Kitabı oxu: «Die Jagd nach dem Meteor»

Şrift:

Jules Verne
Die Jagd nach dem Meteore


Inhaltsverzeichnis

Jules Verne

Die Jagd nach dem Meteore Erstes Kapitel

Worin der Richter John Proth eine seiner angenehmsten Amtspflichten erfüllt, bevor er nach seinem Garten zurückkehrt.

Zweites Kapitel

Das den Leser in das Haus Dean Forsyths einführt und ihn in Verbindung mit dessen Neffen Francis Gordon und seiner Haushälterin Mitz bringt.

Drittes Kapitel

Worin von dem Doktor Sydney Hudelson, seiner Gattin Mrs. Flora Hudelson, sowie von Miß Jenny und Miß Loo, den beiden Töchtern der Genannten, die Rede ist.

Viertes Kapitel

Worin zwei Breife – ein an die Sternwarte in Pittsburg und ein an die Sternwarte von Cincinnati gerichteter – in die Akten über Feuerkugeln aufgenommen werden.

Fünftes Kapitel

Worin Mr. Dean Forsyth und der Doktor Sydney Hudelson trotz ihrer Bemühung etwas Weiteres über ihr Meteor doch nur aus den Tageszeitungen erfahren.

Sechstes Kapitel

Das einige mehr oder weniger phantastische Variationen über die Meteore im allgemeinen und über die Feuerkugel der Herren Forsyth und Sydney Hudelson im besondern enthält.

Siebentes Kapitel

Worin man Mrs. Hudelson wegen ihres Gatten sehr bekümmert sehen und hören wird, wie energisch die gute Mitz ihrem Herrn den Kopf zurechtsetzt.

Achtes Kapitel

Worin die Polemik in der Presse die Sachlage noch verschlimmert, und das mit einer ebenso bestimmten wie unerwarteten Erklärung endigt.

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Worin Zephyrin Xirdal ein und dann noch ein neuer Gedanke kommt.

Elftes Kapitel

Worin Mr. Dean Forsyth und der Doktor Hudelson eine arge Erregung erfahren.

Zwölftes Kapitel

Worin man Mrs. Arcadia Stanfort ihrerseits und nicht ohne lebhafte Ungeduld warten sieht, und in dem Mr. John Proth sich für unzuständig erklärt.

Dreizehntes Kapitel

Worin man, wie es der Richter John Proth vermutet hatte, einen dritten und bald noch einen vierten Aspiranten auftauchen sieht.

Vierzehntes Kapitel

Worin die Witwe Thibaud, die sich unbedachterweise mit den größten Problemen der Himmelsmechanik beschäftigt, dem Bankier Robert Lecoeur schwere Sorgen verursacht.

Fünfzehntes Kapitel

Worin J. B. K. Lowenthal den Gewinner des großen Loses verkündet.

Sechzehntes Kapitel

Worin man eine Menge Neugierige die Gelegenheit benützen sieht, nach Grönland zu reisen, um dem Fall des wunderbaren Meteors beizuwohnen.

Siebzehntes Kapitel

Worin die wunderbare Feuerkugel und ein Passagier des »Mozik«, dieser mit einem Passagier des »Oregon« und jene mit der Erde zusammentreffen.

Achtzehntes Kapitel

Worin Herr von Schnack und seine zahlreichen Begleiter, um zur Feuerkugel zu gelangen, auch vor einem Einbruch nicht zurückschrecken.

Neunzehntes Kapitel

Worin Zephyrin Xirdal einen immer zunehmenden Widerwillen gegen die Fernerkugel empfindet und was daraus folgt.

Zwanzigstes Kapitel

Das man vielleicht mit Bedauern lesen wird, das seine Achtung vor der historischen Wahrheit den Verfasser aber so zu schreiben genötigt hat, wie es dereinst in den astronomischen Annalen verzeichnet stehen wird.

Einundzwanzigstes Kapitel

Das letzte Kapitel mit dem Epilog dieser Geschichte, worin der Richter John Proth das letzte Wort hat.

Impressum

Erstes Kapitel
Worin der Richter John Proth eine seiner angenehmsten Amtspflichten erfüllt, bevor er nach seinem Garten zurückkehrt.

Es liegt kein Grund dafür vor, den Lesern zu verheimlichen, daß die Stadt, in der diese seltsame Geschichte beginnt, in Virginien, in den Vereinigten Staaten von Amerika zu suchen ist.

Mit ihrer Erlaubnis wollen wir sie Whaston nennen und in den östlichen Teil des Staates ans rechte Ufer des Potomac verlegen. Wir halten es aber für nutzlos, die Koordinaten dieser Stadt genauer anzugeben, da man sie selbst auf den besten Landkarten der Union doch vergeblich suchen würde.

Am Vormittag des 12. März des... nun, eines gewissen Jahres konnten diejenigen Einwohner von Whaston, die zur rechten Zeit durch die Exeterstraße kamen, einen eleganten Herrn die Straße, die ziemlich starken Fall hat, langsam auf und ab reiten sehen, bis er schließlich auf dem fast im Mittelpunkte der Stadt gelegenen Konstitutionsplatze einmal stillhielt.

Der Reiter, ein Mann von reinstem Yankeetypus, der ja zuweilen auch eine originelle Vornehmheit verrät, konnte nicht älter als dreißig Jahre sein. Er war von übermittler Größe, von gutem, kraftstrotzendem Aussehen und hübscher Gestalt und hatte dunkle Haare sowie kastanienbraunen Bart, dessen Spitze sein Gesicht mit den sorgsam rasierten Lippen noch etwas verlängerte. Ein weiter Mantel bedeckte ihn bis zu den Beinen und lag ausgebreitet auf dem Rücken des Pferdes.

Er handhabte sein muntres, tänzelndes Tier mit ebensoviel Geschick wie Sicherheit. Alles an seiner Erscheinung wies auf einen tatkräftigen, entschlossenen und wohl der ersten Eingebung folgenden Mann hin. Sicherlich schwankte er niemals zwischen Wunsch und Befürchtung hin und her, wie das Sache eines zaudernden Charakters ist. Endlich hätte ein Beobachter wahrnehmen müssen, daß die natürliche Ungeduld des Mannes sich nur unvollkommen hinter einer äußerlichen Kälte verbarg.

Warum war nun wohl dieser Reiter hier in einer Stadt, wo keiner ihn kannte, keiner ihn vorher je gesehen hatte? Beschränkte er sich vielleicht darauf, sie nur zu durchqueren oder wollte er etwa einige Zeit hier verweilen? Ein Hotel aufzusuchen hätte er, im zweiten Falle, nur die Qual der Wahl gehabt, dafür war Whaston weit und breit bekannt. In keinem andern Zentrum der Vereinigten Staaten oder in andern Ländern könnte ein Reisender einen bessern Empfang, willigere Bedienung, vorzüglichere Verpflegung und tadelloseren Komfort, obendrein noch zu sehr mäßigem Preise finden. Es ist wirklich bedauerlich, daß die Landkarten die Lage einer mit solchen Vorzügen ausgestatteten Stadt nicht genau angeben.

Doch nein, jener Fremdling schien nicht die Absicht zu haben, sich in Whaston irgend länger aufzuhalten, und das einladende Lächeln der Hoteliers blieb auf ihn jedenfalls ohne Eindruck. Wie in Gedanken versunken und ganz unachtsam auf alles um sich her, folgte er der sich am Rande des Konstitutionsplatzes hinziehenden Straße, die ein umfängliches ebenes Terrain einschließt... ohne jede Ahnung, daß er hier die öffentliche Aufmerksamkeit erregte.

Und Gott weiß, wie stark sie erregt war, diese öffentliche Aufmerksamkeit! Seit dem Auftauchen des fremden Reiters wechselten schon Herr und Diener, an der Haustür stehend, ihre Gedanken über diesen aus.

»Von wo aus ist er denn hierher gekommen?

– Von der Exeterstraße her.

– Ja, woher aber von außerhalb?

– Er soll, wie man sagt, durch die Wilcox-Vorstadt hereingekommen sein.

– Er reitet nun aber schon eine halbe Stunde hier um den Platz herum.

– Ja; er wird wohl jemand erwarten.

– Wahrscheinlich, und offenbar mit einiger Ungeduld.

– Er sieht immer die Exeterstraße hinaus.

– Von da her wird man jedenfalls kommen.

– Was heißt das ›man‹?... ›Sie‹ oder ›er‹?

– Wahrlich... er hat ein hübsches, vornehmes Aussehen!

– Sie meinen also, es handle sich hier um ein Rendez-vous?

– Ja, um ein Rendez-vous, doch nicht in dem Sinne, wie Sie es verstehen.

– Woher wollen Sie das wissen?

– Sehr einfach, der Fremdling dort hat schon dreimal vor der Tür des Herrn John Proth Halt gemacht...

– Und da Herr John Proth in Whaston als Richter fungiert...

– Nun ja, so wird der junge Mann da einen Prozeß haben...

– Und sein Gegner hat sich bis jetzt noch nicht eingefunden...

– Ganz recht.

– Schön! Na, der Richter Proth wird beide bald genug miteinander ausgesöhnt haben.

– Ja... der ist ein geschickter Mann.

– Und ein braver Mann obendrein.«

Es war ja wirklich möglich, daß das für jenen Reiter der Grund seiner Anwesenheit in Whaston war. Schon mehrmals hatte er vor der Tür John Proths sein Pferd pariert, doch ohne aus dem Sattel zu steigen. Er sah nur die Tür an und warf einen Blick nach den Fenstern des Hauses hinauf, blieb aber ruhig sitzen, so als ob er erwarte, daß jemand auf der Schwelle erschiene, bis ihn sein vor Ungeduld mit den Füßen stampfendes Pferd weiter zu reiten nötigte.


Als er dann wieder einmal an derselben Stelle hielt, öffnete sich plötzlich die Haustür und es zeigte sich ein Mann auf dem Absatz der kleinen Freitreppe, die nach dem Trottoir hinunterführte.

Kaum hatte der Fremde den Erschienenen bemerkt, als er sich schon, den Hut lüftend, an diesen mit den Worten wandte: »Herr John Proth, wenn ich nicht irre?

– Der bin ich, antwortete der Richter.

– Nur eine einfache Frage, die von Ihrer Seite nichts weiter als ein Ja oder Nein verlangt.

– Und die lautet?...

– Ist wohl heute früh schon jemand bei Ihnen gewesen, der nach Mister Seth Stanfort gefragt hat?

– Daß ich nicht wüßte.

– Danke bestens.«

Der Reiter nahm hierbei nochmals den Hut ab, ließ den Zügel lockerer und trottete in kurzem Trab die Exeterstraße hinaus.

Jetzt unterlag es – so urteilte man allgemein – keinem Zweifel mehr, daß der Unbekannte mit John Proth etwas zu tun hatte. Nach der Art und Weise, wie er seine kurze Frage stellte, war er offenbar selbst jener Seth Stanfort, der zu der bestimmten Zusammenkunft zuerst eingetroffen war. Nun gab es aber auch noch ein interessantes Rätsel zu lösen: War die Stunde des Zusammentreffens jetzt schon endgültig verpaßt, und würde der unbekannte Reiter die Stadt verlassen, um nicht wieder dahin zurückzukehren?

Da wir uns in Amerika, d. h. bei dem allerweillustigsten Volke befinden, das es hienieden gibt, wird man ohne Schwierigkeit glauben, daß bezüglich der baldigen Wiederkehr oder des endgültigen Weggangs des Fremden zahlreiche Wetten abgeschlossen wurden, Wetten um einen halben Dollar bis hinunter auf fünf bis sechs Cents – zwischen dem Personal der Hotels und den auf dem Platze zusammengeströmten Neugierigen – höhere nicht, die Beträge würden aber von den Verlierenden prompt bezahlt, und von den Gewinnern – es waren alle höchst ehrenwerte Leute – schmunzelnd eingestrichen werden.

Der Richter John Proth hatte sich begnügt, dem Reiter, der sich der Wilcox-Vorstadt zuwendete, mit den Blicken zu folgen.

Er war ein Philosoph, der Amtsrichter John Proth, ein kluger Beamter, der, so könnte man sagen, schon volle fünfzig Jahre Klugheit und Philosophie in sich aufgestapelt hatte, obgleich er selbst erst ein halbes Jahrhundert alt war, d. h. also, daß er schon ein Weiser und ein Philosoph in der Stunde war, wo er das Licht der Welt erblickte. Hierzu nehme man, daß sein Leben als Hagestolz – ein weitrer unbestreitbarer Beweis von Klugheit – nie von Sorgen getrübt worden war, was doch, das wird jedermann zugeben, die praktische Verwertung der Philosophie wesentlich erleichtert. In Whaston geboren, hatte er, selbst in den Jugendjahren, seine Vaterstadt kaum je oder überhaupt niemals verlassen, und hier wurde er von allen, die zu seinem Gerichtssprengel gehörten und die seine vortrefflichen Eigenschaften kannten, ebenso geliebt wie aufrichtig verehrt.

Von geradsinnigem Charakter, erwies er sich stets nachgiebig gegen die Schwächen, zuweilen sogar gegen die Fehler andrer Leute, und faßte seine Aufgabe nur als die Verpflichtung auf, die ihm zur Entscheidung vorliegenden streitigen Angelegenheiten auszugleichen, die Parteien, die vor seinem Tribunal erschienen, versöhnt heimzuschicken, alle Ecken und Kanten abzurunden, jedes Räderwerk gleichsam zu ölen und die in jeder, selbst der vollkommensten gesellschaftlichen Ordnung unausbleiblichen Stöße nach Möglichkeit zu mildern.

John Proth erfreute sich eines gewissen Wohlstands. Wenn er die Funktionen eines Richters erfüllte, so geschah das eigentlich nur aus Liebhaberei, und es kam ihm niemals der Gedanke, eine höhere Stellung zu erstreben. Er liebte die Ruhe, für sich und für andere, und betrachtete die Menschen alle als nahe Nachbarn, mit denen man alle Ursache hat, immer auf gutem Fuße zu stehen. Früh auf und zeitig zu Bett war seit langem seine Gewohnheit. Wenn er auch einige Lieblingsautoren der Alten und der Neuen Welt las, so begnügte er sich doch meist mit einer ehrbaren, wackeren Zeitung der Stadt, mit den »Whaston News«, worin die Anzeigen mehr Platz einnahmen als die Politik. Jeden Tag machte er einen ein- bis zweistündigen Spaziergang, bei dem die Hüte durch das viele Grüßen abgenützt wurden, was ihn dann zwang, den seinigen alle drei Monate durch einen neuen zu ersetzen. Außer der Zeit dieser Spaziergänge und der, die seine Berufstätigkeit in Anspruch nahm, blieb er in seiner friedlichen und hübsch ausgestatteten Wohnung und pflegte in seinem Garten die Blumen, die ihm dafür dadurch dankten, daß sie ihn mit ihren frischen Farben und ihrem lieblichen Dufte erfreuten.

Nachdem wir diesen Charakter mit einigen Strichen gezeichnet und das Bild John Proths in einen passenden Rahmen gebracht haben, wird man leicht begreifen, daß sich der genannte Richter durch die an ihn gerichtete Frage des Fremden nicht sonderlich aus der Ruhe bringen ließ. Hätte jener, statt sich an den Hausherrn zu wenden, dessen alte Dienerin Kate gefragt, so hätte diese wahrscheinlich noch manches andre zu erfahren gewünscht. Sie würde ihn nicht losgelassen und gefragt haben, was man antworten sollte, wenn sich jemand nach seiner Person erkundigte, und jedenfalls hätte es der würdigen Kate nicht mißfallen zu hören, ob der Fremde, sei es im Laufe des Vor- oder Nachmittags, wieder zum Hause Mr. John Proths zurückkehren werde oder nicht.

John Proth selbst würde sich eine solche Neugier, eine solche Indiskretion niemals verziehen haben, bei seiner Dienerin, die ja dem schwächeren Geschlechte angehörte, mußte er sie schon entschuldigen. Nein, Mister John Proth hatte nicht einmal bemerkt, daß das Eintreffen, die Anwesenheit und endlich das Verschwinden des Fremdlings den Maulaffen auf dem Konstitutionsplatze aufgefallen war, und nach Schließung seiner Haustür zog er sich ruhig zurück, um im Garten seinen Blumen, den Rosen, Iris, Geranien und Reseden zu trinken zu geben.

Die Neugierigen taten nicht desgleichen, sondern blieben noch beobachtend stehen.

Der Reiter war inzwischen ans Ende der Exeterstraße gelangt, die sich als Hauptader durch den Westen der Stadt hinzieht. Als er die Wilcox-Vorstadt erreichte, die die genannte Straße mit dem Zentrum von Whaston verbindet, hielt er sein Pferd an und sah sich, ohne den Sattel zu verlassen, nach allen Seiten um. Von dieser Stelle aus lag die Umgebung eine reichliche Meile weit vor ihm offen, und er konnte bis auf drei Meilen die vielfach gewundne abfallende Straße bis zu dem Flecken Steel übersehen, dessen Glockentürme sich jenseits des Potomac vom Horizont abhoben. Seine Blicke überflogen diese Straße aber vergeblich. Offenbar entdeckte er nicht, was er suchte. Das veranlaßte ihn zu lebhaften, ungeduldigen Bewegungen, die sich auf sein Pferd fortpflanzten, das er stramm im Zügel halten mußte.

So verstrichen zehn Minuten, dann begab sich der Reiter langsamen Schrittes wieder die Exeterstraße hinunter und zum fünften Male nach dem offenen Platze.

»Alles in allem, murmelte er nach einem Blick auf seine Uhr, kann von einer Verzögerung noch nicht die Rede sein. Es war ja auf zehn Uhr sieben Minuten verabredet, und jetzt ist es erst kaum halb zehn. Die Entfernung zwischen Whaston und Steel, von wo sie kommen muß, ist ebenso groß wie die zwischen Whaston und Brial, woher ich gekommen bin, und die ich vielleicht in noch nicht zwanzig Minuten zurückgelegt habe. Die Straße ist gut, das Wetter trocken, und ich wüßte nicht, daß ein Hochwasser etwa die Brücke weggerissen hätte. Da liegt also kein Grund zur Verzögerung, kein Hindernis vor. Wenn sie unter diesen Umständen das Stelldichein verfehlt, so wird das ihr eigener Wille sein. Die Pünktlichkeit besteht doch darin, zur rechten Zeit zur Stelle zu sein, nicht aber vorzeitig einzutreffen. Eigentlich bin ich es ja, der unpünktlich ist, denn ich bin um viel mehr zu zeitig gekommen, als es sich für einen methodischen Menschen ziemt. Freilich – von jedem anderen Gefühle abgesehen – erforderte es schon die einfache Höflichkeit, daß ich zuerst zum Stelldichein kam.«

Dieses Selbstgespräch dauerte die ganze Zeit an, wo der Fremde die Exeterstraße hinunter ritt, und endigte nicht eher, als bis die Hufeisen des Pferdes von neuem auf den Macadam des Platzes aufschlugen.

Die, die auf das Wiedererscheinen des Fremden gewettet hatten, hatten also die Einsätze gewonnen. Sie zeigten diesem, als er an den Hotels vorüberkam, auch ein recht freundliches Gesicht, während die Verlierenden ihn nur mit Achselzucken begrüßten.

Endlich schlug die Rathausuhr zehn. Sein Pferd anhaltend, zählte der Fremde die zehn Schläge und überzeugte sich von der Übereinstimmung der öffentlichen Uhr mit der eignen, die er aus der Tasche hervorzog.

Nun fehlten nur noch sieben Minuten zu der für das Rendez-vous bestimmten Zeit, die bald nachher also schon überschritten war.

Seth Stanfort kehrte nach dem Eingange der Exeterstraße zurück; offenbar konnte weder er noch sein Pferd sich ruhig verhalten.

Jetzt herrschte auf dieser Straße ein lebhafter Verkehr. Mit denen, die diese hinausgingen, beschäftigte sich Seth Stanfort nicht im geringsten. Seine ganze Aufmerksamkeit galt nur denen, die die Straße herabkamen, und er lugte scharf nach diesen aus, sobald sie an deren hochgelegenem Ende auftauchten.

Die Exeterstraße ist so lang, daß ein Fußgänger reichlich zehn Minuten braucht, sie zu durchmessen, drei oder vier Minuten aber nur ein schnellfahrender Wagen oder ein Pferd in gestrecktem Trab.

Um die Fußgänger kümmerte sich unser Reiter freilich kaum, er sah sie sogar nicht einmal. Sein vertrautester Freund hätte zu Fuß an ihm vorübergehen können, er hätte ihn gewiß gar nicht bemerkt. Die erwartete Person konnte nur zu Wagen oder zu Pferde ankommen.

Würde sie aber zur erwähnten Zeit eintreffen? Daran fehlten nur noch drei Minuten, gerade genug Zeit, die Exeterstraße hinunterzufahren, auf deren Höhenpunkte zeigte sich aber weder ein Wagen, noch ein Kraftfahrrad oder ein Bizyklett, ebensowenig ein Automobil, das, wenn es mit achtzig Kilometer Geschwindigkeit in der Stunde dahinsauste, sein Ziel noch ganz kurz vor dem Zeitpunkte für das Rendez-vous erreicht hätte.

Seth Stanfort durchmaß die Exeterstraße noch mit einem letzten Blicke. In seinen Augen leuchtete ein Blitz auf, der durch die Pupille hervorschoß, während er im Tone unerschütterlicher Entschlossenheit die Worte murmelte:

»Wenn sie um zehn Uhr sieben Minuten nicht hier ist, heirate ich überhaupt nicht!«

Wie eine Antwort auf diese Erklärung hörte man da im gleichen Augenblick den Galopp eines Pferdes, das oben von der Straße herunterkam. Auf dem Tiere, einem prächtigen Zelter, saß eine junge Frau, die es mit ebensoviel Grazie wie Sicherheit lenkte. Die Leute wichen vor ihm zurück, so daß sich ihm bis zum Platze hinunter kein Hindernis entgegenstellte.

Seth Stanfort erkannte die, die er erwartete; seine Züge wurden wieder ruhiger. Er trieb sein Pferd an und begab sich ruhigen Schrittes vor das Haus des Richters.

Das reizte natürlich die neugierige Menge, die sich herandrängte, ohne daß der Fremde von ihr auch nur im geringsten Notiz nahm.

Einige Sekunden später sprengte auch die Reiterin auf den Platz ein und ihr von weißem Schaume bedecktes Pferd hielt zwei Schritte vor der Tür.

Der Fremde gab sich zu erkennen und sagte:

»Ich begrüße Miß Arcadia Walker...

– Und ich Mister Seth Stanfort,« erwiderte Arcadia Walker, indem sie sich mit graziöser Bewegung leicht verbeugte.

Selbstverständlich verloren die Eingebornen das Paar, das sie nicht kannten, keine Sekunde aus den Augen.

»Wenn sie wegen eines Prozesses gekommen sind, raunten sie einander zu, so möchte man wünschen, daß dieser Prozeß zum Vorteil beider ausginge.

– Das wird auch der Fall sein, oder Mister Proth wäre nicht der geschickte Mann, der er doch ist.

– Und wäre keines von beiden verheiratet, so wär's das beste, die Geschichte endete mit einer Hochzeit!«

So flogen die Worte hinüber und herüber, so äußerten sich die Ansichten der Müßiggänger, doch weder Seth Stanfort noch Miß Arcadia Walker schien die ziemlich lästige Neugier, die sie erweckten, zu beachten.

Seth Stanfort wollte eben absteigen, um an die Tür des Mr. John Proth zu klopfen, als diese sich schon öffnete.

Mr. John Proth erschien auf der Schwelle, diesmal aber auch die alte Dienerin Kate dicht hinter ihm. Beide hatten Pferdegetrappel vor dem Hause gehört, und der Richter, der seinen Garten, sowie die Dienerin, die ihre Küche verließ, wollten wissen, was das zu bedeuten hätte.

Seth Stanfort blieb also im Sattel und wendete sich an den Beamten.

»Herr Richter John Proth, sagte er, ich bin Seth Stanfort aus Boston, Massachusetts.

– Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mister Seth Stanfort.

– Und hier ist Miß Arcadia Walker aus Trenton, New-Jersey.

– Ich fühle mich sehr geschmeichelt, der Miß Arcadia Walker gegenüberzustehen.«

Und während John Proth erst den ihm Fremden angesehen hatte, wendete er all seine Aufmerksamkeit jetzt der jungen Dame zu.

Miß Arcadia Walker war eine reizende Person, und man wird es verzeihen, wenn wir gleich eine Skizze von ihr entwerfen. Ihr Alter: vierundzwanzig Jahre. Augen: blau, etwas hell. Haare: dunkel kastanienbraun. Teint: von einer Frische, die vom Atem der freien Luft nicht verändert wurde. Zähne: tadellos weiß und vollkommen regelmäßig. Größe: etwas über mittel. Haltung: vorzüglich. Bewegungen: von bestechender Geschmeidigkeit und vielleicht etwas nervöser Grazie. In der Amazonentracht, die sie eben trug, folgte sie schmiegsam den Bewegungen ihres Pferdes. das mit dem Seth Stanforts den Boden um die Wette stampfte. Ihre von seinen Handschuhen bedeckten Hände spielten gleichsam mit den Zügeln, und jeder Sachkenner würde in ihr sofort eine gewandte Kunstreiterin vermutet haben. Ihre ganze Erscheinung trug den Stempel echter Vornehmheit und jenes besondere »ich weiß nicht, was« der oberen Klassen der Union, die man recht wohl die amerikanische Aristokratie nennen könnte, wenn diese Bezeichnung nicht gar zu grell gegen die demokratischen Instinkte der Eingebornen der Neuen Welt abstäche.

Miß Arcadia Walker, eine Dame, gebürtig aus New-Jersey, ohne jede nähere Verwandtschaft, frei in ihrem Tun und Lassen, unabhängig durch ihr Vermögen und etwas abenteuerlustig veranlangt, wie alle jungen Amerikanerinnen, führte ein Leben ganz nach ihrem Geschmacke. Da sie seit mehreren Jahren viel reiste und die wichtigsten Länder Europas besucht hatte, war sie gründlich von allem unterrichtet, was in Paris, London, Berlin oder in Rom geschah und als guter Ton galt. Über das, was sie auf ihren ununterbrochenen Wanderungen gesehen oder gehört hatte, verstand sie obendrein mit den Franzosen, den Engländern, den Deutschen und den Italienern in deren Muttersprache zu plaudern. Sie war eine höchst gebildete Person, unterrichtet von einem gegenwärtig schon von der Erde geschiedenen Lehrer, der sie höchst sorgfältig erzogen hatte. Auch an praktischem Geschäftssinn fehlte es ihr nicht; den bewies sie schon mit der Verwaltung ihres Vermögens, wobei sie ihre Interessen stets recht geschickt wahrzunehmen wußte.

Was hier von Miß Arcadia Walker gesagt ist, läßt sich »symmetrisch« – ja, das ist das richtige Wort – auch auf Mr. Seth Stanfort anwenden. Dieser stand ebenso unabhängig da, war ebenso reich, liebte ebenso das Reisen und war in der ganzen Welt herumgekommen, nur dadurch unterschied er sich von Arcadia, daß er in seiner Vaterstadt Boston wohnte. Im Winter ein ständiger Besucher der Alten Welt und der Großstädte in dieser, war er hier öfters mit seiner abenteuerlustigen Landsmännin zusammengetroffen. Im Sommer kehrte er nach seiner Heimat zurück und verweilte hier meist in den Seebädern, wo sich dann die Familien der reichen Yankees aufzuhalten pflegen. Auch hier waren Miß Arcadia Walker und er einander wiederholt begegnet.

Die gleiche Geschmacksrichtung hatte die beiden jungen, lebensfrohen Leute, von denen die neugierigen Adamssöhne und vor allem die Evastöchter sagten, daß sie wie für einander geschaffen wären, mehr und mehr einander genähert. Wie sollten sie auch nicht übereingestimmt haben, bei ihrer gleichen Reiselust, bei dem gleichen Verlangen, dahin zu eilen, wo irgend ein Vorfall im politischen oder militärischen Leben die öffentliche Aufmerksamkeit erregte? Da kann es dem auch nicht wundernehmen, daß Mr. Seth Stanfort und Miß Arcadia Walker auf den Gedanken kamen, ihre Lebensbahnen zu vereinigen, was ja an ihren Gewohnheiten nichts ändern würde. Sie bildeten dann nicht mehr zwei Schiffe, die eines das andere begleiteten, sondern ein einziges, das vorzüglich ausgerüstet, getakelt und geführt war, sich auf allen Meeren der Erde zu bewähren.

Es war also kein Prozeß, keine Verhandlung, keine Ordnung einer streitigen Angelegenheit, die Seth Stanfort und Miß Arcadia Walker veranlaßte. vor dem Richter dieser Stadt zu erscheinen. Nein; nach Erledigung der gesetzlichen Formalitäten bei den zuständigen Behörden in Massachusetts und in New-Jersey hatten sie für den 12. März zur schon erwähnten Zeit – zehn Uhr sieben Minuten – ihr Zusammentreffen in Whaston verabredet, um hier den Bund einzugehen, womit man, wie die Leute sagen, den wichtigsten Schritt im Leben tut. Nachdem die Vorstellung des Mr. Seth Stanfort und der Miß Arcadia Walker in der angeführten Weise erfolgt war, hatte John Proth den Fremden und die diesen begleitende Dame nur noch zu fragen, aus welchem Grunde sie vor ihm erschienen.

»Seth Stanfort wünscht der Ehemann der Miß Arcadia Walker zu werden, erklärte der eine.

– Und Miß Arcadia Walker wünscht die Ehefrau des Mister Seth Stanfort zu werden,« setzte die andere hinzu.

Der Beamte verneigte sich höflich mit den Worten:

»Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Mister Stanfort, und ebenso zur Ihrigen, Miß Arcadia Walker.«

Jetzt machten die beiden jungen Leute eine graziöse Verbeugung.

»Wann wäre es Ihnen genehm den Trauungsakt zu vollziehen? fuhr John Proth fort.

– Gleich auf der Stelle... wenn Sie keine andere Abhaltung haben, antwortete Seth Stanfort.

– Denn wir verlassen Whaston, sobald ich Mistreß Stanfort geworden bin,« erklärte Miß Arcadia Walker.

Der Richter Proth verriet durch seine Haltung, wie sehr er und mit ihm die ganze Stadt bedauere, daß das schöne junge Paar, das augenblicklich die Stadt mit seiner Gegenwart beehrte, nicht länger innerhalb der Mauern Whastons zu weilen gedenke. Dann fügte er hinzu:

»Ich stehe vollständig zu Ihren Diensten,« und damit wich er einige Schritte zurück, um den Zutritt zum Hause freizugeben.

Mr. Seth Stanfort hielt ihn jedoch durch einen Wink zurück.

»Ist es notwendig, fragte er, daß Miß Arcadia Walker und ich vom Pferde absteigen?«

John Proth dachte einen Augenblick nach.

»O, keineswegs, versicherte er. Man kann sich ebensogut zu Pferde wie zu Fuß trauen lassen.«

Es dürfte wohl schwierig sein, irgendwo, selbst in dem so originellen Amerika, einen gefälligeren, entgegenkommenderen Beamten zu finden.

»Gestatten Sie nur noch eine Frage, fuhr John Proth fort. Sind auch schon alle gesetzlich vorgeschriebenen Formalitäten erledigt?

– Ja gewiß,« versicherte Seth Stanfort.

Damit übergab er dem Richter zwei große Kuverts mit den Erlaubnisscheinen, die nach Entrichtung der betreffenden Gebühren von den Gerichtsschreibereien in Boston und in Trenton ausgefertigt waren.

John Proth nahm die Papiere in Empfang, setzte seine Brille mit goldenem Gestell auf und durchlas aufmerksam die offiziellen und durch einen Stempel der Behörde beglaubigten Schriftstücke.

»Die Papiere sind in Ordnung, sagte er, und ich bin also bereit, Ihnen den Trauschein auszustellen.«

Niemand wird sich wohl darüber wundern, daß die zu immer größerer Zahl angewachsenen Neugierigen sich um das Paar drängten, wie ebensoviele Zeugen einer feierlichen Verbindung, die unter Umständen vor sich ging, welche in jedem andern Lande als ganz außergewöhnlich erscheinen würden. Das genierte aber die beiden Verlobten nicht, ja es mißfiel ihnen nicht einmal.

John Proth trat wieder auf die ersten Stufen seiner Freitreppe zurück und sagte mit lauter, für alle verständlicher Stimme:

»Mister Seth Stanfort, es ist also Ihr ernster Wille, Miß Arcadia Walker zur Frau zu nehmen?

– Ja.

– Und Sie, Miß Arcadia Walker, sind ebenso gewillt, den Mister Seth Stanfort zum Manne zu nehmen?

– Ja.«

Der Beamte sammelte sich einige Sekunden, dann verkündete er so ernsthaft, wie ein Photograph im Augenblicke der Objektivöffnung »Jetzt recht ruhig und freundlich!« sagt, mit nachdrücklicher Betonung:

»Im Namen des Gesetzes erkläre ich Sie, Mister Seth Stanfort aus Boston, und Sie, Miß Arcadia Walker aus Trenton, hiermit für ehelich verbunden!«


Die beiden jungen Gatten näherten sich ihm und ergriffen seine Hand. wie um den eben vollzogenen Akt noch zu besiegeln.

Gleichzeitig überreichten sie ihm aber jedes einen Fünfhundertdollarschein.

»Als Honorar, sagte dazu Seth Stanfort.

– Für die Armen der Stadt,« sagte Mistreß Arcadia Stanfort.

Nachdem sich dann noch beide vor dem Richter verbeugt hatten, gaben sie ihren Pferden die Zügel und galoppierten in der Richtung nach der Wilcox-Vorstadt davon.

»Na ja, gut... gut! rief Kate, die vor Verwunderung so gelähmt war, daß sie ausnahmsweise zehn Minuten lang ganz stumm dagestanden hatte.

– Was soll das heißen, Kate?« fragte Mr. John Proth.

Die alte Kate ließ ihren Schürzenzipfel fallen, den sie einen Augenblick wie ein gelernter Seiler zusammengedreht hatte.

»Ach... ich weiß nicht... ich meine nur, Herr Richter, gestand sie, daß die beiden Leutchen da rechte Toren sind.

– Ohne Zweifel, ehrsame Kate, ohne Zweifel, stimmte John Proth ihr bei, während er seine friedliche Gießkanne wieder zur Hand nahm. Ist denn das etwa aber etwas so Wunderbares? Sind denn die, die sich verheiraten, nicht immer etwas närrische Leute?«

Zweites Kapitel
Das den Leser in das Haus Dean Forsyths einführt und ihn in Verbindung mit dessen Neffen Francis Gordon und seiner Haushälterin Mitz bringt.

»Mitz... Mitz!

– Mein Söhnchen?...

– Was ist denn mit ihm los, mit meinem Onkel Dean?

– Ja, das weiß ich auch nicht.

– Ist er etwa krank?

– Jetzt wohl nicht; wenn das aber so fortgeht, wird er's sicher werden.«

Diese Worte wurden zwischen einem jungen Mann von dreiundzwanzig und einer Frau von fünfundsechzig Jahren gewechselt, und zwar im Speisezimmer eines Hauses der Elisabethstraße in der schon oft genannten Stadt Whaston, wo eben eine der auch nach amerikanischem Muster originellsten Trauungen stattgefunden hatte.

Dieses Haus der Elisabethstraße gehörte dem Mr. Dean Forsyth. Mister Dean Forsyth zählte fünfundvierzig Jahre, was man ihm auch gut genug ansah. Ein mächtiger, auffallender Kopf, kleine Augen mit einer Brille mit sehr scharfen Gläsern, leicht gewölbte Schultern, ein kräftiger Hals, den in jeder Jahreszeit ein Halstuch, das bis zum Kinn hinausreichte, in doppelter Lage umhüllte, ein weiter, faltiger Oberrock, eine weiche Weste, deren unterste Knöpfe nie benutzt wurden, etwas zu kurze Beinkleider, die nicht bis auf die Schuhe reichten, eine auf halbergrautem, wirrem Haar tief im Nacken sitzende hohe Mütze, ein Gesicht mit tausend Falten, das mit dem fast allen Nordamerikanern gemeinsamen Spitzbart endigte, ein reizbarer Charakter, der sich immer nur zwei Millimeter von der Marke »Zorn« entfernt hielt... das wäre etwa das Signalement dieses Mr. Dean Forsyth, von dem sein Neffe Francis Gordon und seine Haushälterin Mitz am Morgen des 21. März sprachen.

Francis Gordon, der seine Eltern schon sehr frühzeitig verloren hatte, war von Dean Forsyth, einem Bruder seiner Mutter, erzogen worden. Obgleich ihm von seinem Onkel später ein gewisses Vermögen zufallen sollte, hatte er nicht geglaubt, sich ernster Arbeit entziehen zu dürfen, und Mr. Forsyth war derselben Meinung gewesen. Der Neffe erwarb sich deshalb auf der berühmten Harward-Universität zuerst die allgemeine höhere Schulbildung und studierte dann die Rechte. Jetzt fungierte er als Advokat in Whaston und war als der schlagfertigste Verteidiger der Witwen und Waisen und als der beste Vermittler in kleinen Streitigkeiten bekannt. Er kannte die Gesetze des Landes gründlich und zeichnete sich durch eine fließende Sprechweise mit eindringlicher, überzeugender Stimme aus. Alle seine Kollegen, die jungen wie die alten, schätzten ihn aufrichtig, und er hatte sich überhaupt nie einen Feind gemacht. Von ansehnlichem Äußern, mit vollen kastanienbraunen Haaren und schönen schwarzen Augen, von elegantem Auftreten, geistvoll ohne Bosheit, dienstwillig ohne sich vorzudrängen, nicht ungeschickt in allen Arten des Sports, dem die amerikanische Gentry so leidenschaftlich zu huldigen pflegt... dabei war's ja kein Wunder, daß er unter den vornehmen jungen Männern der Stadt mit zu den ersten gehörte. Warum hätte er es da nicht wagen können, sein Herz der reizenden Jenny Hudelson, der Tochter des Doktor Hudelson und dessen Gattin, einer gebornen Flora Clarish, zuzuwenden?

Noch ist es jedoch zu zeitig, die Aufmerksamkeit des Lesers auf diese junge Dame zu lenken. Jenny Hudelson wird richtiger erst im Schoße ihrer Familie auf der Bühne zu erscheinen haben, und dieser Zeitpunkt ist noch nicht gekommen. Zu lange wird das jedoch nicht mehr dauern. Wir sind nur gezwungen, streng methodisch bei der Weiterentwicklung dieser Erzählung zu verfahren, die durch Seitensprünge zu sehr gestört werden würde.

Was Francis Gordon betrifft, sei hier hinzugefügt, daß er in dem erwähnten Hause der Elisabethstraße wohnte, welches er jedenfalls auch vor dem Tage seiner Vermählung mit der Miß Jenny nicht verlassen würde... doch nochmals: lassen wir Miß Jenny, wo sie ist, und sagen wir nur, daß die gute Mitz die Vertraute des Neffen ihres Herrn war, den sie wie einen Sohn, eigentlich mehr wie einen Enkel liebte, denn die Großmütter halten ja gewöhnlich den Rekord in der mütterlichen Zärtlichkeit.

Mitz, eine Musterdienerin, dergleichen man jetzt vergeblich suchen würde, gehörte noch zu der jetzt erloschenen Art, die etwas von der Natur des Hundes und der Katze an sich hat: von der des Hundes, der sich treu an seinen Herrn anschließt, und von der der Katze, die an das Haus gefesselt bleibt, in das sie gehört. Man kann sich wohl leicht vorstellen, daß Mitz dem Mr. Dean Forsyth gegenüber das Herz auf der Zunge hatte. Wenn dieser unrecht hatte, sagte sie es ihm frank und frei ins Gesicht, doch mit so bestechenden Wendungen, daß sich ihre Worte in deutscher Sprache gar nicht treu wiedergeben lassen. Wollte Forsyth aber dennoch keine Einsicht haben, so blieb ihm nichts andres übrig, als sie stehen zu lassen, sich in sein Kabinett zurückzuziehen und dieses fest zu verriegeln.


Mr. Dean Forsyth brauchte jedoch niemals zu fürchten, hier allein zu sein. Er fand in dem Zimmer stets noch eine andre Person, die sich in derselben Art den Verweisen und Ermahnungen Mitzens entzogen hatte.

Diese Persönlichkeit hörte auf den Namen Omikron. Ein seltsamer Name, der sich von der untermittlern Natur eines Männchens herleitete, welches, wenn der Betreffende nicht gar so klein gewesen wäre, gewiß auch noch den Zunamen Omega erhalten hätte. Im Alter von fünfzehn Jahren vier Fuß sechs Zoll groß, war das Männchen später nicht weiter gewachsen. Sein richtiger Name lautete Tom Wife, und er war in jenem Alter, schon zu Lebenszeiten des Vaters Dean Forsyths, als junger Diener in dessen Haus gekommen. Da er jetzt fünfzig Jahre zählte, liegt es auf der Hand, daß er bereits fünfunddreißig Jahre bei dem Oheim Francis Gordons im Dienste stand.

Hier müssen wir einflechten, woraus denn dieser Dienst bestand. Darin nämlich, Mr. Dean Forsyth bei seinen Arbeiten zu unterstützen, Arbeiten, für die er eine nicht minder große Leidenschaft hatte als sein Herr.

Mr. Dean Forsyth arbeitete also?

Ja freilich; doch nur aus Liebhaberei, aber mit welchem Eifer, mit welcher Zähigkeit, das wird sich im weitern Verlaufe dieser Erzählung zeigen.

Womit beschäftigte sich denn Mr. Dean Forsyth? Mit Heilkunde oder Rechtswissenschaft, mit Literatur oder Kunst oder vielleicht mit Handelsgeschäften, wie so viele Bürger des freien Amerika?

Fehlgeschossen!

Nun, womit denn dann? fragt der Leser. Doch wohl mit den Wissenschaften?

Auch das nicht, wenigstens dieser Plural ist nicht richtig. Nein, nicht mit den Wissenschaften, sondern mit der Wissenschaft, nämlich der erhabensten, in der Einzahl: ausschließlich mit der, die sich die Astronomie nennt.

Er träumte nur von Planeten- und Sternentdeckungen. Nichts oder fast nichts von dem, was auf unserer Erdkugel vorging, schien ihn zu interessieren, er lebte nur in dem unendlichen Weltraume. Da er darin aber weder ein Frühstück noch ein Mittagsmahl gefunden hätte, mußte er des Tags über wohl oder übel wenigstens zweimal von da herabsteigen. Gerade am heutigen Tage stieg er nicht zur gewohnten Stunde herunter; er ließ auf sich warten, worüber Mitz, die den Tisch längst zurecht gemacht hatte, wirklich schimpfte.

»Er wird also gar nicht kommen? rief sie wiederholt.

– Ist denn Omikron schon da? fragte Francis Gordon.

– Der?... Na, der steckt doch immer, wo sein Herr ist, erwiderte die Haushälterin. Ich habe wahrhaftig nicht Beine genug – ja, so drückte sich die ehrbare Mitz wirklich aus! – nicht genug, auf seinen Hühnerstall hinaufzuklettern!«

Der betreffende Hühnerstall war nichts mehr und nichts weniger als ein Turm, der zwanzig Fuß über das Dach emporragte oder, um das Kind beim rechten Namen zu nennen, eine Sternwarte. Unter der obern Galerie befand sich ein rundes Zimmer mit vier nach den Haupthimmelsgegenden gerichteten Fenstern. Im Innern standen, auf ihrem Untergestell drehbar, mehrere Fernrohre und einige stark vergrößernde Teleskope, und wenn deren Objektive nicht abgenutzt aussahen, so lag das nicht darin, daß sie unbenutzt gewesen wären. Weit eher war zu befürchten, daß Mr. Dean Forsyth und Omikron dadurch, daß sie mit den Augen immer vor den Okularen ihrer Instrumente lagen, sich die Augen schließlich gründlich verderben würden.

In diesem Zimmer verbrachten die beiden, einander zeitweilig ablösend, den größten Teil des Tages und der Nacht. Sie blickten umher, beobachteten, durchsuchten die Zwischenräume der Sterne immer in der Hoffnung auf eine Entdeckung, die sich mit dem Namen Dean Forsyths verknüpfen sollte. Bei klarem Himmel war das ja leicht; es gehörte hier aber dazu, daß er auch über dem Abschnitt durch den siebenunddreißigsten Breitengrad war, der durch den Staat Virginien verläuft. Wolkengebilde – Cyrrhus-, Nimbus-und Cumuluswolken – gab es hier aber genug und jedenfalls mehr, als sich Herr und Diener wünschten. Und das Jammern, die Drohungen gegen das Firmament, über das der Wind diese Ballen von Wasserdunst hintrieb!

Gerade in den letzten Tagen des März war die Geduld Mr. Dean Forsyths mehr als je auf die Probe gestellt worden. Seit mehreren Tagen blieb der Himmel zur vollen Verzweiflung des Astronomen hartnäckig dicht bedeckt.

Aber heute, am 21. März, wehte ununterbrochen ein scharfer Westwind über die Erde und jagte ein ganzes Meer von trostlos dunkeln Wolken über das Firmament hin.

»Wie schade! seufzte Mr. Dean Forsyth zum zehnten Male nach einem mißglückten Versuch, die dichte Dunstmasse zu durchdringen. – Ich habe so eine Ahnung, daß wir jetzt eine selten wiederkehrende Gelegenheit verpassen, daß uns eine aufsehenerregende Entdeckung verloren geht.

– Das ist wohl möglich, antwortete Omikron, sogar höchst wahrscheinlich, denn vor einigen Tagen schien es mir bei einer kurzen Aufhellung des Himmels, als bemerkte ich...

– Und ich, ich habe deutlich gesehen, Omikron...

– Also alle beide, beide zu derselben Zeit!

– Oho, Omikron! protestierte Dean Forsyth.

– Ja, ja, Sie natürlich zuerst, lenkte Omikron mit vielsagendem Achselzucken ein. Doch als mir die betreffende Erscheinung auffiel, glaubte ich, sie müsse... nein, sie rühre unzweifelhaft von...

– Und ich, fiel ihm Dean Forsyth ins Wort, ich erkläre mit Bestimmtheit, daß es sich dabei um ein von Norden nach Süden hinziehendes Meteor handelte.

– Ganz recht, Mister Dean, perpendikulär zur Bahn der Sonne.

– Zu ihrer scheinbaren Bahn, Omikron.

– Ja, zu ihrer scheinbaren, das versteht sich von selbst.

– Und das war am sechzehnten März.

– Ganz recht, am sechzehnten.

– Um sieben Uhr siebenunddreißig Minuten und zwanzig Sekunden.

– Und zwanzig Sekunden, wiederholte Omikron, wie ich nach unserer Normaluhr festgestellt habe.

– Und seither ist es nicht wieder sichtbar gewesen! rief Mr. Dean Forsyth mit einer drohenden Handbewegung gegen den Himmel.

– Wie wäre das möglich gewesen?... Wolken, Wolken und immer wieder Wolken! Seit vollen fünf Tagen nicht so viel blauer Himmel, daß sich daraus hätte ein Sacktuch schneiden lassen!

– Ja, ein besonderes Pech, rief Dean Forsyth, mit dem Fuße stampfend. Ich glaube, so etwas kann nur mir passieren!

– Jawohl, nur uns!« berichtigte ihn Omikron, der an den Arbeiten seines Herrn nun einmal einen Halbpart in Anspruch nahm.


Eigentlich hatten ja alle Bewohner der Umgegend dieselbe Berechtigung, sich über die den Himmel verdüsternden Wolken zu beklagen. Ob die Sonne scheint oder nicht, das geht die ganze Welt gleichmäßig an.

So allgemein die Klage über die gegenwärtigen Witterungsverhältnisse aber auch berechtigt gewesen wäre, niemand würde doch die törichte Anmaßung gezeigt haben, darüber in eine so borstige Laune zu geraten wie Mr. Dean Forsyth, als die Stadt jetzt von einem dichten Dunstschleier umhüllt war, gegen den die mächtigsten Teleskope, die besten Fernrohre nichts auszurichten vermochten.

Solche Nebeltage sind übrigens in Whaston nichts Seltenes, obgleich die Stadt an dem klaren Wasser des Potomac lag und nicht an den schlammigen Fluten der Themse.

Was hatten denn nun der Herr und der Diener am 16. März bei einer Aufklärung des Himmels gesehen oder zu sehen geglaubt?... Nichts weniger als eine kugelförmige Feuerkugel, die sich genau von Norden nach Süden mit großer Geschwindigkeit hinbewegte und einen solchen Glanz verbreitete, daß sie siegreich gegen das zerstreute Licht der Sonne ankämpfte. Da ihre Entfernung von der Erde aber sehr, sehr viele Kilometer betragen mußte, wäre es möglich gewesen, sie eine gewisse Zeitlang zu verfolgen, wenn kein so trotzig anhaltender Nebel jede Beobachtung verhindert hätte.

Seit dem erwähnten Zeitpunkte ertönten also die Klagen, die diese unglücklichen Verhältnisse hervorriefen. Würde die Feuerkugel nach dem Horizonte von Whaston zurückkehren? Würde man die Elemente ihrer Bahn berechnen, ihre Masse, ihr Gewicht und ihre Natur noch bestimmen können? Und sollte nicht vielleicht ein anderer Astronom mehr begünstigt sein, einer, der den Weltkörper an einer anderen Stelle des Himmels beobachten konnte? Würde Dean Forsyth, der den Weltraumwandrer so wenig vor seinem Teleskop gehabt hatte, dennoch ausersehen sein, seinen Namen an dessen Entdeckung zu heften, oder würde die Ehre dafür einem jener Gelehrten der Alten oder der Neuen Welt zufallen, einem der Berufsastronomen, die Tag und Nacht den Himmel durchstöbern?

»Diese Ramscher! wetterte Dean Forsyth. Diese schrecklichen Himmelspiraten!«

Am ganzen Vormittag des 21. März hatte es weder Dean Forsyth noch Omikron über sich gewinnen können, trotz der ungünstigen Witterung von dem nach Norden gelegenen Fenster zu weichen. Ihr Unmut hatte, je mehr die Stunden verstrichen, desto mehr zugenommen. Dean Forsyth ließ die Blicke über den weiten Horizont hin schweifen, der an dieser Stelle vom unregelmäßigen Profil der Hügel von Serbor begrenzt wurde, über die der steife Wind die hellgrauen Wolken hinjagte. Omikron erhob sich auf die Fußspitzen, um sich den infolge seiner Kleinheit beschränkten Gesichtskreis zu erweitern. Der eine hatte die Arme gekreuzt und preßte die geballten Fäuste gegen die Brust; der andre hämmerte mit seinen etwas runzligen Fingern auf das Fensterbrett. Einzelne Vögel flatterten mit lautem Gekreisch vorüber, als wollten sie den Herrn und den Diener verspotten, die sich als Zweifüßer nicht von der Erde erheben konnten. O, wenn die hätten den Vögeln in ihrem Fluge folgen können, wie bald hätten sie die Dunstschichten durchmessen und dann vielleicht auch den Asteroiden gesehen, wie er seinen Lauf im blendenden Licht der Sonne fortsetzte.

Eben jetzt klopfte es an die Tür.

Dean Forsyth und Omikron hörten es nicht.

Da öffnete sich die Tür und Francis Gordon erschien auf der Schwelle.

Dean Forsyth und Omikron wendeten sich auch jetzt nicht um.

Der Neffe näherte sich dem Onkel und berührte ihn leicht am Arm.

Mr. Dean Forsyth warf seinem Neffen einen so »entfernten« Blick zu, als käme dieser vom Sirius oder mindestens vom Monde.

»Was ist denn los? fragte er.

– Lieber Onkel, das Frühstück wartet auf dich.

– Ah, wirklich, erwiderte Dean Forsyth, es wartet also, das Frühstück'?... Na, wir, wir beide hier oben warten ebenfalls.

– Ihr wartet?... Worauf denn?

– Auf die Sonne, erklärte Omikron, der durch ein beifälliges Kopfnicken seines Herrn belohnt wurde.

– Doch, lieber Onkel, du hast doch, meine ich, die Sonne nicht zum Frühstück eingeladen und man kann sich doch recht gut auch ohne sie zu Tisch setzen.«

Was war darauf zu antworten? Wenn sich das Strahlengestirn nun den ganzen Tag nicht zeigte, würde Dean Forsyth starrsinnig genug sein, das Frühstück erst am Abend zu verzehren?

Höchst wahrscheinlich, denn der Astronom erschien wenig geneigt, der Aufforderung seines Neffen nachzukommen.

»Lieber Onkel, fuhr dieser fort, Mitz wird ungeduldig; bitte, laß dir das gesagt sein!«

Sofort wurde sich Mr. Dean Forsyth der Sachlage bewußt: die Ungeduld der guten Mitz, die kannte er schon lange. Daß sie ihm einen besonderen Boten geschickt hatte, sprach zu deutlich für den Ernst der Lage, daß er sich ohne Zögern fügen mußte.

»Welch' Zeit ist's denn eigentlich? fragte er nur.

– Elf Uhr sechsundvierzig Minuten,« antwortete Francis Gordon.

Tatsächlich zeigte die große Pendeluhr diese Zeit, während Onkel und Neffe einander sonst pünktlich um elf Uhr am Tische gegenübersaßen.

»Elf Uhr sechsundvierzig! rief Mr. Dean Forsyth, eine starke Unzufriedenheit heuchelnd, um seine Unruhe nicht zu verraten. Ich begreife nicht, daß Mitz sich so vergessen kann!

– Aber, liebster Onkel, das war vorhin schon das dritte Mal, daß wir hier an die Tür gepocht hatten.«

Ohne weiter zu antworten, ging Mr. Dean Forsyth die Treppe hinunter, während Omikron, der sonstge wöhnlich den Tisch besorgte, oben zurückblieb, um eine Wiederkehr des Sonnenscheins nicht zu verfehlen.

Der Onkel und der Neffe traten ins Speisezimmer ein.

Mitz befand sich darin. Sie sah ihren Herrn, der den Kopf sinken ließ, scharf an.

»Nun... und Freund Krone? fragte sie, denn so sprach sie (franz. Ami Krone. Der Übersetzer) den fünften Vokal des griechischen Alphabetes aus.

– Der ist noch im Turmzimmer beschäftigt, antwortete Francis Gordon. Wir werden heute schon einmal ohne ihn auskommen.

– Mit Vergnügen! erklärte Mitz nicht gerade seinen Tones. Der mag in seinem Observatorium bleiben, so lange es ihm gefällt; da wird hier alles besser klappen als mit diesem Tolpatsch erster Klasse!«

Das Frühstück nahm seinen Anfang... die Munde öffneten sich aber nur, um zu essen. Mitz, die sonst, wenn sie die Gerichte brachte oder die Teller wechselte, gern ein wenig schwätzte, öffnete heute niemals das Gehege ihrer Zähne. Dieses Schweigen wurde bedrückend, der Zwang lästig. Um dem ein Ende zu machen, fragte Francis Gordon – nur um etwas zu sagen –:

»Bist du mit deinem heutigen Vormittag zufrieden, lieber Onkel?

– Nein, erwiderte Dean Forsyth. Der Zustand des Himmels war nicht günstig, und dieses Beobachtungshindernis hat mich heute besonders geärgert.

– Hattest du etwa eine astronomische Entdeckung in Aussicht?

– Ich glaube ja, Francis. Ich kann darüber aber nicht eher etwas Bestimmtes sagen, als bis eine neue Beobachtung...

– Da haben wir's ja, Herr Forsyth, unterbrach ihn Mitz trocken, was Sie nun schon acht Tage so in Bann hält, daß Sie in Ihrem Turm bald anwachsen werden, und das Sie die Nacht aus den Federn jagt. Jawohl, die letzte Nacht dreimal, ich hab' es ganz gut gehört, ich habe, Gott sei Dank, keinen Wattepfropfen in den Ohren! setzte sie als Antwort auf eine Geste ihres Herrn hinzu, um zu verstehen zu geben, daß sie keineswegs taub wäre.

– Ja ja, so ist es, meine brave Mitz,« stimmte ihr Dean Forsyth versöhnlichen Tones bei.

Vergebliche Liebesmüh.

»Eine ›astrokomische‹ Entdeckung! rief die würdige Dienerin voller Entrüstung. Und wenn Sie nun dabei tüchtig heruntergekommen sind, wenn Sie sich von dem Sitzen vor Ihren »Schläuchen« einen Buckel und vielleicht eine gehörige Kurzatmigkeit zugezogen haben, die... ja, da werden Sie eine hübsche Figur spielen! Oder kommen dann etwa Ihre Sterne herunter, Ihnen zu helfen, und verordnet Ihnen der Doktor vielleicht, sie als Pillen zu verschlucken?«

Schon aus dem Ton der ersten Worte dieser Standrede erkannte Dean Forsyth, daß es besser sei, nicht darauf zu antworten. Er aß also schweigend weiter, aber so zerstreut, daß er manchmal sein Glas für seinen Teller hielt und umgekehrt.

Francis Gordon gab sich alle erdenkliche Mühe, ein Gespräch im Gange zu erhalten, es war jedoch, als ob er nur der Wüste etwas vorpredigte. Sein Onkel saß finster da und schien ihn überhaupt nicht zu hören. So ergriff er den Ausweg, vom Wetter zu reden. Wenn man nichts Gescheites mehr zu sagen weiß, so spricht man eben vom Wetter, wie es gewesen ist, wie es eben ist und wie es sich gestalten wird. Das ist ja ein unerschöpfliches Thema, bei dem auch der Beschränkteste mitreden kann. Hier kam noch dazu, daß sich Mr. Dean Forsyth für atmosphärische Fragen interessierte. In einem Augenblicke, wo dickere Wolken das Speisezimmer einmal noch mehr verdunkelten, hob er den Kopf in die Höhe, sah durchs Fenster und rief, während ihm die Gabel aus der Hand fiel:

»Werden sich diese verwünschten Wolken denn gar nicht einmal vom Himmel wegscheren, und wenn's auch nur um den Preis eines tüchtigen Platzregens wäre?

– Na... meiner Treu, nahm Mitz wieder das Wort, nach einer dreiwöchigen Dürre würde das doch der Erde recht wohl tun.

– Der Erde... der Erde! murmelte Mr. Dean Forsyth halblaut, aber so verächtlich vor sich hin, daß er sich folgende Antwort der alten Dienerin zuzog:

– Jawohl, der Erde, mein Herr Forsyth. Ich dächte, die wäre wenigstens ebensoviel wert wie der Himmel, von dem Sie nicht herabsteigen wollen... nicht einmal mehr zur Zeit des Frühstücks!

– Ereifern Sie sich nicht, meine ›gute Mitz‹,« sagte Francis Gordon fast bittend.

Vergeblich. Die gute Mitz war nicht in der Laune, sich so leicht umstimmen zu lassen.

»Ach was, hier gibt's gar keine ›gute Mitz‹, fuhr sie aufgeregt fort. Sie gucken sich ja nicht einmal den Mond genug an, sonst müßten Sie wissen, daß es im Frühling regnen muß. Wenn es im März nicht regnet, wann soll es denn dann regnen, frag' ich Sie?

– Lieber Onkel, lenkte der Neffe ein, es ist ja richtig, daß wir jetzt im März, am Anfange des Frühlings sind, und da muß man das Wetter ja nehmen, wie es eben ist. Bald kommt aber der Sommer, der wird dir einen reineren Himmel bescheren. Dann kannst du deine Arbeiten unter günstigeren Verhältnissen fortsetzen. Nur ein wenig Geduld, bester Onkel!

– Geduld... Geduld, Francis? entgegnete Mr. Dean Forsyth, dessen Stirn jetzt nicht weniger finster aussah, als der Himmel draußen, du sprichst von Geduld! Wenn er nun so weit fortgeht, daß man ihn nicht mehr sehen kann? Wenn er sich nun nicht wieder über dem Horizonte zeigt?

– Er? fiel hier Mitz ein. Welcher ›er‹ denn?«

Im gleichen Augenblick ließ sich aber die Stimme Omikrons vernehmen.

»Mister Forsyth!... Mister Forsyth!

– Da gibt's etwas Neues,« rief der Amateur-Astronom, stieß seinen Stuhl hastig zurück und eilte der Tür zu.

Noch hatte er diese nicht erreicht, als ein heller Strahl durchs Fenster drang und in tausend Lichtflimmern von den Gläsern und Flaschen auf dem Tische zurückstrahlte.

»Die Sonne... ah, die Sonne! jubelte Dean Forsyth, während er die Treppe hinaufstürmte.


– Herrgott im Himmel! rief Mitz, auf einen Stuhl niedersinkend. Da ist er nun weg, und wenn er erst wieder mit Krone da im Oberstübchen eingeschlossen ist, da soll ihn einmal einer rufen! Ebensogut könnte man den Wind im Sack fangen. Na, das Frühstück wird ja auch mit Hilfe des heiligen Geistes allein alle werden. Und alles das wegen der Sterne!«

Das polterte die vortreffliche Mitz in ihrer meist verdrehten Sprache hervor, obgleich ihr Herr sie nicht hören konnte. Hätte er sie hören können, so wäre übrigens ihr Redestrom auch so gut wie umsonst gewesen.

Außer Atem vom schnellen Steigen betrat Mr. Dean Forsyth sein Observatorium. Es war jetzt ein südwestlicher Wind aufgesprungen, der die Wolken mehr nach Osten hin trieb. Eine große aufgeklärte Stelle ließ schon bis zum Zenith den ganzen Teil des Himmels übersehen, wo das Meteor wahrgenommen worden war. Das Zimmer war jetzt von den Sonnenstrahlen hell erleuchtet.

»Nun, fragte Mr. Dean Forsyth, was gibt es?

– O, die Sonne ist da, antwortete Omikron, doch nicht für lange Zeit, denn von Westen ziehen schon wieder neue Wolken heran.

– Da ist keine Minute zu verlieren!« rief Dean Forsyth, der schon sein Fernrohr einstellte, während der Diener dasselbe mit dem Teleskop tat.

Etwa vierzig Minuten saßen sie eifrigst beschäftigt vor ihren Instrumenten. Geduldig und doch mit fieberhafter Hast drehten sie deren Stellschrauben, um sie immer in der gewünschten Richtung zu halten.

Und mit welch peinlicher Aufmerksamkeit durchsuchten sie alle Ecken und Winkel des eben sichtbaren Teiles des Himmelsgewölbes! Unter so und soviel gerader Aufsteigung und so und soviel seitlicher Abweichung war ihnen die Feuerkugel – offenbar auf geradestem Wege nach dem Zenith von Whaston – zuerst erschienen.

Jetzt war davon nichts, nichts zu entdecken! Nur die ganze wolkenfreie Fläche des Himmels, die doch für Meteore einen so prächtigen Promenadenplatz bildete! Kein leuchtendes Pünktchen in dieser Richtung! Keine Spur von einem Asteroiden!

»Nichts... gar nichts! sagte Mr. Dean Forsyth, während er sich über die Augen wischte, die von dem angestrengten Sehen mit Blut überfüllt waren.

– Nichts!« stammelte auch Omikron wie ein mitleidiges Echo.

Zu weiteren Beobachtungen war es jetzt schon zu spät. Heranziehende Wolken hatten den Himmel aufs neue bedeckt. Eine nochmalige Aufklärung war für heute wohl nicht zu erwarten. Sehr bald bildeten die Dunstballen nur noch eine einzige schmutziggraue Masse und sandten nachher einen feinen Regen herab. Da blieb nun, zum großen Kummer des Herrn und des Dieners, nichts weiter übrig, als auf jede Beobachtung zu verzichten.

»Und doch, sagte Omikron, sind wir dessen ganz sicher, daß wir ihn gesehen haben!

– Und ob wir dessen sicher sind!« rief Mr. Dean Forsyth, die Arme drohend zum Himmel erhebend.

Und in einem Tone, worin sich Unruhe und Eifersucht mischten, setzte er hinzu:

»Wir sind wohl unsrer Sacke ganz sicher; andre können ihn aber ebensogut wie wir bemerkt haben... wenn wir nicht doch nur die einzigen gewesen sind. Es fehlte nur noch, daß er ihn ebenfalls entdeckt hätte... er... dieser Sydney Hudelson!«

Drittes Kapitel
Worin von dem Doktor Sydney Hudelson, seiner Gattin Mrs. Flora Hudelson, sowie von Miß Jenny und Miß Loo, den beiden Töchtern der Genannten, die Rede ist.

»Wenn ihn der Intrigant, der Forsyth, nur nicht auch bemerkt hat! Nur der nicht?« So drückte sich am Morgen des 21. März der Doktor Sydney Hudelson in einem Selbstgespräch in der Einsamkeit seiner Arbeitsstube aus.

Der Mann war eigentlich Arzt; und wenn er in Whaston kaum als solcher tätig war, lag das daran, daß er es vorzog, seine Zeit und seine Intelligenz den weitschichtigsten und schwierigsten Problemen zu widmen. Ein Busenfreund Dean Forsyths, war er doch gleichzeitig dessen Rival. Von der gleichen Leidenschaft erfüllt, hatte er, wie jener, für nichts andres Sinn als für die Unendlichkeit des Himmels, ganz wie sein Freund scheute er keine Mühe, die astronomischen Rätsel des Universums zu entziffern.

Der Doktor Hudelson besaß ein hübsches Vermögen, das zum Teil von ihm selbst, zum Teil von Mrs. Hudelson, einer gebornen Flora Clarish, herrührte. Verständig verwaltet, genügte es, die Zukunft der Ehegatten und ihrer beiden Töchter Jenny und Loo, die jetzt die eine achtzehn, die andre vierzehn Jahre alt waren, voraussichtlich zu sichern. Was den Doktor selbst betrifft, würde man bezüglich seines Alters schöngeistig ausgedrückt zu sagen haben, daß bereits der Schnee von siebenundvierzig Wintern auf seinem Haupte schimmerte. Dieses schöne Bild wäre nur hier unpassend, weil der Doktor Hudelson so kahl war, daß er mit keinem Messer, keiner Schere eines Figaro etwas zu schaffen hatte.

Die unausgesprochen bestehende astronomische Rivalität zwischen Sydney Hudelson und Dean Forsyth störte auch einigermaßen das gegenseitige Verhältnis ihrer beiden, sonst so freundschaftlich verbundenen Familien. Die beiden Männer stritten übrigens nicht um den oder jenen Planeten oder Fixstern, denn die Gestirne des Himmels, deren erste Entdecker meist unbekannt sind, sind ja sozusagen Gemeingut der ganzen Welt, es kam aber nicht so selten vor, daß ihre meteorologischen oder astronomischen Beobachtungen zum Gegenstand eines lebhaften Meinungsaustausches wurden, der zuweilen sogar fast in Streitigkeiten ausartete.

Was solche Zwistigkeiten noch hätte verschlimmern, sogar selbst hervorrufen und zu beklagenswerten Auftritten führen können, wäre eine Frau Forsyth gewesen. Zum Glücke existierte eine solche Dame aber nicht, da der, der sie hätte geehelicht haben müssen, Junggeselle geblieben und überhaupt niemals auf den Gedanken gekommen war, sich zu verheiraten. Es gab also keine Frau Dean Forsyth, die unter dem Vorwand der Versöhnung die Sachen hätte verschlimmern können, und folglich war alle Aussicht vorhanden, daß kleine Zerwürfnisse zwischen den beiden Astronomen bald eine friedliche Beilegung finden könnten.

Freilich gab es anderseits eine Mrs. Flora Hudelson. Das war aber eine vortreffliche Frau, eine vortreffliche Mutter und ebenso eine vortreffliche Hausfrau, dazu eine höchst friedliche Natur, unfähig jeder übeln Nachrede über andre, eine Frau, die nicht unter Lästerungen frühstückte und unter Verleumdungen zu Mittag aß, wie so viele Damen der höheren Stände in den verschiedenen Gesellschaften der Alten und der Neuen Welt.

Noch mehr: Dieses Musterbild von Ehegattin bemühte sich auch ernstlich, ihren Herrn und Gemahl zu besänftigen, wenn dieser mit vor Erregung rotem Kopfe von einer Auseinandersetzung mit seinem intimen Freunde Forsyth nach Laufe kam. Außerdem fand es Mrs. Hudelson ganz natürlich, daß ihr Mann sich mit Astronomie beschäftigte und daß er in den Tiefen des Firmaments lebte, sobald er von da nur herniederstieg, wenn sie ihn darum ersuchte. Weit entfernt, es Mitz gleich zu tun, die ihren Herrn geradezu plagte, belästigte sie ihren Gatten in keiner Weise. Sie ertrug es, daß er zur Essenszeit auf sich warten ließ. Sie schmollte nicht, auch wenn er sehr spät zu Tisch kam, sondern bemühte sich vielmehr, die Speisen in bestem Zustand für ihn zu erhalten. Sie respektierte seine Zugeknöpftheit, wenn er in Gedanken war. Sie beunruhigte wohl auch sich selbst wegen seiner Arbeiten und das gute Herz diktierte ihr aufmunternde Worte, wenn der Astronom sich in unbegrenzte Fernen so weit verirrte, daß er den Rückgang nicht wieder fand.

Kurz: Das war eine Frau, wie wir sie allen Männern wünschen, vorzüglich wenn diese Astronomen sind. Leider gibt es solche Musterfrauen gewöhnlich nur in Romanen.

Jenny, ihre älteste Tochter, versprach in die Fußstapfen der Mutter zu treten und denselben Lebensweg wie diese einzuhalten. Offenbar war Francis Gordon, der zukünftige Gatte Jenny Hudelsons, bestimmt, einer der glücklichsten Ehemänner zu werden. Ohne die amerikanischen Damen herabsetzen zu wollen, muß man doch sagen, daß es Mühe kosten würde, in ganz Amerika ein reizenderes, anziehenderes, mehr mit allen guten menschlichen Eigenschaften ausgestattetes junges Mädchen als Jenny Hudelson zu finden. Sie war eine liebenswürdige Blondine mit blauen Augen, frischem Teint, hübschen Händen, niedlichen Füßchen und von schlanker Gestalt, und von Natur mit ebensoviel Grazie wie Bescheidenheit, mit ebensoviel Güte wie Verstand beschenkt. Francis Gordon schätzte sie auch nicht weniger, als sie diesen. Mr. Dean Forsyths Neffe erfreute sich überdies der Hochachtung der Familie Hudelson, einer gegenseitigen Wertschätzung, die bald in Gestalt eines – gern angenommenen – Heiratsantrages zutage trat. Die beiden jungen Leute paßten ja so gut zueinander. Jenny würde mit ihren vortrefflichen Eigenschaften das Glück in den neuen Hausstand mitbringen. Francis Gordon würde von dem ihm einst zufallenden Vermögen des Onkels schon jetzt reichlich bedacht werden. Doch ziehen wir einen Schleier über diese Zukunftsbilder. Vorläufig haben wir es mit der Gegenwart zu tun, die ja alle Vorbedingungen wolkenlosen Glücks erfüllt.

Francis Gordon war also der Verlobte Jenny Hudelsons, Jenny Hudelson die Verlobte Francis Gordons, und die Trauung, die man nicht so lange hinauszuschieben gedachte, sollte in der Kirche Saint-Andrew, der Hauptkirche der glücklichen Stadt Whaston, vom Reverend O'Garth vollzogen werden.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieser Feierlichkeit eine große Zahl Teilnehmer zuströmen werden, denn die beiden Familien genießen wegen ihrer Ehrenhaftigkeit überall eine unbegrenzte Hochachtung; ebenso sicher ist es, daß die Lustigste, Lebhafteste an diesem Tage die niedliche Loo sein wird, die bei ihrer geliebten Schwester als Ehrenjungfrau dienen wird. Sie zählt noch nicht ganz fünfzehn Sommer, hat also ein Recht darauf, jung zu sein. Und davon wird sie Gebrauch machen, das bedarf kaum der Versicherung. Sie ist immer und ewig, leiblich und geistig, in Bewegung, ein Schalk, der sich nicht geniert, über »des Papas Planeten« zu scherzen. Man vergibt dem Wildfang aber alles. Der Doktor Hudelson ist der erste, der über sein Töchterlein lacht und ihr als einzige Strafe... einen Kuß auf die frischen Wangen drückt.

Mr. Hudelson war im Grunde ein kreuzbraver Mann, nur etwas starrsinnig und ziemlich empfindlich. Außer Loo, deren unschuldige Späße er übersah, respektierte jeder seine Liebhabereien und seine Gewohnheiten. Sehr ergeben seinen astronomischen und meteorologischen Studien, recht klar in seinen Demonstrationen und eifersüchtig auf jede Entdeckung, die er machte oder gemacht zu haben glaubte, blieb er doch bei seiner aufrichtigen Neigung für Dean Forsyth der Freund eines so furchtbaren Rivalen. Zwei Jäger auf demselben Felde, die einander ein seltenes Stück Wild streitig machen. Vielmals war daraus eine gewisse Erkältung entstanden, die sich zu wirklichen Streitigkeiten zu verschlimmern drohte, wenn nicht die besänftigende Vermittlung der Mrs. Hudelson gewesen wäre, die übrigens bei ihrem Versöhnungswerke von ihren beiden Töchtern und Francis Gordon wacker unterstützt wurde. Das friedliche Quartett setzte seine beste Hoffnung zur Ausschaltung aller Scharmützel auf die geplante Vereinigung der Verlobten. Wenn die Verheiratung Francis Gordons und Jennys die beiden Familien noch enger miteinander verbunden haben würde, würden ja auch jene vorübergehenden Gewitter noch seltener und weniger schlimm werden. Wer weiß sogar, ob die zu herzlicher Zusammenarbeit vereinigten Liebhaber-Astronomen dann ihre astronomische Forschung nicht vielleicht gar vereinigt betrieben. Dann konnten sie sich ja gleichmäßig in das auf dem weiten Felde des Himmels entdeckte, wenn auch nicht erlegte Wild teilen.

Das Haus des Doktor Hudelson war eins der hübschesten Gebäude, und eins, das besser instand gehalten gewesen wäre, hätte man in Whaston wohl vergeblich gesucht. Das reizende Wohnhaus zwischen Hof und Garten mit schönen Bäumen und grünen Rasenflächen lag fast in der Mitte der Morrißstraße. Es bestand aus einem Erdgeschoß und einem Oberstock mit sieben Fenstern Front. An der linken Seite des Daches ragte darüber eine Art viereckiger, gegen dreißig Meter hoher Wartturm empor, der mit einer Terrasse mit Geländer endigte. An dessen einer Ecke erhob sich eine Flaggenstange, an der an Sonn- und Festtagen die Flagge mit den einundfünfzig Sternen der Vereinigten Staaten von Amerika gehißt wurde.


Das oberste Zimmer dieses Turmes war für die speziellen Arbeiten des Besitzers bestimmt. Hier standen die Instrumente des Doktors, die Fernrohre und Teleskope, wenn er die transportabeln darunter in einer schönen Nacht nicht nach der Plattform darüber schaffte, von der aus er den ganzen Himmelsdom ungehindert übersehen konnte. Hier war es, wo sich der Doktor, taub für alle Warnungen der Mrs. Hudelson, oft den schönsten Schnupfen oder die vollendetste Grippe holte.

»Wenn nur der Papa, pflegte Miß Loo gern zu sagen, nicht gar seine Planeten mit einem regelrechten Schnupfen ansteckt!«

Der Doktor hörte jedoch auf nichts; er trotzte zuweilen den sieben bis acht Zentigraden unter Null in den eisigen Winternächten, wo das Firmament besonders klar war.

Von dem Observatorium des Hauses in der Morrißstraße konnte man den Turm des Hauses in der Elisabethstraße bequem sehen. Nur etwa dreiviertel Kilometer trennten beide, und zwischen ihnen erhob sich kein Bauwerk oder breitete ein größerer Baum seine Äste aus.

Ohne sich eines weittragenden Teleskops zu bedienen, erkannte man schon mit einem guten Theaterglase ganz leicht die Personen, die sich auf dem einen oder dem andern Turm aufhielten. Dean Forsyth hatte freilich anders zu tun, als nach Sydney Hudelson auszulugen, und Sydney Hudelson hätte gewiß niemals seine Zeit damit verlieren wollen, daß er sich nach Dean Forsyth umsah. Ihre Beobachtungen richteten sich höher, weit höher hinaus. Sehr natürlich war es dagegen, daß Francis Gordon oft sehen wollte, ob Jenny sich auf der Terrasse befände, und oft sprachen beider Augen in diesem Falle zärtlich miteinander. Darin ist ja wohl nichts Schlimmes zu finden.


Es wäre ja leicht gewesen, zwischen den beiden Häusern eine telegraphische oder telephonische Verbindung herzustellen. Ein vom Wartturm zum andern Turm angelegter Draht hätte dann die zärtlichsten Worte von Francis Gordon an Jenny Hudelson und von dieser an ihren Verlobten übermittelt. Vielleicht wurde diese Lücke nach der Vereinigung des Brautpaares noch ausgefüllt: nach der ehelichen auch die elektrische Verbindung, um die beiden Familien noch enger miteinander zu verknüpfen.

Am Nachmittage desselben Tages, wo die vortreffliche, aber zanksüchtige Mitz eine Probe ihrer Zungenfertigkeit abgelegt hatte, machte Francis Gordon seinen gewohnten Besuch bei Mrs. Hudelson und ihren Töchtern... »und ihrer Tochter, das bitt' ich mir aus!« berichtigte ihn Loo in komischer Entrüstung. Hier wurde er, man kann sich nicht anders ausdrücken, empfangen, als ob er der Gott des Hauses wäre. Jennys Ehemann war er zwar noch nicht – zugegeben, Loo verlangte aber, daß er ihr gegenüber schon gleich einem Bruder wäre, und was sich in diesem kleinen Gehirn festgesetzt hatte, das ließ sich daraus nicht wieder verscheuchen.

Was den Doktor Hudelson betrifft, saß dieser seit vier Stunden in seinem Turmzimmer wie eingemauert. Nachdem er, ganz wie Dean Forsyth, zum Frühstück zu spät erschienen war, hatte er sich eilends – wieder ganz so wie Dean Forsyth – nach der obern Plattform begeben, als die Sonne für kurze Zeit aus den Wolken hervorgetreten war. Nicht weniger beschäftigt als sein Rival, schien er keine Lust zu spüren, wieder hinunterzugehen.

Und doch war es unmöglich, ohne ihn die wichtige Frage zu entscheiden, über die heute in einem Familienrate verhandelt werden sollte.

»Heda, rief Loo, als der junge Mann kaum über die Schwelle des Zimmers gekommen war, da ist ja der Herr Francis, der unausbleibliche Herr Francis! Auf mein Wort, man sieht hier gar niemand mehr als ihn!«

Francis Gordon begnügte sich, dem Mägdlein mit der Fingerspitze zu drohen, und als sich alle gesetzt hatten, begann das Gespräch wie immer in einfachem, herzenswarmem Tone.

Es sah dabei fast aus, als wäre man seit gestern gar nicht getrennt gewesen, und in ihren Gedanken lebten ja wenigstens die beiden Verlobten immer beieinander. Miß Loo behauptete sogar, der »unausbleibliche Francis« wäre stets im Hause, denn wenn er das durch die Tür nach der Straße zu verlassen scheine, schlüpfe er durch die vom Garten her wieder herein.

Man plauderte heute von dem, wovon man immer sprach. Jenny horchte auf das, was Francis sagte, mit größtem Ernste, der ihr doch nichts von ihrem Liebreiz raubte. Mrs. Hudelson versprach, sich das Haus anzusehen, und wenn es für die spätern Bewohner geeignet erschien, sollte es baldigst gemietet werden. Selbstverständlich würde Loo ihre Mutter und ihre Schwester bei dieser Besichtigung begleiten. Sie hätte nimmermehr zugegeben, daß man dabei von ihrem Rate abgesehen hätte.

»Ja... was ich sagen wollte, rief sie plötzlich, wie steht das mit Mister Forsyth? Wird er denn heute nicht hierher kommen?

– Mein Onkel kommt erst um vier Uhr, antwortete Francis Gordon.

– Seine Anwesenheit ist aber für die heute zu entscheidende Frage unentbehrlich, bemerkte Mrs. Hudelson.

– Nun, wenn er ausbliebe, warf Loo mit einer drohenden Handbewegung ein, dann bekäme er's mit mir zu tun und da würde er nicht leichten Kaufs davonkommen!

– Wo ist aber Mister Hudelson? fragte Francis. Wir brauchen ihn hier doch ebenso nötig wie meinen Onkel.

– Der Vater sitzt oben in seinem Turme, sagte Jenny. Wenn ihn jemand riefe, würde er gewiß sofort herunterkommen.

– Das will ich auf mich nehmen, erbot sich Loo. Ich springe die sechs Stockwerke schnell hinaus.«

In der Tat war es unumgänglich, daß Mr. Forsyth und Mr. Hudelson sich hier einfanden. Handelte es sich doch darum, den Tag für die Trauung zu bestimmen. Daß die Hochzeit bald gefeiert werden sollte, darüber war man wohl einig... doch unter der Bedingung, daß das schöne Festkleid der jungen Brautjungfer – ein langes Kleid, wie es erwachsene Damen tragen und das Loo an dem denkwürdigen Tage einweihen wollte – fertig geworden wäre.

In bezug hierauf erlaubte sich Francis auch die scherzhafte Bemerkung:

»Ja, wenn sie nun aber noch nicht vollendet ist, die berühmte Robe?

– Dann, erklärte das herrische Persönchen, dann wird die Hochzeit einfach verschoben!«

Dieser Antwort folgte ein so herzliches lautes Lachen, daß es Mr. Hudelson oben in seinem Wartturme jedenfalls hören mußte.

Der Zeiger der Uhr schlich inzwischen über alle Minutenstriche des Zifferblattes hin, Mr. Dean Forsyth erschien aber nicht. Loo mochte sich noch so weit aus dem Fenster, von dem aus der Eingang zum Hause zu übersehen war, hinausbiegen... kein Mr. Forsyth ließ sich entdecken. Man mußte sich also mit Geduld wappnen, mit einer Waffe, die Loo nicht im geringsten zu handhaben verstand.

»Mein Onkel hat mir zwar fest versprochen, hierher zu kommen, erklärte Francis Gordon, ich weiß aber gar nicht, was er seit einigen Tagen haben mag.

– Mister Forsyth ist doch hoffentlich nicht unwohl? fragte Jenny.

– Nein... aber so sorgenvoll... so nachdenklich. Man kann ihm keine zehn Worte entlocken. Ich weiß nicht, was ihm durch den Kopf gehen mag.

– Wahrscheinlich eine Sternschnuppe! rief das drollige Mädchen.

– Mit meinem Manne liegt es nicht anders, nahm da Mrs. Hudelson das Wort. Seit einer Woche ist er tiefsinniger als je. Man kann ihn gar nicht mehr aus seinem Observatorium herausbringen. Wahrscheinlich wird am Himmel ein ganz außergewöhnliches Ereignis zu beobachten sein.

– Wahrhaftig, fiel Francis ein, das möchte ich nach dem Verhalten meines Onkels ebenfalls glauben. Er geht nicht mehr aus, schläft nicht mehr, ißt und trinkt kaum noch und verpaßt wenigstens die Essenszeit –

– Da wird sich Mitz ja heidenmäßig freuen! warf Loo ein.

– Die... die wütet geradezu, es hilft ihr nur nichts. Mein Onkel, der früher die Standreden seiner alten Haushälterin fürchtete, hört jetzt gar nicht mehr darauf.

– Ganz wie hier bei uns, meinte Jenny lächelnd. Meine Schwester hat ihren Einfluß auf Papa gänzlich verloren, und wie groß war der bisher!

– Ist das menschenmöglich, Fräulein Loo? fragte Francis in demselben Tone.

– Ja, es ist leider nur zu wahr! erwiderte das Mägdlein. Doch Geduld... nur Geduld! Mitz und ich, wir werden schließlich doch mit dem Vater und dem Onkel fertig werden!

– Was kann denn aber beiden widerfahren sein? fuhr Jenny fort.

– Ach, da wird sich wohl irgend ein kostbarer Planet verlaufen haben, ruf Loo. Na, wenn sie ihn nur noch vor der Hochzeit wiederfinden!

– Wir scherzen hier so leichthin, nahm jetzt Mrs. Hudelson wieder das Wort, und Mister Forsyth erscheint immer noch nicht.

– Ja, eben hat es schon halb fünf geschlagen, bemerkte Jenny.

– Wenn mein Onkel binnen fünf Minuten noch nicht hier ist, werde ich ihn holen,« versprach Francis Gordon.


Im gleichen Augenblicke ertönte aber die Haustürklingel.

»Da... das ist Mister Forsyth, versicherte Loo. Hört nur, er klingelt immer weiter. Das ist ja das reine Glockenspiel! Ich wette darauf, daß er wohl einen Kometen fliegen hört, doch nichts davon, daß er hier klingelt.«

Wirklich war es Mr. Forsyth. Er trat auch gleich darauf in das Zimmer, wo Loo ihn mit lebhaften Vorwürfen empfing.

»Nachzügler!... Nachzügler!... Sie legen's wohl darauf an, daß man auf Sie böse wird?

– Guten Tag, Mistreß Hudelson!... Guten Tag, liebe Jenny, sagte Nr. Forsyth, der das junge Mädchen in die Arme schloß, und auch hier einen Guten Tag,« fuhr er fort, die Wangen des kleinern Mädchens streichelnd.

Diese Begrüßungen erfolgten aber alle mit sehr zerstreutem Aussehen. Wie Loo angenommen hatte: Mr. Dean Forsyth hatte unbedingt, wie man sagt, »den Kopf wo anders«.

»Lieber Onkel, wendete sich jetzt Francis Gordon an ihn, da wir dich nicht zur verabredeten Stunde erscheinen sahen, nahm ich an, daß du unsre Zusammenkunft ganz vergessen hättest.

– Nicht ganz, doch, ich gesteh' es – ein wenig, und das bitte ich zu entschuldigen. Zum Glück hat mich Mitz in bekannter Weise an meine Verpflichtung erinnert.

– Und daran hat sie wohlgetan! erklärte Loo.

– Schonen Sie mich ein bißchen, kleine Miß!... Eine ernsthafte Beschäftigung... ich stehe vielleicht am Vorabend einer der interessantesten Entdeckungen.

– Ja natürlich!... Ganz wie Papa.

– Was! rief Mr. Dean Forsyth, der mit einem Satze aufsprang, als ob er von einer starken Feder in seinem Stuhle emporgeschnellt würde, Sie sagen, daß der Doktor...

– Wir sagen gar nichts, bester Herr Forsyth,« beeilte sich Mrs. Hudelson einzuwerfen, da sie immer, und nicht ohne Grund, befürchtete, daß hier eine neue Veranlassung zu einer Rivalität zwischen ihrem Gatten und dem Onkel Francis Gordons verborgen liegen könnte.

Dann setzte sie, um weitere Erörterungen abzuschneiden, hinzu:

»Loo, hole nun deinen Vater.«

Leicht wie ein Vogel eilte das Mägdlein nach dem Turme, und wenn sie hier die Treppe benutzte, statt durchs Fenster zu fliegen, geschah das nur, weil sie sich ihrer Flügel nicht bedienen wollte.

Eine Minute später erschien Mr. Sydney Hudelson im Zimmer, aber mit sehr ernstem Gesicht, ermüdetem Auge und mit so stark gerötetem Kopfe, daß man einen ihn bedrohenden Schlaganfall befürchten konnte.

Mr. Dean Forsyth und er wechselten einen leichten Händedruck, während beide einander mit verstohlenem Blicke auszukundschaften suchten. Sie sahen einander an, als ob einer dem andern nicht recht über den Weg traute.

Die beiden Familien waren ja heute aber hier nur zusammengekommen, um den Tag für die Hochzeit oder – um die Ausdrucksweise Loos zu gebrauchen – den für die Vereinigung der Gestirne Francis und Jenny zu bestimmen. Von andern Dingen sollte heute keine Rede sein.

Alle waren darüber einig, daß die Feierlichkeit nach möglichst kurzer Frist vor sich gehen sollte, und so dauerte denn die Verhandlung nicht gerade lange.

Ob ihr wohl Mr. Dean Forsyth und Mr. Hudelson mit besondrer Aufmerksamkeit gefolgt waren? Nein, man konnte vielmehr glauben, daß sie auf der Verfolgung irgend eines im Weltraum verschwundenen Asteroiden begriffen wären, wobei sich jeder von ihnen fragte, ob nicht der andre nahe daran sei, ihn wiederzufinden.

Jedenfalls erhoben sie keinen Widerspruch, daß die Hochzeit nach wenigen Wochen stattfinden sollte. Heute war der 21. März; in Aussicht genommen wurde der 15. Mai.

Wenn man sich ein wenig beeilte, war bis dahin Zeit genug, die neue Hauswirtschaft einzurichten.

»Jawohl, und mein neues Kleid fertig zu machen,« setzte Loo mit der ernsthaftesten Miene der Welt hinzu.

Viertes Kapitel
Worin zwei Breife – ein an die Sternwarte in Pittsburg und ein an die Sternwarte von Cincinnati gerichteter – in die Akten über Feuerkugeln aufgenommen werden.

An den Herrn Direktor der Sternwarte

in Pittsburg (Pennsylvanien).

Whaston, am 24. März....

»Geehrter Herr Direktor!

Ich erlaube mir, Ihnen folgende Tatsache, die für die astronomische Wissenschaft von hohem Interesse sein dürfte, zu unterbreiten: Am Vormittage des 16. März d. J. habe ich ein Meteor entdeckt, das mit beträchtlicher Geschwindigkeit über die nördliche Hälfte des Himmels zog. Seine, deutlich nordsüdliche Bahn machte mit dem Meridian einen Winkel von 3°31', den es mir mit aller Genauigkeit zu messen gelang. Es war um sieben Uhr siebenunddreißig Minuten und zwanzig Sekunden, wo es im Objektiv meines Fernrohrs sichtbar wurde, und um sieben Uhr siebenunddreißig Minuten und siebenundzwanzig Sekunden, wo es schon verschwand. Seitdem ist es mir trotz der eingehendsten Nachforschung nicht gelungen, es wieder zu finden. Deshalb bitte ich Sie, von dieser Beobachtung Notiz zu nehmen und mir den Empfang des vorliegenden Briefes zu bescheinigen, der mir, wenn das erwähnte Meteor nochmals sichtbar werden sollte, die Priorität dieser wertvollen Entdeckung sichern würde.

Gestatten Sie, Herr Direktor, die Versicherung meiner größten Hochachtung, mit der ich mich unterzeichne als

Ihren ergebensten

Dean Forsyth.«

(Elisabethstraße.)

»Dem Herrn Direktor der Sternwarte

von Cincinnati (Ohio).

Whaston, am 24. März....

Am Morgen des 16. März a. c. zwischen sieben Uhr siebenunddreißig Minuten zwanzig Sekunden und sieben Uhr siebenunddreißig Minuten neunundzwanzig Sekunden hatte ich das Glück, ein neues Meteor zu entdecken, das über die Nordhälfte des Himmels von Norden nach Süden flog, wobei seine scheinbare Richtung einen Winkel von 3°31' machte. Seit diesem Zeitpunkte habe ich die weitere Bahn des betreffenden Meteors nicht mehr aufspüren können. Wenn es aber, woran ich nicht zweifle, über unsern Horizont zurückkehrt, erscheint es mir gerecht, als der Urheber dieser Entdeckung angesehen zu werden, die in den astronomischen Annalen unsrer Zeit verzeichnet zu werden verdient. Im Hinblicke hierauf habe ich mir die Freiheit erlaubt, den vorliegenden Brief an Sie abzusenden, und ich bitte Sie hiermit, mir dessen richtigen Empfang zu bescheinigen.

Gestatten Sie mir, Herr Direktor, mit meinem ergebensten Gruße die Versicherung meiner besonderen Hochachtung.

Dr. Sydney Hudelson.«

17, Morrißstraße.

Fünftes Kapitel
Worin Mr. Dean Forsyth und der Doktor Sydney Hudelson trotz ihrer Bemühung etwas Weiteres über ihr Meteor doch nur aus den Tageszeitungen erfahren.

Auf die beiden vorstehenden Briefe, die eingeschrieben und dreimal versiegelt an die Adresse der Direktoren der Sternwarten von Pittsburg und Cincinnati abgesendet worden waren, sollte die Antwort nur in einer Mitteilung über deren Eingang und ihre Eintragung in die betreffenden Akten bestehen. Mehr verlangten ja die Absender nicht. Beide rechneten darauf, das Meteor bald wieder zu finden. Daß dieses Asteroid sich in den Weltraum so weit verirrt haben sollte, daß es der Anziehungskraft der Erde entzogen bliebe und folglich in der sublunarischen Welt niemals wieder gesehen werden könnte, das wehrten sie sich zu glauben. Nein, den bestehenden Naturgesetzen unterworfen, mußte es über dem Horizont von Whaston wieder auftauchen, wo man es nochmals beobachten und anmelden, sowie seine Koordinaten bestimmen könnte, und worauf es dann auf den Namen seines berühmten Entdeckers getauft würde.

Ja, wer war aber dieser Entdecker? Eine sehr heikle Frage, deren Beantwortung auch einen weisen Salomo in Verlegenheit gesetzt hätte. Am Tage der Wiederkehr des Meteors würden ja zwei diese Ehre in Anspruch nehmen. Wenn Francis Gordon und Jenny Hudelson die Gefahr der gegenwärtigen Sachlage gekannt hätten, würden sie sicherlich den Himmel angefleht haben, es so zu gestalten, daß ihre Vereinigung vor dem Wiedererscheinen des unheildrohenden Meteors stattgefunden hätte.

Und ebenso sicher würden sich Mrs. Hudelson, Loo, Mitz und alle Freunde der beiden Familien ihrem Gebete angeschlossen haben.

Doch niemand wußte etwas, und trotz der zunehmenden Zerstreutheit der beiden Rivalen, die man wohl wahrnehmen, aber nicht erklären konnte, beunruhigte sich in dem Hause der Morrißstraße außer dem Doktor Hudelson kein Mensch über das, was in den Tiefen des Firmamentes vorging. Besorgnisse hatte niemand, dringende Beschäftigung jeder. Da waren Besuche zu empfangen und abzustatten, Einladungen auszusenden, Vorbereitungen zur Trauung und Auswahl vieler Geschenke zu treffen, alles Dinge, die nach der Ansicht der kleinen Loo den Arbeiten des Herkules vergleichbar waren und bei denen keine Stunde verloren werden durfte.

»Nun ja, wenn man seine erste Tochter verheiratet, da ist das eine große Aufgabe, sagte sie, da fehlt's noch an der Übung. Bei mir wird sich das später ganz allein machen.

– Oho, erwiderte Francis Gordon, sollte unser Fräulein Loo schon ans Heiraten denken? Wer ist denn der glückliche Sterbliche?

– Bekümmern Sie sich darum, meine Schwester zu freien, gab ihm das Mägdlein zurück, das nimmt schon Ihre ganze Zeit in Anspruch. Mischen Sie sich aber nicht in Dinge, die mich angehen!«

Ihrem Versprechen gemäß begab sich Mrs. Hudelson nach dem Hause in der Lambethstraße. Was den Doktor betraf, wäre es töricht gewesen, auf ihn zu rechnen.

»Was du tust, wird ja gut sein, liebe Flora, ich verlasse mich ganz auf dich, hatte er auf die Aufforderung, die zukünftige Wohnung des jungen Ehepaares zu besichtigen, geantwortet. Übrigens geht das doch vor allem Francis und Jenny an.

– Aber, Papa, sagte Loo, denkst du denn auch nicht am Hochzeitstage von deinem Turme herunterzukommen?

– O doch, Loo; das versteht sich.

– Und dich, deine Tochter am Arm, in der Saint-Andrew-Kirche zu zeigen?

– Natürlich, Loo, ganz gewiß.

– Und zwar in schwarzem Rock und weißer Weste, in schwarzen Beinkleidern und weißer Krawatte?

– Ja ja, Loo.

– Wirst du dich da nicht einmal entschließen können, deine Planeten zu vergessen, um der Traurede des Reverend O'Garth zu lauschen, die der jedenfalls tief erregt halten wird?

– Gewiß, Loo. So weit sind wir aber noch nicht. Und da der Himmel klar ist, was ja jetzt so selten vorkommt, so geht nur ohne mich.«

Mrs. Hudelson, Jenny, Loo und Francis Gordon ließen also den Doktor sich mit seinem Fernrohre und seinem Teleskop beschäftigen, während Mr. Dean Forsyth – das unterlag keinem Zweifel – in dem Turme der Elisabethstraße mit seinen Instrumenten dasselbe vornahm. Würde diese zweifache Hartnäckigkeit vielleicht ihren Lohn finden und das schon einmal gesehene Meteor, wär's auch nur eine Sekunde, vor dem Objektive der Apparate vorüberziehen?

Um zu dem Hause in der Lambethstraße zu gelangen, wendeten sich die vier »Inspizienten« die Morrißstraße hinunter und gingen über den Konstitutionsplatz, wo der liebenswürdige Richter John Proth die Gesellschaft begrüßte. Dann gingen sie – ganz wie es vor einigen Tagen Seth Stanfort getan hatte, als er Arcadia Walker erwartete – die Exeterstraße hinauf und kamen nun nach der Lambethstraße.

Darin war das gesuchte Haus eins der hübschesten und allen modernen Anforderungen entsprechend eingerichtet. An seiner Rückseite lagen ein Arbeitskabinett und ein Speisezimmer nach dem Garten zu, der zwar nicht groß, aber von laubreichen Buchen beschattet und mit herrlichen Blumenbeeten geschmückt war, worauf sich eben die ersten Frühlingsblumen entfalteten. Wirtschaftsräume und Küche waren nach angelsächsischer Mode im lustigen hohen Keller untergebracht.

Das Erdgeschoß bildete mehr eine erste Etage, und Jenny konnte ihren Verlobten nur beglückwünschen, eine so anheimelnde Wohnstätte gefunden zu haben. Mrs. Hudelson teilte völlig die Ansicht ihrer Tochter und erklärte, etwas Besseres würde auch in keinem andern Teile von Whaston zu finden sein.

Dieses schmeichelhafte Urteil erschien noch mehr gerechtfertigt, als man nach dem obersten Stockwerk des Hauses gekommen war. Hier befand sich eine mit Geländer umgebene große Terrasse, von der aus sich dem Auge ein herrliches Panorama bot. Man konnte von da aus den Potomac stromauf- und stromabwärts übersehen und über diesen hinaus auch noch den Flecken Steel erkennen, aus dem Miß Arcadia Walker gekommen war, als sie mit Seth Stanfort in Whaston zusammentraf.


Hier lag die ganze Stadt vor dem Blicke ausgebreitet mit den Glockentürmen ihrer Kirchen, den hohen Dächern der öffentlichen Gebäude und mit den grünenden Wipfeln fast zahlloser Bäume.

»Da ist der Konstitutionsplatz, rief Jenny, die sich eines Opernguckers bediente, der auf Anraten Gordons mitgenommen worden war, und dort die Morrißstraße... ich sehe auch unser Haus mit dem Turme und der darüber im Winde flatternden Fahne. Sieh – sieh, da ist jemand oben auf dem Turme.

– Natürlich der Papa! erklärte Loo ohne Zögern.

– Es kann ja kaum jemand anders als er sein, sagte Mrs. Hudelson.

– Er ist es bestimmt, versicherte das junge Mädchen, die sich ohne weiters des Opernguckers bemächtigt hatte. Ich erkenne ihn deutlich. Er sitzt vor seinem Fernrohre. Ihr könnt euch aber leicht überzeugen, daß ihm gar nicht der Gedanke kommt, es auf uns zu richten. Ja, wenn wir auf dein Monde wären!

– Da Sie Ihr Haus sehen können, Fräulein Loo, unterbrach sie Francis, so können Sie wahrscheinlich auch das meines Onkels sehen, nicht wahr?

– Jedenfalls, antwortete die Kleine, warten Sie, ich werde danach suchen, ich werde es ja leicht an seinem Turme erkennen. Es muß doch nach dieser Seite zu liegen. Halt! Richtig, da hab' ich es schon!«

Loo täuschte sich nicht... sie sah richtig das Haus Mr. Dean Forsyths.

»Auch da ist jemand auf dem Turme, fuhr sie nach kurzem Hinsehen fort.

– Sicherlich mein Onkel, meinte Francis.

– Er ist aber nicht allein.

– Ja ja, Omikron wird bei ihm sein.

– Was die beiden machen, danach braucht man nicht erst zu fragen, sagte Mrs. Hudelson.

– Doch dasselbe wie mein Vater«, setzte Jenny mit einem Anflug von Traurigkeit hinzu, denn die heimliche Rivalität zwischen Mr. Dean Forsyth und Mr. Hudelson erfüllte sie schon längst mit einer gewissen Unruhe.

Nach beendigter Umschau im Hause und nachdem Loo noch einmal ihre vollste Befriedigung darüber ausgesprochen hatte, kehrten Mrs. Hudelson, ihre zwei Töchter und Francis Gordon nach dem Hause in der Morrißstraße zurück. Schon am folgenden Tage sollte mit dem Eigentümer der Mietkontrakt abgeschlossen werden, und dann gedachte man sich mit der Anschaffung der nötigen Möbel zu beschäftigen, damit alles am 15. Mai in bestem Stande wäre.

Im Laufe dieser Zeit verloren Mr. Dean Forsyth und der Doktor Hudelson gewiß keine Stunde. Doch welche leibliche und geistige Erschöpfung kosteten ihnen die an allen klaren Tagen und in allen heiteren Nächten fortgesetzten Beobachtungen, das Nachsuchen nach ihrer Feuerkugel, die sich darauf versteifte, nicht wieder über dem Horizonte der Stadt aufzuleuchten!

Bisher verschwendeten die beiden Astronomen, trotz ihrer Beharrlichkeit, alle Mühe vergeblich. Weder am Tage noch in der Nacht hatte das Meteor bei einem Vorübergange über Whaston beobachtet werden können.

»Wird es überhaupt hier vorüberkommen? seufzte zuweilen Dean Forsyth, wenn er lange Zeit vor dem Okular seines Teleskops gesessen hatte.

– Das wird es, antwortete dann Omikron mit unerschütterlicher Zuversicht. Ja, ich möchte sagen: es geht schon hier vorüber.

– Warum sehen wir es dann aber nicht?

– Einfach, weil es jetzt unsichtbar ist.

– Das ist rein zum verzweifeln! stieß dann Dean Forsyth hervor. Doch wenn es für uns unsichtbar ist, wird's das auch für die ganze Erde sein... wenigstens für Whaston.

– Unzweifelhaft!« versicherte Omikron.

So sprachen der Herr und der Diener sich wiederholt aus, und ihre Worte hätte man, nur in der Form eines Monologs, ebenso von dem wegen seines Mißerfolges verzweifelten Doktor Hudelson wieder hören können.

Beide hatten von den Observatorien in Pittsburg und Cincinnati auf ihre Briefe Antwort erhalten. Man hatte dort die Mitteilung über das Auftauchen einer Feuerkugel am 16. März über der nördlichen Himmelshälfte von Whaston gebührend angemerkt. Dazu war noch geschrieben, daß es bisher unmöglich gewesen sei, den betreffenden Himmelskörper aufzufinden; Mr. Dean Forsyth und der Doktor Hudelson sollten aber sofort Nachricht erhalten, wenn er sich wieder zeigte.

Natürlich hatten die Direktoren der Sternwarten jeder für sich geantwortet; es war ihnen ja nicht bekannt, daß von zwei Amateur-Astronomen sich jeder die Ehre der Entdeckung zuschrieb und die der Priorität beanspruchte.

Nach dem Eingange dieser Antworten hätte man ja auf dem Turme der Elisabethstraße, wie auf dem der Morrißstraße auf weitere ermüdende Nachforschungen verzichten können. Die Sternwarten besaßen doch mächtigere und auch bessere Instrumente, und wenn jenes Meteor nicht ein kometenähnlicher Körper war, sondern sich in einer mehr geschlossenen Bahn bewegte, würde es mit den Fernrohren in Pittsburg und Cincinnati beim Vorübergange schon aufgefunden werden. Mr. Dean Forsyth und Mr. Sydney Hudelson hätten also gut daran getan, das weitere den beiden berühmten Anstalten zu überlassen.

Mr. Dean Forsyth und Mr. Sydney Hudelson waren aber nun einmal Astronomen, doch keine Philosophen, und so setzten sie denn ihre Arbeit unbeirrt fort, ja sie widmeten ihr jetzt womöglich noch mehr Eifer. Ohne einander etwas von ihren Gedanken zu verraten, hatten sie doch eine Ahnung davon, beide demselben Wild nachzustellen, und die Befürchtung, dabei einer vom andern überholt zu werden, verhinderte sie, auch nur einen Augenblick zu rasten. Die Eifersucht nagte ihnen am Herzen, und die beiden Familien litten nicht wenig wegen dieses Wetteifers.



Es lag auch Grund genug zur Beunruhigung vor. Ihre trüben Ahnungen verkörperten sich von Tag zu Tag mehr, und Mr. Dean Forsyth sowie der Doktor Hudelson, früher zwei so vertraute Freunde, überschritten keiner mehr die Schwelle des andern.

Das brachte die beiden Verlobten in eine recht peinliche Lage. Sie sahen einander ja trotzdem alle Tage, denn die Türe des Hauses in der Morrißstraße stand für Francis Gordon offen wie bisher. Mrs. Hudelson kam diesem immer mit demselben Vertrauen, derselben Freundlichkeit entgegen, sie fühlte aber recht wohl, daß der Doktor dessen Anwesenheit nur mit heimlichem Unwillen betrachtete. Es wirkte jetzt ganz anders als sonst, wenn Mr. Dean Forsyth erwähnt wurde: da wurde Sydney Hudelson erst ganz blaß, dann puterrot und seine Augen schossen Blitze, die er freilich bald durch das Niederschlagen der Lider verdeckte, und diese beklagenswerten Erscheinungen, die Folgen einer gegenseitigen Antipathie, hätte man ganz ebenso bei Mr. Dean Forsyth beobachten können.

Mrs. Hudelson hatte vergeblich versucht, die Ursache der Erkältung – noch mehr: dieser Aversion – kennen zu lernen, die zwischen den beiden alten Freunden eingetreten war. Ihr Gatte antwortete dann aber auf eine diesbezügliche Frage:

»Das ist unnütz! Du würdest es doch nicht verstehen; ich hätte mich aber eines solchen Benehmens seitens Forsyths nicht versehen!«

Welches Benehmens? Eine Erklärung hierüber war nicht zu erlangen. Selbst Loo, das verhätschelte Kind, wußte nichts. Sie hatte allerdings vorgeschlagen, Mr. Forsyth bis in seinen Turm hinauf aufzusuchen; Francis hatte ihr aber diesen kühnen Gedanken ausgeredet.

»Nein, ich hätte niemals geglaubt, daß Hudelson mir gegenüber eines solchen Benehmens fähig wäre!« so würde ohne Zweifel – ganz entsprechend der des Doktors – die einzige Antwort des Oheims Francis Gordons gelautet haben.

Einen Beweis dafür lieferte die Art und Weise, wie Mr. Dean Forsyth einmal Mitz abgefertigt hatte, als diese sich eine bezügliche Frage erlaubte.

»Kümmern Sie sich allein um Ihre eignen Angelegenheiten!« hatte er ihr trocknen, mürrischen Tones geantwortet.

Wenn es Mr. Dean Forsyth aber wagte, der »furchtbaren« Mitz so entgegenzutreten, mußte er dafür sehr schwerwiegende Gründe haben.

Mitz fühlte sich dadurch »bis auf die Knochen beleidigt« – um einen ihrer Kraftausdrücke zu gebrauchen – und sie versicherte, daß sie sich fast hätte »die Zunge abbeißen« müssen, um sich nicht gegen eine so unverantwortliche Zurechtweisung zu verteidigen. Ihr Urteil über ihren Herrn stand aber fest und sie machte auch kein Geheimnis daraus. Für sie war Mr. Forsyth ein Narr, was schon ganz einfach durch die unbequeme Lage bewiesen würde, die er einhalten mußte, wenn er durch seine Instrumente sah, vorzüglich wenn ihn Beobachtungen am Zenith zwangen, den Kopf übermäßig zurückzubeugen. Mitz nahm an, daß sich Mr. Forsyth durch diese Haltung etwas in der Wirbelsäule gebrochen haben müsse.

Niemals bleibt nun aber ein Geheimnis so sorgfältig bewahrt, daß nicht gelegentlich etwas davon durchsickerte. So erfuhr man denn schließlich durch eine kleine Indiskretion Omikrons, um was es sich hier handelte. Sein Herr hatte eine ganz außergewöhnliche Feuerkugel entdeckt und befürchtete, daß diese Entdeckung auch von dem Doktor Hudelson gemacht worden wäre.

Das war also die Ursache dieses lächerlichen Zwiespaltes! Ein Meteor, eine Feuerkugel, ein Aerolith, eine Sternschnuppe, ein Stein, vielleicht ein großer, aber doch nur ein Stein, ein simpler Kiesel, an dem der Hochzeitswagen für Francis und Jenny zu zerschellen drohte!

Loo genierte sich auch gar nicht, »alle Meteore und mit ihnen die gesamte Himmelsmechanik zum Teufel« zu wünschen.

Inzwischen verstrich die Zeit... Tag um Tag wich der März mehr zurück um dem April Platz zu machen. Bald nahte der für die Trauung festgesetzte Termin heran. Würde bis dahin aber nichts geschehen? Bisher ruhte jene beklagenswerte Rivalität nur auf Vermutungen, auf Hypothesen. Was würde aber die Folge sein, wenn ein unerwarteter Zwischenfall sie an den hellen Tag brachte, wenn die beiden Rivalen etwa in einem Streite aneinanderprallten?

Diese sehr begründeten Befürchtungen hatten die Vorbereitungen zur Hochzeit bisher noch nicht unterbrochen. Alles würde zu jenem Tage fertig sein, auch das schöne Kleid der mutwilligen Loo.

Die ersten vierzehn Tage des April verliefen unter abscheulichen Witterungsverhältnissen; mit Regen, Wind und einem Himmel, an dem dicke Wolken einander jagten. Die Sonne, die am Firmament schon einen hohen Bogen beschrieb, und der fast volle Mond, der die Erde mit seinen Strahlen hätte beleuchten können, ließen sich ebensowenig erblicken wie a fortiori das unauffindbare Meteor.

Mrs. Hudelson, Jenny und Francis Gordon hatten sich wegen der Unmöglichkeit jeder astronomischen Beobachtung gerade nicht zu beklagen, und selbst Loo, sonst eine Feindin des Windes und Regens, hätte sich jetzt über einen blauen Himmel nicht so aufrichtig gefreut wie über die Fortdauer des schlechten Wetters.

»Wenn's nur wenigstens bis zur Hochzeit anhält, rief sie, und man die nächsten drei Wochen keine Sonne, keinen Mond und nicht das winzigste Sternchen sieht!«

Zur großen Enttäuschung Loos änderte sich aber das Wetter und die atmosphärischen Verhältnisse schlugen in der Nacht vom 15. zum 16. ins Gegenteil um. Eine nördliche Brise vertrieb alle Dunstmassen und der Himmel zeigte sich bald in voller Reinheit.

Mr. Forsyth auf seinem Turme und der Doktor Hudelson auf dem seinigen gingen sofort wieder daran, das Firmament über Whaston vom Horizont bis zum Zenith abzusuchen.

Zog denn das Meteor jetzt vor ihren Fernrohren vorüber?... Das schien offenbar, nach den sauertöpfi schen Mienen der beiden Männer zu urteilen, nicht der Fall zu sein. Ihre gleichmäßig schlechte Laune deutete auf ein doppeltes und gleichmäßiges Mißgeschick. Diese Anschauung wäre auch richtig gewesen. Nein, Mr. Sydney Hudelson hatte am Himmel nichts gesehen, und Mr. Dean Forsyth auch nicht mehr.

Sollte es sich hierbei also wirklich um ein umherschweifendes Meteor handeln, das der Anziehungskraft der Erde für immer entwichen wäre?

Ein kleiner Artikel in den Journalen vom 19. April sollte sie hierüber aufklären.

Die von der Sternwarte in Boston ausgegangene Mitteilung hatte folgenden Wortlaut:

»Vorgestern, am Abend des 17. April, hat sich um neun Uhr und neunzehn Minuten neun Sekunden eine Feuerkugel von außergewöhnlicher Größe gezeigt, die über den westlichen Teil des Himmels mit ungeheurer Schnelligkeit hinflog.

Ein merkwürdiger Umstand, dazu angetan, der Eigenliebe der Stadt Whaston zu schmeicheln, war dabei der, daß dieses Meteor am gleichen Tage (am 16. März) und genau zur gleichen Zeit von zwei ihrer hervorragendsten Bürger entdeckt worden zu sein scheint.

Nach einer Mitteilung der Sternwarte in Pittsburg wäre dieser Himmelskörper der, dessen Erscheinen Mr. Dean Forsyth an diese gemeldet hatte, und nach der Sternwarte von Cincinnati derselbe, von dem bei dieser an demselben Tage von Doktor Sydney Hudelson eine völlig gleiche Meldung eingegangen war. Die Herren Dean Forsyth und Sydney Hudelson wohnen beide in Whaston, wo sie sich der größten Hochachtung ihrer Mitbürger erfreuen.«

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