Kitabı oxu: «Vom Wert des Lebens und der Freiheit»
Julian Nida-Rümelin
VOM WERT
DES LEBENS UND
DER FREIHEIT
Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich um freie, ohne Manuskript gehaltene Vorträge, die der Verlag Komplett-Media im Rahmen einer Hörbuchproduktion aufgezeichnet und transkribiert hat.
Originalausgabe
1. Auflage 2018
Verlag Komplett-Media GmbH
2018, München/Grünwald
www.komplett-media.de
ISBN (E-Book): 978-3-8312-6956-3
Lektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg
Korrektorat: Redaktionsbüro Julia Feldbaum, Augsburg
Umschlaggestaltung: X-Design, München
Satz: Daniel Förster, Belgern
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
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Julian Nida-Rümelin
VOM WERT
DES LEBENS UND
DER FREIHEIT

INHALT
WAS MACHT DEN WERT MENSCHLICHEN LEBENS AUS?
Die Ablebenswahrscheinlichkeit
Das monetäre Maß des Lebens
Der Umgang mit dem eigenen Leben
Inkommensurable Güter
Leben, körperliche Unversehrtheit und Liebe sind nicht marktgängig
Abwägung in Grenzsituationen
Konflikt zwischen stoizistischem und christlichem Ethos
Die Würde des Menschen ist unantastbar
Eine deontologische Ethik
Individuelle Würde und Recht auf Leben
Ethik der Autonomie
Humanistischer Individualismus
Ethik der Werte vs. Ethik der Rechte
Das kategorische Lebensrecht
ÜBER MENSCHLICHE FREIHEIT
Selbstbild und Weltbild
Freiheit und Verantwortung
Moralische Gefühle und reaktive Einstellungen
Subjektive und objektive Einstellung
Tribunal der guten Gründe
Universale Determination und menschliche Freiheit
Menschliche Freiheit in der Stoa
Die Theodizee-Problematik
Der Determinismus der Newton’schen Mechanik
Der cartesianische Dualismus
Gründe und Ursachen
Verbindungen von Kausalität und Energie
Einflussnahme auf den Gang der Welt
Die Debatte um die Erklärungslücke
Freiheit und Wissenschaft
Die unvollständige Vollständigkeit der Physik
Nicht alles lässt sich auf die Physik reduzieren
Naturalismus und Humanismus
Das Libet-Experiment
Deliberation und kohärente Lebenspraxis
Die gereifte Persönlichkeit
ÜBER DEN AUTOR
WAS MACHT DEN WERT MENSCHLICHEN LEBENS AUS?1
Was ist der Wert des Lebens? Das ist eine der vielleicht schwierigsten Fragen der Philosophie, aber auch der öffentlichen Debatten. Denken Sie zum Beispiel an die Frage: Soll der ADAC weitere Rettungshubschrauber anschaffen? Das ist sicher auch für den ADAC eine ökonomische Frage, aber möglicherweise auch eine ethische, nämlich: Was ist eigentlich die Rettung eines menschlichen Lebens wert? Oder, um es provokativ zu formulieren: Lohnt es sich eigentlich, so viel Geld auszugeben, um ein zusätzliches Menschenleben zu retten?
In der Medizin hat es sich eingebürgert, einen bestimmten Maßstab zu verwenden, die sogenannten Qualys. Das sind Lebensjahre, die nach der Qualität dieser Lebensjahre bewertet werden, im Englischen quality adjusted life years. Danach werden die Kosten, die in der Medizin eingesetzt werden, gewichtet und beurteilt. Wie viele Euro kostet ein zusätzlicher Qualy? Das ist von Maßnahme zu Maßnahme sehr unterschiedlich und entsprechend inkohärent – könnte man sagen – ist das Gesundheitssystem insgesamt. Die Kosten manch lebensverlängernder Maßnahmen sind es uns wert, andere lebensverlängernde Maßnahmen sind es uns nicht wert. Das gilt insbesondere für die kostengünstigen Vorsorgemaßnahmen, die im Gesundheitswesen insgesamt relativ gering beachtet werden.
Aber wir wollen jetzt nicht primär über Medizinethik sprechen, sondern eine philosophische Frage klären: Was macht eigentlich den Wert des menschlichen Lebens aus? Wir tasten uns vorsichtig heran.
Die Ablebenswahrscheinlichkeit
Beginnen wir mit einer einfachen Fragestellung: Was ist dir eigentlich dein Leben wert? Die meisten werden eine solche Frage, an sich gerichtet, möglicherweise empört zurückweisen und sagen: Was ist denn das für eine merkwürdige Frage? Ich bin natürlich nicht bereit, mein Leben aufzugeben, welchen Betrag auch immer du mir anbietest.
Jetzt kommen der Entscheidungstheoretiker oder der Ökonom und sagen: Ja, das scheint dir so, aber möglicherweise verhältst du dich ganz anders. Dein Verhalten zeigt doch schon, welchen Wert du deinem eigenen Leben beimisst.
Illustrieren wir das an einem Beispiel: Sie haben sich entschieden, Drachen zu fliegen. Drachenfliegen gehört neben einigen anderen Risikosportarten wie Reiten und Tauchen zu denjenigen, bei denen eine beträchtliche Erhöhung der Ablebenswahrscheinlichkeit pro Jahr registriert ist. Das ist statistisch erhärtet. Mit jeder Stunde Drachenfliegen oder mit jeder Stunde Tauchen oder jeder Stunde Reiten erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, bei dieser Aktivität zu Tode zu kommen. Wenn Sie jung und gesund sind, dann verändert das die Wahrscheinlichkeit zu sterben doch in beträchtlicher Weise, sie kann sich zum Beispiel verdoppeln. Das ist immerhin eine deutliche Veränderung.
Ich will das kurz quantitativ erläutern: Menschen werden im Schnitt, sagen wir ganz grob – um es einfach zu rechnen – 100 Jahre alt. Das heißt, wenn die Wahrscheinlichkeit, pro Jahr zu Tode zu kommen, jedes Jahr gleich hoch wäre, was natürlich nicht der Fall ist, dann hätten wir eine Wahrscheinlichkeit, pro Jahr zu Tode zu kommen, von einem Hundertstel. Oder – Erinnerung an den Mathematikunterricht – von 10-2.
Wenn Sie alt und gebrechlich sind, an Krankheiten leiden, die möglicherweise zum Tode führen, dann erhöht sich diese Wahrscheinlichkeit. In hohem Alter bewegt sich das in einer Größenordnung der Wahrscheinlichkeit von einem Zehntel. Sie haben also pro Jahr eine Wahrscheinlichkeit, zu Tode zu kommen, von 10-1.
Betrachten wir jetzt nur einmal diejenigen, die gesund sind und keine Suizidneigungen haben. Die häufigste Todesursache in bestimmten Altersgruppen ist der Suizid. Verkehrsunfälle, auch Unfälle im Haus oder bei sportlichen Aktivitäten spielen in dieser Altersgruppe eine erstaunlich große Rolle im Vergleich zu Todesfällen aufgrund von Krankheiten. Das heißt, es sind zum großen Teil auch Todesfälle, die durch eigenes Verhalten sehr stark beeinflusst werden. In dieser Altersgruppe bewegt sich die Wahrscheinlichkeit normalerweise auf einem sehr, sehr niedrigen Niveau.
Es gibt übrigens einen interessanten Unterschied zwischen Mann und Frau. Junge Männer neigen dazu, sich riskanter zu verhalten, insbesondere ab der Pubertät bis Mitte 20. Unterschiedlich von Kultur zu Kultur ist – auch dort, wo es nicht gerade Bürgerkriege oder Kriege gibt – die Wahrscheinlichkeit, zu Tode zu kommen. Sie ist bei Männern sehr viel höher als bei Frauen. Das gilt übrigens schon unmittelbar nach der Geburt. Auch dort ist die Wahrscheinlichkeit, dass männliche Neugeborene sterben, höher als bei weiblichen Neugeborenen. Das gilt jedenfalls in den westlichen Industrieländern.
Sagen wir einmal vereinfacht, Sie haben eine Wahrscheinlichkeit, zu Tode zu kommen, von einem Zehntausendstel pro Jahr. Wenn Sie jung und gesund sind, ist das durchaus realistisch. Jetzt beginnen Sie eine Sportart, die Sie intensiv betreiben, und für die gilt, dass jeder Zehntausendste pro Jahr zu Tode kommt. Dann verdoppeln Sie die Wahrscheinlichkeit, im nächsten Jahr zu Tode zu kommen – allein aufgrund der Wahl dieser Sportart.
Das monetäre Maß des Lebens
So weit, so gut. Jetzt kommt der Entscheidungstheoretiker und sagt: Wie viel ist dir denn diese Sportart wert? Angenommen, ich biete dir Geld an, ab welcher Höhe würdest du zugunsten dieses Betrages ein Jahr auf die Sportart verzichten? Vermutlich kommt bei jedem ein bestimmter Betrag heraus. Es mag den einen oder die andere geben, die sagen: Mir ist das völlig egal, ich betreibe diese Sportart in jedem Fall. Du kannst mir anbieten, was du willst, das interessiert mich nicht, das ist Teil meines Lebens. Aber vermutlich werden die meisten doch ab einem bestimmten Betrag sagen: Na ja, das ist es mir wert, um in diesem oder im nächsten Jahr auf die Ausübung dieser Sportart zu verzichten.
Sagen wir einmal, 5.000 Euro. Ab 5.000 Euro, sagen Sie, verzichte ich auf diese Sportart. Damit haben wir jetzt etwas, was in der Ökonomie als monetäres Maß, als monetäre Bewertung einer Aktivität definiert ist. Das heißt, die Aktivität, in unserem Falle das Drachenfliegen, ist Ihnen also über das Jahr gerechnet diese 5.000 Euro wert.
Jetzt betrachten wir den Vergleich mit dem Risiko, zu Tode zu kommen. Sie haben dieses höhere Risiko, durch Drachenfliegen zu sterben. Angenommen, Sie wissen, wie wahrscheinlich es ist, dass Sie zu Tode kommen, Sie gehen dieses Risiko also bewusst ein. Dann wissen wir, dass Ihnen diese Erhöhung Ihrer Todesfallwahrscheinlichkeit im nächsten Jahr um ein Zehntausendstel oder – wenn Sie jung und gesund sind – um ein Doppeltes weniger bedeutsam erscheint als diese 5.000 Euro.
Wenn wir jetzt noch einige Annahmen machen, zum Beispiel die, dass die Wahrscheinlichkeit Ihres Ablebens proportional ist zur Bewertung, die Sie vornehmen, dass also in dem Falle, dass es doppelt so wahrscheinlich wird, dass Sie im nächsten Jahr zu Tode kommen, es dann auch doppelt so schlecht für Sie ist und Sie entsprechend auch bereit wären, um diesen Nachteil zu vermeiden, einen doppelten Geldbetrag zur Verfügung zu stellen.
Dann können wir jetzt grob rechnen: Ein Zehntausendstel war die Wahrscheinlichkeit, zu Tode zu kommen. Wie viel Wert ist dann Ihr Leben, dokumentiert durch Ihr konkretes Verhalten, nämlich durch Ihre Bereitschaft, Drachen zu fliegen – die Bereitschaft, auf Drachenfliegen zu verzichten, wenn Sie 5.000 Euro bekommen – na ja: 5.000 Euro mal 10.000. Das ist ein gewaltiger Betrag, ein Betrag, den normalerweise ein Mensch im Leben nicht verdient. Wir sind da bei 100 Millionen Euro insgesamt. Man könnte nun sagen, Sie haben jetzt durch Ihr Verhalten gezeigt, dass das die Größenordnung ist, in der Sie Ihr Leben bewerten.
Nun tauchen hier eine Reihe weiterer Fragen auf. Einige wenige wollen wir uns wenigstens noch klarmachen. Das eine ist die Frage: Was hat das eigentlich für eine Relevanz? Interessiert diese merkwürdige Berechnung, die wir gerade vorgenommen haben?
Der Umgang mit dem eigenen Leben
Angenommen, Sie betreiben die Aktivität des Drachenfliegens. Andererseits überqueren Sie die viel befahrene Straße vor Ihrer Haustür, gehen nicht den Umweg bis zur nächsten Ampel und warten dort nicht ab, bis diese auf Grün geschaltet ist. Auch das erhöht die Wahrscheinlichkeit Ihres vorzeitigen Ablebens. Angenommen, Sie schnallen sich beim Autofahren nicht an, obwohl es auch hier klare statistische Befunde gibt, die dafür sprechen, dass angeschnallt zu fahren die Wahrscheinlichkeit, zu Tode zu kommen, verringert.
Es könnte sein, dass jeweils – dieselbe Rechnung angestellt, wie wir es gerade versucht haben – ein ganz anderer Betrag herauskommt. Einmal kommt vielleicht der genannte heraus und einmal einer, der nur ein Bruchteil dessen ist, vielleicht hundertmal kleiner. Wenn dem so wäre, kann man auf zweierlei Weisen reagieren. Man kann entweder sagen: Diese Art der Bestimmung des subjektiven Wertes des eigenen Lebens ist völlig irrelevant. Oder man kann sagen: Offenkundig gehen Sie mit Ihrem eigenen Leben nicht in kohärenter Weise um. Einmal legen Sie großen Wert darauf, Ihr Leben nicht zu riskieren, und das andere Mal legen Sie einen geringen Wert darauf. Insgesamt zeigen Sie eine irrationale Praxis im Umgang mit Ihrem Leben.
Inkommensurable Güter
An diesem Punkt bringt der Philosoph ein sehr grundsätzliches Argument ein. Er sagt: Es ist zwar ökonomische Praxis in der ökonomischen Theorie, in dieser Weise einen subjektiven Wert zu bestimmen, auch den subjektiven Wert des eigenen Lebens. Dies übersieht aber, dass es Güter gibt, die inkommensurabel sind, die sich nicht miteinander vergleichen lassen. Ich bin nicht bereit, Leben – mein eigenes oder vielleicht das Leben anderer Menschen – mit Geld zu bewerten, ein monetäres Maß auf die Frage von Leben und Tod anzuwenden. Der angemessene Umgang mit diesen beiden Gütern ist, anzuerkennen, dass sie ganz unterschiedlich sind. Das eine Gut bestimmt letztlich alles, weil ohne das eigene Leben alle anderen Güter wertlos sind.
Das andere Gut dagegen, das Geld, ermöglicht die Vergleichbarkeit von Waren auf dem Markt. Man kann sich entscheiden, mit einem gewissen Betrag diese oder jene Ware zu kaufen. Auf dem Markt wird eine Art Bewertung vorgenommen. Die Güter bekommen einen Betrag zugeordnet, und wir entscheiden uns dann entsprechend. Wir vergleichen Güter miteinander, indem wir auf dem Markt bestimmte Geldbeträge zur Verfügung stellen.
Leben, körperliche Unversehrtheit und Liebe sind nicht marktgängig
Aber auf dem Markt ist nicht alles käuflich. Da wird nicht jedes Gut, jeder Wert verkauft. Die Tatsache, dass das menschliche Leben nicht marktgängig ist, außer in Mafiafilmen und vielleicht in der Realität zynischer, mit Menschenleben handelnder Organisationen, macht gerade die Humanität einer Gesellschaft aus. Ebenso nicht marktgängig ist die körperliche Unversehrtheit. Leben und körperliche Unversehrtheit gehören zu den individuellen Rechten, die jede einzelne Person hat. Jeder Mensch verfügt über sein eigenes Leben, über seinen eigenen Körper. Er ist gewissermaßen Eigentümer von Leben und Körper. Er kann sich entscheiden, dies dranzugeben, er kann Risiken eingehen, ja sogar der Suizidversuch ist nicht mehr strafbar, was zeigt, dass die Rechtsordnung akzeptiert, dass wir Eigentümer unseres eigenen Lebens sind.
Menschen können sich weigern, lebensrettende Behandlungen zu akzeptieren. Sie können »Nein« sagen, auch wenn dies definitiv zu ihrem vorzeitigen Tod führt. Wir verfügen über unser Leben, wir bestimmen über unseren Körper, aber das heißt nicht, dass wir sie zur Ware werden lassen, mit der gehandelt werden kann. Sie haben keinen monetären Wert, der mit anderen normalen, handelbaren Gütern vergleichbar ist. Das Leben hat in dieser Hinsicht einen inkommensurablen, einen unvergleichbaren Wert. Es ist auch nicht das einzige Gut, auf das dies zutrifft.
Liebe, jedenfalls die Liebe, in der es in erster Linie um Gefühle geht und nicht lediglich um die körperliche Vereinigung, ist nicht handelbar. Liebe wird nicht verkauft und gekauft. Liebe ist etwas, das man gewissermaßen ohne Nutzabwägungen empfindet, das insofern ebenfalls keinen Warencharakter hat. Das spricht dafür, Leben wie Liebe und vieles andere in den Bereich derjenigen Güter zu stellen, die keine geldwerten Äquivalenzen haben, die also nicht durch Geld aufgewogen werden können.
Abwägung in Grenzsituationen
Das komplexe Verhältnis zwischen dem subjektiven Wert, den das Leben für uns hat, das sich in unserer Praxis äußert – ob wir leichtfertig mit unserem Leben umgehen oder weniger leichtfertig – und dem objektiven Wert des Lebens, das also von anderen Externen zu bestimmen sein müsste, zeigt sich in einer besonders dramatischen Weise für viele Menschen am Lebensende. Moribunde Personen, also Personen, die in naher Zukunft sterben werden, bei denen aber noch nicht feststeht, zu welchem Zeitpunkt sie sterben werden, stehen oft vor der schwierigen existenziellen Abwägung, in welchem Umfang sie zum Beispiel Schmerzmittel einsetzen oder den Arzt ermächtigen sollen, Schmerzmittel einzusetzen, wohl wissend, dass ab einer bestimmten Dosierung diese Schmerzmittel zu einem früheren Tod führen.
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