwarzen Blocks» vereinnahmten und außergewöhnlich gewalttätigen Kundgebungen gegen Macrons Arbeitsmarktreform im Herbst 2017. Im April 2018 beginnt der Streik der Bahnarbeiter gegen die Abschaffung ihres arbeitsrechtlichen Sonderstatus. Über einen Zeitraum von drei Monaten steht der Bahnverkehr ganze 36 Tage still: ein Rekord, und trotzdem erleiden die Gewerkschaften am Ende eine Niederlage. Dann entsteht, anscheinend aus dem Nichts, im Winter 2018–19 die Gelbwesten-Bewegung. Die Protestierenden legen Verkehrskreisel und Autobahnen lahm. Samstags nehmen sie jeweils Frankreichs Stadtzentren in Beschlag, eine spektakuläre Kulisse für heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Im Winter 2019–20 folgt dann eine breite Mobilisierung gegen die Rentenreform. Die Bahnarbeiter brechen mit 43 Streiktagen abermals den Rekord, und diesmal beteiligen sich auch die Angestellten der Pariser Metro, die Mitarbeiter des staatlichen Energielieferanten EDF und die Lehrer. Hinzu kommen die globalen Klimaproteste von Fridays for Future, die auch Frankreich erfassen. Und die Black-Lives-Matter-Bewegung geht nach dem Mord an George Floyd durch Polizeibeamte in Minneapolis auch in Frankreich auf die Straße und geißelt die systematische Polizeigewalt gegen die dunkelhäutige Minderheit.
Lang vor der Coronavirus-Pandemie haben sich die Franzosen damit abgefunden, dass «Normalität» nicht mehr die Norm ist. Freunde in einen anderen Landesteil mit der Bahn zu besuchen oder am Wochenende in die Stadt zum Einkaufen zu fahren: All das verhinderten oft genug die Streikwellen. Die nicht gerade sport-affinen Pariser steigen en masse aufs Fahrrad um, sie wollen die Proteste und die Terrorangst umfahren. Oder sie verwandeln sich in Fußgänger. Fitnesscentern und Damenschuhgeschäften laufen buchstäblich die Kunden davon: Wer braucht noch Kardio-Training oder hochhackige Schuhe, wenn der tägliche Fußweg zur Arbeit fünf Kilometer quer durch Paris führt? Und jeden zweiten Sommer überrollt eine Hitzewelle die Stadt. Bürgermeisterin Anne Hidalgo ruft die älteren Pariser auf, in klimatisierte Bibliotheken, Supermärkte und Kinos zu gehen, sobald ihnen zu heiß ist. 2019 steigt das Thermometer in einer der am dichtesten besiedelten Metropolen Europas (Paris zählt 20 909 Menschen pro Quadratkilometer) mit wenig Grünflächen auf 42,6 Grad Celsius.
Den abendlichen Konzertbesuch überlegt man sich zweimal seit dem Bataclan-Massaker. Das Weintrinken im Straßenbistro feiert man schon lange nicht mehr als Akt des republikanischen Widerstands gegen die Terroristen. Als im Spätsommer 2020 die Restaurants und Bars eine Weile wieder öffneten, galt manchen die Push-Benachrichtigung auf dem Mobiltelefon, es habe im Viertel eine Messerattacke gegeben, als definitives Anzeichen der Rückkehr zur «Normalität» des Pariser Lebens.
Die Fernsehserie In Therapie, die bei Arte läuft und sechs fiktive Französinnen und Franzosen beobachtet, wie sie beim Psychiater ihr Bataclan-Trauma zu bewältigen versuchen, wird zum Publikumshit. Ein ganzes Land schaut auf der Fernsehcouch dem Geschehen auf der Psychologencouch zu, irgendwo zwischen Panikattacke und Erschöpfungsdepression.
Am 15. April 2019 brennt auch noch Notre-Dame de Paris. Die nach fast 200-jähriger Bauzeit 1345 fertiggestellte Kathedrale, die Kriege und Revolutionen überlebt hat und 2016 Ziel eines missglückten islamistischen Bombenattentats war, steht im sonst versöhnlichen Pariser Feierabendhimmel in Flammen. Das Land bietet all den Zeitgenossen, die für Weltuntergangsstimmung anfällig sind, das volle Programm.
Selbst die kollektive Euphorie nach dem Sieg der équipe tricolore bei der Fußballweltmeisterschaft 2018 unterstrich letztlich die gedrückte Stimmung. Die Mannschaft wollte der Nation einen seltenen Augenblick des Glücks, der Sorgenlosigkeit und der nationalen Einheit schenken, wie beim legendären ersten Weltmeistertitel 1998. Kylian Mbappé, geboren 1998 als Sohn eines Kameruners und einer Algerierin, aufgewachsen in Seine-Saint-Denis, einem der Schauplätze der Pariser Banlieue-Revolten von 2005, sagte vor dem Turnier: «Ich will Frankreich verkörpern, es repräsentieren, alles für Frankreich geben.» Denn «eine Weltmeisterschaft löst viele Probleme. Sie macht das Land glücklich. Ob die Kassiererin, der Bürgermeister oder der Präsident: Alle machen sich mit einem großen Lächeln wieder an die Arbeit.»34
Frankreichs individualistische Fußballstars bändigten ausnahmsweise ihre Egos. Die oft zerstrittenen Les Bleus fanden zueinander. Sie bildeten kein Team ziemlich bester Freunde. Aber die elf Franzosen, die am Tag des Finales in Moskau aus voller Kehle die Marseillaise sangen, stellten sich in den Dienst der gemeinsamen Sache. Mit wenig Glanz, aber dank ihrer Eintracht holen die Franzosen den zweiten Weltmeistertitel. Das Volk, das sich eigentlich nur lauwarm für den Fußball begeistert, tanzt in den Straßen. Frankreich feiert die Feste, wie sie fallen.
CANDIDE ODER DER OPTIMISMUS
Die kollektive Schwermut ist aber nicht nur der schwachen Wirtschaftsentwicklung, den gesellschaftlichen Spannungen und dem fundamentalistischen Terror geschuldet. Die Gedrücktheit ist auch Ausdruck der permanent praktizierten Introspektion der Franzosen.
Zu den erfolgreichsten Autorinnen und Autoren zählen Michel Houellebecq, Virginie Despentes, Annie Ernaux und Édouard Louis. Sie porträtieren ihre Heimat als eine zerrüttete, gewalttätige Gesellschaft im Widerstreit mit der Modernität. Im Unterschied zu Deutschland scheint es in Frankreich sogar einen richtigen Nestbeschmutzer-Bonus zu geben. Der Schauspieler Gérard Depardieu beleidigt seine Landsleute als «Idioten» und nimmt die russische Staatsbürgerschaft an. An der Kinokasse wird Depardieu dennoch nur von Louis de Funès übertroffen, dessen Metier es war, sich meisterlich über seine Mitbürger lustig zu machen. Die Franzosen lieben diejenigen, die sie beschimpfen oder die ihnen den Spiegel vorhalten — sofern diese Störenfriede selbst Franzosen sind.
«Die Hölle, das sind die anderen.» Ganz wie in Jean-Paul Sartres Kammerspiel Geschlossene Gesellschaft beschäftigen sich die Franzosen hauptberuflich mit sich selber. Wer sich dessen vergewissern will, besuche eine private Feier in Paris. Zu hören gibt es dort hauptsächlich Chansons, French House und lokale Rap-Klassiker. Die Abendnachrichten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens widmen im Schnitt 16 Prozent ihrer Sendezeit europäischen und internationalen Themen; in Deutschland liegt der Anteil bei fast 50 Prozent.35 In einer Umfrage gaben 53 Prozent der Franzosen an, oft oder gelegentlich mit Freunden und Verwandten auch über europapolitische Fragen zu diskutieren. In Deutschland sagen das 82 Prozent von sich.
Und die Franzosen reisen selten ins Ausland.36 Warum auch? Frankreich hat alles, was der europäische Kontinent an Natur zu bieten hat: schneebedeckte Berge, dichte Wälder und Kornfelder, die sich bis zum Horizont ziehen. Da sind die trockene Provence, nasse bretonische Mondlandschaften, windstille Seen, endlose Flüsse, eine große und viele kleine Inseln und natürlich das Meer in zweifacher Ausführung: Man kann unter Palmen am Mittelmeer flanieren oder den Wellenreitern auf dem Atlantik zusehen und dabei Austern schlürfen. Und kommt winters die Sehnsucht nach Sonne auf, locken die vielen Direktflüge nach La Réunion im Indischen Ozean oder auf die Karibikinsel Guadeloupe. Keine Frage: Die Franzosen genügen sich selbst. Unglücklich sind sie trotzdem.
Dass Frankreichs pessimistische Stimmung auch auf kulturelle Faktoren zurückzuführen ist, zeigt die Glücksforscherin Claudia Senik. Die Professorin an der Paris School of Economics hat Umfragedaten des European Social Survey aus vier Jahrzehnten durchforstet und ermittelt, dass die Bürgerinnen und Bürger anderer Länder mit ähnlichen sozio-ökonomischen Profilen im Schnitt eine um 20 Prozent höhere Lebenszufriedenheit bekunden.
Zugleich erstaunt, dass ein ganz anderes Bild entsteht, sobald man Französinnen und Franzosen nach der Zufriedenheit mit ihrem Einkommen oder ihrem Arbeitsplatz befragt. Im Sommer 2020 sagten 85 Prozent, sie seien zufrieden mit ihrem Job; lediglich 8 Prozent rechneten damit, dass sich ihre Situation in den kommenden zwölf Monaten verschlechtern werde. Diese Umfragewerte sind praktisch identisch mit denen aus Deutschland.
An der Forschung von Senik fällt ein weiterer Punkt auf. Auch im Ausland lebende Franzosen sind weniger zufrieden mit ihrem Leben als die Bevölkerung im Gastland und andere dort lebende Ausländer. Umgekehrt werden Zuzügler nach Frankreich mit der Zeit ähnlich verzagt wie die Einheimischen. Frankreichs «kulturelle Mentalität» und die Bildungstradition machten die Franzosen unglücklicher, als ihr materieller Wohlstand suggeriert, erklärt die Glücksprofessorin Senik. «Frankreich ist ein Paradies, das von Menschen bevölkert ist, die sich in der Hölle wähnen», brachte der Schriftsteller Sylvain Tesson dieses Phänomen auf den Punkt.
Woher rührt solche Lust an der Kritik und der Härte gegen sich selbst? «Wenn die Engländerinnen rothaarig sind, so sind die Franzosen Kartesianer», schrieb der Philosoph André Glucksmann 1987 selbstredend klischierend in seinem Buch Descartes, c’est la France.37 «Je pense, donc je suis» («Ich denke, also bin ich») lautet das berühmte Dictum des französischen Mathematikers und Philosophen des 17. Jahrhunderts, René Descartes.
Doch Descartes’ geradliniges Denken hat widersprüchliche Ideen in Frankreichs Wesen eingewoben, so Glucksmann, der 2015 verstorben ist. Zum einen hat es die Begeisterung für den Rationalismus geweckt. Als sich die — vor dem Zeitalter der Aufklärung undenkbare — Möglichkeit einer menschengemachten Welt eröffnete, ebnete dies Frankreichs Weg zur Revolution und zur voluntaristischen, träumerisch-idealistischen Nation. Immer wieder erklärt Emmanuel Macron, Frankreich müsse wieder an diesen «Geist des Wagnisses» («esprit de conquête») anknüpfen.
Doch zum anderen beruht Descartes’ Rationalismus auf der Fähigkeit des Menschen, zu zweifeln, etablierte Ordnungen zu hinterfragen und nicht alles zum Nennwert zu nehmen. Die Praxis des Zweifels mag Fortschritt und Veränderung antreiben. Die Skepsis geht aber einher mit einer Haltung des Argwohns. Wenn die Franzosen nicht erst seit dem Internet und Covid-19, sondern seit je eine Affinität zu kruden Verschwörungstheorien hegen, dann auch deswegen, weil das Land eine Misstrauensgesellschaft ist. Auf die Frage «Kann man anderen Menschen vertrauen?» antworten nicht einmal 30 Prozent der Franzosen mit «Ja». In Deutschland liegt der Wert bei fast 45 Prozent.38 Fast durchweg vermuten sie bei Politikern und zumal bei Macron mehr Machiavellismus, als vorhanden ist.
Eine weitere Folge des Je pense, donc je suis ist, dass in Frankreich nur derjenige etwas gilt, der etwas denkt; genau genommen, der sich etwas ausdenkt. Intelligenz samt ihren Insignien wie Bildung, Kultur und Sprache zählen mehr als das verpönte Geld. Deshalb veröffentlicht jeder Pariser, der etwas auf sich hält (böse Zungen würden sagen: eine Tautologie), und zumal jeder ambitionierte Politiker mindestens ein paar Seiten zwischen Pappdeckeln. Ein Buch belegt, dass man schreiben kann, und im besten Fall, dass man etwas zu sagen hat, das über einen Tweet hinausgeht.
(Es gibt natürlich in Paris eine florierende Industrie von Ghostwritern. Während sich das Deutsche für diese Berufsbezeichnung eines Anglizismus bedient, hat Frankreich passenderweise eine Vielzahl von Umschreibungen wie «prête plume» oder «écrivain fantôme», was mit «ausgeliehene Feder» oder «Phantomschreiber» zu übersetzen wäre. Die aus dem 18. Jahrhundert stammende Bezeichnung «nègre littéraire» verschwindet dagegen allmählich; sie legt offen, dass die Franzosen genau wussten, dass der von ihnen praktizierte Kolonialismus die Arbeit und die Talente anderer ausbeutete.)
Denken ist nicht unbedingt der Weg zum Glücklichsein. Denken mache traurig, meinte der immerzu von Macron zitierte, 2020 verstorbene Literaturwissenschaftler George Steiner. Aber wenn das viele Nachdenken eine ganze Nation verleitet, Trübsal zu blasen, liegt das auch an dem seltsamen Anpassungsdruck, der in diesem Volk der Individualisten herrscht. Zur Illustration: Wer verspätet zu einem Pariser Abendessen stößt und versucht, sich in die laufende Diskussion einzuklinken, der soll die Faustregel anwenden: Hauptsache, irgendetwas sagen, und im Zweifel etwas Kritisches. Es gibt nichts Schlimmeres als einen Menschen ohne Meinung. Optimisten stehen unter Generalverdacht, naiv zu sein beziehungsweise irgendetwas nicht kapiert zu haben.
Intelligenz und Denkleistung wird mit dem Bezug einer klaren Position und Kritik «an der Macht» oder an den gerade angeblich herrschenden Diskursen gleichgesetzt. Anna Polonyi vom Paris Institute for Critical Thinking (!) vermutet, der französische Drang zur Kritik rühre aus einer «fundamentalen Angst», als Optimist und mithin als «Verlierer» dazustehen. Glücksforscherin Senik bekräftigt: «Es ist kulturell schlecht angesehen, zu optimistisch zu sein» — was Politiker jedoch sein müssen, einschließlich des Zweckoptimisten Macron. Der Franzose verspüre einen gewissen Stolz und fühle sich überlegen, wenn er eine kritische Distanz zu allem wahre — im Sinne von: «Ich habe mich nicht übers Ohr hauen lassen.»39 Descartes’ Losung ist abgewandelt ein «Ich kritisiere, also bin ich (intelligent)».
Bei aller Liebe zum Leiden verwundert es nicht, dass Paris schon immer ein Zufluchtsort derjenigen war, die das Rotweinglas halb leer sehen. Die Stadt war die zweite Heimat des Rumänen Emil Cioran, des schwermütigsten und stilistisch leichtfüßigsten aller Pariser Schriftsteller und Kulturkritiker. Zu seinen Sentenzen gehören Aussagen wie «Wäre Dante Franzose gewesen, er hätte nur das Fegefeuer beschrieben» oder «Ich verstehe Frankreich gut — durch alles, was faul in mir ist».40
Der im selbstgewählten Pariser Exil lebende Schweizer Schriftsteller Paul Nizon beobachtet: «Frankreich ist ein Land von zweckpessimistischen Individualisten. Sie gehen davon aus, dass das Leben hart ist, und sehen es als ihre Aufgabe, diesem etwas Positives abzuringen.»41 Paradoxerweise dient das negative Welt- und Lebensbild als Quelle der berühmten französischen joie de vivre, der Lebenslust. Das Schöne muss zelebriert, jede gute Nachricht mit Champagner gefeiert werden, denn frohgemute Erlebnisse werden als Ausnahmefälle betrachtet.
Das Bild des unzufriedenen Franzosen ist natürlich vor allem auch eine Pariser Impression. Im Süden des Landes ist man ausgeglichener, im Westen geschäftiger, im Osten gemütlicher. Aber wo auch immer im Lande, der Gutgläubige kommt in der französischen Kulturgeschichte schlecht weg. Jeder Jugendliche liest in der Schule Voltaires Candide oder der Optimismus, in dem sich der Nationalautor dauernd über die Naivität und den Optimismus der Hauptperson seiner Novelle mokiert. Versöhnlich gestimmte Autoren werden in die Gattung livres de plage (Strandbücher) einsortiert: eine schöne Ablenkung beim Sonnenbaden an der Küste, keine ernsthafte Literatur.
Pessimismus und Kritik sind nicht bloß ein Beiwerk der intellektuellen Eitelkeit; sie erlauben es den Franzosen auch, Nähe herzustellen und Solidarität mit weniger Glücklicheren zu zeigen, meint Polonyi. Wer im Gespräch mit anderen Kritik übe, sei es am Wetter, sei es am Staat, sei es am Nachbarn, der im Treppenhaus nicht mal «bonjour» zugerufen habe, gebe sich als vulnerabel zu erkennen.
Bereits die Begrüßung ist der Auftakt eines Klagelieds. Man fragt leicht besorgt «ça va?» und erwartet durchaus ein Seufzen oder Lamento — während in Deutschland und erst recht in Großbritannien auf ein «Wie geht’s?» das obligate, unverbindliche «gut» folgt und jede andere Antwort irritieren würde. So ist das französische «Ach und Weh» ein Türöffner für Komplizenschaft in diesem Land, in dem der erste Kontakt oft distanziert oder unbeholfen ist. Eine gemeinsam erlittene Misere wirkt als einigende Kraft.
«Unglücklich das Land, das Helden nötig hat», schrieb Bertolt Brecht. Frankreich glaubt noch immer, Helden nötig zu haben. Und in der Tat ist der reale und gefühlte Abstieg Frankreichs das lange Prélude zu dem schnellen Aufstieg des Emmanuel Macron.
Pulsuz fraqment bitdi.