Kitabı oxu: «Mombasa»

Şrift:

Jürgen Jesinghaus

Mombasa

SAGA Egmont

Mombasa

Copyright © 2010, 2018 Jürgen Jesinghaus und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9783905960693

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 3.0

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Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

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„Mein Herz ist eine Weide für Gazellen, ein Kloster

für christliche Mönche, ein Tempel für Heiden,

die Kaaba für muslimische Pilger,

die Doppeltafel des jüdischen Gesetzes,

die Buchrolle des Korans.

Ich folge meiner Religion der Liebe

– wohin auch immer sich ihre Kamele wenden.“

Aus: ‚Dolmetsch der Sehnsüchte‘

von Ibn Arab

Teil I

Kapitel 1
1.

Die Spielsteins wurden einmal als „Arembergische Hofjuden“ bezeichnet, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Daniels Vorfahren tatsächlich im Arembergischen gelebt und vielleicht eine Stelle bei Hofe innehatten, wahrscheinlich in den Positionen von Inspektoren, die über praktische Fähigkeiten ebenso verfügten wie über solide Verwaltungskenntnisse. Die „Dernauer Verwandtschaft“ hingegen existierte nachgewiesenermaßen. Sie hatte sich, wie andere Juden auch, im Lauf der Jahrhunderte an der Grenze zwischen dem Kölner und Mainzer Erzbistum versammelt, in der trügerischen Sicherheit einer klerikalen Demarkationslinie, die ihnen das Hinüber- und Herüberwechseln in die Herrschaftsbereiche der konkurrierenden und zeitweise verfehdeten Bistümer erlaubte. Die Dernauer Verwandtschaft ist nach dem Französischen Krieg in die USA ausgewandert. Die überhitzte Konjunktur im Deutschen Reich und ihre nachteiligen Folgen mögen der Grund dafür gewesen sein.

Die zurückgebliebenen Spielsteins unterhielten stets eine lose Verbindung zur amerikanischen Koterie, die gestärkt wurde durch die Zuversicht einer Zusammenführung in den USA. Die Dernauer Verwandtschaft rühmte sich einer belesenen Tante, Eva Sophie, die den Ursprung der Spielsteins im Flandrischen vermutete. Daniel amüsierte sich später über die Ergebnisse ihrer Ahnenforschung, die eindeutig den Nicht-Arier-Nachweis stützten, da die Familie (Tante Sophie zufolge) aus dem israelitischen Stamme Dan herangewachsen war. Sie machte dafür den Gerechtigkeitssinn und den Hang zum Wasser geltend, der allen Spielsteins zu eigen gewesen seien, weswegen sie auch am Wasser gewohnt hätten, nicht weit von Antwerpen. Tante Sophies Denkschrift, die in der Familie kursierte, ist in einem Exemplar auf Daniel gekommen. Es befand sich in dem Nachlass seines Vaters Prosper.

Daniels Großvater jedenfalls lebte schon in Bonn, und um 1890 wurde Daniels Vater Prosper im Bonner Quartier Latin geboren, nicht weit vom jüdischen Friedhof entfernt, der heute in trauriger Verlassenheit daliegt (auf ihm ist der Großvater väterlicherseits begraben). Prosper hatte etwa um 1910 seine Meisterprüfung abgelegt und eine Stelle in einer Schuhfabrik erhalten. Diese Position befähigte ihn, in seinen eigenen Augen und in den Augen der Verwandtschaft, zu heiraten. In der Zeit, die man einem jungen Ehepaar zubilligte, wurde Daniel geboren - 1911.

Zu Beginn des ersten Weltkriegs wiegte sich die Familie in der Hoffnung, das protestantische Kaiserhaus könne auf Juden verzichten. Diese trügerische Annahme wurde 1915 zunichte, der Vater eingezogen. Ein Jahr später musste der Kaiser ihn entbehren, weil ein russisches Geschoss Prospers Dienst mit der Waffe beendete. Ein Streifschuss wäre zu wenig, ein Kopfschuss zu viel gesagt. Darum sprach er von seinem Heimatschuss. Fortan galt er als Invalide. Wie alle (oder die meisten) Frontsoldaten hat Prosper wenig über Kriegserlebnisse gesprochen, wahrscheinlich weil ihm die Worte fehlten, Angst und Fassungslosigkeit auszudrücken, und weil er nur einen kleinen Ausschnitt der Schlacht erlebt hatte, in einem Dreckloch, ohne Strategie, nur mit der Sorge, den Hintern flach zu halten. Die Stabsoffiziere mit ihren Karten hatten die Augen frei. Sie könnten mehr berichten. Sie haben vielleicht gewusst, wozu ein Befehl gut gewesen sein soll. Prosper erinnerte sich noch an die Etappe und nickte bei der Lektüre seiner eigenen Briefberichte verständig mit dem Kopf, aber die Brussilow-Offensive kannte er nur aus der Literatur, als wäre ihm genau das Stückchen Erinnerung daran weggeschossen worden. Er war dennoch imstande, sie so gut zu erklären wie jeder Stabsoffizier, weil er darüber gelesen hatte.

Seinen Vorgesetzten in der Schuhfabrik hatte es ärger erwischt. Er starb im letzten Kriegsjahr an einer verschleppten Blinddarmentzündung. Trotzdem wurde ihm das Epitheton „Held“ zuerkannt. Prosper durfte nach seiner Rückkehr aus dem Lazarett den Posten in der Schuhfabrik übernehmen. Die Witwe des den Heldentod gestorbenen Meisters, dessen Stelle Prosper angetreten hatte, beschloss 1918, nach Dresden zu ziehen, zurück zu ihrer Verwandtschaft, und ihr Wohnhaus in der Pfarrer-Gyssel-Straße, das ihr Mann 1913 gekauft hatte, wieder zu entäußern. Prosper wollte auch diesbezüglich in die Fußstapfen seines Vorgängers treten und dessen Immobilie in Besitz nehmen. Die Witwe zeigte sich geneigt. Der Ruf, dass Juden Geld besäßen oder dass im Laufe der Zeit Geld an ihnen kleben bliebe, vereitelte allerdings die Aussicht auf einen günstigen Kaufpreis. Außerdem stellte sie die Bedingung, dass der neue Eigentümer auch das Grab ihres Mannes in Pflege zu nehmen hätte, und zwar für so lange, wie er der Besitzer des Hauses bleiben würde. Danach, so sagte sie, werde Gott weiter sehen. Prosper übernahm dankbar schon vor Vertragsabschluss die Pflege. Und so kam es, dass man ihn einige Male auf dem städtischen Nordfriedhof beobachtete, wie er mit Hingabe die Kunststeinfigur einer Trauernden abwusch, die ihren Ellbogen auf eine gebrochene Säule stützte und ihren Kopf in eine Hand schmiegte. Deshalb hielten ihn manche auch für keinen Juden, sondern für einen Christen, von dem die Katholiken meinten, er sei Protestant, und die Protestanten, er sei Katholik oder Altkatholik. Stets wusch er die blicklosen Augen der Trauernden aus, wie um sie von den Tränen zu befreien und ihren umflorten Blick zu schärfen. Darum hieß er in der Familie „Tränenwischer“. Als die Inflation nahte, zerschlug sich das Kaufvorhaben. Die Witwe war klug genug, das Wohnhaus ihres Mannes einem täglich wachsenden nominellen Guthaben auf ihrem Konto vorzuziehen. Nach der Einführung der Rentenmark besaß sie noch ihre Immobilie, aber die Spielsteins hatten rein gar nichts außer dem Lebensnotwendigen. Nach der Währungsreform verkaufte die Witwe dann doch, um in ihr geliebtes Dresden zu ziehen. Dieses Mal verhandelte sie erfolgreich mit dem Kieswerkbesitzer Bernhard Hartkopf, der ein Verbindungsbüro in der Stadt benötigte und die Wohnungen vermieten wollte, vorzugsweise an seine Arbeiter, die sich zur Ruhe gesetzt hatten. Bei Gelegenheit des Hauskaufs mögen sich Prosper Spielstein und Bernhard Hartkopf begegnet sein, vielleicht auf dem Nordfriedhof, denn die Witwe bestand nach wie vor auf ihrer Forderung, der Besitzer des Hauses müsse das Grab ihres gefallenen Mannes pflegen, wofür sie einen Nachlass des Kaufpreises gewährte.

2.

1923 zogen die Spielsteins nach Oplyr zur Miete in ein Fachwerkhaus. Der Hauskauf in Bonn war nicht zustande gekommen. Prosper hatte die Stelle in der Schuhfabrik aufgegeben, weil die Ärzte ihm geraten hatten, in seinem Zustand (mit dem Streifschuss am Kopf) ein „vegetatives Leben“ zu führen, ein Leben an der frischen Luft, mit einem Gärtchen, ein wenig Landwirtschaft, ohne Überanstrengung. Der Tränenwischer pachtete also ein Stück Land und unterhielt im Keller seines Hauses eine kleine Schusterwerkstatt. Er hatte gelernt, Schuhe in Handarbeit herzustellen, und bezog aus dieser Kunstfertigkeit, zusätzlich zu seiner Kriegerrente, einen Verdienst, der zum Lebensunterhalt seiner Familie ausreichte.

Für seinen Sohn Daniel waren die folgenden Jahre die glücklichsten des Lebens, trotz der politischen und wirtschaftlichen Krisen, deren Auswirkungen er als normal empfand und die der Entfaltung seines Geistes beiläufig als Hintergrund dienten. Er musste zwar nach dem Umzug die Realschule aufgeben, in die er gerade aufgenommen worden war, denn es gab damals in Oplyr keine vergleichbare Schule. Das war für ihn keine Katastrophe. In der Volksschule Oplyrs galt er zwar als der Jude, weil er nicht am katholischen Gottesdienst teilnahm, aber die Bezeichnung „dä Jud“ hatte nur die Bedeutung von: der Fremde, der Andersgläubige, der Abessinier, der Zugewanderte, der von jenseits des Gebirges. Sie sollte nicht verletzen. Dan erfreute sich einiger Beliebtheit, denn er wurde als „Städter“ und bereits „Einjähriger“ angesehen, nur weil er die gebohnerten Flure einer höheren Schule gerochen hatte und weil man bei ihm mehr verwertbares Wissen vermutete als bei den Dörflern. Und weil Daniel nicht dumm war.

Er machte den Zeitabschnitt des Glücks gegen Ende seiner Kindheit an nur einem Tage fest, einem Tag, den er nicht zu datieren wüsste, der ihm aber für immer vor Augen stand. An jenem Tag, eigentlich an jenem Abend, durfte er später ins Bett gehen als üblich, weil die Erwachsenen in seltener Eintracht einen Gang über das Land machten, denn es war nichts vorgefallen, worüber sich zu streiten gelohnt hätte. Eine Laune, ein kostbarer Zufall: Kein Husten musste kuriert, keine Blutvergiftung ausgebadet, keine Warze besprochen werden. Keine Heimsuchung durch Migräne, keine Sütterlin-Briefe an Ämter. Darum lag die Brille im Futteral, der Tintenstift im Nähkorb. Keine Vorbereitung eines Festes. Kein Auftrag zum Schuhebesohlen. Darum blieben Prospers Hammer und Ahle in den Lederschlaufen am leimverklebten Schustertisch. Die Pumpe am Brunnen hatte nicht versagt. Keiner brauchte Eisenreifen über Holzräder zu ziehen. Die Kartoffeln waren ausgegraben, die Forken gerade gebogen, die Fahrräder geflickt. Kein Tier (außer der Katze) trächtig, das Unkraut gejätet, der Feuerwehrlöschteich umzäunt und der Garten gegen den Wald durch Maschendraht gesichert. Laune und Zufall. Nichts blieb zu tun übrig – außer dem Stopfen und Nähen, dem Nähen und Stopfen. Die Einsicht hatte sich durchgesetzt, dass diese ewige Arbeit auch noch in einem Stündchen gemacht werden könne, denn Stopfen und Nähen haben kein Ende, ob sie schnell oder langsam verrichtet werden. So zogen sie los, um die Krume zu prüfen, die Saat zu besichtigen, das Wetter zu ergründen, denn nichts ist zwecklos und Müßiggang aller Laster Anfang. Der Junge musste, ja er durfte wie auch der Hund, die Erwachsenen begleiten.

Daniel erlebt die anbrechende Sommernacht als Verheißung ewiger Zukunft. Die unzähligen Morgen hinter diesem Abend, wie viele Felder und Hügel und Höfe und Landstraßen und Dörfer und Städte und Kühe und Flüsse hinter diesem schönen Wald mit seiner Kühle am Abend! Der Junge kann nicht denken, ein wie großer Bruchteil seines Lebens schon verbraucht ist. Der Gang durch die warmen Felder, über einen ungepflügten Grasstreifen. Die Schemen der Erwachsenen. Ihre Unterhaltung, obwohl mit gewohnter Kraft geführt, ist kaum vernehmbar, berührt kaum das stille Wasser der Welt. Die Umrisse vor sich und die dunkle Ruhe, um die Sterne sichtbar zu machen, versetzen das Kind in eine Stimmung der Geborgenheit und Weltoffenheit zugleich. Es träumt von einer Zukunft, in der es behangen mit Waffen und Werkzeugen seine Taten verrichtet. Das Motorrad auf der Landstraße reißt die Stille auf längs einer vorgezeichneten Naht. Man kann es lange hören. Das ersterbende Geräusch zwingt Daniel, ihm nachzuhorchen, bis der Ton zu einer Spitze wird und nur die Haut der Stille eindrückt. Noch schreitet der Junge hinter seinen Eltern und fühlt sich festlich geborgen. In Gedanken aber sieht es sich auf dem Motorrad voll Mut und voll Angst an dem schwarzen Wald vorbei brausen, durch den Duft des Asphalts, den berauschenden Duft der Ferne, durch die nachleuchtenden Felder, zu dem weitesten Punkt, den er je mit dem Fahrrad erreicht hat, vorbei an der Ziegelei, in der es spukt, in der ein Mörder haust, in rasender Fahrt vorüber am Schatten des Mörders, der gestikulierend über den Weg zur Landstraße läuft, dem Kind aber nichts anhaben kann, denn es ist schneller und schon längst auf dem Weg zu einem Meer, das nur in den Büchern steht und wo das Kind noch nichts von seiner Zukunft verbraucht haben wird. Erst wenn es selber schaut, wovon die Bücher berichten, fängt das Leben an zu zählen.

Im Nachhinein sah er es so. Die Welt erschien ihm friedlich, trotz der Not, über die seine Eltern jammerten, trotz der Invalidität seines Vaters. Die Nachbarn, die Leute in Oplyr, sind zwar Bauern und Dörfler, aber von einer nachsichtigen Freundlichkeit, als hätte der Strom, an dem sich bedeutende Städte aufreihen, die giftige Beschränktheit hinweggespült. Noch heute kann man erleben, dass Kinder guten Tag entbieten, zwar mit fragendem Gesicht, wie wohl die Erwiderung ausfallen würde, aber ohne Affigkeit. Nein, diese Leute waren damals keine Bedrohung gewesen. Noch nicht. Die Bedrohung kam nicht von außen, sondern von seinem Vater, dem Tränenwischer, der gegen Ende der 1920er immer eigenbrödlerischer wurde und den die politische und wirtschaftliche Entwicklung zunehmend beunruhigte.

3.

Immer häufiger kam er auf die Dernauer Verwandtschaft zu sprechen, und eines Tages wusste er genau, was er wollte: nach Amerika auswandern, zunächst alleine, um seiner Familie den Boden zu bereiten. Um 1930 stand ihm dieser Entschluss klar vor Augen. Drei Jahre des Kampfes um Entschlüsse und Zukunftspläne waren für Daniel und seine Mutter eine schwere Zeit. Dan, der in den glücklichen Jahren der 1920er in der Familie einen festen Platz eingenommen hatte, fühlte sich vernachlässigt. Die Dernauer Verwandtschaft rückte zusehends in den Mittelpunkt der Familiengespräche, die sich nach Feierabend am Küchentisch entspannen. Die Mutter wollte nicht nach Amerika. Je mehr sie ihren Standpunkt verdeutlichte, desto mehr beharrte Prosper auf der seiner Ansicht nach einzigen Lösung, der deutschen Misere zu entfliehen und „drüben“ wohlhabend zu werden.

Die Spielsteins hungerten zwar nicht, aber sie lebten von der Hand in den Mund, und am Ende eines Monats war alles aufgebraucht bis auf ein paar Pfennige. Dieses kupferbraune Häufchen diente der Frau als schlagendes Argument gegen den Auswanderungsplan ihres Mannes, der umgekehrt im Geldmangel die Berechtigung zum Aufbruch in eine bessere Zukunft erkannte und in sich einen Abraham, einen Moses oder Josua erblickte, der allen Widerständen zum Trotz aufbrechen würde in ein gelobtes Land, wo er als Farmer ein patriarchalisches Leben zu führen gedachte. Seine Hoffnung war die Dernauer Verwandtschaft. Sie nahm (wenigstens für ihn) konkrete Konturen an, als er einen Brief aus den USA empfing, der eine allgemein gehaltene Einladung enthielt: Wenn er die Überfahrt würde finanzieren können, sei der Rest kein Problem. Mit einer großen Anstrengung gelang es der Familie, einen Betrag anzusparen, mit dem man die Passage auf einem Schiff bezahlte, an das der Reisende keine Ansprüche stellen durfte. Man bedauerte die Witwe und den jungen Mann, der, obwohl im heiratsfähigen Alter, nichts für die Gründung einer eigenen Familie hatte zurücklegen können. Welcher Art Flucht Prospers Auswanderung war, niemand weiß es genau. Später hieß es, er habe alles kommen sehen. Wenn dein Vater durchgekommen wäre, mit etwas mehr Glück, dann säßest du jetzt in Washington oder New York, und du könntest mir von Zeit zu Zeit eine Ansichtskarte vom Weißen Haus oder vom Empire State Building schicken. Das war so eine Redensart von Heinz Ollet, dem Müllkutscher, die er zu variieren pflegte, wenn Dan und er über sich sprachen (aber davon später mehr).

Der Abschied war auf einen Dienstag anberaumt worden. Die Familie wusste in ihrer Bekümmerung nicht, wie ein solcher Abschied vonstatten ginge. Aber schon am Montag war Prosper verschwunden und wurde nie wieder gesehen. Aus einem nicht mehr nachvollziehbaren Grund ist er aus Le Havre abgedampft. Er hat später nichts anderes darüber geschrieben, als eben die Wiedergabe dieser Tatsache. Vielleicht war sie für ihn so einleuchtend, dass er eine Erklärung nicht für erforderlich hielt, und vielleicht war es tatsächlich nur der niedrige Fahrpreis, der ihn dazu bewog, ein Schiff in Le Havre zu besteigen. Andererseits hielt sich das Gerücht, nachdem es einmal aufgekommen war, dass er unterwegs jemanden aufgelesen und mitgenommen hatte, den großen Unbekannten oder die unsterbliche Geliebte. Daniels Mutter hing der zweiten Deutung an und litt. Dan wiederholte ständig: Es war der Preis, Vater hat sich umgehört und erfahren, dass in Le Havre ein billiger Frachter in die Staaten fährt. Aber warum die vorzeitige Abreise? Warum sagte er nichts? Ja, warum. Prosper hat darüber kein Wort verloren, obwohl man ihm Schreibfaulheit nicht vorwerfen konnte. Er berichtete von erfolgreichen Unternehmungen, und eines Tages, dass er endlich eine Anstellung in Aussicht habe. Diese Mitteilung bedrückte die Familie, weil aus ihr hervorging, dass die erfolgreichen Unternehmungen geschwindelt waren, um die Daheimgebliebenen zu trösten. Die Aussicht, in irgendeinem Lagerverwaltungsbüro in New York (die Briefe kamen alle aus NY) zu arbeiten, hatte ihn so ergriffen, dass er unversehens in einen Ton aufrichtiger Berichterstattung gefallen war und so einen Schimmer der Wahrheit über seine tatsächliche Lage preisgab. In der Dernauer Verwandtschaft war er herumgereicht worden, aber er hatte nirgendwo einen sicheren Unterschlupf gefunden, er war dort der Fremde aus der Heimat, aus der fremden Heimat. Das reichte für freundliche Worte, auch für ein wenig Geld.

1933 traf der teuerste Brief von allen ein, ein dickes Luftpostschreiben aus New Jersey. Mehrere Seiten wurden darauf verwendet, die Empfänger auf die erschütternde Nachricht vorzubereiten und zu schildern, ein wie tapferer, ein wie fürsorglicher Mann Prosper gewesen sei, da er trotz seiner Behinderung versucht habe, für seine Familie und sich, in erster Linie aber für seine Familie, eine neue Existenz in dem demokratischsten Land der Erde aufzubauen, eine Aufgabe, die trotz der zahlreichen Unterstützung, die er in der neuen Welt erfahren habe, eines Samsons würdig gewesen wäre. Die Nachricht selbst: Der Tränenwischer ist im Hafen tot aufgefunden worden mit einer klaffenden Kopfwunde, so dass die Polizei Mord nicht ausschließt. Der Brief deutete an, dass er einige Male aufgelesen worden sei und einmal in ein Männerasyl („zusammen mit Negern“) gesteckt worden war. Monate später kam der amtliche Bescheid: in Yonkers gestorben vermutlich an den Folgen einer alten Verletzung. Der Tote hatte außer den Personalien, die ihn als „a certain Prosper Spielstein“ aus dem Deutschen Reich auswiesen, nichts bei sich. Seine Aufenthaltsgenehmigung war abgelaufen. Die Beisetzung habe in Paterson, NJ, stattgefunden, die Kosten seien von Verwandten beglichen worden.

Daniels Mutter hat ein Wochenende vor sich hin geweint und ist in Erinnerungen geschwommen. Ein paar Fotos wurden zusammengekratzt, Briefe geschrieben. Danach war sie eine alte Frau, von einer Woche zur anderen. Prosper hatte sich ein für allemal einer Erklärung entzogen. Die Kränkung war unheilbar. Daniels Mutter starb am gebrochenen Herzen, so sagt man (wie soll man es besser sagen). Dan lernte, alles der Kriegsverletzung zuzuschreiben, und kein Mensch weiß, ob dieser Glaube nicht sogar den Tatsachen entspricht.

Daniel durfte als Kalfaktor in der Schuhfabrik arbeiten, wo sein Vater einen wichtigen Posten bekleidet hatte. Aber 1933 wurde er entlassen. Man warf ihm vor, das ihm anvertraute Geld eines Kollegen veruntreut zu haben. Als die Firmenleitung nach langen rufschädigenden Untersuchungen die Sache auf sich beruhen lassen wollte, um die Justiz nicht zu bemühen, weil der Vorwurf des Kameradendiebstahls nicht erhärtet werden könne, willigte Daniel angewidert in die Kündigung ein, die trotz mangelnder Beweise ausgesprochen worden war und die er der Judenfeindlichkeit der neuen Regierung ankreidete. Im selben Jahr fing er bei Hartkopf an, vielleicht weil sich die Väter kannten und die Jungen, Daniel und Gustav (der Erbe) sich angefreundet hatten. Daniel selbst datierte seine große Liebe zu Gustavs Halbkusine in das Jahr 1934. In seiner Erinnerung hatte man sogar von einem Verlöbnis gesprochen. Und dann war plötzlich nicht mehr die Rede davon, und der alte Hartkopf pflegte nur noch einen förmlichen Umgang mit Daniel. Aber Dan durfte seine Stelle behalten. Damals war die große Zeit des Kirchgängers Bernhard Hartkopf, der seinen Bedarf an Ausübung religiöser Pflichten für den Rest seines Lebens deckte. Es wird überliefert, er habe mit seinem Kirchgang ein Zeichen dafür setzen wollen, dass mit der „neuen Zeit“ nicht alle Werte verloren gingen. Angeblich hat man ihn deswegen nach Bonn bestellt, wo er die Aussage näher erläutern sollte. Aber erst Gustav Hartkopf, der Erbe, war tatsächlich in einer „politischen“ Angelegenheit in der Gestapo-Zentrale am Kreuzbergweg.

Daniel Spielstein ging 1941 in die „Illegalität“. Er bezog eine Wohnung im Haus, das sein Vater, der Augenwischer, gerne gekauft hätte, aber Bernhard Hartkopf schließlich gekauft hatte. Er nannte sich Spielsin – Spiälsin (Betonung auf ‚äl‘). Das Versagen einer behördlichen Schreibmaschine, nämlich das am Typenhebel hochgerutschte ‚e‘ (der am häufigsten benutzte Vokal hatte den Fliehkräften nicht mehr standgehalten), die Schludrigkeit eines Beamten und die eigene genialisch-schwungvolle Unterschrift gestatteten eine Lesart in seinem Pass, die ihm die vielleicht lebenswichtige Namensänderung vom jüdischen ‚Spielstein‘ ins christlich-polnische ‚Spielsin‘ ermöglichte - Spiälsin („mein Name ist Spiälsin - das konnten Sie nicht wissen“).

4.

Daniel Spielstein wurde um fünf Uhr überfallen. Die Täter waren in Ledermäntel gekleidet und von einer Gelassenheit, die Kriminellen gewöhnlich nicht eignet. Sie schlugen gegen die Wohnungstür und forderten ihn auf mitzukommen. Sie brauchten nichts zu sagen, ein Ruck mit dem Kopf genügte. Daniel Spielstein, der sich Spiälsin nannte, fragte, was er mitnehmen dürfe. Der Anführer zuckte die Achseln. Er löste sich aus dem Türrahmen und folgte dem schlaftrunkenen Mann ins Zimmer. Die Hände behielt er in der Tasche, denn er hatte sich von der Harmlosigkeit des Opfers überzeugt. Widerstand hätte nur ein Pistolenschütze leisten können, der kaltblütig genug gewesen wäre, die beiden Männer über den Haufen zu schießen – und den dritten dazu, der bei laufendem Motor im Auto saß. Daniel packte seine sieben Sachen in eine verschlissene Aktentasche.

„Wertsachen?“

Er schüttelte den Kopf.

„Papiere?“

Die Papiere lagen im Küchenschrank. Der Ledermantel riss sie Daniel aus der Hand, als er sie geholt hatte.

„Wo ist das J?“

Er schwieg betreten, als hätte ihn die Polizei in einer Fälscherwerkstatt ertappt.

„Also dann.“ Der Ledermantel verließ energisch das Zimmer, ohne sich nach dem Wehrlosen umzuschauen, in der Gewissheit, dass er folgen würde. Flucht zwecklos. Also folgte Daniel. Die Männer stiegen hastig in den Wagen (jetzt musste es schnell gehen), so dass er Mühe hatte einzusteigen.

Die Opfer waren Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten, sogar alte Zentrumsleute, Oppositionelle aller Art, aber auch persönliche Feinde derjenigen, die Macht hatten, Ledermäntel in die Nacht zu schicken und Leute aus ihren Wohnungen heraus zu verhaften. Die Ledermäntel taten, was man ihnen befohlen hatte. Sie würden sich nach dem Krieg darauf berufen und eine Tugend daraus machen („wo kommen wir hin, wenn jeder tut, was er will“). Keiner sprach mit dem Gefangenen. Die drei unterhielten sich über die nächsten Stationen und den kürzesten Weg, um das „Einsammeln“ schneller hinter sich zu bringen. Niemand solle glauben, betonte der Fahrer, ohne sich an das Opfer zu wenden, dass ihm der ganze Quatsch Spaß mache, die Herumfahrerei bei dieser Tageszeit, in diesem saukalten Wetter. Schuld daran seien die Juden und die anderen, die nicht in das neue Deutschland passten.

Daniel wurde an der „Sammelstelle“ der Gestapo abgeliefert und so behandelt wie einer, der 20 Reichsmark aus einer Ladenkasse gestohlen hatte, nicht freundlich, aber mit einer schmerzlosen Gleichgültigkeit. Das änderte sich am nächsten Tag, als er Rede und Antwort stehen sollte und die Herkunft des angeblich gefälschten Passes erklären musste. „Unverschämtheit!“ schrie der Verhör-Offizier ein um das andere Mal. Er stellte Fragen, wartete aber keine Antworten ab, sondern schlug dem Häftling jedesmal mit der flachen Hand auf die Ohren. Daniel stürzte. Er konzentrierte sich darauf, nicht in Ohnmacht zu fallen. Als er hochgerissen wurde, sah er, wie sich der Mund seines Peinigers bewegte, aber er hörte keine Stimme. Er war von Rauschen umgeben, als stünde er unter einem Wasserfall. Der Mann hob wieder seine Hand gegen ihn, Daniel deutete auf ein Ohr und sagte, ohne dass er es kontrollieren konnte: „Kann nicht hören.“ Man schlug ihn trotzdem. Er wachte in einer Zelle auf. Die Kälte hatte ihn geweckt. Um ihn herum drängten sich zehn, zwölf Personen. Seine Nachbarn redeten auf ihn ein, aber er hörte nichts, nur das Rauschen. Es rief das Bild eines schwarzen Meeres hervor, das kalte Wellen vor ihm auftürmt. Er schloss die Augen. Der Schmerz schoss durch seinen Kopf.

Tags darauf transportierte man sie in Wehrmachtautos zu einem stillgelegten Fabrikgelände, wo man sie hinter Stacheldraht in Baracken unterbrachte. Daniel fror. Er hatte vergessen, eine Jacke überzuziehen. Seine sieben Sachen waren auch verloren gegangen. Er wusste nicht, wie es weitergehen würde, er wusste nur, dass er es in diesem Zustand nicht lange aushalten konnte. Er stand in sich zurückgezogen, eingeigelt gegen den Schmerz und die Kälte, hinter seinen Armen versteckt, mit denen er sich selbst umklammerte. Nach der Helligkeit zu urteilen, war es ungefähr 9 Uhr. Kaffeezeit. Er dachte daran, dass jetzt im Büro von Gustav Hartkopf jemand Kaffee brühte.

Hartkopf mochte damals 40 Jahre alt gewesen sein. Jedenfalls sah er so aus, denn sein Gebaren ließ auf ein gesetztes Alter schließen. Der jahrelange Umgang mit Geschäftsleuten und Arbeitern, die alle etwas auf ihn gaben und ihm zuhörten, wenn er redete, hatte ihn zu einem selbstbewussten Mann gemacht, der sein Ego nicht hervorzukehren brauchte wie sonst die Männer an der Schwelle zu Amt und Würden. Er hatte gestern mit einem Bekannten telefoniert. Der kannte jemanden, der einen von der Gestapo kannte. Diesem schrieb Hartkopf einen förmlichen Heil-Hitler-Brief. Er hatte sein Anliegen so dringend vorgetragen, dass er sich schon für nächste Woche mit einem Funktionär der Sonderpolizei in Bonn verabreden konnte. Er war darauf aufmerksam gemacht worden, dass dieses Treffen rein außerdienstlich sei und er deshalb mit einem Mann zu rechnen habe, der nicht in Uniform, sondern im Straßenanzug erscheinen würde.

„Wenn ich Ihnen helfen kann, jederzeit gerne, nur stellen Sie bitte meine Loyalität nicht in Frage.“

„Mein Angestellter befindet sich in Ihrem Gewahrsam.“

Der Herr im Straßenanzug, am Revers ein rundes Abzeichen, das ihn als Angehörigen der herrschenden Kaste auswies, steckte sich eine Zigarette an.

„Ja wissen Sie, ‚befinden´ ist gut gesagt. Ich weiß zwar nicht, was im einzelnen mit ihm geschehen wird, aber ich möchte es so ausdrücken: Die Chancen, dass er wieder bei Ihnen arbeitet, sind ungefähr gleich Null.“

Hartkopf schwieg betreten. Zu gehen wäre ratsam, denn die Frage lag in der Luft: Haben Sie nicht gewusst, dass er beschnitten ist? Und wenn Sie es gewusst haben, warum setzen Sie sich dann für ihn ein?

„Zigarette?“ Das Gespräch sollte fortgeführt werden.

„Danke, gerne. Russische?“

„Der Führer wird keine Gegenoffensive wegen russischer Zigaretten machen.“

„Nein? Nein. Ihre Bemühungen sind natürlich nicht umsonst. Ich weiß, dass Sie persönlich keine Vergünstigungen annehmen, aber Ihrer Organisation könnte vielleicht an einem fairen Geschäft gelegen sein.“

Das Wort ‚fair‘ brachte Hartkopf widerwillig über die Lippen. Er ärgerte sich über seinen gestelzten Stil. Während er ihm nachhing, verlor er den Faden und schwieg. Nach einer Pause, in der er eine Zigarette entgegennahm und anzündete, sprach er weiter:

„Sie wissen vielleicht, dass ich einen kriegswichtigen Betrieb zu laufen habe: Sand, Zement, Beton, Pisten, Bunker. Der Betreffende könnte im Dienst Ihrer Organisation in meinem Betrieb weiterarbeiten. Ich brauche jede Hand für den Endsieg.“

„So haben Sie sich das also vorgestellt. Sind Sie in der Partei?“

„Nein, obwohl auch ich im Dienst der Sache stehe. Meine Produkte sind, wie ich schon sagte, kriegswichtig.“

„Es kann ja nicht jeder in der Partei sein. Was ich jetzt sage, bleibt hübsch unter uns: Der Krieg läuft nicht so, wie wir uns das gedacht haben. Und nochmals unter uns: Mir ist nichts daran gelegen, überhaupt nichts, dass diese Menschen über den Jordan gehen. Ich bin sogar bereit, dem einen oder anderen aus der Patsche zu helfen. Ich hätte da meine Risiken und einige Spesen. Wie sollen wir uns näherkommen?“

„Ich bin bereit, Ihre Spesen zu übernehmen. Und was das andere angeht, so habe ich mir vorgestellt, dass ich den Lohn des Betreffenden bis auf eine Courtage an Ihre Organisation abführe.“

„Sagen wir mal so: Die Courtage beträgt 50% und dient zur Deckung meines Risikos, mit dem ich leben muss, eines Risikos, das sobald nicht aufhört.“

„Bei Kriegsende.“

„Was kann ich mir denn nach einem verlorenen Krieg dafür kaufen?“

„Einen Persilschein.“

„Es bleibt dabei. Sie haben mich verstanden! Was die Zahlungsmodalitäten angeht, setzt sich meine Organisation schon bald mit Ihnen in Verbindung. In Sachen Provision komme ich noch auf Sie zu. Und Persilschein, mein lieber, mein sehr lieber Herr Hartkopf, dazu würde ich Ihnen gerne noch einige Takte sagen!“

5.

Es hieß, sie führen nach Osten, um bei der Abschaffung der polnischen Wirtschaft und beim Aufbau des Generalgouvernements zu helfen, in Steinbrüchen und beim Straßenbau. Es hieß auch, sie sollten mal richtig arbeiten lernen. Daniel erinnerte sich, dass die Partei, die seine Inhaftierung betrieben hatte, einer nationalistischen, vulgär-sozialistischen Ideologie anhing und diese im Dunst missbrauchter Festsäle verkünden ließ. Also die Juden und Sozialdemokraten und besonders die jüdischen Sozialdemokraten sollen arbeiten lernen! Als hätte er nie gearbeitet, als hätten seine Eltern nicht gerackert! Wenn er schon arbeiten musste, warum wurde er dann so behandelt? Wer arbeitet, soll essen, darf nicht frieren. Daniel rechnete mit vielem, sogar mit einer besonderen Strafe für das fehlende J im Pass. Aber dass sein Leben auf dem Spiel stand (es gab Gerüchte), glaubte er nicht. Leute umbringen, weil sie keine Vorhaut haben, weil sie das Laubhüttenfest feiern? Absurd. Er war noch jung und glaubte an die Erklärbarkeit der Welt, dass sie im Prinzip verständlich sei, wenigstens bei einem tieferen Verständnis, als ihm jetzt gegeben war. Und wie zur Bestätigung seiner Theorie kam er aus dem Übergangslager, der alten Fabrik, in ein überheiztes Büro, wo er von zwei Ledermänteln empfangen wurde, die ihn zurück in die Stadt fuhren, aber nicht in seine Wohnung, sondern in das Polizeipräsidium.

„Ich erklär dir alles später, jetzt verschwinden wir, bevor die es sich anders überlegen.“

Hartkopf hatte ihn kurz begrüßt, ihm auf den Rücken geklopft. Er drängte zum Gehen und zerrte ihn fort, so dass Daniel beinahe gefallen wäre.

„Ich möchte wenigstens meine Sachen wiederhaben!“

„Bloß kein Aufsehen! Lass die Klamotten.“

Hartkopf zog ihn über das Laminat des Präsidiums. Sie stiegen rasch die Freitreppe hinab, nachdem sie das rechteckige Portal, ein Tor wie zu einer Grabkammer, verlassen hatten. Sie hasteten entlang einer Reihe Polizeiautos und bogen in die Seitenstraße. Dort stand der dreiräderige Lieferwagen, der T2, mit dem Hartkopf gekommen war, und davor ein Polizist, der sich die Nummer notierte. Es hatte keinen Zweck, weiterzugehen und so zu tun, als gehörte einem der Wagen nicht.

„Stimmt was nicht, Meister?“

„Ihre Papiere.“

„Für Dreiräder braucht man keinen Führerschein.“

„Die Personalien.“

Der Wachtmeister blickte streng unter seinem Tschako hervor. Hartkopf zeigte die Papiere, die er im Krieg immer bei sich trug.

„Sie stehen im Halteverbot.“

„Entschuldigung. Wir hatten dienstlich in Ihrer Behörde zu tun, eine Angelegenheit betreffend, die keinen Aufschub duldet.“

„Das nächste Mal denken Sie daran.“

Der Wachmann tippte an den Tschako und schritt davon.

„Freundlicher Kerl, war nur eine harmlose Sache, Dan, wirklich.“

Jetzt erst fiel Hartkopf auf, dass mit Spielstein etwas nicht stimmte.

„Was ist denn?“

Daniel las von Hartkopfs Gesicht und sagte in das Rauschen:

„Ich kann nicht hören, sie haben mir die Ohren kaputt geschlagen.“

Hartkopf schickte den Betriebselektriker Fritz Radebusch in die Pfarrer-Gyssel-Straße, um die Sachen von Daniel zu holen, so unauffällig wie möglich. Dans Zimmer war möbliert, so dass alles, was ihm gehörte, auf das Tempo-Dreirad passte. Zwei Hausbewohner, Zeugen der Verhaftung, drückten sich an Radebusch vorbei, im Glauben, er sei eine Art Gerichtsvollzieher der Gestapo. Nachdem Fritz alle Sachen herausgeholt und untergebracht hatte, verschloss er die Wohnung und lieferte den Schlüssel bei dem Hausmeister ab, der hinter seiner Tür die Räumung verfolgt hatte und bei der Entgegennahme des Schlüssels keine Fragen stellte, als wäre es selbstverständlich, dass Menschen in dieser Zeit plötzlich verschwinden und Fremde ihr Hab und Gut davontragen. Jeder hielt sich an die Regel: Wo die Geheimpolizei war, da stellt man keine Fragen mehr.

Radebusch, der selbst allen Grund hatte, unauffällig zu leben und wenig zu reden, war rechtzeitig fertig geworden, einen Raum, kaum vier mal vier Quadratmeter, neben der Schlosserei des Kieswerkes einzurichten. Dorthin stellte er die mitgebrachten Sachen. Ab diesem Tag lebte Daniel Spielstein in dem Raum, der „Löwengrube“, zurückgezogen von der Welt, versorgt von Hartkopf, Radebusch und deren Frauen. Die ‚Organisation‘ hatte strikte Zurückgezogenheit befohlen, obwohl Daniel jetzt ordentliche Papiere besaß. Nur im Notfall möge man sich bei Herrn von Grein melden, dem Verbindungsmann, mit dem Hartkopf die Bedingungen für das Überleben Daniels ausgehandelt hatte. Der Arzt, den Daniel konsultieren wollte, war unbestimmt verzogen. Die Eintönigkeit des Dahinlebens und die Angst vor Unbekannten zögerten den Besuch eines anderen Arztes hinaus. Das Brausen in Dans Kopf hatte zwar nachgelassen, aber das Gehör blieb beschädigt. Hartkopf und Radebusch gewöhnten sich an, mit Daniel laut und artikuliert zu sprechen.

Was Daniel Spielstein blieb, war das nackte Leben, die Löwengrube und der 9-Uhr-Kaffee. Manchmal fragte er sich, woher und wieso Hartkopf die Kontakte zur Organisation hatte. Wie auch immer, er hatte sie genutzt, ihn aus der Haft zu befreien und vor einem Lager im Osten zu retten. Wer Jude war, sprach sich schnell herum. Die Leute kramten in Erinnerungen und wussten, wer den Sabbat feiert und wer in die Kirche geht. Und es gab Frauen, die untrügliche Zeichen am Fleische hätten angeben können. Aber sie hüteten sich wohl, darüber zu sprechen. Wer also hatte ihn denunziert?

6.

Masrat war der jüngste Sohn des Hof- und Brennereibesitzers. Er hatte Pädagogik studiert, aber den Schuldienst früh quittiert, weil er in eine Affäre verwickelt gewesen sein soll, über die niemand offen sprach, denn es sei „Schnee vom letzten Jahr“. Trotzdem, einige munkelten von Bestechung und Verführung Minderjähriger. Er hatte sich früh der herrschenden Partei angeschlossen, weil sie seiner Auffassung von Zucht und Sitte, vom neuen Menschen, der sich höheren Zielen bedingungslos unterordnet, entgegenkam, und weil er hoffte, die Gerüchte über ihn würden dadurch endgültig verstummen. Er spürte „abartigen“ Zeitgenossen nach, Abweichlern und Zugereisten, die nicht, wie er sich ausdrückte, in „unseren Volkskörper“ gehörten. Seine Familie war alteingesessen, gut katholisch. Unter Seinesgleichen im Dorf, den Bauern, Ladenbesitzern, Kneipiers und einigen Beamten ließ er sich schon einmal gehen, warf Runden, verkündete die neue Zeit und gab zum Besten, wer nicht mehr in sie hineingehöre: alle die es „mit der internationalen Verschwörerbande halten und Schweinkram schreiben“. Dabei fielen auch Namen. Er machte gerne Andeutungen, weil er sich dann der besonderen Aufmerksamkeit sicher sein durfte. Hatte er anfangs nur Informationen aus seinem Parteizirkel durchsickern lassen, begriff er bald, dass er selbst Macht ausüben konnte, wenn er von sich aus durch erfundene Andeutungen Personen einkreiste, ohne sie zu benennen. Er beobachtete zu seiner Lust, wie solche Personen isoliert wurden, weil niemand etwas mit ihnen zu tun haben wollte. Das hatte Masrat gelernt: Man musste sich zum Apparat bekennen, je lauter, desto besser, dann durfte man ihn bedienen, und er tat, was man wollte, wenn nur die Wünsche nicht übertrieben waren, die Ziele nicht zu hoch gesteckt, nicht ins Politische, und nicht so, dass man anderen aus der Partei in die Quere kam. Er war auf dem besten Weg, sich diese Entdeckung im großen Stil nutzbar zu machen, nachdem er festgestellt hatte, dass sich selbst Behörden auf seinen Wink hin in Bewegung setzten, Menschen verhörten und verhafteten - aber ihm blieb keine Zeit dazu.

Seine Gewohnheit, an Samstagabenden in die Großstadt zu fahren, weil er, wie er tönte, am heiligen Sabbat noch Geschäfte erledigen müsse, nutzte Radebusch, um eine Rechnung zu begleichen. Er tat es mit dem Sendungsbewusstsein eines Widerstandskämpfers. Masrat ist ein kleines Würstchen, zwar ein Großkotz in Oplyr, aber in der Politik da draußen ein Niemand, er ist ein Arschloch, sagte sich Radebusch. Hat er mit seinem Gequatsche die Leute nicht ins Lager gebracht? Und was geschieht mit ihnen, wenn sie einmal dort sind? Ist je einer wiedergekommen, Jabotinsky und seine Familie, der alte Doktor Schön? Alle plötzlich abgereist, und keiner außer diesem Arsch wagt es, darüber zu sprechen. Radebusch war sich sicher, dass Masrat auch Spielstein ans Messer geliefert hatte – und zwar auf den bloßen Verdacht hin, dass Daniel Jude sei, weil er so heißt, wie er heißt, und nicht in die Kirche gehen mochte.

Fritz Radebusch kannte den Mercedes, den Masrat an den Samstagabenden eigenhändig chauffierte, einen schwarzen Dienstwagen von der Sorte, die in dieser Gegend sonst niemand fuhr. Fritz hatte die Strecke aus Oplyr hinaus Richtung Köln mehrmals mit dem Rad abgefahren, um sich die seinem Vorhaben günstige Stelle einzuprägen. Für ihn kamen zwei Punkte in Betracht, ein Heiligenhäuschen mit der schmerzensreichen Madonna unter einer Linde und eine verlassene ausgebeutete Kiesgrube, neben deren mit Stacheldraht verrammelten Zufahrt ein mannshoher Findling lag. Fritz erinnerte sich, wie die Arbeiter damals den Stein mit einem Raupenfahrzeug aus dem Sand gehoben, geschoben und an der Straße abgelegt hatten, denn die Aktion war in der Regionalpresse erörtert worden (man hatte deshalb in der Schule über Eiszeiten und schwedische Findlinge gesprochen). Dieser Stein – das war der Punkt. Die Brombeerbüsche würden ihre Schatten werfen und Fritz zusätzlich Deckung gewähren. Außerdem hatte er bei der Hand, was er zu dem Einsatz sonst noch benötigte: Baubretter und eine alte Straßensperre.

Generalprobe. Fritz versteckte das Rad und postierte sich hinter dem Findling. Noch hatte er ruhiges Blut, noch würde nichts passieren, noch lag es bei ihm, ob jemals etwas passieren würde. Scheinwerferlicht ließ sich von Weitem erkennen. Das erste stammte von einem Lieferwagen. Dann hörte er ein Motorrad noch bevor das Licht aufblitzte. Die Funzeln der Radfahrer waren kaum zu sehen, erst wenn man das Sirren der Dynamos hörte. Auf die Radfahrer musste er besonders achten. Sie sahen mehr als die Motorisierten. Fritz stand eine weitere halbe Stunde. Dann leuchtete die Madonnenlinde, ihr Wipfel erstrahlte. Es konnte kein Lastauto sein, denn der Wagen fuhr leise und war erst zu hören, als Fritz sich ducken musste, um nicht von den Scheinwerferkegeln erfasst zu werden. Fritz merkte sich die ausgeleuchteten Stellen, wo er sich keinesfalls würde aufhalten dürfen. Der schwarze Mercedes fuhr schnell, seine 80 Sachen. Fritz käme nicht darum herum, ein Hindernis auf die Straße zu werfen.

An dem Abend regnete es. Radebusch wusste nicht, ob das Wetter vorteilhaft war oder nicht, und redete sich ein, der Regen erleichtere sein Vorhaben. Fritz startete früh und wählte zunächst die entgegengesetzte Richtung, um am Rande des Vorbergs über ein wenig benutztes Sträßchen zu fahren, das am Wegekreuz in die Landstraße mündet. Dort stieg er ab und achtete darauf, dass weder seine Schuhe noch die Reifen Profilspuren hinterließen. Er betrat sorgfältig nur Weideland und stieß sein Rad in eine Hecke. Er löste seinen Brotbeutel von der Querstange und vergewisserte sich, dass sein Inhalt vollständig war. Fritz hielt sich ungefähr eine Minute an der Hecke auf und suchte mit den Augen die Felder ab. Er sah niemanden und entschloss sich deshalb loszumarschieren. Er schritt ruhig mit gesenktem Kopf und schaute sich nicht um. Wer ihn beobachtete, sollte den Eindruck eines unbekümmerten Fußgängers gewinnen, der bei diesem Wetter dafür sorgte, schnell und ohne Umwege nach Hause zu kommen.

Nach einer halben Stunde erreichte er den Findling und verschwand hinter einer Aufschüttung von Kies. Dort schlug er sein Wasser ab und nutzte die Gelegenheit zur eingehenden Prüfung des Umfeldes. Dann bezog er Posten. Er verstaute seinen Beutel am Fuß des Findlings in einer Nische, wo der Regen nicht hineinreichte. Fritz war bis auf die Haut durchnässt. Er hatte keine Vorkehrung dagegen getroffen. Es war jetzt auch seine Sorge nicht. Er beeilte sich, die Bretter und die Straßensperre heranzuschleifen, wiederum nach langem Absuchen der dunklen Ränder an Hecken und Wegen. Er war noch uneins mit sich, ob er das Brett und ein paar Steine nehmen sollte, um die Fahrt des Autos zu unterbrechen, oder die Straßensperre, die dazu diente, die Ausfahrt zu sichern, wenn die schweren Laster die Rampe vom Grund des Kieslochs heraufkeuchten und auf dem letzten Stück zur Straße beschleunigten. Die Sperre hatte er früher schon zwei- oder dreimal gesehen. Jetzt wurde ihm klar, dass er sie nicht verwenden durfte, denn sie sah nach Absicht aus und verriet etwas von der Vertrautheit mit dem Ort, den die Polizei bald vermessen würde. Er zerrte die Bretter zum Findling, dazu ein paar Steine, und schickte sich ins Warten. Wenn Masrat bei diesem Wetter nicht kommt? Dann bist du nur das Risiko eines Schnupfens eingegangen. Radebusch machte seinen Rücken krumm und ließ den Regen an sich hinablaufen. Als er hochsah, stachen ihm Scheinwerferfinger entgegen. Er konnte sich nicht entschließen, die Steine und das Brett auf die Fahrbahn zu werfen. Untätig hockte er hinter dem Findling. Er hatte Glück. Es war nicht der Mercedes. Radebusch schleppte nun die Hindernisse auf die Straße. Komme, wer wolle.

Der Mercedes hielt. Er war bei dem Regenwetter langsam gefahren und brauchte nicht scharf zu bremsen, als hätte sein Fahrer hier und an keiner anderen Stelle halten wollen. Fritz verharrte regungslos hinter dem Findling. Er schaute nicht einmal hinüber. Er wollte selbst ganz lebloser Gegenstand sein, um nicht aufzufallen. Der Fahrer stieg aus, stemmte die Hände in die Hüfte, schaute sich um, fluchte ungezwungen, etwa in der Art „verdammte Scheiße, das auch noch“. Er schob seinen Stiefel an das Brett und wollte es von der Straße schleudern, aber es gelang ihm nur, das Brett zu drehen, so dass er sich bücken musste. Er warf es mit beiden Händen auf die Seite, wo Radebusch wartete, atemlos, mit gesenkten halboffenen Augen. Fritz blickte erst auf, als die Fahrertür klappte. Kaum war der Wagen angefahren, blieb er wieder stehen. Masrat stieg aus, verbeugte sich vor dem Kühler, so schien es, griff einen von Radebuschs Steinen und reckte sich. Da endlich schoss Radebusch. Masrat stand lange suchend vor dem Auto. Die Scheinwerfer beschienen seine Hosenbeine und Schuhe. Er konnte nichts in der Richtung erkennen, aus der geschossen wurde, darum fragte er, gewissermaßen sich selbst: „Ist da jemand?“ Fast bittend. Es muss sich ja aufklären lassen, ich bitte um Aufklärung des Irrtums! Fritz feuerte ein zweites Mal. Es riss den Fahrer herum. Er griff an die Schulter, stolperte auf die Tür zu, die in Fahrtrichtung offen stand, und tauchte in die Fahrerkabine. Das Glas der Beifahrertür platzte, Splitter schossen nach innen und trafen den Fahrer am Gesicht. Radebusch hatte ein drittes Mal gefeuert. Nun glaubte das Opfer an keine erfolgreiche Flucht mehr. Er griff mit seinem linken Arm über den Schoß und fingerte nach dem Revolver, der zwischen den Sitzen klemmte. Als Masrat die Waffe in der linken Hand hielt, aus dem Wagen stieg und sich aufrichtete, um seinem unsichtbaren Gegner mit der Pistole zu trotzen, fiel der letzte Schuss. Radebusch schnappte den Beutel, verließ die Schatten der Büsche und des Findlings und stolperte in Fahrtrichtung davon. Er wurde von den Scheinwerferkegeln erfasst, bevor er rechts abbiegen konnte.

„Dich kenne ich doch. Ich kenne Sie!“

Masrat erschöpfte sich in der Empörung über den Anschlag. Er schoss nicht zurück, er staunte nur. Jetzt war Radebusch außer Sicht. Er lief hinter der alten Kiesgrube auf Gegenkurs, in die Richtung, aus der das Auto gekommen war und wo sein Fahrrad stand. Als er sein Rad gefunden hatte, überzeugte er sich davon, dass nichts fehlte.

7.

Am Sonntagmorgen beunruhigte Fritz Radebusch seine Frau damit, dass er sich nur in der Wohnung aufhielt und grübelte. Der Kerl ist verletzt, mehr nicht. Hat er nicht gerufen: Ich kenne Sie? Stimmt das vielleicht? Kennt er mich mit Namen oder nur vom Sehen? Seine Fresse war blutig. Es regnete. Ich habe mich lange genug im Dunkeln aufgehalten. Der konnte mich nicht erkennen. Als ich weglief, sah er noch lebendig aus. Warum hast du nicht weitergeschossen?

Es gab da nämlich den Augenblick, wo er gar nicht töten wollte, wo er Angst davor hatte, nicht vor Entdeckung und Strafe, sondern davor, ein Mörder zu werden. Nach dem vierten Schuss wollte er kein Mörder mehr sein. Radebusch irrte durch die Wohnung, war fahrig, nicht ansprechbar. Er wiederholte für sich: Den Daniel Spielstein hat der auf dem Gewissen, den alten Schön auch, Jabotinsky, die ganze Familie. Vielleicht sind sie tatsächlich nur in einem Arbeitslager, und das miese Schwein wäre wenigstens nicht an ihrem Tode schuld. Aber er hat sie aus ihren rechtmäßigen Lebensverhältnissen herausgerissen! Die Schramme, die ich ihm verpasst habe, lässt ihn künftig daran denken, dass er hier nicht der Herrgott ist, der Herr Masrat in seiner kackbraunen Uniform. Das durfte so nicht weitergehen! Aber mir geht es an den Kragen, wenn er wissen sollte, wer ich bin. Fallbeil oder Strick (Erschießungskommando wohl kaum). Vielleicht hat er nur geblöfft. Er kennt mich gar nicht. Meine Frau wäre auch dran. Und der Sohn käme in die Napola-Schule nach Bensberg! Ich hätte mit der Frau darüber sprechen müssen. Aber sie hat sich nicht einmal darüber gewundert, dass ich nass war bis auf die Knochen. Sie kennt das von mir. Sie weiß gar nichts, sie kann nichts verraten. Wo war Ihr Mann gestern? Wie immer mit dem Rad unterwegs, er fährt seine Runden bei jedem Wetter, auch im Winter.

Die Gerüchte von einem Mord kursierten schon am Sonntagnachmittag. Fritz Radebusch quälte sich mit der Frage, ob er etwas liegen gelassen hatte, ein Taschentuch beispielsweise. Nein, das nicht. Sogar die vier Hülsen, die mir der Auswerfer ins Gesicht gespuckt hatte, habe ich aufgehoben und in die Tasche gesteckt und alle vier am Brunnenhaus in den Waldsee geworfen, weit hinein, ich habe es platschen gehört. Am Montag brachten es die Zeitungen. Der Mercedes war in einen Graben gesteuert worden. Zur Erleichterung Radebuschs bezeichnete die Presse eine Stelle, die zwei Kilometer vom Tatort entfernt lag. Darauf würde die Polizei ihre Nachforschungen konzentrieren. Der Bursche hatte also noch seinen Wagen in Gang gesetzt, bevor er abkratzte! Es könnte wie ein Unfall aussehen - wenn die Schusswunden nicht wären.

Der alte Radebusch, Fritzens Vater, hatte in einem Feldbrief an seine Frau beschrieben, wie er an die Pistole, eine deutsche Armeewaffe aus dem ersten Weltkrieg, eine Luger P08, gekommen war, für ihn, den einfachen Feldgrauen, eine Rarität, eine zusätzliche Lebensversicherung, besser als ein geschliffener Spaten.

„Ich habe sie einem Poilu abgeknöpft, als sich sein Graben in ganzer Länge ergeben hatte, und der Poilu hatte sie zuvor einem deutschen Offizier abgenommen, nachdem sich dessen Kompanie geschlossen ergeben hatte. Der Franzose glaubte wohl, ich würde ihn deswegen umbringen, und zeigte auf das herausgezogene leere Stangenmagazin, als wäre das ein Beweis für seine Friedfertigkeit. Ich stieß es zurück und hielt ihm die Luger an den Schädel und sagte: ‚Du hast achtmal geschossen, jetzt erschieß ich dich, bümm!‘ Wir erschraken beide, ich mehr als er, weil man das, was ich getan hatte, auf gar keinen Fall tut (es hätte ja noch eine Kugel im Lauf stecken können). Darum entschuldigte ich mich: ‚Excusez moi, hier sind Zigaretten für die Lüger, ich kauf sie dir ab, obwohl sie naturellement uns gehört!‘“

Fritz hatte den Brief im Nachlass seiner Mutter gefunden. Es sprach einiges dafür, dass sich die Waffe im Gerümpel auf dem Trockenboden befand. Eines Tages stellte er den Speicher auf den Kopf, riss Schachteln auf, sprengte Kästen mit dem Schraubenzieher. In einem Werkzeugkasten lag die Luger in Ölpapier eingewickelt. Obwohl sein Vater geschrieben hatte, das Magazin sei leer gewesen, fand Fritz ein volles vor. Der Alte hatte also für Nachschub gesorgt. Fritz fuhr nie in eine Kiesgrube oder in den Wald, um probezuschießen, auch nicht, als in ihm die Absicht reifte, Masrat umzubringen. Er studierte sie auf dem Speicher, zog am Kniegelenkverschluss den Schlitten nach hinten, um die erste Patrone in den Lauf zu schieben. Die P08 würde sich nach einem Schuss durch einen Rückstoß-Mechanismus automatisch nachladen. Er brauchte dann nur in gemessenen Abständen zu feuern. Nach dem Studium der Funktionsweise legte er die Luger-Parabellum zurück, vorerst, überschüttete sie mit Schrauben und packte Hämmer und Zangen darauf.

Dass sein Vater, der Weltkrieg-I-Radebusch, die Waffe in einem Werkzeugkasten versteckt hatte, konnte bedeuten, dass er sie für ein Werkzeug hielt oder dass er sie in Gesellschaft ziviler Gegenstände, die dem Leben dienstbar sind, heiligen wollte. Wenn es für den Alten ein Werkzeug war, hatte er sie dann nicht benutzt, um den Nachkriegshunger zu bekämpfen, hatte er Hasen geschossen, Tauben, Hunde? Und wenn ja, dann würde sich ein alter Mensch aus dem Dorf vielleicht daran erinnern!

„Hast du jemals gehört, dass nach dem Krieg einer aus dem Dorf gewildert hätte?“ fragte Radebusch seine Frau Montag früh.

„Mit Pfeil und Bogen sind sie auf Ratten losgegangen.“

„Ein Gewehr hatte ja niemand, auch die Polizei nicht?“

„Vermutlich nicht, wieso?“

„Waren harte Zeiten im Krieg und danach. Die Franzosen hätten einen Schießprügel sicher nicht geduldet. Daher konnten die Leute draußen keine Kaninchen schießen. Sie mussten ihre eigenen fressen, wenn sie welche hielten. Ich hab mal gesehen, wie jemand einen Stallhasen an die Mauer schlägt. Es gibt immer Menschen, die das über sich bringen. Das ist genau so oder noch schlimmer als das da in der Zeitung.“

Radebusch legte die Zeitung aus der Hand. Er widerstand dem Impuls, einen Bericht über Masrats Tod auszuschneiden, obwohl es, überlegte er, nicht auffällig wäre, wenn jemand eine Seite, die über ein Ereignis berichtet, das vor der eigenen Haustür stattgefunden hat, herausreißt. Wäre es nicht vielmehr umgekehrt verdächtig, nähme er keinen Anteil an dem Vorfall? Seine Frau enthob ihn der Mühe, sich zu entscheiden. Sie riss den Artikel heraus, faltete ihn und legte ihn unter einen Stapel Teller im Küchenschrank. Das war eine natürliche Reaktion (hoffentlich würde die Polizei es auch dafür halten).

„Dass so etwas vorkommt“, sagte sie, „gibt Scherereien. Die verhören wer weiß wen, uns vielleicht auch.“

Radebusch erhob sich schwerfällig und zog seine Frau ins Schlafzimmer, als wären sie heute Morgen in der Küche nicht alleine unter sich gewesen. Was er zu beichten hatte, war so vertraulich, dass er es nur im Allerheiligsten, wo man sich schlafend der Welt hingibt, weitergeben mochte.

„Was ich dir jetzt sage, ist lebenswichtig. Lebenswichtig! Ich habe nämlich auch so eine Pistole wie in dem Bericht über Masrat. Die muss irgendwie verschwinden.“

Die bequemste Art, sie verschwinden zu lassen, hatte er versäumt und es nicht über sich bringen können, dem Andenken seines Vaters geschuldet, sie auch in den Waldsee zu werfen, obwohl es vermutlich das Klügste gewesen wäre. Aber weiß man es? Würde die Polizei nicht glauben, dass keiner so dumm ist, die Tatwaffe mit nach Hause zu nehmen, und sich deshalb erst recht in der Gegend umsehen? Wäre ein Weiher nicht das klassische Depot für eine Mordwaffe? Läge das nicht auf der Hand? Die Polizei würde Magneten durchs Wasser ziehen oder den See trockenlegen. Hülsen würden sie auch dann in dem Schlamm nicht finden, wenn schon, aber eine komplette Parabellum, mit drei Schuss im Magazin und einen im Lauf, mit vier Patronen, die wie eine Kopie der verschossenen wären, ein schicksalhafter Fingerzeig (vielleicht war Fritz Radebusch doch klüger als er selber meinte).

„Wie kommst du denn an eine solche Pistole!“

„Vielleicht kannst du noch lauter schreien!“

„Wie kommst du denn an eine solche Pistole? Die müssen glauben, du hättest …! Wär ja kein Wunder.“

„Die muss weg!“

„Wo hast du sie denn?“

„Wieder im Werkzeugkasten.“

„Wieso ´wieder´?“

„Ich hab sie da gefunden, nach Vaters Tod, beim Aufräumen seiner Sachen, und mal draufgeguckt und wieder zurückgelegt. Darum ‚wieder´.“

„Kannst du sie nicht draußen wegwerfen?“

Radebusch hielt es für keine gute Lösung, jetzt mit einer Pistole herumzulaufen.

8.

An diesem Montag kam Radebusch zu spät in die Hartkopfsche Firma. Er bewegte sich wie unter einem äußeren mechanischen Zwang, als er das Polizeiauto sah, das vor Hartkopfs Büro parkte. Was machen die schon hier? Er dachte überstürzt, wollte alles auf einmal wissen und alles richtig machen und konnte daher keinen klaren Gedanken fassen. Welchen Fehler hast du begangen, dass sogar die örtlichen Bullen schon dahinter gekommen sind? Ist deine Frau durchgedreht? Haben sie deine Frau mit der Pistole erwischt? So blöd ist die nicht. So blöd nicht. Die nicht. Andere ja, die nicht. Ihm wurde wohler, als er merkte, dass der Fahrer, der im Wagen sitzen geblieben war, keine Notiz von ihm nahm. Fritz ging an ihm vorüber und grüßte. Der Fahrer nickte und schloss die Augen, als wäre ihm alles zu viel, dieses ganze Theater. Fritz bedauerte, nicht danach gefragt zu haben, was die Polizei hier wolle, ob sie vielleicht in dem Mordfall ermittle, den ja jeder schon aus der Zeitung kennt. ‚War wohl ein Bolschewistenschwein‘, etwas in der Preisklasse hätte er sagen müssen. Aber gesagt ist gesagt, besser man hält die Schnauze. Gerade du solltest die Schnauze halten! Du wirfst sonst Dinge durcheinander, solche, die in der Zeitung stehen, mit denen, die du selbst erlebt hast. Nur nicht umschauen. Er grüßte einen Kies-Fahrer. Der schrie von Weitem: „Spät dran heute?“ Irgendetwas wie „tscha-ha“ brachte Fritz hervor und beschloss, diesem Idioten eins auszuwischen, wenn die Affäre bereinigt wäre und wenn er, Fritz Radebusch, dann noch leben sollte. Immerhin fing er an, darüber nachzudenken, was er sagen würde, wenn man ihn früge, warum er später als gewöhnlich kommt. Ausreden müssen nahe an der Wahrheit liegen. Aber zu nah darf es auch wieder nicht sein! Er würde sagen, dass ihn die „schreckliche Meldung“ heute Morgen aus der Bahn geworfen habe, Herr Masrat sei doch ein angesehener Bürger des Ortes, den kenne jeder (so tun, als lebte er noch, als wäre sein Tod nicht sicher). Hoffentlich erzählt meine Frau keine Märchen: ‚Mein Mann ist später von zu Hause weg, weil er fiebert, er hat sich vorgestern einen Schnupfen geholt.‘ Aber das macht die nicht. Die nicht. Radebusch beschloss, sich eine Zeitung geben zu lassen, möglichst eine andere als seine Hauspostille, und sich alle Einzelheiten einzuprägen, damit er wirklich nur das sagen würde, was er gelesen hatte, und nicht das, was er wusste. Du musst dich konzentrieren, reiß dich zusammen! Sie dürfen Daniel heute nicht sehen. Der darf ihnen nicht über den Weg laufen. Für den Fall, dass er in seiner Löwengrube hockt, muss ich ihn warnen. Radebusch wollte ins Büro hineingehen, als ihn zwei Beamte gegen die Türfüllung quetschten. Sie machten drei Sprünge auf den Hof, stiegen in das Auto, schreckten den Fahrer aus seiner Schläfrigkeit und spornten zur Eile.

Hartkopf stand in seinem Büro, kreidebleich. Er wartete keinen Gruß ab und sagte fast tonlos:

„Der Urbanski.“

„Was ist mit ihm?“

„Sie suchen ihn wegen vorgestern. Die haben doch den Masrat umgelegt.“

„Was heißt ‚die´?“

„Irgend jemand. Sie glauben, der Urbanski war´s, weil Masrat vor drei Monaten öffentlich die Frage gestellt hatte, ob wir sicher sein dürften, dass unter den Pollacken kein Untergrundkämpfer sei, zum Beispiel der Urbanski, der so abgefeimt glotze – nur weil er die Augendeckel nicht zugeklappt hatte, als der Herr Obergeschissrat an ihm vorbeizugehen geruhte.“

„Sie haben Urbanski aber nicht mitgenommen.“

„Er war nicht hier. Er ist auf der Baustelle.“

„Haben Sie das gesagt?“

„Ich habe gesagt, dass ich nicht weiß, wo er ist.“

„Ich muss ihn warnen.“

„Aber machen Sie das sehr vorsichtig. Sie nehmen den T2 und ich gebe Ihnen einen Auftrag für die Baustelle. Reparieren Sie den Mischer.“

„Ist er kaputt?“

„Herr Radebusch, dann machen Sie ihn eben kaputt! Beeilung. Ich habe in der Nase, dass sie wiederkommen.“

„Was sag ich denn dem armen Kerl? Ich kann ihn doch nicht hierher bringen?“

„Zu Ihnen?“

Der guckt mich an, als wüsste er alles. Wenn sie bei mir den Urbanski finden, dann auch die Parabellum. Radebusch kratzte sich die Hand und sah ratlos aus.

„Bringen Sie ihn vorsichtig hierher, wir stecken ihn in die Löwengrube.“

Radebusch nickte erleichtert, obwohl er keinen Grund hatte, erleichtert zu sein. Nicht nur Spielstein und Urbanski waren in Gefahr – er auch und seine Frau und Philipp, sein Söhnchen, und wer sonst noch.

Sie kamen wieder, in einem grünen Mannschaftswagen. Acht Mann sprangen hintereinander heraus, Gewehre in der Rechten. Sie stellten sich in Reih und Glied, hier geruckt und da gezuckt. Sie redeten leise und hielten ihre Karabiner wie andere Leute eine Brechstange. Ein Offizier verschwand im Bürogebäude. Er war kaum eine Minute drin gewesen, als er zusammen mit Hartkopf vor seine Polizisten trat und die Hausdurchsuchung des Kieswerks anordnete. Hartkopf verzichtete darauf, falsche Spuren zu legen. Er sagte gar nichts und trug ein ausdrucksloses Gesicht vor sich her. Der Polizeioffizier versuchte nicht, Hartkopf in ein Gespräch zu ziehen, und befahl ihn zurück ins Büro. Der befolgte freiwillig den Befehl, denn einen anderen Ort als sein Büro aufzusuchen, erschien ihm zu gefährlich, weil er glaubte, beobachtet zu werden. Wie leicht hätte er eine Spur legen können, indem er zu nah an das Versteck heranging oder zu weit in die entgegengesetzte Richtung!

Vor seinem Büro versammelten sich einige Arbeiter. Sie hofften, neue Informationen zu erhalten, und fragten ihn, was die Leute von der Polizei hier zu suchen hätten.

„Wegen vorgestern“, sagte Hartkopf.

Er blieb bei den Arbeitern stehen, versenkte seine Hände in den Hosentaschen, zog die Schultern hoch und streckte seine Arme steif.

„Was haben wir denn damit zu tun?“

„Nichts. Die suchen halt, glauben vermutlich, die Fremdarbeiter …“

„Die Pollacken, könnte doch sein!“

„Die Pollacken haben sich ja nicht selbst eingeladen und verbringen auch nicht ihren Urlaub hier!“ schnappte Hartkopf zurück.

„Drum.“

Ein Gewehrschuss ließ alle wie auf Kommando zusammenfahren. Ein scharfer Ruck fuhr durch die Gruppe vor dem Büro. Nichts war zu sehen, was auf einen Zusammenhang mit dem Knall deutete. Es war einen Augenblick lang ganz still. Dann erschien der Offizier auf der Bildfläche, katzenhaft gewandt, jederzeit bereit, sich zu ducken.

„Jemand hat auf uns geschossen!“

„Hier war alles ruhig, bis wir den Knall hörten. Er kam vom Baggerloch.“

„Gehen Sie weg vom Gelände, ins Büro! Wenn es derselbe Kerl von vorgestern ist: der scheint vor nichts Respekt zu haben.“

Der Offizier war sichtlich aufgeregt, immer zum Ducken bereit. Er drängte die Arbeiter und einige Polizeibeamte, die inzwischen eingetroffen waren, ins Haus. Bald erfuhren alle Polizisten, dass ihr Vorgesetzter nach dem Knall seinen Befehlsstand in Hartkopfs Büro verlegt hatte.

Pohlhaus war ein Mittvierziger, ein kleiner Mann mit immer rotem Kopf und wässrigen Augen zwischen leicht entzündlichen Lidern. Da stand er bierruhig am Rand des Baggerlochs und stierte in die Tiefe wie man ins Feuer starrt, mit derselben Gebanntheit. Die Suche nach dem Verbrecher regte ihn nicht auf. Irgend jemand fände ihn schon. Ich habe noch nie einen gefunden. Es ist zwecklos, dass ich mich an der Suche beteilige. Trotzdem wird er gefunden, alle werden gefunden. Ein feines trockenes Raschel-Rauschen störte ihn auf. Instinktiv drückte er seinen Karabiner fester und suchte die steile Flanke der Kiesgrube ab, gegenüber der Rampe für die Lastautos. Es rieselte, dann war alles still. Plötzlich schoss ein Etwas aus einem schwarzen Sandloch, das ein Bagger ausgebissen hatte, und sprang mehr als dass es lief die sandige Steilwand hinauf, bis zu der Stelle, wo der Ackerboden anfing. Dort überschlug es sich, der Abbruch war zu steil, und das Etwas, diese Blitzschlange, dieses Wiesel, rollte wieder hinab, eine Lawine aus Sand und Kieselsteinen hinterdrein. Das Kaninchen versuchte es immer wieder an derselben Stelle, mit einer verzweifelten Sturheit. Die Intelligenz des Menschen, der sich an diesen Kapriolen ergötzte, reichte aus, um den Augenblick abzupassen, wo sich das Tier wieder aufrappeln würde, um die Sandmauer abermals zu erstürmen. An diesem Punkt der Ruhe, am Tiefpunkt des Falls, drückte Pohlhaus ab. Das Kaninchen war wie verzaubert, hinweggehoben über sich hinaus. Zurückgelassen hatte es nur ein Stückchen Fell und ein paar Tropfen Blut.

Pohlhaus behauptete, wie alle anderen, niemand habe auf ihn geschossen. Er behauptete aber auch, dass er keinen Schuss gehört habe, aus dem er hätte folgern können, dass jemand auf ihn schieße.

„Sie haben nichts gehört, Mann? Wo waren Sie denn?“

Während Pohlhaus mit dem Arm in die Richtung des Baggerlochs wies, dämmerte ihm, dass er in der Scheiße saß. Seinen eigenen Schuss hatte er ja nicht mitgezählt! Aber selbst seinem trägen Verstand erschloss sich nun die bittere Erkenntnis, dass der Schuss auf das Kaninchen, dieser Meisterschuss, für die ganze Aufregung sorgte.

„Ich habe nämlich auch geschossen“, begann der Schütze kleinlaut.

„Er hat auch geschossen! Sie Rindvieh, Sie alleine haben geschossen, auf wen, wenn ich bitten darf!“

Der Offizier sah sich außer Lebensgefahr und spielte die Rolle des Mannes, der die Lage beherrscht.

„Es hat sich dort etwas bewegt.“

„Es hat sich was bewegt! Und da schießen Sie mir nichts dir nichts? Mann, sind Sie sicher, dass es nicht Ihre Mutter war, der Sie ein Loch in den Arsch gebrannt haben? Den Bericht über Ihre Munitionsverschwendung schreiben Sie selbst, haben Sie verstanden? Und zwar so, dass ich meine Unterschrift ruhigen Gewissens darunter setzen kann. Alle Mann raus hier und aufsitzen!“

Die Suchaktion wurde vorzeitig beendet. Der beschämende Zwischenfall hatte dem Offizier die Fortsetzung verleidet. So rettete ein Kaninchen durch das Opfer seines Lebens Urbanski und Spielstein. Denn bis in die Schlosserei war die Suchmannschaft schon gedrungen, als der Schuss sie hinaustrieb.

Es fanden keine weiteren Aktionen statt. Während der Beisetzung von Masrat hatte es zwar großes Getöse gegeben: Im Dienste der Sache, Opfer der Bewegung - alles ausführlich behandelt in einer Beilage der Regionalpresse. Aber bald geriet die Sache in Vergessenheit. Sie verschwand jedenfalls aus dem öffentlichen Bewusstsein. Hartkopf erfuhr allerdings, was zur raschen Einstellung der Suchaktion geführt hatte, als er zwecks Aufbesserung der „Courtage“ mit von Grein verhandeln musste.

„Sie haben Glück gehabt. Normalerweise hätten wir Ihre Fabrik auf den Kopf gestellt. Unsere Jungs sind nicht so blöd wie die Polizei. Aber ich wollte unsere Geschäftsbeziehungen nicht stören. Wir haben auch keine Staatsaktion daraus gemacht, weil dieser saubere PG, den sich ein gehörnter Ehemann aufs Korn genommen hat, das ist jetzt die inoffizielle Version, anfing, uns lästig zu werden. Sein Verhalten war parteischädigend. Die Weiber vom Puff, die er an Wochenenden besuchte, rannten uns die Türen ein. Der feine Herr hatte vergessen zu zahlen. Ohne Uniform ist der Respekt dahin, und die Weiber haben dann keinen Sinn für die Ehre, unter solchen Herren zu dienen, wie Masrat einer war. Und noch eins: Uns lag auch nichts an der Verbreitung, Bolschewisten oder Juden, horribile dictu, hätten Masrat umgelegt. Das hätte so ausgesehen, als gäbe es Widerstandsnester, vielleicht sogar aufständische Juden, ein Massada in Oplyr, nicht auszudenken. Wir wollen das auf sich beruhen lassen. Aber ich rate Ihnen, auf Ihre polnischen Gäste ein Auge zu werfen. Sorgen Sie dafür, dass sie nicht auffallen. Und der eine, der zur fraglichen Zeit nicht da war, bleibt am besten verschwunden. Es wimmelt von Polizisten, die sich was anstecken wollen. Eine Mordakte wird nie geschlossen. Sie ruht, aber geschlossen? Darauf dürfen Sie nicht bauen!“

Diese Gesprächigkeit überraschte Hartkopf. Er nahm sich vor, das Gehörte nach Hinweisen abzusuchen, die nützlich sein könnten. Am Ende ist Masrat von den eigenen Leuten umgelegt worden? Hartkopf lebte in der gefährlichen Nähe von Personen, denen der Tod oder das Verschwinden eines Menschen nicht viel ausmachte.

9.

Als Sozialist verachtete Fritz Radebusch die Kirche, aber er besaß eine übertriebene Vorstellung von ihrer Moralität, von ihrem Gebot zur Nächstenliebe, das einzuhalten sie nur zu schwach sei. Insgeheim aber wies er ihr die Aufgabe zu, die sie vielleicht in den Anfängen wahrgenommen hatte: zu helfen, wo Not am Menschen ist. Wie dem auch sei. Man erzählte sich nach dem Krieg (wobei sich ein Informant auf den anderen berief), Radebusch, nicht Hartkopf, habe den Anstoß gegeben, nur um zu beweisen, dass Kleriker nicht täten, was ihre Pflicht ist: nämlich Urbanski, den polnischen Katholiken, zu verstecken und unbeschädigt über den Krieg zu bringen.

Der Abt war ein junger Mann. Die Leute in Oplyr, die an hohen Festtagen die Gottesdienste des Klosters Weiberberg besuchten, hielten ihn für vierzig, obwohl das Ornat, das er bei solchen Gelegenheiten trug, die Altersschätzung erschwerte. Der Pfarrer des Ortes wollte wissen, der Abt habe nicht nur Theologie und die beiden Rechte studiert, sondern auch Volks- und Betriebswirtschaftslehre, was ihn vor den anderen Mönchen auszeichne, ein angesehenes Kloster zu leiten. Gustav Hartkopf hatte sich im Ort nach den Eigenschaften des Mannes erkundigt und nie eine andere Information erhalten, als dass er gescheit sei und mit Geld umzugehen verstehe. Das beruhigte Hartkopf. Wirtschaftswissenschaften sind reell, handfester als das fromme Gesülze. So traten er und Radebusch dem Gedanken näher, wegen Urbanski mit dem Kloster zu sprechen.

Das Nächstliegende wäre, sich dem Pfarrer anzuvertrauen und ihn zu bitten, den Kontakt zum Kloster herzustellen. Radebusch riet davon ab: Der Pfarrer habe zu oft unter Hakenkreuzen posiert. Er sei eine Schaltstelle des Tratsches, außerdem habe er bei der Verschleppung Jabotinskys und Doktor Schöns nichts zu ihrer Hilfe unternommen. Mit dem Kloster zu telefonieren, erschien ihnen zu gefährlich. Es war nicht ausgeschlossen, dass alle Telefonate überwacht wurden. Es war auch nicht ausgeschlossen, dass man das Kloster bespitzelte. Viele Personen kamen als Spitzel in Betracht. Sie würden unentgeltlich denunzieren, nur um sich als treue Volksgenossen zu erweisen. Wie also den Kontakt aufnehmen mit einem Mann, der Ökonomie studiert hatte und von Amts wegen (wahrscheinlich) kein Nazi war? Aber sind denn die Männer der Wirtschaft immun gegen das „Braunfieber“? Es gab ja unter ihnen genug willfährige. Das Großkapital hatte schließlich diesem Gefreiten an die Macht verholfen (so Radebusch im vertrauten Kreis). Trotzdem, ein Ökonomie-Abt ist besser als die meisten Geisteswissenschaftler, viel besser als Juristen und Lehrer - das kleinere Übel.

Eines Morgens fuhr Radebusch mit zwei Arbeitern in dem Dreirad, dem T2, durch das Dorf. Der T2 war beladen mit Kies, Sand und Bitumen, einigen Hacken, Steingabeln und Reiserbesen. Auf der Ladung saßen die Arbeiter und verzehrten ihr Frühstücksbrot. Sie tranken aus Feldflaschen, die noch aus dem ersten Krieg stammten. Eine Weile hielt sich Radebusch auf der Hauptstraße. An der alten Kiesgrube sah er starr nach vorn, um kein misszuverstehendes Interesse an diesem Ort zu bekunden, obwohl die Vorsicht überflüssig war, denn erstens saß außer ihm niemand in der Fahrerkabine und zweitens hatte die Presse diesen Ort niemals erwähnt, weil Masrat so dämlich gewesen war, den Tatort zu verlassen und dann doch abzukratzen. Radebusch grinste bei dem Gedanken und schüttelte den Kopf. Am Heiligenhäuschen bog er nach links auf die „Pass-Straße“, wie er die schmale Straße nannte, die in sanfter Steigung am rechten Ufer des Mühlenbachs auf das Plateau führte, zur Ruine der alten Ziegelei. Der Vorberg begrenzt im Westen die Ebene, wo der Rhein Unmengen Kies und Schluff angeschwemmt hatte. Einen winzigen Teil davon, ein Staubkörnchen, schleppte das ächzende, tuckernde Tempo-Dreirad hinauf. Der Zweitakter verlor den Faden, „die Nähmaschine steppte nicht mehr“. Radebusch hielt und befahl den Männern abzusteigen und zu Fuß weiterzugehen. Fritz fuhr nun im Schritt-Tempo. Der T2 begann zu schlingern wie nur ein Dreirad auf einem mit Schlaglöchern übersäten Sträßchen. Die Arbeiter und der T2 erreichten fast gleichzeitig die Abzweigung zum Kloster. Fritz stoppte und stieg aus. Von dieser Stelle konnte man das Kloster gut überblicken. Es lag am Ende des Mühlenbachs. Die Mauern umschlossen das Quellgebiet, „heiligen Boden“, der seit Jahrhunderten den Dominikanern gehörte. Radebusch sah prüfend hinüber und rief den Männern zu:

„Hier ist es. Fangt an. Repariert den Klosterweg. Lasst euch Zeit. Macht es gründlich!“

Er zerstreute die Bedenken seiner Arbeiter, das bisschen Sand auf dem T2 reiche höchstens für fünf Meter, und begann, an einigen Stellen Asphaltreste zu beseitigen, mit übertriebenen Verrenkungen, als wollte er die Spitzhacke mit aller Kraft in den Weg schlagen, dass keiner außer einem Gottberufenen sie je wieder herausziehen könnte.

„Du spinnst, Fritze, machst mehr kaputt, als wir in einem Jahr reparieren können.“

Nach einer viertel Stunde wurde Radebusch ungeduldig. Er stellte seine Arbeit ein und vertiefte sich in den Anblick des Klosterkomplexes. Seine Männer arbeiteten langsam, in einer wiederkäuenden Weise. Es wurde ihnen heiß, sie lehnten sich an den Ladeverschlag. Sie hatten gar nicht bemerkt, dass aus der Pforte jemand herausgekommen war – erst, als er über die Hälfte der Strecke zu ihnen zurückgelegt hatte.

Der Mönch näherte sich. Er ging nicht, er lief nicht, er schlurfte nicht, sein Gang versteckte sich unter der Kutte, die fast über den Boden schleifte, aber nur fast, darum sah es so aus, als bewegte er sich auf Schienen. Der Mann blieb vor den Arbeitern stehen und machte zwei wortlose Verbeugungen wie ein Mandarin. Dann sagte er:

„Guten Tag, meine lieben Herren.“

Radebusch erwiderte:

„Guten Tag, lieber Herr.“ Er meinte es nicht ironisch, er fand die Anrede passend für einen Mönch, den er sonst nicht anzureden gewusst hätte.

„Ihr lieben Herren, wir verfolgen Ihre Aktivitäten seit geraumer Weile und können doch nicht glauben, dass Sie uns von Gott geschickt worden seien, um die Zufahrt zu reparieren, obwohl es fast den Anschein haben möchte, wenn ich in Augenschein nehme, was Sie bisher vollbracht haben.“

Er nickte dreimal. Die Männer sahen sich an (der redet vielleicht komisch). Radebusch behauptete nun:

„Wir haben vom Kloster den Auftrag.“

„Einen Auftrag durch das hiesige Kloster? Ja, ich bin wohl nicht informiert, meine Herren. Ich weiß davon ja gar nichts.“

„Ich kann es erklären und würde mich freuen, mit Ihrem Chef darüber zu sprechen.“

„Der Prior delegiert solche Aufträge an die Brüder, die dazu auserkoren sind.“

„Aber das Missverständnis ließe sich bald beheben, wenn ich mit dem Prior persönlich spreche, falls Sie nichts dagegen haben.“

Radebusch fixierte den Mann in der Kutte und machte dabei so beredte Augen, dass der in den ungewöhnlichen Vorschlag einwilligte. Radebusch verließ seine beiden Helfer und ging in Begleitung des Bruders Pförtner zum Kloster hinauf.

Der Gastpater ließ ihn in einer getünchten Kammer zurück. Ein schwarzes Holzkreuz ritzte die Wand neben der Tür. Die Hauptperson, bereits vom Leiden erlöst, hing nicht mehr am Kreuz, daher erschien es wie ein Symbol der Auferstehung. Es stach Radebusch in die Augen. Er wandte sich zum vergitterten Fenster. Auch lauter Kreuze: Ein Querbalken langte zum nächsten, ein Stamm stand auf dem anderen. Radebusch sah seine Kumpane. Sie schippten träge vor sich hin. Als es nichts mehr zu schippen gab und einer von ihnen mit dem Besen über die Straße wischte, öffnete sich ein Seitentürchen, herein trat ein junger Mann in Kutte und erkundigte sich, nachdem er zivil gegrüßt hatte, ob er, Radebusch, die Angelegenheit nicht mit ihm klären wolle, denn der Prior sei stark in Anspruch genommen. Fritz beschied knapp:

„Ich möchte mit dem Chef persönlich sprechen.“

Dabei schaute er dem Mann bedeutungsvoll in die Augen, so dass dieser rot wurde und sich schnell zurückzog. Im Hinausgehen murmelte er, man werde sehen, was sich tun lässt, und zog die Tür ins Schloss. Diesmal dauerte es nicht lange. Radebusch wurde in einen großen Raum geführt. Die Wände waren mit dunklem Holz verkleidet. Das Mobiliar im Bauhausstil hob sich von der Umgebung ab, ohne deplatziert zu wirken. Radebusch blinzelte umher. Er würde das obligatorische Kreuz schon entdecken. Gleichzeitig mit dem Eintritt des Priors sah er es, schräg abgestellt, in einer Ecke hängen. Der Prior, wie die anderen in eine Kutte gehüllt, trug eine Brille. Er warf mit einem Schwung die Tür hinter sich zu, ohne sie knallen zu lassen, und schritt ausholend (erkennbar schreitend, trotz Kutte) auf Radebusch zu, streckte ihm die Hand entgegen und rief:

„Seien Sie willkommen. Sie sind einem Irrtum aufgesessen, höre ich?“

Radebusch war eingeschüchtert, auch weil er nicht wusste, wie man einem Abt oder Prior begegnet. Er stellte sich vor und rückte endlich damit heraus, dass die Straßenarbeiten eine Finte seien, um unauffällig in einer wichtigen Sache, einer sehr wichtigen, mit ihm, dem Abt, den er vermutlich vor sich habe, sprechen zu können. Radebusch vergaß nicht herauszustreichen, dass er kein Katholik sei, überhaupt keiner Kirche angehöre, dass aber „in diesen Zeiten“ Sozialisten und Christen zusammenhalten müssten. Er wolle das aber nicht zum Hauptgegenstand des Gespräches machen. Es gehe vielmehr um Leben und Tod. Dann folgte, ohne dass der Prior ihn unterbrochen hätte, die Geschichte von Urbanski und der Hausdurchsuchung in der Hartkopfschen Kiesfabrik. Und schließlich:

„Wir haben uns gedacht, dass Sie Ihrem Glaubensbruder helfen könnten.“

Der Prior wies mit dem Arm auf die Stühle, was einer späten Aufforderung gleichkam, sich zu setzen.

„Sie bringen mich in eine unangenehme Lage“, bemerkte er und hob gleichzeitig beide Hände in eine Abwehrhaltung, die besagen sollte, dass ein Einwand Radebuschs noch zu früh sei.

„Zuerst müsste ich mich Ihrer vergewissern“, er lächelte, „ich weiß von Ihnen nicht mehr, als dass Sie vorgeben, einen Auftrag von uns zu haben, und nun behaupten, einen Menschen bei uns verstecken zu müssen.“

„Wer ich bin, können Sie in der Firma Hartkopf erfahren.“

„Wenn ich Sie richtig verstanden habe, verträgt Ihre Mission keine fernmündlichen Absprachen.“

Natürlich, Fritz ärgerte sich über sich selbst und antwortete schnell:

„Ich kann Ihnen keine Beweise meiner Vertrauenswürdigkeit geben. Ich wüsste nicht wie.“

„Hat Herr Urbanski, Sie sagten doch Urbanski, etwas mit dem Mord zu tun?“

„Nein, ganz sicher nicht.“

„Aber er wurde bei Ihnen gesucht. Es bestand also ein gewisser Verdacht?“

„Nur weil er Zwangsarbeiter ist und zur fraglichen Zeit nicht im Büro war.“

„Er war zur Zeit des Attentats nicht bei Ihnen, obwohl er normalerweise dort hätte sein müssen?“

„Er war zur Zeit der Hausdurchsuchung nicht bei uns, sondern auf einer unserer Baustellen.“

„Woher soll ich wissen, dass er mit dem Mord nichts zu tun hat? Wenn ich einen Mörder decke, sind meine Brüder in Gefahr. Das Kloster selbst, die Heimstätte von zwanzig Menschen, mit Gebäuden, Ländereien steht auf dem Spiel. Es wäre nicht das erste Mal in den letzten Monaten, dass der Staat Kirchengüter einzieht, Menschen vertreibt oder in Lager sperrt.“

Der Prior sah Radebusch durch die randlose Brille an. Sie macht ihn jünger als er vermutlich ist, dachte Fritz, ein Bürokratentyp, ein Beamter – wäre normalerweise nicht mein Fall.

„Urbanski war es nicht. Ich könnte es beschwören.“ Radebusch hörte sich selber zu. „Er kann es nicht gewesen sein. Er hat Frau und Kinder. Er kommt aus der Krakauer Gegend.“

Der Prior hatte den Kopf nach hinten gelegt, die Beine übergeschlagen, sein Kinn wurde von einem Daumen gestützt. Der Zeigefinger war damit beschäftigt, gegen die Nasenflügel zu klopfen. Wie würde die Aufzählung der Tatsachen: a) verheiratet, b) Vater und c) Krakauer die Unschuld Urbanskis beweisen?

„Ich habe Masrat umgelegt.“

Radebusch kannte sich selbst nicht mehr. Wie kam er dazu, dem Mann vor ihm etwas zu gestehen, was er nicht einmal seiner Frau, die es verdammt nochmal etwas anging, zu sagen gewagt hatte! Der Klostervorsteher erhob sich abrupt, indem er seine Hände auf die Schenkel stützte und sich hochkatapultierte. Er drehte sich zum Fenster und spielte hinter seinem Rücken nervös mit den Fingern. Radebusch war einen Augenblick lang unsicher, ob die Ursache für die Nervosität des Mannes nicht im Innenhof oder auf der Straße zu suchen wäre, so angestrengt blickte der Mönch hinaus.

„Wenn er geschnappt wird, dann müssen Sie sich melden.“

„Ja“, sagte Fritz, „das müsste ich wohl.“

„Sie erhalten den Auftrag zur Beseitigung der Schlaglöcher. Schicken Sie Urbanski her.“

Daniel drehte den Stoffbären mit beiden Händen von einer Seite zur anderen. Dann schien er ihn mit der Handfläche wiegen zu wollen. Dabei schaute er Frau Radebusch fragend an. Sie hatte ihm den Bären wie beiläufig zusammen mit den Lebensmitteln und den Büchern auf den Tisch gepackt.

„Wussten Sie“, fragte die Frau, „dass ‚Teddybär‘ von Theordore Roosevelt kommt? Jemand hat ihn aus Verehrung des Präsidenten der Vereinigten Staaten so benannt, des Präsidenten vor dem letzten Krieg, noch zu Kaisers Zeiten.“

Sie flüsterte, als wäre diese Mitteilung von äußerster Wichtigkeit und als könnten sie hier belauscht werden.

„Mein Mann und ich haben sie im Feindsender gehört, die Geschichte des Teddybären. Das Abhören ist strafbar. Es soll Todesurteile setzen.“

Frau Radebusch verhielt sich so, als deutete allein der Besitz eines Teddybären auf das heimliche Abhören alliierter Sender hin und als müsste darum ein Teddybär so schnell wie möglich aus dem Gesichtskreis zufälliger Besucher in Radebuschs Wohnung verschwinden.

Verrückt! Die glaubt doch nicht wirklich, ein Kinderbär sei bereits ein Indiz für angloamerikanische Umtriebe oder das Symbol deutscher Spione im Dienst der Alliierten? Sie hat vor Jahren ein Kind verloren. Warum gibt sie jetzt den Teddy aus der Hand, mit dieser überspannten Begründung? Die Tierpuppe, ziemlich schwer, lange Schnauze, engstehende Glasaugen, sah so aus wie die Bären im Kölner Zoo. Daniel wusste, dass man gebrauchte Stofftiere und Puppen nur aus Liebe verschenkt oder als Vorschuss auf Liebe, die entstehen und sich bewähren soll. Die blaue Schleife saß adrett um den dicken Nacken. Die Naht am Rücken verlief sauber gestochen, wie neu. Daniel untersuchte sie in der Annahme, dass in dem Tier etwas für ihn versteckt sei. Aber er konnte keine Öffnung finden, die ihm darin Recht gegeben hätte, und er wollte von sich aus den Teddy nicht aufschlitzen. Er war eine Erinnerung an das tote Kind und ihm, Daniel Spielstein, anvertraut worden. So beschloss er, ihn sorgfältig aufzuheben, legte ihn auf Zeitungspapier und schob ihn unter sein Feldbett. Kann sein, dass Frau Radebusch etwas verrückt ist, leicht durcheinander, oder die Welt ist verrückt geworden - oder du selbst. Frau Radebusch war eine praktische Frau. Wenn man Daniel Spielstein, den Juden, entdeckte, dann würde ihn niemand und nichts retten – ob man bei ihm die Pistole fände, wäre dann schon egal.

Luise Radebusch, die Frau von Fritz und Philipps Mutter, starb am 4. Dezember 1944 auf einem Pfad entlang der Eisenbahn. Sie suchte nach Resten Grünkohl auf den Feldern, als Tiefflieger einen Zug durch Oplyr angriffen. Außer ihr starben an diesem Weg zur selben Zeit noch achtzehn Menschen, darunter ein Kind.

Kapitel 2
10.

Daniel kam aus seiner Löwengrube (für länger als nur für ein paar Stunden), nachdem ein Jeep auf den Betriebshof geprescht war und Gustav Hartkopf das Gefährt als „echt amerikanisch“ beschrieben hatte.

„Kein Nazi-Trick, Dan. Der Fahrer ist Indianer. Waren Indianer in der Wehrmacht? Na also!“

„Gibt es im Staate New York noch Indianer, in Yonkers beispielsweise? Vielleicht ist er ein Jude. Das wäre schön. Ein jüdischer Indianer, der meinen Vater gekannt hat. Ein Regenmacher und der Augenwischer. Mein Gott. Wer war noch bei ihm?“

„Ein Jude!“

Die Männer warfen sich auf einen Haufen Sand und lachten, lachten und weinten. Sie lachten, bis ihnen die Brust weh tat, bis ihr Lachen im Husten erstickt wurde und ihnen die Tränen über die Backen flossen. Sie hätten noch nie in ihrem Leben so gelacht!

In den ersten Wochen seiner Befreiung spazierte Dan umher. Als die Straßenbahn wieder in Betrieb genommen wurde, fuhr er nach Bonn und ging die die Pfarrer-Gyssel-Straße. Das Haus seiner „Illegalität“, das Haus, das sein Vater gerne gekauft hätte, war ausgebombt. Er fragte Leute aus der Nachbarschaft, nachdem er sich als Spiälsin vorgestellt hatte. Ach, das wissen Sie nicht? Den 18. Oktober 1944 hat es überstanden, aber den Winter nicht mehr. Die Amis sind dahintergekommen, dass der Größte Feldherr aller Zeiten im Westen eine Offensive machen wollte oder schon angefangen hatte. Da war der Bahnhof dran und alles, was aus der Stadt in die Eifel führte. Daniel wäre gerne wieder in die „Illegalität“ gezogen, jetzt als Herr Spielstein, aber das ging nun nicht mehr. Deshalb nahm der das Angebot der Militärverwaltung an, die ihm (durch Gustav Hartkopfs Vermittlung) ein Haus der Reichsbahn in Oplyr an der Strecke Bonn-Köln in Aussicht gestellt hatte. Daniel Spielstein blieb in Oplyr, einer Kleinstadt (Stadt erst seit Anfang der 1950er), wo ein Nazi-Apparatschik erschossen worden war, wo ein paar Liberale lebten, ein paar Sozen und viele schwarze, aber wenig braune Katholiken. Das war besser als vielerorts anderswo in Deutschland.

Daniel lebte als einziger in dem Haus an der Reichsbahn (der Bundesbahn, wie sie seit Ende 1949 hieß). Die Haustür war überdacht gewesen. Jetzt stand nur noch das gusseiserne Gestell, denn der Regenfang war längst ein Opfer des wollüstigen Triebs geworden, mit Kieselsteinen Sterne ins Glas zu werfen. Daniel hatte nach der Übernahme des Hauses die Dolche und Lanzenspitzen des restlichen Glases herausgebrochen, um sich und den Passanten das Gefühl der Bewohnbarkeit zu vermitteln. Die Zimmer des unteren Stocks waren zugenagelt, ebenso die Fenster. Zwei angesplitterte Bretter wiesen darauf hin, dass mit Pflastersteinen die Festigkeit des Verhaus geprüft worden war. Einmal fand er ein Hakenkreuz auf die Ziegelsteinfront gepinselt. Daniel verwandelte es in ein Quadrat mit Unterquadraten. Er wurde deshalb von Unbekannt angezeigt, weil er sich am hellichten Tag, aufreizend langsam und akkurat, an der Hausfront mit Pinsel und schwarzer Farbe zu schaffen gemacht habe. Die Polizei vermutete in Daniel den antisemitischen Schmierer. Ihr musste er demonstrieren, wie aus einem Hakenkreuz ein Kellerfenster wird. Daniel bewohnte zwei Zimmer im zweiten Stock. Er erreichte sie über einen Flur, von wo aus man einen kleinen Boden besteigen konnte (wenn man die Leiter, die unter der Decke hing, herunterzog). Daniel fragte sich oft, wie es über ihm und unter ihm aussähe. Die Vorstellung, in ein Zimmer einzudringen, wo Möbel, mit weißen Tüchern wie mit Leichentüchern bedeckt, herumstünden, hielt ihn davon ab, die Tür zur Wohnung im ersten Stock zu öffnen. Er wäre sich wie ein Einbrecher vorgekommen. Andererseits fürchtete er die Ernüchterung durch den Anblick leergeräumter Zimmer. Vielleicht würden ihm Ratten entgegenspringen. Nein, er war nicht neugierig. Er wollte es nicht wissen.

Die alten Mieter hatten das Haus längst verlassen. Das genügte ihm. Sie waren in die Stadt oder auf die Felder gezogen, wo die Neubausiedlungen standen, weiter weg von den Schienen und dem an- und abschwellenden Brausen der Schnellzüge, die in dichter Folge Tag und Nacht durch Oplyr rasten. In der Dampflokzeit waren nicht so viele Züge gefahren. Das energische Stampfen und Ziehen unter dem davonwehenden Wasserdampf der Loks hatte sich frühzeitig angekündigt und niemanden erschreckt. Die Kessel in den schwarzen Bäuchen hatten in Oplyr noch nicht ihre maximale Kraft gewonnen, die Heizer noch nachlegen müssen. Die verdrängte Luft war in den Straßen parallel zum Schienenstrang abgeflossen, in die Gärten und auf die Felder. Jetzt schossen die Bahnen wie Raketen durch den Häuserschacht. Die Luft wurde gegen die Wände geschleudert, presste sich gegen die Scheiben, dass sie in den Rahmen erzitterten, knallte in die Ecken, gischtete am Efeu hoch, riss Blätter ab. Daniel lüftete nach hinten hinaus. Er hatte die Fenster zur Straßenseite zugekittet und hoffte, dass die Einfachscheiben dem Luftdruck widerstünden (ein wenig Spiel musst du ihnen lassen, die Fenster dürfen nicht zu stramm sitzen, sonst platzen die Scheiben).

Daniel hörte wenig vom Leerlauf der Motoren in den Fahrzeugen, die vor der geschlossenen Schranke warteten, wie Hunde an der Leine sprungbereit, die Schienen zu überqueren, aufjaulend vor Erwartung. Der nervöse Fuß auf dem Gashebel, nur um einen Mann zu erschrecken. Das Mädchen auf dem Fahrrad durch eine halbe Umdrehung des Griffs am Motorrad zu zwingen, sich erschrocken umzudrehen und in ein grinsendes Gesicht zu schauen. Nur wenn Dan die Hände auf die Scheibe legte, „hörte“ er es, spürte die Vibrationen und konnte sich denken, warum die Mieter das Haus verlassen hatten und warum die Deutsche Bundesbahn, der das Haus gehörte, darauf verzichtete, von ihm Miete zu kassieren. Alles staute sich vor den Schranken. Die Jogger traten auf der Stelle. Die Fahrer stiegen aus den Autos und blickten links und rechts in die Ferne, strengten ihre Augen an, um zu erkennen, ob sich der Fluchtpunkt aufblähen, die Rakete aus ihm herausplatzen würde. Sie hörten auf das Singen und Sirren des angeregten, durch ferne Räder maltraitierten Stahls, der die Erlösung ankündigt: den Zug mit seinen Reisenden, die gelangweilt oder gedankenverloren in den Polstern halb saßen, halb lagen, nachlässig in Papieren blätterten oder hinausstarrten und von der Ungeduld der Leute an den Schranken nichts wussten, nichts wissen wollten, als stünden sie höher im gesellschaftlichen Rang. Das Drama der Vorbeifahrt, die Demütigung vor den Zuginsassen, wiederholte sich stündlich mehrere Male, bis auf die Nächte, in denen die Signale einsam salutierten und die Schranken sich nur selten querlegten. Manchmal stand Daniel hinter den Fenstern und versuchte, in die beleuchteten Fahrkabinen zu schauen, indem er rasch seinen Kopf mitbewegte.

Die Scheiben wurden blind und fleckig, die Wasserfahnen des Regens klatschten dagegen. Der Regen nahm den empor gewirbelten Staub auf, und die Züge schmissen den Sud in der Vorüberfahrt gegen das Glas und das Fensterholz. Abends erstrahlte das Fenster, wenn das Licht der Fernzüge an Daniels Scheiben zerplatzte, aufglühte und flackerte wie Kerzen hinter Transparenzpapier oder wie Feuer in fernen Öfen, die Stahl durchsichtig machten und wo keine Form Bestand hat. Daniel aber fürchtete die lichtlosen Züge, die Waggons in langer Reihe, die Tieflader mit Panzern, die ins Manöver rollen.

Die sowjetischen Militärattachés wissen es eher als ich! Hier an dieser Schranke, dem strategischen Kreuzungspunkt, werden sie die Gemüsezufuhr zum Großmarkt stoppen, die wartenden Traktoren mit ihren Spanholzkisten voll Endiviensalat oder Erdbeeren in die Luft pusten, vaporisieren, zu Gemüsedampft machen, zu Eisen- und Gemüseeintopf. Mit Fleischbeilage – die Bauern nicht zu vergessen und die Jungs nicht, die ihnen beim Ernten geholfen und auf dem Weißkohl gesessen haben und jetzt, im Eisen- und Gemüsedampf aus zehn Kilometer Höhe den strategischen Gemüse-Panzer-Kreuzungspunkt von oben sehen (denn sie haben bereits die Augen von Engeln). Die Panzer glühen, werden durchsichtig und leichter, erheben sich, fliegen davon wie Sonnenflecken im Spiegel eines sich schließenden Fensters, wackeln wie ein Flämmchen und verblubbern in der Stratosphäre, Plasma aus Eisen, Gemüse und Fleisch. Die Rohre von Rheinstahl bewegen sich wie Girlanden im Luftzug. Die Sowjets wissen es eher als ich. Im Krieg schießen sie auf diesen Punkt (auf diesen und viele andere). Dann kommen die Panzer nur bis Oplyr und keine Umdrehung weiter, denn hier vor meiner Nase werden sie durchsichtig gemacht, hier beginnt ihre Himmelfahrt. Ihn ging es nichts an, aber um die Jungen auf dem Weißkohl tat es ihm leid. Die blieben besser zu Hause oder wanderten aus. Allerdings, die Erde ist voll von strategischen Punkten. Es wimmelt von ihnen.

Um die geschlossenen Waggons wäre es nicht schade, sie sollten verschwinden, obwohl es nicht mehr dieselben sind wie Anfang der 1940er Jahre (aber sie sehen immer noch so aus). Diese hier sind in den fünfziger Jahren gebaut worden. Es können nicht mehr dieselben sein. Das Holz wäre verfault. Auch die Schienen sind nicht mehr dieselben, das alte Eisen wäre sonst abgewalkt und verrostet. Er konnte vor seiner Haustür stehen oder am Fenster und die geschlossenen Holzwaggons vorüberfahren sehen. Er sah sie wie in einem Dokumentarfilm ohne Sprecher. Bist du ganz sicher, dass sie Schafe oder Kühe geladen haben, Daniel Spielstein, oder Zuckerrüben oder eines von tausend anderen Gütern, und keine Menschen? Lass es verstrahltes Material sein, das seine unsichtbaren Fackeln in die Häuser am Rande wirft, in die Straßenschluchten und Hinterhöfe. Was alles wird auf diesen Schienen hin- und hergeschoben! Sollte man es nicht wissen? Müsste nicht alles in Glaskübeln transportiert werden? Die Güterzüge mit den Holzwaggons, die Holzklapperschlangen auf Rädern, wurden an Dan vorbeigeschoben und verschwanden in dem Punkt, durch das sich alles Sichtbare hindurchquetschen muss, zu dem schnurstracks die Schienen führen wie eine Jakobsleiter zu Gott.

Daniel hatte sich an dem Kontergewicht vorbei gedrängt und sich mit einem Bein auf die Schiene gestellt, den Oberkörper weit nach links ausgelagert in den Raum, den sonst in rasender Fahrt die Züge ausfüllten, die vor Bonn nicht zu halten brauchten. Ein Mann in Lodenmantel, Wickelgamaschen und Bergsteigerschuhen packte ihn an der Schulter und sprach zu ihm. Daniel zuckte zurück, beeilte sich, an dem Kontergewicht vorbei auf die Straße zurückzukehren und war sich seines dummen Leichtsinns bewusst. Der Mann wies zornig auf einen Mast nahe der Schranke und sagte etwas zu Daniel, bevor er in seinen Mercedes stieg und den Schlag zuklappte. Daniel nickte bestätigend mit dem Kopf, obwohl er sich nicht erklären konnte, was die Warnung vor einem herannahenden zweiten Zug mit dem Mast zu tun haben sollte, auf den der Herr gewiesen hatte (der Herr von Grein). Nachdem der strategische Punkt in beide Richtungen freigegeben worden war und nun verlassen dalag, suchte Daniel mit den Augen den Mast ab, der im Licht der beiden Lampen hüben und drüben zwei Schatten warf. Nun erkannte er den Lautsprecher (darauf hatte ihn der Mann aufmerksam gemacht). Und dieser Lautsprecher soll ihn gewarnt haben? Woher hat der denn gewusst, dass ich den strategischen Punkt berühre? Daniel suchte mit den Augen weiter. Genau vor seinem Haus jenseits der Bahnlinie, höher als der Lautsprecher, war die Kamera angebracht und auf die Kreuzung gerichtet. Irgendwo am Rande Bonns saß in einem Kontrollhaus ein Mann oder eine Frau vor einem Monitor, vor einer Wand von Monitoren, und beobachtete Kreuzungen.

Daniel war beunruhigt, als er sich zu Hause in seinem Zimmer von dem Schrecken erholte. Durch sein Fenster konnte er bei dieser Dunkelheit nur die Flecken der beiden Lampen wahrnehmen. Er stieg an diesem Abend auf den Dachboden, stieß die Luke auf und erkannte in erschreckender Nähe und Deutlichkeit die Kamera, die immer noch auf die Kreuzung gerichtet war. Immer? Ließ sie sich bewegen? Könnte sie sich auf mein Fenster richten? Bin ich beobachtet worden? Werde ich beobachtet? Daniel achtete genau auf die Kamera. Dann war ihm manchmal, als ob sie sich rührte, in kleinen ruckartigen Bewegungen. Er schloss die Augen, und wenn er sie wieder aufmachte, wies die Kamera bewegungslos und zielgerichtet auf die Kreuzung. Weiß man bei der Bundesbahn davon? Ist es eine Einrichtung des Verteidigungsministeriums oder des Innenministeriums? Oder ist es doch nur eine Schutzmaßnahme für die Bevölkerung? Lampen blinkten, die Schranken klappten herunter, eine Schnur heller Rechtecke wurde vorübergezogen. Darauf achtete Daniel nicht. Er behielt die Kamera im Auge, ob sie sich synchron zu einem beleuchteten Fenster bewegte (wie er es mit seinen Augen machte, um Personen zu erkennen). Sie ist starr auf die Kreuzung gerichtet. Ist sie die einzige Kamera? Gibt es nicht andere, die mich beobachten, während ich diese eine beobachte? Übernimmt eine Kamera die Überwachung der anderen? Daniel rollte die Augen, ohne sein Gesicht zu bewegen. Er suchte unauffällig nach der zweiten Kamera auf einem anderen Mast. Es nützt nichts, Daniel, sie zoomen dich herbei, auf dem Monitor erscheinen deine rollenden Augen, die Bedienung lacht! Woher wussten sie, dass du es bist, als sie dich anredeten? Sie haben dich doch angeredet?

Herr Daniel Spielstein, gehen Sie bitte von den Gleisen! Das ist heute ein strategischer Punkt! Ihre Artgenossen brauchen Sie bei der Eisenbahn gar nicht mehr zu suchen. Da gibt es nicht mehr zu suchen! Die Zeiten haben sich geändert, und wir reden Sie mit ‚Sie‘ an. Das sollte Ihnen doch genügen, unseren Weisungen Folge zu leisten! Die Züge in den Osten waren auch aus Bonn abgefahren und in Auschwitz angekommen. Gewiss, Daniel Spielstein, einige fahren noch, bringen aber Kohle an die Rheinhäfen, fahren Schrott in die Hütten, transportieren Knochen aus den Schlachthöfen in die Seifenfabriken. Und einige stehen noch heute auf den verlassenen Stichgleisen zwischen Schrebergärten und Nadelwald, verfaulen im Regen, zerblättern unter der Sonne oder stehen vergessen an den Kais und werden vom Wind zerfressen.

Daniel spürte es nur an dem ungewohnten Luftzug. Die Türe war aufgerissen worden. Als er sich umdrehte, standen zwei junge Männer vor ihm, in schwarzes Lederzeug gekleidet, behängt mit Symbolen. Die Köpfe waren geschoren. Die Füße staken in Armeestiefeln. Aber sie hatten keine Pistolen. Niemand richtete einen Lauf auf ihn. Und sie schienen auch nicht zu wollen, dass er sofort seine Sachen packte und die Wohnung mit ihnen verließe. Sie bewegten sich zwanglos in dem Zimmer und redeten auf ihn ein. Auch das Mädchen, das sich im Dunkel des Flurs aufgehalten hatte, war hereingekommen und schaute sich um.

„Ich dachte, der Laden ist unbewohnt. Würde uns gefallen. Könnten wir gut gebrauchen. Was wir gar nicht gebrauchen können, bist du, kannst du hier nicht verschwinden?“

Sie redeten ihn mit ‚Du‘ an. Er musste ihren Weisungen keine Folge leisten. Sie haben ja nur gefragt, ob ich nicht verschwinden könne, sie haben es mir nicht befohlen. Gute Kinder. Einer stieß ihn mit dem Zeigefinger gegen das Brustbein und schaute ihn herausfordernd an mit dem blankgeputzten Blick eines Hundes. Daniel erklärte, dass er nicht gut hören könne, weil man ihn geschlagen hatte.

„Du musst uns bei Gelegenheit mal sagen, wer dich geschlagen hat, Opa, den nehmen wir auseinander. Den kaufen wir uns, dazu sind wir nämlich da. Lass mal Geld rüberwachsen. Kies, kapiert? Kies!“

Daniel ging zu seinem Schrank und holte eine Tabakbüchse aus Blech hervor. Sie war durch pressende Männerfinger ausgebeult worden. Sie zeigte ein wehendes Flaggenband: Schiffergruß, darunter einen weißgekleideten Mann mit Schiffermütze vor dem blauen Meer. Drei weiße Pfeile oder Ausrufezeichen, die hintereinander aufgereiht einer Regatta von Segelschiffchen gleichen. Der weißgekleidete Mann hält eine Büchse in der Hand, auf der ein weißgekleideter Mann zu sehen ist, der eine Büchse in der Hand hält, auf der ein weißgekleideter Mann zu sehen ist, der eine Büchse in der Hand hält, auf der ein … Die Büchse mit dem blauweißen Signet war so alt wie Daniel. Darum sagte er:

„Die Büchse könnt Ihr mir lassen, sie ist so alt wie ich. Sie gehörte meinem Vater.“

Einer riss ihm die Büchse aus der Hand, öffnete sie und holte einen Zwanziger und einen Zehner heraus. Dann warf er sie achtlos von sich. Gerade wollte er das Papiergeld in die Brusttasche stopfen, als die junge Frau es ihm aus der Hand riss.

„Arschloch, lass ihm sein Geld!“

Sie fing sich eine schallende Ohrfeige und schrie in ihrer Empörung darüber.

„Von Sven ja, von dir nicht. Von dem lass ich mir sogar einen reinschieben, von dir nicht. Spielt sich vor dem Opa auf! Eine starke Nummer. Weißt du, Opa, dass er Anstreicher ist? Aber spielt sich hier auf! Du schlägst mich nie wieder, hörst du! Ich lass mich von meinem Alten nicht schlagen, und von dir schon gar nicht.“

Der eine stieß sie weg (halt die Schnauze), der andere hielt Dan am Oberarm fest und sah ihn an.

„Wir verlassen dich jetzt. Hat uns sehr gefreut. Wir sehen mal nach dir. Für heute, so long.“

Die jungen Männer verließen die Wohnung. Das Mädchen hob die heruntergefallenen Scheine auf, knallte wortlos den Zwanziger auf Daniels Küchentisch und steckte den Zehner in die Hosentasche. Sie verließ grußlos den Raum, kam aber wieder zurück, fingerte den Schein aus der Tasche und warf ihn in das Zimmer, so dass er niederflatterte und nahe der Büchse den Fußboden berührte und leicht auflag, als hielte es ihn dort nicht lange, jederzeit bereit, wieder fortzufliegen. Die junge Frau trat ganz herein – die Tür stand noch offen – ließ sich auf Daniels einzigen Stuhl fallen und fing an zu schluchzen. Daniel war in Verlegenheit und wusste nicht, was zu tun. Er konnte nicht einmal entscheiden, ob sie ihm etwas vorspielte, ob das alles Teil eines Schabernacks war, an dem sie auf seine Kosten einen Gefallen hatten. Sollten sie sich über ihn lustig machen! Was lag ihm daran. Er ging zu ihr und legte seine Hand auf die Farbmasse ihrer Haare. „Ich habe es überlebt, Kleines.“

Sie sprang auf und lief hinaus. Daniel zuckte die Schultern. Ein Jux war es wohl nicht. Was verstehe ich von diesen Kindern und ihren Problemen. Er bückte sich nach der Büchse, griff sie umständlich, ging zur Tür und rief auf gut Glück:

„Hallo, nimm sie mit!“

Er horchte aus Gewohnheit in das Treppenhaus. Wie sie heißen mag? „Wie heißen Sie, wie heißen Sie, darf ich Ihren Namen erfahren, kleines Frollein?“ Wie in einem Rausch rief er: „Wie heißen Sie? Die Büchse können Sie haben. Ich schenke sie Ihnen.“ Er hatte seine Tür abgeschlossen und begann, für sich zu singen, erlöst von dem Schrecken dieser Begegnung, die er nicht einordnen konnte. Dann sang er, unhörbar, in der Art von Opernarien: ‚Wie heißen Sie, nennen Sie mir Ihren Namen, Ihren Na-hamen, und weinen Sie nicht. Das Leben ist der schönsten eines. Tralalala. Que vuolo ballare, Signora Contessa. Die zehn Mark, die zehn Mark dürfen Sie behaal-ten.‘ Als ihm bewusst wurde, dass man ihn sogar auf der Straße hören musste (er maß es an der Kraft, mit der er seine Stimme herauspresste), beendete er seine Vorstellung, nahm die Scheine, stopfte sie in die Büchse zurück und stellte sie in den Küchenschrank. Du musst hier ausziehen. Du bist nicht mehr sicher. Ich bin zu alt, um mit einem Mädchen zusammenzuwohnen oder eine WG mit drei anderen zu gründen.

Er wusste diesen Vorfall zwar nicht einzuordnen, aber er fand ihn auch nicht schockierend, nicht so, als hätte er ihn auf eine Welt gestoßen, die ihm bis dahin unbekannt geblieben wäre. Es kam ihm bekannt vor, nicht vertraut, aber doch vorhersehbar. Seinesgleichen rechnete mit so etwas. Er war immer auf dem Sprung, wähnte sich beobachtet, bedroht. Er fühlte Gewehre auf sich gerichtet oder Gewehrkolben gegen ihn erhoben. Er hatte sich daran gewöhnt. Manchmal war es ihm lästig. Er konnte sich dann auf nichts anderes konzentrieren als auf einen Hieb, der ihn von den Füßen reißt. Dann würde sein Mund überquillen, und er müsste sein Blut wie heißen Kaffee herauslaufen lassen. Wenn ich so da liege, kurz vor dem Abkratzen, welches Gesicht wird es sein, das ich mir einprägen würde und hinübernähme? Angewidert oder gleichgültig? Polizei? Krankenpfleger? Jemand, der sich sorgt? Um dich? Dan! Das wird ein verdammt wichtiges Gesicht. Vor dem Gesicht habe ich Angst, mehr noch als vor dem Schlag und dem überquellenden Mund. Ein Hundegesicht? Ein Schafsgesicht!

Nahe dem Anlegepunkt der Mondorfer Fähre auf dem schmalen Streifen Wiese zwischen den Pappeln am Radweg und den Büschen am Kiesufer, in denen die Einkaufstüten und die Kunstdüngersäcke wie Fahnen wehen, war er eingeschlafen, leichtsinnigerweise, gefährlich für einen Mann seines Alters. Beim Aufwachen schaute er unvermittelt in ein Schafsgesicht, in das Antlitz eines Schafbocks, in das forschende, ganz und gar aufnehmende, von keinem Vorurteil entstellte Gesicht eines Schafs. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals eine so vertraute Nähe zu einem Tier erlebt zu haben, jemals eine so unbedingte Nähe zu irgendeinem anderen Lebewesen. Wohltuend aus dem Bauch heraus perlte es in ihm, und er schien einen Augenblick die Wahl zwischen Weinen und Lachen zu haben. Er lachte, fast so wie 1945, als sie über den jüdischen Indianer gesprochen hatten, als sie überglücklich gewesen waren. Gott hat nicht so gelacht am siebten Tag, denn er hatte noch so vieles zu bedenken (und schon damals quälten ihn böse Ahnungen). Aber Daniel lachte, und das war der Ausdruck völliger Übereinstimmung mit dem Schafbock und sich selbst. Er hatte an beiden nichts auszusetzen, und ihm schien diese kleine Welt, angefüllt mit dem Schaf und den Pappeln und den Wolken darüber, gelungen. Der Bock wandte sich ab, nicht überstürzt, sondern nachsichtig und zufrieden. Ach, dieses herrliche Antlitz. Wenn es ein Schaf wäre – oder wenigstens eine Katze. Einmal würde es ihn erwischen, in dem Augenblick, wo der Druckpunkt erreicht ist und der Luftzug einer Taube, das Erschrecken über einen Sonnenreflex oder ein fallendes Blatt den Nerv zucken lässt – schon ist die Kugel heraus! Was ich dann als letztes sehe, soll nicht das Gesicht des Mörders sein. Lass es nicht zu, Ewiger. Sei es ein schönes Gesicht, ein Schafsgesicht! Oder das Gesicht des kleinen Frolleins. Meinetwegen.

11.

Heute wollte er es tun. Dan hatte sich in den Kopf gesetzt, Beth Olam zu besuchen, den jüdischen Friedhof Oplyrs. Der Entschluss war ihm nicht leicht gefallen. Aber jetzt sollte es geschehen. Er schlug den Weg dorthin ein, vorbei an den Vorgärten, an Parkplätzen und Rasen, vorbei an der Gärtnerei, die sich dem Geschmack der kleinbürgerlichen Klientel angepasst hatte. Ihre Blautannen waren blauer als anderswo, der Rasen dichter. Der Rharbarber gedieh in Treibhäusern, auf offenem Feld standen Stiefmütterchen. Hier an der Gärtnerei wurde Daniel Zeuge der Hinrichtung einer Kuhblume. Ein Mann, älter als er, im blauem Drillich, eine Schürze vorgebunden, eine Schirmmütze auf dem Kopf. Er trug einen Kanister auf dem Rücken und betätigte eine Pumpe am Boden des Kanisters, die ein Pflanzenschutzmittel genanntes Gift aus einer Düse hinauspresste auf das Antlitz einer Blume. Der Löwenzahn stand unter dem Schild ‚Landwirtschaftlicher Verkehr frei‘. Er hatte sich das Loch der Stange zunutze gemacht und den Asphalt hochgewölbt und war mit seinen schönen Blättern herausgebrochen in die Todeszone, zu nahe im Herrschaftsbereich der Lebensbäume und Blautannen, zu nahe dem Terror des Rasens.

Diese Bauern hatten nie ein Verhältnis zur Natur. Sie werden die letzten sein, die sie jemals verstehen. Sie wissen zu wenig darüber. Auf dem Lande glaubt man, dass Katzenhaare, wenn sie in den Magen kommen, das Innere in einen Pelz verwandeln, Leute, die Pflanzen in Kraut und Unkraut einteilen. Sie haben immer noch den Geist der Kolonisten, die alles frei Gewachsene als verfügbar ansehen und dagegen ankämpfen, um Ackerland zu gewinnen und es rein zu halten von nicht Auserwähltem. In der Vorzeit war die Auswahl groß, gegen die man seine Ordnung stellte, um zu überleben. Wichtig war nur die Kenntnis der Nutzpflanzen und des Handwerkzeugs. Der Rest war feindlich. Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich. Der Rest durfte der Ausrottung preisgegeben werden. Geist der Verfolgung, Inquisition und Ausrottung. Die Mönche und Priester kamen aus bäuerlichen Familien. Sie wussten, was recht ist. Sie unterschieden leichten Herzens Gut und Böse. Roden war Mission. Verbrennen bereitete den Boden des Guten vor. So haben sie Heiden und Ketzer bekehrt. Was sich nicht bekehren ließ, haben sie weggeworfen, abgeschnitten, verbrannt, vergiftet. Die Naturbetrachtung und die Naturwissenschaften sind in den Städten entstanden, Tier- und Naturschutz fern von Gehöften. Aber der Geist des Ausrottens wohnt aller Kultur inne: Tod, Ausgrenzung, Verbannung.

Daniel war es schlecht vor Wut, dabei hatte er nicht das Bedürfnis, den alten Mann umzubringen. Wäre er umgekehrt, um sich in diesem Landstrich der geordneten Rechtecke einen anderen Streckenzug zu suchen, hätte er sich den ganzen Tag elend gefühlt, sich geärgert, sich einen Feigling gescholten und sich mit der Frage herumgestritten, ob er nicht nach Antwerpen auswandern solle. Wovon würde er dann leben? Alles wegen einer Kuhblume! Hatte er nicht selbst welche abgerissen, nur um herauszufinden, wie bitter die Milch schmeckt? Tritt er nicht selbst achtlos darüber hinweg? Aber die Exekution einer Blume mit der Giftspritze ist unverzeihlich! Daniel blieb bei dem alten Mann stehen, ohne zu ihm zu sprechen. Alles, was er sagen könnte, klänge wie dummes Zeug. Und die Antwort hätte er vermutlich nicht verstanden. Er musste sich das Unglück der Schwerhörigkeit manchmal ins Gedächtnis rufen und sich bewusst machen, bevor er etwas unternahm, was eine Antwort erforderte. Er blieb trotzdem stehen, ohne etwas zu sagen. Der alte Mann wandte sich ihm zu und lächelte. Seine Hand ließ die Pumpe los. Er sah Daniel erwartungsvoll an. Daniel sagte:

„Ich habe nichts gesagt, ich bin schwerhörig und habe auch gar nichts gesagt.“

Eine junge Frau kam hinter dem Haus hervor, ging um die Ecke und wollte zur halboffenen Haustür ins Innere. Da bemerkte sie die beiden Männer in ihrem Konflikt und rief:

„Sie müssen schreien. Er ist schwerhörig.“

Daniel entgegnete:

„Ich habe nichts gesagt. ICH verstehe nichts.“

Sie kam näher und schrie dem alten Mann ins Gesicht:

„Was will er von dir?“

Der Alte lächelte blöde. Er hatte das rosige Gesicht alter gesunder Menschen. Er bewegte seine Hand am Kopfe auf und ab, wie wenn ein Gefreiter seinen Leutnant grüßt. Er schrie zurück:

„Ich habe nicht verstehen können, was er gesagt hat.“ Dann hob er seine Giftspritze vom Rücken und lud Daniel ein, in sein Haus zu kommen.

„Es ist mein Haus“, schrie er, „meine Tochter wohnt auch hier, zusammen mit ihrem Mann.“ Daniel fühlte sich in einer unangenehmen Lage. Er war alt genug, ihm würde man einen groben Scherz mit der Schwerhörigkeit hoffentlich nicht zutrauen, deshalb bekannte er noch einmal:

„Ich bin schwerhörig, ich kann leider nicht gut verstehen, was Sie sagen. Es ist mir unangenehm.“

Die Tochter war einen Augenblick lang ratlos, aber Daniel blieb ernst und sah ihr forschend ins Gesicht: Wirst du begreifen, dass es ein peinlicher Zufall ist? Die junge Frau kam auf ihn zu, fasste einen Ärmel seines Mantels und deutete auf den Hauseingang. Nun gut, Daniel würde also ins Haus gehen müssen, zusammen mit dem alten Giftspritzer, der sich zu freuen schien, der offensichtlich sogar stolz war (ja, der Herr will mit mir reden!). Daniel wurde umständlich in ein kleines Zimmer geleitet, das dem Alten allein gehörte. Die Tochter rief etwas, kündigte etwas an und verschwand. Der rosige Alte sah Daniel mit zitternden, kauenden Kiefern freundlich an, in der Erwartung einer großen Überraschung, der Mitteilung vielleicht, dass eine Versicherung zahlen würde. Daniel wäre gerne wieder gegangen. Er rief:

„Haben Sie etwas zu schreiben?“

Der Mann erhob sich beflissen. Trotz seines schwerfälligen Gangs machte er allerhand flatterhafte Bewegungen, er ruderte im Zimmer umher, kramte auf Anrichten und Tischchen herum, öffnete seinen Küchenschrank, nahm einen Briefumschlag heraus, und als er irgendwo auch einen Bleistiftstummel gefunden hatte, kehrte er zu Daniel zurück, setzte sich, legte seine Arme auf den Tisch, hinter dem Platz zu nehmen Daniel genötigt worden war, und blickte wieder in derselben erwartungsvollen (kauenden) Miene auf Daniel, der jetzt sichtlich pikiert – das Theater kam ihm überflüssig vor – auf den Briefumschlag schrieb: „Ich bin schwerhörig – wie Sie. Ich habe vorhin nichts gesagt, nur zugesehen.“ Dann reichte er dem Alten den beschriebenen Briefumschlag. Der Mann nahm ihn gierig an sich, erhob sich wieder, und in derselben unsteten äugenden Hast ruderte er durchs Zimmer, auf der Suche nach einer Brille. Er rief:

„Meine Augen machen es nicht mehr, Sie sollten mir sagen, was Sie aufgeschrieben haben, sagen, sagen, hören Sie? Was Sie geschrieben haben!“

Er stand an der Tür und beugte sich in die Richtung auf Daniel zu. Daniel resignierte und machte seine gewohnte kreisende Handbewegung um ein Ohr. Damit signalisierte er, dass er Verständigungsschwierigkeiten habe. Der Greis lächelte beschämt.

„Ich kann auch nicht hören. In meinem Alter, mein ganzes Leben gearbeitet, nur gearbeitet, das Häuschen gehört mir, meine Tochter wohnt auch hier, zusammen mit ihrem Mann.“

Der Alte beobachtete noch einmal die Reaktion seines Gastes. Daniel sah ernst drein. Das mochte den Mann beruhigen. Der drängte nun auf eine Entscheidung und rief etwas in den Flur hinein. Einen Moment stand er reglos zwischen den Türpfosten und stierte vor sich hin. Dann kam die junge Frau mit einem Tablett auf den Händen. Sie brachte Geschirr und Kaffee und stellte die Tassen und eine Kanne auf den Tisch. So, schien sie zu sagen, schaute beide Männer an und nahm den ihr zitternd entgegengestreckten Umschlag in die Hand.

„Hol mir die Brille“, schrie der Alte und setzte sich wieder zu Daniel. Er nahm dessen Hand und klopfte zweimal leicht darauf, wie ein Arzt seinem Patienten, um ihm zu sagen, es sei alles halb so schlimm, man gewöhne sich daran.

„Wo hast du deine Brille hingetan, Vater?“

„Was?“

„Brille – hingetan!“

„Da, wo sie immer ist, beim Sessel am Fernseher. Und bring Papier mit.“

Die Frau schüttelte den Kopf, ging, kam mit der Brille zurück und sagte:

„Wir haben kein Schreibpapier.“

„Nimm Rechnungsformulare aus dem Büro. Ein paar davon kann dein Mann entbehren, nicht wahr? Meine Tochter wohnt nämlich in meinem Haus, zusammen mit ihrem Mann. Der Mann arbeitet im Büro, lieber im Büro als draußen. Ich war früher immer draußen, und meine Frau, die gestorben ist, war immer im Büro.“

Die Tochter stand mit eingestemmten Armen da und schüttelte wieder den Kopf.

„Wollt Ihr euch gegenseitig Rechnungen schreiben?“

Nach einer Zeit, während der Alte auf Daniel einredete, und Daniel seiner Gewohnheit entsprechend zuzuhören schien, um nicht unhöflich zu wirken, brachte die Frau einen Block Rechnungen und zwei Bleistifte.

„Trinkt euren Kaffee und amüsiert euch gut“, rief sie und verließ das Zimmer. Die Männer schrieben sich gegenseitig, wie schwerhörig sie seien und welche Last es mit sich bringe. Aber Daniel schrieb nicht, wie seine Schwerhörigkeit entstanden war.

Daniel nahm einen anderen Weg zum Beth Olam, nicht mehr an der Gärtnerei vorbei. Er wollte nicht noch einmal aufgehalten werden (obwohl sich Geschichte nicht wiederholt). Der jüdische Friedhof liegt am Ende einer natürlichen Rinne, die vom Vorbergsplateau etwa 150 m abwärts zieht und schräg auf den Fußweg stößt. Ab und zu ein Bauer, manchmal ein auswärtiger Wanderer. Ein schmiedeeisernes Gitter, kaum menschenhoch, umschließt ein schiefes Viereck, dessen große Seite parallel zum Fußweg verläuft. Das Tor ist angelehnt. Daneben, noch diesseits im Profanen, steht die Eiche. Keine Bank. Jenseits breitet sich bemooster Rasen aus. In ihm stecken Steine, mosaische Doppeltafeln. Die hebräischen Schriftzeichen sind verwaschen, an einigen Stellen aus dem Sandstein gebröckelt. Der Friedhof hatte seine Zeit um die Jahrhundertwende. Die Toten heißen Marx, Cossmann, Sander. Nur ein Stein ist nach dem Holocaust gesetzt worden für eine Frau, die am letzten Tag des Jahres 1945 an den Nachwirkungen der Lagerhaft gestorben war. Der Stein lässt das Deutsche aus (verworfen, untauglich): In memoriam Rosalie Sander, née Marx, who died of persecution. Daniel hatte den Friedhof vor der Nazizeit einmal besucht, aus Neugier und Stolz (jüdisches Gebiet im Bauernland). Die Eiche war um die Jahrhundertwende vom Kriegerverein gestiftet worden, zum Andenken an die 1866 und 1870/71 Gefallenen jüdischen Glaubens. Daniel wusste es aus den Erzählungen seines Lehrers. Damals hatten sie geglaubt (nicht nur gehofft), gleichberechtigte Nachbarn unter aufgeklärten Christen zu sein, im Großen und Ganzen wenigstens. Über den feierlichen Akt der Pflanzung ist in den Archiven nichts mehr zu finden. Wenn es jemals Urkunden oder Bilder gegeben hat, sind sie vernichtet worden.

Daniel hatte bis jetzt nie den Mut besessen, das Stück Erde aufzusuchen, in der auch seine Mutter, Beate Spielstein, ruht (es hatte zu keinem Stein gereicht). Vermutlich war die Beerdigung seiner Mutter die letzte vor dem Holocaust gewesen. Er hatte Angst, dass die Stätte unter den Pflug gekommen oder zu einem buchsbaumumsäumten Aussichtspunkt umgewidmet und längst in den Besitz der Gemeinde geraten wäre. Als er sich dann endlich aufgerafft und nach einigem Suchen den Ort gefunden hatte, fiel ihm ein Stein vom Herzen. Alles lag unangetastet da, kein Grabmal war zerborsten, zerkratzt oder übermalt. Vielleicht hatte man die zerstörten Steine entfernt, um Spuren der Mitschuld zu verwischen. Der Ort lag so unbeachtet, als wäre er verwunschen, geächtet oder verflucht. Es schien, als hätte er die Nazizeit unberührt überstanden. Daniel schloss gerne daraus, dass die Leute hier nicht fanatisch waren, dass sie keinen Juden totschlagen würden. Er neigte dazu, die Verantwortung am Tod der Oplyrer Juden den Funktionären aus Bonn zu geben. Er wusste auch, dass solche Illusionen gefährlich sind. Daniel erschrak, als er die Kieselsteine auf den mosaischen Tafeln entdeckte. Es gab also noch jemanden, der Beth Olam aufsuchte. Undenkbar, dass die Kiesel auf den Stelen noch aus der Vorkriegszeit herrührten. Als Daniel beim Hinausgehen das Tor aufdrückte, sah er die alte Frau. Sie blickte ihn misstrauisch an. Er fühlte sich eingeschätzt wie ein Landstreicher. Um sich nicht fortstehlen zu müssen, fragte er die Dame, wer die Steine auf die Grabmale gelegt habe.

„Die Kinder waren es nicht.“

„Die Kinder?“

„Nicht!“

12.

Wer sich an die Pfadfinder-Regel hält, nämlich dass Kirchen durch die Ausrichtung ihrer irdischen Hülle der Orientierung des Menschen dienen, der irrt sich hier: Der Chor zeigt nach Norden. Und die Bäume im nahegelegenen Park des Greinschen Hotels verhalten sich neutral: Das Moos bevorzugt keine Richtung. Der Westen ist verstellt durch den Vorberg, in dessen Schatten die Buchen groß geworden sind. Auf den Kompass-Lattich, der zwischen Kirchenchor und Nachbargrundstück wächst, ist auch kein Verlass. Er zeigt, wohin er will, und wer sich im anvertraut, hat auf Gott gebaut. Die Pfadfinder haben es ohnehin schwer, in dieser Gegend jeden Tag eine gute Tat zu vollbringen, um die Zeit im Fegefeuer zu verkürzen, denn die Tragödien spielen sich im Verborgenen ab, im Rücken der Gartenzwerge, vor geblümten Tapeten. Bettler gibt es nicht. Die rüstigen Alten finden allein über die Straße. Für die anderen Alten („unsere lieben Alten“) sorgt der Pfarrer persönlich. Und die Arbeitslosen wenden sich an die Bundesanstalt. So ist das hier (oder so war es). Dass bei der alten Sebastiankirche in Oplyr die wegweisende Regel verletzt wurde und der Chor dem Sonnenaufgang seine Reverenz versagte, liegt an den Eigentumsverhältnissen im alten Ortskern. Das rechteckige Grundstück grenzt mit seiner Längsseite an die Heerstraße entlang dem Vorberg und mit der kurzen Seite an die Querstraße, die hinter der Kreuzung steil bis auf die halbe Höhe des Vorbergs führt. Neben dem gittereisernen Portal zum Greinschen Hotel flacht die Straße ab und streicht in Richtung des Vorbergs, als wäre der direkte Anstieg selbst für eine Straße auf Dauer zu anstrengend, als bedürfte sie einer Verschnaufpause, bevor sie an der Wirtschaft „Alt-Oplyr“ das letzte Stück bis zum Rand des Hochplateaus zurücklegt und von hier oben einen Blick über die Bäume des Hotelparks und über den Turm der sich regelwidrig verhaltenden Kirche hinweg ins Rheintal freigibt. Von hier erkennt man gut das Hartkopfsche Grundstück, die gelben, angerosteten Türme des Kieswerks, die wie Dosen am Rande des Anglerparadieses stehen, dessen Wasserflächen wie Stecknadelköpfe blinken. Der Strom verdunstet unter dem körnigen Mittagslicht.

Der Pfarrer stand im Durchgang zwischen Narthex und Schiff, an dessen linker Wand deutlich ein Riss zu erkennen war. Von der Empore aus hätte jemand seine Hand bis zu den Ballen hineinstecken, die Kälte und den Zug spüren können. Dieser Riss, so hieß es, ließ sich nicht mehr stopfen. Seinetwegen müsse das Schiff der Sebastiankirche abgebrochen werden. Dieser eine Riss hatte den Wunsch aufkommen lassen, nach weiteren Rissen zu suchen, und es waren im feinen Netz des zersprungenen Putzes Linien entdeckt worden, die schwärzer als die anderen gezeichnet waren, als wäre ein Blitz, von der Feuchtigkeit der Wände angezogen, hinter dem Verputz zwischen den Fugen von Stein zu Stein springend in den Erdboden gefahren – als Zeichen drohenden Verfalls, ja (der Pfarrer wusste es so hinzustellen) als Zeichen drohenden Unheils. Der hochwürdige Herr trug einen Trenchcoat, seine Linke stak in der Tasche, mit der rechten Hand wies er zwei Arbeiter an, das Kruzifix im Chor abzumontieren, ein Eichenkreuz, mannshoch und braun gestrichen, mit kleeblättrigen Enden. An ihm hing ein Holz-Christus und bot sein Leiden dar. Der Pfarrer wollte es in der neuen Kirche wieder aufrichten lassen. Das Kreuz war in einem Sandsteinsockel verankert. An den Schrauben hatte seit achtzig Jahren keiner mehr gedreht. Die Schlüssel passten nicht. Sie zerquetschten die Schraubenköpfe. Der Arbeiter im blauen Overall presste zweimal „verdammt“ aus sich heraus, ließ den Schlüssel fallen, erhob sich, griff in die Tasche, riss ein Tuch hervor und presste es auf die Knöchel seiner Hand, die, ein Opfer falscher Berechnung und der eigenen unbändigen Kraft, gegen eine Kante des achteckigen Sockels aufgeschlagen war. Er stopfte das Tuch zurück und steckte die Knöchel in den Mund, um den Schmerz durch Lutschen zu beruhigen und die blutige Haut seinem Blick zu entziehen. Er rief etwas, was der Pfarrer nicht verstand.

„Was sagen Sie, nichts geht?“

„Verdammt, der Schlüssel passt nicht. Keiner weiß, wo die Schraube aufhört und der Stein anfängt. Alles fest zusammengebacken, Eisen, Holzdübel und Stein. Nichts zu machen.“

„Wieviel Schrauben sind es denn?“

„Vier. solche Kaliber. Wir müssen den Stein weghauen - oder das Kreuz absägen. Wie hätten Sie es denn gerne, Hochwürden?“

„Schlagen Sie den Stein weg. Wir zementieren später das Loch zu und setzen neue Schrauben ein.“

Drei Männer, darunter der Pfarrer, verließen in kurzen Abständen die Kirche. Die Arbeiter holten Stemmeisen, Meißel und Hammer. Sie kramten das Werkzeug aus dem Kofferraum ihres PKW und griffen zwei Bierflaschen aus einem Kasten, der auf dem Rücksitz stand. So beladen kehrten sie zurück, setzten sich auf eine Bank in der verstaubten hintersten Ecke des Chores, den (seltsam genug) zwei Kakteen zierten. Die Männer tranken bedächtig glucksend ihr Bier, schauten auf die Verankerung des Kreuzes und ließen im Schwung des Trinkens ihren Blick weiter am Stamm nach oben fahren.

„Hinten rohes Holz.“

„Sieht ja sonst keiner.“

„Die Viereckschrauben, an dem er hängt, sind auch nicht ohne. Ich wollte den nicht abnehmen müssen und zu Grabe tragen.“

„Aber saubere Arbeit! Der hängt bombensicher, lässt sich gut transportieren.“

In einer halben Stunde war der Stamm aus dem Stein gelöst. Sie hatten das Kreuz an den nackten Altar gelehnt, als der Pfarrer zurückkam.

„Am besten, Hochwürden, wir lassen alles, wie es ist, und zementieren ihn in der neuen Kirche wieder ein.“

„Ja, Herrgott, warum haben wir denn nicht alles so gelassen und das Kreuz einfach mit dem Sockel transportiert?“

„Weil Sie ihn abgeschraubt haben wollten. Sie hatten Angst, wir beide könnten ihn nicht mit Sockel alleine transportieren.“

„Zu ärgerlich! Tragen Sie beides jetzt bitte zur neuen Kirche!“

Die Arbeiter nahmen das Kreuz, trugen es wie eine Bahre aus dem dämmerigen Kirchenraum ins Freie zu ihrem Auto, öffneten den Kofferraumdeckel und schoben es - Füße voran - schräg über die Sitzlehnen bis zur Frontscheibe. Der Kofferraum ließ sich nicht schließen, das Haupt des Gekreuzigten ragte über den Rand hinaus, Blick abwärts gerichtet. Der Pfarrer schritt voran, als hätte er mit diesen ungeschickten Arbeitern und dem peinlichen Transport nichts zu tun. Ein Arbeiter lief im Abstand von einigen zehn Metern hinterher, denn der Beifahrersitz war für den Stamm und die mächtigen, mit Holzfetzen und Steinresten umgebenen Schrauben reserviert. Der Fahrer fuhr, mit der Rechten die Schrauben haltend, um den Stamm am Hinausrutschen zu hindern, an dem Pfarrer vorbei, der sich in seiner Würde nicht beirren ließ. Einen Kilometer weiter endete die Fahrt. Das Haupt des hölzernen Christus perlte, als hätte er geschwitzt. Es war verrusst. Als der eine Arbeiter eintraf, zog er abermals sein Taschentuch hervor und säuberte das hölzerne Antlitz.

„Das bekommt dem Material nicht. Wir hätten ihn anders legen müssen.“

Aber die Sorge galt nicht dem Material. Es geschah aus Mitleid mit einem, der seine Nase zwei Minuten, ohne sich rühren zu können, in den nassen Qualm eines Auspuffrohrs hatte halten müssen. Die beiden nahmen das Kreuz, als trügen sie einen verletzten Fußballspieler vom Platz, und schleppten es in die neue Kirche, die von der Straßenbahntrasse durch eine Reihe dünner Tännchen getrennt war.

„Bringen Sie ihn hierher, hierher, und legen Sie ihn dorthin, dorthin. Danke. Meine Köchin braut ihnen gerne einen Kaffee.“

„Später, wir holen zuerst den Sockel, und wenn ihre Köchin dann vielleicht ein Bier hätte?“

Eines Tages flatterten weiß-rote Bänder zwischen Gabeln aus zusammengeschweißten Moniereisen. Sie surrten und ratterten. ‚Fußgänger, andere Straßenseite benutzen!‘ Auf dem Bürgersteig stand ein Container, den eine Holzschütte mit dem Kirchendach verband. Die Schieferplatten, die durch den rechteckigen Holzschlauch flogen, konnte keiner mehr gebrauchen. Keiner wollte damit sein Gartenhäuschen täfeln, niemand sein Dach abdichten, keiner die Theke seines Partykellers verkleiden. Auch von Grein, der Hotelbesitzer, schien keine Verwendung dafür zu haben (er war gefragt worden), so dass nun die Platten in dem eisernen Behälter zerbarsten und auf die städtische Deponie gebracht werden mussten. Das hölzerne Kirchendach wurde entkleidet. Das Schiff sah aus wie ein räudiges Tier, dessen blaugraues Fell mehr und mehr verschliss bis auf die helle Haut. Bevor die letzte Schiefer in die Schnauze der Holzschütte geworfen wurde, hatten die Dacharbeiter (die in ihrer jetzigen Funktion den Namen nicht verdienten) damit begonnen, die Fichtenplanken aufzustemmen und in das Kircheninnere zu werfen. Die Bestuhlung war längst entfernt worden, die Empore abgerissen (einige hölzerne Versatzstücke sind in den Häusern von Gemeindemitgliedern verschwunden). Der Chor wurde als erstes niedergebrochen, so dass der Autofahrer, der Radfahrer oder Fußgänger, der von Norden über die Heerstraße kam, in die gähnende Steinschachtel blicken konnte. Er staunte dann, wie dünn die Wände waren im Vergleich zu dem Raum, den sie wie ein Häutchen umspannten. Er traute ihnen den Widerstand gegen einen Sturm nicht zu und befürchtete, ein Regen würde sie aufweichen. Sie wirkten wie Papier. Im Chor entstand allmählich ein Hügel aus Steinen, für die sich ein Käufer gefunden hatte, der mit dem ehrwürdigen Debris die Betonmauer seines Häuschens verkleiden wollte, um eine altväterliche Bauweise und die Gediegenheit (die man vergangenen Zeiten andichtet) vorzutäuschen. Bald sah das Schiff aus wie eine antike Ruine vor einem neugotischen Kirchturm, denn die steinerne Schachtel war unterteilt in drei Streifen durch zwei Reihen, die aus je vier Säulen mit korinthischen Kapitälen bestanden. Die Säulen hatten die Emporen und die Dachkonstruktion getragen. Erst nach ihrer Zerlegung würde der Bagger in das Haus Gottes einziehen, den Rest der Außenhaut einstoßen und alles mit dem Staub alten Mörtels beweihräuchern.

Schon in der folgenden Woche waren die Säulen in acht Teile zerlegt worden. Ihre Kapitelle teilten sich Stadt und Kirchengemeinde. Zwei davon flankierten den Eingang des Pfarrhauses hinter der Betonkirche, zwei lagen im pfarrherrlichen Garten zwischen Birken und Tännchen auf einem Rasen und muteten dem Gärtner zu, den großen Rasenmäher gegen eine elektrisch betriebene Rasenschere einzutauschen, denn kein Halm und kein Löwenzahn durfte sich mit den Akanthusblättern messen! Die übrigen Kapitelle zu suchen, war (und ist noch) eine lohnende Aufgabe an Sonntagnachmittagen zwischen Kompott und Kuchen.

Die eiserne Birne pendelte im Hause des Herrn. Sie machte kurzen Prozess mit dem Schemel, darauf ER seine Füße setzt. Die dünnen Wände knickten wie Hostien. Die Fensterrahmen verdrehten sich wie der Draht einer Papierklammer unter den Händen eines nervösen Beamten. Das Glas war wertlos, undurchsichtig grau, mit Draht durchzogen. Nur die Oberlichter an zwei Fenstern im Nordosten stammten aus der Bauzeit der Kirche. Das jedenfalls vermutete Ellen Finke, eine Lehrerin am Beethoven-Internat (von ihr wird noch die Rede sein), die sich für die Abbrucharbeiten interessierte und sich vorgenommen hatte, eine Messe zu besuchen, als es längst zu spät war. Da ihr an einem Gottesdienst in der neuen Kirche nichts lag, wartete sie eines Tages das Ende der Messe ab, setzte sich auf eine der Bänke, die den gepflasterten Parkplatz säumten (sie bestanden aus Teilen der zersägten Säulen). Auf je zwei Stümpfen lagen zwei Bretter und formten eine Bank. Ellen sprach die alten Frauen an. Alle konnten sich daran erinnern, dass an den Fenstern vorn rechts und ziemlich oben noch buntes Glas eingelassen war, das der Sonne erlaubte, Strahlenbündel in den grauen Chor zu senden, wo sie manchmal den Leib des Herrn beleuchteten, an schönen Sommertagen, wenn man sich wünschte, wieder draußen zu sein: Da kam das Licht aus der Ecke und war schön blau und rot. Sie hatten oft darauf geachtet.

„Wissen Sie, er war wie eine Sonnenuhr, es hätte ab Mai keine bessere Sonnenuhr geben können. Wenn das blaue Licht seine Achseln erreichte, ob Sie es glauben oder nicht, dann stand die Wandlung kurz bevor, und wenn das rote Licht seine Wunde beleuchtete, dann, dann ereignete sich die Wandlung. Dann fand sie statt. Was habe ich gesagt? Ja. Ich habe mir immer etwas dabei gedacht. Man hätte die Kirche nicht abreißen dürfen!“

„Waren das die einzigen Fenster?“

„Ja, die einzigen. An der Straßenseite waren oben Löcher, einige offen, andere mit Pappe oder Sperrholz zugenagelt, sonst nur uni Glas. Von dort herein kam niemals Licht, nicht so ein Licht, das aussieht, als leuchtete einer mit einer Taschenlampe auf den Altar.“

„Waren die Dreiecke ausgefüllt?“

„Dreiecke? Was für Dreiecke?“

„Ich meine, waren die Spitzbogen oberhalb des Fensters mit buntem Glas gefüllt?“ „Ja, wir glauben das.“

„Haben Sie erkennen können, welche Motive verarbeitet waren?“

„Welche Motive?“

„Was zeigten die Glasfenster?“

„Einen Teufel. Wir haben uns auch gewundert.“

„Haben Sie das von Ihrem Platz aus sehen können?“

„Nein. Meine Augen sind zu schwach, aber das Kind sagt, es ist der Teufel. Wir wissen es zwar nicht, aber die Kinder sagen es. Ich glaube es eigentlich nicht, denn ein Teufel gehört nicht in die Kirche.“

Ellen bat den Pfarrer darauf zu achten, dass beim Abbruch das Fensterglas im Nordosten nicht beschädigt werde, es könne wertvoll sein.

„Es ist leider zerborsten, aber wir glauben nicht, dass es wertvoll gewesen ist, sehen Sie, es hält keinen Vergleich mit den Fenstern von Chartres aus, nicht wahr, das haben Sie auch nicht erwartet. Ich glaube vielmehr, die Arbeiter haben Zielwerfen geübt. So etwas lässt sich kaum vermeiden. Die meisten Fensterflächen waren nicht zu gebrauchen und völlig ohne Wert. Völlig.“

„Es sollen noch Figuren erkennbar gewesen sein?“

„Ja, die Kinder glauben, in einer Figur den Teufel erkannt zu haben. Sehen Sie, um so besser, dass die Fenster entzwei sind. Nun, es war gewiss der gehörnte Moses, der den Alten Bund symbolisiert. Die Hörner verdankt er einem Übersetzungsfehler. Wie Sie wissen, hat ein Mönch vor vielen hundert Jahren das lateinische Wort coronata zu cornuta verfälscht, und seitdem gefallen sich die Künstler darin, Moses mit Hörnern darzustellen, und der unsrige hatte geradezu ein Geweih auf dem Schädel, so dass einige Herren früher in ihm den heiligen Hubertus zu erkennen meinten, der ihnen den Jagdschein entgegenhält. Das sollte ein kleiner Scherz gewesen sein.“

Nachdem Holz, Steine und alles Eisen fortgeräumt worden waren, wurde die klaffende Öffnung in der Nordseite des Turms zugemauert - in einem Halbkreis, der den Eindruck hervorrief, als hätte sich der Chor dicht an den Turm geschmiegt. Als dieses Werk des Kirchenbaus vollbracht war, wurde der lehmige Untergrund, auf dem das Schiff gestanden hatte, aufgekratzt und abgetragen, mit Sand gefüllt, zubetoniert und asphaltiert. Wochen später malten Anstreicher mit blütenweißer Farbe ein Gitternetz auf die Fläche, zogen einen Gitterdraht und schnitten eine Öffnung hinein, groß genug für Autos. Jetzt erst, nachdem das große ‚P‘ auf dem Schild die Bestimmung des Ortes enthüllte, trauten sich die Autofahrer ihre Autos dort zu parken, wo einige von ihnen noch die heilige Kommunion empfangen hatten, und heute der Parkplatz Nr. 8 ein wichtiges wirtschaftliches und kulturelles Bedürfnis in Oplyr befriedigt.

Nur der Turm des Baumeisters Adam Rüppel blieb also erhalten. Kies und Beton der neuen Kirche stammte aus dem Hartkopfschen Werk. Daniel Spielstein, der nicht mehr in seiner Löwengrube hausen musste, sondern in einem Gebäude der ehemaligen Reichsbahn, der heutigen Bundesbahn, Daniel, der wieder oder immer noch bei Gustav Hartkopf arbeitete, hatte alle Fuhren koordiniert, die Einnahmen verbucht, Steuererklärungen gemacht, mit einem Wort: die Büroarbeiten verrichtet. Ihm durfte man sie nicht zur Last legen - die Katastrophe. Am Freitag (einem 8. nebenbei bemerkt) um 17 Uhr 3 brach der Baldachin aus Beton über dem Portal der neuen Kirche herunter und verteilte sich so auf dem Vorplatz, dass der Pfarrer nur mit Mühe seine Kirche durch den Haupteingang betreten konnte. Niemandem war etwas passiert. Das Architekten-Konsortium wusste sich fein herauszureden. Die Betonkonstruktion „als solche“ (als Konstruktionsprinzip) sei bewährt, sogar Architekten der Ostzone, der sogenannten DDR, beherrschten diese Technik. Der Einsturz könne auch nicht durch Depassivierung verursacht worden sein, Kohlendioxid oder Chlorid-Ionen dürften nicht haftbar gemacht werden, denn die Kirche sei nicht einmal konsekriert worden.

„Was für eine Logik“, Gustav Hartkopf tobte, „ich mache keine Chlorid-Ionen haftbar, ich mache diese Architekten haftbar! Idioten! Nicht konsekriert! Stürzen nur konsekrierte Kirchen ein? Das Bonner Münster steht heute noch! Das waren wenigstens noch Architekten. Die kannten ihr Material!“

Trotzdem, man schob es auf den Kies, den Grundstoff, denn für Korrosion sei noch gar keine Zeit gewesen. Seinen Ruf in der Baldachin-Affäre konnte Hartkopf allerdings dadurch retten, dass er zweimal vor der Presse und einmal vor einem Ratsausschuss die markigen Sätze formulierte: „Oplyrscher Kies ist Qualitätsware“ und: „Ich selbst stamme aus dem Grund und Boden der Heimat.“ Daniel war milde verärgert darüber: „Die Presse wird uns vorwerfen, den Grund und Boden der Heimat jahrzehntelang verkauft zu haben. Du stehst mit deinem Nazi-Spruch bescheuert da, und sie sagen dir glatt: Kein Wunder, dass der Kirchen-Baldachin einstürzt.“ Hartkopf darauf: „Der ganze Quatsch kotzt mich an, ich verkaufe.“ Die Öffentlichkeit Oplyrs registrierte das stolze Bekenntnis Hartkopfs zur steinigen Silizium-Heimat mit Wohlwollen, und fortan wurde nach anderen Ursachen für die Katastrophe am Kirchenneubau gefahndet. Und erst als sich die Gerüchte von einem Gottesurteil häuften und der stellvertretende Stadtdirektor selbst die Möglichkeit eines warnenden Fingerzeigs Gottes nicht ausschließen mochte, da sagte Ellen Finke zu ihrer Mutter: „Sie haben den Schuldigen und müssen ihn decken“. Die halbherzige Rehabilitation Hartkopfs änderte nichts an dem Plan, das Kieswerk zu verkaufen. Es gab nämlich auch andere Gründe dafür.

13.

„Der Hagel ist auf einer zehn Kilometer breiten Front dreißig Kilometer vorgedrungen.“ Der Generalmajor des Wehrbereichs III stand neben dem Minister für Raumordnung in dem zerstörten Gewächshaus, spreizte die Finger beider Hände und schob die Arme nach vorn, um die Bewegung des Feindes zu beschreiben. Der mit Glas verseuchte Humus und die zermalmten Stiefmütterchen unter den zerborstenen Scheiben dienten dem Offizier als Modell des Terrains, über das der Feind avancierte. Neben dem Minister, dessen Gesicht feierlichen Ernst ausdrückte, stand der Vorsitzende des Zentralmarktes (zugleich Sprecher des Krisenstabes) und hielt einen Regenschirm hoch, um den Minister, wie er später gegenüber Journalisten äußerte, vor herabfallendem Glas zu schützen.

„Herr Minister, das Artilleriebataillon in Meschenich kann zur Schadensbekämpfung abkommandiert werden. Der Krisenstab hat die Frage aufgeworfen, ob der Humusboden entseucht werden kann oder deponiert werden muss. Für beide Aufgaben stehen unsere Männer zur Verfügung.“ Der Minister nickte sehr lange, als bildete sich dadurch in seinem Kopf das Kaleidoskop einer ausgewogenen Antwort. Endlich erwiderte er:

„Das wird sicherlich eine willkommene Hilfe sein, ich danke Ihnen, General.“ Dass er nur ‚General‘ sagte und nicht Herr General, gab der Antwort etwas Entschiedenes, das die Anwesenden innerlich straffte und jeden für sich auf einen verantwortlichen Posten stellte. Der Minister wandte sich nun an den Sprecher des Krisenstabes. Einen Vorsitzenden hatte der Krisenstab nicht gewählt, sondern erwartet, der Minister selbst würde spontan den Vorsitz übernehmen, und gehofft, auf diese Weise das Ansehen von Kabinettsmitgliedern zu erlangen. Das hätte ihnen geholfen, auf die wütenden Anrufe der Bauern gelassen zu reagieren, zum Beispiel so: Der Minister und ich haben das und das in die Wege geleitet, die Bundeswehr mobil gemacht und Gelder organisiert. Der Sprecher begann:

„Herr Minister, ich würde vorschlagen, diesen Ort der Verwüstung zu verlassen und sich ins Freie zu begeben. Der Aufenthalt in diesen Räumlichkeiten ist nicht ungefährlich, obwohl ich die Entfernung der Scheiben bereits in die Wege geleitet habe.“ Der Minister nickte freundlich und schritt vorsichtig zur Tür, deren Scheiben noch intakt waren, und trat ins Freie. Hier setzte der Sprecher, der auch draußen den Schirm aufgespannt hielt, seinen Bericht fort. Schon einen Tag nach der Unwetterkatastrophe sei der Krisenstab zusammengetreten und habe ein Büro im Gebäude der Zentralmarktgenossenschaft eingerichtet. Er zählte die Mitglieder des Krisenstabes auf: Seine Wenigkeit, der Geschäftsführer, der Präsident des Landesverbandes Gartenbau, der Vorsitzende des Provinzialverbandes Rheinischer Obst- und Gemüsebauern, der Vorsitzende der Landesfachgruppe Gemüse im Provinzialverband, der Vorsitzende der Landesfachgruppe Obst, der Präsident des Landwirtschaftsverbandes Rheinland, der Direktor der Landschaftskammer …

Der Minister nahm einen verklärten Ausdruck an. Plötzlich, vor Ende der Aufzählung, sagte er leise: „Eine großartige Leistung.“ Der Sprecher pausierte in der Hoffnung, der Minister werde jetzt die Gelegenheit ergreifen, etwas über Regierungshilfen zu verlautbaren. Der Minister machte aber keine Anstalten und blickte ihm aufmunternd in die Augen. Der Sprecher fuhr daher fort:

„Der Krisenstab hat alle Anstrengungen unternommen, einen Überblick über das Ausmaß der Schäden zu erlangen. Eine erste Bilanzierung ergibt das folgende Ergebnis, wenn ich Ihnen die Zahlen unterbreiten darf.“

„Nur zu“ antwortete der Minister. Der Sprecher klappte den Schirm zusammen, sah sich hilflos nach jemandem um, der ihm den Schirm abnähme, aber niemand wollte unter den Augen des Ministers für einen anderen als den Herrn Minister eine dienende Funktion wahrnehmen, aus Furcht, es könnte als Unterlegenheit gedeutet werden. So ließ er den Schirm fallen, griff in die Innentasche des Mantels. Er begann zu schwitzen, weil sich aller Augen mit kalter Gleichgültigkeit auf ihn richteten, tastete nach dem Papier, fand es, beschwor es inbrünstig, das richtige zu sein, und entfaltete es, während er hörbar Luft holte. Er räusperte sich und las, laut und deutlich wie eine Proklamation:

„800 ha Gemüse und Blumen, 200 ha Obst, mithin 1000 ha Freilandkultur.“

„Die sind zerstört?“ fragte der Minister.

„Jawoll, zu 50% und mehr, außerdem mindestens 20 ha Unterglaskulturen. Alle Zahlen sind Mindestzahlen, das möchte ich betonen, denn nicht alle Betroffenen haben die Schäden gemeldet.“

„Das macht ungefähr 20 ha Glasbruch.“

„Hierüber liegen noch keine genauen Zahlen vor.“

„Nach Adam Riese: 20 ha Unterglaskulturen werden von mindestens 20 ha Glas überdacht. Und wenn ich mich hier umschaue, ist das meiste davon zerstört.“ Das klang eher ironisch als betroffen.

„Jawoll, Herr Minister, Herr Minister wollen die Neigung der Glasdächer bedenken. Glasbruch wie nach einem Bombenangriff!“

Dem Generalmajor erschien dieser Vergleich unangemessen. Er war ein Mann, der seine Bomben kannte und der das herabgesetzte Ansehen ihrer Wirkung nicht auf sich sitzen lassen wollte: „Nicht ganz“, warf er deshalb ein und bemühte sich, seinem Lächeln anmerken zu lassen, dass er dem Einwand eine tiefere Bedeutung beimaß und nicht nur als Scherz verstand. Der Vorsitzende des Zentralmarktes ärgerte sich, weil er (im Gegensatz zu dem Offizier) Bombenangriffe in Bonn und Düren mitgemacht hatte und daher zugeben musste, dass der Vergleich albern war.

„Ein ha macht zwei Fußballplätze.“ Die Feststellung des Ministers wurde als Frage aufgefasst, darum beeilte sich der Vorsitzende mit der Wiedergabe einer exakten Definition: „Ein ha, 100 Ar, 10.000 Quadratmeter.“

„Sehen Sie, ich merke mir von Jugend auf nur das mit den Fußballplätzen“, der Minister erntete damit ein geziemendes Lachen aller Beteiligten. „Es sind doch zwei Fußballplätze?“ fragte er scharf, ohne jemanden anzusehen – mit der Wirkungen, dass die begleitenden Männer alle durcheinander Multiplikationsaufgaben vorrechneten und Lösungen anboten, die zwischen 1000 und 100.000 Quadratmetern lagen, bis jemand mit einem Zittern in der Stimme eine definitive Aussage wagte:

„Es sind zwei Fußballplätze“, die Herren nickten beifällig, „wenn man berücksichtigt, dass die Seitenmaße genau stimmen, was nicht bei allen …“.

„Nach meiner Information“, der Minister schnitt die Diskussion über Fußballplätze ab, ohne seine Stimme zu heben, „sind alle Betroffenen erfreulicherweise gegen Glasbruch versichert, aber bedauerlicherweise, und ich möchte hinzufügen leichtsinnigerweise nicht gegen die unter Glas befindlichen Kulturen, auch nicht gegen Prellschäden der Obstkulturen.“ Der Minister sah in die Runde und jedem Einzelnen ins Gesicht, um die Wirkung seiner Worte abzulesen. Er bog seinen Kopf zurück, kniff die Augen zusammen und sprach gegen die Wolken: „Das Land springt nur bei Schäden ein, gegen die man sich nicht versichern kann.“ Er senkte den Kopf, bis die Augen auf seine Schuhe gerichtet schienen und wiederholte: „Nicht versichern kann. Das Bedauerliche ist, dass es aber Versicherungen gegen Prellschäden und Hagelschlag gibt“, der Minister sprach jetzt zu allen, während er reihum jeden flüchtig ansah, „und dass viele Betroffene nur leider keinen Gebrauch davon gemacht haben, sei es, um die Prämien zu sparen“, der Minister hob abwehrend die Hände und schien sich ducken zu wollen, „oder es sei – das will ich gerne zugeben und da sehe ich eine gewisse Chance, meine Herren, weil ja niemand in diesem Landstrich ernsthaft mit einer Hagelkatastrophe“, der Minister warf sich in die Schultern und fuhr mit der Hand in die Runde „diesen Ausmaßes hat rechnen können, nicht wahr – niemand“, sein Blick heftete sich an das Barett des Generalmajors (der Generalmajor nickte ernst), „niemand bis auf die Glücklichen oder soll ich besser sagen Vorausschauenden, die es für angebracht hielten, eine solche Versicherung abzuschließen.“ Der Minister schaute nun freundlich auf den Vorsitzenden des Zentralmarktes, der ihm diese Information vor einer Stunde mitgeteilt hatte. Der Vorsitzende erschrak. Er wurde bleich. Sekundenlang konnte er nichts anderes denken, als dass ihm ein kapitaler Fehler unterlaufen sei. Der Minister hatte es ihm gerade zu verstehen gegeben und ihn genau an der passenden Stelle angeblickt – für alle Anwesenden deutlich erkennbar – und ihn damit als Informanten entlarvt. Was er zur Ehre seines Verbandes geschwätzig und stolz mitgeteilt hatte, erwies sich als Falle und konnte leicht gegen ihn selbst ausgelegt werden. Wenn das Land nicht mit Zahlungen überkommt, wird er der Sündenbock sein, nur weil einige (alles Parteifreunde von ihm) durch ihre Pedanterie die Unvorhersehbarkeit eines glasbrechenden Hagels in der Kölner Bucht widerlegt haben und nun dem Minister einen Vorwand liefern, sich mit Zahlungen aus der Staatskasse zurückzuhalten. An mir bleibt es hängen, wenn ich nicht energisch gegensteuere.

„Herr Minister! Ich appelliere an die Solidarität aller Bürger dieses Landes, und ich vertraue darauf, dass Ihre Regierung mit allen Kräften den in Mitleidenschaft gezogenen Bauern finanziell unter die Arme greifen wird.“ Einen Augenblick peinliches Schweigen, in dem der Generalmajor den Himmel absuchte und der Minister seine Fingernägel prüfte, als ließe sich aus dem farblosen Perlmutt durch eine geschickte Stellung gegen das graue Licht eine passende Antwort ablesen. Der Persönliche des Ministers stellte dem Vorsitzenden seine Missbilligung offen entgegen (die Missachtung zum Schweigen verurteilter Diener). Zu dem General gewandt, der seine Inspektion beendet hatte und keine Feindbewegung hatte beobachten können, sagte der Minister: „Natürlich wird alles geschehen, was dem Lande möglich ist, um zu helfen. Eine direkte Entschädigung wäre allerdings nach dem geltenden Recht der Europäischen Gemeinschaften eine Subvention im Sinne – äh – des EG-Rechts, deshalb müsste die Kommission die Zahlung genehmigen.“ Der General nickte. Als hätte der Minister dadurch die Zustimmung von unpassender Stelle empfangen, löste er seinen Blick vom Barett (zu dem er gesprochen hatte) und wandte sich an alle, indem er schnell in die Runde schaute, ohne jemanden anzusehen: „Das dauert, meine Herren, das kann Mooonate dauern.“ Dann setzte sich der Minister in Bewegung. „Wir sind auch nicht glücklich darüber, aber EG-Politik wird nun mal in der Bundeshauptstadt und nicht in Düsseldorf gemacht, wenn sie überhaupt von Deutschen gemacht wird. Aber wir wollen darüber die nichtmonetäre Hilfe nicht vergessen.“ Er blieb stehen und zeigte mit dem Finger fast feindselig auf den Vorsitzenden: „Der General hat die Hilfe der Bundeswehr angeboten! Ihre Landwirtschaftsexperten werden mit Rat und Tat zur Seite stehen. Wichtig ist, dass Kupferoxid gespritzt wird, wenn das Holz aufplatzt! Und die finanzielle Sache werden wir gemeinsam schon regeln. Ich habe mich vor Ort von der katastrophalen, existenzbedrohenden Auswirkung überzeugt und danke Ihnen für Ihre Mithilfe und Ihre Informationen.“ Der Minister war an seinem Dienstwagen angekommen. „Wir treffen uns bei …?“ hier blickte er zu seinem Persönlichen, der hastig in den Unterlagen blätterte und dabei murmelte: „Ich glaube bei von Grein.“

„Also wir treffen uns dann später.“ Der Minister stieg in den Wagen und grüßte von innen mit der Hand. Die anderen Herren strebten auch ihren Autos zu. Wenig später bewegte sich eine motorisierte Kolonne über den Feldweg zu der Straße, an der das von Greinsche Hotel liegt.

14.

Alle amtierenden von Greins heißen „der junge Grein“, so auch der jetzige Inhaber des Quarzwerkes, eines Hotels und mehrerer Liegenschaften. Diese Tradition lehrt, dass in den Augen der Bevölkerung und der Familie selbst nur EIN bedeutender Vertreter der Familie existierte, der „alte Grein“. Dessen Tüchtigkeit und hohes Ansehen in der preußischen Verwaltung hatten ihm zum Adelsprädikat verholfen. Hartmut Grein, der „Alte“, war Ingenieur in preußischen Diensten, machte sich um die Erschließung des Eisenbahnverkehrsnetzes in den Rheinlanden verdient und hatte es im Alter von 44 Jahren zu Wohlstand und Einfluss gebracht. Sein Portrait hängt heute in der Empfangshalle des Hotels „von Grein“, umrahmt von den drei wertvollsten Dokumenten, die sich noch im Familienbesitz befinden, einer Patenturkunde, einer Urkunde über die Erhebung in den Adelsstand und einer reich verzierten Einladung der preußischen Majestäten in die Residenz Koblenz zu einem Fest, das Kaiser Wilhelm I. und seine Gemahlin für bedeutende rheinische Persönlichkeiten aus Handel und Gewerbe hatte ausrichten lassen.

Der alte Grein hatte von den Rittern zu Oplyr, die im vorigen Jahrhundert weiter nach Süden an den Rhein gezogen waren, um dort mit Sekt und Basalt zu handeln, Liegenchaften am Vorberg sowie die Überreste der Burg Kemperstein gekauft. Kemperstein war im 18. Jahrhundert zerstört worden, nicht durch fremde Eindringlinge, sondern durch die Unachtsamkeit eines ihrer Bewohner. Die Burg war ausgebrannt, verlassen und verfallenen. Die Bauern, der Regen und der Wind, der Schnee und das Eis hatten fast alles abgetragen. Nur Reste der Schildmauer waren erhalten geblieben, als Hartmut von Grein die Ruine erwarb, die selbst die preußischen Restauratoren nicht hatten wiederherstellen wollen, obwohl eine Reihe alter Ansichten existieren, die alle in wenigstens einem Punkt übereinstimmen, der Darstellung des Bergfrieds, der architektonischen Prinzipien trotzend nach oben zu nicht schmaler, sondern breiter wurde.

Leider lässt sich der flüchtig hingeworfenen Zeichnung des Malers Renier Roidkin, die im Greinschen Hotel hängt, nicht entnehmen, welche Bauweise dazu geführt hatte und schon gar nicht, welchem Zweck eine solche Bauweise gedient haben könnte. Der Eindruck selbst ist nicht zufällig, denn bei allen Darstellungen beträgt das Verhältnis der Durchmesser von Fuß und Krone ungefähr 1 : 1,3. Näheres dazu ist nachzulesen in der wissenschaftlichen Arbeit zur ersten Staatsprüfung für das Lehramt, dem staatlichen Prüfungsamt vorgelegt von Ellen Finke: ‚Versuch einer Erklärung des konischen Turms zu Oplyr‘. Eine Erklärung, die Ellen Finke ausführlich behandelt und wohl auch selbst erfunden hat, ist die angeblich rebellische Haltung derer von Oplyr, die „alles auf den Kopf gestellt“ hätten, sogar ihren eigenen Turm, als Zeichen des Widerspruchgeistes, der das Unterste nach oben kehrt. Diese revolutionäre Gesinnung hätte sie ins 13. Jahrhundert datieren müssen, denn der Baubeginn rührt aus dieser Zeit, und von einem Burg-Umbau, der die Substanz verändert hätte, ist in den folgenden Jahrhunderten bis zur Zerstörung nichts überliefert worden. In keiner Schriftquelle wird der konische Turm erwähnt. Er scheint bei den Chronisten als etwas Normales gegolten zu haben. Mangels Beweisen musste Ellen ihre These vom Widerspruchsgeist der Oplyrer Ahnen fallen lassen. Sie tat es über elf Seiten hinweg. So hat Ellen die historische Wissenschaft zweimal bereichert, um eine These und um die Erkenntnis, dass diese These nicht stimmt (meistens werden für Bereicherungen dieser Art wenigstens zwei Wissenschaftler benötigt). Sie kaprizierte sich dann auf eine Erklärung, die nicht mehr den Turm selbst betraf (den es vielleicht gar nicht gegeben hat), sondern nur seine womöglich erfundenen Abbildungen. Der Zeichner des ältesten bekannten Bildes hatte durch missratene Striche – aus Nachlässigkeit oder Hintersinn – den Turm falsch wiedergegeben und alle anderen Zeichner danach, darunter Roidkin, hielten sich an diese eine Vorlage. Die Kopisten hätten demzufolge den Turm mit eigenen Augen gar nicht mehr gesehen. Daraus schließt Ellen (dieses Ergebnis brachte ihr die gute Note ein), dass der Turm bereits im 16. Jahrhundert zerstört worden war (eine solche Aussage findet sich tatsächlich in dieser Deutlichkeit sonst nirgendwo). Ob sie auch den Vorzug der Wahrheit hat, konnte Ellen nicht belegen. Ein Turm, der 1549 (dem Jahr der älteste Zeichnung) noch stand, wenn auch auf dem Kopf oder falsch gezeichnet, und ab 1599 nur noch als Kopie auftauchte, musste ein gewalttätiges Ende gefunden haben. Im Truchsessischen Krieg? Die Herren von Oplyr also doch Rebellen? Warum wird dieses gewaltsame Ereignis nirgends erwähnt? Sollte es totgeschwiegen werden? Wurde der Turm geschleift oder wie die Godesburg in die Luft gesprengt? Wurde alles (bis auf die Schildmauer) dem Erdboden gleichgemacht und gab es darum keine Ruine mehr, die einen Zeichner verlockt hätte, sie auf Papier zu werfen?

Ellens Arbeit gelangte auf Umwegen an den Stadtrat von Oplyr. Sie fiel dem amtierenden „jungen Grein“ in die Hände, dem CDU-Ratsherrn, der in den 50er Jahren das Haus auf dem Grundstück der Burg Kemperstein in ein Hotel umgewandelt und eigenmächtig auf das Jahr 1248 datiert hatte. Der konische Turm Ellens regte ihn dazu an, einen Teil des Kellers im kitschig-romantischen Stil auszubauen. Von Grein verstand es, seinen Gästen glaubhaft zu machen, dass der Keller in „direkter Tradition“ zum konischen Turm zu Oplyr stehe, und keiner, selbst Ellen nicht, konnte ihm das Gegenteil beweisen, denn wenn es überhaupt einen Bergfried auf Kemperstein gegeben hatte (auch Ellen zweifelte daran nicht), dann musste er ungefähr dort gestanden haben, wo Grein seinen Keller hatte umgestalten lassen und wo man abends - laut Getränkekarte des Hauses – rassige Weine aus dem Wingert der „Grafen von Oplyr“ trinken konnte. Der Getränkekarte ist ferner zu entnehmen, dass die adeligen Herren von Oplyr ihr Gewerbe ausgedehnt und nahe ihren Basaltbrüchen einige Lagen hinzugekauft hätten – am Mittelrhein, mit garantiert trockenen Weinen. Trotzdem gab es hin und wieder Warnungen vor künstlich hergestellten Duftstoffen im Wein, obwohl keiner aus Oplyr (jedenfalls nicht, dass es bekannt geworden wäre) im Aufsichtsrat eines großen Chemie-Konzerns saß.

Ellen Finkes Anstrengungen, das Geheimnis des konischen Turms zu lüften, regte Herrn von Grein oder seinen Geschäftsführer dazu an, im Hotel ein besonderes Gästebuch auszulegen, in das sich nur diejenigen eintragen duften, die einen möglichst witzigen oder ernsthaften oder fantasievollen Erklärungsversuch für den konischen Turm beisteuern konnten. In einer roh gemauerten Nische, beleuchtet durch einen versteckten Scheinwerfer, lag auf einem „altdeutschen“ Stehpult das Gästebuch aus. Obwohl die dilettantischen Versuche teils witzig, teils albern waren (aber keiner von ihnen ernsthaft), versetzte es Ellen in eine ständige Unruhe, jemand könnte eine naheliegende Erklärung liefern, die ihr bei der Abfassung ihrer wissenschaftlichen Arbeit entgangen war. Der konische Turm wurde bald zu einem festen Begriff und jeder, der glaubte, etwas zu seiner Erklärung beisteuern zu können, zählte sein Geld, zog das Beste an und führte seine Bekannte, seine Geliebte oder seine Gattin aus in den „Turmkeller“ des Hotels Grein, um seinen Geistesblitz im Gästebuch einzubrennen. Der Keller-Umsatz stieg. Der Turmkeller wurde Stammplatz für Heimat- und Traditionsvereine aus der Umgebung. Endlich trat die Volkshochschule an Ellen Finke heran (sie war inzwischen Lehrerin am Beethoven-Internat) und bat sie, ihre Theorie vom konischen Turm einem bildungsbeflissenen Publikum vorzutragen. Sie ließ sich von Grein, dem Hotelier, die Erlaubnis geben, alle Erklärungsversuche, die eifernde oder angesäuselte Gäste niedergeschrieben hatten, in ihrer Volkshochschulklasse zu besprechen und im Einzelnen zu widerlegen, wenn es einer Widerlegung bedurfte. Ellen Finkes gut besuchte Kurse (unter dem Rubrum „Kreatives Gestalten“) waren Seminare zur Produktion witziger und schriller Erfindungen. Die Kursusabschlussabende verbrachte man – selbstverständlich – im Turmkeller des Hotels von Grein.

Über dem konischen Turm, den Spekulationen darüber und über der reichen Geschichte eines alten Dorfes (der heutigen Stadt Oplyr) und dem erstaunlichen Emporkommen einiger seiner Bürger sollte nicht unter den historischen Teppich gekehrt werden, was die Familie von Grein während der Nazi-Zeit gemacht oder unterlassen hat, auch nicht, wenn sie es gerne möchte, weil sie heute fest auf dem Boden des Grundgesetzes steht. Gustav Hartkopf war zum ersten Mal 1944 mit dem jungen Grein bekannt geworden, der seine Mitwirkung beim Loskauf von Daniel Spielstein nicht leugnete, obwohl er damals gar nicht gewusst hatte, welche Person „freigekauft“ worden war (er kannte Daniel nicht). Nach dem Krieg tat der junge Grein so, als hätte er, bestenfalls ein Mitläufer, der ‚Organisation‘ nur deshalb angehört, um an einflussreicher Position das Gute zu bewirken, was er aus der Opposition heraus nicht hätte leisten können. Er wusste das Gute und sein Zustandekommen immer so zu schildern, dass ihm beinahe eine Auszeichnung als „Angehörigem des Widerstandes“ zuteil geworden wäre. Selbst aus der klugen Ablehnung wusste er sich ein Zeugnis seiner Bescheidenheit auszustellen! Darum war es ihm nicht schwergefallen, sich in die ehrbare Nachkriegsgesellschaft einzureihen, ohne einen Flecken auf der Weste, und darum erschien es ihm und allen Oplyrern selbstverständlich, dass nach jener Unwetterkatastrophe, dem Hageleinschlag, der Herr Minister für Raumordnung mit seinem Gefolge bei ihm einkehrte und bei keinem sonst. Hand aufs Herz. Einen Mord hätte man dem „jungen Grein“ wahrscheinlich nicht anhängen können, vielleicht nicht einmal die Mithilfe daran. Denn hatte er jemanden ans Messer geliefert? War seine Verschwiegenheit nicht im Gegenteil die Garantie für Daniels Überleben? Solche Erwägungen mögen es Gustav Hartkopf leichter gemacht haben, wegen des Verkaufs seiner Kiesfabrik in Verhandlungen mit ihm zu treten. Daniel allerdings war aus verständlichen Gründen nicht zu überreden, an den Verhandlungen teilzunehmen, obwohl er am besten das Datenmaterial kannte und besser über die wirtschaftliche Lage, die sich in den Zahlen manifestierte, Bescheid wusste als jeder andere.

15.

Als der amtierende junge Grein die Villa seines Urgroßvaters zu einem Hotel umbauen ließ, schien wenigstens der bewaldete Abhang des Vorberges im Nordwesten von Oplyr gesichert und vor dem Zugriff der Bagger geschützt. Der Franzosenwald, wo zur Zeit der Revolutionsarmeen die Kanonen des Generals Lemartell hinter Erdwällen aufgepflanzt und auf den Rhein gerichtet waren, sollte ursprünglich zum Hotelpark umstilisiert und dem öffentlichen Verkehr entzogen werden. Doch gegen dieses Vorhaben wandte sich die öffentliche Meinung mit vielen Stimmen. Von Grein, der befürchten musste, dass aus Trotz ein wichtiger Teil seiner Kundschaft ausbleiben würde, verzichtete auf die Privatisierung sogar leichten Herzens, nachdem ihm Zuschüsse aus der Stadtkasse zugestanden worden waren. Jeder Spaziergänger und Radfahrer in diesem, der Öffentlichkeit erhalten gebliebenen Waldstück wird auch heute noch durch geschnitzte, buntbemalte Schilder darauf gestoßen, dass ein Besuch des Turmkellers im Greinschen Hotel „ein Muss“ sei.

In diesem Turmkeller trafen sich an einem Juni-Nachmittag die Herren von Grein, Hartkopf und Radebusch, um den Verkauf des Hartkopfschen Kieswerks zu verhandeln. Nach dem Einsturz des Beton-Baldachins über dem Eingang der neuen Kirche hatte sich von Grein auffällig stark an dem Kieswerk interessiert gezeigt. Um in dieser wichtigen Angelegenheit so genau wie möglich zu sein: interessiert gezeigt kurz nach dem Besuch des Herrn Ministers für Raumordnung! Die Herren in der ministeriellen Umgebung mögen über vieles geschwätzt haben, sogar darüber (wie aus zuverlässiger Quelle zu erfahren war), dass der Hagel den „tragischen Einsturz“ der Überdachung des Kirchenportals verursacht habe, denn wer Glasscheiben von der Größe zweier Fußballfelder zerschlägt, der wird auch eine Betonplatte von vielleicht 50 Quadratmetern zerstören können. Nicht, dass der Minister solchen Unsinn persönlich verbreitet hätte! So dumm sind im Nachkriegsdeutschland die Minister nicht. Aber von ihm stammte, launig vorgetragen in einer entspannten Atmosphäre (nach Verrichtung der üblichen „politischen Grausamkeiten“), eine Kombination betreffend die weiten Kiesabbauflächen und den zunehmenden Bedarf an „Müllentsorgungspotenzialen“. Diese Kombination hatte den Geschäftsmann von Grein elektrisiert und ihn innerlich mit der Hand vor die Stirn schlagen lassen.

Dem Gustav Hartkopf andererseits war daran gelegen, seine Firma zu verkaufen, einmal weil durch die Baldachin-Affäre sein Ruf gelitten hatte und zum anderen, weil der Maschinenpark überaltert und die Investition in eine neue Technik (wie sie ihm nach einem Besuch der Hannover-Messe vorschwebte) nicht zu finanzieren war. Banken hatten ihm davon abgeraten. Erst später erkannte er, dass es vielleicht ein Fehler gewesen sei, sich auf das Urteil der örtlichen Kreditanstalten zu verlassen (denn von Grein war ein einflussreicher Mann). Trotzdem, ein Verkauf würde ihm wenigstens alle Schuldenlasten abnehmen.

Von Grein empfing die beiden Herren Hartkopf und Radebusch umständlich und freundlich – im Beisein ergebener dienstbarer Geister, denen er knapp und leise kommandierte. Einer von ihnen, offenbar der Sekretär, öffnete einen Aktenkoffer, nahm flink einen Stoß Papiere heraus und unterbreitete sie seinem Chef, ohne dabei ihn oder einen der Gäste anzusehen. Der andere Geist, eine Dame in den besten Jahren, eine Mischung aus Empfangsdame und Serviermädchen, die ihren Busen hinter eine eng geknüpfte Jacke zwängte, vermutlich um dem geschlechtslosen, ins Erhabene zielenden Teil ihrer Erscheinung nichts entgegenzustellen, was die Aufmerksamkeit ehrbarer Kaufleute von dem bebrillten Gesicht ablenken könnte. Der andere Teil ihres Leibes wurde von einem Plisseeröckchen kaum verhüllt. Die schönen Beine staken in roten Stiefelchen, die der Erscheinung ab der Hüfte abwärts etwas Ordinäres und Erholsames verliehen. Sie hatte drei Schoppen Wein vor die Herren gesetzt und ließ sich auf eine unerträglich chevalereske Art – wie Hartkopf fand – verabschieden (der hat sie noch nicht herum, und wenn sie ein kleines Biest ist, woran ich nicht zweifle, wird sie ihn noch lange hinhalten, bevor sie ihn stehen lässt).

„Das ist meine Tochter.“

„Entschuldigung.“

„Wie bitte?“

„Ich hätte nicht versäumen dürfen, ihr einen Platz in der Runde anzubieten.“

Als wäre es Hartkopfs Angelegenheit gewesen, im Turmkeller des von Greinschen Hotels jemandem in Gegenwart des Hausherrn einen Platz anzubieten!

„Ein andermal, meine Herren. Stoßen wir zuerst einmal an.“

Nach der peinlichen Stille des Gläserhebens und gegenseitigen Anschauens, nach der Stille, die durch das Schlürfen keineswegs aufgehoben, sondern durch das gemeinsame Knacken der Gurgeln eher in ihrer lähmenden Anwesenheit bestätigt wurde, fielen die erlösenden Worte des jungen von Greins:

„Sie kennen mich.“

Radebusch und Hartkopf schwiegen vorsichtshalber. Es erschien Hartkopf überflüssig, Fritz Radebusch noch einmal vorzustellen. Er hatte ihn bereits beim Empfang im Flur des Hotels als seinen engsten Vertrauten aus Kriegszeiten bekannt gemacht.

„Sie kennen mich. Ich bin ein Mann, der umsichtig zu Werke geht. Niemand vermag etwas Gegenteiliges von mir zu behaupten. Die Leute schätzen mich, so darf ich wohl sagen, als ausgleichendes Element. Ich suche den Interessenausgleich, wie Sie sich vielleicht erinnern. Und in Ihrem Interesse, Herr Hartkopf, Herr …“

„Radebusch“

„habe ich mich der Sache des Verkaufs Ihrer Firma angenommen, obwohl, das sage ich ausdrücklich mit Nachdruck, die Arrondierung von Greinschen Besitzes, auf den ich stolz bin, als abgeschlossen angesehen werden darf. Aber nun breche ich zu neuen Ufern auf.“

An dieser Stelle hätte von Grein ein dünnes Lächeln zeigen müssen, auch wohl das Glas heben sollen, um das Präludium zu enden und zur Sache zu kommen. Aber von Grein zeigte vielmehr ein energisches Gesicht und war von seinem Standpunkt aus betrachtet offenbar schon in medias res geschritten. Hartkopf beeilte sich, den Ausführungen von Greins ab jetzt erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken.

„Da besteht das Problem der Rekultivierung.“ Also etwas, was zwischen Grein und den anderen als ein ernstes Hindernis aus dem tosenden Wasser ragte und gefährliche Strudel erzeugte, die nur jemand überwinden konnte, der sich in den Vorteil eines Preisnachlasses brächte. „Eine Aufgabe, die sehr ernst genommen werden will, eine Aufgabe, die man gar nicht ernst genug nehmen kann. Sie dient der Volksgesundheit durch Schaffung von Naherholungsräumen. Sie dient der Fauna und Flora als Biotop, ich betone, als notwendiges Biotop.“ Herr von Grein griff zum Glas, setzte es aber wieder ab, bevor es die Strecke zum Mund des Schönredners durchmessen konnte. Der Mund stieß die Luft heraus und ließ sich weiter vernehmen: „Das wird teuer, denn es ist keineswegs billig, meine Herren. Der Umweltschutz will ernst genommen werden und die Fauna, ich betone, die Flora wollen eine Heimstätte haben.“

Radebusch hatte seinen Arm auf den runden Tisch gestützt und betastete nachdenklich die Unterseite seines Kinns, wie um die Qualität seiner morgendlichen Rasur zu prüfen. Das schabende Geräusch irritierte den Hotelier und ließ ihn fragend auf Radebusch schauen.

„Ich habe nichts gesagt“, so Radebusch, „ich möchte aber folgendes fragen: Sie stellen uns die Muttererde, die ihre Erdhobel oben im alten Bauernland auf dem Vorberg wegkratzen, kostenlos, und wir holen sie uns mit Lastern ab und verteilen sie auf dem Kies, ja? Das wäre eine Lösung in Ihrem Sinne? Ihnen ist damit zweimal geholfen: Sie kriegen den Humus, der über dem Quarzsand liegt, fortgeschafft und könnten zweitens hier unten ein schon rekultiviertes Grundstück kaufen. Der Umweltschutz hat einiges für sich.“

„Meine Herren, ich möchte unser Gespräch in einer sachlichen, ich betone, freundlichen Atmosphäre führen. Mir scheint, dass die Betrachtungsweise Ihres Mitarbeiters, Herrn …“

„Radebusch“

„nicht geeignet ist, dem schwierigen Gespräch zum Durchbruch zu verhelfen. Lassen Sie mich daher die Vielfalt der Fragen, die noch zu lösen wären, zu einem Paket schnüren und gewissermaßen den gordischen Knoten durchhauen: 40% Ihres mir schriftlich mitgeteilten Verkaufsangebotes. Prost, meine Herren.“

Herr von Grein griff zum Glas und trank gierig zweimal, ohne darauf zu achten, ob die anderen Herren Anstalten träfen, auch zum Glase zu greifen. Radebusch schabte sein Kinn, und Hartkopf drehte am Stiel des gefüllten Glases, als läge ein Geheimnis in den Glanzlichtern des Kelches und im Feuer des Weins.

„Herr von Grein, ich halte es für das Beste, wenn wir uns vertagen.“

„40% weniger als Ihr Angebot, ich meine, damit lässt sich doch leben?“

„Es ist jedenfalls ein Angebot, dass meinen Aufbruch voreilig erscheinen lässt.“

„40% weniger. Ich meine, um es mit Nachdruck zu sagen: Zwei Drittel Ihrer ursprünglichen Forderung und wir schließen das Geschäft ab.“

Für drei Viertel seiner ursprünglichen Forderung verkaufte Hartkopf seine Firma, mit allen Außenständen. Am selben Tag im Turmkeller legte von Grein nach zweistündiger Debatte über den Preis einen Vertragsentwurf auf den Tisch, der zur Verblüffung von Hartkopf und Radebusch genau die Summe sauber mit der Maschine geschrieben enthielt, die als Kompromiss entstanden war.

„Es ist Ihnen also nicht gelungen, uns übers Ohr zu hauen.“

„Das war auch nicht meine Absicht, wie Sie sehen. Das Ergebnis unserer Verhandlung beweist es.“

Hartkopf schaute lange auf das Blatt. Je länger er es tat, desto größer wurde seine Wut. Er wollte aus sich herausbrüllen. Was bilden Sie sich ein, wen Sie vor sich haben. Sie können sich nicht alles erlauben. Aber nie verlor Hartkopf die Tatsache aus dem Auge, dass er mit 75% gut bedient war. Er hatte ja schließlich selbst zu der Summe, die er als gerecht eingeschätzt hatte, fast ein Drittel hinzugerechnet, um ein Kompromiss-Polster zu haben. Wenn ihn seine lebenslang geübte Prozentrechnung nicht im Stich ließ, stand ungefähr die Summe auf dem Papier, von der er ohne Illusionen ausgegangen war, bevor er hier eintraf. Aber das hätte dieser Pinkel nicht tun dürfen, seinen Lakaien vor dem Gespräch hereinzubefehlen, den Vertragsentwurf mit der später ausgehandelten Summe fix und fertig dem Herrn des Hauses, dem CDU-Ratsherrn, dem adeligen Schnösel, vor die Nase zu legen. Aber nicht mit mir. Hartkopf zerriss sorgfältig das Papier, legte die Hälften übereinander und zerriss sie noch einmal. Dann warf er sie mit einem Schwung, den Radebusch nie an ihm gesehen hatte, vor sich auf den Tisch und sagte:

„75% aufgerundet, macht glatte Eins-komma-zwei. Lassen Sie das hier bitte in diesem Sinne neu schreiben.“

Da trat die Tochter des Hauses herein, und Hartkopf nutzte die Gelegenheit, die Konfrontation zu mildern, indem er Herrn von Grein bat, zum Gelingen des Geschäftes auch die Tochter anstoßen zu lassen. Weil sich von Grein nicht blamieren wollte und weil ihn ein Gefühl von Großmut überkam oder weil er nicht mehr weiterverhandeln und dem überzeugenden Auftritt Hartkopfs nicht nachstehen wollte oder ihm nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatte, und weil er fühlte, dass selbst nach einem Rausschmiss die beiden Herren seinen Keller als Sieger verlassen würden oder weil er fürchtete, dieses Vorkommnis könnte sich in Oplyr herumsprechen und seinem Ansehen als Mann von Adel schaden, also weil noblesse oblige, darum sagte er:

„Bring die Flasche, hol dir auch ein Glas und sag dem Müller-Meyer, er soll das hier neu schreiben lassen, glatte Eins-komma-zwei. Was er sich dabei gedacht hat!“

Hartkopf schwor sich, dass er die Differenz Radebusch in die Tasche stopfen würde. Das war es ihm wert, den Herrn von Grein zu disziplinieren!

Als Fräulein von Grein die Flasche hereintrug (die Dame unterschied sich von einer gewöhnlichen Bedienung dadurch, dass sie die Flasche nicht auf einem Tablett präsentierte, sondern leger vertraut mit ihrer beringten Hand den Hals der Flasche umschloss), standen die Herren betreten vor dem Tisch. Man merkte ihnen an, dass eine erregte Diskussion stattgefunden hatte. Sie vernahm den Nachhall dieser Diskussion:

„Als Ratsmitglied habe ich auch für eine gesunde Wirtschaft zu sorgen!“ Sie blieb auf halbem Wege zwischen den Männern und der offenen Türe stehen, umklammerte den Flaschenhals und hörte, wie sie um den Lohn ihrer Mühe gebracht wurde, wie ihr vorenthalten wurde, dass die Männer ihr zuprosteten, ihr als der Vertrauten ihres Vaters! Sie hörte zu ihrem Entsetzen:

„Meine Sekretärin wird sie zur Tür geleiten.“

Sie drehte sich herum, dass der Rocksaum der festgeschnürten Taille nicht folgen konnte (am liebsten dageblieben wäre), verließ rauschend den Turmkeller, stellte hörbar die Flasche auf das neobarocke Spiegelschränkchen im Flur und verschwand so schnell, dass ihr die beiden Herren nicht folgen konnten und Hartkopf zwang, Herrn von Grein zu versichern, dass er und sein Begleiter den Weg alleine fänden, jetzt da er um das Vergnügen gebracht worden sei, wenigstens beim Hinausgehen die Gesellschaft der lieben Tochter zu genießen.

„Ich nehme an, dass der Vertrag, auf den wir uns geeinigt haben, davon nicht berührt ist.“

„Pacta sunt servanda.“

Gustav Hartkopf ging schon durch das Vorzimmer, vorbei an der Flasche, als Fritz Radebusch sich herumdrehte und in den Turmkeller rief:

„Vielleicht haben Sie für meinen Sohn eine Lehrstelle?“

Ohne jedoch eine Antwort abzuwarten, eilte er Hartkopf hinterher und hörte nur mit einem Ohr, ohne die nötige Konzentration, aus dem Innern des Turmkellers heraus einen Ruf wie „Somafobeikom“.

Fritz Radebusch beschloss, etwas vergessen zu haben und es holen zu müssen. Sein väterlicher Instinkt hieß ihn, für seinen Sohn jede Chance wahrzunehmen. Er hatte von Greins Ruf nicht verstanden, aber wenn es eine freche Bemerkung gewesen sein sollte, würde er dem Herrn seine Meinung geigen, unter vier Augen. Fritz Radebusch ist schon mit ganz anderen Leuten fertig geworden! Herr von Grein stand in seinem Turmkeller, als hätte er eine Vase aus Meißen fallen gelassen und als hätte der Schmerz über den Verlust ihn bewegungsunfähig gemacht. Radebusch brauchte seine Rückkehr nicht zu erklären. Der junge von Grein meinte:

„Lassen Sie Ihren Sohn, wie heißt er gleich?“

„Philipp.“

„… morgen vorbeikommen, natürlich nur, wenn er Interesse hat, eine Kellnerlehre zu machen. Die Lehrstelle für den Koch ist leider besetzt. Die jungen Leute werden lieber Koch. Aber wenn er sich einarbeitet, kann er später eine Hotelfachschule besuchen und Hotelmanager werden. Hotelmanager! Jungen Leuten steht die Welt offen. Meine Tochter, die jetzt auch meine Sekretärin ist, verstehen Sie das nicht falsch, in erster Linie ist sie meine Tochter, nach dem Tod meiner Frau geht sie mir zur Hand, meine Tochter hat auch die Hotelfachschule besucht, in Lausanne. Also sagen Sie das Ihrem Sohn. Ich bin kein Unmensch, ich habe die Arbeitslosigkeit nicht erfunden.“

Kapitel 3
16.

Hartkopf entschuldigte sich immer wieder bei Daniel, der seinen Arbeitsplatz im Büro der Hartkopfschen Firma verloren hatte, weil das Anwesen mit allem Drum und Dran an den „jungen Grein“ verkauft worden war. Von Grein seinerseits veräußerte den Grund und Boden an die Gemeinde Oplyr (für das Zweifache des Kaufpreises an Gustav Hartkopf). Die Gemeinde errichtete eine für Bonn und Oplyr bestimmte Mülldeponie in der zerbaggerten und aufgewühlten Landschaft. Da von Grein „kein Unmensch“ sein wollte, sorgte er dafür (er war Ratsherr in Oplyr), dass Daniel eine „Anstellung bei der Gemeinde“ erhielt: Daniel Spielstein durfte zum Müllfahrer ausgebildet und eingestellt werden. Ihm wurde auch gestattet, in dem Häuschen der Bundesbahn wohnen zu bleiben, denn es gab niemanden, der sich für das zerfallende Gebäude nahe einer Fernstrecke erwärmte. Nicht weit davon, in Richtung Deponie, lag zwischen einem Feldweg und dem Bahnkörper ein verwildertes Gärtchen, das Daniel als zur Bundesbahn gehörig ansah, wie vermutlich das gesamte Areal am Gleiskörper zwischen den beiden Parallelwegen hüben und drüben.

Der Weg von der Deponie führte auf Daniels Haus zu und mündete in den kleinen Platz, der sich an der Bahnschranke wie zurückgestautes Wasser vor einem Wehr gebildet hatte (die Fortsetzung des Feldweges war asphaltiert und hieß Schwester-Teresa-Benedicta-Straße). Daniel benutzte oft den diesseitigen namenlosen Teil, in den Traktoren tiefe Spur-Rillen gefräst hatten, die teilweise mit zerschlagenen Ziegeln und Dachpfannen ausgefüllt waren, um die matschigen Stellen trockenzulegen und zu verhindern, dass die Trecker mit ihren Achsen auf den Mittelwulst aufschlügen. Das Gärtchen nutzte eine Laune des Weges, der ins Feldinnere ablenkte und dadurch zwischen Bahngleis und Rain genug Platz für eine übermannshohe Brombeerhecke ließ, die einen Zaun ersetzte und in manchen Jahren reiche Frucht trug. Auf dem Boden des Geländes hinter der Hecke erhoben sich ein ausgewachsener Süßkirschbaum, zwei Pflaumen- und etliche Sauerkirschbäume. Die Brombeerhecke hatte bereits ihre Seile über die kleinen Bäume geworfen und drohte sie zu ersticken. Sie setzte den dunkelroten Kirschen ihre violettschwarzen Beeren entgegen, die wie Edelsteine im grün umrankten, mit goldenen Rändern bestickten blauen Samt des Himmels lagen. Heutezutage ist der Boden bedeckt mit Stroh, zerhackten Rüben, abgesägten Ästen und den Überresten der kultivierten Erdbeerfelder jenseits des Wegs, vermengt mit dem Maschendraht eines vor Zeiten angelegten Zauns, dessen Pfähle verfault und zerfallen sind.

Als Daniel sich des Gartens annahm, wurde die Süßkirsche leidenschaftlich von den Ranken eines kräftigen Rebstamms umarmt. Die Beeren, die im Oktober reiften, brannten auf der Zunge, aber ihr Geschmack war von einer so feinen, verlockenden Art, dass man mit dem Zerbeißen nicht innehalten konnte, bevor nicht die Zunge wie mit einem scharfen Küchenmesser geritzt zu schmerzen begann oder bis sich alle violetten, dunkelrot angehauchten Trauben außerhalb der Reichweite des ausgestreckten Armes befanden und kein Werkzeug greifbar war, mit denen man das Geäst herunterziehen konnte, um an die auch den Vögeln unzugänglichen Trauben, die wie mit Amethysten bestickten Säckchen im Blattwerk hingen, heranzukommen. Nur der Kenner dieses Ortes wusste, dass der Stamm, auf den sich die Rebe stützte, zu einer Süßkirsche gehörte. In dem kleinen, von Kirsch- und Weinblättern überdachten Raum mit der Öffnung zu den Bahngleisen hin, vom gegenüberliegenden Weg nicht einsehbar, weil dort eine Hagebuttenhecke den Blick verwehrte, saß Daniel oft auf dem einzigen Fleckchen sauberer Humuserde. Im Juni verzehrte er die weiß-hellroten Süßkirschen, im August Pflaumen und Brombeeren und im Oktober die violetten, brennenden, süchtig machenden Trauben einer ihm unbekannten, aber von ihm als ‚Traminer‘ bezeichneten Sorte.

Daniel besaß noch eine Unterkunft, eine Art Sommerresidenz, die er auch im Winter benutzte, ein Schloss Immerreich, einen unerhörten Luxus, den Traum aller Kinder, die Sehnsucht aller Erwachsenen, das Ziel aller Geschäftsleute: eine Zweitwohnung, die nicht lebensnotwendig war, aber gerade darum ein besonderes Gefühl der Geborgenheit vermittelte, ein Schloss Unauffindbar, ein Nebelschloss ohne Adresse für die Welt (die Anschrift nur für die Notizbücher enger Freunde).

Nur du allein, du stehst vor einem im Morgen dampfenden Fluss wie vor einer glänzenden Bahn, die dir jede Flucht und jede Wiederkehr eröffnet. Du hoffst nichts mehr, du fürchtest nichts mehr. Du bist frei. Hinter dir eine fantasierte zugeschneite Höhle mit doppelten Palisadenwänden und gestampfter, wunderbar duftender Erde, die dich umhüllt. In den sommers kühlen und winters warmen Lehmboden des Schlosses Ohnesorg ist ein Fluchtweg geschnitten, den kein Unbefugter von außen betreten kann, den ein Stein wie ein steinernes Käserad verschließt und den nur du und dein Freund, nur ihr bewegen könnt, mit einer sinnvollen Vorrichtung, die dein steinzeitliches Genie ausgedacht hat. Jemand, der davon weiß, dem du vertraust, dein Freund, der als einziger den labyrinthischen Weg kennt, tritt ein ohne zu klopfen (denn kein anderer als er kann es sein), rückt den Stuhl an den Holztisch, streift die Handschuhe ab, lässt sie auf den Boden fallen und sagt: „Es ist kalt draußen. Ich hatte Verspätung. In der Dechant-Küster-Straße haben die Idioten einer nach dem anderen geparkt, da war kein Durchkommen für die Spaghettifresser, ich musste raus und denen zeigen, wie man die Tonnen auf den Kipper hebt, ohne den Lack von den Autos zu kratzen - kann ich dir sagen!“

Einen solchen Freund hatte Daniel in Heinz Ollet, einem Fahrer beim „Städtischen Reinigungsdienst“. Und die Zweitwohnung, die Höhle, das war ein städtischer Bauwagen am Eingang für Selbstentsorger, für alle Fahrer von Autos mit dem Nummernschild BN und opy, für alle Fußgänger oder Radfahrer, die ohne Hilfe von Heinz Ollets und Daniels Siebentonner ihren Müll herbeitrugen und abladen wollten. Keiner außer Daniel und Heinz besaß einen Schlüssel zu diesem Wagen. Die Tür war mit einer Eisenlasche verriegelt und davor prangte ein endgültiges, ein fürstliches Siegel, nämlich ein Vorhängeschloss so dick wie eine Männerfaust. Daniel hatte es nebst Schlüssel gefunden und einen Zweitschlüssel für Heinz Ollet anfertigen lassen. Drinnen saßen die Freunde an einem Küchentisch auf zwei gedrechselten Stühlen vor einem Kanonenofen. Das ganze Inventar hatte Spielstein auf der Müllkippe gefunden, abgewaschen, zusammengenagelt und gebrauchsfertig gemacht. Sie nannten ihren Bauwagen „Löwengrube“, denn sie fühlten sich wie Löwen. Sie waren keine Opfer.

17.

Weiße, graubäuchige Wolken hingen am verschleierten Himmel. Ein Propellerflugzeug zog nach Südwesten. Drei Bussarde segelten über den Baggersee. Eine Ente floh dicht über das grüne Wasser. Am Nordufer lag ein rostiger Schwimmkran. Weit im Westen, wie aufgeklebt, die filigranen Gerüste der Hochspannungsleitungen. Daniel wanderte über die Deponie (das ehemalige Kieswerk, das Gustav Hartkopf an von Grein verkauft hatte). Im Winter kamen Möwen den Strom herauf und ließen sich auf dem Grundwasser in den Löchern der Kiesgruben nieder. Oder sie umschwirrten das Haupt Daniels, eines Vogelmenschen, eines Papagenos des Mülls, eines Königs, der sein Gefolge in einer Schleppe hinter sich her zieht. Im Sommer waren die Krähen, im Herbst die Stare seine Begleiter. Wenn Daniel mit dem Fuß Papierstöße auseinander trat, entdeckte er manches Mal etwas zum Mitnehmen, z.B. Exemplare des Grundgesetzes unter weggeworfenem Schulkram, ausgedienten Lesebüchern, Stundenplänen, Vokabel- und Rechenheften. Halbwüchsige entledigen sich der Reste, bevor sie, im wirklichen Leben, eine Lehre antreten. Sie sind fest davon überzeugt, Deutsche zu sein, auch ohne Grundgesetz. Aber für Dan, die Kopfgeburt, war es so, als hätten sie ihren Pass fortgeworfen. Das Grundgesetz, das der junge Staat seinen angehenden Erwachsenen zugesteckt hatte, behielt er für sich. Er hoffte noch, er könnte ein Grundgesetz-Deutscher werden, seine Zugehörigkeit zu diesem Staat über die Anerkennung der Verfassung selbst bestimmen. Wir sind von Haus aus Juristen, wir Juden (er konnte nicht einmal Hebräisch – außer dem ´Schma Jisrael´, das jeder kennt). Ein gerechtes Gesetz ist Bestandteil der Weisung, so lehren es die Talmudisten, es ist wie das Wort des Heiligen, gelobt sei er. Was die Kinder fortgeworfen hatten, reichte ihm aber trotzdem nicht zu dem Gefühl, Deutscher zu sein. „Deutscher“ dachte er in Gänsefüßen. „Bundesrepublikaner“, das hätte ihm zugesagt, wenn es kein so monströser Ausdruck wäre, abgeleitet von Bundesrepublik Deutschland, deren korrekte Beamte lieber „fuck your mother“ sagen als brd. Dennoch, hier war seine Heimat. Wir Juden sind Ureinwohner des Rheintals, wir waren eher hier als die heidnischen Franken, von den Preußen ganz zu schweigen. Er würde also nicht nach Antwerpen gehen, wo man die Gegenwart des Meeres spürt, das wie ein dicker Mann atmet, der die Arme ausbreitet und pustet. Am Meer hätte er sich sicherer gefühlt, geborgen. Aber das hier war seine Heimat.

Das Autowrack war vor zwei Jahren von einem Schwertransporter gefallen, kurz vor der Ortsausfahrt Richtung Köln. Der Fahrer hatte nichts gemerkt. Das Wrack, verbunden mit dem Transporter durch eine Trosse, schlug auf die Straße. Bevor das Drahtseil riss, gab es ihm noch einen Drehimpuls, so dass es sich unter Feuerzauber – die Funken sprühten wie Wunderkerzen – bedächtig nickend und behäbig heiter im Kreise drehte und gleichzeitig eine translatorische Bewegung machte – vor den Augen der Autofahrer, die jeder nach einer Vollbremsung ausgestiegen waren und auf ihre offenen Türen gelehnt, dem mechanischen Riesenspielzeug zusahen, in einem Abstand, der ihnen die Flucht ermöglichen sollte, wenn es zum Äußersten käme, denn ein kreiselndes Auto auf dem Dach, abgetrennt von einer Antriebsmaschine, scheinbar ohne äußere Ursache, nur von innen heraus und darum wie durch magische Kräfte, die ihren Schabernack treiben, ein solcher Kreisel widerstrebt der gewohnten Ordnung und erregt Grauen.

Man rief die Polizei. Zwei Beamte näherten sich dem inzwischen bewegungslosen Personenauto, umzingelten es und nahmen es von zwei Seiten gewissermaßen in die Zange. Als sie darüber ins Bild gesetzt wurden, dass es von einem Transporter gefallen war, schien sich ihr Interesse an einer näheren Untersuchung zu verlieren. Sie schaukelten das Auto auf die Standspur und vernahmen etliche Zeugen. Am folgenden Tag schleppte ein Bagger das Wrack in feierlicher Prozession zur Deponie und kippte es der Planierraupe vor, die es zu seinem endgültigen Bestimmungsort boxte. Später wurde es durch Baumaterial halb verschüttet, so dass sich gegen Westen von der Straßenseite her eine Art Windverhau aus Steinen und Kalk erhob. Der Fond des Schrottautos füllte sich im Lauf der Zeit mit allerlei Bauresten, die durch die zerbrochene Heckscheibe fielen.

Daniel hatte eine Linoleumbahn aus dem Bauschutt über die zerrissenen Vordersitze gelegt, um sich gegen den unangenehmen Druck der Federn zu wappnen. Eines Tages (erst voller Blau, dann violett) las er Zweige auf, die vor der Hächselmaschine lagen und zu Holzmull verarbeitet werden sollten. Er trug sie zu dem Wrack in Begleitung der Dohlen und einiger weniger Möwen, die die Küste in Erwartung des Winters schon verlassen hatten. Er warf die Zweige über das zerschürfte Dach. Mit knappen Gesten rückte er sie zurecht, als wollte er das ausgebrannte Wrack vor Tieffliegerangriffen tarnen. Am violetten Abend, als auch die Sammler und die Arbeiter die Deponie verlassen hatten, spazierte Daniel zum Auto und zwängte sich auf den Vordersitz. Durch den leeren Rahmen des Frontfensters konnte er bequem den Mond betrachten und die Reste auf dem gelben Mondteller erkennen. Rechts davon funkelte der Abendstern. Der Mond ist keine Metapher mehr für die Unnahbarkeit des Heiligen, gelobt sei er, denn die Menschen heben lüstern ihre Blicke zu ihm und fragen, ob man ihn betreten könne, nachdem die Bolschewiken kürzlich einen Satelliten in den Orbit geschossen haben! Daniel erinnerte sich an die Weihe des Mondes. Den Text kannte er nicht mehr, und er war sich nicht sicher, ob er ihn je auswendig gelernt hatte. Er erinnerte sich nur an das letzte Sukkotfest unter den Birnbäumen im Garten seines Vaters. Daniel wusste, dass man in den Vereinigten Staaten zusammenlegbare Laubhütten in den Warenhäusern kaufen kann. Hatte es nicht Prosper, der Augenwischer, geschrieben? Sein Vater hatte so vieles geschrieben. Oder Tante Eva Sophie aus der Dernauer Verwandtschaft? Er müsste mit der Linie 16 bis zum Appellhofplatz fahren, um eine richtige Laubhütte zu sehen, die museale Sukka im Zeughaus. Aus was waren im Birnengarten die Hütten gemacht? Aus Bohnenstangen mit Bohnenkraut, so dass die Sterne durchstachen. Immer wehte ihn die Erinnerung an, wenn er die Stangenbündel auf den hausnahen Feldern der Bauern sah. Asche, alles Asche, fein verteilt über dieses Land - und nicht der Rauch von Kartoffelfeuern.

Daniel Spielstein dachte an Laubhütten, Birnbäume, Bohnenkraut, weit zurück in seine Kindheit, auch an die Ausgelassenheit des Purimfestes, die Beschimpfung Hamans, an Tanzen und Stampfen auf Holzböden, an die dünnen Mädchenbeine in Wollstrümpfen, an das hitzige Gesichtchen seiner Tanzpartnerin, Rebekka, er und sie auf halber Höhe zu den Erwachsenen, die über ihnen wie Propheten polterten. Die beiden Kinder, in der ausgedünsteten Wärme, im Schutz der Röcke, drehten sich, hopsten und sangen, bis ihnen die Adern aus dem Kopf traten, bis sie puterrot wurden, sich gegenseitig anschrien: Haman, Haman! Das war ihr Karneval. Die christlichen Nachbarn duldeten es, ja nahmen selbst daran teil. Den Juden zu Ehren hatten einmal die Oplyrer „Roten Funken“ in ihren schmucken Karnevals-Uniformen defiliert, ohne zu wissen, dass sie die Perser vorstellten, Hamans Soldaten. Dann war alles anders gekommen.

Er weinte. Es tat ihm weh, am liebsten hätte er aufgehört, konnte es aber nicht. Er weinte gegen verkrampfte Muskeln an. Er kannte kein Gebet – außer dem Höre Israel, das jeder kennt. Er wusste nicht einmal, ob heute einer der Sukkot-Tage ist, obwohl der Tag danach aussah. Er glaubte nicht, dass im Umkreis von 50 km noch ein anderer Jude lebt (vielleicht die Alte, die er am Beth Olam getroffen hatte). Zehn hätten es schon sein müssen, um in eine Synagoge zu gehen, aber in welche? Im Licht des Mondes und des Abendsterns, der so funkelte, dass man glauben könnte, sein Licht allein hätte ausgereicht, dem Autowrack einen Schatten anzuheften, dachte er darüber nach, ob er nicht besser nach Antwerpen gehen sollte. Wovon will ich dann leben und mit wem? Hier ist wenigstens Ollet, zugegeben ein Deutscher. Ich bin auch ein Deutscher. Ich bin verdammt nochmal ein Deutscher! Um wirklich sagen zu können, ich bin einer, müsste ich eine Stellung in der Politik haben, ein Einflussamt, ein Verteidigungsamt, ein Wächteramt. Meine Familie hat seit Jahrhunderten rheinauf, rheinab gewohnt, länger als die meisten antisemitischen Aristokraten von sich behaupten dürfen, die Adeligen, die auch den Zusatz ‚Stein‘ in ihren Familiennamen tragen, darunter Analphabeten, die nicht einmal buchstabieren konnten, Neureiche, die sich von Mönchen ihre Verträge schreiben ließen, weil sie selber dazu nicht in der Lage waren, und dennoch glaubten, sich über jüdische Steine erheben zu dürfen! Adeliges Gesocks. Aber sie waren nicht einmal die Schlechtesten. Sie haben uns manchmal gegen die brennwütige Kirche beschützt.

Daniel stopfte sich Zeitungspapier unter den Mantel. Trotzdem fror er, und obwohl er fror, mochte er seinen Beifahrersitz in der Laubhütte nicht verlassen. Das Weinen hatte ihn erschöpft. Er hatte heute Abend nicht nur seiner religiösen Pflicht genügt, zu der er von niemandem angehalten worden war, sondern sich einem heimlichen Vergnügen hingegeben, heimlich, weil niemand es verstehen würde, auch die schöne Negerin nicht, seiner Einschätzung nach eine Muslima. Die schöne Negerin (sie wird noch ihre Rolle spielen). An sie dachte er, als er einschlief.

Geschützfeuer zerriss die Dunkelheit über dem Euphrat. Daniel wachte auf und fand sich unter einem Himmel voller knatternder Leuchtkugeln und sprühender Garben. Die Gemeinde Oplyr kündigte den Jahrestag ihres tausendjährigen Bestehens an (unter tausend Jahren läuft im Rheinland gar nichts). Hier haben Verhältnisse tausend Jahre Bestand, anders als in Berlin. Morgen würden die Umzüge sein. Es war die erste Frostnacht des Jahres. Ein Stoßtrupp des Winters hatte Daniel vor die persischen Kanonen getrieben. Er wäre hier erfroren oder im alten Wasser des Euphrats ersoffen, wenn Oplyr nicht heute vor tausend Jahren gegründet worden wäre, wenn die Archivare und Hobby-Historiker ein solches Datum nicht erfunden oder herausgestrichen und den Gemeindeoberen mitgeteilt hätten. Denn grundlose Verpulverung würden die Rechnungshöfe nicht dulden (und Sukkot ist kein Grund mehr in Deutschland).

18.

Dieser verdammte Schafbock, an den traut sich nicht einmal der Köter!

„Hol ihn, sonst holt dich der Teufel!“

Der Schäfer hob einen flachen Kieselstein und ließ ihn segeln. Das Geschoss verfehlte sein Ziel, nämlich den verdammten Köter, der sich nicht traute, den verdammten Bock herunterzubeißen. Der Hund verharrte am Rand der Kieshalde und blickte hechelnd zu seinem Herrn in einer Mischung aus Ratlosigkeit und Angst. Dann tänzelte er wie ein Lipizzaner, kläffte, traute sich aber nicht die Schütt hinan, wo der Schafbock posierte. Der missachtete den Hund und dessen Herrn, vertieft in den Anblick seines Reiches, für das er anscheinend das ehemalige Hartkopfsche Gelände hielt. Die Schütt war eingezwängt in zwei hölzerne Backen, die einen rechten Winkel bildeten. Im Scheitelpunkt stand der Bock unter dem verrosteten Arm eines Baggers, dessen Aufgabe früher, d.h. bis in die Wirtschaftswunderzeit hinein, darin bestanden hatte, den Kies zwischen den Bohlen hochzukratzen und zur Verladerampe zu schwenken.

Der Schäfer stürmte nun den Hügel, schnell in kurzen Schritten, und verlor, wie beim Echternacher Springen, unter den rutschenden Steinen wieder die Hälfte des jeweils gewonnenen Terrains. Der Hund, der vor seiner Aufgabe versagt hatte, war längst den herab kollernden Steinen ausgewichen und trottete zur Herde, ohne sich weiter um die Bemühungen seines Herrn zu kümmern. Erst nach dem grauenhaft knatternden Geräusch knickte er seine Hinterläufe ein, in gottergebener Haltung darauf wartend, die Strafe zu empfangen, und bog seinen Kopf zur Seite, die Ohren angelegt. Der Schäfer war mitsamt dem Bock in einem neu entstandenen Krater verschwunden. Als die Steinbäche versiegten, das Gleiten und Schieben ein Ende nahm, trabte der Hund zur Halde. Seine Intelligenz, die sich soeben durch Vorsicht, jetzt durch Neugier manifestierte, besiegte die Angst. Langsam und ohne zu rutschen erklomm er den Kraterrand.

Daniel Spielstein schritt über die Deponie, zu der das ehemalige Hartkopfsche Gelände verkommen war. Er schritt erhobenen Hauptes, denn heute suchte er nichts, heute würde nichts abgeladen werden. Nahm er deshalb so früh die dünne Rauchsäule wahr, weil er seine Augen nicht auf den Grund richtete, nur hin und wieder, um Hindernissen auszuweichen? Er musste nach dem Rechten sehen. Er mochte nicht, wenn auf dem Gelände gezündelt wurde. Er mochte es auch anderswo nicht.

Die Bauern sind die schlimmsten, sie verbrennen jeden Dreck auf der Brache, sogar unter Obstbäumen. Sie zündeln nicht nur ihren Hausmüll, vermehrt um Putzlappen, die sie mit Altöl getränkt haben, sie verbrennen auch ausrangierte Betten und Autoreifen. Sie zündeln alles, einmal sogar ein komplettes Motorrad, so dass sich das flüssige Aluminium über den Ackergrund ergoss und Silvesterfiguren erzeugte. Da kann ich froh sein, wenn es heute nur die abgeschnittenen Zweige der Kirsch- und Apfelbäume sind. Was bringen Obstbäume? Ärger. Die Städter kommen und trampeln im Juni durch die Plantagen, um sich die Plastikbeutel zu füllen. Wie soll man da Preise verlangen? Die Bauern verbrennen ihren Müll zu Hause, weil sie alle gegen die Deponie gewesen sind. Sie haben sich dagegen gewehrt, damals mit dem Argument, die Deponie werde ihre Kulturen zerstören. Jetzt zerstören sie ihre Kulturen lieber selbst.

Obwohl Zündeln verboten war, hatte sich niemals eine Polizeistreife darum gekümmert. Daniel wollte mit der Polizei auch nichts zu tun haben. Er hatte seine Abscheu vor ihr nie überwinden können. So blieb es dabei, dass er nur wütend war und sich auf den Vorsatz beschränkte, das Zündeln auf der Deponie selbst zu verhindern. Er folgte der Rauchsäule. Sie verwehte schnell. Je mehr er sich der Halde näherte, desto weniger war von Rauch oder Staub zu sehen. Stattdessen bemerkte er den Hund, der sich wie toll gebärdete und um sich selber drehte, als wäre er an einer kurzen Leine festgebunden. Dann wieder blieb er bockbeinig stehen und kläffte in den Krater. Spielstein hörte schwer und vernahm das Bellen erst jetzt. Da schwante ihm: Der Kies war durchgesackt und hatte ein Tier in die Tiefe gerissen. Als der Hund Daniel erkannte, versuchte er schwanzwedelnd, zu ihm hinabzusteigen, überlegte es sich aber, sprang nun mutig geworden an den Krater und bellte laut hinein, wie man es nicht anders von einem Hund erwartet, der weiß, wo er steht und was er zu tun hat.

Die Fahrt in die Tiefe war unbeschreiblich, denn der Schäfer hatte keine Erinnerung daran. Die Verzweiflung packte ihn, als er merkte, warum er nicht genügend Luft bekam. Er war bis an die Rippen vollgepackt mit Kieselsteinen. Er trug einen steinernen Verband um den Leib. Die Steine flossen nach und legten sich auf das Brustbein. Schreien wollte er, aber er konnte es nicht. Dann war alles vorbei, das Rauschen, Fließen und Kollern von überall her. Die Steinflut stieg nicht, sie reichte ihm bis zur Brust. Den Rücken hatte er frei. Er bewegte sich und hielt erschrocken inne, als die Steine wieder zu rutschen anfingen. Er musste die Hände frei bekommen, denn lange würde er es in dieser Lage nicht aushalten. Aus der Luftröhre heraus fühlte er einen blutigen Geschmack wie nach einem langen Husten. Behutsam löste er seine Hände aus der Steinpackung. Vorsichtig wühlte er seine Arme nach oben und hielt schließlich die Hände in die Höhe wie jemand, der durch kaltes Wasser watet und dafür sorgt, dass es so wenig wie möglich seine Haut benetzt. Jetzt hatten sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Er sah das Mittagslicht über schwach glänzende Kiesel auf vielen Pfaden zu ihm heruntersickern. Er wusste nicht, wie viel Raum ihm hinterrücks geblieben war. Er achtete auf den Hund, hörte, wie er bellte, und fürchtete, dass er Steine lostrampeln könnte. Verdammter Köter. Der Schäfer wollte sich ganz aus der steinernen Umklammerung befreien und begann, Steine fortzuräumen, soweit oben, wie seine Arme reichten. Er schnellte Stein für Stein aus dem Handgelenk nach beiden Seiten. Links und rechts in Kopfhöhe ließ er Rinnen entstehen, die nachrutschende Steine ableiten würden. Endlich wagte er sich an die Hauptsache, das Wegräumen der Kiesel, die auf seine Brust drückten und ihm das Atmen erschwerten. Die Kieselwand vor ihm wurde steiler. Sie blieb verdächtig ruhig. Der Hund bellte, das machte ihn nervös. Ein Steinchen klirrte, berührte seine Hand. Das genügte. In Panik riss er sich herum und versuchte, sich herauszudrehen, jetzt mit dem Gesicht gegen die Finsternis des Ganges, dessen Tiefe er nicht schätzen konnte. Da spürte er, wie der Kieselberg nachpackte, sich auf ihn setzte und ihn drückte. Er schrie so laut. Die Steine rauschten, rutschen über seinen Rücken. Und als ihm ein kalter Stein langsam, unerbittlich über seine Schulter auf den Hals glitt wie ein Reptil, das ihn bald erdrücken würde, verlor er das Bewusstsein.

Daniel kannte den Raum, weiß Gott! Aber er hatte ihn nach dem Verkauf der Hartkopfschen Firma nicht mehr betreten. Jetzt stieß er mit dem Fuß eine verrostete und verbogene Eisentür auf. Sie ließ genügend Zwischenraum zu dem sandigen Betonboden, so dass er keine Mühe hatte, in die ehemalige Schlosserei einzudringen. Die Werkbänke waren fort. In den Wänden steckten nur die Achsen, an denen die Räder mit den Transmissionsriemen gehangen hatten. Er stieg über alles hinweg, Motore, Transportbänder, Rollen, archimedische Schrauben, bis zu seiner Tür. Sie war zu. Er versuchte, sie mit einem Tritt gegen das Holzblatt zu sprengen. Das Schloss gab nach. Schwer atmend stand er nun in seinem ehemaligen Gefängnis, der alten Löwengrube. Er durfte sich jetzt keinen Erinnerungen hingeben. Die gesprengte Tür zerrte er ganz auf, schleifte sie ruckartig über den Betonboden, um Licht in den Raum zu lassen, weil das schmale Fenster, das ihn früher mit Licht versorgt hatte, zugestellt war. Die Eisentür rechts von seinem Bettgestell, das immer noch da stand, musste zu dem Gang unter der Schütt führen. Denn von dorther hatte er früher die Geräusche des Abfüllens und das Quietschen der Loren gehört. Die Tür war ihm sofort eingefallen, als er überlegte, wie er am besten zur Absturzstelle käme.

Sein Werkzeug taugte nicht zum Öffnen der Eisentür. Er warf es zur Seite, nachdem er es verbogen hatte, und gönnte sich eine Verschnaufpause. Währenddessen suchte er mit den Augen nach etwas, was wie ein ehrliches Stemmeisen aussah. Stattdessen fand er einen Meißel in seinem alten Zimmerchen. Den würde er nicht umbiegen, auch nicht, wenn er ein zehnmal so großes Moment anbrächte wie vorhin. Der Meißel war zu kurz, als dass seine Kraft ausgereicht hätte. Er riss an ihm, aber die Tür bewegte sich nicht. Daniel hob einen Kieselstein auf (Steine gab es genug). Es dauerte lange, die Laibung um das Schloss herum wegzuschlagen. Weswegen machst du das? Um einen Schafkadaver zu bergen? Die Tür war aus dem Schloss gesprungen. Aber nun musste er sie zum Gang hin öffnen. Endlich konnte er sich durch den Spalt, den er durch ruckweises Stoßen geschaffen hatte, hindurchquetschen und blieb eine Weile tatenlos in dem Gang stehen, um sich an die diffuse Beleuchtung zu gewöhnen. Eine Handbreite vor dem schweren Eisenblatt der Tür sah er den Kopf. Er bückte sich, erkannte das bleiche Gesicht des Schäfers, hob den Stein vom Nacken und wühlte den Körper heraus. Daniel klatschte dem Schäfer ins Gesicht, öffnete dessen Hemd, fühlte den Puls und überzeugte sich davon, dass er noch rechtzeitig gekommen war, ihn zu retten.

Der Mann erhob sich umständlich, sah auf die Steine, die in ihrer Gesamtheit für umnebelte Augen so aussahen wie der Rücken eines geschuppten Tieres, das sich durch das schmale Loch des Schachtes hereingedrängt hatte und weiter vorzudringen drohte. Er zwängte sich, noch sprachlos, durch die Tür in Daniels ehemaliges Wohnzimmer. Von dort streckte er den Arm in den Gang zurück und half Dan, schneller durch den Spalt zu kommen. Der gerettete Schäfer hob seine Arme, faltete die Hände und schüttelte sie, als hätte er Würfel zwischen ihnen versteckt. So versuchte er, seinen Dank abzustatten. Dann klopfte er Daniel auf die Schulter, verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, die seine Erschöpfung anzeigte, ließ sich hängen wie ein Affe und humpelte zur Tür hinaus in die Werkstatt und von dort ins Freie.

Daniel lachte in sich hinein. Er folgte dem Schäfer nicht, sondern zwängte sich abermals in den verschütteten Gang, denn er war gekommen, um ein Schaf zu retten. Er fand kein Tier. Aus irgendeinem Grund, so spekulierte er, hatte der Schäfer Posten auf der Halde bezogen, die dann unter ihm eingebrochen ist. Warum musste der Idiot die Abkürzung über die Deponie wählen, sie taugt nichts für Tiere! Daniel presste sich abermals durch den Spalt und setzte sich vorsichtig auf sein altes Feldbett, in der Erwartung, dass es unter ihm zusammenbrechen würde. Er legte seinen Kopf in die Hände und döste vor sich hin. Der Rücken schmerzte, langsam legte er sich nieder, schob seine Hände unter den Kopf und stierte unter die Decke. Plötzlich sprang er auf, kniete sich vor die Liege, zog an etwas und förderte eine verstaubte Zeitung zutage, darauf gebettet einen Stoffbären. Daniel packte ihn sachte am Genick und schlug sanft den Staub aus dem Fell. Dabei wandte er sein Gesicht ab und hustete. Auch die Zeitung war ihm wichtig. Sie datierte aus dem Jahre 1944 und kündete von einem Mord, den Unbekannte auf einen Partei-Funktionär verübt hätten (der Hauptartikel, auf den der Aufmacher hinwies, war allerdings herausgerissen worden). Daniel ließ den Sand durch die Falten rieseln. Er packte den Bären in die Zeitung und verschwand aus seinem Gefängnis leichten Herzens. Ein guter Tag, dachte er, besser als gewöhnlich.

19.

Daniel hatte Fritzens Sohn Philipp ein paarmal bei seinen Eltern gesehen, als Luise (Frau Radebusch) noch lebte, und einmal nach dem Krieg, wahrscheinlich bei der Kommunion oder Konfirmation, jedenfalls bei einer Familienfeier im Hause Radebusch. Nach der „Abwicklung“ des Hartkopfschen Betriebes verlor sich Fritz aus seinem Gesichtskreis. Er arbeitete als Betriebselektriker in der kleinen Werft am Rhein. Das wusste Dan, weil er sich immer schon vorgenommen hatte, ihn dort zu besuchen. Dazu ist es dann nicht mehr gekommen. Bei der Beerdigung traf Daniel den Jungen wieder, besser gesagt, den jungen Mann, der seine Lehre im Greinschen Hotel bald beenden würde. Philipp konnte sich wie ein Erwachsener unterhalten. Hätte er sich noch wie ein Kind benommen, Daniel wäre gar nicht auf die Idee verfallen, eine Bemerkung über den wiederentdeckten Bären zu machen! Denn in dem Alter war der Junge nun auch nicht mehr, dass man ihm einen Stoffbären zum Spielen überlassen müsste. Aber die verständige Art des Halbwüchsen – durfte man schon von Weltläufigkeit sprechen? – veranlasste Dan, über Philipps Kindheit zu berichten, als hegte der Lehrling bereits nostalgische Gefühle, als läge die Kindheit im Nebel, den das Vergessen aus dem Nichts erzeugt, und als könnte eine Auffrischung der Erinnerung bei einem Halbwüchsigen bereits warme Gefühle hervorrufen. Ihm, Daniel, war es als Neunzehnjährigem so ergangen. Da hatte er die ersten Entdeckungen im Nachlass seiner eigenen Kindheit gemacht (Bilderbücher, Schulhefte, Fotos). Langer Rede kurzer Sinn: Dan erzählte Philipp von dem Bären, von der Mutter, die ihn hatte an einen sicheren Ort bringen müssen („warum, das führt heute zu weit“), und von der Wiederentdeckungen, die einem glücklichen Unfall zu verdanken sei. Philipp war dem Gedanken zugeneigt, ein Spielzeug seiner Kindheit entgegenzunehmen. Und noch am Tag der Beerdigung seines Vaters begleitete er Daniel zum Bauwagen, um den Bären zu empfangen, den Bären namens „Bedaphor“. Dan erklärte dem Sohn seines verstorbenen Freundes die Herkunft des Namens und seine besondere Bedeutung im familiären Zusammenhang der Radebuschs. Philipp würde sie später seinem eigenen Sohn erläutern (und dann wird es vielleicht auch der Leser erfahren).

Philipp schaute sich im Bauwagen um und ließ eine Bemerkung fallen: „Das wäre gerade das Richtige für mich.“ Auf Daniels Frage, in welcher Hinsicht ein heruntergekommener Wagen wie dieser für einen jungen Mann, einen Piccolo, Lehrling des Hotelfachs, das Geeignete sei, legte Philipp seinem Onkel (so nannte er Dan in Erinnerung an die Tage der Kindheit), dass ihm die Betriebswohnung seines Vaters nun nicht mehr zur Verfügung stehe. Die sei nämlich schon für den Nachfolger reserviert worden. Und wenn er, der Piccolo, keine Dachkammer im Greinschen Hotel belegen dürfte, wüsste er nicht, wo er schlafen sollte. Er müsse nach der Lehre zu seiner Freundin ziehen, die Empfangsdame lernt und von ihrem Glück, bald einen Untermieter zu haben, noch gar nichts weiß. Deshalb darf es nicht wundern, dass Daniel dem Sohn des verstorbenen Freundes von seinem Haus an der Bahn erzählte. Er könne einen Mitbewohner gut gebrauchen, weil manchmal ungebetener Besuch erscheine. Wenn er sich mit dem Gedanken eines Einzuges anfreunden könnte, würde er ihm, Daniel Spielstein, einen großen Gefallen erweisen. Und außerdem wäre beiden gedient. Daniel wollte auf den Formularen für das Oplyrsche Einwohnermeldeamt als „Vermieter“ fungieren und dem Finanzamt gegenüber nur den kleinstmöglichen Mietzins angeben. Philipps Beitrag würde nur darin bestehen, die eventuell anfallenden Steuern über das von Daniel bisher Bezahlte hinaus zu vergüten. Das könne nicht die Welt sein. Man werde sehen. Die rationale, sachliche Art, in der sein „Onkel“ ihm den Einzug in das Haus an der Bahn schmackhaft machte, gefiel Philipp Radebusch, dem das Sachliche liegt. Er sagte zu und zog einige Tage darauf in Dans Haus an der Bahn. Er besaß nun eine eigene Wohnung, eine Adresse, zusätzlich zu der Schlafkammer in dem renommierten von Greinschen Hotel.

20.

Das Rathaus lag wie ein Scharnier zwischen den beiden Dörfern Rottorf und Alt-Oplyr, ein dreistöckiger Verwaltungsbau. Vom Vorberg erschien es wie aus dem Baukasten eines Kindes gemacht, das ein paar Klötzchen aneinander gelegt hat. Das Rathaus war nicht auf die grüne Wiese gebaut worden, sondern auf Bauernland, auf dem Boden von Kirschbäumen. Der Rasen wurde später eingesät, Aschenwege führten darum herum, gesäumt von jungen Linden. Vor den Bänken an den Aschenwegen funkelte es. Die Scherben zerschmetterter Bierflaschen vermischten sich mit fortgeschnipsten Zigarettenstummeln. Hier, am Kiosk „Ratsstube“, beginnt auch die Spur der Cola-Dosen, noch zylindrisch, sauber und in leuchtenden Farben (aber einige bereits geknickt durch starke Jungenhände). Die Dosen, Ersatzfußbälle und Ziele für Bierflaschen, werden auf der Durchgangsstraße plattgedrückt, immer und immer wieder von Autos und Traktoren überrollt. Dort, unter Druck, gewissermaßen unter Schmerzen, erhalten sie ihr plakatives, chiffre-haltiges Aussehen, zerknautscht, gefaltetet, gebügelt, dort verwandeln sie sich in schönes Craquelet mit einem Gewirr von Hieroglyphen. Die Gummiräder der Mittelklassewagen hinterlassen weiche Falze, auch schöne Einschlüsse von Schrauben, liebevoll eingewickelt in das Blech wie auf Bestellung. Daniel sammelte die besten Exemplare, jedes ein Unikat, jedes ein anderes Schicksal - eine scharfkantige Faltung (wie ein Damaszener-Dolch), geschmiedet durch die Eisenräder eines Teerwagens, ein Federstrich aus Weißblech, von dem die Farben weggeplatzt sind.

Im Foyer des Rathauses, dem flachen Mittelbau zwischen „Legislative“ (dem großem Sitzungssaal) im Norden und „Exekutiven“ (den Ämtern) im Süden, fanden Ausstellungen statt. Die Kindergärten und Schulen stellten ihre Aquarelle aus, die Volkshochschule ihre Batikarbeiten und Töpfereien. Auch der Altmeister der Heimatmalerei, der mit dem Kulturpreis der Gemeinde hochgeehrte Malermeister und langjährige Ortsvorsteher Kragenhäuser, der die Sehenswürdigkeiten Oplyrs mit dem Fotoapparat festhielt und die Resultate auf die Leinwand bannte, sorgfältig darauf bedacht, die störenden Einflüsse von Zapfsäulen, Überlandleitungen, Bogenlampen, Reklame- und Verkehrsschildern als nicht zur Kunst gehörig durch Fliederbüsche, Kirschbäume oder beschneite Tannen zu ersetzen, dieser Meister veranstaltete im Foyer eine Vernissage, an einem Sonntag, und jeder, der kam (es waren nicht viele), erhielt nach Wunsch ein Glas Orangensaft oder ein Glas Sekt.

Der Meister im Rollstuhl, die begnadeten Hände ruhten auf dem Plaid, wandte sein zufriedenes Gesicht jedem huldvoll zu, auch den beiden Männern, die einige in der erlauchten Gesellschaft vielleicht als die Müllkutscher wiedererkannten (wenn sie es an diesem Sonntagmorgen hätten darauf ankommen lassen wollen), auch sie wurden freundlich empfangen und durften sich mit dem Glas in der Hand prüfend den Meisterwerken nähern. Die Überraschung und Freude, etwas Bekanntes wiederzuerkennen, erfüllte jeden. Es wurde nicht mit Lob gegeizt, und auch Heinz Ollet hatte es nicht schwer, von „echter“ Kunst zu sprechen, weil keine mit Vanille-Soße übergossenen Gebirgsmassive, keine Watte spuckenden Hirsche, nicht die Heide bei Soltau, nicht das Treppen herabsteigende flaschengrüne Meer im Foyer des Rathauses ausgestellt waren, sondern die alte Ziegelei, das Heiligenhäuschen mit der schmerzensreichen Madonna, das Kloster Weiberberg, die Fähre, belagert von Schwänen, das vornehme Hotel Grein mit seiner parkähnlichen Umgebung und auch Magisches, wenn man die fantasiereichen Abbildungen des Vergangenen so bezeichnen möchte, beispielsweise das Schlösschen Entenfang, die alte Burg Kemperstein und nicht zu vergessen: der konische Turm.

Stadtdirektor und Bürgermeister glänzten durch Anwesenheit. Sie gehörten verschiedenen Parteien an und wollten sich keine Kulturfeindlichkeit vorwerfen lassen. So war ihr beider Erscheinen zu erklären, jeder umgeben von seinen Parteigängern, die ihren Patronen zinsgünstige Darlehen verdankten, Karrieren, Lehrstellen für Söhne und Töchter, sonstige Zuwendungen oder wenigstens Versprechungen. Der Künstler im Rollstuhl, geschoben von seiner Schwiegertochter, die nach den beiden Festreden (des Bürgermeisters, des Stadtdirektors) dazu übergegangen war, ihren Schwiegervater zu wippen, als wäre er ein Kind, bildete den Kern einer dritten Gruppe, die keine materiellen Interessen in Oplyr verfolgte, jedenfalls keine, zu deren Befriedigung sie die Mithilfe der Parteien und ihrer beiden Fraktionen in Anspruch genommen hätten, darunter auch Daniel Spielstein, Heinz Ollet und Ellen Finke. Die Lehrerin war zufällig am Rathaus vorbei gekommen und, neugierig gemacht durch die offenstehende Tür zu ungewohnter Zeit und auch angelockt durch die Gruppen scheinbar wartender Menschen, die durch die Glaswand zu erkennen waren, ins Foyer getreten. Sie kannte sich aus, denn das Beethoven-Internat, wo sie segensreich wirkte, lag keine dreihundert Meter entfernt.

Das besondere Interesse Ellens galt dem konischen Turm. Aber seiner Darstellung in Öl konnte sie nicht so viel abgewinnen, dass sie ein Bild hätte kaufen wollen. Herr Kragenhäuser hatte sieben Konterfeis dieses Turmes angefertigt, in der Hoffnung (wie er selbst bekannte), Herr von Grein würde wenigstens zwei für seine Gästezimmer erstehen. Aber der war an diesem Sonntag nicht anwesend. Er pflegte um diese Zeit die Kirche zu besuchen, die neue Kirche, der er soviel verdankte (unter anderem den günstigen Kaufpreis für das Hartkopfsche Gelände). Außerdem pflegte er ein Weiteres, nämlich auf privater Ebene und nicht auf dem öffentlichen Parkett mit den Herren Lokalpolitikern Gedanken auszutauschen, Gedanken, die um das Wohl der Gemeinde kreisten und somit auch um das eigene. Er verstand es, den Eindruck zu erwecken, dass er zwar den jeweiligen Gesprächspartner favorisiere, aber im Streitfall auch als Vermittler gerne zur Verfügung stehe.

Was hatten die beiden Müllkutscher, Daniel Spielstein und Heinz Ollet, bei der Matinee verloren? Oder anders: Was suchten sie dort? Daniel hoffte (er war damals von Ollet darin bestärkt worden), dass er seine Objectes trouvées im Foyer des Rathauses ausstellen könne, denn das künstlerische Werk Daniels beschränkte sich nicht nur auf geplättete Cola-Dosen. Sein Schatz reichte weit darüber hinaus.

Daniel hatte sich zur Angewohnheit gemacht, nach Feierabend über die Deponie zu wandern, seinen Blick schweifen zu lassen – über weite Müllflächen, auf denen die blauen Plastiktüten des Hausmülls verstreut liegen. Vom Dach der Asphaltmaschine aus, die in einer im Kohlrabifeld endenden Stichstraße stand, schaute er gerne bis zu der neuen Siedlungen im Norden Bonns. Sie blitzte im Abendlicht wie die Ansammlung marmorner Häuser einer antiken Stadt, wie das Jerusalem Ben Hurs in Hollywood. Das weckte in ihm die Sehnsucht zur Ferne. Daniel schritt inmitten seiner blauen Plastiktüten wie Gott am siebenten Tag über blaublühende Wiesen. Er brauchte nicht viel zu tun, um ein Künstler zu sein. Er war ein Künstler mit dem Auge, ein fauler Künstler, der nicht sägte, hämmerte und meißelte, so faul wie ein japanischer Meister der Tuschezeichnung, der lange schaut, ehe er seinen Pinsel einsetzt, so haushälterisch, als wäre Tusche das Kostbarste von der Welt. Daniels Arbeit bestand im Schauen und nochmals Schauen, im Bücken und Aufheben, im Umdrehen, Zurücklegen, In-die-Tasche-stecken, manchmal im Feilen, Schmirgeln, Polieren, Zurecht- und Zusammenbiegen. Die Krähen und die Möwen bewarfen ihn mit ihren Schatten, sie störten ihn nicht in seiner Aufmerksamkeit. Ihre Gegenwart war ihm lieb. Wie viel Schönheit, Wissen, Sorgfalt und Fleiß lagen auf der Müllkippe umher! Wie viel in Formeln erdachtes, nachts Entworfenes, auf Reißbretter Übertragenes, von Maschinen Gestanztes, Gebogenes, Geschweißtes. Das dunkle, in alten Kaffeemaschinen verborgene giotto-goldene Kupfer der Heizröhren, die sich leicht zu wunderbaren Figuren zurechtbiegen lassen. Was wissen die Leute davon! Sie verbieten ihren Kindern, in die Kaffeemaschinen hineinzuschauen, weil ihnen selbst die Neugier streng verboten war. Iss nicht vom Baum der Erkenntnis! Nun schmeißen sie alles weg, ohne je hinter der Plastikverkleidung geforscht zu haben. Die athenische Eule aus der Werkstatt des Kunstschmieds Hephaistos! Ach, hätte Daniel damals schon die strenge und gerechte Direktorin des Beethoven-Internats gekannt, die Chefin Ellen Finkes, sie hätte ihm recht darin gegeben, den Elektromotor des Küchenquirls so und nicht anders zu bezeichnen! Die Augen der Eule, das sind die Halterungen der Qirlstäbe, ihr glänzender Schnabel das Ende der Läuferachse, ihr goldenes Gefieder die Kupferwicklung des Rotors, ihre ehernen Flügel der gusseiserne Ständer, ihre krallenbewehrten Fänge die Schaufeln der Gebläseschraube. Daniel sammelte auch Platinen alter Fernsehapparate. Silberne Zinnstraßen in Gärten aus dunkelgrünem Bakelit, über denen geheimnisvoll die Glaskuppeln der Verstärker-Röhren schimmern. Die Getrieberäder von Rasenmähern, achtlos fortgeworfene Wunderwerke! Die Zähne nicht schnurgerade geschliffen, sondern zart gebogen wie die Linien griechischer Tempelsäulen. Man fühlt es mit den Augen, aber man sieht es nur, wenn es einem jemand sagt! Daniel besaß über hundert Rotoren mit Kupferwicklung. Er war kupfersüchtig. Kupfer war sein Gold. Er träumte von Rotoren, von kupferumwickelten Läufern im Schatzhaus der Königin von Saba. Von ihr träumte er auch. Und von der schönen Negerin. Waren sie nicht beide dieselbe Frau?

Diese Welt der Kunst im Foyer auszubreiten, das wünschte sich Daniel. Die Pläne dazu waren im Bauwagen entstanden. Dort hatte sich Ollet seiner guten Beziehung zur Stadtverwaltung gerühmt und dort war auch beschlossen worden, die Matinee des Malers Kragenhäuser im Foyer zu besuchen, um sich vor Ort und Stelle ein Bild von den Möglichkeiten einer Ausstellung zu machen. Nach der Matinee entschied sich Daniel, seine Ausstellung lieber auf dem Trödelmarkt zu zeigen, der zweimal pro Halbjahr abgehalten wurde. Eine Ausstellung im Foyer würde er doch nur einmal erreichen (bestenfalls). Die Transportprobleme hätte er hier wie dort.

21.

An manchen Sonntagen versperren Autos die Bürgersteige oder ragen mit ihren Schnauzen in die Wiese, knicken Schafgarbe und gemeine Wegwarte. Da, wo sonst die Autos hingehören, auf den Parkplatz „P1“, breitet sich der Flohmarkt aus. Er ist ein gesellschaftliches Ereignis in Oplyr. Niemand braucht sich zu schämen, dort gesehen zu werden, denn keiner wird verdächtigt, die Armut zwinge ihn, abgelegte Kleider oder gebrauchtes Geschirr zu kaufen. Die Besucher ergehen sich wie in Blumengärten, beschaulich, heiter. Sie suchen nach Zierstücken für den Partykeller, dessen Wände aus roher Kiefer mit Kutscherlampen oder Speichenrädern behängt werden sollen. Arme können sich solche Keller nicht erlauben. Deshalb braucht sich nicht zu genieren, wer in Bluejeans, Turnschuhen und Windjacke über den Trödelmarkt schlendert. Denn seht, das ist ein Mann, der sonst tadellos mit Krawatte seinen Beruf in leitender Position ausübt und hier nur seine verdiente Freizeit genießt.

Niemand preist seine Ware an, keiner feilscht. Die Leidenschaft, Handel zu treiben, dem Wert der Dinge auf den Grund zu gehen, Gerechtigkeit herzustellen und die ausgehandelten Preise wie Urteile zu verkünden, davon ist hier nichts zu spüren. Die Verkäufer stehen hinter den Tapeziertischen, auf dem das Geröll verflossener Zeiten gehäuft ist, und ziehen an ihren Zigaretten. Manchmal, fast widerstrebend, nennt einer einen Preis, während er den fraglichen Gegenstand zurechtrückt, als wäre die genannte Summe ein Zauberwort, das nicht laut ausgesprochen werden darf, damit dem Objekt keine Flügel wüchsen, die ihn aus dem Bannkreis des Tisches rücken.

Die Umwelt-Gruppe Oplyr bietet Fundstücke aus den Seen des Braunkohlereviers an. Sie hat unter der Aufsicht von Sporttauchern aus dem Kaiserin-Augusta-See verkrustete Waffen (wahrscheinlich Wehrmacht), drei Stahlhelme, ein Motorrad alter Bauart und zwei verrostete Fahrräder herausgefischt. Die Waffen werden nicht angeboten (obwohl es genug Liebhaber dafür gäbe). Auch die Stahlhelme, obwohl nur „Defensivwaffen“, sind nach mehrstündiger Diskussion vom Verkauf ausgeschlossen worden. Das Kriegsgerümpel erhält der Leiter des Heimatmuseums für eine Dauerausstellung über „Oplyr im Kriege und unter der Nazi-Diktatur“. Das Motorrad (durch Feilen und Schmirgeln hat es eine gleichmäßige hellbraune Farben angenommen) findet sogleich einen Käufer.

Die Mitglieder der Umweltgruppe gehören zu den Gelegenheitsverkäufern. Sie sind mangels Geschäftserfahrung unsicher in ihren Forderungen, und durch sie macht man am ehesten die Bekanntschaft mit einer Rarität. Jeder Besucher erhofft für sich eine Sensation, eine billige Kostbarkeit - ein Nugget unter Kieseln, eine als Messing verhökerte Goldschale, ein als Kopie feilgebotenes Original, eine als viktorianischer Leuchter (und dafür schon teuer genug) ausgegebene Grabbeilage, die aus einem Fellachendorf stammt und über die Kasba von Kairo, eine Hafenkneipe in Lissabon, ein Londoner Pfandhaus, einen Antiquitätenhändler in Lüttich, über Aachen und Köln und schließlich auf den Parkplatz in Oplyr gelangt ist. Wer träumt nicht davon.

Die Nippesverkäufer stellen Produkte ihrer Bastelkurse aus, Mitbringsel aus der Kur, Faden-Muster auf Pappe, Hinterglasmalereien oder mit einem Brennstift gezogene Konturen auf weißem Lindenholz, gebrannte Lehmgebilde, Engel und Möpse, Kackhaufen aus Ton. Frauen in langen Wollröcken und viel zu weiten Pullovern stehen hinter ihren Töpfereien, ihrem eingemachten Obst (nach hinterindischen oder chinesischen Rezepten), hinter Bergen von Patchwork oder selbstgezogenen Kerzen aus Bienenwachs der eigenen Produktion. Einige Antiquitätenhändler aus Bonn schicken ihre Frauen auf den Trödelmarkt und lassen den Kleinkram verhökern, den sie falsch taxiert haben und in ihren Geschäftsräumen nicht mehr anbieten wollen. An den Rändern des Parkplatzes haben Kinder ihre Sachen auf den Asphalt gelegt, Spielzeugautos, Comics, Kassetten, eine Burg aus Pappmaschee, ein Fort aus Kunststoffpalisaden. Viele Waren jedoch sind eigens für den Flohmarkt hergestellt worden: Geschirr mit Zwiebelmuster, Nachbauten alter Küchenmaschinen und Uhren. Briefwaagen, Kannen und Dochtabschneider werden industriell zusammengenietet zur Zierde in Wintergärten, Zinn zu betenden Händen, Spitzweg-Kavalieren, saufenden Mönchen oder Wappen gegossen.

Ansichten vom Wolfgangsee (eingerahmt durch Kiefernbretter), ovalgerahmte Bilder, gelbstichige Fotos kindlicher Männer in Leutnantsuniformen, Pornografie der Jahrhundertwende, Christus als Darsteller seiner selbst, in Leder gebundene Ausgabe eines Werkes über den Krieg 1870/71 (Gefechte an Friedhofsmauern, Männer, die stieren Blicks das Bajonett vor sich herschieben), ausrangierte Bücher der Leseringe: Via Mala, Straße des Ruhms, Vom Winde verweht, Soll und Haben, Volksausgaben im schmutzigen Leinen, herausgezogen aus dem hinteren Teil eines kellerfeuchten Schrankes. Was soll der Erbe damit anfangen? Soll er sie fortwerfen (in dem Fall wären sie vom Müll auf den Trödelmarkt gekommen), der Pfarrbücherei schenken (dann wären sie nach der Aussortierung durch die Gemeindeschwester in den Papierkreislauf gelangt) oder sogleich in den Papier-Container stecken? Von dort hätten sie eine Art Seelenwanderung angetreten, die sie früher oder später wieder auf den Flohmarkt führen würde. Jahrbücher der Regierungen, protzige Bände, die palettenweise in Tiefgaragen stapeln, ohne je ausgeliefert worden zu sein. Die meisten gehen wieder zurück in die Papiermühlen. Ein Beamter hat sich des einen oder anderen Bandes erbarmt und mit nach Hause genommen und dann, beim Ausmisten seiner Wohnung oder beim Umzug, die nie gelesenen Exemplare staatlicher Selbstdarstellung in Waschkörbe gepackt und zum Flohmarkt gefahren, in der Hoffnung, jemanden zu finden, der Jahrbücher sammelt und dem einige Jahrgangsnummern fehlen und der auf der Suche nach Vollständigkeit zwei Mark oder fünf Mark geben würde, um die Nummernlücke zu schließen und die Reihe der Einbände zu verlängern. Broschüren von Zweckverbänden, Denkschriften, Rechenschaftsberichte großer Firmen, Jahresberichte von Akademien, Jubiläumsschriften mit Grußworten ehemals prominenter Männer (meistens Männer), Persönlichkeiten, die einmal eine Rolle in den Nachrichten gespielt haben und dann aus Gründen, die man leicht vergisst, aus dem Tagesgeschehen verschwunden sind (denn nur wenige retten sich auf das Floß des Ruhmes). Alles was in der Literatur besonders vergänglich ist, fristet hier ein Schattendasein.

In dieser Umgebung, das bildete Daniel sich ein, könne er seine Objekte ausstellen und vielleicht eines davon, an dem er nicht so hing, verkaufen. Aber wer würde ihm die Exponate, einen Tisch, einen Stuhl, die Kaffeekanne zum Parkplatz P1 fahren? Mehr als auf einen Bollerwagen passt! Heinz Ollet hatte versprochen, über dieses Problem nachzudenken. Den Transport mit einem Wagen der Müllabfuhr würde man nicht genehmigen. Daniel spekulierte, ob sich nicht aus zwei Fahrrädern – in der Art eines Katamarans – ein Gefährt konstruieren ließe, das seine Exponate befördern und zugleich als Ausstellungsfläche dienen könnte, so dass wenigstens der zusätzliche Transport eines Tisches entfiele. Die Vorstellung, einen Bernhardiner („ein Produkt der Christenheit, das ich zu schätzen wüsste“) vor das luftige Gebilde aus Rohr und Rädern zu spannen, entsprang aber eher dem Wunsch nach einem Begleiter für die weiten Gänge über die Deponie. Denn er hätte ebenso gut (eigentlich besser) ein drittes Fahrrad vor das Gefährt schrauben und es damit selbst zum Flohmarkt velozipieren können. Wer zwei Fahrräder einplant, dem braucht die Planung eines dritten nicht unmöglich zu erscheinen. Von der Befolgung dieses Planes hatte Heinz Ollet ihm jedoch abgeraten. Die Ausstattung des Gefährts mit einem Dach, einer durchsichtigen Folie, die Daniel gegen die Unbill des Wetters schützen sollte, müsste amtlich zugelassen werden. Da heißt es dann, Formulare ausfüllen, Auflagen berücksichtigen, Versicherungen abschließen und bezahlen. Ollet: „Ich habe eine andere Idee, eine exotische. Ich weiß nicht, aber es kann klappen. Ich habe das in der Nase.“ Dabei klopfte er mit dem Zeigefinger an einen Nasenflügel. „Das Auto von der Schwatten, von dem fantastischen Weib, das bei uns aufs Gelände darf! Und wenn es nicht möglich ist, herrgottnochmal, dann gehst du mit deinen Sachen eben nicht auf den Flohmarkt!“ Die Schwatte? Das ist die Königin von Saba, Daniels Traum.

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