Kitabı oxu: «Die Sehnsucht des Prinzen»

Şrift:

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

Epilog

In dieser Reihe erschienen:

Das Geheimnis des Prinzen

Vorankündigung Frühling 2022:

Showdown der Liebe in Diggers Creek

Neuerscheinungen

Das Lied der Engel

Weitere Bücher der Autorin

Ein unbelehrbarer Captain

Die venezianische Schwester

Vor den Toren Jerusalems

Die Sehnsucht des Prinzen

Sammelband

Junia Swan

Roman

Über dieses Buch:

Leonard of St. Ives hat alles bekommen, woraufhin er sein Leben lang hingearbeitet hat: Einen Titel, ein Herzogtum und Macht. Doch eines scheint unerreichbar zu sein: Isabels Liebe. Sie ist nicht nur die Frau seinen Bruders Rick, sondern verabscheut Leonard außerdem von ganzem Herzen. Als Rick bei einem Jagdunfall stirbt, bricht für Isabel eine Welt zusammen. Sie ist davon überzeugt, dass Leonard für seinen Tod verantwortlich ist. Doch Ricks letzter Wille bindet die beiden aneinander und Leonard muss beweisen, dass mehr in ihm steckt, als ein verantwortungsloser Lebemann. In ihrem größten Schmerz kämpft Isabel unterdessen nicht nur um den Ruf ihres verstorbenen Mannes, sondern aus Liebe zu ihm auch für die Zukunft seines Bruders. Denn Rick hat Leonard geliebt und ihm vergeben. Nun verlangt er das gleiche von Isabel.

Über die Autorin:

Junia Swan entdeckte schon als Kind ihre Leidenschaft, Geschichten aufzuschreiben. Heute lebt sie ihren Kindheitstraum Tag für Tag. Nach sechzehn Jahren in unterschiedlichen Städten, kehrte sie vor einiger Zeit in ihre Heimat zurück und wohnt nun in einer historischen Kleinstadt in der Nähe ihrer Geburtsstadt Salzburg. In einem versteckten Zimmer, hinter dem gefüllten Bücherregal, schreibt sie ihre bewegenden Liebesromane. Jeder von ihnen hat eine besondere Entstehungsgeschichte. In ihrem Alltag kommt sie mit Themen in Kontakt, die sie zutiefst bewegen. Für die Autorin macht eine gute Geschichte eine Handlung aus, welche die Komplexität der Beziehungen und Situationen spiegelt. Sie träumt davon, eines Tages an einem Strand entlang zu gehen und jemanden zu sehen, der eines ihrer Bücher liest.

e-Book-Ausgabe April 2018

Titelbild: Motiv von Pixabay unter pixabay.com

© 2018 Junia Swan, Salzburg

Prolog

Mit hoch erhobenem Kopf stand Isabel einige Meter von ihnen entfernt inmitten eines Menschenspaliers. Leonard Prime, Prinz of St. Ives, entdeckte sie noch vor seinem Bruder Hendrick, der neben ihm stand und ihr den Rücken kehrte. Unwillkürlich beschleunigte sich Leonards Herzschlag bei ihrem Anblick. Nicht nur, weil er sie seit langem das erste Mal wiedersah – seit dem Tag, da er erkannt hatte, dass er sie liebte – sondern auch wegen des zerschnittenen Kleides, das sie an diesem Abend trug. In Fetzen hing es an ihrem Körper herab und erlaubte geradezu skandalöse Einblicke auf die Haut ihrer wohlgeformten Beine. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, derart gekleidet auf diesem Ball zu erscheinen? Leonards Lächeln erlosch. Nur kurz verweilte ihr Blick bei ihm, dann ließ sie ihn weiter zu Hendrick gleiten, ihrem Mann, seinem Bruder. Rick musste Leonards Entsetzen gespürt haben, denn er drehte sich in Isabels Richtung und erstarrte im nächsten Augenblick. Leonard konnte es deutlich fühlen. Er spürte geradezu, wie Rick sich in sich selbst zurückzog und als er ihm einen schnellen Seitenblick zuwarf, sah er, dass sich sein Bruder von seiner Frau abwandte.

„Hör zu“, flüsterte Leonard und rempelte Rick an. „Geh zu ihr! Tue so, als wäre alles in Ordnung! Zeige ihr unter keinen Umständen, was du empfindest!“

„Sie demütigt mich schlimmer vor diesen schrecklichen Menschen, als es jemand jemals zuvor getan hat!“

Wie oft hatte er Rick während des letzten Jahres gesagt, dass er nicht so schnell aufgeben sollte? Würde er es denn nie lernen? Leonard lüpfte spöttisch eine Augenbraue.

„Schlimmer? Es ist nur ein Kleid, keine sexuelle Verirrung, über die man sich nun das Maul zerreißt.“

Rick atmete tief durch. Leonard hatte recht. Es war nur ein Kleid, kein gehässiges Gerücht über seine angeblichen perversen Vorlieben.

„Los! Geh!“, forderte Leonard erneut.

Mit einem Ruck drehte sich Rick um und setzte ein höfliches Lächeln auf, während er seiner Frau entgegenging. Leonard blickte ihm sehnsüchtig nach. Er hatte alles versucht, um Isabels Herz zu gewinnen, doch sie hatte sich für Hendrick entschieden. Oder besser gesagt, sie war vor ihm und ihrem Mann geflohen, doch es war offensichtlich, dass sie diesen noch immer liebte. Trotz all der Fehler, die sein Bruder in der Vergangenheit gemacht hatte. Leonard wusste, dass die einzige Möglichkeit, Isabel glücklich zu machen, darin bestand, sie wieder mit Rick zu vereinen. Trotzdem zerriss es ihn innerlich, den beiden dabei zu helfen, wieder zueinander zu finden. Aber für Isabels Glück würde er alles tun. Davon war er überzeugt.

Es war vollkommen still im Saal, keiner wollte auch nur ein Wort von dem verpassen, was nun gesagt wurde.

„Mylady, wie überaus bezaubernd! Euer neuer Stil? Amerikanisch?“, drang Ricks Stimme an seine Ohren.

Wie es schien, kam Rick nun bestens mit der Situation zurecht und Leonards Mundwinkel zuckten amüsiert. Er konnte aus der Ferne beobachten, wie Isabels herausfordernder Blick innerer Verunsicherung wich und das würdevoll gereckte Kinn ein wenig nach unten sank. Als Rick sie erreichte, verbeugte er sich galant und bot ihr seinen Arm.

„Ich nehme an, Ihr wollt tanzen. Genug Beinfreiheit habt Ihr immerhin.“

Als die gaffende Menge erkennen musste, dass es zu keinem Eklat zwischen dem unkonventionellsten Ehepaar Englands kam, wandte man sich wieder anderen Dingen zu und die Musik setzte ein.

Leonard richtete unnötigerweise seine Manschetten und straffte die Schultern, dann wandte er sich wieder seinem Gesprächspartner zu. Trotzdem verfolgte er die beiden aus dem Augenwinkel, bis sie schließlich ins Freie verschwanden.

Während des ganzen Abends sah er sie nicht wieder und Leonard war sicher, dass das Paar seine Probleme würde klären können und einer gemeinsamen Zukunft nichts mehr im Wege stand. Hätte ihm vor etwas mehr als einem Jahr jemand gesagt, dass er sich in die Frau seines Bruders verlieben würde, hätte er denjenigen für verrückt erklärt. Doch die Reinheit ihres Herzens sowie Isabels Mut hatten ihn tief beeindruckt und ihn das erste Mal seit langer Zeit etwas fühlen lassen. In all den Jahren hatte er nicht eine der vielen Frauen geliebt, die seinen Weg kreuzten. Ausgerechnet an die Frau, die für ihn unerreichbar war und ihn verabscheute, hatte er sein Herz verloren. Ironie des Lebens, dachte Leonard und schüttelte den Kopf. Selbstlose Liebe. Das erste Mal handelte er ohne Hintergedanken für das Glück eines anderen Menschen. Nicht nur das, seine Bemühungen trieben die Frau seiner Sehnsucht sogar noch fort von ihm und in Ricks Arme zurück. Über den neuen Leonard konnte er nur staunen. Er hatte sich verändert, davon war er überzeugt. Doch es gab niemanden, mit dem er diese Veränderung teilen konnte, denn der einzige Mensch, den er an seinem neuen Wesen Anteil nehmen lassen wollte, gehörte zu einem anderen.

1. Kapitel

Isabel blickte unruhig aus dem Fenster in Richtung der breiten Zufahrt ihres Anwesens Old Owl Wood. Jeden Augenblick erwartete sie ihren Mann Rick an der Seite seines Bruders Leonard zurück. Während sie sich angespannt auf die Unterlippe biss, strich sie mit einer Hand unbewusst über ihren leicht gerundeten Bauch. Eine kleine Bewegung ließ sie kurz innehalten und lächeln. Ihr viertes Kind strampelte vergnügt in ihrem Leib, dieses Mal würde es ein Bub werden, dessen war sie sich absolut sicher. Nach drei Mädchen war es nun wirklich Zeit für ein weiteres männliches Wesen in ihrem Haushalt! Obwohl Rick seine Töchter abgöttisch liebte, wusste Isabel doch, dass er sich auch einen Sohn wünschte. Natürlich würde er auch eine weitere Tochter herzlich willkommen heißen, trotzdem sah sie seinen sehnsüchtigen Blick, wenn er einen Vater mit seinem Sohn beobachtete. Isabel seufzte und blickte zu der großen Standuhr, die an der Wand ihr gegenüber platziert war und laut tickte. Bald würde es dunkel werden. Wo blieben die beiden nur? Wahrscheinlich waren sie in einem Gasthof eingekehrt, um eine erfolgreiche Jagd zu feiern und hatten dabei die Zeit übersehen. Es sei ihnen vergönnt, dachte sie mit einem ungeduldigen Seufzen, als sie eine Bewegung am Ende der Allee sah und ein Auto erkannte, das auf das Anwesen zurollte. Sofort beschleunigte sich Isabels Herzschlag und sie eilte vor die Tür, um ihren Mann zu erwarten. Mehrere Tage waren vergangen, seit er sie mit den Kindern zurückgelassen hatte, um an seines Bruders Seite das Jagdrevier zu durchforsten. Endlich war Rick zurück! Endlich! Sie hatte ihn so sehr vermisst! Jede Sekunde, die er nicht an ihrer Seite war, schien für sie verloren zu sein. Ach, wie sehr liebte sie ihn! Den Ausdruck seiner Augen, wenn er sie liebevoll musterte, die Wärme seiner Hände, wenn er sie berührte, die Freundlichkeit seiner Worte, wenn er mit ihr sprach, die Sicherheit seiner Präsenz, wenn er bei ihr war. An seiner Seite wurde sie mutiger, stärker und zu einem besseren Menschen. Sie mochte sich selbst, wenn er bei ihr war, denn nicht nur seine Blicke vermittelten ihr, wie er sie sah. Welcher Mensch sie in seinen Augen war. Oh, sie war nicht halb so gut, wenn sie nicht in seiner Nähe war!

Das Auto hielt und Isabel wartete darauf, dass Rick endlich die Tür öffnete, seine Arme ausbreitete, sie darin auffing und an sich zog. Doch sekundenlang rührte sich nichts. Deswegen bückte sie sich ein wenig, um ins Innere spähen zu können. Just in diesem Moment wurde die Tür aufgestoßen und der beschuhte Fuß eines Mannes kam zum Vorschein und stellte sich auf den Boden. Im nächsten Moment erkannte sie ihren Schwager Leonard, der sich zu seiner vollen Größe aufrichtete. Nur flüchtig nickte sie ihm zu und erwartete, dass Rick ihm folgen würde. Verwirrt beobachtete sie, dass Leonard die Tür hinter sich zuschlug. Zögernd kehrte sie mit ihrem Blick zu ihrem Schwager zurück. In diesem Augenblick entdeckte sie eine Anspannung in Leonards Miene, die sie besorgt die Stirn runzeln ließ. Noch einmal sah sie in Richtung des Autos und eine dunkle Vorahnung ließ sie den Atem anhalten und ihren Puls rasen.

„Wo ist Rick?“, fragte sie leise.

Leonard griff nach ihrem Arm und wollte sie ins Innere führen, doch Isabel riss sich los.

„Wo ist Rick? Was habt Ihr mit ihm gemacht?“

Die Verzweiflung, die von ihr Besitz ergriffen hatte, ließ ihn tief Luft holen.

„Gehen wir in den Salon, Isabel! Ich muss mit Euch reden!“

Ihre Augen blitzten feindselig auf, als sie ihn erneut taxierte.

„Ich möchte nicht mit Euch sprechen, sondern mit Rick! Wo ist mein Mann?“

Wieder griff er nach ihr.

„Kommt mit mir in den Salon! Ich werde Euch sofort berichten.“

Alle Farbe wich aus Isabels Antlitz und sie schwankte. Schnell legte Leonard stützend einen Arm um ihre Taille. Sie versuchte sich ihm zu entwinden, doch er zog sie unbarmherzig mit sich ins Innere. Bevor er die Salontür hinter sich schloss, gab er sie frei.

„Setzt Euch aufs Sofa!“

Mittlerweile zitterte sie.

„Bitte, Euer Gnaden, sagt mir, dass es Rick gut geht! Dass ihm nichts passiert ist!“

Leonard wich ihrem Blick aus und fuhr sich durchs rabenschwarze Haar. Wie sollte er ihr erklären, was geschehen war? Wie sollte er ihr jemals sagen, was sich vor wenigen Stunden zugetragen hatte?

Während der langen Fahrt zurück nach Old Owl Wood hatte er sich den Kopf darüber zerbrochen, wie er ihr das Unfassbare erklären könnte. Mit seinem Bericht würde er ihre Welt zum Einsturz bringen, ja, er würde sie aus den Angeln reißen und sie würde explodieren. Nichts wäre mehr so wie zuvor. Wenn doch nur jemand anderer diese Aufgabe übernehmen könnte!

Wie gerne würde er nun zur Bar gehen und sich einen Drink einschenken! Sein Mitgefühl verbot es ihm jedoch, Isabel länger auf die Folter zu spannen. Mit den Augen suchte er die ihren, welche weit aufgerissen waren und ihn flehentlich anstarrten. Als erwartete sie bereits die schreckliche Nachricht, bat aber darum, dass er sie ungeschehen machte.

„Es sind keine guten Neuigkeiten, die ich Euch überbringen muss“, presste er schließlich mit rauer Stimme hervor, während sein Gesicht hart wurde.

Unwillkürlich hob Isabel ihre Hände. Eine ans Herz, die andere vor den Mund. Die ersten Tränen schimmerten in ihren Augen.

„Rick hatte einen Unfall.“

„Nein!“

Es war ein dumpfer Aufschrei und doch dem Laut eines verwundeten Tieres ähnlich. Panisch sprang sie auf. Er wusste nicht, wie er es sagen sollte, deswegen machte er es kurz: „Er ist tot.“

Mitten in der Bewegung hielt sie inne, dann stürzte sie zu ihm und rüttelte ihn.

„Das kann nicht sein! Ihr lügt! Was habt Ihr mit ihm gemacht? Wo ist er? Wieso seid Ihr so grausam ...“

„Isabel.“

Alle Liebe legte er in ihren Namen und griff nach ihren Händen, die sich in sein Hemd gekrallt hatten.

„Hört mich an! Rick ist tot! Es tut mir so leid, aber wir konnten nichts mehr für ihn tun ...“

„Nein“, stammelte sie, „nein! Ich kann das nicht glauben! Ich will auf der Stelle zu ihm! Bringt mich zu ihm!“

„Man wird seinen Leichnam morgen früh hierher überführen.“

Die Fäuste unter seinen Handflächen verloren an Kraft und sie suchte seinen Blick. Forschend und ungläubig. Diesmal wich er ihrer Musterung nicht aus und musste beobachten, wie schreckliches Entsetzen sie packte, während sie die Wahrheit erkannte. Dann schrie sie auf, laut und animalisch. Ein Schrei so schmerzlich, wie ihn nicht einmal Tiere im Todeskampf ausstießen. Es war ein Laut, der Leonard in seiner Hoffnungslosigkeit durch Mark und Bein fuhr und ihn mehr quälte als jede Folter. Dann brach sie zusammen und er fing sie im letzten Moment auf, hielt sie in seinen Armen und wollte sie tröstend an sich drücken. Doch sie stieß ihn weg.

„Lasst mich los! Ihr Teufel! Ihr habt ihn getötet! Ihr habt meinen Rick getötet!“

„Nein, Isabel! Es war ein Unfall!“

Rückwärts wich sie vor ihm zurück, die Arme abwehrend erhoben. Im nächsten Moment sackte sie zusammen und landete auf den Knien. Er wollte herbeieilen, um ihr beizustehen, doch er wagte es nicht. Alles, was ihm zu tun blieb, war, sie bei ihrem Todeskampf zu beobachten. Er wurde Zeuge, wie ihr Herz brach, wie sie sich zusammenkrümmte und laut schluchzte. Bekümmert stellte er fest, dass es nichts gab, womit er ihr helfen konnte.

„Isabel“, bat er nach einer Weile und war sich nicht sicher, ob sie ihn überhaupt hörte, „lasst mich Euch trösten!“

„Niemals! Ich hasse Euch!“

Ihre Worte ließen ihn innerlich zusammenzucken, obwohl er sich über ihre Gefühle nicht wunderte. Seit jenem Tag, da sie ihm vollkommen ausgeliefert gewesen war, mied sie ihn. Leonard war nicht stolz darauf, dass er sie einst kaltherzig erpresst hatte, eine Nacht mit ihm zu verbringen. Er hatte sich ein teuflisches Spiel ausgedacht sie zu verführen, obwohl sie mit Hendrick verheiratet war.

Er hatte sie geküsst, zärtlich und lange, danach wollte er von ihr die Wahrheit wissen. Wollte wissen, ob ihr seine Liebkosung gefallen hatte. Er hatte ihr versprochen, sie gehen zu lassen, wenn ihr sein Kuss nicht angenehm gewesen wäre. Für den Fall, dass er ihr unangenehm wäre, hatte er ihr zugesagt, sie gehen zu lassen, doch wenn er ihr gefallen würde, müsste sie die Nacht bei ihm verbringen und das Bett mit ihm teilen. Er hatte nicht an seinem Erfolg gezweifelt, zu genau wusste er, wie er sich verhalten musste, damit Frauen in seinen Armen schmolzen wie Schokolade in der Sonne. Sie hatte keine Chance und er hätte seine Freude daran gehabt, sie für ihre Lüge, die er unzweifelhaft erwartete, zu bestrafen und nicht gehen zu lassen. Doch Isabel hatte ihn überrascht. Mit Tränen in den Augen hatte sie ihm gestanden, dass ihr sein Kuss gefiel und sie sich dafür schämte. Dieser Moment, als sie ihm die Wahrheit beichtete, obwohl sie damit ihre Freiheit verlor und sich ihm damit auslieferte, veränderte alles in ihm. Er konnte sie nicht mehr berühren. Sie hatte etwas in ihm zum Schwingen gebracht. Deswegen hatte er sie fortgeschickt, ohne sich ihr noch einmal zu nähern. Es war für Leonard nicht verwunderlich, dass sie ihm bis heute nicht traute und ihm nicht vergeben hatte. Seine Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück und er bemerkte, dass Isabel nun so heftig weinte, dass ihr ganzer Körper wie von unsichtbaren Händen geschüttelt wurde. Leonard hätte sich zurückgezogen, würden Hendricks Worte, die er kurz vor seinem Unfall zu ihm gesagt hatte, nicht in seinen Gedanken mit unendlichem Echo widerhallen. Ricks Stimme in ihm machte Leonard benommen und er ließ sich auf einen Stuhl sinken.

„Rick wollte, dass ich mich Eurer annehme, ich musste es ihm versprechen!“, stieß er schließlich hervor und hoffte, dass sie ihn hörte, doch sie ignorierte ihn.

Nun erhob er sich doch und trat zu ihr. Neben ihr ging er in die Hocke.

„Möchtet Ihr erfahren, was passiert ist?“

Ihr Weinen wurde leiser und sie hob ihr Haupt und suchte seinen Blick. Ihr Gesicht war geschwollen und die Augen rot unterlaufen, ihre Lippen bebten und Tränen rannen unaufhörlich über ihre Wangen. Mit den Handflächen versuchte sie diese wegzuwischen, doch es kamen ständig neue nach. Entmutigt ließ sie die Hände in ihren Schoß sinken.

„Es war nur ein kleiner Hügel“, murmelte Leonard, nachdem er tief Luft geholt hatte. „Vielleicht zweihundert Meter hoch, allerdings mit steil abfallenden Felswänden. Rick hatte einen Fasan getroffen, doch leider lebte das Tier noch. Um es nicht entkommen zu lassen, folgte er ihm und wurde unachtsam. Er rutschte aus, Isabel, und stürzte über die Felskante, fiel zweihundert Meter in die Tiefe!“

Isabel wimmerte und vergrub den Kopf in ihren Händen.

„Ich bin so schnell es mir möglich war zu ihm gelaufen. Er hat noch gelebt, als ich ihn erreichte.“

Leonard umfasste ihre Handgelenke und zog ihre Arme tiefer.

„Seht mich an, Isabel“, bat er sanft und sie gehorchte zögernd.

Sein Blick war eindringlich, als er fortfuhr: „Rick bat mich, Euch auszurichten, dass er Euch über alles liebt. Dass Ihr das größte Geschenk gewesen seid, ein Wunder, auf das er niemals zu hoffen gewagt hatte.“

Schluchzend schloss Isabel die Augen.

„Isabel, das war noch nicht alles.“

Ihre Wimpern flatterten, als sie sich ihm erneut stellte.

„Rick hat mir ein Versprechen abgenommen.“

Während sie ihn anstarrte, zuckte ihr Körper als hätte sie Schluckauf und jedes Atemholen hörte sich an, als würde sie niemals mehr genug Luft bekommen, um am Leben zu bleiben. Was gäbe er darum, den letzten Tag ungeschehen machen zu können! Leonard räusperte sich. Er ahnte, dass sie die nächsten Worte nicht gerne hören würde.

„Ich musste ihm versprechen, mich um Euch und die Kinder zu kümmern.“

Ungläubig runzelte sie die Stirn und er konnte an der Art, wie sie ihr Kinn anspannte, Wut aufsteigen sehen.

„Ihr lügt! Das ist nicht wahr! Das hätte er niemals gefordert!“

Sie kämpfte gegen seinen Griff an und er gab sie frei.

„Ihr habt ihn gehasst! Weshalb sollte er uns unter Euren Schutz stellen?“

Vorsichtig ließ er sich auf die Knie nieder.

„Wir waren keine Feinde mehr, Isabel. Ihr wisst, dass wir vor Jahren Freunde geworden sind.“

Heftig schüttelte die junge Frau den Kopf.

„Ihr habt das alles geplant! Hinterhältig geplant! Wahrscheinlich habt Ihr meinen Mann über den Felsen gestoßen.“

Ihre Anschuldigung traf Leonard mit voller Wucht. In ihm fühlte es sich an, als würde sich ein Vakuum ausdehnen, so geschockt war er. Man konnte ihm viel vorwerfen und das zurecht – doch dass ihm seine Schwägerin einen Mord zutraute, machte ihn fassungslos. Er fühlte einen Schmerz in seiner Brust, als hätte sich ein Speer tief hineingebohrt.

Er wusste nicht, was er antworten sollte. Es gab nichts, was sie von seiner Unschuld überzeugen würde. Wie in Trance beobachtete er, dass sie sich aufrichtete. Im nächsten Moment sprang sie in seine Richtung und rammte ihn, sodass er das Gleichgewicht verlor und nach hinten stürzte. Er landete unsanft auf seiner Kehrseite, doch im nächsten Moment fiel sie auf ihn, weshalb er sich zurückfallen ließ. Sie stützte sich auf seinem Brustkorb ab, rappelte sich zitternd ein wenig auf, sodass sie rittlings auf seiner Hüfte saß und er konnte unbändigen Zorn in ihrem Blick flackern sehen. Plötzlich holte sie aus und schlug auf ihn ein. Er schloss die Augen und konzentrierte sich darauf, sich nicht zu wehren, hob seine Hände und legte sie um ihre Taille, um nicht in Versuchung zu kommen sich zu verteidigen. Erst als die Kraft ihrer Schläge nachließ, umfasste er ihre Oberarme und zog ihren Rumpf wieder näher an seinen. Mit Schwung rollte er sie herum und kam auf ihr zu liegen. Er hielt sie unter sich fest und blickte sie forschend an. Mit Tränen in den Augen starrte sie zurück. Ihre Brust hob und senkte sich schwer.

„Ich hasse Euch! Ich hasse Euch so sehr! Wieso hat es nicht Euch an seiner Stelle treffen können?“

Das hatte er sich ebenfalls bereits gefragt und er seufzte müde. Die ganze Zeit hatte er sich überlegt, was er hätte tun können, um dieses Unglück zu verhindern.

„Ihr müsst mir glauben. Wenn ich sein Leben gegen meines hätte tauschen können, ich hätte es getan!“

„Oh, Ihr redet groß und heldenhaft daher, jetzt, da Ihr in Sicherheit seid!“

Unaufhaltsam rannen Tränen über ihre Wangen, so als wollten sie niemals mehr versiegen. Mit den Händen umfasste er ihr Gesicht und versuchte mit den Daumen ihre Wangen zu trocknen. Sie wollte sich ihm entwinden, doch er hielt sie umfangen. Er schluckte und räusperte sich.

„Es ist einerlei, ob Ihr mir glaubt oder nicht. Ich habe Rick versprochen, für Euch und die Kinder zu sorgen. Ich werde dieses Versprechen halten! Ob Ihr es wollt oder nicht.“

In der nächsten Sekunde stemmte er sich in die Höhe und kam auf die Füße, wobei er sich unauffällig über das Steißbein strich, das durch den Sturz ein wenig in Mitleidenschaft gezogen worden war. Um ihr aufzuhelfen, streckte er ihr eine Hand entgegen, doch sie drehte sich von ihm weg.

„Lasst mich in Ruhe! Ich will Euch nicht mehr sehen!“

„Kommt mit mir, Isabel! Ich bringe Euch auf Euer Zimmer. Denkt an das Kind, das Ihr erwartet!“

Unbewusst legte sie eine Hand über ihren Bauch, dann begann sie erneut zu weinen und krümmte sich zusammen. Der Gedanke daran, dass Rick sein Kind niemals würde kennenlernen, war zu viel. Besorgt beugte sich Leonard über sie.

„Darf ich Euch nach oben tragen? Bitte, lasst mich Euch helfen!“

„Nein, nein“, wehrte sie ab und krümmte sich noch mehr zusammen.

Ratlos betrachtete er seine Schwägerin und ihm kamen Worte in den Sinn, die er einst zu Rick gesagt hatte: Frage nicht, sondern mach einfach! Leonard kam es so vor, als würde sein Bruder nun mit ihm sprechen. Entschlossen bückte er sich und hob Isabel auf seine Arme und als sie zu kämpfen begann, drückte er sie enger an sich und fing ihre Hände ein.

„Ruhig“, flüsterte er tröstend an ihrer Wange. „Ruhig! Ich bringe Euch nur in Euer Zimmer.“

Als sie bemerkte, dass ihre Abwehr nichts half, gab sie auf. Sie ließ ihren Kopf erschöpft gegen seinen Brustkorb sinken. Doch alles in ihr rebellierte gegen seine Nähe und als er sie in ihrem Gemach aufs Bett legte, wich sie vor ihm zurück. Dabei fiel ihr Blick auf Ricks Seite, seine Decke, sein Kissen und erneut zuckte unsäglicher Schmerz durch ihren Körper. Niemals mehr würde ihr Mann neben ihr liegen. Nie mehr ihre Lippen küssen und ihr des Nachts Wärme spenden. Wenn sie ihre Hand nach ihm ausstreckte, war er nicht mehr da! Zögernd setzte sich Leonard auf die Bettkante.

„Nicht“, flüsterte sie, doch er schüttelte den Kopf.

„Ich mache mir Sorgen um Euer ungeborenes Kind“, erklärte er mit ernstem Blick. „Ihr dürft Euch nicht dermaßen gehenlassen!“

Ungläubig starrte Isabel ihr Gegenüber an. Sie konnte nicht fassen, was er soeben gesagt hatte!

„Wie könnt Ihr es wagen ...“

„Denkt an das Kind!“

„Tue ich!“, schrie sie außer sich. „Rick wird es niemals kennenlernen!“

„Ihr vielleicht auch nicht, wenn Ihr so weitermacht!“

Empört schnappte sie nach Luft.

„Ihr verbietet mir zu trauern?“

„Nein.“ Er legte eine Hand über ihre, doch sie entzog sich seiner Berührung. „Aber versucht, Eure Emotionen im Griff zu behalten.“

Während sie den Kopf schüttelte, schwand die Wut aus ihrem Blick.

„Wie soll ich das nur tun?“, wimmerte sie. „Ich liebe ihn doch so sehr! So über alle Maßen! Er war alles für mich! Bitte, sagt, dass es nicht wahr ist! Dass Ihr nur einen üblen Scherz mit mir treibt.“

Leonard schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, holte er tief Luft und sagte mit fester Stimme: „Nicht einmal ich würde mir einen solchen Scherz erlauben. Es tut mir sehr leid, Isabel, Rick wird nicht mehr zurückkommen.“

Schluchzend griff sie nach einem Kissen und vergrub den Kopf darin.

„Geht jetzt“, bat sie mit gedämpfter Stimme und Leonard erhob sich.

Nach einem letzten sorgenvollen Blick in ihre Richtung, verließ er den Raum.

Annabelle, seine achtjährige Nichte, erwartete ihn mit verständnislosem Blick auf dem Gang.

„Was ist mit Mutter?“

Das zarte Stimmchen klang überaus beunruhigt. Leonard seufzte ratlos. Er hatte keinen blassen Schimmer, was er zu dem Kind sagen sollte, wie er es trösten konnte.

„Deine Mutter ist etwas erschöpft und braucht Ruhe. Ich bin sicher, morgen wird es ihr bessergehen.“

Annabelle nickte nachdenklich und fuhr herum, als die Stimme des Kindermädchens nach ihr rief. Mit zusammengezogenen Augenbrauen sah er ihr nach, dann starrte er auf die Tür zu Isabels Gemächern. Sicherheitshalber sollte er das Zimmer neben ihr beziehen. Allerdings hatte er Skrupel, Ricks Räumlichkeiten zu nutzen. Doch er musste jederzeit hören, wie es der Trauernden erging. Wenn irgendetwas passierte und er nicht in ihrer Nähe wäre, würde er sich das ein Leben lang nicht verzeihen. Deswegen gab er sich einen inneren Ruck und öffnete nach wenigen Schritten die Zimmertür seines Bruders. An der Schwelle hielt er inne. Der Raum wirkte, als hätte Rick ihn gerade erst verlassen. Sein Geruch hing noch in der Luft. Mit schwerem Herzen trat er ein und schloss die Tür hinter sich. Unwillkürlich dachte er an die letzten Jahre zurück, bis er dann bei jenem schrecklichen Ereignis innehielt. Jahre, in denen sie sich einander angenähert hatten.

Dank Isabel hatte Leonard den Neid auf seinen älteren Bruder ablegen können. Ursprünglich wäre Rick der Erbe des Herzogtums St. Ives gewesen, doch durch Leonards Ränke war fast der gesamte Besitz auf Leonard übergegangen. Alles, was Rick geblieben war, war das Anwesen Old Owl Wood und eine monatliche Rente. Trotzdem wusste Leonard, dass Rick ihm vergeben hatte. In den letzten Jahren waren sie so etwas wie Freunde geworden. Hin und wieder machten sie einen gemeinsamen Jagdausflug oder ritten für mehrere Tage durch das Land.

Leonard kam wieder der Fasan in den Sinn, den Rick angeschossen hatte, ebenso wie Ricks Wut über sein eigenes Versagen. Diese Versagensängste waren immer etwas gewesen, mit denen sein Bruder zu kämpfen gehabt hatte, doch Leonard meinte, dass er diese in den letzten Jahren eigentlich in den Griff bekommen hätte. Selten hatte er Rick derart wütend wie bei diesem Vorfall erlebt. Und das wegen einer Bagatelle wie dieser.

Leonard starrte auf ein Bild, das an der Wand hing. Merkwürdige bunte Farbkleckse verschmolzen in diesem außergewöhnlich modernen Gemälde. Irritiert schüttelte der Prinz den Kopf. Er hatte nicht gewusst, dass Rick einen Hang zu derlei dadaistisch angehauchten Werken hatte.

Es war ein wirklich befremdliches Gefühl, sich hier zwischen seinen Habseligkeiten zu bewegen. Noch vor wenigen Tagen war Rick selbst hier gestanden, hatte gesehen, was er nun sah, gerochen, was er nun roch, und gewusst, dass Isabel nur durch eine Wand von ihm getrennt war. Wie hatte er sich wohl gefühlt? Was hatte er gedacht? Was hatte ihn bewegt? Verdammt, was war ihm nur durch den Kopf gegangen? Hatte er an seine Töchter gedacht? An Annabelle, Victoria und die kleine Lizzy?

Leonard ging unruhig auf und ab. Er hatte kein Recht, hier zu sein!

Als sich die Verbindungstür öffnete, fuhr er ertappt herum. Isabel trat in den Raum und erstarrte, als sie ihn erkannte.

„Was macht Ihr hier? Ihr habt hier nichts zu suchen!“

Er überlegte, ob er zu ihr gehen und sie stützen sollte, da sie nicht sehr sicher auf den Beinen wirkte. Als hätte sie seine Gedanken erraten, klammerte sie sich an den Türrahmen.

„Ich denke, es wäre das Beste, wenn ich mich hier einrichte. Solltet Ihr Hilfe brauchen, bin ich gleich zur Stelle.“

Heftig schüttelte Isabel den Kopf.

„Wagt es ja nicht!“, drohte sie. „Das sind Ricks Räume und Ihr habt hier nichts verloren, Euer Gnaden! Ich möchte, dass Ihr geht!“

Leonard verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich werde bleiben und diese Anrede könnt Ihr getrost ad acta legen. In Anbetracht der Umstände wäre es passend, wenn Ihr mich mit meinem Vornamen anredetet.“

„Ich archiviere nicht, Euer Gnaden“, fauchte sie. „Abgesehen davon kann ich keine Umstände erkennen, die mich dazu veranlassen würden, Euch mit Leonard anzusprechen. Alles, was ich mir wünsche, ist, dass ihr verschwindet! Lasst mich in Ruhe hier sein! Es ist Ricks Zimmer!“

Nun stieß sie sich doch vom Türrahmen ab und durchquerte den Raum. Da er sich nicht bewegte, versuchte sie, ihn zu ignorieren. Schließlich öffnete sie die Tür zum Ankleidezimmer. Er beobachtete, wie sie diese hinter sich zuzog. Verständnislos runzelte er die Stirn und wartete, dass sie zurückkehrte. Doch nichts bewegte sich. Es war, als hätte die Ankleide Isabel verschluckt. Unruhig setzte er sein Auf- und Abgehen fort, dabei fiel sein Blick erneut auf das Bild mit den Farbklecksen. Er trat näher, um herauszufinden, wer es gemalt hatte. Als er sich zu der Leinwand beugte, entdeckte er einen Riss, der sich von einer Seite auf die andere zog. Überrascht hob er das Bild von der Wand und drehte es um. Vorsichtig ließ er eine Fingerspitze entlang des Risses gleiten. Er hatte den Eindruck, dass jemand mit dem Messer hineingestochen haben musste. Den daraus entstandenen Spalt hatte er dann mit den Fingern vergrößert. Er zuckte zusammen, als Isabel wieder in den Raum trat. Sie hielt eines von Ricks Hemden in ihren Händen und starrte ihn nun erschrocken an.

„Hängt es wieder an die Wand!“

„Es ist kaputt.“

Zornig kam sie auf ihn zu und entriss ihm das Gemälde.

„Das geht Euch nichts an!“

Dann blickte sie auf den Riss und er konnte sehen, wie sie schmerzlich zusammenzuckte. Im nächsten Moment begann sie wieder zu weinen.

„Isabel ...“

Schluchzend ließ sie das Bild einfach auf den Boden fallen und floh zurück in ihre Gemächer, Ricks Hemd fest umklammert.

Leonard hängte das Gemälde wieder an seinen Platz, dann begab er sich in Ricks Arbeitszimmer. Er musste dringend eine Nachricht schreiben und nach London schicken. Eigentlich hatte er geplant, in der folgenden Woche zu einer einjährigen Weltreise aufzubrechen. Er sah keine Möglichkeit, diese nun antreten zu können. Woher sollte er wissen, wie lange er hier gebraucht wurde?

Gegenüber dem Schreibtisch hing ein Bild von Isabel, auf dem sie fröhlich lachte. Ein ungewöhnliches Motiv für ein Portrait, doch Leonard konnte sofort nachvollziehen, warum sein Bruder es hierher gehängt hatte. Isabel war wunderschön und sprühte vor Lebensfreude. Allein dieser Anblick genügte, um einen jegliche Sorgen vergessen zu lassen.

Als er den Brief versiegelt hatte, erhob er sich und trat näher zu dem Gemälde. Er hatte sofort erkannt, dass es von Luca Romano, dem größten Maler dieser Zeit, gemalt worden war. Auch von Leonard selbst hingen zahlreiche von Romano gemalte Porträts an unterschiedlichen Orten.

Eine Unebenheit veranlasste ihn dazu, sich näher zu beugen und er sog überrascht Luft in seine Lungen, als er erkannte, dass auch dieses Gemälde von einem Riss verunstaltet wurde. Zum Glück fiel dieser Mangel nur bei näherer Betrachtung auf! Doch es war eine Schande! Wer machte so etwas? Wenn es Isabel besserging, wollte er sie danach fragen.

2. Kapitel

Früh am nächsten Morgen erwartete Leonard den Bestatter mit dem Sarg. Er hatte sehr schlecht in Ricks Bett geschlafen. Außerdem war es ihm schwergefallen, das Schluchzen aus dem Nebenzimmer zu ignorieren. Erst im Morgengrauen war Isabel wohl vor Erschöpfung eingeschlafen.

Er hörte den Motor eines Autos und erhob sich. Sein Herz pochte angestrengt. Er hatte den Dienstboten aufgetragen, einen der kleineren Salons für die Aufbahrung vorzubereiten. Dorthin führte er wenige Minuten später den Bestatter und seine Träger.

Als der Sarg auf seinem Platz stand, hoben sie den Deckel ab und stellten ihn zur Seite. Dann vereinbarten sie, am folgenden Tag zu kommen, um den Sarg wieder abzuholen. Als sie gegangen waren, wagte Leonard einen ersten Blick auf den Leichnam. Es war nicht mehr sein Bruder, der da vor ihm lag, obwohl diese leere Hülle eines Menschen ihm auf eine merkwürdige Weise ähnlich sah. Doch alles, was Rick ausgemacht hatte, war nicht mehr hier. Leonards Herz zog sich zusammen und er trat noch einen Schritt näher. Der Bestatter hatte gute Arbeit geleistet und die schweren Kopfwunden gekonnt kaschiert.

„Rick“, sagte er leise, doch der Fremde vor ihm rührte sich nicht. „Ich werde jetzt Isabel holen.“

Isabel lag, nur mit einem von Ricks Hemden bekleidet, auf dem Bett, den Kopf unter einem Kissen vergraben, die Beine hatten sich von der Decke freigestrampelt. Leonard atmete tief durch und beugte sich über sie. Sanft berührte er sie an der Schulter. Am liebsten würde er sie schlafen lassen, doch er wusste, dass sie zu Rick wollte und es ihm nachtragen würde, wenn er sie nicht weckte.

Mit einem Ruck fuhr sie in die Höhe, während das Kissen zur Seite fiel. Im ersten Moment starrte sie ihn verwirrt an, doch in der nächsten Sekunde kehrte der Schmerz in ihren Blick zurück.

„Was wollt Ihr?“, fragte sie feindselig.

„Der Bestatter hat Rick gebracht.“

Mit einem Satz sprang sie aus dem Bett und eilte zur Tür.

„Ihr solltet etwas überziehen, Isabel!“

Sie hielt inne, nur um fahrig nach einem Morgenmantel zu greifen und hineinzuschlüpfen. Während sie ihn zuband, verließ sie den Raum. Verdattert sah er ihr einige Sekunden lang nach, dann folgte er ihr.

Im Salon brannten Kerzen und es herrschte eine Stille, die nicht von dieser Welt zu sein schien. Isabel stand noch immer in der Tür, als Leonard sie einholte, als wagte sie nicht weiterzugehen. Doch dann straffte sie die Schultern und setzte einen wackligen Schritt vor den anderen. Als sie den Toten endlich erreichte, knickten ihre Knie ein und sie klammerte sich an den Sarg, um nicht zu fallen. Er war weg! Rick war weg! Erst jetzt wurde ihr die Endgültigkeit dieser Tatsache mit allen Konsequenzen bewusst.

„Liebster“, schluchzte sie und hob eine Hand.

Ganz zart strich sie über seine kalte Wange, die sich so anders anfühlte als früher. Leonard schloss leise die Tür und wartete daneben ab. Dann sah er, wie sie sich über ihren Mann beugte und einen Kuss auf seinen Mund hauchte. Auch die kalten Lippen fühlten sich auf ihrem Mund fremd an.

„Er schläft doch nur, Prinz Leonard, nicht wahr? Er schläft nur.“

Die Verzweiflung in ihrer Stimme schnürte ihm den Hals zu. Er machte einen Schritt in ihre Richtung. Nur kurz hatte sie zu ihm gesehen, jetzt drehte sie sich wieder zu Rick.

„Ihr müsst mir helfen“, flehte sie plötzlich und wandte ihm erneut ihr Antlitz zu.

„Wobei?“

„Ich möchte mich noch einmal zu ihm legen.“

„Das ist vollkommen unmöglich!“

Tränen schimmerten in ihren Augen.

„Bitte! Ein einziges Mal!“

„Ihr könnt Euch doch nicht einfach zu ihm in den Sarg legen!“

„Ich brauche Eure Hilfe. Hebt mich hoch und lasst mich zu ihm!“

Alles in Leonard sträubte sich gegen diesen verrückten Wunsch.

„Bitte! Ich muss ihn noch einmal fühlen! Ein letztes Mal will ich meinen Kopf an seine Schulter betten und meine Hand auf sein Herz legen! Bitte!“

Tränen rannen über ihre Wangen und er konnte sie nicht abweisen. Ohne von der Sache überzeugt zu sein, ging er etwas in die Knie und hob sie auf seine Arme. Es war das erste Mal, dass sie sich nicht gegen seine Nähe wehrte. Dann trat er neben den Sarg und zögerte.

„Bitte!“, flüsterte Isabel und er spürte, dass sie zitterte.

Ganz vorsichtig bettete er sie auf den Toten und zog seine Arme zurück. Isabel schloss die Augen und schmiegte ihr Wange an Ricks Halsbeuge. Eine ihrer Hände legte sie auf seine Brust. Leonard sah, dass sie weinte.

„Es fühlt sich nicht mehr an wie früher“, wimmerte sie und Leonard wusste nicht, was er darauf antworten sollte.

Da öffnete sie die Augen und suchte seinen Blick. Zögernd streckte sie eine Hand nach ihm aus und er kam ihrer Aufforderung sofort nach und hob sie wieder empor. Sie schloss die Augen, vergrub den Kopf an seinem Hals und legte eine Hand an seine Brust. Er wagte nicht, sich zu bewegen, während sie seinem Herzschlag lauschte und das beruhigende Pulsieren unter ihren Fingerspitzen pochen fühlte. Er senkte seinen Kopf ein wenig und sein Kinn streifte ihre Stirn. Ihr Atem kitzelte die Haut seines Halses. Mit den Lippen verharrte er an ihrem Haaransatz, ohne sich zu bewegen, gefangen von ihrer zerbrechlichen Gegenwart. Irgendwann hob sie den Kopf.

„Rick“, flüsterte sie, „Rick!“

Ihre Lippen öffneten sich und Leonard starrte darauf. Es war eine süße, langersehnte Einladung, doch an einen anderen gerichtet. Er räusperte sich.

„Isabel, was haltet Ihr davon, eine Kleinigkeit zu essen? Damit das Kind nicht verhungert?“

Blinzelnd öffnete sie die Augen und sah ihn an. Es wirkte, als würde sie von weither zu ihm zurückkehren. Sofort wich sie etwas vor ihm zurück und er stellte sie vorsichtig auf den Boden.

„Wieso fühlt Ihr Euch mehr an wie Rick als er selbst?“

„Isabel, Rick ist tot!“

„Ich weiß“, fauchte sie wütend, „haltet Ihr mich für dämlich? Er ist tot! Ich weiß es, zum Kuckuck! Ich weiß es! Und Ihr, mein größter Feind, seid hier und seht ihm so ähnlich, dass es wehtut!“

Er konnte ihren schmerzlichen Blick nicht ertragen und wandte den Kopf ab.

„Nicht so laut! Denkt an den Toten!“

Isabel lachte auf und es klang erschreckend bitter.

„Wieso? Glaubt Ihr, es stört ihn? Glaubt Ihr, Rick macht das noch etwas aus?“

Sie fuhr herum, trat wieder neben den Sarg und ballte eine Hand zur Faust. Damit schlug sie dem Verstorbenen, nicht sonderlich fest, mehr wie eine symbolische Handlung, auf die Brust.

„Wieso hast du mich allein gelassen? Wieso bist du einfach gegangen?“

Nun schrie sie. Da trat Leonard hinter sie, umfasste sie an der Taille und zog sie von dem Leichnam fort.

„Schluss, Isabel!“

Doch sie strampelte in seinen Armen, woraufhin er seinen Griff verstärkte.

„Lasst mich los!“, kreischte sie.

„Beruhigt Euch, ich bitte Euch!“

Sie atmete schwer, hörte aber auf, gegen ihn anzukämpfen. Zögernd stellte er sie auf die Beine.

„Wir werden etwas essen gehen. Ich bestehe darauf, dass Ihr mich begleitet!“

Feindselig fixierte Isabel ihr Gegenüber.

„Ich möchte bei Rick bleiben.“

„Ihr könnt nachher hierher zurückkommen, doch zuvor müsst Ihr etwas essen!“

„Wer hat Euch das Recht gegeben, mich herumzukommandieren?“

„Rick.“

„Pah!“

Noch bevor sie etwas sagen konnte, umschloss Leonard ihren Oberarm und führte sie aus dem Raum in Richtung Speisezimmer. Erschöpft ließ sie es geschehen, ihr Kopf hämmerte schmerzhaft und sie wollte nichts lieber tun, als sich ins Bett zu legen und nie wieder aufzuwachen.

Mit Argusaugen beobachtete er sie und drängte sie, ausreichend zu essen und zu trinken. Isabel wirkte gänzlich verloren, als sie geistesabwesend kaute. Ihr Morgenmantel stand ein wenig offen und Ricks Hemd blitzte darunter hervor. Ihr Haar hing wirr um ihren Kopf, als hätte sie vor Wochen das letzte Mal eine Bürste hindurchgleiten lassen. Wenn Rick sie so sähe, würde er Leonard die größten Vorwürfe machen, nicht besser auf sie Acht zu geben. Leonard verdrängte den Gedanken an ihn. Er war nicht mehr hier.

„Wir müssen es den Kindern sagen“, meinte er leise, bevor sie den Teller endgültig von sich schob.

Ihre Hand zerknüllte die Stoffserviette, die neben dem Teller lag.

„Ich kann das nicht“, flüsterte sie mit brechender Stimme.

„Wir werden es gemeinsam machen.“

Sie hob den Kopf, um ihn regungslos zu mustern und er fragte sich, was in ihr vorging.

Während Isabel versuchte, in ihm zu lesen, meinte sie, das erste Mal so etwas wie Erleichterung in sich aufsteigen zu fühlen. Leonard war hier und würde ihr beistehen. Sie musste nicht alles allein durchkämpfen. Um ihm nicht zu zeigen, was sie bewegte, senkte sie ihr Haupt und starrte auf ihre Hände.

„Sollen wir?“, fragte er und erhob sich.

Isabel nickte und folgte ihm aus dem Speisezimmer. Hinter ihm stieg sie die Treppe in den ersten Stock hinauf.

„Vielleicht solltet Ihr Euch vorher ankleiden?“, schlug er vor, als sie sich in Richtung der Kinderzimmer wandte.

Isabel sah an sich herunter und plötzlich erkannte sie, wie nachlässig sie sich vor ihrem Schwager gezeigt hatte. Erschrocken hob sie den Kopf und errötete. Mit den Händen fuhr sie durch ihr Haar.

„Himmel!“

Statt einer Antwort öffnete er die Tür zu ihren Gemächern und sie huschte an ihm vorbei und knallte ihm die Tür vor der Nase zu.

Eine halbe Stunde später klopfte sie an die Verbindungstür und trat ein. Leonard saß auf einem Stuhl, ein leeres Glas in der Hand.

„Ihr trinkt bereits am frühen Morgen?“

„Nur zu besonderen Anlässen.“

Er erhob sich und stellte das Glas auf einen Beistelltisch. Sie sollte nicht merken, wie hilflos und unsicher er sich fühlte, nun, da er vor drei kleine Kinder treten musste, um ihnen zu erklären, dass ihr Vater nicht mehr zurückkehren würde. Wieso, Rick, hast du mir das angetan? Ich bin kein Vater, ich habe überhaupt keine Ahnung, was ich sagen soll!

Entschlossen straffte er die Schultern und warf Isabel einen schnellen Blick zu. Sie beobachtete ihn aus vom Weinen geröteten Augen.

„Ich weiß nicht, wie ich es ihnen vermitteln soll“, gestand sie mit rauer Stimme, genauso hilflos und überfordert mit der Situation wie er.

„Wir werden ihnen sagen, dass Rick eine lange Reise angetreten ist. Irgendwann werden sie nicht mehr nachfragen.“

Isabel nickte.

„Ja, so werden wir es machen.“

Sie wartete, bis Leonard die Tür geöffnet hatte, dann folgte sie ihm.

Niemals zuvor schien ihr der Weg zu den Zimmern ihrer Kinder so weit. Als sie die Tür zum Kinderzimmer öffnete, schwappte Kindergeschrei und Lachen in ihre Richtung und Isabel atmete tief durch.

„Mutter und Onkel Leonard!“, rief Victoria und stürzte in ihre Richtung. „Onkel Leonard, bist du zu Besuch? Hast du Vater mitgebracht?“

Sie umschlang sein rechtes Bein und er tätschelte unbeholfen ihren Kopf. Das Kindermädchen drückte Isabel die kleine Lizzy in die Arme und diese hauchte ihrer Tochter zärtliche Küsse auf die Wangen. Es fiel ihr schwer, die Kinder anzusehen, ein jedes erinnerte sie an ihren Verlust. Annabelle kam mit einem Buch in ihre Richtung und bat ihren Onkel, es ihr vorzulesen. Der Situation nicht gewachsen, warf er Isabel einen hilflosen Blick zu. Diese reichte Lizzy zerstreut gerade dem Kindermädchen zurück, dann küsste sie Annabelle und Victoria, drehte sich um und verließ mit abwesendem Blick den Raum. Nun richteten sich zwei große Augenpaare auf ihn, ihre Gesichtchen zwei riesige Fragezeichen.

„Was ist mit Mutter? Wo ist sie hingegangen?“

Leonard räusperte sich unbehaglich.

„Vielleicht will sie eurem Vater einen Brief schreiben. Er ist nämlich auf Reisen gegangen und wird sehr lange nicht mehr hierher zurückkommen.“

Enttäuscht sahen ihn seine Nichten an.

„Aber warum hat er sich denn nicht verabschiedet?“, wollte Annabelle wissen.

„Das hat er doch! Erinnert ihr euch nicht daran, als ich ihn abgeholt habe? Es ist schon ein paar Tage her. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass er jedem von euch einen Kuss gegeben hat und ich meine mich zu erinnern, dass er euch bat, brav zu sein.“

„Stimmt“, stellte Annabelle fest. „Er hat sich verabschiedet.“

Sie blickte auf das Buch in ihren Händen, dann sah sie wieder zu ihrem Onkel empor.

„Liest du mir die Geschichte jetzt vor?“

„Gut“, gab er sich geschlagen und befreite sich aus Victorias Umklammerung.

Unsicher hob er sie auf seine Arme und ging mit ihr zu einem gemütlichen Lehnstuhl. Vorsichtig setzte er Victoria auf einen seiner Oberschenkel, während Annabelle auf den anderen kletterte. Vertrauensvoll reichte sie ihm das Buch und Beklemmung machte sich in ihm breit. Diese kleinen Menschen zählten auf ihn, schenkten ihm ihr ganzes Vertrauen. Es war ein ungewohntes Gefühl, so dringend gebraucht zu werden. Bisher hatte er es vermeiden können, doch nun … Es machte ihm Angst. Das alles hier war ihm eine Nummer zu groß. Er hatte kein Problem damit, das Herzogtum zu verwalten, vielleicht auch deswegen, weil die größte Last noch auf den Schultern seines Vaters ruhte. Doch das hier, diese Abhängigkeit seiner Nichten und vielleicht auch seiner Schwägerin von ihm, machte ihn komplett unruhig. Es war einfach zu viel: Sein Bruder lag tot einen Stock tiefer in einem engen Sarg, die Liebe seines Lebens weinte sich die Augen aus dem Kopf und seine Nichten forderten seine Aufmerksamkeit ein. Zum Glück hatte er den Bestatter damit beauftragt, die traurige Nachricht zu verbreiten. Er rechnete damit, dass die Verwandtschaft bald anreisen würde. Ob Isabel bedachte, dass sich Old Owl Wood bald in einen Taubenschlag verwandeln würde?

Nachdem sich Leonard endlich aus den Fängen der Kinder befreit hatte, fühlte er sich, als hätte er seit Tagen nicht mehr geschlafen und es wäre bereits weit nach Mitternacht. Dabei war es noch nicht einmal Mittag!

Der Butler meldete ihm die Ankunft Pater Pauls. Ein Glück, der Geistliche wüsste vielleicht, wie man Isabel helfen konnte! Wo war sie überhaupt? Er klopfte an ihre Gemächer, doch sie reagierte nicht. Deswegen suchte er weiter und fand sie im Salon neben seinem aufgebahrten Bruder. Sie stand neben ihm und starrte auf ihn herab, mit ihren Gedanken weit weg. Gut, sie stellte im Moment keine unmöglichen Dinge an, deswegen konnte er ohne Sorge zu Pater Paul gehen.

Nachdem sie einander begrüßt hatten, wollte der Pater wissen, wie es Isabel ging.

„Sehr schlecht“, erwiderte Leonard. „Vielleicht können Sie ihr helfen?“

Pater Paul zuckte mit den Achseln. „Mylady ist sehr stark. Ich bin überzeugt, dass sie ihr Leben bald wieder im Griff hat. Doch ich würde ihr gern Worte des Trosts vermitteln.“

„Sie ist bei dem Verstorbenen. Es wäre schön, wenn Sie eine Totenmesse halten könnten.“

„Natürlich.“

„Ich bringe Sie zu Lady Isabel.“

Sie hatte sich in den letzten Minuten nicht bewegt und zuckte zusammen, als Pater Paul ihr eine Hand auf die Schulter legte. Als sie ihn erkannte, lächelte sie müde.

„Pater! Seht nur! Jetzt ist es geschehen!“

Der Angesprochene drehte den Kopf in Ricks Richtung. Es war unerträglich zu sehen, wie reglos er nun hier lag, dieser starke Mann, dem er jahrelang Unrecht getan hatte. Voller Entsetzen erinnerte er sich an jenen Tag, da Rick unter seinen Händen fast gestorben wäre, wenn Isabel nicht für ihn gekämpft hätte.

„Nun geht es ihm gut, immerhin ist er bei unserem Herrn!“

Pater Paul malte ein Kreuz auf die Stirn des Toten.

„Aber er sollte hier sein! Hier wird er dringender gebraucht als im Himmel!“

„Gottes Wege sind unergründlich. Habt Vertrauen, Mylady!“

Isabel wandte sich ab und entdeckte Leonard, der noch immer neben der Tür stand und vor sich auf den Boden starrte. Trotzdem entging ihm nicht, dass sie zusammenzuckte, als sie ihn sah.

„Meine Güte, könnt Ihr die Haare nicht anders tragen? Ich denke jedes Mal, er ist es, wenn ich euch sehe!“

Leonard blickte sie an und fuhr sich mit den gespreizten Fingern durchs Haar.

„Tut mir aufrichtig leid“, bedauerte er, dann sah er zu dem Geistlichen. „Pater Paul wird eine Messe für Rick abhalten.“

„Vielen Dank“, sagte Isabel und ließ sich auf einen Stuhl an der Wand sinken.

Am späten Nachmittag zog Leonard Isabel von Ricks Seite fort und in den großen Salon.

„Ich muss dringend mit Euch sprechen“, erklärte er.

„Worüber? Es gibt nichts, was wir miteinander zu bereden hätten.“

„Das Kind in Eurem Leib. Wann habt Ihr es das letzte Mal gespürt?“

Entgeistert starrte sie ihn an.

„Mein Kind?“

Statt einer Antwort nickte Leonard.

„Ich weiß es nicht, ich habe nicht mehr darauf geachtet.“

„Gestattet Ihr? Darf ich fühlen, ob es sich bewegt?“

Verwirrt suchte sie seinen Blick.

„Aber wozu? Ich spüre selbst, wenn es sich bewegt und im Moment tut es das nicht.“

„Warum nicht?“

„Vielleicht schläft es?“

Überrascht lüpfte er die Augenbrauen. „Kinder schlafen im Mutterleib?“

„Ich denke schon, was sollen sie denn sonst die ganze Zeit machen?“

„Einleuchtend.“

Prinz Leonard starrte noch immer auf ihren Bauch.

„Ich mache mir diesbezüglich Sorgen.“

Isabel atmete tief durch.

„Das müsst Ihr nicht. Ricks Sohn ist stark.“

„Sagt mir Bescheid, wenn Ihr es das nächste Mal spürt.“

Unwillig runzelte Isabel die Stirn, doch sie sagte nichts.

„Ich habe die Haushälterin angehalten, die Gästezimmer zu richten“, berichtete Leonard nach einer kurzen Pause.

„Wozu das?“

„Ich rechne damit, dass in den nächsten Stunden die ersten Trauergäste eintreffen werden.“

Isabel wurde blass.

„Trauergäste?“, flüsterte sie.

„Natürlich. In zwei Tagen findet die Beerdigung statt.“

„Schon in zwei Tagen? Das ist viel zu früh! Vorgestern hat er noch gelebt!“

Leonard seufzte schwer.

„Ihr müsst ihn gehen lassen. Wir können ihn nicht ewig hier bei uns behalten.“

„Es spricht keiner von einer Ewigkeit. Nur ein paar Tage mehr.“

„Der Bestatter wird ihn morgen holen.“

Sie wurde noch blasser und Tränen stiegen in ihre Augen.

„Morgen schon? Bitte, lasst ihn noch länger bei mir!“

„Das geht nicht. Sein Körper verfällt, Isabel.“

Verzweifelt vergrub sie ihr Gesicht zwischen den Händen.

„Das ist zu schlimm! Sie bringen ihn von seinem Zuhause weg! Und dann wollen sie ihn in diese kalte Erde legen. Euer Gnaden, ich will nicht, dass er dort bei den Würmern liegt! Bitte! Ich will das nicht!“

Hilflos musterte Leonard die junge Frau.

„Das ist nun einmal der Lauf der Dinge“, meinte er sachlich. „Besser Ihr findet Euch damit ab!“

Sie ließ die Hände sinken und blitzte ihn wütend an.

„Mehr als Phrasen dreschen könnt Ihr nicht? Behaltet Eure abgeschmackten Redewendungen für Euch und verschont mich mit diesem widerwärtigen Sermon! Der Lauf der Dinge! Vielen Dank auch!“

Diese Frau war ein Vulkan, stellte Leonard unbehaglich fest und war froh, dass er über ein relativ dickes Fell verfügte. Deswegen konnte er ihre Worte an sich abprallen lassen. Doch eine Stimme in ihm fragte ihn, ob das wirklich die Frau war, die er liebte. Ob er sich seine Gefühle für sie nicht vielleicht eingebildet hatte.

Als er sie betrachtete, wie sie mit vor Zorn geröteten Wangen vor ihm stand, stellte er überrascht fest, dass die Gefühle, die ihn sonst in ihrer Nähe immer befallen hatten, verschwunden waren. In ihm war es still, als er seinen Blick über ihren Körper gleiten ließ. Keine Sehnsucht, kein Verlangen, keine Liebe mehr, die ihn quälte. Kein Bedürfnis, sie in die Arme zu ziehen und zu küssen.

Sie musste die Überraschung in seinen Augen gesehen haben, denn sie musterte ihn fragend. Er räusperte sich.

„Rick wird morgen abgeholt und übermorgen beerdigt. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“

Da er ihre Anwesenheit im Augenblick nicht länger ertrug, wandte er sich ab und verließ den Raum.

Eine Dienerin meldete Isabel die Ankunft ihrer Eltern und diese Nachricht versetzte sie in Panik. Das letzte, was sie im Moment brauchte, waren andere Menschen. Schlimm genug, dass Leonard ständig um sie herumschwirrte! Aber dass jetzt auch noch ihre Eltern da waren, empfand sie als nahezu unerträglich. Trotzdem begab sie sich nach unten.

„Mein liebstes Kind“, rief die Countess of Sussex und umarmte ihre Tochter erfreut. „Weshalb schaust du so traurig? Sei froh, dass du den Teufel endlich los bist! Der schlechte Ruf deines verstorbenen Mannes hat auch auf unsere Familie ein ungünstiges Licht geworfen, wie du weißt. Abgesehen davon sitzt du nun nicht mehr hier in dieser schrecklichen Einöde fest! Ich will gar nicht daran denken, was du unter ihm erdulden musstest.“

Die Worte trafen sie mit einer Wucht, die sie fast zu Boden schmetterte und sie befreite sich aus dem Griff ihrer Mutter.

„Wie kannst du so etwas sagen?“

Das Lächeln erstarb auf den Lippen der anderen Frau.

„Sag bloß, du bist traurig? Aber mein Kind, es ist sicherlich besser so! Das denken alle!“

„Es ist nicht besser so!“, schluchzte Isabel auf und sah zu ihrem Vater, der neben dem Sofa stand und sich bis jetzt nicht gerührt hatte.

„Marian, lass es gut sein! Es ist der falsche Zeitpunkt für derlei Gespräche! Meine liebe Tochter, ich möchte dir mein aufrichtiges Beileid aussprechen.“

Isabels Augen füllten sich mit Tränen.

„Ich war sehr glücklich mit Rick“, flüsterte sie. „Ich habe ihn von ganzem Herzen geliebt!“

„Ich weiß, Kind“, beschwichtigte der Earl. „Es ist ein großer Verlust für dich und die Kinder.“

„Und für mich“, ergänzte Prinz Leonard, der sich bis zu diesem Augenblick im Hintergrund gehalten hatte.

Überrascht wandte sich Isabel ihm zu. Hatte er diese Worte wirklich gesagt? Meinte er sie ernst? Plötzlich zwinkerte er ihr verschwörerisch zu und schenkte ihr ein leichtes Lächeln. Als er sich wieder ihren Eltern zuwandte, blickte er ausgesprochen ernst.

„Man hat meinem Bruder Unrecht getan. Er war ein großartiger Mann“, fuhr der Prinz fort. „Er verdient es nicht, nach wie vor verachtet zu werden.“

„Verzeihung“, meinte die Countess pikiert und musterte den jüngeren Mann flüchtig, dann wandte sie sich wieder an ihre Tochter. „Wurde uns ein Zimmer gerichtet?“

„Ja, Mylady“, kam Leonard Isabel zuvor. „Man soll es Euch zeigen.“

Als die junge Witwe mit Leonard wieder allein war, atmete sie tief durch.

„Das geht über meine Kräfte! Muss ich mir von allen anhören, wie froh sie über Ricks Tod sind?“

„Wenn Ihr möchtet, halte ich für Euch bis zur Beerdigung die Stellung und Ihr könnt Euch zurückziehen.“

„Das würdet Ihr für mich tun?“

Leonard nickte, wandte sich ab und sah aus dem Fenster. Noch vor wenigen Tagen war er an der Seite seines Bruders durch den Wald gepirscht. Wie schnell konnte sich die Welt verändern!

„Danke!“

Es war das erste Mal, dass sie sich bei ihm für etwas bedankte und er warf ihr einen überraschten Blick zu.

„Wie gesagt, ich habe Rick versprochen, mich um Euch zu kümmern. Ihr braucht Euch nicht zu bedanken.“

Nur kurz erwiderte sie seinen Blick, dann schritt sie zur Tür und war im nächsten Augenblick verschwunden.

3. Kapitel

Der Duke und die Duchess of St. Ives trafen am folgenden Vormittag in Begleitung ihres jüngsten Sohnes und ihrer Tochter ein. Kurz darauf ließ sich auch der Maler Luca Romano melden. Leonard klopfte an Isabels Tür und auf ihre Bitte einzutreten, ging er zu ihr. Sie saß am Fenster und blickte ins Freie, drehte aber kurz bevor er sie erreichte den Kopf in seine Richtung.

„Romano ist da.“

„Luca?“ Überrascht richtete sie sich auf.

„Ja, er ist vor ungefähr einer Stunde eingetroffen.“

Isabel sprang auf und etwas in ihrem Gesicht erhellte sich.

„Ich möchte ihn sehen!“

„Gut, ich werde es ihm ausrichten.“

Leonard verbeugte sich und schritt auf die Tür zu. Mit der Hand bereits auf der Klinke drehte er sich noch einmal in ihre Richtung.

„Habt Ihr das Kind gespürt?“

„Nein. Ich habe nicht darauf geachtet.“

„Ich werde nach einem Arzt schicken lassen.“

„Nein! Warten wir noch ein paar Tage. Wenn ich wieder etwas Ruhe habe, werde ich es sicherlich wieder fühlen.“

Unschlüssig musterte er sie und sie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich werde später zu Euch kommen und für einige Zeit die Hand auf Euren Bauch legen. Wenn ich etwas spüre, gut. Sonst werde ich nach dem Arzt schicken lassen.“

„Ihr habt kein Recht, mich zu berühren!“

Zorn stieg in ihr auf, da ließ er die Klinke los und kehrte zu ihr zurück. Seine Hände umschlossen ihre Oberarme. Fest blickte er sie an.

„Ich bin für Euer Wohlergehen verantwortlich und auch für das Eures Kindes. Wenn Ihr nicht selbst in der Lage seid, Euch darum zu kümmern, werde ich es tun. Erst wenn Ihr wieder allein zurechtkommt, werde ich mich zurückziehen. Aber erst dann. Und bis dahin tut Ihr, was ich sage!“

Streng hielt er ihre Augen mit den seinen gefangen. Erinnerungen stiegen in ihr auf. Erinnerungen an einen Kuss vor langer Zeit.

„Ihr seid ein Teufel“, murmelte sie in seiner Umklammerung gefangen und sein Gesicht wurde starr.

„Das habt Ihr mir schon einmal gesagt.“ Er gab sie frei und trat einen Schritt zurück. Es war jener Tag gewesen, als er sich in sie verliebt hatte. „Ich erinnere mich. Doch es ändert nichts. Ihr werdet meine Berührung ertragen müssen.“

Mit diesen Worten wandte er sich ab und ging.

Minuten später klopfte es an die Tür und Luca Romano trat ein. Isabel stürzte in seine Arme und der Mann zog sie an sich. Auch ihm rannen Tränen über die Wangen. In seiner Trauer um Rick war er ihr näher als all die anderen Menschen.

„Das letzte Mal, als ich ihn sah, war er kurz davor zu sterben“, murmelte er. „Und jetzt ist es tatsächlich passiert. Nun, da keiner damit gerechnet hat!“

„Oh, Luca! Ich ertrage es nicht!“

Mit den Daumen wischte er die Tränen von ihren Wangen und sah sie zärtlich an.

„Ihr habt ihn gerettet, vergesst das nicht! Er war ein glücklicher Mann, als er starb.“

Isabel nickte, doch ihre Züge verfinsterten sich ein wenig.

„Ich wünschte, es wäre so! In letzter Zeit war er sehr unzufrieden mit mir.“

Bei diesen Worten begann sie fürchterlich zu weinen und er zog sie zurück an seine Schulter.

„Unzufrieden mit Euch? Das kann ich mir nicht vorstellen! Ihr wart das Wichtigste in seinem Leben!“

Sie wimmerte und klammerte sich an ihn.

„Glaubt Ihr mir? Zweifelt nicht an Euch!“

In jedem Schluchzen konnte er ihre tiefe Verzweiflung spüren.

„Versprecht mir, dass Ihr nicht beginnt, an seiner Liebe zu zweifeln! Könnt Ihr das?“

Sie nickte erschöpft, das Gesicht noch immer an seine Schulter gepresst. Sein Hemd war mittlerweile durchnässt. Als sie sich etwas beruhigt hatte, löste sie sich von dem Maler.

„Hat man Ihnen schon ein Zimmer zur Verfügung gestellt?“, fragte sie in sachlichem Ton und er ahnte, dass sie die Distanz brauchte, um ihre Fassung wiederzuerlangen.

„Ja, Mylady, danke. Ich werde mich zurückziehen. Wenn Ihr mich braucht, lasst es mich wissen.“

„Danke!“

Er strebte auf die Tür zu. Bevor er sie hinter sich zuzog, warf er einen letzten Blick in ihre Richtung.

„Ihr wart mehr, als er sich jemals erhofft hatte! Sein Sonnenstrahl! Zweifelt nicht daran!“

Sie nickte und hörte seine Schritte im Gang verhallen.

Isabel hatte sich wieder Ricks Hemd übergezogen und danach im Bett verkrochen. Sehnsüchtig streckte sie die Arme auf die andere Bettseite aus und griff ins Leere. Er war nicht mehr hier.

Im Laufe des Nachmittags hatten sie seinen Leichnam geholt. Nun gab es nur mehr Dinge, die er zurückgelassen hatte, seine Anwesenheit schwand mit jeder Minute. Sein Geruch vermischte sich mit anderen Düften, seine Ordnung löste sich auf.

Als es an der Tür klopfte, fuhr sie erschrocken in die Höhe. Im nächsten Moment trat Leonard ein, blieb überrascht auf der Schwelle stehen.

„Isabel? Schlaft Ihr schon?“

Am liebsten hätte sie so getan, als läge sie in tiefem Schlummer, doch sie saß aufrecht im Bett und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten.

„Nein.“

Im nächsten Moment flammte die Deckenleuchte auf und es gab keine Schatten mehr, um sich vor ihm zu verbergen. Unbehaglich zog sie die Decke höher bis zu ihrem Kinn. Nur kurz zögerte er, dann lenkte er seinen Schritt in ihre Richtung und setzte sich auf die Bettkante. Forschend betrachtete er sie.

„Wie geht es Euch?“

„Ausgezeichnet“, erwiderte sie sarkastisch und er seufzte.

Dann hob er eine Hand und wollte sie auf ihren Bauch legen, doch sie wehrte ihn ab.

„Was fällt Euch ein?“

„Wir haben bereits darüber gesprochen. Wenn Ihr Eurem Kind keine Beachtung schenkt, muss ich es tun. Legt Euch zurück und gebt endlich Ruhe! Meint Ihr, es macht mir Spaß?“

„Oh ja, das denke ich! Ihr seid ein Frauenheld, ein Lustmolch, ein Filou, wie er im Buche steht!“

Ein Muskel an seiner Wange zuckte, als er sie aufs Bett drückte. Mit einer Hand hielt er sie an der Schulter fest, die andere legte er auf ihren Bauch. Isabel atmete erschrocken ein. Allerdings war die Decke zu dick, um etwas fühlen zu können. Deswegen schlüpfte er mit einer Hand unter die Decke und tastete sich zu ihrem Körper vor. Als er sie berührte, zuckte sie zusammen. Leonard konnte ihre Wärme fühlen, als würde er ihre nackte Haut unter seinen Fingerspitzen ertasten. Hilflos wandte sie ihren Kopf ab und ertrug seine Nähe, während er eine geeignete Stelle für seine Nachforschung suchte. Endlich lag seine Hand vollkommen ruhig auf ihr, während er versuchte, in ihren Bauch hineinzuhören. Isabel schloss die Augen. Rick hatte seine Hand immer auf ihrem Bauch ruhen lassen, bevor er eingeschlafen war. Sie versuchte, nicht daran zu denken, trotzdem stieg große Sehnsucht in ihr auf. Unwillkürlich legte sie eine Hand über seine. Er reagierte nicht, wartete mit konzentriertem Blick auf eine Bewegung.

„Könnt Ihr etwas tun, damit es sich bewegt?“, fragte er nach einer Weile.

„Nein. Wie lange wollt Ihr warten?“

„Ich denke, eine Stunde.“

Isabel seufzte und atmete tief durch. Die Wärme seiner Finger strahlte in andere Regionen ihres Körpers aus. Sie wand sich ein wenig.

„Isabel“, rügte er. „Haltet still!“

„Ich will schlafen.“

„Dann schlaft! Lasst Euch von mir nicht stören!“

Sie drehte sich ein wenig und ihre Finger umschlossen seine Hand fester. Wenn er nicht aus einem bestimmten Grund hier wäre, hätte er seine Hand weggezogen, doch er musste Klarheit in diese Sache bringen. Plötzlich fühlte er einen ganz leichten Stoß.

„Hat es sich bewegt?“

„Hm?“

Verschlafen blickte ihn Isabel an.

„Das Kind. Ich glaube, es hat sich bewegt!“

Sie horchte in sich hinein und er fühlte eine erneute Bewegung.

„Ja, das ist der Kleine.“

Sie lächelte matt und er saß gebannt und hoffte auf ein weiteres Lebenszeichen.

„Es ist unglaublich! So etwas habe ich noch nie gefühlt! Es ist ein Wunder!“

„Ja“, stimmte sie mit sanfter Stimme zu, „das ist es!“

Schließlich zog er seine Hand weg, doch sie griff nach ihm und hielt ihn zurück. Mit großen Augen blickte sie bittend zu ihm auf.

„Rick fehlt mir so sehr! Ich kann es nicht länger ohne ihn aushalten.“

„Ihr müsst!“

Sie zögerte bevor sie weitersprach. „Euer Kuss vor vielen Jahren hat mich alles um mich herum vergessen lassen.“

Überrascht zog er die Augenbrauen in die Höhe.

„Isabel, ich weiß nicht ...“

„Bitte!“

„Nein, das ist keine gute Idee ...“

„Ihr habt tausende Frauen geküsst! Warum ziert Ihr Euch nun?“

„Ich habe noch nie eine Frau geküsst, deren Mann gerade gestorben ist und die ihn am nächsten Tag begraben musste.“

Sie ließ ihre Hand sinken und wandte sich ab.

„Ich habe Euch damals gesagt, dass ich ein schlechter Mensch bin.“

„Isabel, das seid Ihr nicht! Nur verwirrt und einsam. Doch ich kann Euch nicht helfen! Ich bin nicht er!“ Entschlossen wandte er sich ab und ging auf die Verbindungstür zu. „Gute Nacht.“

Ein Schluchzen entrang sich ihren Lippen und sie zog ein Kissen über ihren Kopf und krallte die Fäuste in die Matratze. Als dieser verzweifelte Laut an seine Ohren drang, hielt Leonard inne. Regungslos verharrte er, dann wandte er sich langsam um. Er konnte sie erstickt weinen hören. Sein Puls beschleunigte sich. Was war schon falsch daran, wenn er sie tröstete? Immerhin bat sie ihn darum!

Ohne länger darüber nachzudenken, kehrte er zum Bett zurück, setzte sich auf den Bettrand, entriss ihr das Kissen, schleuderte es fort, beugte sich über sie und suchte ihren Blick. Erschrocken drehte sie sich auf den Rücken und sah ihn an, während ihre Tränen versiegten. Ihr Brustkorb hob und senkte sich in schnellem Rhythmus, dann schloss sie die Augen. Mit den Fingerspitzen strich er zärtlich über ihre Augenbrauen, die Nase und ihren Mund, den sie unter seiner Liebkosung etwas öffnete. Dieser Aufforderung konnte er nicht widerstehen und er neigte sich tiefer, um sie mit seinen Lippen zu umfangen. Zitternd schlang sie die Arme um seinen Nacken und zog ihn näher zu sich heran. Sie erwiderte seine Zärtlichkeiten mit einer Leidenschaft, die ihn geradezu benommen machte. Ohne es darauf angelegt zu haben, lag er Minuten später neben ihr, Isabels Leib fest an sich gepresst. Er fühlte jede Rundung ihres kurvigen Körpers. Meine Güte, er liebte sie doch! Sie war wie für ihn gemacht!

Irgendwann waren sie nackt und ihre Hände strichen über seinen Rücken, als suchten sie etwas. Sie machte ihn rasend und er vergaß alles um sich herum, blendete die Umstände aus, weshalb er hier war, vergaß, wer sie war. Alles, was zählte, war, dass sie in seinen Armen lag und ihm ihren Körper anbot. Leonard war verloren und sein Geist tauchte ab in den ekstatischen Strudel aus Begierde und Verlangen.

Erst als sich die Schleier seiner Lust wieder lichteten und er schwer atmend neben Isabel im Bett lag und an die Decke starrte, überfiel ihn die Gewissheit, dass er etwas unwiederbringlich zerstört hatte. Doch was es war, konnte er nicht benennen. Einzig der Gedanke, einen schweren Fehler begangen zu haben, ließ sich nicht mehr abschütteln.

Es war keine liebevolle Vereinigung gewesen, ähnlich eher einer Fahrt auf aufgewühlter See. Isabel hatte sich an ihn geklammert wie an ein Rettungsboot, mit geschlossenen Augen und Tränen auf den Wangen. Nun lag sie an ihn gedrückt, fuhr mit den Fingern über seinen Rücken, immer auf der Suche nach Ricks Narben, den Kopf an seine Schulter geschmiegt. So lag er, das Gesicht abgewandt, den Blick gen Himmel. Mit jeder weiteren Minute die verstrich, fragte er sich, was er getan hatte. Vorsichtig hob er eine Hand zu ihrem Hinterkopf und strich tröstend darüber. Immer wieder, bis sie sich unter seinen Liebkosungen entspannte und in tiefen Schlaf fiel. Er lauschte ihren Atemzügen und irgendwann übermannte auch ihn die Müdigkeit.

Als er am frühen Morgen erwachte, lag Isabel noch immer in seiner Umarmung und Leonard zog vorsichtig den Arm unter ihr hervor. Sie brummte unwillig und nahm eine andere Position ein. Nur kurz betrachtete er sie, das wirre Haar, die nackten Schultern, dann glitt er aus dem Bett und deckte sie fester zu. Im nächsten Moment floh er geradezu in Ricks Zimmer und schöpfte tief Luft, um jene Beunruhigung abzuschütteln. Er trat ans Fenster und blickte in den nebligen Morgen hinaus. In wenigen Stunden wurde sein älterer Bruder beerdigt. Verdammt, er lag noch nicht einmal in seinem Grab, da hatte Leonard sich bereits seine Frau genommen. Natürlich würde er sich ausreden können und behaupten, sie hätte ihn verführt. Doch sie war zurzeit nicht sie selbst, ihre Gefühle lagen offen und sie war beängstigend verwundbar. Er hätte ihr widerstehen müssen! Aber er hatte es nicht getan. Abfällig und von sich selbst enttäuscht, zog er die Mundwinkel nach unten. Es passte zu ihm, er besaß keinerlei Ehre. Immer das Vergnügen zuerst. In all den Jahren hatte er nie trainiert zu widerstehen. Wie sollte er es plötzlich können? Isabel hatte recht gehabt, als sie ihn einen Beau genannt hatte. Das war er tatsächlich; ein trauriger Fakt.

Ricks Gesicht stieg vor seinen Augen auf. Wenige Minuten nachdem sie Old Owl Wood verlassen hatten, um die zweistündige Fahrt ins Jagdgebiet anzutreten. Nachdenklich, mit gerunzelter Stirn, hatte er aus dem Fenster gestarrt und um ihn abzulenken, hatte Leonard von seinen Plänen berichtet, die Welt zu bereisen. Ausführlich hatte er erzählt, wie lange er zu bleiben gedachte und welche Länder er erforschen wollte.

„Mehr als ein Jahr willst du wegbleiben?“ Irritiert hatte ihn sein Bruder forschend betrachtet. „Das ist zu lange!“

„Ich kann mir kaum vorstellen, dass du Sehnsucht nach mir haben wirst“, hatte Leonard lachend erwidert.

„Das ist es nicht.“

Rick hatte sich mit der Hand übers Gesicht gestrichen, als würde ihn etwas stark beschäftigen. Er drehte den Kopf und blickte noch einmal zurück. Das Anwesen war nicht mehr zu sehen. Dann fuhr ein Ruck durch seinen Körper, als hätte er einen unumstößlichen Entschluss gefasst, doch er äußerte sich nicht mehr. Als sie die nächstgrößere Stadt erreichten, bat er darum anzuhalten und das Auto fuhr an den Straßenrand.

„Ich muss noch etwas erledigen“, sagte er und verschwand in einer Seitengasse.

Leonard wunderte sich nur kurz über das merkwürdige Verhalten. Allerdings war er sicher, dass Rick seine Gründe haben würde.

Nicht einmal eine Stunde später saß er wieder neben ihm und sie legten das letzte Stück zurück. Leonard schüttelte den Kopf, um die Erinnerung zu verdrängen. Weshalb dachte er gerade jetzt daran? Besser er machte sich fertig. Ohne weitere Zeit zu verschwenden, begab er sich ins Badezimmer.

Isabel hatte tief und fest geschlafen und in den wenigen Sekunden, bevor sie die Augen aufschlug, hielt sie ein Gefühl der Zufriedenheit umfangen. Alles war gut. Rick war hier. Doch im nächsten Augenblick stürzte die Wirklichkeit über ihr zusammen und sie richtete sich erschrocken auf. Ihr Herz begann zu rasen. Letzte Nacht hatte sie einen Mann geliebt und es war nicht Rick gewesen. Entsetzt fuhr sie sich mit einer Hand über den Mund. Wie konnte sie nur? Wieso hatte sie sich wie eine Hure verhalten? Wie tief war sie gesunken, sich einem anderen Mann hinzugeben, bereits wenige Tage nach dem Tod ihres geliebten Gemahls? War sie von allen Sinnen verlassen? Niemals zuvor in ihrem Leben hatte sie sich so sehr geschämt wie in diesem Augenblick. Röte breitete sich von ihren Wangen bis über ihren Hals aus. Wie sollte sie Leonard jemals wieder in die Augen sehen können? Wie sollte sie sich selbst jemals wieder ansehen können? Und vor allen Dingen: Wie sollte sie an dem Begräbnis teilnehmen können, ohne sich in Grund und Boden zu schämen? Sie fuhr zusammen, als die Tür geöffnet wurde und ihre Zofe eintrat. Isabel schlüpfte schnell in Ricks Hemd und stand auf.

Die nächste Stunde verging mit Körperhygiene und dem Ankleiden sowie Aufstecken der Frisur. Als sie sich im Spiegel betrachtete, sah sie eine junge Witwe mit verräterisch großen Augen, in denen sie Verdorbenheit schimmern sehen konnte.

„Bitte verzeih mir, Rick“, flüsterte sie mit rauer Stimme und erinnerte sich an den Tag, als sich ihre Seelen das erste Mal vereint hatten.

Auf jenem Ball hatte es begonnen, sie in einem zerschnittenen Kleid, Rick mit einem Lächeln auf den Lippen. Er hatte ihren Liebesbeweis in der skandalösen Art ihrer Aufmachung erkannt. Ihr Liebesbeweis. Noch bevor sie länger darüber nachdenken konnte, griff sie nach einer Schere. Dann begann sie mit fest aufeinandergepressten Lippen zu schneiden.

Nun ließ es sich nicht länger hinauszögern und Leonard musste sich seiner Schwägerin stellen. Ihm graute davor und er wünschte sich insgeheim, ihr am vorigen Tag widerstanden zu haben und sich nun nicht den Kopf über dieses weitere Problem zerbrechen zu müssen. Er klopfte an die Verbindungstür und trat ein. Ertappt ließ sie die Schere sinken und fuhr zu ihm herum. Ungläubig starrte er sie an. Er konnte einfach nicht fassen, dass Isabel das getan hatte, wonach es aussah. Sie wollte doch unmöglich ihrem Mann in dieser Aufmachung die letzte Ehre erweisen! Beunruhigt stellte er fest, dass sie jedoch genau so wirkte.

„Meine Phantasie spielt mir übel mit, nicht wahr, Isabel?“

Sie legte die Schere beiseite und wandte sich ab.

„Isabel, Ihr könnt unmöglich so zur Beerdigung gehen!“

Leonards Stimme klang gereizt. Verdammt noch einmal, diese Frau war durch und durch verrückt!

„Es ist meine Nachricht an ihn.“

Leonard unterdrückte einen Fluch.

„Wie es aussieht, habt Ihr nicht bedacht, dass Rick es nicht sehen kann, aber jeder andere auf der Beerdigung schon. Wollt Ihr in eine Irrenanstalt eingeliefert werden?“

Isabel schluckte.

„Es ist egal, was die anderen denken.“

„Nein, ist es nicht.“

Noch immer wagte sie es nicht, ihn anzusehen. Deswegen starrte sie auf den Boden.

„Ich muss so gehen!“

„Wer sagt das?“

„Ich!“

Am liebsten hätte er sie gepackt und geschüttelt.

„Davor müsst Ihr an mir vorbeikommen! Ich werde es nicht zulassen! Rick würde mich umbringen, wenn er erführe, dass ich Euch in dieser Sache nachgegeben habe!“

Erschrocken wich sie einen Schritt zurück und blickte auf. Im nächsten Augenblick sah sie ihm in die Augen. Er konnte Reue und Scham darin erkennen und einen kleinen Funken Angst. Störrisch verschränkte sie die Arme vor der Brust.

„Kommt mit mir zu Eurer Ankleide!“

Ärgerlich umfasste er ihren Oberarm und zerrte sie mit sich zur Ankleide. Als sie die Tür erreichten und er diese aufstieß, begann sie, sich zu widersetzen. Er gab sie frei und hob eine Hand, um sich damit das Haar aus dem Gesicht zu streichen. In dem Moment zuckte sie zusammen und streckte abwehrend die Hände aus, als hätte sie Angst, dass er sie schlagen würde. Irritiert runzelte er die Stirn. Sie hatte den Kopf abgewandt und atmete schwer, als wartete sie darauf, dass er zuschlug. Leonard ließ den Arm sinken und starrte sie an. Sekunden vergingen, bis sie sich etwas gefasst hatte und die Hände fallen ließ. Sie wagte nicht, ihn anzusehen.

„Isabel, ich ...“ Er schüttelte fassungslos den Kopf, als wollte er nicht glauben, was soeben passiert war. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Außer ...“

Wieder verstummte er und blickte sie an. Es war ein erbärmliches Bild, das sich ihm bot. Wie ein Häufchen Elend stand sie vor ihm, das Kleid in Fetzen, Tränen auf den Wangen, die Schultern gebeugt. Im nächsten Moment versteckte sie das Gesicht hinter ihren Händen und begann bitterlich zu weinen. Ihr Körper zuckte.

„Rick hat doch nicht etwa ...“

„Nein!“, stieß sie hervor und wirbelte herum, rannte auf das Bett zu und ließ sich darauf fallen.

Kurz rang er um Fassung, dann betrat er die Ankleide und suchte nach einem passenden Ersatzkleid.

„Habt Ihr noch ein anderes Kleid in schwarz?“

„Nein.“

Wäre er nicht derart entsetzt von ihrer Reaktion gewesen, hätte er sich maßlos über sie geärgert.

„Ausgesprochen clever, das einzige Kleid für einen Trauerfall zu zerschneiden!“

Ungeduldig suchte er nach einem Ersatz.

„Ich werde nicht gehen“, erklärte sie schniefend und er verließ die Ankleide augenblicklich und kehrte an ihre Seite zurück.

„Natürlich werdet Ihr gehen! Davor werdet Ihr Euch nicht drücken können!“

Sie richtete sich etwas auf und ballte die Hände zu Fäusten.

„Doch! Ich werde nicht gehen! Ich ertrage es nicht! Die ganzen Menschen ...“

„Es wäre ein Affront, wenn Ihr nicht ginget!“

„Ein Affront gegen wen? Rick? Mich selbst?“, fauchte sie.

„Menschen werden sich das Maul zerreißen!“

„Na und? Das tun sie, seit ich Rick geheiratet habe!“

Fest biss er den Kiefer aufeinander. War er froh, wenn er dieses Irrenhaus endlich verlassen konnte! Hoffentlich war Isabel bald in der Lage, wieder allein zurechtzukommen!

„Bitte!“

„Nein!“

Trotzig hielt sie seinem Blick stand. Um sich zu sammeln, wippte er auf den Fußballen kurz auf und ab, dann wandte er sich um.

„Wie Ihr meint“, gab er nach und verließ zornbebend den Raum.

Erst als die letzten Gäste abgereist waren, um vom Eklat, dass die Witwe an der Beerdigung nicht teilgenommen hatte, in aller Welt zu berichten, kehrte Leonard in Ricks Zimmer zurück. Er goss sich ein großes Glas Whiskey ein und ließ sich in einen Stuhl fallen. Der Tag war der reinste Horror gewesen! Nicht nur, dass Isabel komplett den Verstand verloren zu haben schien, waren nun seine und Isabels Eltern entrüstet von der jungen Frau. Wie es aussah, war sie nun in der Gesellschaft endgültig in Ungnade gefallen. Wie konnte sie auch nur so dumm sein und sich derart gehen lassen! Dieses entsetzliche Weib!

Nachdem er das Glas geleert hatte, knallte er es auf einen Tisch und erhob sich. Im Gehen lockerte er den Kragen seines Hemdes, dann trat er ohne anzuklopfen in ihr Zimmer. Sie saß auf einem Stuhl vor dem Fenster und trug noch immer das zerfetzte Kleid. Als hätte sie ihn nicht gehört, bewegte sie sich nicht.

„Hast du etwas gegessen?“, fragte er unwirsch und duzte sie ungeniert. Bei einer Verrückten musste man froh sein, wenn man überhaupt eine Antwort bekam.

Doch diese Irre vor ihm schwieg.

„Isabel, ich habe gefragt ...“

Langsam hob sie den Kopf und musterte ihn. Die Hilflosigkeit dieser Geste besänftigte ihn etwas und er seufzte. Wie es aussah, würde er nicht so schnell entkommen wie erhofft. Im nächsten Augenblick schluchzte sie auf und vergrub das Gesicht in ihren Händen. Zögernd beugte er sich zu ihr und berührte ihren Oberarm, doch sie ließ sich nicht trösten. Deswegen schob er seine Arme unter ihren Körper und hob sie empor. Fest hielt er sie an sich gedrückt, während sie ihren Kopf an seine Schulter zurücksinken ließ.

„Ich liebe dich, Rick, ich liebe dich! Bitte vergib mir!“

Leonard setzte sich mit ihr aufs Bett und versuchte, etwas von ihr abzurücken.

„Ich bin nicht Rick“, erinnerte er sie sachlich. „Hör auf mit diesem Unsinn!“

„Sei Rick“, bettelte sie verzweifelt und schlang die Arme um seinen Hals.

Doch er löste sich von ihr, legte sie aufs Bett und wich vor ihr zurück.

„Ich werde den gestrigen Fehler nicht ein weiteres Mal wiederholen“, erklärte er fest und wandte sich ab. Bei seinen Worten zuckte sie zusammen, trotzdem sprang sie aus dem Bett und trat hinter ihn.

„Geh nicht!“, flehte sie.

„Zieh endlich etwas Anderes an!“, forderte er und drehte sich wieder zu ihr.

„Nein, ich sehe nicht ein ...“

„Raus aus diesem Aufzug! Wo sind deine Nachthemden?“

Widerspenstig erwiderte sie seinen Blick, da machte er einen Schritt auf sie zu, griff nach dem Kleid und riss es entzwei. Erschrocken fuhr sie zusammen und blickte ihn entsetzt an.

„Wie könnt Ihr es wagen ...“

„Dein Kleid ist bereits unwiederbringlich kaputt und du hast nicht den Anschein gemacht, es in der nächsten Stunde abzulegen. Ich habe dir nur geholfen.“

Gnadenlos entblößte er ihre Schulter. Sie rührte sich nicht, war gefangen in der Erinnerung an jene Nacht, als Rick sie das erste Mal geliebt hatte. Teilnahmslos ließ sie Leonard gewähren, der sie vollkommen nackt auszog. Dann ging er zum Bett und griff nach Ricks Hemd. Entschlossen zog er es über ihren Kopf.

In ihren Gedanken schwirrte alles durcheinander, Ricks Hände, die sie an sich zogen, sie streichelten, an die Hand nahmen. Seine Hand, die den scharfen Brieföffner umklammerte und zustieß, während sie leise aufschrie und das Gewebe reißen hörte. Sein Antlitz, aus dem das Lächeln mit jedem Tag mehr geschwunden war und schließlich seine Stimme, zornig bebend. Isabel begann zu zittern. Nein, das war nicht wirklich geschehen. Sie hatte sich alles nur eingebildet. Rick hatte sie geliebt und er hätte niemals etwas getan, was ihr schaden könnte!

Mittlerweile starrte Leonard sie besorgt an. Es schien, als wäre sie weit weg und er hatte keine Ahnung, wie er ihr helfen konnte. Doch plötzlich klarten ihre Augen auf und sie sah ihn forschend an. Im nächsten Moment drehte sie sich um, griff nach der Schere und eilte in Ricks Zimmer. Alarmiert folgte er ihr auf den Fuß. Sie schritt geradewegs auf seine teure Anzugjacke zu, die über einer Sessellehne hing und Leonard verengte verwirrt die Augen. Im nächsten Moment griff sie nach dem Kleidungsstück und schnitt den Ärmel ab. Dann drehte sie sich zu ihm um und blickte ihn abwartend an.

Minutenlang konnte er nicht glauben, was sie soeben getan hatte. Ungläubig starrte er auf den Ärmel, der nun am Boden lag. Dann suchte er ihren Blick. Sie hatte eindeutig den Verstand verloren! Ohne sich zu bewegen, ließ sie die Schere fallen und trat einen Schritt auf ihn zu.

„Na los, mein Prinz, bestraft mich doch!“

Herausfordernd lächelte sie ihm ins Gesicht und er fühlte Zorn über so viel Unverschämtheit in sich aufsteigen. Was bildete sich diese schreckliche Person eigentlich ein? Niemand durfte sein Gewand zerschneiden, ohne mit den Konsequenzen leben zu müssen! Allerdings war sie nicht mehr zurechnungsfähig. Auch das noch! Am Ende hatte er sie für den Rest seines Lebens an der Backe! Er schalt sich einen Narren, das er einmal gemeint hatte, sie zu lieben. Er musste blind gewesen sein! Sie hatte den Verstand verloren! Noch immer stand sie da und sah ihn abwartend an.

„Was ist los? Weshalb schlagt Ihr mich nicht?“

„Wieso sollte ich das tun?“

Sie deutete auf den Ärmel.

„Du bist nicht bei dir! Ich schlage weder Frauen noch Verrückte.“

„Wie schmeichelhaft“, stellte sie fest, bückte sich und hob die Schere wieder auf.

Dann trat sie auf ihn zu. Sie griff nach seinem Hemd und noch bevor er realisiert hatte, was sie plante, zerschnitt sie den feinen Stoff. Da packte er ihre Hände.

„Ich kann mir kaum vorstellen, dass Rick sich das hätte bieten lassen“, meinte er mit zusammengebissenen Zähnen.

„Hätte er nicht.“

„Und was hätte er gemacht?“

Kurz blitzten ihren Augen auf und er meinte, so etwas wie Schmerz zu erkennen. Doch Augenblicke später erwiderte sie ungerührt seinen Blick, während sie beharrlich schwieg.

„Hast du jemals eines seiner Hemden zerschnitten?“

„Nein.“

„Warum fängst du dann bei mir damit an?“

„Bei wem sonst?“

Seine Augen verengten sich, mit seiner freien Hand entwand er ihr die Schere und legte sie außerhalb ihrer Reichweite ab.

„Ich muss davon ausgehen, dass du deiner Sinne nicht mehr mächtig bist. Anders kann ich mir dein Verhalten nicht erklären.“

Vielleicht war das eine interessante Idee, schoss es Isabel durch den Kopf. Sie könnte ihm vorspielen, verrückt zu sein. Dann würde er schnellstmöglich abreisen. Deswegen begann sie, unvermittelt zu lachen und er lockerte den Griff, sodass sie ihre Hände befreien konnte. Das nützte sie aus, um sich kichernd im Kreis zu drehen. Leonard konnte sich nicht erklären, was er sah und in ihm zog sich alles zusammen. Nein! Niemals würde er mit ruhigem Gewissen abreisen können! Sie war nicht nur eine Gefahr für sich selbst, sondern auch für das Ungeborene und die anderen Kinder. Verdammt!

„Isabel“, flüsterte er mit bleichen Lippen, doch sie ignorierte ihn und ihr Kichern steigerte sich zur Hysterie.

Da packte er sie und gab ihr einen Klaps auf die Wange, um sie wieder zur Besinnung zu bringen. Erschrocken hielt sie inne und starrte ihn an. Ungläubig hob sie eine Hand auf die leicht gerötete Stelle, dann senkte sie den Blick. In der nächsten Sekunde begann sie zu weinen.

„So fest war es nicht“, murmelte Leonard beklommen und legte eine Hand auf ihre Schulter.

Sofort begann sie gegen ihn anzukämpfen, doch er gab nicht nach, zog sie in seine Arme und hielt sie fest. Als er spürte, dass seine Kraft nachließ, schob er sie zum Bett, drückte sie darauf und platzierte sich auf ihr, um sie zu bändigen. Noch immer schlug sie um sich, wurde aber immer schwächer, während sie ihre letzte Kraft verließ. Irgendwann lag sie regungslos unter ihm und er blickte erschöpft auf ihr Antlitz herab. Da öffnete sie die Augen und sah ihn an. Tränen schimmerten in ihren Augenwinkeln.

„Ich weiß nicht, was mit dir los ist“, erklärte er frustriert, „oder wie ich dir helfen kann. Ich bin vollkommen überfordert.“

„Reist morgen ab“, bat sie leise, doch er schüttelte bedauernd den Kopf.

„Wie könnte ich?“

Da drehte sie den Kopf von ihm fort und er gab sie frei. Er stemmte sich in die Höhe und wandte sich vom Bett ab. Er hörte, wie sie von der Matratze kroch und ihre nackten Füße über den Boden huschten, das Öffnen und Schließen der Verbindungstür. Im nächsten Moment war alles still und er fragte sich ernstlich, wo er da hineingeraten war.

4. Kapitel

„Der Anwalt ist hier“, sagte Leonard und blieb neben Isabel stehen.

Sie las in einem Buch, allerdings hielt sie es verkehrt herum. Ihr geistiger Zustand bereitete ihm ernsthafte Sorgen. Sie klappte das Buch zu, erhob sich und warf es in den kalten Kamin. Leonard starrte sie perplex an.

„Was will er?“

„Es geht um Ricks Testament.“

Leonard blickte noch immer auf das Buch im Kamin, dann wandte er sich Isabel zu. Ihre linke Augenbraue hatte sie herausfordernd angehoben.

„Nun, ich weiß nicht, was es dazu noch zu sagen gibt.“

Leonard zuckte mit den Achseln.

„Wahrscheinlich nicht viel. Doch wir müssen bei der Verlesung anwesend sein.“

„Ihr auch?“

„Ja, der Anwalt besteht darauf.“

„Dann lassen wir ihn nicht warten“, meinte Isabel fröhlich und rieb sich die Hände. „Denkt Ihr, es wäre eine gute Idee, ihm kalten Fisch anzubieten?“

„Kalten Fisch?“

Irritiert folgte er ihr aus dem Raum.

„Natürlich, was denn sonst? Einer unserer Jäger hat gestern eine Menge davon geschossen. Sie fliegen gerade ziemlich tief.“

Abrupt blieb Leonard stehen, doch sie ging unbeirrt weiter. Nachdem er tief durchgeatmet hatte, setzte er sich wieder in Bewegung.

„Ich denke, er hat sicherlich schon zu Abend gegessen.“

„Jetzt, um diese Zeit? Es ist noch nicht einmal Mittag“, meinte Isabel und warf ihm einen gespielt besorgten Blick zu.

„Ach, tatsächlich?“

Leonard steckte sich einen Finger in den Mund, zog ihn wieder heraus und hielt ihn konzentriert in die Luft.

„Der Wind kommt von Osten. Es muss weit nach Mitternacht sein.“

Isabel blieb stehen und hob ihren Kopf in seine Richtung. Ihre Augen funkelten amüsiert, auch wenn sie darum bemüht war, sich nichts von ihrer Erheiterung anmerken zu lassen.

„Das ist vollkommen irrational“, stellte sie fest und er griff nach ihrem Arm und führte sie weiter.

„Ansichtssache“, erwiderte er, dann öffnete er die Tür zum Arbeitszimmer und ließ ihr den Vortritt.

Als sie den Advokaten ansah, fiel jegliche Fröhlichkeit von ihr ab. Mit ernstem Blick reichte sie ihm ihre Hand.

„Mylady, vielen Dank, dass Ihr mich so schnell empfangt.“

„Das ist selbstverständlich. Darf ich Ihnen Tee anbieten?“

Leonard setzte sich und beobachtete seine Schwägerin. Sie war wie ausgewechselt, die formvollendete Duchess, wenn sie diesen Titel trüge.

„Nein, herzlichen Dank. Es wäre mir recht, wenn wir gleich zur Sache kämen.“

„Natürlich!“

Mit einer Handbewegung bat Isabel den Mann, sich wieder zu setzen und ließ sich ebenfalls auf einen Stuhl sinken. Sie legte die Hände in den Schoß und wartete ruhig ab.

„Mylady, Euer Gnaden, Sir Prime bat mich, Euch diese Briefe vor der Testamentseröffnung zu überreichen.“

Er zog zwei Kuverts hervor und reichte einem jeden von ihnen eines. Überrascht starrten sowohl Leonard als auch Isabel auf das rechteckige Schreiben. Dann öffnete ein jeder von ihnen sein Kuvert. Isabel begann zögernd zu lesen:

„Meine geliebte Isabel,

wenn du diese Zeilen liest, werde ich nicht mehr unter den Lebenden weilen und ich hoffe, dass du dich mit meinem Ableben mittlerweile abgefunden hast. Trauere nicht um mich! Es ist besser, dass ich nicht mehr bin. Ich weiß, die letzten Monate waren nicht leicht für dich, für uns, und ich bitte dich, mir zu vergeben, wenn ich dich verletzt habe. Ich möchte, dass du weißt, dass du das Beste bist, was mir in meinem Leben passiert ist und dass ich dich mit jedem Atemzug liebe. Deswegen bitte ich dich, meinen Wunsch, deine Zukunft betreffend, zu akzeptieren. Ich weiß, dass du meinem Bruder Leonard sehr viel bedeutest und dass er gut für dich und die Kinder sorgen wird.

Weil ich dich gut versorgt wissen will, möchte ich, dass du ihn heiratest. Um meinem Wunsch noch den nötigen Ausdruck zu verleihen, vermache ich ihm Old Owl Wood für den Fall, dass du seinen Antrag nicht annimmst. Für dein finanzielles Wohl wird er für den Rest deines Lebens sorgen, doch ich wünsche mir, dass er als dein Ehemann noch mehr für dich tut. Ich weiß, du wirst im Moment nicht verstehen, weshalb ich so handle. Doch ich tue es zu deinem Besten. Es ist mein letzter Wille, dass du Leonards Frau wirst! Ich liebe dich, Isabel, vergiss das nicht! In ewiger Verbundenheit, Rick.“

Mehrmals las Isabel diese Zeilen, dann ließ sie das Blatt sinken und blickte auf. Sah zu Leonard, der ebenfalls wie betäubt auf das Papier in seinen Händen starrte. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Als er nun in ihre Richtung blickte, konnte sie das Entsetzen in seinen Augen deutlich erkennen.

Der Anwalt bemerkte, dass seine Klienten bereit waren, um dem Verlesen des Testaments folgen zu können, deswegen hob er mit sonorer Stimme an, den letzten Willen Hendrick Primes zu verkünden. Er sah, dass auch Lady Isabel an Farbe verlor. Trotzdem war er überrascht, als sie in dem Moment aufsprang, da er geendet hatte. Wie eine Furie stürzte sie aus dem Raum. Nur kurz sah ihr der Prinz entgeistert nach, dann erhob er sich und eilte ihr, eine Entschuldigung in des Anwalts Richtung stammelnd, hinterher.

Als Leonard die Tür des Raumes öffnete, in dem Isabel verschwunden war, hielt er überrascht den Atem an. Es war ein Atelier, gefüllt mit wunderbar skurrilen Gemälden, ähnlich jenem Bild, das in Ricks Zimmer hing. Er sah, wie Isabel ein Messer hob und eine Leinwand nach der anderen aufschlitzte.

„Halt ein, Isabel!“, rief er, doch sie ignorierte seine Bitte.

Voller Inbrunst stach sie erneut zu. Da packte er ihren Arm und hielt sie fest.

„Lasst mich los!“, keuchte sie. „Ich hasse Euch! Ich hasse Euch und ich hasse Rick! Alle beide! Wie konnte er mir so etwas antun? Er hat mich gewissermaßen enterbt!“

Die letzten Worte schrie sie ihm ins Gesicht.

„Beruhige dich, Isabel! Für mich ist die ganze Sache ebenfalls überraschend. Er nahm mir das Versprechen ab, mich um dich zu kümmern. Doch von Hochzeit war nie die Rede gewesen!“

„Das soll ich Euch glauben?“ Ihr Brustkorb hob und senkte sich in schnellem Rhythmus. „Wahrscheinlich habt Ihr ihn erpresst und ermordet. So, wie ich es von Anfang an vermutet habe!“

Mit aller Kraft entwand sie sich seiner Umklammerung, fuhr herum und stürzte sich auf das nächste Gemälde.

„Stopp! Warum zerstörst du Ricks Werke?“

„Ricks Werke?“, echote sie spöttisch. „Das sind meine eigenen. Einige davon wollten wir Euch schenken. Wir haben uns einen riesigen Spaß daraus gemacht, zu überlegen, welches wohl am Geeignetsten wäre. Apokalypse am Firmament oder doch vom Speer aufgespießt auf der Sommerwiese.“

Leonard blickte sie verständnislos an und sie überreichte ihm eines der Bilder.

„Erfroren im Auge des Orkans“, erklärte sie und deutete darauf, dann verdüsterte sich ihr Gesicht wieder und sie setzte ihr Zerstörungswerk fort.

„Ich hasse ihn! Hätte ich ihn doch nur als Dekoration aufgespießt und zum Umrühren verwendet!“

Immer verwirrter blickte Leonard seine Schwägerin an.

„Wie meinen?“

„Ach nichts“, erwiderte sie und winkte ab, dann schlitzte sie das nächste Gemälde auf.

Doch plötzlich hielt sie inne und starrte auf eines der Bilder. Leonard erkannte den Siegelring des Prinzen of St. Ives. Der Mann, der auf dem Gemälde ein Kind hielt, war allerdings nicht zuzuordnen. Doch zu dem Zeitpunkt, da Hendrick Vater geworden war, hatte er den Siegelring längst abgegeben gehabt. Diese Tatsache bewegte für wenige Sekunden Leonards Gedanken und er sah überrascht, dass sie Tränen in den Augen hatte, während sie danach griff. Dann schmetterte sie es wütend auf den Boden. Nur kurz starrte er darauf, dann machte er einen Schritt in ihre Richtung und umklammerte ihr Handgelenk, wobei er den Druck erhöhte, bis sie das Messer fallen ließ.

„Wieso regst du dich dermaßen auf?“, wollte er mit sanfter Stimme wissen. „Ich werde dir Old Owl Wood nicht wegnehmen. Du kannst hierbleiben. Egal, ob du mich heiratest oder nicht.“

Mit großen Augen sah sie ihn an und das leise Schluchzen, das sich ihrer Brust entrang, schnürte ihm die Kehle zu. Ganz sanft strich er mit seinem Daumen über ihre Wange und sie schloss schniefend die Augen.

„Er kann nichts dagegen tun, wenn wir uns seinem letzten Willen widersetzen“, flüsterte sie.

„Nein. Doch ich denke, er hat recht. Eure Kinder brauchen einen Vater.“

Überrascht riss sie die Augen wieder auf.

„Und Ihr wollt dieser Vater sein?“ Sie lachte ungläubig auf. „Ihr? Der Ihr immer nur auf Euren eigenen Vorteil geschaut habt?“

Unwillig runzelte er die Stirn.

„Ja und ich werde versuchen, Euch ein guter Ehemann zu sein.“

„Ich will aber keinen neuen Ehemann. Ich will Rick!“

Leonard seufzte und löste sich von ihr, während er einen Schritt zurücktrat. Ein leises Knirschen ließ ihn den Fuß schnell anheben und er entdeckte, dass er auf einen Bilderrahmen getreten war.

„Von mir aus kannst du machen, was dir beliebt, wenn wir verheiratet sind. Aber ich werde Ricks letzten Willen erfüllen und für euch sorgen.“

„Woher plötzlich dieser Heldenmut?“

Der Sarkasmus in ihrer Stimme war schneidend und kalt.

„Rick war mein Bruder und am Ende sogar mein Freund. Ich kann ihm diesen Wunsch nicht abschlagen, auch wenn ich mir aus ganzem Herzen wünsche, morgen von hier verschwinden zu können!“

Seine Worte stachen schmerzhaft in ihr Herz. Es entsprach seinem Begehren abzureisen?

Damit er nicht bemerkte, was sein Geständnis in ihr bewirkte, senkte sie den Kopf und wandte sich ab. Rick hatte sie verlassen und Leonard würde am liebsten das Gleiche tun.

„Wie steht es nun, Isabel? Wirst du meine Frau werden?“

Mit Tränen in den Augen starrte sie auf die Verwüstung zu ihren Füßen.

„Nein“, wimmerte sie, „ich kann nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil es Eure Schuld ist, dass er nun tot ist. Wie soll ich den Mörder meines Mannes heiraten können?“

Leonard biss die Zähne zusammen.

„Verdammt! Es ist nicht meine Schuld! Es war ein Unfall!“

Er griff nach ihrer Schulter und drehte sie in seine Richtung.

„Ob du willst oder nicht: Wir werden heiraten! Zwinge mich nicht dazu, dich zu erpressen!“

Verzweifelt schluckte sie und suchte hektisch nach einem Ausweg.

„Nur, wenn Ihr mir versprecht, dass Ihr Euer Leben weiterführt, sobald das Kind geboren ist.“

Lange sah er ihr forschend in die Augen. Isabel wusste nicht, was sie von dieser Musterung halten sollte, doch sie wich ihm nicht aus.

„In Ordnung“, gab er nach.

Es kam ihm überaus gelegen, sich auf diese Weise aus der Verantwortung stehlen zu können! Wie sehr sehnte er sich nach einer weniger komplizierten Frau! Wieder wunderte er sich darüber, jemals angenommen zu haben, Isabel zu lieben.

„Wollt Ihr es Euch nicht noch einmal überlegen? Rick wird es nie erfahren!“

„Aber mich würde dieses Wissen mein Leben lang plagen. Nein, wir werden machen, worum Rick uns bittet.“

Zögernd nickte sie und er atmete erleichtert ein.

„Dann wäre es also beschlossene Sache.“

Er führte sie aus dem Atelier und zurück zum Anwalt, wo sie die weiteren Schritte einleiteten und unterschrieben, was signiert werden musste.

Als der Anwalt das Haus verlassen hatte, drehte sich Leonard zu Isabel, die am Fenster stand und ins Freie blickte.

„Wir sollten bald heiraten“, meinte er.

Ohne sich in seine Richtung zu drehen, erwiderte sie: „Natürlich. Die Vorhänge müssen dringend gewechselt werden.“

Lange musterte er die zarte Gestalt, die sich noch immer von ihm abgewandt hatte und ihm kam der Gedanke, dass sie ihm nur etwas vorspielte. Vor wenigen Minuten war sie viel zu überlegt gewesen, um als Verrückte durchzugehen.

„Das ist wohl wahr“, stimmte er zu. „Meinst du nicht, der Stoff würde sich hervorragend dazu eignen, Schlafmützen für die Pferde zu nähen?“

Plötzlich hatte er ihre volle Aufmerksamkeit, denn sie wirbelte irritiert zu ihm herum.

„Schlafmützen für die Pferde?“

Nun lächelte er freundlich.

„Sicherlich! Oder meinst du nicht, dass ihnen des Nachts zu kalt wird, wenn sie zum Schlafen auf die Bäume klettern?“

„Nein, das denke ich nicht! Sie können sich immerhin mit den Wolken zudecken.“

Mit einem „Pah!“ winkte er ab.

„Das ist vollkommen unmöglich. Die schmecken nach Pfeffer. Das kann nicht gut gehen!“

Etwas in ihren Augen blitzte auf und sie trat auf ihn zu.

„Warum nicht? Sie lieben Pfefferbonbons! Gerade neulich hat mir wieder ein Tier eines aus meinem Schuhschrank gestohlen!“

„War das bevor du den Teppich als Nachtlicht verwenden wolltest oder danach?“

Ihre Mundwinkel zuckten.

„Ihr verwechselt etwas, Euer Gnaden, ich wollte den Teppich als Nachthemd verwenden, nicht als Nachtlicht! So ein Teppich leuchtet viel zu hell und im Bett kann ich ihn immerhin mit der Decke abdunkeln!“

„Tut mir leid, das habe ich vergessen.“

Er umfasste ihre Taille und zog sie näher zu sich heran. Dabei konnte er genau fühlen, wie sie erstarrte und er beobachtete, wie sich ihr Gesicht verschloss. Doch er behielt sie bei sich und sie wehrte sich nicht gegen ihn. Als sie so schutzlos vor ihm stand, mit gesenktem Blick und angespannten Körper, überkam ihn wieder ein Gefühl der Zärtlichkeit für sie.

„Kreszenia“, sagte er sanft und sie hob den Kopf.

„Ja, Euer Gnaden?“

In ihren Augen schimmerte eine Verzweiflung, die er sich nicht erklären konnte.

„Wirst du mich jemals lieben können?“

Überrascht runzelte sie die Stirn.

„Nein, niemals! Wie kommt Ihr nur darauf?“

Er hob einen Finger und strich damit ihre Nase entlang.

„Weshalb weißt du das so sicher?“

„Nun, mir ist heute ein Ei auf den Boden gefallen und die zerbrochene Schale hat mir die Zukunft vorhergesagt.“

„Die Schale?“

Er bemühte sich, ernst zu bleiben. Sie war wirklich gut! Spielte ihre Rolle überzeugend, wenn sie nur dazwischen nicht immer bei so klarem Verstand wäre!

„Ja“, betonte sie vollkommen ernst. „Ich musste zweimal darauf steigen, bevor sie endlich etwas von sich gab.“

Plötzlich war er dieses unsinnige Getue leid und die Erschöpfung der letzten Tage machte sich breit. Ihr dummes Spiel raubte ihm den letzten Nerv. Deswegen beugte er sich etwas in ihre Richtung und fing ihren Blick ein. Fest sah er sie an.

„Deine Schale hat sich geirrt. Irgendwann, Isabel, wirst du mich lieben und dann werde ich darüber lachen und dich an den heutigen Tag erinnern. Du wirst mich anflehen, bei dir zu bleiben, doch ich werde gehen und dich mit deiner Verrücktheit zurücklassen. Aber die Kinder werde ich mitnehmen.“

Isabel erblasste und wich erschrocken vor ihm zurück. Ihre bleichen Lippen bebten und Angst ließ sie zittern. Wieso war er plötzlich so grausam zu ihr?

„Das würdet Ihr nicht machen!“

Zornig zog er die Augenbrauen zusammen.

„Zähle nicht darauf, dass ich es nicht tun werde. Es liegt an dir.“

Mit diesen Worten fuhr er herum und ließ sie allein zurück. Entsetzt blickte sie ihm nach und Tränen rannen über ihre Wangen. Niemals, das schwor sie sich in diesem Moment, würde sie Leonard lieben!

Ihre älteren Töchter sahen ihre Mutter verwundert an, als sie ihnen erklärte, dass sie bald den Prinzen heiraten würde. Sie konnten nicht verstehen, dass sie einen zweiten Ehemann benötigte. Schweren Herzens gestand Isabel ihnen, dass ihr Vater niemals mehr zurückkommen würde. Woraufhin Annabelle in Tränen ausbrach und sich nur schwer beruhigen ließ. Solidarisch weinte Victoria ein wenig mit ihrer Schwester, dann kehrte sie zu ihrem Spiel zurück. Sie konnte nicht begreifen, was es bedeutete, dass ihr Vater für immer fort war. Die Zeitspanne eines 'Für-Immers' war für sie noch unfassbar.

Pater Paul traute sie in einem ihrer Salons. Luca Romano war sowohl einziger Gast als auch Trauzeuge in einer Person. Annabelle und Victoria verfolgten das Geschehen verstört und mit kreisrunden Augen. Keiner der Anwesenden verspürte das Bedürfnis nach einer Feier, weshalb die Stimmung mehr bedrückt als heiter war. Isabel konnte Leonards harte Worte nicht vergessen – er hatte sie bis zu diesem Tag nicht zurückgenommen. Wenn sein Blick auf ihr ruhte, war er distanziert und abweisend. Die Wärme, die sie einst darin gefunden hatte, war verschwunden. Als sie ihm zum Segen die Hand reichte, schlug Hass auf Rick über ihr zusammen. Wie hatte er es wagen können, sie zu dieser Eheschließung zu drängen?

In diesem Moment stieg in ihr die Frage auf, woher er außerdem hatte wissen können, dass er so bald sterben würde? Oder hatte er vorgehabt, das Testament zu ändern, sollte Leonard in der Zwischenzeit heiraten? Nachdenklich runzelte sie die Stirn, fühlte im gleichen Moment die Lippen ihres neuen Mannes auf ihrem Mund. Es war nur ein Hauch, der sie streifte, doch er holte sie in die Gegenwart zurück und sie starrte ihm in die Augen. Sein Gesicht war ausdruckslos, als er sie betrachtete, dann wandte er sich ab und zog ihren Arm in seinen. Gemeinsam drehten sie sich zu Luca um, der ein Lächeln versuchte, das jedoch erstarb, als er die beiden Frischvermählten vor sich sah. Isabel löste sich von Leonard und ging vor ihren Töchtern in die Knie.

„Begrüßt euren neuen Vater“, sagte sie mit leiser Stimme.

Annabelle schluckte und streckte Leonard ihre Hand entgegen, doch der bückte sich und hob sie auf seine Arme. Verwirrt blickte sie in sein Gesicht.

„Onkel Leonard ...“, flüsterte sie mit traurigen Augen.

„Vater“, verbesserte Isabel, die sich wieder aufgerichtet hatte.

„Vater“, hauchte Annabelle und biss sich auf die Lippen.

„Schon gut“, lächelte Leonard freundlich und drückte einen Kuss auf ihre Stirn. „Ich verspreche, mich um dich zu kümmern, kleine Annabelle. Auch werde ich alles in meiner Macht Stehende tun, um dir ein guter Vater zu sein.“

Ernst sah sie ihm in die Augen, dann nickte sie zögernd und schlang einen Arm um seinen Hals. Gerührt drückte er sie an sich und Isabel wandte sich ab, griff nach Victoria und zog sie ebenfalls in seine Richtung. Leonard setzte Annabelle ab und hob Victoria in die Höhe.

„Wirst du auch so laut schreien wie unser alter Vater?“, fragte diese mit piepsender Stimme.

Überrascht hob Leonard die Augenbrauen und warf Isabel einen fragenden Blick zu, doch diese sah in eine andere Richtung, tat, als hätte sie nicht gehört, was ihre Tochter gesagt hatte.

„Keine Angst, ich schreie eigentlich nicht“, meinte er nach einer Weile beruhigend und seine Gedanken begannen zu rasen.

Wieder erinnerte er sich an Ricks Zorn, als dieser den Fasan verfehlt hatte.

„Lass mich nachdenken … das letzte Mal, als ich laut geschrien habe, war, als mir mein Kindermädchen ein Stück Kuchen weggenommen hatte.“

„Sie hat dir einen Kuchen weggenommen?“

Leonard nickte ernst.

„Aber ich habe es verdient. Ich habe mit Schlagobers um mich geschossen und dabei ihre Nase getroffen.“

Victoria kicherte bei der Vorstellung und lächelte ihn dann offen an.

„Das machst du jetzt aber nicht mehr, oder?“

Leonard lächelte und schüttelte den Kopf.

„Gott bewahre! Deine Mutter hätte mich nicht geheiratet, wenn ich es noch täte!“

Wieder sah er in Isabels Richtung, doch sie ignorierte ihn und schien den Worten nicht zu lauschen, die er mit ihrer Tochter austauschte. Victoria drückte ihm einen Kuss auf die Wange und Leonard stellte sie zurück auf den Boden. Das Kindermädchen kümmerte sich sofort um ihre Schützlinge und führte sie mit sich aus dem Raum hinaus. Leonard blickte ihnen nachdenklich nach, dann wandte er sich an Isabel.

„Veranlasse deine Zofe und die Kindermädchen dazu, die Koffer zu packen. Wir werden morgen abreisen.“

Augenblicklich drehte sie sich zu ihm. Er konnte das Entsetzen in ihren Augen deutlich erkennen.

„Nein! Ich möchte hierbleiben.“

„Es wird Zeit, dass du diesen Ort für eine Weile verlässt.“

Sein Blick war entschlossen, als er den ihren erwiderte.

„Bitte! Ich kann unmöglich jetzt abreisen! Es ist noch zu früh!“

„Es ist der perfekte Zeitpunkt. Ich bestehe darauf! Es wird keine weitere Diskussion darüber geben.“

Verzweifelt biss Isabel die Zähne zusammen. Sie waren noch nicht einmal eine Stunde verheiratet und schon sagte er ihr, was sie zu tun hatte! Sie hasste es! Rick hatte ihr niemals gesagt, was sie machen musste! Er war so außergewöhnlich gewesen! Der beste Mann, den sich eine Frau wünschen konnte! Und dann das … Wie hatte er ihr diese Ehe nur antun können?

„Gestattet mir, ein Hochzeitsbild von Euch anzufertigen“, holte sie Lucas Stimme in die Gegenwart zurück.

„Nein!“, stieß Isabel hervor, während der Prinz gleichzeitig „Sehr gerne“, sagte.

Luca sah von einem zum anderen, dann hielt er seine Augen jedoch auf Leonard gerichtet.

„Ich werde ein paar Skizzen machen und das Gemälde dann in meinem Atelier in London malen.“

Leonard nickte und Isabel drehte ihr Antlitz von ihm fort. Sie fühlte sich vor den Kopf gestoßen. Weshalb demütigte er sie so? Wieso zwang er ihr seinen Willen derart rücksichtslos auf?

„Lasst uns zum Essen schreiten“, erscholl nun seine Stimme und die kleine Hochzeitsgesellschaft begab sich in den Speisesaal, in dem schon festlich gedeckt worden war.

Pater Paul beugte sich zu Isabel – er saß ihr gegenüber – und sah ihr ernst in die Augen.

„Macht Euren Frieden mit dieser Situation“, riet er leise und Tränen stiegen in Isabel auf.

Unmerklich schüttelte sie den Kopf, doch der Pater bemerkte es.

„Ihr schadet Euch nur selbst! Sir Prime wollte es so.“

Verzweifelt senkte sie den Kopf und verschlang ihre Finger unter dem Tisch miteinander. Niemals würde sie sich mit dieser Situation abfinden! Sie hasste Leonard mehr noch als jemals zuvor. Er schien die Macht, die er nun über sie hatte, regelrecht zu genießen.

Das Essen wurde aufgetragen und während die Männer angestrengt Konversation betrieben, schwieg Isabel. Sie dachte an die unzähligen Male, da sie mit Rick gespeist hatte. An sein Lachen, die Art, wie seine Wärme sie verändert hatte. Die Anspielungen auf lustige Situationen, die im Laufe der Jahre immer zahlreicher geworden waren. Sein Zwinkern, wenn er „Pralinen“ sagte und ihr unweigerliches Erröten daraufhin, seine Anspielung auf ihre Hochzeitsnacht. Alles war vergangen.

Ohne es zu bemerken, rannen Tränen über ihre Wangen. Als Leonard es entdeckte, zog er ein Taschentuch hervor, beugte sich zu ihr und tupfte ihr die Nässe von der Haut. Sie zuckte zurück, als sie ihn so nah vor sich erkannte. Sein Blick war besorgt, doch sie entzog ihm das Taschentuch und erhob sich von der Tafel.

„Bitte entschuldigt mich!“

Ohne auf eine Antwort zu warten, stürzte sie aus dem Raum und die Männer sahen einander betreten an.

„Sie hat ihn sehr geliebt“, stellte Romano fest. „Das wird keine leichte Aufgabe für Euch, Euer Gnaden.“

Leonard ballte eine Hand zur Faust.

„Früher oder später wird sie sich damit abfinden“, versprach er mit einer harten Linie um die Mundwinkel.

„Ja, das wird sie“, stimmte Pater Paul zu. „Doch, Euer Gnaden, mit Verlaub, sie ist eine sehr verwundete Seele.“

Überrascht drehte sich Leonard zu dem Priester.

„Was meinen Sie damit?“

Pater Paul zuckte mit den Achseln und tauschte einen schnellen Blick mit Romano.

„Ich meinte es so, wie ich es sagte. Irgendetwas bedrückt ihre Seele. Ich bin sicher, dass mehr dahintersteckt als Sir Primes Tod.“

Interessiert löste Leonard seine Faust wieder und fixierte den Geistlichen.

„Haben Sie eine Idee, worum es sich handeln könnte?“

„Nur vage. Doch ich darf darüber nicht sprechen. Ihr solltet Eure Frau selbst fragen.“

„Sie wird nicht antworten.“

Pater Paul nickte nachdenklich.

„Irgendwann wird sie es tun. Ihr müsst ihr Vertrauen gewinnen!“

„Ha!“, lachte Leonard bitter auf. „Nichts leichter als das! Wie sollte ich jemals neben Rick den Hauch einer Chance bekommen?“

Der Ausdruck, mit dem der Pfarrer ihn nun musterte, ging Leonard durch und durch. Es schien, als würde der Priester bis in die verborgensten Tiefen seiner Seele schauen.

„Ihr habt diese Chance erhalten. Vorausgesetzt Ihr nutzt sie! Ihr müsst der Mann für sie werden, den sie an ihrer Seite braucht, dem sie vertrauen kann. Wenn Ihr das sein wollt, werdet Ihr hart an Euch arbeiten müssen. Doch dann werdet Ihr Euch beweisen können.“

Leonard schluckte unbehaglich. Wollte er das überhaupt? Wollte er Isabels Liebe gewinnen?

Noch vor wenigen Wochen hätte er sofort mit Ja geantwortet. Doch die letzte Zeit hatte ihn diesbezüglich unsicher gemacht. Isabel war viel mehr als diese eine Begegnung vor vielen Jahren, bei der er sich unsterblich in sie verliebt hatte. Sie hatte ihre Fehler. Offensichtlich. Diese Tatsache war sehr ernüchternd und die Gefühle für sie waren so schnell, wie sie gekommen waren, davongeflattert. Es war mehr als Ironie, dass er nun an sie gebunden war, jetzt, da sie ihm nicht mehr bedeutete als der kleine Welpe seiner Jagdhündin. Doch die Frage stand noch immer da, klar und deutlich: Wollte er sie zu seiner Frau haben? Wollte er der Mann werden, den sie brauchte? Konnte er es überhaupt?

Der Pfarrer sah ihn immer noch unverwandt an.

„Ich glaube nicht, dafür bereit zu sein.“

Pater Paul senkte den Kopf und begann wieder zu essen, während Leonard eine Übelkeit in sich aufsteigen fühlte. Diese ganze Verantwortung drückte ihm schwer auf den Magen. Es wurde wirklich Zeit, dass sie morgen abreisten und er sich wieder ins Nachtleben stürzen konnte! Menschen um sich haben. Karten spielen, trinken und lachen können. Flirten und das eine oder andere Mädchen mit sich in ein Zimmer nehmen. Das Verlangen, das in diesem Moment in ihm aufstieg, war überaus unangebracht. Leonard räusperte sich und lenkte seine Gedanken in eine andere Richtung.

5. Kapitel

Nichts konnte Isabel länger im Inneren des Hauses halten. Deswegen stürzte sie ins Freie und den Weg entlang, der bis zu einem kleinen See führte. Die Sonne stand warm am Himmel, die Blätter der Bäume raschelten in der leichten Brise. Um sie herum war es still. Als würde die Natur den Atem anhalten.

Minuten später trat sie aus dem Wald hinaus auf die Wiese, die den entzückenden See umgab. Ein kleiner Wasserfall stürzte sich in einiger Entfernung über hohe Felsen in das Becken. Isabel konnte nicht schwimmen. Plötzlich stand die Erinnerung, als Rick sie aus den Fluten gerettet hatte, deutlich vor ihrem inneren Auge. Er hatte sie in seine Arme gezogen. In seine starken Arme und hatte sie gehalten, als würde er sie niemals wieder loslassen wollen. Sie hatte sich bei ihm so sicher gefühlt. Absolut geborgen. Doch jetzt war er weg. Hatte sie einfach zurückgelassen.

Voller Sehnsucht trat Isabel näher an das Ufer. Das leise Rauschen des Wasserfalls konnte das Zwitschern der Vögel nicht übertönen. Langsam ging sie am Ufer entlang. Das Plätschern wurde lauter. Sie bückte sich und zog ihre Schuhe aus. Achtlos ließ sie diese in der Wiese zurück. Abschätzend musterte sie das Wasser vor sich. Ob es wohl sehr tief war? Nein, sie würde sicherlich stehen können. Wenn sie es vorsichtig probierte, konnte nichts passieren. Sie ging in die Knie und ließ einen Fuß ins Wasser gleiten. Der Rock ihres Kleides bauschte sich auf der Oberfläche, sog sich jedoch schnell voll. Sie stand bis zur Hüfte im Wasser, fühlte den steinigen Boden unter ihren Füßen. Wie oft war Rick hier geschwommen? Es musste noch viel von ihm hier sein, sie konnte seine Gegenwart fast fühlen. Sie machte noch einen Schritt auf den Wasserfall zu. Sie konnte ihn fast fühlen. Entschlossen stellte sie sich unter die Wassermassen, die sogleich auf ihren Körper hinabtrommelten. Isabel schloss die Augen und gab sich ganz dem Gefühl hin, von Rick umarmt zu werden.

Es schienen Stunden vergangen zu sein, als sie seine Hände an ihrer Taille fühlte und sie schluchzte vor Erleichterung auf. Er war wieder hier! War zurückgekommen! Alles, was geschehen war, war nichts als ein Albtraum gewesen! Sie ließ ihre Fingerspitzen über seinen Handrücken gleiten und lehnte sich etwas zurück. Ihr Rücken berührte seinen Brustkorb, während das Schluchzen in ihr heftiger wurde. Ihre Sehnsucht war so stark, dass sie sich sogar einbildete, ihn körperlich zu spüren. Da umfassten sie seine Hände fester und zogen sie mit sich aus den Wassermassen heraus. Irgendetwas stimmte nicht. Der Mann, der sie nun an sich presste, war nicht annähernd so groß, wie Rick es gewesen war. Verwirrt öffnete sie die Augen und drehte sich um, sah direkt in dunkelbraune. So viel Trauer lag in Romanos Blick.

„Luca“, hauchte sie leise, doch das Tosen des Wassers übertönte ihren Ausruf.

Er umfing sie mit seinen Armen und sie konnte ihren Schmerz in seinem Gesicht gespiegelt erkennen. Da schlang sie die Arme um ihn und legte ihren Kopf an seine Schulter. Sie konnte sein starkes Herz regelmäßig pochen hören.

„Wie lange steht Ihr hier schon?“, wollte er mit seinen Lippen an ihrem Ohr wissen.

Isabel zuckte mit den Achseln.

„Ihr seid schon ganz kalt“, stellte er fest, löste sich von ihr, zog sie aus dem Wasser und half ihr ans Ufer. Tropfend stand sie vor ihm und musterte ihn abwartend.

„Wie hast du mich gefunden?“

Die Antwort lag in seinen Augen – wie konnte sie nur fragen?

„Ihr hättet ihn nicht heiraten sollen“, meinte er stattdessen und wandte seinen Blick ab. „Der Prinz ist kein guter Mann.“

„Es war Ricks Wunsch!“

„Trotzdem. Es ging ihm darum, Euch und die Kinder versorgt zu wissen. Ihr hättet auch mich wählen können!“

„Dich?“ Ungläubig starrte sie ihn an. „Luca, darf ich dich daran erinnern, dass ...“

„Ich bin reich. Meine Bilder verschaffen mir ein regelmäßiges und erträgliches Einkommen. Es wäre mir ein leichtes gewesen, für Euch zu sorgen! Warum habt Ihr nichts gesagt?“

„Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen ...“

Verblüfft blickte sie ihn an.

„Das kann unmöglich dein Ernst sein!“

„Doch, ist es. Nur wir beide wissen, wie es wirklich ist, Rick verloren zu haben.“

Isabel schluckte eine Bemerkung hinunter. Wieso sollte sie ihm sagen, dass er nicht wusste, wovon er sprach? Ricks Tod hatte bereits genug Kummer bereitet. Unwillkürlich fröstelte es sie und er griff nach ihrer Hand.

„Kommt! Ihr müsst Euch dringend umziehen!“

Schweigend ließ sie sich von ihm mitziehen. Den ganzen Weg zurück sprachen sie kein Wort mehr. Erst vor dem Haus löste er seine Hand von ihrer. In dem Moment trat Leonard aus den Stallungen, ein Pferd am Zügel.

Als er die beiden erblickte, hielt er überrascht inne, ließ seinen Blick über ihre Körper gleiten, an denen ihre Kleidung wie eine zweite Haut nass klebte. Seine Stirn umwölkte sich. Er rief einen Knecht herbei, überreichte diesem die Zügel und ging dann auf seine Frau zu.

„Was ist passiert? Bist du in einen Trog Wasser gefallen?“

Dann musterte er den Maler abschätzend.

„Und hat Romano dich in letzter Sekunde gerettet?“

Isabel verschränkte die Arme unbehaglich vor der Brust. Sie wollte gar nicht darüber nachdenken, welches Bild sie gerade abgab. Als sie nicht antwortete, ergriff er ihren Arm.

„Deine Lippen sind schon ganz blau.“

Er zog sie mit sich und warf einen letzten Blick über die Schulter zurück.

„Das wird ein Nachspiel haben, Romano.“

„Er hat nichts getan“, flüsterte Isabel und ließ sich von Leonard ins Innere und die Treppe hinaufziehen. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie noch immer barfuß war. Sie hatte ihre Schuhe einfach vergessen!

„Er hat in deiner Nähe nichts zu suchen. Das werde ich ihm später klarmachen.“

„Bitte“, flehte Isabel, „er ist mein Freund!“

Abfällig lachte Leonard auf. „Dieser Mann? Isabel, du beliebst zu scherzen!“

Er öffnete die Tür zu ihren Gemächern und schob sie ins Innere. Dann begann er, ihr Kleid im Rücken zu öffnen.

„Ich habe ihn nur zu unserer Hochzeit eingeladen, weil du darauf bestanden hast. Allerdings solltest du dir bewusstmachen, dass er nie wieder einen Fuß über meine Schwelle setzen wird.“

„Old Owl Wood gehört, da wir nun verheiratet sind, mir. Ich darf empfangen, wen ich möchte.“

Sein Lächeln war kalt, als er sie zu sich herumdrehte.

„Das ist wohl wahr. Nur wirst du nicht hier sein, um es tun zu können.“

Seine Augen funkelten derart abweisend, dass sie Angst aufsteigen fühlte.

„Was ist nur passiert? Weshalb seid Ihr so böse zu mir?“

Kurz flackerte etwas in seinen Augen auf, doch sie konnte es nicht deuten und eine Augenbraue hob sich sekundenlang. Doch im nächsten Augenblick war sein Gesicht wieder ausdruckslos.

„Du meinst, so wie du mich seit jeher behandelt hast?“

„Das ist nicht wahr!“

„Du hast mir gerade noch vor ein paar Tagen an den Kopf geworfen, dass du mich hasst!“

Ertappt biss sich Isabel auf die Unterlippe und Schweigen dehnte sich zwischen ihnen aus.

„Wie dem auch sei, ich bin von meiner Liebe zu dir geheilt. Es ist mir egal, wie es dir geht oder was du dir wünschst. Alles, was ich möchte, ist, dass dieses Kind gesund zur Welt kommt und ich danach meine Wege gehen kann.“

Isabel schluckte angestrengt darum bemüht, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Doch er kümmerte sich nicht um ihre Reaktion, sondern griff nach ihr. Erschrocken wich sie vor ihm zurück.

„Zieh das Kleid aus!“, befahl er ungeduldig.

„Nein, bitte ...“

„Zieh das verdammte Kleid aus!“

Mit einem Schritt war er bei ihr, umspannte mit einer Hand ihre Schultern, während er mit der anderen das Kleid von ihrem Leib riss. Achtlos ließ er es zu Boden fallen und griff wieder nach ihr. Erschrocken wimmerte sie auf.

„Nicht, bitte nicht!“

Ohne auf ihren Kummer zu achten, legte er eine Hand auf ihren Bauch.

„Wann hast du es zuletzt gefühlt?“, fragte er barsch.

„Ich weiß es nicht!“

Da drängte er sie zum Bett.

„Wenn du es jetzt getötet hast, Isabel, ich sage dir, dann ...“

„Aber wieso? Wieso sollte ich das getan haben?“

Panisch wich sie vor ihm zurück, bis sie mit den Kniekehlen ans Bett stieß und darauf zurücksank.

„Ich habe doch nur im See gebadet! Die Luft ist warm! Was sollte das schaden?“

Er atmete tief durch und sie sah, dass ein wenig seines Zornes von ihm abfiel. Er setzte sich neben sie, griff nach einer Decke und breitete diese über sie. Dann schlüpfte er mit einer Hand darunter und legte sie auf ihren Bauch. Reglos lag sie und versuchte diese Berührung zu ignorieren. Als er sich räusperte, zuckte sie zusammen, doch er schien es nicht wahrzunehmen. Konzentriert lauschte er in sie hinein. Doch nichts bewegte sich. Mehr als eine Stunde verharrte er so, dann drehte er sich zu ihr.

„Ich werde es später noch einmal probieren.“

Ängstlich nickte sie.

„Noch niemals in meinem Leben habe ich eine so dumme und unbesonnene Frau getroffen wie dich, Isabel. Wie habe ich mich in dir nur so täuschen können?“

Obwohl er ihr egal war und sie ihn verachtete, schmerzten seine Worte bis in ihre Fingerspitzen. Sie dachte an die Nacht, die sie an seiner Seite verbracht hatte und erschauerte voll Abscheu über sich selbst. Leonard zog seine Hand weg und erhob sich.

„Hast du deiner Zofe aufgetragen, die Koffer zu packen?“

„Nein.“

„Dann werde ich es jetzt machen.“

Ohne ein weiteres Wort verließ er den Raum und Isabel drehte den Kopf in ihr Kissen. Wenn sie nicht bereits alle Tränen unter dem Wasserfall vergossen hätte, würde sie jetzt den Polster damit tränken.

Leonard verstand sich selbst nicht. Er konnte sich nicht erklären, weshalb er derart grausam zu seiner Frau war. Es schien, als würde die Aussicht, niemals mehr von ihr loszukommen, ihn dazu anstacheln, sie wenigstens mit Worten auf Abstand zu halten. Trotzdem war er von seinem Verhalten empört. Er sollte sie trösten, anstatt ihr weiteren Kummer zu bereiten! Doch er hieb auf sie ein, obwohl sie schon vernichtet am Boden lag. Sie hatte recht damit, dass er kein guter Mensch war. War es nie gewesen. Jetzt war es umso schwieriger, seine dunklen Seiten unter Kontrolle zu halten. Nun war der Augenblick gekommen, da er sich bewähren sollte, doch er war nicht einmal in der Lage, höflich mit Isabel zu sprechen! Er war der Sache nicht gewachsen. Sobald dieses Kind da war, würde er das Weite suchen. Dann könnte er dieses schreckliche Chaos und sein eigenes Versagen endlich hinter sich zurücklassen.

Es war bereits dunkel, als er die Tür zu ihrem Zimmer erneut öffnete. Isabel stand in ihrem Nachthemd in der Mitte des Raumes und wirbelte erschrocken herum, als er eintrat. In ihren Augen flackerte Angst auf. Verdammt, dachte er, das hatte er nicht gewollt. Unschlüssig blieb er stehen.

„Wie sieht es aus? Wirst du mir einen Erben schenken, wenn dieses Kind geboren ist?“

Die Worte waren ausgesprochen, noch bevor er darüber hatte nachdenken können. Wo waren sie so plötzlich hergekommen? Das letzte, woran er in den vergangenen Wochen gedacht hatte, war ein Erbe gewesen.

Unwillkürlich legte sie eine Hand schützend vor ihren Bauch.

„Ich dachte, Ihr wollt abreisen, wenn das Kind da ist?“

In ihrer Frage schwang Hoffnung mit.

„Ich erwarte eine Antwort auf meine Frage. Keine Gegenfrage.“

Sie schluckte und senkte den Blick. Hilflos rang sie die Hände.

„Werdet Ihr es einfordern?“

„Wieder eine Frage!“

Ungeduldig machte er einen Schritt auf sie zu. Nachdem er kurz abgewartet hatte, näherte er sich ihr weiter, bis er direkt vor ihr stand. Er hob eine Hand unter ihr Kinn und zwang es in die Höhe. Sein Blick bohrte sich unbarmherzig in den ihren.

„Ja, Mylord, wenn Ihr es wünscht“, flüsterte sie mit brechender Stimme und etwas löste sich in seinem Inneren.

Er war überrascht, dass ihm ihre Antwort wichtig gewesen war. Erleichtert beschloss er, sie ein wenig zu trösten. Deswegen senkte er den Kopf und umschloss mit seinem Mund ihre Lippen. Er fühlte sie zittern, als wäre sie ein Teil seines Körpers.

„Hab keine Angst“, murmelte er, bevor er seinen Kuss vertiefte.

Um nicht zu fallen, klammerte sie sich an seine Schultern, doch sie erwiderte seinen Kuss nicht. Es war mehr ein Erdulden, ein Ertragen, mit dem sie seine Annäherung quittierte. So eine Reaktion war ihm neu. Noch niemals hatte eine Frau seinem Werben widerstehen können! Nicht einmal Isabel in jener Nacht, da er sie zwingen wollte. Wie kam es, dass sie nun immun gegen seine Zärtlichkeit war? Er löste sich von ihr und blickte sie irritiert an. Ihre Augen waren geschlossen, die Wangen gerötet und sie atmete heftig. Ein gequälter Ausdruck lag auf ihrem Gesicht.

„Isabel“, sagte er sanft und sie öffnete die Augen.

Er konnte den Argwohn in ihrem Inneren genau erkennen. Er hob sie auf seine Arme und ging mit ihr zu einem Stuhl, auf den er sich setzte. Auf seinem Schoß hielt er sie fest und zog sie an sich heran, bis sie an seinem Oberkörper lehnte. Dann schob er den Saum ihres Nachthemdes höher, bis er mit einer Hand darunterfahren konnte. Sie atmete tief ein. Langsam ließ er seine Finger ihren Oberschenkel entlanggleiten und über ihre Hüfte spielen, bis er sie auf ihren Bauch legte. Als er dort innehielt, atmete sie aus und ein wenig ihrer Spannung fiel ab. Isabel schloss die Augen und stellte sich vor, es wäre Rick, der nun bei ihr war. Rick, die Liebe ihres Lebens und nicht Leonard, der Fluch ihres restlichen Daseins. Sie seufzte und rieb unbewusst eine Wange an seinem Schlüsselbein. Leonard schloss die Augen, obwohl er den Gefühlen, die bei dieser Geste in ihm aufgestiegen waren, nicht nachgehen wollte. Er wollte sich nicht auf sie einlassen, denn er fühlte sich zu schwach, um mit den Konsequenzen leben zu können. Eine der Konsequenzen wäre, dass er seinen Lebensstil verändern müsste und das wollte er unter keinen Umständen tun. Nicht, wenn die Belohnung dafür eine unzurechnungsfähige Frau und mindestens vier Kinder waren. Da wusste er wirklich besseres mit seinem Leben anzufangen! Er träumte sich an einen anderen Ort, als er eine kleine Bewegung unter seinen Fingern fühlte. Gott sei Dank, das Kind lebte noch! Andererseits, und er war wirklich empört über diesen Gedankengang, gäbe es eine Komplikation weniger, wenn das Kind vor der Geburt starb. Er horchte in sich hinein, ob er etwas bei dieser Aussicht fühlte. Nein, alles war ruhig und unbeteiligt. Wieder diese kleine Bewegung, als wollte das Kind protestieren. Vorsichtig drückte er leicht dagegen. Als wollte das Kleine mit ihm in Kontakt treten, fühlte er die nächste Bewegung direkt unter seiner Hand. Noch einmal drückte er sanft in den Bauch und wieder kam eine Antwort. Ohne es zu wollen, erhellte ein Lächeln seine Züge. In diesem Moment bereute er seine Gedanken. Beunruhigt, dass Isabel etwas von der stillen Kommunikation mitbekommen hatte, drehte er den Kopf ein wenig, um sie ansehen zu können. Sie lag entspannt an ihn geschmiegt, ihre Atemzüge kamen tief und regelmäßig, die Augen waren fest geschlossen. Isabel war in seinen Armen eingeschlafen. Leonard benötigte einige Augenblicke, bis er diesen Fakt verdaut hatte. Vorsichtig hauchte er einen Kuss auf ihre Schläfe. Doch er verbot sich, weiter über sie nachzudenken. Es würde nur einen Rattenschwanz an Unannehmlichkeiten nach sich ziehen.

Auf einer Seite ihres Körpers und auf dem Bauch war Isabel warm, auf der anderen Seite fror sie. Langsam öffnete sie die Augen und blinzelte. Einige Sekunden lang versuchte sie sich zu erinnern, wo sie war. Offensichtlich saß sie noch immer auf Leonards Schoß, seine Hand ruhte auf ihrem Bauch, als wollte er ihr verbieten zu gehen. Vorsichtig hob sie den Kopf, um in sein Gesicht zu sehen. Überrascht stellte sie fest, dass er eingeschlafen war. Sein Haupt ruhte an der Stuhllehne und er wirkte so entspannt wie selten. Erst jetzt wurde ihr die Wärme in ihrem Schoß bewusst und sie sog erschrocken die Luft ein, als sie erkannte, dass seine andere Hand dort zum Liegen gekommen war. Wie konnte er es wagen … Er konnte, er war nun ihr Mann.

Mit klopfendem Herzen versuchte sie einen klaren Gedanken zu fassen. Wie würde sie sich aus dieser beängstigenden Lage befreien können? Behutsam hob sie seine Hand an und legte sie auf die Stuhllehne. Er seufzte, doch erwachte nicht. Nun kam die schwierigere Aufgabe: Die andere Hand unter dem Nachthemd hervorzuziehen und ebenfalls an seine Seite zu legen. Sie griff unter ihr Nachthemd und umfasste seine Finger, die warm auf ihrer Haut ruhten. Dann zog sie diese langsam tiefer. Nun bewegte er sich, als wollte er sie daran hindern, seine Hand zu verschieben. Nervös hielt sie inne und wartete ab. Als er wieder ruhig atmete, setzte sie ihre Anstrengungen fort. Doch plötzlich ging ein Ruck durch seinen Körper und er fuhr in die Höhe, was sie erschrocken zusammenzucken ließ. Gleichzeitig klammerte sie sich an ihn, um nicht hinunterzufallen. Sofort schlang er seine Arme um sie, damit sie ihr Gleichgewicht nicht verlor und ließ sich zurücksinken.

„Himmel, ich muss eingeschlafen sein!“

Er blickte sie derart ungläubig an, dass sie unwillkürlich lächeln musste.

„Es ist schon spät“, murmelte sie und befreite sich von ihm, wobei sie die eine Hand endgültig unter ihrem Nachtgewand hervorzog. Dann sprang sie auf ihre Beine.

„Habt Ihr meinen Sohn gespürt?“

„Ja“, erwiderte er eintönig und sie meinte, ein Zögern in seiner Stimme zu hören.

So, als wollte er noch etwas sagen. Doch er erhob sich und fuhr sich mit gespreizten Fingern durchs Haar, dann wandte er sich der Verbindungstür zu.

„Gute Nacht“, murmelte er im Hinausgehen und sie blickte ihm erleichtert nach.

„Ich möchte, dass Sie nie wieder einen Fuß über diese Schwelle als auch über die meiner anderen Häuser setzen!“

Leonards Stimme drang aus dem Salon bis in die Halle. Isabel, die gerade die Treppe herabstieg, verhielt bestürzt den Schritt.

„Natürlich, Euer Gnaden, doch gestattet mir, mich von Prinzessin Isabel zu verabschieden!“

„Nein!“

Isabel erstarrte, dann raffte sie all ihren Mut zusammen und stürzte in den Salon. Hinter sich schloss sie nachdrücklich die Tür. Leonard saß auf einem Stuhl, ein Bein lässig über das andere gelegt und wandte sich nun in ihre Richtung. Luca Romano stand nur wenige Schritte neben der Tür, sein Gesicht war kalkweiß. Seine Bestürzung schnitt Isabel ins Herz und sie wandte sich ihrem Mann zu.

„Leonard, bitte, tut das nicht!“

„Ich habe es soeben getan und ich werde meinen Entschluss nicht rückgängig machen.“

„Aber Luca ist mein Freund! Er bedeutet mir viel!“

Bittere Tränen brannten in ihren Augen.

„Natürlich ist er dein Freund! Er passt hervorragend in dein Portfolio.“

Nun erblasste sie ebenfalls.

„Was soll das heißen?“, krächzte sie erschüttert.

„Damit wollte ich ausdrücken“, begann der Prinz und erhob sich, während er langsam auf sie zukam, „dass er hervorragend zu all den Albernheiten passt, mit denen du dich im Allgemeinen beschäftigst.“

Betroffen keuchte Isabel auf. Romano trat neben sie und legte ihr eine Hand auf den Unterarm.

„Schon gut, Mylady, brecht wegen mir keinen Streit vom Zaun!“

„Finger weg von meiner Frau!“

Romanos Hand zuckte zurück. Isabel drehte sich zu ihm und er konnte die Verzweiflung in ihren Augen sehen.

„Auf Wiedersehen, Lady Isabel!“

Der Maler verbeugte sich und ging, ohne ein weiteres Wort in Richtung Leonard zu verlieren.

„Was habt Ihr nur getan?“, wimmerte Isabel, als sie unter sich waren.

„Ich habe ihn weggeschickt. Er hat hier nichts mehr verloren. Dieser Mann ist untragbar und du weißt genau, weshalb!“

„Nein!“, stieß sie betäubt hervor. „Nein, ich weiß es nicht! Mit seiner Hilfe habe ich Ricks Leben gerettet!“

„Im Endeffekt nicht“, stellte Leonard fest, während er sich erhob und sie fühlte Kälte in sich aufsteigen.

„Was soll das heißen?“, fragte sie rau.

„Das soll heißen, dass er tot ist, nicht wahr? Er starb vor seiner Zeit.“

„Wollt Ihr damit sagen, dass es meine Schuld ist, dass dieser Unfall passierte?“

In Leonards Augen stritten die Gefühle und sie fühlte instinktiv, dass er mit sich rang.

„Nein“, erwiderte er schließlich schlicht.

„Was noch? Was verheimlicht Ihr mir?“

„Nichts von Bedeutung.“

Sie stürzte auf ihn zu und packte ihn am Oberarm. Dann rüttelte sie ihn so fest sie konnte, doch ihre Anstrengungen hatten keine Auswirkung auf ihn. Er stand ruhig wie ein Fels in der Brandung.

„Sagt es mir! Was wisst Ihr über seinen Tod?“

Mit einer abwehrenden Handbewegung schüttelte er sie ab.

„Beruhige dich, Isabel! Hast du schon gefrühstückt? Nach dem Essen werden wir aufbrechen.“

Fassungslos starrte sie ihn an.

„Ihr hasst mich, habe ich recht? Das ist Eure Rache dafür, dass ich Euch damals nicht geheiratet habe. Ist es nicht so? Seid ehrlich, Leonard!“

Ihre Augen blickten so verletzt, dass er sich abwenden musste, da er ihren Blick nicht ertragen konnte.

„Ich hasse dich nicht, Isabel. Im Grunde bist du mir egal. Alles, was ich möchte, ist, aus dieser vermaledeiten Angelegenheit heil herauszukommen.“

Da stieß sie einen wilden Schrei aus und sprang auf ihn zu. So fest sie konnte, rammte sie ihm die Schulter in den Rücken. Er wankte nicht einmal, sondern drehte sich nur um, ein herausforderndes Lächeln auf den Lippen.

„Rick ist Euch ebenfalls egal“, schrie sie ihn an. „Weshalb habt Ihr mich geheiratet! Sagt mir die Wahrheit! Die Liebe zu Rick war es sicherlich nicht!“

Seine Augen verengten sich.

„Doch“, entgegnete er. „Allerdings war ich bis vor kurzem zu dumm zu erkennen, dass es nicht Liebe war, die ich für dich empfand. Wahrscheinlich wollte ich dich nur besitzen, wie so viele andere Frauen auch. Und das habe ich auch, noch bevor Rick drei Tage lang tot war.“

Verletzt schrie sie auf und hob eine Hand über ihr Herz. Tränen rannen über ihre Wangen.

„Ich hasse Euch“, flüsterte sie ganz leise. „Ich hasse Euch aus ganzem Herzen! Alles an Euch! Eure Berührung, Eure Stimme, jedes Wort, das über Eure Lippen kommt! Ihr seid Abschaum, Mylord, und Rick hat es nicht erkannt. Ich wette, Ihr habt ihn auf dem Gewissen! Ihr wolltet unser Glück zerstören.“

„Euer Glück?“ Leonard lachte auf, obwohl etwas in ihm erstarrt war. „Rick wirkte nicht glücklich, als er von hier aufbrach.“

Es war ein Schlag unter die Gürtellinie und sie ließ sich bleich auf ein Sofa sinken. Nun weinte sie herzzerreißend. Das hatte er nicht gewollt. Wieso nur hatte er sich dermaßen gehen lassen? In dem Bemühen, sie zu trösten, setzte er sich neben sie und legte eine Hand auf ihren Oberschenkel, doch sie drehte sich von ihm fort, verbarg ihr Gesicht hinter ihren Fingern.

„Isabel, verzeih, das wollte ich nicht sagen. Es stimmt nicht. Er war glücklich. Er hat nur von dir und den Kindern gesprochen.“

Doch seine Worte erreichten sie nicht. Da war ein Schmerz in ihr, der sich nicht länger zurückhalten ließ. Hilflos war sie ihm ausgeliefert und er raubte ihr alle Kraft, sodass sie sich nicht einmal mehr gegen Leonard wehren konnte, der sie entsetzt in seine Arme zog.

„Hör auf!“, befahl er schließlich. „Es ist Zeit, wir müssen fahren.“

„Ich kann nicht mehr aufhören“, wimmerte sie und er wunderte sich über die Menge Tränen, die über ihre Wangen rannen.

Er seufzte, zog ein Taschentuch hervor und begann, ihr Gesicht zu trocknen. Doch es war verlorene Liebesmüh. Ununterbrochen sprudelten neue Ströme aus ihren Augenwinkeln.

„Pscht“, versuchte er sie sanft zu beschwichtigen, doch es half nichts.

Da nahm er ihren Kopf zwischen seine Hände und legte seine Lippen auf die ihren. Im nächsten Moment begann sie gegen ihn anzukämpfen, doch er gab sie nicht frei. Ihre Hände fuhren zu seinem Brustkorb und versuchten ihn wegzudrücken, doch er gab keinen Zentimeter nach. Er trank ihren Schmerz, bis ihre Tränen versiegten und das Schluchzen ihren Körper nicht länger zucken ließ. Irgendwann lag sie kraftlos in seinen Armen und ertrug die Wärme seiner Lippen regungslos. Da löste er sich von ihr.

„So“, meinte er und erhob sich.

Dabei richtete er sich den Kragen. Dann blickte er auf sie herab.

„Mach dich bereit, in einer halben Stunde brechen wir auf!“

Ohne sie noch einmal anzusehen, verließ er den Raum. Isabel atmete tief durch, bemüht, nicht erneut in Tränen auszubrechen. Sie hatte noch eine halbe Stunde Zeit, um sich unter Kontrolle zu bringen. Um ihre Wangen zu kühlen, legte sie die Hände darauf. Nie mehr, schwor sie sich, sollte Leonard Zeuge ihres Kummers werden. Nie mehr würde sie ihm einen Blick in ihr Inneres gestatten. Nie mehr wollte sie sich von ihm verwunden lassen. Isabel straffte die Schultern, dann schritt sie erhobenen Hauptes aus dem Raum.

Sie warf keinen Blick auf das Haus zurück, als sie kurze Zeit später im Auto Old Owl Wood verließen. Die Kinder, ihre Kindermädchen sowie das restliche Personal, das nicht zurückblieb, fuhren im Auto hinter ihnen. Somit war sie mit Leonard allein.

„Welche Erwartungen habt Ihr an Eure Frau“, fragte sie unvermittelt mit gleichgültiger Stimme.

Nur kurz konnte sie seine Überraschung erkennen, dann verlor sein Gesicht jeglichen Ausdruck.

„Sie soll in meiner Gegenwart schweigen, außer wenn ich sie anspreche.“

Isabel schluckte und nickte.

„Abgesehen davon soll sie mir aus dem Weg gehen, mir aufs Wort gehorchen und mich nicht mit diversen Gefühlsausbrüchen schikanieren.“

„Sonst noch etwas?“, wollte sie leise wissen und blickte zum Fenster hinaus.

„Sie soll mir einen Erben schenken.“

Sie kannte diese Worte nur zu gut. Rick hatte sie oft zu ihr gesagt, bevor er begonnen hatte, sie zu lieben. Sie schluckte ihre Verzweiflung hinunter, dann nickte sie erneut. Unvermittelt dachte sie an Luca Romano und an seine Worte. Leonard war kein guter Mann. Wie hatte Rick nur so blind sein können? Ihre einzige Chance zu überleben bestand darin, dass sie sich vorstellte, Leonard wäre Rick. Sie musste ihre Liebe für Rick auf den verhassten Mann übertragen. Dann würde er sie nicht mehr so tief verletzen können und alles, was er ihr antat, wäre nur halb so schlimm. Abgesehen davon wollte sie nicht ständig gegen ihn kämpfen.

Immerhin war es einen Versuch wert und Leonard musste niemals erfahren, zu welchem Trick sie griff.

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17 sentyabr 2025
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9783754932230
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