Kitabı oxu: «Der Prinz und das Mädchen»

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Junia Swan

Copyright © 2020, Junia Swan

Independently published

Titelbild: trueLOVErlag

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9783753423562

Über dieses Buch

Ein Prinz, der alles für den Thron riskiert.

Ein Mädchen, das ihm sein Herz schenkt.

Eine Intrige, die vor Mord nicht zurückschreckt.

In einem fernen Land geraten ein Prinz und ein Mädchen in den Mittelpunkt eines tödlichen Komplotts. Obwohl sie einander nie hätten begegnen dürfen, verflechten sich ihrer beider Leben. Doch ihre zarte Liebe ist zum Scheitern verurteilt, denn der Prinz trifft aus reinem Machtstreben eine folgenschwere Entscheidung und liefert das Mädchen seinen Feinden aus.

Inhalt:

Rana setzt ihr Leben aufs Spiel, als sie verbotener Weise einem verletzten Mann hilft und ihn für eine Nacht in ihrem bescheidenen Zimmer beherbergt. Sie ahnt nicht, dass es sich dabei um Prinz Aren von Paishalom handelt. Der zeigt sich alsbald für ihre Hilfe erkenntlich und gestattet ihr, in Zukunft auf dem Landsitz des Königs zu wohnen.

Kaum hat sie sich eingelebt, bittet man sie, dem Prinzen zu helfen. Sie soll zum Schein für einige Monate seine Frau werden. Nicht ahnend, im Palast in das Zentrum einer tödlichen Intrige zu geraten, stimmt sie zu und begegnet einem Mann, der ihr Herz verzaubert. Doch mit ihm darf es keine gemeinsame Zukunft geben.

Für Salome


„Fast hätten sie mich geschnappt“, lachte Prinz Aren, löste einen grobgewebten Stoffschal, den er sich um sein Haupt gewickelt hatte, und ließ ihn achtlos zu Boden fallen.

Bestens gelaunt fuhr er sich mit gespreizten Fingern durch sein halblanges Haar und zauste es. „Du hättest ihre Gesichter sehen sollen!“

Er warf den Kopf in den Nacken und lachte lauthals. Dann wandte er sich zu seinem Freund, der einige Meter entfernt stand, und Aren mit gerunzelter Stirn musterte. Wie immer sah er aus, als hätte er einen Stock verschluckt. Die steife Haltung vermittelte den Eindruck, seine Schultern wären breiter, als sie es tatsächlich waren. Tarek war ein gutaussehender Mann und nach ihm der begehrteste Junggeselle des gesamten Königreiches.

„Ihr habt sie betrogen, mein Prinz, und sie um ihren Gewinn gebracht“, merkte der Angesprochene an, doch der Königssohn zuckte gleichgültig mit den Achsen.

„Das habe ich nicht. Es ist verboten, um Geld zu spielen. Gesetz meines Vaters. Demnach dürfen sie es gar nicht besitzen.“

Tarek kam seinem Herren zu Hilfe, als dieser Anstalten machte, sich des armseligen Kittels zu entledigen, den er zurzeit trug.

„Ihr spielt mit dem Feuer, Hoheit“, warnte er und legte sich, ohne eine Miene zu verziehen, das Kleidungsstück über den Arm, während sich Aren aus der Hose kämpfte.

„Dieses Feuer, wie du es nennst, ist das einzige, was in meinem Dasein nicht kontrolliert wird.“

„Das ist mir bekannt, und trotzdem riskiert Ihr zu viel. Jene Männer ahnen nicht, wer Ihr seid. Sie werden keine Gnade walten lassen, wenn Ihr ihnen in die Hände fallt.“

„Ha!“ Aren lachte spöttisch auf. „Das wird nicht passieren.“

„Und wenn doch?“

„Du willst mich des einzigen Spaßes berauben, der mir auf dieser Welt geblieben ist?“, ärgerte sich der Prinz und warf dem Untergebenen die Hose zu, der sie geschickt auffing.

„Ja, Hoheit. Eure geheimen Ausflüge in die Stadt sind zu gefährlich.“

Aren schlüpfte aus dem staubigen Hemd und ballte es in den Händen zusammen.

„Egal. Das ist es mir wert.“

Ohne seinen Freund eines letzten Blickes zu würdigen, stieg er langsam in das riesige Becken hinab und stöhnte genüsslich, als ihn warmes Wasser umspülte. Seufzend setzte er sich auf die am Rand verlaufende Sitzbank und tauchte dabei bis zum unteren Rippenbogen ein.

„Wen soll ich rufen lassen?“, fragte Tarek und wandte sich der Tür zu.

Aren rutschte tiefer, bis ihm das Wasser bis zum Hals reichte. „Hast du nicht heute Morgen von neuen Sklavinnen erzählt?“

„So ist es“, bestätigte sein ernstes Gegenüber und etwas blitzte in seinen Augen auf.

„Warum fragst du dann? Bring mir die Schönste!“

Tarek nickte und beeilte sich, den Befehlen seines Herrn nachzukommen.

Als Aren allein war, lehnte er den Kopf zurück und schloss die Augen. In Gedanken durchlebte er die letzten Stunden ein weiteres Mal und seine Stimmung hob sich. Sein Cousin war ein Miesepeter, wie er im Buche stand. Deshalb wäre sein Freund besser dazu geeignet, die Rolle des Prinzen auszufüllen, als er selbst. Doch das Geburtsrecht verlangte, dass er, Aren, wenn er die Bedingungen erfüllte, eines Tages der König von Paishalom wurde. Tarek hingegen, würde immer der Sohn des Bruders des Königs bleiben und damit keine höhere Stellung erlangen, als die seines persönlichen Beraters.


Rana zog das Tuch um ihren Kopf fester und verhüllte ihr Gesicht, bevor sie angespannt um die Ecke lugte. Die Gasse erstreckte sich ruhig und dunkel vor ihr, einzig ihr gehetzter Atem durchbrach die vorherrschende Stille. Ihre Handflächen waren feucht, wie immer, wenn sie sich um diese Zeit im Freien aufhielt, denn es war Frauen verboten, nach Einbruch der Nacht das Haus zu verlassen. Sollte man sie schnappen, erwartete sie eine schreckliche Strafe, vermutlich sogar das Gefängnis. Aber sie hatte keine andere Wahl, als das Gesetz zu brechen. Da sie nicht verhungern wollte, musste sie das Risiko eingehen. Es war nicht das einzige. Ihr Leben glich einer Aufzählung an Verstößen gegen die herrschende Ordnung.

Rana holte tief Luft und bog in die Gasse ein. Lautlos eilte sie vorwärts, hielt sich im Schatten, und wich den Lichtkreisen der spärlichen Straßenbeleuchtung aus. Bald hatte sie es geschafft und sie könnte diesen Tag für sich abschließen, die Schminke abwaschen, ihren Körper reinigen und sich in ihrem Bett verkriechen.

Vor der nächsten Kreuzung blieb sie stehen und spähte um die Ecke. Hier war es ebenso still, wie auf dem Weg, den sie bisher zurückgelegt hatte. Am anderen Ende der Straße erwartete sie ihr Zuhause, welches aus einem kleinen Raum bestand, in den man direkt von der Gasse aus durch eine alte Holztür gelangte. Nichts rührte sich. Kein Mensch hielt sich im Freien auf und sie war dankbar dafür. Zumindest in den heruntergekommenen Vierteln der Stadt hatte man sich hinter die eigenen vier Wände zurückgezogen. Jetzt waren die Ehefrauen an der Reihe, ihren Männern zu geben, was diese verlangten und Rana hatte ihre Ruhe.

Da sie es nur mehr schwer erwarten konnte, endlich nach Hause zu kommen, setzte sie sich wieder in Bewegung. Wie zuvor war sie darauf bedacht, kein Geräusch zu machen. Ihre Zehenspitzen berührten die dunklen Pflastersteine kaum, als sie die Gasse entlang huschte. Jetzt war sie fast am Ziel. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Tür zu ihrem Zimmer, beschleunigte und war kurz davor, die Hand nach ihr auszustrecken. Doch im nächsten Augenblick verfing sich ihr Fuß an einem Hindernis, weshalb sie durch die Luft flog und hart auf dem gepflasterten Boden aufschlug. Obwohl ein stechender Schmerz sie sekundenlang lähmte, unterdrückte sie einen gequälten Aufschrei. Angsterfüllt lauschte sie, ob jemand etwas gehört hatte. Dann richtete sie sich auf und verengte die Augen, darum bemüht, besser zu erkennen, was sie zu Fall gebracht hatte. Ein dunkler Hügel lag wenige Meter von ihr entfernt, der ein Stöhnen von sich gab und sich bewegte. Sofort war ihr klar, dass es sich dabei um einen Menschen handelte, und sie überlegte panisch, ob sie ihm helfen oder doch lieber fliehen und sich in Sicherheit bringen sollte. Es bestand immer die Möglichkeit, dass derjenige, der hier lag, sie später den Wachen des Königs auslieferte und damit ihren Untergang heraufbeschwor. Insgeheim wusste sie, dass sie die Entscheidung längst gefällt hatte. Es war wie ein Zwang, der sie jedem schlüssigen Argument gegenüber taub machte. Dagegen war sie machtlos.

Schnell kam sie auf die Beine und ignorierte das heftige Pochen in ihren gestauchten Handgelenken. Nervös sah sie sich erneut um und hastete zu dem Elenden zurück. Neben ihm ging sie in die Knie und stupste ihn sanft an.

„Könnt Ihr mich hören?“, flüsterte sie und versuchte, den Liegenden auf den Rücken zu drehen. Er stöhnte und gab ihrem Drängen nach. Wie ein Blitz durchzuckte sie die Erkenntnis, dass es sich bei ihm um einen Mann handelte. Trotz der schwachen Beleuchtung erkannte sie, dass sein Gesicht angeschwollen und blutig war. Ihr Herz begann zu rasen.

Er blinzelte.

„Ich helfe Euch“, flüsterte sie und griff nach seinem Arm. „Vermögt Ihr aufzustehen?“

Statt einer Antwort entwich ihm ein Keuchen, als er versuchte, sich aufzurichten. Rana stützte ihn so gut wie möglich und führte ihn die restlichen Meter bis zu ihrer Haustür. Erleichtert, nicht entdeckt worden zu sein, öffnete sie diese und geleitete ihn in das winzige Zimmer und direkt zum Bett. Der Raum beinhaltete alles, was sie ihr eigen nannte und somit nur das Notdürftigste: einen kleinen Ofen, einen wackligen Tisch mit einem noch instabileren Stuhl, einen Nagel an der Wand, an dem die wenigen Kleidungsstücke hingen, die Rana besaß, einen Eimer, mit dem man hinter dem Haus untertags Wasser holen konnte und eine Waschschüssel. Die einzigen Luxusgegenstände in ihrem Besitz, bestanden aus Puder, Lippenrot und einem feinen Umhängetuch.

Schwerfällig ließ sich der Verwundete aufs Bett fallen und stöhnte dabei laut. Rana legte erschrocken eine Hand auf seinen Mund und hoffte, dass ihn niemand gehört hatte. Denn wenn jemand erfuhr, dass sie einem Mann Unterschlupf gewährte, wäre alles verloren. Dann würde man sie ohne Federlesens ins Gefängnis werfen, auspeitschen und andere grauenvolle Dinge mit ihr anstellen.

Aufgrund ihrer Berührung öffnete der Fremde die Augen. Eines davon war nahezu gänzlich zugeschwollen und Rana nahm an, dass er damit kaum etwas erkennen konnte.

„Pscht“, flüsterte die junge Frau und zog die Hand fort.

Er nickte unmerklich, musterte sie aber weiterhin. Sogar mit einem Auge wirkte er dabei gründlich und Rana befürchtete, er hätte sie längst durchschaut.

„Wollt Ihr etwas trinken, bevor ich Eure Wunden versorge?“, fragte sie schnell, um ihn abzulenken.

„Bitte.“ Seine Stimme war angenehm tief und klang überraschend kultiviert.

Rana eilte zum Tonkrug und goss Wasser in einen Becher. Als sie zu ihm zurückkehrte, bemerkte sie, dass er sich mühevoll aufgesetzt hatte.

Dankbar nahm er ihr das Trinkgefäß ab, roch daran und runzelte die Stirn. Dann musterte er sie misstrauisch. „Was soll das sein?“

Dafür, dass er ihr Gast war, gab er sich ungewöhnlich herrisch und Rana hob die rechte Augenbraue. „Wasser“, erwiderte sie schlicht. „Wenn es Euch nicht passt, könnte ich Euch noch Kuhpisse anbieten. Das dauert aber eine Weile. Müsste erst auf die Suche nach einer Kuh gehen.“

Von ihrer rüden Wortwahl sichtlich schockiert, runzelte er die Stirn und musterte sie streng. Allerdings misslang es ihm, ihr damit Angst zu machen. Trotzig, das Kinn gereckt, wich Rana seinem Blick nicht aus und verschränkte die Arme vor der Brust, um ihn ihre Unbeugsamkeit spüren zu lassen.

„Ich bin außerdem gerne dazu bereit, Euch jederzeit wieder zurück auf die Straße zu stoßen, wenn Ihr die Brühe der Pfützen meinem Angebot vorzieht.“

Ein ungläubiger Ausdruck breitete sich in seiner Miene aus und Rana überlegte, was ihm wohl durch den Kopf ging.

„Wasser tuts auch“, brummte er, setzte das Trinkgefäß an und leerte es.

Dann reichte er es ihr und sie stellte es beiseite. Sie goss Wasser in die Waschschüssel, tauchte ein Tuch ein und trat neben ihn. Schweigend legte er sich zurück und sie beugte sich näher.

„Das sieht mir nach einem Rattenschwanz an Problemen aus“, bemerkte sie und tupfte vorsichtig auf die Beule über seinem Auge. „Das hier schaut aus, wie ein Ei. Für ein paar Tage habt Ihr demnach drei davon.“

Entgeistert öffnete er den Mund, doch fehlten ihm zweifellos die Worte, denn er starrte sie sprachlos an. Das brachte sie zum Lachen. „Wieso seht Ihr mich so an?“, fragte sie amüsiert. „Denkt Ihr, ich weiß nicht, worüber Männer am liebsten sprechen?“

Er räusperte sich und es wirkte, als versuchte er, seine Haltung zurückzugewinnen.

„Für manche mag es wahrhaftig kein besseres Gesprächsthema geben, als das Geheimnis zwischen den Beinen eines Mannes. Doch lasst Euch gesagt sein, dass ich nicht dazugehöre.“

Rana lachte auf. „Gesprächsthema? Und Geheimnis zwischen den Beinen eines Mannes? So drückt Ihr das aus? Verflucht! Wo kommt Ihr denn her? Oder ist in Eurem Kopf etwas durcheinandergeraten?“

„Mag sein“, erwiderte er und schloss die Augen, als sie sich seinem geschundenen Mund widmete.

„Soll ich Euch Hoheit nennen, bis Ihr wieder bei Sinnen seid?“, spottete sie.

„Warum nicht?“

„Ihr träumt wohl schlecht! Vermutlich besteht Ihr darauf, das ich noch mehr für Euch tue. Aber das könnt Ihr gleich vergessen. Außer, Ihr bezahlt dafür. Dann bin ich möglicherweise bereit, meinen redlichen Lebenswandel abzulegen.“

„Wer’s glaubt“, erwiderte er. „Von einer lauteren Lebensführung hast du nicht die geringste Ahnung.“

Erschrocken hielt sie die Luft an und die gesunde Gesichtsfarbe wich aus ihren Wangen. „Was wollt Ihr damit andeuten?“

„Dass du eine Hure bist.“

Rana schrak vor ihm zurück, als hätte sie sich verbrannt.

„Das ist eine gemeine, niederträchtige Lüge! Ich bin so unschuldig wie die Jungfrauen des Prinzen!“

Da lachte er ungläubig auf. „Hältst du mich für weltfremd oder beschränkt? Aber hab keine Angst. Vor mir brauchst du dich nicht zu verstellen. Ich liefere meine Helfer prinzipiell nicht ans Messer. Egal, womit sie ihr Geld verdienen.“

„Sehr edel von Euch, Hoheit. Trotzdem vermute ich, dass Ihr dafür eine Gegenleistung erwartet.“

Verwundert stellte sie fest, dass seine Augen abschätzend über ihren Körper glitten und sie straffte sich unbewusst.

„Nein“, entgegnete er ablehnend. „Dahingehend bin ich bestens versorgt.“

„Heißt das, Ihr seid Euch zu vornehm für eine wie mich?“

„Ganz genau.“

Rana erblasste und warf das Tuch wütend in die Schüssel. „Na los, dann verschwindet doch zu Eurer Gefährtin! Wo ist sie denn, wenn´s darauf ankommt? Hat sich ohne Zweifel bei Eurem Anblick in die Hose gemacht und ist auf und davon.“

„Meine Frauen tragen keine Hosen.“

„Oh.“ Rana sank auf den Stuhl und musterte ihr Gegenüber. „Ihr treibt es offenbar ganz wild. Mit so einem will hingegen ich nichts zu tun haben.“

„Siehst du?“, schmunzelte er. „Somit ist ja alles in bester Ordnung. Reiche mir etwas zu essen und gestatte mir, diese Nacht hierzubleiben und mich zu erholen. Morgen bist du mich los.“

Rana zuckte mit den Achseln. „Meinetwegen.“

Sein Blick ruhte nach wie vor auf ihr. „Allerdings frage ich mich, wo du schlafen wirst“, überlegte er. „Das Gesetz verbietet, dass sich unverheiratete Frauen mit einem Mann im gleichen Zimmer aufhalten.“

„Vor der Tür. Das ist doch klar“, erwiderte sie und verengte ihre Augen zu schmalen Schlitzen. „Und dieses vermaledeite Gesetz kann sich der König in seinen Allerwertesten stecken. Das ist reine Schikane, mehr nicht. Deswegen breche ich es mehrmals täglich. So, jetzt kennt Ihr meine Meinung.“

Er verlor deutlich an Farbe. „Kaum zu glauben“, murmelte er, was sie empörte.

„Was brabbelt Ihr da vor Euch hin? Denkt Ihr, Ihr seid besser als ich? Immerhin seid Ihr wie ein Stück Dreck auf der Straße gelandet.“

Einige Sekunden verzogen in angespanntem Schweigen, dann meinte er beschwichtigend: „Und ich bin überaus dankbar für deine Hilfe, obwohl du genau weißt, dass du damit gegen mehrere Regeln verstößt.“

Wieder erblasste sie. „Ihr werdet mich doch nicht verraten?“

„Nein. Wie gesagt, ich gebe niemanden preis, der mir hilft.“

Endlich wandte er den Blick von ihr ab und schloss die Augen. Nicht länger seiner durchdringenden Musterung ausgesetzt, entspannte sich Rana.

„Möchtet Ihr jetzt essen? Ich habe Gemüseeintopf.“

„Ich komme um vor Hunger“, gestand er und Rana öffnete die Tür, welche auf einen dunklen Gang führte. Sie stieg einige Stufen in einen kühlen, winzigen Raum hinab, in dem die Hausbewohner ihre kargen Lebensmittel lagerten. Sie nahm den letzten Rest des Mahles, das sie sich für den Abend aufgespart hatte, und kehrte damit ins Zimmer zurück. Auf dem Ofen erwärmte sie die Speise und füllte sie in den selben Becher, aus dem er zuvor getrunken hatte. Gemeinsam mit einem Löffel reichte sie ihm diesen. Da Hunger an ihren Eingeweiden zerrte, wandte sie sich ab. Um sich abzulenken, zog sie das Tuch von ihrem Kopf, wusch sich das Gesicht und tupfte die Schminke ab. Dann öffnete sie die Haare und strich mit einem dreizinkigen Kamm hindurch. Die ganze Zeit kehrte sie ihrem Gast den Rücken zu und verbannte seine Anwesenheit aus ihren Gedanken. Flink teilte sie die Haarsträhnen und flocht diese. Als sie fertig war, drehte sie sich zu ihm um. Verwirrt stellte sie fest, dass er sie beobachtet hatte.

„Wie heißt du?“, fragte er und reichte ihr den leeren Becher.

Rana wich seinem Blick aus. „Das werde ich Euch nicht verraten. Doch wenn Ihr mich weiterempfehlen wollt, schickt Eure Freunde zur Nachtigall.“

„Zur Nachtigall?“, wiederholte er erheitert.

„Das ist, weil ich so schön singen kann.“

„Ach ja?“

Sie senkte den Kopf, stellte den Becher auf den Tisch und wandte sich ab.

„Damit ist gemeint ...“, sie unterbrach sich und legte eine Hand an die Tür. Mit einem Ruck straffte sie die Schultern. „Die Männer nennen es singen, derweil ist es stöhnen. Versteht Ihr?“ Sie öffnete die Tür. „Ihr müsst nur rufen und ich komme“, erklärte sie, trat ins Freie und zog die Tür hinter sich zu.

Dann ließ sie sich zu Boden sinken. Rana hatte nicht geahnt, dass es ihr schwerfiel, über ihren Broterwerb zu sprechen, wenn sie den Schmutz des Tages abgewaschen hatte. Jetzt wusste sie es.

Mit den Armen umschlang sie ihre Beine und legte die Stirn auf die Knie. Sie schloss die Augen und erinnerte sich an den paradiesischen Garten, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte. Die schwirrenden Flügelschläge der Kolibris (ein vor vielen Jahren von einem Gesandten eines fernliegenden Landes überbrachtes Geschenk an den König. Seitdem hatten sich die Vögel prächtig vermehrt und waren aus Paishalom nicht mehr wegzudenken), welche an lauen Sommertagen die schläfrige Stille durchbrochen hatten, flüsterten wie ein fernes Echo in ihren Gedanken. Jenes Leben lag weit zurück und sie erkannte traurig, dass die Erinnerungen daran, mit jedem Tag, der verstrich, etwas mehr verblassten.

Rana erwachte, als die Tür am frühen Morgen geöffnet wurde. Aufgrund der unangenehmen Haltung schmerzte sie jeder Zoll ihres Körpers. Mit einem Ächzen rappelte sie sich auf und ergriff die Hand des Fremden, die dieser ihr hilfsbereit entgegenstreckte. Schon in der nächsten Sekunde stieß sie ihn zurück ins Innere, warf einen hektischen Blick über die Schulter und schloss die Tür.

„Wir müssen vorsichtig sein“, flüsterte sie und sah zu dem Schurken ihr gegenüber empor.

Eindringlich musterte er sie mit diesem beunruhigenden Ausdruck in dem Auge. Ihre Handflächen wurden feucht und Nervosität vibrierte in ihr.

„Was du für mich getan hast, übersteigt das normale Maß der Hilfsbereitschaft. Dies ist mir bewusst und ich werde mich dafür erkenntlich zeigen.“

Verwirrt rümpfte sie die Nase, dann machte sie eine abwehrende Handbewegung.

„Ich habe einen verflixten Hang, Menschen in Not zu helfen. Bildet Euch nichts ein“, brummte sie, verschränkte die Arme vor der Brust und hoffte, dass er ihre Selbstsicherheit zur Kenntnis nahm.

Seine Mundwinkel zuckten, im nächsten Moment lächelte er, dabei riss eine seiner Verletzungen auf und füllte sich mit Blut.

Rana stellte verwundert fest, dass sie sein Lächeln mochte. Wie in Trance trat sie zögernd zu ihm, hob ihre Hand und wischte vorsichtig mit ihren Fingerspitzen über die blutende Stelle. Es war eine zärtliche Geste und dies erschütterte sie. Sie zuckte zurück und strich mit den Handflächen verlegen über ihren Rock. Nicht eine Sekunde lang hatte er die Augen von ihr genommen, beobachtete sie schweigend.

„Wie dem auch sei“, stellte er nach einer Weile fest. „Ich bin dir zu großem Dank verpflichtet. Leider trage ich momentan kein Geld bei mir, das haben mir die zwielichtigen Gestalten gestern abgenommen. Deswegen bleibt mir nur, dich zu vertrösten.“

„Zwielichtigen Gestalten?“, wiederholte sie und ihre Lippen verbogen sich spöttisch und zugleich verwundert.

Doch er ging darauf nicht ein und streckte sich nach der Tür aus. „Du wirst von mir hören“, versprach er und nickte ihr zu. „Bis dahin, sei vorsichtig, kleine Nachtigall!“

„Natürlich, Hoheit!“, spottete sie. „Und grüßt bei Gelegenheit den König von mir!“ Rana sank in einen übertriebenen Knicks.

„Besser nicht“, erwiderte er ungerührt, wandte sich um, öffnete die Tür und lugte prüfend ins Freie.

Im nächsten Moment war er verschwunden.

„Beim Diamanten des Sultans von Mardascha“, keuchte Tarek und starrte seinen Herrn entsetzt an. „Wie seht Ihr denn aus?“

Aren schälte sich aus den zerrissenen Kleidern und knurrte schlecht gelaunt: „Diese verflixten Gauner haben mich bestohlen.“

„Nicht nur das, wie man sieht.“ Tarek musterte den dreckigen Stoffberg und kehrte dann mit seiner Aufmerksamkeit zum Gesicht des Prinzen zurück. „Ich habe das schlimmste befürchtet und war kurz davor, die Wachen zu schicken.“

„Zum Glück hast du dich an unsere Abmachung gehalten.“

Aren trat vor den meterhohen Spiegel und musterte sich, was nicht sonderlich gut gelang, da er sein rechtes Auge kaum zu öffnen vermochte. Doch ihm genügte, was er erkennen konnte. „Verflucht, es ist unmöglich, mich in diesem Zustand zu zeigen.“

„So ist es, Hoheit. Ich schlage vor, dass Ihr Euch auf die Sommerresidenz zurückzieht, bis Ihr Euch selbst wieder ähnlich seht.“

Aren seufzte und stieg ins Wasserbecken hinab.

„Fernerhin gehe ich davon aus, dass Ihr in Eurem jetzigen Zustand weiblicher Gesellschaft entsagt.“

„Gut kombiniert“, brummte der Prinz mürrisch, weil er auf sein Vergnügen verzichten und sich selbst waschen musste. „Veranlasse alles für meine Abreise und schreibe meinem Vater diesbezüglich eine Nachricht.“

„Wie Ihr wünscht, Hoheit.“

Tarek verbeugte sich und zog sich zurück.


Auf dem Weg vom Markt zu ihrem Zimmer, verzehrte Rana ein komplettes Fladenbrot. Da ihr Abendessen am vergangenen Abend ausgefallen war, vermochte sie nicht zu warten, bis sie ihr Heim erreichte. Während sie kaute, malte sie sich die Speisen aus, welche sie außerdem zubereiten wollte, und bog in ihre Straße ein. Es war kaum jemand unterwegs und die beigefarbenen von einer hellen Staubschicht überzogenen Pflastersteine, wirkten fast einladend. Eilig huschte sie in ihr Reich und legte die spärlichen Einkäufe auf den Tisch. Da klopfte es an die Tür. Augenblicklich erstarrte sie. Ihr Herz begann aufgeregt zu pochen und ihre Gedanken überschlugen sich. Wer konnte das sein? Hatte der Fremde sie verraten und der Wache des Königs einen Hinweis auf ihre Gesetzlosigkeit gegeben? Oh, Gott, was hatte sie getan, wieso vermochte sie ihr loses Mundwerk nicht zu halten? Weshalb hatte sie überhaupt so viel riskiert, um ihm zu helfen? Sie war eben eine unverbesserliche Weltverbesserin, die, wie es aussah, niemals aus ihren Fehlern lernte. Das hatte sie nun davon: Ihr war mittlerweile hundeelend und sie war schwach vor Angst.

Wieder klopfte es.

Es wäre sinnlos, es zu ignorieren und vorzugeben, nicht zu Hause zu sein. Zweifelsfrei hatte man sie dabei beobachtet, wie sie zurückgekommen war. Kauend und mit nichts als Essen im Kopf, weshalb sie nicht auf die wenigen Personen geachtet hatte, die auf der Straße herumlungerten.

Sie biss die Zähne zusammen und atmete tief aus, dann öffnete sie die Tür.

Ein edel gekleideter Mann stand vor ihr und taxierte sie herablassend, während sie fühlte, wie alles Blut in ihre Beine sackte. Es lag auf der Hand, dass er ein Gesandter des Königs war. Sein Haar war akkurat geschnitten und seine Gesichtszüge offenbarten seine ausgezeichnete Abstammung, noch bevor er ein Wort gesprochen hatte.

„Ja?“, fragte Rana mit dem letzten, ihr verbliebenen Mut und klammerte sich an den Türrahmen.

„Bist du die Nachtigall?“, begehrte der feine Herr zu erfahren und seine Aussprache war so vornehm und glatt, dass sie befürchtete darauf auszurutschen, wenn sie etwas erwiderte. Doch so schnell gab sie ihrer Angst nicht nach. Sie war eine Kämpferin und würde vor den Pfeilen seiner eindrucksvollen Überlegenheit nicht davonlaufen. In Gedanken hob sie ihr mächtiges Schild, geschmiedet aus Trotz und Kampfgeist, und entgegnete mutig: „Wer will das wissen?“

Er zog die Augenbrauen zusammen und wirkte dadurch überaus einschüchternd. Doch es war offensichtlich, dass seine Pfeile an ihrer Abwehr abgeprallt waren.

„Das geht dich nichts an. Beantworte meine Frage.“

Eine Attacke mit seinem Schwert und ihr Schild entglitt ihren Fingern. Rana schluckte und kämpfte gegen den Kloß in ihrem Hals an, der ihr zunehmend die Luft abschnürte.

„Ja“, wisperte sie.

„Dann komm mit mir.“ Er machte Anstalten, sich abzuwenden, weshalb sie schnell „Wohin? Und warum?“, hervorstieß.

Der einschüchternde Mann hielt mitten in der Bewegung inne und seine Gesichtszüge verfinsterten sich noch mehr. Ranas Hoffnung, dieser schrecklichen Situation zu entkommen, schwand. Zweifellos hatte sie der Fremde gestern belogen, als er ihr versichert hatte, seine Retter nicht zu verraten. Enttäuschung breitete sich in ihr aus und raubte ihr jegliche Kraft.

„Hör auf, Fragen zu stellen, und folge mir.“

Er klang überaus ungeduldig, machte in der nächsten Sekunde auf dem Absatz kehrt und setzte sich in Bewegung. Rana zog die Tür hinter sich zu und wankte ihm auf wackligen Beinen hinterher. Nie zuvor hatte sich der Weg durch diese Straße derart in die Länge gezogen wie in jenen Minuten.

Als sie einer königlichen Kutsche ansichtig wurde, die sie auf der Hauptstraße erwartete, befürchtete sie, vor Angst zu sterben. Man wollte sie doch nicht in den Kerker werfen und davor foltern? Sie hatte ja nichts gemacht! Nur ein paar unbedeutende Regeln gebrochen, um einem Verletzten zu helfen. Daraus würde man ihr sicherlich keinen Strick drehen! Da fiel ihr wie Schuppen von den Augen, dass sie ihren Mund nicht gehalten hatte und dem Geschundenen, als würden ihre sonstigen Vergehen nicht ausreichen, um sie zu belasten, auch noch von ihrem Broterwerb erzählt hatte. Wie dumm sie doch war! Wie ausgesprochen leichtsinnig! Nun musste sie dafür bezahlen.

Zitternd und innerlich wie gelähmt, ließ sie sich ohne Gegenwehr in die Kutsche helfen und sank auf eine angenehme und weich gepolsterte Sitzbank. Unbewusst schlang sie die Arme um ihren Oberkörper und senkte den Kopf, in dem die Gedanken wie ein Orkan durcheinanderwirbelten. Warum holte man sie außerdem mit einem derart vornehmen Gefährt ab und nicht mit einem Karren? Weshalb begleitete sie dieser Mann und nicht die Wachen des Königs? Was hatte das zu bedeuten? Verlor sie jetzt den Verstand und träumte sich in eine unrealistische Welt, um die Gegenwart ertragen zu können? Plante man unbeschreiblich Schreckliches mit ihr, weswegen man alles daran setzte, zu vertuschen, dass man sie verschleppte? Oh, Himmel, was geschah hier? Was hatte sie getan? Würde sie heute noch hingerichtet werden?

Wäre Rana nicht dermaßen in ihrer Furcht gefangen gewesen, hätte sie festgestellt, dass sie nie zuvor so komfortabel gesessen war.

Nur nebenbei gewahrte sie, dass ihr Häscher sich ihr schräg gegenüber niederließ. Mit einem Ruck setzte sich das Gefährt in Bewegung und sie bemerkte aus dem Augenwinkel, dass er seine Aufmerksamkeit ins Freie lenkte.

Schweigend verstrichen die Minuten und Ranas Verzweiflung steigerte sich. Als sie die Ungewissheit ihre Zukunft betreffend nicht länger ertrug, sank sie vor ihm auf die Knie und umfasste die Unterschenkel ihres Peinigers. Unwillig wandte er sich ihr zu, beugte sich vor und versuchte, sie abzuschütteln.

„Bitte, ich tue alles, wenn Ihr mich verschont!“, flehte sie. „Bitte, lasst mich laufen!“

Sein Mund verzog sich abfällig. „Nimm deine Finger von mir, du üble Gestalt! Lass dir ein für alle Mal gesagt sein, dass es für dich keinen Ausweg gibt. Der Prinz wünscht, dich zu sehen.“

„Der Prinz?“ Alle Farbe wich aus Ranas Wangen und sie befürchtete, in Ohnmacht zu fallen. „Oh, bitte nicht! Was will er denn von mir?“

„Das weißt du genau.“

„Nein!“, stieß sie hervor und war nicht länger in der Lage, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. „Ich habe nichts Unrechtes getan!“

„Hast du doch und du bist dir dessen bewusst! Und jetzt setze dich auf deinen Platz und nimm deine dreckigen Finger von mir!“

Schluchzend kam sie seinem Befehl nach und barg ihr Gesicht in ihren Händen.

„Bitte lasst mich laufen! Ich verspreche, ... ich verspreche, dass ich Euch immer kostenlos zur Verfügung stehen werde, wenn Ihr mir die Freiheit schenkt!“

Er lachte auf, höhnisch, abfällig und abgehackt – es klang wie Schläge, die er auf sie prasseln ließ und ihr wurde eiskalt.

„Denkst du, eine verlauste Person, wie du, führt mich in Versuchung, den Prinzen zu hintergehen?“

Da schüttelte sie vernichtet den Kopf. Ihr war es ja nicht einmal gelungen, jenen Mann, dem sie geholfen hatte, davon zu überzeugen, sie nicht zu verraten. Und dieser war ein Spieler, ein Betrüger gewesen. Der feine Herr ihr gegenüber war indessen von edlem Stand.

„Dann sind wir endlich einer Meinung“, stellte er ungerührt fest und Rana sank weiter in sich zusammen.

Aufgrund ihres Kummers entging der jungen Frau, dass sich die Landschaft veränderte. Die kargen Felsen ihrer Heimat wichen üppigem Grün, das satt in der Sonne leuchtete. Palmen warfen willkommene Schatten, die berührungslos über den Grund strichen, wenn die Wedel sich im Wind bewegten. Ein dunkelblaues Himmelsgewölbe spannte sich über dem malerischen Gebiet wie die Kuppel eines herrschaftlichen Palastes.

Als Rana vor einem weitläufigen, prunkvollen Gebäude Stunden später aus der Kutsche stieg, meinte sie, in eine andere Welt geraten zu sein. Verwirrt suchte sie den Blick ihres Entführers, doch der ignorierte sie und schritt ihr steif voran. Nicht ein einziges Mal vergewisserte er sich, dass sie ihm folgte. Rana war überzeugt davon, zu träumen. Weshalb brachte man sie an einen Ort wie diesen, wenn man sie bestrafen wollte? Sie hatte zweifellos den Verstand verloren. So fühlte sich das also an.

Der Boden im Inneren des Prunkbaus war mit weißem Marmor verkleidet, an den Wänden hingen kunstvoll gerahmte Bilder, goldene Käfige mit paradiesisch buntgefiederten Vögeln standen auf Tischen oder eigens dafür errichteten Goldgestellen. An den Decken erstreckten sich Gemälde und Muster aus winzigen Mosaiken. Bogenfenster ermöglichten einen ausgezeichneten Blick auf liebevoll angelegte Gärten. Rana blinzelte. Warum hatte man sie hierher gebracht? Was hatte sie hier zu suchen? Das konnte unter keinen Umständen ein Gefängnis sein.

Sie durchschritten unzählige Gänge und traten aus dem hinteren Teil des Palastes wieder ins Freie. Ein breiter Kiesweg schlängelte sich zwischen Blumenbeeten hindurch, teilte sich und der edle Herr schlug den rechten ein, welcher wiederum vor dem hohen Tor eines weiteren Gebäudetrakts endete. Dieses öffnete sich wie von Geisterhand und eine vornehme Frau geriet in ihr Blickfeld.

„Geh mit Zan Merizadi und tu, was sie dir sagt“, befahl der Mann und Rana nickte überwältigt.

„Komm mit“, forderte die feine Dame Rana auf und setzte sich in Bewegung.

Das fließende Kleid ihrer Führerin umspielte bei jedem Schritt ihre Knöchel und wehte um ihren Leib, als wollte es einerseits die darunter verborgenen weiblichen Rundungen kaschieren und zugleich hervorheben, indem es sich bei der nächsten Bewegung eng daran schmiegte. Ein zartes Parfum hing in der Luft und Rana war mittlerweile überzeugt davon, die Realität verlassen zu haben. Inbrünstig hoffte sie, niemals zu erwachen. Hier war es tausendmal schöner als in dem heruntergekommenen Viertel ihrer Heimatstadt.

Wieder traten sie ins Freie und schritten erneut einen Kiesweg entlang, der sich ebenso teilte. Diesmal eilten sie geradeaus weiter, bis sie vor einem kleinen, bezaubernden, geschlossenen Pavillon, mit einem Kuppeldach, welches türkis schimmerte, hielten. Ein Diener öffnete für Zan Merizadi die Tür und diese führte Rana in einen großzügigen, verschwenderisch eingerichteten Innenraum. Sofas mit dicken Polstern standen um einen Glastisch mit goldenen Klauenfüßen. Riesige Sitzkissen mit Quasten aus Goldfäden lagen auf weichen Teppichen verstreut. Sie drückte gegen eine weitere Tür und sie betraten ein luxuriöses Bad, in dessen Mitte ein ovales Becken, ausgekleidet mit bunten, kleinen Fliesen, die das Wasser funkeln ließen, eingelassen war.

„Dieses Bad teilst du dir mit den anderen Frauen“, erklärte sie und winkte ein Mädchen herbei, welches sofort zu ihnen kam.

Mit großen Augen sah sich Rana um und atmete den angenehmen Duft tief ein, der wie Nebel von der Wasserfläche aufstieg.

„Das ist Miriam, deine persönliche Dienerin. Sie wird dir helfen.“

Bevor Rana begriff, was hier eigentlich geschah, begann das Mädchen ihr Kleid zu öffnen.

„Aber ... aber, warum bin ich hier?“, rief sie der älteren Frau, die Anstalten machte, sich zurückzuziehen, hinterher.

Ein letzter Blick über ihre Schulter. „Von nun an wohnst du hier“, erklärte sie und streckte sich nach der Tür aus.

„Was? Aber ... ich verstehe das nicht ...“

„Prinz Aren hat es angeordnet. Seine Anweisungen werden nicht in Frage gestellt. Findet Euch damit ab.“ Anmutig wandte sich Zan Merizadi ab und verließ den Raum.

„Das wird mir nicht schwerfallen“, murmelte Rana und sträubte sich nicht, als Miriam ihr das Kleid von den Schultern zog und es auf den Boden fallen ließ.

Obwohl sie sich darüber freute, nicht ins Verlies gesperrt worden zu sein, überlegte sie, weshalb ausgerechnet der Prinz ein Interesse daran hatte, ihr zu helfen. Sie vermutete, dass sie unwissentlich einen seiner Freunde gerettet hatte - es war die einzig sinnvolle Erklärung für seine Großzügigkeit. Bevor jener in der Früh aufgebrochen war, hatte er ihr feierlich versprochen, sie für ihre Hilfe zu entlohnen. Nicht in ihren kühnsten Träumen hätte sich Rana eine Entschädigung dieser Art vorgestellt. Die Erleichterung, ihrem tristen Leben und einer verdienten Strafe entronnen zu sein, schwächte sie und sie ließ sich dankbar ins Wasserbecken sinken.


Prinz Aren strich mit dem Zeigefinger über sein rechtes Auge und nickte erleichtert, als er sich im Spiegel betrachtete. Die Schwellung war in den letzten Tagen deutlich zurückgegangen und seine Zeit auf dem Landsitz neigte sich somit dem Ende entgegen. Obwohl es ihm an nichts fehlte, vermisste er die Fallstricke und Intrigen, denen er sich am königlichen Hof täglich stellen musste. Noch vor Ablauf einer Woche würde er endlich nach Massada zurückkehren.

Mit einem Seufzen trat er auf den Balkon vor seinen Gemächern und tauchte ins warme Sonnenlicht ein, in dem die tanzenden Staubkörner golden schimmerten. Doch er nahm diese Schönheit nicht wahr und durchschnitt den hauchzarten Vorhang achtlos mit seinem Leib. Vor der steinernen Balustrade hielt er an, stützte sich darauf ab und blickte in den Garten hinab. Der lag verlassen vor ihm, nur der Wind bewegte hin und wieder halbherzig die glitzernden Blätter hellgrüner Farne. Plötzlich lenkte eine verstohlene Bewegung seine Aufmerksamkeit auf sich und er schirmte die Augen mit einer Hand ab, um besser sehen zu können.

Eine junge Frau, deren weiches, schwarzes Haar wie ein Schleier über ihren Rücken fiel, huschte abseits des Weges direkt auf ihn zu. Er wich etwas zurück, damit sie ihn nicht bemerkte und beobachtete, wie sie sich mehrmals verstohlen umsah. Unter einer Palme, an einer vom Garten aus uneinsichtigen Stelle, hielt sie an und stellte einen kleinen Käfig ab, den er bis jetzt übersehen hatte. Wieder sah sie sich unbehaglich um und Aren runzelte die Stirn. Was hatte sie nur vor? Da sank sie in die Knie und öffnete die Käfigtüre. Ihre Lippen bewegten sich und er nahm an, dass sie flüsterte. Erheitert beobachtete er, wie sie den Finger ins Innere steckte, dabei entging ihm ihre Anmut nicht. Sie war eine Augenweide und er würde am Abend nach ihr schicken lassen.

Schritte hinter ihm, veranlassten ihn dazu, kurz über die Schulter zu blicken. Tarek kam auf ihn zu und hielt neben ihm an.

„Hoheit, ich bringe Neuigkeiten.“

Der Prinz wandte sich wieder dem Schauspiel unter seinem Balkon zu und sah, dass die Frau damit beschäftigt war, den verängstigten Vogel davon zu überzeugen, den Käfig zu verlassen. Der drückte sich in eine Ecke, doch als sie ihre Hand nicht zurückzog, begann er wild zu flattern.

„Die müssen einen Augenblick warten.“

Er deutete auf das Mädchen und Tarek folgte dieser stummen Aufforderung. Er lüpfte die Augenbrauen, als er es ebenfalls entdeckte.

„Wer ist sie?“, begehrte der Prinz zu erfahren.

Sein Berater beugte sich weiter vor, um das Objekt der Begierde seines Herren genauer in Augenschein zu nehmen. „Die Nachtigall, mein Prinz. Keine Frau für Euch.“

Überrascht riss Aren die Augen auf. „Du scherzt! Das kann sie unmöglich sein!“

„Sie ist es, mein Freund, daran besteht kein Zweifel.“

Aren seufzte. „Schade, ich hätte sie heute gerne näher kennengelernt.“

„Es gibt andere Mädchen, die Euren Appetit stillen werden. Doch sie ... ist weniger wert als eine Sklavin. Lasst Euch von ihrem betörenden Schein nicht trügen. Obwohl sie wie Gold schimmert, bleibt sie dennoch immer ein Stück Dreck aus der Gosse. Vergesst das nicht.“

Der Prinz musterte sie ein letztes Mal. „Danke für diese eindringlichen Worte“, meinte er ironisch und stieß sich ab.

Nebeneinander kehrten sie ins Innere zurück.

„Nun lass hören, welche Nachrichten überbringst du mir?“

Aren ließ sich auf eines der Sofas fallen und deutete seinem Cousin, sich ebenfalls zu setzen. Doch dieser schüttelte den Kopf, woraufhin der Prinz gleichgültig mit den Achseln zuckte.

„Es handelt sich um beunruhigende Neuigkeiten. Mir kam zu Ohren, dass Victor ein Komplott schmiedet, um Eure Position zu schwächen.“

„Das ist nicht neu. Er war mir gegenüber schon immer feindselig eingestellt.“

„Das stimmt. Doch was er plant, nimmt besorgniserregende Formen an. Wir müssen ihn dringend überführen und danach vor Gericht stellen.“

Aren verschränkte die Arme vor der Brust. „So sprich! Welch schändliche Intrige spinnt er denn nun?“

„Es betrifft die zukünftige Prinzessin.“

Der Prinz löste die Arme und setzte sich aufrecht hin. Verständnislosigkeit spiegelte sich in seinen Gesichtszügen. „Meine Gemahlin? Bis jetzt habe ich keine gewählt.“

„Was wahrlich ein Vorteil ist. Denn auf sie hat Victor es abgesehen. Noch bevor sie Euch einen Erben geschenkt hat, will er sie ermorden.“

Wie von einer Tarantel gestochen, sprang der Prinz auf. „Das ist unmöglich! So weit würde er nicht gehen! Einen solchen Verrat würde er nicht wagen!“

„Victor behauptete gegenüber meiner Quelle, dass der Tod einer einzigen Prinzessin dem Niedergang eines kompletten Volkes vorzuziehen sei. Er hat keinerlei Vertrauen in Eure Fähigkeiten, Hoheit. Er kennt das Gesetz, welches besagt, dass der Erbprinz innerhalb von zwei Jahren einen Nachkommen vorweisen muss. Wenn man die Brautwerbung einrechnet, könntet Ihr nach dem Tod Eurer ersten Frau diese Frist niemals einhalten, was bedeutet, dass Ihr von der Thronfolge ausgeschlossen wärt.“

Aren schnappte entsetzt nach Luft. „Das ist ein kühner Plan! Doch riskiert er dabei sein eigenes Leben.“

„Oh, er wird es so einfädeln, dass ihn keine Beweise belasten werden. Außer, wir kommen ihm zuvor und darin besteht unsere einzige Chance.“

Aren trat ans Fenster und blickte nachdenklich hinaus. Die Schönheit der Natur, die sich vor ihm erstreckte, nahm er nicht wahr.

„Wie sollten wir? Er wird uns seine Pläne nicht verraten.“

„Das ist mir bewusst.“ Tarek atmete tief durch. „Deswegen ist es unerlässlich, dass wir ihn auf frischer Tat ertappen. Wir müssen ihn überführen, wenn er der Prinzessen das Leben nimmt. Ihr wisst, dass im Fall ihres gewaltsamen Todes, Eure Frist erlöschen und erst wieder mit Eurer erneuten Hochzeit in Kraft treten würde.“

Entgeistert klammerte sich der Prinz ans Fensterbrett, während der Vorschlag seines Beraters in ihm widerhallte. Das klang alles andere als erfreulich.

„Habe ich recht verstanden und du schlägst vor, eine Prinzessin zu opfern und in Kauf zu nehmen, sie unter Umständen nicht retten zu können?“

Tarek nickte ernst. „Es ist der einzige Weg.“

„Das ist unverantwortlich. So etwas kann ich nicht tun.“

Kurz war es still, nur das Zwitschern der Vögel, die in den Baumkronen schwangen, bewiesen, dass die Zeit nicht stillstand. Der Prinz ballte seine Hände und lockerte diese wieder, als ihm bewusst wurde, dass er alles verlieren würde. Den Thron und die damit einhergehende Macht. Seinen Einfluss, seine Würde, seine Ehre. Victor wollte ihn öffentlich demütigen. Aber eine Prinzessin hinterrücks ihrem Schicksal überlassen?

„Ich habe überlegt, einen Köder auszulegen“, durchbrach Tarek die Stille und neue Hoffnung entzündete sich im Erbprinzen. „Bestehend aus einer Person, deren Leben derart wertlos ist, dass es nichts bedeutet, wenn sie stirbt.“

Innere Kälte ließ Aren frösteln. Das klang niederträchtig. „Schwebt dir eine spezielle Frau vor?“

Tareks Lippen verzogen sich zu einem überlegenen Lächeln. „Wie es der Zufall will, ja.“ Er machte eine lässige Bewegung mit dem Kinn in Richtung Garten.

„Die Nachtigall?“, wollte Aren unbehaglich wissen und das zustimmende Nicken seines Beraters traf ihn wie eine Faust in den Magen.

„Ganz genau. Wir werden ihr erklären, dass sie für eine Weile Eure Prinzessin spielen muss und dafür königlich bezahlt wird. Danach erhält sie ein Haus, weitab von Massada. Wir verraten ihr allerdings nicht, dass sie dieses voraussichtlich nie zu Gesicht bekommen wird.“

Aren fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und ignorierte das ungute Gefühl, welches sich angesichts des hinterhältigen Plans in ihm ausbreitete.

„Und wenn einer ihrer Freier sie erkennt?“ Dies war ein unkalkulierbares Risiko. Ob sein Gegenüber darüber schon nachgedacht hatte?

„Sie wird ihr Antlitz in der Öffentlichkeit verhüllen. Abgesehen davon ist es fast ausgeschlossen, dass sie auf Menschen ihres ehemaligen Umfelds trifft.“

Der Prinz strich sich übers Gesicht und massierte dann mit Daumen und Zeigefinger seine Stirn. Ihm war bewusst, dass er mit einer derart heimtückischen Handlung eine unsichtbare Grenze überschritt. Andererseits war er seinem Königreich verpflichtet. Das Wohl seines Volkes stand an erster Stelle. Diese Tatsache erlaubte jegliches Vorgehen und verwandelte eine Schandtat in einen Akt der Nächstenliebe und Aufopferung. Ja, wenn er das Leben dieser Frau opferte, zeigte es seine überschwängliche Liebe zu Paishalom und adelte ihn als den rechtmäßigen Regenten. So war das. Genaugenommen wäre er nicht der erste, der sich unlauterer Mittel bediente, um an die Macht zu kommen und sie zu bewahren. Er musste dem Schwert, welches auf sein Herz zielte, die Kraft rauben, es umlenken und wenn möglich in die Brust seines Feindes bohren.

„Wir haben keine andere Wahl, oder?“, wollte er unbehaglich, doch von seinen Überlegungen bereits getröstet, wissen.

„Nein. Ich habe ausführlich darüber nachgedacht.“

„In Ordnung, dann sprich mit ihr und leite alles, was nötig ist, in die Wege.“

Jeden Tag einen Vogel. Rana lächelte und schloss die Tür des leeren Käfigs. Sie lebte seit drei Wochen hier in diesem Paradies, was bedeutete, dass mittlerweile achtzehn Kanarienvögel ihre neuerworbene Freiheit genossen. Im Laufe der ersten Tage war sie damit beschäftigt gewesen, die neue Situation zu erfassen, und als ihr bewusst geworden war, dass sie für immer hierbleiben durfte, hatte sie begonnen, Pläne zu schmieden. Irgendjemand würde sich finden, dem sie zu einem besseren Leben verhelfen konnte. Das kleine Federvieh war ihr sofort in den Sinn gekommen. Es gab so viele von ihnen, dass ihre Rettungsaktion kaum auffallen würde.

Die junge Frau richtete sich auf, sah sich ein letztes Mal um und huschte zu ihrem Pavillon zurück. Morgen wollte sie den nächsten Vogel aus einem der großen Käfige stehlen und später befreien. Doch bis dahin hatte sie ein nervtötendes Tagesprogramm zu bewältigen. Bald würde Zan Merizadi Rana abholen und in die grundlegenden Regeln der Etikette einweisen. Während dieser Unterrichtsstunden lernte sie, welche Worte nicht ausgesprochen werden durften und wie sie sich im Fall, dass sie dem Prinzen begegnete, zu benehmen hatte. So war es ihr strengstens untersagt, ihn anzusehen oder ihn gar anzusprechen. Es war ihr verboten, sich seinen Befehlen zu widersetzen und ihn zu berühren. Da die junge Frau nicht damit rechnete, ihm jemals zu begegnen – dafür gab es keinen Grund – nickte sie unterwürfig, vergaß die Instruktionen jedoch schon im nächsten Moment. Zan Merizadis Unmut darüber, sich ständig wiederholen zu müssen, stand dieser deutlich ins Gesicht geschrieben. Doch Rana tat ihren Tadel leichtfertig ab und zuckte mit den Achseln.

Summend stellte sie den leeren Käfig auf seinen Platz neben dem Fenster, als die Tür geöffnet wurde und eine der Sklavinnen eintrat. An das plötzliche Auftauchen irgendwelcher Personen in ihrem Zimmer hatte sich Rana nach wie vor nicht gewöhnt. Dieses unangekündigte Eindringen in ihre Privatsphäre nervte sie. Unwillig zog sie die Augenbrauen zusammen, sodass sich eine steile Falte auf ihrer Stirn bildete.

„Der königliche Berater des Prinzen wünscht, dich zu sehen. Folge mir, ich begleite dich zu ihm.“

Der königliche Berater des Prinzen? Ob er jener Mann war, dem sie einst geholfen hatte? Wollte er sich nun persönlich bei ihr bedanken? Ihr Puls beschleunigte sich. Oder würde er ihr mitteilen, dass sie doch in ihr altes Leben zurückkehren musste? Die Falte auf ihrer Stirn glättete sich und Rana nickte mit trockenem Hals. Das Schlucken fiel ihr mit einem Mal immens schwer. Schweigend folgte sie der Dienerin durch den Garten und in den hinteren Teil des Palastes, in dem sie sich bis jetzt nie aufgehalten hatte. Die prunkvollen Räume waren noch edler eingerichtet, als jene, durch die sie einst gekommen war. Die gesellschaftliche Stellung des Besitzers dieses Hauses atmete aus den Teppichen und jedem mit künstlerischen Intarsien verzierten Möbelstück, den fein geschliffenen Glasskulpturen und dem goldüberzogenen Stuck. All das schüchterte Rana zusätzlich ein. Es schien ihr, eine Ewigkeit vergangen zu sein, bis die Dienerin eine Tür öffnete und ihr deutete, einzutreten. Zögernd kam sie der Aufforderung nach und sah sich schnell um, bevor sie in einen tiefen Knicks sank und den Boden vor sich fixierte. Am anderen Ende des Raumes hatte sie einen Mann entdeckt, dessen großer Körper sich als dunkler Umriss vor den hohen, geschwungenen Terrassentüren abzeichnete. Da das Licht von außen auf ihn fiel, war es ihr nicht gelungen, ihn zu erkennen. Sie hörte Schritte, die näherkamen und versteifte sich. Hoffentlich war er ihr wohlgesonnen und verlangte nicht, dass sie ...

„Da bist du ja“, stellte er kühl fest und Rana erkannte seine Stimme.

Es war derselbe Mann, der sie aus ihrem Elend fort und hierher gebracht hatte. Sie war ihm zu großem Dank verpflichtet. Bevor er ihr gestattete, sich aufzurichten, schnellte sie in die Höhe und suchte seinen Blick.

„Ich habe nicht zu träumen gewagt, Euch jemals wiederzusehen“, sprudelte es aus ihr heraus. „Deswegen bin ich froh, jetzt die Gelegenheit zu haben, Euch danken zu können. Ihr habt mich hierher gebracht und ich ...“

Seine Augenbrauen waren bei ihrem Ausbruch nach oben geschossen, schnell hob er abwehrend eine Hand und sie verstummte.

„Man berichtete mir, Zan Merizadi würde dich in Etikette unterrichten?“, stellte er streng fest und Rana krampfte die Finger ineinander.

„Das tut sie.“

„Erfolglos, wie mir scheint.“

„Nein!“, wehrte Rana die Anschuldigung inbrünstig ab, es lag ihr viel daran, ihre Lehrerin zu verteidigen. „Es ist nicht ihre Schuld, sondern Eure! Jedenfalls seid Ihr nicht der Prinz und deswegen ...“

Der Ausdruck, mit dem er sie angesichts ihrer Rechtfertigung betrachtete, war wenig schmeichelhaft – er zweifelte offensichtlich an ihrer Zurechnungsfähigkeit. Er machte einen drohenden Schritt auf sie zu.

„Ich bin der engste Berater des Prinzregenten, deswegen gebührt mir jeglicher Respekt“, knurrte er und kalte Wut schwang in seinen Worten. „Auf die Knie mit dir!“

Entsetzt erbleichte Rana und sie sank zitternd zu Boden und senkte demütig den Kopf.

„So ist es besser“, stellte er kühl fest. „Und jetzt erhebe dich!“

Mühsam kam sie wieder auf die Beine, wagte nicht, den mächtigen Mann anzusehen.

„Ich habe dich rufen lassen, um dich davon in Kenntnis zu setzen, dass du erwählt worden bist, dem Prinzen zu helfen“, fuhr der königliche Berater ungerührt fort und Ranas Kopf schnellte in die Höhe.

„Dem Prinzen? Ich?“

„Schweig!“, herrschte er sie an und Rana zuckte zusammen. „Merke dir, erst zu sprechen, wenn es dir gestattet ist!“

„Verzeiht.“ Die junge Frau kämpfte mit den Tränen und ihr wurde bewusst, dass sie diesen Mann zutiefst hasste, obwohl sie ihm eigentlich dankbar sein müsste. Doch er hatte damals gewusst, dass sie zur Sommerresidenz gebracht wurde, und sie trotzdem in der peinigenden Angst davor, ins Gefängnis geworfen zu werden, schmoren lassen. Der königliche Berater war hart und böse, wie sie in dem Augenblick erkannte. Schnell senkte sie ihr Antlitz und biss mit den Zähnen auf ihre Unterlippe.

„Aufgrund diverser Umstände, die dich nicht weiter zu interessieren haben, wirst du für einige Monate eine Scheinehe mit Seiner Hoheit eingehen. Nach Ablauf dieser Zeit erhältst du als Entschädigung ein kleines Anwesen mit Dienstboten und allem, was dein Herz begehrt.“

Rana befürchtete, sich verhört zu haben, doch sie schluckte ihre bohrenden Fragen hinunter. Hatte sie recht verstanden und man verlangte von ihr, den Prinzen zu heiraten? Den Prinzen! Das war vollkommen abwegig. Sie hatte gewiss etwas falsch aufgefasst.

„Du wirst an seiner Seite als Prinzessin diverse Veranstaltungen besuchen und den Eindruck erwecken, ihm in überschwänglicher Liebe zugetan zu sein.“

Die junge Frau schüttelte ungläubig den Kopf. Erwache! Erwache! Erwache! Sie schlug sich mit einer Hand auf die Stirn, blinzelte, nur um zu erkennen, dass sie nach wie vor in dieser surrealen Welt gefangen war.

„Aber warum? Warum ich?“, stieß sie verwirrt aus.

„Hörst du nicht zu?“, brauste er zornig auf. „Die Hintergründe gehen dich nichts an! Und, wie gesagt, ist es nur für kurze Zeit.“

Rana sah zögernd auf. Er starrte sie finster an, war nur mehr wenige Meter von ihr entfernt. Etwas Unheimliches strömte von ihm aus – die Ahnung einer Bedrohung, die sie nicht einzuordnen vermochte.

„Du wirst alles mit Seiner Hoheit teilen, außer dem Bett.“

Das ergab einfach keinen Sinn und Rana biss sich auf die Zunge, um zu verhindern, dass sie ihrem Gegenüber widersprach und ihn darauf hinwies, welche Widersinnigkeit er von sich gab.

„Der Prinz kennt deine Vergangenheit und es ist unter seiner Würde, sich zu einer Frau zu legen, die schon von vielen Männern besessen wurde. Trotzdem wird er dich rufen lassen, um den äußeren Anschein einer normalen Ehe zu erwecken.“

Die Art, wie er ihre Lebensumstände schilderte, kränkte sie. Doch sie musste zugeben, dass er Recht hatte. Es war eines Prinzen unwürdig, sich einer Hure zu bedienen. Betroffen wandte sie den Kopf ab und fixierte ein filigranes Mobile aus glitzernden Glastropfen, welche das Licht wie Diamanten brachen.

„Hast du das verstanden?“

„Ja“, flüsterte sie.

„Dir bleibt ein Monat für die Vorbereitungen. Vermagst du dir die Regeln der Etikette bis dahin einzuprägen?“

„Ja“, versprach sie und erwiderte seinen Blick.

Er sah sie zweifelnd an. Sekunden verstrichen und sein Gesichtsausdruck veränderte sich von unnahbar zu lauernd. Dann teilte ein überraschtes Lächeln seinen harten Mund, als wäre ihm ein überaus erfreulicher Gedanke gekommen. Verwirrt stellte sie fest, dass er sein Antlitz neigte und seine Augen langsam über ihren Körper wandern ließ. Ihr Magen verkrampfte sich und sie presste hilflos die Arme an ihre Seiten.

„Ist dir bewusst, dass du eine der wenigen Frauen bist, die der Prinz niemals besitzen wird?“

Rana schluckte unbehaglich, seine Miene verriet aufsteigende Lust. Übelkeit brannte in ihren Eingeweiden.

„Und dass du somit zu jenen Frauen zählst, die ich mir unterwerfen werde, weil du ihm verwehrt bist?“

Erschrocken riss sie die Augen auf und wich instinktiv vor ihm zurück. Doch wie ein Raubtier auf der Jagd nach seiner Beute, strebte er zielgerichtet auf sie zu.

„Das könnt Ihr nicht tun“, keuchte sie erstickt. „Das wäre unrecht!“

„Oh, du spielst die Unschuld?“, lachte er. „Aber zu spät. Ich weiß, wer du bist und was du für mich sein kannst. Ein Triumph, ein kleiner zwar, dennoch ein winziger Sieg. Eine Befriedigung, dass Prinz Aren ein Mal verwehrt ist, was ich bekomme!“

Er streckte eine Hand nach ihr aus. Mit einem Satz sprang sie zur Seite. Wieder lachte er und setzte sich erneut in Bewegung. Er war flink und schneller, als sie es war. Schon hatte er sie gepackt und an sich gezogen. Rana atmete heftig, gefesselt von seinen kräftigen Armen.

„Ich rate dir, ihm nie von unserem kleinen Intermezzo zu erzählen“, raunte er ihr ins Ohr und drehte sie zu sich um.

Ranas Lippen bebten. Die Überraschung an einem Ort, an dem sie sich in Sicherheit gewogen hatte, auf diese Art überfallen zu werden, beraubte sie jeglicher Kraft und sie schloss die Augen, als sich sein harter Mund auf ihren drückte. Es dauerte lange, bis es ihr endlich gelang, sich tief in ihr Innerstes zurückzuziehen, wie sie es sonst immer zu tun pflegte. Sie schluckte die Tränen und den Schmerz hinunter und drängte die schrecklichen Erinnerungen weit zurück, nachdem sie in ihre Gemächer geflohen war. Nie wieder wollte sie daran denken, wie sie der Berater des Prinzen überwältigt hatte.


Die folgenden Wochen vergingen wie im Flug, da Rana von früh bis spät in ihre neue Rolle eingewiesen wurde. Sie durfte wundervolle Kleider anprobieren, die richtige Aussprache lernen und musste üben, würdevoll zu schreiten. Seit der Prinz sie aus ihrer Welt gerissen hatte, hatte sie sich verändert. Doch fremd wurde sie sich erst, als man sie in eine Prinzessin verwandelte. Wenn sie sich im Spiegel betrachtete, konnte sie nicht fassen, dass sie es war, die ihren Blick wie ein Fabelwesen mit großen Augen erwiderte. Ihre Haare schimmerten wie Seide und fühlten sich genauso an. Teurer Schmuck glänzte an ihrem Hals, an den Ohren, den Fußknöcheln, den Fingern und an den Handgelenken und, wenn sie den Arm hob, erklangen die hellen Töne winziger Glocken. Wenn sie sich bewegte, erscholl eine Wolke aus leisen Klängen. Zum Glück gewöhnte sie sich schnell daran, trotzdem pochte ihr Herz heftig, als man sie abholte und in einer Kutsche zurück in die Stadt und zum königlichen Palast brachte. Sie hoffte inniglich, sich an alle Regeln zu erinnern und ihre Unsicherheit überspielen zu können.

Ihr schien es, als ruhten hunderte Augenpaare auf ihr, als man sie einen langen Gang entlang führte, der vor einer überwältigend hohen Flügeltüre endete. Uniformierte Lakaien öffneten diese gleichzeitig und der Hofmeister trat beiseite, damit sie an ihm vorbeigehen konnte. Während sie in den Raum schwebte, registrierte sie nebenbei, dass die Tür hinter ihr geschlossen wurde. Nervös blieb sie stehen und sah sich um. Da fiel ihr Blick auf ihn, den einzigen Menschen, der außer ihr anwesend war.

„Oh“, hauchte sie, als sie ihn erkannte und machte einen zögernden Schritt in seine Richtung. „Seid Ihr es wirklich? Jetzt, da Ihr nicht mehr so verunstaltet ausseht, wie in jener Nacht, seid Ihr kaum wiederzuerkennen.“

Obwohl er nicht auf sie zukam, bemerkte sie, dass er lächelte.

„Ich bin es“, bestätigte er und sie wagte sich näher, während sie ihn neugierig musterte. „Auch du hast dich verändert.“

Sie kicherte. „Ja, kaum zu glauben, nicht wahr? Ich wollte Euch schon längst für das, was Ihr für mich getan habt, danken. Ich hätte nie zu träumen gewagt, dass jemand beim Prinzen höchstpersönlich ein gutes Wort für mich einlegen würde.“

Mittlerweile stand sie nur mehr wenige Schritte von ihm entfernt.

„Jene Nacht muss unser Geheimnis bleiben“, bat er und sie nickte.

„Selbstverständlich! Ich werde Euch niemals verraten!“

Verschwörerisch zwinkerte sie ihm zu, dann sah sie sich suchend um.

„Seid Ihr hier, um mich zum Prinzen zu begleiten?“, wollte sie nach einer Weile wissen, da er keine Anstalten machte, etwas zu unternehmen, sondern sie schweigend betrachtete. Sie vermochte sich seinen Augenausdruck nicht zu erklären. Ihr schien es, als schimmerte Bedauern darin. Aber das konnte genauso Einbildung sein. Sie hatte mit Männern seiner Schicht keinerlei Erfahrung.

„Ich habe mich dir nicht vorgestellt“, sagte er plötzlich, ohne auf ihre Frage einzugehen, und sie nickte leicht.

„Das stimmt, was sehr unhöflich von Euch war.“

Ihre komplette Aufmerksamkeit kehrte zu ihm zurück und sie beobachtete, wie er leise lachte.

„Gestatte mir, es jetzt nachzuholen.“

Sie machte eine übertriebene, ausholende Handbewegung. „Nur zu!“

Er verbeugte sich knapp und sie hielt den Atem an, da er vornehmer, als alle Männer wirkte, die sie je zuvor gesehen hatte.

„Prinz Aren von Paishalom. Dein zukünftiger Gemahl.“

Ihr fiel die Kinnlade hinunter und sie starrte ihn mit großen Augen an, unfähig, sich zu bewegen. Entsetzten explodierte in ihr, während ihr all die Worte, die sie ihm gegenüber jemals geäußert hatte, in den Sinn kamen.

„Nun, wie ich sehe, bist du überrascht.“

Mit aller Kraft schloss sie den Mund und sank vor ihm in einen tiefen Knicks, wobei sie den Kopf demütig senkte.

„Verzeiht mein ungehöriges Auftreten“, murmelte sie verstört. „Ich wollte Euch nicht brüskieren und das mit der Kuhpisse, habe ich nicht so gemeint. Ich versichere Euch, dass ich sie Euch niemals zum Trinken gereicht hätte.“

Sein warmes Lachen beruhigte ihren rasenden Puls und seine Hand, die er ihr auffordernd anbot, geriet in ihr Blickfeld. Nervös legte sie ihre Hand in seine und er zog sie in die Höhe. Seine beunruhigend klaren Augen bohrten sich in ihre.

„Das ist ein Umstand, den ich wahrlich zu hoffen wage, obwohl ich mir trotzdem nicht sicher bin, ob du nicht ...“

Vehement schüttelte sie den Kopf und ihre dunklen Locken wippten. Er zog seine Hand zurück.

„Wie auch immer. Ich bin dir zu großem Dank verpflichtet, weil du dich bereit erklärt hast, mir zum zweiten Mal zu helfen. Es ist von immenser Wichtigkeit, dass wir jeden am Hof von der Echtheit unserer Ehe überzeugen.“

Rana nickte und wieder stieg Beunruhigung in ihr auf, die von dem dunklen Schatten, der über seine Pupillen glitt, verstärkt wurde. Schnell, als wollte er seine Gedankengänge vor ihr verbergen, wandte er sich ab.

„Wir werden übermorgen heiraten“, erklärte er und sie blickte auf seine breiten Schultern, die das weite Hemd, welches er trug, kaum kaschieren konnte.

„Ich weiß“, erwiderte sie unbehaglich.

„Damit dich niemand erkennt, wirst du in der Öffentlichkeit einen Schleier tragen“, fuhr er fort.

„Auch das wurde mir bereits mitgeteilt.“

„Es darf keiner jemals erfahren, wer du in Wahrheit bist. Es wäre mein Untergang.“

Rana schluckte schwer, darum bemüht, sich den Schmerz über seine Worte nicht anmerken zu lassen. Für eine kurze Zeit hatte sie vergessen, woher sie kam. Hatte sie angenommen, eine Prinzessin zu sein. Aber das war sie nicht und sie durfte dies niemals aus den Augen verlieren.

„Heute Abend werde ich dich dem Volk und meinen Eltern präsentieren.“

„Ich bin bereit.“

Da drehte er sich wieder zu ihr und überwand die Distanz zwischen ihnen. Der Prinz griff nach ihren Händen und suchte ihren Blick. Als sie ihn scheu erwiderte, meinte er aufrichtig: „Du erweist dem Volk einen großen Dienst, auch, wenn nie jemand davon erfahren wird. Du sollst wissen, dass ich für immer in deiner Schuld stehe.“

„Aber nein, Hoheit“, entgegnete sie kopfschüttelnd. „Ihr werdet mich fürstlich entlohnen. Damit ist Eure Schuld abgegolten.“

Wieder verdüsterten sich seine Augen sekundenlang und das Lächeln, welches er ihr schenkte, wirkte gezwungen.

„Du bist überaus großzügig“, sagte er, gab ihre Hände frei und trat zu einer Klingelschnur, an der er zog.

Sofort öffnete sich die Tür und ein Diener kam herein.

„Führen Sie die Prinzessin in ihre Gemächer.“

Der Lakai verbeugte sich und wartete darauf, dass Rana ihm folgte. Sie drehte sich ein letztes Mal zum Prinzen und bemerkte, dass er sich abgewandt hatte. Die junge Frau holte tief Luft, kehrte um und eilte dem Diener hinterher.

Als sie Stunden später auf dem Weg war, um der Königsfamilie, deren Beratern und zu guter Letzt dem Volk vorgestellt zu werden, befürchtete Rana, jeden Moment in Ohnmacht zu fallen. Sie konnte sich an keine Situation in ihrem Leben erinnern, die sie mehr beängstigt hatte, als die Minuten, die ihr bevorstanden. Der Schleier, der in absehbarer Zeit ihr Gesicht verhüllen würde, lag locker um ihren Hals. Das aufwendig bestickte Kleid, welches ihren Körper wie in ein Gespinst aus feinem Gewebe bettete, wehte um ihre Gestalt und wurde von einem gedrehten Gürtel aus einer Goldfaser zusammengehalten. Bevor sie die hohen Türen erreichte, wurden diese geöffnet und ein riesiger Saal erstreckte sich vor ihren Augen. Jetzt war der Moment gekommen, in dem sie bewusstlos herniedersinken würde. Da trat jemand an ihre Seite und als sie aufsah, erkannte sie den Prinzen, der ihr freundlich zulächelte und einen Arm bot. Dankbar hängte sie sich ein und bohrte ihre Finger angespannt in sein Fleisch, was er nicht kommentierte. Er war so muskulös, deshalb vermutete sie, dass er ihre feste Umklammerung nicht bemerkte. Höflich beugte er sich näher und raunte ihr zu: „Du siehst bezaubernd aus und gereichst mir zur Ehre!“

Dieses freundliche Kompliment ließ sie erröten und sie erwiderte sein Lächeln. Dann begleitete sie ihn weiter in den Saal hinein.

„Prinzessin Rana von Azurien“, schallte eine Stimme hinter ihr und sämtliche Anwesenden drehten ihre Köpfe und musterten sie neugierig, wobei sie alles daran setzten, gelassen auszusehen. Prinz Aren hielt mit ihr vor einer Balustrade und gestattete es seinem Hofstaat, sie zu betrachten. Dann wandte er sich dem Herrscherpaar zu.

„Darf ich vorstellen, meine Braut, Prinzessin Rana von Azurien. Rana, das sind meine Eltern, König Lexis und Königin Alyssa von Paishalom. Sie konnten es kaum erwarten, dich kennenzulernen.“

Rana löste ihre Hand von ihrem Verlobten und sank in einen tiefen Knicks. Die Finger des Herrschers umschlossen ihr Handgelenk und zogen sie in die Höhe, um sie eindringlich zu betrachten.

„Aren hat aus Euch das bestgehütete Geheimnis bei Hofe gemacht. Keiner von uns ahnte, dass er sich schon vor einem Jahr für Euch entschieden hatte. Aber so war er immer, stets für eine Überraschung gut.“

Rana wagte ein zaghaftes Lächeln.

„Mir scheint, er hat eine ausgezeichnete Wahl getroffen.“

Er gab sie frei und sie knickste vor der Königin.

„Schenkt meinem Sohn noch in diesem Jahr einen Erben und Ihr habt Eure Pflicht erfüllt“, riet die Mutter ihres Verlobten und Rana nickte, obwohl sie sich die rätselhaften Worte nicht zu erklären vermochte. Der Berater hatte ihr auseinandergesetzt, dass der Königssohn sich ihr nicht auf diese Weise nähern würde. Jetzt trat der Prinz wieder neben sie und führte sie weiter.

„Meinen engsten Vertrauten kennst du mittlerweile: Tarek Haaleh.“

Ihr Herz krampfte sich so fest zusammen, dass sie es nicht verhindern konnte und zusammenzuckte. Die Augen des verhassten Mannes ruhten spöttisch auf ihr und ihr war bewusst, dass er ihre Reaktion wahrgenommen hatte. Schnell neigte sie den Kopf.

„Erfreut, Euch wiederzusehen“, presste sie mühsam hervor.

„Die Freude liegt bei mir“, erwiderte er glatt und wandte sich dem Prinzen zu. „Victor ist erpicht darauf, Eure Braut kennenzulernen.“

„Wo ist er?“, wollte der Prinz wissen und Rana bemerkte, dass sich sein Körper verspannte.

„Hoheit“, schallte plötzlich eine Stimme hinter ihnen und sie drehten sich gleichzeitig um.

Ein mittelgroßer, sehr dünner Mann verbeugte sich vor ihnen und heftete seine Augen auf Rana, nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte.

„Victor, darf ich Euch meine Braut, Prinzessin Rana, vorstellen?“

Sein Blick bohrte sich in sie und fraß sich bis in ihr Inneres durch. Dabei befürchtete sie, dass er sie augenblicklich durchschaute. Ein weiteres Mal verstärkte sie den Griff um des Prinzen Unterarm. Es würde schwer werden, vor Victor ihre wahre Herkunft zu verbergen.

„Dies ist der mächtigste Mann nach dem König“, erklärte Prinz Aren und seine Stimme klang unbeteiligt, was Rana insgeheim wunderte. Ihr Bräutigam war ihr immer als überschäumend leidenschaftlich erschienen. „Leider ist er von mir nicht sonderlich angetan.“

Überrascht musterte die Prinzessin ihren Begleiter, um dann wieder zu ihrem Gegenüber zu sehen.

„Der Prinz missversteht meine Kritik“, entgegnete Victor. „Meine Position erfordert ein Nachfragen in Bezug auf verschiedene Anweisungen. Ich diene Eurem zukünftigen Gatten mit aufrichtigem Herzen.“

Dabei blitzte etwas in seinen Augen auf, das Rana nicht entschlüsseln konnte. War es Hinterlist?

„Und was genau, wenn ich nachfragen darf, erregt Euer Missfallen?“, vermochte sich Rana nicht zurückzuhalten und stellte ihre vorwitzige Frage.

Überrascht über ihre offensichtliche Missachtung der Etikette, schossen seine Augenbrauen in die Höhe. Ein Räuspern des Prinzen ließ sie erkennen, dass sie zu weit gegangen war. Doch da sie unverkennbar bis zum Hals im Fettnäpfchen steckte, konnte sie sich darin getrost für eine weitere kurze Weile aufhalten. Anstatt sich abzuwenden, sah sie ihn herausfordernd an.

„Ihr wollt wissen, was ich an Eurem Verlobten kritisiere?“

„Ja.“

Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, dass der Prinz und sein engster Berater einen schnellen Blick austauschten, während Victor über die Schulter sah, um sich zu vergewissern, dass niemand sie belauschte.

„Es ist seine Sorglosigkeit. Seine Weigerung, sich mit den ernsten Problemen des Königreiches auseinanderzusetzen.“

Es war mutig, einen derartigen Tadel an einem Ort wie diesem zu äußern und ausgerechnet gegenüber der Braut des Prinzen. Rana wusste es instinktiv, genauso wie sie fühlte, dass viel mehr hinter seinem Vorwurf steckte. Schon als Kind hatte sie gelernt, unterschwellige Spannungen zu bemerken. Deswegen entging ihr nicht, dass sie sich auf gefährlichem Terrain bewegte.

„Wie mir scheint, hat sich der Prinz Eure Warnung zu Herzen genommen“, erwiderte sie mit einem freundlichen Lächeln. „Denn ich bin bekannt für meinen Einsatz, das Leben der entmachteten Glieder der Gesellschaft zu verbessern. Demnach bin ich Eure Verbündete.“

Erleichtert beobachtete sie, wie sich Victors Züge glätteten. Dann lächelte er sie schmal an.

„Ich bin gespannt“, erwiderte er. „Nach Ende der Hochzeitsfeierlichkeiten würde ich mich über Eure Begleitung beim Besuch des königlichen Kranken-Asyls freuen.“

„Es wäre mir eine Ehre.“ Rana lächelte ihr Gegenüber offen an.

Victor verbeugte sich und warf, bevor er sich abwandte, einen letzten, prüfenden Blick auf den Prinzen. Als sie wieder allein waren, wandte sie sich ihrem Verlobten mit schuldbewusster Miene zu.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie zerknirscht. „Ich wollte Euch nicht bloßstellen. Es hat mich nur ernstlich interessiert, was ihm an Euch missfällt.“

Prinz Aren lächelte nicht, während er sie mit gerunzelter Stirn studierte.

„Mir scheint, du hast ein diplomatisches Händchen“, stellte er nach einer Weile fest, die ihr Unbehagen verstärkt hatte.

„Wie bitte?“ Perplex erwiderte sie seinen Blick.

„Du hast ihn um den Finger gewickelt“, erläuterte er und deutete auf das Tuch. „Und jetzt verhülle dich! Wir werden vor das Volk treten.“

Die Freude über sein Lob ließ sie strahlen und sie kam seiner Aufforderung aufgeregt nach. Doch als ihr Blick auf Tarek fiel, der sie finster taxierte, erstarb ihre Euphorie und sie schluckte, kämpfte darum, die Erinnerungen an seine forschen Lippen zu verdrängen. Und an seine großen Hände, die sie erbarmungslos gehalten hatten.

Der Prinz deutete ihr Unbehagen zweifellos falsch, denn er legte eine Hand an ihren Rücken und schob sie mit sich. Tarek blieb hinter ihnen zurück und, als die Terrassentüren aufgerissen wurden, verstärkten sich die Jubelrufe zu ihren Füßen. Rana meinte, von einer Woge aus Menschen und Freudenschreien mitgerissen zu werden. Sekundenlang war es ihr unmöglich, sich zu bewegen. Doch dann hob sie ihre Hand und winkte anmutig, genau so, wie Zan Merizadi es ihr beigebracht hatte.

Bevor ihr die Arme abfielen, zogen sie sich vom Balkon zurück und es folgte ein opulentes Bankett. Rana war mittlerweile so erschöpft, dass sie befürchtete, nicht bis zum Ende durchhalten zu können. Es war überaus anstrengend, permanent konzentriert zu sein oder zu spielen, dass man es war, dabei alle Verhaltensregeln im Hinterkopf durchzugehen und sich nach ihnen zu richten. Zum Glück wurde von ihr vorrangig erwartet, den Mund zu halten und nur zu sprechen, wenn man eine Frage an sie richtete. Wie ungewöhnlich ihr Wortwechsel mit Victor gewesen war, wurde ihr erst im Laufe des Abends immer deutlicher bewusst.

Sie war dankbar, als man ihr gestattete, sich in ihre Gemächer zurückzuziehen, und schlief fast ein, als die Zofen sie für die Nacht umkleideten und ihre Haare flochten. Ihre Augen fielen in dem Moment zu, als sie das Kopfkissen berührte.

„Hast du das gesehen?“, fragte Aren seinen engsten Berater, nachdem sich die Männer in das Wohnzimmer des Prinzen zurückgezogen hatten, um bei einem letzten Glas Wein den Abend ausklingen zu lassen. „Sie hat ihn in den Ärmel gesteckt. Mit einem einzigen Satz.“

Tarek schüttelte den Kopf. „Man kann nur hoffen, dass sie es lernt, sich angemessen zu verhalten.“

„Unter Umständen ist aber genau ihre unverkrampfte Art der Weg, den dieses Land braucht?“

„Paishalom benötigt einen besonnenen Herrscher, der sich seiner Pflicht bewusst ist.“

„Meine Verpflichtung ist mir gegenwärtig“, fauchte Aren, doch schon in der nächsten Sekunde hellte sich seine Stimmung auf. „Victors Überraschung war außerordentlich komisch und wie er sich darum bemüht hat, diese zu überspielen. Wenn meiner Prinzessin dergleichen öfter gelingt, werde ich sie vielleicht rechtzeitig in Sicherheit bringen und somit behalten.“

„Das könnt Ihr nicht“, entgegnete Tarek streng. „Es wäre ein Sakrileg, außerdem würde es unseren Plan gefährden.“

Aren zuckte mit den Schultern und seufzte. „Ja, du hast recht. Wir werden sehen, wie sich die Dinge weiterentwickeln.“

Tarek trank das Glas in einem Zug leer und stellte es ab. Dann wandte er sich der Tür zu.

„Benötigt Ihr noch etwas?“

„Nein, danke, du kannst gehen.“

Der Berater des Prinzen warf einen prüfenden Blick über seine Schulter, dann zog er sich leise zurück.

Rana hatte sich daran gewöhnt, früh geweckt zu werden. In den letzten Wochen hatte man ihren Lebensrhythmus vollkommen umgestellt. Ein klein wenig vermisste sie es, nicht mehr bis spät in den Morgen schlafen zu können, und stattdessen stundenlang gebadet, eingecremt, frisiert und angekleidet zu werden. Aber die weichen Stoffe auf ihrer noch weicheren Haut zu fühlen, entschädigte sie für den Aufwand.

Als sie fertig war, brachte man sie zum Prinzen, den sie auf seiner Terrasse antraf. Genaugenommen saß er auf der Steinbrüstung, ein Bein angezogen, auf dessen Knie er seinen Arm lässig abgelegt hatte. Er starrte über die Gartenanlagen und die pulsierende Stadt, die von diesem Ort aus vollkommen ruhig wirkte, hinweg. Rana überlegte, woran er wohl dachte und hielt unschlüssig inne.

„Mein Prinz, ich bin hier“, sagte sie nach einer Weile leise und er drehte sich zu ihr.

Mit einer fließenden Bewegung glitt er von der Mauer und schritt ihr entgegen.

„Guten Morgen, Prinzessin“, grüßte er freundlich, ergriff ihre Hand und beugte sich galant darüber. Dann neigte er sich tiefer und seine Lippen drückten sich warm auf ihren Handrücken. Rana hielt überrascht die Luft an. „Hast du angenehm geruht?“

„Vielen Dank, ausgezeichnet, wie auf Wolken! Und Ihr?“

„Zu lange“, stellte er fest und richtete sich wieder auf.

„Was meint Ihr damit?“

„Damit wollte ich ausdrücken, dass mir meine Abenteuer fehlen. Seit ich mir das letzte Mal ein drittes Ei geholt habe, sind Monate vergangen!“

Rana sog erschrocken die Luft ein und errötete. Wie gemein von ihm, sie mit ihrem einstigen Fehlverhalten zu konfrontieren! Aber sie würde seine Neckerei nicht auf sich sitzen lassen.

„Seid nicht traurig“, tröstete sie ihn und Schalk blitzte in ihren Augen auf, „zwei stehen Euch besser.“

Diesmal war es an ihm, sie entgeistert anzusehen, dann begann er zu lachen.

„Du charmante Person!“

Er löste sich von ihr und strich sich mit einer Hand durchs Haar.

„Abgesehen davon bin ich nicht mehr dort, um Euch zu retten“, fuhr sie mutig fort. „Wer, außer mir, soll Euch denn sonst von der Straße auflesen?“

„Dergleichen wird nicht wieder vorkommen. Ich lerne aus meinen Fehlern.“

„Ah, dann bin ich beruhigt.“

Seine Augen funkelten, als er sie genauer betrachtete. „Trotzdem überlege ich, wie lange eine derart tollkühne Person, wie du es bist, am Hof überleben wird. Nicht jeder vermag es so gut wie ich wegzustecken, wenn seine Ehre mit Füßen getreten wird.“

Sie spielte aufrichtige Reue. „Tut mir leid, ich wollte Euch nicht kränken.“

Sein Blick ruhte auf ihr und wieder umwölkte ein dunkler Schatten sekundenlang seine Stirn. Er überwand die Distanz zwischen ihnen, hob eine Hand und legte sie an ihre Wange. Sein Daumen strich sanft darüber.

„Niemals hätte ich angenommen, mich auf die Ehe zu freuen. Doch jetzt tue ich es. Das ist mir ein Rätsel, noch dazu, da sie eine Farce ist.“

Verunsichert wich sie ihm nicht aus, bemerkte, wie seine Zärtlichkeit sie in ihrem Inneren berührte und etwas in ihr löste. Er beugte sich tiefer, kam ihrem Gesicht langsam näher.

„Rana“, flüsterte er sanft.

Seine Lippen waren nur mehr einen Fingerbreit von ihren entfernt und sie schloss die Augen, öffnete ihm ihren Mund und erwartete seine zärtliche Übernahme. Doch plötzlich gab er sie frei und trat zurück.

„Nein“, stieß er hervor, „das führt zu nichts.“

Die junge Frau riss die Augen auf und sah ihn an. Ein merkwürdiges Gefühl hatte sich mit seinem Zurückweichen über sie gestülpt und es misslang ihr, es zu definieren.

„Gehen wir“, sagte er, wieder Herr der Lage, und sie hängte sich bei ihm ein.


Nach dem Frühstück begleitete Rana die Königin und ihre Hofdamen durch die Gärten. In Gesellschaft der vornehmen Damen nahm sie das Mittagessen ein. Am Nachmittag fuhr sie als Teil einer Prozession an der Seite des Prinzen auf einem Wagen durch die Stadt. Es war ein alter Brauch, dass das königliche Brautpaar Münzen unter das Volk warf, welches jubelnd die Straßen säumte. Dabei näherten sie sich allerdings ihrem früheren Wohngebiet Mahalle-Tire nicht.

„Warum lassen wir es aus?“, fragte sie an Aren gewandt. „Die Menschen dort könnten das Geld dringend gebrauchen.“

Er wandte sich ihr nicht zu, sondern steuerte den Wagen konzentriert in der Spur des Gefährts vor ihnen.

„Viertel wie jenes, existieren offiziell in unserem Land nicht“, erklärte er knapp und Rana runzelte die Stirn.

„Dennoch sind sie da“, hielt sie fest dagegen und legte ihre Hand auf seinen Unterarm.

Er warf ihr einen schnellen Seitenblick zu.

„Ja.“ Er seufzte. „Jedoch nicht für den König und noch weniger für mich.“

„Aber für Victor.“

Mit einem Ruck zügelte er den Wagen und sofort kam die Schlange hinter ihnen zum Stehen. Entgeistert musterte er sie.

„Auch für ihn nicht.“

Rana hielt seinem Blick stand. „Aber für mich“, blieb sie fest. „Ich wünsche, dorthin zu fahren.“

Mittlerweile hatte die Vorhut ebenfalls angehalten, da die Wagenlenker bemerkt hatten, dass der Prinz zurückgeblieben war. Sekundenlang überlegte dieser, dann winkte er einen Diener näher.

„Wir werden durch Mahalle-Tire fahren. Informiere den Zugführer.“

„Sehrwohl, Hoheit.“

Der Untergebene verneigte sich und eilte davon. Überwältigt blickte Rana ihren zukünftigen Gatten an. Dieser Gesichtsausdruck ließ ihn lächeln.

„Ihr ändert Eure Pläne?“, fragte sie fassungslos.

„Ja, scheint so.“

Wärme dehnte sich wohlig in ihr aus und sie konnte nicht widerstehen und beugte sich vor. Dabei stellte sie sich auf die Zehenspitzen und berührte für einen flüchtigen Moment mit der Stirn zärtlich seine Wange. Das Volk jubelte angesichts dieser liebevollen Geste euphorisch und einen Flügelschlag lang verfingen sie sich im Blick des jeweils anderen.

„Ich danke Euch“, wisperte sie überwältigt.

Er nickte, richtete sich zur Straße hin aus und ließ die Zügel auf die Pferderücken sausen. Mit einem Ruck setzte sich das Pferdegespann wieder in Bewegung.

Nur schwer gelang es Rana, sich zurückzuhalten und nicht vom Wagen zu springen und zu der alten Frau zu laufen, die, wie immer, an einer Mauer neben dem Markt lehnte, zu entkräftet, um einen Schritt zu gehen. Sie wünschte, sie könnte zu ihr eilen und ihr eine Münze in die Hand drücken, doch wusste sie, dass sie mit einem solchen Verhalten das Entgegenkommen des Prinzen unnötig herausforderte. Für den Augenblick begnügte sie sich damit, sich zu versprechen, bald hierher zurückzukehren. Möglicherweise an Victors Seite.

Bis nach dem Abendessen ergab sich keine Gelegenheit mehr, mit dem Prinzen unter vier Augen zu sprechen. Als Rana sich verabschiedete, vermutete sie, dass sie ihn erst wieder am folgenden Tag bei der Hochzeit treffen würde. Doch wurde sie überrascht, als man ihr mitteilte, dass er sie zu sehen wünschte. Sie zog sich einen Seidenmantel über das fließende Nachtkleid und betrat kurze Zeit später die Gemächer des Thronfolgers. Der Prinz war vollständig bekleidet und saß auf einem ausladenden Sofa, ein Glas in der Hand, welches mit einer goldenen Flüssigkeit gefüllt war, die leicht schaukelte, als er es auf den Tisch stellte. Seine Augen wanderten zu ihr und sein Blick prickelte auf ihrer Haut. Doch sein Gesicht blieb ausdruckslos, weshalb ihr nicht gelang, herauszufinden, was ihm durch den Kopf ging. Mit einer lässigen Geste deutete er auf das Sofa ihm gegenüber und sie setzte sich schweigend. Er beobachtete sie derart intensiv, dass Hitze in ihre Wangen stieg und diese zum Brennen brachte. Als sie seine Musterung kaum noch ertragen konnte, senkte sie den Blick. Da erhob er sich, schlenderte zu einem Regal und griff nach einem Beutel. Während er an seinen Platz zurückkehrte, warf er ihn locker in die Luft und fing ihn wieder auf. Es klirrte leise und Rana beobachtete ihn verunsichert. Nachdem er sich ihr gegenüber niedergelassen hatte, beugte er sich vor, öffnete das Täschchen und leerte den Inhalt auf den Tisch. Steine in unterschiedlichen Farben ergossen sich vor ihrem Auge und Rana suchte fragend seinen Blick.

„Es ist ein Spiel“, erklärte er. „Ich werde es dir erläutern. Es liegen viele Nächte vor uns, in denen wir uns die Zeit vertreiben müssen. Damit sollte es gelingen.“

Bis auf die wenigen Jahre in ihrer Kindheit hatte Rana nie gespielt und Vorfreude ließ sie in die Hände klatschen.

„Wie funktioniert es?“, wollte sie begeistert wissen.

„Es gibt sieben Farben. Davon steht eine jede für eine Zahl. Blau für eins, grün für zwei und so weiter.“

Rana lauschte ihm aufmerksam.

„Stell dir vor, dieser Tisch ist in vier Felder unterteilt.“ Sie nickte und hörte ihm konzentriert zu, stellte schnell fest, dass es in hohem Maße kompliziert war.

„Bedenke, dass die Zahl, zweier diagonaler Felder immer durch zwei teilbar sein muss und die andere durch fünf. Verstanden?“

Rana schwirrte der Kopf, doch sie nickte tapfer.

„Los, probieren wir es!“

In der nächsten Stunde verlor Rana jede Runde, trotzdem machte es ihr Spaß, mit dem Prinzen zu spielen. Wobei sie zunehmend mehr gegen die lähmende Müdigkeit ankämpfte, die unnachgiebig an ihren Augenlidern zog. Als er es bemerkte, schob er die Spielsteine zusammen und ließ sie zurück in den Beutel rieseln.

„Du kannst gehen“, teilte er ihr mit und sie erhob sich gähnend.

„Danke für den anregenden Abend“, murmelte sie und streckte sich, dann wandte sie sich um.

„Wir sehen uns morgen vor dem Traualtar“, rief er ihr nach und sie hielt sekundenlang inne.

„Ach ja, stimmt.“

„Gute Nacht.“

„Schlaft gut“, murmelte sie und begab sich zurück in ihre eigenen Gemächer.

Als sie weg war, klingelte Aren nach einem Diener.

„Hoheit, Ihr wünscht?“

„Bring mir eine der Sklavinnen.“

„Sehr wohl, Hoheit. Habt Ihr einen speziellen Appetit?“

„Schwarze Haare und dunkle, mandelförmige Augen“, orderte der Prinz und stellte entsetzt fest, dass diese Beschreibung vollkommen auf Rana zutraf. „Nein“, lenkte er schnell ein. „Blond. Blaue Augen.“

„Euer Wunsch ist mir Befehl.“

Als der Diener gegangen war, starrte Aren auf jenen Ort, an dem seine Braut vor wenigen Minuten gesessen war. Ein Muskel zog in seiner Brust und er wollte nicht daran denken, dass er sie nie würde haben können.

Ein hellblauer Himmel spannte sich seit dem frühen Morgen über Massada und Rana wünschte insgeheim, der Tag wäre schon vorbei. All die Blicke, die auf ihr ruhen würden, das leere Versprechen, das sie geben musste, die Menschen, die sie betrog – nichts davon nützte ihr dabei, sich besser zu fühlen. Teil dieses Geheimnisses zu sein, lag ihr schwer im Magen. Man brachte ihr das Frühstück in die Gemächer, doch sie hatte keinen Hunger und knabberte nur an der Ecke des klebrigen Gebäckstückes, das vor ihr auf einem Teller lag. Erst nach dem Mittagessen half man ihr in das türkisfarbene, golddurchwirkte Brautkleid. Ein passendes Tuch wurde ihr um die Schultern gelegt, welches später an den Seiten einer Tiara befestigt wurde, um ihr Gesicht zu verbergen. Schon vor Tagen hatten die Diener das Gerücht ihrer überwältigenden Schönheit und von der Eifersucht des Prinzen, diese mit niemandem teilen zu wollen, gestreut. Dem Jubel nach zu urteilen, der seit Stunden bis in ihre Gemächer geweht wurde, hatte das die Fantasie der Bürger angeregt. Rana hasste den Umstand, sich verstecken zu müssen, doch hatte sie keine andere Wahl, wenn sie ihrem zukünftigen Mann helfen wollte. Und das war ihr ein Herzensanliegen.

Sie atmete tief ein, als die Hofdamen sie abholten, in ihre Mitte nahmen und vor den Palast führten. Man setzte sie in eine offene, goldene Kutsche, vor die sechs weiße Pferde gespannt worden waren. Bis auf den eindrucksvoll gekleideten Pferdelenker musste sie den Weg bis zur Zeremonien-Kuppel allein bewältigen. Sie zitterte und konzentrierte sich auf die verschwommenen Gesichter, die sie umringten. Versuchte, sie voneinander zu unterscheiden und ihnen persönlich zuzuwinken. Doch es gelang ihr nicht. Die Minuten strichen an ihr vorbei und gaukelten ihr vor, sich in einem märchenhaften Traum zu befinden.

Trompetenschall empfing sie, als sie sich dem wuchtigen Gebäude näherte, und sie umklammerte den opulenten Blumenstrauß, den man ihr irgendwann in die Hand gedrückt hatte. Man deutete ihr, die Festhalle zu betreten, und sie gehorchte. Um die tausenden Blicke, die auf ihr ruhten, zu vergessen, starrte sie geradeaus auf der Suche nach Prinz Aren. Hoch aufgerichtet in einer staatsmännischen Uniform mit Goldepauletten auf den Schultern, erwartete er sie am Ende des Saals, kam ihr sogar ein paar Schritte entgegen. Kurz bevor sie ihn erreichte, streckte er einen Arm in ihre Richtung und lächelte sie freundlich an. Mehrere Herzschläge lang vergaß sie alles um sich herum und ihre Knie wurden weich. Schon legte sie ihre Hand in seine und, noch bevor sie sich vor dem Zeremonienmeister einfanden, wusste sie, dass jenes Versprechen, das sie ihm in wenigen Minuten geben würde, so echt war, wie ihr Kleid, der Jubel und das Gebäude. Für den Rest ihres Lebens wollte sie sich an ihn binden, mit einem Schwur, der die Unvergänglichkeit in sich trug. Es tat nichts zur Sache, dass er gedachte, sie in naher Zukunft zu verlassen. Bei dem Gedanken durchzuckte sie stechender Schmerz und sie klammerte sich fester an ihn. Er lenkte seine Aufmerksamkeit auf sie und die Art, wie er sie ansah und die Worte betonte, die er feierlich wiederholte, ließen sie hoffen, dass er ebenso empfand. Während des Ehegelübdes löste eine der Hofdamen eine Seite des Tuches, damit Zeremonienmeister und Bräutigam sichergehen konnten, dass es tatsächlich sie war, die die Ehe mit dem Prinzen einging. Dann wurde es wieder befestigt und Rana verließ neben ihrem frisch angetrauten Mann die altehrwürdigen Mauern und wurde Augenblicke später von Sonnenschein und Jubel verschluckt.

Es ergab sich keine Möglichkeit für einen Wortwechsel, nicht einmal während der langen Kutschenfahrt zurück zum Palast. Dort angekommen wurden sie voneinander getrennt und Rana in ihre Gemächer gebracht, wo sie umgezogen wurde. Zum Glück durfte sie für die restlichen Feierlichkeiten den Schleier ablegen. Es bestand kein Grund anzunehmen, dass einer der Gäste sie erkennen könnte.

Als sie den Festsaal betrat, stellte sie fest, dass Prinz Aren ausgezeichneter Laune war. Er bemerkte sie und winkte sie zu sich. Wieder kam er ihr lächelnd entgegen.

„Da bist du endlich“, raunte er ihr ins Ohr, umrahmte ihr Gesicht mit seinen Händen. Vor allen Anwesenden und ungeachtet der Regeln der Etikette beugte er sich vor und küsste sie.

Augenblicklich begann sich die Welt um Rana zu drehen und sie befürchtete von dem Wirbelsturm, der in ihrem Inneren aufbrandete, mitgerissen zu werden. Sie klammerte sich an seine Schultern, während sie ihm ihren Mund öffnete und von der Hitze seiner Leidenschaft verbrannt wurde. Als er sich von ihr löste, fing er ihren Blick auf und sie meinte, zu erkennen, dass es ihn einige Anstrengung kostete, in die Gegenwart zurückzukehren.

„Das wollte ich tun, seit ich dich unter der Zeremonien-Kuppel gesehen habe“, flüsterte er und gab sie frei.

Verwirrt zog sie ihre Hände zurück, Gefühle wie diese kannte sie nicht. Was hatte er nur mit ihr angestellt? Verunsichert sah sie sich um. Da spießte sie, scharf wie die Schneide eines Säbels, der Blick eines Mannes auf. Es war ihr unmöglich, ihm zu entrinnen, deswegen blickte sie in die Richtung, aus der sie ihn fühlte, und zuckte zusammen, als sie Tarek erkannte. Er musste nichts sagen, um äußerst bedrohlich zu wirken, und ein inneres Zittern machte sie bewegungsunfähig. Da zog der Prinz sie mit sich zu ihren Plätzen und sie zwang sich, die Anwesenheit des Beraters zu vergessen.

Es war noch nicht spät, als man sie wieder in ihre Räumlichkeiten führte, um sie für die Hochzeitsnacht vorzubereiten. Innerlich starr, da sie nicht wusste, was sie zu erwarten hatte, ließ sie alles über sich ergehen. Um ihre Unsicherheit zu verbergen, senkte sie den Kopf, während sie nach einiger Zeit einem Lakaien zu den Gemächern ihres Gemahls folgte. Verwirrt stellte sie fest, dass der Prinz nur mehr eine Hose trug und sein Oberkörper im warmen Schein der Lampen schimmerte. In einer Hand hielt er einen Krummsäbel. Als der Diener gegangen war, winkte er sie näher.

„Was habt Ihr vor?“, wollte sie leise wissen und ihre Augen sogen sich an dem Messer fest.

„Komm!“, befahl er ihr und schritt ihr in das angrenzende Zimmer voraus.

Zögernd folgte sie ihm in sein Schlafzimmer. Ein riesiges Bett dominierte den Raum, der trotzdem so weitläufig wirkte, als könnte man sich in ihm verlaufen.

„Leg dich hin“, forderte er knapp und sie versuchte in ihm zu lesen. Doch nichts an seinem Gesichtsausdruck deutete darauf hin, was er vorhatte.

Angstvoll tappte sie zum Bett und legte sich nieder. Schloss die Augen. Was plante er nur? Warum hatte er sie hierher bestellt, obwohl er nicht beabsichtigte, sie zu der Seinen zu machen?

Die Matratze senkte sich, als er sich neben ihr niederließ. Mit einer Hand schob er ihr Nachthemd höher. Jetzt war ihr alles klar: Der Berater hatte gelogen. Der Prinz würde die Ehe mit ihr vollziehen und sie dabei wie eine Hure behandeln. Nicht wie seine unschuldige Prinzessin, die nie zuvor einen Mann gesehen hatte. Tränen brannten in ihren Augen und sie schluckte, um sie zu unterdrücken. Als ihr Unterleib seinem Blick preisgegeben war, forderte er sie auf, die Beine zu spreizen. Sie biss die Zähne zusammen, leerte ihren Kopf und tat, was er von ihr verlangte. Dann spürte sie seine Hände, die sie überall berührten, nicht zärtlich oder liebevoll, sondern als würde er etwas zwischen ihren Schenkeln und darauf verstreichen. Verwirrt öffnete sie die Augen und schrie erschrocken auf, als sie Blut entdeckte, das ihre Haut und das Bettlaken rot färbte. Sein Blick glitt zu ihr und er nickte. Im nächsten Moment erhob er sich.

„Du kannst dich wieder bedecken“, sagte er im Hinausgehen. Vollkommen durcheinander kam sie auf die Beine und rannte ihm nach.

„Woher habt Ihr das Blut? Ich habe nichts gespürt“, rief sie und beobachtete, wie er die Klinge des Dolches reinigte.

Er öffnete seine linke Handfläche und sie bemerkte einen tiefen Schnitt darin. Sie keuchte entsetzt.

„Hätte es keine andere Möglichkeit gegeben?“, fragte sie bleich.

„Keine, die so leicht umzusetzen war“, erwiderte er und legte das Messer beiseite.

Dann wandte er sich zu ihr um. „Wie steht es? Bist du bereit, wieder gegen mich zu verlieren?“

Verstört versuchte sie, zu begreifen, dass er sie an ihrer intimsten Stelle berührt hatte, ohne etwas dabei zu empfinden. Sein Benehmen stand im krassen Gegensatz zu dem glühenden Kuss, mit dem er sie vor allen Anwesenden verschlungen hatte. War es nur Schauspiel gewesen? Dazu gedacht, den Hof von seinen Gefühlen für sie, zu überzeugen? Ihr Mut sank. Wie betäubt nickte sie und er holte den Beutel mit den Steinen.

Spät in der Nacht kehrte sie in ihr Schlafzimmer zurück und kuschelte sich in die flauschigen Kissen. Todmüde schloss sie die Augen. Viel zu schnell wurde sie geweckt und die Erste Hofdame beobachtete sie dabei, wie die Zofen ihr das Nachthemd auszogen. Wieder musste sie sich, diesmal nackt, aufs Bett legen und die Blicke der Zeugen ertragen, welche die Blutspuren registrierten und zufrieden nickten. Dann war es endlich vorbei und sie durfte baden.

Die Feierlichkeiten setzten sich fort. Eine Festrede folgte der nächsten und die Feier wurde am Abend mit einem gewaltigen, chinesischen Feuerwerk abgeschlossen. Nie zuvor hatte Rana etwas dergleichen gesehen und sie legte überwältigt eine Hand über ihr Herz.

„Prinzessin, mir kam zu Ohren, dass Ihr den Festzug bis nach Mahalle-Tire ausgedehnt habt“, stellte eine Stimme neben ihr fest und sie drehte ihr Antlitz von dem märchenhaften Schauspiel fort und zu ihrem Nachbarn.

„Das ist richtig, Victor“, erwiderte sie lächelnd.

„Weshalb, wenn ich fragen darf?“

„Weil die Menschen dort die Münzen nötiger haben, als jene in den reichen Vororten.“

Seine Augen verengten sich sekundenlang. „Ihr habt den Prinzen dazu überreden können?“

„Das war nicht schwer. Es war ihm ebenfalls ein Anliegen.“

„Tatsächlich?“ Victor musterte sie, als würde er ihr kein Wort glauben.

„Ja! Der Prinz hat ein großes Herz.“ Sie lächelte ihn offen an. „Genauso, wie Ihr, habe ich recht?“

Er wandte sich ab und starrte in den Himmel. „Ich frage mich, wo Ihr einander begegnet seid, Prinzessin. Es muss ein weit entfernter Ort gewesen sein.“

Rana strich sich mit den Handflächen über die Oberarme und blickte ebenfalls wieder zu den explodierenden Farbschnüren empor.

„In meinem Heimatland“, sagte sie leise und in Gedanken versunken.

„Wie mir scheint, war dies eine ausgezeichnete Fügung des Schicksals.“

Sie kam nicht umhin, strahlend zu lächeln, als sie sich daran erinnerte, wie der Prinz auf ihrem alten Bett gelegen war und was sie zu ihm gesagt hatte.

„So wirkt es“, stimmte sie Victor zu. „Und ich freue mich, dass Ihr ebenfalls so empfindet.“


„Wenn du umgezogen bist, verlange ich, dass du zu mir kommst“, erklärte der Bräutigam, obwohl einige der Hochzeitsgäste um sie herumstanden.

Rana errötete und die Männer zwinkerten einander zu.

„Gewiss, mein Prinz“, flüsterte sie und zog sich in ihre Gemächer zurück.

Ob er wieder spielen wollte? Es musste langweilig für ihn sein, da sie die Regeln kaum beherrschte und sie für ihn keine Herausforderung darstellte. Genaugenommen spielte er gegen sich selbst, da er gezwungen war, ihr ständig zu helfen.

Als sie seine Gemächer betrat, schnallte er sich einen breiten Ledergürtel um die Hüften und sie erkannte verwundert, dass er sich umgekleidet hatte. Eine schwarze Hose aus schwerem Stoff spannte sich über seine Oberschenkel und ein dunkles Hemd, das etwas offen stand, verlieh ihm eine Verwegenheit, die sie an ihre erste Begegnung erinnerte. Vermutlich war er damals auf die gleiche Weise in die Nacht aufgebrochen. Ihre Augen verfingen sich an seinen Brusthaaren, doch sie riss sich davon los und suchte seinen Blick. Alles an ihm drückte Unternehmungslust aus und er schritt zu einem Stuhl, griff nach einem Stoffbündel und warf es ihr hin. Sie fing es perplex auf.

„Ein überaus erfreulicher Vorteil an der Tatsache, dass du nicht königlichen Blutes bist, ist, dass ich mit dir Pferde stehlen gehen kann“, erklärte er mit einem breiten Lächeln und zwinkerte ihr zu.

„Ihr wollt Pferde stehlen, Prinz Aren? Habt Ihr davon nicht schon genug?“

Statt einer Antwort lachte er. „Durchaus. Aber mit dir könnte ich es, nicht wahr?“

Nach wie vor versuchte sie, zu begreifen, worauf er hinauswollte. Da sie nichts erwiderte, wiederholte er die Frage: „Rana, kann ich mich auf dich verlassen?“

„Selbstverständlich!“

„Gut.“ Er atmete tief ein. „Ist dir der Name Ben-Sami ein Begriff?“

Die Erinnerungen an jenen Mann trafen sie mit zerstörerischer Wucht, da sie nicht darauf vorbereitet war, jemals wieder mit ihm konfrontiert zu werden. Erblassend schnappte Rana nach Luft und drehte den Kopf weg. Als sie schwieg, stellte er nüchtern „Aha“, fest. „Weißt du außerdem, wo ich ihn aufspüren kann? Mit ihm habe ich eine gewaltige Rechnung offen.“

Sie schüttelte das Haupt, ohne ihn anzusehen.

„Du lügst“, bemerkte er und schlenderte zu ihr, griff mit einer Hand unter ihr Kinn und hob es an, sodass sie ihn ansehen musste. „Wo finde ich ihn?“

„Er ist ein gefährlicher Mann“, flüsterte Rana beschwörend. „Und Ihr wisst es. Ich nehme an, dass er Euch einst so schrecklich zugerichtet hat.“

Er überhörte den zweiten Satz. „Es wird Zeit, dass ihm jemand einen Denkzettel verpasst und du wirst mir dabei helfen. Also, zieh das an!“ Entschlossen gab er sie frei, trat zurück und deutete auf den Stoffballen in ihren Händen.

„Nein.“ Trotzig schob sie das Kinn vor.

Sekundenlang musterte er sie entgeistert, als überlegte er, ob sie ihm wahrhaftig widersprochen hatte. Als ihm dämmerte, dass diese Unwahrscheinlichkeit eingetreten war, verengte er die Augen zu schmalen Schlitzen und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Du widersetzt dich?“, fragte er ungläubig.

„So ist es. Ich werde bei einer solchen Torheit nicht mitmachen.“

„Torheit?“ Jetzt erblasste er aufgrund ihrer Unhöflichkeit. „Du nennst mich töricht?“

„Nicht Euch, doch Eure Pläne.“

„Die Pläne entspringen meinem Kopf. Betreibe keine Haarspaltereien.“

Mit erhobenem Kinn zuckte sie mit den Achseln und verweigerte eine Antwort.

„Da sind wir einen knappen Tag verheiratet und du beschimpfst mich als töricht? Was in etwa strohdumm oder einfältig gleichkommt. Ich kann es nicht fassen!“

Da sie ihre Meinung nach wie vor nicht änderte, knurrte er: „Dir ist bewusst, wer ich bin? Dein Prinz, dem du zu dienen hast? Der keine Fehler macht und alles weiß?“

Rana musterte ihn, dann hob sie spöttisch eine Augenbraue. „Oh, Ihr habt demnach gewusst, dass Ihr mir begegnen würdet, wenn Ihr Euch von Ben-Sami zusammenschlagen und in die Gosse werfen ließet? Eine eigenwillige Form der Brautwerbung, mein Prinz, das muss ich Euch lassen. Aber seid gewiss, Ihr hättet es bei weitem bequemer haben können, ohne dabei ein drittes Ei zu riskieren.“

Er schluckte hart. Sie konnte es an seinem hüpfenden Kehlkopf erkennen und Zorn verdunkelte seine Augen. Dann blinzelte er, schüttelte den Kopf und brach in Gelächter aus.

„Du bist eine überaus freche Person und ich kann mir nicht erklären, weshalb ich dein Geschwätz dulde. Zweifellos sollte ich dich augenblicklich in den Kerker werfen lassen.“

„Wenn Ihr meint.“

Rana konnte sich nicht erklären, woher der Mut kam, der sie aussprechen ließ, was ihr auf der Zunge lag. Vermutlich hatte sie erkannt, dass Prinz Aren genau diese Art schätzte. Dass er sich sogar danach sehnte, ein Gegenüber zu haben, das ihm nicht nach dem Mund sprach.

„Zieh dich um“, befahl er, nachdem er sich wieder im Griff hatte. „Wenn du dem Kerker entgehen willst.“

„Nein. Ich fürchte das Gefängnis nicht.“

„Das ist wahrhaft dumm.“

„Es wäre dumm, mich einzusperren, und das seid Ihr nicht. Immerhin seid Ihr auf meine Hilfe angewiesen, sonst hättet Ihr mich nicht geheiratet.“

Sprachlos öffnete er den Mund, dann schloss er ihn wieder. Mit einer Hand massierte er nachdenklich sein Kinn und sie vermutete, dass er seine Strategie neu überdachte.

„Wenn das so ist, habe ich keine andere Wahl, als ohne dich zu gehen. Ich werde Ben-Sami finden. Immerhin ist es mir das letzte Mal auch geglückt.“

Oh, oh, jetzt hatte er sie am Schlafittchen gepackt und das ärgerte sie.

„Ich lasse nicht zu, dass Ihr allein geht“, schmollte sie, da er sie bezwungen hatte.

„Ach?“ Herablassend musterte er sie von oben herab. „Und wie willst du das verhindern, Prinzessin?“

„Ich begleite Euch.“

„Du wankelmütiges Geschöpf“, zog er sie auf und Amüsement blitzte in seinen Augen. Mit einem Seufzen griff sie nach dem Gürtel ihres Morgenmantels.

„Würdet Ihr Euch bitte abwenden?“

„Nein“, sagte er und heftete seinen Blick auf sie.

Unschlüssig hielt Rana inne, senkte den Kopf. Weshalb fiel es ihr schwer, sich vor ihm zu entkleiden? Er war immerhin der einzige Mensch dieser Welt, der ein Recht darauf hatte, sie nackt in Augenschein zu nehmen. Abgesehen davon hatte sie sich schon vor vielen Männern entkleidet. Es war demnach nichts Neues für sie und doch fühlte sie sich unbehaglich. Nervös spielte sie mit dem schmalen Band, ließ es zwischen ihren Fingern hindurchgleiten.

„Bitte.“

„Weshalb zierst du dich wie eine Jungfrau? Wir wissen beide, dass du keine bist.“

Seine Worte trafen sie schwer – sie konnte nur unter Aufbieten ihrer gesamten Selbstbeherrschung verhindern, dass sie schmerzlich zusammenzuckte.

„Ihr habt recht“, flüsterte sie und löste den Gürtel, ließ ihn achtlos zu Boden fallen.

Sogleich klaffte der schützende Seidenmantel auf und gab die Sicht auf ihr durchsichtiges Nachthemd frei. Ihre Hände zitterten, als sie ihn über die Schultern strich und sich daraus schälte. Sie hielt die Luft an, wagte nicht, ihn anzusehen.

„Weiter“, forderte er, da sie wie erstarrt stand.

Mit zusammengebissenen Zähnen zog sie sich die weiche Tunika über den Kopf und legte sie sorgsam über eine Stuhllehne. Hektisch griff sie nach dem Kleiderbündel, faltete es auseinander und zog sich das Hemd an. Dann schlüpfte sie in eine Stoffhose und fixierte sie mit einem schmalen Ledergürtel.

Er hatte sich nicht bewegt und die Stille zwischen ihnen dehnte sich aus. Schließlich sah sie auf und entdeckte heißes Verlangen in seinen Augen, welche sie zu verschlingen schienen. Wie von selbst machte sie einen Rückwärtsschritt. Diese Bewegung riss ihn aus den Gedanken.

„Jetzt noch die Haare.“

Mit zitternden Händen band sie sich ein Tuch um den Kopf, unter dem sie ihre Haare feststeckte.

„Und nun komm!“

Da sie ihm offensichtlich zu langsam war, eilte er zu ihr, umfasste ihr Handgelenk und zog sie mit sich zu einem erloschenen Kohlebecken. Bevor sie erfasst hatte, was er plante, hatte er nach einem Stück Kohle gegriffen, umspannte mit Daumen und Zeigefinger ihr Kinn und drehte es zu sich. Sie starrte ihn unverwandt an, als er ihr Gesicht damit einstrich. Als er zufrieden war, gab er sie frei und stellte sich vor den Spiegel, um sein Antlitz ebenfalls zu verdunkeln. Nach getaner Arbeit wusch er sich die Hände.

„Bereit?“

Rana nickte und folgte ihm auf die Terrasse.

„Kannst du klettern?“, flüsterte er.

„Ich habe es nie versucht.“

„Es ist nicht schwer. Ich werde achtgeben, dass du nicht abstürzt.“

Behände sprang er auf die Balustrade und hielt ihr seine Hand hin. Sie griff danach und ließ sich von ihm helfen. Nervös blickte sie sich um und als sie ihn wieder ansehen wollte, war er verschwunden. Verwirrt biss sie die Zähne zusammen, als die Baumkrone etwas unterhalb ihrer Position raschelte und sich ihr eine Hand entgegenstreckte.

„Komm!“

Vorsichtig schob sie ihren Köper nach vorne und ließ sich tiefer gleiten. Als sie befürchtete, abzurutschen, umfasste er sie an der Taille.

„Da bist du ja!“

Sein Körper presste sich dicht an ihren und sie konnte die harten Muskeln seines Oberkörpers und seiner Arme deutlich spüren. Die Hitze seines Leibes umfing sie und sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt, sodass sein Atem ihre Lippen streifte. Seine Augen funkelten wie Juwelen in einer Schatzkiste, welche mit dunklem Samt ausgelegt war. Um ihr Gleichgewicht zu halten, umklammerte sie seine Schultern.

„Können wir jetzt wieder zurückgehen?“, fragte sie leise und gewahrte seine Zähne, die das matte Mondlicht hell reflektierten, als sich sein Mund zu einem Lächeln dehnte.

„Nein“, erklärte er unbarmherzig, löste sich von ihr und ließ sich auf einen tieferen Ast hinab. Als er einen sicheren Stand gefunden hatte, streckte er beide Arme zu ihr empor. Ängstlich ging sie in die Hocke und hoffte, nicht auszugleiten. Doch er wachte wie ein Schutzengel über ihr.

Rana war erleichtert, als sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte. An seiner Hand huschte sie zwischen Bäumen hindurch, der Palastmauer entgegen. Ihre Schritte wurden von dem dichten Rasenteppich verschluckt. Als sie die Umgrenzung erreicht hatten, rannten sie weiter und die junge Frau überlegte, wie er dieses Hindernis überwinden wollte. Es war unmöglich, über die hohe Mauer zu klettern. Doch der Prinz überraschte sie, indem er vor einer kleinen Tür hielt, die von einem Busch getarnt wurde. Er zog einen Schlüssel aus seiner Tasche, sperrte leise auf und sie glitten hindurch, fanden sich in einem Wald wieder. Undurchdringliches Dickicht verhinderte, dass man die Tür entdeckte. Zweifellos schien der dichte Baumwuchs den Prinzen nicht zu beunruhigen, denn er bahnte sich ohne Probleme einen Weg hinaus. Minuten später erreichten sie eine einsame gepflasterte Straße, die in einiger Entfernung zwischen den ersten Häusern in Richtung Stadtzentrum verschwand. Er zog sie mit sich und ihr wurde bewusst, dass er diesen Weg schon oft benutzt hatte, da er ihn wie seine Westentasche zu kennen schien. Er hatte kein einziges Mal gezögert, um zu überlegen, wohin sie sich als nächstes wenden mussten.

Immer wieder warf sie ihm einen fragenden Seitenblick zu. Sie konnte nicht nachvollziehen, weshalb er das alles riskierte. Am wahrscheinlichsten war, dass es ihm Freude bereitete, gefährliche Situationen herauszufordern. Ob es dieser Hang zum Leichtsinn war, der für Victor einen Dorn im Auge darstellte?

Als sie die Grenze zu Mahalle-Tire erreichten, hielt er inne.

„Führe mich jetzt zu Ben-Sami“, befahl er gelassen und wirkte nicht, als hätte er soeben eine lange Strecke hinter sich gebracht.

Ihr Brustkorb hob und senkte sich hingegen angestrengt und sie rang nach Luft.

„Ich bin müde“, jammerte sie am Ende ihrer Kräfte.

„Hör zu“, sagte er und umfasste sie an den Schultern. „Das Prinzessinnengetue nehme ich dir nicht ab. Du bist zäh, weil du ein Kind der Straße bist. Und du wirst mich jetzt zu ihm führen!“

„Und dann? Was passiert dann?“

„Lass dich überraschen!“

„Nein. Ich bin müde. Ich will in mein Bett.“

Sein Griff verstärkte sich und sie konnte seinen Zorn mehr spüren, als sehen.

„Dann geh allein zurück“, schlug er hart vor.

„Das würdet Ihr mir gestatten und mich hier ohne weiteres zurücklassen?“ Die Angst, welche ihr ihm Nacken saß, seit er ihr von seinem Vorhaben erzählt hatte, mischte sich mit Erschöpfung und Schmerz. Tränen brannten in ihren Augen und reizten ihre Kehle.

Pulsuz fraqment bitdi.

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19 sentyabr 2025
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9783754112267
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