Kitabı oxu: «Mittendrin und am Rande – Lebenserinnerungen eines Vertriebenen»

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 16

Statt eines Vorworts: Erinnern 17

Die Ahnen 18

Auswanderung nach Ungarn 18

Ulmer Schachteln 20

Unser Urahn Georg Wiest 21

Werischwar (Vörösvár) 23

Perbál 24

Familiäre Überlieferung 26

Die Wiest-Großeltern 31

Besuch unseres Vaters in Perbál 33

Unser Vater erzählt 34

Der Hof war noch unverändert 37

Hakenkreuz im Kuhstall 39

Ein „Sportlehrgang“ in Brünn 40

Zwei Briefe 43

Volksbund der Deutschen in Ungarn 46

Im Internierungslager Vác 47

Die Kopp-Großeltern 50

Opa Georg, genannt Hans 50

Ohrfeigen für den Lehrer 51

Im Ersten Weltkrieg 52

Auf Wache für die Räterepublik 52

Kleinhändler 53

Opa schöpft Verdacht 54

Gróf Sándor 55

Wein 57

Das Haus der Kindheit zurückkaufen? 60

Folgte einer Drohung die Abrechnung? 62

Schlechte und gute Russen 63

Oma rettet ihren Hans ein zweites Mal 64

Der Tod kam mit neunzig 66

Die Fahrt meines Lebens 66

Die Oma, geb. Maria Payer 68

Aus ihrem Leben 68

Schwarzhandel 69

Letzter Besuch 70

Oma als Kind, Mädchen und junge Frau 72

So fing es mit mir an 74

Die Fraas, mein Sarg war schon bestellt 74

Wickelkind 76

Frühe Erinnerungen und Erzähltes 78

Der blasse Jüngling 78

Auf dem Wasser 78

Es brennt 78

Weinlese 80

Weihnachten 1945 83

Die „Guckrutzmari“ 85

Stallbetten 87

Baden in Perbál 89

Die beduselten Gänse 91

Schlittenfahren in Perbál 94

Wintergeschichten 95

Die Vertreibung der Ungarndeutschen 100

Die Volkszählung von 1941 100

Kollektive Bestrafung 102

Theresa Beer berichtet 105

Die Närrische von Pressburg 109

Angekommen in Nordhessen 111

Berghofen 111

Bei Hanneses 112

Er kam mit dem Fahrrad 113

Neues Leben 113

Tod 114

Kaninchen 115

Tabak 116

Öl und Wolle 118

Lange Strümpfe 118

Ein freundlicher Müller 119

Der Mann an der Esse 121

Zigeuner 122

Familie Weiß 123

Unser Vater 125

Der Liebling seiner Mutter 125

Levente und Soldat 126

Mitglied im Volksbund 128

Koch bei den Amis 129

Er kam mit dem Fahrrad 130

Bei Familie Arnold 131

Geleitschutz 131

Die kleine Maria bricht das Eis 132

Arbeitssame Leute waren wir 133

Wenn die Heidelbeeren reiften … 134

Heuernte 135

Otto, der Wagenlenker 136

Getreideernte 138

Die Kartoffeln müssen raus 139

Dämpfkolonne 140

Im Dorf gab’s nur eine Dreschmaschine 141

Otto, der Imker 143

Wie die Arnolds lebten 144

Die weiße Frau und der Wirrwahn 146

Wir bauen ein Haus 148

Ungarersiedlung 148

„Handlanger, Speis!“ 149

Schlotter Hans 150

Wein und Schnaps 152

Schuster 152

„Holz machen“ 153

Die schnelle Hexe 154

Ein Unfall 155

Besuch in Roda 157

Ein toter Soldat 157

„Auhammer“ 158

Unser Haus in Battenberg 160

Vaters Besuch in Ungarn 162

Die Braut trug nicht Weiß 163

Unsere Mutter 165

„Maul halten und weiterdienen“ 165

Eine begehrte Braut 166

Die böse Schwiegermutter 167

Mein blasser Onkel 169

Die überforderte Mutter 170

Nur keine Außenseiterin sein! 171

Richtig weinen konnte sie nicht 172

Glückliche Momente 173

Schnaps, Weiber und ein Dieb 173

„Trutzen“ 175

„Unser Gott“ 175

Ein „Care-Paket“ 177

Kochen und Backen 178

Brot 179

Nichts verderben lassen 181

Alles zusammenhalten und sparsam sein 182

Vornehme Gäste und fremde Leute 183

Erziehung 185

Rebellion und Bildung 186

Unser Haus in Battenberg 188

Endlich Frieden?! 190

Frieden 191

Mein Bruder und ich 194

Eher einer als zwei 194

Herausforderungen 194

Ein Fremder 196

Schiffchen schwimmen 198

Die Bewährung 199

Stoppeln 200

Konzentrationslager 201

Schwimmen 202

Wer geht über die Schleuse? 203

Jäger und Fischer 204

Indianer 206

Drachen steigen lassen 208

Wieder Gänse 208

Draußen 210

Hornissen 212

Äpfel 213

Aufstand 214

Coca-Cola 215

Meine erste (und letzte) Zigarette 217

Aus der Schule 217

Die Taten der neuen Freiheit 219

Feuer 219

Wieder eigene Ernten 221

Meerrettich 222

Herr Rupp 223

Armes Klavier 224

Es knallt 225

Glück gehabt, das Kind lebte 226

Unsere Schwester Maria 228

Ein Fläschchen und gezuckerter Haferschleim 228

Ein Kind der Währungsreform 228

Kaugummi und Schokolade 230

Zwei Freundinnen 231

Badeunfall 232

Bello liebt die Küken 233

Das Kind ist verschwunden 234

Kaufmannslehre 235

Au-pair-Mädchen in London 236

Betty Meyer will sie nicht gehen lassen 236

Bei Erich Fried 237

Frikadellen 238

Maria bleibt bei Erich 240

Dido 240

Arthur Janov 241

Pilze sammeln und zubereiten 243

Steinpilze und Pfifferlinge 243

Im Wald 245

Rotkäppchen und Hexen 246

Ein Atomreaktor fliegt in die Luft 246

Manche sammeln trotzdem 247

Für Ausländer: Sammeln verboten! 248

Des Kaisers teure Pilze 249

Speisemorcheln 250

Gift!? 252

Steinpilze 254

Schwefelköpfchen 255

Achtung Wildschweine! 256

Trüffeln 258

Wie wir Kinder bestraft wurden 259

Watschen waren normal 259

Knien auf Holzscheiten 259

Andere Strafen 260

„Zick, zack Zijeinerpack“ 261

Ein sensibler kleiner Junge 261

Schulhof, Ort der Bewährung 262

Prügelnde Väter 263

Der Maimann 265

1. Mai 265

Unser Mailied 266

Mädchen und Jungen 268

Doktor spielen 268

„Anette, wacker, woll“ 269

Wie es die Tiere machten 269

Sexualkunde im Stall und auf der Straße 270

Mädchen aus Ostberlin 271

Die Kinder kommen aus dem Nabel 273

Hygiene 273

Spinnstube 275

Weitere Bräuche 276

Kondome 278

Eine Nachbarin 279

In Wald und Feld 280

Roggenmuhme 281

In der Schule 283

Erster Schultag 283

„Ich war doch immer gut zu ihm.“ 284

Geldmangel und die Folgen 286

Verlust des selbstverständlichen Daseins 287

Auf die heiße Ofenplatte 287

Schulspeisung 288

Auf dem Schulhof 290

Herr K. fesselt und schlägt brutal zu 290

Frau Kr. zeigt ihm seine Grenzen 291

Kinderarbeit in der Schule? 292

Mittelschule 294

Aufs Gymnasium war empfohlen 294

Ein Fahrrad für zwei 294

Ein eigenes Fahrrad 295

Herr Keller 296

Lindesbluse 298

Exotisches 299

Als Boxkampf getarnte Prügelei 300

„Die Neger riechen anders als wir.“ 301

Strafversetzt 301

Kiloweise Marzipan 302

Fliegen 303

Herkules und „König Lustig“ 304

Schülerliebe 305

Mädchen, das charmantere Geschlecht? 306

Rüpeleien und eine blutige Abreibung 307

Junge Männer aus Kalabrien 308

Ein Tanzkurs und die Folgen 309

Reise nach Westberlin 311

Battenberg an der Eder 313

Dort war mehr los 313

Die Eingeborenen von Trizonesien 313

Die Roten Teufel 314

Woraus man Bögen macht 316

„Ucheblick“ 317

Auhammer 318

Die Chefin greift ein 319

Nationalsozialistischer Musterbetrieb 320

Das „Wunder von Bern“ - Einheimische und „Ungarer“ in einer Scheune 321

Hannover-Messe - Firma Vießmann 323

Auf der Messe 325

Kino 326

Rock’n’Roll 327

Blue Jeans 328

In die Kirche 330

Das Wichtigste war die Kollekte 330

Fronleichnamsprozession 332

Der Junge sollte Pfarrer werden 334

Armbanduhren als Patengeschenk 336

Verdummung statt Aufklärung 338

Ein Brief 339

Gebet eines Kriegers 341

Feste, Feiern, Fußball 345

Kiridog 345

„Umziehen“ 347

Neujahrwünschen 352

Das „Wunder von Bern“ 352

Fußball auf dem Dorf 355

Männer 357

Fritz 357

Horex 358

Bundesgrenzschutz 359

Begegnung mit dem Förster 361

Franz 362

Der Hansvetter 363

Ein Unwetter 369

In der Großmarkthalle 371

Der Laden 372

Die Gärtnerin, Späte Heirat ohne Ehevertrag 374

Der Bankrott 375

Erich 376

„Durchfahrt verboten“ 378

Der Mann mit dem Eimer 379

Emil 381

Der Rasselbock 384

Robert der Schlachter 387

Zwei Ferkel pro Jahr 387

Sautanz 389

Fleischbeschau, und weiter geht’s 392

Wurstmachen 394

Nach dem Schlachten 396

Heinz 397

Die Helden wurden blass 399

Policeman 406

Linnich am Niederrhein 406

Militärischer Drill 409

„Theoretischer Unterricht“, Ansichten von gestern 413

Karneval 415

Bereitschaftspolizei 417

Unter Einsatz des Lebens 418

Im Einzeldienst in Köln 419

Motorradstreife 420

Prostitution im Grüngürtel 421

Korruption oder „Kameradenschwein“ 422

„Ich muss doch auf euch aufpassen“ 423

Ein Mädchen aus Köln 424

Paris 1962 427

Mit der Polizei nach Paris 427

Napoleons Grab 428

Im „Bauch von Paris“ 429

Eiffelturm und Mont Martre 430

Hemingway feuerte vom Balkon 431

Da staunst du mec dur, was? 433

Wieder im Dienst 434

Ein Mopedfahrer 434

Das Maß war voll 435

Weiberfastnacht 436

Kündigung 438

Obst. Gemüse, Südfrüchte 441

Noch ein Gemüsehändler 441

Hunde 443

Eine Versuchung 444

Im Krankenhaus 445

Auf nach Kassel 446

„Bi Henschel“ 446

Vom Band zum Montagetisch 447

Ein Praktikant aus Guatemala erzählt 448

„Wilder Streik“ 449

Im „U-Boot“ 453

Hessenkolleg Kassel 456

Abitur „nachmachen“ 456

Studienreise nach Leningrad und Moskau 1963 459

Zwischenstopp und Warschau 459

Leningrad, Panzerkreuzer Potemkin 462

Eremitage und Kirow-Ballett 464

black marketeer 465

Erster Mai 469

Die Belagerung Leningrads im Krieg 471

Moskau, minus 14 Grad 471

Im Kreml 472

Kremlschatz 473

Bolschoi-Ballett und Lomonossow-Universität 474

Gorki-Park 476

„Allunionsausstellung der UdSSR“ 476

Die Metro 478

Neue Schwarzhändler 479

Hier wurde der Angriff der Wehrmacht gestoppt 480

Im Leninmausoleum 480

Catalunya/Katalonien 1963 483

Unterwegs zu Salvador Dali 483

Corrida 484

Auf dem Zeltplatz und am Strand 485

Tarragona 488

Wieder im Kolleg 489

Ein Unfall und die Folgen 489

Mein Bruder brachte mir die Hausaufgaben 490

Lockenwickler 491

Paris/Provence Sommer 1965 494

Chantalle grüßte nicht einmal 494

Les Baux 495

Arles 498

Vincent van Gogh 500

Aix-en-Provence und Paul Cezanne 501

Paris 1965 504

In einem Jugendhotel 504

Saint Germain de Prés 505

Rodin-Museum, Louvre, Versailles 506

Liebe an den Seineufern 506

Flohmarkt 508

Zurück im Kolleg 510

Eigenständig arbeiten 510

Sommerferien am Luganer See, 1965 511

Zeltplatz am Wasser 511

AAANDORRA 513

Lugano, Ascona, Monte Verità 514

„Swiss en miniature“ 515

Letzte Phase im Kolleg 517

Abitur 517

Uni Frankfurt 519

Eine andere Welt 519

Besuch bei Shakespeare 520

Portobello Road und Hyde Park 521

„Unter den Talaren Muff von tausend Jahren“ 521

Theaterfestival in Parma 523

„x Ware A = y Ware B“ 524

Feuer aus den Kesseln 524

Empfang in einer Burgruine 525

Bella Ciao 527

Ein Neofaschist lädt ein 527

Ein Landhaus in den Bergen 529

Nach Mailand und Florenz 531

Melonen in Mailand 531

Diebe in Florenz 532

Bei Basel an der Grenze 533

Dalmatien 1966 536

Unterwegs auf der Küstenstraße 536

Ein Dorf am Meer 537

Yugo, der Mann aus dem Süden 538

Ein Ex-Partisan erzählt 540

Schwertmuscheln 541

Yugo klärt auf 542

Gefüllter Kalbskopf 544

Karbid und Kalmare 544

Eine Heldentat 546

Verwandtenbesuch 547

Blumen für die Dame 548

Wilde Feigen 551

„Du bist ja ganz blutig“ 551

„Deutschmann komm!“ 553

Trapanj, der Leiter, gibt Auskunft 554

Frauen an der Spindel und ein Fan des deutschen Kaisers 556

Woher kommt die Sympathie für die Deutschen? 558

Ein ärgerlicher Abschied 561

Wieder in Frankfurt 563

Ein Job auf dem Flughafen und ein Goldbarren 563

Studentischer Verlag 565

Schwarze Reihe 565

Rechtsanwalt Kaul 566

Revolte 568

Studentenbewegung 568

„Ho, ho, Ho Chi Minh“ 569

„Stoppt „Bild“! 570

Ein blutiger Kampf 571

Schweigende Kolonnen in Feldgrau 573

ASZ: Gegenöffentlichkeit 574

Es waren meistens spontane Aktionen 575

„Kritische Theorie“ 577

„Russen raus aus Prag!“ 579

Studienreise nach Prag 579

Ein turbulenter Rundflug 582

Studienreise nach Marseille 585

Leo Lagrange 585

Chateau d’If 586

Bouillabaisse 586

Ein Bischof stört 588

„Das Herbertsche“ 589

Showdown der Revolte 591

Lederjacken 591

„Einige Tote, und der Spuk hat ein Ende“ 592

RAF, „Rote-Armee-Fraktion“ 593

KPD/ML 594

Mao Tse-tung 595

Dissertation und Abschied 597

Übergang 600

Schulung oder Teamarbeit 600

Ein Seminar in Schotten 602

Studenten und Arbeitsdirektoren 603

Wieder auf dem Dorf 605

Jugend- und Erwachsenenbildung 605

Hier soll ich wohnen? 606

Slowenien 1976 608

Wieder zu den Schneebergen meiner Kindheit 608

Aber welch ein Unterschied zu damals 609

Krainburg, Kranj 610

Ein Kollege erzählt von Faschismus und Krieg 610

Exkursionen 611

Bled 612

Nach der Reise 613

Seminare: Themen, Ziele und Methoden 614

Internationale Jugendbegegnungen 616

Danksagung 617

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-025-9

ISBN e-book: 978-3-99131-026-6

Lektorat: Mag. Elisabeth Pfurtscheller

Umschlagfoto: Mark Aplet, Svetlana Larina | Dreamstime.com;

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: József Wieszt

www.novumverlag.com

Statt eines Vorworts: Erinnern

Erinnerung kommt ungerufen, bleibt aus trotz großer Mühe, sie herbeizuzaubern. Sie ist mir nicht dienstbar, handhabbar, wenn ich sie dringend brauche. Bei Namen überwiegend lässt sie mich im Stich. „Wie hieß denn der noch, du weißt schon, der mit …?“ Aber meistens tut sich nichts. Wie eine Ahnung, schwaches, dämmriges Wehen ist der Name in mir, entflammt aber viel zu selten zu seiner vollen Gestalt. Später, wie zum Trotz, in unpassenden Zusammenhängen ist er dann da, drängt sich zwischen anderes, zu ihm nicht Gehöriges, stört mitunter, lenkt ab.

Erinnerung drängt sich mir nicht auf, eher schon ihre dunkle Schwester, das Vergessen: der Mangel an Einzelheiten, Gefühle, Empfindungen, Kleinigkeiten, Zeichen, Gesten, Blicke, Verstecktes. Wie soll da leicht ein Bild entstehen, eine Situation, ein Gemälde, Wortbild, Wortsituation, Wortgemälde?

Wann wurde mir abgewöhnt, auf das Kleine zu achten, wann fing ich an, es zu verachten, verachte ich es? War es, weil ich so lange im Kleinen war? Was ist das Leiden der Kreatur vom Standpunkt der Weltgeschichte aus gesehen, war es das? Solch einen Unsinn habe ich einmal gedacht. Z. B. erhob ich das Proletariat zu historischer Größe und liebte nicht die Proletarier. Und doch war ich zu Hause im Milieu der kleinen Leute, wenn ich überhaupt gelegentlich irgendwo zu Hause war. In mir war immer meine Sehnsucht, dazuzugehören, nicht am Rande zu stehen. Und dennoch war gerade der Rand, das Zusehen von außen, mein gewöhnlicher Ort. Meine Tätigkeit, mein Handeln nahmen vom dort ihren Ausgang. Am Rand war ich zwar und dennoch mittendrin.

Die Ahnen

Seit dem Sieg der Osmanen über das Heer Ludwig II. bei Mohács 1526 war Ungarn dreigeteilt und Mittelungarn von den Türken besetzt. Die Burg von Ofen (Buda) war das Verwaltungszentrum des türkischen Teils. Dieser Teil war weitgehend menschenleer, die Dörfer zerstört und verlassen, das Land verwüstet und verödet. So blieb es bis zur Rückeroberung Ofens durch ein christliches Koalitionsheer im September 1686 und der gänzlichen Vertreibung der Türken aus Mittelungarn in der zweiten Schlacht bei Mohács 1687.

Ein Resultat dieses Sieges war, dass der Habsburger Kaiser Leopold I. und seine Nachfolger als erbliche Könige von Ungarn durch die ungarische Aristokratie anerkannt wurden. Die kaisertreuen Magnaten erhielten ihre früheren Besitzungen vom Kaiser zurück, oder sie wurden mit anderen Gütern belehnt. Sehr schnell erkannten diese Herren, dass ihnen die seit vielen Jahrzehnten nicht bearbeiten, verödeten und versteppten Güter nur Vorteile brachten, wenn der Boden rekultiviert wurde. Sie brauchten Menschen, die das konnten: Bauern und Handwerker. In Ungarn gab es davon bei Weitem nicht genügend. Es mussten also Siedler, Kolonisten aus dem Ausland geholt werden, die diese große und schwere Aufgabe übernehmen würden. In der Umgebung von Buda hatten die Grafen von Zichy ausgedehnte Güter mit kaum besiedelten oder ganz verlassenen Dörfern. Sie begannen unverzüglich, Siedler aus den deutschen Ländern, aus dem Elsass und aus Lothringen ins Land zu rufen. Das geschah zunächst aufgrund privater Initiative. Später erst wurde eine regelrechte Einwanderungspolitik vonseiten der staatlichen Verwaltung des Kaiserreichs betrieben.

Auswanderung nach Ungarn

1691 bereits erreichte der von den gräflichen Emissären verbreitete Ruf die Gemeinde Hechenheim in Württemberg, unterhalb der Burg Hohenzollern gelegen. Der dort ansässige Georg Wiest entschloss sich, nach Ungarn auszuwandern. Er stellte zunächst einen Antrag auf einen Freibrief, d. h. auf Freilassung aus der Leibeigenschaft. Dafür musste er eine erkleckliche Summe auf den Tisch des Grundherrn legen. Er erhielt die Genehmigung zur Ausreise. Danach verkaufte er seinen restlichen Besitz und machte sich mit seiner Frau, vier Söhnen und drei Töchtern auf den langen und gefährlichen Weg nach Ungarn. Verwandte und Bekannte begleiteten ihn bis zum Dorfrand, Tränen flossen, Segenswünsche wurden erteilt, Warnungen und gute Ratschläge folgten, der eine oder andere steckte ihnen noch ein Heilkraut oder eine Tinktur zu. Dann sprach man mit dem Pfarrer noch ein gemeinsames Gebet, erhielt den Reisesegen, und dann entfernte sich die kleine Gruppe zusammen mit zwei anderen Familien in Richtung Ulm. Was würde sie ihnen bringen, die Reise ins Ungewisse?

Versprochen hatte ihnen der Werber glänzende Aussichten, verglichen mit den damaligen Lebensbedingungen in Hechenheim. Zuteilung von ausreichend Ackerboden, sechs Jahre Abgabenfreiheit, Bereitstellung von Vieh, landwirtschaftlichem Gerät und Material zum Hausbau. Er hatte auch ein Papier vorgewiesen, in dem das alles schriftlich festgehalten war, aber welcher Bauer konnte damals schon lesen? Auf dem Weg nach Ulm hatten sich ihnen noch weitere Auswanderer angeschlossen. In Ulm angekommen, mussten sie ihre Papiere überprüfen lassen und die Hälfte der Reisekosten an die Schiffseigner bezahlen. Eine Unterkunft galt es zu finden und dort so lange zu warten, bis ein Schiff abfuhr, auf dem sie mitfahren konnten, donauabwärts, zunächst bis Wien. Ulm war damals eine reiche Handelsstadt und stand in geschäftlichen Verbindungen mit einer Reihe anderer Städte. Eine der bekanntesten von ihnen war das durch größte Anstrengungen vor der Eroberung durch die Türken gerettete Wien. Die Schiffe der Ulmer, Zillen genannt, fuhren mit ihrer Fracht flussabwärts. Es waren flache Kähne, die entweder am Zielort verkauft wurden, um das Holz zu verwerten, oder sie wurden mit neuer Fracht beladen und flussaufwärts von Pferden gezogen. Man nannte das „treideln“.

Ulmer Schachteln

Für die Auswanderer wurden diese Zillen mit kastenähnlichen Aufbauten versehen, die den Menschen und ihren wenigen Gepäckstücken Schutz gegen Wetterunbilden boten. Wegen dieser Aufbauten wurden die Auswandererschiffe auch „Ulmer Schachteln“ genannt. Sie wurden von der Flut der Donau angetrieben und durch zwei sehr lange Ruder gesteuert, die auf dem Dach der „Schachtel“ postiert waren. Dabei galt es, Strömungen und Stromschnellen zu meistern und Untiefen zu vermeiden. Die Abfahrt von Ulm war ein öffentliches Ereignis. Viele Schaulustige versammelten sich, aber auch nachgereiste Verwandte und Bekannte kamen zu einem letzten Lebewohl. Eine Musikkapelle spielte auf und die Auswanderer gingen in Gruppen an Bord, etwa 30 bis 40 Personen pro Zille. Selbstverständlich wollten die Familien zusammenbleiben und auch Mitreisende, mit denen man während der Wartezeit Freundschaft geschlossen hatte, sowie bekannte Ausreisewillige aus Nachbardörfern, die man in Ulm getroffen hatte, sie alle versuchten, jeweils auf einem Schiff unterzukommen. Denn: In Gemeinschaft reist es sich leichter und in der Not kann man sich gegenseitig helfen. Das Wichtigste aber war, dass man in der neuen Heimat mit Bekannten zusammen ankommen und dort neu beginnen wollte. Als nach vielen Zurufen, Gedrängel und Geschiebe die verschiedenen Interessen befriedigt worden waren, oft auch durch ein Machtwort der Schiffsmannschaft, konnte die Reise beginnen. Die Fahrt bis Wien dauerte je nach Jahreszeit und Wetterlage ein bis zwei Wochen. In Wien kamen Kontrolleure der Kameralverwaltung, die die Auswanderung überwachten, an Bord der Schiffe und kontrollierten, ob nicht verbotener Weise verstecktes Geld oder sonstige Wertgegenstände mitgenommen und verheimlicht worden waren. Fand sich dergleichen bei jemandem, wurden die Sachen konfisziert und der „Übeltäter“ bestraft. Er konnte – nach vielem Bitten – froh sein, wenn er die begonnene Reise überhaupt fortsetzen durfte. Nachdem diese Angelegenheiten geregelt waren, musste die zweite Hälfte des Reisegeldes bezahlt werden. Bei diesem Aufenthalt wird vielen zum ersten Mal der Gedanke gekommen sein, dass die erwartete große Freiheit so groß vielleicht gar nicht werden würde. Nach einem Tag Aufenthalt, an dem die Auswanderer auch an Land gehen und Einkäufe machen konnten, ging die Reise weiter, wenn nicht Unvorhergesehenes dazwischenkam. – Es kam nichts dazwischen, kein Unglück, kein Überfall. Alle sind heil in Ungarn angekommen. Sie wurden in Werischwar/Pìlisvörösvár angesiedelt. Den Namen hatte der Platz von einer „Roten Plankenburg“, einer kleinen von den Türken errichteten Festung. Ein Dorf im üblichen Sinn war nicht mehr vorhanden. In einem Bericht an die Hofkammer in Wien von 1688 heißt es: „Werischwar ist ein von langen Jahren her ganz ruiniert und ödes Dorf, allwo die Türken einen Balanken gehabt.“ Ein Kenner der damaligen Situation bemerkte zu Werischwar Folgendes: „Wo die Menschenhand abgeht, dort gibt es auch keine Bodenkultur. Spuren davon wird man hier oder dort noch bemerkt haben. Im Allgemeinen dürfte das Gebiet keinen besseren Anblick geboten haben als die vielen anderen verwüsteten Gegenden des Landes.“1

Einer der Einwanderer war Georg Wiest. Er ist der Urahn aller in der Umgebung von Budapest lebenden Mitglieder der Wiest-Sippe Sie haben sich durch Binnenwanderung (Heirat, Arbeitssuche etc.) in den deutschen Dörfern des Ofener Berglandes angesiedelt. Die folgende Mitteilung dazu hat mir Frau Milbich-Müntzer zugesandt:

Unser Urahn Georg Wiest

Wiest (WÜST), Georg

Im März 1691 aus dem Hohenzollerschen Land entlassen (Morlock). „Wiest, Georg, Weilheim, Frau Kdr, 106 fl (Florentiner Gulden)33 x, (Kreuzer)) ‚außer Landes‘ (Gleichzeitig mehrere Entlassungen nach Ungarn). 24.3.1691“ (Hacker Auswanderungen aus Hohenzollern, 2158)

Als die Einwanderer nahe der Gemeinde Alt Ofen (Óbuda) ihre Zille verließen und erstmals ungarischen Boden betraten, wurden sie von Fuhrwerken ihrer künftigen Grundherren abgeholt und in ihre vorgesehenen Wohnorte gebracht. Von diesen waren kaum mehr als ihre alten Namen bekannt, gegebenenfalls waren noch ein paar Mauerreste vorhanden. Während der Türkenherrschaft (einhundertfünfzig Jahre) wurden sie entvölkert, verödeten und zerfielen. In den Heimatbüchern wird davon berichtet. Unsere Vorfahren wurden auf verwildertem Grund abgeladen. Die versprochenen Baumaterialien trafen nicht oder nur sehr zögerlich ein, Zugvieh und landwirtschaftliches Gerät ebenfalls. Die versteppten und versumpften Flächen mussten mühsam von Hand mit Hacke und Spaten wieder als Felder hergerichtet werden. Zugtiere und Pflüge waren noch nicht vorhanden. Unser Kopp-Opa wusste aus der familiären mündlichen Überlieferung von Perbál zu berichten, dass unsere Vorfahren im Sommer das Schilf in den versumpften Gebieten abmähten und verbrannten. Die heiße Sommersonne verdampfte das Wasser. Auf diese Weise wurden die Sümpfe entwässert. In den trockenen Gebieten rodeten sie, soweit vorhanden, Bäume und beseitigten dichtes Buschwerk. Das Holz der Bäume schlugen sie zu Balken und nutzten sie zum Bau einfacher „Häuser“ und Schuppen, um sich vor den Unbilden der Witterung (heiße Sommer, kalte, schneereiche Winter) und vor den wilden Tieren (Wölfe, Bären) zu schützen. An eine Ernte war unter diesen Umständen zunächst nicht zu denken. Selbst wenn sie von dem Grundherrn einige Lebensmittel (Getreide, Brot, Kartoffeln) erhielten, was nicht sicher war, litten sie, vor allem im Winter, an Hunger und Kälte. Viele erkrankten und starben – im Sommer am Sumpffieber, im Winter an Erkältungskrankheiten und Entkräftung. Die Kindersterblichkeit war unter diesen Bedingungen besonders hoch.

Georg Wieszt wurde also mit seiner Familie nach Werischwar gebracht. Er überlebte die schwere Zeit des Anfangs und findet sich in einer „Conscription“2 der Bevölkerung in Werischwar im Jahre 1696“ wieder: Georg Wüst mit zwei Söhnen und zwei Töchtern und – vermutlich ein erwachsener Sohn von ihm – ein Conrath Wüst mit zwei Söhnen. Wüst ist eine ursprüngliche Schreibweise von Wiest. Der Name stammt nach früheren Quellen aus dem Bodenseegebiet. Die ursprüngliche Bedeutung weist auf Tätigkeit der Menschen dieses Namens hin. Sie kultivierten unbebautes, wüstes Land. Damit waren sie in Ungarn sozusagen wieder an ihren Wurzeln angelangt.

Werischwar (Vörösvár)

Fogarasy-Fetter schreibt im „Werischwarer Heimatbuch“, dass im März 1691 vier Familien aus dem „Hohenzollerschen Land“ nach Werischwar kamen. „Mit ihnen kam aus Weilheim bei Hechingen Georg Wiest mit Frau und Kindern (namentlich bekannt Michael, Konrad, Franz), von dem die im Ofener Bergland weit verzweigte Familie Wiest ihren Ursprung nahm. Als seine Frau starb, heiratete er 1697 Barbara Wingert aus Finningen in Schwaben. Georg Wiest starb 1727 mit 60 Jahren in Werischwar.“ Nach Werischwarer Heiratsmatrikeln von 1697 war Georg Wiest von Beruf Wagner. Er gehörte damit einer Minderheit unter den Einwanderern an, die überwiegend Bauern und Winzer waren Der Name Wiest ist bis heute in Werischwar/Pilisvörösvar relativ häufig vertreten. Da viele Werischwarer nach dem Zweiten Weltkrieg im Bergbau arbeiteten, wurde der Ort von den Vertreibungen überwiegend verschont. Ähnliches widerfuhr auch weiteren Dörfern, die den neuen Machthabern aus anderen Gründen unentbehrlich schienen. Amüsantes aus der Geschichte der Wiests in Werischwar findet sich im Kapitel „Necknamen Spitznamen“: „Ein Zweig der Familie Wiest wurde wegen des Bauchumfangs der männlichen Familienmitglieder mit dem Necknamen die ‚Waumbadn‘ (Wamme: oberdeutsch ‚Bauch‘, wammig, ‚bauchig‘) von den dünnen Wiests unterschieden.“3

Die in Zsambék residierenden Grafen von Zichy (gesprochen Sitschi) waren zu dieser Zeit die Grundherren. Sie förderten die Einwanderung aus Deutschland. Ihr schönes Schloss in Zsambék existiert heute noch.

Perbál

Mein Geburtsort Perbál liegt nur wenige Kilometer westlich davon. Im Heimatbuch der Gemeinde Perbál, meinem Geburtsort, wenige Kilometer von Pilisvörösvár entfernt, findet sich eine Kopie der Visitationsakte von 1747. Sie gibt den Stand von 1745 wieder. Auf der Liste befinden sich ein Andreas Wiest (Frau Rosalia, Kind Katharina, Knecht Martin Stomher) und ein Mathias Wiest (Frau Barbara, Kinder Mathias, Michael, Martin, Leopold, Gregor, Georg, Elisabeth). In den Urbariallisten4 der Gemeinde Perbál von 1770 stehen ein Andreas Vieszt, und ein Mathias Vieszt.5 Das V wird im Ungarischen wie W gesprochen. Beide Männer dürften mit denen, die 25 Jahre zuvor eingetragen wurden, identisch sein oder waren deren Söhne.

Erstmals tauchen in den Listen von 1770 auch ein Gregorius Khop und ein Laurentius Khop auf. Damit ist zu dieser Zeit auch schon der Name Kopp in Perbál vertreten. Von der Kopp-Linie stammt unsere Mutter ab. Diese Kopps könnten unsere Vorfahren von der Mutterseite sein.

Ein Franciscus Köpp, und dann als Franz Kopp, taucht aber schon bei der Landeskonskription von 1720 in Jenö (Budajenö) dem Nachbardorf von Perbál auf. Der Name Kopp ist demnach bereits 50 Jahre früher in der Perbáler Gegend vertreten. Die Perbáler Khops von 1770 könnten durchaus auch Nachfahren des Jenöer Franz Kopp sein. Ein Christian Kopp steht auch in der Urbariallisten von 1770 im Nachbarort, der Gemeinde Jenö. Für diese Annahme spricht, dass zwischen den Dörfern Heiraten stattfanden, und, wie erwähnt, auf diese Weise eine Binnenwanderung stattfand.6

In dieser Liste findet sich ebenfalls ein Jakob Wüest. (Die Schreibweise Wüst, Wüest und Wiest, taucht anfangs parallel auf, später Wiest und Wieszt sowie Viszt und Vieszt. Das „Z“ kam erst durch die ungarische Schreibweise in unseren Namen.

Für mich ist damit erwiesen, dass die Familien unserer Vorfahren (Vater Wiest) seit 1691 in Pilisvörösvár bzw. (Mutter Kopp) seit Beginn des 18. Jahrhunderts in Perbál oder seiner unmittelbaren Nachbarschaft lebten. Sie gehörten mit einzelnen Ausnahmen nicht zu den reichen Bauern. Objektiv betrachtet, sind sie nicht dauerhaft in diese Schicht aufgestiegen. Sie blieben entweder stets kleine Bauern und Händler oder verloren durch widrige Umstände oder Fehlentscheidungen ihr Vermögen wieder. Es war aber nicht so, dass unsere Eltern mit ihrem Schicksal haderten und sich als arme Leute ansahen. Sie waren stolz auf das, was sie sich erarbeitetet haben. Strebsame Leute waren sie, die ihre Selbstachtung nicht zuletzt von ihrem durch fleißige Arbeit erworbenen Besitz herleiteten. Jedoch hätte unsere Mutter gern mehr davon gehabt. Ständig haderte sie mit unserem Vater, weil er nicht mehr verdiente. Aus der familiären Überlieferung wusste unser Vater Folgendes zu berichten:

Familiäre Überlieferung

Unser Vater berichtete: „Von den ersten Einwanderern ist in Perbál/Zsambék nur einer übrig geblieben. Er heiratete eine Ungarin aus Zsambék. Neue Kolonisten kamen in diese Orte. Auch von ihnen starben viele. Erst von der dritten Einwanderungswelle überlebten die meisten.“ Folgender Spruch ist in den ungarndeutschen Familien heute noch bekannt. „Den Ersten der Tod. Den Zweiten die Not. Den Dritten das Brot.“ Es dauerte Generationen, bevor aus diesen ersten behelfsmäßigen Ansiedlungen die schmucken „Schwabendörfer“ in einem Ring um Budapest herum entstanden.

Unser Vater erzählte weiter: „Mein Großvater, war auch ein Franz Wiest. Er hat Wechsel unterschrieben, die er nicht einlösen konnte. So hat er seinen Grund, eine ‚Halbsession‘, verloren. Meine Großmutter war eine geborene Dietrich. Ihr Vater war ein Schmied. Sie war seine einzige Tochter und heiratete einen Josef Fress.

Der war wohlhabend. Er arbeitete bei den Husaren als Dolmetscher für die Ungarn. Die Landessprache hatte er bei einer ungarischen Familie in Raab (Györ) als Austauschkind gelernt, ein Jahr lang. Die Kinder der ungarischen Familie waren in dieser Zeit in Perbál und lernten deutsch. Das war damals ein übliches Verfahren, um die Kinder mit den beiden wichtigen Sprachen im Land vertraut zu machen. Nach seiner Soldatenzeit hatte sich mein Fress Opa von einem Grafen eine Landwirtschaft in Diner (Tinye) gepachtet, 300 Joch. Alle mussten auf den Feldern mithelfen. In der vorderen Stube war der Mais (Guckrutz) bis unter die Decke gestapelt. Gedroschen wurde bis Weihnachten, nicht der Mais, der wurde von dem Kolben geraspelt. Seine Ernte verkaufte der Fress Opa in Raab an Juden. Der Vater eures Kopp-Opas war an dem Geschäft beteiligt.

Dieser Uropa Kopp zeichnete 1916 eine Kriegsanleihe in Höhe von 30.000,- ‚Gulden‘. Meine Mutter, eure Wiest Oma, zeichnete 8000 Gulden, alles war auf der Sparkasse in Zsambék angelegt Nach dem Krieg wurden die Papiere wertlos. Zwei Äcker erbte auch mein Vater. Die Äcker lagen auf einem steinigen Hügel. Zwei weitere Äcker hatten sie sich von einer Besitzerin in Tinye (Diner) gepachtet. Darunter war auch ein langes Stück.7 Sie hatten auch zwei Weingärten.“ Vaters Fress-Opa hatte sechs Kinder: Maria war seine älteste Tochter, unsere Wiest-Oma, geb. am 7. Juni 1893 in Perbál, gestorben am 4. Januar 1973 in Roda, Kreis Frankenberg/Eder (amerikanische Zone). Sie heiratete unseren Großvater Lorenz.

Die Kinder des Frommen Joob (vermutlich hieß er auch Wiest Lorenz) waren Franz: der Vater unseres Onkels Franz Wiest. Er war bei der Gemeinde angestellt als Jäger, Waldaufseher und Feldhüter. Er trank gern. In hohem Alter starb er in Roda.

Lorenz: unser Wiest Opa, geb. am 2. September 1889 in Perbál. Er starb am 31. Januar 1948 im Krankenhaus in Frankenberg/Eder nach einer Operation an einer „Darmverschlingung“. Vater sagte, er sei am Dünndarm operiert worden. Den Darm habe man falsch zusammengenäht, daran sei er gestorben.

Unsere Wiest Großeltern hatten folgende Kinder:

 Lorenz, unseren Vater, geb. am 21. Juli 1917, gestorben am 9.12.2001.

 Josef, geb. 1920, gestorben am 28.10.1941 bei Leningrad, in Karelien.

 Franz, geb. 1922, gestorben (vermisst seit 16.11.1941 in Karelien).

Sie lebten zunächst zur Miete („in Zins“), danach im Haus des Fress-Opas in der Jägerstraße 5 in Perbál. Unser Vater sagte zunächst, es sei in der „Gurgel“ gestanden, dann verneinte er das wieder.

Unserer Schwester Maria hat er bei ihrem gemeinsamen Besuch in Perbál eine alte „Wohnhöhle“ in der Gurgel gezeigt, in der seine Großeltern noch gewohnt haben sollen. Unter einer Wohnhöhle muss man sich einen oder mehrere in eine Lehmwand hineingegrabene Räume vorstellen. Es gibt solche Wohnhöhlen heute noch in Spanien. Einige wurden dort als Pensionen oder Hotels ausgebaut. Selbstverständlich haben Letztere Strom und Wasser. Die Wohnhöhlen in Perbál hatten das mit Sicherheit nicht. Diese Großeltern hatten zwei, drei Kühe, Schweine (Sau), Gänse und Hühner. Ein Pferd hatten sie nicht. Jemand pflügte für sie. Das mussten sie abarbeiten

Zwei Verwandte unseres Vaters, hatten je eine Dreschmaschine. Als Lohn für das Dreschen mussten die Bauern „an Kern“ bezahlen, vermutlich 1/10 der jeweils gedroschenen Menge, Hafer, Weizen, Gerste, Roggen (Draat). Der Roggen, das „Draat“ wurde angebaut wegen „Bandelmoche“. D.h., aus dem längeren Roggenstroh drehte man Strohseile (Bandel), mit denen die Garben der anderen Getreidesorten mit kürzerem Stroh zusammengebunden wurden, v.a. des Weizens.

Vaters Fress-Opa hatte eine Dreschmaschine, die von 3 Pferden angetrieben wurde (Göpel?). Die Kinder mussten die Pferde im Kreis herumtreiben. In der Mitte stand ein Pflock mit einem quer liegenden Rad daran. Von ihm lief ein Transformationsriemen zu einem weiteren Rad (aufrecht stehend), mit dem die Dreschmaschine angetrieben wurde. Soweit die Erzählung unseres Vaters.

Nach einer Abstammungstafel (Számaszási táblázat), ausgestellt in Budapest am 8. Januar 1943 (Kopie in meinem Besitz) sieht unsere Abstammung offiziell wie folgt aus: Linie des Großvaters (Wieszt):

1 Wieszt Ferenc, geb. 2.6.1861 in Perbál, heiratet am 19.September 1883 in Perbál.

2 Kaiser Teréz, geb. am 31.8.1862 in Perbál. Ihr Sohn

3 Wieszt Lörincz (unser Großvater) geboren am 2.September 1889 in Perbál.

Linie der Großmutter (Fress/Wieszt):

1 Fresz József, geb. am 3.1.1863 in Perbál heiratet am 10. November 1885 in Perbál

2 Dietrich Katalin, geb. am 5. August 1866 in Perbál. Ihre Tochter

3 Fresz Mária, (unsere Großmutter) geb. am 8. Juni 1893 in Perbál, heiratet am 17.2.1914

4 unseren Großvater Wieszt Lorenz (Lörincz)

Linie Wieszt/Kopp

Ihr Sohn

4. Wieszt Lörincz, (unser Vater), geb. am 21.7.1917 in Perbál, heiratet am 23.11.1940 in Perbál unsere Mutter

5. Kopp Rozina, geb. am 24. Mai 1918 in Perbál Ihre Eltern sind unsere Kopp-Großeltern.

Meine Geschwister und ich sind ihre Kinder.

Für das Folgende hat sich der Trauschein eingefunden.

Kopp-Linie

Kopp, György (Urgroßvater), Vater von unserem Kopp Opa.

Kopp, Rozalia, geb. Wieszt, (Urgroßmutter), Opas Mutter, nicht verwandt mit den obigen Wiests.

Payer, József, (Urgroßvater), Vater unserer Großmutter

Payer, Rozina, geb. Gerli (Urgroßmutter), Mutter unserer Großmutter

Kopp György, (genannt Hans) geb. am 11.11.1888 in Perbál gest. 20.11.1978 in Laisa (unser Großvater) und

2. Kopp Maria, geb. Payer, geb. am 4.8.1881 in Perbál, gestorben am 25.8.1967 in Laisa, unsere Großmutter

Unsere Großeltern heirateten am 6. Februar 1912 in Perbál,

Ihre Kinder waren

– Kopp, Georg, genannt Hans, geb. am 20. Juni 1913 (Hans-Vetter)

– Kopp Johann, Johanns Vater, verheiratet mit Anna Stockbauer aus Vértéstolna

– Kopp, Rozina, unsere Mutter, verheiratet mit Lorenz Wieszt aus Perbál, unserem Vater,

– Kopp, József, im Zweiten Weltkrieg umgekommen

– Kopp, Maria, verheiratet mit Franz Wieszt, einem Cousin unseres Vaters,

– Kopp, Therezia, (die Tante Resi, verheiratet mit József Paxian aus Perbál).

Sie hatten noch sechs weitere Kinder, die schon als Säuglinge bzw. Kleinkinder gestorben sind.

Zu unseren Eltern erzählte mir unsere Tante Maria: „Sie haben zuerst bei der ‚Wiest-Oma‘ gewohnt. Die waren arm. Bei der Hochzeit haben eure Eltern auf der Fensterbank gesessen. Ihr Kinder habt dort geschlafen. Am Morgen seid ihr zu uns herübergekommen (zur ‚Kopp-Oma‘) und habt dort gelebt. Abends seid ihr zum Schlafen wieder zur Wiest-Oma rübergegangen, weil es bei uns zu eng wurde.“

Die letzte noch in Perbál lebende Cousine unseres Vaters war die Ruppel Nanni (sie ist inzwischen verstorben). Ihre Mutter war eine geb. Maria Wiest, demnach die Schwester unseres Wiest Opas. Sie heiratete einen Ruppel, der zu seinem Schwager wurde. Wir haben die „Nanni-Basel“ mehrmals in Perbál besucht. Sie war eine angenehme Frau. Zu ihrer Tochter und den Enkelkindern halten wir freundschaftlichen Kontakt.

1 Nach Eugen Bonomi Zur Besiedlung der Gemeinde Pilisvörösvár, Südostdeutsche Forschungen München, Jg. 4 1939, S. 793-795, zit. in: Michael Fogarasy-Fetter: Geschichte und Volkskunde der Gemeinde Werischwar/Pilisvörösvár, 1994, S. 53.

2 Diesen Text hat mir Franziska Milbich-Müntzer, Heimatgeschichtlicher Arbeitskreis Budapest und Umgebung im AKd freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

3 Michael Fogarasy-Fetter, a.a.O S.62, 64, 66 und 465

4 Perbál,/Perwall Geschichte und Erinnerungen an unsere Heimatgemeinde in Ungarn, Hrsg. Förderkreis Heimatbuch Perbál 1988, Bearbeitung Josef Walter, 6945 Hirschberg/Gro, S. 31f f

5 Die Urbariallisten enthalten den Grundbesitz der Eingetragenen, die Grundsteuern sowie die Hand-Spanndienste und die Abgaben, die sie den Grundherren zu leisten hatten.

6 Rudolf Keszler, Ortsfamilienbuch Pilisvörösvár, Pilisszentiván 1693–1811, Sindelfingen 2007, S. 257. R.Kezler hat in seinem verdienstvollen Buch insbesondere die Herkunft und Verbreitung des Namens Wiest in Pilisvörösvár und Umgebung im Detail nachgewiesen. Vgl. a.a.O, S 625 ff.

7 Ein „langes Stück“ bedeutete, dass der Acker sich aus dem Tal über Hügel nach oben zog. Auf diese Weise waren alle Böden dieser Lage in dem Acker vertreten, die fruchtbareren im Tal, die magereren am Hang und die steinigen auf der Höhe. Mit dieser Regelung sollte verhindert werden, dass einige die fetten Böden bekamen und andere die mageren, weniger ertragreichen. Perbál verfügte auch über Gemeindeland und Wald. Sie wurden als Weideflächen für Kühe und Mastplätze (Eichelmast) für die Schweine zur Verfügung gestellt. Ein Halter (Hirte) führte die Tiere am Morgen dorthin und brachte sie am Abend wieder ins Dorf. Die Gemeinde bezahlte ihn dafür.

Die Wiest-Großeltern

Unsere Wiest-Großeltern, Wiest Lorenz, geboren am 2. September 1889 in Perbál, und Fress Maria, geb. am 8. Juni 1893 in Perbál, heiraten am 17. Februar 1914 in Perbál. Sie lebten zunächst zur Miete („in Zins“), danach im Haus ihres Fress-Opas in der Jägerstraße 35 in Perbál. Er hatte sich ein neues Haus gebaut und ihnen sein altes überlassen.

Diese Großeltern hatten für uns nicht so eine große emotionale Bedeutung wie die Kopp- Großeltern. Meine frühesten Erinnerungen an sie habe ich erst ab meinem sechsten Lebensjahr. Mein Großvater Lorenz war 1948 gestoben. Ich erinnere mich noch an sein Begräbnis. Der tote Opa war der erste Tote in meinem Leben, den ich bewusst wahrnahm. Wir waren zu seiner Beerdigung in Roda. Aufgebahrt im Sarg lag ein blasser Mann mich knochigem, eingefallenem Gesicht und kurzen grauen Haaren. Ernsthafte, schwarz gekleidete Männer und Frauen befanden sich im Raum. Für meinen Bruder und mich war das wohl zu langweilig. Er war sieben Jahre alt und ich sechs. Irgendetwas war zwischen uns vorgefallen und wir liefen um den Sarg herum und verfolgten uns gegenseitig. Mein Vater packte uns bei den Armen und ermahnte uns, ernst zu sein. Seine Stimme war brüchig und er hatte Tränen in den Augen. Es war das erste und letzte Mal in meinem Leben, dass ich ihn weinen sah, und wohl auch, dass ich ihm tief in die Augen blickte. Meine Großmutter Maria war selbstverständlich auch bei der Beerdigung ihres Mannes dabei, aber ich habe keine Erinnerung daran. Viel später erzählte uns unser Vater, dass dieser Großvater an einer „Darmverschlingung“ gestorben sei. Das schien uns immer eine sehr unzutreffende Erklärung zu sein. Laut einer Bescheinigung vom Sommer 1946 litt er unter chronischer Gastritis.

Unsere Wiest-Großmutter war eine hagere Frau, die ich nur in schwarzer Tracht kannte. Sie hatte eine scharf hervortretende Nase, tief liegende Augen und magere Hände. Bei ihr spürte ich keine Wärme und Zuneigung. Das lag sicher auch daran, dass wir von unserer Mutter beeinflusst waren, die sich von ihrer Schwiegermutter verfolgt fühlte. Es herrschte Kampf zwischen den beiden. Die Oma konnte ihren ältesten Sohn nicht loslassen. Sie hatte bereits zwei jüngere Söhne im Krieg verloren. Unsere Mutter gelang es offenbar nicht, die überstarke Mutterbindung unseres Vaters zu durchbrechen und durch eine starke Bindung an sich zu ersetzen In diesem permanenten Streit war unsere Mutter lautstark, wort- und gestenreich. Die Oma kämpfte eher still und verbissen. Sie benutzte unseren Vater, um unserer Mutter zuzusetzen. Bevor unsere Großmutter zusammen mit ihrer Schwester in Roda ein Haus gekauft hatte, wohnte sie eine Zeit lang mit uns zusammen in unserem neuen Haus in Berghofen. Das führte oft zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen unseren Eltern. Unser Vater war dabei stets das willige Werkzeug seiner Mutter. Wenn er von der Arbeit zurückkam, ging er sogleich nach oben zu ihr. War es tagsüber zu einem Konflikt zwischen ihr und unserer Mutter gekommen, ergriff er, ohne die Angelegenheit zu hinterfragen, sofort die Partei seiner Mutter und stellte seine Frau zur Rede. Die bestand dann auf ihrer Version des Vorfalls und im Nu war der heftigste Streit zwischen den Eltern im Gange. Es blieb nicht bei lautstarken Beschimpfungen. Manchmal hatte unsere Mutter auch ein blaues Auge. Die heftigste Szene ereignete sich, als meine Mutter einmal die Treppe hinaufrannte, um sich dort oben vor den beiden zu rechtfertigen und die Oma zu beschimpfen. Unser Vater stieß sie zurück, und sie fiel die Treppe hinunter. Das hat er sicher im Affekt getan. Dennoch war unsere Mutter von diesem Sturz wochenlang gezeichnet, der aber doch ein gutes Resultat hatte: Bald darauf zog die Oma zurück nach Roda, wo sie zunächst bei einem Bauern zur Miete wohnte und später zusammen mit einer Schwester ein Haus kaufte. Im Streit mit unserer Mutter fasste unser Vater seine Prioritäten voller Wut einmal so zusammen. „Erst kommt meine Mutter, dann komme ich, dann kommt lange gar nichts und dann kommst du.“ Uns Kinder erwähnte er in seiner Rangordnung nicht. Wir fielen wohl unter das „lange Gar nichts“.

Am Wochenende fuhr unser Vater mit meinem Bruder und mir ziemlich regelmäßig zu seiner Mutter in das etwa vierzehn Kilometer entfernte Dorf Roda. Er befördert uns auf seinem Fahrrad. Einer saß hinten auf den Gepäckträger und einer auf der Stange oder, später, auf einem vorne am Lenker angebrachten Kindersitz. Wir übernachteten meistens von Samstag auf Sonntag dort, wohl im Bett des verstorbenen Opas. Um uns einzuschläfern, las uns die Großmutter aus der Bibel vor, häufig aus der Genealogie, lange Passagen aus der Geschlechterfolge, die für uns völlig unverständlich waren. Irgendwann fielen uns dabei die Augen zu. Den Sonntagvormittag brachten wir mit Friedhofs- und Verwandtenbesuchen zu. Meistens waren wir bei Cousinen der Großmutter – eine langweilige Pflicht. Widerlich war mir dabei, dass uns die alten Frauen an sich rissen, ein „Busserl“ wollten und uns abknutschten. Gern besuchten wir dagegen die „Resibasl“, unsere Großtante Theresia. Sie wohnte mit unserer Großmutter im gleichen Haus und war kinderlos. Ihren Mann, Marton, hatte sie im Krieg verloren und mochte uns Kinder. Sie verbreitete eine wohlige Atmosphäre, erzählte von ihrem Leben, zeigte uns Fotos und gab uns öfter auch eine Kleinigkeit. Ein „Busserl“ erwartete sie dafür nicht. So wie wir verpflichtet waren, unsere Oma zu besuchen, so war sie verpflichtet, uns beim Abschied ein kleines Taschengeld zu geben. Mein Vater hatte dafür gesorgt. Käuflich, wie wir waren, nahmen wir es gerne an. Peinlich war es immer dann, wenn die Oma einmal pflichtvergessen war. Wir drückten uns dann so lange herum, bis es ihr wieder einfiel oder ihr unser Vater ihr mehr oder weniger deutlich ein Zeichen gab. Mir war diese Situation immer peinlich.

Besuch unseres Vaters in Perbál

Unsere Schwester besuchte mit unserem Vater Perbál. Aus ihrem Bericht: „An der ungarischen Grenze mussten wir lange warten. Vater sprach zunächst nicht. Vielleicht hatte er Angst, dass er wegen seiner Vergangenheit in Perbál festgenommen würde. Ich beruhigte ihn deswegen. ‚Die kennen dich doch gar nicht.‘ Als er dann mit dem Grenzer ungarisch sprach, wurden wir sofort abgefertigt. In Perbál suchte Vater zuerst den Weinkeller der Wiest-Familie. Als er ihn in der Kellergasse identifiziert hatte, kletterte er obendrauf. Offenbar war er sehr stolz. Dann ging er mit mir in die ‚Gurgel‘, das war ein (Hohl-)Weg am Rande des Dorfes, zum Berg hin. Dort hatte einer unserer Wiest Vorfahren einmal in einer Art Lehmhöhle gewohnt, bevor Vaters Großvater das Haus im Dorf baute. Es gab dort mehrere solche Höhlen. Ich erinnere mich, dass noch Reste davon zu erkennen waren.“

Das Geld für das Haus hat der Urgroßvater wohl von seinem Vater erhalten, der zu den reichen Leuten gehörte, wie uns der Vater öfter erzählte. Unsere Wiest-Großeltern waren im Dorf nicht angesehen. Unser Kopp-Opa widersetzte sich daher der Heirat unserer Mutter mit unserem Vater, bis sie schließlich heiraten „mussten“ (November 1940). Die Armut war aber nicht der Hauptgrund seines Widerstandes gegen die Heirat. Unser Wiest-Opa war ein großer Trinker. Das hat ihm auch seine Magen- und Darmprobleme eingebracht. Ein Trinker war auch sein Bruder Franz, der Feldhüter.

Fast alle Männer im Dorf tranken Wein oder verdünnten Wein (Spritzer). Sie deckten damit in der Regel ihren Flüssigkeitsbedarf. Kaffee oder Tee waren Getränke „für die Weiber“. Nur Wasser tranken die wenigsten. Bevor jemand als Trinker bezeichnet wurde, musste er mehr als das übliche Quantum zu sich nehmen. Die kräftig zulangten, brachten es auf mehrere Liter am Tag. Trotz ihres Alkoholkonsums waren die Männer in der Regel noch alltagstauglich. Die Tage reichten im Sommer von vier Uhr morgens bis zehn Uhr in der Nacht. Problematisch wurde das Trinken dann, wenn der Weinkonsum noch höher als der übliche war und Schnaps hinzukam. In Ungarn ist es heute noch so, dass man auf dem Dorf vor der Arbeit einen Schnaps trinkt. Häufig auch vor den Mahlzeiten. Wir haben das bei der Weinlese so als Regel kennen gelernt. Überrascht waren wir jedoch, als uns beim Besuch einer lieben Freundin in Budapest vor dem Frühstück ein Schnaps angeboten wurde, also auch in der Stadt.

Unser Vater erzählt

Der Großvater seines Großvaters hieß Franz Wiest. Der Vorname seines Urgroßvaters, war ihm nicht bekannt. Er kannte ihn nur als „der fromme Joob“. Vermutlich hieß er auch Lorenz. Er war wohl ein größerer Bauer und hatte Wechsel unterschrieben, die er nicht einlösen konnte. So hat er seinen Grund, eine „Halbsession“, verloren. Die Großmutter unseres Vaters hieß mit Mädchennamen Dietrich. Deren Vater war ein Schmied. Sie war die einzige Tochter und heiratete einen Josef Fress, Vaters Fress-Opa. Der war wohlhabend.

Er diente bei den Husaren und arbeitete dort als Dolmetscher für die Ungarn. Ungarisch hatte er bei einer Familie in Gran (Esztergom) als Austauschkind gelernt, ein Jahr lang. Die Kinder der ungarischen Familie waren in der Zeit in Perbál und lernten Deutsch. Nach seiner Soldatenzeit hatte er sich von einem Grafen eine Landwirtschaft in Diner (Tinye) gepachtet, 30 Joch.8 Den Ertrag verkaufte er nach Gran. Bei der Ernte mussten alle aus der Familie und auch Nachbarn auf den Feldern mithelfen. Sie war so groß, dass sich auch in der vorderen Stube der Mais (Kukuruz) bis unter die Decke stapelte. Gedroschen wurde bis Weihnachten, aber nicht der Mais, der wurde von den Kolben gerebelt.

Unser Kopp-Uropa zeichnete eine Kriegsanleihe in Höhe von 30.000,- „Gulden“ (Kronen), er war also recht wohlhabend. Das Geld verfiel nach dem Ersten Weltkrieg. Keine Bank war bereit, die Kriegsanleihen zurückzuzahlen. Unserem Urgroßvater erging es nicht anders als Millionen von Anlegern in ganz Europa. Auch das Erbteil unserer Wiest-Oma, 8.000- Gulden (Kronen) verfiel auf der Sparkasse in Zsambék.9 Unsere Wiest-Großeltern waren Kleinlandwirte und bearbeiteten mehrere Äcker und einen Weinberg. Ihre drei Söhne waren unser Vater, geb. am 21. Juli 1917 in Perbál, gestorben am 9. Dezember 2001 in Grafenhaun, Bayern, Josef, geb. 1920 in Perbál, gestorben am 28. Oktober 1941 in Karelien, Franz, geb. 1922 in Perbál, gestorben/vermisst seit 16. November 1941 in Karelien.

Die Wiest-Großeltern lebten zunächst zur Miete („in Zins“), danach im Haus des Fress-Opas in der Jägerstraße 5 in Perbál. Er hatte sich ein neues Haus gebaut. Vater sagte zunächst, es sei in der „Gurgel“ gestanden, dann verneinte er das wieder. Es stand dort noch bis in die Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Dann hat es eine junge, ungarische Familie gekauft und umgebaut. Nur auf dem Hof befanden sich noch alte Schuppen und Ställe.


Die Wiest-Großeltern, hier ein Foto, das wohl kurz nach ihrer Hochzeit aufgenommen wurde.


Vom Unterdorf zu den Häusern auf den Hügeln führte eine Art Feldweg. Dort oben, für uns Kinder sehr weit entfernt, stand das Haus unserer Wiest-Großeltern. Glaubt man den Erzählungen meiner Mutter, die dort als Schwiegertochter unangenehme Erfahrungen gemacht hatte, dann waren diese Großeltern Habenichtse. Wenn später die Rede auf die verschiedenen Familien kam und auf ihren Besitz und unsere Mutter unserem Vater wegen dessen ärmere Abkunft allzu sehr zusetzte, deutete der eine große Geste an, drehte auf dem Absatz eine halbe Pirouette und sagte in fehlerlosem Hochdeutsch: „Habe nichts und lebe doch!“

Der Hof war noch unverändert

„Wir können ja mal klingeln. Vielleicht lassen sie uns herein“, sagte mein Cousin Ferenc, mit dem ich vor dem Neubau stand. Eine junge Frau mit einem Kleinkind auf dem Arm öffnete die Tür. Ein etwas größeres Kind klammerte sich an ihr linkes Bein und versteckte sich halb dahinter. Nachdem Ferri uns vorgestellt hatte, bat sie uns freundlich herein. Sie führte uns durch den bescheidenen Neubau. Gerade habe sie einen Kaffee auf dem Ofen, ob wir vielleicht eine Tasse mit ihr trinken möchten. Wir sagten nicht Nein. Ihr Mann habe in Budapest eine Arbeit gefunden. aber dort könne man sich mit einem Facharbeiterlohn keine Wohnung kaufen. Das alte Haus unserer Großeltern hätte sie kaufen können, weil die Kinder der Vorbesitzer schon eine Stadtwohnung hatten. Es täte ihr leid, dass sie das Haus unserer Großeltern abgerissen hätten, aber eine Renovierung wäre teurer gekommen als ein Neubau.

Die hinteren Anbauten und der Hof seien allerdings noch unverändert. Wir könnten uns das gern ansehen. „Es ist noch alles so, wie wir es gekauft haben. Das Geld für die Renovierung des Hofs und der Ställe haben wir noch nicht.“ Wir bedankten uns und gingen mit ihr in den Hof. Hätte ich Ferenc/Franz, nicht dabeigehabt, wäre die Besichtigung sicherlich nicht so problemlos gewesen, denn die junge Frau sprach nicht Deutsch, und ich spreche leider auch nicht ausreichend Ungarisch.

Sie zierte sich doch ein wenig, diesen fremden Mann aus Deutschland auf ihren Hof zu führen, denn dort war ein ziemliches Durcheinander. Überall lagen oder standen alte Haus- und Ackergeräte in große Unordnung herum. Zwischendrin liefen Hühner und Gänse bunt durcheinander. Der zottige kleine Haushund sorgte durch sein aufgeregtes Gehabe dafür, dass das Geflatter und Geschnatter der verschreckten Tiere nicht aufhörte. Weil es Frühjahr war und der Lehmboden noch feucht und aufgeweicht, mussten wir stellenweise sehr vorsichtig auftreten. Dennoch war das für mich eine sehr beeindruckende halbe Stunde auf diesem Hof, an den ich keine Kindheitserinnerung mehr habe. Hier war noch ein Stück des ursprünglichen Lebens vorhanden. All die alten Geräte, die Schuppen, die Tiere, die zerfallende Gartenmauer aus Lehmziegeln, der schwere, aprilnasse Lehmboden – all das kam mir irgendwie vertraut vor, vermittelte ein Gefühl von „daheim“. Dass es sich um das Haus meiner Großeltern handelte, war nicht der Auslöser dieses Gefühls. Es war die ganze ungewollte Komposition, dieses „Galizische“, dem ich im Süden Polens, in der Ukraine, in Moldawien, in den Dörfern Sloweniens und der Woiwodina schon so oft begegnet war. Immer wieder zieht es mich dahin und stets entsteht in mir die Ahnung aufs Neue: „So war mal deine Heimat.“ Ich ließ mich gehen, in diese Stimmung hinein, schwelgte in diesem lehmigen Heimatgefühl und sah mir jedes Detail genau an, so als wäre es die letzte Gelegenheit, das alles noch einmal so wahrnehmen zu können, wie es in meiner Kindheit war.


Blick in den Hof. Schweine hatten sie nicht mehr.

In alle Winkel und Ecken schaute ich, öffnete die Türen und blickte in die Ställe hinein – und stand plötzlich vor einem halben Hakenkreuz im alten Kuhstall. Exakt, wie mit einer Schablone hatte es jemand genau der Tür gegenüber an die Wand gemalt. Mindestens einen Meter hoch war es einmal gewesen. Zu sehen war nur noch die untere rechte Hälfte, das obere Stück war frisch verputzt, vermutlich war der alte Lehmputz heruntergefallen, und das Loch ist ausgebessert worden. Meine Ernüchterung war groß. Nichts mehr war übrig von lehmiger Nostalgie und Heimatgefühl. Die Vergangenheit hatte mich unverhofft eingeholt.

Hakenkreuz im Kuhstall

Wer hatte das dahin gemalt? Und warum war es, 46 Jahre nach Kriegsende, noch nicht beseitigt worden, obwohl doch spätestens die Ausbesserungsarbeiten einen guten Anlass dazu gegeben hätten?

Die Vermutung liegt nahe, dass meine beiden Onkel, damals junge Burschen von einundzwanzig und neunzehn Jahren, das Zeichen des Österreichers in den Kuhstall gemalt haben. Beide waren im Juli 1941, gegen den Widerstand ihrer besorgten Eltern, zu einem „Schulungskurs“ oder „Sportlehrgang“ nach Brünn mitgefahren, den die Deutsche Jugend (DJ) organisiert hatte. Dort ließen sie sich aufgrund der Einflüsterungen und Versprechungen von Himmlers Agenten, die ihnen für den Beitritt zur Waffen SS die deutsche Staatsbürgerschaft versprachen, zu diesem Schritt verführen. Nach einer militärischen Kurzausbildung von sechs Wochen kamen sie direkt an die Karelische Front. Vom Februar 1942 an erfolgte die Rekrutierung der ungarndeutschen Wehrpflichtigen auch schon direkt zur Waffen-SS.10 Der ältere der beiden Brüder war schon nach drei Monaten tot, zerfetzt von einer sowjetischen Granate bei Borok nahe der finnisch-russischen Grenze. Der Jüngere ist seit November 1941 in Karelien vermisst. Er ist von einem Angriff auf einen Bahndamm in der Nähe Loukhi nicht mehr zurückgekommen. Einer seiner Kameraden aus Perbál berichtete später, er habe einen Bauchschuss erhalten, konnte aber wegen des anhaltenden Feuers der Russen nicht geborgen werden. Stundenlang schrie er um Hilfe und verblutete hilflos im tiefen Schnee. Er wurde nicht begraben. Die beiden jungen Männer haben ihren Einsatz für eine von ihnen vielleicht herbeigesehnte Zugehörigkeit zum Deutschen Reich mit ihrem jungen Leben bezahlt. Dort hofften sie, frei vom Magyarisierungsdruck ihres ungarischen Vaterlandes leben zu können. Tausende andere junge ungarndeutsche Männer erlitten das gleiche Schicksal. Sie starben, weil ihr Vaterland Ungarn sie ihrer deutschen Identität berauben wollte. Bekennt euch als Ungarn oder verschwindet!

Ein „Sportlehrgang“ in Brünn

Hier sahen die Agenten Himmlers eine Chance für ihre zunächst noch illegale Werbung. „Es wurden zum Beispiel junge gesunde und politisch zuverlässige Volksdeutsche…zu Schulungskursen, HJ-Lagern oder Sportlehrgängen nach Deutschland eingeladen und dort zum freiwilligen Eintritt in die Waffen-SS überredet. Nur die wenigsten von ihnen hatten damals eine Vorstellung von der gefährlichen Bedeutung dieses Schrittes. … vor allem aber das Bewußtsein, in der Waffen-SS anders als in der Honvéd (ungarischen Armee d.V.) als gleichwertig zu gelten, … erleichterte den jungen Volksdeutschen den Übertritt.“11

Konnten diese ungebildeten Bauernburschen ahnen, dass die Waffen-SS nicht nur Hilfstruppe der Wehrmacht bei ihren mörderischen Eroberungskriegen war, sondern zentraler Bestandteil der Judenvernichtung wurde? Vermutlich nicht. Hatte man ihnen nicht vorgegaukelt, dass sie in der Waffen-SS im Überlebenskampf der germanischen Rasse gegen den jüdischen Weltbolschewismus auf der richtigen Seite kämpfen würden? Unterlagen sie schließlich dem Mythos und der Glorie von schnellen, beinahe kampf- und opferlosen Siegen im Blitzkrieg? Meine beiden Onkel hatten ihren Verführern Glauben geschenkt. Bevor sie ihren unbedachten Schritt hätten bereuen können, waren sie tot.

Mit diesen Ausführungen will ich nichts beschönigen oder rechtfertigen. Ihren Schritt haben sie selbst zu verantworten und teuer bezahlt. Viele junge Männer, viel zu viele, sind der Nazipropaganda aus Überzeugung gefolgt. Fotos von den Aufmärschen der „Deutschen Jugend“ (DJ) belegen das. Ihre ausgestreckten rechten Arme unterscheiden sich nicht von denen der Hitlerjugend (HJ).

Andere haben sich einer Bewegung angeschlossen, die die Treue zum ungarischen Staat propagierte (Treuebewegung). Deren Mitgliedschaft blieb jedoch relativ gering. Wieder andere meldeten sich zur Ableistung ihrer Wehrpflicht zur ungarischen Armee. Nach dem Abkommen vom 1. Februar 1942 wurde die Musterung von einer deutsch-ungarischen Kommission durchgeführt. Dem Wehrpflichtigen blieb formal noch die Wahl zwischen Honvéd (Ungarische Armee), deutscher Wehrmacht und Waffen-SS. Ein Abkommen vom 1. Juni 1943 erweiterte den Kreis der Gemusterten auf „Freiwillige bis zu 35 Jahren“. Der Druck auf die „Freiwilligen“ zum Eintritt in die Waffen-SS wuchs dabei ständig. Letztlich unerheblich wurden diese Differenzierungen nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Ungarn (14. März 1944).

Einen Monat später kam es zu einem deutsch-ungarischen Abkommen, „danach wurden alle ungarischen Staatsbürger, die Deutsch als Muttersprache bei der Volkszählung 1941 angaben oder ‚durch ihre Lebensweise und ihr Volkstum Merkmale als solcher zeigten‘ der SS überstellt … In manchen Fällen veranstalteten die SS-Werbekommandos regelrechte Treibjagden: Auch die ungarische Polizei half bei der Zwangsrekutierung: Entziehen konnte sich kaum jemand.“

Der Verfasser, Krisztian Ungváry, weist darauf hin, dass zur Verteidigung Budapests zwei SS-Divisionen und drei SS-Polizeiregimenter aus Ungarndeutschen sowie zwei weitere Divisionen mit hohem Anteil von Ungarndeutschen aufgestellt wurden. „Außer der zuletzt genannten wurden all diese Einheiten in und um Budapest eingesetzt und vernichtet.“12 Er verweist auch darauf, dass die Zivilbevölkerung der deutschen Dörfer bei diesen Kämpfen hohe Verluste erlitt. Diese Angaben sprechen für sich: Als Kanonenfutter zur Verteidigung ihrer Hauptstadt, die Hitler zur Festung erklärte hatte, kamen die ungarndeutschen Soldaten und Zivilisten gerade recht. Die Zahl der zur Waffen-SS eingezogen Ungarndeutschen ist umstritten. Ende Dezember 1943 sollen es 22.125 gewesen sein.13

Zwei Briefe

Ein Brief, den der Kompaniechef, Anton Stehm, an die verzweifelten Eltern ihres jüngsten Sohnes Franz schrieb, lautet wie folgt:

Im Felde, 19.11.1941

Geehrter Herr Wieszt!

Ich habe die unangenehme Pflicht Ihnen mitzuteilen, dass ihr Sohn, SS-Schütze Franz Wieszt seit den Kampfhandlungen des 16.11.1941 in den karelischen Wäldern ostwärts Kristinki vermisst wird und bis jetzt noch nicht zur Einheit gestoßen ist. Wenn ich auch die Überzeugung habe, dass er vielleicht doch noch sich irgendwo einfindet, muss doch mit seinem Tode gerechnet werden. Bedingt durch das nächtliche Abwehrgefecht und durch die sehr schwierigen Geländeverhältnisse ist es uns nicht möglich gewesen, bei den Kompanieangehörigen irgendwelche Aufklärungen zu erhalten. Sollten sich aus den weiteren Nachforschungen irgendwelche Anhaltspunkte ergeben, so werde ich Sie sofort benachrichtigen. Ihr Sohn hat in der kurzen Zeit, die er erst unserer Einheit angehört, bereits die Achtung seiner Kameraden erworben. Er zeigte sich bei den Angriffen der letzten Tage als tapferer Deutscher.

Heil Hitler Ihr Stehm

SS-Gruppenführer und Kompaniechef

Dieser Herr hätte zutreffender schreiben sollen, dass er sich bei den Angriffen der letzten Tage als „dummer Deutscher“ gezeigt hatte. Ist es nicht so gewesen, dass sich dieser verführte Junge vor seinen reichsdeutschen Kameraden hervortun wollte und vorwärtsstürmte, während die sich bedeckt hielten? Richtig jedenfalls ist, dass die Soldaten aus den deutschen Minderheiten der eroberten Länder von ihren „echten deutschen“ Kameraden als „Beutegermanen“ verspottet wurden.

Aus einem Schreiben eines Direktors des Deutschen Roten Kreuzes, Max Heinrich, vom 7. November 1974 an unsere Großmutter geht hervor, dass mehrere „verlustreiche Versuche“ der SS-Division „Nord“, die Bahnlinie nach Murmansk zu erobern und zu unterbrechen, von besser ausgerüsteten, überlegenen russischen Truppen zurückgeschlagen wurden. Seitdem seien viele Angehörige dieser Division vermisst, „darunter auch der Verschollene“. Es gebe „keinen Hinweis dafür, daß der Verschollene in Gefangenschaft geriet… Alle Feststellungen zwingen zu der Schlußfolgerung, dass er bei diesen Kämpfen gefallen ist.“ Notabene: In dem Brief ist nicht von einem „Abwehrgefecht“ die Rede, sondern von einem Angriff auf einen überlegenen Gegner.14

Viel haben wir als Kinder über dieses Kapitel aus der Geschichte Perbáls in der Familie oder von Verwandten, aber auch in späteren Gesprächen mit Bekannten nicht erfahren. Schon als kleine Kinder hörten wir, dass unsere Mutter den Begriff „Nazi“, sie sagte „Nazl“, als Schimpfwort benutzte. Lange Zeit verstanden wir Kinder nicht, was damit gemeint war. Als „die Amerikaner“ den Dorfbewohnern von Berghofen, wohin wir vertrieben worden waren, einen Film über die Befreiung der Konzentrationslager mit den bekannten fürchterlichen Bildern zeigten, verstanden wir Kinder von sechs und sieben Jahren nicht, dass das etwas mit den Nazis zu tun hatte. Wir mussten erst in die Mittelschule kommen, bis wir allmählich erfuhren, was alles passiert war und warum wir nicht mehr in Perbál in Ungarn leben konnten, sondern in Nordhessen, wo die Leute ganz anders sprachen als wir und wo man uns „Zigeunern“ gar nicht wohlgesonnen war.

Die Deutschen in Perbál sind seit der Ankunft unserer Vorfahren in den Neunzigerjahren des siebzehnten Jahrhunderts in Ungarn loyale ungarische Staatsbürger gewesen. Als überwiegend katholische Menschen lebten sie in einer katholischen Umgebung kümmerten sich kaum um Politik und standen nicht in Opposition zur ungarischen Staatsmacht. Solange Ungarn zur Habsburger Monarchie gehörte, genossen die deutschen Siedlungen sogar gewisse Privilegien, die sie über vergleichbare Untertanen emporhoben. Nach der Revolution von 1848 änderte sich das. Trotz der Niederschlagung des revolutionären Aufstandes im Frühjahr 1849 wurde Ungarn nach der Niederlage der Habsburger im Krieg gegen Preußen 1866/67 als eigenständiger Staat im Verband des Habsburgerreiches anerkannt. Der Kaiser von Österreich wurde König von Ungarn. Die „k.und k.-Monarchie“ war entstanden, und die ungarischen Regierungen, obgleich gegenüber Wien im Großen und Ganzen loyal, versuchten beharrlich, ihre Eigenständigkeit zu vergrößern und die Abhängigkeit von Österreich zu vermindern. Ein verstärkter ungarischer Nationalismus kam in den folgenden Jahrzehnten auf. Er bestimmte fortan die Politik des Landes, das aus einem Nationalitätenstaat in einen Nationalstaat umgemodelt werden sollte. Im Zuge dieser Bestrebungen wurde die „Magyarisierung“ der nichtungarischen Minderheiten energisch betrieben. In den vorwiegend von Deutschen bewohnten Dörfern westlich von Budapest zeigte diese Politik zunächst nicht die erhoffte Wirkung. Wohl wurde seit dem Ende des Ersten Weltkrieges die Unterrichtssprache in den Schulen Ungarisch, aber außerhalb der Schule sprach man den deutschen Heimatdialekt. Nur wenn man „in die Stadt“, d. h. nach Budapest, fuhr, wurde Ungarisch gesprochen, wenn man das konnte. Obgleich das nicht unbedingt notwendig war, denn die deutsche und jüdische Oberschicht dort sprach Deutsch. Viele der älteren Leute beherrschten die schwierige ungarische Sprache auch nicht annähernd.

In einem gewissen Sinne bildeten sich die Perbáler und die Bewohner der anderen deutschen Dörfer in Ungarn etwas darauf ein, Deutsche in Ungarn zu sein. Aber blickten zur nationalistischen slowakischen Minderheit herab, die „Schluwakke“, wie es in unserem Dialekt heißt. Gegen „Zigeuner und Juden“ gab es eine traditionelle Abneigung. In dieser Hinsicht unterschieden sich die Deutschen in Ungarn nicht von den Ungarn selbst. Juden wohnten in den ungarndeutschen Dörfern nur selten. In Perbál war es nur eine Familie. Ich erinnere mich an den pejorativ gebrauchten Ausdruck „Gschiejud“ (Geschirrjude = Lumpensammler). Unser Vater sprach davon, dass sich verschuldete Bauern „beim Juden“ Geld geborgt hatten, und dass er ihnen ihr Land wegnahm, wenn sie den Kredit nicht zurückzahlen konnten.

Volksbund der Deutschen in Ungarn

Für die Interessen der deutschen Minderheit auf kultureller und politischer Ebene setzte sich der nach dem Ersten Weltkrieg gegründete „Ungarnländische Volksbildungsverein“ (UDV) ein. Von ihm spaltete sich in den Dreißigerjahren eine Minderheit ab und gründete den „Volksbund der Deutschen in Ungarn“ (VDU). Während der erste eine integrative Politik betrieb und für die Ungarndeutschen einen respektierten Status als Deutsche in Ungarn anstrebte, eine Art kultureller Autonomie, setze der VDU sich bewusst für eine desintegrative Entwicklung ein. Er wurde als ungarische Variante des „Volksbundes der Deutschen im Ausland“ von den Nazis gefördert.

Dem ungarischen Reichsverweser Horthy kam diese Entwicklung sehr recht. Er akzeptierte die Gründung des VDU (1938) und förderte sogar die Aktivitäten des Volksbundes in der Erwartung, die Ungarndeutschen loszuwerden. Mit Hitlers Hilfe wollte er sie „heim ins Reich“ befördern. Als Dank für diese Politik versprach er sich die Unterstützung Hitlers und Mussolinis für seine Revisionsforderungen an Rumänien, Jugoslawien und die Slowakei.15 Der VDU betrieb vor diesem Hintergrund eine mehr oder weniger offene großdeutsche Propaganda.

Nicht viele Leute in Perbál traten dem Volksbund bei. Meine in Karelien erschossenen Onkel gehörten wahrscheinlich zu seiner Jugendorganisation „Deutsche Jugend“ (DJ). Unser Vater war sogar der Kassierer der Perbáler Ortsgruppe, wie ich erst spät erfuhr. Dass er kein Nazi war, weiß ich mit Bestimmtheit. Für seinen Vater, Lorenz Wiest, liegt mir ein Schreiben des „Hessischen Ministers für die politische Befreiung, Der öffentlich Kläger bei der Spruchkammer Frankenberg/Eder“ vor. Ihm wird darin am 11. Juni 1947 mitgeteilt, dass er aufgrund seines Meldebogens „von dem Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 5. März 1946 nicht betroffen“ ist.

Unsere Großeltern gehörten dem Volksbund nicht an, weder die väterlicher- noch die mütterlicherseits. Unser Kopp-Großvater war aber fälschlich angeschuldigt worden. Seine angebliche „Mitgliedschaft im Volksbund“ sollte ihn sehr teuer zu stehen kommen. Beinahe hätte ihn diese bösartige Denunziation das Leben gekostet. Wie immer, wenn neue Herren ein Land beherrschen, blühte auch in Perbál die Denunziation. Wer es letztlich war, der meinen Großvater als „Volksbündler“ angeschwärzt hatte, ist heute unerheblich. Dass er kein „Nazi“ war, steht fest. Niemals habe ich von ihm in der Zeit, in der ich ihn mit wachem Bewusstsein erlebt habe, irgendwelche Äußerungen in dieser Hinsicht gehört. Ich rede in diesem Zusammenhang von meinem Großvater mütterlicherseits, der für uns Kinder der „eigentliche“ Großvater war. Seine jüngste Tochter, unsere Tante Resi, bestätigte mir mehrmals, dass er sich geweigert habe, dem „Volkbund“ beizutreten und dass er unsere Großmutter vor einem Beitritt gewarnt hatte. Die Tante bestätigte mir, dass auch unsere Oma nicht beigetreten ist, dass sie aber mit ihren halbwüchsigen Töchtern gelegentlich zu Liederabenden der „Deutsche Jugend“ gegangen ist. „Dej haom doech sou schei gsunge!“ („Die haben doch so schön gesungen!“). Unsere Oma war eine herzensgute Frau, die von den Zielen Nazis keine Ahnung hatte. Dass die „einen Krieg gemacht hatten“, in dem einer ihrer Söhne umgekommen ist, verurteilte und bedauerte sie mir gegenüber immer wieder.

Im Internierungslager Vác

Unser Opa kam in ein Internierungslager nach Vác Nach diesem Ort ist die berühmte Váci utca benannt, die Fußgängerzone in Budapest. In diesem kleinen Städtchen am linken Ufer des Donauknies war ein Lager eingerichtet worden, in das echte und angebliche ungarische und ungarndeutsche Nazis und Volksbündler gebracht wurden. Das Leben dort war sehr hart, und die Internierten durften nicht auf Nachsicht hoffen. Viele von ihnen starben. Die Verbrechen der Nazis waren inzwischen weltweit bekannt. Auschwitz und Bergen-Belsen stehen dafür als Synonyme. Die neuen Herren im Lande16 waren darüber sehr gut informiert, hatte sich die letzte Kriegsregierung Ungarns doch aktiv an der Judenvernichtung beteiligt. Sie wussten über die Verbrecher und ihre Opfer genau Bescheid. Tatsächlich oder vermeintlich Verantwortliche in ihrer Gewalt waren ihrer Willkür und Rache ausgeliefert.

Im April 1991, also genau 45 Jahre nach unserer Ausweisung aus Perbál, stand ich also vor dem halben Hakenkreuz an der Wand des ehemaligen Kuhstalls meiner Wiest-Großeltern und sinnierte darüber nach, warum es nach so langer Zeit immer noch nicht entfernt worden war. Seltsamerweise trat niemand neben mich, als ich meine Kamera hob und in den ehemaligen Kuhstall hineinfotografierte. Wollte man mich allein lassen mit diesem Teil meiner Entdeckung, war es Diskretion oder einfach nur Gleichgültigkeit? Was bewog meinen Cousin, der doch immerhin das Kind eines der beiden jungen Burschen war, die zur Waffen-SS eingezogen wurden, diese Entdeckung nicht mit mir gemeinsam zu machen. Wusste er nichts von dieser Hakenkreuzruine? Wusste er nichts vom Schicksal seines Vaters? Ich kann es mir kaum vorstellen.

Und diese junge ungarische Mutter, die doch wusste, was sich da auf der Stallwand ihres erst kürzlich erworbenen Anwesens befand, warum erklärte die nichts? Warum sagte sie mir nicht, weshalb sie dieses Zeichen in den zwei oder drei Jahren, während deren sie und ihr Mann schon Besitzer dieses ehemaligen Hofs meiner Großeltern waren, nicht entfernt hatten? Und vorher hatten doch schon über vierzig Jahre andere Ungarn oder Slowaken in dem Haus gewohnt, ohne dieses Kainsmal zu tilgen. Hatten die denn keine Angst vor der allgegenwärtigen Macht der Kommunisten? Vielleicht war sie gar nicht so groß, wie wir im Westen immer geglaubt haben. In diesen Kuhstall jedenfalls haben sie nie hineingeschaut, sonst wäre das Zeichen sicher nicht mehr dort gewesen, wo ich es im Frühjahr l991 noch vorfand. Als ich meinen Cousin Ferenc fragte, wie das möglich sei, dass dieses halbe Hakenkreuz sogar den „Kommunismus“ überlebt habe, zuckte er nur mit den Schultern und sagte: „In Ungarn ist alles möglich.“

8 Das waren etwas mehr als 17 ha. Die reichsten Perbáler Bauern hatten etwa 30 ha.

9 1900 war der Wert eines Gulden zwei Kronen. Demnach hätte der Großvater meines Vaters ca. 60.00 Kronen in Anleihen angelegt. Das wären nach dem Umtauschkurs von 1912 (1 Mark = 1.176 Kronen) ca. 51.020,- Mark gewesen, eine stolze Summe für Perbáler Bauern! Die Mitgift unserer Wiest Großmutter hat demnach 13.605,- Mark betragen. Das war damals reichlich, verglichen mit ihrer Armut nach der Entwertung.

10 „Auf Druck des Dritten Reiches wurden den deutschen Volksgruppen in den einzelnen Ländern weit reichende Autonomierechte (sogar Privilegien) zuerkannt. (Sie) mussten aber von ihren Reihen für die ‚Waffen-SS‘ Soldaten rekrutieren lassen. (Zunächst freiwillig. Ab Februar 1942 aber wurden die ungarndeutschen Jungs – mit der Hilfe der ungarischen Gendarmerie (Rendörség) schon ohne ihre Befragung, in die Waffen-SS eingezogen.). Ein solches Abkommen wurde auch mit Horthy-Ungarn geschlossen.“ Aus: Fehérvári Josef (Fritz), Manuskript, Die Geschichte der deutschen Volksgruppen in Südosteuropa, S. 8f Zwei weitere Abkommen dieser Art folgten bis 1944. vgl. dazu: Das Schicksal der Deutschen in Ungarn, o.O. (Bonn) 1956, II. Kapitel, Die SS-Aktionen, S. 32E ff und die sehr aufschlussreichen Berichte von Betroffenen S. 1 ff

11 s. Das Schicksal der Deutschen in Ungarn, a.a.O. S. 32 E und SS-Aktion – Evakuierung und Flucht vor der Roten Armee. a.a.O. S.1. Zu den Demütigungen, die zur ungarische Armee eingezogene ungarndeutsche Rekruten erwarteten, gehörten neben dem Spott, weil sie nur schlecht Ungarisch sprachen, kleinliche Schikanen ihrer ungarischen Vorgesetzten. Die Befehlssprache in der ungarischen Armee war seit dem Untergang der k.u.k.-Armee 1918 Ungarisch, bis dahin Deutsch. Vgl. zu diesem Komplex: Dokumentation der Vertreibung, Bd.II, a.a.O S. 21E ff und 32 E ff.

12 Kristián Ungváry Die Belagerung von Budapest 1944/45 und die Ungarndeutschen in www.ungardeutsche, Publikationen, S. 1f

13 Nach einer statistischen Übersicht vom 28.12.1943 wurden folgende Zahlen „für die Ungarndeutschen des damaligen vergrößerten Ungarns“ gezählt:

Waffen-SS 22.125 Deutsche Wehrmacht 1 729 Ungarische Wehrmacht 35.000 Wehrähnliche Verbände 459 Arbeitsdienst 32 Arbeitseinsatz im Reich 3 500. Insgesamt 62.845. S. Das Schicksal der deutschen in Ungarn, a.a.O S.33 E Anmerkung 2

14 Beide Briefe befinden sich im Nachlass unserer Oma.

15 Durch den ersten Wiener Schiedsspruch vom 2. November 1938, gefällt vom deutschen Außenminister Ribbentrop und dem Italiens, Ciano, erhielt Horthy-Ungarn die Südslowakei und die Karpato-Ukraine zugesprochen. Im zweiten Wiener Schiedsspruch entschied Hitler, dass Nordsiebenbürgen und das ungarisch besiedelte Séklerland an Ungarn zurückzugeben sei. Der Vertag wurde am 30. August 1940 von den Außenministern Deutschlands, Italiens, Rumäniens und Ungarns unterzeichnet. S. Dokumente der Deutschen Politik, Bd. 8/1 Berlin 1943, S.383-389

16 Sowjetische Truppen als Besatzungsmacht und eine ungarische Koalitionsregierung aus der Nationalen Bauernpartei, Kommunisten und kleineren bürgerlichen Parteien. Die Sozialdemokraten gehörten nicht dazu.

Die Kopp-Großeltern

Opa Georg, genannt Hans

Unsere Tante Maria erzählte mir: Seine Schwiegereltern haben ihn nicht gewollt. Die Payers (Oma war eine geborene Payer) haben sich für etwas Besonderes gehalten. Opa habe als Trinker gegolten. „Er ist aber ein fleißiger Mann gewesen. Oft ist erst nachts nach Hause gekommen von der Arbeit. Einmal ist das Strohdach abgebrannt. Er hat ein Ziegeldach machen lassen. Außerdem hat er noch 16 Joch Grund gekauft (1 ungarisches Joch = 43,16 m2), also 690,56 m². Das ist etwas mehr als 1/3 von einem Hektar). Im Sommer haben wir in der Sommerküche gelebt. Sie war im Presshaus auf dem Hof. Dort waren ein Ofen (Kochherd), ein Backofen und der Brunnen. Jeden Montag hat die Oma dort 15 Laibe Brot gebacken. Vom Presshaus ging man ein paar Stiegen hinab in den Weinkeller. In die ‚fädri Stum‘ (vordere Stube des Wohnhauses) sind wir (die Kinder) nur am Sonntag vor dem Kirchgang gekommen, um einmal in den Spiegel zu gucken.“

Soweit unsere Tante Maria. Meine Erinnerungen an unseren Kopp-Opa („Eil“ im Dialekt) beginnen erst Jahre später, nach unserer Vertreibung. Seine Zeit davor kenne ich nur aus Erzählungen, v. a. seinen eigenen. Er war ein großer Schwadroneur. Zu seinem Vornamen Georg (Taufschein) ist er wie folgt gekommen: Als sein Vater 1888 zum Pfarrer kam, um die Geburt eines Sohnes mitzuteilen und ihn zur Taufe anzumelden, habe der Pfarrer ihn gefragt: „Wie heißt er?“ Die Anrede in der dritten Person war damals üblich. Sein Vater antwortete: „Georg“, so hieß er nämlich selbst. Und sein Gegenüber schrieb ins Register als Namen des Neugeborenen „Kopp Georg“. Auf diesen Namen wurde er auch getauft. Eigentlich sollte er, der Sohn, aber Hans heißen, und bei diesem Namen wurde er auch sein Leben lang gerufen. Nur auf den Ämtern und in amtlichen Urkunden verwandelte er sich stets zurück in den „Georg“.

Über seine Kindheit Jugend weiß ich nicht viel mehr ,als mir seine Kinder, unsere Eltern, Tanten und Onkel, erzählt haben: Seine Eltern waren arme Kleinbauern, und so verbrachte er seine Kindheit wie die meisten Kinder in diesen Verhältnissen. Sie wuchsen neben den Erwachsenen auf, ohne dass ihnen besondere Aufmerksamkeit geschenkt worden wäre. Die Kindersterblichkeit war hoch. Regelmäßig brachten die Mütter neue Kinder zur Welt, von denen im Allgemeinen nicht mehr als 50 % überlebten.

Ohrfeigen für den Lehrer

Er besuchte die vierklassige Dorfschule, hauptsächlich im Winter. Im Sommer mussten die Kinder der Kleinbauern auf den Feldern und auf dem Hof helfen, v. a. während der Ernte. Dazu hat er Folgendes erzählt: Als ihn sein Vater wieder einmal nicht zur Schule gehen ließ, weil er den Eltern helfen musste, habe ihn der Lehrer deswegen verdroschen. Am anderen Tag sei sein Vater in die Klasse gekommen, um seinen Sohn erneut zu holen. Es kam zu einem heftigen Wortwechsel (Schulpflicht etc.), in dessen Verlauf sein Vater dem Lehrer ein paar „Watschen“ gegeben und seinen Sohn wieder mitgenommen habe. Danach habe es über diesen Punkt keine Differenzen mehr gegeben. Trotz dieser auf den deutschen Dörfern bei Budapest üblichen, nur lückenhaften Schulbildung konnte der Opa lesen, schreiben und rechnen. Er war ein guter Rechner. Das kam ihm bei seinem späteren Kleinhandel sehr zugute.

Bevor er zur Armee eingezogen wurde, arbeitete er als Knecht bei reicheren Bauern oder als Fuhrknecht /Tagelöhner bei einem Händler und half zu Hause den Eltern in der Landwirtschaft. Mit 18 Jahren wurde er zum ungarischen Militär eingezogen, zur Infanterie. Über seinen Militärdienst hat der Opa nicht viel gesprochen. Über seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg auch nur wenig. Er war wohl bei der Infanterie eingesetzt. Nach dem Militärdienst blieb er noch drei Jahre ledig. 1912, am 6. Februar, heiratete er meine Großmutter Maria Payer, genannt Mierl. Für uns Kinder war sie die „Kopp-Ahl“. Sie bekam insgesamt zwölf Kinder, sechs davon erreichten das Erwachsenenalter. Die übrigen starben schon als Kinder. Der älteste Sohn, unser „Hans-Vetter“ kam am 20. Juni 1913 zur Welt, unsere Mutter, Kopp Rosina, genannt „Rosel“, am 30. Mai 1918. Da war unser Opa noch im Krieg.

Im Ersten Weltkrieg

Im Herbst 1917 war er zuletzt „auf Urlaub“ gewesen. Er wurde am 15. Januar 1915 eingezogen und musste in Russland, in Rumänien (Kirlibaba) und in der Bukowina kämpfen (Csernovic). Für kurze Zeit geriet er in russische Kriegsgefangenschaft, konnte aber entkommen, sodass er nach dem Krieg wieder nach Perbál zurückkam. Uns hat er erzählt, er sei auch einmal gemeinsam mit den Honvéd-Husaren eingesetzt gewesen. Das war eine berüchtigte Reitertruppe, auf deren Taten mein Großvater zwar einerseits stolz war. Andererseits hat er mit Grauen erlebt, wie die Husaren die russischen Infanteristen geköpft haben. Bei der Erstürmung eines Bahndamms seien sie durch die russischen Reihen hindurch geritten und hätten mit dem blanken Säbel rechts und links die Köpfe der russischen Infanteristen abgehackt. Es sei schrecklich gewesen. Nie wieder wollte er so etwas erleben.

Am Zweiten Weltkrieg musste er aktiv nicht mehr teilnehmen. 1939 war er bereits 51 Jahre alt. Vermutlich wurden er aber im Sommer 1939 zu einer Militärübung an der rumänischen Grenze eingezogen. Damals entstanden zwischen Ungarn und Rumänien großen Spannungen wegen der ungarischen Revisionsansprüche gegen das Nachbarland. Es kam deswegen nicht zum Krieg, weil auf Druck Hitlers und Mussolinis bei den beiden „Wiener Schiedssprüchen“ die Gebietsforderungen Hothy-Ungarns an Rumänien und die Slowakei zum Teil erfüllt wurden.

Auf Wache für die Räterepublik

Er gehörte nach dem Ersten Weltkrieg der „Kleinbauernpartei“ an, ob als Mitglied oder Sympathisant, weiß ich nicht. Als im Frühjahr 1919 in Budapest ein Aufstand zunächst zu einer bürgerlichen Demokratie und anschließend zu einer Räterepublik führte, sympathisierten die Kleinbauern anfangs mit der „Revolution“, weil ihre Anführer die Enteignung der Großgrundbesitzer und die Verteilung des Bodens an Bauern und Landarbeiter versprachen. Mein Großvater bewachte zusammen mit einem Kameraden eine Mühle in der Nähe von Perbál. Das Umland versorgte die Stadt mit Lebensmitteln. Bald schon rückten unter Horthys Führung von der rumänischen Grenze her Konterrevolutionäre gegen Budapest vor. Die Räterepublik war inzwischen schon von französischen Truppen niedergekämpft worden. Opas Kamerad verließ seinen Wachposten, er selbst aber blieb weiterhin vor der Mühle stehen. „Hans, geh nach Hause, die erschießen dich“, redete der Freund auf ihn ein. Aber „der Hans“ wollte nicht aufgeben. Zu seinem Glück kam bald danach seine Frau und holte ihn heim. Damit hatte ihm unsere Oma zum ersten Mal das Leben gerettet.

Kleinhändler

Neben seiner Landwirtschaft begann unser Großvater in den 1920er Jahren, mit landwirtschaftlichen Produkten zu handeln. Er fuhr von Perbál mit dem Pferdewagen nach Budapest auf den Markt. Auf dem Heuplatz (széna ter) verkaufte er Eier, Milch, Butter, Topfen (Quark) und je nach Jahreszeit auch Gemüse und Obst. Als meine Mutter, die Rosel, elf oder 12 Jahre alt war, musste sie sich um den Haushalt kümmern, und die Oma fuhr öfter mit ihrem Mann nach Budapest. Er blieb auf dem Heumarkt, und sie ging bei den reichen Leuten auf dem Rosenhügel (róza domp) an den Türen frische Milch, Butter und Eier verkaufen. Diese Frauen hießen in Budapest damals „Milli Mari“.

Über diese Fahrten, zu denen sie bereits um vier Uhr aufbrachen, um gut zwei Stunden später in Budapest zu sein, erzählte mein Großvater gern kleine Geschichten. Er habe auf dem Kutschbock oft geschlafen und das Pferd habe den Weg allein gefunden. Immer aber, wenn die höchste Anhöhe am Stadtrand von Budapest erreicht war, die Lindenhöhe (hárshegy), hielt das Pferd an und Opa erwachte, um ein Achtel Wein zu trinken. Dann erst ging es hinunter nach Budapest zum Heuplatz.

Dort trafen viele Fuhrwerke zusammen und die Kutscher tranken zusammen, neckten sich und forderten einander zu sportlichen Leistungen heraus. Eine dieser Übungen bestand darin, dass man einen Gulden aufs Pflaster legte, und ein Kutscher musste mit seinem Fuhrwerk einen Kreis so fahren, dass das äußere Hinterrad des Wagens den Gulden überfuhr. Wem das gelang, der konnte er den Gulden behalten. Natürlich gelang das auch dem Kopp Hans, der die Geschichte erzählte.

Opa schöpft Verdacht

Geschichten dieser Art konnte unser Großvater viele erzählen. So sei der Brunnen im Presshaus in einem Sommer immer wieder ausgetrocknet. Er musste daher ständig den Brunnenbauer, einen Nachbarn, rufen, damit er ihn repariere. Er schöpfte bald Verdacht. Der Brunnen versiegte immer am Sonntag, wenn alle in der Kirche waren. Vielleicht war es der Brunnenbauer selbst, der den Brunnen zum Versiegen brachte, um durch vermehrte Reparaturen mehr zu verdienen.

Unser Opa beobachtete an einen Sonntagmorgen, als die anderen zur Kirche gegangen waren, wie sich der Brunnenbauer (Pirtják hieß er) ins Presshaus schlich und in den Brunnen hinunterstieg. Er eilte zum Brunnen, hob einen dicken Stein über den Brunnenrand und rief den Nachbarn an. Er solle sofort zugeben. dass er den Brunnen ständig verschließe, um ihn reparieren zu können. Täte er das nicht, lasse er den schweren Stein auf ihn herunterfallen. Nach kurzem Leugnen gab der Übeltäter auf und bekannte seine Schuld. Dem Opa war das aber nicht genug. Er verlangte dem Brunnenbauer ab, den Brunnen künftig so oft kostenlos zu reparieren, wie er ihn zuvor beschädigt hatte. So geschah es dann auch.

Eine Geschichte, bei der aber nicht er der „Held“ war, sondern der Feldhüter, ist folgende: Unsere Oma war mit ihren Kindern auf dem Feld, um Maiskolben („Guckruzkuijm“) auszubrechen. Sie hatten sich zur Jause unter einem Baum am Feldrand niedergesetzt, und auch der Feldhüter war mit seiner Flinte dazugekommen. Im Maisfeld hörten sie etwas später ein Knacken und Rumoren und bald darauf kam ein großer Bär heraus. Erschreckt sprangen alle auf und liefen ein Stück weg, auch der Feldhüter. Er hatte vor Schreck sogar seine an den Baum gelehnte Flinte zurückgelassen. Der Bär interessierte sich nicht für die Menschen, wohl aber für ihr Essen. Und so mussten sie aus einiger Entfernung zusehen, wie der Bär ihre Jausen verzehrte und sich dann, als er alles aufgefressen hatte, in aller Ruhe wieder davonmachte. Wenn mein Großvater diese Geschichte erzählte, schmunzelte er, und seine Augen leuchteten verschmitzt. Das bedeutete: Wenn er bei dieser Jause dabei gewesen wäre, hätte er den Bären verjagt, aber der versoffene Feldhüter, dieser Feigling … Der Feldhüter, Franz Wiest, war der Bruder unseres anderen Großvaters.

Gróf Sándor

Nicht alle Heldentaten beanspruchte unser Opa für sich. Es gab einen, der berühmt und berüchtigt für die seinen war: „Gróf Sándor“ (Graf Schandor). Ihn bewunderte unser Großvater wohl, und von dessen Streichen erzählte er gern. Ich erinnere mich noch daran, dass Grof Sándor, der gerne Wetten abschloss und gewann, es geschafft haben soll, mit Pferdegespannen schneller von Budapest nach Wien zu fahren als die Eisenbahn. Auch dass er vier Hirsche vor seine Kutsche spannen ließ und mit ihnen auf dem Mauergang der Fischerbastei hoch über Budapest spazieren fuhr. Diesen Taten gingen selbstverständlich Wetten voraus.

Folgende Wette des Grafen erzählte unser Großvater mit sichtlichem Vergnügen. Als er mit seinen gräflichen Kumpanen wieder einmal in gemütlicher Runde beim Trinken beisammensaß, bereitete er eine Wette vor, die seine Kumpane nicht gewinnen konnten. Er nahm seinen Diener mit nach draußen, zog seine gräfliche Hose herunter und befahl ihm, zwischen diese Oberhose und die gräflichen Unterhosen zu scheißen. Dann zog er die Hose wieder hoch und ging zu seinen Kumpanen zurück. Bald merkten die, dass der Graf roch. „Sándor, du hast in die Hose geschissen.“ „Ich nicht.“ „Doch du, du stinkst ja wie eine Mistgrube.“ „Wetten, dass ich es nicht war.“ „Wetten dass doch.“ „Worum geht die Wette?“ „Um ein feuriges Reitpferd.“ „Die Wette gilt!“ Dann ließ der Graf die Oberhose wieder herunter und die Saufkumpane konnten sich davon überzeugen, dass der stinkende Batzen zwischen seinen beiden Hosen lag und nicht in seiner Unterhose. Und wieder hatte er eine Wette gewonnen. Das Pferd wurde ihm übergeben und sein legendärer Ruhm hatte wieder zugenommen.

Er war nicht nur der berüchtigtste Reiter der k.u.k.-Monarchie. Er hatte auch eine selten schöne Tochter, Paula, die nicht weniger mutig war als ihr Vater. Sie heiratete den Sohn des Fürsten Metternich und schrieb später ihre Memoiren. Auf die Taten ihres Vaters ist sie dabei allerdings nicht eingegangen. Sie erzählt nur, dass der französischen Kaiser Napoleon III., als sie ihm vorgestellt wurde, anerkennend erwähnte: „Oh ja, von dem Grafen Sándor haben wir schon viel gehört.“ Ob all die Anekdoten, die mein Großvater über den Grafen zu erzählen wusste, einen wahren Kern hatten oder sie der Fantasie des Volkes für einen bewunderten Helden entsprangen, vermag ich nicht zu beurteilen. Unterhaltsam waren sie allemal. Er hat sie uns nicht als Kinder erzählt, sondern später, als mein Bruder und ich bereits junge Burschen waren.

Es gibt ein Foto aus dieser Zeit, auf dem mein Großvater mit großer Geste erzählt und ihm neben mir mehrere Männer gespannt zuhören. Er belehrte die Jüngeren gern und prophezeite dabei öfter. So hat er nach Auskunft unserer Tante Resi auch die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn schon während des Krieges vorausgesagt. Er besaß das Buch eines anderen Bauern-Propheten, „Sibelle oder Sivelle Weiß“ und las nach dem Bericht der Tante oft darin. Nach Aussagen des 1946 in Ungarn verbliebenen Scher János hatten fast alle ungardeutschen Familien dieses Buch. Es ist mir bisher nicht gelungen, ein Exemplar zu bekommen.

Mit seinem Handel verdiente mein Großvater so viel, dass er nicht nur seine Familie unterhalten, sondern auch Ackergrundstücke dazukaufen konnte. Viel war das allerdings nicht, was trotz fleißiger Arbeit von der ganzen Familie erzeugt wurde. Reich jedenfalls wurden sie davon nicht.


Der Prophet vor der „Ungarer-Siedlung“ in Berghofen

Wein

Unsere Kopp-Großeltern hatten einen Weingarten und einen Weinkeller. Dieser ging vom Presshaus auf dem Hof ab, das, wie erwähnt, als Sommerküche (Summekuchel) benutzt wurde, und in dem auch der Brunnen war. An die Weinlese meiner Großeltern habe ich eigene kindliche Erinnerungen. Das meiste davon kenne ich aber aus Erzählungen der Erwachsenen.

Unser Weingarten lag nicht beim Haus. Ich nenne ihn „unser“ Weingarten. Die Familie war das Zentrum im dörflichen Leben. Alles, was der Familie gehörte, war „unser“. Unser Weingarten lag auf einem leichten Hang. Ich weiß nicht mehr, wie weit er vom Haus der Großeltern entfernt war, es war nicht allzu weit. Die Rebstöcke verliefen längs zum Hang, der nur flach anstieg. Die Reihen standen im Abstand von etwa eineinhalb Metern. Die Stöcke waren mannshoch. Zwei bis drei Triebe blieben beim Schnitt stehen und rankten sich an Drähten entlang, die in diese Höhe gespannt waren. Im Sommer entstanden so grüne Wände, nur im Winter konnte man quer hindurchsehen. Im Sommer nur längs. Unten war kein Weinlaub, es wurde mehrmals beseitigt. Übrig blieb nur das knorrige braune Holz mit der längs laufenden faserigen Rinde. Sie war dünn, und die äußeren Schichten ließen sich in Streifen leicht abziehen.

Zwischen den Reihen der Rebstöcke wuchsen die Obstbäume: Pfirsiche, Aprikosen, (Marillen) Kirschen, Birnen, Äpfel, Pflaumen. Im Frühsommer reiften die Kirschen, im Hochsommer die Marillen und Pflaumen (es waren dicke gelbe, vielleicht Reineclauden), dann die Pfirsiche und Birnen und danach das Herbstobst, Äpfel, Zwetschgen. Es gab aber auch frühe Äpfel, die schon im August oder Anfang September reif waren. Sie waren besonders saftig und hatten einen intensiven Geruch und Geschmack. Feigen wuchsen bei unseren Großeltern nicht. Es gab wohl in anderen Weingärten vereinzelt Bäume, frostfeste Sorten. Maulbeerbäume wuchsen überall an den Straßenrändern ich erinnere mich nur an weiße. Die Bauern sahen sie nicht als ein Zucht- und Speiseobst an. Manche brannten Schnaps daraus (Pálinka). Allenfalls die Häuslerbauern machten Marmelade aus den Früchten, „Leckwar“. Das war bei uns die Bezeichnung für jegliche Marmelade, ein ungarisches Wort (lekvár). Wir Kinder aßen die Maulbeeren gern. Ich erinnere mich ganz gut an den leicht säuerlichen Geschmack.

Neben verschiedenen Weißweinrebsorten wie Muskateller, Riesling und Furmint gab es auch rote Trauben von eigentümlichem, intensiven Geschmack, Othello und „Noache“ (Noah). Später erfuhr ich, dass es sich um amerikanische Wildreben handelte, die nach der Reblauskatastrophe nach Europa kamen. Sie waren resistent gegen die Reblaus. Fortan wurden sie als Pfropfunterlage für die Edeltrauben benutzt. Viele kleinere Weinbauern kultivierten sie auch unveredelt. Die Zubereitung von Wein aus solchen Trauben ist heute – mit geringen Ausnahmen – verboten, weil bei ihrer Gärung Methylalkohol entsteht, dessen Genuss zur Verblödung führen kann.

Die ganze Familie half zusammen, bis auf die jungen Männer, die im Krieg waren. (Später werde ich wissen, dass drei von ihnen zu dieser Zeit schon tot sind, „gefallen“, wie die Volksbetrüger den Völkern immer noch einreden wollen.) Dann waren weitere Verwandte dabei, die „Freindschoft“, die Freundschaft, wie wir sagen, und der eine oder die andere aus der Nachbarschaft half auch mit. Auch größere Kinder halfen schon kräftig mit. Die Trauben werden in Eimern und anderen Gefäßen gesammelt und in Kiepen aus Weidengeflecht geschüttet. Die Burschen tragen sie auf dem Rücken und, wenn sie voll sind, werden sie zum Wagen gebracht. Darauf steht ein großer Bottich, „a Schaffl“. Einer von den kräftigeren jungen Burschen nimmt die Kiepen auf dem Wagen an und schüttet die Trauben ins Schaff. Er ist barfuß, und von Zeit zu Zeit, wenn das Schaff überlaufen will, steigt er hinein und tritt die Trauben mit den Füßen zusammen. Es schlürft, matscht und quatscht dabei. Wenn das Schaff voll ist, wird es auf den Hof gefahren und die Trauben werden weiter getreten oder gestampft und anschließend gepresst. Der Most wird in die Fässer gefüllt und beginnt dort nach kurzer Zeit zu gären. Die Weinernte dauert lange. Jetzt trinken und singen die Erwachsenen bis spät in die Nacht.

„Wie fehlst Du mir, pannonischer Sommer, wie fehlst du mir, staubige Hitze, wie fehlt ihr mir, Melonen, frisch vom Feld, wie fehlt ihr mir, Düfte der Kindheit. Es ist der Verlust dieses Sommers, der so schmerzt, des Staubs zwischen den Zehen der barfußen Füße, der zitternden Sonne am blassblauen Himmel, der Gerüche der Felder, der Wärme von frischem Maisstroh, des Dufts der baumgereiften Früchte.“ – Vielleicht war es aber auch der Verlust der Kindheit in Ungarn, die durch unsere Vertreibung so abrupt endete, der so schmerzte.

Eine Ahnung von dem ungarischen Sommer hatte ich gelegentlich in Nordhessen, wenn die Julihitze glühte und die Kornfelder trocken knisterten. Fern nur war die Ahnung, aber doch viel näher als oben im Norden, wo es selten einen richtigen Sommer gab. Einmal nur, in einem wirklich heißen Sommer, war ich auch im Norden eingetaucht in einen Ozean von Duft. An einem heißen Sommertag bei einer Radtour durch einen Kiefernwald in der Südheide bin ich schier ersoffen in dem warmen, würzigen Pinienaroma. Aber das waren seltene Ausnahmen, Ahnungen nur von dem, wie eine Landschaft, ihre Pflanzen und Früchte, ihre Blüten und Säfte riechen können.

Das Haus der Kindheit zurückkaufen?

Was lag näher, als in das Land zurückzukehren, das wir verlassen mussten? Ich habe das Haus der Kopp-Großeltern in Perbál mehrfach fotografiert. Nach unserer Vertreibung bewohnte es eine slowakische Familie. Seit 2011 ist es abgerissen. Von ca. 1990 an haben mein Cousin Johann Kopp und ich den Versuch gemacht, dieses Haus zurückzukaufen. Der damalige Bewohner (vormals Elektriker, dann Schrottverwerter und schließlich nur noch Trunkenbold) lebte wie auf einem Schrottplatz, zuletzt gar nicht mehr in dem Haus, sondern nur noch in der Sommerküche. Die war klein, da konnte er sich an den Wänden abstützen, und sie war auch leichter heizen. Die Leute brachten ihm defekte Elektrogeräte, die er reparieren sollte. Je länger er trank, desto weniger reparierte er. Schließlich lag alles nur noch auf dem Hof herum. Er versuchte immer, uns zu verjagen, wenn wir uns das Haus von der Straße aus ansahen. Ein räudiger Köter kläffte uns pausenlos an. Ferenc rief ein paar Mal den Namen des Besitzers. Nach einer geraumen Zeit ging die Tür des Nebengebäudes (Sommerküche) auf, und ein unrasierter, struppiger Mann kam heraus. Verschlafen fragte er auf Ungarisch: „Was wollt ihr?“ Ferenc fragte ihn höflich, ob wir uns das Haus einmal ansehen könnten. „Es war das Haus unserer Großeltern, und wir würden es eventuell kaufen wollen.“ Feindselig knurrte er uns an: „So viel Geld habt ihr nicht, dass ihr dieses Haus kaufen könnt.“ Dann verschwand er wieder in der Sommerküche. Der Hund hatte sich inzwischen beruhigt.


Foto vom 9. April 1992

Hinter uns hörten wir plötzlich ein Geschrei. Wir drehten uns um und sahen ein altes Weiblein am Zaun des gegenüberliegenden Hauses. Sie beschimpfte uns lautstark und drohte mit ihrem Krückstock. „Was will sie?“, fragten wir Ferenc. „Sie ist die Mutter von dem Burschen und hat Angst, dass wir ihnen das Haus wegnehmen wollen. Lass uns gehen. Heute hat das keinen Sinn. Wir können es nach seinem Tod bei der Schwester versuchen.“ „Wird er bald sterben?“ „Es kann nicht mehr lange dauern, er säuft sich zu Tode.“

Wenn man ins Haus von der Längsseite hereinkam, stand man in einer Art Kombination aus Flur und Küche (Kuchl). Links war die vordere Stube (fäederi Stumm). Sie hatte ein Fenster und war die „gute Stube“, die nur bei besonderen Gelegenheiten benutzt wurde. Rechts war die hintere Stube, (die hinderi Stumm), das Schlafzimmer. Es hatte ein Fenster zum Hof. In allen Räumen war ein gestampfter Lehmfußboden. Über den Betten der Schlafstube hingen Heiligenbilder mit vergoldeten Rahmen (die „heilige Familie“, „Jesus mit dem blutenden Herzen“, „Maria mit einem flammenden Herz“). Als ich mit der Slowakin die Räume besichtigte, sagte ich: „Ach da hängen ja noch die Bilder meiner Großeltern.“ „Oder meiner“, antwortete sie. Als ich auf den alten Weinstock vor dem Haus hinwies, den meines Großvaters, antwortete sie ebenfalls: „Oder meines Großvaters.“

Wie oben erwähnt, kaufte unser Großvater von seinen Ersparnissen zusätzliche Grundstücke. In die Modernisierung der Produktion investierte er, soweit ich weiß, nicht. Er kaufte lieber weitere Grundstücke. Ein Grundstückszukauf von einem Perbáler Slowaken während des Zweiten Weltkrieges wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Unsere Tante Resi hat es uns wie folgt erzählt:

Der Enkelsohn eines Slowaken, ein junger Mann, versuchte, unseren Großvater vom Kauf abzuhalten, weil sein Großvater das Familiengut verkaufe, um den Erlös in Schnaps umzusetzen. Mein Großvater solle doch nicht dazu beitragen, dass seine Familie ins Elend komme. Da der Kauf aber schon vor dem Notar beurkundet werden sollte und mein Großvater einen anständigen Preis geboten hatte, sah er keinen Grund, den Acker nicht zu kaufen. Er hatte dabei nicht das Gefühl, etwas Schlechtes zu tun. Diesen Kauf werde er noch bereuen, drohte ihm der junge Mann.

Folgte einer Drohung die Abrechnung?

Als der Krieg in Ungarn sich schon seinem Ende näherte und die deutsche Wehrmacht und die SS zusammen mit der Regierung ungarischer Nazis (Pfeilkreuzler) von den Russen aus Ungarn vertrieben wurden, bereitete sich für die deutschen Dörfern in Ungarn schon die kommende Katastrophe vor. Die Abrechnung mit „den deutschen Nazis“ – sprich mit der deutschen Minderheit in Ungarn, deren Enteignung und Vertreibung bereits 1944 von dem kommunistischen Politiker Imre Nagy gefordert worden war – konnte beginnen. So geschah es auch in Perbál. Schon sehr bald nach dem Einmarsch der Russen wurden die künftigen Opfer ausgesucht.

Nazis oder solche Menschen, die als Nazis denunziert wurden, kamen in ungarische Lager und mussten dort schwerste körperliche Arbeiten leisten. Das vordergründige Auswahlkriterium dafür war die Mitgliedschaft im „Volksbund der Deutschen in Ungarn“, kurz „Volksbund“, der als faschistische Organisation eingestuft wurde.

Mein Großvater war nie Mitglied im Volksbund. Dazu war er viel zu vorsichtig. Er hat unsere Großmutter ausgeschimpft, weil sie mit ihren halbwüchsigen Töchtern zu den Liederabenden der „Deutschen Jugend“ (Jugendverband des Volksbundes) gegangen ist, weil „dort doch so schöne Lieder gesungen wurden“. Das genügte aber, um meinen Großvater als Nazi zu denunzieren. Dass er keiner war, davon konnte ich mich während seines langen Lebens – er wurde 90 Jahre alt – überzeugen.

Er wurde also zur Gemeinde gerufen und musste zu dem Nazivorwurf Stellung nehmen. In der Kommission, die das Verhör durchführte, saß auch jener junge Slowake, von dessen Großvater unser Opa das besagte Grundstück gekauft hatte. Der junge Mann, der sich als Antifaschist gebärdete und inzwischen vielleicht schon der KP Ungarns beigetreten war, hielt während des Verhörs einen Bleistift in der Hand, den er am Ende deutlich hörbar auf den Tisch fallen ließ. Da wusste unser Großvater, dass er ins Lager musste.

Schlechte und gute Russen

Zuvor schon wäre er beinahe von betrunkenen russischen Soldaten umgebracht worden. Als die Sowjetarmee in Perbál einmarschierte, begannen sie, zu plündern und die Frauen zu vergewaltigen. Für drei Tage war ihnen das erlaubt. Die etwa 16 und 17 Jahre alten Töchter meiner Großeltern (Maria und Resi) wurden daher in einem Strohschober hinten auf dem Hof versteckt. Bald klopften zwei Soldaten mit Gewehrkolben an die Haustür. Mein Großvater öffnete die Tür einen Spalt, behielt die Hand aber an der Türklinke. Die Frauen im Haus sollten zum Stab kommen, Kartoffeln schälen. Mein Opa sagte: „Hier sind keine Frauen.“ Nun wollte sich der Soldat mit Gewalt Zutritt verschaffen und schlug mit dem Gewehrkolben auf seine Hand ein. Er ließ aber nicht los.

Inzwischen hatte der zweite Soldat unseren großen schwarzen Hirtenhund Zigán (Zigeuner) erschossen. Als mein Großvater sie weiterhin nicht einließ, drohte der Soldat, ihn zu erschießen. Sein Kumpan zog ihn aber fort. Vielleicht erschien ihm ein Mord doch als ein zu hoher Preis. Vielleicht war es auch nur deshalb, weil sie sich in anderen Häusern leichtere Beute versprachen. Wenige Zeit später kam ein russischer Offizier in unser Haus, der schon vorher bei uns gewesen war. Er versprach Abhilfe, und fortan blieb die Familie von Übergriffen verschont.

Als die Russen kamen, hatte dieser Offizier mit zwei Frauen in der vorderen Stube geschlafen, berichtete unsere Tante Maria. Sie und ihre Schwester hätten danach eine Schürze voll Läuse gesammelt. An diesen Offizier habe ich auch eine Erinnerung. Bei seinem erneuten Besuch in unserem Haus war, krochen mein Bruder und ich unter den Tisch in der vorderen Stube. Der Besucher knallte einen kleinen Sack vor dem Tisch auf den Boden. Wir Kinder begannen sofort, nachzuschauen, was da drin war. Es war ein uns bis dahin unbekannter, brauner Zucker. Faustgroße Stücke davon waren durch eine Kordel miteinander verbunden. In Deutschland erfuhr ich später, dass man ihn Kandiszucker nannte. Dieser junge Offizier hat trotz der Läuse die Ehre der Roten Armee in unserer Familie für immer gerettet. Er wurde stets als das Beispiel eines „guten Russen“ angeführt, der von seinen Eltern und Geschwistern in Russland erzählte und uns auch Fotos seiner Familie gezeigt hat.

Oma rettet ihren Hans ein zweites Mal

Bis zur Vertreibung im April 1946 lag für meinen Großvater noch eine höchst gefährliche Zeit vor ihm. Er wurde, wie oben erwähnt, in das Internierungslager Vác gebracht und musste in einem Steinbruch und beim Holzfällen schwerste Arbeiten verrichten. Zu essen gab es für die Internierten so gut wie nichts. Unsere Großmutter machte sich also auf den langen Weg nach Vác und versuchte, ihrem Mann Lebensmittel zu bringen. Sie wurde zunächst nicht eingelassen. Ihr Paket konnte sie abgeben. Erneut versuchte sie es – mit dem gleichen Ergebnis. Sein Eintreten für die „Sache des Volkes“ während der Räterepublik nützte meinem Großvater in Vác nichts. Vermutlich hat er das nicht einmal erwähnt, weil er wusste, dass diese Information sein Los als Internierter nicht erleichtert hätte. Was nützen uns unsere vergangenen Taten denn schon, wenn wir einmal richtig in der Klemme sitzen?

Mein Onkel Hans, ein Opportunist bis an sein Lebensende, der älteste Sohn meines Großvaters, und sein jüngerer Bruder Johann, waren inzwischen der Kommunistischen Partei Ungarns (MKP) beigetreten, in der Annahme, durch diesen Schritt etwas für ihren Vater tun zu können. Und das war auch so. Hans begleitete seine Mutter bei ihren kommenden Fahrten nach Vác und wies sich als ein „Genosse“ aus. Auf diese Weise bekamen die beiden ihren Mann und Vater endlich zu Gesicht. Aber der da vor ihnen stand, war nur noch ein fernes Abbild dessen, den sie kannten. Halb totgeschlagen und abgemagert bis auf die Knochen von schwerer Waldarbeit stand dieser aufrechte Mann vor ihnen, ohne ein Wort der Klage, ohne Hass und Vorurteil. Er kannte das Leben und die Welt. Mit seinem Ausweis konnte Hans das Lagertor für unsre Großmutter öffnen. Ihr Mann hatte jetzt wenigstens etwas zu essen. Von den ersten Paketen hatte ihn keines erreicht. Die Wachmannschaften hungerten auch. Durch ihren unermüdlichen Einsatz rettete unsere Oma ihrem Hans zum zweiten Mal das Leben. Viele andere Insassen kamen durch Überanstrengung, Schläge, Krankheiten und Unfälle um oder verhungerten einfach.

Völlig abgemagert und krank wurde unser Großvater im Winter 1945/46 aus dem Lager entlassen. Ob er sich an seine Prophezeiung erinnerte, dass nach dem verlorenen Krieg die Ungarndeutschen aus ihrer Heimat vertrieben werden würden? Ich weiß es nicht. Kaum war unser Opa wieder zu Hause, wurden die Gerüchte von ihrer bevorstehenden Vertreibung lauter. Die Aussicht, dass er sich in seinem Haus bei guter Ernährung und Pflege erholen könnte, verschlechterte sich täglich. Am 2. April 1946 war es für ihn und seine Familie dann so weit. Wir wurden aus unserer Heimat vertrieben.

Durch die schwere Arbeit im Lager hatte sich unser Großvater einen Leistenbruch zugezogen, der damals nicht operiert werden konnte. In Deutschland waren die Verhältnisse zunächst auch nicht so, dass eine Operation hätte erfolgen können. Als sich die Situation dann etwas verbesserte, riet der Arzt von einer Operation ab, weil der Bruch zu groß war und ein Eingriff zu gefährlich gewesen wäre. So musste der geplagte Mann die letzten 32 Jahre seines Lebens mit einem offenen Leistenbruch leben, durch den bei jeder Anstrengung ein Stück Darm aus der Bauchhöhle herausgedrückt wurde. Als ich es einmal sah, hing diese „Darmwurst“ etwa 15 cm heraus. Der Opa stopfte sie dann wieder in den Bauch hinein. Auch als er ein Bruchband bekam, änderte sich die Situation für ihn nicht grundlegend. Die Bauchdecke blieb offen. Vermutlich war die Öffnung an den Rändern vernarbt, anders hätte eine ständige Infektionsgefahr bestanden. Jede Anstrengung blieb ihm aber untersagt. So kommt es, dass ich meinen Großvater in Deutschland eigentlich nie bei einer schweren körperlichen Arbeit sah, während die anderen kräftig anpacken mussten.


Die Kopp-Großeltern 1966 auf dem Weg nach Battenberg, zwanzig Jahre nach der Vertreibung aus Ungarn.

Im Gegensatz zu unserer Oma ging er nicht nach Battenberg zur Kirche. Wann immer sie konnte, war sie sonntags dort. Das ärgerte ihn. Schließlich kam er auf den dummen Gedanken, sie könne ein Verhältnis mit dem dortigen Kirchendiener haben. Alter schützt bekanntlich nicht vor Torheit.

Der Tod kam mit neunzig

Zu seinem 90. Geburtstag kamen wir alle zusammen: Kinder, Enkelkinder, in der Nähe wohnende Verwandte und Bekannte. Opa schwach und blass im Bett. Sein markanter Bart war gestutzt. Zur Gratulation kamen auch Einheimische. Eine Blaskapelle spielte vor seinem offenen Fenster. „Jetz spüt a nau die Musi aof“, sagte er mit einem angedeuteten Lächeln („Jetzt spielt auch noch die Musik auf“). Irgendjemand im Zimmer drängte ihn, sich doch am Fenster zu zeigen. Ob das gut sei, fragte ich, es sei doch schon November. Aber da halfen willige Arme und Hände dem alten Mann schon aus dem Bett. Nur wenige Minuten stand er am Fenster. Es wurde ihm zu kalt. Schnell brachte man ihn wieder zurück ins Bett. Ich machte noch ein Foto von ihm und ging hinunter zur Feier. Dort ging es schon hoch her. Die Musikanten draußen erhielten einen Schnaps. Drinnen trank man reichlich vom selbst gemachten Wein seiner Söhne. „Auf die Gesundheit vom Opa, möge er noch lange leben!“

Die Fahrt meines Lebens

Eine Woche später kam ein Anruf. Der Opa war tot, gestorben an eine Lungenentzündung. Es war schon Nachmittag. Ich rannte zu meinem Auto, fuhr in die Innenstadt und kaufte mir einen schwarzen Anzug. Die Ärmel waren zu lang. Sie wollten sie umnähen „Bis wann?“ „Frühestens morgen bis zehn.“ Das war in Ordnung. Die Beerdigung war um zwei Uhr nachmittags. Um zehn Uhr war der Anzug nicht fertig. Ich wartete und wartete. Die Zeit flog nur so dahin. Gegen halb elf hatte ich ihn. Rein ins Auto, auf die Autobahn und Vollgas. Auf der Raststätte in Hildesheim hielt ich kurz an. Der Frühstückskaffee musste raus. Draußen fragte eine Tramperin: „Kannst du mich bis Göttingen mitnehmen?“ „Steig ein, ich hab’s eilig.“ Mit 175 Sachen jagte ich gen Süden (VW Passat). Auf dem Rastplatz in Göttingen stieg sie aus: „So schnell bin ich noch nie gefahren.“ Ich raste weiter. Im Haus meiner Eltern traf ich meine Schwester an. Sie war noch nicht fertig angezogen. Es dauerte. Als wir endlich im Trauerhaus in Laisa ankamen, wurde der geschlossene Sarg gerade die Treppe heruntergetragen. „So ein Mist, ich wollte doch noch ein letztes Foto vom Opa machen.“ „Das macht nichts“, sagte meine Tante Resi, „er hat genauso ausgeschaut wie letzte Woche.“ Dann senkte man ihn ins Grab zu seiner Maria. „Machs gut, alter Gauner! Ich trauere um dich. Aber so einen Abschied bringst nur du fertig.“

Die Oma, geb. Maria Payer

Aus ihrem Leben

Die Oma, „die Ahl“, wie ich sie kennengelernt habe, war eine Stille und Liebe. Ich habe keine Szene in Erinnerung, in der sie böse oder laut war. Mir schien sie immer der genaue Gegensatz zu ihrer Tochter, unserer Mutter, zu sein. Es fällt mir schwer, meine erste Erinnerung an sie ausfindig zu machen. Als Person war sie für mich nicht klar umrissen. Sie war für mich eher so etwas wie ein warmes Gefühl. Sie vermittelte eine Atmosphäre des „zu Hause Seins“. Ihr Gesicht war rund und faltig, freundliche Augen blickten daraus hervor. Klein war sie, rund, ständig verborgen unter ihrer schwarzen Tracht. Dazu gehörten auf dem Kopf ein Schopf, ein Umhängtuch, und – je nach Witterung – drei bis fünf Unterröcke und Röcke, die sie übereinander trug. Unterhosen gehörten offenbar nicht zu ihrer Bekleidung, zumindest nicht im Sommer. Als wir einmal die Straße nach Laisa gemeinsam entlanggingen, trat sie an den Rand, hob den Hintern unter dem Rock an, spreizte die Beine – und dann hörten wir es plätschern.

Unsere Mutter erzählte, dass sie nicht gut kochen konnte. Ich habe keine Erinnerungen an Omas Küche. Unsere Mutter dagegen kochte gut. Über ihre Mutter erzählte ihre Tochter, dass die Oma sie zur Arbeit getrieben habe. (Ich habe das oben erwähnt.) Schon als Zwölfjährige habe sie den Haushalt führen und die kleineren Kinder beaufsichtigen müssen, weil die Oma mit dem Opa nach Budapest auf den Markt fuhr und Bestellungen bei den reichen Leuten auf dem Rosenhügel einholte und austrug. Meistens handelte es sich um frische Eier, Milch, Sahne – „Ouverst“ (Schlagobers).

Wenn etwas nicht so gegangen war, wie ihre Mutter es erwartet hatte, habe sie Schläge bekommen. Dabei sei die Oma nicht wählerisch gewesen. Wenn sie nichts anderes zur Hand gehabt hätte, habe sie auch mit dem Kochtopf zugeschlagen. Dabei hat sie sicher auch Schläge abbekommen, die eigentlich ihrem Bruder, dem ältesten Sohn Hans gegolten haben, den die Oma aber nicht mehr verhauen konnte, weil er schon siebzehn war. Er scheute die Arbeit und trank auch gern Wein, in diesem Alter schon. Ihren Mann, den Opa, liebte und verehrte unsere Oma. Wenn er etwas sagte, war das ein Gesetz. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Oma ihm jemals widersprochen hätte. Da er gelegentlich jähzornig wurde, versuchte sie, ihn milder zu stimmen.

Auch auf unsere Mutter suchte sie zu besänftigen, wenn sie aus Überforderung schrie und uns Kinder schlug. „Rousl, sei san doch nou Kinder!“ („Rosl, sie sind doch noch Kinder!“) Auch unsere Tante Maria mischte sich ein, wenn unsere Mutter wieder einmal schimpft und lärmte, weil mein Bruder und ich es allzu toll getrieben hatten: „Halgas!“, sagte sie auf Ungarisch, etwa: „Sei doch ruhig!“

Schwarzhandel

Unsere Großmutter war in das System der Ernährung der Familie mittels Tauschhandel nach dem Krieg stark eingebunden. Vor allem bei der Beschaffung von Rohtabak aus Baden, wo ein Teil der Peráler Bevölkerung angesiedelt worden war, spielte sie eine wichtige Rolle. Bei einer dieser Tauschfahrten, während der alle unter ständiger Angst vor Polizei- und Militärrazzien lebten, ereignete sich ein bemerkenswerter Vorfall. In der überfüllten Bahnhofshalle des Frankfurter Hauptbahnhofs standen meine Mutter und unsere Oma mit ihrem Tabak im Gedränge, als plötzlich Uniformierte hereinstürzten und eine Razzia begann. Wer noch durch einen der Seiteneingänge entfliehen konnte, hatte Glück. Meine Großmutter schaffte es nicht. Sie nahm das Bündel, das sie nach alter Gewohnheit auf dem Kopf trug, herunter, warf es auf den Boden und setzte sich darauf, wobei sie ihre drei, vier weiten Röcke, die sie stets übereinander trug, wie eine schützende Glocke über dem Tabakbündel ausbreitete. Sie saß da und rührte sich nicht. Keiner der kontrollierenden Uniformierten kam offenbar auf die Idee, dem alten Mütterchen in ihrer merkwürdigen schwarzen Tracht unter die Röcke zu gucken. Die Oma blieb unbehelligt, und der Tabak war gerettet. Diese Geschichte wurde uns Kindern oft erzählt, wenn man in der Familie auf die „alten Zeiten“ zu sprechen kam.

Letzter Besuch

Ich erinnere mich genau an den letzten Besuch bei unserer Oma kurz vor ihrem Tod. Lorenz und ich waren schon Studenten und besuchten die Großeltern nicht mehr so oft. Als wir dieses Mal ankamen, lag die Oma im Bett und sah nicht gut aus. Tante Resi hatte uns zuvor erzählt, sie sei schwer krank und werde bald sterben. Vermutlich litt sie an den Folgen einer Gelbsucht. Fünf Jahre vor ihrem Tod war ihr das Blut ausgetauscht worden. Sie sah schon damals aus, als würde sie bald sterben, hat aber noch fünf Jahre gelebt. Vor ihrem Tod war sie noch einmal ins Krankenhaus gekommen. Es bestand aber kaum noch Hoffnung. Da hat sie der Opa auf eigenes Risiko mit nach Hause genommen. Sie sollte zu Hause sterben.

Wir hielten uns eine Weile am Bett der „Ahl“ auf und redeten oberflächlich daher. Vielleicht wollten wir damit unsere Unsicherheit und Besorgnis überspielen. Als wir uns dann verabschieden wollten, hielt sie mich beim Handgelenk fest und sagte mit flehentlichem Blick leise: „I wü neit sterm.“ („Ich will nicht sterben.“)


„Ach Oma, Ihr sterbt schon noch nicht. Ihr werdet wieder gesund!“ („Ach Ahl, Eis sterbts sche nau neit. Eis werds sche widde gsund!“) Dann sagten wir ihr noch einmal auf Wiedersehen und gingen. Es war das letzte Mal, dass ich mit ihr gesprochen habe. Sie starb einige Tage nach unserem letzten Besuch. An ihre Beerdigung erinnere ich mich kaum. Sie war wie alle „Läichten“ ziemlich groß. Einen Totenschein habe ich weder von ihr noch von unserem Großvater je gesehen Nach Auskunft unserer Tante Resi hat sie noch am Tag vor ihrem Tod eine kleine Hausarbeit gemacht. Später tat es mir leid, dass ich mir damals nicht mehr Zeit für sie genommen habe. Beerdigungen waren für die Perbáler in Deutschland beliebte Gelegenheiten, zusammenzukommen und Erinnerungen auszutauschen. Wer irgend konnte, ging da hin, auch wenn er/sie nicht zur Verwandtschaft gehörte.


Gemeinsames Grab in Laisa

Aber wie war die Oma als Mädchen, als junge Frau? Ich habe leider versäumt, sie oder ihre Töchter und Söhne ausführlicher zu befragen. Jetzt lebt von ihnen niemand mehr. Aus den wenigen Informationen, die ich über sie habe, und aus der Kenntnis der Lebensverhältnisse in Perbál am Beginn des 20. Jahrhunderts kann ich dazu vielleicht Folgendes sagen.

Oma als Kind, Mädchen und junge Frau

Die kleine Maria besuchte die Dorfschule und die „Sonntagsschule“. Ungarisch hat sie dort nicht gelernt, denn die Unterrichtssprache war damals noch Deutsch. In der Familie und im Dorf wurde unsere donauschwäbische Mundart gesprochen. Der Lehrer wird sich bemüht haben, den Bauernkindern Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Gesungen hat er sicher mit ihnen, und vielleicht hat er ihnen auch Geschichten aus Geschichte Ungarns und der Ungarndeutschen erzählt. Seine Erziehungsziele waren Gottesfurcht, Ordnung, Sauberkeit, Fleiß, Anstand und Sitte, Achtung der Regeln des dörflichen Zusammenlebens und Gehorsam gegenüber dem Lehrer, den Eltern und Großeltern, der Obrigkeit und der Kirche. Die Einhaltung der Zehn Gebote wurde den Kindern eingebläut, besonders in der Sonntagsschule. Der Verstoß gegen sie war eine Sünde oder Todsünde, die mit Fegefeuer oder ewiger Verdammnis bestraft wurde. Jeder derartige Verstoß musste gebeichtet werden. Die Beichte war ein anfangs auch von mir gefürchtetes Instrument, zur Offenlegung geheimer und geheimster Regungen und Taten. „Ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Taten“, hieß die generelle Formel im Beichtstuhl, und es blieb „dem Beichtvater“ vorbehalten, da im Einzelnen nachzufragen. Eine peinliche Situation, der man sich nur entziehen konnte, wenn man im Beichtstuhl nicht die ganze Wahrheit sagt. Es dauerte eine Zeit, bis man deswegen kein schlechtes Gewissen mehr hatte

Mädchen sollten zu sittsamen Jungfrauen, ehrbaren Bräuten, guten Ehefrauen und Müttern sowie zu tüchtigen Hausfrauen erzogen werden. Sie sollten ihren Eltern und ihrem künftigen Mann gehorchen, sie nach Kräften unterstützten und ihnen vor allem keine Schande machen. Denn die wurde sicher offenbar und öffentlich. Wenn eine junge Frau vor der Ehe geschlechtlich mit einem Mann verkehrte, und das im Dorf bekannt wurde, galt sie als Hure. „Sie is a Huur“, hieß es verächtlich. Wenn sie vor der Ehe schwanger wurde, konnte sie diesen Makel nur durch die Hochzeit wieder beseitigen. „In Weiß“ durfte sie aber in einem solchen Fall nicht gehen. Jede/r im Dorf sollte sehen, was sich da schon vor der Trauung ereignet hatte. Unsere Großmutter heiratete in Weiß. Wie erwähnt, hat sie insgesamt zwölf Kinder zur Welt gebracht. Sechs starben schon als Babys oder Kleinkinder.

So fing es mit mir an

Die Fraas, mein Sarg war schon bestellt

Ob ich im Haus der Großeltern Kopp in Perbál geboren wurde oder in der Mietwohnung, die meine Mutter mit meinem Bruder Lorenz 1942 bewohnte, weiß ich nicht. Gehört habe ich, dass die beiden bei einem Bäcker im ersten Stock wohnten, und dass meine Mutter mich nicht stillen konnte, weil sie eine Brustentzündung hatte. Mein Bruder wurde elf Monate vor mir geboren. Ich wurde von einer Amme gestillt, der „Gärrä Franzi“. Sie hatte ein Kind von dem jüngeren Bruder meines Vaters, Franz, der in Krieg umgekommen ist. Das Kind war mein Cousin Wentzel Ferenc, der leider schon gestorben ist.

Wie fast alle Kleinkinder in dieser Zeit in Perbál hatte ich ein Fieber, die „Fraas“, das mit Magenkrämpfen, Durchfall und völliger Entkräftung verlief. Man hatte beim Tischler bereits einen kleinen Sarg für mich bestellt. Dann wurde aber doch ein letzter Versuch unternommen, mein Leben zu retten. Die Krankheit wurde besprochen. Nach der Schilderung meines Vaters verlief das wie folgt: Einige alte Weiber waren im Stall zusammengekommen. Sie legten einen Lappen auf den Boden und pinkelten der Reihe nach darauf. Dabei murmelten sie finstere Worte und dumpfe Beschwörungen, vermutlich um den Geist der Krankheit damit zu beeindrucken. Sie bildeten einen Kreis um den Lappen, nahmen sich an den Händen und brummelten gemeinsam eine magische Litanei. Dann nahm eine den Lappen vom Boden auf und rieb meinen kleinen Körper damit ab, wozu wiederum Beschwörungen gemurmelt wurden. Ich habe fürchterlich geschrien und gestunken, sagte mir mein Vater. Als er es nicht mehr aushalten konnte, habe er mich, nackt, wie ich war, hinausgetragen in die kalte Winterluft. Dadurch sei ich gesund geworden. Die Weiber werden den Erfolg wohl auf ihre Bemühungen zurückgeführt haben. Ursache und Wirkung bleiben in diesem Fall wohl ungeklärt, wie so oft in unserem Leben.

Zur „Fraas“ hat mein Bruder, der ebenfalls erkrankt war, von unserer Mutter Folgendes gehört: Weil sie eine Brustentzündung hatte, konnte sie ihn nicht stillen. Sie habe ihm daher trotz der Warnungen unserer Wiest-Oma unverdünnte Kuhmilch zu trinken gegeben. Die Oma hatte ihr vorgeschlagen, die Kuhmilch mit schwarzem Tee zu verdünnen. Auf die unverdünnte Kuhmilch führte unsere Mutter die Entstehung der „Fraas“ zurück. Ich hatte aber eine Amme und bekam keine unverdünnte Kuhmilch, sondern gute Muttermilch. Die „Fraas“ bekam ich trotzdem. Sie hat demnach wohl eine andere Ursache gehabt. Von einer Frau in Österreich habe ich erfahren, dass die Kinderkrankheit dort unter dem Namen Fraisen bekannt gewesen ist und mit starken Krämpfen und Fieber einherging. Nach dem österreichischen Wörterbuch soll sie „besonders bei kleinen Kindern durch Erschrecken“ hervorgerufen werden. Ich bezweifele, dass damit die Ursache der Krankheit ausreichend geklärt ist.17

Ich habe also die Mühen des Anfangs überlebt. Die Milch erhielt ich weiterhin von der Gärrä Franzi und zur Beruhigung einen Nuckel. Das war ein kleiner Leinenlappen, in den ein vorgekauter Brotbrei eingebunden war. Dieser Nuckel war wohl so groß, dass ein Kleinkind ihn nicht verschlucken konnte. Auf den Dörfern war es üblich, dass der Nuckel in Wein eingetaucht wurde, wenn Kinder sich gar nicht beruhigen oder nicht schlafen wollten. Besonders während der Feldarbeit im Sommer, war das eine verbreitete Methode, damit man nicht ständig nach den Babys sehen musste. Ob es bei mir auch so war, weiß ich nicht. Später habe ich erfahren, dass es in Westungarn eine Gegend gibt, in der besonders viele verblödete Kinder waren. Eine Kommission wurde eingesetzt und stellte fest, dass die Trauben, die dort angebaut wurden, „Othello“, „Isabella“ und andere amerikanische Wildreben, bei der Gärung Methylalkohol produzieren, der die Nerven und das Gehirn angreift. Der Anbau dieser Trauben wurde daraufhin verboten. In Österreich werden heute noch solche Trauben wieder geerntet, aus denen in wenigen ausgewählten Dörfern der „Uhutler“ hergestellt wird. Dem Uhutler dürfen nur zehn Prozent Wein aus diesen Trauben beigemengt werden. In Ungarn findet man in den Kellern kleinerer Winzer wieder häufig Wein nur aus amerikanischen Wildreben mit seinem unverkennbaren Geschmack.

Wickelkind

Wie alle Babys im Dorf verbrachte ich die ersten Monate meines Lebens sehr beengt. Ich war stramm eingewickelt in eine zusammengebundene dünne Decke. Alte Fotos zeigen Säuglinge in solche Decken eingebunden, die durch Bänder über dem Bauch und über den Armen verschnürt sind. Bis auf das kleine Köpfchen ist von dem Säugling nichts zu sehen. Arme und Beine sind bei dieser Art des strammen Wickelns so gut wie unbeweglich. Es ist dem Säugling nicht möglich, die Hände zum Mund zu führen, sich umzudrehen oder auf dem Bauch zu liegen. Selbst wenn die Säuglinge gestillt wurden, blieben sie in der Regel in dieser Umklammerung, aus der sie nur zum Trockenlegen befreit wurden.

Unsere Kleidung als Kleinkinder bestand im Sommer aus einem kurzen Kleidchen. Sonst hatten wir nichts an. Das Kleidchen trugen Jungen und Mädchen. Da wir keine Unterhosen anhatten, gab es mit den kleinen und großen Geschäften keine Probleme, und die Mütter sparten bei der Wäsche. Schuhe trugen wir im Sommer nicht. Ich habe Fotos von kleinen Jungen in Röckchen gesehen, von uns selbst gibt es wohl keine. Im Winter trugen wir als Untergewand eine sogenannte Leib-und-Seel-Hose, das war eine Kombination aus Hemd und Hose, heute würde man vielleicht „Body“ sagen, die unten einen Schlitz hatte. So war es nicht nötig, uns jedes Mal auszuziehen, wenn wir auf den Topf mussten, der in unserem Dialekt „Scherm“, Scherben, hieß. Vermutlich im Alter von zwei oder drei Jahren erhielten die Jungen ihre ersten Hosen, im Sommer kurze und im Winter lange. Die Mädchen behielten ihre Kleidchen.


Dieses Foto aus dem Kindergarten in Perbál illustriert das Alltagsgewand der Kinder im Jahre 1930. Als ich im Frühjahr 1945 ins Kindergartenalter kam, gab es vielleicht schon keinen mehr. Jedenfalls habe ich keine Erinnerung daran. Zu festlichen Angelegenheiten wie Hochzeiten, Beerdigungen, „Kiridog“ (Kirmes) und kirchlichen Festen wie Erstkommunion, Firmung, Prozessionen etc. wurden die Kinder je nach Vermögen der Eltern festlich herausgeputzt. Niemand wollte hinter anderen zurückstehen. Besonders die Mädchen in weißen Kleidchen und Strümpfen mit schwarzen Lackschuhen und Kränzchen im Haar waren eine Zierde solcher Veranstaltungen.

17 „Heute vermutet man als häufigste Ursache für die früher als Fraisen bezeichnete Erkrankung knapp hintereinander liegende Schwangerschaften, die einen Kalk- und Vitamin-D-Mangel bei den Schwangeren auslösten, der dann bei den Kindern meist im Alter von drei Wochen zu Krampfanfällen und im schlimmsten Fall – zum frühen Tod des Säuglings führte. Damals vermutete man auch, dass die Krankheit durch Angst und Schrecken der Mutter in der Schwangerschaft oder in der Stillzeit verursacht worden ist.“ Stangl, W. (2020). Stichwort: ‚Fraisen‘. Online-Lexikon für Psychologie und Pädagogik.

Frühe Erinnerungen und Erzähltes

Der blasse Jüngling

Vor dem Haus der Kopp-Großeltern steht ein Marillenbaum, darunter ein großes Weinfass. Es ist Sommer, die Früchte sind reif. Ein Mann hebt mich hoch über seinen Kopf. Ich sehe von oben auf ein schmales, blasses Jungmännergesicht. Er blickt mich sanft an, lächelt aber nicht. Dann stellt er mich auf das Fass, mitten zwischen die reifen Früchte. Der Duft dieser reifen Aprikosen betäubt mich fast. Ich greife mit den Händen nach den Früchten und esse sie vom Baum. Bis heute erinnere ich mich genau an dieses Gesicht und an den Duft der Marillen. Diese Szene fand wohl im Sommer 1944 statt. Der junge Mann war der jüngste Bruder meiner Mutter gewesen. Er ist im Krieg umgekommen.

Auf dem Wasser

Ich sehe zwei riesige steinerne Pfeiler. Dazwischen schwimmt ein kleines Boot mit mir darin auf dem Wasser. Zwei Frauen sind auch in dem Boot. Vielleicht ist es meine Mutter mit einer ihrer Schwestern, die mit mir in Budapest waren und ein Ruderboot, „Tschinagl“ (ungarisch: csónak) zu einer Fahrt auf der Donau gemietet haben. Ich sehe diese riesigen Steinpfeiler genau vor mir mit grauer, poröser Oberfläche und den Fugen. Das Wasser ist dunkel und kaum bewegt, kein Laut.

Es war in einem Sommer, vermutlich 1945, da war ich 3 1/2 Jahre alt. Leider habe ich später versäumt, mich bei meiner Mutter oder meinen Tanten über dieses Erlebnis zu vergewissern.

Es brennt

Das muss im Sommer l945 gewesen sein. Es war sehr heiß. Im Gemeindehaus von Perbál stand ein Tor offen. In einem großen, sonst leeren Raum lagen Waffen und Munition der verschiedensten Art. Offenbar hatten die Russen Befehl gegeben, dass diese Waffen gesammelt und dort aufbewahrt werden mussten. Der Raum war dunkel und kühl. Möglicherweise gab es keine Fenster. Wir standen mit mehreren Kindern vor dem offenen Tor und traten aus der hellen Hitze des Platzes über die Schattengrenze in die dunkle Kühle. Waffen und Munition lagen auf dem gestampften Lehmboden, es war still. Irgendjemand hantierte im dunklen Hintergrund. Als er uns Kinder bemerkte, verscheuchte er uns.

Die größeren Jungen hatten Patronen, einen ganzen Berg, so groß wie ich, der ich davor hockte. Sie entfernten die Geschosse und kippten das Pulver auf einen Haufen. Es war wieder ein sehr heißer Tag, etwa acht bis zehn Kinder waren beisammen. Wir waren alle barfuß und trugen kurze Hosen, bzw. wir Kleinen – Röcke. Als ein ansehnliches Häufchen Pulver beisammen war, versuchten die Großen, das Pulver mit einem Brennglas zu entzünden. Das war natürlich verboten, und so spielte sich das Ganze im Geheimen ab. Wir hatten uns hinter den hölzernen Schweineställen versteckt. Die Ställe standen auf Beinen, etwa einen halben Meter über dem Boden. Es war sehr still, nur ab und zu grunzte ein Tier. Mir scheint, dass es eine Reihe von solchen Ställen gewesen ist, sie standen nebeneinander am hinteren Rand eines Hofes. Es war nicht unserer, aber vermutlich einer aus der Nachbarschaft.

Einer der Jungen hielt das Brennglas so, dass das Lichtbündel auf das Pulverhäufchen traf. In der Mitte des Glases – vermutlich aus einer Armeetaschenlampe – war ein greller, bläulich-heller Lichtpunkt. Auch dort, wo der gebündelte Lichtstrahl auf das Pulver traf, war ein heller Fleck auf den schwarzen Kristallen des Pulvers. Zunächst passierte nichts. Die Großen mutmaßten, dass es mit dem Brennglas nicht gehen werde. Um die Wirkung zu testen, hielte sie den Strahl auf das Stroh neben dem Pulver. Nach einer Weile bildete sich ein winziges Rauchwölkchen, das Stroh fing an zu glimmen und brannte schließlich in kleinen Flämmchen. Sie kamen an das Pulver heran, das plötzlich in einer großen Stichflamme verpuffte. Wir waren geblendet und erstarrten vor Schreck. Plötzlich schrie einer: „Es brennt!“, und wir Kinder rannten schreiend davon, die Großen vorneweg und wir Kleinen hinterher.

Durch den Lärm wurden Erwachsene alarmiert. Er entstand ein großes Geschrei, ein Stall brannte lichterloh und die Schweine schrien vor Todesangst. Ein Mann war plötzlich da und riss die Tür des brennenden Stalles und die der Nachbarställe auf, und viele Schweine stürzten ins Freie. Aus einiger Entfernung sahen wir Kinder mit klopfenden Herzen, wie die herbeieilenden Menschen eine Eimerkette bildeten, die Wasser vom Brunnen heranschaffte, mit dem das Feuer schließlich gelöscht wurde. Eimer um Eimer gossen die Leute auf den brennenden Stall, dessen Flammen nach jedem Eimer Wasser kleiner und kleiner wurden und am Ende verloschen. Eine Wolke aus weißem Dampf entstieg den Trümmern des verbrannten Stalles.

Die schreienden Tiere waren wie wild davongestürmt und mussten mühsam eingefangen werden. Sie ließen sich nur schwer beruhigen und wurden mit großer Mühe in die Ställe zurückgebracht. Sie spreizten die Beine, mussten an Schwanz und Ohren angehoben und in die Ställe hineingestoßen werden. Es war ein höllischer Lärm, der sich nur nach und nach legte. Vor Erschöpfung schwiegen Tier und Mensch schließlich still.

Die Anführer beim Feuermachen hatten das Weite gesucht. Wir Kleinen wurden von den Erwachsenen zusammengesammelt und in die Häuser gebracht. Der Nachmittag ging so dahin, dass die Männer tranken und die Frauen sich aufregten. Es war schließlich Sonntag gewesen, und dann passierte so etwas. Als es dunkel wurde, schrien die „Anführer“.

Weinlese

Die Wiest-Großeltern hatten, wie erwähnt, zwei Weingärten, einen hatte unsere Oma von ihrem Vater erhalten und als Mitgift in ihre Ehe eingebracht. Das Grundstück für den anderen haben sie gekauft und ihn selbst angelegt. Sie hatten auch zwei Weinkeller. Einer war beim Haus und einer in der Kellergasse in Perbál bei den Presshäusern (Es gab drei Kellergassen). Sie hatten pro Jahr 20 bis 30 Hektoliter Wein, 10 „Hekto“ guten für sich selbst und für Gesellschaften (Feiern, Besuche) und zwanzig „Hekto“ (Trunkwein) für die Arbeiter. Das waren solche, die in der Landwirtschaft mithalfen (Nachbarschaftshilfe) oder bei der Weinlese. Der Großvater trank täglich einen Liter guten im Keller, und 1,5 Liter Trunkwein nahm er mit nach Hause. Den trank er wohl in der Regel auch noch.

Es ist im Weingarten. Mit ihren Scheren schneiden Erwachsene und junge Burschen und Mädchen die reifen Trauben von den Stöcken. Wir Kinder, mein Bruder und ich und vielleicht auch ein paar aus der Nachbarschaft, liegen auf einer Decke im Schatten eines Pfirsichbaumes und beißen in reife Früchte, der Saft tropfte uns auf die nackten Schenkel. Die Fülle des Geschmacks, der schwere aromatische Duft betäuben uns fast. Wieder ist es dieser intensive Geschmack und Geruch dieser reifen Früchte, der mir den tiefsten Eindruck macht. Das ganze Bild hat etwas vom Paradies. Die Fülle der Farben und Düfte, das fröhliche laute Treiben der Großen, der kühle Schatten in der großen Hitze und das kalte Wasser aus dem „Tschutter“, einer emaillierten Blechflasche, aus der uns die Frauen von Zeit zu Zeit zu trinken geben.

Die Pause dann, die „Jaosn“, zu der sich alle um eine ausgebreitete Decke versammeln. Sie schneiden dicke Stücke von einem großen Weißbrot. Die Männer und Burschen essen Paprikaspeck dazu, „an papperten Speick“ und beißen herzhaft in eine geschälte Zwiebel. Die Frauen und jungen Mädchen essen Schmalzbrote und ein Stück geräucherte, trockene Wurst dazu. Obst isst außer den Kindern kaum jemand. Mitten in diesem Paradies von Früchten essen sie kein Obst, v.a. die Männer. Das ist auch in Deutschland so geblieben.

Ich erinnere kaum andere erwachsene Männer in dieser Szene, nur meinen Großvater sehe ich ganz deutlich. Er hat die übliche Tracht der Männer an, lange schwarze Hosen, schwarze Lederstiefel und ein weißes Hemd mit einer schwarzen Weste. Der schwarze Janker ist ausgezogen, es ist zu heiß. Vorgebunden hat er eine blaue Arbeitsschürze, „a Fiedde“, ein Vortuch, mit einem Latz vor der Brust. Ein Band geht um den Hals, und hinten ist es zusammengebunden. Die Frauen haben helle Baumwoll- oder Leinenröcke mit sommerlichen Mustern an. Nur die alten Frauen tragen ihre schwarze Tracht. Alle tragen trotz der Hitze mehrere Röcke übereinander, das ist im Dorf so üblich. Darunter haben sie im Sommer sonst nichts mehr an. Die Röcke sind geschürzt, hochgebunden. Die kräftigen weißen Waden und Knie sind frei. Sie gehen barfuß oder tragen flache Sandalen aus Maisstroh, das sind eher untergebundene Sohlen. Auch der dünne Trunkwein tut seine Wirkung, einzelne Frauen fangen an zu singen. Die anderen fallen mit ein, zögernd zunächst, dann singen alle, und je länger der Tag dauerte, desto feuriger und lauter werden die Lieder. Die Männer singen erst am Abend, im Presshaus, wenn sie einen tüchtigen Rausch haben.


Weihnachten 1945

Zu meinen frühesten Erinnerungen gehören die an Weihnachten 1945 im Haus der Kopp-Großeltern. Wir Kinder saßen in der vorderen Stube und warteten. Die Stimmung war ängstlich angespannt. Die Großeltern – an die Eltern in dieser Zeit erinnere ich mich nicht – und die unverheirateten Schwestern unserer Mutter hatten uns gründlich auf das Ereignis eingestimmt. Waren wir brav gewesen, würde uns „die Lucie“ vielleicht etwas geben. Waren wir „schlimm“ gewesen, würde uns der „Krampus“ den „Orrsch“ verhauen. Das war am Tag der Heiligen Lucia, am 13. Dezember. Eine junge Frau mit einem Kranz auf dem Kopf kam herein und sang ein feines Lied. Neben ihr polterte und trampelte ein ganz in Schaffell gehülltes Wesen herum. Es war mit Ketten behängt, brummte, machte Krach mit Glocken und Rasseln und drohte uns Kindern. Es war der Krampus, ein wilder zottiger Geselle, der eine Art Schamanentanz vor uns aufführte. Sein weißes Schaffell hob und senkte er mit wilden Gebärden der Arme, wie ein großer unbeholfener Vogel, der erste Flugversuche macht.

Ich stierte wie gebannt auf das Spektakel, starr vor Schrecken. Doch dann durchzuckte mich eine große Erleichterung. Es war nur eine Ahnung einerseits und doch auch eine große Gewissheit: Ich hatte in dem wilden Krampus meine Tante Resi erkannt. Sie war damals etwa sechzehn Jahre alt. Damit endete meine Angst aber nicht. Als der Krampus mich mit künstlich verstellter, tiefer Stimme ansprach: „Bisd Du aa olleweö brav gweist?“, da brachte ich nur ein kaum hörbares „jo“ heraus. Krampus gab sich damit aber nicht zufrieden und hielt mir eine Reihe von Verfehlungen vor, die ich begangen haben sollte. Ich weiß nicht mehr, was es im Einzelnen war. Als die Aufzählung zu Ende war, musste ich mich bücken, und Krampus versohlte mich mit seiner Rute aus Reisig den Hintern. Aber er schlug nicht sehr fest, und es tat nicht weh. Es ist die Resi, es ist die Resi, ging es mir plötzlich durch den Kopf, oder richtiger: „As is die Resi, as is die Resi“, denn so dachte ich damals ja.

Sicher ist, dass der Krampus und die „Lucie“ gemeinsam vor Weihnachten kamen. Zu Weihnachten brachte das „Christkindl“ die Geschenke. Mein Bruder und ich erhielten zusammen ein Schaukelpferd aus Holz, weiß lackiert mit aufgemalten schwarzen Flecken, einen Apfelschimmel mit rotem Zaumzeug. Auch als wir schon größer waren, erhielten wir beide zusammen nur ein Spielzeug. Und das bedeutete, dass mein Bruder es erhielt, der ein Jahr älter war als ich. Mir gab er es dann, wenn er keine Lust mehr hatte, damit zu spielen, ich musste in der Regel darauf warten.

Das Christkind war ein etwa zehn Jahre altes Mädchen. Es trug ein langes weißes Kleid und sah sehr schön aus. Im Haar war ein Blumenkranz befestigt, vermutlich trug es auch einen Schleier vor dem Gesicht. Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht gab es dieses Christkind auch gar nicht und ein Firmkind aus späteren Jahren geistert durch meinen Kopf. Aber doch, ein „Christkindl“ muss gewesen sein, wie könnte ich es denn sonst so deutlich vor mir sehen und seine leisen Glöckchen hören, die es an einer Schnur in der rechten Hand trug? Das waren die vorerst letzten Weihnachten in der Familie meiner Großeltern. Mein Vater war nicht dabei. Er hatte sich schon Richtung Österreich von der ungarischen Armee verabschiedet, um sich weiter zu den Amerikanern nach München durchzuschlagen, wo er in Kriegsgefangenschaft kam. Bis Weihnachten 1947 war er auch in Berghofen nicht dabei. Er hat es vorgezogen, in München bei einer Freundin zu bleiben. Insofern hat das Weihnachtsfest für mich nicht den verklärenden Erinnerungswert wie für Kinder aus anderen Familien.


Die „Guckrutzmari“

Wie lange schon Mais in Perbál angebaut wurde, weiß ich nicht. Diese indianische Brotfrucht hat sich in Europa relativ spät ausgebreitet, im 17. und 18. Jahrhundert vielleicht. In den Rang eines Brotgetreides ist der Mais auf dem alten Kontinent kaum aufgestiegen. Er war hier seit jeher Viehfutter oder „Armeleuteessen“. Auch in Perbál wurde Maismehl zu einem Brei verarbeitet, bei armen Leuten versteht sich. In Italien essen arme Leute in verschiedenen Gegenden bis heute einen steifen, spröden Maisbrei, die Polenta. In Perbál hieß der Maisbrei „Guckrutzmari“„. Guckrutz, in der Operettensprache „Kukuruz“ ist, ist in unserem Dialekt der Mais. An den Brei aus Maisgries kann ich mich noch gut erinnern. Er hatte einen etwas strengen Geruch und schmeckte salzig. Wir Kinder bekamen ihn vor allem im Sommer öfter, wohl als Alternative zum Grießbrei, der bei uns Grieskoch hieß. In Perbál wurde aus Maismehl kein Brot gebacken. Ich bin aber sicher, dass es Regionen in Europa gibt, in denen Maismehl dem Brotteig zumindest beigemengt wird. In Ungarn wird heute ein Weizenbrot mit Maisanteil gebacken. Es schmeckt nicht schlecht und ist lockerer als reines Weizenbrot. Bei uns in Perbál wurden mit Maismehl die Schweine gemästet - und gelegentlich die Kinder gefüttert. Einen guten Ruf hatte dieser Maisbrei aber nicht. Irgendwie hatten wir als Kinder das Gefühl, als schämten sich die Erwachsenen, wenn ihre Kinder ausplauderten, sie hätten „Guckrutzmari“ gegessen. Im Frühjahr wurde der Mais spät in Furchen gelegt, etwa fünf Kerne auf einen Schritt. Wenn das Frühjahr feucht war, wuchs er relativ schnell heran und war Ende August schon reif. Dann wurden die Kolben auf dem Feld einzeln vom Stängel gebrochen und zunächst in einen vor den Bauch gebundenen Beutel getan. Dieser Beutel war nicht anderes als ein Kartoffelsack, an dessen vier Ecken ein Seil festgemacht war, die am Rücken verknotet wurden. So entstand der Beutel. Wenn er voll mit Maiskolben war, wurde er auf den Kastenwagen geschüttet.

Die Ladung des vollen Wagens wurde auf dem hinteren Teil des Hofes, der aus gestampftem Lehm bestand und als Tenne diente, zum Nachtrocknen ausgebreitet. Die Kolben mussten noch längere Zeit trocknen, bis wirklich alle Feuchtigkeit aus ihnen heraus war. Um das Trocknen zu beschleunigen, wurde das Stroh des Kolbens hinten gestreift, sodass die goldgelben, in vielen Reihen am Kolben entlanglaufenden Maiskörner frei lagen. War der Mais auf der Tenne so weit getrocknet, dass das Stroh von den Kolben gestreift und abgedreht werden konnte, setzte sich die ganze Familie, Nachbarn und Verwandte zu einem großen Kreis zusammen und erledigten diese Arbeit. Auch die Kinder durften dabei mithelfen, denn sie hatten flinke Finger. Es kam bei diesem Abstreifen des Maisstrohs vom Kolben nicht nur darauf an, die Deckblätter des Kolbens zum Stängel hin nach hinten aufzufächern und abzudrehen. Auch die braunen und unter dem Stroh zum Teil noch grünen Fäden, die aus der Spitze eines jeden Maiskolbens heraushingen, mussten entfernt werden. Gerade diese Fäden, wohl ein Überbleibsel der Blüte waren es, die besonders intensiv rochen. Wenn ich mir heute gelegentlich ein paar Maiskolben vom Acker hole, ist es dieser Geruch, der mich sogleich an die schönen Abende in Perbál erinnert, an denen der Mais geschält wurde. Die Stimmung war in dieser Runde der „Maisschäler“ fröhlich und mit fortschreitender Dunkelheit ausgelassen. Die Erwachsenen tranken Wein bei dieser Arbeit, erzählten Geschichten, sangen fröhliche oder traurige Lieder und hatten gute Laune. Dann freuten wir Kinder uns, denn viel häufiger als solche Eintracht herrschte Streit zwischen den Erwachsenen, der eine gedrückte Stimmung schuf, unter der wir litten. Doch an solchen Abenden herrschte meistens gute Laune und die fabulierenden, singenden Erwachsenen waren „gut drauf“, wie man heute sagen würde, und dachten nicht daran, sich zu streiten, wenngleich auch das vorkam. An den Abenden, an die ich mich erinnere, stritten sie nicht. Im Gegenteil, sie waren sehr bemüht, lustig und mitteilsam zu sein und machten bald Anspielungen, die wir Kinder zwar nicht richtig verstanden, aber wir wussten doch, dass sie sich auf die Beziehungen zwischen den Geschlechtern bezogen, und deshalb waren sie für uns so interessant. Gelegentlich kam es vor, dass ein Mann und ein Weib – so sagt man bei uns – im Hintergrund des Hofes verschwanden und längere Zeit nicht wiederkamen.

Manchmal wurde das Maisstroh nur nach hinten gestreift und Kolben für Kolben zusammengeflochten, bis ein etwa ein Meter langer Zopf entstanden war. An seinem Ende wurde ein kräftiges Seil befestigt und der Zopf wurde unter dem überstehenden Dach vor der Hauswand zum Weitertrocknen aufgehängt. Die meisten Kolben wurden jedoch gänzlich vom Stroh befreit und auf der trockenen Tenne zum weiteren Trocknen ausgebreitet. Wenn der Mais nach ein paar Wochen völlig trocken war, wurden Körner von den Kolben getrennt. Diese Arbeit ging so vor sich, dass sich wieder ein Kreis von Arbeitenden bildete und jeder in der Runde einen Haufen Maiskolben vor sich hatte. Von jedem Kolben mussten die Körner heruntergerebelt werden. Dazu wurde er über eine Schneide gezogen, deren scharfe Seite nach oben zeigte. Sie war auf einem Holzklotz befestigt, den die Erwachsenen zwischen Schenkeln oder Füßen festhielten. Jedes Mal, wenn ein Kolben darüber gezogen wurde, sprangen Körner herunter und fielen auf den Boden. War der Kolben leer, wurde er in die Mitte geworfen. So entstand dort ein Haufen, der ständig größer und größer wurde, während der Haufen vor den im Kreis sitzenden Leuten immer kleiner wurde. Ständig sorgte jemand für Nachschub. Am Ende lag vor jeder/m Arbeitenden ein Berg Maiskörner. Sie wurden zu einem großen Haufen zusammengefegt und später in Säcke gefüllt. War die Arbeit getan, bedankte sich der Großvater bei der versammelten Runde und schickte sie ins Bett. Das war so gegen ein Uhr nachts, und für manch einen war es höchste Zeit, nicht nur, weil er am anderen Morgen um vier wieder aus den Federn musste, sondern weil ihn seine Beine nicht mehr so trugen wie gewöhnlich. Vor allem die Burschen schwankten ihren Stallbetten zu und hatten oft Mühe, die Leiter, die zu ihren Pritschen führte, noch hinaufzuklettern.

Stallbetten

Die Burschen in den ärmeren Familien hatten ihre Betten im Stall bei den Kühen oder Pferden. In Kopfhöhe eines Mannes, oder noch etwas höher, waren dünnere Balken in die Wand eingelassen, auf die Bretter genagelt waren. Sie bildeten das Bett, ein mit Stroh gefüllter Leinenbezug, der Strohsack, war die Matratze. Eine Kolder oder „a Koutzn“, wie man bei uns sagte, diente als Zudecke. Auf dieses Stallbett, „Stoibeittl“, gelangte man durch eine hölzerne Leiter, wie in die Etagenbetten heutiger Kinderzimmer. Diese Art zu übernachten, hatte für die jungen Burschen und Stallknechte durchaus ihre Vorteile. Sie mussten sich die Woche über nicht waschen, hatten es sehr nah zur Arbeit und, das war vielleicht das wichtigste, sie konnten nachts ins Bett klettern, wann sie wollten, ohne dass sie von Eltern oder Dienstherren kontrolliert wurden. Auf den deutschen Dörfern in Ungarn gingen nämlich diejenigen Heranwachsenden, die mangels reicher Eltern sich verdingen mussten, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, „in den Dienst“ bei anderen Leuten. Die Mädchen fanden häufig eine Anstellung in der Stadt (Budapest) als Dienstmädchen, die jungen Burschen arbeiteten bei reicheren Bauern als Knechte oder bei Händlern als Fuhrknechte. Die Handwerker auf den Dörfern beschäftigten auch einige Hilfskräfte, meistens waren das aber ihre heranwachsenden Söhne, die den Betrieb der Eltern einmal übernehmen sollten. Richtige Lohnarbeit war auf den deutschen Dörfern unentwickelt. Sehr verbreitet war sie aber auf den riesigen ungarischen Gütern, zu denen jeweils mehrere Dörfer gehörten, in denen die dort beschäftigten Landarbeiter lebten, um auf den Feldern der Gutsherren zu arbeiten. Geld wurde an diese Landarbeiter aber nur selten ausgezahlt. Sie erhielten regelmäßig Deputate, also Holz, Nahrungsmittel, Kleidung, und andere Waren aus den Kaufläden der Gutsbesitzer und eben einen Platz zum Schlafen. Weil sie stets mehr verbrauchten, als ihnen die Verwalter an Lohn gutschrieben, waren sie ständig in der Schuldknechtschaft ihrer Herren. Sie konnten von einen Gut nur wegziehen, wenn sie in der Lage waren, die geschuldete Ablösesumme auf den Tisch des Verwalters zu legen. Dazu war aber kaum einer in der Lage. So lebten sie dann auch noch zur Zeit meiner Kindheit in Ungarn in einer Art Leibeigenschaft, die formell schon fast ein Jahrhundert lang abgeschafft war. Der Schriftsteller Gyula Ilyés hat in seinem Buch „Die Puszta“18 ausführlich über diese Form der Knechtschaft geschrieben. Es ist eines der besten zur sozialen Lage auf dem Lande in Ungarn überhaupt. Puszta hieß nicht nur die Landschaft in der ungarischen Tiefebene, sondern auch ein Gutshaus mit dem dazu gehörenden Gesinde.

Baden in Perbál

Eine Badeanstalt gab es in Perbál nicht, auch keinen Teich, in dem man baden konnte. An Sonntagen, denn an Wochentagen waren auch die Kinder mit auf den Feldern, die jungen Burschen ab zwölf Jahren ohnehin – an Sonntagen im Sommer gingen wir Kinder und die größeren Jungen zum Baden in den „Schlauch“. Es war ein Stauwehr in einem größeren Bach, der unter dicken Maulbeerbäumen zur Mühle floss. Dort badeten wir. Es lag in dichtem Schatten, und an den heißen Sommertagen war es hier angenehm kühl. Dass „wir Kinder“ dorthin zum Baden gingen, ist eine leichte Übertreibung. Zumindest solange die Größeren dort waren, hatten die Kleinen keine Gelegenheit, ins Wasser zu kommen. Dafür war es viel zu klein, und das Getümmel war so groß, dass wir uns nicht hinein trauten.

Badehosen oder -anzüge hatten wir nicht. Wie erwähnt hatten die kleineren Kinder im Sommer ohnehin nur ein Röckchen an, Jungen wie Mädchen oder „Buem“ und „Maaln“, wie es in unserem Dialekt heißt. Unterhosen, Strümpfe und Schuhe trugen wir nur, wenn wir in die Kirche mitgenommen wurden oder bei Besuchen. Wenn wir Kleinen ins Wasser gingen, waren wir nackt. Die jungen Burschen banden sich ihre Schürze vor den nackten Körper. Dieses „Fiedde“ wurde zwischen den Beinen hindurchgezogen und hinten am Rücken am Band der Schürze festgebunden.

Damit war alles zugedeckt, was versteckt werden sollte. Allerdings war auch der Latz der Schürze vor der Brust heruntergelassen und irgendwie auch in der Mitte befestigt, sodass eine Art Badehose entstand. Für die Mädchen ab neun, zehn gab es solche Probleme nicht. Sie waren aus der Sicht der Eltern damals schon „groß“ und mussten im Haushalt helfen, es war kaum vorstellbar, dass sie am Sonntagnachmittag im Wasser herumtollten. Die kleineren Mädchen liefen wie die Jungen splitternackt in unserem Bad herum.

Das gestaute Wasser ging den größeren Jungen bis an die Brust. Schwimmen hätte man können, aber das Gedränge war so groß, das kaum einer dazu kam. Richtig gelernt hat kaum einer das Schwimmen, zumindest nicht im „Schlauch“. Die Hauptsache bei dem Baden war, dass die größeren Kinder und die jungen Burschen vom Ufer oder von den Aufbauten der Staustufe – das waren dicke Balken, die wie ein Tor über dem Graben standen und von denen Bretter an Ketten heruntergelassen wurden, die das Wasser aufhielten – von dort herunter ins Wasser sprangen. Das geschah unter lautem Geschrei, Gebrüll und Gelächter.

Wir Minigaffer am Rand wurden durch das Geplansche oder absichtlich von denen, die im Wasser waren, nass gespritzt. Das war unser Baden. Aber es war nicht langweilig für uns. Im Gegenteil: Wir nahmen großen Anteil an dem Treiben der Größeren. Auch hatten wir unsere Favoriten unter ihnen, und wenn sie bei dem Gerangel und den sonstigen Revierkämpfen, die junge Burschen dort austrugen, obsiegten, freuten wir ins mit ihnen.

Informativ waren diese Badetage für uns Kleine auch dadurch, dass ab und zu ein kleines Malheur passierte und im Eifer des Getümmels die improvisierte Badehose eines jungen Burschen herunterrutschte. Wenngleich dieser eifrig bemüht war, das Missgeschick schnell zu beheben, so konnten wir doch zur Genüge sehen, was uns da unten später wachsen würde. Wenn es die Großen auf einen besonders abgesehen hatten, lösten sie ihm öfter das Schürzenband und machten ihn nackt, was immer zu einem schlagartigen Anstieg des Geschreis und Gelächters führte.

Auch über das andere Geschlecht, meistens nur in Zwergausgabe vertreten, erfuhren wir an diesen Tagen manches, denn die größeren Jungs wussten davon schon etwas zu erzählen und prahlten nicht selten mit ihrem Wissen. Gelegentlich lief doch eines der größeren Mädchen von zu Hause weg und kam zu dem Badevergnügen hinzu. Es dauerte dann meist nicht lange, und es lag im Wasser. Neugierig begutachteten dann alle ihre knospenden Formen, die durch das nasse Hemd oder durch die Bluse deutlich zu sehen waren. Auch die Versuche der großen Jungen, die Mädchen an den interessanten Stellen anzufassen, blieben uns Kleinen nicht verborgen. So waren diese Badetage für uns ein früher Aufklärungsunterricht im Freien. Vieles davon wussten wir aber schon, waren wir doch öfter Zeugen, wenn sich die Mutter oder ihre unverheirateten jüngeren Schwestern wuschen oder auszogen und badeten.

Die beduselten Gänse

Ich sagte schon, dass wir im Schatten von Maulbeerbäumen badeten. Sie standen rechts und links von dem Weg, der an dem Bach entlangführte. Die Maulbeeren, mit deren Laub die Seidenraupen gefüttert werden, haben sehr wohlschmeckende blaue oder weiße, d.h. blaurote oder blassgrüne Früchte. Bei uns in Perbál wuchsen die roten. Immer wenn die Maulbeeren im Sommer reif wurden, aßen wir Kinder uns dick und rund mit den reifen Beeren, die wie in die Länge gezogene Brombeeren aussehen und auch ein bisschen wie halb reife Brombeeren schmecken.

Wenn die Früchte überreif sind, schmecken sie sehr süß. Sie fallen dann von den Bäumen herunter. Der Weg unter den Bäumen war dann übersät mit diesen zuckersüßen Früchten, deren Flecken übrigens nur sehr schwer zu entfernen sind.

Ich habe das später in China erfahren, wo ich in meiner Begeisterung, wieder Maulbeeren essen zu können, jede Gelegenheit nutzte, die Früchte von den Bäumen zu pflücken. Dabei fiel mir eine überreife Beere auf die Schulter meiner Sommerjacke, die ich dann die ganze Reise über mit einem Tupfer herumtrug, wie ein halber General sozusagen, denn die andere Schulter hatte ja keinen Maulbeer-Generalsstern. Aber zurück nach Perbál.

Selbstverständlich fraßen auch die Gänse gern Maulbeeren. Sie wussten genau, wann die Früchte auf die Erde fielen, und machten sich zielsicher auf, um sie zu verspeisen. Wie Gänse das eben machen, marschierten sie eine hinter der anderen, im Gänsemarsch, unter die Maulbeerbäume. Dort löste sich ihre paramilitärische Formation auf und sie fraßen sich den Bauch voll mit köstlichen überreifen Maulbeeren. Nun gab es dabei aber ein Problem. Bei der großen Hitze der ungarischen Sommer lagen die Früchte nicht nur so einfach auf dem Boden herum, sondern mit ihnen passierte etwas: Sie fingen bald an zu gären. Durch Gärung entsteht Alkohol und die braven Gänse waren nach ihrem Festfressen nicht nur dick und rund und satt, sie waren auch ein bisschen besoffen. Manche etwas mehr, manche etwas weniger, wie bei den Menschen auch. Die eine verträgt etwas mehr, der andere etwas weniger. Und da lag genau das Problem.

Bekannt ist, dass eine Gänseherde immer von einer erfahrenen Altgans angeführt wird. Sie hat das absolute Kommando über die anderen. Sie hatte aber auch schon öfter eine Maulbeerfête mitgemacht und wusste um die Wirkungen dieses köstlichen Essens. Vielleicht vertrug sie aber auch mehr als die anderen. Sie war also, als sie zum Abmarsch trompetete, noch relativ nüchtern. Ihre Gefährtinnen aber und auch die Jungtiere, bei denen selbstverständlich auch halbstarke Gänseriche waren, die besonders viel gefressen hatten, dieses Gefolge also war ziemlich besoffen. Aber Befehl ist Befehl. Die Tiere ordneten sich also in Reih und Glied entsprechend der Gänserangordnung ein und marschierten los.

Um aber ehrlich zu sein, marschieren konnte man das nicht mehr nennen, und mit der Reihe war es auch nicht weit her. Was uns Kindern da entgegenkam, war vielmehr ein torkelnder Gänsewurm, eine weiße Schlangenlinie, die krampfhaft versuchte, die Form zu wahren und als Gänsemarsch zu erscheinen. Das stolperte und wackelte dahin, mal fiel eine nach vorne, mal nach hinten, mal schubste man die Vordergans, mal wurde eine geschubst.

So entstanden Lücken in der Reihe, die die kleinen Saufbolde dann schnell wieder schließen wollten, wobei sie nicht selten ausrutschten und zwischen die anderen hinein purzelten, so dass die Gänseordnung noch mehr durcheinander kam. Sie schimpften und zeterten dann miteinander und behackten sich mit ihren Schnäbeln, aber keine Angst, ernsthaft wehgetan haben sie sich dabei nicht. Dafür waren sie nicht mehr zielsicher genug.

Es waren jedenfalls lustiges Völkchen, die da mehrmals am Tage ins Dorf zurückwanderten, noch lauter und geschwätziger als Gänse ohnehin sind und uns Kindern schien es, dass sie sogar lauthals lustige Lieder sangen, oder besser grölten. Aber, ich kann mich da auch täuschen. Ich war damals ja noch sehr klein, und es ist ja auch schon lange her.

Die Gänse waren sonst nicht so friedliche Tiere, wie sie hier bisher erscheinen. Ich kann sogar sagen, dass sie damals zu meinen Feinden gehörten. Eine zu große Annäherung an sie konnte für uns Kinder – ich erzähle hier ja von einer Zeit, in der ich drei bis vier Jahre alt war – mitunter sogar gefährlich werden. So schien es uns zumindest damals. Es ist ja so, dass eine hoch aufgerichtete, erwachsene Gans größer ist als ein vierjähriger Knirps, dass sie einen harten Schnabel hat und kräftige breite Flügel, mit denen sie harte Schläge austeilen kann.

Die kleinen Gänsekinder übten auf uns Kinder eine große Anziehungskraft aus. Sie waren so schön kuschelig und weich und sprachen mit angenehmen Gänselauten miteinander. So war es nur verständlich, dass wir die Gänschen auf den Arm nahmen und uns ihr weiches Flaumgefieder an die Wangen drückten. Dann aber riefen die Kleinen nach ihrer Mutter, weil ihnen das ungewohnt war, und weil sie sich vielleicht auch vor uns fürchteten, obwohl wir doch selbst noch so klein waren. Aus der Sicht dieser Küken waren wir natürlich Riesen, und vielleicht waren wir auch noch sehr ungeschickt und fassten diese zarten Wesen viel härter an, als es gut war. Jedenfalls riefen sie nach ihrer Mutter, die dann auch prompt zur Stelle war, aber wie! Sie streckte den Hals weit vor und zischte uns so gefährlich an, dass wir die Gänschen gleich wieder auf den Boden setzten und flüchteten. Heute weiß ich, dass das nur eine Drohgebärde war. Aber heute ist heute, und damals war damals.

Noch bedrohlicher oder gefährlicher war für uns Kinder der Gänserich. Wenn wir an einer Gänseherde vorbeikamen, war höchste Wachsamkeit geboten. Gänse grasen immer in Gemeinschaft, in einer richtigen Herde. Und zu einer solchen Herde gehörte bei uns im Dorf immer auch ein Gänserich.

Vor dem hatte ich große Angst. Immer wenn wir Gänseherden begegneten, machten wir Kinder uns aus dem Staub. Oft waren wir aber nicht schnell genug. Dann kam der Gänserich mit weit vorgestreckten Hals hinter uns hergerannt und stieß ein fürchterliches Zischen aus. Wenn wir ihn nicht entkommen konnten, biss er uns in die Waden oder, schlimmer, flog uns auf den Rücken, biss uns in den Hals und schlug Furcht erregend mit seinen großen Flügeln auf uns ein. Die Gänse schnatterten dabei lautstark. Es schien uns wie ein gewaltiges Getöse. Ein Albtraum.

Fielen wir dabei auch noch hin, dann war das Unglück komplett, wir schrien um unser Leben. Denn der riesige Vogel ließ freiwillig nicht von uns ab und jagte uns mit seinem Geschrei, Flügelschlagen und Beißen Todesangst ein. Ein Auge hätte dabei auch leicht verloren gehen können. Dazu kam es aber nicht, denn bald kam ein Erwachsener und befreite uns von dem Peiniger.

Schlittenfahren in Perbál

Es lag hoher Schnee. Auf dem Weg zwischen den Häusern unserer Großeltern war ein Pfad freigeschaufelt, der wegen der Glätte mit Asche bestreut war. Der Pfad senkte sich zum Haus der Kopp Großeltern hin etwas. Wir Kinder versuchten auf Schlitten, diesen „Berg“ hinunterzufahren. Als Kinder hatten wir einen selbst gemachten Schlitten, zumindest sah er so aus. Er bestand aus drei Brettern, zwei standen hochkant und bildeten rechts und links die Kufen. Ein etwas breiteres Brett war quer darüber genagelt und diente als Sitz. Selbstverständlich waren die Kufenbretter vorn abgerundet, sonst hätte der Schlitten nicht fahren können. Zwischen den Kufen war vorn eine stärkere Latte quergenagelt, an der das Zugseil festgebunden war. Zwischen dieser Latte und dem Sitzbrett war ein Zwischenraum. Wenn wir gezogen wurden, stellten wir die Füße vorne auf die Querlatte und hielten uns an den Sitzkanten fest. Griffe oder so etwas gab es dafür nicht. Auch eine Rückenlehne fehlte. Wenn wir schneller gezogen wurden, fielen wir leicht hinten vom Schlitten herunter, weil wir uns nicht richtig festhalten konnten. Wenn viel Schnee lag, war das weiter nicht schlimm, dann fielen wir weich. Wenn wenig Schnee da war und der Boden hart gefroren, dann tat so ein Sturz weh, und entsprechend groß war das Geschrei, wenn wir auf den Boden knallten.

Ich sehe noch heute deutlich die Schneewände rechts und links der Schlittenbahn und die Ascheflecken auf der sonst weißen glatten Fläche. Damals, im Winter 1945/1946, war ich vier Jahre alt. Unser Schlittenberg erschien mir riesig. Er erschien mir so groß, dass ich mich anfangs gar nicht hinunterzufahren traute. Ich stand auf diesem riesigen Berg und schrie fürchterlich, gerade so, als sollte ich augenblicklich umgebracht werden. Es bedurfte vieler Fahrten auf dem Schoß von größeren Kindern oder Erwachsenen, bis ich mich endlich allein hinunterwagte. Später, als ich Perbál nach zweiundvierzig Jahren wieder besuchte, musste ich über meine frühere Angst vor dem großen „Berg„ lächeln. Für einen Erwachsenen ist er nur eine flach abfallende Böschung zwischen zwei parallel verlaufenden Lehmwegen, die im Unterdorf die Straßen bildeten. Der kleine Hügel war mit Gras bewachsen, und ein ausgetretener Fußweg verband die beiden Straßen miteinander, unsere ehemalige Schlittenbahn.

Um ihre Benutzung gab es Streit zwischen Kindern und den Erwachsenen. Wenn Schnee lag und die Erwachsenen ihn festgetrampelt hatten, konnten wir besonders gut Schlitten fahren. Dadurch wurde der Weg mächtig glatt und die Erwachsenen rutschten aus und fielen hin. Dann schimpften sie laut auf diese nichtsnutzigen Kinder, die durch ihre Schlittenfahrerei alles glatt machten. Wenn einer hingestürzt war, dauerte es nicht lange, und er kam mit dem Aschkasten aus dem Ofen und streute Asche auf unsere schöne Schlittenbahn. Danach war sie stumpf. Jetzt waren es die Kinder, die schrien und schimpften, weil ihre Schlitten nicht mehr den Berg hinunterfuhren. Wenn das ein paar Mal vorgekommen war, fuhren wir Kinder neben diesem verhunzten Weg den Berg hinunter, und dagegen hatten die Erwachsenen nichts mehr. Leicht war es aber nicht, eine neue Bahn festzutrampeln, denn in Perbál lag im Winter meistens viel Schnee.

Wintergeschichten

In Perbál zogen die Pferde bei Schnee große Schlitten. Es gab solche für „vornehme Leute“, die dienten quasi nur zum Spazierenfahren und waren so etwas wie Kutschen auf Schlittenkufen. Man saß auf zwei Bänke hintereinander und die darauf saßen, hatten es schön warm. Ihre Füße, an denen sie sowieso schon dicke Fellstiefel trugen, steckten in warmen Fußsäcken aus Fell. Um Beine und Körper waren zudem dicke Felldecken gewickelt, durch die kein noch so kalter Wind hindurch blies. Natürlich trugen sie auch Felljacken oder solche aus dicker Wolle und auf dem Kopf war eine Pelzmütze. Aber das konnten sich nur die reichen Leute leisten, zu denen wir nicht gehörten, auch wenn uns mein Großvater später oft erzählte, wie weit er es in Ungarn aus eigner Kraft gebracht hatte. Die ärmeren Leute, die kleinen Bauern und Händler, fuhren gewöhnlich mit einem gröberen Lastschlitten, der wie ein Ackerwagen auf Kufen aussah. Auf ihm hockten die Männer und jungen Burschen und ließen die Beine vorn, rechts und links der Deichsel, herunterbaumeln. Resolutere Mädchen und Frauen fuhren ebenso mit, ihre Beine baumelten hinten herunter. Für die Ängstlicheren wurde eine Bank oben auf den Schlitten geschraubt, auf der sie dick vermummt saßen.

Wenn es etwas zu transportieren gab, zum Beispiel Säcke mit Getreide zur Mühle, lagen sie oben auf den Brettern. Oft wurde auch ein Schwein oder ein Schaf transportiert, das in einer Kiste aus Latten eingesperrt war. So konnte immer jeder sehen, welche Fracht mit dem Schlitten durch die Gegend gefahren wurde. Neugierig wurden die Leute nur, wenn jemand mit einer geschlossenen Bretterkiste durch die Gegend fuhr. Sie hätten nur zu gern gewusst, was da wohl drin war. Wenn einer keine zwei Pferde zum Vorspannen hatte, musste er sich eines beim Nachbarn oder bei Verwandten ausleihen. Aber wer verleiht schon gern seine Pferde? So kam es, dass vor manche Schlitten nur ein Pferd gespannt war. Das sah man öfter. Ein Pferd war damals für einen Kleinbauern schon ein kleines Vermögen, das nicht jeder hatte.

Lenkten jüngere Männer oder Burschen einen Schlitten, standen sie meistens darauf und knallten laut mit der Peitsche, vor allem dann, wenn weniger Schnee lag und die Pferde gut laufen konnten. Dann flitzten die Schlitten die Dorfstraße entlang, die Pferde trabten oder liefen im Galopp, und die Schlittenlenker mögen sich wohl vorgekommen sein wie die Wagenlenker im alten Rom, die mit ihren Rennkarossen durch die Arena jagten. Aber die allermeisten dieser Flitzer hatten von der Rennbahn in Rom nichts gehört, denn in Perbál ging man zu dieser Zeit nur sechs Jahre zur Schule, noch früher sogar nur vier. Und der Dorfschullehrer hatte sicher anderes zu tun, als diesen Sprösslingen etwas über die römische Geschichte zu erzählen. Viele werden ihre Mühe gehabt haben, richtig lesen und schreiben zu lernen. Aber das machte damals nicht so viel aus, weil nur die wenigsten Zeitungen oder Bücher lasen. Ausnahmen gab es jedoch. Ein Buch befand sich in jeder Familie, das war die Bibel, und wer nicht richtig lesen konnte, dem wurde eben vorgelesen. Rechnen musste man können, darauf kam es an. Wer nicht rechnen konnte, der kam auf keinen „grünen Zweig“ oder wie man heute sagt: Der konnte es nicht weit bringen. Im Sommer konnten die Kinder an Wochentagen häufig nicht zur Schule gehen, weil sie auf den Feldern helfen mussten. Für die gab es die Sonntagsschule, in der sie im rechten Glauben unterwiesen wurden und das versäumte Schulpensum nachholen konnten.

In manchem Winter war der Schnee so hoch, dass ein Dorf tagelang von den Nachbardörfern und damit von der übrigen Welt abgeschnitten war Die Straße konnte man nicht benutzen. Einen Schneeräumdienst, wie wir ihn heute kennen, gab es nicht. Der Schnee musste mit Schippen beiseitegeschafft werden oder bestenfalls mit einem Schneepflug, der von Pferden gezogen wurde. Aber wenn der Schnee sehr hoch war und die Pferde darin stecken blieben, konnten sie den Pflug natürlich auch nicht mehr ziehen. Innerhalb des Dorfes wurden dann Pfade freigeschaufelt. So entstanden regelrechte Schluchten im Schnee, über deren Rand wir Kleinen nicht hinausgucken konnten. Die Erwachsenen mussten uns auf die Arme heben oder gar auf die Schultern setzen, wenn wir etwas sehen wollten. Es gibt viele Geschichten über den Schnee und die eingeschneiten Dörfer in Ungarn, die wir an den langen Winterabenden den Erwachsenen in der warmen Stube abgelauscht haben. Die haben vielleicht ein bisschen übertrieben, aber etwas muss an ihnen dran gewesen sein. Wir Kinder haben sie jedenfalls geglaubt, z. B. folgende:

In einem solchen schneereichen Winter fuhr ein Mann mit seinem Pferdeschlitten von Perbál nach Budapest. Das ist ein Weg von etwa fünfundzwanzig Kilometern. Von dieser Fahrt, so erzählte es uns der Großvater, ist der Mann nicht mehr ins Dorf zurückgekommen. Tagsüber hatte es so viel geschneit, dass die Pferde in einem Hohlweg zwischen zwei Dörfern im Schnee versanken und nicht mehr weiterkamen. Es war schon dunkel, und der Mann wollte zu Fuß Hilfe holen. Aber auch er blieb im Schnee stecken und kam nicht weit. Den Mann, die Pferde und den Schlitten fanden am anderen Tag Männer, die sich aufgemacht hatten, ihren Nachbarn zu suchen. Denn natürlich hatte die Frau in der Nacht noch die Dorfleute alarmiert, dass ihr Mann nicht zurückgekommen sei. Aber in einer solchen stürmischen Winternacht, bei so tiefem Schnee konnte man niemanden suchen, ohne selbst zu erfrieren.

Man fand den Mann nur etwa hundert Meter von seinem Schlitten entfernt. Erschöpft war er in den Schnee gesunken und in der eiskalten Nacht erfroren. Stocksteif lag er da, und man musste ihn vorsichtig transportieren, damit ihm die glashart gefrorenen Arme und Beine nicht abbrachen. Auch die Pferde waren erfroren. Sie standen noch angeschirrt im Schlitten, und die Männer konnten an den Spuren im Schnee sehen, wie die armen Tiere verzweifelt versucht hatten, aus dieser Schneefalle herauszukommen. Es war leider vergebens. Der Mann und seine Tiere waren das Opfer seines Leichtsinns geworden. Später erfuhren die Dorfleute nämlich, dass der Mann aus Perbál von seinen Bekannten in der Stadt gewarnt worden war, in der Dunkelheit und bei dem großen Schneetreiben noch nach Hause zurückzufahren. Er hatte aber nicht auf ihren Rat gehört. So hatte er sich und seine Pferde umgebracht. „So geht es denen, die nicht auf den Rat von vernünftigen Leuten hören“, sagte der Großvater zu uns staunenden Kindern gewandt. Wir saßen nämlich vor dem Ofen auf einem kleinen Holzschemel und hörten mit weit offenen Augen und aufgesperrten Mündern dieser Geschichte zu, voll Mitleid mit dem Mann und den armen Rössern.

Eine weitere Gefahr für Schlittengespanne waren in schneereichen Wintern die Wölfe. Dazu gab es auch eine Reihe von Geschichten. An eine erinnere ich mich. Auf dem Weg zurück nach Perbál wurde ein Schlittengespann, das im tiefen Schnee nur langsam vorankam, von einem Wolfsrudel angegriffen. Die Tiere versuchten, die Pferde am Hals zu packen und umzureißen. Die zwei Männer auf dem Schlitten schlugen mit ihren Peitschen auf sie ein, konnten sie damit aber nicht vertreiben. Zum Glück hatten sie Streichhölzer dabei. Einer der beiden riss Stroh aus einem Bündel heraus, das auf den Schlitten lag. Doch das Streichholz ging immer wieder aus. Nach mehreren Versuchen konnten sie endlich ein Büschel anzünden. Schnell zog er ein weites heraus, das er an dem ersten anzündete usw. Die brennenden Strohbüschel warf er auf die Wölfe, die er mit dem Feuer endlich vertreiben konnte. Ich bibberte vor Angst und malte mir vor unserem Feuer in der Stube riesige Wölfe mit weit aufgerissenen Rachen aus, die die armen Pferde fressen wollten und dann doch durch ein großes Feuer vertrieben werden konnten. Erleichtert atmete ich auf. Meine Oma, die meine Angst wohl bemerkt hatte, nahm mich in ihre Arme und beruhigte mich: „Hier in die Stube können die Wölfe ja nicht kommen.“

18 Verlegt bei Franz Greno Verlagsgesellschaft, Nördlingen 1985

Die Vertreibung der Ungarndeutschen

Die Volkszählung von 1941

1941 hatten in einer Volkszählung in Ungarn 477.000 Personen Deutsch als Muttersprache angegeben. Von diesen hatten sich rund 300.000 auch zur deutschen Nationalität bekannt und damit zu ihrem Selbstverständnis, zur deutschen nationalen Minderheit zu gehören.

„In mehreren Verordnungen der provisorischen Nationalregierung wurde ab März 1945 mehrfach festgelegt, dass

1 ‚Der Besitz der Landesverräter, der führenden Pfeilkreuzler, der Nationalsozialisten und anderen Faschisten, der Mitglieder des Volksbundes, ferner der Kriegsverbrecher und Volksfeinde, konfisziert wird‘

2 zur Umsiedlung nach Deutschland derjenige ungarische Staatsbürger verpflichtet ist, der bei der letzten Volkszählung 1941 deutsche Volkszugehörigkeit oder Muttersprache angegeben hat, oder seinen magyarisierten Namen wieder in einem deutsch klingenden ändern ließ19, oder Mitglied des Volksbundes oder einer bewaffneten deutschen Formation (SS) war.

Artikel VIII des Potsdamer Abkommens20 gab den Ländern Ungarn, Tschechoslowakei und Polen die Möglichkeit, ihre dort vorhandenen deutschsprachigen Minderheiten nach Deutschland zu überführen. Die ungarische Nationalversammlung berief sich offiziell drauf und verabschiedete am 22. Dezember 1945 die entsprechende Verordnung, wonach im Januar 1946 die Um/Aussiedlung der Ungarndeutschen (per Zug in Viehwaggons) in die Amerikanische Besatzungszone (ABZ) Deutschlands begann. Ende 1946 betrug ihre Zahl etwa 190.000 Personen.“ 1947/48 wurden etwa 49.000 in die SBZ vertrieben. Zudem verlor die ungarndeutsche Bevölkerung etwa 33.000 Kriegstote swie Verschleppte in sowjetische Arbeitslager. Insgesamt betrugen die Verluste etwa 272.000 Menschen.

„In Ungarn lebt immer noch die Potsdam-Legende, dass die Um/Aussiedlung der Deutschen eine Verordnung der Siegermächte im Potsdamer Abkommen war. In Wirklichkeit war es die ungarische Regierung – und darin waren praktisch mit der Ausnahme der Sozialdemokraten und zum Teil der Kleinlandwirte-Partei – alle ungarische Parteien –, die die Besatzungsmacht der Russen um Genehmigung bat, die Vertreibung „der heimatverräterischen deutschen Faschisten“ zu ermöglichen.“21

Die Vertreibung der Ungarndeutschen fiel der Regierung argumentativ umso leichter, als der Volksbund von seiner Gründung bzw. Legalisierung durch die ungarische Regierung 1938 einen aktiven Naziflügel hatte, und die sogenannten „Volksdeutschen“ 1940 pauschal dem Kommando Himmlers unterstellt worden waren. Aufgrund der Unterlagen der Volkszählung wurden auch in den deutschen Dörfern um Budapest Listen derjenigen aufgestellt, die zur Vertreibung und Enteignung vorgesehen waren. Die Zugehörigkeit zum Volksbund wurde als ein zusätzliches Merkmal herangezogen. Das Kriterium „Mitglied des Volksbundes oder einer bewaffneten deutschen Formation“ betraf mehrere Tausend Familien, deren junge, männliche Angehörige überwiegend unter Druck zur Wehrmacht oder Waffen-SS eingezogen worden waren. Wer in ihre Formationen eintrat, verlor automatisch seine ungarische Staatsbürgerschaft.

Welche Gewissenskonflikte jungen Wehrpflichtigen entstanden, die zunächst zur Ungarischen Armee und dann zur Waffen-SS einberufen wurden, schildert anschaulich der Bericht eines Betroffenen.22 Die Tendenz der Vertreibung schien sich dahin zu entwickeln, die Einzelfallprüfung aufzugeben, von der Kollektivschuld der Volksbundmitglieder auszugehen und sie als „fünfte Kolonne des Hitlerfaschismus“ anzusehen.23 Josef Stalin hatte nach diesem Muster die Wolgadeutschen kollektiv der Spionage bezichtigt und sie hinter den Ural in asiatische Sowjetrepubliken vertrieben. Warum sollte, was Stalin Recht war, den in Ungarn Regierenden nicht billig sein?

Kollektive Bestrafung

Mit einer Verordnung der ungarischen Nationalversammlung vom 22.12.1945 haben die bereits im Mai/Juni 1945 begonnenen wilden Vertreibungen, Enteignungen und Einweisung von Neusiedlern (Telepesek) in ungardeutsche Dörfer eine „gesetzliche Grundlage“ erhalten. D. h., die chaotischen Zustände auf lokaler und Kreisebene, die Willkür, Korruption und Gewaltanwendung örtlicher Funktionäre konnten mit dieser Verordnung gerechtfertigt werden. In einem Beitrag zum „Deutschen Kalender 1991“ veröffentlichte Dr. Georg Utto, ein Richter mit deutschen Wurzeln, der höchste Positionen in der ungarischen Justiz innehatte, das Ergebnis seiner Untersuchung von 50 rechtlichen Verordnungen der „ungarischen Demokratischen Macht“ in den Jahren 1945–1950, die sich auf die ungarndeutsche Minderheit bezogen. Seine Analyse hat die Überschrift: Grausame Rechtsbestimmungen der kollektiven Bestrafung. „Hierzu gehören die Deportierung zur Zwangsarbeit nach Russland, die Internierung, die gerichtliche Verurteilung, die Entziehung grundsätzlicher Menschen- und Staatsbürgerrechte sowie die Vermögenskonfiszierung.“ Dass die Potsdamer Beschlüsse solche Bestimmungen vorschrieben und die ungarische Politik „lediglich zwangsweise eine Entscheidung der Großmächte vollstreckt“ hat, nennt er eine bewusste Täuschung. „Dies diente der Falschinformation des ungarischen Volkes und der Weltöffentlichkeit, da die ungarischen Machthaber schon geraume Zeit vor der Potsdamer Konferenz den Alliierten Kontrollrat um Zustimmung zur Aussiedlung der Deutschen gebeten hatten Zur Willkür der örtlichen Funktionäre merkt er an: „Diese Leute waren sich darüber im Klaren, dass man den Deutschen alles wegnehmen, mit ihnen alles machen konnte, denn deren einziges und ausschließliches Recht bestand im Dulden, im Schweigen, im stillen – aber nicht deutschen – Gebet. Die geringste Äußerung einer gegensätzlichen Meinung, der geringste Widerstand von deutscher Seite löste sehr häufig blutige Vergeltung aus.“ Alles in allem „… atmeten die Gesetze und Verordnungen, welche die Ungarndeutschen betrafen, leider den Geist Hitlers und Stalins.“24

Die Nazis haben den Weg der Vertreibung der Ungarndeutschen durch ihr Programm „Heim ins Reich“ vorgezeichnet und vorbereitet.

Wenn man die Vertreibung der Ungarndeutschen nüchtern betrachtet, setzten die ungarischen Nachkriegsregierungen die Politik des Reichsverwesers Miklos Horthy fort, der die deutsche Minderheit „Heim ins Reich“ transportieren wollte. Hitlers Paladin Himmler formulierte die Ziele dieser Politik einmal wie folgt:

„Was an gutem Blut überhaupt in der Welt vorhanden ist, an germanischem Blut, das haben wir zusammen zu holen. Wir werden die Volksdeutschen heimführen: Die Germanen werden sich, ob sie wollen oder nicht, ob sie es einsehen oder nicht, zu diesem Reich bekennen müssen, aus dem Zwang des geschichtlichen Gesetzes heraus, aus dem Zwang des Blutes heraus. Jedes gute Blut … das Sie irgendwo im Osten treffen, können Sie entweder gewinnen oder totschlagen …“25

Einer der Siedlungsschwerpunkte der Ungarndeutschen war seit Ende des 17. Jahrhunderts das Ofener Bergland westlich von Budapest. Am Rande dieses Gebirges liegt die Ortschaft Perbál (dt. Perwall), unser Heimatort. Ein Auszug aus dem Internet von 2006 erzählt etwas zur Geschichte des Dorfes. Danach sind die ältesten Zeugnisse einer Besiedlung beinahe 4000 Jahre alt.

„Das Dorf war nicht immer bewohnt. Bei jedem Wechsel der Besatzer (Römer, Hunnen, Franken, Türken usw.) wurde die Siedlung entvölkert. Oft gab es gar keine Einwohner mehr, sie wurde aber immer neu besiedelt. … Nach 1467 (gehörte sie dem) Sohn von König Mathias, János Corvin, und seit 1504 dem Paulanerorden. In der Zeit der Türkenherrschaft 1549 bis 1686 war das Dorf gänzlich ausgestorben. Nach der Vertreibung der Türken gehörte Perbál der Familie Zichy. Sie holten schwäbische Siedler ins Dorf, die die eingefallenen Häuser wieder aufbauten … Auch heute besteht die Mehrheit der Einwohner aus den Nachkommen der schwäbischen Siedler, aber auch eine beträchtliche Anzahl von slowakischen Einwohnern lebt im Dorf. … Seit 1744 gibt es eine Schule, seit 1882 ein Postamt und seit 1899 einen Kindergarten. 1927 wurde das Dorf an das Stromnetz angeschlossen. Eine größere Veränderung brachte das Jahr 1946, in dem etwa die Hälfte der Bevölkerung, die sich zur deutschen Nationalität bekannt hatte, ausgesiedelt wurde. In ihre Häuser zogen 271 Familien aus 68 verschiedenen Ortschaften, insgesamt 1073 Personen.“26

Am 14. März 1946 begann auch in Perbál die aufgrund der o.g. Verordnungen eingesetzte Aussiedlerkommission ihre Arbeit und stellte die erste Aussiedlerliste auf. Sie wurde im Perbáler Rathaus durch Aushang öffentlich bekannt gegeben. Die Transporte begannen bald nach dem Aushang der Liste. Die Familien Wiest und Kopp gehörten zum zweiten Transport. Mit ihm fuhr auch die Perbálerin Theresa Beer.

Theresa Beer berichtet

„Not und Elend waren im letzten Kriegswinter 1944/45 bei uns in Ungarn schon recht groß. Die Russen besetzten unseren Ort Perbál am Heiligen Abend 1944. Schon Tage vorher hörten wir das Dröhnen der Kanonen, und verzweifelt fragten wir nach dem Stand der Front. Dann kamen die Panzer massenweise, und überall war Militär. Alles fuhr Richtung Wiener Straße. Verzweifelt hatten zuvor viele Menschen ein Versteck für ihre Wertsachen, Nahrungsmittel und Kleidung gesucht. Aber niemand dachte an Flucht. Gerüchte von Überfällen und Verschleppungen hatten sich verbreitet. Um die Hauptstadt Budapest wurde erbittert gekämpft. Leute aus unserem Dorf wurden von den Russen gezwungen, eine Verteidigungslinie zu graben. Viele Soldaten starben in den Wäldern um Perbál. Man begrub sie in Massengräbern am Dorfrand. Über drei Monate verlief die Front in der Nähe unseres Dorfes. Viele unschuldige Menschen mußten in diesen Kämpfen ihr Leben lassen. Ende März 1945 glaubten wir dann, daß alles einigermaßen gut vorübergegangen sei. Doch dann, fast ein Jahr später, begann das dunkelste Kapitel der Gemeinde Perbál, die Ausrottung unseres deutschstämmigen Bauernvolkes wurde eingeleitet. Die Parole hieß plötzlich: ‚Raus mit den Schwaben!‘ Was sollte das denn heißen? Vor 300 Jahren waren unsere Vorfahren – Deutsche – und einige Slowaken nach Perbál gekommen. Sie hatten die verwüstete Gegend neu besiedelt. Seit dieser Zeit wurde auch alles in Kirchenbüchern in deutscher Sprache festgehalten. Jetzt sollten wir unsere Heimat aufgeben? – Niemals –! Natürlich hatten wir im Jahr 1941 bei der Volkszählung alle auf unser Deutschtum hingewiesen. So kam es, daß zur Beurteilung der Volkszugehörigkeit diese Angaben herangezogen wurden. Uns wurde Untreue zur ungarischen Nation unterstellt. Von 2400 Perbálern mußten nun 2000 Einwohner mit max. 50 kg Gepäck nach Deutschland umgesiedelt werden. Auf die Vertreibungsabsicht reagierten die Perbáler zunächst völlig ratlos. Aber sie waren der Willkür der Machthaber wehrlos ausgesetzt. Die Stimmung war deutschfeindlich. Für alle Folgen des Krieges wurden wir Schwaben verantwortlich gemacht. Am meisten gefährdet waren diejenigen, die Haus und Hof hatten oder sonstige Vermögenswerte besaßen. Am 20. März 1946 wurde dann am Rathaus die Liste veröffentlicht wer auszusiedeln hatte. Von Vertreibung wurde nicht gesprochen. Man konnte eine Befreiung von der Aussiedlung beantragen. Eine Kommission überprüfte dann die Anträge. Dies war jedoch meist ohne Erfolg.

Auch andere Dörfer mit deutschstämmigen Einwohnern, wie Budajenö, Telki und Piliscsaba wurden Ende März 1946 ausgesiedelt. Viele auswärtige Ungarn zogen damals schon durch die Straßen der deutschen Dörfer, um die freigewordenen Höfe und Häuser billig zu übernehmen. Jeder von ihnen wollte preiswert zu Haus und Hof kommen. Für uns Umsiedler wurde die Dorfausfahrt überwacht und gesperrt. Alles, was Wert hatte, sollte und mußte zurückgelassen werden. Am 5. April kam dann der Tag des Abschieds. In langen Kolonnen bewegten sich die schwer beladenen Pferdewagen über den Mühlweg langsam zur Verladestation Piliscsaba.

Der Abschied von unserer Heimat und den wenigen Menschen, die zurückgeblieben waren, war schwer. In Piliscsaba wurde zuerst unser Gepäck in Viehwaggons verladen. Immer 32 Personen paßten in einen Waggon. Die Pferde und Wagen blieben am Bahnhof zurück. Abends um 10 Uhr fuhr dann der Zug ab. Es war sehr eng in den Viehwaggons, und so wurde es eine beschwerliche Reise. Säuglinge und alte gebrechliche Leute mussten auf engstem Raum zusammenleben. Spannungen waren gar nicht zu vermeiden. Alle waren verzweifelt, und viele weinten. Wir müssen fort und wissen nicht wohin. Wird es besser in der neuen Heimat, oder wird es uns schlechter gehen?

An die Viehwagen hatten einige mit Kreide geschrieben:

‚Leb wohl Du schönes Ungarnland,

Du bist jetzt unser Untergang.

Unsern Ahnen hast Du gegeben

ein verwüstet Land zu pflegen!

Und für die Müh’ und Plag’,

gibst Du uns nun den Bettelstab …‘

So rollten wir viele Tage über Györ zur Grenze Agendorf und dann Richtung Wiener Neustadt.

Niemand wußte, wohin die Reise ging, wo wir einmal landen sollten. In Österreich lagen wir einmal mehrere Tage fest. Eine neue Lokomotive sollte herbei. Mittlerweile war uns vieles gleichgültig. Eine Frau starb im Zug. Wir mußten ihren Sarg auf dem Bahnsteig zurücklassen.

Ihre letzte Ruhestätte kennt niemand.

Unsere intakte Dorfgemeinschaft wurde gewaltsam getrennt. Der l. Transport ging schon am 2. April 1946 von Perbál ab. Er landete im Kreis Bruchsal. Der 2. Transport am 5.4.46 war der unsere. Mit über 1000 Landsleuten kamen wir in den Kreis Frankenberg. Wir wurden auf die Gemeinden Fronhausen, Ernsthausen, Wetter, Simtshausen, Roda, Industriehof, Berghofen, Bromskirchen, Laisa und Eifa verteilt. Der 3. Transport startete am 12. April und kam nach Württemberg. Wir waren sehr verunsichert, als wir dann bei strahlendem Sonnenschein, am 14. April 1946, in der Endstation Allendorf die Waggons verlassen durften.

Dicht und etwas verängstigt standen wir alle zusammen. Man verwies uns an einen deutschen Mann, und wir waren froh, als dieser zu uns sagte: „Ihr kommt alle mit mir nach Eifa.“ Frau Gerli sagte erleichtert zu ihrer Schwester Frau Kopp: „Jesus, kommt‘s schnell, das muß das ein reicher Mann sein!“ Es war der damalige Bürgermeister von Eifa, Herr Stöcker. Als wir dann in Eifa mit 65 Personen ankamen, wurden wir in verschiedene Familien eingewiesen. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten wurden wir in die Dorfgemeinschaft aufgenommen, und das Zusammenleben in Eifa normalisierte sich …“27

Auf einen Aspekt der Vertreibung weist ein Gedicht hin, das dem Enkel des aus Perbál stammenden Lorenz Wieszt aus Burgwald/Ernsthausen anlässlich eines Schüleraustauschs beider Partnergemeinden von einer Deutschlehrerin aus Perbál gegeben wurde.

Die Hunde von Perbál

(von Gerd Honsik)

Als wir dereinst dem Dorf den Rücken kehrten,

da winkte keiner einen Abschiedsgruß.

Nur unsre Hunde folgten unsren Fährten,

und Fremde traten schon in unsre Gärten,

und wir mit Sack und Pack dahin, zu Fuß.

…

…

Und dann am Bahnhof scheuchte man die Scharen

von Perbáls Hunden rauh von uns hinweg,

die alle, alle mitgekommen waren.

Es zischt und faucht: Schon kam die Lok auf Touren.

Im Riesenchor der Hunde schwoll das Leid.

Es dringt der Schmerz der treuen Kreaturen

in fensterlose Finsternis: Wir fuhren!

Der Kessel pfiff, schon drehten sich die Speichen:

Die Riesenmeute folgt’ dem Elendszug

gerad’ so weit wie Hundepfoten reichen

bis auch der schnellsten Tiere Kräfte weichen,

den letzten Laut der Pusztawind vertrug.

Wir ließen still das Haus, wo wir geboren,

fast ohne Schmerz und fügten uns darein,

doch quält seitdem die Klage unsre

Ohren von Perbáls Hunden, die wir einst

verloren, und herrenlos gelassen und allein.

Von unserer Fahrt mit dem Güterzug „Heim ins Reich“ habe ich zwei deutliche Erinnerungen. Damals war ich vier Jahre und zwei Monate alt.

Als wir an einem herrlichen Sonnentag ein Stück an den Alpen vorbeifuhren, wurde von innen die Wagentür geöffnet und die Leute riefen: „Die Schneebergn!“ Es war überwältigend. Ich werde diesen Anblick nicht vergessen: unten die grüne, blühende Ebene, und oben die verschneiten weißen Gipfel.

Wir hielten auf dem Bahnsteig einer Stadt, vermutlich Wiener Neustadt. Jemand aus unserem Waggon hatte Knochen, mit denen zuvor eine Suppe gekocht worden war, auf den Bahnsteig geworfen. Staunend sah ich, wie umstehende Menschen sich darauf stürzten und sich um die Knochen schlugen. Unsere Leute verstanden das zunächst nicht. Als Bauern hatten sie bisher genug zu essen gehabt. Die auf dem Bahnhof waren aber Städter. Sie hungerten.

Die Närrische von Pressburg

Als ich 2005 mit meiner Frau Perbál besuchte, führte uns mein Cousin Ferenc (Franz) in eine Gasse am Rande des Dorfes. Er wollte uns die dort noch vorhandenen, schon ziemlich verfallenen Weinkeller zeigen. Wir waren kaum aus dem Auto ausgestiegen, da sprach uns ein Mann vor seinem Gartentor gegenüber an. Er forderte uns auf, in den Hof zu kommen und ein Glas Wein mit ihm zu trinken. Wir gingen mit auf seinen Hof und stellten uns vor. Nachdem er erfuhr, dass der Kopp Hans mein Großvater war, sprudelte es plötzlich nur so aus ihm heraus: Er habe das Pferd und den Wagen im April 1946 nicht gestohlen, sondern meinem Großvater abgekauft. Auch das Kalb habe er von ihm gekauft, und er habe unsere Familie auch mit dem (gerade erworbenen) Fuhrwerk nach Piliscsaba zur Bahn gebracht. Ich war einigermaßen überrascht über den Rechtfertigungszwang dieses Mannes, denn von diesen Einzelheiten hatte ich so konkret gar nichts gewusst. Er war ein Slowake, sprach aber unseren Perbáler Dialekt perfekt. Seine Frau hielt sich im Hintergrund des Hauses auf und traute sich erst nach fast einer halben Stunde auf den Hof. Ob sie Angst hatten, dass wir Pferd, Wagen und Kalb wieder von ihnen zurückhaben wollten? Das Geld, das er und vielleicht auch noch andere dem Opa damals bezahlt hatten, besitze ich heute noch: ein Bündel wertloser Pengö-Scheine. Pengö war die damalige ungarische Währung.

Der Zuweg zu seinem Haus war mit Weinreben zu einer Art Pergola überwuchert. Man sah es den Reben geradezu an, dass sie sich wohl fühlten. Weil es Frühsommer war, konnte ich nicht erkennen, ob es rote oder weiße Trauben waren. Was das denn für eine Sorte sei, fragte ich den Mann, die so üppig wuchere. Er wisse es nicht so genau. Er nenne sie aber die „Narischi ve Pressburg“, weil er die Stecklinge aus Pressburg (Bratislawa) bekommen habe. Es seien rote. Ich fragte ihn, ob ich von der „Närrischen aus Pressburg“ ein paar Stecklinge bekommen könne. Selbstverständlich, so viele ich wolle. Wir verabredeten dann, dass er im kommenden Winter die Stecklinge abschneide und durch meinen Cousin nach Deutschland schicken lasse. Ich habe sie nie bekommen. Vermutlich handelte es sich um amerikanische Wildreben, z. B. „Isabella“ oder „Delaware“. Von den Fotos, die ich bei unserem Treffen auf dem Hof gemacht hatte, schickte ich dem Mann einige Abzüge als Beilage zu einem kleinen Dankschreiben. Ich habe keine Antwort erhalten.

19 Dieses Recht wurde ihnen im Wiener Abkommen (Deutsch-ungarisches Protokoll vom 30. August 1940) ausdrücklich zugestanden. S. Wiener Abkommen in: Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost- Mitteleuropa, Band II, o.o.O (Bonn) 1956, S. 73 E f.

20 Die drei Regierungen haben die Frage unter allen Gesichtspunkten beraten und erkennen an, daß die Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutschland durchgeführt werden muß. Sie stimmen darin überein, daß jede derartige Überführung, die stattfinden wird, in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen soll. Potsdamer Protokoll, Erklärung der drei alliierten Großmächte, 2. August 1945

21 Fehérvári Josef, Geschichte der deutschen Volksgruppen in Südosteuropa, Manuskript, S. 12

22 vgl. z. B.: Erlebnisbericht des Seminaristen Franz Roth vom 22. Mai 1943 in Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, Band V, o.o.O. (Bonn) 1961, Nr. 9, S. 78 f., „Einberufung von Volksdeutschen zur Waffen-SS aufgrund der deutsch-ungarischen Vereinbarung vom 22. Mai 1943“

23 vgl. Endre Arató, Der Volksbund der deutschen in Ungarn – eine fünfte Kolonne des Hitlerfaschismus, Rezension Johan Tills zu Norbert Spangenberger, Der Volksbund der Deutschen in Ungarn 1938–1944 unter Horthy und Hitler, in www. ungarndeutsche.de /rezension_volksbund_till. html

24 Dr. Georg Utto, Deutscher Kalender1991, Jahrbuch für die Ungarndeutschen, „Grausame Rechtsbestimmungen der Kollektiven Bestrafung“, Sonderdruck

25 Rede Himmlers in seiner Feldkommandantur beim ukrainischen Shitomir (16. September 1942) in Die Waffen-SS, Text und Dokumentation: Wolfgang Schneider, Berlin 1998, S. 128 f.

26 Internet. Diesen Text hat mir mein Bruder zugesandt. Er informiert über ein wichtiges Motiv der Vertreibung.

Ausführlicher: s. Perbálbuch

27 Der Bericht von Therese Beer aus Eifa, wurde aufgezeichnet von Alfred Becker.

Angekommen in Nordhessen

Unsere Ankunft in Deutschland, am 14. April 1946, begann auch für mich im Ort Allendorf an der Eder in Nordhessen, amerikanische Zone. Der Güterzug mit uns Vertriebenen hielt, die Waggons wurden geöffnet, die Männer und Frauen kletterten heraus, hoben die Kinder und Alten herunter und luden das Gepäck aus. Es war ein ziemliches Durcheinander mit viel Lärm und Geschrei. Männer mit Listen, auf denen die Namen der Angekommenen aufgeführt waren, riefen die Vertriebenen zu Gruppen zusammen, um sie in die für sie vorgesehenen Dörfer zu bringen. Selbstverständlich wollten die Familien zusammenbleiben und machten sich lautstark bemerkbar. Ob es deswegen aber zu Korrekturen der Listen gekommen ist, weiß ich nicht. Erinnerlich ist mir aber, dass wir auf Armeelastwagen der US-Armee aufgeladen und dann in das für uns vorgesehene Dorf transportiert wurden. Wie die meisten der Ankömmlinge sah ich zum ersten Mal einen Farbigen, „an Neege“, wie es in unserem Dialekt heißt. Ein solcher packte mich, hob mich über seinen Kopf hoch, lachte mich von unten freundlich an und setzte mich auf dem Laster ab. Dieses freundliche, lachende Gesicht des jungen Mannes sehe ich heute noch vor mir, wenn ich an die Ankunft in Allendorf denke.

Berghofen

Die Fahrt dauerte nur etwa eine halbe Stunde. Dann langten die Lastwagen in Berghofen auf dem Dorfplatz vor der Kirche an. In der Mitte stand/steht eine sehr alte Eiche. Hier wiederholten sich die Vorgänge von Allendorf in umgekehrter Richtung. Wir wurden abgeladen. Ein Teil der Lastwagen hielt auf dem Schulhof. Wir standen auf dem Platz herum und warteten. Wohin würden die Familien kommen? Da trat einer er Dorfbewohner vor und sagte: „Guten Tag, liebe Landsleute. Ich heiße Sie herzlich willkommen in der neuen Heimat. Mein Name ist Karl Siebott. Ich bin Sozialdemokrat.“ Viele haben mir diese Erinnerung bereits abgesprochen, aber es ist meine Erinnerung, auch wenn ich sie damals natürlich noch nicht verstanden habe. Sie entsprach auch nicht dem, was uns in dem vor Kurzem noch von Nazis dominierten Bauerndorf erwartete. „Herzlich willkommen“ waren wir durchaus nicht.

Die Ankömmlinge wurden zunächst entlaust und bekamen etwas zu essen. Die erste Nacht verbrachten sie entweder in der Schule oder im Gemeindesaal. Wir waren im Gemeindesaal untergebracht. Unsere Tante Resi, damals etwa 19 Jahre alt, erzählte mir, wie es am anderen Morgen weiterging. Wir wurden auf die einheimischen Familien aufgeteilt. Die Listen der Aufzunehmenden enthielten jeweils die Anzahl der möglichen Personen. Also z. B.: Familie Schäfer, 4 Personen, Familie Röse, 3 Personen etc. Entsprechend meldeten sich von den vertriebenen Familien die mit der möglichen Personenzahl. Unser Großvater schwieg. Als seine Frau und seine Töchter drängten, sich doch endlich zu melden, habe er geantwortet: „Seid still!“ („Säds staad!“). Dadurch sei es gekommen, dass seine Familie ins letzte Haus des Dorfes Richtung Laisa gekommen sei, zu „Overferschters“, so der Hausname der aufnehmenden „Oberförsters“. Mit einem Oberförster hatten die aber nichts zu tun. Es war der Hausname, und der wurde im Dorf verwendet, auch wenn die Familie Schäfer oder Schneider oder Müller hieß. Wir wurden von unseren Großeltern getrennt.

Bei Hanneses

Unsere Mutter kam mit uns beiden Kindern zu einer Familie Wirth, den „Hanneses“, am Ausgang der Straße nach Battenberg, also ziemlich weit entfernt von den Großeltern. Das bedeutete, dass der Besuch dieser Großeltern für meinen Bruder und mich, fünf und 4 1/4 Jahre alt, immer eine mit Angst besetzte lange Reise war. Mehr als alles andere fürchteten wir den bellenden Hofhund dort, obwohl er angebunden war.

Unser Zimmer lag im ersten Stock. Zwei Fenster des Zimmers gingen zur Straße hin und eines zum Hof. Im Zimmer gab es ein Bett, einen Ofen, einen Tisch und zwei Stühle, vermutlich war auch ein Schrank vorhanden. Der Sohn der Familie, Otto, hatte ein Holzbein. An eine Hausfrau habe ich überhaupt keine Erinnerung. Vielleicht war sie schon gestorben. Eine etwas zurückgebliebene rundliche Tochter, Trinchen, von etwa 25 bis 30 Jahren, besorgte den Haushalt der Familie Wirth. Das erste Erlebnis in dieser Wohnung, an das ich mich erinnere, war das Erscheinen des „Nigrinmannes“. Ich stand am offenen Fenster im ersten Stock und sah auf die Straße hinaus. Plötzlich tauchte unmittelbar vor mir ein schwarzer Mann mit Zylinder auf und sagte: „In Berlin und um Berlin putzt man nur mit Nigerin.“ Er gab mir ein Döschen mit Schuhwichse und ging weiter. Sehr lange Beine hatte er, worüber ich mich sehr wunderte. Später verstand ich dann, dass er auf Stelzen gegangen war und eine Hose mit verlängerten Beinen trug.

Er kam mit dem Fahrrad

Im Frühjahr 1947 tauchte ein hagerer Mann mit Fahrrad unten im Hof auf. Er trug eine Schildmütze auf dem Kopf. Meine Mutter sagte: „Deijs is einge Fode!“ („Das ist euer Vater!“) An mehr erinnere ich mich zunächst nicht. Er verschwand auch bald wieder. Im Herbst 1947 ist er wiedergekommen. Er blieb dann bei uns. Mitgebracht hatte er eine mit Leder bezogene Reitgerte, das „Staverl“. Es wurde sein bevorzugter Erziehungsgegenstand, wie wir Kinder später schmerzlich erfahren sollten. Der Vater und der Bruder warfen unserem Vater vor, er solle das zurückgebliebene „Trienchen“ geschwängert haben, was er vehement leugnete. Sie brachte ein totes Kind zur Welt. Das änderte nichts an den Spannungen. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen mit den Wirtsleuten. Auf Dauer konnten wir in solchen Verhältnissen nicht wohnen.

Neues Leben

Ein weiteres Kind kam zur Welt: Maria, unsere Schwester. Im Mai 1948 lag unsere Mutter im Bett. Eines Abends mussten wir zu den Großeltern, um dort zu schlafen. Am anderen Morgen, es war der 30. August, sagten uns meine Tanten, die noch bei ihren Eltern lebten, wir hätten ein Schwesterchen bekommen Wir sollten nach Hause gehen und es uns ansehen. Mein Bruder und ich hatten ziemlich Angst davor. Wir drückten uns bei einem Schuppen im Feld herum und trauten uns nicht nach Hause. Mein Vater muss uns dort gefunden und heimgebracht haben. Als wir in das Zimmer kamen, saß unsere Mutter im Bett. Neben ihr in dicke Polster versenkt lag ein schönes kleines Mädchen mit schwarzen Haaren und dunklen Augen und sah uns neugierig an. Es wurde später auf den Namen Maria getauft. Wir hätten uns nicht fürchten müssen, es war gar nicht so schlimm gewesen. Künftig waren wir Kinder also zu dritt. Die kleine Maria war sieben bzw. sechs Jahre jünger als mein Bruder und ich. Zunächst freuten wir uns über diesen unerwarteten Zuwachs. Wir gewannen unsere Schwester lieb und verwöhnten sie, so gut wir konnten Sie sollte uns später manches Mal beschwerlich werden, wenn wir auf sie aufpassen und unsere freie Zeit dafür aufbringen mussten.

Tod

In diesem Alter begegnete ich erstmals dem Sterben. Im Hof des Nachbarhauses wurde ein Kalb geschlachtet. Es war mit einem Bolzenschlag ins Gehirn betäubt worden und wurde danach auf einen massiven Holztisch gelegt. Der Schlachterschnitt ihm die Halsschlagader auf, aus der das Blut in Stößen herauskam. Das Tier lebte also noch. Ich stand an seinem Kopfende und sah ihm in die Augen. Heute noch sehe ich den zutiefst leidenden, fragenden Ausdruck in ihnen. Sie erloschen zusehends. Voller Mitleid mit dem armen Tier, sah ich dem weiteren Vorgang zu. Würden wir auch so geschlachtet werden? Nachdem die Haut abgezogen war, öffnete der Schlachter das Kalb und entfernte die Eingeweide. Als er die Brust öffnete und das Herz und die Lunge herausnahm, quoll ein hellroter Blutschaum daraus hervor. Ich empfand das als sehr langsam. Es geschah quasi in Zeitlupe, bis sich schließlich ein regelrechter Schaumberg gebildet hatte. Damals nahm ich an, dass das Tier immer noch lebte und sah dem Anwachsen des Schaumberges gebannt zu. Ich sehe diesen Vorgang noch heute sehr deutlich. Das Zusehen und Helfen beim Schlachten von Tieren sollten im Laufe meiner weiteren Kindheit für mich zur Routine werden. Es verlor allmählich das Beklemmende und Bedrohliche.

Kaninchen

Eine sehr lebhafte Erinnerung an die Wohnung bei „Hanneses“ ist folgende: Unser Vater, der, wie gesagt, im Herbst 1947 zu seiner Familie zurückkam, hatte auf dem Hof Kaninchenställe gebaut und mein Bruder Lorenz, der „Leinzi“, und ich mussten Futter heranschaffen und die Tiere füttern, dreimal am Tag. Das Futter zu besorgen, war nicht einfach. Auf die Felder der Bauern durften wir nicht, klar. Es blieben also nur die Wegränder. Die waren aber von einigen Kleinbauern gepachtet, was wir zunächst nicht wussten. Entdeckte man uns dabei, wie wir Gras rupften und in unsere Säcke steckten, wurden wir verjagt. Wir waren daher sehr vorsichtig und vermieden es, uns noch einmal erwischen zu lassen. Aber das konnte nicht ausbleiben. Wir mussten wohl oder übel unser Hasenfutter von diesen Weg- und Straßenrändern holen. Als wir eines Tages im Sommer wieder fleißig Gras rupften, verspürte ich über beide nackte Oberschenkel einen brennenden Schmerz. Ich fuhr auf und sah den alten „Käsaasch“, einen Kleinbauern mit vielen Kindern, mit der Peitsche in der Hand drohend vor mir stehen. Er beschimpfte uns als „Lausejungen“, nahm uns die Säcke ab und schüttete unser mühsam gerupftes Gras aus. Wir sollten es nicht wagen, noch einmal etwas von seinem Gras zu stehlen. Wir waren sechs und sieben Jahre alt und schworen uns Rache.

In den „besten Zeiten“ hatten mein Bruder und ich 76 Kaninchen zu versorgen. Entsprechend oft kam auch Kaninchenfleisch auf den Tisch. An vielen Wochenenden im Jahr gab es entweder Hasenbraten, die Kaninchen hießen bei uns Hasen, „Hosn“, oder Hasenpaprikasch, das waren Hasenteile in Paprikarahmsoße. Dazu gab es Nockerln oder Nudeln mit Salat oder eine Beilage, „Zue­speis“, aus gekochtem Gemüse. Auch die Suppe wurde in dieser Zeit sehr häufig mit Hasenfleisch hergestellt. Sie schmeckte immer etwas süßlich. Für uns Kinder war der Kopf interessant, der mitgekocht wurde, wobei die Nase allerdings vorher abgehackt wurde. Der Knochen des Kopfes war durch das Kochen sehr mürbe geworden, sodass wir ihn mit den Zähnen aufbeißen konnten. Das taten wir auch, bissen den Knochen dort ab, wo das Gehirn des Tieres saß, und holten es uns als eine Delikatesse heraus. Auch die Zunge war begehrt. Das mag heute ein wenig barbarisch klingen, aber es war so. Es war für uns Kinder selbstverständlich, dass die Hasen geschlachtet werden mussten. Zu diesem Zweck wurden sie doch gehalten und gefüttert. Wir waren von Anfang an Zuschauer beim Schlachten. Wenige Jahre später mussten wir es dann selbst machen. Schauerlich war es, wenn nachts ein Marder oder Fuchs oder auch ein streunender Hund in einen Stall eingedrungen war und ein Tier tötete. Gar manche Nacht hörte ich den lang gezogenen Todesschrei des Hasen und erschauerte in meinem Bett, das ich im Übrigen bis etwa zu meinem 14. Lebensjahr mit meinem Bruder teilen musste.

Tabak

Ich erinnere mich, dass wir Kinder helfen mussten, Tabak zu schneiden. Dazu gab es ein spezielles Schneidegerät. Der Tabak wurde auf eine kleine Schneidebank gelegt und mit dem an einem Hebel befestigten Messer in feine Streifen geschnitten. Beim „Feinschnitt“ wurden zuvor die Rippen aus den Blättern entfernt und die Schneidebreite war besonders fein eingestellt. Dieser Tabak wurde zu Zigaretten verarbeitet. Beim „Krüllschnitt“ blieben die Blattrippen in den Tabakblättern, und die Blätter wurden in etwas breitere Streifen geschnitten. So wurde der Pfeifentabak hergestellt. Es gab einige Fläschchen mit Aromen, die dem Tabak beigemischt wurden, um verschiedene Sorten zu erzeugen. Unsere Eltern drehten mit einer kleinen Maschine Zigaretten, eine damals sehr begehrte Tauschware. Der Tabak wurde in kleinen Packungen aus Zeitungspapier verkauft. Wo aber kam der Tabak her? Bald erfuhren wir es.

Unsere Großmutter fuhr zusammen mit unserer Mutter mit dem Zug nach Baden, wo der Tabak wuchs. Die Entfernung betrug etwa zweihundert Kilometer. Entsprechend lange waren sie bei den damaligen Verkehrsverhältnissen unterwegs. Sie fuhren in den bekannten überfüllten Eisenbahnzügen und übernachteten auf den Bahnhöfen. In Bruchsal und Umgebung, wohnten Verwandte von uns, die dorthin mit dem zweiten Transport aus Perbál hingekommen waren. Was die beiden Frauen zum Tauschen mit hatten, ist mir nicht so genau bekannt. Seit unser Vater wieder bei uns lebte, waren die Grundlage der Transaktionen sicher „Amizigaretten“, „Camel“ und „Lucky Strike“, die mein Vater aus München mitgebracht hatte, und die er vielleicht noch immer von dort bekam. Für diese Zigaretten konnte man auf dem „Schwarzmarkt“ alles eintauschen, was sich zum Tauschen eignete. Öle und Fette waren besonders begehrt. Anfangs wurde sicher auch von dem Schmalz etwas zum Tausch genommen, das meine Großeltern und meine Mutter aus Ungarn heraus geschmuggelt hatten. In der Familie hörten wir Kinder, dass auch gebratenes Fleisch in Töpfen oder Eimern versteckt war und mit flüssigem Schmalz zugegossen wurde, um es vor dem Versderben zu schützen. Schweineschmalz hatten wir zunächst also noch. Alle Beteiligten lebten bei solchen Tauschfahrten in ständiger Angst vor Polizei- und Militärrazzien. Ich habe im Kapitel von meiner Kopp-Großmutter über eine solche Razzia im Hauptbahnhof von Frankfurt berichtet (s. oben). Unser Vater hat sehr bald nach seiner Rückkehr zu seiner Familie auch Schnaps gebrannt, der ebenfalls eine sehr begehrte Tauschware war. Die Brennanlage war ebenfalls in unserem einzigen Zimmer. Sie war so geschickt getarnt, dass sie bei einer möglichen Razzia durch die Polizei nicht leicht entdeckt werden konnte. Am wichtigsten war dabei die Verlegung des Ausflussröhrchens unter der Tapete des Zimmers. Es endete gut versteckt in einer Ecke hinter dem Kinderbett. Der Geruch war aber allgegenwärtig.

Öl und Wolle

Auch Speiseöl war ein begehrtes Tauschmittel. Eine Möglichkeit, um an Öl zu kommen, war das Sammeln von Bucheckern. Für eine bestimmte Menge Bucheckern bekam man in der Ölmühle in Frankenberg eine bestimmte Menge Öl. Frauen und Kinder gingen in den Wald, Bucheckern zu sammeln, wenn sie im September reif wurden und zu Boden fielen. Ihren Ertrag brachten sie zur Mühle. Das Sammeln war keine Arbeit für Männer. Wer von diesen Kerlen wollte sich schon stundenlang bücken und diese kleinen dreieckigen Früchte einzeln vom Boden aufzuheben. Das war „Weiberarbeit“ und etwas für Kinder. Wie diese Männer Bucheckern sammelten, habe ich im Kapitel „Männer“ geschildert (s. dort)

In der Kreisstadt gab es auch eine Wollmühle. Dort konnte man alte, auch zerrissene Kleidungsstücke gegen Wolle eintauschen. Wie die Tauschrelationen waren, weiß ich nicht.

Lange Strümpfe

Ich weiß aber sehr gut, dass unsere Mutter uns aus dieser Wolle Handschuhe und Strümpfe strickte. Lange Strümpfe, die bis über die Oberschenkel reichten und an einem Strumpfhalter festgemacht wurden, waren mir sehr verhasst. Sie kratzten fürchterlich, aber unsere Mutter bestand darauf, dass wir sie trugen. Schlimm war es für uns Kinder auch, dass sie überhaupt nicht warmhielten. Der scharfe Wind im Winter blies einfach durch sie hindurch und wir hatten eiskalte Beine. Warum sie uns keine langen Hosen kaufte, weiß ich bis heute nicht. Vermutlich reichte das Geld wieder einmal nicht. Es hat viele Szenen des Widerstandes gegeben, bis sie schließlich darauf verzichtete, uns zum Tragen dieser Strümpfe zu zwingen.

Mit Schaudern erinnere ich mich daran, wie ich mit diesen Strümpfen in Halbschuhen, am oberen Ende der Schlittenbahn am „Schoppenrain“ stand und völlig durchgefroren darauf wartete, bis ich mal auf dem einen Schlitten, den mein Bruder und ich besaßen, mitfahren konnte, oder dass mich mal einer der Dorfjungen mitfahren ließ. Ich musste dann vorne sitzen und konnte keinen Einfluss auf die Fahrt nehmen. Wenn es zum Sturz kam, fiel der andere auf mich drauf und ich wurde doppelt geschädigt. Eine andere Möglichkeit war, dass mein Bruder auf dem Bauch liegend fuhr, und ich mich auf die Kufen des Schlittens stellen durfte, um so, halb stehend, halb sitzend, den Berg hinunterzusausen. Wenn wir umkippten, flog ich durch die Luft und landete umso schmerzhafter auf dem gefrorenen Boden. Dennoch war mir das lieber als das ewige Warten, und es hat letztlich auch Spaß gemacht.

Eine richtige Freude war es, wenn ich allein auf dem Bauch liegend den Berg hinuntersausen konnte. Ich ließ den Schlitten so weit wie nur möglich auslaufen und bremste erst ab, als die Asphaltstraße vor mir auftauchte und Gefahr bestand, dass ich unter ein Fahrzeug kommen konnte. Das Schlimmste waren letztlich nicht die Kälte und das Warten-Müssen, sondern das demütigende Gefühl, nicht wie die anderen mitmachen zu können, nicht dabei zu sein, am Rand zu stehen und zu frieren. Allerdings: Die Kälte war bei dem bewegungslosen Herumstehen quälend und hinterließ bleibende Spuren. Kalte Füße und Knie begleiten mich bis heute.

Ein freundlicher Müller

Die Getreidemühle in Rennertehausen spielte im Leben unserer Familie eine wichtige Rolle. Nicht weit von der dortigen Ederbrücke gelegen, wurde sie vom Wasser des Mühlgrabens angetrieben, der weiter oberhalb von der Eder abgeleitet war. Das große Mühlrad reichte etwa einen halben Meter ins fließende Wasser hinein und wurde so bewegt. Wir brachten Roggen zur Mühle und erhielten vom Müller Mehl und Schrot in vorgegebenen Mengen zurück. Das Mehl war aus Weizen gemahlen. Meine Mutter verwendete nur dieses „Auszugsmehl 605“ zum Backen und Kochen. Roggenmehl benutzte sie nicht, nur den Roggenschrot, der wurde als Schweinefutter den gekochten Kartoffeln beigegeben.

Der Müller war ein lustiger, kinderfreundlicher Mann. Er stand allgemein zwar im Verdacht, dass er beim Mahlen für sich etwas abzweigte. Dieser Verdacht begleitete die Müller aber, seitdem es Mühlen gab. Für uns Kinder spielte das keine Rolle. Für uns hatte der Müller immer ein wenig Zeit, wenn er uns das Mehl brachte. Er erzählte spannende Geschichten und demonstrierte uns seine Beweglichkeit. Dabei stellte er sich mit den Füßen auf die erste Stufe der Treppe zum Hauseingang und beugte sich so weit nach unten, dass er mit den flachen Händen den Boden berührte. Er forderte uns auf, es ihm gleichzutun, aber wir schafften das nicht.

Wenn wir Kinder zur Mühle kamen, durften wir zusehen, wie das Mehl gemahlen wurde. Der Müller war stolz auf seine Mühle und erklärte uns, was da alles passierte. Es war ein imponierender Vorgang, wie das Mühlrad über eine gut gelagerte, dicke Holzwelle die riesige Maschinerie in Gang setzte. Überall ächzte, knarrte, knatterte und ratterte es. Ununterbrochener, aber nicht zu starker Lärm entstand, wenn sich das Getreide, über drei Etagen von oben nach unten fallend, schließlich in Mehl verwandelte. Es wurde gerüttelt und geschüttelt, auf Rutschen befördert, über verschiedene Wege geleitet und auf diversen Mühlsteinen feiner und feiner gemahlen. Der grobe Schrot wurde abgeleitet und das fertige Mehl fiel schließlich in einen großen Jutesack. Wenn er voll war, schloss der Müller einen Schieber und stoppte den Mehlfluss. Dann band er den Sack zu und befestigte den nächsten – und der Vorgang wiederholte sich.

Wenn die Getreidesorte wechselte, ließ er schmalen Schächte, durch die das Mehl herunterkam, zuerst völlig leer laufen. Dann änderte er einige Einstellungen, schüttete anderes Getreide oben in den Mahltrichter und ließ das Mahlwerk wieder anlaufen. Der Vorgang wiederholte sich. Am Ende hielt er die Mühle an.

Über und über mit Mehlstaub bedeckt stand dieser lachende Mann vor uns und klopfte sich den weißen Puder von den Kleidern und aus den Haaren. „Ihr habt sicher Durst bekommen“, sagte er und gab uns Wasser oder einen Saft zu trinken. Angenehm unterschied er sich von unseren manchmal recht „bissigen“ Dörflern. Er gehörte zu den wenigen Menschen, die uns nicht spüren ließen, dass wir – wie anfangs für viele andere – unwillkommene ungarische „Zigeuner“ waren, die für alle Untaten im Dorf verantwortlich gemacht und entsprechend behandelt wurden.

Der Mann an der Esse

Einer, der eine ähnliche Haltung einnahm, war der Schmied des Dorfes. Als ich eines Tages etwas scheu und verlegen auf seinem Hof stand, winkte er mir zu und rief mich herein. Die Schmiede war ein rußschwarzer, nicht allzu großer Raum. Auf der Esse brannten Kohlen mit bläulichen Flammen, ein Stück Eisen steckte rotglühend darin. In dem Raum war es warm, es roch nach Kohlenrauch und Ruß. Der kräftige Mann nahm das glühende Eisen mit einer Zange aus dem Feuer und legte es auf den Amboss. Mit kräftigen Schlägen formte er das Eisen, von dem ab und zu glühende Teilchen wegsprangen. Als es nicht mehr heiß genug war, steckte er es wieder in das Feuer und blies die Glut mit einem riesigen Blasebalg wieder an. Fasziniert von der Kraft des Feuers und des kräftigen Mannes, der so gut damit umzugehen verstand, sah ich ihm mit großen Augen bei seiner Arbeit zu. „Schmiede das Eisen, solange es glüht“, sagte er mit strahlenden Augen, die aus seinem schwarzen Gesicht hervorleuchteten. Er fragte mich dann, wer ich sei, und ich sagte ihm meinen Namen. Ob es mir hier in der Schmiede gefalle, fragte er weiter. Als ich das mit heftigem Kopfnicken bejahte, lud er mich ein, wieder zu ihm in die Schmiede zu kommen, wann immer ich dazu Lust hätte. Das tat ich dann auch. Immer wieder staunte ich, wie er aus einem geraden Eisenstab schöne gebogene Teile für die verschiedensten Zwecke formte. Seine Auftraggeber waren die Bauern oder Handwerker des Dorfes, die ein gebrochenes oder verschlissenes Teil oder Werkzeug nachmachen ließen.

Er stellte auch Hufeisen auf Vorrat her, für Pferde und für Kühe. Dass Pferde beschlagen wurden, wusste ich schon. Dass aber auch Kühe eiserne Schuhe bekamen, war mir neu. Das lag daran, dass es im Dorf nur wenige Pferde und nur einen Traktor gab, und dass die kleinen Bauern Kühe als Zugvieh einsetzten. Als Paarhufer bekamen sie andere Hufeisen als Pferde. Es waren nierenförmige flache Eisen, die vorne mit Nägeln und hinten mit einer umgebogenen Lasche an den Hufen der Tiere befestigt wurden. Für mich war es immer aufregend, beim Beschlagen der Tiere zuzusehen. Es wunderte mich sehr, dass die Tiere offenbar keinen Schmerz empfanden, wenn ihnen das heiße Eisen angepasst wurde, zischend stinkender Dampf aufstieg und Nägel in den Huf eingeschlagen wurden. Hatten die denn keine Schmerzen?

Als ich den Schmied einmal danach fragte er, lächelte er nur: „Die haben kein Gefühl im Huf. Hufe sind aus Horn wie auch ihre Hörner oder deine Fingernägel. Es tut ja auch nicht weh, wenn deine Mutter sie dir schneidet.“ Was das Letztere angeht, so hatte meine Mutter kaum Gelegenheit dazu, denn ich kaute in meiner Kindheit heftig an meinen Fingernägeln. Später, als sich unsere Maria mit der Tochter des Schmiedes befreundete, war ich oft in seinem Haus und in der Schmiede, wo man mir stets freundlich begegnete. Wichtig war auch, dass ich dort erfahren konnte, wie ein liebevoller Umgang in einer Familie aussah. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie uns für unwillkommene Eindringlinge hielt. Auch der Schmied hatte Vertriebene aufgenommen, an die ich aber keine Erinnerung mehr habe. Die abwertende Bemerkung „ungarische Zigeuner“ habe ich in der Familie des Schmieds nicht gehört. Auch das bei einigen im Dorf betont zur Schau gestellte Mitleid mit uns „armen Kindern“, das nicht weniger verletzend und demütigend war, kannten sie nicht.

Zigeuner

Echte „Zigeuner“ traf ich eines Tages in Rennertehausen nicht weit von der Mühle entfernt, unterhalb der Brücke über die Eder. Dort befand sich auf der Wiese eine Ansammlung von Wagen und Pferden, die einen Kreis auf einem Rasenplatz bildeten. In der Mitte brannte ein großes Feuer, um das vor allem Frauen und Kinder und ein paar ältere Männer gruppiert waren. Es waren viel Kinder jeglichen Alters, die herumrannten, aber auch zwei, drei Babys, die an der Brust ihrer jungen Mütter gestillt wurden. Ich betrachtete das Treiben fasziniert vom Brückengeländer aus. Das erregte die Aufmerksamkeit der Menschen in dem kleinen Lager, und sie riefen mich zu sich herunter. Ängstlich näherte ich mich, doch sie forderten mich auf, keine Angst zu haben und nur herbeizukommen. Dann war ich mitten unter ihnen. Sie fragten mich, wo ich herkäme. Vom Nachbardorf. Aber dort sei ich doch nicht geboren, meinte eine der älteren Frauen. Nein, ich sei in Ungarn geboren. Da freuten sie sich. Auch sie seien ursprünglich von dort. Schnell sprach es sich herum, dass hier ein „Landsmann“ von ihnen gekommen war. Das machte uns miteinander vertraut. Sie erzählten viel von sich, auch dass die Männer in den Dörfern der Umgebung Teppiche und andere Sachen zum Verkauf anboten und erst am Abend in das Lager zurückkämen. Dann luden sie mich ein, mit ihnen zu essen. Ich weiß nicht mehr, was es gab. Eine wohlschmeckende Delikatesse gäbe es heute leider nicht: im Feuer gebratene Igel. Das werde so zubereitet, sagt die ältere Frau, dass dem Igel die Eingeweide herausgenommen werden. Dann werde er gesalzen und gewürzt und völlig in Lehm verpackt. Diese Lehmkugel werde in der heißen Asche des Feuers gebraten. Wenn das Tier gar sei, werde die Verpackung vorsichtig aufgebrochen, wobei alle Stacheln im Lehm stecken blieben. Das Fleisch schmecke hervorragend. Nach dem Essen machten die älteren Männer Musik und alle übrigen tanzten und sangen eine Weile. Es war für mich ein sehr beeindruckendes Erlebnis. Nur zögernd verabschiedete ich mich mit dem Hinweis, dass ich jetzt nach Hause gehen müsse. Sie luden mich ein. Ich solle mit meiner Familie wiederkommen. Meine Eltern weigerten sich, und meine Mutter schimpfte mich aus. In Ungarn habe man sich erzählt, dass die Zigeuner28 auch „weiße Kinder“ stehlen und sie nach Amerika verkaufen. Ich solle ja nicht noch einmal hingehen. „Willst du vielleicht nach Amerika verkauft werden?“

Familie Weiß

Als ich zur Mittelschule ging, lernte ich eine Sinti-Familie kennen, die in unserem Nachbarstädtchen ein kleines Haus am Rande des Waldes bewohnte. Die Familie Weiß lebte dort mit zehn Kindern. Die Eltern waren Überlebende von Auschwitz. Der größte Teil ihrer Verwandtschaft war in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau vernichtet worden. Vater Weiß war ein Schrotthändler. Er fuhr über Land und sammelte Metallabfälle ein, die er an einen Großhändler weiterverkaufte. Ich kannte einen der Söhne und war gelegentlich in dem Haus. Dass Klassenkameraden von mir auch dort verkehrten, habe ich nicht gehört. Mit „Zijeinern“ wollten die Einheimischen nichts zu tun haben, die „klauten doch“ und man konnte sich leicht „Ungeziefer holen“. Die Weiß-Leute waren nette Menschen. Immer wenn ich da war, boten sie mir etwas zu essen und zu trinken an. Sie fragten mich, woher ich käme. Als sie hörten, dass ich aus Ungarn war, sprachen sie über ermordete Verwandte dort, aber auch, dass Ungarn „a so a scheenes Land“ sei. Sinti waren und sind in Ungarn nicht häufig. Heute leben dort überwiegend Roma.

Der Hof der Familie diente als Sammelplatz für Schrott. Wenn genügend beisammen war, fuhr ihn Herr Weiß zum Großhändler. Für mich und meinen Verwandten Lorenz K. war der Hof eine wahre Fundgrube. Wir fanden immer Kleinigkeiten, die wir gebrauchen konnten, und die Familie Weiß schenkte uns das großzügig. Fotos von ihren ermordeten Verwandten hatten sie damals nicht. Nichts war gerettet worden. Fotos ganz andere Art brachte Herr Weiß eines Tages mit nach Hause. Sie steckten in einem ein braunen Lederalbum. Er hatte es irgendwo beim Schrott gefunden. Zunächst zögerte er, es mir zu zeigen. Doch dann setzte er sich an den Tisch, rief mich hinzu und schlug das Album auf. Lauter Soldaten in schwarzen Uniformen waren auf den Bildern zu sehen. „Sieh dir das an Junge, die SS, waren doch scheene große Menschen, sahen so gut aus und haben so schlimme Verbrechen begangen. Und jetzt missen se sich verstecken.“

28 Damals war die Benutzung dieses Begriffs üblich. Die Namen Sinti und Roma kannte keiner von uns. Die Bezeichnung „Zigeuener“ wurde in Perbál nicht als diskriminierend empfunden. Wir sind ihm mit als Bestandteil unseres Dialekts aufgewachsen. Das waren halt Zigeuner, die zogen umher und stahlen. Man musste aufpassen, das war alles.

Unser Vater

Der Liebling seiner Mutter

Wie oben erwähnt, wurde unser Vater am 21. Juli 1917 in Perbál geboren. Dass seine Eltern arme Kleinbauern waren, habe ich schon gesagt. Er hat das Schicksal aller Kinder von Kleinbauern in Perbál geteilt: ein Leben in Armut mit harter Arbeit. Als Erstgeborener war er der Liebling seiner Mutter. Mir hat er einmal erzählt, dass er noch mit vier Jahren gestillt wurde.

Das musste in Konkurrenz zu seinem jüngeren Bruder geschehen sein. Dieser wurde 1920 geboren. Über sein Leben als Kind und als Jugendlicher hat unser Vater uns kaum etwas erzählt. Wir haben ihn leider auch nicht gefragt. Zu fremd war uns dieser Mann, den wir erst mit sechs bzw. sieben Jahren kennenlernten. Da er uns ausführlich über seinen Fress-Opa berichtet hat, war seine Bindung an diesen Mann wohl sehr ausgeprägt. Emotional am stärksten war er an seine Mutter gebunden, und sie auch an ihn. Das führte zu ständigen Konflikten in unserer Familie, weil er bei Streitigkeiten stets zu seiner Mutter hielt. Dadurch war unsere Mutter bei entstehenden Differenzen mit dieser Oma automatisch ins Unrecht gerückt. Mit sechs Jahren kam er, wie die anderen Kinder auch, in die Schule, die er mit 12 Jahren wieder verließ. Er war inzwischen ein kräftiger Junge geworden, der in der kleinen Landwirtschaft seiner Eltern mithelfen musste. Mit 14 ging er in den „Dienst“ zu einem größeren Bauern. Stolz erzählte er mir einmal, dass er schon in diesem Alter bei der Ernte als „erster Schnitter“ arbeitete. (Ob das zutrifft, kann man bezweifeln, obwohl er ein kräftiger Bursche war. Die älteren Schnitter hatten sicher eine längere Ausdauer.) Der erste Schnitter mähte vorneweg und gab das Tempo vor. Je nach Breite des Feldes folgten noch ein paar andere, sodass in einem Durchgang drei bis sechs Schnittbreiten Getreide abgemäht wurden. Das waren ungefähr drei bis sechs Meter. Später arbeitete er dann als Fuhrknecht bei einem Weinhändler. Diese Arbeit war noch schwerer als die in der Landwirtschaft, weil die schweren Weinfässer aufgeladen, transportiert und wieder abgeladen werden mussten. Bei einem Fass von 100 Litern Inhalt waren das etwa 120 Kilo Gewicht. Die größeren Fässer waren entsprechend schwerer. Die Weinlieferungen dieses Händlers reichten bis nach Raab (Györ). Es ist davon auszugehen, dass er schon als Jugendlicher bis dorthin gekommen ist. Györ liegt über 100 km nordwestlich von Perbál.

Levente und Soldat

Wie alle Jugendlichen in Ungarn musste unser Vater in die 1921 gegründete Jugendorganisation „Levnte“ eintreten. In ihr erhielten die Jugendlichen ab 16 Jahren eine vormilitärische Ausbildung. Mit 17 1/2 Jahren wurde er Rekrut. Am 1. Februar 1939 wurde er zur ungarischen Armee eingezogen. Über Kampfeinsätze hat er uns nicht viel erzählt. Ich erinnere mich nur an Folgendes: Unter schwerem Artilleriebeschuss der Russen musste seine Einheit einen Bahndamm erstürmen. Er habe so große Angst um sein Leben bekommen, dass er am anderen Tag die ersten weißen Haare bekommen hatte, mit 28 Jahren.

Unsere Mutter kannte er von klein auf. Als sie heiratsfähig geworden war, begann er, um sie zu werben. Sie sträubte sich lange, ihn zu heiraten, bis sie schließlich „musste“. Am Tag der Hochzeit (23. November 1940) war sie bereits im siebten Monat schwanger. Als schwangere Braut konnte sie kein weißes Brautkleid tragen. Das war für sie eine schwere Kränkung, die sie ihrem Mann wohl ihr Leben lang nicht vergeben hat. Im Winter 1940/41 kam unser Vater nach Perbál zurück. Dort war er bei der Geburt meines Bruders dabei (Januar 1941).

Er muss noch mindestens bis Mitte Mai 1941 in Perbál gewesen sein, denn ich kam neun Monate später zur Welt. 1942 war er auch noch in Perbál. Wie er uns sagte, zog ihn die deutsche Wehrmacht nach ihrem Einmarsch in Ungarn 1943 nicht ein, weil er nirgendwo mehr als Soldat erfasst war, weder bei den Ungarn noch bei den Deutschen. Angeblich musste er sich nicht mehr bei der ungarischen Armee zurückmelden, vielleicht, weil er Vater von zwei Kleinkindern war und schon zwei Brüder im Krieg verloren hatte. Somit war er der einzige lebende Sohn der Familie.


Vater auf dem Motorrad

Mitglied im Volksbund

Die Auslandsorganisationen der deutschen Minderheiten in Ländern, die die deutsche Wehrmacht überfallen hatte/sollte, wurden zu Beginn des Zweiten Weltkrieges dem Chef der SS, Heinrich Himmler, direkt unterstellt. Sie galten damit als Naziorganisationen. Von unserem Vater kann ich sagen, dass er kein Nazi war. Keine seiner Äußerungen, die ich jemals von ihm hörte, lässt darauf schließen. Aber er war Mitglied des Volksbundes der Deutschen in Ungarn. In Perbál war er sogar der Kassierer des Volksbundes. Die allgegenwärtigen Neider im Dorf warfen ihm vor, aus diesem Grund nicht an der Front zu sein. Uns sagte er, dass ihn „die Perbáler Weiber“, deren Männer im Krieg waren, bedrohten. Er musste also weg und flüchtete. Vielleicht hatte er Angst, dass sie ihn wirklich umbringen wollten.

Beim Einmarsch der Wehrmacht war im Haus seiner Eltern ein Offizier einquartiert gewesen, den mein Vater kannte. Als er aus Perbál verschwinden musste, sei er nach Budapest auf die Csepel-Insel zu dem Offizier gegangen, der dort in einem Stab war. Dieser habe ihn gefragt, was er wolle. Als er ihm sagte, er wolle sich zur Wehrmacht melden, habe der Offizier ihm gesagt, er solle sofort abhauen und sich nicht mehr blicken lassen. Wo ging er hin? Wieder zurück nach Perbál? Das ist unwahrscheinlich. Eventuell hielt er sich bei Verwandten in der Umgebung auf?

Wie er unserer Schwester Maria erzählte, schloss er sich im Sommer 1944 an eine deutsche Wehrmachtseinheit an und kam in deren Gefolge an den Plattensee. Dort verloren Hitlers Elitetruppen gerade eine Schlacht gegen die auf Budapest vorrückenden Sowjetsoldaten. Regulär gehörte er dieser Einheit nicht an, konnte sich dort aber Verpflegung holen. Geschlafen hat er in Scheunen, Schuppen oder Ställen. Mit dieser Einheit kam er zunächst nach Slowenien. Er habe dort keinen Schuss abgegeben. Ursprünglich habe er desertieren wollen, das sei ihm aber schließlich zu gefährlich gewesen. Über die Mur kam er nach Österreich und von dort nach München. Dort stellte er sich den Amerikanern und kam in amerikanische Gefangenschaft, ins Lazarett.

Mir hat er auch erzählt, dass er von Slowenien aus über die Mur nach Österreich gekommen sei. Dort habe er sich zusammen mit einem Kameraden ein Mittel (Kupferlösung?) in die Augen gerieben. Sie schwollen stark an und wurden rot. Die beiden seien dadurch in einen Lazarettzug aufgenommen und nach München gebracht worden, wo sie in amerikanische Gefangenschaft gerieten. Aus einem Lager schrieb er einen Brief an seine Mutter nach Ungarn. Sie wusste also, wo er war. Dass er an seine Mutter schrieb – und nicht an seine Frau – ist bezeichnend für ihn. Gehungert hat er bei den Amerikanern nicht. Drei Wochen lang bekam er, wie er sagte, nur „Kochkäse“ zu essen. Es könnte aber auch ein anderer Käse gewesen sein. Jedenfalls hat er seit dieser Zeit kaum noch Käse gegessen.

Koch bei den Amis

Nach einer gewissen Zeit im Lager, hatte er dort, wohl weil er kochen konnte, als Koch gearbeitet. Er wurde dann in ein Magazin der amerikanischen Armee versetzt: Materialausgabe für US-Soldaten. Dort „organisierte“ er zusammen mit zwei anderen alles Brauchbare, v. a. aber Ami-Zigaretten. Unsere Mutter holte diese Zigaretten in München ab, und der Kopp-Opa vertrieb sie in Berghofen und Umgebung, wohin es seine Familie verschlagen hatte. Mutter soll alle 14 Tage nach München gefahren sein. Auf diese Weise unterhielt er seine Familie, die inzwischen nach Nordhessen vertrieben worden war. In München lernte er die Zofe von Marlene Dietrich kennen und später auch diese selbst in ihrer Wohnung. Ob er ein Verhältnis mit einer der beiden hatte? Darüber sprach er nicht. Später oder zur gleichen Zeit hatte er ein Verhältnis mit einer anderen Frau, Name unbekannt. Mit ihr hatte er angeblich einen Sohn. Was aus ihm geworden ist, ist nicht bekannt. Unsere Mutter hat diese Frau bei ihren Fahrten nach München selbst kennengelernt. Sie wollte ihn zu seiner Familie zurückholen. Er wollte aber bei der Frau in München bleiben und nicht zu seiner Familie nach Berghofen kommen. Er hätte dadurch seinen Job im Magazin verloren, der offenbar sehr bequem und lukrativ war.

Von unserer Mutter und dem Kopp-Opa wurde er unter Druck gesetzt, zu seiner Familie zurückzukehren. Einmal ist er zu Besuch gekommen – wahrscheinlich Anfang 1947 – und wieder nach München zurückgefahren. Den Ausschlag, dass er im Spätherbst 1947 doch zu seiner Familie zurückkam, gab wohl ein Brief seiner Mutter: Sie drohte ihm darin an, „ins Wasser zu gehen“, wenn er bei der Frau in München bleibe.

Er kam mit dem Fahrrad

Er kam mit einem Fahrrad und einer ledernen schwarzen Aktentasche von Marburg aus zu uns. Bis Marburg/Lahn war er mit dem Zug gefahren. Vor uns Kindern stand ein hagerer fremder Mann mit einer Schirmmütze. Ich kann mich nicht daran erinnern, ob er uns in den Arm genommen oder wie er uns sonst begrüßt hat. Nur an diese Aktentasche erinnere ich mich. Sie enthielt neben Ami-Zigaretten ein „Staverl“: den bereits erwähnten lederbezogenen Rohrstock. Nach den oben erwähnten Spannungen mit den Hausleuten mussten wir bald ausziehen.

Aber wohin? „Niemand im Dorf wollte uns haben“, erzählte uns unsere Mutter. Da wir aber eine Unterkunft brauchten, eine Familie mit drei kleinen Kindern konnte ja nicht auf der Straße leben, wurden wir bei der Familie Arnold, Hausname Giebels (Giwwels), zwangseingewiesen.

Bei Familie Arnold

Geleitschutz

Ein Polizist aus der benachbarten Kleinstadt Battenberg soll uns (mit gezogener Pistole?) in die angewiesenen beiden Räume gebracht haben. Um Probleme zu vermeiden, war er mit dabei. Unser Vater ist in meiner Erinnerung bei diesem Umzug nicht vorhanden. Schrank, Bett und Tisch hat er vermutlich schon vorher dorthin geschafft. Möglicherweise musste er an dem Tag arbeiten, denn 1951 im Sommer hatte er schon einen Hilfsarbeiterjob als Handlanger auf dem Bau gefunden.

Es war die gute Stube der Bauern, in die wir zogen. Eine anschließende Kammer wurde das Kinderschlafzimmer. Eine Küche gab es für uns nicht. Vermutlich hat unsere Mutter auf einem Ofen im Wohnzimmer gekocht.

Der Umzug erfolgte nach der Erinnerung unserer Schwester so: Der Polizist ging vorneweg.

Maria folgte ihm an der Hand unserer Mutter. Sie durfte die Sturmlaterne tragen. Dann folgten mein Bruder und ich. Wir zogen den Handwagen mit unseren wenigen Habseligkeiten, einem Feldbett („Amibett“), das wohl der Vater auch mitgebracht hatte, und einem Kinderbett für die Kleine.

Unser Empfang bei Giebels war mehr als frostig. Für dreieinhalb Jahre wohnten wir zu fünft in den beiden Räumen: zwei Erwachsene, zwei heranwachsende Jungen und unsere kleine Schwester Maria. Um in unser Zimmer zu gelangen, mussten wir durch den Hausflur, zwei Holzstufen hinauf und dann nach rechts in unsere Wohnung. Das Ehepaar Arnold hatte zwei erwachsene Kinder, die Geschwister Otto und Frieda. In den ersten Wochen trauten wir uns kaum hinaus, aus Angst, jemandem von den „Hausleuten“ zu begegnen. Es kam anfangs aber nicht oft dazu, denn wir horchten an der Tür, ob nicht gerade jemand von ihnen im Hausflur war, und gingen nur hinaus, wenn wir nichts hörten. Trafen wir dennoch einen an, erschraken wir Jungen jedes Mal heftig und gingen ihm schnell aus dem Weg. Zumindest bei mir war es so. Meine Mutter hatte uns verboten, mit den Hausleuten zu reden oder gar etwas von ihnen anzunehmen. Sie war sehr beleidigt darüber, dass man sie und ihre Familie nicht wollte.

Die kleine Maria bricht das Eis

Anfangs sprachen wir und die Giebels nicht miteinander. Die kleine Maria, drei Jahre alt, hielt sich aber nicht an das Verbot. Sie brach schließlich das Eis. Ständig rannte sie hinter Otto und Frieda her, den erwachsenen Kindern der neuen Hausleute. Unsere Mutter versuchte immer wieder, sie zurückzuhalten, aber sie ließ sich nicht daran hindern. Sie rannte auch hinter der „Giwwelstante“29, Frau Arnold, her, sogar bis Backhaus in der Mitte des Dorfes. Maria wollte immer Gläser mit Marmelade von der „Giwwelstante“ haben. Ihr wurde gesagt, wenn ein Mann in gläsernen Stiefeln komme, der eine gläserne Leiter trage, dann dürfe sie zur Marmelade. Otto hatte unsere kleine Schwester offenbar sehr gern. Scherzhaft nannte er Maria „schoarzes Oos“ oder „schwoazer Deiwel“ (schwarzes Aas oder schwarzer Teufel). Darüber hat sie sich immer geärgert. „Ech sei kän schworzer Deiwel!“ („Ich bin kein schwarzer Teufel!“)

Sie ging neugierig und unbefangen auf unsere Vermieter zu und hatte durch ihre kindlich-freundliche Art bald das Herz der Frauen gewonnen. Sie war ja im Dorf geboren und damit sozusagen schon eine Einheimische. Das Eis zwischen uns begann schon nach einigen Wochen, etwas aufzutauen. Der Anlass war folgender:

Maria war verschwunden. und meine Mutter machte sich große Sorgen. Sie ging sie suchen. Von Nachbarn erfuhr sie, dass die Kleine mit der „Giwwelstante“, Frau Arnold, mit zum Backhaus gegangen war. Meine Mutter kam dorthin und traf die beiden an. Sie wollte ihr Kind sofort mitnehmen. Das Kind wollte aber nicht. Sie wehrte sich und schrie wie am Spieß.

Da sprach Frau Arnold meine Mutter an: „Lassen Sie das Kind doch hier, ich bringe sie ja heil wieder nach Hause.“ Das waren wohl die ersten Worte, die sie an meine Mutter gerichtet hatte. Meine Mutter gab nach und die Kleine durfte bleiben. Sie hatte einen besonderen Grund, nicht mit der Mutter zu gehen. Im Backhaus backten die Frauen nicht nur ihre Brote, sondern auch leckere Zucker- und Streuselkuchen, im Herbst auch Apfel- und Pflaumenkuchen. Ein weiterer Vorfall, den meine Schwester ausgelöst hatte, wirkte sich ebenfalls fördernd auf die Kommunikation aus: Im Dorf feierten die Ungarndeutschen „Kiridog“, ihr Kirmesfest. Maria hatte ihr neues Kleid mit Rotkäppchenmuster an, das ihr unsere Wiest-Großmutter aus diesem Anlass geschenkt hatte. Die Kleine war als Erste fertig angezogen für dieses Ereignis und wartete schon auf dem Hof auf uns andere. Dort stand auch der vollgetankte Jauchewagen der Hausleute. Maria sah ihn sich genauer an, entdeckte hinten an dem Tank eine Kette und zog daran. In einem hohen Schwall ergoss sich die stinkende Brühe über sie. Auf ihr lautes Geschrei hin liefen die Frauen auf dem Hof zusammen. Meine Mutter rannte unser „Trögl“ holen, in dem wir Kinder immer badeten. Die Giebelstante und die Frieda zogen das unglückliche Kind aus. Wasser wurde herbeigeschafft und die Kleine vom Kopf bis Fuß eingeseift und abgeschrubbt, abgetrocknet und neu eingekleidet. Ob sie hinterher nicht doch noch ein wenig gestunken hat, ist nicht bekannt. Sie konnte jedenfalls mit zum Kirchweihfest gehen. Selbstverständlich hatten die Frauen bei dieser Rettungsaktion auch mit einander gesprochen. Ich gehe übrigens davon aus, dass unser Vater von Anfang an mit den Hausleuten gesprochen hat.

Arbeitssame Leute waren wir

Ein Grund für die Verbesserung der Situation war auch, dass die Arnolds bald feststellten, dass wir keineswegs „Zigeuner“ waren, sondern arbeitsame Leute, deren Eltern in Ungarn eine ähnliche kleine Landwirtschaft gehabt hatten, sogar eine größere als sie hier. Meine Eltern waren mit all den hier anfallenden Arbeiten vertraut, und sie halfen den Vermietern bald aus, v. a. während der Ernte, bei der jede Hand gebraucht wurde. Mein Bruder und ich halfen ebenfalls mit. Eine Arbeit, die wir etwa einmal im Monat für unsere Mutter übernehmen mussten, war „Wäsche bleichen“. Wenn Mutter große Wäsche hatte, legten wir bei schönem Wetter Bettlaken, Bettbezüge und die Tischwäsche in Giebels Garten auf den Rasen und begossen sie mit Wasser aus einer Gießkanne. Das wiederholten wir einige Male. Dann wurden die Wäschestücke umgedreht und die Rückseite bleichte nun in der Sonne.

Wir durften uns auf dem Hof der Bauersleute einen Kaninchenstall bauen, und so verfolgte uns Jungen diese Arbeit auch in der neuen Wohnung. Unser „Peiniger vom Straßenrand“ wohnte nun sogar in unserer unmittelbaren Nähe

Wenn die Heidelbeeren reiften …

Wenn die Heidelbeeren reiften, mussten wir mit unserer Mutter und weiteren Frauen und Kindern in den Wald, um sie zu pflücken. Es war eine mühsame Arbeit, diese kleinen blauen Kugeln einzeln abzupflücken. Wir legten sie zunächst in ein Milchkännchen oder auch in eine Konservenbüchse, die wir mit einer Kordel um den Bauch gebunden hatten. War ein Gefäß voll, so schütteten wir es in einen Eimer, der bei der Mutter stand. Beim Pflücken konkurrierten mein Bruder und ich miteinander. Wir zeigten uns gegenseitig, was wir schon gepflückt hatten. Bei mir war der Boden schon bedeckt. Er hatte die Büchse fast zu einem Viertel gefüllt oder umgekehrt. So ging das den ganzen Tag über. Es half uns aber, die lange Zeit zu überstehen.

Schlimm war es, wenn einer stolperte und hinfiel. Der ganze Ertrag seiner Arbeit lag dann auf dem Boden, und er versuchte, die Beeren wieder in sein Gefäß zurückzubringen. Schlimm waren auch die Rinderbremsen und sonstigen Stechfliegen, die uns ständig in unsere nackten Beine stachen. Eine immerwährende Versuchung war es, die Beeren zu essen, statt sie in den Sammelbecher zu tun. Wenn unsere großen Eimer dann endlich voll waren, begann der lange Weg aus dem Wald ins Dorf zur Sammelstelle. Dort wartete schon ein Aufkäufer, der uns pro Kilo eine Mark bezahlte. Das bezahlte er aber nur für „einwandfreie Ware“. Waren zu viele Blätter zwischen den Beeren, gab es weniger Geld.

Waldhimbeeren sammelten wir zu dem gleichen Zweck. Die bei den Heidelbeeren auftauchenden Probleme wurden dabei noch vergrößert, weil wir uns an den stacheligen Himbeersträuchern die nackten Beine zerkratzten. Diese Beeren mussten noch sorgfältiger gepflückt werden als die Heidelbeeren, weil sie sehr leicht „zermatschten“ und dadurch unansehnlich wurden. Wenn wir Beeren aßen, erlebten wir häufig eine unangenehme Überraschung. War zuvor eine Blattwanze darüber gelaufen, so stanken und schmeckten sie ekelhaft, und wir spuckten die schönen Beeren wieder aus. Das wenige zusätzliche Geld, das wir durch Beeren sammeln verdienen konnten, gab unsere Mutter für Kleider und Schuhe für uns aus, denn wir wuchsen ständig aus den alten Sachen heraus.

Heuernte

Im Juni mähten unsere Hausleute ihre Wiesen. Das geschah mit einem „Mähbalken“, in dem ein Messer ständig hin und her lief und das Gras abmähte. Er war an einer Maschine angebracht, die von Kühen gezogen wurde. Otto saß auf einem Sitz zwischen den Rädern und hob und senkte den Balken mit einem Hebel. Das Gras blieb zum Trocknen in der Sonne liegen, bis es trocken war. Bei heißem Wetter wurde es mittels Rechen täglich gewendet, damit auch die Rückseite zu Heu trocknen konnte. Wenn das Heu fertig war, wurde es in lange Reihen zusammengerecht, die dann von den Männern mit Heugabeln auf einen Leiterwagen geladen wurden. Auf dem Wagen sorgte die Tochter Frieda dafür, dass es richtig verteilt wurde. Auch mein Bruder und ich halfen beim Wenden und auf dem Wagen. War ein Wagen voll, so wurde das Heu mit einem langen Rundholz, dem „Heubalken“, der längs über dem Wagen lag und hinten und vorne mit Seilen oder Ketten gespannt wurde, befestigt. Dann wurde das Heu in die Scheune auf dem Hof gefahren. Die Wege, die dabei gefahren werden mussten, waren mehrere Kilometer lang. Eine solche Fahrt dauerte jeweils über eine Stunde. Wir Kinder durften dabei oben auf dem Wagen mitfahren. Wir lagen auf dem Rücken in der Sonne, inmitten des duftenden Heus und atmeten die würzigen Sommergerüche tief ein. Für mich zählen diese Fahrten zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen an Berghofen. In der Scheune wurde das Heu vom Wagen direkt auf den Heuboden verladen. Das Auf- und Abladen war eine schwere Arbeit. Danach ging’s wieder zurück auf die Wiese, und die Arbeit begann von Neuem. Am Nachmittag fand eine kurze Erholungspause auf der Wiese statt. Zur Stärkung hatte die „Giwwelstante“ Kuchen und Pfefferminztee mitgebracht. Auch an diese Pausen erinnere ich mich gern zurück.

Otto, der Wagenlenker

Der Wagenlenker bei all den Fahrten auf die Felder und Wiesen war Otto, der Sohn der Hausleute. In der rechten Hand hielt er die Peitsche, die er nur sehr sparsam einsetzte, sozusagen nur zur Erinnerung, damit die Kühe beim Ziehen nicht einschliefen. Leicht ließ er das Seilende über den Rücken der Tiere streifen. Die Ahnung, dass er auch schmerzhaft zuschlagen könnte, beschleunigte für eine Weile ihren Schritt, bis sie wieder langsamer wurden. Dann wiederholt sich alles wieder. Otto dirigiert die Tiere meistens mit Sprache: „Oaar“ hieß links, „hott“ hieß rechts, „brrr“ anhalten, „hüüüh“, hieß „Los, los!“ War er zufrieden, klang seine Stimme versöhnlich, wenn er den Namen der Tiere aussprach: Sie hießen „Bless“, „Liese“ oder „Braune“. Gingen sie nicht so, wie sie sollten, schrie er „Schinnoos“, „Brauner Deivel“, „Deer weer ich hälfe“, dann schlug er nach ihnen. Er war jähzornig. Diese Wutanfälle waren sozusagen das ergänzende Verhalten zu seiner sonst überwiegenden Ruhe.

Giebels haben sich nie einen Traktor angeschafft, auch keinen Selbstbinder. Das Geld dazu fehlte immer. Auch an einen „Gummiwagen“ kann ich mich nicht erinnern, so wurden Wagen mit Gummi bereiften Rädern genannt. Giebels Wagen hatten Holzspeichenräder mit einem Stahlband drum herum. Die Lauffläche war im Sommer silbrig glänzend vom Gebrauch mit Kratzspuren überfahrener Steinchen. Der Seitenrand kontrastierte dazu rostig-schmutzig. In Berhofen gab es keine Ochsen, es gab nur junge Bullen, die bald geschlachtet oder verkauft wurden, und den Deckbullen, der für Nachwuchs sorgte. Die Kühe waren rechts und links der Wagendeichsel festgemacht. Sie zogen mit einem „Kummet“, das vor die Stirn der Tiere mit Riemen geschnallt wurde und an dem die Zugketten befestigt waren. Die Ketten liefen über eiserne Führungsringe, die an breiten ledernen Leibriemen an den Außenseiten der Tiere befestigt waren. Sie waren an jeweils einer „Runge“ befestigt, die ihrerseits mittels Ring und Öse an der „Waage“ festgemacht war. Sie wurde über einen starken Bolzen geschoben, der in eine Halterung am Ende der Deichsel eingelassen war. Er stellte die feste Verbindung zum Wagen dar. An ihm hingen die komplette Zugvorrichtung und damit das ganze Gewicht des Wagens.

Gelenkt wurden die Tiere mittels langer Lederriemen, der „Korschel“, die jeweils an der äußeren Seite des Kummets der Zugtiere befestigt waren. In den Händen des „Kutschers“ liefen die Riemen zusammen. Ein kurzer Ruck am rechten Riemen und die Tiere fuhren rechts heran oder bogen rechts ab. Ein Zug nach links und das Gleiche geschah in der umgekehrten Richtung. Wurden beide Riemen gezogen, fast immer verbunden mit einem lauten „brrrrrh“, blieben die Tiere stehen. War die Straße abfallend, mussten sie die Beine spreizen und sich gegen das Gewicht des nachschiebenden Wagens stemmen, um anzuhalten. Ging‘s zu steil abwärts, zog Otto die Bremsen des Wagens an und entlastete damit die Tiere. Die Bremse war ein mit Gummi beschlagener Holzkeil, der mittels einer Gewindestange auf die Lauffläche der Räder gepresst wurde. Dann entstand ein kratzendes, zuweilen quietschendes Schleifgeräusch. Je schwerer der Wagen beladen war, desto lauter und störender wurde es. Drehte er die Bremse wieder auf, rollte der Wagen leiser weiter.

Angespannt wurden in der Regel nur ältere, bewährte Kühe, die keine Kälber mehr bekamen. Sie zogen die Wagenfracht. Solange eine Kuh noch säugte, wurde sie im allgemeinen als Zugtier nicht benutzt. Nur in Ausnahmefällen, für leichtere Ladungen und wenn die Stammtiere einen schwereren zweiten Wagen zu ziehen hatten, wurde auch eine säugende Kuh mit angeschirrt. War das Kälbchen noch so jung, das es nicht allein im Stall zurückbleiben sollte, lief es während der Fahrt neben seiner Mutter her, munter und ausgelassen, ohne sein späteres Schicksal schon auch nur ahnen. Als die ersten Autos nach dem Krieg wieder auf den Landstraßen fuhren, wurde das Kälbchen hinten am Wagen mit einem Strick angebunden.

Auf der Asphaltstraße war das Fahrgeräusch kaum wahrnehmbar, ein leises Rollen nur, das vom regelmäßigen, leisen Aufklatschen der Hufe begleitet wurde. Diese Ruhe wurde von Ottos immer wiederkehrenden Befehlen an die Tiere unterbrochen: „Schnäller!“, „Schloof nit eeh!“, „Werds baole!“ („Schneller!“, „Schlaf nicht ein!“, „Wird’s bald!“). Auf den Feldwegen war es anders. Da rüttelten die Schlaglöcher den Wagen durcheinander, er rumpelte, rappelte und knarrte, dumpf und hell. Waren die Wege aufgeweicht, schmatzten die eisenbeschlagenen Reifen in dem weichen Lehm, schlürften und saugten sich durch den Matsch. Bei der Getreideernte im Juli waren die Feldwege trocken, dann lief der Wagen leichter.

Getreideernte

Das Getreide wurde geerntet, zunächst Hafer und Gerste und danach der Roggen. Weizen wurde in Berghofen kaum angebaut. Das Klima und der Boden waren nicht entsprechend. Während der langen Schulferien im Sommer halfen wir Kinder auch bei der Getreideernte mit. Das war eine unangenehme Tätigkeit. Otto schnitt mit seinem Mähbalken das Getreide ab, und die übrigen Helfer, Frauen und Kinder, mussten es aufnehmen und zu Garben zusammenbinden. Das geschah mittels gedrehten Strohs, das als Band diente. War eine Garbe fertig, wurde sie beiseitegelegt und die nächste kam dran. Ganz zum Schluss wurden die Garben zu „Hicheln“, in unserem Dialekt hießen sie „Manderl“, zusammengestellt. Eine Garbe wurde wie ein Dach auf jeden Hichel gesteckt. Es sollte das Wasser abhalten, falls unerwünschter Regen kam. Die Hichel blieben zum Nachtrocknen auf dem Feld und die Garben wurden später aufgeladen und in die Scheune gebracht, wo sie bis zum Dreschen lagerten. Dabei mussten die Bauern darauf achten, dass die Ähren nicht zu trocken waren, damit die Körner nicht vor dem Dreschen herausfielen.

Die Kartoffeln müssen raus

Ende Oktober begannen die Kartoffel- und Rübenernten, die sich bis weit in den November hineinzogen. Die Kartoffeln wurden mit dem „Roder“ aus dem Boden geackert und mittels eines sich drehenden Gabelrades mit langen gebogenen Zinken auf dem Acker verteilt. So lagen sie gut sichtbar auf einem Streifen von etwa einem Meter ausgebreitet. Frauen und Kinder lasen die Kartoffeln auf und legten sie in Körbe. Uns schmerzte dabei sehr schnell der Rücken. Waren die Körbe voll, wurden sie in bereitgelegte Säcke geschüttet. Die vollen Säcke standen in langen Reihen auf dem Acker, wurden mit Seilen zugebunden und mit dem Wagen abtransportiert.

Wenn der Wagen mit Kartoffeln oder Rüben voll beladen war, kamen die Zugtiere nur mühsam voran. Dann mussten die Mitfahrer abspringen und schieben helfen, auch wir Kinder. Gelegentlich blieb der Wagen auch ganz stecken. Dann wurden Männer und Frauen von den benachbarten Feldern zum Schieben dazu gerufen. Wenn auch das nicht half, spannten die Bauern weitere Zugtiere vor den Wagen. Waren keine in der Nähe, wurde ein Teil der Ladung unter Fluchen und Verwünschungen abgeladen. Dabei war es zumeist nasskalt, es nieselte oder regnete, die Klamotten waren verdreckt und durchweicht, die Schuhe hielten längst schon keine Wasser mehr ab. Die Füße „matschten“ in den Schuhen, und wenn wir sie am Abend endlich ausziehen konnten, waren unsere Füße eiskalt, weiß, runzelig und steif.

Der Rücken schmerzte, ächzend nur konnten wir uns aufrichten. Den ganzen Tag über, beim Kartoffellesen oder Rübenladen hatten wir Kinder schon über Kreuzschmerzen geklagt, nur um jedes Mal den Spruch der Erwachsenen zu hören: „Ehr hött doch noch goar käh Kräehz!“ oder wenn es unsere Leute waren: „Eeis hodds jo nauh goar ka Grääz!“ („Ihr habt ja noch gar kein Kreuz!“) „Unsere Leute“ waren unsere Familien und die Verwandtschaft – bei uns hieß es „di Freindschoft“ – oder generell die Vertriebenen aus Perbál und den benachbarten deutschen Dörfern in Ungarn.

Bei all dieser Plackerei hatte die Kartoffelernte auch ihre schönen Seiten. Da waren zum einen die Mahlzeiten, die wir auf dem Feld einnahmen. Dazu wurde Kartoffelkraut ausgebreitet und Säcke draufgelegt. Auf ihnen lagerten wir uns. Als die „Giwwelstante“ uns dann ein Stück Brot und Wurst zuteilte, das wir mit Genuss verzehrten, war das wie eine Erlösung. Manchmal gab es auch eine Suppe, die sie auf geheimnisvolle Weise warmgehalten hatte. Zum Trinken bekamen wir heißen Kräutertee aus der Thermosflasche, der mitunter mit Honig gesüßt war.

Sehr schön war es auch, wenn nach der Ernte das Kartoffelkraut zu Haufen zusammengerecht und angezündet wurde. Noch heute sehe ich die brennenden Kartoffelfeuer vor mir und rieche diesen einmaligen, herben Duft. Waren die Feuer herabgebrannt, rösteten wir in der Glut unter der Asche Kartoffeln, die wir noch auf dem Feld gefunden hatten. Sie schmeckten wunderbar, auch wenn Asche und verbrannte Erde daran hafteten. Nicht selten haben wir uns die Lippen und den Gaumen verbrannt, weil wir es gar nicht abwarten konnten, die heißen, duftenden Leckerbissen zu verschlingen.

Dämpfkolonne

Eine große Kartoffelaktion fand im Dezember statt, wenn die Knollen unter heißem Dampf gegart und für die Silage vorbereitet wurden. Dazu kam die „Dämpfkolonne“. Zu ihr gehörten ein großer beheizbarer Dampfkessel mit einem Schornstein und bis zu sechs verschließbare große Kessel, die mit Kartoffeln gefüllt wurden. Waren alle Kessel vollgefüllt, wurde ein verschließbarer Deckel daraufgeschraubt. Ein dicker Schlauch verband die einzelnen Kessel mit dem Dampfkessel. Sie wurden dann unter heißen Dampf gesetzt, um die Kartoffeln zu garen. Um einen Überdruck zu vermeiden, waren Ventile an den Kesseln, aus denen gelegentlich zischend heißer Dampf entwich.

Nach etwa einer halben Stunde waren die Kartoffeln gar, und der Dampf wurde unter lautem Zischen vorsichtig aus den Kesseln abgelassen. Danach wurden die Deckel abgenommen und die Kessel wurden ins Silo gebracht. Der Transport dieser etwa zehn Zentner schweren Kessel erfolgte auf einem speziell dafür konstruierten Gefährt, das nur aus großen Eisenrädern und stabilen eisernen Halterungen bestand, die unter dicke Bolzen an der Seite der Kessel angesetzt wurden. Eine lange Führungsdeichsel, die von zwei Männern bedient wurde, hatte eine so große Hebelwirkung, dass die Kessel angehoben, ins Silo gefahren und dort ausgekippt werden konnten. Manches Mal funktionierte das aber nicht so reibungslos und der Kessel knallte auf den Boden, wobei die obere Kartoffelschicht herausgeworfen wurde. Manchmal kippte aber auch der gesamte Kessel beim Anheben um, und ein Berg heißer Kartoffeln lag auf der Straße. Sie wurden mit Schaufeln auf Schubkarren geladen und ins Silo gekippt.

Das war der Augenblick für uns Kinder. Wir fischten uns eine Kartoffel, schälten sie und aßen sie auf, leider – wieder – oft zu gierig, sodass wir uns Mund, Schlund und Magen verbrannten. Bald hatten wir aber begriffen, dass wir erst heftig blasen mussten, um eine erträgliche Temperatur zu erreichen. Aus Schaden wird man eben klug. Die Kolonne stand häufig zwischen zwei Bauernhöfen auf der Straße und beide Bauern dämpften an einem Tag. Das bedeutete für uns eine lange Zeit mit heißen Kartoffeln, die uns bei Frost auch zum Wärmen der Hände dienten. Die Kartoffeln im Silo wurden mit einer Plane abgedeckt, darauf folgte bald eine dicke Schicht Erde. Unter dieser Abdeckung fingen die Kartoffeln an zu gären und wurden dadurch haltbar. Im Winter stachen die Bauern mit einem Spaten diese Silokartoffeln ab und verwendeten sie als Schweinefutter.

Im Dorf gab’s nur eine Dreschmaschine

Im Dorf gab es eine Dreschmaschine, die vermutlich der Raiffeisen-Genossenschaft gehörte. Die Bauern mieteten diese Maschine. Sie wurde nach einem vorher festgelegten Plan auf die Bauernhöfe gebracht und dort aufgestellt. Die Dreschmaschine wurde mit Starkstrom betrieben. Die Kraftübertragung erfolgte mittels Transmissionsriemen. Sie wurde von oben mit den Getreidegarben beschickt und warf auf der Vorderseite schwere Strohbündel aus, während hinten in angeklemmten Jutesäcken die Getreidekörner aufgefangen wurden. War ein Sack voll, wurde der Auslauf mit einem Schieber geschlossen und ein neuer Sack angeklemmt. Es hingen immer drei oder vier Säcke gleichzeitig an der Maschine.

Ein voller Sack wurde auf einen Aufzug gestellt und damit so hochgezogen, dass die Träger ihn leichter schultern konnten. Für die Sackträger war das eine schwere Arbeit. Sie nahmen den offenen Sack auf den Rücken, trugen ihn drei Treppen hoch bis zum Getreideboden unter dem Dach des Wohnhauses, kippten ihn dort aus und gingen wieder zur Maschine, um den nächsten zu holen. Diese Arbeit leisteten sie stundenlang. Als ich erstmals Säcke auf den Speicher trug, war ich fünfzehn Jahre alt. Wir wohnten zu dieser Zeit nicht mehr bei Giebels, halfen aber dennoch bei der Ernte mit. Dafür erhielten wir einen halben oder ganzen Sack Getreide,

Das Dreschen war für die Familien im Dorf eine freudige Angelegenheit, wurde dabei doch ein Teil des Ertrages ihrer Jahresarbeit offenbar. Damit man die Maschine nicht zu lange mieten musste, halfen auch Verwandte und Nachbarn beim Dreschen mit. Die Frauen kochten zu Mittag einen kräftigen Eintopf und die Männer bekamen einen Schnaps – manchmal auch zwei. Wenn abends die Maschine weggebracht und Hof und Scheune aufgeräumt waren, gab es noch ein gutes Abendessen, ein Bier und einen Schnaps. Man blieb noch eine Weile beisammen und erzählte sich vom Verlauf des Tages. Dabei wurde auch gelacht.

Gab es neben dem Getreide noch andere Körnerfrüchte zu dreschen, wie Hirse und Linsen, so wurden getrockneten Pflanzen mit ihren Früchten auf dem Boden der Scheune ausgelegt und mit Dreschflegeln gedroschen. Die Flegel bestanden aus einem Stiel, an dessen oberen Ende mit einem Lederband ein flaches Holz von etwa 60 cm Länge angebracht war, dem Schlegel. Mit ihm schlugen drei Männer auf die trockenen Pflanzen auf dem Boden ein uns lösten so die Körner aus ihrer Umhüllung. Für mich war es faszinierend anzusehen, wie die Männer diese Arbeit in stets gleichbleibendem Takt erledigten.

Otto, der Imker

Noch interessanter aber war die Imkerei, die Otto betrieb. Er hatte ca. zwölf Bienenstöcke, die in einem Schuppen im Garten aufgestellt waren. Otto erklärte uns, dass die verschiedenen Farben den Bienen die Orientierung gaben, immer zu ihrem Volk zurückzufinden. Er zeigte uns auch, wie sich die Bienen mit Tänzen gegenseitig informierten, wenn sie mit kleinen Klümpchen Pollen an den Hinterbeinen von der Nahrungssuche zurückkehrten. Wir konnten zusehen, wie der Imker im Frühjahr vorgefertigte Rähmchen mit Waben in die Kästen hängte, die er im Herbst voll mit Honig wieder herausnahm. Otto entfernte zunächst die kleinen Wachsdeckel von den Waben. Danach spannte er die Rahmen in eine Zentrifuge. Zunächst vorsichtig und dann immer schneller schleudert er die Rahmen, sodass der Honig aus den Waben herauslief und sich in einem Gefäß sammelte. Danach wurde dieses flüssige Gold in Gläser mit Deckeln umgefüllt und verschlossen. Die Rahmen mit den Waben wurden danach wieder in die Bienenkästen eingehängt. Im Winter erhielten die Bienen Zuckerwasser als Nahrung.

Wir staunten sehr, dass Otto diese Arbeiten ganz ohne Schutz durchführte, wussten wir doch, wie weh Bienenstiche taten. Er erklärte uns aber, dass die Bienen nicht stechen, solange man sie nicht reizt. Bei manchen Gelegenheiten zog er sich doch einen großen Hut mit Netz über und rauchte eine große qualmende Pfeife aus Blech. Das geschah meistens, wenn eine neue Königin herangewachsen war und ein Volk sich teilte. Die kleinere Hälfte der Bienen eines Stockes folgte der ausfliegenden jungen Königin, die sich auf einem Ast niederließ, wo sie von den sie umschwärmenden Drohnen befruchtet wurde. Um diese neue Königin sammelten sich die mit ihr ausgeschwärmten Arbeitsbienen.

So entstand ein neues Bienenvolk. Der Imker wusste schon bald, wann ein Volk geschwärmt war. Er zog sich dann die erwähnte Schutzkleidung an, hielt einen Behälter unter das neue Volk, das wie ein großer summender Klumpen von dem Ast herunterhing, und schüttelte es dort hinein. Danach wurde es in einen vorbereiteten neuen Bienenkasten getan, der seinen Platz neben oder auf dem schon vorhandenen fand.

Wie die Arnolds lebten

Die Familie Arnolds hatte es mit ihrer kleinbäuerlichen Existenz nicht leicht. Sparsamkeit gehörte zu ihren obersten Grundsätzen und auch die Einstellung, dass jedes Familienmitglied etwas zum Unterhalt beitragen musste. Dies war umso wichtiger, als Herr Arnold, „Giwwels Unkel“, im Krieg einen Kehlkopfdurchschuss erhalten hatte und nicht mehr voll arbeitsfähig war. Man hatte ihm zwar eine neue Speiseröhre eingesetzt, aber er hatte große Schwierigkeiten beim Schlucken. Die Geräusche, die er dabei machte, waren für uns anfangs sehr befremdlich. Später gewöhnten wir uns daran. Weil er ein gutmeinender Mensch war und uns Kinder gern hatte, fühlten wir uns auch zu ihm hingezogen.

Die Lebensweise der Familie war sehr nüchtern und karg. Ihr protestantischer Glaube trug, wie ich vermute, zusätzlich dazu bei, dass größere Lebensfreude nicht aufkam. Frau Arnold führte ihren Haushalt mit größter Sparsamkeit. Jede Verschwendung war ihr ein Graus. Das Essen war einfach. Fleisch gab es meistens nur am Sonntag. Im Frühjahr und im Herbst schlachteten sie ein Schwein. Das Fleisch wurde zum großen Teil zu Dauerwurst verarbeitet, eingemacht oder geräuchert. Mit diesen Vorräten wurde ihr Fleischbedarf im Wesentlichen gedeckt. Daneben schlachteten sie auch einige ältere Hühner und junge Hähne. Die Legehennen sorgten für Eier.

Ich erinnere mich gut, dass die Hausfrau zu ihren Gemüse- und Kartoffelsuppen manches Mal ein Stückchen Dauerwurst „röre Worscht“ (rote Wurst) als Fleischbeilage gab. Die Hausherrin backte alle 14 Tage bis drei Wochen zehn bis fünfzehn Laibe Roggenbrot. Sie wurden im gemeindeeigenen Backhaus gebacken und auf Brettern in der Speisekammer gelagert. Auf einem flachen Raum über dem Backofen trockneten die Bauern im Herbst auf Blechen Apfel- und Birnenschnitzel und Zwetschen. Sie waren für uns Kinder, die leicht in diesen flachen Raum gelangen konnten, eine ständige Versuchung. Frau Arnold machte auch eigenen Handkäse aus Quark, den sie aus der Milch ihrer Kühe gewann. Er wurde in der Speisekammer ebenfalls auf Brettern gelagert, bis er „durch“ war. Das dauerte etwa drei Wochen. Oft kam dieser Käse aber schon früher auf den Tisch. Er war dann in der Mitte noch weiß und krümelig. So mochte ich ihn nicht, wenn er aber „reif“ war, aß ich ihn gern.

Alles Gemüse, das Obst und die Kartoffeln stammten aus eigener Produktion, auch die Eier. Das Mehl bekam man aus dem Roggen, der in der Mühle in Rennertehausen gemahlen wurde. Die groben Teile, den Schrot, benutzte man als Schweinefutter. Für den Kuchen erhielten sie vom Müller im Tausch Weizenmehl. Aus dem Laden holte sich die Bauern damals nur die Sachen, die sie nicht selbst erzeugen konnten, wie Salz, Zucker, Zimt, Rosinen, Pfeffer, Öl, Schnittkäse etc. Auf dieser Weise lebten die meisten Kleinbauern in dem Ort. Frische Wurst oder Käse wurden nicht gekauft Auch in unserer Familie war das zum großen Teil so. Geld war bei ihnen wie bei uns immer knapp.

Frau Arnold hatte ein Spinnrad und spann damit Schafwolle zu Garn. Sie strickte daraus selbst wollene Leibchen, Strümpfe und Handschuhe. Die Tochter Frieda beteiligte sich daran. Im Winter trafen sich die heiratsfähigen Mädchen und junge Frauen zur „Spinnstube“. Ich berichte davon in anderen Zusammenhang. Otto betrieb neben seiner Imkerei auch noch einen Fahrradhandel. Er verkaufte Räder der Marke „Panther“ und brachte auf diese Weise ein wenig Geld ins Haus. Bei der üblichen Produktionsweise der Kleinbauern, überwiegend Selbstversorgungswirtschaft, war der Geldmangel ein ständiger Begleiter des Lebens.

Die „Giwwelstante“ erzählte uns Kindern Geschichten, die mit Magie, „bösem Blick“ und Gespenstern zu tun hatten. Sie versetzte uns Kinder in Unruhe. An die Möglichkeit, dass bestimmte Menschen die Fähigkeit hatten, anderen aus der Entfernung Schaden zuzufügen, glaubte sie fest. So habe ein böser Bauer (Hexer) eine Speiche eines seiner Wagenräder mit einer Axt durchgehauen, und im selben Moment habe sich ein Mann, dem er schaden wollte, das Bein gebrochen. Eine böse Frau habe durch einen Zauberspruch eine ihrer Kühe verhext, die danach keine Milch mehr gab – oder nur noch verdorbene Milch. Da sie gerade ein Kälbchen hatte, musste dieses mit der Flasche aufgezogen werden. Eine schwangere Frau habe eine Nachbarin durch den „bösen Blick“ so erschreckt, dass diese ihr Kind verloren habe. Eine andere, die gern ein Kind wollte, sei durch einen bösen Blick unfruchtbar geworden. Durch den Blick einer bösen Frau können Krankheiten ausgelöst werden etc … Diese Geschichten erschreckten uns Kinder zwar, aber nicht allzu sehr, da sie sich nicht auf uns bezogen.

Die weiße Frau und der Wirrwahn

Anders war das aber mit der „Weißen Frau“, die sich beim Mondschein um Mitternacht im Hohlweg nicht weit von Giebels Haus herumtreibe und alle, die vorbeikamen, in Angst und Schrecken versetze. Wir empfanden ein heftiges Gruseln, als wir uns in der nächsten Vollmondnacht dem Hohlweg näherten, der tagsüber unser beliebter Spielplatz war. Angestrengt spähten wir den Weg hinauf. Je länger wir das taten, desto deutlicher sahen wir die Weiße Frau, die wie ein Schemen durch die Luft schwebte, verschwand und wieder auftauchte, solange, wie wir nicht aufhörten, dorthin zu starren. Schließlich drehten wir uns um und sahen in die andere Richtung. Der Spuk war vorbei. Er tauchte auch nicht wieder auf, als wir noch einmal in den Hohlweg zurückblickten. Also gingen wir nach Hause. Eine gewisse Angst vor diesem Gespenst verfolgte uns aber in den hellen Nächten noch lange.

Die Roggenmuhme, die faule und liederliche junge Leute, die sich in den Kornfeldern liebten, tötet, gehörte ebenfalls zum Instrumentarium des Schreckens der guten „Tante“. Am größten war die Angst, die uns die Geschichtenerzählerin mit ihrem Bericht vom „Mann unter der Kellertreppe“ einflößte. In einem Haus im Nachbardorf habe sich ein Mann unter einer Kellertreppe versteckt, eine junge Frau, die in dem Keller ging, überfallen und ihr „Schaden angetan“. Danach habe er ihr die Kehle durchgeschnitten und sei verschwunden. Man müsse davon ausgehen, dass sich der Mörder immer noch in der Gegend herumtreibe und sich andere Opfer suche. Damit hatte mir die gute Frau eine große Angst vor dunklen Kellertreppen eingejagt. Vermutlich hat sie uns das erzählt, damit wir nicht ohne Erlaubnis in ihrem Keller herumtrieben, wo ein Teil ihrer Vorräte lagerte. Noch Jahre danach hatte ich ein klammes Gefühl, wenn ich in unseren Keller gehen musste, um etwas zu holen. Mein lieber Bruder wusste um diese Angst und hat mich später fast zu Tode erschreckt. Heute kann ich mir gut vorstellen, dass die „Giwwelstante“ mit dem Mann unter der Kellertreppe verhindern wollte, dass wir uns unbefugt in ihrem Keller herumtrieben und dort eventuell etwas klauten.

Eine weitere Schreckensgestalt unserer Kinderjahre war der „Wirrwahn“. Er habe in unserer Gegend schon einige Morde begangen und halte sich immer noch dort versteckt. Er verberge sich in Höhlen, Feldscheunen aber auch in Schäferkarren. Ein solcher stand immer in der Nähe unseres Dorfes und diente dem Schäfer als Unterkunft. Wir Kinder trieben uns häufig am Waldrand herum und beobachteten misstrauisch den Schäferkarren. Der „Wirrwahn“ ließ sich nicht blicken. Wenn aber am Horizont, nur undeutlich sichtbar, ein Mann vorbeiging, dann war uns klar, das musste der Mörder sein. Wir rannten nach Hause und erzählten, was wir gesehen hatten. Aber die Erwachsenen schienen sich für unsere Kriminalgeschichten nicht zu interessieren. Nur einer machte eine Ausnahme, Otto. Er hatte für Kriminalgeschichten sehr viel übrig. Regelmäßig las er „Tom Brox“- und „Jerry Cotton“-Hefte. In langen Reihen lagerten sie in seinem Zimmer. Vielleicht ist er wegen dieser Leidenschaft Junggeselle geblieben, wer weiß? Wenn wir bei ihm waren, erzählte er uns von den Abenteuern seiner Helden und freute sich, wenn sie wieder einen Bösewicht erledigt hatten. Es war ihm, als hätte er selbst deren Taten vollbracht und ihre Abenteuer erlebt.

29 Alle erwachsenen Frauen wurden von Kindern als Tante angesprochen, die Männer als Onkel (Unkel).

Wir bauen ein Haus

Ungarersiedlung

Nachdem Vater nach Berghofen gekommen war, hat er mit anderen Männern im Wald gearbeitet. Ab 1948 fand er Arbeit als Hilfsarbeiter bei einem Maurer in Allendorf. Später dann, vermutlich ab 1951, arbeitete er auf dem „Auhammer“, einer Eisengießerei, etwa sieben Kilometer von Berghofen entfernt. Bis Mitte/Ende der Fünfzigerjahre fuhr er mit dem Fahrrad zur Arbeit, danach mit einem Moped. Alle anderen vertriebenen Männer waren immer vor dem Vater da, sagte die Mutter. Er habe immer die schlechteste Arbeit und den schlechtesten Lohn bekommen. Das hat sie ihm ein Leben lang vorgehalten. Dennoch bauten sich unsere Eltern 1954/55 in Berghofen ihr erstes eigenes Haus und konnten 1955 dort einziehen.

Fünf andere Familien aus Perbál hatten vor uns schon ihr Haus in der „Ungarer-Siedlung“ gebaut. Der ältere Bruder meiner Mutter, Hans, hatte sogar schon vor 1952 ein kleines Haus gebaut, auf einem kleinen Eckgrundstück neben der Dreschhalle. Ein Bauplatz in der Siedlung war noch frei, der letzte in der Marburger Straße, am äußersten Rand des Dorfes, der wurde unserer. Dort bauten wir 1954/55 unser Haus. Wir haben unseren Bauplatz für 50 Pfg. pro m2 bekommen. Aus dem Lastenausgleich haben wir etwa 12000 D-Mark erhalten und dazu noch ein Landesbaudarlehen etwa in der gleichen Höhe aufgenommen. Beim Hausbau halfen alle Männer zusammen, die Verwandten und teilweise auch die Nachbarn. Nur ihre Eigenleistungen und die „Nachbarschaftshilfe“ machten es möglich, dass die ungarndeutschen Familien schon gut fünf Jahre nach ihrer Vertreibung mit ihren geringen Mitteln anfangen konnten, eigene Häuser zu bauen. Es war selbstverständlich, dass wir Kinder beim Bauen helfen mussten. Ich hatte dabei einen schlechten Start. Als sich die Familie und die Nachbarn zum ersten Spatenstich zusammenfanden, war ich nicht dabei. Ich hatte mich unten am Fluss, der Eder, herumgetrieben und verpasste die kleine Zeremonie. Als ich endlich auftauchte, war schon alles vorbei. Vorwurfsvoll sahen mich die anderen an. Ich weiß nicht mehr was geredet wurde, vielleicht folgendes: „Jetzt machen wir den ersten Spatenstich und der Bankert treibt sich in der Gegend herum, schämen solltest du dich.“ Ich schämte mich.

Nur einer wurde anfangs bei unserem Bau bezahlt: Schlotter Hans. Er war der Maurer beim Bau unseres ersten Hauses, ein Bekannter meines Vaters, der auch aus Perbál vertrieben worden war. Ein gelernter Maurer war er, aber unsere Mutter beobachtete ihn mit Argwohn, weil er gern einen trank. Das tat er, aber nicht bei der Arbeit. Alle zwei Stunden eine Flasche Bier, mehr nicht. Er war ein guter und schneller Arbeiter, der sein Handwerk verstand.

„Handlanger, Speis!“

Neben meinem Vater oder einem anderen Helfer war ich sein Handlanger, d. h. ich musste ihm Material, das er brauchte, herbeischaffen. Die großen Hohlblocksteine waren mir zu schwer, ich war zwölf Jahre alt, aber beim Mörtel anrühren konnte ich schon helfen: Sieben Schaufeln Sand, eine Schaufel Kalk, eine Schaufel Zement, gut vermischen, dann Wasser dazu und so lange umschaufeln, bis der Mörtel, die Speis, schön geschmeidig war. Dann kam von oben auch schon der Ruf: „Handlanger, Speis!“ Der Mörtel wurde in einen „Vogel“ gefüllt, einen etwa 50 cm langen, eckigen Behälter aus Blech, der auf der Schulter die Leiter hochgetragen und in den Maurerkübel gekippt wurde. Wenn ich dran war, wurde der Vogel nur halb gefüllt. Ihn auf die Schulter zu heben, half mir ein Erwachsener, aber nach oben tragen musste ich ihn selbst. Mann, war der schwer. Der Maurer Hans stand oben und grinste wohlwollend, und wie zur Ermunterung rief er wieder: „Handlanger, Speis!“ Mit weichen Knien kämpfte ich mich von Stufe zu Stufe nach oben. „Hört denn diese elendige Leiter nie auf?“ Doch dann: Geschafft! Hans nahm mir den Vogel von der Schulter und leerte ihn in seinen Maurerkübel. Vielleicht wollte er verhindern, dass ich die wertvolle Speis vor lauter Schwäche auf die Gerüstbretter kippte. Zum Hans durften wir Kinder Du sagen. Er legte keinen Wert auf die sonst übliche Anrede für Erwachsene: „Ihr“ (Eijs). Als ich ihm den ersten (halben) Vogel mühsam, aber sicher nach oben gebracht hatte, lobte er mich. Das machte mich stolz. Dann bot er mir sogar einen Schluck Bier aus seiner Flasche an. Den lehnte ich aber ab. Bier schmeckte mir nicht, es war mir zu bitter. Die „Vogelei“ ging so weiter. Nach einer Woche war es mir schon leichter, obwohl ich einen ziemlichen Muskelkater in den Beinen hatte.

Schlotter Hans

In den Pausen saßen wir zusammen, und Hans erzählte Geschichten aus seinem Leben. Viele davon hatten mit „Weibern“ zu tun. Der Ausdruck war nicht pejorativ gemeint. Das Wort „Frau“ wurde in unserem Dialekt nur zur Bezeichnung einer „Dame“ benutzt. Unsere Männer hatten Weiber (Wäwe). Mit einer sei er einmal im hohen Gras auf einer Wiese gewesen, ihr wisst schon, zwinkerte er seinen Helfern zu. Ja, und dann sei das Malheur passiert. Wie sie gerade schön herzig miteinander wurden, habe das Madel angefangen, zu schreien und wild um sich zu schlagen. „Ja, was ist denn passiert, um Gottes Willen?“ „Siehst du‘s denn nicht?“ „Dann sah ich‘s. Von oben bis unten waren auf ihrer nackten Haut lauter kleine rote Ameisen. Ihr kennt sie, ihre Bisse brennen höllisch.“ Mit solchen und ähnlichen Geschichten unterhielt er uns in den Pausen. Dass da ein Zwölfjähriger dabei war, genierte ihn nicht. Einmal sagte er – gespielt traurig – am Ende einer solchen Pause. „Ja, ja, die Pfaffen haben es gut.“ Stille, wir sahen ihn gespannt an. „Ja, ja, die Pfaffen haben es gut.“ Stille. „Warum denn, Hans?“, fragte ich ungeduldig. „Die Pfaffen haben alle sechs Monate eine neue Haushälterin, und ich muss immer in die gleiche Tasche stecken.“ Der zweite Erwachsene nickte zustimmend. Ich verstand zwar in etwa schon, worum es ging, aber so richtig verstanden habe ich ihn damals noch nicht. Der Hans wurde keiner von meinen größeren Helden, aber ich fand ihn sehr gut. Mich Zwölfjährigen nahm er ernst und behandelte mich nicht wie ein Kind. Die Art, wie er mit mir umging, machte es, dass ich ihn sehr gern hatte. Er war so ganz anders als unser Vater, fröhlich und umgänglich, nicht so streng und distanziert. Einen Vater wie ihn wünschte ich mir. Die Frage, ob er zu Hause bei seiner Frau und seiner Tochter genau so war, habe ich mir damals nicht gestellt. Später erhielten die Zimmerleute, der Dachdecker und die Installateure ihre Aufträge Fenster mussten wir natürlich kaufen. Als Bauherr war unser Vater schlauer als die anderen. Er legte schon eine Drainage unter das Fundament und befestigte die Dachziegel mit Drahtklammern. Später zahlte sich das aus. Bei dem Hurrikan 1957 flogen bei den anderen die halben Dächer weg. Bei uns nur einige Ziegel.

Obwohl unsere Mutter ihn im Vergleich mit den anderen Männern ständig als Nachzügler kritisierte, hat er seine Familie ernährt und zwei Häuser in Deutschland gebaut. Darauf war er zu Recht stolz. Von den schlesischen Flüchtlingen im Dorf hat damals keiner ein Haus gebaut.


Der stolze Haubesitzer, etwa 1965

Wein und Schnaps

In beiden Häusern, die er in Deutschland baute, hatte unser Vater im Keller einen Platz, wo er Wein machte und Schnaps brannte. Im Grunde konnte er aus allen Früchten Wein zubereiten, sogar aus Getreide. In einem großen Tonbottich setzte er eine Maische an. Sie wurde mit einer Weinpresse abgepresst und als Most in große bauchige Flaschen gefüllt. Der Gummistopfen darauf hatte ein Loch, in dem ein entsprechend gebogenes Glasröhrchen mit einer Erweiterung steckte, die mit Wasser gefüllt war. Es war für mich immer faszinierend zu sehen, wie das Gärgas in Blasen nach oben stieg und in dem Röhrchen ein leises „Plopp“ erzeugte. Nach dem Ende der Gärung wurde der fertige Wein von den Rückständen genommen und in saubere Flaschen umgefüllt. Mir hat sein Wein nicht geschmeckt. Die vergorene Maische wurde gebraucht. Schnaps- und Weinmachen war ihm eine befriedigende Tätigkeit, die ihn eine Zeitlang in seine verlorene Heimat entführte. Er beherrschte eine Reihe von Tätigkeiten, die der Familie zugutekamen. Im Grunde konnte er alle Reparaturen im Haus selbst erledigen, und er war ein geübter Gärtner und Landwirt.

Schuster

Sehr gern sah ich meinem Vater zu, wenn er unsere Schuhsohlen and Absätze erneuerte und Schuheisen daran befestigte. Er saß in einer Ecke des Zimmers auf einem Schemel hatte eine grobe Schürze um und auf den Knien einen Dreifuß, auf den die Schuhe aufgezogen wurden. Mit einem speziellen Messer schnitt er Sohlen aus dickem Rindleder und Absätze aus Gummi zu, raspelte feilte und bog sie so zurecht, dass sie auf den Schuh passten. Dann durchbohrte er die Sohlen mit einem Stichel und klebte sie auf den Schuh, ebenso die Absätze. Danach wurde der Schuh in eine Presse eingespannt, bis der Kleber trocken war. In die Durchbohrungen der Sohle klopfte er kleine Holznägel. Die Überstände brach er ab und feilte alles schön eben. Zum Schluss wurden auf den Absatz und auf die Schuhspitze je ein Eisen angebracht und die neue Sohle wurde mit einer schwarzen Farbe eingefärbt. Den Geruch des Leders, der Farbe und des Klebers mochte ich sehr gern. Ich bewunderte meinen Vater, der so etwas konnte.

„Holz machen“

Im Winter nahm uns unser Vater zum „Holz machen“ mit in den Wald. Meistens war er mit anderen Männern zusammen. Anfangs durften sie nur Wurzelstöcke ausgraben. Diese Arbeit war am schwersten. Die Erdstöcke mussten mit Spitzhacken und Brecheisen aus dem Boden geholt und anschließend mit Schlegel, Keilen und Äxten zerkleinert werden. Das war eine Knochenarbeit, die noch schwerer wurde, wenn der Boden gefroren war. Wir Kinder konnten dabei kaum helfen. Unsere Aufgabe war es, auf das Feuer aufzupassen, das wegen der Kälte ständig brennen musste, und trockenes Holz zum Nachlegen zu sammeln. Da die Männer ihren Schnaps tranken, war es nicht ratsam, ihnen bei der Arbeit zu nahe zu kommen. Manch einem sprang die Axt aus der Hand, wenn sie auf das hart gefrorene Holz traf. Ein Schienbein hätte sie dabei leicht durchschlagen. Zum Glück sind schwerere Unfälle bei uns nicht vorgekommen.

Später wurde den Männern auch erlaubt, Bäume zu fällen, die der Förster zuvor gekennzeichnet hatte. Man musste sich dafür einen Schein kaufen, der die Erlaubnis zum Fällen der Bäume war. Gefällt werden durften nur solche Bäume, die krumm gewachsen, krank oder trocken waren und sich nur als Brennholz eigneten. Ich erinnere mich an eine solche Aktion im „Neuner Schlag“ in einer Gemarkung, die „Lierloch“ hieß. Auf einer Lichtung brannte ein großes Feuer, das ich bewachen und versorgen musste. Es roch herrlich nach Tannennadeln und Harz. In meinem Eifer um das Feuer hatte ich nicht bemerkt, dass die Männer sich entfernt hatten. Ich konnte sie nicht mehr hören und sehen. Einsam und verlassen stand ich tief im Wald und bekam mächtige Angst, zumal uns unser Vater gewarnt hatte, nicht herumzulaufen, weil es dort Wildschweine gab. Als die Angst immer größer wurde, fing ich an, laut zu rufen, bekam aber zunächst keine Antwort. Ich geriet in Panik und schrie aus Leibeskräften, bis schließlich einer der Männer aus dem Wald auf die Lichtung kam und mich erlöste. Selbstverständlich wurde ich später von den Erwachsenen gehänselt. Das machte mir nicht viel aus. Hauptsache: Ich war „gerettet“.

Das Holz wurde von einem Bauern abgefahren und auf einem unbebauten Grundstück neben unserem Haus abgeladen. Später wurde es zum Trocknen gestapelt und im Herbst geschnitten. Zunächst mit einer Bügelsäge von Hand, später von einem Bauern, der eine Säge an seinen Traktor montiert hatte. Damit ging es natürlich viel leichter und schneller. Die geschnittenen runden Stücke mussten dann noch gespalten werde. Das geschah wieder von Hand mit einer Axt und mit Spaltkeilen. Von meinem 13. Lebensjahr an gehörte Holzhacken und Stapeln zu meinen Aufgaben. Bei gerade gewachsenen Stücken war das Spalten nicht schwer, wohl aber, wenn ein Stück krumm oder verdreht war. Das kostete viel Mühe und Schweiß. Wenn das Holz gespalten war, blieb es zum Trocknen noch ein paar Wochen liegen und wurde dann in unserem Holzschuppen aufgestapelt. Was nicht in den Schuppen passte, stapelten wir im Freien zu einem runden Holzschober. Bis zu einem Meter Höhe etwa hatten die Kreise aus Holzscheiten den gleichen Durchmesser. Nach oben hin verjüngten sie sich, bis schließlich oben ein spitzer Kegel als kleines Dach aufgesetzt wurde. Damit die Schober nicht von den schweren Herbststürmen auseinander gewirbelt wurden, spannte unser Vater mit dicken Drähten aufrecht stehende Bretter herum, die das Holz stabilisierten.

Die schnelle Hexe

Diese Holzschober dienten Ratten als Unterschlupf. Dort bauten sie auch ihre Nester. Obwohl uns unsere Dackelhündin Hexe ihre Anwesenheit durch Bellen, Knurren und Kratzen anzeigte, konnten wir sie nicht fangen. Ratten sind sehr schlau und umgehen aufgestellte Fallen. Als aber der Schober abgetragen und das Holz in dem Schuppen umgesetzt wurde, bestand eine Chance, die Tiere zu fangen. Zu diesem Zweck waren Männer und Kinder aus der Nachbarschaft um die letzten Reihen aus Holzscheiten versammelt, wohl ausgerüstet mit Spaten, Gabeln und Schaufeln. Damit sollten die flüchtenden Tiere zu erschlagen werden. Unser Vater klopfte mit seinem Spaten so lange auf das Holz, bis die erste Ratte wie ein Blitz herauskam. Wir hätten sie niemals töten können, dafür war sie viel zu schnell. Die Hexe aber stürzte sich ebenso schnell auf das Tier, packte es am Genick und schüttelte es kurz. Ein hoher spitzer Todesschrei zeigte den Jagderfolg an. Dieses Schauspiel wiederholte sich noch zweimal. Dann waren die Ratten verschwunden. Andere kamen aber und bezogen im nächsten Schober erneut eine Wohnung. Ich war stolz auf unsere Hexe und belohnte sie später mit einem Stück Wurst. Die versammelten Männer mussten etwas verlegen einsehen, dass sie bei der Rattenjagd ihren Meister gefunden hatten. Zum Trost erhielten sie von unserem Vater einen Schnaps.

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