Kitabı oxu: «Am laufenden Band»

Şrift:

Joseph Ponthus

Am laufenden Band

Aufzeichnungen aus der Fabrik

Aus dem Französischen von

Mira Lina Simon

in Zusammenarbeit mit

Claudia Hamm


DIESES BUCH

IST FÜR KRYSTEL UND VERDANKT IHR ALLES

ICH WIDME ES MEINEN BRÜDERN

DEN PROLETARIERN ALLER LÄNDER

DEN ANALPHABETEN UND DEN ZAHNLOSEN

MIT DENEN ICH SO VIEL

GELERNT GELACHT GELITTEN UND GEARBEITET HABE

CHARLES TRENET

OHNE DESSEN LIEDER

ICH NICHT DURCHGEHALTEN HÄTTE

M.D.G.

UND

MEINER MUTTER

Inhalt

Teil 1

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Teil 2

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Ich danke

Zitatnachweise

I

»Fantastisch, was sich alles ertragen lässt.«

GUILLAUME APOLLINAIRE

(Brief an Madeleine Pagès, 30. November 1915)

1.

Bevor ich in die Fabrik kam

Dachte ich natürlich an

Den Gestank

Die Kälte

Das Schleppen schwerer Kisten

Die Erschöpfung

Die Arbeitsbedingungen

Das Fließband

Moderne Sklaverei

Ich bin dort nicht für eine Reportage hin

Und schon gar nicht für die Revolution

Nein

Die Fabrik ist für die Kohle

Ein Brotjob

Wie man so sagt

Weil meine Frau es satt hat mich auf der Couch auf eine Stelle in

meiner Branche warten zu sehen

Also

Lebensmittelindustrie

LM

Wie man hier sagt

Eine bretonische Fisch- und Garnelenproduktions- und

-verarbeitungs- und -gar- und all das -fabrik

Ich geh dort nicht zum Schreiben hin

Sondern für die Kohle

In der Zeitarbeitsfirma werde ich gefragt wann ich anfangen kann

»Wenn morgens fahle Sonne frühe Gärten bleicht«

Antworte ich so schlicht wie Hugo

Beim Wort genommen fange ich am nächsten Morgen um sechs Uhr

an

Im Laufe der Stunden und Tage setzt sich das Bedürfnis das zu

beschreiben hartnäckig fest wie eine Gräte im Rachen

Nicht die Eintönigkeit der Fabrik

Sondern ihre paradoxe Schönheit

An meinem Förderband denke ich oft an eine Parabel von ich glaube

Claudel

Auf seinem Pilgerweg von Paris nach Chartres trifft ein Mann einen

Arbeiter beim Steineklopfen

Was machen Sie da

Meinen Job

Felsblöcke rollen

Scheiße

Mein Rücken ist hin

Sauerei

Müsste verboten sein

Zum Verrecken

Ein paar Kilometer weiter ein zweiter bei der gleichen Arbeit

Gleiche Frage

Ich schufte

Muss die Familie ernähren

Das ist hart

Aber ist halt so und ist immerhin Arbeit

Das ist das Wichtigste

Noch weiter

Kurz vor Chartres

Ein dritter Mann

Mit strahlendem Gesicht

Was machen Sie da

Ich baue eine Kathedrale

Mögen meine Garnelen und meine Fische meine Steine sein

Ich rieche den Gestank der Fabrik nicht mehr der mir zuerst in die

Nase stach

Die Kälte ist mit dickem Pullover Kapuzenpulli zwei Paar Socken und

langer Unterhose erträglich

Die schweren Kisten lassen mich Muskeln entdecken von denen ich

bislang nichts wusste

Die Knechtschaft ist freiwillig

Fast beglückend

Die Fabrik hat mich gekriegt

Ich sage nur noch

Meine Fabrik

Als sei ich kleiner Zeitarbeiter unter all den anderen irgendwie

beteiligt an der Fisch- und Garnelenproduktion oder den -maschinen

Bald

Produzieren wir auch Muscheln und Schalentiere

Krebse Hummer Seespinnen und Langusten

Ich hoffe bei dieser Revolution noch dabei zu sein

Und Scheren zu klauen obwohl ich jetzt schon weiß

Das wird nichts

Nicht mal die kleinste Krabbe dürfen wir uns angeln

Will man ein paar verdrücken muss man sich gut verstecken

Noch nicht unauffällig genug hat die alte Brigitte gesagt

»Ich hab nichts gesehen aber pass auf wenn die Chefs dich

drankriegen«

Seitdem pul ich sie klammheimlich unter der Schürze mit meinen

drei Paar Handschuhen die mich vor Feuchtigkeit Kälte und

allem anderen schützen und futtere an Naturalien was ich für das

Mindestmaß an Erkenntlichkeit halte

Ich schweife ab

Zurück zum Schreiben

»Ich schreibe wie ich spreche wenn der Feuerengel des Gesprächs

mich zum Propheten macht« schrieb in etwa ich weiß nicht mehr wo

Barbey d’Aurevilly

Ich schreibe wie ich denke an meinem Förderband schwirre alleine

unbeirrbar durch meine Gedanken

Ich schreibe wie ich arbeite

Am Fließband

Am laufenden Band

Die Schicht

Beginnt zwangsläufig am Anfang des endlosen weißen kalten Gangs

Bei den Stechuhren um die wir uns nachts drängen

Um vier

Um sechs

Um sieben Uhr dreißig morgens

Je nach Arbeitsauftrag

In der Entladung also beim Fischkistenleeren

In der Verarbeitung oder Enthäutung also beim Fischezerlegen

In der Garung also bei allem was mit Garnelen zu tun hat

Noch hatte ich zum Glück keine Nachmittags- oder Abendschicht

Beginn sechzehn Uhr Ende um Mitternacht

Hier

Sind sich alle einig

Und bis jetzt sehe ich das auch so

Je früher

Desto besser – auch wenn es nachts zwanzig Prozent mehr gibt –

Dann »haste deinen Nachmittag«

»Wenn schon früh

Dann richtig früh«

Ach was

Acht Stunden Arbeit

Sind acht Stunden Arbeit egal wann

Und dann

Geht man heim

Feierabend

Kommt nach Hause

Gammelt

Döst

Und denkt schon an den Wecker

Egal wann er klingelt

Er klingelt immer zu früh

Nach dem Tiefschlaf

Den Kippen und dem heruntergekippten Wachmachkaffee

Gehts in der Fabrik

Knallhart los

Als hätte es kein Aufwachen gegeben

Gleitet man wieder in einen Traum

Oder Albtraum

Das Neonlicht

Die mechanischen Griffe

Die im Halbschlaf umherschweifenden Gedanken

Das Ziehen Schleppen Sortieren Heben Wiegen Räumen

Wie beim Einschlafen

Versteht man nicht wie diese Griffe und Gedanken ineinanderfließen

Am laufenden Band

Wundert man sich immer wieder dass Tag ist wenn man Pause

machen rausgehen rauchen und einen Kaffee trinken kann

Ich kenne nur wenige Orte mit einer so

Kompromisslosen existenziellen radikalen Wirkung wie

Griechische Heiligtümer

Gefängnisse

Inseln

Und die Fabrik

Kommt man heraus

Weiß man nicht kehrt man zurück in die echte Welt oder verlässt

man sie

Obwohl man ja weiß eine echte Welt gibts nicht

Aber egal

Apoll hat Delphi nicht zufällig zum Zentrum der Welt gewählt

Athene hat die Agora zwangsläufig zum Geburtsort einer

Weltvorstellung gewählt

Das Gefängnis hat das Gefängnis gewählt das Foucault gewählt hat

Licht Regen und Wind haben die Inseln gewählt

Marx und die Proletarier haben die Fabrik gewählt

Geschlossene Welten

In die man willentlich hineingeht

Entschlossen

Und aus denen man nicht mehr herauskommt

Oder wie soll ich sagen

Ein Heiligtum verlässt man nicht unversehrt

Ein Gefängnis verlässt man nie wirklich

Eine Insel verlässt man nicht ohne zu seufzen

Eine Fabrik verlässt man nicht ohne in den Himmel zu schauen

Feierabend

Was für ein schönes Wort

Das man kaum noch benutzt und wenn dann nicht wörtlich

Denn abends

Ist man körperlich

Nicht in der Lage zu feiern

Will nur noch loslassen loswerden duschen die Fischschuppen

abwaschen doch wenn man endlich im Garten sitzt ist es zu mühsam

zum Duschen aufzustehen nach acht Stunden Fließband

Der nächste Tag

Ist für einen Zeitarbeiter

Nie garantiert

Die Verträge laufen zwei Tage höchstens eine Woche

Man könnte meinen wir sind bei Zola

Schreiben das 19. Jahrhundert die Epoche der Arbeiterhelden

Doch wir sind im 21.

Ich hoffe auf Arbeit

Ich warte auf Feierabend

Ich warte auf Arbeit

Ich hoffe

Warten und Hoffen

Fällt mir ein sind die letzten Worte im Graf von Monte Christo

Mein guter Dumas

»Mein Freund, hat der Graf uns nicht gesagt, die ganze menschliche

Weisheit bestehe in diesen beiden Worten: Warten und Hoffen!«

2.

Für wen produzieren wir täglich die vierzig Tonnen Garnelen deren

Haltbarkeitsdatum jeden Tag wieder in einem Monat abläuft

Sechzig Millionen Franzosen müssten also täglich vierzig Tonnen

Garnelen essen

Mit Verlusten würde die Fabrik nicht laufen

Vor vier Jahren wurde die Fabrik zerstört und in

dreihundertvierundsechzig Tagen wiederaufgebaut ganz im Rahmen

der gesetzlichen Versicherungsfrist

Ein Chef hat sie zweimal absichtlich angesteckt munkelt man

Wie fackelt man eine Fabrik ab deren Höchsttemperatur acht Grad

Celsius beträgt

Muss man erstmal schaffen

Muss man wirklich wollen

An was denken meine Kollegen Produktionsmitarbeiter beim

Sortieren ihrer Garnelen welche Ohrwürmer besetzen ihre Köpfe oder

summen ihre Münder vor sich hin

Durch Ohrstöpsel und Fabriklärm hindurch hör ich manchmal

Balavoine und Christophe Maé der sich fragt wo das Glück ist und

Véronique Sanson

Leute die jeder kennt

Unsere gigantischen Förderbandmaschinen

Metallbäuche in denen die Garnelen

Aufgetaut

Sortiert

Gegart

Wiedertiefgefroren

Wiedersortiert

Verpackt

Etikettiert

Und wiederwiedersortiert werden heißen

Coaxial

Ishida

Multivac

Arbor

Bizerba

Jede hat ihre eigene Funktion

Solche riesigen Maschinen muss man erstmal produzieren nur wer

macht das und wo

Sind es weitere Maschinen die die Maschinen herstellen

Und wenn ja welche Fabriken stellen die Maschinen für unsere

Fabrik her

Und in welchen Fabriken stellen dann Maschinen die Maschinen her

die die Maschinen für unsere Fabrik herstellen

Ich spreche nicht von Menschen an den Maschinen sondern vom

Paradigma der Maschine die eine andere Maschine herstellt

Angeblich beschäftigt die Fabrik zwei Drittel Zeitarbeiter und ein

Drittel Festangestellte

Angesichts der Gehälter fragt man sich warum

Das wissen nur die Chefs

Allein

Warum grüßt der graumelierte Chef nie irgendwen während andere

in dieser Maschinenwelt doch recht menschlich sind

Welchen Teil der Maschine verkörpern wir unbewusst selbst

Alle Garnelen kommen tiefgefroren aus Madagaskar Peru Indien

Nigeria Guatemala Ecuador

Exotischen tropischen Reisezielen

Vielleicht Billigflaggen

Bestimmt Handelshäfen

Alle Garnelen kommen ungepult außer die besonders dicken

»Aperitif-Garnelen« die in einem Plastikrund mit einem Gewicht von

einhundertfünfundzwanzig Gramm zu einem Supermarktpreis von

rund fünf Euro als »Kränze« verkauft werden

Oft produzieren wir mehr als zehntausend Aperitif-Garnelen-

Kränze pro Tag mit gut zwanzig Mini-Garnelen pro Kranz

Welche Produktionsmitarbeiter aus welchem Land haben

vor uns so viel gepult

Welche Arbeiter

Für welches Geld

Welche Kinder

Wie sehen die Gesichter der Produktionsmitarbeiter aus

Wie ihr Leben hinter den persönlichen Schutzausrüstungen

Unter den Masken

Hinter den mechanischen Griffen der gegenseitigen Hilfe der

automatischen Freundlichkeit von denen die klaglos schuften

Nicht übers Leben zu reden scheint stillschweigend abgemacht

Die Fabrik geht vor genau wie der Lohn

So viele Garnelen

So viele Fragen

Morgen

»Oh meine Danaidenfässer«

Wie Apollinaire gesagt hat

Oh bodenlose Fässer der vierzig Tonnen Garnelen pro Tag

Nehm ich meine Fabrik wieder auf

Geh ich zu meinen Garnelen zurück

Zur Plackerei derer die nur

Ihre Hände zu verkaufen

Ihre Fürze abzulassen haben

Ihre obszönen Witze um sechs Uhr früh

Was sie auch singen

Welche Fragen sie auch stellen

Beim Sortieren der Garnelen

Existenzielle oder nicht

Ich bin einer von euch

Ein Fabrikarbeiter

Ein Fragenabarbeiter zum Großen Ganzen zu nichts Wichtigem zur

Literatur zu allem anderen zu den Garnelen

Was im Grunde aufs Gleiche hinausläuft

Acht Stunden pro Nacht pro Tag an den Maschinen

Das Wort Garnele fällt mir ein liest man zum ersten Mal bei Rabelais

Das gefällt mir und passt zum sauren Gestank der Fabrik

Die Fabrik verlassen Sonne Wärme tanken falls vorhanden

Rauchen

Heimkommen

Trinken

Vögeln

Weinen

Lachen

Sein Leben woanders leben als bei den Garnelen

Schlafen

Den Wecker stellen

Schlafen wie ein Stein

Morgen zurück zu den Garnelen

3.

Am Montag fange ich um vier Uhr morgens an

Nicht bei den Garnelen sondern beim Frischfisch

Um vier Uhr morgens wenn die Fischer von Guilvinic Douarnenez

der Île-d’Houat oder anderswo aufs Meer rausfahren

Darauf bin ich ein bisschen stolz

Frischfisch des Tages ist bestimmt ne Riesenlieferung Sardinen

Beim letzten Mal waren zehn Tonnen zu sortieren und mit dem

Etikett »Pavillon Frankreich« zu versehen und in Styroporkisten

voller Eis zu stapeln

Es ist Sommer also werden es weit mehr sein als die zehn Tonnen

vom letzten Mal

Schließlich ist Grillzeit

Ich werde beim Sortieren gut aufpassen und die Makrelen und Stinte

herausfischen

Um vier Uhr morgens heißt zwei Stunden früher aufstehen schon am

Vortag starken Kaffee machen das Fahrrad nehmen eine halbe Stunde

in die Pedale treten

Ich werde unterwegs sicher an Vatel denken der sich unter

Ludwig XIV. wegen einer verspäteten Fischlieferung das Leben nahm

Bin ich zu spät und ist es kurz nach vier Uhr morgens sieht meine

Zukunft nicht rosiger aus als die von Genosse Vatel

Am Montag

Um vier Uhr morgens

Beim Frischfisch

4.

Anfang der Woche kam ein neuer Zeitarbeiter der wiegt eine Ladung

Sardinen auf

Er ist nicht nur Drückeberger

Kippenschnorrer

Mitfahrgelegenheitswegschnapper

Nein er ist vor allem genauso kälteempfindlich wie

verständnisresistent

»Ist echt arschkalt in der Fabrik«

»Ist ne Frischfischfabrik da ists besser wenns kalt ist«

»Aber ich trag drei Paar Handschuhe und die Hände sind eisig«

»…«

»Denkst du ich kann den Chef fragen ob wir warmes Wasser in die

Fischkisten mit Eis kippen können das wär zum Arbeiten besser«

Der Gute hat als Kind zu heiß gebadet scheints

Und Arbeiten ist auch nicht so sein Ding

5.

Die Sortierer

Ähneln den Büchermachern in der Gewerkschaft

Sie arbeiten allein

Im stillen Kämmerlein

Und haben echte Vorteile

Im Vergleich zu den anderen Fabrikarbeitern

Sie können sich fünf Minuten Verspätung erlauben

Um vier Uhr morgens bei Schichtbeginn

Ist die Raumtemperatur von acht Grad Celsius recht mild

Sie haben Anspruch auf zwei gesetzlich geregelte Pausen statt auf

eine die der Chef zuteilt

Kurze Zehn-Minuten-Kippe-Kaffee-Pause um sechs

Dreißig Minuten Kaffee-Kippen-Pause um halb neun

Die Arbeit ist nicht ganz so anstrengend

Und eintönig

Fünfundzwanzigkilokisten Fisch leeren und andere

Fünfundzwanzigkilokisten füllen

Klar denkt man da an die Shadoks

Aber ist halt Fabrikarbeit

Und macht Muskeln

Die Maschine geht niemals kaputt

Und die Fischarten wechseln

Seelachse Merlane schwarze Seelachse gelbe Seelachse Haarschwänze

Schellfische Seeteufel und vor allem und noch viel mehr Seelachse

aller Art

Soll ja nicht langweilig werden

Heute haben die Sortierer gestreikt

Alle anderen Arbeiter nicht

Ein Beweis für die errungenen Vorteile

Umso besser die Vorteile haben sie hart erkämpft

Bei Schichtbeginn waren wir nur zu zweit

Nach der ersten Pause kam Verstärkung

Wir haben Kisten um Kisten mit Haarschwänzen und Merlanen

sortiert

Wir haben die Arbeit geschafft

Und während ich das schreibe

Sortiere ich weiter

Nur diesmal Wortarten

6.

Zwischen ein paar Tonnen Seelachsen Haar- und Rattenschwänzen

Hab ich heut dreihundert Kilo Chimären sortiert

Bis heute Morgen wusste ich nicht mal dass ein Fisch dieses Namens

existiert

Meine Chimären kamen nach der Pause

Lustige Fische mit zwei schönen Bauchflossen wie Flügel

Vielleicht heißen sie deshalb so

Vielleicht aber auch nicht

Damit war der Vormittag gerettet

Dass ich mir sagen konnte

Ich hab meine Chimären sortiert

Heut ist der 31. am Nachmittag geh ich zur Zeitarbeitsfirma meinen

Vorschuss holen denn vertragsgemäß werden wir erst am 11. des

Folgemonats bezahlt

Der Vorschuss beträgt maximal fünfundsiebzig Prozent der

geleisteten Arbeitszeit

Die Personalabteilung der Fabrik hat meine Stunden der letzten

Woche noch nicht bestätigt

Heißt ich bekomme nur fünfzig Prozent von dem was ich dachte

Noch eine Chimäre

7.

In der Fabrik

Sortiere ich heut haufenweise Grenadierfische

In der Fabrik

Wünschen sich einige Kollegen selbst Grenadiere zu sein

Im militärischen Sinn des Worts

Seit dem Terroranschlag in Nizza am 14. Juli bei dem ein Lastwagen

in die feiernde Menge raste

Wünscht sich der eine sein Jagdschein hätte eine Sonderzulassung

für »Kakaken«

Die Mischung aus Kameltreiber und Makaken

Wünscht sich die andere man setze alle in ein Boot in den Atlantik

und schwupp unsere Fische hätten gut zu fressen

Verständigen sich viele auf Bürgerwehren wenn die Bullen schon

nichts taugen

Fabrice Le Noxaïc

Der für seinen Jagdschein die Sonderzulassung »Kakaken« will

Versieht mit einem schwarzen Filzstift seine Schutzausrüstung

Stiefel Kittel Hosen Handschuhe systematisch mit seinen Initialen

aber mit dem Nachnamen zuerst also LNF

Die Vorstellung wie es ihm auf den Sack gehen muss FLN zu

schreiben bringt mich zum Lachen

Vielleicht hieße er auch lieber Olivier-Antoine Schultz

8.

Für einen Monat hab ich einen Job in meiner alten Branche

Und zum ersten Mal in meinem Leben

Werde ich Chef sein

Oder na ja

So wie es nicht mehr »Arbeiter« heißt sondern

»Produktionsmitarbeiter«

Werd ich nicht »Chef« sein sondern »Leitender Begleiter«

In diesem Fall bei einem Dutzend Ferienfreizeiten für »Menschen mit

Behinderung«

»Behinderte« sagt man nicht mehr und »Mongis« schon gar nicht

Im Norden Frankreichs zwischen Belgien und Paris

Dienstwagen Hotels und Spesen wenn alles gut läuft

Eine endlose Strecke wenn es sechshundert Kilometer von mir

entfernt Probleme gibt

Aber darum gehts jetzt nicht

Heut hatte ich im Kaff von Ker Breizh dem Zentrum vom Arsch der

Welt der Bretagne eine Schulung um meine Cheffitüde zu trainieren

und meine Teams in spe zu treffen die Teamer und Begleiter

Von heut auf morgen vom Rhythmus der Fabrik zu dem der

Sozialarbeit zu wechseln

Ist als wechselte man von einem Arbeitsbegriff zu einem anderen

und zwar im marxistischsten Sinn des Wortes

Kaffee Kippe Pause Kaffee Kippe Pause »Austausch unter Kollegen«

Kippe Kaffee und so weiter Pause

Garnelen Wellhornschnecken Garnelen Garnelen Kisten und weitere

Kisten und wieder diese Scheißgarnelen und auf die Pause warten die

der Chef zuteilt und wieder Garnelen Wellhornschnecken Garnelen

Garnelen

Hier wie dort Unterordnung und Verkauf meiner Arbeitskraft

Unter der Woche untergeordneter Arbeiter

Diesen Samstag frischgebackener Chef

Eine meiner zukünftigen »Mitarbeiterinnen« in Hippielook wie frisch

vom Festival Vieilles Charrues die Haare in Dreadlocks wie

selbstgedrehte Kippen will mich kurz unter vier Augen sprechen

»Also du bist hier mein Leitender Begleiter«

»Ja«

»Na ja also ich glaub ja unsere Freizeitteilnehmer sollten echt ne gute

Freizeit haben weil ist halt ihre Freizeit«

»…«

»Weil schau uns selbst an wenn man keine gute Freizeit hat ist es halt

auch keine echte Freizeit«

An manchen Samstagen bedauert man seine Arbeitskraft nicht an die

Garnelen und Wellhornschnecken verkauft zu haben die zumindest

nicht ganz so viel reden

9.

Die Cheffitüde bei den Mongis

Ist vorbei

Drei Wochen »work ’n’ travel«

Wie junge Leute sagen

Fünfzehn Tage Workation

Ich habe viel am Steuer gesessen

Sehr viel

Habe an Le Conscrit des cent villages von Aragon gedacht

Das Defilee von Glockentürmen und klingenden Ortschaftsnamen

Von der Normandie über die Region Nord-Pas-de-Calais

Die ich wohl nie Hauts-de-France nennen werde

Bis nach Belgien

Habe mehr Käffer und Straßen gesehen

Als Leute

Dunkerque Saint-Valéry-en-Caux Fécamp Berck-sur-Mer

La Roche-Guyon Étampes Trouville Verviers Westrozebeke und

Ostende und bei den belgischen Vettern Vétheuil Vernon

Verneuil-sur-Avre Beuvron-en-Auge

Ein Frankreich der Unterpräfekturen

Der Marktplätze mit Kopfsteinpflaster und Fachwerkhäusern

Der flämischen Glockentürme

Und Erinnerungen an die Kriege

Dem von 1914

Passendale die Somme Péronne der Wettlauf zum Meer Ypern wo

ich das tägliche Gedenkläuten abends um acht für die Gefallenen

verpasst und die englischen kanadischen sogar indischen und

maorischen Friedhöfe nur aus der Ferne gesehen habe because ich

saß am Steuer

Dem von 1939 in der Normandie

Also eher von 1944

Am Steuer sitzen

Ist fast so eintönig

Wie Fische Kisten Garnelen sortieren

Aber natürlich anders

Chef sein von Leuten die Freizeitteilnehmer mit Behinderung

begleiten

Dagegen kann man nichts sagen

Man sitzt am Steuer

Sonst nichts

Die geplanten Besichtigungen

Waren schneller gemacht als ein Blitzkrieg

Étretat

Giverny

Honfleur

Postkartenidyllen von denen

Die Blumen in Monets Garten

Übrig bleiben

Und die Satiehäuser

Eines der schönsten Museen der Welt von dem man mir oft schon

vorgeschwärmt hat

Zu Recht

Eine fliegende Birne

Ein Zimmer in Montmartre

Ein elektrisches Klavier

Ein Tretkarussell das einen riesigen Regenschirm öffnet

Zurück auf der Straße

Auf der Autobahn

Streifte das Abendlicht in der Ferne den Mont-Saint-Michel

Ich fuhr an Villedieu-les-Poêles vorbei einem Dorf mit Messingwaren

und Gehörlosen von dem schon Rabelais im Gargantua spricht weil

von dort das Metall fürs Besteck seines Helden stammt

Dann quer durch die Bretagne und heim

Es war die Nacht der Sternschnuppen der Laurentiustränen

Zurück in Lorient die letzten Dudelsackklänge vom interkeltischen

Festival

In der Ferne ein Feuerwerk

Ich schaute zum Himmel und wünschte mir was

Heut Morgen

Habe ich in der Zeitarbeitsfirma meinen Scheck vom letzten Monat

und einen neuen Vertrag abgeholt

Bingo

Vier Wochen Nachtschicht in einer neuen Fabrik von zwanzig Uhr

dreißig bis fünf Uhr dreißig

Das wars mit den Fischen und Garnelen

Aber nicht mit Kisten Wannen und Maschinen

Ich freu mich auf die Arbeit auch wenn eine neue Fabrik Stress heißt

und ich meinen Fischen und Garnelen nachtrauere

Was werde ich wohl produzieren

Mit meinen behinderten Freizeitteilnehmern habe ich nichts

produziert

Sie hatten frei und produzieren den Rest des Jahres in

Behindertenwerkstätten

Für so wenig Geld wie Freizeit und sind dennoch zufrieden und stolz

Manche erzählen mir von Holzarbeiten und dem ständigen Hobeln

an Möbeln von Grünflächen wo sie je nach Jahreszeit Laub

einsammeln oder Blumen gießen von kleinen Schrauben die sie in

ich weiß nicht welche Teile stecken

Wenn ich das hör versteh ich sie genau aber trau mich nicht zu sagen

ich bin einer von euch

Chefposten ist Chefposten

Meine Freizeitteilnehmer mit Behinderung würden das sicher

verstehen

Meine untergeordneten Teamer und Begleiter verstehen es nicht

Montagabend um zwanzig Uhr dreißig

Stehe ich als Produktionsmitarbeiter wieder unter den Chefs am

Förderband am Fließband an der Produktionsstraße

Denke ich in der Fabrik bestimmt genauso an diese französischen

Städte und Dörfer wie ich auf der Straße an die Fabrik dachte

Bin ich wohl der Soldat Aragons

»Oh ihr Dämonen denn ihr seid Dämonen

Gebt mir Wörter über Wörter«

10.

Zurück von der Nachtschicht

Wird es im Osten in der Ferne langsam hell

Sechs Uhr morgens und acht Stunden in der Panierfischfabrik die

Form verlieren liegen hinter mir

Nicht meine

Sondern Gussformen wie Kuchenformen wie große

Sechserplastiklegosteine aber weich und in Fünfzigerstapeln die

man abstapelt und auf ein Förderband legt das nie stillsteht

Dann füllt eine Maschine die Formen mit einer dicken Soße

Was dann kommt seh ich nicht mehr

Für meinen Organismus ist der Rhythmus meiner acht

Nachtstunden nicht einfach zu handeln

Wann soll ich aufstehen zu Bett gehen mich ausruhen essen Kaffee

trinken oder Wein

Ich dachte ich verschiebe einfach alles um zwölf Stunden

Ich fang um neun Uhr abends an als wär es neun Uhr morgens der

Rest folgt der Verschiebung

Und hör um fünf Uhr also siebzehn auf

Haste gedacht

Mein Organismus ist genauso orientierungslos wie ich in dieser

neuen Fabrik

Klar ich bin erst seit zwei Tagen hier der Automatismus ist noch nicht

da aber in der Nacht verdammt

»Allein in der Nacht liege ich wach und denk an dich sacht ich bin ein

Soldat steh wie alle parat«

Sang Johnny Hallyday in Deutschland für seine Sylvie

In der Nacht fühle ich mich wie ein Fabriksoldat

Wenn ich von meiner Frau träume

Die so nah und doch so fern von mir schläft

Tausend weiche Plastikformen entfernt

Mit Panierfisch

Fühlt sich die Arbeit nicht mehr so edel an wie mit echtem Fisch

Hier gibts nur Paniermehl Kräuter Tiefgefrorenes

Geschmack- und Reizloses

Egal

Es ist sieben

Es wird hell

Es ist Schlafenszeit

Ich weiß nicht soll ich einen Kaffee oder Rotwein trinken

Auf jeden Fall werd ich eine Ballade von Johnny summen wenn ich

mich an meine schlafende Frau schmiege die ich nicht aufwecken

will

»Ich bin ein Soldat der der Dinge hier harrt«

11.

Seit sieben Monaten ist er beim Panierfisch

Er ist zwanzig

Er hat die Schnauze voll

Von der brutalen Mutprobe die man ihm aufgezwungen hat der

beschissenen Atmosphäre den eintönigen Nachtstunden in denen

man schuftet und schuftet und dem Gefrierpanierfisch ohne Ende

Inmitten der Nacht lässt der Maschinenlärm etwas nach

Er fragt mich warum ich hier bin

Ich sage ihm wie allen anderen die einfache schöne Wahrheit

Dass ich weg bin von allem für die die ich liebe

Dass wir geheiratet haben

Dass ich glücklich bin hier zu sein

Und die Fabrik na ja irgendwas muss man ja tun

Und bald ein Baby fragt er sofort

Hoffen wir so sehr wie wir dran arbeiten

Auch er heiratet bald

Es gibt noch viel zu tun

Er hat ein bisschen Angst aber sie kommen voran

Ein paar Gesprächsfetzen später erfahre ich

Ich wohne ganz in der Nähe von der Arbeit seines Freundes

Ein paar Tage später helfe ich einem anderen Team

Einer erzählt mir von der Hochzeit des Ersten

Sie wollten ihre Partnerschaft eintragen lassen aber durch das neue

Gesetz können sie auch heiraten und damit auch leichter adoptieren

Ich lächle gerührt

Und denke fest an Ministerin Taubira die zu Recht dafür gesorgt hat

dass ein kleiner schwuler Arbeiter sich in der Fabrik outen kann

Bei seinen Eltern war das womöglich schwieriger

Dass er das Recht auf seiner Seite hat

Und selbst wenn er gelitten hat und die Mutprobe hart war

Heiraten wird

Am Ende meiner Nacht hol ich mir aus dem Getränkeautomaten

eine Dose Perrier

Champagner

12.

Angefangen hat das so

Verlangt hatte ich ja nie was aber

Als mich ein Chef bei Schichtbeginn fragt ob ich schon mal Tofu

abgetropft hab

Als ich die Anzahl der Paletten und Paletten und Paletten seh die

ich allein abtropfen soll und ich gleich weiß damit bin ich die ganze

Nacht beschäftigt

Tofu abtropfen

Sag ich mir immer wieder ohne recht daran zu glauben

Heute Nacht werde ich Tofu abtropfen

Heute werde ich die ganze Nacht Tofuabtropfer sein

Ich werde eine Parallelerfahrung machen sag ich mir

In dieser bereits parallelen Welt Fabrik

Ich beschreib mal die Szene

Es ist vierzehn Uhr dreißig

Ich wache auf nach einer Nacht die um acht Uhr morgens begann

Ich soll um zwanzig Uhr dreißig anfangen um fünf hab ich Schluss

Die Zeitarbeitsfirma ruft an Dienstplanänderung

Von neunzehn Uhr bis vier Uhr dreißig macht mit der üblichen

halben Stunde Pause gut neun Stunden Arbeit

Soll ich nicht zum Panierfisch sondern zu den Fertiggerichten die

meine Fabrik ebenfalls herstellt

Ich mach mich an die Arbeit

Ich tropfe Tofu ab

Ich sag mir diesen Satz auf

Wie ein Mantra

Fast

Wie ein Zauberspruch

Ein Segen

Ein Passwort

Eine Art Resümee der Sinnlosigkeit des Lebens der Arbeit der ganzen

Welt der Fabrik

Ich lach mich schlapp

Ich träller im Kopf Y a d’ la joie vom guten Trenet um mich in Gang zu

kriegen

Ich denk an den berühmten Shakespeare-Vers in dem die Welt eine

Bühne ist und wir nur schlechte Schauspieler

Ich wär bestimmt ein guter Kandidat für die TV-Show Kamoulox

»Ich träller Trenet und tropfe Tofu ab«

»Lei-der falsch drei Pa-nier-fi-sche zu-rück«

Ich finde Tofu widerlich und gäb es keine Vegetarier gäbs auch nicht

dieses Tofutrallala

Denk ich mir eben Reime aus die schön zu klingen scheinen

Tofuabtropfer

Bohnenquarkopfer

Die Griffe werden langsam mechanisch

Mit dem Cutter aufschneiden

Den Karton mit zwanzig Kilo Tofu öffnen

Die Dreikilobeutel auf die Arbeitsfläche packen

Mit dem Cutter aufschneiden

Die Beutel öffnen

Den Tofu senkrecht auf ein waagerechtes Stahlsieb packen durch das

die brackige Flüssigkeit abtropft

Den Tofu eine Zeit lang abtropfen lassen

Eine Zeit lang

Wie Fernand Raynaud gesagt hätte

Hätte man ihn gefragt wie lange ein Kanonenrohr braucht um

abzukühlen

Wer erinnert sich noch an Fernand Raynaud und seine Sketche die

heute so altmodisch wirken

Beim Tofuabtropfen versuche ich mich an die Sketche von Fernand

Raynaud zu erinnern

Le 22 à Asnières

La Chemise lilas

Pourquoi tu tousses

Le Fût du canon

Ich erinnere mich wie gern meine Oma sie mir im Fernsehen gezeigt

hat als ich klein war

Ich denk an sie sie fehlt mir

Ich erinnere mich an

Ich erinnere mich von Georges Perec

Klar

Ich tropfe Tofu ab

Ist der Tofu einmal abgetropft

Füll ich ihn in einen Bottich mach Folie drauf stell den Bottich in

eine Ecke wo er drauf wartet irgendeinem Fertiggericht beigegeben

zu werden

Was nicht mehr meine Aufgabe ist

Von Zeit zu Zeit

Fahr ich die großen Säcke in die ich meinen Papp- und Plastikmüll

sortiere

Mit einem Gabelstapler zu den Mülleimern nach draußen

Das tut gut

Zum Müll fahren

Ist mal was anderes

In meiner alten Fabrik

War ich kürzlich noch

Chimärensortierer

Das machte irgendwie mehr her

Tofuabtropfer

Wer nicht selbst mal nachts neun Stunden lang Tofu abgetropft hat

kann das nicht verstehen

Oh Mann

Ich Klugscheißer weiß es und du nicht

Dabei gibts hier rein gar nichts woraus man Stolz beziehen könnte

Oder Verachtung für die Nichtarbeiter

Die Verachtung

Ich denke an Godards Meisterwerk versuche mich an George Delerues

Leitmotiv für Camille zu erinnern eine Musik die glaube ich gut zu

dieser Atmosphäre passen würde

Die sehr gut passen würde

Aber ich erinnere mich nicht

Silenzio

Die Stunden vergehen und vergehen nicht ich bin verloren

Ich bin in einer paradoxen Ekstase halbschlafend halbwach fast wie

beim Eindämmern wenn die Gedanken durch die Aktivität des

Unterbewusstseins umherschweifen

Aber ich träume nicht

Ich albträume nicht

Ich schlafe nicht ein

Ich arbeite

Ich tropfe Tofu ab

Ich sage mir den Satz auf

Wie ein Mantra

Ich versuche mich an meinen Reim von vorhin zu erinnern aber ich

erinnere mich nicht

Ich sage mir man muss schon ganz schön fest an seine Kohle glauben

und dass die auch noch kommt die Liebe zum Absurden oder die

Literatur

Um weiterzumachen

Ich muss weitermachen

Tofu abtropfen

Von Zeit zu Zeit

Zum Müll fahren

Morgens um ein Uhr zehn ist Pause

Sie dauert bis ein Uhr vierzig

Ich weiß nicht ob eine Pause nach über sechs Stunden Arbeit legal ist

Aber ich scheiß drauf

Noch drei Stunden Tofu abtropfen

Kippe

Kaffee

Kippe

Snickers

Kippe

SMS von meiner Frau die um dreiundzwanzig Uhr an mich gedacht

hat

Ich lächele

Wenn sie wüsste

Aber die Zeit ist um

Ein letzter Kippenzug zum Zeichen des Widerstands

Haste gesehen Fabrik haste gesehen Tofu meine letzte Kippe kriegste

nicht

Schön wärs

Ich drück sie schnell aus

Schnell zur Umkleide

Kittel

Stechuhr

Weiter gehts

Ich tropfe Tofu ab

Noch drei Stunden

Nur noch drei Stunden

Ich muss weitermachen

Ich tropfe Tofu ab

Ich werde weitermachen

Die Nacht hört nicht auf

Ich tropfe Tofu ab

Die Nacht hört nicht mehr auf

Ich tropfe Tofu ab

Ich tropfe Tofu ab

13.

Ich habs satt aber in der Fabrik sagt man nichts

Es ist Wochenende

Ich kann nicht schlafen

Um diese Uhrzeit müsste ich am Band stehen

Noch zwei Stunden arbeiten

Noch zwei Stunden malochen

In der Fabrik

Am laufenden Band

Es ist Wochenende

Zeit die Arbeitskraft zu regenerieren

Also

Ausruhen

Schlafen

Leben

Und zwar nicht in der Fabrik

Aber sie frisst mich auf

Die Schlampe

Zu Hause habe ich draußen beim Rauchen

Die gleichen Reflexe wie in der Pause

Schnell ziehen und an der Kippe eine Kippe anzünden

Übermorgen muss ich zurück in die Fabrik

Doch mir kommts vor als wärs schon

Morgen

Schon den Schlafrhythmus anpassen

Den Lebensrhythmus

Den die Fabrik diktiert

Ich muss zurück

Ich muss schlafen

Ich muss

Ich habe die Fabrik so satt

Den Scheißrhythmus

Das sinnlose Tun jede Nacht

Nichts sagen

Schreiben

Die Muskeln tun weh

Die Pause tut weh die ich jetzt haben müsste aber nicht habe

Während ich zu Hause meine Kippe rauche

Bin ich immer noch in der Fabrik

Wer könnte mich morgen oder übermorgen mit dem Auto

mitnehmen

Arbeite ich nachts verlier ich die Lust am Tag

Das ist hart

Nimmt mich niemand mit habe ich keinen Job mehr

Das wäre das Ende

Das wäre scheiße

Muss ich wohl mit den Kollegen regeln

Doch dafür müsste man mal sprechen

Trotz der Ohrstöpsel hämmern die Maschinen in der Pause weiter auf

unser Schweigen ein

Warum was sagen und was überhaupt

Dass man es satt hat

Dass man am Wochenende kaum schläft

Aber so tut

Als ob

Alles gut läuft

Man einen Job hat

Auch wenns ein Scheißjob ist

Auch wenn man sich nicht ausruht

Verdient man was

Die Fabrik wird uns fressen

Frisst uns jetzt schon

Doch keiner sagt was

Denn in der Fabrik

Ists wie bei Brel

»Keiner sagt was

mein Herr

Keiner sagt was«

14.

Die sollte man mal sehen

Unsere kaputten Gesichter

In der Pause

Die verhärteten Züge

Die verlorenen Blicke im Zigarettenrauch

Unsere entstellten Gesichter

Wie die der Gueules cassées im Ersten Weltkrieg

Wir

Das Fußvolk der Fabrik

Oder besser

Söldner

Nicht junge Rekruten der Marie-Louise-Armee

Sondern

Halbwegs Freiwillige in einem Krieg gegen die Maschine

Der schon im Voraus verloren ist

Klar

Aber zumindest einen Monatssold einbringt

Warten auf die Rückkehr an die Front

Die Pause

Diese verdammte Pause

Seit Schichtbeginn erhofft erträumt erwartet

Und auch wenn sie so oder so zu kurz sein wird

Kommt sie zu früh

Noch Stunden schuften

Kommt sie zu spät

Nicht mehr können nicht mehr können

Sie wird kommen

Der siegreiche Kapitalismus hat nur zu gut verstanden dass er den

Arbeiter am besten ausbeutet

Wenn er ihn verwöhnt

Und sei es nur ein bisschen

Man tut was man kann

Ruh dich ein halbes Stündchen aus

Kleine Zitrone

Da ist noch Saft drin den ich auspressen will

Ein halbes Stündchen

Das sagt schon alles

Natürlich kommt die Stechuhr vor oder nach der Umkleide

Je nachdem ob man kommt oder geht

Das heißt

Mindestens vier verlorene Minuten

Schneller umziehen geht nicht

Die Zeit für einen Kaffee im Pausenraum

Endlose Gänge Treppen

Die verlorene Zeit

Lieber Marcel ich hab gefunden wonach du gesucht hast

Komm zur Fabrik ich zeig sie dir sofort

Die verlorene Zeit

Dann musst du keine Wälzer mehr darüber schreiben

Endlich frische Luft

Endlich draußen

Kippe

Blick aufs Handy

Sagen wir zwanzig Minuten

Der dröhnende Fabriklärm wiegt mich fast in den Schlaf

Manche ziehen sich in ihr Auto zurück

Manche essen

Weiter weg werden Joints geraucht wenn ich das richtig rieche

Ich sitz auf einer Bank und steck mir an der Kippe meiner Kippe

eine Kippe an die ich aus dunklem Tabak selbst gedreht hab

Blick aufs Handy

All die Zeit die vergeht

Lässt sich kaum nachholen

Noch eine Kippe

Noch ein Viertelstündchen

Wie lange brauche ich fürs Hochgehn

Umziehn

Pinkeln

Natürlich erlaubt der Chef nicht wenn du in der Stunde vor oder nach

der Pause aufs Klo willst

Musste halt warten

Hättste halt vorher dran denken müssen

Also weiß ich nicht

Aber schätz ich mal

Die Kippenzüge werden zittriger

Die Blicke aufs Handy häufiger

Und hektischer

Je mehr Zeit vergeht und

Sich kaum nachholen lässt

Na los

Wir müssen los

Versuchen draußen noch dreißig Sekunden frische Luft zu schnappen

obwohl man drinnen in den Gängen auf den Treppen in der Umkleide

dann noch mehr Gas geben muss

Letzter Kippenzug

Letzter Blick aufs Handy

Wir müssen hoch

In diesem Moment denke ich immer an Kamerad Apollinaire

Und seh ihn mit der Pfeife

In seinem Schützengraben

Kurz vorm Kommando

Denkt er an Lou

Und ich an meine Frau

»Die Augen auf die Uhr geheftet seh ich die Minute des Sturmangriffs

nahen«

15.

Es gibt Nächte in denen es läuft

Es läuft wie unsere neuen Gabelstapler Made in Sweden

Mit denen ich sofort zu parken schaffe obwohl das mit den alten

nicht so einfach war

So gut dass die Kollegen von vorher auf meiner Straße anderthalb

Stunden Vorsprung rausschlagen konnten

So kann ich ab und zu kurz in den Gängen der Fabrik rumschlendern

Kann etwas länger draußen bei den Mülleimern bleiben mich sogar

dreißig Sekunden setzen und verschnaufen

Kann auf mein Handy schauen

Kann Kollegen helfen die nicht so viel Glück hatten wie ich

Die Nacht vergeht friedlich

Die Stunden sind ruhig

Ich denk an einen Vers der nicht von Ronsard ist wie ich dachte

sondern von Desportes

»Die unbeschwerte Zeit verfliegt und ich bemerk es nicht«

Es flutscht

Wie der Fisch aus der Hand

Wie der Papa in die Mama

Ich spüre deutlich mein In-der-Welt-sein

Eine fast spinozaische Einheit mit meiner Umwelt

Mit der All-Einheit der Fabrik

Ich bin die Fabrik sie ist ich sie ist sie und ich bin ich

Heute Nacht

Sind wir am Werk

16.

Mohamad ruft um siebzehn Uhr an

Die Zeitarbeitsfirma hat gerade seinen Dienstplan geändert

Er fängt nicht mehr mit mir um neunzehn Uhr an sondern mit

anderen Kollegen um neun

Das wars mit dem Mitnehmen

Es tut ihm leid aber »vor der Fabrik warten oder hin und her fahren

ist leider nicht drin verstehst du doch oder«

Klar versteh ich das

Ich verstehe dass

Prekäre Arbeit

Eben auch das ist

Dass der Personaler nach Belieben die Zeitarbeitsfirma anruft die

die ganze proletarische Organisation von Fahrgemeinschaften

ruiniert oder Ähnliches

Und zwar so richtig nach- und hinterhältig

Ich mach mal ein Beispiel

Du arbeitest nachts oder schläfst nach der Arbeit

Die Zeitarbeitsfirma ruft an

Das Handy ist aus

Nach dem Aufwachen die Nachricht

»Du fängst zwei Stunden früher an als sonst«

Rufst du die Zeitarbeitsfirma zurück um zu sagen du kannst nicht

hat sie zu

Zu spät

Du hättest schon an deinem Platz stehen sollen

Also macht morgen ein anderer den Job

Zurück zum Panierfisch

Es ist siebzehn Uhr in zwei Stunden fang ich an und auch ich wach

gerade erst auf und hab das Gespräch mit Mohamad gerade erst

beendet

Die Fabrik ist gut fünfzehn Kilometer entfernt

Der Puls rast so schnell wie der Schweiß von den Achseln rinnt

Taxi

Was anderes seh ich nicht

Als sich blitzschnell anziehen und

Zu einem Taxistand in die Stadt flitzen um nicht auch noch den

Abholzuschlag zu zahlen

Name der Fabrik

Ja klar kennt er

Im Radio läuft auf RTL eine Debatte der Konservativen zu den

Präsidentschaftsvorwahlen die Herren Kandidaten wollen den

randalierenden Demonstranten die Sozialhilfe streichen ja was denn

schon wieder Leute die vom System profitieren und nicht arbeiten

wollen und sich auch noch in die Ordnungskräfte und Schaufenster

schmeißen

Natürlich beziehen diese Leute Sozialhilfe

Natürlich

Ich beiß mir auf die Lippen um nicht loszuschreien

Der Fahrer fragt ob ich Chef bin dass ich mit dem Taxi zur Fabrik fahr

Ich antworte ich bin der Sohn von Agnès Saal aber sieht nicht aus als

verstünde er den Witz

Gleich da

Ich schäm mich

Ich komm mit dem Taxi die Kollegen sollen das nicht mitkriegen

Warum weiß ich auch nicht

Schließlich wissen sie dass ich sonst bei Mohamad mitfahr aber

So fühlt es sich an als stellte ich einen Reichtum zur Schau

Obwohl mein Dispo die Fahrt bezahlt

Die versteckte Scham

Der Unterworfenen

Nicht sagen zu wollen

Ähm ja ich komm mit der Taxe weil meine Mitfahrgelegenheit mich

versetzt hat und ich den Job nicht verlieren will

Ich sag dem Fahrer er solle mich fünfhundert Meter vor dem

Parkplatz absetzen

Und hoffe dabei nicht gesehen zu werden

Gleicher Schweiß wie zuvor

Ich bezahle die Fahrt was soviel sein müsste wie der Lohn für eine

halbe Arbeitsnacht

Bezahlen um bezahlt zu werden

Bezahlen um nicht von einer Panierfischfabrik gefeuert zu werden

Um von der Zeitarbeitsfirma nicht gedisst zu werden

Aber keiner kriegt es mit

Keiner hat mich aussteigen sehen

Oder es haben welche gesehen aber lassen sich nichts anmerken

So wie ich mir nichts anmerken lasse

Pulsuz fraqment bitdi.

37,82 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
09 dekabr 2024
Həcm:
121 səh. 2 illustrasiyalar
ISBN:
9783751800518
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar