Kitabı oxu: «Die Poesie des Biers»
Roth
Die Poesie des Biers

Jürgen Roth
Die Poesie des Biers
Mit Gastbeiträgen von Matthias Egersdörfer,
Marco Gottwalts, Christian Jöricke,
Friederike Reents, Michael Rudolf, Jörg Schneider
und Dieter Steinmann

Jürgen Roth, geboren 1968, lebt als Schriftsteller in Frankfurt am Main. Jüngst sind von ihm im Verlag Antje Kunstmann drei Hörspiel-CDs erschienen (Stoibers Vermächtnis, Der Untergang des Bayernlandes und Mit Verlaub, Herr Präsident …, die ersten beiden zusammen mit Hans Well von der Biermösl Blosn) sowie bei Zweitausendeins der Band Schrumpft die Bundesrepublik! (zusammen mit Michael Rudolf und F. W. Bernstein). Im Oktober Verlag liegen von ihm diverse Titel vor, darunter Anschwellendes Geschwätz, Fußball! (Buch und CD), Das perfekte Wirtshaus und, als Herausgeber, die Live-Lese-CD Der saubere Herr Rudolf.
2., korrigierte, überarbeitete und stark erweiterte Auflage
© 2010 Oktober Verlag, Münster
Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung
des Verlagshauses Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster
www.oktoberverlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Satz: Claudia Rüthschilling
Umschlag: Tom van Endert unter Verwendung
eines Photos von Jürgen Roth
Alle anderen Bildnachweise am Ende des Buches
Herstellung: Monsenstein und Vannerdat
ISBN: 978-3-938568-91-0
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net
Ich hab’ nach vier Runden schon gemerkt, daß ich
so blau bin, da hab’ ich gemerkt: Oh, oh, das wird schwer!
Claudia Pechstein
Kann man einem Menschen trauen, der keinen
Alkohol trinkt? Ich habe da meine Bedenken.
Gerhard Polt
[…] dieses eine Bier hatte auf ihn gewartet, und
er hatte es noch nicht ganz ausgetrunken.
Malcolm Lowry: Unter dem Vulkan
Was soll man denn die Leute in den Geschichten immer trinken
lassen – nimmt man Whisky, muß man einen Revolver einbauen,
und bei Sekt wird die Beschreibung der Kleider der Weiber gleich viel
zu langwierig. Bei Bier schreibt man Bier, und damit hat es sich.
Franz Dobler: Bierherz
So sind zum Beispiel Bier, Wein und Denken
Reize, aber nur vom erstern ließe sich leben.
Jean Paul
Pilsner Bier ist das eigentlich einzige Alkoholgetränk,
das absolut für viele Leidende eine Medizin, ein Diätetikum, eine
Rekonvaleszenz, eine Erlösung, ein Heil erster Ordnung bedeutet!
Peter Altenberg
Bier ist unter den Getränken das nützlichste, unter den Arzneien
die schmackhafteste, unter den Nahrungsmitteln das angenehmste.
Plutarch
Da der Komfort das oberste Prinzip ist, so versteht es sich
von selbst, daß man Bier haben kann, wenn man einen
Menschen anzapft und ein Gefäß unter die Öffnung hält.
Karl Kraus: Varieté
Andere gehen am Vormittag in ein Wirtshaus und
trinken drei oder vier Gläser Bier, ich setze
mich hier herein und betrachte den Tintoretto.
Thomas Bernhard: Alte Meister
Trinkst du persönlich auch noch was?
Wirtin in der Frankfurter Gastwirtschaft Lokalteil
Bier hilft!
Jörg Fauser
Cerevisiam bibunt homines.
Es war alles Bier.
Heino
Man trank, um getrunken zu haben.
Jörg Fauser
Inhalt
Vorbemerkung zur zweiten Auflage
Vorbemerkung
Grußwort
Michl Rudolf, alter Seebär!
Ein Abend in Aufseß
Neulich am Tresen
Die einzig wahre Flaschenpost
Ein Flecken
Arbeiterfrühling
Der Russe
Vom Russ’
Aus der Welt der Wahrheit
Der Staub der Seele und das Grün des Gemüts
Kino
Kneipenkomik
Die Gasthaushölle und die goldene Gerste
Das Verschwinden des dicken Luftraums
Bier im Schuh
Trotz Zahlkraft der Heimat so fern
Alles fahren lassen
Beim Bistrobier belauscht
Beckett guckt Beckenbauer
Daseinsbewältigung 2008
Das heilige Viereck
Kleine psychosoziale Biertypologie
Bohlens Bier (im Kontext)
Die Blaue Bierblume oder: Ein hehrer Halunke und harter Herold
Wrba contra Rehse
Der Poet des Bieres oder: Ode an Helmut Stier
Kafka in Pirmasens
Dorst und Dorf
Eins für die Chefin
Von Dieter Steinmann
Das Zelt der Zerberusse
Vom Briten lernen
Von Dieter Steinmann
Aufklärung à la Albion
Leberwurstbauch
Auf Hemdknopfhöhe
Blonde Bräute in spe
Der oder das Radler – akzeptabel?
Oberneuses
Bock around the clock
Mosers Mühen
Oberharnsbach
Karnevalskirche
Paradigmenwechsel in Jesbach
Das lohnende Los
Bald Barbarei in Borgentreich?
Trauer um Spuckesepp
Der Bischoff-Bischof
Dummheit + Bier = Mildernde Umstände
Alle Irren
Richtig trinken
Mehrere Männer und zwei Frauen
Über den Biersatz
Erwähnenswerte Ereignisse
Sieh an, ein Anagramm!
Neue Überlegungen übers und beim Bier
Was A sagt, muß auch B sagen oder: Sich verabreden
Schnitzel, quo vadis?
Total wahre Anekdote über und zu Ror Wolf
Von der mangelhaften Lautlosigkeit im Schnitzelgebirge
Stadt, Land, Fluß
Ursprüngliche Bierakkumulation oder: Bloß eine Jugendsünde?
Unser liebes Bätzibaby
Biermanieren
Witz aus der Flasche
Auf, zum Teufel!
A Hardy’s Night
Fuller Frühling
Irrtum
Bierpoesie
Die zehn besten Biere vom Niederrhein
Die zehn besten Biere aus Franken
Die zehn besten Biere aus Sachsen-Anhalt
Das modernische Dingsda
Erneute Ereignisse und erwähnenswerte Erwägungen
Kneipenkomik II
Pappkameraden
Singendes Sitzfleisch
Der Herumführer
Trier an der Nordsee
Im Dienste der vielfachen Völkerverständigung
Jetzt mal ein paar Worte zu Gießen
Teufelswerk im Kloster Machern
Obere Wiese, untere Wiese
Die Rühreifrage
Spafallera
Wie wir Weltmeister wurden
Aussicht auf nichts
P13
Wolkensuche
Zugglück
Achtung, aufgeschichtetes Holz!
Kettenrauchen contra Katarrh
Auf der Jagd nach einer Dose
Lustprinzip im Modus der konjunktivischen Vorvergangenheit
Bierdeckelarithmetik
Mein terroristischstes Erlebnis
Gemischte Völker- und Tierkunde (nach Robert Gernhardt)
Australien doch nicht!
Wer ist Kafka?
Trinkorte, Nicht-Orte, Gegenorte
Tratschort Trinkhalle
Skatskandal
Die Marmelade am Hering
Da lacht die Leber
Dosenbierkrise
Schöner reisen nach Afrika
Von der Kunst des Negerphotographierens
Dreierlei Maßarbeit oder: Ein Tresentriptychon
Sprachlos
Die Fünf-Promille-Hürde
Die Biervision
Die besten Elf*
Breakfastbierbrezeling
Rechenkünstler
Es tritt auf: das Arschloch
Godesberger Farben
Monsters Of Miltenberg
Sommerausklang
Winzer und Würstl
Weinberater Gonzales
Gegen das Klavierspielen
Zehn bemerkenswerte, vielleicht sogar gesellschaftsrelevante Bierlieder
Der Abschaffelverein
Die Sonne im Sonnenhof
Rauschende Spiele
Welcome Asia Bistro
Pizza-Connection
Zwei oder drei, du mußt dich entscheiden
Jürgen Roth kauft sich eine Hose und geht zu einer Lesung – Ein Drama in drei Akten und mit glücklichem Ausgang
Bierwart Jubb
Magnetbier oder Bountybier
Kaufen, kaufen!
Medizin
Abstürze, Katerkunde
Schwund und Schund
Die guten Eindrücke von Lahnstein
Livealbum oder: Ein Remixroman in mehreren, nämlich ganzen drei Kapiteln
Anhang: Marken und mehr
Nachweise
Bildnachweise
Vorbemerkung zur zweiten Auflage
Jeden Autor freut es, wenn ein Buch von ihm vergriffen ist. Es wurde gekauft, womöglich sogar gelesen und weiterempfohlen. Also einfach geschwind eine Neuauflage drucken?
Nein. Bei Lesungen hat man gemerkt, daß dieser und jener Text an der einen oder anderen Stelle nicht richtig fließt, daß man hier ein wenig kürzen, dort hingegen eine Kleinigkeit einfügen müßte, daß sich ein Druckfehler, eine Wiederholung oder ein falsches Wort eingeschlichen hat. Die Suche nach dem »mot juste« (Flaubert), auf die man sich dann begibt, kann außerordentlich mühsam sein, denn sie verleitet einen dazu, die alten Sachen, die man Arno Schmidt zufolge fünfundzwanzig Jahre nicht mehr anschauen sollte, einer genauen Überprüfung zu unterziehen.
Das ist keine angenehme Arbeit. Ich habe alle Texte so penibel wie möglich durchgesehen, und das hat sich hingezogen. Deshalb erscheint die Neuauflage mit einem Jahr Verspätung. Zudem konnte ich es nicht lassen, noch etwelche Glossen, Reportagen, Geschichten, Aufsätze und Minidramen zu schreiben, und der Anhang ist auf das Fünffache des ursprünglichen Umfangs angeschwollen. Es werden dort jetzt 844 Biermarken inspiziert und bewertet. Ob es sie alle noch gibt, vermochte ich beim besten Willen nicht zu recherchieren. Wo das nicht der Fall ist, verweise ich auf das konservatorisch-eschatologische Moment von Literatur.
Im Verbund mit dem im Frühjahr 2009 erschienenen Band Das perfekte Wirtshaus liegen meine Texte zum Thema Bier nun gesammelt in Buchform vor. Dann kann es ja weitergehen.
Vorbemerkung
Vielfältig sind nicht nur die Lobgesänge, die die besten Dichter auf das Bier angestimmt haben, auf das älteste Getränk der Kulturgeschichte, die sinn- wie würdevollste Erfindung des Menschen. Eindrucksvoll vielfältig ist die Alltagspoesie selbst, die der Zungenlöser und Geselligkeitsförderer Bier anregt.
Die Poesie des Biers wendet sich einigen bemerkenswerten Aspekten und einigen abgelegenen Winkeln des unermeßlich weiten Bierkosmos zu, unternimmt Exkursionen in fränkische Bockbierparadiese und in Bierprovinzen, erzählt von Tresengesprächen und von konfusen Bierdiskursen – verpflichtet im wesentlichen den Gattungen und Genres Prosa, Polemik und Panegyrik. Zuweilen mogelt sich das Bier auch bloß vom Rande herein, was nicht bedeutet, daß es dann eine weniger wichtige Rolle spielt.
Im Anhang werden einige spezielle und nicht so spezielle Erzeugnisse der weltweit tätigen Brauwirtschaft begutachtet; mit 241 neu verkosteten Marken ist er als Ergänzung zu den Bänden Bier! Das Lexikon und Bier! Das neue Lexikon gedacht.
Der freundliche Hinweis auf Michael Rudolfs Opus 2000 Biere – Der endgültige Atlas für die ganze Bierwelt sei hier auch gestattet.
Grußwort
Bis zum April 1999 dachte ich, Herrn Rudolf ganz passabel zu kennen; diesen distinguiert auftretenden, edle Lederjacken schätzenden, stets leidlich gescheitelten, kotelettenfreien Herrn, der während seiner Jahre als Sudingenieur c/o Greizer Vereinsbrauerei ein reines Gespür für Hopfen, Malz und die Solistenkunst Ritchie Blackmores entwickelt zu haben schien; der bei gelegentlichen Luftspeedgitarrenwettkämpfen gar nicht mal »schlecht« aussah und dem Moment des musikalischen Glücks meist wohltönende Lautreihen zu schenken verstand; der, und wann findet man so was schon in unsren verlotterten Zeiten, ein Freund war. Bis zum April 1999 –
– da wir gemeinsam die Fränkische Schweiz bereisten und keine drei Tage später getrennte Wege gingen. Gehen mußten.
Ich könnte Sachen erzählen. Wenn hier zum Beispiel einer den Arsch offen hat, dann der feine Herr Rudolf. Der saubere Herr Rudolf, der sich vertraulich gerne »Brüsteforscher Rudolf« nennt, peppt jenen Trank, den er »testifizieren« möchte, mit Zigaretten auf, »um der schalen fränkokanadischen Hopfenkaltschale wenigstens etwas Power« zu »verleihen«. Ernste Verkostung gehorcht gewiß anderen Regeln. Der honorige Herr Rudolf, die Schnapsdrossel und temporäre Whiskyleiche, pflegt jede halbe Stunde zu fordern: »Laß uns noch einen Liter Bierschnaps wegputzen, du fährst ja« – die häßlichste der bekannten Formen des Bierdopings.
Der superbe Herr Rudolf gestand mir am Schanktisch des Aufsesser Brauhauses, bevorzugt bei geschlossener Flasche und »per Anblick« zu verkosten. Es ist der anständige Limofan Rudolf, der im Grunde nur nach Weibern ächzt und einen Dreck um die Weiterentwicklung der Bierliteratur sich kümmert. Die Notizen und Notate des Rauchbierrauchers Rudolf erfüllen samt und sonders den Tatbestand des Betrugs und wollen, erklärt er gegen zwölfe steinvoll johlend, »eh bloß dem verfickten Kunstgedanken Genüge leisten«.
Der edle Herr Rudolf, der ab einse »Mein Freund, der Frauenarsch« intoniert, ist ein akkurater Lump und nur zum Schein ein manierliches Mitglied der Menschengesellschaft. Mein Vertrauen hat er verwirkt. »Ich fress’ jetzt ein Schnitzel«, waren die letzten Worte, die er an mich richtete, bevor er ein Warsteiner köpfte, sein Rad bestieg und in den blitzend roten Horizont entschwand, um »dieses Scheißbuch runterzusemmeln«.
Immerhin: Drei Wörter hier sind wahr. Mehr als auf den folgenden Seiten.
Michl Rudolf, alter Seebär!
So hatten wir zwar nicht gewettet; aber Du hast es so gewollt: im Greizer Wald, wo Du vor vierzig Jahren zusammen mit Deinen Großeltern sämtliche bekannten Pilz- und Reharten der nordöstlichen Hemisphäre in einem Akt spontaner Willkür komplett um- und neubenannt hast, kurz nach dem Rechten zu sehen und dann die Lebensnot- und -mutreißleine zu ziehen.
Michl, alter, guter Stiefel: Jetzt trinkst Du uns im Deutschen Brauer-Bund-Himmel die siedend schönen Bierkessel auf eigene Rechnung leer und weg, und bei solch sauberer Feinarbeit wollen wir Dich auch nicht stören, auch wenn wir’s zu gerne täten. Aber, good old Lump, hinauf zu Dir brüllen und jammern dürfen und müssen wir doch: Keep on rockin’ and drinkin’ in a Binding-free world!
Deine Schwermutmatrosen von stets Deiner
Titanic
Ein Abend in Aufseß
Ich weiß nicht, ob ich richtigliege – vielleicht weiß man ohnehin praktisch nichts von jenen Dingen, die relevant sind –, aber eine autobiographische Miniatur aus Michael Rudolfs seit Mitte der neunziger Jahre in dichter Abfolge erschienenen Büchern lese ich heute als eine Art Programmschrift, die mir die Augen öffnet für sein schriftstellerisches und sein Lebenscredo, die er beide nie explizit formuliert hat.
»Topographie des Taumels« aus Der Pilsener Urknall (Leipzig 2004) ist die Hommage an den Bürgerhof überschrieben, an eine seiner zwei Stammkneipen während der Schulzeit in der DDR. »Die Schwerkraft wirkte höchstens symbolisch, damit die Leute auf den Stühlen blieben. Nicht daß es in dieser Topographie des Taumels einen einzigen Augenblick stille gewesen wäre. Immer gab es was zu erzählen und am meisten von denen, die ohnehin ihren ganzen Tag hier verbrachten. Selten waren die Gespräche ergebnisorientiert. Trotzdem funktionierte die vor der oralen Hysterie draußen hermetisch behütete – Achtung: Kalauer! – Oral history. Wohl weil deren Protagonisten stilsicher auch an den richtigen Stellen weinen konnten.«
Zwischen den »Distinktionsverlierern« und sozial Geächteten war ein Glück beheimatet, »da lebten sie auf, lebten sie vorübergehende Gleichberechtigung. Und fühlten sich als Subjekt.« Man sollte diese Sätze ganz und gar ernst nehmen. Michael Rudolf spricht hier ohne satirische Camouflage: »die Welt – und was für eine – in einer Nußschale.« – »Im Bürgerhof operierte die Kommandoebene eines Lebensverschönerungsvereines […]. Im Bürgerhof kam ich mir vor wie in einem Paralleluniversum: unendlich nah an der albernen Sinnestäuschung, die von der Menschheit als Leben hingenommen wird, und doch un(an)greifbar und Welten davon entfernt.«
Nicht greifbar und mitten im Leben – jedoch in einem Leben, das mit dem gewöhnlichen, realistisch abschilderbaren ›Leben‹ nichts gemein hat, mit dem Leben der Honoratioren und Dicketuer und »Kaufleute und Lokalpolitiker«, gegen deren herrschende Gegenwart eine Idee des Lebens steht, von deren Finalität Michael Rudolf im Rückblick auf den Abriß des Bürgerhofes etwas preisgibt, und zwar in einer kaum verschlüsselten absurden Figur: »Dem Wirt half dieser bittere Gegenschlag des Daseins wenigstens, den Kampf gegen seinen Selbsterhaltungstrieb zu gewinnen.«
Ich hatte das große Glück, Michael Rudolf 1994 kennenzulernen. Wir hatten bis dahin ein paarmal miteinander korrespondiert und telephoniert, und nun kauerten wir in der Frankfurter Messekoje seines Verlages Weisser Stein, mit dem er – unter beträchtlichem finanziellen Verlust – Autoren wie Gerhard Henschel, Susanne Fischer, Fritz Tietz und Eugen Egner die Tür zur großen Verlagswelt aufstieß.
Wir tranken irgendeinen hessischen Bierrotz und schienen uns zu verstehen. Zwei Jahre später kampierten wir dann in meiner Wohnung und schrieben Bier! Das Lexikon. Michael, der in der Titanic (4/1994) mit einer Parodie auf die Verkostungsliteratur die Blaupause für das schließlich juristisch von allerlei Seiten schwer bombardierte Buch geliefert hatte, war schon damals gesundheitlich angeschlagen – er machte vor allem die höllischen acht Jahre als Brauingenieur und Schichtleiter in der Greizer Schloßbrauerei für seine oftmals marode Verfassung verantwortlich –; aber in den zwei Wochen, in denen wir wie bekloppt zwischen Batterien von Bierflaschen aus aller Welt herumstaksten und nebenher unseren Unsinn in die Tasten klopften, war er nicht selten fast entfesselt ausgelassen. »Mit dir ist gut arbeiten«, sagte er plötzlich eines Abends strahlend, und ich muß gestehen, daß nahezu alles, was von dem Buch bleibt, von Michael stammt – natürlich auch mein Lieblingseintrag: »Beck’s Spitzen-Pilsener – 4,7% Brauerei Beck & Co. Bremen. Eigenartig: schmeckt immer so, wie man sich gerade fühlt, also meistens schlecht.«
Annäherungsweise begriffen habe ich erst Jahre danach, als er schlagartig keinen Schluck mehr vertrug und die peinigenden Schmerzen und multiplen depressiven Beschwerden den manischen Arbeiter zur wiederholten Krankschreibung zwangen, daß in dieser beiläufigen Biernotiz sein ganzes Lebensgefühl ausgedrückt war. Er schrieb trotzdem hartnäckig weiter und ließ ein bewunderungswürdiges Buch auf das nächste folgen: seinen wahrlich »wunderbaren Pilzführer« Hexenei und Krötenstuhl, den Roman Morgenbillich – die ostdeutsche Antwort auf den legendären Arnold Hau von Bernstein, Gernhardt und Waechter –, den in der Öffentlichkeit völlig untergegangenen, grandios albernen Kolportagepolitporno Chefarzt Dr. Fischer im Wechselbad der Gefühle oder die kleine monographische Liebeserklärung an die Artrockband Yes, Round About Jutesack. Michael war ein Genie.
Ich würde gerne von vielem erzählen; es ist hier kein Platz. Nie ist Platz. Ich würde gerne von unseren Forschungsreisen ins Böhmische erzählen, auf denen uns das montypythoneske Metal-Trio Primus erquickte, bis wir vor Vergnügen fast ins Auto kotzten, oder von unseren in jedem Frühjahr anberaumten Biertouren, deren erste in einer komatösen Pkw-Fahrt kulminierte, bei der uns der Allmächtige beigestanden haben dürfte und die wir mit einem Rockkassettenkonzert in meinem Wagen krönten, das die Bewohner des von Michael mehrfach porträtierten Dörfleins Aufseß nie vergessen werden.
Dieser duale Radau- und Klamaukkreis erweiterte sich auf Betreiben Michaels, der den normierten Gesellschaftsmenschen als Pest empfand und die freundschaftliche Geselligkeit über alles schätzte. Bald war ein stabiles Vergnügungsteam gebildet, das standhaft dem »Qualitätspilsener« (Michael) zusprach und es sich ein paar Tage pro Jahr sackrisch gutgehen ließ, inklusive der Kultivierung extraterrestrischer Katerphänomene.
Ich würde gerne erzählen von einem Abend in Aufseß, an dem wir uns ungeplant und stundenlang ausnahmslos in den allerdümmsten Phrasen unterhielten und dabei lachten, wie vielleicht noch nie gelacht worden war. Oder erzählen würde ich gerne von einem wahnsinnigen Verkostungsnachmittag bei Tucher-Bräu in Fürth, an dem uns der damalige Boß Franz Inselkammer nicht nur sein gesamtes Monstersortiment vortrank, sondern der Welt auch die Sentenz »Biertrinken ist erlebbare Realität« schenkte, die Michael in der Folge wie eine Art Zauberwort immer wieder aufgriff.
»Erlebbare Realität«: Das ist ein Schlüssel für Michaels Werk, im spöttischen und im emphatischen Sinn. An der Realität zu verzweifeln, zugleich verzweifelt zu versuchen, sie zu gewinnen, für sich und gegen die Wirklichkeitsmodellierungen derer, die einem immerzu nachstellen, indem sie einem über ihre Agenturen einhämmern, was man als ›Welt‹ zu akzeptieren habe – von diesen bisweilen grausamen Zwiespalterfahrungen erzählen Michaels melodiöse, grantige, bübisch übermütige, sorgsam krumme Geschichten und Satiren, und diesen Riß zwischen gelungener Welterfahrung, die Michael am Schreibtisch, unter Freunden, in der Familie, in der Rockmusik und in der idyllischen Natur ab und an machen konnte, sowie den unauslotbaren, tiefen Daseinszumutungen hat er, der von seinen Qualen hie und da in Andeutungen sprach, nicht mehr ausgehalten, als er am 2. Februar dieses Jahres um die Mittagszeit das Haus verließ, nur mit einem Rucksack, in dem ein Strick lag.
»Auch nicht angezweifelt werden darf die Dignität einer funkelnd hellgrünen Zitronenfalterraupe beim Schlürfen der Bierpfützen unseres Tisches. Diese Kreatur hatten wir schon in Heckenhof angetroffen, wo sie ihrer Daseinsform weitere Glücksmomente zufügte.« Das steht im letzten Kapitel des Pilsener Urknalls, in der Eloge »No Sleep ’til Nankendorf«. Zugefügte Glücksmomente – ich bin mir sicher, Michael hat dieses Oxymoron, das durch eine kleine Verschiebung, eine winzige Abweichung vom konventionellen Sprachgebrauch (Glücksmomente, die sich fügen o. ä.) entsteht, bewußt gewählt.
Ich habe diese unscheinbare, kunstvoll verhüllte Formulierung erst in diesen Tagen als das wahrgenommen, was sie ist: als bedeutendes Beispiel oder Moment der Poetologie, auf der Michaels Texte aufruhen und die seinen Arbeiten jenen ganz und gar eigentümlichen, barocken, enigmatischen und zugleich luftigen Sound verleiht, jenes spielerische Flair, in dem sich das Dunkle, Bedrohliche, schwer Sagbare in der Posse, im witzigen Kniff, in der Wortverdrehung, im artistischen Jux, in der Pointe vermummt. Wovon man nicht sprechen kann, damit treibe man Schabernack.
Seltener griff Michael zu den Mitteln der uneingeschränkt und notgedrungen brachialen Polemik – zuletzt in seinem Streifzug durch die sprachlichen und allgemeingeistigen Verwüstungen, die der nicht endende Kapitalismus anrichtet (Atmo. Bingo. Credo – Das ABC der Kultdeutschen, Berlin 2007), früher in kulturkritischen Interventionen, die der Band Trost und Unrat (Mainz 2001) versammelt. Das Cover ziert ein Bild von Ernst Kahl, auf dem ein Mann mittleren Alters am Galgen baumelt und von einem Kind als Schaukel benutzt wird, und die »Abrechnungen« und »Grobheiten« berichten von »mottentief im Haarkleid der Mutter Erde verborgen liegen[den] ostdeutsche[n] Kleinstädte[n]«, sie verhöhnen die Religion, das Fernsehen und die Zeitschrift Rolling Stone, für die Michael im WM-Sommer 2006 eine anbetungswürdige Abrechnung mit dem Fußball schrieb, sowie »diese überflüssige Drecksblase« der Musikjournalisten überhaupt, und sie vernichten den Deutschen als Gattungswesen und das von ihm verunstaltete Land, für welche Michael das Arno Schmidtsche Verdikt von der »Faß=Zieh=Nation« verwandte. Dem Buch vorangestellt hatte er ein Motto von Emile Cioran: »Habe ich die Fresse von einem, der hienieden irgendeine Aufgabe hat?«
Auf der vorletzten Seite des Pilsener Urknalls ist ein Photo zu sehen. Drei schwarzgekleidete Gestalten, von hinten aufgenommen (rechts Michael, in der Mitte Ina, links ich), schlendern einen sacht ansteigenden Feldweg in der Fränkischen Schweiz hinauf; am blitzblanken Horizont lagert eine schöne, buschig ausfransende Hecke; die Bildlegende, die Michael daruntergesetzt hat, lautet: »Die Himmelsrichtung.«
Er hat sich in der Fränkischen Schweiz wohlgefühlt; vielleicht war er in diesen versunkenen Tagen auch stundenweise glücklich. Denn geschrieben hat er über unsere jährlichen Ausflüge ins Reich der Weltruhe: »Wiese, Wald und Weide wechseln wie nicht gescheit. Die Nachmittagssonne sengt auf die Hochalbflächen, die Luft flimmert, die Köpfe dampfen bedrohlich, und Flüssigkeitsaufnahme dürfte jeden Moment essentiell werden. Ein bißchen in den Schatten legen könnte auch nicht schaden – die Luft ankucken, schweigen, Gedanken fassen oder in süßen Albträumen schwelgen.«
Am Montag wurde Michael Rudolfs Leichnam in einem Wald in der Nähe von Greiz von einer Pilzsammlerin gefunden. Michael Rudolf hat sich erhängt. Er wurde fünfundvierzig Jahre alt und hinterläßt seine Frau Ina und seine Tochter Eva.
Neulich am Tresen
Sagt der eine zum andern: »Mensch, ich glaub’, ich trink’ noch eins!«
Sagt der andere: »Mensch, dann mach das doch!«
Die einzig wahre Flaschenpost
»Beim Bockbier schmeckt alles nach Blues«, brummte der 1987 auf der A 94 bei München besoffen verunglückte Frankfurter Dichter Jörg Fauser ein wenig benommen und melancholisch. Ob er den schweren, dunklen, gallig-schnapsigen Weihnachtsdoppelbock meinte oder den leichteren, honiggelben Maibock, den Kleinbrauereien während der Biergartensaison unter schattenspendenden Bäumen frisch vom Faß servieren, ist nicht zu klären. Allein, wenn Fauser auch oft zurückgezogen, jenseits der Tresen und Trinkhallen trank – »ich warte darauf daß es klingelt / und jemand mit mehr Bier / und anderen Gedanken kommt« –, so trank er doch mit einer solchen Beharrlichkeit, wie sie sich heutzutage PR-Manager und Geschäftsführer der großen Brauhäuser als verbreitete Gewohnheit wünschen würden.
Denn der Trend zum Biertrinken ist seit Jahren ein konstant negativer, ein Trend zur Abkehr vom beseelend feinen Hopfengebräu, hin zu aufputschenden, aggressiven respektive vorgeblich sportiven Mixturen und Cocktailpanschereien. Die Absatzquote, meldete der Deutsche Brauer-Bund, fiel jüngst unter die magische Grenze von hundert Millionen Hektolitern. Daran ändert selbst das engagierte Bechern auf dem jährlichen Münchner Oktoberfest nichts. Nahezu sieben Millionen Einheimische und assoziierte australische und sonstige globale Touristen verputzten im Jahr 2000 neben knapp 700.000 Brathendln, über 60.000 Schweinshaxen, 235.000 Paar Schweinswürstln und 94 Ochsen immerhin noch fast 65.000 Hektoliter Wiesn-Festbier – und das bei einem astronomischen Maßpreis von zwölf bis dreizehn Mark. Sie tun, was sie können. Sie »litern obi«, wie’s nur reingeht und wie’s ihnen Gerhard Polts Meistertrinker Adi in der genialen Wiesn-Bühnennummer »Attacke auf Geistesmensch« vorexerziert. Bloß – es nützt nichts. Deutschland kehrt dem Bier den Rücken.
Alarmiert ob des besorgniserregenden Zustandes im Land des Dichtens, des Bieres und des Denkens, greift der Brauer-Bund zu absonderlich gedankenlosen Werbemaßnahmen. Da werden allenthalben sogenannte Biererlebnisse beschworen und zwei offizielle »Bierbotschafter« berufen – Harald Schmidts mehr scherzhaft als rechtschaffen bierverkostender Co-Moderator Manuel Andrack und Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt; letzterer wohl, weil der Einbecker Brauknecht Till Eulenspiegel einst an Stelle des Hopfens des Braumeisters Hund – mit Namen Hopf – der Würze appliziert haben soll.
Innerhalb der vergangenen fünf Jahre sank der Jahresprokopfverbrauch um zehn auf zirka hundertzwanzig Liter. Steuert man jetzt nicht dagegen, dürfte es in sechzig Jahren in Deutschland kein Bier und keine Biertrinker mehr geben. Intelligente Öffentlichkeitsprogramme sind gefragt, eine sofortige Rückbesinnung auf das Bier und seine Verherrlicher tut not, auf die Jünger des Gambrinus, auf die ehrenwerten Bierpoeten und -denker. Und die hat es wahrlich reichlich, zumal im deutschsprachigen Raum, solche, die das Bier in Romanen, Theaterstücken und Gedichten priesen oder gewichtigste Rollen übernehmen ließen, und jene, die es eher empirisch in sich hineinschütteten – zwecks Anfeuerung oder Entspannung oder beider Lebensverschönerungen halber, getreu dem Motto Robert Walsers: »Ein Helles, bitte!«, und zwar dalli.
Thomas Bernhard vermochte noch das Selbstverständlichste zu definieren: »›Ein Bier, bitte‹ heißt, die Welt will ein Bier. Sie trinkt es und wird mit der Zeit wieder durstig.« Bereits Jörg Fauser jedoch konnte das gegenwärtige Übel mit Worten greifen: »Wenn ich sehe, wie dann statt der Halben der Piccolo rausgetan wird […], dann wird mir klar, warum deutsche Büromenschen so zerrüttet sind […]. Dabei wäre, wie so oft im Leben, das Desaster zu vermeiden gewesen, wären wir nur beim Naheliegenden geblieben, beim Bier.«
Fern lag das Naheliegende nicht nur der protestantischen Antibierpropaganda von Luther, der den »Saufteuff« zu exorzieren trachtete, bis zu Kant, der »Trunkenheit« schlicht als »einen widernatürlichen Zustand« schalt. Bier verdammte, in völliger Mißachtung dessen, was Friedrich Schillers Freund J. W. Petersen die »deutsche National-Neigung zum Trunke«, und das heißt zum Bierumtrunke, nannte, der Weimarer Großgrantler Goethe, der eminent ahnungslos dekretierte: »Das Bier macht das Blut dick.« Und in Ekelkoalition mit dem Tabakdampfen malte er den geistesgeschichtlichen Teufel an die Wand, weil er halt selber täglich flaschenweise Wein verdrückte und deshalb wohl glaubte, besser zu dichten als die Bierhumpen: »Wenn es so fortgehen sollte, wie es den Anschein hat, so wird man nach zwei oder drei Menschenaltern schon sehen, was diese Bierbäuche und Schmauchlümmel aus Deutschland gemacht haben. An der Geistlosigkeit, Verkrüppelung und Armseligkeit unserer Literatur wird man es zuerst merken.«
Daß es, europaweit betrachtet, so nicht kam, verdanken wir trotz gewisser Reputationen nicht dem Goethe-Verehrer Alessandro Manzoni, der die Frechheit besaß, in seinem Jahrtausendroman Die Brautleute die Zunft der Kneipiers zu desavouieren (»›Verdammte Wirte!‹ fluchte Renzo im stillen. ›Je mehr Exemplare ich von ihnen kennenlerne, desto schlimmer finde ich sie!‹«); genausowenig konnte sich Goethe-Preisträger Thomas Mann Verdienste ums Bier erwerben. In der ihm eigenen Torheit gab er zum besten: »Im allgemeinen halte ich nicht das geringste von der ›Inspiration‹ durch Alkohol«, und der Sturzlangweiler fügte an: »Ich Geringer trinke täglich zum Abendbrot ein Glas helles Bier und reagiere auf diese anderthalb Quart so stark, daß sie regelmäßig meine Verfassung durchaus verändern.«
Durchaus seine Verfassung veränderte Thomas Manns Hausphilosoph Nietzsche. Zu Studentenzeiten ein Fan der »Biergemüthlichkeit«, suhlte er sich später, so Eckhard Henscheid, in einer »nimmerstill-pathetischen Ablehnung des Biers – als des Symbols von Biedersinn und Philisterei«. Henscheids episches Personal hingegen neigt, uns zur Freude, recht ausgiebig größeren Mengen Bier zu – etwa der herzergreifend abgewrackte, desillusionierte Kommunist aus der wie ein goldgelbes Helles wunderbar und wundersam in sich ruhenden Novelle Maria Schnee: »Sie alle seien heute gebrannte Kinder der Revolution, flüsterte der Dicke leis und mit viel Wehmut. Er sei heute praktisch trocken. Er trinke nur noch sieben oder acht Bier am Tag, sieben, acht frische Weizen. Gar nicht der Rede, gar nicht der Erwähnung wert.«
Uns allen, den Wirtshausweizenwuchtern, den Biergartenhockern und den Pilspassionierten, sollte die innige und humane Beziehung zwischen gutem Bier und guter Literatur eine Erwähnung wert und Mahnung genug sein, den fünfzackigen Stern des Bierbrauers nicht sinken zu lassen auf den Boden von Wein-, Whisky- und Wacholderbeersaftgläsern. E. T. A. Hoffmann drehte u. a. durch Bamberger Bierspezialitäten sein »inneres Fantasie-Rad an« und »trank, um sich zu montieren«. Georg Christoph Lichtenberg vergötterte englisches Bier (»diese Bouteillen aus England [sind] so etwas wie eine poetische Flaschenpost«), der Nachfahre Kurt Tucholsky verleibte seinem Sudelbuch die besinnliche und sauschöne Sentenz ein: »bier beglänzt«, und Jean Paul, der knuddelige Krösus der Biervernichtung, widmete sich in aufreibendsten Briefwechseln pausenlos dem einen, dem Edlen, dem süffigen Solidargetränk, dem sensationell schmackhaften Durstlöscher und Rauscherzeuger: »Bier, Bier, Bier, wie es auch komme!«
Es kam zu selten, und Jean Paul zürnte, da ihm seine Hauswirtin Kienhold englische Bräus kredenzte. Er mahnte Besserung an, »weil der Transport vom Faß in mich schneller geht« als jener des Fasses zu ihm, und schrieb manisch: »Vom Wichtigsten zuerst! Ihr Bier ist schon seit so lange ausgetrunken, daß ich wieder mit ihm zugleich (durch das englische) den Appetit verloren habe. Leere Fässer kommen – ungleich Menschen – schwerer fort als volle; kein Fuhrmann belastet sich mit jenen.« »Fuhrmann Zapf«, o welch Name!, nahm sich des geplagten Bayreuthers (»Bayreuth trotz Bier und Gegend unaushaltbar«) an, und der Dank kannte kein Ende – gleich dem Durst.
Glücklicher noch, wer etliche Jahre später auf dem englischen Eiland einen echten Kumpel an seiner Seite wußte, einen zuverlässigen, solventen Alkoholkompagnon. Marx und Engels, »diese beiden Superchampions der Polemik« (G. Tomasi di Lampedusa) und Superkenner der geistigen Getränke, verband eine dioskurischdionysische Freundschaft. Während der »privilegierte Zecher« Engels, den Marxens Schwiegersohn Paul Lafargue »den unergründlichen Verschlinger von Ale« taufte, auf Reisen Bier testete, haute Marx den zugesandten Wein um und berichtete Engels aber auch: »Außer dem Wein hatte ich täglich (bis zur Stunde) 1½ Quart vom stärksten Londoner Stout zu saufen. Es schien mir ein gutes Thema für eine Novelle.«
Erst Ernest Hemingway dröselte den Faden vom anderen Ende her auf: »Nun tranken die Burschen in meiner Story, und das machte mich durstig«, was H. L. Mencken, der erste amerikanische Nietzsche-Biograph und gefürchtete Kritiker, mit einer Eloge auf das »unique, incomparable, transcendental Bavarian Beer« konterte. In das grausame 20. Jahrhundert, längst jenseits der von Engels verlachten »unerschöpflichen Streit- und Parteifrage über die respectiven Vorzüge des alten Pilsener, des bürgerlichen und des Aktienbieres«, pflanzte Robert Walser ein bezauberndes Idyll, ein Stilleben, das sich der »Seelenruhe« und Geselligkeit verdankte, die das Bier stiftet: »Die Bierburschen haben momentan ein wenig Ruhe, aber nicht lange, denn es wälzt sich wieder von draußen herein und wirft sich durstig an die Quelle. […] Würde und Selbstbewußtsein wirken behaglich, auf mich wenigstens, und deshalb stehe ich so gern in irgendeinem von unseren Aschingerhäusern.«
Durchs Bier genas manch Denker, manch Dichter, am Bier labte sich noch auf dem Todeslager sehnsuchtsvoll Franz Kafka, und beim Sterben ließ er sich eins vortrinken. Beruhigt, hienieden erlöst: »Ich bin ja zum Biertrinken da«, formuliert Herbert Achternbusch die modernste aller Existenzphilosophien und Religionen, und Gottfried Benns funkelndste Verse huldigen weihevoll IHM, dem Bier. Aber: »Was schlimm ist: bei Hitze ein Bier sehen, das man nicht bezahlen kann.«
Was das Schlimmste wäre: bei Hitze das Kleingeld zusammenkramen und ein Bier vor dem inneren Auge sehen, das man nicht kaufen kann. Daher sei, bevor das Undenkbare, das Ende des Biers, eintritt, dem Deutschen Brauer-Bund die Frage gestellt: Was spräche gegen ein den Absatz ankurbelndes, bundesweit gehängtes Plakat mit jenem berühmten Photo, das Bertolt Brecht und Oskar Maria Graf beim beduselt-beherzten Krugstemmen am Kneipentisch zeigt – ergänzt um die Zeile: »Zwei deutsche Dichter – wer ist deutlich dichter?«
Nicht die Kaffeebohne spräche dagegen.
Ein Flecken
Nicht allzuweit nordwestlich von der global geachteten Brau- und Damenhochburg Bamberg, aber doch bereits recht abgeschieden, gebettet zwischen weich geschwungene Wiesenbuckel und säumende Waldstreifen, liegt am Rande der östlichen Haßberge ein ganz und gar einfältiger fränkischer Weiler. Nie käme einem Menschen, einem durchschnittlich welterfahrenen Menschen, in den Sinn, dieser kaum zweihundert Einwohner zählenden Ortschaft, diesem geduckten, aus einigen Höfen, einer kauernden Kirche und zwei Wirtschaften bestehenden Dorf eine Bedeutung beizumessen, irgendeine Bedeutung, wär’s eine für die Region, wär’s eine gar fürs Land oder für die Republik.
Bamberg, des Örtchens hinreichend entfernter großer und beschützender, alle neugiergeilen Fremden anziehender, ja fliegenpapiergleich anlockender Nachbar, tut sich verständlicherweise eher dicke mit den unterschiedlichsten Attraktionen und Traditionen, und deshalb mag unseren Ort oder dessen Bewohner auch bisweilen der Gram übermannen, daß es mit ihm und mit ihnen nicht recht voranmarschieren möcht’ in der Welt der Aufmerksamkeit und Sensationen.
In Bambergs berühmter Gaststube der Brauerei Fäßla, die selbstbewußt ihr vorzügliches Produkt bewirbt: »Fäßla Bier – bekannt, beliebt, bekömmlich«, in dieser schon um die Mittagszeit dramatisch gefüllten ehrwürdigen Lokalität imponieren »für vier« oder »für sechs« – also für »vier Bier« oder durchaus mehr, wie das einheimische Idiom preisgibt – künftige Bräute und edle Weibsbilder den gepiercten Stammtischlern. Sie offerieren Haxn-Bringdienste und servieren den mehrheitlich erbarmungswürdig verquollenen Männern Klopsteller mit Pfiff. Ein Bohei von erheblichen Ausmaßen ist Standard.
Schmachvoll verkümmert derweil schmählich schlummernd unser bescheidener Flecken unter den schwachen Sonnenstrahlen des neckenden Frühlings. Eine Kuh muht, ein Gockel kräht, ein Traktor brummt, das Gewöhnlichste geht hier vonstatten, ob es will oder nicht.
Drei Wandersleut’, ein Museumsdirektor, ein Bürgermeister eines multifunktionalen Mittelzentrums und ein Taugenichts, machten sich dennoch auf den Weg. In Baunach verließen sie, von Bamberg kommend, die Bimmelbahn, und bald öffnete sich ihren Blicken ein schönes, schlichtes Tal. Ein Fluß begleitete sie, und gegen Abend erreichten sie unsren Ort, der als ein Hort des Zauberhaften sich entpuppen sollte.
Appendorf durchzieht eine gefegte, kerzengerade Straße. Der Bürgermeister erspähte als erster an ihrem Ende die Brauerei Fößel-Batz. »Grüß Gott!« empfing der Wirt, ein sportlicher Mittvierziger, das Trio, »hereinspaziert!« ergänzte Yvonne, seine Frau.
Nun »in der Dorfschenke angelangt, wo sie völlig frei in perfekter Einsamkeit Platz finden konnten«, so erzählt es Alessandro Manzoni in seinem Roman Die Brautleute, »ließen sie sich das wenige bringen, was es gab«, etwas Sauerkraut, Bratwurst, graues Brot und ein brezelzart knisterndes Kellerbier, im Familienbetrieb gebraut wie eh und je.
So in sich versunken, waren sie es zufrieden, und der Bürgermeister begann gerade, einen Wurstzipfel zerfleischend, seine »kneipenorientierte Stärken-/ Schwächenanalyse« zu unterbreiten, als der Museumsdirektor gedämpft die Stimme hob: »Schaut mal, das gibt’s doch nicht! Was ist denn da los?«
Wie auf ein geheimes Zeichen traten aus verschiedenen Türen unpassend akkurat gekleidete Männer. Einer trug unter jedem Arm eine Trommel, ein anderer zwei Becken, ein dritter schleppte einen Kofferverstärker und eine feuerrote Gitarre herein. Sie bauten, ohne ein Wort zu wechseln, ihre Gerätschaften im ein wenig tiefer gelegenen Gesellschaftsraum auf, und währenddessen schritten weitere Männer in Westen durch die Eingangstür.
Den Schluß der Prozession bildete ein bäriger, graumelierter, geruhsamer Mann, der sich und seinen Kontrabaß in der Mitte der Tanzfläche postierte und sogleich vorsichtig einige Töne zupfte. An der hinteren, kunststoffverschalten hellbraunen Wand kauerte jetzt der weißbärtige Herr in fichtengrüner Kombi auf einem Stuhl und strich Akkorde, und der Schlagzeuger ditschte mal das Becken an, mal auf die Snare.
Der Bürgermeister schwieg, der Taugenichts schaute benommen, und der Museumsdirektor rieb sich die Augen. Plötzlich zog einer der drei, oder waren es vier, fünf?, Harmonikaspieler sein Schifferklavier auseinander, quetschte es zusammen, ein breiter, fetter Auftaktakkord erklang, und auf der Eins setzte diese aus dem Nichts erschaffene und vom Himmel gesandte Combo ein und erfüllte den Raum mit einem seelenheiteren Getön nur für unsere drei Wanderer.
Da hockten sie, tranken das dunkle Zwickelbier und lauschten betört. Vor ihnen bewegten sich, von unsichtbarer Hand choreographiert, acht, zehn Musikanten, geschmückt mit Zweireihern, manchmal einer bunten Kreppkappe oder Hosenträgern, und drehten Kreise um ihre Weisen, beglückt vom schieren Hier- und Beisammensein. Ihr Publikum, der Taugenichts, der Museumsdirektor und der Bürgermeister, applaudierte erst zaghaft, dann immer impulsiver nach jedem Lied, der Wirt bezapfte entspannt die alten Glaskrüge, Yvonne reichte sie mal diesem, mal jenem Spielmann, und sonst geschah einfach nichts – außer dem beständigen, gutmütigen, bedächtig rhythmisierten, betulich dynamisierten Ineinanderfließen des Bieres und der Musik.
Erst eine, vielleicht zwei Stunden später betraten andere Menschen den Brauereiausschank Fößel-Batz, Ortsansässige und Bekannte aus den umliegenden Dörfern, und längst hatte da den drei Wanderern der Geiger, der einzige Violinist des Appendorfer New Modern Dance & Swing Ensembles, erklärt, daß sich jeden Freitag hier, auf unserem begünstigten Flecken Erde, die Musikanten träfen, in zufälliger Formation, und aufspielten, daß es rassele, ja, er trinke heute Wasser, er müsse den Laden zusammenhalten, die Quetschkommodisten neigten zu vorgerückter Stunde zu recht freien Improvisationen, da sei einer vonnöten, der die Leitmelodie noch im Kopf habe, obschon sie ihn meist ja doch übertrumpften und niederschrubbten, er lachte verschmitzt, machte eine wegwerfende Geste und wandte sich, das Instrument unters Kinn schiebend, kurz dem Tresen zu, ja, daß es halt eine Freude sei und sie den Leuten hier eine Freude bereiteten, sagte der alte, sorgenfreie Mann mit seiner glänzenden Geige zu den drei Gästen, er hob den Bogen, und als er das sagte und eine Gitarrensoloeinlage herüberpritzelte, pflanzten sich ein krebsroter, grinsender, wohlbeleibter Mann im feinsten Tuch und dessen Frau, eine sorgsam herausgeputzte Dame, an den Tisch. An den Tisch, an den dürfe man sich doch hersetzen, fragte der Mann, ein Kerl, der sich rasch als tanzwütige Granate und fideler Gemütskracher erwies, der zunächst mal eine Haxn einfuhr und dann seine heilig-froh als »schönste Frau der Welt« belobigte Gattin zwischen die immer fetziger herumfegenden Musiker schob und über den Tanzboden schleuderte, wo die beiden ein »La Paloma« hinschwoften, daß dem lieben Gott die Sinne geschwunden wären, während am Nebentisch Kotelettenpaul und dessen Anhang lächelten.
Lebensprall tobte das Appendorfer Stüberl Stunde um Stunde doller und draller, die fesch frisierten Hasardeure des Liedguts ließen Strophen und Refrains, Harmonien und Hooklines stilvoll durcheinanderrauschen und -randalieren, als sei es ihnen gegeben, die Musik neu zu erfinden, und mitten in dieser klingenden Welt der Freude für und für erklommen die »Bergvagabunden« den Gipfel der Begeisterung, die nichts sucht außerhalb ihrer selbst. Im Getöse und Gestampfe, im Gesange und Geschwanke stießen sie aufeinander, die Menschen, und priesen, zur Ehr’ ihrer selbst und der Geselligkeit, die roten Rosen, die roten Lippen, den roten Wein, und da unser Museumsdirektor ein zweites Mal des Dorfhallodris bewunderte, im Gesicht greulich vernarbte Spitzenfrau um die Hüften wirbelte, fand auch der Bürgermeister einen Gefallen gehörig daran, bloß noch den Damen zu gefallen.
Was immer im Dämmer des Bewußtseins versank – am folgenden Morgen beteuerte der Bürgermeister, er habe »nicht nur« seine »ausgeprägten logischen Denkstrukturen beieinander«, nein, er werde obendrein dem von ihm regierten und dirigierten Mittelzentrum einen Innovationskreis verordnen, der durch eine ausgetüftelte Stärken-/Schwächenanalyse die Grundlagen der künftigen Stadtpolitik dahingehend neu bestimme, daß im Hinblick auf konkrete Zielvorgaben das Handlungsfeld der Kneipenpolitik in einem permanenten Innovationsprozeß moderierend, koordinierend und kontrollierend dergestalt neu und innovativ gestaltet werde, daß – gemäß dem Motto »Hinschauen und lernen« – »endlich so ein Laden herkommt«.
Der Taugenichts und der Museumsdirektor nickten, recht grundlegend einverstanden.
Arbeiterfrühling
Im Osten wird es später warm. Wien friert Ende März noch immer. »Su koit woas nu nia«, klagt eine ältere Dame am Stephansplatz. In der geheizten Stube der U-Bahnlinie 4 zählen andere Dinge und Werte. Eine Mittzwanzigerin, die von einem politischen Treffen nach Hause fährt, gibt ihrem Begleiter fast dialektfrei und in voller dialektischer Fahrt zu bedenken: »Weißt du, was mir auf die Nerven geht? Dieser undifferenzierte Antimaterialismus!«
Nimmt man die U 1 Richtung Kagran, erreicht man Teile jener monomorphen Peripherien großer Städte, in denen die Straßen selten gekehrt, die Häuser nicht mehr verputzt und die Menschen nicht mehr der Mode teilhaftig werden. Dort herrscht der Funktionalismus des Lebens, und wenn man auch nostalgisch an eine Epoche denkt, in der das Rote Wien mehr versprach als nur noch mehr höhere, bürgerliche, als nur noch feinere und darob nicht sinnvollere Kultur, die stets eine Herrschaftsvernebelungskultur war, so sieht man sich doch enttäuscht, allerdings voraussehbar enttäuscht.
Die Enttäuschung ist der Anfang aller Aufklärung, und so darf man die Sentimentalität fahrenlassen und an einer der silbern verkleideten U-Bahnstationen aus den achtziger Jahren, am Haltepunkt Alte Donau, den Zug verlassen. Verlassen vom Guten, Wahren und Schönen, führt einen die Arbeiterstrandbadstraße zum aus Gründen des Hochwasserschutzes abgetrennten Arm der grün und smaragdblau funkelnden Donau. Rund um das stehende Gewässer stehen ein paar Ausflugslokale für karg Begüterte (Schnitzel um sechs Euro). Grüne Tretbote ruhen am Gestade, der seeähnliche Fluß öffnet sich weit und schmiegt sich lässig um baumverzierte Halbkleininseln.
Unterhalb der Arbeiterstrandbadstraße hat ein kleines Lokal, eher eine Art Imbiß, schon geöffnet. Das Buffet Alte Donau wird von der Familie Schneider betrieben. An den Außenwänden des Verschlags sind Holzschilder angebracht, die zur »Selbstbedienung« auffordern.
Die ersten Tische, Bänke und Stühle sind rausgebracht worden. Vor dem Eingang sitzt Frau Schneider mit den blauen Fingernägeln und raucht Memphis-Zigaretten, die blauen. Herr Schneider in der Jogginghose sitzt neben ihr und raucht Marlboro. Der Sohn setzt sich dazu, raucht nicht und liest das Fachblatt Fisch & Fang. Nebenan gruppieren sich um einen Holzstehtisch drei Frührentner, nippen an ihren Achtele und reden Vollgültiges.
Meisen zirpen, ein Star pfeift, Mäusebussarde gellen. Die Weiden und Birken wiegen sich im kühlen Wind. Herr Schneider rückt unseren Tisch alle halbe Stunde in die wandernde Sonne, stellt einen frischen Aschenbecher ab und sagt: »Bitte sehr.«
Schneiders Hund, ein französischer, ergrauter Vorstellhund, rennt im Schweinsgalopp auf und ab, das Maul auf- und zuschnappend, als lache er sich das Herz aus dem gewärmten Leib. Ein Kind versucht, ein blaues Tretboot mit Rutsche zu entern, während sich ein Ehepaar an einer überdimensionalen Cola-Dose, einem weiteren Stehtisch, zum Wieselburger Bier einfindet und sich zufrieden nicht unterhält. Und raucht.
Das österreichische Fernsehen, der ORF, sendet ein paarmal pro Tag zehn Minuten über den »Krieg gegen Saddam«, in seinen Nachrichten Zeit im Bild. Es gebe nicht mehr zu sagen, sagt der Moderator, einige Bilder von den Alliierten flimmern über den Schirm, dann kommt Ally McBeal. Morgens greift man zum Splitscreen. Rechts streift die Kamera über österreichische Landschaftstraumpanoramen, links, etwas kleiner, glühen grüne Kugeln über dem kommentarlos eingespielten CNN-Bagdadhimmel. Drunter dudelt Kaminmusik.
Der Vorzug der Neutralität und des kleinen Landes: Es ist praktisch fernsehfrei. Keine Endlosschleifen, kein televisionär sich vermehrendes Nichts. Kaum ein Österreicher hat Kabel. Der Österreicher hat ORF 1 und ORF 2.
Zwei Schweizer KFOR-Soldaten in voller Montur tauchen vor dem Buffet Alte Donau auf. Warum, weiß niemand. »I dacht’, der Krieag is’ woanders«, sagt Sohn Schneider und bringt den beiden, die nicht lesen können oder nicht wissen, was Selbstbedienung ist, einen Kaffee und eine aufgespritzte Limo.
Wir bestellen eine Gemüsesuppe und Bier. Vorzüglich. Frau Schneider lacht nicht einmal. Sie ist nur da. Ohne etwas zu wollen.
Ein Krieg findet statt. Anderswo, irgendwo, nirgendwo. Zu »20 Schilling« darf im alten Buffetnebenkabuff Tischtennis gespielt werden.
Der Russe
Zwischen Murmansk und Moskau hat ein Russe einen Schnellzug entführt und »zwei Flaschen Bier als Lösegeld gefordert« (taz, 3. November 1999), wurde jedoch nahe Sankt Petersburg von der Polizei überwältigt und arretiert.
Vom Russ’
Taktische Ikonographie
Es wird erzählt, daß der Russ’ manchmal sehr ergrimmen konnt’. Als er mit seinem Fußvolke und seinen Rössern zum Beispiel einmal ein Wegkreuz, welches den Gottessohn in sterbender Verzehrung zeigte, zu passieren sich anschickte, hielt er bei diesem Anblick an und inne. Augenblicklich überkamen ihn ein Zorn und ein inneres Grollen, nämlich darüber, daß der Franke es wagte, ein Leid so schamlos an der Straße auszustellen – ein Leid, das doch er, der Russ’, dem Franken wollt’ angedeihen lassen.
Unschlüssig und verwirrt verweilte der Russ’ in seiner ganzen herrlichen mannschaftlichen Geschlossenheit vor dem hölzernen Gebilde, während keine acht Morgen weiter der Franke einen Becher hob und in den Wirtssaal rief: »Leut’, habt acht, des hamma für den Russ’ gemacht!«
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Virtuelle Vendetta
Weil aber der Russ’, der von alters her ein Meister in Ikonographie, Schweineschlachtung und Menschenbehandlung war, jene Niederlage von Drügendorf nicht ungesühnt lassen wollte, marschierte er gleich auf Drosendorf zu. Dort war indes niemand.
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Die Macht der Gedanken
Ein ehrlicher Franke trieb seine Kühe vom Anger auf die Weide hinaus, sprach seinen Viechern warme Worte zu und legte sich ins Maigras. Die melonengelbe Sonne bleckte und tänzelte über die Wangen des wackeren Franken, der bloß angetan war mit einem Shirt und einer Stoffhos’, und die Gefleckten mampften das dicke Gras, während sich der Franke einem Gedanken hingab, von dem er noch nicht wußte, welcher Art er sei.
So verging eine Zeit. In einem Moment jedoch schreckte der Bauersmann hoch, weil er hinten am Waldesrand, im Gebüschsaum, ein Geräusch glaubte gehört zu haben. »Ein Franke täuscht sich nicht«, dachte er da, und er fügte für sich noch einen Gedanken hinzu: »Das ist der Russ’, auf der Lauer liegt er dort, das ist mir gewiß.«
Also berappelte sich der Franke, erhob sich, zog die Stoffhos’ »auf Äquator«, schritt hinüber zu seinen grasenden Tieren und flüsterte jeder einzelnen Kuh ein Wort ins flauschige, hochgestellte Ohr.
Daraufhin taten die Tiere, wie ihnen geheißen, sammelten sich auf einer Linie und begannen, auf den Waldesrand zuzumarschieren.
Aus dem Buchen- und Tannengeflecht waren sogleich deutlich gewisse undeutliche und erschreckend blecherne Laute wie »Kuczynski, Katastrophia!« und »Kommando kehrtysky!« zu vernehmen, derweil dem wacker’n Franken schon wieder hold liegend daran lag, jenen Gedanken zu denken, an den er schon so lange gedacht hatte, ohne ihn bereits vollends zur Reife gebracht, geschweige denn begonnen zu haben.
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Fitneßfinte
Dem Russ’ fiel einmal ein, es anders zu probieren. Er machte einen Plan, den er selbst beinahe verstand, und nach diesem Plan verheerte der Russ’ sodann folgende Gemarkungen: Sachsendorf-Süd, Keilstätten, Fürth (komplett), die ebermannsstädtische Schweiz und einen erheblichen Teil von Aufseß. In Aufseß hatte der Russ’ nämlich außerdem ein Wirtshaus ausgemacht, in dem pechschwarzgebrannt wurde, und das packte ihn sehr an der eig’nen Ehr’.
Nun, der Erfolg der Mission war augenscheinlich. Aber nach zwei Tagen stellte sich heraus, daß der Russ’ nur Sachsen, Holsteiner und Albaner hingemeuchelt hatte. Dieselben waren vom Franken zu einem »Extreme Wellness Weekend« eingeladen und überall dort einquartiert worden, wo die Kunde von des Russ’ Vorhaben vorher hingedrungen war.
Der Franke seinerseits aber war längst über den Wellness-Wanderweg nach Kathi-Bräu entflohen, wo er jetzt der Katze ein Prosit entbot und jene zarten Maiden orgelte, von denen der Russ’ abermals bloß schmachtend träumte.
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Von der Wendigkeit der Gefühle
Einmal verlief sich der Russ’ bei Nürnberg-Langwasser so arg, daß er nach Stunden entbehrungsreichen Marschierens schon aufgeben und die Fehde, verärgert über sich selbst, für beendet erklären wollte. Vorerst.
Gerade hatte er sich also in einem großen Kiefernwald mit seinen erschöpften Mannen auf ein Lager gebettet, um zu rasten und den Friedensvertrag aufzusetzen, da fiel ihm auf, daß er die nämliche Schrift ja gar niemandem würde überbringen können, wo man doch so furchtbar herumgeirrt war und nun in der erbärmlichsten Einöde verdammt schien, immerdar unter sich zu bleiben und nie mehr eines Franken ansichtig zu werden.
Bei dieser trüben Aussicht änderte der Russ’ seine Meinung deshalb sofort und schwor sich, in den nächsten Tagen wenigstens auf Reuth droben und jenseits des Wernsbaches alles kompromißlos kurz und klein zu hauen.
Obschon dort ja schon lange kein Stein mehr auf dem anderen lag, hatte jene Gegend früher nämlich als Übungsgebiet für die »Operation Schnatzkolkaja« herhalten müssen. Aber das war dem Russ’ in seinem Frust nun gleich ganz scheißegal. So war er eben …
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Ankündigung schlimmer Ereignisse
Von Mund zu Mund ging oft die Geschichte, daß der Russ’ etwas fürwahr Furchterregendes im Schilde führte, das schlimmste Not über die Gauen des Frankenlandes bringen würde und manches Ungemach, etwa trocken Brot, Gift in der Suppe und grüne Fahrradreifen. Was genau, wußte man nicht.
Aus der Welt der Wahrheit
Schlagfertig con Schaschlik
An einem Frankfurter Stehimbiß, an dem Eckhard Henscheid in unregelmäßigen Abständen zu einem Gemeinschaftssnack und zum anschließenden »Elendstrinken« lädt, wurde der Romancier, als er gerade einen Happen Schaschlik zum Mund führte, von einem Redakteur gefragt, ob er gedenke, demnächst wieder »einen großen Roman« zu schreiben.
»Nein«, versetzte Henscheid und kaute weiter.
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So nicht!
Vor vielen Jahren war der Dichter Henscheid mit einem Freund während einer Anhalterreise zwischen Rastatt und Iffezheim sehr lange hängengeblieben. Also beschloß Henscheid, in die nächstgelegene Ortschaft zu wandern, um durstlöschendes Bier zu holen. Es war um sechzehn Uhr herum, zudem glutheiß.
Der Wirt des ersten erreichbaren Lokals beschied das Ansinnen des jungen Henscheid, zwei kühle Flaschen Bier kaufen zu wollen: »Ein Bier für zwei genügt!«
*
Perfekte Pannenhilfe
»Tatsächlich? Mit der Flasche?« Ja, er bitte ihn darum, mit der Bierflasche auf den Anlasser zu hauen, eigentlich genüge auch ein Klopfen, um den Wagen zu starten. Nur weil der Anlasser hinüber sei, liege diese Bierflasche überhaupt hier im Auto herum.
»Ach so«, sagte Eckhard Henscheid und stieg mit der Bierflasche in der Hand aus, ging um den Wagen herum, öffnete die Motorhaube, beugte sich über den Motorblock und begann, mit der Bierflasche auf den Anlasser einzuschlagen. Der Mann hinterm Steuer drehte den Zündschlüssel um, und schon lief der Motor.
»Das wäre ein Romananfang«, sagte Henscheid, als er wieder auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte. »Eine interessante Szene.«
Die Bierflasche war unversehrt geblieben.
Der Staub der Seele und das Grün des Gemüts
Nach Westen, junger Mann, nach Westen! Dort findest
du Glück, Ruhm und Abenteuer.
Der Mann, der Liberty Valance erschoß
Es ist schwer.
Townes Van Zandt
Das Lagerfeuer lodert, orange und honiggelb züngeln die Flammen. Unterhalb der Terrasse neben dem Hauptgebäude der 71 Ranch im Nordosten von Nevada erstrecken sich im Halbdunkel riesige Weiden, die in die Ausläufer der Ruby Mountains übergehen. Gütig konturieren die »Alpen von Nevada« den Horizont, die Szenerie einhegend und beschützend.
Es riecht nach Bohnen, gegrilltem Huhn, gegarten Kartoffelscheiben. Jay Dalton, eine optisch präzise Inkarnation des Marlboro-Mannes, greift zur Gitarre, legt sie noch mal zur Seite, nimmt einen Schluck Bier und beginnt sie dann zu besingen, die unstillbare Sehnsucht nach dem Westen, nach dem Leben im »Big Empty«, nach der Unabhängigkeit, aber auch nach der Familie, der Geborgenheit, der Sicherheit, die die tradierten Werte gewähren. Oder gewähren sollen.
Der Mythos vom weißen Mann, der sich kraftstrotzend, hartgesotten und selbstbewußt, mit Entschlossenheit, Unerschütterlichkeit und Gottes Segen ein wildes, unermeßlich weites Land untertan gemacht hat, ist melancholisch legiert. Die verflossene Liebe, die ausgespannte Braut, »heartache and tears«, all das kennt das Liedgut der Cowboys nur zu gut, und Jay Daltons schwebender, wellenförmig an- und abschwellender Gesang zeichnet die Welt bisweilen tief anrührend nach dem Melos der Schwermut. Das Leben, »sometimes it makes me mellow« – manchmal macht mich das Leben mürbe.
Nicht, daß Jay Daltons Darbietung an die Auftritte des großen, verlorenen Sohns der Country- und Bluesmusik heranreicht, an Townes Van Zandt, der laut Willie Nelson »Poesie und Musik« wie kein zweiter Songwriter und Folksänger vermählte; an den abgewetzten, ausgemergelten, verstörten Tramp und Troubadour, der das Bild vom gebrochenen Cowboy, der auf der Straße die Freiheit und Reinheit des Lebens sucht und dabei scheitert, verkörperte wie sonst kaum jemand: »Alleinsein ist ein Zustand. Einsamkeit dagegen ist ein Gefühl.« – »Ich habe ein paar Lieder, die sind nicht traurig, nur hoffnungslos.« Aber der Staub, der sich auf die Seele legt und die Hoffnung, die im Gemüt noch grünen mag, endgültig erstickt, den spült auch Jay Dalton – bildlich – mit dem einen oder anderen Bier an der Bar herunter, »just watching the bubbles in my beer«, bloß auf die Bläschen in meinem Bier starrend, und dabei fühlt er sich »as empty as the bubbles in my beer«. Da hilft vielleicht nur noch Jodeln, American Yodeling, und das beherrscht Jay Dalton so virtuos, daß man sich in den Alpen wähnt oder mitten unter Kojoten.
Nun nimmt er einen weiteren Schluck Buckaroo-Bier, das benannt ist nach den in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts in der hiesigen Gegend ansässig gewordenen baskischen Schäfern, den »vaqueros«. »I like beer, it makes me a jolly good fellow«, sagt Dalton, »ich mag Bier, das macht aus mir einen fröhlichen, guten Kerl«, und dann setzt er seinen Ritt durch den Reigen berühmter Cowboylieder, berühmter Weisen amerikanischer Kuhhirten und ihrer Panegyriker und Rhapsoden, fort, von Hank Williams über die Titelmelodie des Jahrhundertwesterns High Noon und »Ring Of Fire« bis zu einer glänzenden Willie-Nelson-Parodie.
Jay Dalton ist witzig, ist komisch, er erzählt Räuberpistolen und Grotesken über eine Stampede, über ein Rodeo in Elko, der nächsten Stadt Richtung Westen, er veralbert mitunter die Grasnarbenfolklore, und er beschließt den Abend, die Bierflasche in den wie auf einem Gemälde von Frederic E. Church oder Albert Bierstadt glühenden Himmel hebend, mit John Denvers Zeile »Sunshine on my shoulders makes me happy«.
Wie sagten die amerikanischen Kollegen während der Anreise von Salt Lake City über den Highway Interstate 80, der auch die legendären Siedler- und Goldsucherrouten California Trail und Oregon Trail touchiert? »Nevada is a drinking state« – Nevada ist ein Staat der Trinker. Yeah.
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Es fällt einem kein anderes Wort ein als: Weite. Der Himmel, die Weite. Eine Landschaft, die prähistorisch wirkt. Eine Kulturlandschaft jedoch, zum Teil zumindest. The Great Basin, Cowboy Country, das wahre, das unverfälschte. »The unspoiled drama of the West« – so bewirbt man den Nordosten Nevadas, den wilden, rauhen, das »Territorium des Bieres«, wie die amerikanischen Kollegen immer wieder anmerken, zumal jene aus Kalifornien, die beim Anblick einer glimmenden Zigarette gleich dem Vampir im Angesicht der Knoblauchzehen dreinschauen.
Wir kommen aus der faden Mormonenkapitale Salt Lake City. SLC, eine Abbreviatur der Lustfeindlichkeit. Die Stadt am Großen Salzsee, der quecksilbrig unterm tranig-quarkigen Himmel in seiner Pfanne vor sich hin schwappt. SLC, such a lust killing community. In Salt Lake City, der womöglich ernüchterndsten Stadt des Westens, sind Alkohol und Tabak des Teufels.
Graue Berge säumen den Horizont. Milchig-bläulich fläzt das Licht über strohig-blaßbrauner Vegetation. Der Wüstenbeifuß behauptet sich, dazwischen nichts, kein Haus, kein Mensch, kein Pferd. Die Wolken kleben am Himmel, als seien sie dort begraben. Zerfurchte, kahle Hänge hinter olivgrün gesprengselten Ebenen. Zwergsträucher, Krüppelbüsche, stille Prärie, ausgetrocknete Heide. Zementfarbene, endlose Flächen. In der High Desert seien sie auch noch nicht gewesen, gestehen die amerikanischen Kollegen und betonen, abgelegener, unberührter gehe es nicht.
Es tauchen die ersten Salzplacken auf, sie werden größer, dehnen sich aus, und plötzlich sind wir auf den Bonneville Salt Flats. Die Berge in der Ferne ragen kantig, spitz, schwarzbraun und abweisend auf, und davor liegt eine betonharte, wie gewalzte, gleißend weiße, tödliche Ebene, auf der mit Raketenautos Geschwindigkeitsweltrekorde en suite aufgestellt und in die vielerlei Namen von denen, die hier eine Rast einlegten, eingeritzt wurden – mit Bierflaschen, wie uns später ein Cowboy auf der 71 Ranch erklärt.
Die Cowboys der Landstraße, die Trucker, hetzen ihre Riesenkähne brummend und heulend über den schnurgeraden Asphalt. Ob Geschwindigkeit und Zielstrebigkeit der Gütertransporteure das Äquivalent zum Pioniergeist des 19. Jahrhunderts sind? Die motorisierte Unentwegtheit den einstigen Eroberungsdrang beerbt? Zitiert? »24 hours truck wash«, lesen wir an einer Tankstelle, und am Heck eines Lkws steht: »Without Trucks America Stops«.
Und die Kollegin aus Kalifornien sagt: »Sarah Palin hat den Cowboy in sich. ›Bring it on!‹ – ›Mach hin!‹ Das fordert sie.«
*
Wir halten in West Wendover, etwa hundertsiebzig Kilometer vor Elko und einen Fußbreit hinter der Grenze zwischen Utah und Nevada. Dort kann man, von einer Anhöhe aus und der Weite wegen, sehen, wie sich die Erde krümmt, in die Salzwüste hinein. Am Ortseingang grüßt die größte Neoncowboyfigur der Staaten, der »Wendover Will«, auf einem massiven Podest, mit, man glaubt es kaum, Zigarette im Mundwinkel. Lucky Luke, der rechtschaffene Widersacher der rund um Carson City ihr Unwesen treibenden Dalton-Brüder, darf das schon seit Jahren nicht mehr. Er kaut im Comic auf einem Strohhalm herum. Lustlos.
Seit 1931 ist das Glücksspiel in Nevada, dem »Silver State« mit seinen zahlreichen Gold- und anderen Edelerzminen, legal. West Wendover besteht im Grunde einzig aus Hotels mit Spielkasinos, das heißt aus vollklimatisierten Übernachtungsbunkern mit verspiegelt-labyrinthischen, in den grell-giftigsten, abscheulichsten Farbkombinationen gehaltenen Hallen und Foyers, in denen zwischen Roulettetischen, Restaurantbuchten und verchromten Bars Tausende von Spielautomaten jiepen, rattern, pfeifen, singen, klingeln, scheppern, schnarren. Tinnituspatienten sollten diese Orte meiden.
Gleich hinter den Rezeptionen öffnen sich die Höllenreiche, in denen Rentner, Trucker, Hausfrauen, Kettenraucher, Studenten, Geschäftsleute, Handelsreisende ihr materielles Glück suchen. Sie drücken die Knöpfe der in die Tresen eingelassenen Pokermaschinen, die die Pokertische in den verqualmten Saloonhinterzimmern ersetzt haben, und ordern per Fingerzeig schweigend Whisky und Bier. Die Cowboys an den Slot Machines, den Einarmigen Banditen, genießen nicht nur den Vorzug, von all den Restriktionen, Bevormundungen und Schikanen im Alltag verschont zu bleiben und ungestört-entspannt dicke Zigarren dampfen zu können; sie genießen obendrein die in solchen hochdemokratischen Instituten übliche Sonderbehandlung: Solange du vor einer bunten Kiste hockst und Münzen in sie versenkst, gehen Bier und sonstige Getränke in unbegrenzten Mengen aufs Haus.
Hier drinnen, in der überirdischen Katakombe, scheint die Sonne nie. Selbst die Zimmer sind weitenteils verdunkelt. Damit die Spieler das Gefühl für die Zeit verlieren und tagelang an den Geräten kleben, wenden die Kasinobetreiber diverse Tricks an. Die Spielhallen haben keine Fenster, nirgendwo hängt eine Uhr. Für die Teppiche wählt man die allerabstoßendsten Muster, so daß der Blick stets auf die Slot Machines gerichtet bleibt. Die wiederum werden in kurzen Abständen umgestellt, um zu suggerieren, es seien neue angeschafft worden. Eine außergewöhnlich sauerstoffreiche Luft sorgt für immens ausgedehnte Wachphasen.
Draußen stülpt sich eine erbarmungslose trokkene Hitze über eine Topographie, die man mit unbewohnten Planeten assoziiert. Daß auf der anderen Seite der Straße, auf der in den sechziger Jahren geschlossenen Wendover Air Force Base, die Besatzung der Enola Gay ausgebildet wurde, die die erste Atombombe über Hiroshima abwarf, dünkt einem nicht unschlüssig.
*
Siebzig, sechzig Kilometer vor Elko beginnt es zu grünen. Vieh steht in der Landschaft herum, an den Berghängen vereinzelt niedrige Bäume. In Richtung Süden, auf die Ruby Mountains und das Ruby Lake National Wildlife Refuge zu, werden die gelblich leuchtenden Weiden immer saftiger und – wie von der Hand eines Landschaftsmalers des 19. Jahrhunderts dirigiert – gruppieren sich pechschwarze Angus-Rinder unter flockig am blauen Firmament arrangierten Schäfchenwolken.
Die »einzigartige, unermeßliche, wunderbare Landschaft« und »das grenzenlose Licht: die amerikanische Verheißung« (Robert Hughes: Bilder von Amerika, München 1997) – sie, diese Elemente eines unvergleichlichen Seelentableaus, wirken vollendet schön und überwältigend ein paar Meilen weiter im sonnenüberfluteten Lamoille Canyon mit seinen buntgescheckten Bergflanken. Auf der im späten 19. Jahrhundert errichteten, zweitausend Meter hochgelegenen 71 Ranch, gewissermaßen um die Ecke, gut vierzig Kilometer von Elko entfernt, versuchen wir nach einem Cowboyfrühstück mit Rührei, Kartoffeln, gegrillten Tomaten, stocktrockenem Speck, Geselchtem und Pfannkuchen mit Sirup, dem »folklife« auf den Grund zu gehen, die »working cowboy experience« zu machen, also zu erfahren, was es mit dem autarken »buckaroo way of life« auf sich hat, einem Lebensstil, den viele als Berufung verstehen oder verklären, etwa das Ranch & Country Magazine, das das »Leben in Harmonie mit der Natur« preist, »in dem die Erde tagein, tagaus als ein Ort des Friedens und der Sicherheit erscheint«, das »Leben, in dem man wertschätzt, sich frei im offenen Gelände bewegen zu können«, jenseits der Grenzen und Beschränkungen, die einem die Zivilisation auferlegt. Freiheit, heißt das so betrachtet wohl, findet man auf dem Rücken eines Pferdes, alleine durch die unendlichen Gefilde streifend – beziehungsweise im Rahmen einer Beschäftigung, die in einem Handbuch der 71 Ranch wie folgt definiert wird: »Ein Cowboy ist eine Person, die mit Rindern vom Rücken eines Pferdes aus arbeitet.«
»Nie fragen, wie viele Rinder und wieviel Land ein Rancher besitzt«, lautet ein ungeschriebenes Gesetz des Cowboykodexes im »Open Range«. Greg Titus, der »Buckaroo Boss«, der Chef der 71 Ranch, die Teil eines Verbundes von neun Höfen ist, sieht das weniger eng und gibt bereitwillig Auskunft: 2.500 Rinder, zirka 15.000 Hektar – und fünfzig Pferde, die nur die versiertesten Cowboys »mit einer starken Persönlichkeit« zähmen und zureiten könnten.
Anschließend trägt er den kategorischen Cowboy-Imperativ vor, das »Cowboy Up!«: »Mach hin! Hör auf, dich zu beschweren! Leg die Extrameilen zurück! Unternimm die Extraanstrengung!« Daneben gibt es weitere Gebote, beispielsweise diese: »Mach nie eine Kuh verrückt!« – »Wenn du neu bist in der Gegend, halte die Klappe und mach die Augen auf!« – »Schrei nie den Hund eines anderen an!« – »Hetze dein Pferd nie nach Hause zurück in den Stall!« – »Bevor du ißt, füttere dein Pferd!«
»Entdecke den Cowboy in dir!« Das ist die Aufforderung, die an uns ergeht. Gleichwohl, auf einem Gaul durch die Gegend zu zuckeln, das hat wenig gemein mit der Arbeit der »Cattlemen«, die bei jedem Wetter den ganzen Tag das Vieh observieren. Während unsereins »die heilige Ruhe der Natur« (James F. Cooper) genießt, den Blick ins »great wide open«, auf das flirrende Panorama, über gewellte Wiesen, auf die gestaffelten Anhöhen der Ruby Mountains, die gebüschgesäumten Weiher, während unsereins die Linien der Schotterwege und Zäune, die erdigen Farben der Hügel, die ausgedehnten, verdorrenden Grasflächen adoriert und das Säkulare kontemplativ poetisiert, erläutert Greg unter seinem grauen Stetson trocken: »Wir tun hier alles im Hinblick auf das Ende der Kuh. Wir sind Fleischproduzenten.«
»Jeder Cowboy ist ein Doktor und ein Apotheker«, fährt er fort, aber kranke Rinder, die in den Ruby Mountains grasen, müßten erschossen werden. »Pferde sind Teil unserer Produktion und keine niedlichen Haustiere«, meint er dann, um uns auf die Kastration eines Hengstes in der alten Scheune vorzubereiten – »ein trauriger Tag für ihn«. Dem Vorgang möchte man, weiß man hinterher, nicht noch mal beiwohnen und lugt verlegen hinüber zum ehemaligen Schlachthaus, einem spitzgiebeligen, weißen Holzverschlag am Rande einer Koppel.
Die Viehgroßhändler würden traditionell mit rüden Scherzen bedacht, sagt Greg und zupft an seinem gezwirbelten Schnurrbart. Das »cowbusiness« sei hart, die Rindfleischbörse unterliege erheblichen Schwankungen, die Globalisierung dränge die amerikanischen Rancher in die Enge, deshalb verlege man sich verstärkt auf den Tourismus, auf das Konzept »Ferien auf dem Bauernhof«. Da gelte es, die Artenvielfalt zu konservieren, die Natur zu schützen, »alles im Gleichgewicht zu halten, darauf sind wir stolz«. Und er setzt hinzu: »Viehzüchter sind in allererster Linie Landmanager. Kühe sind lediglich Graspakete. Was bleibt, ist das Land.«
Einen feinfühligen, indes keineswegs nostalgisch eingefärbten Vortrag hält der Sprecher einer befreundeten Ranch. Er ist bemüht, das Bild des Cowboys als eines unzivilisierten, unbändigen Raufbolds zu revidieren, die Cowboydichtung als der Nachsicht zugeneigte, zarte Ausdrucksform zu würdigen und die heutigen Herausforderungen der Landschaftspflege, des sorgsamen Umgangs mit der Kreatur zu skizzieren. Das schließt die Frage der Wiederansiedlung der Bisons ein, die im kolonialistischen Besiedlungskampf vernichtet wurden. Warum man einst die Bisons nicht domestiziert hat, legt Greg dar: Ein Büffel würde ein Pferd innerhalb von zehn Sekunden aufspießen und in Stücke reißen.
Nein, der Cowboy sitzt nicht um die Mittagszeit im Schaukelstuhl auf der Veranda und guckt versonnen oder wohlig versponnen ins Nichts. Die Popularreligion der ruralen Ruhe überdauert höchstens in der Werbung. Der Mythos verblaßt endgültig, als wir beim Tontaubenschießen kollektiv versagen. Und wer jemals beobachtet hat, wie ein Kalb eingefangen wird – von hinten schleichen sich vier Männer an, werfen Lassos um die Hörner, die Beine und den Leib, fixieren das randalierende Wesen und zwingen es nieder –, der weiß: Die Artistik des Cowboys lebt von der Kraft und der Kondition derer, die zuweilen auch zur Gitarre greifen und von Hoffnungslosigkeit kündende Weisen anstimmen.
*
An der Bar des Red Lion Hotel & Casino in Elko gerät der Kollege aus Boston nach den Erlebnissen auf der 71 Ranch ins Schwärmen. »Ich fühl’ mich wie John Wayne. In jedem Mann steckt ein Cowboy. Und in jedem Cowboy steckt ein Poet.« Und Poeten trinken Bier. Der Kollege aus Boston greift zur Bierflasche. Buckaroo-Bier. It’s all about ridin’, shootin’, drinkin’, women.
Molly vom Western Folklife Center in Elko, einer dieser vielen pragmatischen kleinen Städte in den USA, läßt die Luft raus: »Es ist die neuste Mode in Amerika, daß sich Millionäre in Cowboyklamotten werfen.« Baxter Black, den die New York Times zum »wahrscheinlich erfolgreichsten lebenden Poeten Amerikas« kürte, obendrein zum renommiertesten Cowboydichter des Planeten, Baxter Black, der ehemalige Tierarzt, der auf einer Ranch in Benson, Arizona, haust, Baxter Black, angetan mit polierten schwarzen Cowboystiefeln, einer gewaltigen silbern-ellipsenförmigen Gürtelschnalle und einem schwarzen, seidenen Halstuch, Baxter Black, der in mehr als hundert Tageszeitungen des Landes kolumniert, eine eigene Radiosendung und Fernsehclips produziert, Baxter Black, dieser skurrile, hagere Mann mit dem walroßartigen Cartoonschnurrbart, beschwört einerseits den Geist des Wilden Westens, die imaginierten Urgründe, »why the cowboy sings«. Andererseits beherrscht der sentimentale Patriot, Geschichtensammler und -erzähler und gewiefte Entrepreneur die hohe sinnzerstäubende Kunst des Nonsens, der Stegreifzerstörung der Idee des gefügten Daseins. Denn nämliches sei eine Häufung peinlicher Pannen, schauderhafter Schwachmatenhampeleien, unbegreiflicher Blödheiten dämlicher Cowboys. Da helfe allein die Hingabe gegenüber dem Gefühl des »Wabi-Sabi«, der demütigen Freude an der herben Schönheit eines Lebens in der Isolation.
Baxter Black gilt als der unumstrittene Star des National Cowboy Poetry Gatherings, des bedeutendsten Festivals in den USA, das der Cowboykultur gewidmet ist. Im Januar dieses Jahres fand es zum fünfundzwanzigsten Mal statt, eine Woche lang strömten Tausende Besucher zu ungezählten Veranstaltungen – von Workshops über Filmvorführungen, Tanzperformances, Konzerte bis zu Lesungen.
Es gebe eine »Renaissance der Cowboypoesie«, sagt Charly Seaman, der Direktor des 1980 gegründeten Western Folklife Centers im ehemaligen Pioneer Hotel im Zentrum der »letzten Kuhstadt in Amerika«. Seaman und sein aus Spenden und öffentlichen Geldern finanziertes Institut treten für den Erhalt und die Weitergabe cowboykultureller Errungenschaften ein. Man pflegt die Dokumentation der »horse based cultures« durch aufwendige Photoausstellungen, Film- und CD-Produktionen, pädagogisch inspirierte Kurse und Oral-history-Projekte. Identitätsstiftung und -vertiefung, unter Einbeziehung der ethnischen Pluralität selbstverständlich, sind explizite Ziele der Bemühungen.
»Die Leute sind hungrig nach Authentizität«, sagt Charly. »In Zeiten des Internets gibt es einen Run auf Cowboyfestivals«, erklärt Molly. Ja, das sei wohl vergleichbar mit dem Boom der Mittelaltertreffen in Deutschland, bestätigt sie und spricht von einer regelrechten »Cowboyindustrie«, die traditionalistisch und ungebrochen romantizistisch Klischees bediene und ausbeute. Während Hollywood spätestens seit John Fords Klassiker Der Mann, der Liberty Valance erschoß der Destruktion der »Ideologie des amerikanischen Traums« (Kurt Scheel: Ich & John Wayne, Berlin 1998) Raum gibt und ein atemberaubendes Kunstwerk wie Clint Eastwoods Erbarmungslos die Grausamkeiten der Gesetzlosigkeit als tiefgreifende Korrektur am Cowboymythos und seinen Lügen der Autonomie und des Heldentums in Szene setzt, lebt in der florierenden Westernpopindustrie die zum Teil konstruierte, zurechtgebastelte Vergangenheit fort, nicht selten in Gestalt restaurativ historisierender, mythisch aufgeladener Kitschwaren: von Wyatt-Earp- und »Real Life«-Comics über legendäre Shoot-outs, von Outlaw-Historiographien und -Hagiographien über Heimatfilme, kunstgewerblich aufgemotzten Sattel- und Sporenklimbim, Billy-the-Kid-Büsten, Jesse-James-Gürtelschnallen und John-Wayne-Statuen bis zur – recht profanen – Werbeprosa: »Buffalo Bill Cody! Wyatt Earp! Billy the Kid! Sie wußten es aus erster Hand! Die Waffe, mit der der Westen erobert wurde, trug das Colt-Warenzeichen.«
Baxter Black trinkt auf der Bühne stilles Mineralwasser. Dem erdverbundenen Entertainer ist es nicht um das Mästen des Cowboymythos und die Aufblähung kultischer Figuren zu tun. Spöttisch dankt er John Travolta, daß er Anfang der achtziger Jahre »den neuen John Wayne gegeben« und die »Urban-Cow-boy-Welle« ausgelöst habe: »Das war die Zeit, als die Leute anfingen, gebrauchte Jeans zu tragen, komische große Hüte und alberne Stiefel.«
Johnny Carson entdeckte Baxter Black und andere Cowboydichter schließlich fürs Fernsehen. Seit 1984 tritt Baxter Black beim National Cowboy Poetry Gathering auf, und dann flicht er keine pseudometaphysischen Girlanden, sondern wendet sich, Metrik und Reim mitunter streng achtend und mit einer erstaunlichen Vielfalt an mimischen Ausdrucksformen, dem Cowboy als Witzfigur zu, etwa als Melker, der auf »die Kuh, das unbekannte Wesen«, trifft.
Abends verdrücken wir im Traditionsrestaurant The Star ein seraphisches, nach baskischer Art zubereitetes Achthundertgrammsteak, zugeschnitten in Herzform. Die Fleischfasern zerschmelzen auf der Zunge, der Knoblauch rundet die monumentale Feinheit aufs himmlischste ab. Danach trotten wir hinüber zu Stockmen’s, einem der zwei ältesten Kasinos in Elko. Auf einer Reklametafel an der Front des häßlichen Baus schräg gegenüber vom schmucken Backsteinquader des Western Folklife Centers wird ein Konzert der Asphalt Cowboys angekündigt, und am Tresen hängen beim Buckaroo-Bier tatsächlich ein paar echte Cattlemen rum. Ob sie die erste Zeile aus dem Song »National Park« von Wally McCrae, dem vielgerühmten und verehrten Cowboypoeten, präsent haben?
»One year with hangover …« – »Ein Jahr lang Kater …«
Kino
Freund M. und seine Frau A., Frau C. und ich waren im Kino, in einem richtig guten, schönen Kino mit bequemen, breiten Sitzen mit großer Beinfreiheit. Der Film war auch gut, Aki Kaurismäkis Der Mann ohne Vergangenheit. Gerade hatte der schöne Dialog stattgefunden, in dem der Protagonist sagt: »Danke für das Bier«, und der ältere, arme Mann, der ihm ein Bier spendiert hatte, antwortet sinngemäß: »Danke, daß du mir die Gelegenheit gegeben hast, acht Bier zu trinken«, als Freund M. aufstand und nach draußen verschwand. Vielleicht gefiel ihm der Film nicht, oder er mußte rauchen.
Nach ungefähr zehn Minuten tauchte Freund M. wieder auf, in meinem rechten Augenwinkel. Es war wie eine Erscheinung, als er plötzlich am Ende der Reihe in den von der Leinwand über die Sitze fallenden Schein trat, denn er trug vier leuchtende Weizenbierpokale bei sich, ja, er hatte sie mit beiden Armen vorsichtig – nicht wärmend, aber schützend – umschlungen wie einen Schatz oder wie ein Gotteskind, und als ich das sah, diese vier einträchtigen Weizenbiere, wie beschaffen und beschafft für uns, von ihm, dem Freund, da wußte ich, daß es keines weiteren Beweises mehr bedurfte für das wahre Gute in der Welt und in den Menschen. Sie müssen nur das Richtige im Kopf haben: Bier.
Kneipenkomik
Daß Kneipen nicht per se Orte des Komischen, aber sehr oft Bühnen für sehr, sehr komische, krumme, chaotisierende Charaktere sind, das lehren uns Literatur und Leben. Leider verschwinden zusehends jene simplen Gasthäuser, jene Rohkomikkabuffs, in denen sich das Publikum richtig mischt und eben erst diese Mischung die zuweilen irisierendsten Durcheinanderquatschereien von Vertretern der Bäcker-, der Fahrrad-, der Videoverleih- und der Bremsbelagbranche möglich macht. Wer mal zwei, drei triste Stunden in einem Aufsteiger-, Börsianer- und Werberschuppen vergammelt hat, weiß spätestens dann die angebliche Borniertheit der Normaltrinker und -schaffer zu schätzen. An deren teils großartig törichtem, widersprüchlichem, völlig gelöstem Gelaber entzünden sich unvermindert die schiefsten, dynamischsten, ungewollt artistischen, die wuchernden, ungeheure Satzverschachtelungen und Argumentationsverwirrungen erzeugenden Dialoge und Dramolette.
Manchmal reicht jedoch auch ein einzelner Satz, wenigstens mir, zum Beispiel eine herrlich grundlose, bündige Beleidigung. Eine solche landete formvollendet in der ausgerechnet dem FAZ-Personal als Speiselokal dienenden Frankfurter Zeitungsente ein mir Tag um Tag lieber werdender genialischer Bauunternehmer, schon tapfer weißweintequilaschorlebefeuert, gegen die Mitte des Raumes hin kreiselnd und die Journalistenmannschaft wunderbar düpierend: »Mein Name ist Wolfgang Stumpf, ich koch’ kaa Nudeln, verkauf’ kaa Auto, ihr könnt mich am Arsch lecken.«
Ich mußte sehr lachen. Ob da ein neuer Duschke heranwächst? Ich observiere weiter.
Die Gasthaushölle und die goldene Gerste
Einerseits hätten wir da: Ansbacher Hof, Hans Gruber Sommerkeller, Gaststätte Frank, Goldener Schwan, Wittelsbacher Hof, Wieland-Stubb, Schneiderskeller, Zur Linde, Grüner Baum, Gaststube Benaburger, Rotes Roß, Wirtschaft von Georg Schaffer, Zur Sonne, Bürgerbräu Stuben, Gasthof Herold, Zum Roten Ochsen, Lindenkrug, Brauereigasthof Weißes Roß, Zum Schwarzen Bären, Sonnenhof, Kreuzbergkeller, Landgasthof Rittmayer, Gasthaus Blauer Löwe, Zur schwarzen Katze, Zur Post, Zum goldenen Adler, Weißes Lamm, Schöne Müllerin, Schöne Aussicht, Krug zum Goldenen Kranz, Goldene Gerste, Brau-Gaststätte Mainlust, Solzer, Biergrund, Alte Mühle, Zum Hirschen, Zum Goldenen Stern, Goldene Krone.
Andererseits: Labyrinth, Lebensfreude pur, Fabrik, Living, Lüsterweibchen, Zum Häßlichen, Zwischendurch, Saftladen, Energy Eatery, Thomas-Mann-Stubb, Upper Westside, Weinstube Schampus (vgl. Bild, 11. Februar 2003: »Grünen-Chefin blau im TV?«, das heißt: »Hicks! Prost!« wegen »eines Glases Weißwein«: »Der Außenminister sieht sich gefesselt« [Beerlein]), Verona, Ambiente, APO, Oldtimerstübchen, Natur-Bar, Wunderbar, Hexen Häuschen, Himalajahaus, Historix, Holzkopp, Futterstadl, Pfefferdutt, Lobster, Gäulchen, Guck-Guck, Klick-Klack, Krawallschachtel, Mampf, D’Andrea, Joschis Pinte, Funny House, Die Gans, Die Spaßkneipe, Die Hölle .
Was klingt (nach einer) besser(en Welt)?
Das Verschwinden des dicken Luftraums
Wie sie da sitzen und bald nicht mehr sitzen werden – die vier Schafkopfer, seelenstumm in ihre spielerische Wirklichkeit versenkt, jeweils ein Halbliterglas Helles vor sich. Die Karten platschen auf die klebrige Tischplatte, die zerknitterten Gesichter verschwimmen im Zigarren- und Zigarettenrauch, das Lampenlicht durchdringt den dunkeldicken Qualm kaum.
Ein Endfünfziger bringt Bier – Stirn und Wangen eine Schluchten- und Kraterlandschaft, die Augen wäßrig und weich, Schildkrötenhaut bedeckt seine knochigen Finger. Das mache vier Euro zwanzig, sagt er, für zwei Halbe.
Das sei ja, würde der Metropolenmensch jetzt ausrufen, hätte er hierher gefunden, »fast geschenkt!« Bald aber wird man in Fürths Bahnhofsgaststätte wohl nichts mehr geschenkt bekommen, und man wird nicht mehr bewirtet werden von einem Mann, der dies sehr gut kann – ohne Sperenzchen, ohne Tamtam – und der wahrscheinlich nichts anderes kann, weil er wahrscheinlich nie etwas anderes werden konnte als Bedienung in der Bahnhofsgaststätte zu Fürth.
Auch die vier Schafkopfer werden ihre Raucherhölle verlassen müssen, in der sie niemand belästigt und in der sie sein können, was sie noch sein können, denn die Modernisierung der Bahnhöfe schreitet voran. Fürth, so steht zu vermuten, ist demnächst dran, in Nürnberg nebenan hat die »Unternehmensbereichsleitung DB Station&Service« ihr Werk ja schon vollendet und ganze Aufräumarbeit geleistet, nämlich ein an innerstädtische Einkaufspassagen erinnerndes, durch Securitykräfte geschütztes, luftig-lichtes Konsumparadies aus Boutiquen, Hot-Snack-Points, Wok-Opens, Rail-Ins und Coffee-Table-Lounges geschaffen, in dem für Nichtsnutze, Gescheiterte, Deklassierte und Müßiggänger kein Platz mehr ist. Bis 2010, vermeldet die Deutsche Bahn AG denn auch stolz, werde man weitere fünfhundert Millionen Euro »in unsere Bahnhöfe investieren« und sie unwiderruflich ruinieren.
Die unheilvolle Geschichte der Renovierung, aus der eine revolutionäre Umgestaltung der Bahnhöfe in »moderne Verkehrsstationen und Dienstleistungszentren« (DB), in Shoppingtempel und postmoderne Gastroreiche wurde, begann, obgleich in Frankfurt am Main bereits 1972 das erste Intercity-Restaurant eröffnet worden war, etwa Mitte der neunziger Jahre des verblaßten vergangenen Jahrhunderts. Das Verschwinden der Bahnhofsgaststätte, eines Raumes der Aufenthaltsmöglichkeit für allerhand unterschiedliche und angesichts ihrer Unterschiedlichkeit schlicht geduldete Leute, die rasten und Zeit überbrücken oder vergeuden konnten, ohne eine On-Top-Befindlichkeit des schikken Lifestylereisenden simulieren zu müssen, kündigte sich womöglich mit der rigiden Handhabung des Zugangs zu den Toiletten der Bahnhofswirtsstuben an. »Toilettenbenutzung nur für Gäste« hieß es zum Beispiel in München plötzlich, und wenig später war nicht nur der Zugang für Mißliebige, weil nicht Geldpotente gesperrt, sondern auch der Gaststättenraum zerstört.
Im Sommer 2000 hatte man den alten Gaststättenbereich entkernt und abgerissen. Heute dominieren in allen großen Bahnhöfen die gläsern-rauchfreien, stahlblanken, strahlenden, blitzsauberen, meist keinem Sitzbedürftigen mehr Gelegenheit zum Verschnaufen bietenden Multifruchtsafttheken und Milchbars, die markenschreierischen Cafés Nescafé (wie in München) oder die systemgastronomischen Errungenschaften der worthöllisch anspielungsreichen Exklusivbierbuchten und Erfrischungsecken namens Connection BAR oder Kaffee mit … (wie in Frankfurt am Main). »Der Münchner Hauptbahnhof ist für viele Reisende das Eintrittstor zu Bayern«, deklamierte Bayerns Wirtschafts- und Verkehrsminister Otto Wiesheu angesichts der 12,3 Millionen Euro teuren Neugestaltung des Münchner Gastronomiebereiches begeistert. »Mit dem neuen Gastronomie-Highlight zeigt der Freistaat an prominenter Stelle, daß sein Gastgewerbe nicht nur Kultur hat, sondern selbst Teil der bayerischen Kultur ist.« Das Bayerische an dieser Kultur dürften die Brezen und Weißwürste sein, die nach wie vor verkauft werden.
Rührig und schäbig zugleich mutet da an, wie sich etwa im Rosenheimer Bahnhof das neofolkloristisch aufgemotzte Servicekonzept einer breiten Angebots- und Stilpalette in einem Potpourri aus Markt-Backshop, Imbiß, Bierschwemme, Stadt-Terrasse, Südtiroler Stub’n und Luitpold-Stub’n niederschlägt. Letztere Einrichtung zumal erregt durch ein Edelkitschinterieur par excellence schlichtweg das blanke Grausen. Wilhelm Buschs Zeichnung »Die Mittagstafel in der Rosenheimer Bahnhofs-Restauration«, 1860 erschienen in den Fliegenden Blättern, hielt eine tumultuarische Riesenversammlung überschwenglich gestimmter Speisender fest, und vom ersten Pächter der Halleschen Hauptbahnhofswirtschaft, dem Ende des 19. Jahrhunderts segensreich wirkenden Gustav Riffelmann, ging die Kunde, er sei »eine stadtbekannte Persönlichkeit« »von imponierender Gestalt« und mit einer außergewöhnlichen »Großzügigkeit« ausgestattet gewesen. Bei dem ließ sich jeder, der dazumal, was nicht ungewöhnlich war, lange Wartezeiten erdulden mußte, gerne nieder. Heute will man allenthalben bloß noch weg.
Bevor es ganz zu spät und die alte Bahnhofsgaststätte, eine Art Agora, ein Zentrum der zufälligen Zusammenkunft inmitten der Dynamik des Hin-und-weg, vollends hinwegsaniert ist, sei ein Halt in Würzburg empfohlen. Hier, in den Bürgerstuben im Bahnhof, sitzen sie noch, die alten Frauen aus der Stadt, die nicht reisen, aber Apfeltorte mit Schlagobers verspeisen, und die alten Männer aus der Gegend, die, wie Karl Kraus, die Öffentlichkeit brauchen, um einsam sein und ihr Bier trinken zu können.
Stellwände teilen den Raum dezent auf, eine Messinguhr tickt, an der braungetäfelten Decke hängen Kugellampen, an den schmiedeeisernen Kleiderhaken graue Mäntel, daneben baumelt die örtliche Zeitung. Kellner Christofolos wandelt über braune Teppichläufer, die mit Metalleisten auf dem Linoleumboden befestigt sind, und verteilt überwiegend Bier. Wer hier einen Cappuccino trinkt, gehört dem Teufel.
Links schmückt ein Panoramastich die Wand, rechts eine Butzenglasarbeit, die das seit langem vom Markt gefegte »Patrizier-Bräu Würzburg« bewirbt. Davor schaufelt ein Ehepaar Hacksteak und Pommes in sich hinein. Die meisten indes nippen lediglich am Bier und rauchen. Hier wird außerordentlich stark geraucht, eine Nichtraucherecke gibt es nicht. Man raucht Stumpen, Selbstgestopfte, HB, und man trägt bevorzugt Kordhose oder Trainingsanzug und auch mal eine Schiebermütze.
Dr. Benn wäre auf einem der Holzstühle an einem der Tische gut aufgehoben gewesen, zu sich selbst beschwörend sagend: »das Bier heben, soliden Blicks, schaumgeboren – reiner Abendausklang«.
Bier im Schuh
Als ich vom Sportschwimmen die Nase voll und durch ebendiese genügend Chlor inhaliert hatte, wurde ich Handballer.
Wir zogen vom gefährlich nah ans holländische Drogenzentrum Heerlen grenzenden Städtchen Brunssum zurück nach Deutschland. In St. Augustin, einer Bonner Schlafstadt, bezogen wir ein Klinkerhaus mit Glasbacksteinen als Toilettenfenstern.
In diesem Haus konnte ich nicht den ganzen Tag herumhocken. Ich mußte etwas tun und auch mal raus. Ich meldete mich im Handballverein an, denn Handball hatte mir im Schulsport immer schon gefallen. Beim Handball wurdest du nicht als einzelner, als dem notengebenden Schleifer Ausgelieferter examiniert, wie etwa beim Pferdsprung oder beim Ringen an den Ringen, sondern du warst aufgehoben in einem Kollektiv, das dich agieren ließ, ohne dich zu traktieren. Handball in der Schule war Schulung gewesen – Schulung der Wahrnehmung, daß du nicht allein dein Dasein zu bezwingen verdammt bist, sondern daß du zwanglos, spielend einen Vertrag mit anderen darüber abschließt, sich gegenseitig zu unterstützen. Das ist wohl das respektabel Humane am Mannschaftssport, solange er nicht als Wettbewerbssport betrieben wird.
Ich war also, endlich erlöst vom endlosen Kachelzählen, im Handballverein gelandet, und ich startete meine neue Karriere bravourös. Im dritten oder vierten Training brach ich mir den linken Ringfinger, weil ich ein Zuspiel nur mit einer Hand annahm, aber ich machte weiter, ich zeigte Härte. Ich biß den Schmerz hinunter und ließ mir nichts anmerken. Denn ich wollte spielen, an den Wettkampfsonntagen. Das war das Ziel.
Ich erreichte mein Ziel, doch mit dem Erreichen des Ziels waren neue Ziele verbunden. Die neuen Ziele kündigten sich schon vor dem eigentlichen Ziel, dem Spiel, an. Schon vor dem Spiel, als man sich vor einer Sporthalle im Rhein-Sieg-Kreis traf, in der man gleich das so fiebrig erwartete Match zu bestreiten hoffte, sagten einem die Mitspieler, daß sie schon sehr gut, ja hervorragend »drauf« seien heute morgen.
Doch, doch, man habe schon mal, heute sei ja Sonn- und Spieltag, ein, zwei Große gewuppt und sich von innen schön geölt, sagten der Lange, der Center, und der Kurze, der Dicke, unisono, das gehöre sich so. Wir standen vor dieser Halle, und ich war nervös. Der Lange und der Kurz-Dicke kicherten, sie demonstrierten eine Leichtigkeit, die mir ganz fremd war, mir, der von einem Fuß auf den anderen trat, weil ich ja doch endlich ein Spiel bestreiten wollte und mich bewähren mußte. Ansonsten, im Falle des Versagens, drohte »die Bank«.
Doch, taktisch aufgetankt habe man schon mal, sagten die beiden. Der Trainer, ein untersetzter Metzger, fuhr vor, pellte sich aus seinem Auto und führte uns in die nach Bohnerwachs riechende Halle.
Hinterher fragte ich mich oft, ob sie nicht auch in der Halbzeitpause irgendwo ein Großes zischten. Jedenfalls spielten der Lange und der Dicke in der zweiten Hälfte immer noch waghalsiger und befreiter auf als in der ersten. Bayern-Trainer Udo »Pilslatte« Lattek hatte ja seinem nervösen Fohlen Karl-Heinz Rummenigge vor dem Anpfiff öfter mal einen Cognac verordnet und einpfeifen lassen. Was dem Fußballer der Schnaps, das dem Handballer das Bier.
Unser Trainer hatte einen sehr schönen roten Ballonkopf. Er schnaufte beim Gehen, aber wenn er mal zwei Meter die Seitenlinie entlangstapfte, war er sehr agil. Es lag vielleicht an seinen immerweißen Spezialhandballturnschuhen, die ihn dann gegen alle Gesetze der Bierschwerkraft herumfedern ließen, als sei er ein Balletthandballer.
Ich war Linksaußen. Das ist, wie im Fußball, die Idiotenposition. (Nur der Handballtorwart ist noch bekloppter als der Handballinksaußen.) Von links außen werden im Handball mehr »Hundertprozentige« versiebt als von jeder anderen Position. Das kann ich beweisen. Man setzte mich auf die Bank.
Des Trainers Glatze glänzte wie eine blankpolierte Messingtresenarbeitsfläche. Danach, um etwa vierzehn Uhr, gingen wir in ein Rustikallokal. Jetzt, sagten der Trainer, der Lange und der vorbildlich unsportliche Kurz-Dicke unisono, werden wir einen Stiefel trinken.
Wer einen Bierstiefel zum Munde führt und das Bier nicht in den Schlund schleust, sondern über das Gesicht schwappen läßt, ist ein Idiot.
Man lachte mich aus. Der Trainer lachte, und seine Glatze leuchtete im gelben Schein der Bierkneipenlampe. Der Lange lachte, und der Kurz-Dicke, sein kleiner Reinschüttbruder, kicherte.
Das hat meiner Liebe zum Bier nicht nachhaltig geschadet, aber es war dies, ohne daß ich es damals ahnte, doch das genaue Gegenteil des stillen Tresentrinkens, das ich manchmal schätze, wenn das Kollektiv um mich herum kollabiert und ich eine Wand angucke.
Es gibt gute Gründe, betrunken sein zu wollen. Aus einer Gruppe, zumal einer Gruppe von Sportlern, kommen sie nicht. Ein drogenfreies Leben ist ein Fluch, ein protestantischer. Ein Sportlerdrogenleben ist ein Grauen, ein fürchterliches, ein doppelt protestantisches Grauen des Zwangs. Saufen gegen und als Leistung.
Damals, 1983, gab es noch nicht diese Turnschuhe mit Plastikglasbausteinen im Absatz. Hätte es sie gegeben, ich bin sicher, hinter den Sichtfensterchen der Turnschuhe meiner Handballergenossen wäre Bier geschwappt. Nein, geschwommen, hin und her.
Trotz Zahlkraft der Heimat so fern
Wohin ich denn wolle, fragte der Taxifahrer. Sein von einem wohl noch nicht allzu langen Leben in Hanau gezeichnetes Gesicht hing elend und ohne jeden Anflug von Milde zwischen Türholm und heruntergelassener Scheibe. Der Mond bestrich den Bahnhofsvorplatz mit einer schmierigen grauen Lasur, und es war kalt wie im Herzen Josef Stalins oder Friedrich Zimmermanns.
Vor mehr als einer Stunde hatte ich in Mainz die S-Bahn genommen. Es war ein anstrengender, aber zufriedenstellender Arbeitstag gewesen. Die Schlußkorrektur eines Buches hatte alle geistigen Kräfte verbraucht und Herr Büsser, der Chefideologe des noblen Ventil Verlags, anschließend zu einigen dampfablassenden Bieren geladen.
Um kurz nach zwölf war ich in Mainz-Süd in die S 8 gefallen, eine gute halbe Stunde später wäre ich zu Hause in Frankfurt gelandet. Nun schaute ich in den widerlichen Himmel über Hanau. Die Uhr zeigte Viertel nach eins. Auf den Gleisen standen Gleismeßzüge, verrostete Cargo-Waggons und gestrandete InterRegios. In der Ferne schimmerten ein paar Funzellichter. Ein Kasten, das Arbeitsamt, entworfen von unzweifelhaft schwerkriminellen Halunken, schob sich ins Passepartout aus Nichtigkeit, Weltverachtung und Wirklichkeitsvernichtung.
Nichts fuhr mehr, kein Zug, keine S-Bahn. Finis, Feierabend, Sense. Weil ich eingeschlafen und an der Endstation Hanau von einem unbarmherzigen Bahnbediensteten aufgeweckt worden war, hing ich jetzt in der denkbar verfluchtesten Materialisation des Nichts fest und herum wie der traurigste Arsch auf Trockeneis. Rumhängen in Hanau, das ist ein Gefühl, als müsse man sich auf der Stelle entleiben. Zum Glück fiel mir ein Satz meines Kumpels Christoph Winnat ein: »In Hanau zu sterben ist sinnlos.«
Ich hatte nicht gewußt, daß Hanau, das laut der obligaten städtischen Website »viel zu bieten hat« – eine Ex-Atomfabrik, »Dauerkleingärten« und eine »Altstadt« (www.hanau.de), aus der schon die Brüder Grimm zu fliehen sich gezwungen sahen –, darüber hinaus auch über keine sichtbaren Hotels in Bahnhofsnähe verfügt. Von Gästen will man in Hanau offenbar nichts wissen, man läßt sie am Rande der Stadt herumirren und vergammeln, dort, wo diese architektonische Saufrechheit von einem Bahnhofsgebäudespitzenmißgriff der Erde Antlitz aufs himmelschreiendste verschandelt und, die Worte sind bedächtig gewählt, entsetzlich entstellt, ja hohnlachend zur Schnecke macht.
Ich hatte also kein Hotel gefunden, weil dem untrüglichen Anschein nach kein Hotel zu finden war. »Ich muß nach Frankfurt«, antwortete ich dem Taxifahrer, und er zog die rechte Augenbraue hoch. »Das ist aber weit.« – »Ich weiß«, sagte ich demütig und wies mich mit einem Hunderter aus. »Na gut, steigen Sie ein«, sagte er, »aber ich kenn’ mich in Frankfurt nicht aus. Ich fahr’ nur bis zum Bahnhof.« – »Ich wohne bloß zwei Kilometer vom Bahnhof entfernt, ich zeig’ Ihnen dann den Weg.« Er sagte nichts.
Am Frankfurter Hauptbahnhof, nach etwa sechzig Euro, endete die wortlose Fahrt. »Entschuldigung«, sagte ich, »wir müssen noch ein Stück weiter.« – »Ich kenn’ mich nicht aus«, sagte der Taxifahrer und drückte eine Taste am Taxameter. »Bitte«, ich fischte den Hunderter aus der Jackentasche, »nur schnell zweimal rechts und drei Minuten die Mainzer Landstraße runter.« – »Die was?« – »Die Mainzer Landstraße bis zur Galluswarte, dann sind wir fast da.« – »Sie haben gesagt: direkt am Bahnhof.« – »Ja, na ja, es ist wirklich praktisch am Bahnhof, das dauert nur ein paar Minuten.«
Der Hunderter in meiner rechten Hand bewegte ihn dazu, den Gang wieder einzulegen. Als wir auf die Mainzer Landstraße eingebogen waren, fragte er: »Und?« – »Gleich. Da hinten.« Ich wies mit dem Zeigefinger geradeaus. Hundert Meter weiter hielt er an. »Ich fahr’ keinen Meter mehr, ich kenn’ mich hier nicht aus.« – »Ich bitte Sie, es ist nicht mehr weit. Wir sind gleich da.« – »Das sagen Sie.« – »Glauben Sie mir doch!«
Erneut rollte der Wagen an, und im gleichen Atemzug stieß der Mann am Steuer einige dunkle, unverständliche Laute aus, was mich dazu animierte, ihm nachdrücklich Mut zuzusprechen. »Sie haben gesagt: am Bahnhof«, giftete er zurück, und als ich ihm ein mattes »Ja« entgegnete, stieg er, die Galluswarte war noch immer nicht zu sehen, in die Eisen.
»Schluß jetzt! Ende der Dienstfahrt! Raus!«
Was macht Hanau bloß aus den Menschen? Sie werden doch gut bezahlt. Von mir.
Alles fahren lassen
Man hat ein Wochenende in Eisenach verbracht. Am Tag der Rückreise weilt Freund M. aus beruflichen Gründen in Weimar. Man verabredet, sich zu treffen, das eine oder andere zu unternehmen und abends gemeinsam nach Frankfurt zu fahren – mit dem Zug, versteht sich, denn Zugfahren ist eine dem Gemüt dienliche, rundum vernünftige Fortbewegungsart.
Beim Zugfahren läßt sich lesen, dösen, faseln, aus dem Fenster gucken, rauchen, trinken und Schiffeversenken spielen. Das wird nicht mal die Kundenorganisation Pro Bahn bestreiten, die nimmermüde Beschwerdelisten erstellt und nolens volens den letzten unantastbaren deutschen Mythos nährt: daß nichts verkommener und unzuverlässiger sei als die deutsche Bahn.
Daß Freund M. nicht nach Eisenach brummt und ich statt dessen in die Klassikerstadt aufgebrochen bin, obwohl die abendliche Route von Osten gen Westen, mithin von Weimar via Eisenach nach Frankfurt, also von Eisenach Frankfurt führt, bleibe hier beinahe unerwähnt. Keineswegs ablassen von ihrem nörglerischen Tun können indessen all die Hunderttausenden von Bahnbashern in diesem Lande. »Ruhig beschweren bei Ärgernissen«, empfiehlt, avantgardistisch gestimmt, www.geizkragen.de, obschon die Bahn rechtlich nicht verpflichtet ist, bei »Unregelmäßigkeiten, Ausfällen oder Störungen zu haften« (Stiftung Warentest). Denn es geht den Krakeelern und Giftzwergen ja nicht in erster Linie um geldwerte Erstattungen auf Grund von dreitägigen Verspätungen, doppelt reservierten Sitzplätzen, wegen des durch klemmende Klimaanlagen verursachten sommerlichen Ungemachs, stundenlang verstopfter Klosetts, vernagelter Türen, verpaßter Anschlußzüge, »irreführender Durchsagen« (Verbraucherzentrale NRW) und vollgereiherter Polster; sondern um das Gemoser an und für sich, das ihnen als Ausweis ihrer kerzengerade rechtschaffenen Spießerexistenz gilt.
Ich treffe Freund M. in einem Café an der Carl-August-Allee. Rasch ist uns nach anderen Getränken zumute, zum Beispiel einem Bier im einst von Hitler heimgesuchten Elefanten. Über Stunden gestalten wir zusammen mit den zwei Kellnerinnen das numerische Verhältnis Gäste–Bedienungen einwandfrei ausgeglichen. Gegen acht streben wir zum Bahnhof, rasten in einer Schenke an der Carl-August-Allee, bequatschen formvollendet derangiert die blonde Schönheit hinterm Tresen und besteigen den letzten, pünktlichen Direktzug nach Frankfurt. Ein Rädchen greift ins andere, auch wenn die zerebralen Verbindungen langsam ein wenig knirschen.
Über den von Pro Bahn mehrfach genannten Beschwerdepunkt »Fahrer raucht beim Fahren« könnten wir nur lachen, laut, laut lachen. Freund M. ratzt praktisch augenblicklich am Bistrotisch weg, ich versuche eine Brünette zu becircen, die sich aber etwa bei Bad Hersfeld meinen geschickt formulierten Avancen (thematisch eingekleidet in Rilke, Goethe, wahrscheinlich Fußball) durch Verlassen des Abteils entzieht.
Freunde der Bahn sind nicht selten auch Anhänger von »Romantischen Eisenbahnfahrten«, von abscheulichen Nostalgiesonntagsausflugsveranstaltungen. Wahre Wertschätzung der Bahn entwickelt man, wenn der Nachtschaffner sodann zwei engagiert zerstörten Ausflüglern ohne Umstände und Aufpreis ein Kojencoupé zur Verfügung stellt und höflich verspricht, die braven Gesellen kurz vor Frankfurt zu wecken.
Freund M. haut mir auf den Kopf, als wir um 3.45 Uhr in den Mannheimer Bahnhof hineinrumpeln. Er meint, der Schaffner habe uns nicht wach gekriegt. Der reumütige, zufällig am Ende des Gangs stehende Missetäter läßt sich von mir ordnungsgemäß zur Minna machen, anschließend entern wir im Bauch des Bahnhofs den einzigen geöffneten Imbiß der Stadt, vertilgen die fettigsten Frikadellen zwischen Oder und Oeder Weg und lauschen begeistert derartigen Dialogen: »Gibt’s hier schon alkoholische Getränke?« – »Klar.«
Drei Wochen später sitze ich mit Freund K. im Bistro des IC von Mainz nach Frankfurt. Hinterm Flughafen dämmert mir was. »Verflucht, der fährt nach Mannheim, nicht übern Bahnhof«, sage ich. »Stand das auf dem Plan?« – »Nee!« Diesmal übernimmt Freund K. den Part der Schaffnerbeleidigung. Das hat man davon. Wir müssen nachlösen, nicht zu knapp. Also bloß eine Frikadelle für zwei.
»Sie haben recht, es ist die Summe vieler, oftmals kleiner Dinge, die den Service ausmachen«, lautet Pro Bahn zufolge eine der meistgebrauchten brieflichen Formentschuldigungen der Bahn. »Wird eine Facette negativ erlebt, so wirkt sich das auch negativ auf die Gesamtbeurteilung gegenüber allen Mitarbeitern der Deutschen Bahn AG aus.«
Wird eine Facette wiederholt positiv erlebt, das unwillentliche Erreichen des Mecker-Mekkas Mannheim nämlich, dann ist die Bahn en bloc zu loben: für die großzügig gewährten spirituellen Erfahrungen, die wertvollen zwischenmenschlichen Begegnungen und die außerordentlich vernünftige Zufuhr eiweißsatter Frikadellen aus der one and only Frikadellenkapitale Mannheim am Rhein.
Merci!
Beim Bistrobier belauscht
Drei Männer, um die Sechzig, Geschäftsleute vermutlich (oder Vertreter), im Bistrowagen.
DER EINE (nimmt sein Handy, wählt, beginnt zu sprechen): Du, servus, Helmut! Mir sann grod irgendwo in Fulda. – In Fulda, ja.
EINER DER BEIDEN ANDEREN (ohne Handy): In Würzburg.
DER EINE: Ja, Helmut, der Fischer Karl, der Kanngießer Willi und ich, mir sann grod in Fulda.
DER EINE DER BEIDEN ANDEREN (erst etwas lauter, dann eindringlich): In Würzburg. In Würzburg!
DER EINE: Halt, Helmut, in Würzburg sann ma. – In Würzburg, ja. Des sieht genauso aus. Ja, servus, Helmut.
Beckett guckt Beckenbauer
Den dümmlicherweise »Kein Roman« und nicht einfach »Erinnerungen« untertitelten, aber sonst recht lesenswerten Erinnerungen des ehemaligen pardon-Redakteurs und Werbemannes Rainer Baginski, Das drittletzte Kind (Frankfurt am Main 2002), ist eine Begebenheit zu entnehmen, auf die man hin und wieder in Interviews mit dem Frauenforscher Peter Handke gestoßen war, die jedoch erst bei Baginski in wahrer Überzeugungsstrahlkraftpracht auf uns wirkt. »Vor Jahren«, heißt es da, sei der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld nach Paris gereist, um seinen Starautor Samuel Beckett in der Brasserie Lipp zu treffen. Nun ist auch Peter Handke an der Seine aufhältig, und aus Zufall (oder nicht) trifft Handke auf den Verleger Unseld, von dem er, Handke, erfährt, daß er, Unseld, am nächsten Tag den Beckett treffen werde zwecks bedeutsamer Konsultationen oder Cocktailkonversationen.
Handke stutzt wohl und erbittet, dabeisein zu dürfen, denn den Beckett wolle er schon lange einmal kennenlernen. Unseld willigt ein und ermahnt Handke zur Pünktlichkeit, in Fragen der Pünktlichkeit nämlich sei der Weiberfex Beckett kleinlich, ja penibel.
Folgenden Tags harrt das Duo Unseld & Handke des Weltfrauenfachmanns. Um zwölf Uhr mittags erscheint Beckett. Der Womanizer nimmt Platz. Das gewichtige Gespräch beginnt, nimmt seinen Lauf und endet um Gongschlag 15 Uhr. Handke bringt während dieser drei bedeutenden Stunden der Weltgeschichte kein Wort heraus. »Pünktlich um 15 Uhr«, so Baginskis Kolportage, »erhebt sich Beckett und teilt mit, er müsse leider dringend gehen. Er muß im Fernsehen Fußball gucken. ›Wie bitte?‹ Peter Handke hat wohl nicht richtig gehört. Mit einemmal kann auch er fließend sprechen. Entgeistert fragt er Beckett, ob der wirklich Fußball gucken gehe. Samuel Beckett macht Peter Handke mit Nachdruck deutlich, daß er jeden Tag mehrere Stunden Fußball guckt, daß es für ihn nahezu nichts gibt, das der Bedeutung von Fußball gleichkommt. Und sagt adieu und geht. Zurück bleibt Peter Handke, reif für ein Jahr in der Niemandsbucht.«
Was Baginski verschweigt, ist dies: Der Sinnvertilger und Niemandsfigurenerschaffer Beckett trollt sich flotten Schrittes, die Hand noch mal zum Abschiedsgruß erhebend, schlägt auf der Straße den Weg zum nächsten Supermarché ein, eilt durch dessen Gänge, reißt zwei Sixpacks Kronenbourg-Bier aus dem Regal, rennt zur Kasse, bezahlt hektisch, stopft die Flaschen in einen Plastikbeutel und hetzt nach Hause.
In den heimischen vier Wänden angekommen, drückt er außer Atem den Fernsehknopf, zerrt aus der Tüte fahrig eine Flasche Bier, blickt währenddessen auf das flackernd sich aufbauende Schwarzweißbild und sieht schemenhaft Gerd Müller aus der Drehung einen Kullerball knapp neben das italienische Tor setzen.
Ein Genie! Ein Künstler! Ein Jahrhundertmensch! entfährt es Beckett. Längst sitzt Beckett auf der Cordcouch, seine linke Hand führt die Flasche zum Mund, mit der rechten fingert er nach einer Filterlosen, er stellt die Pulle ab, und es ist ja schon wirklich piepenegal, ob Deutschland – Italien, damals, in Mexiko, 1970, vor vielen Jahren, gegen 15 Uhr lief, Hauptsache, Samuel Beckett hängt da rum und glotzt, glotzt gedankenverloren und ganz versessen auf Müllers Stiefelsticheleien, auf Müllers Hüftakrobatik und Balliebeleien, außer sich gerät der alte irische Haudegen bei Overaths Antritten, und in großes Entsetzen versetzen ihn Beckenbauers Tändeleien, Beckenbauer, der komische Tänzer und beinahe schwebende Balltätschler, nein, dieser Beckenbauer bringt diese Deutschen, diese wakkeren Rackerer, noch um den verdienten Lohn der sauren Arbeit, vor den Lohn, so nämlich denkt Beckett jetzt, haben die Götter laut Hesiod noch immer den Schweiß gesetzt, und dieser Beckenbauer, der schwitzt ja nicht einmal, der Anblick dieses Beckenbauer macht einen verzweifeln, Angst macht einem diese Leichtigkeit und Leichtfertigkeit, Beckenbauer, kein schlechter Mann, sicher, alles in allem gesehen, aber er sollte sich ein Vorbild an Overath nehmen oder an Seeler, an Seeler, dem Tapferen, der rennt sich die Lunge aus dem Leib wie ich vorhin auf der Jagd nach dem Bier, dieses Spiel macht Durst, es macht sehr durstig, viehische Temperaturen herrschen da ja in diesem fernen und seltsamen Mexiko, wie man da Fußball spielen, wirklich und allen Ernstes Fußball spielen kann, in dieser zerpfiffnen Schüssel, das entzieht sich mir. Das verstehe ich nicht.
Beckett öffnet eine neue Flasche Bier und sieht Held scheitern. Schulz ist auch ein Mann, der zum Scheitern geboren ist, denkt Beckett, oder Haller, der wird alles zunichte machen. Ein Pfiff des Schiedsrichters Yamasaki unterbricht das nervenaufreibende Match. Beckett hält inne.
Andké, diese Stutze’, diese sprachlose und in seine Bücher so sprachschaumige kleine Schummelpoet, diese Andké weiß nix von Leben, denkt der Dichter Samuel Beckett und wendet sich wieder dem Wesentlichen zu, wo »Riva dampft vor Kraft. / Facchetti knüppelt völlig ungestraft. / Der Boden bebt. Es geht um Kopf und Kragen.« (Ror Wolf)
»Beckett guckt Beckham« wäre auch ein schöner Titel für diese Geschichte gewesen. Setzen wir ihn einfach hier unten einmal hin.
Daseinsbewältigung 2008
Jeden Morgen um einundzwanzig vor elf die verquollenen Quanten aus dem Bett schlunzen und die unter dem Kopfkissen bereitliegende halbe Schachtel »Aspirin C plus Thymoleptikum« in den Schlund schütten?
Nein, es gehört sich nicht, Anno Dominostein 2008 so das Dasein zu bewältigen und zu schultern. Der Trend, das zeichnet sich schon jetzt allzu deutlich in den Medien und auch überall sonst »irgendwo irgendwie« (Holger Sudau) ab, geht gänzlich anderswohin.
Nämlich zunächst einmal führe, wird hie und da von diesem und jenem empfohlen, der rechte »Weg« (M. Horx) der Existenzerwägung und anschließend-bekräftigung geradewegs ins Innere unser aller selbst.
Heißt was?
Über das Thema der Daseinsbewältigung sei vorderhand stark, streng und bei einem Glas Bier nachzudenken. Ist eine positive Antwort im Sinne des Thomas von Aquinarius und darob hinsichtlich der tatkräftigen Fortsetzung der Lebensführung gefunden, schreite man voran und kaufe sich sechzehn neue Deep-Purple-Platten. Prodesse et delectare.
Danach lösche man alle Motorradmotorsport- und Videoportalfavoriten in seinem Internetexplorer. Dann kehre man sein Arbeitszimmer. Man mache obendrein alle Redaktionen/Geschäftsführungen jener Zeitungen/ Zeitschriften zur Sau, die (Freitag, Schwarzwälder Bote et alii) auch nach der vierzehnten Zahlungsaufforderung keine Honorare überweisen wollen.
Man grüße indes fürderhin die Bekannten auf der Straße.
Man schicke großen Leuten, die das eigene Dasein im abgelatschten Jahre ’07 durch ihre Anwesenheit, ihre Freundlichkeit und ihre Genialität (nur so oder auf einer gemeinsam geteilten Lesebühne) ab und an in einen luziden Punktualrausch zu verwandeln vermochten, pro Monat einen Gruß und eine Bierflasche ihrer Wahl. Also Manni Breuckmann, Hans Well, Stefan Gärtner, Horst Tomayer, Michl Gölling, F. W. Bernstein, Gerhard Polt. Und noch einigen.
Man fasse den Beschluß, die Frauen noch mehr zu adorieren und zu lieben (besonders diese eine).
Man lege, auf daß es wieder recht rund in der Rübe rattern möge, eine Liste mit Beleidigungen und Flüchen an, mit deren Hilfe man proper gerüstet in jeden Tag des Jahres 2008 wird einzusteigen vermögen. Westerwelle, Mehdorn, das Dreckspack aus dem Fernsehen en bloc, das Kapital, das Kerner im speziellen, sie stehen – als Adressaten – sicher alle drauf. Und noch ein paar mehr.
Man fahre in die Eifel und bewundere sie.
Man ehre die Eltern.
Man wünsche den Freunden, denen das Leben mit dem Eispickel zusetzt (Andreas, Guido!), alles, was man wünschen kann.
Man nehme sich vor, nicht nachzugeben. Man sei sorgsam und ausschweifend. Man drehe seine Zigaretten mit Andacht und rauche sie frohgemut. Man hoffe, daß die Courage nicht schwinde. Man danke. Man trinke ein Bier.
Man schreibe endlich mal diese kreuzverfickte Reportage über Mosambik. Und die über Dortmund auch.
Man esse Bohnen.
Man überlege, was noch zu erledigen sei. Mal wieder zehn Bahnen schwimmen? Gebongt. Weniger wuxln? Frage gestrichen.
Weniger Klage führen, mehr Heinz-Sauer-Platten kaufen? Das ja. Weniger fernsehen, mehr Fernseher zu Klump hauen? Na gut. Seltener den Lieblingswirt Apollo beschimpfen, öfter mal ein Bier mehr bei ihm …
Nein, man, man, man – schaue einfach geflissentlich sich um, welche Chancen, Herausforderungen und Versprechen einem 2008, das Jahr des Daseins, zu Füßen zu legen sich anschickt, denn eins is’ mal klar: Der Megatrend der Daseinsbewältigung 2008 heißt:
Och, hab’ ich grade vergessen.
Das heilige Viereck
Er habe, las ich in Thomas Kapielskis Buch Weltgunst (Berlin 2004), das Frühjahr 2002 u. a. damit hingebracht, den Blättern beim Wachsen zuzusehen. »Fernerhin«, erzählt Kapielski, »habe ich mich über Wochen an einer funktionierenden Deutschfassung der SATOR-Formel versucht; die ebenmäßigste war, wie bei den Blumen, zugleich auch die einfältigste:
A U A
U H U
A U A«
Um die gerade in Betrieb befindliche, begeisternde Jahreszeit auszukontern, hab’ ich mich dann, weil man auch mal was Sinnvolleres tun soll, als immerzu zu lesen, in eine Gastwirtschaft in der Nachbarschaft verdrückt und den Kollegen Tetzlaff dorthin bestellt, damit wir vom Tresen aus in den Regen gucken und den Blättern beim Fallen zuschauen konnten.
Das war uns aber auf die Dauer zu interessant. Daher schlug ich vor, ein paar SATOR-Formeln zu basteln. Die berühmte SATOR-Formel »SATOR ARE-PO TENET OPERA ROTAS« stammt mutmaßlich aus dem 1. Jahrhundert und ist ein Satzpalindrom in Quadratform, das horizontal, vertikal, vorwärts und rückwärts gleich gelesen werden kann:
S A T O R
A R E P O
T E N E T
O P E R A
R O T A S
Was das SATOR-Quadrat, das eine Art magische Funktion besessen haben mag, bedeutet, ist umstritten. »Der Schöpfer (sator) lenkt (tenet) verborgen (arepo) die Räder (rotas) der Welt (opera)«? Oder »PA-TER NOSTER A O«, Vater unser, von Alpha bis Omega, vom Anfang bis zum Ende?
Herrn Tetzlaff war das egal. Er fing flott an und legte mit
O M A
M A O
A O K
einen respektablen Klotz vor, der renten-, welt- und gesundheitspolitische Aspekte in sich vereinigte – obwohl die Wörter nur vorwärts, vertikal und horizontal, aber nicht rückwärts gleich zu lesen und deshalb keine Palindrome waren.
»So ganz stimmt’s nicht«, wandte ich ein. »Mir doch wurst«, entgegnete Herr Tetzlaff. »Wer braucht heute noch Palindrome? Die Scheiße ist auch so schon schwer genug.« Und schon hatte er den nächsten Hammer aufs Papier gezaubert:
I C H
C D U
H U T
»Hut, Tuh«, sagte ich. »Gut, begnügen wir uns mit der entschärften Variante. Ich – du – CDU, schön. Bloß, was hast du und was hab’ ich mit der CDU am Hut?« – »Bitte …«, Herr Tetzlaff griff zum Kuli, »immer haste was zu meckern. Nimm dies!«
Ich las:
S P D
P D S
D S F
Das war natürlich nicht von schlechten Eltern und ziemlich gut gegeben. Ich spendierte Herrn Tetzlaff ein Bier und versuchte mich, um ihm den Schneid abzukaufen, an einem etwas heikleren Begriff. Heraus kam folgendes:
L I E B E
I N S E L
E S S E N
B E E R E
E L N – –
»Blödmann«, sagte Herr Tetzlaff, »›Liebe‹, ts, ts. Wie wär’s mit ›Frau‹, hä?« – »Ja klar. Und wie?« fragte ich. »So«, sagte Herr Tetzlaff:
F R A U
R O S T
A S T A
U T A H
Um mir den Rest zu geben, erledigte Herr Tetzlaff anschließend das Thema »Gott« durch
G O T T
O D E R
T E S A
T R A N
– und rundete den erkenntnistheoretischen Teil des Treffens mit unserem neuen heiligen Viereck ab:
B I E R
I N R I
E R S T
R I T T
Dann stierten wir in den Regen und schwiegen, wie es sich gehört.
Kleine psychosoziale Biertypologie
Startbier
Vierundzwanzig Grad Celsius Außentemperatur. Am Himmel halten ein paar katzenkleine Schäfchenwolken Mittagsschlaf. Die Sonne blinzelt uns neckend zu, ihr Licht streift durch die Kronen der Bäume, durch die Büsche und Blumenstauden und legt sich in aller behaglichen Ruhe und Stille in Streifen, Kreisen und Klecksen auf der Wiese nieder.
Da kommt es – das Startbier. Man sitzt zu viert, zu fünft in einer Runde, die Stimmung ist einwandfrei, gedämpft heiter (auf keinen Fall ausgelassen und übermütig!), und da kommt es daher, in Halbliterpokalen oder -bechern oder, mögen das die Umstände diktieren, -glaskrügen glänzend und leuchtend, das Startbier, mit einer stolz-zierlichen, ja: stolz-zierlichen, vornehmformschönen weißen Haube, so kommt es daher, gebracht von einer blonden Dame im schwarzen Rock, die stellt es vor uns hin, nicht robust, sondern präzise und feingliedrig, und dann nehmen wir die Humpen zur Hand und führen sie zum Mund, der Schaum knistert bittersüßleis’, ein Duft aus Hopfen und Hoffnung weht uns an, und der erste Schluck, er ist, wie er ist, noch nicht beschrieben worden, und wir maßen uns genausowenig an, das zu wollen oder gar zu können.
Ja, das Startbier ist das beste Bier der Welt, und »das beste Bier der Welt, / das haben wir grade bestellt« (Michael Tetzlaff). Allerdings wird das Startbier auch als Flaschen- und Solitärbier genehmigt, auch als ein solches vermag es, etwa am Schreib- oder Gartentisch geöffnet und in den Körper hineingelassen, sehr deutliches Einverstandensein mit der Welt auszulösen, denn das erste Bier des Tages gibt uns immer zu verstehen, daß dies kein verlorener oder immerhin kein gänzlich in die Grütze gegrübelter Tag gewesen sein wird. So ist es.
*
Aufbaubier
Heute hartprotestantisch runtergeochst: einen Aufsatz über Thomas Bernhard, eine Glosse über die Heillosigkeit in und rund um Pirmasens und der da und dort herumwurstelnden Menschengestalten, ein Minidrama über das »extreme Ende« eines sexualnarrischen Schauspielers und ein einzeiliges Gedicht über Probleme der Patisserie. Noch zu erledigen und wegzukurbeln: kurze theoretische Skizze über die Dignität der Dampfgitarre, Bemerkungen zum Schweizer Wehrgeist in der Kunst und Komplettzerlegung des »Werkes« von Andy Warhol (Form offen). Das Aufbaubier (nie vor vier, besser: nie vor 18 Uhr! Nur dann schon vor vier, wenn bereits morgens um sechs vor der Computerkiste gesessen), das Aufbaubier ist unser nobelster Helfer und Salvator. Es ermuntert die körperlichen und geistigen Elementarteilchen, sich trotz Erschlaffung und Gammelgestimmtheit einen Schubs zu geben, sich zu strecken und zu recken, ein paar Kniebeugen zu machen und die bleiernen Beine zu schütteln und derart erfrischt und verjüngt in harmonischster Kopf- und Somaformation strammzustehen, für uns, die Obermieter der Elementarteilchen in Schädel und Schrumpf (eigentlich: Rumpf). Und siehe, dank Aufbaubier kriegt mindestens der Warhol heute noch hartherzig-gerecht und satt jeweils eine auf die Drei, die Neun und die Zwölf.
*
Vorlaufbier
Während der Besichtigung einer Wohnung, die ein Mitarbeiter des münsterischen Oktober Verlages zu mieten gedachte, fragte der Vermieter den Mitarbeiter des münsterischen Oktober Verlages, wie der Verlag denn zu seinem Namen gekommen sei. Der Verlag sei zu seinem Namen Oktober Verlag gekommen, weil er im Oktober gegründet worden sei, antwortete der Mitarbeiter des Oktober Verlages, der dem Vermieter beim Betreten der Wohnung sofort seine Visitenkarte ausgehändigt hatte, weil das, wie er gedacht hatte, bestimmt einen günstigen Eindruck machen würde.
Ein paar Minuten später hörte der Mitarbeiter des Oktober Verlages den künftigen Vermieter im Nebenzimmer zu seiner Frau sagen: »Gott sei Dank, er ist kein Kommunist.«
Ohne Vorlaufbier, das der Mitarbeiter des Oktober Verlages auf Grund einer Vorahnung, daß die Angelegenheit sich als heikel würde erweisen können, zwecks antizipierender Kalmierung eingenommen hatte, wäre die Sache sicher nicht gut- und klargegangen.
*
Unterbier
Scheußliches Symptom, mit dem eine Art Fünfter Weltkrieg im Geist und im physiologischen Apparat des Biertrinkers charakterisiert wird, der am Tag/ Abend zuvor »einen zuviel«, »einen über den Durst« und/oder »einen Container mehr, als er verträgt«, umgebolzt hat.
Der um sämtliche Fährnisse und Mißtritte in dieser Welt wissende Gasthausvater fragt den oder die unter Unterbier leidenden Biertrinker, der oder die am Frühstückstisch herumlemurt/herumlemuren, als seien – wechseln wir endgültig mal in den Plural –: als seien sie von Seelenfäule in Kombination mit Magenatomarsäure befallen, ob sie »ein Unterbier« hätten.
Hm, ja, hm, doch, ja, könnte sein. Aber was sei denn ein »Unterbier«.
»Ja, ihr hobts halt a Unterbier!« sagt der Gasthausvater, läßt, nun bereits wieder wie auf einen Gotteswink hin stämmig und stad hinterm Tresen stehend, diverse Gegenunterbiere in diverse Gegenunterbiergläser einrauschen, schleppt die diversen Gegenunterbiergläser dann hinüber zum Frühstückstisch, und die unter Unterbier leidenden Biertrinker saugen die Gegenunterbiere des Gasthausvaters zügig in sich hinein, und dreiundzwanzig Sekunden danach kann die schon jetzt ehemaligen unter Unterbier leidenden Biertrinker ihr ehemaliges, ja kürzlich noch schmerzlichst bemerktes Unterbier vollständig zufrieden volles Rohr am Arsch lecken.
Das zum Unterbier.
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Konterbier, auch: Stützbier
Folgt aus der Diagnose, ein Unterbier zu haben. Impliziert indes den eher autonom gefaßten und weniger von einer Wirtsperson unterbreiteten Spontanplan, der ziemlich ausufernden Gefühlsmarodität wegen Abusus vortags gehörig und mit letzter Schützengrabenentschlossenheit brutalstmöglich in die Eier zu treten. Heißt: Fight fire with fire. Einfacher gesagt: unmittelbar nach dem Erwachen aus diarrhöetrüben Träumen ein bernsteinglühendes Schlappeseppel hineinlitern und ordnungsgemäß einschrauben. Ein Bier kann auch ein Skelett sein, o ja!
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Dehnungsbier
Laut dem Universalsoziologen Dieter Steinmann dies: »Das Dehnungsbier ist ein Bier, mit dem man eventuell Zeit dehnen kann oder Vorgänge oder das Warten auf den Kellner oder irgend so etwas. Eine Untergattung wäre das Prolongariatsbier oder so was ähnliches, irgendwie. Nicht irgendwie ein Eckenstehereibier irgendwie. Es gibt ja so Vorgänge im Gehirn, aber das Dehnungsbier ist ja was Reelles, was Materielles, es steht ja da. Das extreme Gegenteil auf jeden Fall vom Schnaps oder vom Cocktail. So Vorgänge gibt’s. Es gibt so Vorgänge. Die die Zeit länger machen, irgendwie.«
Genau.
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Spekulativbier
»Wäre ein Ermutigungs- oder ins Psychodynamisch-Praktische hineinstoßendes An- und Befeuerungsbier denkbar?« (Dr. D. Steinbierleberlaus)
Nicht schlecht, daß wir uns diese Frage gestellt haben. Tut ja sonst niemand.
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Anbiederungs- und Affirmationsbier
Offeriert in Golfklubs, Theaterfoyers, Eros-Lounges und Saunen. Lehnen wir ab.
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Substitutions- und Humanplatzhalterbier
Dito entdeckt und dingfest genagelt von Dieter Steinmann – als sozialsymbolisches Handlungsersatz- und -anbahnungs- und -anbahnungsscheiterbier in Kreisen verkrüppelter Krautköpfe, die durchaus unser Mitleid verdienen. Lehnen wir dennoch ebenso streng ab. Das Bier der Geworfenen. Müßt halt Heidegger lesen und dumm bleiben.
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Ad-hoc-Bier
Ein Wunderzauberereignis. Man hängt in der Welt herum, sieht dies, sieht das, ist indifferent-omnilateral vermurkst, guckt ein Auto an, das richtig parkt, und fragt sich: Warum ist dieses Auto richtig geparkt worden?
Antwort gibt ein Ad-hoc-Bier, ohne Vorsatz bei Costa am Wasserhäuschen gekauft. Und plötzlich ist alles optimal gut eingeparkt in dieser rundherum veritabel wahnsinnigen Welt. Hau doch die Kuh aufs Eis, aber was!
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Unbier
»Man muß immer trunken sein«, sagte Baudelaire. So sehr es aber Unmenschen gibt, so sehr gibt es Unbier, kantisch gesprochen: Bier zur flaschen, halt: zur falschen Zeit im falschen Raume. Bier läuft in der Nacht nicht weg, heißt es im Pfälzerwald aus güldenem Munde, allein, Bier, das, nicht weglaufend und allzeit zur Hand, zur Unzeit gereicht, ist nicht geeicht auf den Raum, in dem es, gereicht, uns zum Plaisier gereichte.
(Diesen Gedanken noch mal überdenken. Obschon heute an Denken nicht zu denken ist.)
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Erinnerungsbier
D. »Prof.« Steinmann zufolge ein Bier, das ausnehmend wichtig ist.
(Anders das Marginalbier, welches andernorts zu erörtern wäre.)
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Pufferbier
Schützt vor extremistische Folgen zeitigenden, soziopositivistisch gesehen desaströsen Ausfällen gegen die Sack- und Sabbergesichtigkeit der sau- und schweinemäßigen Verbandelungssozialentropiebrotzklotzhaftigkeit höherer Gesellschaftsniedergruppierungen (Ackermann, Adel, Angela M.) im Sinne einer alsbald schlammschlappen Einschläferungsschwerigkeit des akut in solchen Verhältnissen aufhältigen »Einzelindividuums« (Gerhard Polt), das aus Weisheit Bier trinkt.
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Fremdbier
Ein hergelaufenes Bier. Von niemandem geordert. Ist auf einmal da. Nicht gewollt, nicht erkiest. Wie der Sozialdemokrat am Krummgurkenbiegetisch im Ludwigshafener Wolf-Biermann-Kulturkinderheim. Was hat er, was hat es, das Fremdbier, hier verloren?
Die Wege des Herrn sind verworren und dappert, doch auf allem ruht Segen.
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Fahrbier
Rasch müssen wir nach München. Mit dem Automobil. Wir haben etwelche Überbiere in uns und können weder recht Farben sehen noch unseren Namen als Palindrom aussprechen.
Da greifen wir zum Fahrbier, das uns mephistophelische Abilitäten injiziert. Zwischen Würzburg und Nürnberg werden wir, frohbefeuert Rockmusik mitgrölend und mit rechtem Betonfuß ausgestattet, auf dreißig Kilometern dreimal abgelichtet und hernach blitzsauber ins Flensburger Pilsenerphotographiearchiv eingeliefert.
Wir reichen das bei der Künstlersozialkasse ein.
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Bestätigungs- und Beglaubigungsbier
Der Japaner ist zum Biertrinken nicht fähig. Deshalb schnallt er auch gar nichts vom Bestätigungs- und Beglaubigungsbier, das wir verehren wollen.
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Unterhaltungsbier/Sozialbier
Siehe Startbier.
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Zugabenbier
Noch eins? Nein, zur Frau, der unermeßlich schönen und geliebten.
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Finalbier
Versteht sich von selbst. Trinkt sich auch wie von selbst, meist bei abgeschaltetem Hirn (sogenanntes subjektloses Trinken, seit Ausbruch der Postmoderne und auf Grund der durch sie epidemisch gewordenen zerebralen Aufschäumungen unter Akademikern und anderweitigen Arschlöchern beliebt und verbreitet). Das Finalbier vermag sich daher leicht zu multiplizieren, kann »mithin« (Finalbiertrinker) in mehrere Finalbiere mutieren. Wie viele Finalbiere »es dann noch waren«, weiß der gründlich finalisierte, das heißt komplett fertige Trinker am nächsten Morgen naturgemäß meist nicht mehr. Es empfiehlt sich ein Teetag. Nun ja, bedingt.
Bohlens Bier (im Kontext)
Wer meint, der umsichtig inszenierte sogenannte Skandal rund um Martin Walsers sogenannten Reich-Ranicki-Schlüsselroman sei das sogenannte Buch- und Kulturereignis des vergangenen Jahres gewesen, der irrt. Er irrt, weil Irren nicht nur allzumenschlich ist, sondern auch schlicht aus Unkenntnis erwächst, oft sogar aus Faulheit und Feigheit, den – laut Immanuel Kant – beiden Kardinaluntugenden des Unaufgeklärten.
Das skandalproduzierende Walser-Feuilleton von der FAZ bis zur Zeit und die in ihm beschäftigten Literaturexperten hatten mutmaßlich wochenlang genug damit zu tun, über Walsers Tod eines Kritikers und dessen Implikationen zu debattieren. Gleichwohl ist unentschuldbar, daß diese aufgeklärten Frauen und Männer weder jenes Buch lasen, das mit 500.000 verkauften Exemplaren zum Topseller des Jahres 2002 avancierte, noch die begleitende Enthüllungs- und Aufstachelungspresse von Bild bis Gala zur Kenntnis nahmen, aus Dünkel vielleicht, sehr wahrscheinlich aber aus Feigheit und Faulheit.
Im Zentrum der Quasselgemeinde Bundesrepublik Deutschland jedenfalls tobte seit der Buchmesse, auf der Dieter Bohlens gemeinsam mit der Bild-Zeitungs-Chefredakteursgattin Katja Keßler verantwortetes Memoirenmachwerk Nichts als die Wahrheit (München 2002) präsentiert worden war, ein wahrer Deutungskrieg um die literarische Qualität der Bohlen-Beichte und um die juristische Brisanz bestimmter Passagen und »Stellen«.
Wenigstens die seriöse Frankfurter Rundschau kürte den so steinreichen wie blonden Musikproduzenten darob zum »ewigen Bohlen«, und die Bunte, das unmöglichste aller Peoplemagazine, das Karl Kraus in den fugendichten Wahnsinn getrieben hätte, stammelte: »Unglaublich, was der Popstar über seine Frauen erzählt.«
Ja, unglaublich war das. Einen »Aufstand gegen Bohlen« beschwor die Gala (44/2002) deshalb herauf, zimmerte die das ganze verbale Entblößungsgerammel konzis an den Leser herantragende Überschrift »Die Rache der Enthüllten« zusammen, lobte die erkenntnistheoretische oder wohl doch -praktische Brillanz des Buchbalgs wegen der »von Einsteinscher Genialität durchwehten Formel fürs Männerglück (Kohle = Frauen = Autos)« – Frauen gleich Autos, ist das wahr? Oder in umgekehrter Relation? – und stemmte zudem den wegweisenden Unterleibsopener: »Vielleicht hat er die Latte einfach etwas zu hoch gelegt.«
Verglichen mit der artistisch-stilistischen Maßstabslatte, die Walsers Tod eines Kritikers vorgelegt hatte, lag Bohlens Latte, ohne daß es die für Literatur zuständigen Feuilletons bemerkt hatten, tatsächlich hoch. Wer ein Liebhaber der verrutschten Formulierung, des schönschäbigen Bildes, des ächzenden Vergleichs, der vermurksten Redewendung ist, kam bei Bohlen auf seine Kosten. »Ich hatte schon damals, was mich heute auszeichnet: eine halbe Wassermelone auf den Schultern«, steht im Kapitel über die Kindheit, und bereits in der Pubertät leuchtete dem Dieter die Relativität aller Erkenntnis als gleichsam modernes wahrheitstheoretisches Axiom heim oder auch ein – jenseits der gängigen Grammatik: »Anscheinend gibt es verschiedene Wahrheiten: welche, die man sagen darf, und welche, die man für sich behält. Ich habe bis heute nicht begriffen, welche welche ist.«
Vielleicht aus diesem dualen Zustand der Naivität und der Weisheit heraus vermochte Bohlen seiner Ghostwriterklatschtante Kati Keßler einen Kessel Knallbuntes aufzutischen, in dem noch den letzten Walser und den vorletzten Grass überdauernde Satzkunststücke herumtollen: »Ich glaube: Wäre ich mir selbst begegnet, ich hätte mir nicht hallo gesagt.« Oder: »Wie ein Wahnsinniger düste ich Richtung Eppendorf, um Naddel einzutüten.«
Daß Naddel leider, wie Bohlen schmerzlich gesteht, »was Tiefgang und innere Reflexion anbelangt, platt wie eine Flunder« war, soll seinen eigenen inneren Reflexionstiefgang nicht schmälern; noch kann es das. Und den unsrigen erst recht nicht. Angesichts der Ankündigung, es werde im neuen Jahr eine Fortsetzung von Nichts als die Wahrheit erscheinen – nicht mehr im mit Springer assoziierten Heyne Verlag, sondern bei der Bertelsmann-Tochter Random House, und zwar unter dem Arbeitstitel Hinter den Kulissen –, dürfen wir daher Bohlens Lebensreflexions- und Formulierungskünsten, bevor womöglich alles in die Hose geht, mal kurz aufs Pferd helfen.
Was also kann da kommen? Gemessen an einem Bekenntnis wie »Ich fuhr mit zweihundertfünfzig Sachen über den Standstreifen, das Blut lief mir aus der Hose« nicht viel. Dennoch wäre wünschenswert, daß Bohlen vor allem in Sachen Feldbusch nachlegt, zum Beispiel mit folgender, hier und jetzt zur Welturaufführung gelangender zweiter Folge der Saga »Das bekannteste Bekloppten-Paar Deutschlands«:
»Verona saß auf der sündhaft teuren Ledercouch in unserem Alsterappartement. Ich hatte sowieso schon wieder die totale Portemonnaieparanoia, die hatte ich ja schon immer, die Angst, Geld und Besitz zu verlieren. Verona saugte an ihrer Lulle, und die Asche fiel einfach so auf das Sofa. Ich dachte, ich krieg’ die Krise. Also schrei’ ich sie voll an. So einen Megaanschiß hatte sie noch nie gekriegt. Das mußte einfach raus. Dabei guckte ich sie plötzlich so an und sah, daß ihre Duddeln so hochgequetscht waren wie zwei Knödel. Schade, dachte ich, daß ich meine Gabel nicht dabei hatte. Da war der Ärger kurz verraucht. Bei Gabel mußte ich aber auch gleich wieder daran denken, daß Verona nicht nur ein bißchen behindert war, sondern auch nicht kochen konnte. Da kochte ich über. Sie rauchte, ich brüllte – ich würde die Kohle ranschaffen, und sie würde die sauteuren Möbel zerstören und so weiter. Ich wollte die alte Plinse gleich zum Mond schießen, aber sie sprang auf und zur Seite und kreischte: ›Du bist Dreck für mich!‹ – ›Ja, um den Dreck könntest du dich auch mal kümmern, mal staubsaugen und so‹, sagte ich wieder ganz ruhig, und sie begann hysterisch zu lachen. Ich stand bloß da wie eine Gulaschkanone. Ich war irrsinnig traurig, megaenttäuscht. Also haute ich ihr eine runter und ging ein Bier trinken. Man hat ja auch Gefühle.«
So dürfte sie sich abgespielt haben, die berühmte, im Erstling nur angedeutete Episode, und genau so wollen wir das in Hinter den Kulissen bitte lesen.
Die Blaue Bierblume oder: Ein hehrer Halunke und harter Herold
Kurz nach dem unverschuldet verheerenden Zweiten Weltkriege baut Helmut Kohl, unterrichtet uns E. Henscheids diesbezügliche biographische Analyse (Helmut Kohl – Biographie einer Jugend, Zürich 1986), gleich zielorientiert die eigene Bildung zum charakterlichen Masterplan aus und liest sämtliche Weltliteratur zusammen und viel politische Schriften, etwa den »Weber Max« (Gerhard Polt). »Ja, allerlei Firlefanz zieht und grummelt Kohl damals durch den jetzt langsam immer kompakter und ausladender werdenden Kopf« (Henscheid), und bald, sehr bald drängt der Ludwigshafener Bursche »energisch an die Spitze« (Die Kohl-Rolle, Stephan Lamby/Michael Rutz, Deutschland 2000), um einerseits die Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen, andererseits, um sein Bundesland auf Vordermann zu bringen. »Gelassenheit und Selbstsicherheit« helfen ihm dabei so eindrücklich, daß schon die ersten kritischen Stimmen zu schweigen beginnen. Da ist ein Vormarschmensch zu beobachten, der nicht lange fackelt oder wenigstens genau weiß, wohin der bisweilen lange und schotterige Weg führt und wann es Zeit für ein Faß guten Gelsenkirchener Bieres ist.
1967 triumphiert Kohl anläßlich der Landtagswettkämpfe, wird eindrucksvoll zum neuen Ministerpräsidenten des Landes Rheinland-Pfalz bestallt und stemmt darob einen Kasten Bratislava. Er »hat den gestrigen Wahlkampfsieg mit amerikanischen Methoden und einer jungen Mannschaft gleichgesinnter Pfeifenraucher errungen«, feiert das Fernsehen den immer der Sportlichkeit und dem Spiritus gambrinus verpflichteten Sieger. Obschon Kohl gerne boxt, rauft und ein Seidel zuscht oder »zwickt« (Heribert Lenz), muß er nicht den Friedsamen herauskehren. Er verkörpert den Gemütsmenschen, den Bierzeltler par excellence, den heimatträgen Hünen und Rumpelheimer, der aber zu Hause sehr wohl sich zu benehmen, die rauhe Schale abzulegen und einen schönen Schluck Weißbier (trotz Strauß) zu schlucken versteht zugunsten eminenter Gelassenheit: »Wer ihn im Kreise seiner Familie erlebt, spürt recht bald die herzliche Atmosphäre, die von ihm ausstrahlt.«
Gewiß, Kohl ist, auch auf Grund seiner inständigen Bierliebe, ein »vitaler junger Politiker«, der nicht genug damit zu tun hat, von seiner holden Hannelore sich die Eier braten und prima Sprößlinge betreuen und während des Schaukelns sich die Eier tätscheln zu lassen, er strebt, obwohl er bereits Landeschef ist, noch mehr an. Er inspiziert die Lage und erkennt Möglichkeiten. »Dabei kommen ihm«, erkennt der TV-Sprecher, »ein scharfer Intellekt, starker Wille und nicht zuletzt sein ausgeprägter Humor zustatten.« Welcher, bekanntermaßen, aus dem Bier kommt, sofern Kohl seine zwei Paletten intus hat.
Kohl sinniert zu jener Zeit ausführlich und scharf. Zu diesem Behufe stopft er einen Kelch Mayer-Märzen aus der Ludwigshafener Nachbarschaft in sich hinein. Das hat Tradition in seinem Leben. Allzeit waren Zug, Gesinnung und ein strammes Wollen darin, seit Angeburt und dem Erwachen der Persönlichkeit ohnehin, die ohne den täglichen Hektoliter Export allerdings nicht annähernd so prall sich entfaltet hätte (Vermutung). »Mit siebzehn Jahren bekannte er sich zur CDU, mit achtundzwanzig Jahren führte er die Fraktion im Landtag, heute hat er die Partei reformiert«, vom Wahlverein zur »tollen Partei« (A. Merkel) gemacht und entwickelt zur Partei neuen Typs, »der Weg ist ihm vorgezeichnet«.
»Diese sechzehn Jahre«, reflektiert Kohl 1998 fürs Fernsehen, »sind ja nicht irgendwelche sechzehn Jahre.« Gott bewahre. Es sind Kohl-Jahre gewesen, die Kanzlerschaftsjahre, und nicht bloß sie. Da rumort und dröhnt es schon mal bärenstark, wenn sich Kohl zu einem kleinen Damenpils entschließt. Kohl nämlich ist ein Unikum, das sich pressekonferenzlich am 4. Januar 2000 allerdings auch nicht unrechtmäßig wundert: »Ich komme mir beinahe seltsam vor. Ich bin fünfzig Jahre Mitglied der Partei, bin vierzig Jahre Abgeordneter, war fünfundzwanzig Jahre Parteivorsitzender, acht Jahre Ministerpräsident und sechzehn Jahre Bundeskanzler. Ich habe vier Brauereien ernährt. Ich habe wirklich der Partei gedient, es ist meine Partei, es ist meine politische Heimat.«
Er intendierte ja ein schon Psalm-90-lange Jahre währendes Leben »Ordnung« (Fernsehen) und erreichte sie oder errichtete sie notfalls unter Zuhilfenahme dreier morgendlicher Stützbiere. »Alles hat seinen Platz«, berichtet das unparteiische Fernsehen 1972 in einem Film über Kohls Schreibtisch, auf dem sich die abgelösten Bieretiketten akkurat stapeln, und erinnert zugleich an die Stunden der bitteren Niederlagen, aus denen der Oggersheimer Wusler ziemlich gestärkt wieder hervorkraxelte, weil er dem passionierten Bergsteiger Heiner Geißler nacheiferte und seinen persönlichen Bierberg erklomm: »Der Pfälzer bewahrt in der Niederlage Stehvermögen und verläßt sich auf seine Kampftruppe Kohl aus alten Tagen«, die ihm garantiert irgendwann die Rente sowieso sichert und hinblättert und ein Freibier, nur eins!, spendiert, wenn schon sonst nichts mehr geht.
That all beiseite, und Kohl denkt jetzt erst recht nicht daran, zurückzustecken und kleine Mäuse scheu zu machen, er marschiert abermals gerstenfroh und kontert, auf daß die Bilanz dieses äußerst früh vorgezeichnet erfolgreichen Lebens stimme. »Rüde, trickreich und auf Dauer hat Helmut Kohl seine Gegner kaltgestellt«, sagt das Kampffernseh’, und siehe und höre, 1998 becirct Kohl, leidlich besoffen, den weiterhin Seiner Majestät gewogenen Parteitag mit den gestochenen Brauerworten: »In den wesentlichen Entscheidungen haben wir uns nicht geirrt, darauf können wir stolz sein!« Um sich daraufhin steil hochleben zu lassen, bei einer blöden oder blonden Braut.
Stolz zählt sogar 1970 oder 1975 bereits zu den hervorstechenden Eigenschaften des noch nicht ganz zum vollrunden, im Bierphysiognomischen sich äußernden Komplettherrschertum durchgebrochenen Kohl. Ein öffentlich-rechtliches Feature zeigte überzeugende Heimbilder und bemerkte demütig, während Seine Exzellenz laubsägte, einen Kanister Eichbaum ansetzte, der Gattin beim Heimorgeln zuschaute und den dummen Journalisten pfeifemümmelnd-verkniffen, ja wehnerisch böse und total geistesabwesend, ja wie bescheuert lauschte: »Er besaß erstaunliche handwerkliche Fähigkeiten und die nötige Geduld, um die Bastelarbeit auch zu Ende zu führen. […] Nur zu gern scherzte er mit seiner Umgebung. Er liebte dabei nichts mehr als ein Glas Bier und ein Gegenüber, das seine kraftvollen Späße mitmachte und auch mit gleicher Münze zurückzahlte. Hier trat sein wohl tiefster Lebenswunsch zutage: so sein dürfen, wie er wirklich war: ein Gemüts-, ein Biermensch. Was er von anderen an Menschlichkeit erwartete, erwartete er von sich selbst zuerst.«
Kohl ersehnte wirklich nichts mehr als eine human erfüllte Wirklichkeit voller Eichbaumlaubsägearbeiten und späterer Eichbaumschnarchsägereien, in der jeder er selbst und das – nach Maxl Stirner – Seine sein durfte (Satz revisionsbedürftig). Das hatte einen Stil (id est Blaue Bierblume). Deshalb zerstörte er, Kohl, sämtliche Mythen, wuchtete sich würgend eine Schorle rein und brüllte dann die deutsche Presse 2000 an: »Auch das ist Fanta [oder Fama; J. R.]!« Um nicht zu versäumen, seinen legendären »Willen zum Miteinander« (Henscheid) zu demonstrieren, den Stammtischschulterschluß, der jedem Vorsitzenden ein leichtes ist, erneut krafterfüllt humpenhofierend unterstreichend: »Ich stehe hier auch in der universellen Verantwortung als Parteivorsitzender auch für den Fahrer! Weil ICH nicht mehr fahren kann!«
Dieser Max Webersche Kelch- und Kastenwerteuniversalismus leitete Kohl während aller entbehrungsreichen Amts- und Karrierephasen, die samt und sonders dem Leitsatze Maos verpflichtet waren: »Wir müssen an die Massen glauben, wir müssen an die Partei glauben: Das sind zwei Grundprinzipien. Wenn wir an diesen Prinzipien verzweifeln, können wir nichts zuwege bringen.« (Für diese Aussage gönnte sich Kohl, nebenbei erwähnt, zugs einen Kasten Krombacher. Es war grad nichts anderes da. Das dazu.) Zuwege brachte der Pilsener, lies richtig: der Pfälzer einiges, manch titanisch Anmutendes, auch im Sinne seines Lieblingsschriftstellers Jean »Biertitan« Breitner. Nicht entbehrte er indes, trotz der riesigen Anstrengungen auf dem zu beackernden politischen Felde, der Privatheit. »Ich bin einer, der Wärme braucht zu Haus’. Ich bin oft genug draußen im feindlichen Leben«, gestand Kohl 1986 dem Topinterviewer Gaus freimütig, wie beschwingt. »Zu Haus’ fupp’ ich selständick mein Bit viel lieber assi in Bonn aus döm Willibecher!«
Draußen, im und auf dem besagten Felde, herkulisiert Kohl schon als Jugendlicher schwerbehammelt herum. »Im Zeichen der europäischen Aufbruchstimmung reißt er mit Gleichgesinnten deutsch-französische Grenzpfähle nieder« (Henscheid), welche er späterhin gar in Richtung Rußland zerquetscht, den wiedererstandenen deutschen Staat aus den archimedischen Angeln zu zerren. Mit Kraft und Geschick, abermals. Und um das Bier gegen die Wodkawelle und -schwemme zu verbannen. Zu verteidigen.
»Manchmal«, wispert das treue Fernsehen, »gleicht er einem Raubvogel«, der sich Parteigelichter schnappt, manchmal humort er bloß bei III nach 9 herum, der Selbstsicherheit eichendeutsch anvertraut, daß ihn »Niederlagen stärken«. (Wenn er sich hinterher stärken kann – bei Bier, Busen und Bambulalerang.)
Das Hinterland feiert ihn längst. »In den Dörfern der Vorderpfalz wartet man ohne Murren auf das Erscheinen des großen Gastes«, ächzt eine Reportage aus dem Jahr 1976, und keine neun Jahre später weiß man: »Helmut Kohl – unser Kanzler für eine Zukunft mit menschlichem Gesicht« – das indes bereits ein wenig gerötet dreinbrumst.
Welches der stern 2000 dann als porentiefe, schier poröse Landschaft für den bekannten Titel, ob er, Kohl, noch normal ticke, ausschnitt.
Was verfängt’s, ts, ts, wisperte dazumal überdies Kohl und bölkte ein Sixpack Mayer Premium nieder, Kanzlerei ist ein schwieriges Geschäft. Sehr ahnend und sich selbst und irgendwie eventuell zur Vorsicht ermahnend, bekannte er denn den Kameras: »Dies ist ein Amt, das voller Schrecken, voller Eiseskälte der Distanz ist«, gedenkend der eichendorffischen Tage der Bubenprügel, der Bindenkipperei und des familiären Dreiradfahrens. Die ewige Presse, die nörgelnde Journaille wies Kohl zu dieser Stunde souverän bereits ab und fauchte Fragende vollfreihals an: »Zu was?« Und blökte magenbittergrimmig 1998: »Kamera läuft, um diesen Schafskäse abzusetzen.«
Eben drum fällten ihn, Kohl, nicht die 1991er Hallenser Chöre »Lügner! Lügner!« und nicht die da genau fünfzehn Jahre zurückliegenden CSU-Abspaltungsbeschlüsse eines Strauß, der keine zehn Halbe vertrug: »Wir sind nicht in einer Partei und einer Gemeinschaft von Sterndeutern. Wir sind unter aufrechten Männern und Frauen, wir lieben eine klare Sprache, wir lieben ein klares Bier, und wir lieben die Wahrheit in der Auseinandersetzung«, sprach Kohl gen Wildbad Kreuth, was hinwieder den Ex-SWF-Bonnkorrespondenten Wolfgang Wiedenmeyer in seinem Urteil bestärkte: »Er ist in der CDU so tief verwurzelt, daß er immer Bescheid weiß, wenn sich gegen ihn etwas zusammenbraut. Deswegen hat er alle seine Gegner im Grunde genommen gekillt, ehe die gegen ihn Front gemacht und ihn gekillt haben.«
Killing and kissing, dieses arabische Stichwort des P. Scholli-Latour meint doch: nach oben getrunken! Schäuble, Wolfgang (Baden-Württemberg) gesteht 1999: »Wie sind stolz auf unseren Ehrenvorsitzenden«, erinnernd an und ehrend dessen 1970er Credo: »Ich will, wenn ich anpacke, selbst anpacken, die Maid, das Amt, den Henkel(l).« Er, Kohl, »weiß«, plaudert derselbe aus, »ganz genau, wohin der Weg geht«, so daß des zeitweiligen Parteivorsitzenden Bruder Thomas Schäuble am 18. Februar 2000 labert: »Ich verabscheue Herrn Kohl, und da kann ich für die ganze Familie sprechen.«
So reden (und denken!) Weintrinker … Schäuble stützte den Kohl nach seiner Niederlage 1976 und »hat damals alles getan, daß Kohl vorankam« (Th. Schäuble), und er selbst bereinigt die Geschichte via Phoenix (Schäubles Fall, 2000) im bedeutenden Jahr 2000: »Mir schien es damals richtig […], die Verantwortung nicht einzelnen in der Wirtschaft anzulasten, die dann zum Teil in für sie subjektiv sehr schwer nachvollziehbare Strafprozesse verstrickt worden sind, sondern die Verantwortung der Politik durch die Politik zu übernehmen, was ja auf deutsch hieß: durch eine Amnestiegesetzgebung zu sagen, das war nicht die Schuld derjenigen. Sondern die Schuld liegt bei anderen. Das ist gescheitert.«
So Wolfgang zu 1984. Da war was gewesen. Parteispenden, die die Grenze von 20.000 Mark überschritten, schwätzte ehedem ein Bundesverfassungsgerichtsurteil, müßten öffentlich ausgewiesen sein und versteuerten Einkommen entstammen. Nix di. Eine »Flut von Tarn-Organisationen« (Spiegel 33/1999), »an die steuerfrei gestiftet werden konnte – in jeder Höhe und ohne Namensnennung«, schäumte unterm Schutz des mittlerweile gestaltgewordenen Kohlmachthaushaltes derart riesenhaft, daß alles »ging«. Kanzlerabgesegnet. Eberhard von Brauchitschs Erinnerungen Der Preis des Schweigens – Erfahrungen eines Unternehmers (Berlin 1999) scherzen: »Die sogenannte Spendenaffäre war in Wahrheit eine ›Schutzgeldaffäre‹«, denn selbst die Flick KG habe lediglich gelöhnt, »um sich vor Repressionen in Form wirtschaftsfeindlicher Politik zu schützen und die Riesenbierrechnungen beim Mayer absetzen zu können«.
Hier ein letztes, eventuell monumentales Mal fuhrwerkte Kaiser-Bräu-Kohl durch die Landschaft, daß es, »Mafiamethoden, Erpressung, Steuer-Schraubzwingen« inklusive, eine penible Pfälzer Art besaß. Brauchitsch beschwerte sich, Parteien könnten nicht richtig »an der Meinungsbildung mitwirken«, und wanderte in den Steuerhinterzieherknast des Zürcher Exils. Von dort pöbelte er den »Ja-Sager Schäuble« an und möhrte wider den »Schatten Helmut Kohl«, der im allgemeinen Chaos des »Bargeld-Pornos und Biergemoppels« (H. Böll) lichtgescheit die ungescheite Managerexistenz in die Flucht jagte.
Kohl est it. Bier brumm sum.
Brauchitsch, teilte uns Christian Semler (taz, 1. April 2000) mit, hatte seine Schwierigkeiten, »Politiker zu erpressen«. Die Nudel hielt fortan »Distanz« zum »Braumeister« und wartete, bis der Gerstenreiche ihr/ihm einen Posten im sächsischen Bierrevier zuschanzte. Semler: »Als er den jugendlichen Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz vor mehr als dreißig Jahren kennenlernte, anläßlich einer Großinvestition von Eichbaum im pfälzischen Wörth, sah er sofort, daß hier ein Rohdiamant funkelte«, und der furunkelte fürderhin finster fort, als ein »noch etwas ungeschliffener Volkstribun« und demnächst antikischer Weltenlenker und Gebieter.
Die Summe des Systems Kohl liegt wohl auch in solchen perfekten Erfahrungen begründet. »Schon beim ersten Hausbesuch bei von Brauchitsch beharrte der sichtlich bierfidele Kohl darauf, die dortigen Bilder umzuhängen«, und jener sekundäre Gestaltungswille, gründend in, in summsa, Henningerästhetik und Licheraufklärung, schlug sich nieder in Couvertbewegungen (»wg. Kohl 30.000«) nach Blüchers Motto: »Draufschlagen!« (Auf den Deckel. Is’ doch eh schon Bohne!)
Also mehr Geld draufschlagen.
Das Br. folgsam draufschlug, »selbst wenn die Präferenzen des alten Flick und seines Sohnes Friedrich Karl eher Franz Josef Strauß galten« (Semler), den Kohl bereits leichter Hand weitsichtig weggeböllert hatte.
»Wird«, unkte Semler, »mit dem Adlatus Schäuble auch sein ehemaliger Meister doch noch vor die Schranken des Strafgerichts zitiert werden, ganz so, wie es von Brauchitsch widerfuhr? Das wäre das letzte Kapitel ihrer Freundschaft.«
»Die Nummer eins muß man möglichst unbeschädigt in solchen Situationen halten. Das war immer mein Anliegen.« (W. Schäuble)
War. War, war, war.
Und Kohl macht und lacht weiter, an den blütengelben Stränden Oggersheims. Brobst!
Wrba contra Rehse
Eins. Zwei. Drei. Vier. / Vater braucht ein Bier. / Vier. Drei.
Zwei. Eins. / Mutter braucht keins.
Bertolt Brecht: »Liedchen aus alter Zeit«
Während es da hinten, etwas erhöht gelegen, in den Gerätschaften, die nicht unerheblich zum Glück der Menschheit beitragen, brodelt und gärt, hocken hier unten, auf der Eckbank in der Brauküche, der Brauer Wrba und sein Knecht Rehse und erzählen, wie man braut und wie man an diese teuflischen Kessel und Bottiche herankommt.
Meister Wrba kaut auf einem Käsebrot herum, Knecht Rehse steht auf, füllt die Gläser und setzt sich wieder. Meister Wrba entflammt eine Zigarette und kommt nebenbei auf diese Malzsackmalaise zu sprechen. Er, der Knecht, habe doch tatsächlich die falschen Säcke mit zur Mälzerei genommen, diese wunderbaren Privatsäcke, und jetzt seien die unwiderruflich verschwunden.
Nichts habe er, sagt Knecht Rehse, er habe bloß seine Pflicht getan und sei zur Mälzerei gefahren. Und weil man neue, gefüllte Malzsäcke nur erhalte, wenn man leere mitbringe, habe er halt die in dieser Bruchbude hier herumliegenden Säcke genommen und abgegeben.
Von wegen Bruchbude, er solle sich mäßigen, sagt der Meister, das seien seine wertvollsten Privatstücke gewesen. Auf denen habe gestanden: »Das ist Papi«. Und nun seien sie weg, wegen einer falschen Sackrückgabe! Da lägen sie doch, die richtigen Retoursäcke, Sackzement!
Er solle sich verflixt noch mal am Riemen reißen, sagt der Knecht.
»Von meinen Kindern bemalt!« greint der Meister.
»Ja Gott!« schreit der Knecht.
»Es ist alles hin«, jammert der Meister.
»Nichts ist!« ruft der Knecht.
»Wie – nichts?«
»Ja! Nichts!«
»Von wegen!«
»Ja, von wegen. Die sind einwandfrei eingetragen worden, deine Säcke«, sagt der Knecht. »Die stehen eins a in der Leihsackkartei! Und da stehen sie noch heute!«
»Na dann is’ ja gut«, sagt der Meister.
»Eben«, sagt der Knecht.
»Genau«, sagt der Meister.
Der Poet des Bieres oder: Ode an Helmut Stier
Maigret verspürte das Verlangen nach Bier.
Georges Simenon
Er trank langsam und genießerisch zwei große Glas
Bier, während ihn ein Wohlgefühl durchdrang.
Georges Simenon
[…] und das tröstliche Bier fließt.
Harry Rowohlt
Preisen will ich – im Sinne des US-amerikanischen Dichters James Agee – einen großen Mann: Helmut Stier, den ehemaligen Prokuristen der Pirmasenser Parkbrauerei. 1976 erschien in der Pfälzischen Verlagsanstalt Neustadt/Landau ein ungeheuerliches, nur vierunddreißig Seiten umfassendes Buch von Helmut Stier, betitelt Faßliches und Un-Faßliches, und zitieren möcht’ ich hier und ehren dieses Werk, das einzigartig war und bleibt.
»Brüder, fliegt von euren Sitzen, / Wenn der volle Becher kreist. / Laßt den Schaum zum Himmel spritzen: / Unser Glas dem guten Geist!« Stier bezeichnet die (Teil-)Strophe aus Schillers Ode »An die Freude« als »die schönsten Zeilen, die je zum Lob des Bieres geschrieben wurden«. Läßlich, daß Stier da ein wenig nachgeholfen und das Bier an die Stelle des Weins gerückt hat, denn Stier verfaßte sie selber, die schönsten aller jemals dem Bier gewidmeten Zeilen.
Versöhnung, wahre, ungeschmälerte, ist das Motto des Helmut Stier. Der Johannes Rau des Bieres? Bewahre! Hätte der dem Bier nicht abgeneigte Kirchentagssozialdemokrat solche Sätze zustande gebracht? »Die Erlauchtheit des edlen Rebengewächses tut jedoch der Kameradschaft mit dem Krug schäumenden Gerstensaftes keinerlei Abbruch. Gibt es nicht Winzer, die sich nach des Tages harter Arbeit auf ein Glas frisches, würziges Bier freuen?« Ist es nicht so, o Bacchus, o Gus Backus, der ja immerhin 1967 die LP Ich bin kein stiller Zecher auf den Markt pfefferte? Gus Backus, der sich richtig »Gambrinus Bacchus« schreibt – als Realsymbolfigur der Stiftung des kantianisch ewigen Friedens zwischen Wein- und Biertrinkern?
Helmut Stier fährt fragend fort: »Rankt sich der Hopfen nicht ebenso dem alles verstehenden, alles verzeihenden Himmel entgegen wie seine empfindsame Schwester namens Rebe?« Versicherte nicht Schiller: »Brüder, überm Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnen«? Und erzählt Helmut Stier nicht eine wunderbare Geschichte von der Vermählung der germanischchristlichen und der polytheistisch-antiken Welt im Fluidum des Bieres?
Er erzählt sie, und sie heißt »Vor dem ersten Schluck«: »Der Gipfelhöhe solch freudigen Erschauerns begegneten wir auf der Insel Rhodos, zur Stunde des Pan. Auf dem durchglühten Felsensturz der Akropolis von Lindos fühlten wir uns vor Durst wie stranguliert. Kraftlos, schweißgebadet, mit zynischer Gleichgültigkeit stiegen wir zu den weißen Häuserkuben der Ortschaft hinab, überschüttet vom flammenden, erbarmungslosen Lichtregen. Seltsame Zerfaserung der Gehirnmasse, als löse sich ein Knäuel in flatternde Fäden auf. Abbröckeln des eigenen Leibes und der Welt. Da schleuderte uns das Schicksal die Taverne von ›Mama Lindos‹ auf den Weg. Welch eine Wirtin: Sie umarmte uns, holte Bier herbei, herrlich frisches deutsches Bier. Hei, teure Seele, feuchte deine Asche! Wie die schäumende Kühle unser Herz erwärmte! Wie die inwendige Dusche uns bis in die Fingerspitzen erquickte! Ganz sachte rutschten wir in den eigenen Urgrund zurück. […] Panagia, dieser göttlichen Schenke werden wir Kerzen entzünden!«
Da hat einer seinen Dr. Benn gelesen – und sehr viel mehr. »In weitem Bogen spannen sich sieben bierfrohe Jahrtausende«, erläutert Helmut Stier. »Beweis dafür, daß der schäumende Trinkstoff ein geduldiger Vermittler im Zusammenleben der Menschen ist. Als ein Geschenk der Schöpfung, das der Welt schmeichelt und mit dem sich in gewissen Zeiten ihre Bosheit und Torheit zu puren Schönheitsfehlern besänftigen lassen.«
Oh, welch weiser Mann! Preisen will ich Helmut Stier!
Und was er alles zu berichten weiß! Von William Shakespeare beispielsweis’, dem, dem gleichfalls großen Klaus Reichert zufolge, Erfinder des modernen, des Renaissance-Menschen, der in Was ihr wollt dem Junker Tobias die Zeilen in den Munde legte: »Vermeintest du, weil du tugendhaft seiest, dürfe es in der Welt keinen Kuchen und kein Bier mehr geben?«, und der allzugern an Bierwettbewerben in Bidford, dem Nachbarort von Stratford-Upon-Avon, teilnahm. Helmut Stier führt aus: »Im benachbarten Bidford konnte man kaum Shakespeares Ankunft erwarten. Dieses Dorf beherbergte eine berühmte Rasse von Biertrinkern, die darauf brannten, ihn und seine Genossen zum Wettkampf mit nußbraunem Gerstensaft herauszufordern. Man maß sich gerne in der feuchtfröhlichen Kunst, gewaltige Humpen handhabend, gegen die unsere heutigen Gemäße nur Knirpse sind. Um keine Tugenden auf sein Haupt zu häufen: Shakespeare war ein Mann dieser Welt. Er hielt die Augen nicht niedergeschlagen oder gen Himmel gerichtet. Ein Mann, der Komödien verfaßte, wenn es sein Publikum so wollte, und der Dramen schrieb, wenn es nach ernsteren Stoffen rief. Niemand fand etwas Anstößiges an diesem kräftig zechenden Dichter. Ja, man war stolz auf ihn als einen Vertreter des ›merry old England‹.«
Etwas weniger stolz ist Helmut Stier auf die – ja von Tacitus und Cäsar erfundenen – Germanen, zum Beispiel auf »jenes kompromittierende Geschehen im Teutoburger Wald, wo die germanische Infanterie, hochaktiv, angereichert mit Wirkstoffen des Gerstentrunks – simserim sim sim –, die römischen Weinfreunde besiegt hatte«; oder auf das Treiben im nordischen Götterhimmel: »Der Riese Ögir, von trüber Durstqual beherrscht, raubte eines Tages in Walhall das Braufaß. Ein ebenso trauriger wie peinlicher Tatbestand. Hätte nicht der Donner Thor das kostbare Stück zurückgeholt und den Göttern ihren Dämmerschoppen gerettet.«
Rund ums Bierfaß ereignete sich allerlei ergötzlicher Grob- und Feinunfug. »Auch in der Edda«, legt Helmut Stier dar, »entschied sich ein König für diejenige von zwei Frauen, die das beste Bier zu sieden wußte. Göttervater Odin half der hübscheren, indem er ihr heimlich ins Braufaß spuckte. Dieses Gärmittel verbesserte die Qualität des Trinkstoffs so vorzüglich, daß die Widersacherin das Duell Maß für Maß verlor.«
Maß für Maß – o weiser, großer Mann! Preisen will ich Helmut Stier! In Shakespeares Maß für Maß sagt übrigens der Libertin Lucio: »Frater, so lang essen und trinken nicht abgeschafft werden kan, wird es unmöglich seyn, es ganz auszurotten.« (III, 6, Übersetzung: Christoph Martin Wieland)
Weiter im Buche Stier.
Die bekannte Saga vom hl. Columban trägt Helmut Stier wie folgt vor: »Der irische Mönch Columban sah eines Tages zu, wie am Bodensee heidnische Alemannen ein Faß Bier auf das Wohl des Gottes Wotan leermachten. In innerem Aufruhr flehte er zum Himmel. Dann hob er das schier zentnerschwere Behältnis in die Höhe, führte das Spundloch an den Mund und blies derart gewaltig hinein, daß die Tonne im Augenblick auseinanderbarst. Welch Hin- und Mitreißendes! Worauf die Versammelten zu Ehren des kräftigen Evangeliums sogleich ein zweites Faß zur Strecke brachten.«
Hin- und mitreißend, wie Helmut Stier parliert, ein Mann, der weiß, »daß ein gefüllter Krug besser ist als alle trockenen Worte«. Fließend und strömend seine Anmerkungen und Anekdoten zum Bier: »Die Helden des Mittelalters, Ritter und Troubadoure, nahmen gefüllte Fässer in Empfang. Lohn für die glückliche Heimkehr zu Muttern. Heutzutage erhielten sie trockene Orden und Ehrenzeichen. Der barocke bayerische Kurfürst Ferdinand Maria, allergisch gegen alles, was ihn beim Trinken stören könnte, besaß sogar ein schwimmendes Bierfaß. Er hatte es wie ein Schiffchen herrichten lassen, das über Untiefen hinschwebte und, Stürmen wie Wettern preisgegeben, ihn stets im Kielwasser seiner Jacht auf dem Starnberger See begleiten mußte. Wollte man an Bord einen heben, wurde das Faß luvseits vertäut und seine Ladung gelöscht.«
»Ja, daß Fässer eine Öffnung haben, macht ihren besonderen Reiz aus«, und »daß der Menschen Sehnsucht zuweilen nach den Sternen langt, zwingt sie nicht, den Teil ihres Ichs zu verachten, der in ihren zwei Quadratmetern Haut beschlossen liegt«.
Oh, welch weiser Mann! Preisen will ich Helmut Stier!
Große Sätze legt Helmut Stier gelassen nieder: »Der Genuß von Starkbier dient der Befriedigung berechtigter Lebensansprüche«, »Ihr Schluckauf war nicht moralischer Natur«, »Der Pilspokal war Mittler«, »Das Medium Bier hat viel Gutes unter den Menschen angerichtet und immer wieder Heilsames, sprich Verbindendes und Versöhnliches bewirkt. Wie sonst hätte es alle Völker, alle Kriege, alle Krisen so kellerfrisch überdauern können?«
Und wie verhält es sich mit dem Durst, dem Verlangen nach Bier? Helmut Stier: »Die Liebe und der Husten lassen sich nicht unterdrücken. Auch der Durst nicht. Er gleicht einer Naturgewalt. Kurz, wenn wir den Bierdurst stillen, ist das unseres Schöpfers Willen.«
Will man mehr hören?
Ja!
So denn: »Wo der Durst anfängt und wo er endet, dies zu ergründen haben sich Philosophen vergebens bemüht. […] Kaum sind wir auf der Welt, haben wir Durst. Einem Unwiderstehlichen gehorchend, das man die kategorische Schoppenstunde nennen könnte. Ohne Durst, wie trostlos wäre da die innere Einsamkeit so manches Geselligen. […] Die Wonne, den Durst zu löschen, ist trotz der Jahre nicht in unserer Achtung gesunken. Allem Erquicklichen, allem flüssigen Trost zugänglich, stehen wir wurzelfest und wipfelbereit auf der Erde.«
Wurzelfest und wipfelbereit – welch weiser Mann! Preisen will ich Helmut Stier!
Helmut Stier erweist dem Pfälzer Mundartdichter Paul Münch die Reverenz. »Seine Verse lagen nie trocken da, Fässer jeglicher Form waren für ihn eine Art Resonanzboden«, zieht er den Hut und zitiert den himmelsnahen Zweizeiler: »Loßt de Kopp nie hänge’, / Parkbräu gebt’s in Menge’!« Doch am innigsten ist er dem ehemaligen Parkbräu-Biersieder Georg Wiesmath verbunden, wie das Kapitel »Ein Bierphilosoph« belegt.
»Münchner von Geblüt, sah er auf die Welt in ›durstigem Staunen‹, wie Joachim Ringelnatz derlei ausdrückte«, beginnt die herzergreifende Hommage, und nun will ich nur mehr zitieren, zu ehren das unfaßbare Buch Faßliches und Un-Faßliches, zu preisen den Braumeister Georg Wiesmath:
»Nach Feierabend verkroch er sich im hintersten Eck der Betriebskantine, den Maßkrug vor sich, daneben Tinte, Federhalter und Papier. Dort saß er wie unter einer Glocke aus Glas. Nach einigen Schlucken, die ihn labten, als erquicke Sommerregen dürstendes Erdreich, knipste er im Geflecht seiner Überlegungen und Empfindungen den Strom an.
Wo er hindachte, entstand ein Reim. Wer behaupten wollte, bei Hopfen und Malz würden die Musen schweigen, der irrt. ›Denn was ins Bier gebannt der Meister‹, sagte Georg Wiesmath, ›erweckt im Künstler erst die Geister!‹ […]
Sein Vorbild war Paul Münch. In Verbeugung vor diesem ›Bilding frisch vum Faß‹ schilderte er die Grenzen menschlichen Füllvermögens mit diesen Worten: ›Ich wollt’, ich wär ein Parkbräu-Faß, / Außen trocken, innen naß. / Dann bräucht’ ich keinen Maßkrug mehr / Und söffe mich stets selber leer!‹
[…] [E]r beschwor nicht das Beschlauchen, den simplen Massensuff, bei dem der Magen von Flüssigkeit schwappt und aus der Gemütlichkeit allmählich Angst wird vor würgendem Ekel. Er trank nicht, um zu fallen, sondern um sich zu erheben. ›Etwas Helles nach dunklen Stunden!‹ sagte er, leerte den Krug und holte sich einen neuen. ›Wer auf Gott vertraut, der sitze beim Bier, oder er braut!‹ schrieb der Glückliche, vom Himmel mit beneidenswerter Einfalt gesegnet.
Bier schmeckte für ihn wie gebrauter Friede. Stand sein Leben schief, trank er es gerade. Und weil er nie trocken saß, hatte er Humor. […] Georg Wiesmath nach brauchte auch die Seele ihren Stoffwechsel, um sich von den Schlacken der irdischen Unrast zu reinigen.
Die Verse, die der ›Hektoliterat‹ feinsäuberlich niederschrieb, boten freilich keine Höchstleistungen im kritischen Sinne. Aber muß es denn immer nur Höchstleistung sein, aus der die Welt Nutzen zieht? Immer nur dieses Alles oder Nichts?
Klopfte man den Bierstein von seinen Werken ab, kam ein Individuum zum Vorschein, das man ganz einfach lieben mußte. Schade, daß Georg Wiesmath sich längst endgültig fortmachte.«
Oh, welch weise Männer! Preisen will ich Georg Wiesmath! Preisen will ich Helmut Stier! Preisen möchte ich das Bier!
Dank an Klaus Motsch.
PS: Am 1. November 2009 schreibt mir Harry Rowohlt:
»Lieber Jürgen:
… wollen wir aber nicht vergessen, daß das Zitat ›Hei, teure Seele, feuchte deine Asche‹ von Carl Mikael Bellman (in der Nachdichtung von Carl Zuckmayer in seinem Stück ›Ulla Winblad‹) ist (und ›Knipst auf der Geige, und haltet die Humpen fest!‹ weitergeht).
Danke für das Zitat in dem ehrenvollen Umfeld!
Dein Harry«
Kafka in Pirmasens
Pirmasens – hier leistet man sich wieder minus zehn Grad, bei allerdings hellem Sonnenschein samt blauem Himmel, was den ganzen Saustall noch unübersichtlicher macht.
Dieter Steinmann, Mail vom 5. Januar 2010
Arglos fuhren wir zum Kaufland in Pirmasens, um einen ehrlichen Kasten Parkbräu-Pils zu erwerben. Das Pirmasenser Kaufland liegt exakt in der Mitte eines gleichschenkligen Dreiecks, dessen Eckpunkte das Polizeipräsidium, die sagenumwobene Zwickerstubb, an deren Tür ein Schild warnt: »Achtung! Hier wird geraucht!«, und der Imbiß Rundeck bilden, in dem die Stammkund- und die Belegschaft gelegentlich stark unter Fehlbelieferungen mit alkoholfreiem Bier zu leiden haben.
Wir gaben unser Leergut an einer Halle auf dem Parkdeck ab und glitten über kilometerlange Rolltreppen hinunter in den Einkaufsbereich, der ungefähr so groß ist wie der Flughafen von Dallas. Wer all das Zeug, das hier feilgeboten wird, erstehen soll, vermag niemand zu sagen. Der Pirmasenser ist seelisch und anderweitig derart depraviert, daß er weder in der Lage noch gewillt sein dürfte, pro Monat mehr und Sinnvolleres denn zwei Hartwürste, einen Sauerkohl, vier Tüten Muscle-Gain-Food, fünf Landser- und zwanzig Frickelhefte in seinen Besitz zu bringen.
Wir schritten die Regalreihen auf der Suche nach ehrlichem Parkbräu-Pilsener ab. Es war still, fast totenstill, gespenstisch still wie in einem Text von Kafka – bis wir eine Durchsage hörten: »Die 9738 für die 4265!« Und noch mal, diesmal etwas lauter und auch schärfer: »Die 9738 für die 4265!«
»Hehe, der Fleischereioberchef schickt eine Nachricht an seine neue Wurstauszubildende«, meinte mein Kumpel. »Die hat sich jetzt zum Aufbocken ins Kühlhaus zu verfügen! Da wäre man ungern dabei. Sehr häßlich, das, wahrscheinlich, hehe. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, gell!«
Ich schenkte den Worten meines Kumpels keine nähere Aufmerksamkeit und konzentrierte mich auf die Suche nach ehrlichem Parkbräu-Pilsener. Plötzlich eine weitere Durchsage: »Herr Steinmann, die 078379 hier, Herr Steinmann, bitte umgehend in die Rhetorik!«
Ich blieb stehen und zog meinen Kumpel am Arm. »Dieter, hast du das gehört? Die meinen dich!« – »Wer?« – »Keine Ahnung. Aber hast du’s nicht gehört? Du sollst in die Rhetorik kommen!«
Bevor Dieter antworten konnte, tönte es erneut aus den versteckten Lautsprechern: »Und wenn wir schon dabei sind: Herr Egner, bitte in die Erkenntnistheorie! Und zwar zack, zack!«
Was war hier bloß los? Dieter, dem der zweite Aufruf ebenfalls nicht entgangen war, und ich blickten uns leicht konsterniert an, da hob die knattrige Stimme wieder an: »Herr Henscheid, finden Sie sich doch bitte in der Veterinärtheologie ein. Frau Passig, wir ersuchen Sie, möglichst flott zum Bilchzwinger zu kommen. Herr Rowohlt in die Normenabteilung! Herr Meurer zum Friseur! Herr Schmidt, China, in die Koioase!«
Es hörte nicht mehr auf. »Herr Traxler, bitte im Rektorat melden! Herr Metes, bitte zu den Damen! Die Herren Greser & Lenz werden in zwei Minuten auf der Aktionsebene C am Mineralwasserprobierstand erwartet. Herr Prof. Weigle, bitte in die Computerecke! Und Herr Tomayer, sofort ins Sexual!«
Woher kannten die uns? Uns und unsere Kollegen und Freunde? Kann jemand für Aufklärung sorgen?
Dorst und Dorf
Zugestanden, der Name lockt, der Name jenes winzigen lothringischen Ortes kurz hinter der Grenze, dort, wo Bisons in den Wiesen dösen und Pferde ihnen einträchtig Gesellschaft leisten, dort, wo die Wolken behaglich und in mannigfach verspielten Formen über den bewaldeten Hügelketten des Bitscher Landes kleben. Der Name »Dorst«, er lockt und zieht einen unwiderstehlich an. Dorst. Dorst. Dorst, Dorst, Dorst.
Aber praktisch auf oder, genauer, eine Handbreit vor der Grenze und der gefährlichen Maginot-Linie liegt mein neues Mekka. In dem Dorf Riedelberg, gleichermaßen von landschaftlichen Schönheiten umkränzt, residiert in der Mühlenstraße in einem Einfamilienhaus der Brauer Martin Wentzler, und was er da im Keller mit seinen blitzsauberen Gerätschaften anrichtet, gereicht ihm zu höchsten bierologischen Ehren.
Bier, ob aus den in Mode gekommenen Gasthaus- oder den notorischen Großkotzbrauereien, kann einen ja zur Verzweiflung bringen. Ich weiß, wovon ich rede, ich habe bis dato etwa 4.000 Marken verkostet.
Und ich schwöre, daß ich, ausgenommen vielleicht das Trumer Weizen aus Österreich, kein gelungeneres, anregenderes, betörenderes, lieblicheres, grazileres helles Weißbier kenne als das von Martin Wentzler mit beinahe metaphysischer Begeisterung verfertigte.
Glauben Sie mir: Bei einer Fuhre Leon Weizen muß man sich nicht mal die Welt schöntrinken. Da ist sie’s. Und die Pilgerfahrt nach Dorst verschieben wir auf ein andermal.
Eins für die Chefin
Von Dieter Steinmann
In einem Dorfgasthaus in der südwestlichen Pfalz, nahe der Grenze zum Elsaß, wirkte bis in die achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts eine Wirtin, die für ihr eisernes Regiment über sämtliche Belange der Wirtsstube weithin bekannt war. Nervensägen, Schreihälse, Streithammel oder anderweitig störende Zecher wurden von ihr stets knapp, deutlich und bisweilen auch barsch zur Ordnung gerufen. Keimende Ausschreitungen erstickte sie allein durch Blicke, selbst allzu engagiertes Einschütten und Besoffenwerden wußte die ledig durchs Leben gehende Prinzipalin, damals stramm in der Blüte ihrer schon reiferen Jugend stehend, ohne große Umstände in geregelte Bahnen zu lenken.
Trotz ihrer also gewissermaßen Strenge und Herbergsmutterhaftigkeit stand Wirtsfrau Waltraud, allgemein Truda genannt, just bei ihren Stammgästen in generell hohem Ansehen, denn sie hatte über die Prägnanz ihrer unmittelbaren Ansprache ans Trinkpublikum hinaus etliche weitere drollige Schnurrigkeiten an sich. In den Legendenschatz der Hackmesserseite, so heißt die Gegend im Volksmund, ging etwa ihr sprachlicher Umgang mit ihrem Haushund ein, einem gerne gemütlich und vorbildlich kameradschaftlich in der Gaststube aufhältigen Quasischäferhund, der als einziges Lebewesen hier das Privileg auskosten durfte, all ihre Befehle, Appelle und Anraunzereien komplett zu ignorieren: »Nimm dich in acht, ja, ja, ei, mein Guterle, jawohl, ein Schatz is’ er, ja, wo is’ er denn, ja, da is’ er ja, gell, so ist’s gut, Platz!«
Nur nebenbei: In Würdigung ihres so häufig geschnarrten wie seitens des Hundes glatt ignorierten Befehls »Platz!« waren Rüpel unter den Gästen irgendwann auf den Witz gekommen, es wäre doch toll, dem Hund einen Sprengstoffeinlauf anzutun und diese Füllung mit einer Zündkapsel rektal zu verschließen, um ihn dann genau beim Wort »Platz!« per Fernsteuerung explodieren zu lassen, das würde garantiert bombig reinhauen, da würde die Wirtin Augen machen. Der Sowieso, beruflich Detonator im Steinbruch, würde das mit links hinkriegen. Klar, daß niemand im Ernst an einen solchen Frevel dachte.
Gleichermaßen zur Belustigung führte immer wieder aufs neue die hingegen reale Spitzennummer des erweiterten beruflichen Verfahrens- und Attitüdenrepertoires der Wirtin selbst: ihre vollendet bühnenreif ausgetüftelte Etikette, fast Subversion, dank deren subtilst ausbalancierten Einsatzes sie in der Organisation der eigenen Getränkezufuhr Habitus und Handfertigkeit nahe an die Sphären der Telekinese heranzuverfeinern wußte. Kenner der Szenerie kannten alle Details der Prozedur: So gut wie jeden Abend war irgendwann zu beobachten, daß die Chefin sich betont beiläufig daran machte, ein Bierchen zu zapfen, das niemand bestellt hatte. Fast ohne hinzusehen füllte sie schrittweise das Glas, eine mittlere Größe, wischte zwischendurch demonstrativ mal eine Teilfläche ihrer mächtigen Theke trocken, schob Flaschen, Gläser und Krüge hin und her, sudelte ohne tatsächliche Veranlassung behend im Spülwasser herum, kontrollierte wie nebenbei das Radiogerät auf Plausibilität des Programms und Wohlklang des Tons und ließ dann wieder fix eine Strecke Bier ins Glas zischen. War das Glas endlich gefüllt, mußte es ein, zwei Minuten neben dem Zapfaltar stehen, während die Gastronomin nun nochmals emsiger, fuchtelig choreographiert fast wie das Gefuddel eines Zauberkünstlers, der Hasen in nicht existente Zylinder zu stopfen trachtet, sozusagen freischaffend mit Salzstangenpäckchen, Kümmerling-Phiolen oder eingeschweißten Miniaturwürsten hantierte, was augenblicklich den ansonsten dösenden Hund alarmierte, dessen in Sachen Beute allerdings zweckloses Antreten die Unübersichtlichkeit des Vorgangsgefüges zusätzlich vertiefte. Und, schwupp, blitzschnell hatte sie in einer scheinbar anderweitig motivierten Drehung ihres Körpers das Glas aufs Fensterbrett der Durchreiche zur Küche gestellt – um aber endlich, eine nochmals spannende Minute später, selbst grandios unauffällig, wie ein Windhauch durch die Tapetentür in ihre Küche zu wechseln. Hier ging sogleich Licht an, und schemenhaft fuhrwerkte die Bierkonspirativlerin drei-, viermal am milchglasbewehrten Durchreicheschiebefensterchen vorbei, das dann plötzlich um eine Handbreit geöffnet stand.
Kurz darauf dann verschwand, wie von heiliger Elevation bewegt, das Glas nach innen, und gleich anschließend stand die nun sichtlich Erfrischte und Entspannte wieder hinter ihrer Theke, zupfte in ihrer ganzen kategorischen Chefinnengrandezza die Falten und Rüschen ihrer prächtigen Kittelschürze auf Zack und zeigte sich zu hundert Prozent gewiß, daß niemand auch nur das Geringste von ihren Manövern mitbekommen hatte.
Feine Gesittung bewiesen ebenso Frau Trudas Gäste, mehrheitlich Vertreter einer eher säkularisiertrustikalen Lebensart, indem sie ihre Wirtin unbedingt im Glauben ans Gelingen ihrer Trickserei ließen und sich so Abend für Abend ihr kleines Kammertheater sicherten.
PS: Mir war es einmal vergönnt, sie für den Lidschlag eines fast wie zenbuddhistisch vernagelten Augenblicks ansatzweise aus ihrer Contenance aufzuscheuchen. Auf ihre Frage »Pils oder Export?« hin bat ich sie, eh nur selten anwesender und keineswegs für voll genommener Zaungast an ihren Tischen, um »ein Schöppchen Clausthaler-Radler bittschön«. Es ist nicht bekannt, daß sie je eine Bestellung mit mehr Verachtung in Blick und Haltung erledigte als diese.
Das Zelt der Zerberusse
Ich hatte immer wieder einmal etwas gehört vom sogenannten englischen Humor, von dessen Schärfe, dessen Schwärze, von dessen respektheischender Selbstbezüglichkeitsneigung, also von der Fähigkeit des Engländers, sich selbst auf den Arm, auf die Schippe zu nehmen. Auch hatte ich wiederholt davon gehört, daß sich der sehr spezielle und bewunderte englische Humor hervorragend mit den zivilisatorischen Errungen- und herausragenden Eigenschaften dieses einst mächtigen kolonialistischen Inselvolkes vertrage, ja, daß sich beide, Humor und Zivilisation, wohl gegenseitig bedingten und womöglich der Humor des Engländers sogar darin gründe oder darauf zurückzuführen sei, daß der Engländer – statt über kulinarischen Geschmack und erfreuliches Wetter – über beste Manieren verfüge, an der Bushaltestelle genauso wie auf dem Sportplatz.
Der Engländer, hatte ich immer wieder gehört, verfüge zwar nicht über den Esprit seines Erzfeindes, des Franzosen, aber er verfüge doch über ein erstaunliches Quantum an sublimer Geisteshaltung, die ein Muster an Zivilisiertheit sei und ihren schönsten Ausdruck finde in seinem Humor und so weiter. Demgegenüber präge den Humor des Deutschen dessen herrisches Wesen, das Ungeschlachte, Unterwerfende, Ungeschliffene. Der deutsche Humor, hatte ich gehört und hörte ich immer wieder, sei eine Katastrophe und ein einziges Desaster, ein Ausbund an protziger Proletenhaftigkeit und selbstgefälliger Kunstunfertigkeit, ein einziges Dokument der niederträchtigen Gesinnung und völligen Unfähigkeit in Sachen Witz, Geist und Komik. Die Deutschen, hörte ich, machten Witze, wie sie Fußball spielten: brachial, plump, niederwalzend.
Das glaubte ich gern, und Beweise lagen ja bald, für mich sozusagen, auch reichlich vor, Mike Krüger oder Ingrid Steeger einerseits, Monty Python’s Flying Circus andererseits, um nur ein Beispiel zu geben. Den Witzkrieg, das war klar, und es war vor allem auch für mich klar, es war für mich sozusagen glasklar, den Witzkrieg, den Humorkrieg hatten die Engländer gewonnen, auch in dieser Höhe verdient. Mit 394:5.
Zwar hatte ich 1987, als ich im belgischen Ausland wohnte, mit anhören und mit ansehen müssen, wie ein Arbeitskollege meines Vaters, ein Engländer, vor unserem Fernseher, in dem ein wichtiges Europapokalfinale zwischen dem FC Porto und Bayern München gezeigt wurde, immer wieder sehr witzige Bemerkungen über Augenthalers Fernschüsse machte und sehr komische Grimassen zog, wenn die drückend überlegenen Deutschen mal wieder eine Hundertprozentige versiebt hatten (es war, glaube ich, vornehmlich Reinhold Mathy, der ausgesprochen standhaft versagte); aber dieses ein wenig ungebührliche und wahrlich sehr lustige Gebaren konnte damals nichts daran ändern, daß ich der festen Meinung war und blieb, daß der Engländer ein sehr feiner Mensch sei, weil er über seinen feinen Humor verfüge, der unsereinem in einer ungewöhnlich leichten und sophisticated Art signalisiere, das alles, dieser Fußball und diese Sportrivalität und so weiter, sei doch nicht so wichtig.
Das sollte sich ändern, und es sollte sich an einem schicksalhaften Tag ändern, an einem Tag, dessen Quersumme jene Zahl 10 ergibt, die auf den denkbar schicksalhaftesten Tag überhaupt verweist, der zehn Tage nach jenem Tag diese furchtbaren Ereignisse über uns brachte. Es sollte sich das also ändern am 1. September, am 1.9. (Quersumme: 10), zehn (in Zahlen: 10) Tage vor dem: 11. September (11.9.) (2001). Die Quersumme des 11.9. beträgt übrigens 20. 20 ist das Doppelte von 10. Der 1.9. des Jahres 2001 war also mindestens halb so fürchterlich wie der 11.9. zehn Tage später.
Es hatte an diesem grausamen und für mich ganz erschütternden, mich aufs dauerhafteste niederwerfenden Tag alles sehr schön begonnen. Einige Freunde, mein Bruder und ich weilten auf einem Campingplatz in den Ardennen, genaugenommen auf einer saftiggrünen Wiese in Spa-Francorchamps unweit des ehemaligen Hauptquartiers von General Ludendorff. Nichts weiter hatten wir im Sinn, als uns ein Wochenende lang an einem Autorennspektakel zu beteiligen und zu erfreuen, und die Kulisse war sehr wohl – und nicht bloß für uns, sondern für all die Tausenden Fans der Formel 1 – recht passend hergerichtet. Der dunkle Wald säumte das friedliche Zeltlager, die Sonne schien, M. Schumacher hatte ein hoffnungsspendendes Trainingsergebnis erzielt, die Gespräche liefen auf Hochtouren.
Es war Samstag, nach dem sogenannten Qualifying, es war der 1. September 2001. Es hatte schön begonnen, und es ging noch schöner weiter, denn unsere Zeltplatznachbarn, eine Gruppe äußerst lärmfähiger holländischer Musikfreunde, die jeden Morgen in Flugzeugturbinenlautstärke »Anton aus Tirol« zu spielen und die deutsche Nationalhymne herunterzu-nudeln pflegten, hockten vor ihrem Freiluftfernseher und erlebten die allerdemütigendste WM-Qualifikationsniederlage ihres Teams in Dublin. Sie erlebten das endgültige, definitive Aus für Japan und Südkorea, weil Overmars, Kluivert und van Nistelrooy die allerdeutlichsten Chancen versiebten, praktisch verkästen, also dauernd dämliche Luftlöcher schossen vor dem irischen Tor. Die Iren bedankten sich für diese kläglichen Aktionen und schossen ihrerseits in der 68. Minute ein Goal durch Jason McAteer, was dann, wie bekannt, die WM-Fahrkarte bedeutete. Für die Iren wohlgemerkt.
Wir, mein Bruder, einige Freunde und ich, hatten keinen Fernseher, aber wir hörten an diesem Nachmittag des 1. September vom Nachbarzelt jedes Ach! und Neeee! und Ump! unserer niederländischen Freunde herüberwehen, und so grüßten wir sie freundlich und belustigt, als wir am frühen Abend aufbrachen und ihre verwüstete Zeltstätte der Niederlage passierten, um hinunter ins Dorf, auf die Hauptstraße von Spa-Francorchamps zu gelangen, wo in einem Zelt zwischen den Wurst- und Verkaufsbuden ein Fernseher aufgestellt war, in dem das WM-Qualifikationsspiel Deutschland – England laufen sollte.
Wir waren im Grunde genommen nur noch zu dritt: mein Bruder, Herr Suppa und ich. Vor dem Fernsehzelt lungerten bereits diverse englische Formel-1-Zuschauer herum, die aber jetzt vor allem biertrinkende Formel-1-Zuschauer und darüber hinaus sehr stark biertrinkende Fußballzuschauer waren. Das weiße, das unschuldig weiße Zelt stach leuchtend gegen den marineblauen Himmel ab, und wir, Herr Suppa, mein Bruder und ich, stießen durch die dichten Reihen der am Tresen am Eingang des Zeltes Bier kaufenden und dort sofort trinkenden oder auch eher verschlingenden Engländer vor zu einer Bierbank mit Biertisch, wo wir uns setzten.
Wir setzten uns in dem Wissen und auch Gefühl, daß dieser Tag, der so gut begonnen hatte und der bis dahin weiter so trefflich, ja glänzend verlaufen war, einen guten Abschluß finden würde, auf die letzten freien Plätze, schräg links vor einem laut tönenden Fernsehgerät. Im Hintergrund schrien einige Engländer einige Schlachtparolen ins Zelt oder, sofern sie sich zur Zeltöffnung wendeten, in die laue Spätsommerluft hinaus. Ein besonders stimmkräftiger junger Engländer schien den Posten des Vorsängers oder Einpeitschers übernommen zu haben, doch Herrn Suppa, meinen Bruder und mich störte dies nicht, nicht im geringsten. Die Statistik sprach eine deutliche Sprache. Seit dem 3:2, das ja in Wirklichkeit dann sogar ein 4:2, ein 2:4 gewesen war, damals, 1966, war nichts mehr angebrannt. Die Weste England war makellos, rein, weiß. Rein gar nichts konnte uns passieren, uns, den drei am Biertisch vergnügt so manches Stella-Artois-Pils wegnippelnden Zuversichtsträgern und den sechs bis acht anderen Deutschen unter diesen hier versammelten und eigentlich zusammengerotteten englischen Formel-1- und Fußballbiertrinkern. Denn, so hatten wir gehört, die deutsche Mannschaft hatte nicht nur den Nimbus der vielen Siege über Albion im Rücken, sondern auch ein Spezialtrainingslager auf dem Schloßgut Oberambach am Starnberger See absolviert, das allen Deutschen, uns eingeschlossen, berechtigten Anlaß zu den erdenklichsten Hoffnungen für diese Partie gab, weil Deisler so stark sei, wie das Trainingslager gezeigt hatte.
Die Vorberichte begannen. Rechts von uns gruppierte sich ein Haufen sehr junger englischer Burschen um immer wieder frisch herangeschleppte Biertabletts. Sie johlten beim Anblick alter Bilder im Fernseher, kreischten, kaum älter als achtzehn oder allerhöchstens einundzwanzig, bei Hursts drittem Tor, brüllten jämmerlich klagend bei Terry Butchers verschossenem 1990er Halbfinalelfmeter. Sie hoben ihre Plastikbecher, in denen das belgische Bier schwappte, und schrien und zeterten bei jeder Einblendung aus diesen alten Tagen. Sie kriegten sich sozusagen gar nicht mehr ein. Sie waren schon, bevor das eigentliche Spiel begann, außer Rand und Band. Sie gossen randvolle Plastikbecher des belgischen Bieres, das dauernd auf neuen Tabletts herankam, in ihre Hälse, und wenn sie das Bier heruntergeschluckt hatten, schrien sie wieder, aus vollem Hals, nein, nun natürlich aus leerem Hals, aus einem geleerten Hals, der bei jedem von ihnen naturgemäß in dieser Situation allerdings ein nur für die allerkürzeste Zeit geleerter Hals war.
Im Fernsehstudio saßen um den Fernsehmann Delling, den Moderator, herum mehrere alte, moderate Herren. Zum einen war da Hurst, der sich sehr diplomatisch über sein Tor äußerte, das dritte Tor, das ja schon damals bereits das fünfte Tor gewesen war, aber wir sprechen noch heute wie selbstverständlich fälschlicherweise von einem dritten, von dem dritten Tor, und Beckenbauer nickte und sprach aus seiner Sicht über das in Gottes Namen dritte Tor. Das gleiche tat Seeler. Seeler sprach über das dritte Tor. Während er sprach, wurde die Szene wieder eingespielt. Die jungen Engländer schrien sogleich begeistert auf. Sie sprangen in die Höhe, jubelten und begannen zu singen. Aus dem Hintergrund des Zeltes drangen weitere Gesänge, rauher und härter und gewissermaßen schneidiger, feuriger, nach vorne an unseren Biertisch, der nun schon ein gesanglich und menschlich vollkommen englisch eingekreister Flecken, eine Oase war.
Herr Suppa hob einen frischen Plastikbecher Bier, als das Programm umgeschaltet wurde. Nun sah man das englische Fernsehstudio, ich glaube, es war der Sender BBC. Dort hatten sich um einen ausgesprochen häßlich geformten Tisch und vor einer abstoßenden Kulisse drei Herren versammelt, ein Moderator und zwei sogenannte Experten, aus denen vor allem Gary Lineker hervorstach, dieser Mann, der einmal in die Welt gesetzt hatte, Fußball sei ein Spiel für zweiundzwanzig Leute, und am Ende gewinne immer Deutschland.
Die BBC zeigte ebenfalls Spielszenen, die BBC zeigte aber nicht das Halbfinalelfmeterschießen von 1990. Man hatte sich seitens BBC offenkundig dafür entschieden, weder das 1990er Halbfinale noch das 1970er Viertelfinale der englischen Mannschaft gegen das deutsche Team zu zeigen. Noch offenkundiger war die Tatsache, daß man gleichfalls das 1:3 aus dem Jahr 1972 nicht vorführen wollte. Im deutschen Programm hatte man es eben noch gesehen, und Netzer hatte ein paar wohlgeformte Sätze über diesen historischen Sieg auf der Insel gesagt, den ersten Sieg einer Mannschaft auf der Insel überhaupt seit Jahrzehnten. Statt dessen zeigte BBC naturgemäß ausschließlich Niederlagen der deutschen Mannschaft oder solche Spiele, die gegen sogenannte Fußballzwerge während der Qualifikation fast verloren worden waren oder knapp, mit äußersten Mühen hatten gewonnen werden können. Nach diesen Spielausschnitten kommentierte und analysierte Lineker das Auftreten der deutschen Mannschaft, und nach jedem Satz jubelte das Fernsehzelt, in dem wir hier saßen, frenetisch, ja, frenetisch, so sagt man.
Erbarmungslos, trocken deckte Lineker die Schwächen auf. Er entblößte die Deutschen sozusagen. Er nahm kein Blatt vor den Mund, sondern spottete, verschmitzt lächelnd, richtiggehend gemein lächelnd und bisweilen scheppernd auflachend, und veralberte die tapsigen, ungelenken deutschen Abwehrspieler und die schwerfälligen Sturmtanks, vor allem Jancker. Jancker sei gar kein Fußballspieler, Jancker sei eine Art Panzer, hörte man ihn sagen, und an dieses Statement schloß sich augenblicklich ein Hoihoihoi! oder etwas ähnliches an.
Etwas belustigt schaute Herr Suppa zu den jungen Engländern hin, ja, er drehte sich sogar einmal um und betrachtete die mittlerweile zu hautengen Reihen zusammengeschlossene und -gepreßte Horde rotgesichtiger Briten in weißen, stellenweise feuchten, fast nassen T-Shirts. Manche trugen am Oberkörper auch einfach gar nichts. Es fehlte noch, sagte mein Bruder, daß sie die Hosen runterließen, und er nahm einen kräftigen Schluck Bier, ich folgte ihm darin.
Einen Tag zuvor, so meldete jetzt wieder das deutsche Programm, irgend jemand hatte umgeschaltet, einen Tag vor dem 1. September hatten in meiner Stadt, in Frankfurt am Main, etwa einhundertfünfzig oder sogar zweihundert sogenannte englische Fußballanhänger, sogenannte Fans, sogenannte Hooligans einen Angriff auf meine Stadt gestartet und die Innenstadt beinahe vollständig verwüstet. Wie als ob ich einen Zusammenhang erahnte oder beinahe bereits erkannte, erinnerte ich mich auch wieder an diese fürchterliche Katastrophe im Brüsseler Heysel-Stadion, diese damals, am 29. Mai 1985, für fast vierzig Menschen tödliche und verheerende Europapokalendspielveranstaltung in Brüssel, in einer Stadt, in der ich damals lebte und in der ich, zu Hause vor dem Fernseher sitzend, die besagte höhnische Beleidigung und Herabsetzung durch den Arbeitskollegen meines Vaters hatte erleiden und erdulden müssen. Damals, in Brüssel, hatten englische Fußballanhänger eine gewaltige Schlägerei angezettelt, die in eine entsetzliche Gewaltorgie ausgeartet war, und nachdem die Toten geborgen waren, sperrte die Europäische Fußball-Union die englischen Klubmannschaften auf Jahre hinaus aus, ja, sie sperrte die gesamte Insel, ganz England, aus Europa, dem Europa des Fußballs, aus.
Belgien, England, so dämmerte mir hier in diesem belgischen Fernsehzelt unter und zwischen englischen Fußballfans, Belgien und England, hier besteht eine Verbindung, ein Zusammenhang zumal. Herr Suppa ahnte von all diesen größeren und gefährlichen Zusammenhängen nichts, er konnte nichts ahnen, er war gewissermaßen ahnungslos, vollkommen ahnungslos wie ein Kind, naiv, froh und ohne Arg, er hegte keinerlei Verdacht gegen diese hier in der erdrückendsten Überzahl aufhältigen Engländer. In völliger Ahnungslosigkeit trank Herr Suppa sein Bier und schüttete kraftvoll weitere Biere in sich hinein, denn diese Vorberichte dauerten schon sehr lang, so Suppa. Mein Bruder und ich taten es ihm gleich. In absoluter Friedfertigkeit tranken wir eine Fuhre Bier nach der anderen. Um an diese Bierfuhren heranzukommen, mußte jedoch in immer kürzer werdenden Abständen einer von uns drei biertrinkenden Gästen in diesem Fernsehzelt zum Ausschank, zum Tresen gehen. Dies war kein Gehen, es war ein Drücken, Schlängeln, ein Schieben, Stoßen und Schubsen, es war ein erster Vorgeschmack auf den Spießrutenlauf.
Wieder zurück an unserem Biertisch, glücklich und heil wieder an diesen Biertisch gelangt, meldete der Fernseher eine weitere Eskalation. Sogenannte Ausschreitungen hätten München, den Austragungsort der WM-Qualifikationsbegegnung Deutschland – England, erschüttert, zu schlimmen Vorfällen sei es gekommen, weil sich ein Großaufgebot an englischen Fußballfans, wie es hieß, die Hucke hatte vollaufen lassen. Immer wieder Prügeleien habe es gegeben, und man hoffe doch sehr, lautete es jetzt aus dem Fernseher, daß solche fürchterlichen Vorfälle beim Spiel ausblieben, mit Fußball habe das nichts zu tun, das sei hier immer noch ein Fußballspiel. Es seien die Unverbesserlichen, die sogenannten Fans, die dem Fußball schadeten. Man bedauere das zutiefst.
Er bedauere, daß das Bier schon wieder zur Neige gegangen sei, sagte mein Bruder und machte sich auf, um Nachschub zu organisieren, wie er sagte. Das sei recht so, erwiderte Herr Suppa in den anschwellenden Lärm hinein, denn das Spiel beginne gleich, endlich.
Mein Bruder kehrte zurück, als der Anpfiff zu diesem Spiel, zu dieser heiß erwarteten Schlacht ertönte. Die Spannung war eine erhebliche. Zunächst schrien die Engländer noch einmal kurz auf, nach wenigen Sekunden jedoch verfielen sie in eine konzentrierte, ich möchte fast sagen: eine kindliche, eine kindische Konzentrationshaltung. Sie schwiegen.
Der Ball lief rund durch die deutschen Reihen, das deutsche Mittelfeld machte Druck und drängte die Engländer tief in deren Hälfte hinein. Deisler, Ballack und so weiter. Es war das Selbstverständlichste, daß Jancker, dieser Stürmer, der gar kein Fußballspieler sei, wie ich mich erinnerte, zum 1:0 einschob, die Kugel ins Netz des englischen Keepers drosch, dessen Name mir zu unbedeutend erscheint, um ihn nennen zu müssen.
Ich sprang auf, rannte um den Biertisch herum und sank vor dem Fernseher auf die Knie, die Fäuste nach oben gestreckt. Ich rief einige kurze Sätze der Begeisterung, warf den jungen und den alten Engländern einen Blick der Freude zu und begab mich zurück an den Biertisch.
Es war ein schönes Tor, und es war ein Tor gegen England. England schwieg noch mehr. Dieses England hier in Belgien war ein einziges vielgesichtiges, entsetztes Häuflein Elend. Nun, wie konnte ich wissen, wie konnte ich ahnen, daß dies unser, mein Waterloo werden sollte. Nein, das konnte ich nicht. Kein Mensch konnte auch nur ahnen, was bald im Münchner Olympiastadion, in der Arena des Weltmeisters und Weltpokalsiegers, geschehen sollte, daß die höchste Niederlage seit siebzig Jahren zu gewahren sein würde, seit dem 0:6 1931 gegen Österreich.
Nein, nicht irgendeine Niederlage. Die höchste Niederlage seit siebzig Jahren. Vor allem seit dem großen Sieg der deutschen Elf 1954 im WM-Endspiel hatte es ein solches Debakel nicht mehr gegeben, ein Debakel nicht gegen Brasilien, Frankreich, Holland, was weiß ich, ein Debakel gegen England! Gegen England und auf eigenem Platz, zu Hause, so unterzugehen, das konnte niemand voraussehen. Wenn wir hier weniger als fünf Stück kriegen, haben wir ein erstklassiges Resultat erzielt, hatte Netzer 1972 zu Beckenbauer gesagt, vor dem Spiel in der Kabine des Wembley-Stadions. Bei uns herrscht die bitterste Stimmung, die ich je erlebt habe, sagte der geduschte Wörns nach dem Spiel. Jetzt müssen wir auch mal die Schattenseiten durchleben, sagte Bierhoff. Owen sagte: 5:1. Ich meine: 5:1! Vor dem Spiel habe ich mich gar nicht getraut zu sagen, wir gewinnen hier. Und jetzt: 5:1.
Es war eine ganz und gar unvorhersehbare Katastrophe. Die frohe Zeit endete für meinen Bruder, Herrn Suppa und mich fünf Minuten nach Jancker. Es wird einmal eine neue Zeitrechnung geben: fünf Minuten nach Jancker. Owen knallte zum Ausgleich ein. Owen exekutierte. Man spürte es. Man spürte augenblicklich die lähmende Ausweglosigkeit, die spätestens in der 23. Minute allzu deutlich, für alle Augen deutlich sichtbar, besonders für die englischen Augen deutlich und klar sichtbar, das deutsche Spiel, dieses Spiel voller unermeßlicher Unfähigkeit, ergriff, als Deisler schmählich versagte und völlig frei aus sieben Metern verzog. England raubte uns den Atem, England spielte Katz und Maus mit uns, warf Deutschland erst spielerisch hin und her, ließ es laufen, zeigte mal Krallen, tatzelte mal, und dann schlug England zu, biß zu, im brutalsten Sinne des Wortes, vor der Halbzeit durch Gerrard, kurz nach der Pause durch Owen, diesen Owen.
Die Pause war die fürchterlichste. Eine atemraubend lange Pause, in der die Engländer sich weiter eintranken und gewissermaßen aufrüsteten für den finalen Knockout. England, dachte ich, England aussperren, einfach ausschließen aus der WM-Qualifikation! Jetzt, ohne Federlesens, einfach so, Punkt, Ende.
Sie rollten wieder an, von links nach rechts nun, ein Angriffswirbel nach dem anderen prallte auf die deutsche Abwehr. Der Hochgeschwindigkeitsfußball der Briten war der erbarmungsloseste, und nach dem 1:3, wir sangen schon davon klagend bitterlich, brachen alle Dämme.
Ein trockener, ein sogenannter humorloser Schuß. Owen terrorisierte die deutsche Abwehr mit seinen Sprints. Owen rannte einfach los, drauf auf die Recken, schlug Haken, tunnelte, riß Löcher in die Deckung, erbarmungslos, riß die Flanken auf und flankte, schoß, zog ab, versenkte. Owen demontierte das deutsche Team, er machte Deutschland lächerlich. Und nicht nur Owen, der kleine, junge Owen. Beckham, Scholes, Heskey. Sven-Göran Eriksson, dieser eiskalte schwedische Coach der englischen Mannschaft, hatte sein Team, das Team Englands, auf die kälteste, die eisigste Weise eingestellt. Er hatte diese junge, unerfahrene, nicht ernst zu nehmende Truppe zu einer fehlerfrei aufspielenden, eiskalten Killertruppe gemacht, die ihren Gegner ohne Erbarmen abschoß.
England, o England, Eeeengland! sang das Zelt, das Zelt kochte, das Zelt brodelte, das Zelt schäumte. Chöre schwollen an und ab, in einem endlosen Getöse brüllten und bellten und grölten die Männer von der Insel. Gesangswogen brandeten heran, Brecher schlugen über unseren Köpfen zusammen, Becher flogen hinterdrein. Fuck you! Fuck you! spießte das Zelt jeden Spieler des Gegners auf, der sich zu wehren versuchte.
Herr Suppa zog seine Schirmmütze noch tiefer ins Gesicht, mein Bruder kauerte auf der Bank. Ich stand auf und wollte mich erleichtern, da prasselten Verwünschungen und Flüche auf mich ein, auf einen, der es gewagt hatte, sich in voller Größe zu zeigen, Asshole! Son of a bitch! Fuck you! Piss off! und diese Dinge. Ich fürchtete um mein Leben, ganz ernsthaft fürchtete ich um mein kleines Leben. Es war die Entfesselung des Allerfürchterlichsten. Wir waren umzingelt von dem entsetzlichsten Mob, von einem zu allem bereiten Pöbel, von einem gefräßigen Monstrum an Brutalität und Barbarei.
Ich setzte mich wieder, und ein Beifallssturm begleitete diese Bewegung, ein Zeichen der infamen Berauschung an der eigenen Macht, an der Stärke und am Bedrohungspotential, das der Engländer, dieser exzentrische Mensch par excellence, so auskostete. Nicht noch eins, nicht noch eins, wisperte mein Bruder, ich hörte gar nicht mehr richtig hin. Wir waren in die schlimmste Enge getrieben, real, körperlich, und wir waren in der beklemmendsten Bewußtseinsenge, nämlich Angst, gefangen.
Ich entschloß mich, wenn man hier noch von einem Entschluß reden kann, unter diesen Bedingungen, in dieser Hölle, in diesem dampfenden, bollernden, spritzenden, spuckenden, geifernden Glutofen des Wahns, ich entschloß mich zur Flucht. Es war die 66. Minute, das 1:4 durch Owen war gefallen, ich sammelte die letzten Kräfte, klaubte die letzten Krümel Mut zusammen, erhob mich und hechtete zur Seite, erreichte kriechend die Zeltplane, hob sie an, so gut es ging, Becher flogen und vielleicht Kieselsteine vom Boden, auf dem dieses Zelt der Zerberusse, der Höllenhunde, errichtet worden war, und quetschte mich wälzend und zitternd durch den engen Spalt, während, wie ich noch aus dem Augenwinkel erkennen konnte, die hinteren Spaliere in noch bedrohlichere Bewegung gerieten und begannen, sich nach vorne zu schieben.
Es war mein Heysel. Es war nicht nur mein Heysel, es war auch mein Córdoba. Es war mein Heysel-Córdoba, mein Córdoba-Heysel, könnte man sagen. Ich hörte, schnaufend und tief durchatmend, die englischen Fans schreien und jubeln. Durch die Zeltplane zeichneten sie sich schemenhaft ab, die Verbände und Berge der feiernden und zechenden und zum Äußersten neigenden Engländer.
Ich war entkommen, knapp entkommen. Ich mußte Herrn Suppa und meinen Bruder ihrem Schicksal überlassen und floh. Ich floh die Wiese hinauf, hetzte vorbei an verwüsteten holländischen Zeltburgen und erreichte mein eigenes Zelt, in das ich mich sofort hineinlegte, um augenblicklich einzuschlafen, alles zu vergessen und nicht entdeckt werden zu können.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, war es ungewöhnlich und zauberhaft still auf dieser Wiese in den Ardennen. Ich zog meine Schuhe an, streifte meine Jacke über und ging hinunter auf die Hauptstraße von Spa-Francorchamps. Die Planen des Fernsehzeltes waren zugezogen und fest verzurrt. Ich ließ das Fernsehzelt links liegen und lief weiter, bis zu einem Frühstückszelt, in dem ich ein gutes belgisches Frühstück zu mir nahm.
Neben dem Büfett lagen auf einem Tisch belgische, deutsche und englische Sonntagszeitungen aus. Ich hatte früher immer mal wieder davon gehört und darüber etwas gelesen, daß es eine Tatsache sei, daß viele, ja die meisten Engländer beim Anblick eines Deutschen zuerst an Krieg und Fußball denken müßten, daß die Engländer beim Anblick eines Deutschen zuerst an Adolf Hitler dächten und dann, beim Thema Fußball, sofort auch an Krieg dächten, denken müßten. Engländer könnten gar nicht anders, als Fußball und Krieg zusammenzudenken, sobald es um Fußball und einen Deutschen oder Deutschland gehe. Beim Fußball, so dachte ich kurz, mich dieser Einschätzungen entsinnend, versteht der Engländer keinen Spaß.
Das war nur so ein Gedanke, ein kurzer Gedanke. Ich nahm mir die Sonntagszeitungen. Ich rührte in meinem Kaffee, einem sehr guten belgischen Kaffee, herum und warf einen kurzen Blick auf die Mail on Sunday, wobei mir in den Sinn kam, daß für einen Engländer, für die allermeisten Engländer, eine Fußballpartie England gegen Deutschland schon 1966 eine bloße Metapher, eine rote, fleischige, zerfetzte, blutige Metapher gewesen sein mußte. Ich nahm einen Schluck von meinem belgischen Kaffee, es war Gott sei Dank kein englischer Kaffee!, und setzte diesen Gedanken, den ich sicherlich irgendwo einmal gelesen, aufgeschnappt haben mußte, fort. Deutschland – England, dachte ich, das war und ist die Fortsetzung des Krieges, dachte ich diesen Gedanken, diesen fremden und geläufigen Gedanken, zu Ende.
Ich legte die Mail on Sunday, diese englische Sonntagszeitung, zur Seite und zog aus dem Stapel englischer, belgischer und deutscher Sonntagszeitungen eine andere englische Sonntagszeitung heraus. Es war die Independent on Sunday. Die Independent on Sunday schrieb, dieser Abend, diese Nacht gestern, die Nacht des 1. September 2001, sei die größte Nacht seit dem WM-Sieg 1966 gewesen, diese Nacht sei das Gegenmittel für fünfunddreißig Jahre Schmerz.
Ich verzog ein wenig das Gesicht, in meinem vorzüglichen belgischen Kaffee war auch ein wenig nicht so vorzüglicher, bitterer Bodensatz, den ich gerade aus Unachtsamkeit verschluckt hatte. Ich mußte aber noch mehr schlucken, denn in diesem Moment schrien mich ganz unerwartet die Titellettern des sogenannten Sunday Express an. Owens Tore legen deutschen Stolz in Trümmer, schrien diese Lettern, und der Sunday Mirror, auch eine dieser neben meinem Kaffee achtlos abgelegten englischen Sonntagszeitungen, titelte rot, blutig, fetzig: Ausgeblitzt.
Ausgeblitzt. Ausgeblitzt habe es sich. Es habe sich ausgeblitzt mit der deutschen Fußballherrlichkeit, mit dem Kaiser habe es sich ausgeblitzt, und mit Glanz und Gloria habe es sich ausgeblitzt, Deutschland sei ausradiert, erledigt, Deutschland liege am Boden und sei fertig, fix und fertig. Englands Fußballöwen erschüttern Deutschland. Die Nacht, als wir den Deutschen das Maul stopften.
Das las ich. Und ich las in der letzten, in der allerletzten englischen Sonntagszeitung, im Sunday Telegraph, daß Fünf-Sterne-England nun das Kommando übernähme. Erikssons Männer, sagte diese Zeitung todernst, wenden das Blatt gegen den Erzfeind. Michael Owens drei Tore haben die Fußballkarte Europas neu gezeichnet. Englands Torrausch erschüttert die Weltordnung.
Ich schüttete ganz unabsichtlich den kümmerlichen Rest meines belgischen Kaffees über den Sunday Telegraph und griff zu einer deutschen Sonntagszeitung, und in der deutschen Sonntagszeitung stieß ich auf einen Bericht, in dem der Berichterstatter mitteilte: Am Ende dieses 1:5 sangen die englischen Fans höhnisch auf die Deutschen nieder: »Always look on the bright side of life«, das Lied der Komiker von Monty Python.
Das war lustig. Das war fair berichtet, dachte ich. Es war ein lustiger, fairer, ausgewogener Bericht, dachte ich und sann insgeheim auf bittere, schwarze Rache.
Vom Briten lernen
Von Dieter Steinmann
Als mein Freund Günter von Freital mir zirka 1969 die hier folgende Geschichte zum erstenmal erzählte, saßen wir anschließend lange beieinander, räsonierten über das Wesen des Briten, über sein Gebaren draußen in der weiten Welt, die Geschichte des Empire und Commonwealth, phantasierten über die Freude der Menschen Albions am Bier, über das bekanntermaßen vermehrte Aufkommen exzentrischer Personen in England und waren uns doch darüber im klaren, daß hinsichtlich dieser Thematik wohl auf ewig mehr Fragen als Antworten zu bedenken seien.
Günters Geschichte geht so: Er war aus schierer Freude am Nach-Dänemark-Fahren mit einer Freundin für ein paar Urlaubstage nach Kopenhagen gereist, und die beiden fanden dort auch gleich alles recht gemütlich und wohleingerichtet vor und machten sich schöne Tage. Günter zählte damals nicht zu jenen, die man lange nötigen muß, bis sie zu einem Gläschen Bier greifen. So lag es nicht fern, das in Kopenhagen ansässige Stammhaus der Carlsberg-Brauerei zu besichtigen, eine Bierfabrik von Weltrang, die überdies schon damals im Ruf stand, Stunde um Stunde anschauliche Besichtigungstouren durchs Haus anzubieten, als deren jeweils krönender Abschluß großzügig arrangierte Verkostungen galten.
Und so war es dann auch. Mit Bussen wurden die Besucher übers Gelände kutschiert. Station für Station der Bierherstellung war in allen Weltsprachen Wissenswertes zu erfahren, und zu guter Letzt versammelten sie die Biertouristen in einer Halle, in der auf langen Tischen artig arrangiert die Produkte des Hauses samt passenden Gläsern bereitstanden. Erst hier fiel Günter ein etwa dreißigjähriger Mann auf, der bisher eher matt die Tour absolviert hatte, der sich, von Schauplatz zu Schauplatz der Besichtigung, nur betont zögerlich von seinem Sitz im Bus erhoben hatte und selbst angesichts aufsehenerregender Aspekte der Braukunst und -technik nicht durch Zwischenfragen, Applauskundgebungen oder simuliertes Interesse aufgefallen war. Dieser bislang so zurückhaltende Mann entwickelte augenblicklich bei Betreten der Verkostungshalle eine enorme Beweglichkeit, indem er nun höchst konzentriert von Tisch zu Tisch eilte, um sehr zügig, aber ohne allzu verräterische Hast ein Fläschchen ums andere fix zu leeren.
Günter schilderte mir das Tun dieses engagierten Herrn in schönster Detailgenauigkeit: Stets im Takt aufgesetzter Gelassenheit, »so, als ob nichts sei«, spähte der Vielfachprobierer im Raum umher, machte wie mit Adleraugen sämtliche ungeleerten Probesortimente aus und stellte sie, um die Tischreihen mäandernd, ohne weitere Umstände sicher. Da Günter und seine Begleiterin sich sehr über dieses Schauspiel amüsierten, den Schluckspecht offen bewunderten, blieb diesem ihre Aufmerksamkeit nicht verborgen, und als er sich beim Abgrasen letzter nicht wahrgenommener Freibiere ihnen kurz näherte, flüsterte er ihnen kumpaneiselig zu: »Come on, next bus, next tour …«, winkte dabei so zierlich verschwörerisch, wie sein Zustand ihm übers eilige Bierschnappen hinaus noch koordinierte Gesten erlaubte, und zeigte auf die Reihe der draußen vor der Tür schon wieder neue Besichtigungsgäste aufnehmenden Carlsberg-Rundfahrtbusse.
Günter und seine Begleiterin verständigten sich kurz und folgten dem nun deutlich Wankenden, der wie selbstverständlich einen Bus erklomm, sich seufzend in einen Sitz fallen ließ und dann mit momentan letzter Kraft seiner Freude Ausdruck gab, Günter und die Seine bei sich zu wissen.
Genau so, wie man es ahnen möchte, kam es dann. Drei weitere komplette Touren lang begleiteten die beiden den, wie sie bald bruchstückhaft erfuhren, Engländer, der seinerseits als Tourist in Kopenhagen weilte und seit etlichen Tagen, vom Vormittag bis zur letzten Führung ab 16 Uhr, keine einzige Rundfahrt durch die Welt der Carlsberg-Biere verpaßt hatte. Mit nicht nachlassendem Tempo sauste er, Klimax des Unternehmens, jeweils zum Ausklang einer Fahrt in die Trinkhalle und dort von Tisch zu Tisch, nun nicht, ohne seine neuen Freunde und Begleiter herzlich zu ermuntern, sie mögen doch zugreifen, schnell, so billig wie hier würde das Bier nie wieder, und dafür sei er gut, der Däne, daß man ihm sein Bier wegtrinke, zu viel mehr tauge er eh nicht, das sei ja bekannt.
Den dringlichen Rat dieses durstigen Repetitionisten, morgen vormittag gleich wieder mit dabeizusein, schlug Günter höflich und mit dem Hinweis auf weitere Sehenswürdigkeiten Kopenhagens aus, was den Biertouristen vordergründig belustigte, in Wirklichkeit jedoch, so meint der Augenzeuge, mit der ganzen großen unauslotbaren Rätselhaftigkeit des Existentiellen an sich konfrontierte. Deutsche halt, Hunnen!
Seit jenen besonnten Stunden des immer wieder aufs neue Durch-die-Carlsberg-Hallen-Zirkulierens kommt Günter von Freital nicht ohne Grinsen an Carlsberg-Bierkästen oder Werbeschildern dieser Marke vorbei. Leute, die sehr entschieden mit dem Bier auf du und du stehen, kennt er etliche; nie allerdings war ihm die Gesellschaft eines hingerisseneren Schluckspechts vergönnt als damals unter dem Dach der dänischen Brauer.
Aufklärung à la Albion
Der Mann hat eine Mission, eine milde. Lucas Goebel hat in Weihenstephan Brauwesen studiert, einige Jahre bei verschiedenen Fachzeitschriften gearbeitet und dann die Nase voll gehabt – vom Verlautbarungsgeschnatter der Verbandsfabulanten, der Lobbyisten und der Lobredner in ureigener, das heißt in deutscher Sache.
Die meisten deutschen Brauer halten sich wenn nicht für die Erfinder des Biers, so aber mindestens für die Gralshüter in Sachen Bierqualität und -geschmack. Dafür spricht die Tradition im Lande der »Bierphilisterei« (Nietzsche) und der allgemeinen geistigen »Bierwirtsphysiognomie« (Schopenhauer). Wer erfand das Pilsner? Ein deutscher (bayerischer) Brauer! Wer erließ das Reinheitsgebot? Die deutschen (bayerischen) Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. erließen es! Und die anderen? Jenseits der (deutschen) Reichsgrenzen? Pfuscher! Giftmischer! Ver- und Aufschneider! Bier? Nur von hier!
Kaum ein anderer (Selbst-)Betrug ist dreister und zählebiger verwurzelt in einer Nation, von der Schopenhauer sagte, sie sei »von allen die dümmste«, als derjenige des protektionistischen Reinheitsgebotshokuspokus, mit dem die Einzigartigkeit des deutschen Biers alleweil schwellbrustartig begründet und ausgeplörrt wird. Große deutsche Braumeistergenies werfen ungebrochen den Bierwanst in die Waagschale des Weltbiermarktes, schreien herum, deutsches Bier, das sei Pläsier, und machen im gleichen brackigen Atemzug alles schlecht, was schmeckt, weil es einen Geschmack hat, der sich vom zu Tode geschniegelten deutschen Supermarktschwedentrunk unterscheidet.
Lucas Goebel, ein freundlicher, zurückhaltender und doch begeisterungsfähiger Mann, hat von dem Getöse genug und veranstaltet auf eigene Kosten Bierproben, in deren zirka zweistündigem Verlauf er die Tester behutsam an die Grundlagen der organoleptischen und sensorischen Erkundung des unermeßlichen Kontinents Bier heranführt. Seine »Reise in eine unbekannte Welt« beginnt mit gutem Grund mit hiesigen, meist bekannten Produkten, um überhaupt erst einmal sorten- und markentypische Differenzen zu erschmecken, etwa zwischen barock-vollen, aromagehopften und flach-zackigen, bittergehopften Bieren, zwischen den Buketts obergäriger Bräus und den körperlichen Eigentümlichkeiten von in der Regel nicht allzu hochvergorenen Exportbieren. In aufsteigender Linie schreitet man auf der Tucholsky-Treppe Schlürfen–Schlucken–(Weg-)Schütten vom mit allem Recht der Welt an den Anfang gesetzten Alkoholfreien der beliebten hessischen Eisvogelbrauerei bis zum Weizen-Doppelbock fort. Umflort dann die Zunge ein lieblicher Reigen elysischer Himbeer- und Bananenaromen, so werden die Exerzitien zum Beschluß durch den Verzehr eines ausländischen Gebräus gekrönt, das die Pforten zu einem Reich unerhörter Schmackussensationen öffnet. »Aaaaah«, seufzt Goebel zufrieden, »richtig durchatmen und den Strauß schmecken!«
Je fuller, desto doller! Just an jenem Tag, als Goebel kürzlich das adorable Fuller’s Extra Special Bitter aus London kredenzte, war zuvor auf der A 7 ein Biersattelschlepper umgekippt. Abertausende Flaschen Warsteiner zerbarsten wie von höherer Hand verfügt. »Deutschland ist ein armes Land an Hefe«, beschied Goebel später, »man will keine Geschmacksvielfalt zulassen.«
Möglicherweise hat Lucas Goebel eine »Vision« (Willy Bierbrandt) – die vernünftige Vision, wenigstens einigen wenigen deutschen Biertrinkern ohne bierologisches Expertengehabe die Augen und Münder zu öffnen für Bräus, die jenseits des Eisernen Biervorhangs darauf warten, mit Neugier, Freude und dem mehr oder minder festen Willen zur mehr oder minder bravourösen Berauschung umgesäbelt zu werden. Schon Belgien wäre ja nicht allzuweit, jenes kluge Land und Hefeparadies der wilden Gärung, in dem laut FAZ-Korrespondent Christian Eichler der kategorische Imperativ die zumal im allseitigen Kant-Jahr allfällige tägliche Neuformulierung erfährt: »Handle stets so, daß dein Handeln auch als Grundlage einer möglichen Bierbestellung dienen könnte.«
Leberwurstbauch
Bier. Michael Jackson. Ein Buchtitel. Ein Mann. Viele Worte. Und die haben Gewicht.
Michael Jackson gilt nicht nur – einem seiner deutschen Verlage zufolge – als »Pionier des Bierjournalismus für den Verbraucher«. Er läßt auch von den nach eindrucksvollen Details geiernden Presseabteilungen verbreiten, einen »Bauchumfang von 112 cm« durch die Welt zu wuchten während seiner unzähligen Reisen in Sachen geistige Getränke rund um den bierbauchkugelrunden Globus.
Die Welt. Das Bier. Michael Jackson. Man kann an diesem Mann beobachten, wie ein Mythos wächst – etwa jener, daß der rund sechzigjährige »Knight of the Mash« (Ritter der Maische) »der erste war, der Biere nach ihrem Aroma und Geschmack beschrieb«. Das ist Unfug, aber auf dem hiesigen, überschaubaren Bierbüchermarkt hat sich Jackson den Ruf des unangefochtenen Schwenkers des pilsgoldenen Weihrauchfasses erworben, seit sein auf ungezählten Bierdeckeln zusammengehauener Pocketklassiker Bier – Über 1000 Marken aus aller Welt 1987 erstmals auf deutsch erschien.
Michael Jacksons eiserne Devise lautet: loben, loben, loben. Und deshalb bisweilen notgedrungen: lügen. Denn wer das Bier nach Maßgabe der Weingourmetliteratur in den Stand des distinguiert zu beurteilenden Nobelgetränks erhebt, dessen – in Anklang an einen Klassiker der Soziologie – sortentypisch »feine Unterschiede« (Verlag/Pierre Bourdieu) es in den Gefilden der »geschmacklichen und charakterlichen Vielfalt« (Verlag) zu erkunden gelte, der vergißt beim achten Schoppen auch mal, daß die von der Brauerei gratis zur Verfügung gestellte Probe aus korrupter Trunkenheit zum erlösungsgleich gelungenen Trank gerät, obschon sie von der Zunge unter Normalbedingungen der Unbestechlichkeit strikt zurückgewiesen werden müßte.
Michael Jacksons »symbolisches Kapital« (Bourdieu) ist sein zementierter Ruf. Und wer einen Ruf hat, kann rufen, ohne daß noch jemand darauf achtet, ob der Rufer bei Sinnen ist. Bier (Starnberg 2005), Jacksons jüngster, chic inszenierter Aufguß seiner auf keinem Bierfilz mehr unterzubringenden Bücher zum Thema, verzichtet deshalb auratisch-monolithisch auf einen Untertitel – das Wort dieses Mannes gilt.
Der ehemalige Leiter des Deutschen Filmmuseums, Walter Schobert, hat mir mal erzählt, daß Michael Jackson, dessen Whiskeybibeln Schobert ins Deutsche übersetzt, unterdessen eine Garde von Assistenten brauche, um sein Pensum hinterher zerebral noch »auseinanderklappermüsentieren« (Michael Schumacher) zu können. Im mit opulenter Food-Photographie protzenden Band Bier, der durch die Berücksichtigung zahlreicher zum Wohle des Biertrinkers vergossener neuamerikanischer Micro-Brewery-Erzeugnisse durchaus überzeugt, liest man dann etwa in der hochmodischen Rubrik »Bier als Digestif« zum Irseer Abt’s Bier inklusive Ostapostroph zustimmend: »Der Abt dürfte von diesem sehr starken Lagerbier ordentlich betrunken worden sein.« Doch in welcher Verfassung war Michael Jackson, als er den »Zweck des Bieres« bestritt, »im Berauschen zu liegen«?
Jackson, der »mit dem Trinken in der Schule begann« (The Times), ließ sich von Verlagsseite mal attestieren: »Es ist Donnerstagmorgen, halb zehn, und Michael Jackson trinkt wieder. ›Das erste Bier am Tag schmeckt immer phantastisch.‹« Andernorts versicherte er, »er habe auf einer einzigen fünfwöchigen Reise durch die USA 500 Biere probiert« (The Wall Street Journal). In Bier, das uns sprachliche Pretiosen einschenkt wie einen Abgang »mit sackleinener Trockenheit« und eine Geschmacksnote à la »geklumpte Sahne«, mahnt der Meister hinsichtlich einer ernsthaften Degustation: »Schon fünf oder sechs Biere können den Gaumen überfordern, und zehn, zwölf sind sicher mehr als genug.« Was sagt man dazu?
Was übrigens wirklich ein Mythos ist und deshalb endlich zügig ins Reich der Lüge verdammt gehört: daß Bier dick macht. Einen Bierbauch, das haben in derlei Fragen unbestechliche, abgeklärte finnische Wissenschaftler vor Jahren derart unwiderlegbar unter Beweis gestellt, daß es sogar die Bild-Zeitung meldete, einen Bierbauch gibt es nicht. Es gibt einen Pizza- oder Schweinshaxen- oder Leberwurstbauch, der mitunter aus der appetitanregenden Zufuhr von Bier erwächst.
Und genausowenig gibt es einen Grund dafür, ein Pils unverdrossen sieben Minuten lang zu zapfen. In eineinhalb Minuten ist es nämlich fertig, wohlgeraten in holdester Frische.
Wir hätten das gern in Bier gelesen. So wird es mit der Aufklärung aber wieder nichts.
Auf Hemdknopfhöhe
Wenn Michael Jackson der »Bierpapst« ist – welcher Titel aber presseoffiziell ebenfalls dem Kollegen Michael Rudolf sowie meiner Wenigkeit verliehen wurde –, dann darf man Conrad Seidl, den seit Jahren von Österreich aus etwa über Hopfen und Malz (Wien 1995) und Unser Bier (Wien 1996) skribierenden Standard-Journalisten, eventuell zum Bierkardinal küren, also zum erlauchten Assistenten des apostolischen Bierstuhlinhabers.
Allein, Seidl, dessen Nachname sich mitnichten der Anleihe bei einer bayerischen Bierglasgröße verdankt, strebt offenbar ein Schisma an. Er betreibt die Website www.bierpapst.cc, und in der überarbeiteten Neuausgabe seines dreihundert Seiten starken Bier-Katechismus (Wien 2005) legt er unumwunden fest: »›Bierpapst‹ ist auch eine geschützte Marke – es darf keine anderen Bierpäpste neben Conrad Seidl geben.« Doch völlig neben der Kappe ist auch Conrad Seidl, seines unheiligen Zeichens Experte für »personal branding« (www.bierpapst.cc) und Autor des »Buches« Die Marke ICH, nicht immer, weshalb er zwei »andere Bier-Gurus und Bier-Jäger« toleriert, u. a. Herrn Jackson.
Fachlich, das sei zudem ohne Umschweife konzediert, können Seidl wenige das Bier reichen. Sein Bier-Katechismus handelt in 591 Texthappen souverän vielerlei gängige und im Volksbewußtsein dennoch nach wie vor nicht hinreichend präsente Fragen biergeschichtlicher und -typologischer, ökonomischer, brautechnischer und trinkpragmatischer Art ab, so daß sich das Vademekum den Untertitel Was Sie schon immer über Bier wissen wollten redlich verdient hat.
Daß in den USA daran gearbeitet wird, aus Rückständen, die bei der Bierproduktion anfallen, Papier herzustellen, wußten noch nicht mal wir. Und daß »unter den bedeutenden Biermarken der Welt« mittlerweile »keine einzige deutsche« mehr ist, muß keineswegs ausschließlich am grassierenden Raubrittertum der globalen Biermultis liegen, sondern könnte gleichfalls der vielbeschworenen Qualität hiesiger Premiumbräus geschuldet sein.
»Qualität«, stellt Seidl im Kapitel »Bierqualität kritisch hinterfragt« klar, bedeute »zunächst eigentlich nur ›Beschaffenheit‹«. Um einen nahezu Hegelschen Satz von Uli Stielike, dem ehemaligen Brauknecht des Ex-Fußballnationaltrainers Erich Ribbeck, geringfügig zu variieren: »Das Problem des deutschen Biers ist der Mangel an Quantität der Qualität.«
Die schönste Ausführung in Seidls lebensertüchtigendem Lehrbuch entnehmen wir derweil der Abteilung »Zum Wohle!«: »Wenn man das erstemal in einer Runde das Glas oder den Bierkrug hebt, so winkelt man den rechten Arm so an, daß der Oberarm in Schulterhöhe waagrecht gehalten wird und der Unterarm das Trinkgefäß etwa vor dem zweiten Hemdknopf hält. Nun wartet man, bis alle ihr Glas gehoben haben, dann wird, wenn die Runde nicht zu groß dafür ist, gemeinsam angestoßen und gleichzeitig [sic!] zum Trinken angesetzt. Nach dem Trinken wird das Biergefäß wieder in Höhe des zweiten Hemdknopfes vor der Brust gehalten und gewartet, bis alle mit dem ersten Schluck fertig sind. Erst dann darf das Glas oder der Krug abgestellt werden.«
Auswendig lernen und beim nächsten Kneipenbesuch ausdruckstänzerisch umsetzen, Linkshänder und Pulloverträger inklusive!
Blonde Bräute in spe
Selbst mich, der ich mich in den Geisteswissenschaften recht ordentlich umgesehen habe (und weiterhin umsehe), kann man noch überraschen. Denn daß die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ein »Forschungsprojekt zur Terminologie der Weincharakterisierung« fördert – und das wohl seit Jahren oder gar Jahrzehnten –, damit hatte ich nicht gerechnet.
Ist aber so, ist wahr. Was ich, es sei mir gestattet, mit einem tiefen Schluck aus einer kalten Flasche Jever quittieren muß. Und noch einem. – So, jetzt glaube ich es wirklich.
Laut dem Literaturverzeichnis in Hans Peter Althaus’ Kleinem Wörterbuch der Weinsprache (München 2006) hat der Trierer Germanist bereits 1973 erste Überlegungen »zur Strukturierung einer Terminologie der Weinsprache« präsentiert. In der Folge »wurden die weinsprachlichen Beschreibungen von knapp zehntausend Weinen untersucht, die auf Weinpreislisten deutscher Weingüter und Kellereien sowie auf Weinkarten der Gastronomie geführt worden sind«, und nachdem Althaus und seine Mitarbeiter das Material sortiert und kategorisiert haben, liegen nun Begriffserklärungen zu »mehr als tausend deutschen Weinwörtern« vor, »sprachwissenschaftlich überprüft und verständlich dargeboten«.
Althaus will Ungereimtheiten und Polyvalenzen, die aus der Vermischung der Sphären der Alltags- und der Fachsprache resultieren, beseitigen und einen einigermaßen verbindlichen Korpus präziser vinologischer Termini unterbreiten, einen »Kern- und Aufbauwortschatz der Weinsprache«, aus dem historische Irrtümer und mäandernde Bildlichkeiten getilgt sind. Sein Plädoyer für einen exakten, konzisen Stil und eine entschieden deskriptive Haltung, die sich den cartesianischen Idealen der Klarheit und Distinktheit verpflichtet, geht einerseits mit der Ablehnung des geläufigen Weinkennerjargons und des damit verbundenen Standesdünkels einher, andererseits mit der Zurückweisung allzu ungestümer Poetereien.
Das leuchtet nur bedingt ein, hat sich doch etwa der gargantueske Weinverschlinger (und Bierumdrescher) E. T. A. Hoffmann als gewaltiger Ausdruckserneuerer und Wortverwirbler erwiesen, der »auserlesenen« und »vortrefflichen« Wein ebenso zu belobhudeln verstand, wie er einen »Würzwein« als »Absud von höllischen Kräutern« verdammte. Dem unergründlichen Saufaus einen bisweilen sachunangemessenen Gebrauch von Weinwörtern zur Last zu legen, das mutet schon ein wenig kauzig-penibel an, zumal weil, einer Einsicht Nietzsches gemäß, die menschliche Sprache aus nichts anderem als einem »beweglichen Heer von Metaphern« besteht und somit bloß scheinbar exakt die Eigenschaften der Dinge (und unsere Vorstellungen und Eindrücke) wiedergibt.
Eine im strengeren Sinne vinologische Fachsprache begann sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herauszubilden. Althaus zeichnet sorgsam die Ausdifferenzierungsprozesse, an deren Ende eine weitreichende Trennung von gemeinsprachlichen und fachsprachlichen Gebrauchsweisen zu konstatieren ist, in grammatikalischer und semantischer Hinsicht nach, ohne so zu tun, als ob die entwickelte Sondersprache in Sachen Weinbeschreibung keinen Bedeutungsschwankungen mehr unterläge. »Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache«, heißt es bei Wittgenstein, und Althaus merkt an: »Die Fachsprache ist im Gebrauch festgelegt, ohne daß die Ausdrücke definiert worden wären. Das hat zur Folge, daß es konkurrierende Bezeichnungen gibt und die Reichweite der Weinsprache als Fachsprache begrenzt ist.« Die wankenden Relationen zwischen Wort, Bedeutung und Gebrauch nötigen daher zu dem Schluß: »Eine systematische Weinsprache gibt es […] bis heute nicht.«
Obschon der Weinthesaurus also keineswegs starr oder stabil ist, legt Althaus anschließend durch Sacherklärungen und wortgeschichtliche Erläuterungen dar, was es mit Lexemen wie »Bukett«, »Geschmack«, »Duft« oder »trocken«, »rein«, »pappig« und so fort auf sich hat, das heißt, wie sie unter Degustationsgesichtspunkten korrekt verwendet werden. Nicht selten kreiselt er dabei in pleonastischen Zirkeln oder bemüht banale Synonymreihen. Zumindest mir als Bierlexikographen, der seine Nase immerhin ein- oder zweimal in ein Weinlexikon gesteckt hat, muß man nicht partout unter dieselbe reiben, daß »flach« »ausdruckslos« bedeutet oder »jung« halt »unfertig«. Das, nehme ich außerdem an, wissen auch gemeine Getränkekonsumenten.
Trotzdem bin ich auf den einen oder anderen mir unbekannten und daher ausdruckserweiternden Begriff gestoßen. Das Adjektiv »bauernhell«, mit dem man einen leicht trüben Wein charakterisiert, werde ich mir merken, ebenso das schöne alte Wort »rahn«, das für rötlich-bräunlich verfärbte, nach Dörrobst oder frischem Brot schmeckende geistige Getränke reserviert ist.
Gleichfalls Einzug in mein in Arbeit befindliches drittes Bierlexikon werden halten »Deckengeschmack« (»unangenehmer Geruch und Geschmack nach Kahmhefen«; bei mir dann vielleicht eher für: »mundet, wie es morgens unter der Decke riecht, wenn …« oder »…, daß man an dieselbe gehen könnte«), »farbebrechend« (»farbkrank«; »verursacht schon beim bloßen Angukken Erbrechen und Kopfweh«), »Hagelgeschmack« (»Geschmack nach Schimmel«; »verhagelt einem die Bierlaune gründlich«) oder auch einfach mal der »Sackgeschmack«, des holden Wortbinnenreimes wegen.
Daß ein Bier indes niemals »grundsig« oder »durchsoffen«, geschweige denn »blau« sein könnte, das halte ich meinem Lieblingstrank gegenüber dem geringfügig zu stark adorierten Wein nach wie vor eisern zugute. Und wenn ich im Rahmen meiner nicht abreißenden Bierforschungen jemals einen »Teergeschmack« (»Beigeschmack von Weinen aus Lagen an frisch geteerten Straßen«) erspüren sollte, werde ich die Schließung der in Frage kommenden Verkehrswege veranlassen – oder ihn, den »Teergeschmack«, genau so notieren und danach bei der DFG einen Antrag auf Alimentierung des »Forschungsprojekts zur weiteren Erweiterung der Terminologie der Biercharakterisierung« stellen. Das wäre ein prächtiger Circulus, in dem ich mich da bewegen würde – Urheber und wissenschaftlicher Auswerter in einem zu sein, das soll mir mal einer nachmachen!
Und ein paar assistierende blonde Bräute fielen ja wohl auch noch ab, ha.
Der oder das Radler – akzeptabel?
Gewiß nicht. Beides nicht. Unter keinen Umständen. Das ist klar.
Diese symptomatischen Symptome unserer am Gesundheitswahn krankenden Zivilisation, das Radler und der Radler, sind zugleich ihre beinahe schlimmsten Flüche, sie ordnen sich direkt hinter dem Atom, al-Qaida, Austern und der Arschbombe ein.
Gründlich zu preisen wären im Grunde alle Fahrraddiebe der Welt, insbesondere die in Frankfurt am Main augenblicklich äußerst agil agierenden, denn sie säubern unser Straßenbild zumindest lokal und temporär von arroganten, bewegungsfetischistischen Elementen mit nußschalenartigen Kopfbedeckungen, an die Gott bei der Schöpfung nicht gedacht hatte und über deren unheilbare geistige Verwirrung später wenigstens Flann O’Briens Roman Der dritte Polizist (1940) ordentlich Auskunft gab, indem er an Hand des Fahrrads über die unheilvolle »Atomtheorie« aufklärte.
Keiner näheren Erörterung bedarf der Radler in Gestalt des Sportlers, zu dem wir zudem den Paraphänotyp des sogenannten Radkuriers zählen müssen, der sich in ohnehin unzumutbaren Städten wie Münster und München (ergänze: Frankfurt, Freiburg, Frankenthal et cetera) zu einem Massenärgernis ohnegleichen entwickelt hat. Mastbullen in synthetischen Wurstpellen (Radlerhosen) bringen jeden Verkehr zum Erliegen und verhelfen einer furchterregenden Alltagskleidungsästhetik zum Durchbruch, vor der wir nur die Augen verschließen können. »Der Radsport soll abgeschafft werden«, forderte deshalb der Radphilosoph Michael Rudolf (Das Fahrradbuch, Leipzig 2003) im Juli 2005 in der taz.
Auch gegen das Radler erhob er ebenda die Stimme, denn das Radler ist sehr übel und untrinkbar. Das entsetzliche Mischgetränk wurde im Sommer 1922 vom Wirt der Kugler Alm, dem ehemaligen Gleisarbeiter Franz Xaver Kugler, erfunden. Noch heute zieht das in Rede stehende Etablissement in Oberhaching nahe München-Süd Tausende von Radlern an, die nach nichts anderem trachten, als ihrem frevlerischen Tun durch den Verzehr einer »Radlermaß« (Bier mit Zitronenlimo) die Krone aufzusetzen.
Für seine Innovation gehörte Kugler post mortem aufs Rad geflochten. Die Frankfurter Henninger-Bräu, die 1994 anläßlich der dreiunddreißigsten Auflage des Radrennens »Rund um den Henninger-Turm« das erste industriell gefertigte Radler auf den Markt kippte, ist hernach verdientermaßen in die Klauen des Konkurrenten Binding gefallen. Im Verbund mit anderen professionellen Schändern des Biergedankens überschwemmt man seither allerdings die Welt mit einer apokalyptischen Zahl von Bräumixturen, allesamt Abkömmlinge des »verkotzten« (Ror Wolf) Radlers: Alsterwasser, Diesel, Moorwasser, Neger, Dreckiges, Schweinebier, Panasch, Wurstwasser sowie, unter Beigabe von Weißbier, Bananenweizen und Russ’.
Kurzum: Könnte man gegen die und gegen das Radler nicht die Bundeswehr einsetzen? Verfassungskonform wäre das sicher. Andernfalls sei landesweit ein Gesetz zum Nichtradlerschutz einzubringen. Radlerfreie Kneipen sind überfällig, zum Erhalt der geistigen Volksgesundheit.
Oberneuses
Zwischen Schönbrunn und Zettmannsdorf, im fränkischen Bierkellerland, liegt Oberneuses, und auf Oberneuses, wo es zwar keine Brauerei, aber eine Kellerstraße gibt, legt sich ein dicker Nebelschaum, nur auf Oberneuses, ein undurchdringlicher Nebelschleier, der exakt vom Ortseingang bis zum Ortsausgang reicht, so, als wolle Oberneuses nicht, nein, partout nicht mittun beim allgemeinen Biergebrumme rundherum, einfach seine Ruhe haben und unbehelligt bleiben, das will Oberneuses, das ist sicher.
Bock around the clock
Seit wann die Brauerei Seelmann in Zettmannsdorf im Steigerwald den Bockbieranstich zelebriert, weiß nicht einmal Juniorbrauer Georg Seelmann genau. »Wahrscheinlich so seit fünfundzwanzig Jahren«, murmelt er, die ewige Zigarette im Mundwinkel, »seit der Gebietsreform, als die uns Schönbrunn zugeschlagen haben. Aber halt auf jeden Fall immer am ersten Samstag nach dem Buß- und Bettag.«
Es ist kurz nach sieben, und der Saal des 1847 gegründeten Familienbetriebs ist schon ziemlich voll. Zwei Bolleröfen heizen seit Tagen vor. Etwa vierzig Bierbänke bieten zweihundert Eventtrinkern Platz, darunter zahlreichen »Auswärtigen«, wie der Franke sagt. Eine Frankfurter Gruppe von Rockern hämmert bereits die zweite Runde Bock in sich hinein. Später am Abend disqualifiziert sie sich auf unrühmliche Weise.
Gerade wird eine Busladung Jugendlicher in den ehemaligen Speicher geschüttet. Drei, vier Aushilfskellnerinnen, forsche Mädels aus dem Bamberger Umland, das dem Bierkenner als »der Nabel der Welt« (www.bierkeller.de) gilt, knallen die Halblitertonkrüge, die »Seidla« zu 2,20 Euro, auf die weißblauen, von der Raiffeisenbank zur Verfügung gestellten Plastiktischdecken. Rote Schleifen und weißblaue Wimpel zieren etwas linkisch die gekalkten Wände, vor den klapprigen Strebenfenstern hängen blaßrote Stores, und am Querbalken der hohen Decke funzelt eine bordellrote Neonröhre.
»Des is’ mei’ erster Bockanstich«, beichtet die für unseren Tisch zuständige Aushilfe, doch ihr gerötetes Gesicht zeugt davon, daß ihr die landstrichtypischen Hauptnahrungsmittel, Bier und Schweinefleisch, nicht fremd sein dürften. Derweil dirigiert Seelmann jr. die letzten eintreffenden Trupps in die Ecken. Der Laden ist aufgefüllt, das Abfüllen kann beginnen.
Auf der Bühne heizt »Dieter« an der Franz-Lambert-Orgel einem Saal ein, der sich in Windeseile von selbst aufheizt. Bockbier ist bei einer Stammwürze zwischen 16 und 18 Prozent eine Art Kopfheizung – zumal der klare, von einem feinen malzrauchigen Nachtrunk beseelte Seelmann-Bock, der nach zwei Halben schlagartig den Schädel verschleiert. Einen Alkoholwert von 10 Prozent vermutet die eine Bedienung, die nächste spricht von 7,8, die eigenen Berechnungen nach der zu vorgerückter Stunde rausgerückten Brauergeheimformel »Stammwürze 17,8 geteilt durch drei plus 0,5« ergeben eindeutig schummrigkeitserzeugende 6,43 Prozent.
Die genügen vollauf. Die Frankfurter am Nebentisch scheitern mehrheitlich schon nach zwei Stunden. Die uniform schwarzgewandeten Gesellen zollen der tückischen Lieblichkeit des rostbraunen Tranks Tribut und strecken ihn in einem Akt der Verzweiflung mit Cola – ein Sakrileg, das Herr Rehse, ein begnadeter Bierkundler aus dem Odenwald, nicht durchgehen lassen kann. »Verkauft nicht euren guten Bock / An das Cola-Bier-Gesock’«, schüttelt er einen Kampfreim aus dem noch wackeren Kopf, weshalb ihm Brauerstochter Christine, die zu wasserstoffblondem Haar vor allem einen glitzernden Rockernietengürtel trägt, das dunkelblaue Tapferkeits-T-Shirt des Hauses überstreift, auf dem zu lesen ist: »Bleib der Heimat treu, / Trink Seelmann Bräu«.
Solche Brauerlyrik verlangt Gegenlyrik. »Der Maus den Käs’, / Dem Ratz den Speck, / Dem Beatle den Rock / Und mir den Bock«, wirft Frau Rehse ein, ihre Tochter spendiert die Sentenz: »Draußen gibt’s nur Kännchen, drinnen gibt’s nur Bock«, und der Schwiegersohn schwingt sich zu einem wagemutigen »Mein Name ist Bier – Bock Bier« auf.
Dieter an der Orgel kämpft währenddessen um die akustische Vorherrschaft, aber das Saalgeräusch überschwemmt alles – dieser anschwellende Bockgesang der Zecher und Zischer, dieses Wogen, das plötzlich kurz abebbt, als zagte die Gemeinde einen Moment lang, um umgehend wieder hinaufzurauschen in fette Höhen aus Clustergeschrei und durstig-kraftvoller Kakophonie.
Längst gehorcht der Deckelabzieh- und Bezahlvorgang postmodernen Free-Style-Regeln. »Na, wos meinst, wos hast?« fragt Seelmann jr. und gesteht sogleich: »Eigentlich is’ mir des Bockwurst. Siehst, etz sin’ 1.000 Promille im Saal«, freut er sich und eiert davon.
»Ein besseres Bier gibt’s kaum«, sagt Herr Rehse, der mit einer immensen Portion Bockbierschäufele – Schweineschulter mit rohem Kloß und Kraut – eine stabile Grundlage geschaffen hatte. »Wer so zu brauen versteht, darf die Welt betrunken machen. Man muß die Maßstäbe hoch ansetzen, um tief fallen zu können«, grinst er.
Einige sind bereits gefallen – gleich auf die Bänke, auf den Boden in der Gaststube, eingehüllt in Schlafsäcke, oder in ihre Wohnwagen oder Igluzelte, die auf der schlammigen Wiese hinter dem Haus stehen.
Um eins kommt der Shuttle-Bus aus dem zwanzig Kilometer entfernten Bamberg, und der alte Brauer Georg Seelmann sen. schleicht wahrscheinlich noch immer umher, zufrieden lächelnd, seine verschreckte weißbraune Katze zart im Arm wiegend.
Mosers Mühen
Nun, wie ist’s denn gewesen beim Bockbieranstich, fragt Moser. Nicht schlecht, nicht schlecht, aber ganz schön heftig, ganz schön deftig, sagt Kenzmann.
Du, verstehst, ich hob’s net a so mit dem Bock, verstehst, sagt Moser. Moser nimmt einen Schluck Weizen. Naa, mit dem Bock, des homma net a so.
Moser fährt den rechten Zeigefinger aus und schiebt mit dem schon länger nicht mehr geschnittenen Fingernagel die Brille zurück auf den breiten Nasensattel.
Du, mir kenna uns ja, sagt Moser, des wär’ nix. Wenn mir Bock trinken tät’n, naa. Auf ei’m Bein steh’n ma net, logo, und wir mög’n uns ja auch, deshalb wer’n des fünfzehn, fünfzehn Bock.
Moser nimmt einen Schluck aus dem Weizenbierglas. Der Willi Winkler, sagt Kenzmann, von dem weiß ich, daß der mit Bockbier aufgezogen wurde. Der wurde mit Bockbier aufgezogen, so, wie Friedrich II. mit Biersuppe aufgezogen wurde.
Ach, wirft Moser ein und greift zum Bierglas. Ja, mit Bier, sagt Kenzmann. Oder mit einer Suppe aus Bier. Ich weiß nicht, ob Willi Winkler Biersuppe bekam, aber Friedrich II. bekam Biersuppe. »Unsere Väter hatten nur das Bier, und das ist das Getränk, das für unser Klima paßt«, hat der Friedrich gesagt.
Das ist richtig, sagt Moser und stellt das Bierglas vorsichtig auf den Bierfilz.
Der Willi Winkler wurde mit Bockbier aufgezogen, sagt Kenzmann, und zwar nicht einfach mit irgendeinem Bock, sondern mit dem Operator! Kenzmann hebt die Stimme. Mit dem Operator wurde der ernährt, von Kindesbeinen an!
Scho’ recht, sagt Moser.
Der Operator, sagt Kenzmann, ist ein Doppelbock. Man muß sich das mal vorstellen! Mit Doppelbockbier aufzuwachsen, ja mit Doppelbockbier aufgezogen und in die Welt geschickt zu werden, das ist doch schon mal was!
Moser schaut Kenzmann an. Der ist aus Odelzhausen, sagt Kenzmann, Spitzenklasse. Der Operator.
Hör mal, sagt Moser, ich war in Regensburg und hob’ Palmator getrunken. In Regensburg, verstehst. Einen Palmator nach dem anderen. Der Palmator, der ging nur so rein. Ich wußt’ ja gar nicht, was ein Palmator alles kann. Fünf Palmator war’n des, fünf über ’n Jordan, ich sag’s. Du, meine Freundin, du, ich hob’ die, ich hob’, na, ich hob’ von der Bockbierverbot bekommen. Hinterher.
Aber der Palmator hat doch nur eineinhalb Prozent mehr als so ein Weizen, sagt Kenzmann. Das kann doch nicht so schwer sein mit dem Bock.
Du, sagt Moser, ich trink’ locker meine acht, neun Weizen, aber beim Bock, naa. Vier über ’n Jordan. Wenn du, hör zu, zwei Bock trinkst, sind des alkoholprozentig approximativ zweieinhalb Weizen. Es sind aber, Mosers Stimme klettert in die Höhe, mehr als zweieinhalb Weizen! Da is’ was anderes drin im Bock. Im Bock is’ was im Busch, hehe.
Moser lacht und greift zum Weizen.
Hör, des is’ schwierig mit dem Bock, beginnt Moser wieder. Wenn ich mal so vierkommaneun annehme beim Weizen und sechsvier beim Bock, dann dürften zwei oder sechs Bock kei’ Problem sein. Aber, Moser hebt den rechten Zeigefinger, zwei Bock sind mehr als zwei Bock! Im Bock is’ ein Mehr an irgendwas! Es is’ unfaßbar. Unfaßbar ist des mit dem Bock!
Moser hält inne. Also, sagt er jetzt und nimmt noch rasch einen Schluck, im Bock ist ein anderer Alkohol. Da ist jedenfalls ein irgendwie etwas Anderes im Bock als im Weizen. Oder, sagen wir, auch im Hellen. Jedenfalls ist im Bock ein anderer Alkohol. Du trinkst dieses Bockbier und hast mehr Alkohol drin, als im Bockbier drin is’. Arithmetisch is’ des unmöglich, ich sag’s dir, unmöglich, imponderabel is’ des! Aber es ist so!
Kenzmann sagt nichts, und Moser sagt, der Alkohol im Bock sei immensurabel. Du saufst halt nicht, erklärt Moser, ein’ Schnaps mit 18 Prozent, sondern mit 80 Prozent. Mir sann auf vierneun geeicht, verstehst, und deshalb haut die Rechnung net hin. Nie haut die hin.
Moser haut wie zur Bestätigung seiner Rechnung mit der rechten Hand auf den Tisch und ruft: Superfalle Bock! Er ordert ein neues Weizen und sagt, gern würde er Bockbier trinken können, sehr gern. Aber mir ham a Problem drauf: Mir spei’n drauf. Des is’ subito klar. Des is’ der integrierte Schnapsfaktor im Bock.
Vielleicht gebe es da so gewisse Alkoholfamilien, sagt Kenzmann, Verträglichkeitsverhältnisse zwischen Getränken und Trinkenden. Der eine könne, der andere nicht. Der eine könne das und das, der andere das und das aber nicht. Auch zwischen Bier und bestimmten Schnäpsen gebe es ja Unverträglichkeiten, ganz furchtbare Interferenzen.
Sicher, sagt Moser, Bier und Whiskey geht, im Prinzip, Bier und Klare, des geht nicht.
Aber das sei doch Usus, sagt Kenzmann, zum Bier einen Klaren zu trinken. So sei das doch gewöhnlich.
Das sei ja die Sauerei, fährt Moser auf, daß das mit diesem Drecksschnaps, mit diesen Sauschnäpsen einfach so hingenommen und gemacht werde! Manche Sachen, sicher, die kann man halt wegbuchsen, ohne weiteres, zehn, elf Weizen, kein Problem, aber Tequila, hör mir auf mit Tequila! Das seh’ ich doch, was aus dem Tequila folgt! Mitten hinein in die Gifthölle marschieren die, Moser zeigt zum Tresen, rein in den Schnapssumpf reiten die, schreit Moser jetzt, jeden Abend!
Nein, Tequila würd’ ich ablehnen, sagt Moser nach einem frischen Schluck Weizen. Wodka ja. Aber Wodka hob’ ich Jahre net mehr getrunken. Ich hob’ Wodkaräusche gehaaaabt, Moser zieht die Stimme in die Länge und mit dem rechten Arm einen weiten Halbkreis, des kannst dir net vorstell’n. Wodka, sag’ ich heut’, Wodka – nur ein’. Und den mit Verstand.
Schnaps mit Verstand? fragt Kenzmann.
Du kriegst ein’ Wodka, sagt Moser, und du sagst: Das ist ein Wodka. Und das war ein Wodka.
Kenzmann winkt nach einem Weizen und fragt: Welchen Schnaps kann man denn dann überhaupt zum Bier trinken?
Keinen! brüllt Moser, er brüllt tatsächlich, warum brüllt er bloß? Hör zu! brüllt er, ja, er höre ja zu, sagt Kenzmann, hör zu, sagt Moser, der Hugo, mein Freund, der Hugo braucht den Schnaps, der braucht den so, und der braucht den zum Bier, der braucht den, weil er, weißt, weil er Depri hat. Der ruft mich an und sagt: Laß uns ein’ trinken, aber der meint nicht Bier. Der meint: Schnaps trinken.
Moser dreht den Kopf zur Seite. Mühsam greift er unter den Tisch und hebt seine Zigaretten auf. Aber ich möcht’ nich’ in diese Bratzkigemeinde, sagt Moser jetzt ruhig, weißt, der Hugo is’ mei’ Freund, aber ich möcht’ net. Bratzkischnapski. Aber der Hugo, der is’ mei’ Freund, und dann sitzma da, und dann is’ der Hugo wieder klug zu seiner Umwelt und sagt: Schau dir die Scheißumwelt da draußen wieder an. Und trinkt seinen Schnaps. Und diese Klugheit verdankt der Hugo dem Schnaps. Irgendwie.
Ich hob’ dem Hugo gestern g’sagt, sagt Moser nach einer kurzen Pause und einem Zug von der Zigarette: Hugo, hör zu, da führ’n wir uns jetz’ halt ein paar Weizen rein. Schnaps, Hugo, Schnaps, schön und gut, aber so geht’s nicht! So geht es natürlich nicht! Das ist pejorativ, Hugo. Das ist äußerst pejorativ, Hugo, hob’ ich dem Hugo g’sagt, aber Weizen, sag’ ich, Weizen geht. Ein Weizen geht noch. Eins geht immer.
Ja, sagt Kenzmann und schiebt seinen Stuhl nach hinten, ich muß jetzt los, leider.
Ja, geh ruhig, sagt Moser und winkt der Bedienung.
Oberharnsbach
Daß es doch ein Jammer und überhaupt nicht zu verstehen sei, daß ein Ort mit einem solchen Namen über keine Brauerei verfüge, sagt Herr Rehse. Nach Oberharnsbach gehöre doch eine Brauerei! Das gehe doch nicht, daß da keine Brauerei sei. So was gehöre sich doch wirklich nicht, so Herr Rehse. Oberharnsbach und Brauerei, das sei doch ein und dasselbe Ei. So würde ein Schuh draus werden. Aber so brauche man hier nicht anzuhalten.
Karnevalskirche
Weh euch, die ihr schon früh am Morgen
hinter dem Bier her seid.
Jes 5,11
Bevor ich vergangenen Sonntag nach dem Frühschoppen die Schankstube der Baunacher Brauerei Sippel verließ, um dem sich ankündigenden fränkischen Faschingsumzugsgelärme und den fanatisch alkoholisierten Festbürgern zu entkommen, ließ ich das Würzburger katholische Sonntagsblatt mitgehen, Ausgabe 4/2002 der »Kirchenzeitung der Diözese Würzburg«; und im friedfertiger gesinnten Nachbarort, in Reckendorf, stieß ich beim rotbraunen Schroll Lager auf die Überschrift »Und Gott lacht mit, weil er euch liebt«.
Gott lacht? War das nicht ein besonders moderner Blödsinn, ein häretischer Quatsch, eine sündhafte Fehllehre?
Seit der Scholastik ist ausgemacht, daß Gott, das allmächtige und vollkommene Wesen, keinen Grund zum Lachen haben kann und demzufolge nicht mal gickert. Gott lacht nie, Gott schweigt, schaut und schläft. Gott lacht? Ha! Daß ich nicht lache. Dem Lachen eigne etwas »Lichtfeindliches«, etwas luziferisch Böses, äußerte Baudelaire (Vom Wesen des Lachens). Ihm dämmerte gar, »das Lachen sei Anzeichen von Schwäche«, von Glaubensferne, scheppernde Kunde von der Ankunft des Fürsten der nahenden Finsternis. Und jetzt, mitten in den frühlingsfunkelnden östlichen Haßbergen, zwischen Bamberg und Haßfurt, dem Domizil des erbitterten Kirchenkritikers Karlheinz Deschner, empfing ich via Sonntagsblatt aus Priestermunde die sonntägliche Frohbotschaft, »daß das Lachen zur Natur des Menschen gehört. Und es ist eine Botschaft, daß hinter allem das unendliche Lachen des Schöpfers steht.«
Nun mag das Lachen laut Freud »die sozialste aller auf Lustgewinn zielenden seelischen Leistungen sein« oder zur Kompensation des Triebverzichts dienen; daß indes Gott den lieben langen Tag und bis in alle Hegelsche Unendlichkeit nichts anderes tut, als zu gakkern und herumzuwiehern, konnte nur ein schlechter Scherz sein. Allein, das Sonntagsblatt, ich traute meinen Augen kaum, feierte nicht bloß den, was es alles gibt, kürzlich stattgehabten »sechsten ökumenischen Wortgottesdienst der Karnevalisten« in der Würzburger Augustinerkirche (wäre’s wenigstens der Münchner Augustinerkeller gewesen), sondern führte zudem aus: »Außerdem hat Fasching einen christlichen Hintergrund, es steckt ein tiefer Sinn dahinter.«
Es ist wohl eher der, so Michail Bachtin, plane weltliche Unsinn der Maskerade und der diffus erotischen Exaltation; was Pater Adalbert Müller faschingsenerviert nicht daran hinderte, folgenden Predigtwitz zu reißen: »Herr Pater, ich habe Ihre Predigt gehört, sagte mir jemand. Meine letzte? fragte ich. Hoffentlich, war die Antwort.«
Zum Schießen, fürwahr. »Der Witz gefiel den Mitgliedern der mehr als zwanzig Faschingsgesellschaften«, erläuterte das Sonntagsblatt und fuhr fort: »Der Prior selbst kann lachen«, ja, dito »dem evangelischen Pfarrer Peter Laudi […] machte der Gottesdienst Spaß«, einen Heidenspaß.
Welch gottverlassenes, kurios katastrophales Treiben. »Ihr Narren seid ein frommer Haufen, ihr seid fröhlich, frei und flott. Es geht euch gar nicht um das Saufen, im Grunde geht es euch um Gott«, schäkerte Laudi. »Am Ende gab’s Applaus«, und »dann zogen Pfarrer, Prinzenpaar und Faschingsnarren zur Musik des Spielmannszuges der Ranzengarde ins Bürgerspital – feiern!«
Offenbar goes heute weiß Gott anything. »Der Witz«, heißt es bei Jean Paul ahnungsvoll, »ist der verkleidete Priester, der jedes Paar traut«, die klerikale Pappnase, die die Karnevalsschafe humorökumenisch eint und »zu Frohheit und Scherz« (Witzprofessor Kuno Fischer) animiert.
Angesichts solch trostloser Umtriebe las ich doch lieber und wahrlich vergnügter in der BamS von ebendiesem 3. Februar, daß die Karnevalsmaske Marke »Edmund Stoiber« der H. Krautwurst GmbH bei 19,25 Euro Erstehungskosten immerhin auch das giftigste sämtlicher handelsüblicher Gummigesichter ist und es während einer »Ausgasungsmessung« auf »21 flüchtige organische Verbindungen« brachte – Verbindungen, die verträglicher, quasi organischer sein dürften als diejenigen zwischen Karneval und Kirche, zwischen beinharter Komik und verweichlichtem Katholizismus, jenseits der Wirklichkeitswelt des Bieres.
Pulsuz fraqment bitdi.