Kitabı oxu: «Entkommen»
Joshua Groß
Entkommen

»We need an escapology …«
Richard Seymour
Inhalt
Teil 1
Alles, was hier steht, altert anders als ich
Schräg am Schweben
Dämmmaterial
Ich in REWE
Minztee
Nürnberg, warum machst du diese?
Die Fallen sind überall
Eines Tages kauf ich Mama ein Haus / Aufzeichnungen vom 27. August 2017
Mama told me not to sell work / Aufzeichnungen vom 12. September 2017
Jupitermohn
Zwei Zugfahrten
Ich war schon fast verliebt / Die Waghalsigkeit von Lil Wayne
Die letzten Ruinen
Teil 2
Pfannkuchen
Die Twitter-Erzählungen von Jellyfish P
Eine Walküre im Guccimantel
Teil 3
Entkommen
Desinfektion / Aufzeichnungen vom 27. August 2018
Salzige Sonnenschwärme / Ein anderes Verständnis von Salt and Fire
Von vorn
Bardo-Stroboskop
Refugien des Extranatürlichen
17 000 Jahre weiter in der Zukunft
Entkommen
Textnachweise
TEIL 1
Schräg am Schweben
Vor Kurzem habe ich bei Hans Jürgen von der Wense einen Satz gelesen, der mich beschäftigt: »Wirft man die Schaukel schräg, so schlingert sie. Das ist eine Art, die gesamte Weltordnung aufzulösen.« Wenn ich darüber nachdenke, was ich gerne wäre, weiß ich nur, dass ich mich am liebsten selbst schräg werfen würde. Ich will schlingern. Aber das ist nicht sehr konkret. Außerdem habe ich oft genug das Gefühl, dass ich mich sowieso in einem andauernden Zustand des Schlingerns befinde. Mir fällt die Vorstellung schwer, komplett anders zu sein; eine so kategorische Überschreibung käme mir wie ein Verkennen meiner selbst vor. Ich finde es aber auch kompliziert, konkret zu formulieren, was ich werden will. Gleichzeitig habe ich Angst, dass ich, wenn ich diese Gedanken aufschreibe (und sie also vor mir selbst zulasse), verlerne, mich kategorisch anders zu denken – und nicht mehr damit aufhören kann, von dem wenigen, das ich bin, auszugehen; und mich immer nur weiterdenke auf der Grundlage meiner Unzulänglichkeiten. Womit ich ein weiteres Mal bei meiner Festgefahrenheit angelangt bin.
Aber es gibt auch einen Tweet von Hermann Dose: »Mit gezieltem 14 stündigen Schlaf ein System zum Einsturz bringen«. Ich muss immer lachen, wenn ich über diesen Satz nachdenke; er hat so viel Power und greift direkt die Weltordnung an, wie die schlingernde Schaukel. Vielleicht möchte ich einfach schlafen, andauernd und invasiv, um eines Tages in den Ruinen einer neuen Zeit aufzuwachen. Nein, das stimmt nicht. Ich möchte mich nicht im Schlaf selbst auslöschen. Aus dem gleichen Grund, aus dem ich mir keine Existenz vorstellen möchte, die kategorisch anders ist. Ich will mich der Gegenwart nicht entziehen, auch nicht in Gedankenexperimenten; ich will mich der Gegenwart aussetzen und in ihr durchlässiger werden. Wenn ich aber darüber nachdenke, was ich werden will, ausgehend von mir selbst, dann wäre es fair zuzugeben, dass ich psychokinetische Kräfte entwickeln möchte (in diesem Leben) und später als Kiefer wiederkommen (in einem weiteren Leben). Außerdem wäre es richtig zu sagen, dass ich gerne in einer ganz nahen, aber komplett anderen Zeit leben würde – einer Zeit, ausgelöst von unzähligen schlingernden Schaukeln –, um immer noch ich selbst zu sein, aber vielleicht in einem tieferen Einklang mit meinen Sehnsüchten. Ich frage mich, ob ich in den Jahren zu realistisch geworden bin oder zu feige. Oder ist es gut, nicht kategorisch anders sein zu wollen, ein Zeichen von Akzeptanz? Dann wäre die anschließende Überlegung vielleicht, inwieweit sich Akzeptanz und Verleugnung überlagern. Ich möchte mich nicht komplett überschreiben, sondern ich möchte meine Festgefahrenheit im Schreiben schrittweise auflösen, und damit meine Gebundenheit an meine Ängste.
Manchmal wünsche ich mir aber auch, mich in Tarkowskis Stalker zu befinden; in der letzten Szene, wenn Martiška, die Tochter des Stalkers, ihr Buch weglegt und nach einer Weile damit beginnt, durch ihre psychokinetischen Fähigkeiten mehrere Gläser über den Tisch zu bewegen. Genauso wie sie auf die Gläser schaut, würde ich gerne auf die Welt schauen können: ruhig, furchtlos, fähig, verbunden. Auch hier bricht eine Ordnung auf, beinahe unerkannt. Ich würde gerne neben ihr sitzen; sehen, was sie sieht, und spüren, was sie spürt. Ich würde ihre Erschöpfung erahnen, ausgelöst durch die innere Mühsal, die es bedeutet, die Welt zu verändern. Ich würde ihr erzählen, wie oft ich mich überwinden muss, um die Erschöpfung überhaupt anzuerkennen. Sie würde mir verständlich machen, dass es nie nachlassen wird, das Sich-überwinden-Müssen. Anschließend würde sie mich fragen, ob ich es auch mal ausprobieren wolle, das mit den Gläsern. Ich würde nicken, aber dann würde ich scheitern. Die Gläser würden sich von mir nicht bewegen lassen, obwohl ich voll konzentriert wäre. Aus einem unerklärlichen Grund würden wir beide zu lachen beginnen. Später würden wir rausgehen, vors Haus, und es würde schneien. Wir würden Wintermäntel tragen, Schals, Mützen und Handschuhe. Wir würden empfinden, was die Bäume empfinden, und ahnen, was die gefrorene Erde ahnt. Schweigend würden wir nebeneinanderher laufen, und ich würde trotzdem von ihr lernen. Es wäre still um uns herum; nur unsere Schritte würden sich mit dem Schnee verreiben. In der aufkommenden Dämmerung würden wir am Waldrand ein Gestell erkennen, und Schaukeln. Wir würden uns auf die Schaukeln setzen und wippen, vor und zurück, immer kräftiger. Viel mehr würde gar nicht passieren, aber es wäre genug.
Dämmmaterial
»Wrestling«, sagte Alchemist Teaz in einem Instagram-Video vom 3. August 2016, »das ist pure Gewalt, unsichtbar choreografiert, alles ist bedacht und von vornherein durchgeplant. Alle zwischenmenschlichen Gefühle sind zugelassen, nichts wird ausgegrenzt. Wrestling spiegelt die Realität, das schwöre ich euch. Hass, Eifersucht, Mut, Stolz. Das ist so ungelogen und heftig daran.«
7. November 2017
Seit Monaten hatten sich die Unruhen und Ausschreitungen angekündigt, vor allem in Elektroluchs. Überall sonst, zum Beispiel bei mir in Nürnberg, war die Situation anhaltend angespannt, aber halbwegs unter einer labilen Kontrolle gewesen. Die Gegenwart war zu einflussreich, zu uneindeutig, ihre Streuung zu willkürlich, als dass die Wut und der Wille zum Widerstand wirkliche Ansatzpunkte hätten finden können. Aber überall implodierten nach und nach die Filter zwischen den Blasen, und das führte allmählich die Eskalation herbei.
Alchemist Teaz wurde 1995 als Bryan Shawn Carrow in Houston, Texas, geboren. Angeblich wuchs er zeitweise mit Travis Scott auf. Außerdem war er begabt im Kochen von Crack und ein talentierter Sportler. Seit März 2016 war er bei WWE Monday Night Raw unter Vertrag. Nebenbei, hieß es, promovierte er auf dem Gebiet der Zellbiologie an der University of Houston. Diese Forschungstätigkeit prägte, in kryptowissenschaftlicher Ausprägung, auch seinen Superstar-Charakter. Er trat in goldener Leggins und mit einem blauen Zaubermantel auf; er hatte Cornrows und Glitzer im Gesicht. Alchemist Teaz wurden telekinetische Kräfte zugeschrieben, durch die er als fast unbesiegbar galt. Seine Kontrahenten entzogen sich deshalb persönlichen Duellen und ersannen komplizierte Intrigen, um ihn bei den Fans zu diskreditieren. Wenngleich WWE grundsätzlich wie eine Soap funktioniert, wurden rund um Alchemist Teaz faszinierende Plots erzählt, die weniger auf körperliche Gewalt setzten als auf Suspense und Surrealismen. Die Geschichten wurden meistens über vorproduzierte Kurzfilme fortgeführt, die bei WWE Monday Night Raw eingespielt wurden; oftmals waren sie in einem unterirdischen Labor angesiedelt, das sich vermutlich in der Wüste Nevadas befand und in dem Alchemist Teaz verstörenden Experimenten in der Nachfolge von Cleve Backster nachging.
Scheinbar unabhängig von seinen Storylines rief Alchemist Teaz seine Fans fast täglich dazu auf, sich an den Aufständen zu beteiligen; er nutzte dazu seine Accounts auf Instagram und Twitter, die zusammen über 17,7 Millionen Follower haben. Immer wieder fiel das Stichwort real empowerment. Nachdem sich WWE offiziell von seinen Aussagen distanziert hatte, wurde Alchemist Teaz suspendiert. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, backstage einen blutrünstigen Ansturm auf die Führungsriege von WWE zu starten: Immer wieder erklärte er, er habe eine Einladung des Chief Operating Officers erhalten, der Legende Triple H, um über die gesellschaftlichen Verwerfungen und den Stellenwert des Wrestlings zu sprechen. Das wurde angezweifelt. Stets wurde er von unterschiedlichen Zwischenhändlern Triple Hs dazu angehalten, noch einmal neu anzusetzen und es auf einem anderen Weg zu versuchen. Meistens wurde er vertröstet und wartete mehrere Stunden in irgendwelchen Trainingshallen. Zuweilen wurde er auch in Hinterhalte gelockt und verprügelt. Seine Fähigkeiten ermöglichten es ihm trotzdem, verschiedene Flüche in Triple Hs Träume zu telepathieren und den Chief Operating Officer mit einer fragwürdigen Voodoopraktik zu bekämpfen. Nachdem WWE bekannt gab, dass mehrere Superstars unter unerklärlichen Suizidkopfschmerzen leiden würden, wurde Alchemist Teaz durch eine richterliche Verfügung vorsichtshalber dazu verurteilt, Sicherheitsabstand zu den wechselnden Austragungsstätten von WWE Monday Night Raw zu halten.
Alchemist Teaz @alchemistteazy · 2. November 2017 gotta keep distance to raw. fuck these fake ass wwe bosses. it’s a controlled system
Alchemist Teaz @alchemistteazy · 2. November 2017 isn’t it cynical in these political times to treat me like k. surrounding the castle lol
Alchemist Teaz @alchemistteazy · 2. November 2017 ’bout to cook some up which means some special shit for these motherfuckers
Alchemist Teaz @alchemistteazy · 2. November 2017 don’t underestimate my influence real empowerment
Kurz darauf tauchte ein Video auf dem Youtube-Kanal von WWE auf: Alchemist Teaz sitzt an einem Mikroskop und fixiert scheinbar Elektroden an isolierten Zellkörpern. Neben dem Mikroskop stehen mehrere Laptops, auf einem davon läuft ein Interview mit Cleve Backster. Stromausfall. Als Alchemist Teaz aufsteht (seine Leggins hinterlässt einen schlierenden Abdruck in der Dunkelheit), sieht er sich von einer Spezialeinheit umringt. Sie tragen Nachtsichtgeräte und Schlagstöcke. Er wird sofort überwältigt. Mehrere vermummte Militärs prügeln auf ihn ein, während andere sein Labor verwüsten. Der Angriff dauert nicht lange. Plötzlich scheint der Kopf von Triple H als Hologramm im Raum zu leuchten, ein lachender Triple H, unangreifbar und überall. Dann springt der Strom wieder an. Das Sondereinsatzkommando ist bereits abgerückt. Mühsam erhebt sich Alchemist Teaz, er wankt umher, klemmt sich den Drachenbaum, der unversehrt vor einer flackernden Tageslichtlampe steht, unter den Arm und geht die metallene Treppe nach oben, mit verfickt schweren Schritten. Bevor er das Labor verlässt, tippt er einen Code in das Nummernfeld neben der Tür. Er geht in eine Tiefgarage und steigt in seinen gelben Lamborghini; den Drachenbaum stellt er auf den Beifahrersitz. Tränen fließen über sein Gesicht. Er rast über eine staubige Straße, die direkt durch die Wüste führt. Bald wird die Sonne untergehen. Im Rückspiegel sieht er, wie das Labor in die Luft fliegt. Dichter Qualm steigt in den tiefblauen Himmel. Aus dem Off hört man Cleve Backster sprechen: »Das Faszinierende ist: Damals haben wir zwar mit Pflanzen begonnen, aber heute interessieren uns eigentlich hauptsächlich die menschlichen Zellen. Wenn wir eine menschliche Zelle in ein Reagenzglas geben, können wir anhand dieser Zelle Reaktionen auf die Erlebnisse des Spenders messen. Das heißt, dass die Zelle auf den Spender eingestellt ist und telepathisch mit ihm verbunden bleibt, auch wenn beide über mehrere Kilometer voneinander getrennt sind. Wenn der Spender Angst verspürt, verspürt auch die Zelle Angst. Das begeistert mich völlig; meiner Ansicht nach lässt das alle möglichen Schlussfolgerungen zu.«
Danach verschwand Alchemist Teaz.
Alchemist Teaz @alchemistteazy · 6. November 2017 at least i could save backster’s dracaena
11. Dezember 2017
Ich erhielt im Messenger einen Clip, den mir Rainer aus Elektroluchs geschickt hatte. Er schrieb, ich müsse unbedingt für mich behalten, was ich gleich sehen werde. Rainer studierte Ethnologie und Filmwissenschaft. Momentan machte er ein Auslandssemester in Elektroluchs. Mittlerweile waren die Aufstände in vielen Städten in Straßenschlachten übergegangen. Ich saß gerade auf dem Sofa und streamte einen Sonderbericht zu den neuesten Entwicklungen. Ich stellte den Laptop leise und spielte den Clip ab: Er ist verpixelt und verwackelt und dauert 28 Sekunden. Palmen und Autos brennen, über den Straßen liegt Rauch, vom Meer zieht Nebel her, alles schimmert orange von den Flammen, es rauscht und übersteuert. Zwischen Hochhäusern fahren hochgerüstete Wasserwerfer vor. Feuerwehrleute stehen ratlos rum oder sprechen in Funkgeräte. Demonstranten errichten Barrikaden, Plünderer verlassen einen Supermarkt durch das eingeschlagene Schaufenster, maskierte Jugendliche schmeißen Plastikstühle auf die Polizisten. Alchemist Teaz, der am Straßenrand steht, hebt schreiend einen Pick-up an und hievt ihn quer über die Straße. Dann schmeißt er ihn um. Es sieht übernatürlich aus. Seine goldene Leggins invertiert beinahe die düstere und schwermütige Stimmung. Die Alarmanlage des Pick-ups tönt los. Nachdem ich mir den Clip ein paarmal angesehen hatte, legte ich Musik auf. Während die Sanguine-EP von DJ Heroin lief, schaute ich mir das Video wieder und wieder an. Dabei aß ich weiße Schokolade. Irgendwann setzte sich meine Freundin zu mir. Sie wollte eigentlich nur ein Stück abhaben, aber dann sahen wir gemeinsam dabei zu, wie Alchemist Teaz in Elektroluchs wütete. Im Hintergrund setzte der Laptop-Stream aus, während ein Polizist sein Maschinengewehr einhändig in den Himmel richtete. Immer wieder kippte der Pick-up zur Seite. Das Maschinengewehr bufferte. Seltsamerweise fühlte ich mich gelöst. Wir kriegten Lachkrämpfe. Über unserer Wohnung kreiste ein Helikopter.
12. Dezember 2017
Ich flog nach Elektroluchs. Rainer hatte Alchemist Teaz verfolgt und wusste, in welchem Hotel er wohnte; in einem abgeschiedenen Fünf-Sterne-Ressort direkt am Meer.
Beim Einchecken am Nürnberger Flughafen wurde ich ausdrücklich darauf hingewiesen, dass eine Reisewarnung für Elektroluchs rausgegeben worden war. Beim Landeanflug sah ich Rauchsäulen und brennende Häuser. Ich trank Cola aus einem durchsichtigen Plastikbecher. Die Klimaanlage kühlte und ich hatte Druck auf meinen Ohren. Ich war einer von vier Passagieren, die nach Elektroluchs flogen. Während das Flugzeug zum Gate rollte, machte der Pilot eine Durchsage: »Meine Damen und Herren, da draußen herrscht Ausnahmezustand. Wer sich auf den Straßen aufhält, läuft Gefahr, festgenommen zu werden. Nehmen Sie sich unbedingt Taxis. Regeln Sie, was Sie zu regeln haben, und fliegen Sie umgehend zurück. So mache ich das auch. Es ist ungewöhnlich schwül und es hat fast 20 Grad.«
In Rainers WG wurde ich von seiner Mitbewohnerin Lucy empfangen. Sie meinte, Rainer sei gerade unterwegs, würde aber gegen Abend wieder zurückkommen. Sie zeigte mir Rainers Zimmer. An den Wänden hingen Poster von Seth Rollins, Becky Lynch, Alchemist Teaz und Randy Orton. Ich drehte die Heizung auf, legte mich auf den Teppich und verfolgte auf meinem Phone eine Kundgebung im Stadtzentrum von Elektroluchs. Es gab einen Livestream. Eine Philosophin sprach darüber, dass wir alle verloren gehen würden, nur der Geruch von Rauch und die Flucht vor den Einsatzkräften würden uns mit der Wirklichkeit verbinden. Gerade ergebe sich die Chance, das ganze Dämmmaterial aus uns selbst zu entfernen. Es gehe wieder darum, Forderungen zu stellen, sagte die Philosophin, obwohl völlig unklar sei, wer sich dafür zuständig erklären würde, sie zu erfüllen. Dann sprach sie über real empowerment und fügte hinzu, dass der Widerstand nicht kleinzukriegen sei, weil er die Transmutation der Psyche fordere. Auch die unverhoffte Unterstützung von Alchemist Teaz hätte dazu beigetragen, dass die klaustrophobische Gegenwart um psychospirituelle Dimensionen erweitert worden wäre. Angeblich marodiere Alchemist Teaz gerade jetzt um die Blocks. Zumindest habe sie das gehört.
Alchemist Teaz @alchemistteazy · 11. Dezember 2017 it’s primary perception bitches
»Das ist alles nur ein Marketingschachzug«, sagte Lucy, die breitbeinig in der Tür stand. Sie trug eine schwarze Strumpfhose und ein Shirt. Sie lächelte mich an. »Willst du mitrauchen?«, fragte sie und hielt einen Joint hoch.
Wir setzten uns in die Küche. Eine graue Katze kam angelaufen und hüpfte auf meine Oberschenkel. Auf dem Tisch stand eine Lavalampe. Die Fenster waren mit Tüchern verhüllt. Auf dem Kühlschrank befand sich ein digitaler Bilderrahmen, in dem eine Slideshow lief; Urlaubsbilder, Schnappschüsse von unterwegs, Memes.
»Wie meinst du das?«, fragte ich.
»Hier ist Street Credibility zu holen, weißt du, das unterscheidet Elektroluchs von allen anderen Städten, weil das Setting ist die Realität, nichts ist geskriptet und nichts ist abgesichert, richtig roh, verstehst du?«
Die Katze schnurrte, ich kraulte ihren Kopf.
»Es werden Menschen sterben, bald schon«, sagte Lucy.
»Ja«, sagte ich, »niemand tut irgendwas.«
»Wenn du in Elektroluchs als Escort arbeitest, siehst du alles.«
»Arbeitest du als Escort?«, fragte ich.
Lucy schaute mich an, hob langsam die Augenbrauen und kicherte resigniert.
»Rainer arbeitet als Escort, wusstest du das nicht?«
»Nein«, sagte ich. »Ich habe ihn in Nürnberg mal auf einer Party kennengelernt und wir haben nur manchmal gechattet und uns wegen Wrestling ausgetauscht.«
»Dann kannst du dich freuen«, sagte sie.
Wir kochten Tee und sprachen noch eine Weile über Symptome (das Thema ihrer Doktorarbeit in Psychologie). Bevor ich mich zurückzog, passierten zwei Sachen: Zuerst schlief Lucy ein, mitten in einem Satz über ihre Mutter. Und dann fiel die Katze in Ohnmacht. Ich schätze, sie war high. Sie rollte einfach von meinen Knien. Der Aufprall weckte sie wieder. Ich hatte nicht schnell genug reagiert. Sie schaute mich an und gähnte. Ich trug sie aus der Küche und streichelte sie noch ein bisschen.
14. Dezember 2017
Rainer hatte Alchemist Teaz nicht zufällig gesehen; die beiden waren zusammen unterwegs gewesen, hatten sich einen Spaß daraus gemacht, während der Aufstände durch die Stadt zu wildern und Polizisten zusammenzuschlagen. Hauptsächlich hatte sich Alchemist Teaz ausgetobt, während Rainer mit seinem Phone gefilmt hatte. Sie würden einen Propagandafilm gegen die Gegenwart drehen, erzählte mir Rainer. Voraussetzung dafür sei, meinte er, dass Storyline und Realität ineinander kollabieren würden. Alles müsse für die Idiosynkrasie von Alchemist Teaz gehalten werden, alles müsse die Idiosynkrasie von Alchemist Teaz sein. »Aha«, sagte ich.
Sie hatten sich getroffen, weil Alchemist Teaz Rainer beim Escortservice gebucht hatte. Er hatte für einen Monat im Voraus bezahlt. Während ich auf einer Matratze lag, auf dem Boden von Rainers Zimmer, schliefen die beiden im Bett miteinander. Rainer schrie, während Alchemist Teaz in ihn eindrang und mich währenddessen angrinste. Dabei streckte er keuchend seine Zunge raus. Er sagte, ich solle masturbieren, das würde ihn anmachen. Er sagte, ich solle in sein Gesicht kommen. Aber ich tat nichts dergleichen. Mir war schlecht, weil der Geruch von Erdbeergleitgel im Zimmer hing.
»Mach schon«, schrie Rainer, »mach es einfach, bitte.«
Ich war mir nicht sicher, ob er mich meinte. Alchemist Teaz griff nach seinen Hoden und drückte zu. Ich sah, dass Rainer am kompletten Körper Gänsehaut bekam. Kopfschüttelnd verließ ich den Raum. Ich legte mich zu Lucy. Sie schaute gerade eine amerikanische Krimiserie. Räucherstäbchen brannten im Aschenbecher. Die Katze lag auf einem Sessel, in einem Haufen alter Klamotten. Irgendwann nahm Lucy meine Hand und sagte: »So wird es jetzt für immer bleiben.«
15. Dezember 2017
Beim Frühstück saßen wir alle zusammen in der Küche: Alchemist Teaz, Rainer, Lucy und ich. Alchemist Teaz kaute knirschend auf Froot Loops rum und schmunzelte vor sich hin. Überall war kalter Rauch und mein Bewusstseinszustand war dämmrig. Lucy und ich aßen Honigbrote mit Mandelmus. Rainer saugte an einer Zigarette. Dann richtete er sein Phone auf mich und sagte: »Was willst du von Al wissen?«
»Ich weiß nicht, was ich von ihm wissen will«, sagte ich.
»Frag mich nach meiner Angst«, sagte Alchemist Teaz.
»Was ist mit deiner Angst?«, fragte ich.
»Warte, ich filme noch nicht«, sagte Rainer.
»Ich dachte, dass Wrestling ein Weg wäre, um die Ohnmacht zu überwinden«, sagte Alchemist Teaz, »weil es um Konfrontation geht. Aber die Konfrontation findet nicht statt, alles läuft nach den immer gleichen Mustern ab. Wenn du wirklich was klären willst, halten sie dich zurück. Sie sagen dir, dass du was klären kannst, aber das stimmt nicht. Ich habe Angst davor, dass ich nur ein Template ausfülle. Ich fühle mich vorgefertigt, fast vollständig durchdacht. Ich habe nur minimale Möglichkeiten, eigenmächtig zu handeln. Und alles, was ich mache, findet nachträglich statt, verstehst du? Ich hoffe, dass die Aufstände die Konfrontation herbeiführen können. Zwischen allen, zwischen uns allen, befindet sich Luftpolsterfolie, spürst du das? Und wir müssen sie überwinden. Deshalb ficken wir so hart miteinander, so oft wie möglich.« Während er das sagte, legte er seinen muskulösen Arm um Rainers Schulter. Rainer zitterte leicht, filmte aber weiter. Dann fuhr Alchemist Teaz fort: »Ich glaube eigentlich nicht an die Eigenständigkeit unserer Gegenwart. Es findet ein Umbruch statt, das ist offensichtlich. Wir alle existieren irgendwo in einer Zwischenablage. Wir sind kopiert worden. Die Entscheidung, ob wir eingefügt werden, wurde noch nicht getroffen. Und ich habe keine Ahnung, wer überhaupt so mächtig ist, dass er diese Entscheidung treffen kann. Cleve Backster glaubte, dass alles verbunden ist. Alles, was Zellen hat, ist miteinander verbunden. Ich habe Angst davor, dass es stimmt, aber dass gleichzeitig Luftpolsterfolie um alle Zellen gewickelt ist. Es ist wie ein Protokoll, das ständig in meinem Hirn hämmert: Anbindungsversuche erfolglos beendet. Wenn Triple H eines Tages in Elektroluchs auftaucht, dann werde ich ihn vergewaltigen. Das ist mein Beitrag. Wenn ich das mache, wird die Luftpolsterfolie vielleicht für einen kurzen Augenblick verschwinden. Und alles wird verbunden sein.« Nach einer kurzen Pause sagte er zu Rainer: »Ich glaube, wir haben es, du kannst stoppen.«
Ich ging zum Spülbecken und trank vier Gläser voll Leitungswasser hintereinanderweg. Nur der Kühlschrank brummte. Lucy nahm ihr Phone und tippte zögerlich darauf rum. Ich ging aufs Klo. Danach meinten Alchemist Teaz und Rainer, dass sie gemeinsam baden würden und dass wir jederzeit dazukommen könnten. Sie würden das Badezimmer nicht absperren. Sie würden Pinienöl verwenden, das sei gut für die Haut. Außerdem seien genügend Kondome da, falls wir Vorbehalte hätten. Ich überlegte, ob ich abreisen sollte. Ich stellte meine Reisetasche zu Lucy ins Zimmer. Die Katze strich um meine Beine. Ich hob sie hoch.
Später bestellte ich mir ein Taxi und verließ zum ersten Mal seit meiner Ankunft das Haus. Die Katze nahm ich mit. Der Taxifahrer meinte, er hätte vorhin Schusswechsel gehört.
»Kann sein«, sagte ich.
»Ja, kann sein«, sagte er.
»Ich möchte einfach nur zum Strand«, sagte ich.
17. Dezember 2017
Ich habe Lucys Katze geklaut. Den Flug hat sie gut überstanden. Sie lebt jetzt bei mir in Nürnberg.
28. Dezember 2017
Keine Ahnung, ob es stimmt, aber Alchemist Teaz soll seit zwei Tagen tot sein. Es heißt, er habe sich umgebracht. Vorhin tauchte ein kurzes Video auf seinem Instagram-Account auf. Er sitzt am Küchentisch in Rainers Wohnung und sagt: »Wir alle leben in der Zwischenablage, du, ich, einfach alle. Und es kann dauern, bis wir reaktiviert werden. Was habe ich gerade gesagt? Reaktiviert? Wirklich? Fuck, lass das noch mal filmen.« Daraufhin folgt ein weißer Schriftzug auf schwarzem Hintergrund: Documentary coming soon.
Ich in REWE
Was mich bestürzt und verwirrt hat, war, als die REWE-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter plötzlich sehr auffällige schwarze Plastikheadsets trugen und ganz beschämt hinter den Kassen vorlugten. Das war im Sommer 2018, in der Nürnberger Brückenstraße. Ich fühlte mich die ersten Male richtig unwohl beim Einkaufen, genauso wie meine damalige Freundin, weil uns war, als würden wir ungewollt ein Sozialexperiment unterstützen, das erforschen sollte, ob wir alle uns immer wieder neu an Zustände gewöhnen können, die eigentlich nicht hinnehmbar sind. Dieses Unwohlsein schloss sich mit der Zeit in mir ein, oder flaute ab, aber es existiert nach wie vor, und eigentlich wird mir meine Abscheu vor dem Spätkapitalismus nirgends deutlicher gewahr als im Supermarkt. Ich mochte es früher immer, über Lautsprecher mithören zu können, wo gerade eine Notwendigkeit entsteht: eine weitere Kasse öffnen, Pfandflaschenbehälter leeren, Obst nachfüllen etc. Das war cool und swaggy, weil die permanenten Verschiebungen, die durch Verbrauch, Nachschub, Frischeversprechen und Künstlichkeit entstehen, nachvollziehbar wurden, als Teil der Welt, der sie ja sind und den sie einnehmen sollten. Mittlerweile gibt es REWE-Radio, quasi einen Propagandasender, der mir jede Experience vereitelt, weil ich immerzu das Gefühl habe, durch einen zähflüssigen Traum von J. G. Ballard zu waten. Manchmal treffe ich in den Gängen auf Mitarbeiter, die gerade Koala Schoko oder Büffelmozzarella oder eingelegte Artischocken nachfüllen, und sie kommen mir vor wie Cyborgs. Ich empfinde Mitleid mit uns allen, oder Entsetzen. Und dann beginnt der Teil des Trips, in dem ich immer wieder das Creamspeak-Meme Ich in REWE reenacte; es wurde am 13. November 2018 auf Twitter gepostet und ist für mich ein großes, entlarvendes Kunstwerk: Es zeigt, übersteuert und drastisch, welche Zumutung es bedeutet, bei REWE einkaufen zu gehen. Genutzt wird das Cover einer Ausgabe des Man’s-Life-Magazin von 1956, gemalt von Wil Hulsey; eine Horde brutaler Marder umzingelt einen schreienden, nackten, blutenden jungen Mann, der bis zur Hüfte im Wasser steht. Verzweifelt und schmerzerfüllt versucht er sich zu wehren, was vollkommen aussichtslos ist. In diesem Sinne ist REWE auch eine Aporie; die Angebote des Supermarkts dringen auf mich ein, und ich lasse mich fast freiwillig foltern, als würde sich dadurch auf irgendeinem Layer Heldenhaftigkeit ausdrücken lassen: »Haben sie Ein Payback Karte«, »Nimm Sticker bitte«, »Kein Plastiktüte du Hund«, »Kauf doch Noch ein Wurst evtl«, »5kg Putenbrust 3€«, »Kein Kostenlose Probierkäse mehr da«. REWE ist eine Anormalität, die offenbar nicht wahrgenommen wird und die sich um uns herum materialisiert, auf eine Weise, die unanzweifelbar zu sein scheint; wie Baudrillard schreibt: »Die positive Kristallisation, diese Aufhebung des Zweifels bezüglich der realen, zwangsläufig realen Welt bleibt völlig rätselhaft. Das wirft die ganze Frage nach der Intelligenz des Bösen auf.« Das Meme macht diese Anormalität in ihrer ganzen Rätselhaftigkeit begreifbar. Manchmal löst nichts schneller eine bestimmte, umfassende, existenzielle Angst oder Überforderung oder Trostlosigkeit in mir aus, als wenn ich durch die Gänge des REWE gehe. In dem Meme von Creamspeak erahne ich zumindest eine Empfindsamkeit für die Gewalt, die im Spätkapitalismus steckt. Und es gibt natürlich auch dieses glückliche Gefühl, das die Farbe von Softdrinks hat – was allerdings das Stocken meines Atems nur verschlimmert, wenn ich währenddessen die Leere und Aufdringlichkeit und Penetranz erahne, die hier zusammenfinden und innerhalb derer ich mir immer wieder von Neuem klarmachen muss, dass ich an all dem nicht unbeteiligt bin. Ich bin schon wieder nackt ins Wasser gestiegen und kam zurück mit dem mittlerweile fünften Monopoly-Kartenspiel (kostenlos ab 30€-Einkaufswert), um sagen zu können: »WEASELS RIPPED MY FLESH«. Aber weil in diesen Momenten alles den Geschmack von rohem Fleisch hat, bin ich definitiv auch die Weasels.
Minztee
Neulich explodierte am Nürnberger Airport eine Boeing 737, während ich nur ein paar Kilometer entfernt im Marienbergpark lag; halbschlafend in der Sonne, um in meinem Körper die Vitamin-D-Produktion anzuregen. Aber bevor ich erzähle, was dann passierte, will ich noch festhalten, dass an diesem Tag niemand starb. Das Flugzeug sollte damals in Kürze gewartet werden, um zurück nach Ibiza zu fliegen, woher es gekommen war, aber zum Zeitpunkt der Explosion befand sich niemand im Zerstörungsradius. Ich selbst, der ich mich auf einer engwachsenden, warmen Wiese befand, hatte in diesem Moment meine Augen geschlossen. Ich schreckte kurz zusammen, aber weniger, als zu erwarten gewesen wäre, weil das Geräusch, das von der Explosion verursacht wurde, eher dumpf klang und sich danach schubweise ausbreitete, konzentrisch. Erst später erreichten mich Detonationswellen, fein geschichtet hinter- oder übereinander. Ich sah eine pulsierende Rauchwolke in den blauen Himmel quellen, dazu die Erschütterungen, und irgendwas daran bestürzte mich so sehr, dass ich in einen inneren Fall geriet, wodurch sich bald ein mikrogravitätischer Zustand einstellte.
Um mich herum hörten auch andere Menschen mit dem auf, was sie gerade taten, alle ließen von sich selbst ab und starrten auf die Rauchwolke; sie standen auf den Kieswegen, die überall durch den Park führten, ihre Fahrräder neben sich, die Hunde waren eingeschüchtert, die Kinder verängstigt. Sofort geriet alles in mir aus dem Gleichgewicht, weil sich mein Organismus nicht anpassen konnte an die Erwartungshaltung des Weltalls. Und während im Äußeren nur ein paar wenige Sekunden vergingen, in denen ich bewegungslos auf meinem Rücken lag, den Kopf leicht angehoben, dehnte sich in mir die Zeit aus, ich spürte den zunehmenden Kalziumverlust in den Knochen, das Abnehmen meiner roten Blutkörperchen, die dröhnende Desorientierung und die schwarzlöchrigen Sinneskonflikte in meinem Gleichgewichtssystem. Ich glaube, was sonst immerzu auf mich einwirkte, verringerte sich plötzlich fast um den Faktor von einer Million, und diese neue, vorübergehende Unbeschwertheit intensivierte, was ich davor hatte niederdrücken können. Alles entglitt mir, der Schwund war mental, und mein Leben offenbarte sich mir in der Abwesenheit meines Lebens. Dass ich beispielsweise ein Hohlkreuz hatte, war in der Mikrogravität nicht entscheidend, und meine Zahnfleischprobleme waren nur der Ausdruck eines größeren Problems, nämlich meiner Unfähigkeit, überhaupt in diesem Ungleichgewicht funktionieren zu können. Ich trieb gewissermaßen, vielleicht verschwand ich sogar allmählich, dabei war es immer meine Sehnsucht gewesen, mich zunehmend zu materialisieren. Aber mir war nicht klar, wer ich werden wollte, also flirrte ich, und jetzt konnte ich es wahrnehmen, ganz kirre, wenn ich meine Hände betrachtete oder überhaupt an mir runterschaute, auf den, der ich geworden war, schon jetzt ratlos, weil ich nicht mehr wusste, welche Verirrungen dadurch entstanden sind, welche Unumkehrbarkeit es bedeutete, aus den eigenen Bedingungen heraustreten zu wollen oder sie sogar hinter sich zu lassen. Und wie wichtig es gewesen wäre, wenn ich mindestens hätte telepathieren können, weil sich diese Mühsal, so vieles gleichzeitig zu denken, dann wenigstens durch mich selbst vermittelt hätte. Aber ich spürte auch, dass ich äußerlich so wirkte wie Harz, das aus einem Baumstamm fließt. Einer Frau hatte ich mich verpflichtet gefühlt, in meinem überbordenden Schuldbewusstsein, ich konnte es dann aber nicht aushalten, diese Verlorenheit, die entstanden war, andauernd. Eigentlich hatte ich es doch viele Jahre aushalten können, bevor ich, entrückt, wie ich war, mit meiner Erstarrung begann. Und was war das für eine unbegreifliche Verbindlichkeit gewesen? Wovon hätten wir uns angezogen fühlen sollen, wenn es keine Anziehungskraft gab aufgrund der Weise, wie wir uns miteinander durch den Raum bewegten? Wenn unsere Hände einander durchdrangen, wie konnte diese Abwesenheit des anderen dann bedeuten, dass wir beide umhüllt gewesen wären von etwas, das physikalisch berechenbar ist? Ich wusste in diesen Sekunden nicht, wie schmerzlindernd oder tröstend es sein kann, wenn eine Beschränkung vorhanden ist, wenn man gestützt wird durch eine Energie, die gegeben ist und nicht vorgestellt. Ich wusste in diesen Sekunden nicht mal, dass es nur Sekunden waren. Ich konnte wahrnehmen, dass ich mich nicht kausal verhielt, dass Kausalität gar nicht mehr existierte – für ein kurzes Intervall. Es musste sich ja um einen Gärungsprozess handeln, oder wie sollte man es sonst erklären können? Das Intervall gärte durch mich hindurch in die Welt. Die vergangenen Jahre, in denen ich zuerst verbunden gewesen war, dann verloren, und dann alleine, diese Jahre vermischten sich in einer klebrigen Flüssigkeit, oder sie äußerten sich als Ektoplasma um mich herum, wie ein gefüllter Kokon, in dem ich mich schwerelos bewegte, in dem ich mühelos atmen konnte, ein Kokon, der sich innerhalb des Zeit-Raum-Gefüges ausbreitete und dessen Membran ich vielleicht doch erahnte, mehrere Lichtjahre entfernt. Eine Bewegung ging davon aus, wellenförmig, und wie hätte ich das mitbekommen können, wenn ich wirklich nur ein paar Sekunden auf dieser Wiese gelegen wäre, erstaunt und entsetzt zugleich. Was erfuhr ich währenddessen über meine Erstarrung? Ich erfuhr, dass ich mich wieder würde bewegen können, oder zumindest, dass das erstarrte Ektoplasma zu einem späteren Zeitpunkt porös werden würde, oder dass ich es durch psychokinetische Impulse würde zerstören können, möglicherweise. Wie konnte ich aus Harz sein und trotzdem bewegt durch die Detonation? Gleichzeitig war es gefährlich, in diesem Kokon zu verweilen, mein Knochenmark löste sich wahrscheinlich auf, und mein Herzrhythmus war fremdbestimmt oder mehrmals vorhanden, ich selbst war wie immer mehrmals vorhanden (so many different people to be). Ich spürte, dass ich mich, ausgelöst durch mein Erstarren, distanziert hatte, besessen von einer Traurigkeit, die mich davon abhielt, sympoietisch zu sein, wobei es gleichermaßen gar nicht möglich ist, davon abgehalten zu werden. Diese Einsicht bestürmte mich mehrmals, oder durchfloss mich, weil der Sturm doch das Los sein soll, von einem konditionierten Wesen. Ich weiß aber auch noch, dass ich mich bald wieder beruhigte, oder zumindest irgendwann später. Vielleicht war all das gar nicht geschehen. Ich richtete mich auf. Ich saß dann mit angezogenen Knien im Park und sah noch immer die Rauchwolke aufsteigen. Der Rauch über den Häusern und Bäumen war fast weiß im Schein der hellen Sonne. Ich bemerkte, dass sich überall wieder Kausalitäten entwickelten, viele filmten, Hunde bellten sich an, und trotzdem blieb eine anhaltende Unerklärbarkeit zurück. Ich sah mich um, schaute den anderen Menschen zu, und ich fragte mich, was sie in den wenigen Sekunden, die seit der Explosion vergangen waren, empfunden hatten. Ich hörte Sirenen von allen Seiten, es war windstill.
Ich erhob mich, klopfte mir das Gras von den Klamotten und radelte angespannt ein paar Hundert Meter, hinein ins Industriegebiet, das an den Park angrenzte und auf dessen gegenüberliegender Seite der Airport war. In einer alten Fabrikhalle hatte im Sommer ein Fitnesscenter eröffnet. Ich kaufte mir einen Tagespass. Wie ich war, ohne mich umzuziehen, ging ich in den fensterlosen Trainingsraum, komplett leer, abgesehen von den Geräten. Die Leuchtpanels flackerten unregelmäßig. Ich trank den heißesten Minztee aus einem Plastikbecher. In einem Sonderbericht wurden die ersten Aufnahmen vom Airport übertragen, bald schon standen Reporter vor der Abflughalle, zuckten unwissend mit den Schultern, aber sie redeten dabei einfach weiter, überfordert, geschäftig. Ich klaute mir einen Proteinriegel und kaute angewidert darauf rum. Ich riss wahllos Handtücher aus einem Regal und schleuderte sie umher, aber die Anspannung entwich nicht aus mir. Während ich, ohne davon ablassen zu können, auf die stumm geschalteten Flachbildschirme schaute, die von den Decken hingen, powerte ich mich über eine Stunde lang komplett geisteskrank auf dem Stepper aus, um Mangelzuständen entgegenzuwirken, von denen ich mir einbildete, dass sie existierten.
Nürnberg, warum machst du diese?
1
Einmal im Luitpoldhain saßen Manu und ich auf einer versteckten Bank und rauchten Marihuana; meistens entfernten wir uns nicht so weit vom Maffeiplatz, wo sich unsere Wohnung befand, sondern hingen hauptsächlich auf unserem Balkon rum und betrachteten die lilafarbenen und rötlichen und grauen Südstadtwolken über dem Innenhof.
Ich weiß nicht mehr, warum wir an diesem Tag umherschlurchten, wahrscheinlich waren wir auf der Suche nach einem Imbiss oder Zerstreuung. Dass wir, während wir die gigantischen Wiesen des Luitpoldhains wahrnahmen, langsam high wurden, war an sich nicht sehr trippy, sondern öffnend und korrelierend mit dem kaltgepressten Grün des kauernden Frühlings; da war so eine Zögerlichkeit überall, oder eine Zartheit, die misstrauisch verbarg, dass die Welt, die wir kannten, aber vergessen hatten, bald aus sich selbst herausbrechen würde, übermächtig und schrill. Na ja. Ich weiß noch, dass wir damals meistens schwermütig waren, obwohl alles immer heller wurde. Allerdings waren wir auch angefixt von der wurmlochartigen Unübersichtlichkeit unseres haltlosen Denkens – worin auch eine Zartheit lag, ein Abdriften; der Versuch, über das hinauszukommen, was wir jeweils einzeln waren: zwei Zellanhäufungen, die Vorsicht und Angst meistens verwechselten. Manchmal gelang es uns gemeinsam, der gesicherten Fixiertheit zu entkommen und zu flexen – auf einem brüchigen, vorsichtigen, fluoreszierenden Untergrund, den wir paradoxerweise erst dadurch erschufen, dass wir ihn betraten.
Wir entwickelten zusammen Geheimwissen. Ich freestylte abends, während Manu Mandoline spielte, und wir schauten zusammen alte B-Movies an, die wir auf verseuchten Websites streamten, und wir diskutierten über theoretische Texte und ernährten uns hauptsächlich von Toastbrot, Paprikacreme und Weichkäse.
Nachdem wir eine Weile high im Luitpoldhain herumgesessen hatten, gingen wir weiter über das Gelände, verloren in einer zerfließenden Müdigkeit oder versunken in ihr; wir überquerten die Bayernstraße und kamen zum Volksfestplatz; er war mit Bauzäunen abgesperrt. Der Himmel war irgendwie schlonzig, auch wenn die Sonne schien, mit einer irritierenden Kraftlosigkeit. Die Kongresshalle hatte sich grau ins Universum reinbetoniert, logischerweise ging kein Glanz von ihr aus, nur ein Erbe der Unkultur, dessen Schaden auf uns allen lastete, wie Charlotte Wiedemann schreibt.
Es kam an diesem Tag zu einer eigenartigen Begegnung, von der ich erzählen will: Auf der anderen Seite des Volksfestplatzes lagen die Einzelteile eines Zirkuszelts, das offensichtlich bald aufgebaut werden sollte, rote Planen, Paletten und Gestänge waren auf dem Asphalt verteilt, ein Tieflader parkte daneben; außerdem waren ein paar kleinere Laster des Zirkus auf der weiten Fläche abgestellt worden. Niemand war da, kein Mensch, nirgends. Nur mittendrin, auf dem Kies, stand ein Elefant, in einem winzigen Gehege, das eigentlich nur aus vier Eisenstäben bestand, um die eine rote Schnur gespannt war; ein kleines Viereck, das den Elefanten umgab. Von da, wo wir uns befanden, wirkte er bedroht in einem existenziellen Sinn, wir konnten das telepathisch spüren, oder aufgrund einer chemischen Empfindsamkeit.
Es war, als wäre der Elefant umgeben von Abgründen gewesen, als wäre nur dieses eingezäunte Viereck halbwegs befestigt, aber gleichzeitig auch invertiert; das Tier war gefangen in einem Prozess der zunehmenden Isolation, also da war dieser fragwürdige Boden, und die Ahnung, dass der Elefant nur hier, genau da, wo er ausharrte, weiterhin bleiben könnte, obwohl er eigentlich überall hätte sein sollen, nur hier nicht. Jetzt war es so weit gekommen, dass er überall anders einfach durch die Oberfläche gefallen wäre und in einem ewigen Fall die verschiedenen fragwürdigen Schichten des Planeten durchdrungen hätte. Seine Isolation, unter der er litt, fand umgeben von Haltlosigkeit statt.
An den Bauzäunen, die den Volksfestplatz absperrten, hingen neonfarbene Plakate an den Gitterstäben, die für den Zirkus warben. Manu und ich hoben ein Teilstück des Bauzauns aus seiner Halterung und schlüpften hindurch. Zuerst schauten wir uns vorsichtig um, weil wir sichergehen wollten, dass tatsächlich keine Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter des Zirkus anwesend waren, außerdem prüften wir, ob wir beobachtet wurden, von Passanten beispielsweise. Ich meinte ja, dass es sich für uns manchmal unklar anfühlte, was Vorsicht und was Angst war. Und dann kommt in Bayern sofort noch diese belastende Paranoia dazu, wenn man high ist, weil Bayern ein Bundesland ist, in dem Polemik vor Verhältnismäßigkeit kommt. Es ist seltsam, tagsüber durch ein abgesperrtes Gebiet zu laufen, das von allen Seiten einsehbar ist. Aber ungefähr so fühlte sich diese Stadt immerzu für uns an. Wir schlurchten über asphaltierte Wege, durch eingedickten Kies, unter einer blassen Sonne, die viel tiefer stand, als es nötig gewesen wäre. Wir näherten uns dem Elefanten vorsichtig, obwohl wir sofort spürten, dass er uns wohlgesonnen war. Allerdings erschraken wir (es ging von den Oberarmen aus), weil das Tier so traurig wirkte, und ich meine damit nicht, dass wir den menschlichen Mood des Traurigseins auf ihn übertrugen – er befand sich in einem Zustand, der traurig war. Dass er überhaupt alleine eingesperrt war, von einer lächerlichen roten Schnur gefangen, die er sofort hätte durchbrechen können, das war traurig. Außerdem war er ungepflegt, seine lehmige Haut war verdreckt, verklebt, rau, garstig. Er wirkte ausgestoßen, er wirkte eingefallen. Langsam suchte er mit seinem Rüssel den Boden ab, und wenn er ausatmete, stiegen winzige Staubwolken langsam nach oben; dabei beobachtete er uns neugierig und müde. Wir liefen um ihn herum, umkreisten ihn mit Achtung, gleichzeitig waren wir von der Situation überfordert, aber auch dankbar für diese Begegnung; wir wurden auf unvorhersehbare Weise verwandelt, wie es bei Anna Lowenhaupt Tsing heißt. Ich ging in die Hocke und beobachtete den Elefanten.
2
hände wie wärmepflaster
auf meinem körper drauf
das will ich
aber die stadt fragt mich
willst du viele geklonte abgetrennte hände
überall auf deinem körper?
nein
3
Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war, als wir einen Klassenausflug ins Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände machten, vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Ein Mitschüler von mir, seine Frisur war blonde Dreadlocks, schmuggelte Joints in einer leeren Pulmoll-Dose mit sich herum und rauchte sie anschließend am Dutzendteich. Ich erinnere mich, dass es in einem der oberen Stockwerke einen gläsernen Steg gab, der raus auf den Innenhof führte und den ich nicht betreten konnte; mein Körper blockierte sich komplett gegen mich. Ich konnte gerade so einen Fuß auf die Glasplatte setzen, während ich mich krampfhaft am Geländer festhielt, aber es war mir unmöglich, beide Füße auf den durchsichtigen Boden zu stellen. In mir bebte das bloße Entsetzen, das nichts ist im Vergleich zu dem Grauen, das mich mindestens psychogeografisch umgab.
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Ich erinnere mich auch, dass ich bei Takeshi’s Castle vom Drachensee irritiert war, weil es dabei so schwer schien, den Zufall auszutricksen. Die Etappe wird auf Wikipedia so beschrieben: »25 etwa einen Meter voneinander entfernte Steine sollen die Überquerung eines Wassergrabens möglich machen, aber wechselweise sind immer fünf Steine locker.« Auf einem Blog fand ich folgende, wesentlich poetischere Beschreibung: »Das Fiese: einige Steine waren fake und wenn man sich falsch entschied, soff man ab. Ich habe KEINE AHNUNG, wie man die Challenge schaffen sollte, die Steine sahen alle gleich aus und sehr viele scheiterten immer kurz am Ende. Manche rannten aber auch so unendlich fix, dass sie fast schon über das Wasser selbst rannten, es war immer wieder cool, wenn das einer schaffte.«
Obwohl es mir immerzu möglich war, mich criminal minded durch die Stadt zu bewegen, gab es in mir ein stockendes Verlangen, all dem zu entkommen, weil ich mich nicht sicher fühlte, weil ich spürte, dass ich mir alles, was mir grundlegenden Freiraum bieten würde, selbst erschaffen musste, mit allen Schritten immer wieder gegen die Abgründe, und mit allen Schritten auf die Abgründe zu, die lauerten, wo ich entlangging. Ich weiß, dass dieses Gefühl höchstwahrscheinlich aus mir heraus entstand, aber es entstand auch im Austausch mit dieser Stadt, die ein oft psychopathisches Verhältnis zu sich selbst hat.
Nie konnte ich ahnen, welche Steine locker waren, immer mischte sich Verzweiflung in den Fun. Aber oft war es so, dass wir, meine Freunde und ich, es schafften, fast schon über den brüchigen Boden selbst zu rennen, und dabei brach etwas in unseren Brustkörben auf, etwas, wodurch es uns möglich wurde, der Zurückhaltung zu entkommen.
Donna Haraway schreibt: »Es spielt eine Rolle, ob wir uns in der Fülle der Bedürfnisse oder mit unerfüllten Bedürfnissen entwickeln.« Ich bezweifle, dass über derartig grundlegende Feinsinnigkeiten in Nürnberg schon mal nachgedacht wurde. Es liegt etwas Brachiales in der Bräsigkeit; da ist diese Stadt, verdreckt, verklebt, rau, garstig, eingezäunt vom Wahnwitz, und wir alle wissen so selten, was wir tun sollen, mit uns überhaupt und der Zukunft, aber hier ist es besonders heftig spürbar.
5
ich will deine
vielen geklonten abgetrennten hände
nicht
aber sag
warum machst du diese?
Die Fallen sind überall
Ich war während meines Studiums in Erlangen mehrere Semester hilfswissenschaftlicher Mitarbeiter einer exzentrischen Professorin für Linguistik, die es sich in den Kopf gesetzt hatte, einen Filmessay zu veröffentlichen. Meine Arbeitszeit ging hauptsächlich dafür drauf, dass wir gemeinsam in der Mensa saßen, schlechten Kaffee tranken und darüber nachdachten, wovon ihr Film handeln könnte. Zu der Zeit wurden die vier Türme der Universität, in denen hauptsächlich geisteswissenschaftliche Institute untergebracht waren, renoviert. Die Fachbibliotheken waren größtenteils ausgelagert worden, in leerstehende Häuser, die sich in Vororten befanden. Überall standen Gerüste, bis rauf in den neunten Stock; dazu die Hinweisschilder, die vor losen, womöglich herabfallenden Fensterscheiben warnten. Drinnen waren die Flure ausgelegt mit Malervlies und die Decken verklebt mit milchglasiger Folie. Ich musste einfach depressiv werden. Wenn wir nicht in der Mensa waren, hockte ich stundenlang in einem winzigen Büro und korrigierte Hausarbeiten, wobei mir nahegelegt wurde, ich solle die Handschrift der Professorin imitieren. Sie hieß Anjelica Kemander und ihre Handschrift sah aus wie die Fußspur eines sterbenden Tausendfüßlers. Es bereitete mir fast Kopfschmerzen, mir ihre Korrekturkürzel anzueignen. Abgesehen davon bewegte ich mich teilnahmslos durch den Sommer. Ich lebte damals noch bei meinen Eltern und schrieb verbissen an einem Roman. Ich erzählte niemandem davon, außer ein paar Studentinnen vielleicht. Aber es gab andauernd nur Missverständnisse. Weil meine Eltern so weit weg wohnten, musste ich in Erlangen immer den vorletzten Zug nehmen. Das führte regelmäßig dazu, dass Annäherungsversuche, die sich im Schlosspark oder in irgendwelchen Bars anbahnten, durch meinen frühzeitigen Aufbruch unterbunden wurden. Ein paar Mal allerdings kauften sich neugierige Studentinnen trotzig Zugtickets und begleiteten mich. Die Fahrt dauerte mehr als eine Stunde. Wir hatten in meinem Kinderzimmer Sex auf einer kleinen Matratze. An der Wand hing ein alter Starschnitt von Allen Iverson, der sich aus acht einzelnen Postern zusammensetzte. Auf der Kommode stand eine Lavalampe, die schon lange kaputt war. An den darauffolgenden Morgen unterstellten sie mir meistens, dass mein Bafög an sich leicht ausreichen würde, um mir ein WG-Zimmer zu leisten, wenn ich es vermeiden könnte, ausschweifend zu leben. Es war ihnen unangenehm, meinen Eltern zu begegnen. Ich widersprach ihnen nicht, sondern begleitete sie schweigend zur Bahnstation, mit schlechtem Gewissen. Dann setzte ich mich zurück an meinen Schreibtisch. Was wiederum Fassungslosigkeit bei meiner Mutter auslöste, die meinte, meine Antriebslosigkeit sei erschreckend.
Professorin Kemander fragte mich oft und unerbittlich darüber aus, was ich gerade lesen würde. Widerwillig erzählte ich ihr von meinen Entdeckungen. Ich versuchte, ausweichende Antworten zu geben. Einmal erwähnte ich aber beiläufig einen wissenschaftlichen Artikel über den ältesten Baum der Welt, eine Langlebige Grannen-Kiefer (Pinus longaeva), die in den Weißen Bergen Kaliforniens wächst und deren Alter damals auf 5063 Jahre geschätzt wurde. Ein paar Tage später kam sie in mein Büro, während ich Hausarbeiten korrigierte, sperrte die Tür ab und eröffnete mir flüsternd, dass sie einen Film über Pinus longaeva drehen werde, hoffentlich in Zusammenarbeit mit einem renommierten Kollegen, der interdisziplinär in den Bereichen Biologie und Geografie forsche. Sie hätte herausgefunden, dass er an den Untersuchungen zur Lebensdauer der Grannen-Kiefern beteiligt gewesen sei; außerdem sei er besessen von seiner rhetorischen Abseitigkeit und dazu äußerst vital, obwohl er bald in den Ruhestand gehen würde. Sie wäre hin und wieder in Gremien und Ausschüssen mit ihm zusammengetroffen. Laut Professorin Kemander würde es kein engstirniger Film werden, nichts Abgesichertes, stattdessen wolle sie die Weite des Bewusstseins der Kiefern vermessen, wobei wir uns allen Normen widersetzen müssten, sagte sie mir, um eine intensivere Form der Wahrheit spürbar zu machen. Die Filmsequenzen würden sich wie Jahresringe ausbreiten, das sei unausweichlich. Wir müssten uns für alle Abzweigungen, die auf uns warten würden, öffnen – und bereit sein, uns notfalls subatomar aufzuspalten, um alles einzufangen, was sich in den Fadenfiguren der Zukunft auftun würde.
In der Woche darauf flogen wir, mitten im Semester, nach San Francisco. Am Flughafen kaufte Professorin Kemander ein iPhone 5s. Sie bezahlte mit einer goldenen Kreditkarte. Mit einem Mietwagen, den ich fahren musste, machten wir uns auf den Weg in die Weißen Berge; es war eine siebenstündige Fahrt. Ich hatte nie zuvor mit einem Automatikantrieb zu tun gehabt, und Professorin Kemander amüsierte sich ausgiebig über meinen Fahrstil, während ich versuchte, auf der fünfspurigen Autobahn nicht den Überblick zu verlieren. Sie hatte ihre Schuhe ausgezogen und ihre Füße aufs Armaturenbrett gestellt, wobei ihr Rock ziemlich weit hochrutschte. Wenn ich unsicher zu ihr rüberschaute, hob sie fragend die Augenbrauen. Bald schlief sie ein und ich trank dosenweise Cola, um im kalifornischen Hinterland nicht abzudriften. Ich dachte viel über Maissirup nach. Das Auto lenkte ich durch die klebrigen Schatten von Mammutbäumen, in denen massenweise Truthahngeier saßen. Ich fragte mich, ob ich die Kontrolle über mein Leben komplett verloren hatte.
Ich schwöre: Wir blieben genau fünfzehn Minuten beim ältesten Baum der Welt. Die Sonne blendete mich und mein Immunsystem verkrampfte. Ich stapfte über den weichen Boden, während Professorin Kemander mit ihrem neuen iPhone die Kiefer filmte. Sie umkreiste den Baumstamm unablässig und hielt die Kamera immer wieder hoch zu seiner Krone. Der Himmel war von einem karmischen Blau. Dann verlor Professorin Kemander die Lust oder die Geduld. Außerdem blinkte die Akkuanzeige des iPhones rot auf. Sie verlangte von mir, uns zurück zum Flughafen zu bringen. Erstaunt setzte ich mich wieder ans Steuer. Während der Fahrt begann sie, auf dem Beifahrersitz manisch Nikotinkaugummis zu kauen, und lachte mehrmals laut auf, ohne dass ich nachvollziehen konnte, was der Anlass dafür gewesen war. Ich habe keine Ahnung, wie ich es schaffte, unfallfrei nach San Francisco zu kommen. Wir nahmen den nächsten Flug nach Frankfurt. Ich weiß noch, dass ich in der Flugzeugtoilette umständlich versuchte, meinen verschwitzten Oberkörper mit Erfrischungstüchern zu waschen. Wie ich anschließend gerochen habe: wie ein verfickter Klostein mit Zitronenaroma.
Ich hatte schon damals nur mein altes Trapphone von Samsung gehabt, ohne Kamera und Internetzugang. Ich bildete mir ein, es bei Gefahr jederzeit wegschmeißen zu können, weil nichts Wichtiges darauf gespeichert war, wodurch ich mir, wie ich meinte, im Zweifelsfall eine gewisse Flexibilität bewahren würde. Deshalb konnte ich allerdings die MMS von einer Studentin, die hartnäckiger war als die anderen, nicht öffnen. Als ich ihr eine Nachricht schrieb und fragte, was auf dem Bild zu sehen sei, erhielt ich nur Fragezeichen als Antwort.
Zurück in Erlangen arrangierte Professorin Kemander ein Treffen mit Erwin Auerkamp, dem Geologen. Wir trafen uns in der Mensa. Professor Auerkamp war freundlich und gleichzeitig ging eine gewisse Aggressivität von ihm aus. Er war sechsundsechzig Jahre alt, vielleicht ein bisschen übergewichtig. Mir fiel sofort die Bleichheit auf, die seinen kompletten Körper zu umfassen schien und die wirkte, als würde sie ihre Umgebung verschlucken. Er teilte uns gleich zu Beginn seine Bereitschaft mit, das Zentrum unseres Films zu verkörpern, allerdings nur unter der Bedingung, dass wir ihn ausschließlich bei laufender Kamera zu seinen Forschungen befragen würden. Alles Weitere würde er uns überlassen. Es würde ein kritischer Film werden, meinte Professorin Kemander, und im Zentrum würde sich Pinus longaeva befinden. Professor Auerkamp kicherte. Ich wurde von Professorin Kemander losgeschickt, um Kaffee für alle zu besorgen, aber ich hatte kein Guthaben mehr auf meiner Mensakarte. Verärgert reichte sie mir ihre Karte. Als ich mit drei Tassen zurückkam, lud uns Professor Auerkamp zum Abendessen in seine Villa ein. Er würde uns dort sehr gerne mitteilen wollen, wie er sein eigenes symbiotisches Zusammenwirken mit kritischen Filmansätzen verstehe. Aufgrund einer wahnwitzigen Unvorsichtigkeit verbrannte ich mir daraufhin bei den ersten Schlucken meine Zunge am Kaffee. Aber ich ließ mir nichts anmerken.
Am Nachmittag beauftragte mich Professorin Kemander damit, die gesammelten Werke von Erwin Auerkamp aus der Hauptbibliothek auszuleihen und Exzerpte davon anzufertigen. Auerkamp hatte 17 Bücher veröffentlicht, dazu zahlreiche Aufsätze in Fachzeitschriften. Ich schleppte also zwei schwere Taschen durch Erlangen, bei 32 Grad im Schatten. Trotzdem blieb ich kurz stehen, wenn ich Bekannte traf. Wir tauschten uns aus, lachten, schwitzten. Allerdings kam es mir zunehmend so vor, als würde ich abgetrennt vom übrigen Universitätsbetrieb existieren, oder abgetrennt von allen anderen zwischenmenschlichen Beziehungen überhaupt. Ich ahnte, dass es mit dem Film zu tun hatte. Ich besuchte weiterhin Seminare, aber ich war unfähig, mich wirklich auf das einzulassen, was dort passierte. Im Germanistischen Institut kam mir die Studentin entgegen, die mir die MMS nach Kalifornien geschickt hatte. Als sie mich bemerkte, schaute sie auf den Boden und ging schweigend an mir vorbei. Das Gewicht von Auerkamps Werk schnitt mir in die Schulter. Ich schlurchte also weiter und lud die Bücher in meinem Büro ab, erleichtert und gleichzeitig traurig.
Die Villa von Professor Auerkamp befand sich am Stadtrand von Erlangen; von der Terrasse aus konnte man einen weiten Wiesengrund sehen, durch den sich ein Fluss zog – und den rot glühenden Sonnenuntergang. An einem Gestänge war eine Lichterkette angebracht, deren pulsierendes, psychedelisches Licht angeblich Mücken abschrecken sollte. Am Rand der Terrasse war die Haushälterin von Professor Auerkamp dabei, ein Spanferkel über einem offenen Feuer zuzubereiten. Ich erinnere mich nicht mehr an viel, was an dem Abend passierte. Professor Auerkamp schenkte andauernd selbst gebrannten Schnaps nach. Die Frau, mit der er in dritter Ehe verheiratet war, war verreist. Er zeigte uns aufreizende Fotos von ihr. Irgendwann legte er eine Sinfonie von Mahler auf, zu der Professorin Kemander und er barfüßig im feuchten Gras tanzten. Eigentlich stampften sie nur rhythmisch auf den Boden, wobei sie sich an den Händen hielten.
Später, Professor Auerkamp war mit seinem Geländewagen zur Tankstelle gefahren, um Strohhalme zu kaufen, stand ich mit Professorin Kemander in der Küche; sie rauchte über dem Herd, wobei die Dunstabzugshaube auf der höchsten Stufe lief. Deshalb verstand ich nichts von dem, was sie mir in ihrem betrunkenen Enthusiasmus erzählte. Ich glaube, sie wollte dabei zuschauen, wie Auerkamp mir einen Blowjob geben würde. Ich hatte gerade eine Keule des Spanferkels in der Hand. Ich gab vor, kurz Ketchup aus dem Garten zu holen, und verließ schleunigst die Villa. Völlig betrunken lief ich durch das Wohngebiet, im Schutz von fein geschnittenen Hecken. Von den Straßenlampen war nur noch jede zweite erleuchtet. Ich hatte Angst, dass mir Professor Auerkamp auf seinem Heimweg begegnen würde. Hin und wieder nagte ich an der Spanferkelkeule.
Weil Professor Auerkamp in einem Jahr in Ruhestand gehen würde, weigerte er sich, sein Büro im achten Stock des B-Turms zu verlassen. Das Geologische Institut war längst ausgelagert worden, damit die Renovierungsarbeiten durchgeführt werden konnten. Ich fand es gespenstisch, durch die langen Flure zu gehen. Alle Türen standen offen, alle Zimmer waren leer. Ich sollte mit ihm den Termin für den ersten Drehtag abstimmen, aber er war nicht da. An einer Pinnwand neben seinem Büro waren Fotos angebracht, die ihn bei seinen Expeditionen auf der ganzen Welt zeigten, immer mit Anglerhut und ausgestrecktem Daumen. Hauptsächlich in Wüsten. Ich musste wieder an seine bleiche Haut denken. Mir war eine Fußnote in seinem Hauptwerk über Pinus longaeva aufgefallen, ein philosophischer Exkurs, in dem er danach fragte, was der Baum schon alles erlebt habe, welche Begegnungen in ihm gespeichert seien; Begegnungen der siebten Art womöglich, hatte er geschrieben, ohne weiter auszuführen, was er damit meinte. In einer anderen Fußnote schrieb er über das Verhältnis von Forschung und Kritik. Dabei berief er sich auf Donna Haraways Erzählungen über den hawaiianischen Zwergtintenfisch Euprymna scolopes: Durch eine Symbiose mit dem Bakterium Vibrio fischeri bilden die Tintenfische eine Bauchtasche aus, in der sich dann lumineszente Bakterien ansiedeln; so sieht der Tintenfisch, der in dunklen Nächten jagt, für seine Beute von unten aus wie ein Sternenhimmel – unscheinbar und unverdächtig. Er betrachte seine Forschungen als Tintenfische, schrieb Auerkamp, die mit seinen Kritikerinnen und Kritikern in einem symbiotischen Verhältnis existieren würden; erst durch eine verschmelzende Auseinandersetzung würde jene kriminelle, überwältigende Energie entstehen, die wir als Erneuerung kennen.
Ich hatte das Gefühl, dass mein Trapphone dement war. Es vergaß immer wieder, wie ich hieß. Ich wollte Nachrichten mit meinem Namen unterschreiben, aber T9 verlangte, dass ich das fragliche Wort buchstabierte. Wieder speicherte ich meinen Namen ein. Joshua. Es würde nicht lange dauern, bis mir T9 wieder Jörg vorschlagen würde, wusste ich, und bei jedem weiteren Buchstaben Ratlosigkeit. Ich hörte also komplett damit auf, SMS zu schreiben. Ich weiß nicht, ob es in diesem Sommer überhaupt etwas gab, womit ich nicht aufhörte.
Dann kam das Semesterende und ich hatte ein paar Wochen frei. Ich verschanzte mich in meinem Kinderzimmer und verdiente nebenbei ein bisschen Geld. Manchmal erhielt ich Mails von Kemander, die mir verzweifelt von den ausufernden Filmaufnahmen berichtete. Sie meinte, sie wäre dabei, endgültig zu scheitern. Sie schaffe es nicht, Auerkamp zu durchdringen. Er inszeniere sich, anstatt ihr dabei zu helfen, einen Näherungswert für Pinus longaeva zu definieren. Ich schrieb ihr, sie solle Auerkamp nach seinem Verhältnis zu Tintenfischen befragen. Kemander antwortete, mein Tipp sei im Moment weder tröstlich noch komisch. Dann fragte sie mich, ob ich ihr beim nächsten und wahrscheinlich letzten Versuch assistieren würde. Sie fragte mich auch, wie man seine Zeit nur so vergeuden könne.
Die Aufnahmen fanden am darauffolgenden Wochenende statt. Professorin Kemander erklärte, sie habe den Akku ihres iPhones mehrmals aufgeladen, um kein Risiko einzugehen; dann erzählte sie mir im Vertrauen, dass wir experimentell vorgehen müssten, nicht mehr systematisch. Wir warteten den Sonnenuntergang ab, wobei wir Schnaps tranken. Der Dreh würde in Auerkamps Büro stattfinden; Kemander wollte mit einem Interview beginnen, in dem Auerkamp endlich seine Faszination für die Langlebigen Grannen-Kiefern vermitteln sollte. Die Jalousien waren runtergelassen, überall standen Bücher aus Universitätsverlagen in den Regalen; vor allem Promotionsschriften, die Auerkamp betreut hatte. Ich richtete zwei Scheinwerfer aus, die ich über den Lehrstuhl bestellt hatte, und hielt dann einen gigantischen Reflektor hoch, den ich fast nicht ins Zimmer bekommen hätte. Ich bemühte mich, überzeugend zu wirken, obwohl ich keine Ahnung hatte, was ich tat.
Ich fragte Auerkamp, wie er es trotz ausgiebiger Aufenthalte in Wüsten auf der ganzen Welt schaffe, sich einen so auffallend bleichgesichtigen Teint zu bewahren. Er lachte. Aber dann meinte er, dass er es, gemeinsam mit einer befreundeten Biologin, geschafft hätte, eine Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 1000 herzustellen, wohlriechend und wasserabweisend. Eintausend, meinte er, das sei eigentlich unmöglich. Jeden Morgen sei das Erste, was er mache, sich damit einzureiben, und zwar am ganzen Körper. Wäre er selbstgefälliger, könnte er behaupten, dass er den Hautkrebs besiegt habe.
»Findet Ihre Frau das sonderbar?«, fragte ich.
»Im Gegenteil«, antwortete Auerkamp, »sie cremt mich manchmal eigenhändig ein.«
Ich merkte, dass es ihm gefiel, gefilmt zu werden. Der Aufwand, den wir uns machten, reizte ihn. Er fühlte sich wohl. Kemander stoppte die Aufnahme und bat Auerkamp, sein Hemd auszuziehen. Nachdem er kurz gezögert hatte, öffnete er langsam die Knöpfe. Sein volles Brusthaar war ergraut. Kemander kramte in ihrer Handtasche und brachte eine E-Zigarette zum Vorschein. Sie reichte sie Auerkamp über den Schreibtisch.
»Johannisbeergeschmack«, meinte sie, »der Akku ist voll.«
Sie stieg auf den Schreibtisch und drehte den Feuermelder ab, der an der Decke hing. Ich selbst blieb währenddessen hinter dem Reflektor verschanzt, von wo aus ich Auerkamp beobachtete, der vorsichtig an der E-Zigarette saugte. Offenbar schmeckte es ihm, weil er direkt wieder inhalierte und, sobald Kemander den Feuermelder abgeschaltet hatte, eine riesige Dampfwolke ausatmete, die sein komplettes Büro eindickte. Kemander zwinkerte mir zu. Ich sah, dass Auerkamps Brillengläser beschlagen waren.
Im nächsten Moment kam es mir vor, als würde ich kurz ein gleißendes, alles invertierendes Licht sehen, das aber von den verstaubten Jalousien abgehalten wurde, fast postapokalyptisch kribbelte es in meinem Frontallappen. Ich dachte auch, dass der Horizont über Erlangen weit geöffnet sei; keine Ahnung, was das bedeuten sollte. Als ich fragen wollte, ob die anderen auch bemerkt hatten, was ich bemerkt hatte, sah ich, dass ich von Kemander gefilmt wurde: Sie schaute mich auffordernd an, hinter ihrem iPhone. Ich machte meinen Mund zu.
»Was verstehen Sie«, fragte ich dann, »unter einer Begegnung der siebten Art?«
Auerkamp saugte an der E-Zigarette; er atmete aus, und dichter, bläulicher, süß riechender Nebel erfüllte den Raum. 5063 Jahre seien eine lange Zeit, antwortete er; besser gesagt, es sei genug Zeit für einen Baum, um Außerirdischen zu begegnen – der Einfachheit halber werde er sie Außerirdische nennen –, genug Zeit auch, um sich mit ihnen anzufreunden; um ein Bezugspunkt für sie zu werden, ein interstellarer Treffpunkt, wo die Außerirdischen von überall zusammenfinden würden, für ihre Vereinigungsrituale.
»Darauf hast du in deinem Hauptwerk über Pinus longaeva hingewiesen?«, fragte Kemander ungläubig.
»Ja, tatsächlich habe ich das getan«, antwortete Auerkamp. »Warum auch nicht?«
»Weil es fragwürdig ist …«
»Nein, es ist nicht fragwürdig, vor allem nicht, wenn du den Baum kennen würdest.«
»Ich kenne den Baum«, sagte Kemander, »ich war dort.«
»Das hat nichts zu bedeuten«, sagte Auerkamp lachend.
»Wenn du dich lustig machst, ist gleich alles vorbei«, sagte Kemander.
Daraufhin inhalierte Auerkamp mindestens 30 Sekunden lang Liquid, wobei er uns mit zwei gestreckten Fingern andeutete, Geduld zu haben. Ich dachte, dass er gleich in Ohnmacht fallen würde; seine Stirn lief rot an. Stattdessen füllte sich das Büro bald mit einer riesigen Dunstwolke. Ich konnte nichts mehr sehen. Aber ich hörte, wie das Fenster geöffnet wurde. Als sich die Luft wieder geklärt hatte, war Auerkamp verschwunden.
»Ich bin draußen«, hörten wir ihn gleich darauf rufen, »und ich warte nicht so lang wie der Baum.«
Ich flüsterte Kemander zu, dass sie weiterfilmen solle. Wir gingen um den Schreibtisch herum und stiegen durch das offene Fenster auf das Gerüst. Ich half ihr dabei. Draußen war es kühl und windig. Unsere Schritte hatten eine seltsame Tiefenstruktur auf den Eisenplatten. Die Wolken schoben sich ineinander. Die Stadt unter uns glühte währenddessen in einem geheimen Trübsinn.
»Kommt rauf«, rief Auerkamp.
Wir schauten uns um. Auerkamp war nirgends zu sehen. Aber ein paar Meter weiter war eine Leiter, die nach oben führte. Wir kletterten also vorsichtig, bis wir das flache Dach des Gebäudes erreichten; es war mit grobkörnigem Bitumen abgedichtet. Auerkamp stand in der Mitte, vor einem Aufbau, der mit Wellblech verkleidet war; ein Abstellraum vermutlich. Mit den Oberarmen lehnte er auf einem verschlossenen blauen Plastikfass und rauchte E-Zigarette. Es schien ihn nicht zu stören, dass er halb nackt war. Ich sah, dass eine Spritze in seinem Hosenbund steckte, sie war verpackt und drückte sich in seinen weichen, weißen Bauch. Professorin Kemander filmte ihn, ihre langen Haare verteilten sich im Wind quer über ihr Gesicht.
»Wollt ihr wissen«, fragte er, »was ich in meinem letzten Forschungssemester gemacht habe?«
»Zeig, was du zu zeigen hast, bevor der Wachmann kommt«, sagte Kemander beunruhigt.
»Ich habe es in den Weißen Bergen entdeckt und hierher geschmuggelt«, sagte Auerkamp.
Er klemmte sich die E-Zigarette zwischen die Zähne und nahm den Deckel vom Fass ab. Er trat einen Schritt zurück. Das Fass war, soweit ich es sehen konnte, mit einer schwarzen, schwammigen Masse gefüllt. Nichts passierte, außer vielleicht, dass der Wind nachließ. Das sah ich an Kemanders fallenden Haaren, während sie auf das Fass zuging und direkt hineinfilmte. Dann begann sich die Masse zu bewegen; von einem pulsierenden, knorpeligem Zentrum ausgehend flossen, fast unmerklich, kreisförmige Wellen über die Oberfläche hinweg. Ich bekam eine Gänsehaut. Der gefangene Körper schien sich auszubreiten, er drehte sich glibberig im Hartplastik um sich selbst. Dabei schob er sich unendlich langsam nach oben. Es entstanden gequetschte, schlurpige Geräusche, entrückt und orientierungslos. Ich glaube, ich hielt ungewollt die Luft an. Am Rand des Fasses tauchten nach und nach mehrere, eigenartig verschobene, lidlose, eitergelbe Augen auf. Sie fixierten uns eindringlich durch die Dunkelheit hindurch. Professorin Kemander trat zurück; ihre Hand zitterte. Auerkamp bekam einen Lachanfall. Als sie weiter zurückging, stolperte Professorin Kemander über ein Kabel. Dabei ließ sie das iPhone fallen. Ich half ihr beim Aufstehen und hob das iPhone auf.
»Ich will weg«, sagte sie leise.
Wir gingen zum Gerüst. Beim Hinabsteigen der Leiter sah ich noch, wie Auerkamp lachend die Spritze aus seinem Hosenbund zog, während er genüsslich an der E-Zigarette saugte.
Zu Beginn des Wintersemesters erfuhr ich, dass Professorin Kemander gekündigt hatte; deshalb war auch ich meinen Job losgeworden. Niemand wusste, wo sie hingezogen war. Eine Sekretärin meinte allerdings, dass Frau Kemander jetzt angeblich in Hongkong für ein internationales Unternehmen arbeiten würde.
Im Herbst, es war eine der letzten warmen Nächte, verpasste ich, leicht angetrunken und vorsätzlich, meinen Zug aus Erlangen. Gemeinsam mit einer Studentin, die mich immer wieder neugierig nach meinem Roman fragte, kletterte ich das Gerüst hoch. Das Fass war nicht mehr da. Aber der schwarze Bitumen hatte sich tagsüber mit Energie vollgesogen und wir konnten bis zum Sonnenaufgang auf dem Dach liegen, ohne zu frieren. Wir schliefen miteinander. Das war schön. Einmal sagte ich gedankenverloren:
»Das, was da über uns ist, sieht von hier unten fast aus wie ein Sternenhimmel.«
Das iPhone 5s von Professorin Kemander bewahre ich immer noch auf. Manchmal habe ich mir überlegt, ob ich die Videos einfach auf Youtube stellen sollte. Vielleicht mache ich daraus aber auch irgendwann einen richtigen Film. Wer weiß.
Pulsuz fraqment bitdi.