Kitabı oxu: «Zwei in Italien»

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IMMER SCHON hatten wir uns viel auf unsere Freundschaft eingebildet. Wir fanden sie anders als andere Freundschaften und betonten ihr heiteres Schweben in unstofflichen Räumen. Wir lächelten nachsichtig über Liebes- und Leidensgeschichten.

Liebe, sagten wir, sei eine Reise – mit Etappen und Aufenthalten – von Ägypten nach Island. Immer dieselbe Reise. Bestenfalls befände man sich zuletzt auf einer Mittelstation im Zustand wohltemperierter, gelassener Freundschaft.

Darum fanden wir es zweckmäßiger, die Liebesgeschichte zu umgehen und uns von Anfang an einer dauerhafteren Sache zuzuwenden. Außerdem standen wir nicht in der ersten Jugend. Eher standen wir in der vorletzten Jugend.

Was mich betraf, so war ich es müde geworden, mich mit Komplexen herumzuschlagen und die Mühen und Plagen der Eitelkeit zu ertragen. Ich fand, dass der ewige Kampf um ihn – wenn man die Lupe der kaltblütigen Vernunft nahm und ihn innen und außen scharf betrachtete – sich in den seltensten Fällen lohnte.

Ich hatte einige »Ihns« gekannt. Anfangs hatte ich sie geblendet und lupenlos gesehen und sie als bedeutungsvolle, erstrebenswerte Geschöpfe bezeichnet. Später waren ihre Fehler und Eigenarten wie Maden aus prunkvollen Äpfeln gekrochen. Sie hatten allesamt faule Stellen. Ich auch. Aber lieben bedeutet, sich gegenseitig seine Fehler zu verzeihen – nachdem man sich lange bemüht hat, die eigenen zu verbergen und die des anderen zu übersehen.

Ich wollte nichts mehr verbergen und nichts mehr übersehen.

Paul sagte, ihm ginge es ebenso. Er wollte es gemütlich haben. Es sei entsetzlich anstrengend, dauernd zärtlich zu sein. Wäre man aber nicht dauernd zärtlich, so seien die Frauen beleidigt. Beleidigte Frauen aber seien das Ärgste, was man ihm zumuten könne.

Später erfuhr ich, dass es noch andere Dinge gab, die man ihm nicht zumuten konnte. Beispielsweise Pyjamas, an Stelle der Nachthemden, die er bevorzugte.

In Gegenwart liebender Frauen allerdings, sagte er, sei er gezwungen, Pyjamas zu tragen, die ihn überall kniffen, sodass er kein Auge schließen könne. Zudem, sagte er, hätten liebende Frauen das Bedürfnis, an seiner Schulter zu schlafen. Seine Schulter aber habe das Bedürfnis, den Kopf der liebenden Frau abzuschütteln. Davon wache die liebende Frau dann meistens auf. Und wenn er sich umdrehte, sei sie beleidigt. Beleidigte Frauen aber …

Aus allen diesen Gründen fanden wir, dass unsere Freundschaft das Beste war, was man uns hatte bieten können – wir lobten und priesen sie und hätten sie täglich gepriesen, wenn wir uns täglich gesehen hätten.

So aber, wie die Dinge nun einmal lagen, lebten wir in verschiedenen Städten, und oftmals vergingen Wochen und Monate, ehe wir uns wiedersahen.

Manchmal gefiel es dem Schicksal, uns an den gleichen Arbeitsplatz zu stellen, manchmal aber, meistens, gefiel es dem Schicksal nicht. Darum war es ein außergewöhnlicher Tag, an dem Pauls Brief kam. Kein gewöhnlicher Tag, kein gewöhnlicher Brief.

IN diesem Brief stand, dass er zwei Wochen Zeit hätte, dass er Geld in Italien liegen habe und dass er Lust hätte, zu reisen. Bis dahin las ich den Brief mit wohlwollendem Neid.

In den nächsten Zeilen aber stand, dass er es nett fände, wenn ich mitkäme, es sei langweilig für ihn, den Mammon allein zu verbrauchen.

Plötzlich hörte ich Palmen rauschen und sah Paläste und Säulen. Ich war noch nie in Italien gewesen, aber ich hatte mir lebenslänglich gewünscht, dort zu sein.

Ich war so glücklich, dass ich eine Stunde lang kettenrauchte. Dann wartete ich auf den Schaden, den ich davontragen musste, sofern die warnenden Nikotinartikel in den Zeitungen recht hatten. Aber vorläufig trug ich ihn nicht davon.

Gleichzeitig fiel mir ein, dass ich vor längerer Zeit Lire verdient hatte, die noch unbenützt dalagen. Eine kleine Summe, aber sie würde Pauls Mammon abrunden.

Wenn ich rechtzeitig telegrafierte, würde der Rechtsanwalt, der die Lire verwaltete, sie für mich abheben können. Der Rechtsanwalt wohnte in Bozen, und ich hatte ihn früher gut gekannt.

Und dann fiel mir ein, dass meine Koffer, die solid, aber betagt wirkten, nicht zu Pauls Mercedes passen würden (Luxusausführung, lang gestreckt, mit viel Wagen vorne und hinten).

Aber irgendjemand würde mir Koffer leihen. Von da an rannte ich. Ich rannte zum Telegrafenamt, ich rannte zu Else, die mir den großen, und zu Helga, die mir den kleinen Koffer lieh. Dann kaufte ich eine Kappe, nicht der Kappe, sondern des Schleiers wegen, der an ihr hing und dessen Rand gerade dort über meine Nase lief, wo der Kummer saß. Der Kummer bestand darin, dass die Nase sich erstmals entschlossen hatte, sanft nach Süden zu wandern und dann die Richtung verloren hatte, sodass sie ein wenig fragend in der Luft stand.

Ich lief und rannte und packte ein. Zuletzt kamen noch drei Telegramme. Im ersten stand, dass ich in Salzburg abgeholt werden würde, dass wir aber nach München müssten, weil Paul am nächsten Morgen noch dort zu tun hätte. Im zweiten stand, dass ich einen Tag früher kommen sollte. Im dritten stand, dass ich noch einen Tag früher kommen sollte. Dadurch geriet ich in eine Art Strudel, aus dem ich mich nur mit Mühe wieder herausfand.

Dann fuhr ich ab.

UNTERWEGS stiegen graue Sorgen in mir auf. Hatte ich das Datum richtig gelesen? Oder stand ich in Salzburg allein auf dem Bahnsteig, umgeben von Einsamkeit und Verwirrung?

Würde ich mit Gepäckträgern lange Gespräche führen, nur um nicht ganz allein zu sein?

Würde der Rechtsanwalt die Lire freibekommen, oder saß ich mitten in Italien ohne eine einzige Zigarette – denn wie ich Paul kannte, würde er mir großzügig drei Würste, fünf Zahnbürsten und sechs Bonbonnieren schenken, aber nicht eine einzige Zigarette. Nichtraucher sind unempfindlich gegen Rauchergelüste. Sie wollen den Raucher entwöhnen, sie geben vor, um seine Gesundheit besorgt zu sein. In Wirklichkeit können Nichtraucher die behagliche Sattheit nicht leiden, mit der der Raucher sich dem Rauchen hingibt. (Ungefähr wie dem Nüchternen der Anblick des Betrunkenen zuwider ist.)

Für fünf, sechs Tage ungefähr reichte mein Vorrat, falls die Grenzbeamten ihn nicht entdeckten.

Dann lief der Zug in Salzburg ein.

Als ich auf dem Bahnhof stand, sah ich mich suchend um. Da Paul nicht da war, sah ich mich so lange um, bis der letzte Gepäckträger sich im Gewühl verloren hatte.

Ich nahm Elses großen und Helgas kleinen Koffer. Ich hatte mir vorgestellt, dass ich federnd über den Bahnsteig gehen würde, aber Frauen, die Koffer tragen und wie einseitig beschwerte Küchenwaagen aussehen, verlieren viel Federndes aus ihrem Gang.

Unten auf dem Bahnhofplatz lachten und plauderten diejenigen, die Gepäckträger hatten und abgeholt worden waren. Frohe, sorglose Menschen. Ich stellte die Koffer neben mich und überlegte, was zu tun sei.

Natürlich hatte ich mich im Datum geirrt, oder Paul stand auf der Autobahn mit einer Panne – falls ihm nichts Schlimmeres passiert war.

Ich sah den Wagen, der über die Straßenböschung hinausschoss und im Wasser schwamm, mit dem Kopf, Pauls Kopf, nach unten … Ich sah den Wagen in Form eines Kerbtiers an einen Baum gepresst …

Dann legte sich von hinten eine Hand auf meine Schulter, und Paul sagte: »Grüß dich« oder etwas Ähnliches. Ich verstand nur, dass er lebendig dastand und lachte. Worauf ich vor Freude einen meiner Anfälle bekam. Sie bestanden darin, dass ich albern zu lachen anfing und nicht wieder aufhören konnte … der Kitzel saß im Hals und in der Brust und schüttelte mich, sodass ich mich selbst zur Ordnung rief und den besten Willen hatte, vernünftig zu sein, aber es half nicht, es musste sich von selber legen. Paul behauptete, dass meine Anfälle leider ansteckend seien, und so setzten wir die wortlose Begrüßung noch eine Weile fort.

Dann erfassten wir, dass plötzlich doch noch ein Gepäckträger vor uns stand, der uns besorgt ansah. Worauf wir ernst wurden und nach Kleingeld suchten. Da ich aber noch nie einen Menschen gesehen habe, der im rechten Augenblick Kleingeld findet, so gaben wir ihm in der Eile Großgeld und ersahen aus dem Glanz seiner Augen, dass er uns zu den netten Bourgeoisen rechnete, im Gegensatz zu den verdammten.

Wir standen vor dem Mercedes. Es gab keinen schöneren, er sah aus wie ein schlankes Pferd mit hellem, glänzendem Fell. Die Polster innen hatten Armstützen, und man saß so tief und geborgen, als säße man abgetrennt von jeglicher Wirklichkeit.

Der Gepäckträger verschwand, und jetzt erst, da der Wagen leise dahinglitt, begrüßten wir uns.

Flüchtig bemerkte ich, dass Paul braun gebrannt war und gut aussah. Ich bemerkte den hellen Anzug, die hellen Haare, die Augen, die grau oder grünlich grau und nicht nur in der Farbe veränderlich waren. Sie konnten sanft, freundlich, wütend, ärgerlich, scharf, kindlich, gütig, voll des kochenden Zorns und voll des spiegelglatten Hohns sein.

Derzeit waren sie sanft und humorvoll. In dieser Verfassung brachten sie es zuwege, dass sich in meinem Inneren, zwischen Hals und Magen, ein Teich von Zärtlichkeit bildete. Aber ich tat, als gäbe es keine Teiche, und sagte nur, dass ich mich freute und dass ich mit Salzburg allein zufrieden gewesen wäre – und nun Italien!

»Ja, es wird nett sein, es dir zu zeigen!«

»Es …«, fragte ich, »wo fahren wir denn hin?«

»Nach Rom«, antwortete Paul, und von da an nannten wir die Reise die Pilgerfahrt.

ZUERST pilgerten wir durch Salzburg. Hier hatten wir zusammen gearbeitet, und die Erinnerungen hingen wie Trauben an jeder Ecke und jedem Platz. Zudem war Vollmond. Wir fuhren am Salzachufer entlang, um den Mond im Wasser zu sehen, die treibenden kleinen Mondschlangen in den Wellen.

Dann hielten wir auf dem Residenzplatz und wussten, dass der Brunnen, die Weiden, die flachdächigen Häuser, die Festung über uns – dass jeder Platz in dieser Stadt aus Gemälden bestand, erdacht, gemalt von den Händen einer Zeit, die Schönheit mehr liebte als alles andere auf Erden.

Und wir segneten sämtliche Erzbischöfe und Stadtväter, die dieser Schönheit verfallen gewesen waren. Und langsam, den Blick immer noch zurückgewandt, fuhren wir aus der träumenden Mondstadt hinaus und der Grenze zu.

PAUL schritt aufrecht ins Zollhaus – er war ohne Gepäck und hatte nichts zu verbergen. Ich lächelte ungemein vertrauenerweckend und »kein Wasser trübend«, als es sich um meine Koffer drehte. Zigaretten … einige Zigaretten … und öffnete die Handtasche. Aber der Beamte wollte meinen Koffer sehen, den kleinen. Das war nett von ihm, denn die Zigaretten lagen im großen.

Wir fuhren weiter und hielten nur vor dem Chiemsee noch an, um neuerdings Mondschlangen zu sehen, und der Teich in mir dehnte sich noch ein wenig aus.

Paul sagte, dass es nett für ihn sei, August den Starken wieder bei sich zu haben.

Der Starke bezog sich auf ein Bild des verblichenen Herrschers, dessen Haartracht an meine erinnerte, die ich nie oder selten in die gewünschte Form brachte, sodass ich lebenslänglich die ordnungsgemäß Frisierten beneidete.

Es gab Frauen, bei deren Anblick mir geradezu schlecht wurde vor Neid. Frauen mit langen Haar-Vorhängen, Frauen mit glatten Scheiteln. Und ähnliche. Am schlechtesten wurde mir, wenn ich eine zarte, gerade Nase sah, umrahmt von sturm- und regensicheren Löckchen über der Stirn. Glücklicherweise entdeckte ich an jeder Nasenschönheit irgendeinen anderen Fehler – dicke Beine, oder abendfüllende Breitseiten von hinten –, aber Männer entdeckten diese Fehler nie, leider.

Gegen zehn Uhr kamen wir nach München. Ich hatte noch nicht zu Abend gegessen, und mein Magen knurrte diskret. Aber Paul hatte niemals Hunger. Er sagte auch, dass er ein schwacher Esser sei. Ich hatte ihn mehrfach an einem Abend ein Huhn auf Reis, Roastbeef mit Beilagen, Pudding, Käse, Ananas mit Schlagsahne und zuletzt nochmals Käse, Kompott und nochmals Ananas mit Schlagsahne essen sehen. Trotzdem hatte er den männlichen Mut, zu sagen, dass er ein schwacher Esser sei. Allerdings gab es Tage, an denen er mittags überhaupt nichts aß, an diesen Tagen also hatte er gewissermaßen ein Anrecht auf den schwachen Esser.

Diesmal schien er mittags gegessen zu haben, denn als wir in seine Wohnung kamen, die neu war, sodass ich sie noch nicht kannte, hatten wir viel zu besehen und zu bestaunen. Ich hätte sie lieber nach dem Essen besehen und bestaunt, aber trotzdem fand ich sie großartig in ihrer Mischung von kostspieliger Pracht und (noch kostspieligerer) Einfachheit.

Endlich, als ich vor Hunger Falten schlug wie ein schlappes Segel, kam das Abendessen.

Und dann kam noch etwas: Nach all der Freude musste sich eine Senkung zum Trüben, der Schatten eines Kummers einschleichen. Er kam aus einer Hoffnung, die ich genährt hatte, aus der Hoffnung auf eine gemeinsame Arbeit. Die Gemeinsame bestand darin, dass Paul Häuser entwarf und baute, während ich wie sein kleiner Schatten und unter seiner Leitung und Führung die Räume, die er entstehen ließ, mit Wohnlichkeit oder Zweckmäßigkeit zu versorgen hatte, sodass Lampen, Teppiche, Möbel, Farben und Formen in meinem Kopf wie Quellen entsprangen, in Pauls Kopf mündeten, sich dort zu Strömen sammelten oder zurückflossen zu neuen Quellen, die wiederum danach strebten, zum Ganzen zu fließen.

Als ich wegfuhr, hatte ich einen Arbeitsauftrag in Händen, nicht fest in Händen, ich besaß ihn als imaginäres Gut, als Hoffnung, als Wunsch und stille Vorfreude. Ich fand ihn schön: Eine alte Burg, die still und äußerlich unberührt der verfließenden Zeit lange zugesehen hatte, sollte in ein Hotel verwandelt werden. Die Bank, die sie erworben hatte, wollte, um Nutzen zu ziehen, viel Nützliches investieren und den alten Bau, wie die Herren sich ausdrückten, dem Fremdenverkehr erschließen.

Da die innere Umgestaltung schwierig sein würde, sollte Paul den Bau übernehmen, ich sollte adlatische Dienste tun. Wenn Paul einwilligte, würden wir zusammen arbeiten, ich würde Geld verdienen und froh sein und dergleichen mehr.

Vor Kurzem hatte sich Paul über den Plan, der inzwischen gediehen war, erfreut ausgesprochen. Er hatte Herrn Hicks gelobt, der uns den Auftrag geben wollte, und nur Zweifel gehegt, ob er ihn geben würde. Aber nun hatte er ihn gegeben, und ich erwartete, eine große Freude in Pauls Gesicht zu sehen. Aber als ich anfangen wollte, davon zu sprechen, schnitt er mir kurz das Wort ab: Ich sollte nur ja nicht, um Himmels willen nicht von Berufsdingen reden! Er sah dabei so unglücklich und gequält aus, dass ich begriff, es würde gleich mit den Nerven losgehen.

Ich schwieg also, aber ich grämte mich im Stillen. Ich war stolz gewesen, dass Hicks das Projekt »umgehend« verwirklichen wollte – und nun sollte ich nicht davon reden. Weshalb nicht? Was hatte er gegen die nette Burg, die verlassen dalag und darauf wartete, wieder ein wenig Leben in ihre Mauern zu bekommen? Außerdem wartete Hicks auf Nachricht, ob und wann Paul Zeit haben würde, zur Arbeit anzutreten.

Ich hatte vergessen, dass Ruhm- und Lorbeerleute um ihre Zusage gebeten werden wollen. Und dann hatte ich die Nerven vergessen. Aber ich besaß auch Nerven. Und ich hatte lange genug auf die Arbeit gewartet.

Also aß ich den Rest des Abendessens schweigsamer als sonst. Dann fiel mir ein, dass Paul beleidigte Frauen nicht leiden mochte. Und mit der Verlogenheit, die uns allen eignet, fing ich zu reden an. Nicht von der Burg. Von kleinen Dingen und Lächerlichkeiten – und Pauls Gesicht klärte sich auf. »Dann wollen wir also morgen losfahren!«, sagte er heiter zum Abschied, »und ich bitte dich nur um eines: Rede nur ja während der Reise nichts und niemals von diesen ekligen Berufsdingen, die ich dick und über habe bis obenhin!«

Als ich im Bett lag, kamen mir – leider neigte ich dann und wann dazu – ein paar alberne Tränen. Ihm also lag nichts an der gemeinsamen Arbeit, nichts, gar nichts. Ich kam mir unendlich bedauernswert vor. Da hatte ich nun lange gewartet, hatte andere, belanglose Arbeit getan und nicht ein Wort gesagt, als mir Paul vor Monaten eine Gemeinsame verpatzte, weil ihm die Lage des Platzes, der Schlips des Bauherrn oder sonst etwas nicht passte. Ich hatte elegant dazu geschwiegen.

Aber dann fiel mir ein, dass er mich zur Pilgerfahrt eingeladen hatte, und kam mir weniger bedauernswert vor. Herr Hicks, der auf mein Telegramm wartete, schwebte vor meinen Augen. Er schwebte so lange, bis ich einschlief.

AM nächsten Tag stürmte ich aus dem Bett und in das Badezimmer und tat alles mit Windeseile, da ich den Auftrag hatte, um neun in seiner Wohnung zu sein. Ich beschloss, nur in die Wanne zu stürzen, ohne Gemütlichkeit, nur einfach zu stürzen, zu frühstücken, zu packen, in die Kleider zu fahren.

Abgehetzt, aber pünktlich erschien ich in Pauls Wohnung und erfuhr, dass Herr Berris soeben aufgestanden sei und »gleich« käme. Ich ging ins Wohnzimmer und wartete. Ich malte mir aus, wie bequem ich noch jetzt in der Wanne liegen könnte. Dann malte ich mir aus, wie bequem ich noch jetzt im Bett liegen könnte. Ich hatte Lust, noch ein wenig zu schlafen. Aber die Möbel waren so neu, dass es keinen einzigen Platz gab, auf dem man sitzen konnte, ohne um die neue Polsterung besorgt zu sein.

Ich wagte es, eine Zigarette zu rauchen, und fand dann selbst, dass die Asche sich im neuen Aschenbecher störend ausnahm. Von Paul sah ich nichts. Ich hörte nur seine Stimme und erkannte, dass die Nerven wie junge Ziegen aus dem Stall gelassen waren, sie sprangen über die Seele der Frau Abel (der besten aller Wirtschafterinnen), sie sprangen in der Wohnung herum, sie verdammten die Koffer und die Hemden und die Anzüge und alles.

Ich trat auf den Balkon hinaus und bekam Wurzeln in den Beinen. Ich setzte mich in einen der neuen Stühle und bekam Wurzeln in jenem Körperteil, der immer als eine Art Scherzartikel behandelt wird, obwohl er im Grunde nichts Scherzhaftes an sich hat.

Dann fing ich zu grübeln an, warum Körperteile, die man am notwendigsten braucht, keine ordentlichen, vernünftigen Namen haben. Feine Leute benennen sie medizinisch-lateinisch oder gebrauchen Umschreibungen, mit verlegenem Lächeln, aber wohlklingende, nette Namen bekommen sie niemals.

Ich merkte erst, dass ich geschlafen hatte, als Paul mich weckte. Nicht mit rauer Hand. Er tippte mir mit dem Zeigefinger auf mein Kleinhirn und sagte: »Wohl bekomm’s!«

Dann gingen wir mit Koffern und Mänteln die Treppen hinunter. Frau Abel weinte – teils um »ihn«, teils, weil sie die Flasche mit dem Augenwasser versehentlich in den Ausguss geschüttet hatte. Dann fuhren wir ab.

KANNST du mir sagen«, fragte Paul, als wir die Stadt hinter uns hatten, »weshalb Frauen Augenwasser in den Ausguss schütten?«

»Weil sie verwirrt sind, aufgeregt, abgehetzt –.«

Paul schüttelte den Kopf. »Aufregung ist doch kein Grund, um Augenwasser in den Ausguss –.«

Ich schlug vor, das Augenwasser im Ausguss zu lassen und die Gegend zu betrachten! Ich deutete auf einen Baum, der in Blüte stand, kindhaft jung, wie mit weißen Schleiern bedeckt.

»Du hast kein Gefühl für Logik«, sagte Paul streng, »Aufregung, Abgehetztheit – schön. Aber darum ohne jeden Grund mein Augenwasser in den Ausguss –.«

»Aber«, fügte er hinzu, »jetzt schlage ich dir ernstlich vor, über das Augenwasser kein Wort mehr zu verlieren. Schau dort den Baum an, er sieht aus wie eine Braut!«

WIR sahen noch viele Bräute, und überall auf den Feldern kamen die ersten Halme hervor, so jung, so überaus grün, dass die Augen vom Ansehen ebenfalls jung und grün wurden, innerlich. Die Sonne schien auf den Frühling … Vorfrühling … Halbfrühling … Die Bäume waren noch kahl. Im Hintergrund standen die Berge, die mich ängstigten, nicht weil es Berge waren, sondern weil ich kein Gedächtnis hatte für ihre Namen.

Aber Paul stammte väterlicherseits aus dem Norden, und Männer, die aus dem Norden stammen, reisen mit Landkarten im Kopf, sie kennen die Flüsse, die Berge, die Pässe, die Wasserscheiden; sie wissen, dass der Granit aufhört und der Porphyr beginnt und Ähnliches. Ich wusste nichts.

»Na«, sagte Paul wohlwollend und deutete auf einen der Gipfel, der genauso aussah wie der nächste und übernächste Gipfel, »den kennst du doch.«

Ich durchblätterte aufgeregt mein Gehirn. Irgendwo musste die Zugspitze sein, aber jeder Berg war nicht die Zugspitze. Ich gestand, dass ich es nicht wusste.

»Ir-re-para-bel, dein Gehirn«, sagte er kopfschüttelnd. »Man muss doch wissen, wie das heißt, was man sieht!«

Musste man das? Ich war der Meinung, dass man es nicht zu wissen brauchte. Darüber stritten wir eine Weile. Dann war die Landschaft zu schön, um zu streiten, und Paul meinte, wir sollten anhalten und Kaffee aus unseren Thermosflaschen trinken.

Wir hielten am Straßenrand. Es gab aufgeschichtete Baumstämme am Ende des kleinen Wegs, der vom Wald herabkam. Auf diese Stämme setzten wir uns und hatten die Wiesen und Felder vor uns, die kleinen bayrischen Dörfer mit ihren Zwiebelturmkirchen, ihren heiteren Dächern und ihrem tiefen Frieden. Die Leute ackerten auf den Feldern.

»Au«, sagte Paul. Der Becher in seiner Hand war heiß, der Kaffee war zu heiß, er begriff nicht, weshalb Frauen immer heißen Kaffee in Thermosflaschen füllten! Konnten sie nicht lauwarmen einfüllen?

»Und ich begreife nicht«, sagte ich, denn damals hatte ich noch den Mut, dergleichen zu sagen, »weshalb du dir mit solchen Kleinigkeiten die Laune verdirbst!«

»Ich verderbe sie nicht! Die anderen tun es, mit ihren Unzulänglichkeiten, Dummheiten, ihrer Unvernunft und Gedankenlosigkeit.«

Ich fand, dass man ein wenig tolerant sein könnte.

Gott, mit dieser ewigen Toleranz hätte er sich nun lange genug gelangweilt, antwortete er. Auf die Dauer hätte er keine Lust mehr, tolerant zu sein. Und um sein Wort in die Tat umzusetzen, fuhr er mich an: »Man begießt sich nicht mit Kaffee, wenn man Anspruch erhebt auf ein Gran Vernunft!«

Ich hatte einen Tropfen Kaffee auf dem Rock. »Ich hab’ nicht gesehen, dass noch ein Rest im Becher –.«

»Das ist es«, höhnte er, »man sieht nach, ob noch ein Rest im Becher ist, dann erst kippt man ihn auf die Flasche.«

Damit kippte er seinen Becher auf die Flasche. Und wie es zugegangen war, begriffen wir niemals, aber der Erfolg seiner eindrucksvollen Belehrung waren zwei lange, breite Flecke quer über seine Hose.

Er besah sie tiefsinnig und grübelte anscheinend darüber nach, wie es möglich gewesen war, dass –.

Ich ging zum Bach hinunter, mit einem reinen Lappen, und trat hinter die Weiden, wo sie am dichtesten waren, da ich einen meiner Anfälle bekommen hatte. Dann legte ich mich in ernste Falten und kam mit dem Tuch zurück, um den Fleck aus der Hose zu putzen. Während des Putzens war es gut, dass mein Gesicht gesenkt war – denn der Anfall war noch keineswegs vorüber.

SPÄTER, als wir wieder im Wagen saßen, kam die Stille mit dämmernden Schatten von den Bergen herab. In allen Hausgärten stand der Vorfrühling mit jungen Wiesen und braun-lila Beeten. Da wir höhergekommen waren, hörten die grünen Hälmchen auf und Schneereste lagen am Straßenrand.

Ihr alle, sagten wir zu den Bäumen, werdet grün und belaubt sein und den Winter vergessen haben, wenn wir zurückkommen … Aber dann wollten wir nicht vom Zurückkommen reden. Jetzt hatten wir alles vor uns.

Wir fuhren auf der Straße, auf der Goethe gefahren war, ohne von Asphalt zu träumen; aber vom Asphalt abgesehen, war es beinahe dieselbe Straße, jedenfalls derselbe Weg, dieselbe Richtung.

Dort, wo er gestanden und aus dem Blick über die Berge die erste Ahnung Italiens erträumt hatte neben dem Denkmal, das ihm die Nachwelt zur Erinnerung gesetzt hatte, blieben wir stehen und hielten eine Art Andacht ab.

Ich saß still im Wagen, rauchte und dachte an Goethe, an Frau von Stein, die zurückgeblieben war und krank geworden war vor Gram um ihn, den frohen Reisenden. Und ich dachte, dass wir – einschließlich der klugen Frau von Stein – nie klüger wurden, auch wenn wir uns noch so klug stellten …

Dann kamen wir neuerlich zu, einer Grenze, denn nun mussten wir durch ein Stück Österreich, und diesmal erwartete ich bestimmt, dass der Beamte den großen Koffer sehen wollte, aber er wollte gar keinen sehen.

Hingegen merkte ich, dass Paul plötzlich ungeheuer zutraulich lächelte und kein Wasser trübte und dass er nach der Kontrolle noch immer blass und angegriffen aussah. Gleich nach den Schranken sagte er, dass er es nicht aushalte, ich müsste es übernehmen. Was übernehmen?

Er sagte, dass er noch einige Markscheine im Koffer hätte, falls das Vermögen nicht reichte, aber nun hätte er deutlich gemerkt, dass er zum Schmuggeln nicht geboren sei.

Frauen, sagte er, seien die geborenen Schmuggler, und ich könne ihm die Gefälligkeit tun und an den künftigen Grenzen die Markscheine übernehmen. Er gab sie mir gleich.

Nun war ich es, die blass und angegriffen aussah. Denn ich war ebenfalls keine »geborene« und hatte der Zigaretten wegen Angst genug ausgestanden. Nun hatte ich doppelte Angst. Aber ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich vor morgen Früh nicht zu schmuggeln brauchte. Er gab mir zudem die besten Ratschläge: Ich sollte die Thermosflasche abmontieren und die Scheine zwischen den äußeren und den inneren Boden legen, oder die Haarbürste abmontieren oder den Zahnbürstenbehälter –.

Ich entschied mich für die Haarbürste. Ich brauchte nur sechs kleine Schrauben aus dem Deckel zu nehmen, falls sie sich nehmen ließen …

»Aber vielleicht«, sagte Paul, »sind sie gerade auf Haarbürsten trainiert …«

So erging es uns mit allem. Wenn wir die Scheine unter die Watte des Wattepakets legen wollten, so waren wir überzeugt, dass die Beamten auf Wattepakete trainiert waren. Zuletzt war ich froh, dass ich keinen Mord begangen hatte. Anscheinend hatte ich für den immensen Ideenreichtum, der den Verbrecher befähigt, auch nur die kleinste Spur seiner Spuren zu verwischen, nur wenig Begabung mitbekommen.

Dann fuhren wir in Steinach am Brenner ein und fanden den Gasthof »Wilder Mann«, der uns empfohlen worden war, aber die Männer, die vor der Tür standen und uns den Weg zur Garage zeigten, waren nicht wild, sondern heiter-freundlich.

Der Weg, sagten sie, sei sehr einfach, man müsse neben dem Haus in den hinteren Hof einbiegen, den Hof überqueren, die richtige Scheune finden, nicht die alte und nicht die neue, sondern die frühere neue. Wenn kein Wagen davorstünde, kämen wir leicht hinein.

Es stand kein Wagen davor, aber im Hof wurde irgendetwas gebaut, und darum lagen drei hohe Lehmberge vor der richtigen Scheune, zwei Kalkberge und viele Holzlatten. Die Männer bezeichneten das alles als unbedeutend, man müsse nur darüber weg oder drum herumfahren. Paul hielt an, mit der Miene müder Hoffnungslosigkeit im Gesicht. Aber die Männer schienen den Wagen nicht für einen Wagen zu halten, sondern für einen netten Ohrwurm, der sich beliebig dünn machen konnte.

Paul tat, was Männer tun, wenn sie Hilfe brauchen, er lächelte zutunlich und leutselig, und ich tat, was Frauen in solchen Fällen tun, ich teilte Trinkgelder und Zigaretten aus. Dann trugen die Männer etliche Holzlatten weg und bastelten an den Lehmhaufen herum, sie wurden nicht kleiner dadurch, aber wir spürten den guten Willen und fühlten so etwas wie Rührung über die unverdorbene Menschlichkeit ihrer ländlichen Seelen.

Paul fuhr über Lehm-, Schutt- und Kalkberge, über Latten und Schubkarren, und ich war überzeugt, dass der Wagen aus dem Lack springen würde wie eine Schlange aus der Haut, denn als er die Berge überwunden hatte, war das Scheunentor so eng, dass Paul lange Zeit vor- und zurückfuhr, wobei ihn die Zurufe der Männer begleiteten. Sie sagten »Ho« und »Jo« und »Hü« und »Hö« und spreizten viele Finger und Arme, und als der Wagen in der Scheune stand, sagte Paul, dass – leider – die Reise hiermit zu Ende sei, denn er brächte ihn nie wieder heraus.

Dann aber gingen wir ins Haus und sanken wie matte Fliegen auf die Bänke der hübschesten Wirtsstube, die wir seit Langem gesehen hatten. Alles in dieser Stube war freundlich, angenehm und wohltuend behaglich. Die Wirtin kam mit der milden Tröstlichkeit eines geschulten Psychiaters an unseren Tisch und kochte alles, was wir wollten, und noch vieles, was Paul wollte, denn jetzt sei er hungrig, sagte er, und er log nicht, er aß zwei Forellen, zwei Beefsteaks und fünf Käsekuchen und bemerkte nachlässig, dass die Fahrt ihn esslustig gemacht hätte.

Dazu tranken wir hellroten Wein, dem man es nicht gleich anmerkte, dass er es »in sich« hatte. Wir saßen dicht nebeneinander, und Pauls Arm und Schulter lagen an meinem Arm und meiner Schulter. Ich nahm an, dass er, der Arm, aus Zerstreutheit dort lag, und darum zog ich, wie zufällig, den meinen weg. Plötzlich fiel mir ein, dass ich männliche Ärmelstoffe mit ihrer Dichte und Wärme und ihrem Geruch nach Wolle und Noppen immer gern gehabt hatte. Für Kammgarn hatte ich weniger übrig. Die Noppenwärme kam wieder näher zu meinem Arm, und diesmal rückte ich ihn nicht weg, und plötzlich merkte ich, dass ich den Kopf ein wenig schief hielt, schief nach Pauls Schulter hin, wie Bäume sich nach dem Licht drehen, und von da an hatte ich alle Kraft nötig, um den Kopf nicht nach dem Licht hin sinken zu lassen, es wäre so angenehm gewesen, ein wenig auszuruhen.

Dazu kam, dass Paul wieder von unserer Freundschaft zu reden anfing und sie als feinste Küche bezeichnete, als Mischung aus Spannung, Vernunft, Klugheit, Zärtlichkeit, Anregung, Heiterkeit und versehen mit einem Ich-weiß-nicht-was-Überguss, der sie undefinierbar schmackhaft mache.

Und heute, sagte er, sei ihm überhaupt sonderbar zumut. Es sei damit angegangen, dass er entdeckt hätte, wie nett ich mich ausnähme, wenn ich Kaffeeflecke herausputze. Er hätte bisher geglaubt, dass mein Charme hauptsächlich ein Gesprächscharme sei, aber er liege zudem noch im Häuslichen, Fraulichen. Und von den Augen weg liefen bläuliche Schatten zu den Schläfen hin, sie sähen gleichzeitig so hilflos und tüchtig aus und seien Zärtlichkeitserreger, Zärtlichkeitsamöben.

Ich brauchte Sekunden, bevor ich antworten konnte. »Die bläulichen Schatten sind keine Schatten, sondern Falten«, sagte ich und versuchte frisch und munter zu reden, ohne jeglichen Wehmutswermut. Aber Paul hatte seinen kulanten Tag.

Falten oder Schatten seien völlig egal, sagte er, die Franzosen nannten dergleichen flétri. Man könnte es nicht übersetzen, sie meinten Blumen damit, die aufgeblüht seien und in dieser Aufgeblühtheit die Anmut des leisen Welkens hätten und stärkere Farben des Aufleuchtens vor der Dämmerung …

Wir gerieten immer tiefer in Flétri-Gespräche und dergleichen. In solchen Fällen geschieht es häufig, dass sich von außen her noch ein anregendes Element anschließt. Diesmal war es die Kellnerin, die dieses Element darstellte. Sie war jung und vereinsamt, hier oben, und so ausgehungert nach »Leben«, dass ihre großen Augen wie Saugpfropfen an uns hingen. Sie hielt uns sichtlich für ein liebendes Paar, und ihr Hunger und Neid – wohlwollender Neid – machte sich in tiefen Seufzern Luft, sooft sie uns einen neuen Hellroten oder einen weiteren Käsekuchen brachte.

Jedermann fühlt sich wohl, wenn er beneidet wird, und zufolge des Wohlfühlens trank Paul noch ein weiteres Glas.

Daraus ergab sich, dass seine Augen schmale, glitzernde Seen wurden, in denen freundliche Fische schwammen. Ich wusste, dass es der Wein war, der die Fische erzeugte, aber ich konnte mich der Wirkung nicht gleich entziehen.

Dann legte er seine Hand wie zufällig auf die meine, und sie blieb dort liegen, bis ich meine Hand ebenso zufällig wieder wegzog. Ich zog sie weg, um ihm das morgen Früh zu erwartende schlechte Gewissen zu ersparen. Denn morgen Früh würde er ärgerlich feststellen, dass wir die angenehm erprobte Freundschaftsgrenze überschritten hatten.

Darum sagte ich ziemlich unvermittelt, dass wir das Gelage beenden und an den gesunden Schlaf denken sollten.

Das taten wir auch. Wir gingen, gefolgt von den Blicken der armen Hungrigen, die Treppe hinauf und lachten über die hohen ländlichen Stufen, mit denen wir nur mit viel Kraft und Willen zurechtkamen, denn der letzte Hellrote war zu viel gewesen.

Oben stellten wir fest, dass unsere Türeingänge weit voneinander entfernt lagen, aber nur zufolge eines baumeisterlichen Kniffs, denn die Zimmerwand – eine von vieren – lag »um die Ecke« benachbart, sodass wir uns durch die Wand hätten verständigen können, so deutlich hörten wir jeden Schritt hüben und drüben.

»Ich werde leise sein und auf Strümpfen gehen«, sagte ich, und Paul kam noch einmal herüber und sah in mein Zimmer herein.

»Dieses Zimmer«, sagte er sinnend, »ist ausgesprochen gemütlich, behaglich …«

Und ohne den Ton zu ändern, mit gelassener Ruhe fügte er hinzu: »Ich weiß nicht, ob zwei kluge, vernünftige Leute nicht eine Entgleisung riskieren könnten – um dann nie wieder daran zurückzudenken …«

Ich wusste, dass vernünftige Leute dergleichen riskieren konnten, aber ich wusste auch, dass es schwer sein würde, nie wieder daran zurückzudenken. Was ich fühlte, war die alberne nackte Angst, nochmals und wiederum in den Brunnen zu fallen, der Liebe oder Verliebtheit hieß und möglicherweise so tief war, dass man nie wieder herausklettern konnte, wenn man nicht Seile und Stricke herabgeworfen bekam, an denen man sich anklammern und hochziehen konnte – vorausgesetzt, dass man nicht vorher im Brunnen erfroren war.

Alles das überdachte ich, und dann brachte ich ein tollkühnes Etwas von Heiterkeit und Gelächter zusammen und sagte, dass ich den Scherz zu würdigen wisse und für Scherze viel übrig hätte, aber glücklicherweise nicht so betrunken wäre, einen wirklich guten Scherz nicht zu begreifen.

Ich sagte dreimal »Scherz«! Blamabel, aber nicht mehr zu ändern.

Paul nickte nur, und ich spürte den Hauch von Ernüchterung und Vernunft, der wie kalte Zugluft über uns wegzog, und dann sagte er »Gute Nacht« oder dergleichen und tappte hinüber in sein Zimmer »um die Ecke«.

Ich aber setzte mich auf den nächsten Stuhl und grämte mich. Meine Brunnenangst war schuld, dass ich ihn vertrieben hatte, aber warum hatte ich ihn auf so törichte Weise vertrieben … Ich hätte etwas Witzig-Kaltblütiges oder Witzig-Warmblütiges sagen sollen, aber ich hatte versagt, auf allen Linien, albern versagt, als hätte ich alle Schulen des Lebens umsonst besucht und nicht ein Gran Vernunft daraus gewonnen.

Ich durfte nicht länger lautlos im Sessel sitzen, da er drüben die Lautlosigkeit hören konnte. Aber drüben war es ebenso still wie hier. Weshalb? Kochte der Ärger in ihm, die Enttäuschung – über mich, die alles verdorben hatte, die nicht fähig gewesen war, den Abend mit einer netten, klug überlegten Wendung abzuschließen …

Jedenfalls musste ich es sein, die die tödliche Stille unterbrach. Ich schleppte mich zum Wasserhahn und drehte ihn auf, und während das Wasser unermüdlich plätscherte, legte ich mich auf das Bett, den Kopf nach unten, und dachte darüber nach, wie schwer es war, erwachsen zu sein. Man konnte sich dümmer benehmen als Bohnenstroh, wenn man ein glattes Gesicht mit strahlend jungen Augen besaß und gefeit war gegen die unerbittlichen Forderungen des »reifen« Daseins. Kein Mensch begriff, wie schwer es war, älter zu sein als die eigene Jugend, die innen verborgen immer da war und jung blieb, jung, töricht, zärtlich und sentimental, während man außen die Pflicht hatte, gewitzt und erfahren-wendig zu sein, klug, überlegen, der Falten würdig, die man mit Haltung zu tragen hatte, obwohl man nicht schuld daran war, dass man sie trug.

AM nächsten Morgen, wie es vorauszusehen gewesen war, standen sämtliche Thermometer unter null. Paul hatte schlecht geschlafen, da ihn die Verarbeitung des Lehms, des Kalks und der Holzlatten in Atem gehalten hatte. Klopfen, Hämmern, Ho’s und Jo’s hatten seinen Schlummer »erfolgreich beschossen«, wie er sich ausdrückte. Also war er vor Tau und Tag aufgestanden und hatte den Wagen aus der Garage geholt. Darum saß er gähnend und verärgert beim Frühstück.

Ich war gleichfalls nicht besser gelaunt. Mein Schlaf war durchlöchert gewesen, von albernen Träumen geplagt. Außerdem dachte ich an die Grenze, an der ich zu schmuggeln hatte. Und da zwei Sorgen nicht ausreichten, fühlte ich überdies, dass mir das Abendessen oder sonst etwas nicht gut, nicht sehr gut bekommen war. Die Leitungsdrähte unter der Bauchdecke schienen in Unordnung geraten zu sein. Ich hatte kürzlich gehört, dass diese Drähte mehr als zwölf Meter lang sein sollten, also war irgendein Punkt innerhalb dieser Meter gestört oder beunruhigt und beunruhigte auch mich. Dann stiegen wir in den Wagen, und ich begriff, dass ich die falschen Schuhe anhatte. Denn es hatte zu tauen begonnen, der gestrige Schnee floss in Rinnsalen an der Straße entlang. Aber die festen Schuhe lagen im Koffer und der Koffer im Kofferraum. Ich brachte den Mut nicht auf, die Schwierigkeiten des Schuhwechselns heraufzubeschwören, und so saß ich mit dünnen Sohlen im Wagen und wusste, dass ich die nassen Füße bekommen würde, vor denen die Ärzte mich gewarnt hatten.

Dann packte mich plötzlich die Angst vor dem näher kommenden Zollhaus. Ich sah mich vom scharfen Blick des Zöllners getroffen, ich sah, dass er nach meiner Handtasche griff – denn im letzten Augenblick hatte ich die Geldscheine nicht in die Haarbürste gebracht, sondern nur einfach in die Handtasche geschoben, und wenn der Mann auf Handtaschen trainiert war, dann entdeckte er sie auf den ersten Blick. Ich sah mich abgeführt, untersucht, entkleidet, verhaftet, während Paul weiterfuhr und sicherlich die Bekanntschaft einer Dame machte, einer reizenden Dame mit der entzückendsten Nase der Welt.

Beim österreichischen Zollhaus ging alles glatt vorüber. Aber ich wollte nicht aufatmen, ehe wir das zweite, das italienische, Zollhaus passiert hatten.

Kurz vor dem Zollhaus meldeten die Leitungsdrähte, dass sie empfindlich gestört seien, sie meldeten es eindringlich und unerbittlich.

Ein Zöllner stand vor der Tür, an ein Fahrrad gelehnt, das er besteigen wollte, und im Augenblick, als Paul im Zollhaus verschwand, fragte ich ihn, den Zöllner, eilig, wo die Toilette sei. Daraufhin, als hätte ich ihn um Kaisers Palast gefragt, strahlte er freudig auf, winkte mit königlichen Gebärden und ging mir voran auf das gegenüberliegende Haus zu. Dort überreichte er mir den Schlüssel und öffnete noch die Tür. Mehr konnte er nicht für mich tun, im Augenblick. Aber seinem stolzen Ausdruck entnahm ich, dass er gewissermaßen ein internationales Klosett-Lächeln lächelte, als sei er stolz darauf, dass sein Heimatland nicht hinter anderen Heimatländern zurückstand.

Ich sah noch, dass er sein Fahrrad bestieg und entschwand. Dann schloss ich eilig das Fenster, das so großzügig offen gestanden hatte, mit weitem Fernblick, hinaus und herein, in diesem unschuldig offenherzigen Land.

Als ich zurückkam, sah ich von Weitem schon, dass das Zollhaus auf dem Kopf stand. Oder eigentlich die Menschenansammlung vor dem Zollhaus. Inmitten von Zöllnern, die laut und heftig sprachen, stand Paul, blass und lang wie ein Opferpriester, der religiöse Riten vollzog, er drehte sich hin und her und im Kreis herum, deutete dahin und dorthin, schüttelte heftig den Kopf, deutete wieder und schüttelte wieder, mit bleichem Gesicht und fanatischen Augen.

Er beschwor, er wisse nicht, wo die Signora hingekommen sei. Er sprach ausgezeichnet Italienisch, aber gegen den Schwall von prasselnden Stimmen ringsum kam er nicht an. Darum deutete er.

Plötzlich verstummten alle, denn nun hatten sie mich erblickt, die Frau, die im Wagen gesessen hatte und dann verschwunden war. Und allen voran stürmte Paul auf mich zu.

Wo ich gewesen wäre und ob ich verrückt geworden wäre, schrie er, und das war das Mildeste, was er schrie, denn sie hätten schon angefangen, ihn und den Wagen zu untersuchen, weil ich verschwunden gewesen sei!

Auch die Zöllner fragten mit blitzenden Augen, wo ich gewesen sei. »Auf der Toilette«, sagte ich schlicht, und angesichts dieses Freimuts, dieser Offenheit konnte man sehen, wie einzig nur Menschlichkeit völkerverbindend zu wirken vermag! Denn augenblicklich veränderte sich das Bild: Sämtliche Zöllner lächelten ehrerbietig, verbindlich, herzlich und zutraulich, sie führten mich wie einen Ehrengast in das Zollhaus hinein und wieder heraus, ich war so etwas wie ein Schatz geworden, eine liebe gute Ausländerin, die genau wie sie selber auf Toiletten ging, und sie wehrten es geradezu entrüstet ab, mich nach Devisen zu fragen, ma no prego – sie rissen den Wagenschlag auf und verstauten die Ausländerin, die so grenzenlos menschlich gewesen war und winkten uns lange nach, mit breitem Lächeln und sonnigen Augen.

Einzig Paul war keineswegs sonnig. Im Grunde konnte er mir die Menschlichkeit nicht geradezu vorwerfen, aber musste es in dem Augenblick sein, als er die Pässe vorwies und dachte, dass ich hinter ihm stünde? Als die Beamten sahen, dass »die Frau« nicht hinter ihm stand, hatten sie ihn verdächtigt! Ihn! Der nie im Leben schmuggelte!

»Nein«, sagte ich, »du schmuggelst nicht, du lässt mich schmuggeln, und dann ärgerst du dich noch … Übrigens ist doch alles gut vorübergegangen!«

»Gut! Sie haben mich verdächtigt und beinahe ausgezogen!«

Ich gab es auf.

»Das nächste Mal«, sagte ich bitter, »schmuggelst du eben selbst!«

»Nein. Aber ich lade mir Leute ein, die nicht nervös sind und vor Zollhäusern Angst bekommen.«

Jetzt schwieg ich. Ich war gekränkt und schwieg. Ich war wie ein Ehrengast behandelt worden; ich konnte Schmugglern empfehlen, die reine Menschlichkeit anzurufen, und kein Zöllner würde auch nur daran denken, nach Devisen zu fragen. Es waren menschliche Zöllner, reizende Zöllner, und nur Paul war weder menschlich noch reizend.

Sein Gesicht, als er weiterfuhr, zeigte, wie missliebig ich ihm geworden war. Er hatte die Eisaugen eines Bergsees, der von kalten Böen überfegt wird.

Endlich sagte ich: »Ich habe nun einmal diese leidigen Beschwerden. Aber du hast recht: Ich hätte dir schreiben müssen, dass ich zu alt und zu krank bin, um mit dir zu fahren.«

Paul antwortete nicht gleich. Dann sagte er langsam: »Du bist nicht zu alt, aber du bist krank, weil du dich mit dem ewigen Rauchen krank machst!«

»Rauchen«, sagte ich und bemitleidete mich sofort, sodass mir die Tränen nahe waren, »rauchen ist eine der wenigen, beinahe die einzige Freude, die ich habe!«

Wir schwiegen wieder. Ich war gekränkt und verärgert und hätte gern eine Zigarette geraucht. Ich lechzte danach. Aber im offenen Wagen zu Rauchen war sinnlos. Der Wind trug Funken und Asche weg, es war nicht der geringste Genuss dabei, und darum ließ ich es sein.

Inzwischen hatte sich die Landschaft verändert. Wir waren in den Vorgarten des Paradieses gelangt, in das von Bergen umstandene Tal der Eisack; wir schwebten gleichsam zwischen dem hohen Atem der Berge und dem zärtlichen Hauch des Südens, und niemanden konnte entgehen, dass die Luft sich geändert hatte; sie war weich, mild, sanft und gütig geworden, und die Wiesen standen im hellsten Grün, mit farbigen Büscheln da und dort und dicken Butterblumen an den Bachrändern. Die Weiden mit ihren Blättern und Kätzchen hingen wie sanfte Vorhänge über die Bäche herab.

Wir fuhren durch Sterzing, und das Trübsal in mir hellte sich ein wenig auf, weil ich die lange Straße mit den Ur-Häusern und Ur-Urhäusern wiedersah. Die Erker stützten sich auf Bogensäulen, als lehnten sie die Köpfe auf Ellbogen, und die Fenster sahen klar und klug darüber weg.

Dann fuhren wir neuerlich durch paradiesische Vorgärten, zwischen hellstem und dunklerem Grün, weißen und rosa Blüten. Ich war noch in Gedanken in Sterzing und sah die Gewesenen, Langvergangenen mit schwarzen Kniehosen und prallen, verzierten Leibröcken gemächlich über das Pflaster gehen, ich sah sie rauchend und trinkend im Erker … Ich kannte sie. Denn so erging es mir, dass ich schon oftmals gelebt hatte und darum die Menschen von eh und je in ihren Gewohnheiten, ihren Kleidern und Sitten und Meinungen kannte. In frühester Zeit hatte ich nicht gelebt, oder das Leben wieder vergessen, aber vor etlichen hundert Jahren musste ich öfters dagewesen sein, da ich Häuser, Räume, Möbel, Geräte, Kleider und Bauten wiedererkannte, und sie erkannten mich und gaben sich offen und zutraulich und erzählten mir alles.

Als ich gerade darüber nachdachte, hörte ich Pauls Stimme. Er sagte: »Mit mir zusammen zu sein, ist keine Freude für dich?«

Ich verstand den Zusammenhang nicht gleich. Darum fügte er hinzu, dass ich das Rauchen als einzige Freude bezeichnet hatte, die mir vergönnt sei.

»Ja so«, sagte ich. Aber als ich den Zusammenhang hatte, teilte ich ihm schnell mit, dass das Zusammensein mit ihm die große Freude sei, während die kleinen Freuden darum herumtanzen müssten. Das Rauchen sei erprobterweise die beste Tänzerin. Sie mache alles noch schöner, sie hebe die Lichtpunkte noch lichter hervor und wirke tröstend, wenn dunklere Punkte sich einschlichen. Ich redete so lange, bis Paul mit sanfter und dunkler Stimme sagte: »Nun zünde dir eine an!«

»Denn –«, setzte er hinzu, »ich muss es vermerken und anerkennen, dass du seit Stunden enthaltsam gewesen bist in hohem Maße …«

Enthaltsam! Ich hatte nur darum nicht geraucht, weil das Rauchen im offenen Wagen kein Rauchen war. Sollte ich das nun sagen oder nicht sagen? Wenn ich es sagte, würde das Lob der Enthaltsamkeit wegfallen!

»Ich werde rauchen«, sagte ich, und nahm die Kurve um die Wahrheit herum, »aber erst dann, wenn du zufällig ein bisschen anhältst. Denn das Rauchen im ruhigen Wagen ist schöner als das Rauchen in voller Fahrt.«

»Ach, darum die Enthaltsamkeit«, sagte er, »aber es ist nett, dass du so ehrlich bist und es eingestehst.«

Damit bremste er ab und blieb gerade dort stehen, wo der Blick aus dem engen Tal in die Weite glitt, in den lieblichen Vordergrund, dessen Mitte und Hintergrund zu Kuppen und Gipfeln anstiegen – alle Farben, die es gab, hatten eine Art festliche Aufführung veranstaltet. Hinter den Äckern standen die dunklen Rebstöcke auf grauweißen Steinterrassen, dahinter der hellgrüne, dann der finstergrüne Wald und wieder darüber die bläulich grauen Steinwände, die in den tiefblauen Himmel einschnitten – und über dem allen lagen Sonnenlichter und samtene Schatten.

Wir rechneten uns aus, dass wir in einer Stunde in. Bozen sein würden und dass die Zeit langte, um die Bank, die Paul brauchte, und den Rechtsanwalt, den ich brauchte, zu erreichen, bevor sie die Tore schlossen.

»Was ist es mit diesem Rechtsanwalt, den du Tonio nennst?«, fragte Paul plötzlich, und ich antwortete ein wenig zögernd, dass der Rechtsanwalt Tonio derzeit nur ein Rechtsanwalt sei, aber früher einmal sei er in meinem Traumkoffer etwas mehr gewesen.

Vor mindestens zehn, nein, fünfzehn Jahren. Es ist nicht mehr wahr.

Aber damals fandest du ihn nett?

Sehr. Ich war zur Erholung da gewesen, und es beeindruckte mich, dass er seine Braut umgehend gleichfalls zur Erholung weggeschickt hatte, denn die Braut hätte er ja künftig lebenslänglich, und außerdem sei sie einsichtig und vernünftig, sonst wäre sie nicht seine Braut. Zudem hatte er gut, mehr als gut ausgesehen. Dies wäre ja auch die Ursache gewesen, weshalb er mich nett gefunden hatte.

Paul fragte, wieso?

Weil ich, antwortete ich, je besser ein Mann aussah, desto bessere Chancen hatte, von Anfang an, ihm zu gefallen!

Ich sollte deutlicher erklären, was ich damit meinte. Ich erklärte es: Ein dürftiger, unschöner, ein von der Natur benachteiligter Mann hat den Ehrgeiz, sich mit hübschen oder schönen Frauen zu schmücken. Er meint, dass er zur Geltung kommt, wenn man sieht, dass er imstande ist, ein weibliches Prunkstück zu bezaubern. Schöne Männer haben diesen Ehrgeiz nicht nötig; sie wissen, dass sie gut aussehen; sie können es sich leisten, eine Frau nach ihrem Geschmack zu wählen (da sie alle haben können und zu viele schon gehabt haben); sie wählen zumeist eine heitere, lebhafte Frau, mit der sie nicht nur, sondern auch reden können, lachen, auch ernsthaft sein. Ich war weder schön gewesen noch hatte ich geradezu verboten ausgesehen; aber die meisten Erfolge hatte ich, wie gesagt, bei den schönsten Exemplaren gehabt, aus den erwähnten Gründen.

Paul sah ein wenig nachdenklich drein. Er überschlug anscheinend im Geist die Exemplare, die er seinerseits »gewählt« hatte und schien nachzugrübeln, ob er zu den Ehrgeizigen gehörte oder nicht. »Irgendwo hast du recht«, sagte er plötzlich, »ich erinnere mich, dass ich nicht die besten Erinnerungen an schöne Frauen habe, an klassisch schöne – aber an aparte Frauen.«

»Eben«, sagte ich kühn

»Hältst du dich für apart?«, fragte er mit seinem unverschämtesten Grinsen.

Und wollte ich nicht am Wegrand verenden, so musste ich den Mut aufbringen und diese Frage bestätigen. Ja, sagte ich gemütsruhig und zündete mir (im Fahren) eine Zigarette an.

Paul schwieg. Ich weiß nicht, ob er mir recht gab oder nicht, aber die Kaltblütigkeit meiner Antwort hatte ihm anscheinend Achtung eingeflößt. »Herrn Tonio also hast du geliebt?«, fragte er nach einer Weile; und ich sagte, dass ich dies getan hätte, wenn auch kurzfristig. Ich wusste ja, dass er verlobt war, und alles war von Anfang an auf Kurzfristigkeit und Unverbindlichkeit angelegt gewesen. Darum war es zufriedenstellend verlaufen. Ich hatte die beste Erinnerung an »Herrn Tonio«.

Jetzt, sagte ich, sei es ein bisschen schwierig für mich, ihn nach so vielen Jahren wiederzusehen. Paul sah mich rasch und fragend an. Des Aussehens wegen, erklärte ich, denn inzwischen sei ich gerade um jene Jahre älter geworden, die sich nicht verbergen ließen. Er wird enttäuscht sein.

»Vielleicht auch du!«

Wir kamen an Klausen vorbei, an der Talenge, an der Burg Klausen und an den sanften Weinlaubenhängen, die wie girlandengeschmückte Straßen aussahen. Alles was Stein war, bekam den goldroten Ton dieser Landschaft, die aus Gelb und Rot und Gold gemischt war. Und wir hatten genug zu tun, gleichzeitig zu schauen und unsere Vorhaben zu überdenken: Während ich in Tonios Kanzlei ging, um die kleine Summe zu beheben, würde Paul zur Banca d’Italia gehen, um das Vermögen zu beheben.

WARUM es gerade in Bozen läge, wollte ich wissen, und er antwortete, dass er von Rom, wo er zuletzt gearbeitet hätte, heraufgefahren sei und an der Grenze sein erspartes Geld zurückgelassen habe. Am Zollamt. Die Beamten hatten ihm einen Schein ausgehändigt und gesagt, dass das Geld drei Monate lang an der Grenze liegen würde, dann aber würde es an die Banca d’Italia nach Bozen gesandt werden, wo er es jederzeit mittels Schein beheben könne.

»Und nun wollen wir hoffen, dass das auch stimmt«, bemerkte ich.

»Warum sollte es nicht stimmen? Nach drei Monaten in Bolzano … das steht auf dem Schein!«

»Auf dem Schein. Dann wird es schon stimmen. Ich weiß nur nicht … ich habe sagen hören, dass Italien das schönste Land der Welt sei, dass ihm aber irgendetwas fehle, ich glaube, die Genauigkeit …«

»Lächerlich«, sagte Paul, »ich habe den Schein, ich habe das Geld deponiert, warum unkst du so gottserbärmlich?«

Ich versicherte eilig, dass ich nicht geunkt hätte, ich sei nur ein misstrauischer Mensch von Natur.

»Scheußlich«, sagte Paul, »durch Misstrauen verdirbt man sich nur selber das Leben!«

Damit fuhren wir in Bozen ein. Zuerst fragten wir nach der Silbergasse und fanden sie gleich. Vor dem Haus zog ich den Spiegel heraus. Ein wenig zitterten meine Hände, und Paul sah es. Er schnitt ein spöttisches Gesicht und schwieg.

Dann verschloss er den Wagen und sagte, wir würden wohl um die gleiche Zeit wieder zurück sein, denn die Banca d’Italia sei nur zwei Minuten entfernt. »Addio!«

Also stieg ich die Treppe hinauf. Im Flur, vor dem letzten Stockwerk, zog ich noch einmal den Spiegel heraus und sah lange hinein. Unter den Augen lagen zwei dünne Ringe, Jahresringe, die vor fünfzehn Jahren nicht dagewesen waren. Aber ich war nicht dick geworden, und die Schläfen, die grau gesprenkelt waren wie das Gefieder eines Perlhuhns, hatte ich überfärbt.

In Gottes Namen, dachte ich ergeben, und klingelte an der Tür. Ein Fräulein öffnete, eine gleichfalls gesprenkelte, aber nicht überfärbte Dame, klein, rundlich und freundlich, und sie sagte mir, dass der Herr Rechtsanwalt krank wäre, ja, leider, aber das Geld läge für mich bereit.

Irgendwie atmete ich auf. Einesteils war es beklagenswert, dass Tonio krank war, er tat mir leid, aber andererseits brauchte ich ihm die Jahresringe nicht zu zeigen; ich musste den Ausdruck sanfter Enttäuschung in seinen Augen nicht sehen, und außerdem war – ganz gegen meine Erwartung – das Geld tatsächlich vorhanden. Ich hatte nicht daran geglaubt, dass eine Summe, die ein Ausländer verdiente, das Sperrkonto hatte passieren können. Aber da war es nun.

Ich freute mich so über die Scheine, dass ich viel zu wenig besorgt um Tonios Gesundheit fragte. »Es scheint eine Grippe zu sein«, sagte das Fräulein und zählte das Geld: »Dreißig – fünf – vierzig …«

Ich besaß vierzigtausend Lire. Im Geiste (falls ich nur wenig rauchen würde) kaufte ich mir Schuhe. Denn nirgends auf der Welt gab es schönere Schuhe als in Italien. Zugleich bat ich das Land um Verzeihung, dass ich es der Ungenauigkeit beschuldigt hatte. Ich besaß vierzigtausend Lire.

Dann fragte ich noch anstandshalber, wie es Tonios Frau ginge, und das Fräulein antwortete, dass es ihr gut ginge. »Sie ist noch immer so hübsch!«, sagte sie, und ich schluckte das bittere Wort. Vermutlich hatte sie keine Jahresringe.

Das Bittere saß in meinem Magen und machte es sich bequem. Noch immer so hübsch, konnte kein Mensch von mir sagen.

Ich ging die Treppe hinunter, und die Lire in meiner Tasche waren ein kleiner Trost. Dann fiel mir ein, dass ich zu einer Fahrt nach Italien eingeladen war, trotzdem ich nicht noch immer und überhaupt nicht schön war. Und mein Selbstbewusstsein richtete sich auf wie ein Halm nach dem Sturzregen. Sicherlich gab es wenige Frauen in meinem Alter, die eingeladen wurden, höchstens luden sie selber ein. Das hatte ich also nicht nötig. Mein Halm stand noch höher. Es war kein trostloses Exemplar, das mich eingeladen hatte, kein Trostgreis mit zitternden Kinnladen, sondern einer der bestaussehenden –.

Wo war der Bestaussehende? Ich sah ihn nirgends. Aber er konnte ja nicht lange ausbleiben, da die Bank nur zwei Minuten entfernt war. Schade, dass ich mich nicht in den Wagen setzen konnte. Ich musste danebenstehen und jeden Augenblick Auskunft geben. Denn die Bevölkerung war sportfreudig und autofreudig, und der Wagen fiel jedermann auf.

Ein ältlicher Herr blieb neben mir stehen und erkundigte sich, wie viel er gekostet hätte. Ich sagte, ich wisse es nicht und ging langsam hin und her. Aber der ältere Herr hatte lange in Deutschland gelebt und konnte die Gelegenheit nicht verpassen, mit mir zu plaudern. Er erzählte seine ganze Geschichte. Es kamen viel Pech und die teuflischsten Zufälle darin vor, sodass ich ständig »ach nein« und »wie traurig« sagen musste, obwohl ich fror. Ich fror mitten im südlichen Bozen, weil mein Mantel im Wagen lag und die Sonne verschwunden war, aus der schmalen Gasse. Dann fing ich mich zu ängstigen an. Wo blieb Paul?

Ich unterbrach den älteren Herrn mitten in einer Schraubenmutterspekulation, die ihm missglückt war, und sagte, dass ich den Herrn zurückerwartete, der in die Bank gegangen sei. Aber die Bank sei seit drei Uhr geschlossen! Geschlossen?

Wenn sie seit einer halben Stunde geschlossen war, dann war Paul seit einer halben Stunde abgängig.

Ein jüngerer Mann kam und wollte wissen, wie viel der Wagen gekostet hatte. Dann kam ein Platinblonder und wollte dasselbe wissen. Sie blieben geblendet stehen und redeten angeregt. Einen Augenblick hoffte ich, dass ich es sei, die die Anziehungskraft auf sie ausübte, aber ich irrte mich. Sie gingen nun allesamt einträchtig um den Wagen herum und studierten die Form und den Bau und den Seitenspiegel und das Schaltbrett und den Lack und die Bremsen.

Zuweilen sagte ich, dass der Herr, dem der Wagen gehöre, abgängig sei. Aber nichts ist so lächerlich wie eine Frau, die erzählt, dass irgendein Mann abgängig ist. Er würde schon kommen, sagten sie, so ungefähr, wie man einem Kind sagt, dass das Brüderchen im Himmel sei. Aber wenn er nun wirklich im Himmel war? Überfahren? In ein Schaufenster gestoßen von einem Lastauto – wenn er im Krankenhaus lag? Ich stand hier seit einer, seit zwei Stunden und wartete auf den Herrn, der in die Bank gegangen war! Und die Bank war geschlossen!

Ich hielt es nicht länger aus. Ich ging auf die andere Straßenseite und rief zum Fenster hinauf, zum Fenster des lieben kleinen Fräuleins, dass der Herr, dem der Wagen gehörte und so weiter, und sie solle um Gottes willen sämtliche Krankenhäuser anrufen oder die Polizei!

Das Fräulein antwortete ebenfalls, dass er schon kommen würde, und sie hatte denselben mitleidig-gönnerhaften Ton. Ein Mann, der es nicht eilig hatte zurückzukommen, war eben ein Mann, der es nicht eilig hatte. Offenbar dachten alle, dass der Herr Besseres zu tun hatte, als zu mir zurückzukommen!

Aber sie rief die Krankenhäuser an und zuletzt die Bank. Aber um diese Zeit, sagte sie, sei die Bank geschlossen, und um diese Zeit ginge in den Krankenhäusern kein Mensch an den Apparat. Es war fünf Uhr. Ich wusste nicht, wann in Bozen der Tag und die Arbeit begann, aber um diese Zeit jedenfalls hatte sie aufgehört. Das kleine Fräulein kam die Treppe herab und verabschiedete sich. Über der Straße lag Sonntags- und Abendstimmung. Die Interessenten rund um den Wagen hatten sich um eine Großmutter und einen Großvater vermehrt. Und um drei Halbwüchsige.

Ich starb vor Kälte, vor Hunger und Durst; ich hatte die Zigarettenpackung leer geraucht und konnte vom Wagen nicht weg.

Allmählich nahmen die Damen und Herren und Halbwüchsigen, die um den Wagen standen, mehr Interesse an mir. Eine verlassene Frau! In ihren Augen hatte eine (nicht sehr junge) Dame einen Jüngling als Fahrer und Herzensbegleiter mitgenommen, und nun war der Jüngling weg! Traurige Sache, aber von irgendeinem Standpunkt aus wohlverdient! Man nahm eben keine Jünglinge mit, oder man benahm sich so, dass der Jüngling nicht schon am Anfang der Reise genug hatte und sich verdrückte.

Ich setzte mich still und frierend auf die Stufen vor dem Hauseingang der Kanzlei. Nun war alles gleich. Paul war tot oder verletzt – oder er, der alle Welt kannte, saß gemütlich in einer Trattoria, mit einer entzückenden Frau, die er getroffen hatte.

Von Weitem kam er langsamen Ganges heran. Er ging nicht schneller, obwohl er mich sitzen sah; er keuchte zu sehr, und der Schweiß lief ihm über das Gesicht. Ich wollte ihn fragen, aber er winkte nur ab und setzte sich neben mich auf die Stufe. Verdammte – sagte er, und was und wie er verdammte, war so beängstigend, dass ich mich umsah. Wenn ein Polizist Deutsch verstand –.

In der Bank hatte das Geld nicht gelegen. Hingegen seien alle Bankleute sehr aufgeregt gewesen. Sie hatten um den Direktor geschickt, der um diese Zeit das Bankgebäude nicht ehrte durch seine Anwesenheit. Vermutlich ehrte er sein Sofa daheim. Aber nach einer Stunde kam er an. Eine weitere Stunde brauchte er, um mit der Grenze zu telefonieren. Dabei regte er sich ungemein auf. Nein, die Grenze hatte das Geld nicht abgeschickt, aber sie würde es abschicken. Sofort. Der Ausländer sollte nur noch zuerst auf die Behörde gehen und von dort aus telefonieren lassen. Also ging der Ausländer auf die Behörde. Dort waren alle sehr aufgeregt, aber es war nicht die richtige Behörde.

Außerdem war der Direktor nicht da. Aber nach einer Weile kam er. Und er selber beschrieb dem Ausländer sehr genau, wo die richtige Behörde liege, in welcher Gasse und wie man hinkäme und alles. Dabei benahm er sich wohlwollend und sehr aufgeregt.

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