Kitabı oxu: «Traum und Ziel»
Karl Friedrich Kurz
Traum und Ziel
Roman
11.–14. Tausend
Saga
Traum und Ziel
© 1940 Karl Friedrich Kurz
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711518434
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Ein Schatten am Fenster
Dumpfglühend wie der aufgehende Mond schwebt ein Fenster durch die Nacht.
Es ist kühl hier und still. In den Wolkenhimmel ragt verwischt ein Dach, halbverdeckt von der schwarzen Krone des riesigen Kastanienbaumes, der sich reglos gegen das Haus hinneigt, als wolle er ein Geheimnis belauschen.
Ein Schatten gleitet über die Gardinen.
Dieses Fenster und dieser Schatten scheinen das letzte, das einzige, was von der Wirklichkeit der Dinge zurückblieb. Die übrige Welt zerfloss in Formlosigkeit. Alles Leben ging unter in einer drückenden, unheilvoll lauernden Stille, die erfüllt ist vom verhaltenen Brausen des Stroms.
Nur ein verhangenes Fenster, über das in regelmässigen Zwischenräumen ein Schatten gleitet. Nichts als ein Zimmer, in dem ein Licht brennt. Ein Zimmer, in dem ein Mensch ruhelos wandert.
Zuweilen kommen aus der nahen Stadt die Stundenschläge. Tiefe Glockentöne, sie springen irgendwo in der Finsternis auf und tauchen wieder in der Finsternis unter.
Der junge Gärtner Alois bemerkte das erleuchtete Fenster und den gleitenden Schatten an der Gardine schon am Abend, als er zu seiner Liebsten ging. Nun kehrt der Gärtner von seiner Liebsten zurück, und der Schatten gleitet immer noch über die Gardinen. Alois hat gute Augen und mancherlei Gedanken in seinem Kopf. Stark und süss duftet der Jasmin, und der Gärtner murmelt: „Dort marschiert er wieder ... Marschiere immerzu, grosser Mann ...“
Gegen drei Uhr erlischt das Licht hinter dem Fenster; es erlischt nicht jäh, auf einen Schlag, sondern mit einer zaudernden Gemächlichkeit.
In dieser Nacht nahm der lange Marsch des Herrn Bondorf ein Ende. Irgendwie kam es — vielleicht war der Herr geistesabwesend, oder es lag ein kleiner Fehler am Gashahn. Am Morgen erwachte Herr Bondorf nicht mehr. Ein wenig verkrümmt lag er in seinem prächtigen Mahagonibett, lag unter der gelben Seidendecke und hatte einen bläulichen Schimmer im Gesicht. Neben ihm lag seine Frau, die noch immer jugendliche und ungeheuer stolze Madame Bondorf, die nur Französisch sprechen wollte und eine verwegene Reiterin war. Ja, da lag nun auch sie, blauschimmernd und sonderbar.
Das Zimmermädchen entdeckte die Sache. Wie jeden Morgen ging es mit dem heissen Kaffee ins Schlafzimmer, trat leise ans Bett, stiess einen pfeifenden Schrei aus und lief zur Köchin. Die Köchin, eine alte, abergläubische Person, rannte fort, den Gärtner zu suchen. „Oh, meine arme, sündige Seele!“ heulte sie und riss die Haustür auf. Ein frischer Nordwind sprang sie an und presste ihr den Rock gegen Bauch und Beine. In den Tannen sauste und fauchte es. Da und dort erhob sich vom Boden ein vom Winter vergessenes Laubblatt wie eine kleine, dunkle Hand, die schnell nach etwas haschte und wieder in die Erde zurücksank. Das alles schien der Köchin befremdlich und unheilkündend; dazu die Gestalt des Gärtners, von dem sie nur den langen, schmalen Rücken sah und eckige Schultern ohne Kopf. „Nicht umsonst zeigte sich das graue Garnknäuel“, seufzte sie. „Das bedeutet Unglück ... Alo—is!“
Der Gärtner kniete vor einem Blumenbeet, hörte den Ruf der Köchin, hörte auch ihre Schritte. Ohne aufzublicken, brummte er: „Was will es schon wieder, das dicke Halleluja ...“
„Alois — schnell ...“
„Was plagt dich?“
„Schnell, um Gottes willen — vielleicht ist noch ein Restlein Leben in ihnen.“
„Jetzt glaube ich aber — alte Angstflasche ... Wo brennt es?“
„Diesmal handelt es sich um ein Verbrechen ...“
In seinen groben, schmutzigen Stiefeln stapft Alois über den Perserteppich, streckt überaus gespannt den Kopf vor, schnuppert: „Hier riecht es verdächtig nach Gas und anderer Pestilenz.“
„Ja“, flüstert das Zimmermädchen.
„Hast du das Fenster geöffnet, Sophie?“
„Ja.“
„Und der Gashahn?“
„Den schloss ich.“
„Dann bleibt weiter nichts mehr zu tun“, entscheidet der Gärtner.
Blass und verstört schielt das Zimmermädchen hinter seiner Schürze hervor. „Leise — leise“, mahnt es.
Alois richtet seine grauen, klugen Augen auf das Bett, hebt mit zwei Fingern Frau Bondorfs weisse Hand von der Decke auf; hölzern folgt von der Schulter an der ganze Arm mit. Im Niederfallen schlägt die Hand dumpf gegen den Bettrand.
„Lass das!“ ruft entsetzt das Zimmermädchen.
„Sie merkt nichts mehr davon. Und hier gibt es nichts mehr zu flüstern, Sophie. Von diesen beiden ist eins genau so tot wie das andere.“
„Tot?“
„Schon kalt und steif.“
„Tot?“ wiederholt die Zofe atemlos.
„Das kannst du wohl selber sehen. Dabei ist nichts mehr zu machen. Natürlich muss man den Arzt holen. Aber zu machen ist nichts. Dieses hier muss sich kurz nach zwei Uhr zugetragen haben.“
„Schweig!“ stöhnt die Zofe. „Stets bist du so frech ... Geh hinaus!“
Alois geht. Bei der Tür dreht er sich noch einmal um, lässt seinen Blick missbilligend durch das prächtige Zimmer schweifen und sagt: „Kann man denn in einem solchen Raum sterben? Sollten diese beiden je in den Himmel kommen, werden sie es dort nicht besser treffen.“
Alois holte den Arzt. Es war nichts mehr zu machen. Der grosse Weinhändler Bondorf und seine Frau hatten diese Welt still verlassen.
Ein blosser Zufall vielleicht, oder ein Unglück aus Unachtsamkeit? Als die Obrigkeit erschien und strenge Nachforschung hielt, kamen gar sonderbare Dinge zutage. Die Bücher stimmten nicht. Wo stimmte es in diesem vornehmen Haus? Es fehlte überhaupt an allem und jeglichem — keine Barschaft, kein Bankguthaben, keine Forderungen, dafür gewaltige Schulden. Es wurde ein fürchterlicher Zusammenbruch.
Alma, das einzige Töchterlein, wäre über Nacht zum ärmsten Bettelkind geworden, wenn Frau Bondorf diese Schande nicht im allerletzten Augenblicke noch verhindert hätte. Sie gab ihren Schmuck her und versicherte ihr Leben; dieserart verhinderte sie es.
Merkwürdige Menschen. Harte Menschen. Stolze Menschen. Geldmenschen — das Leben gefiel ihnen gut in dieser Welt, solange ihre Kasse gefüllt war. Sobald der Reichtum verlorenging, verzweifelten sie, und das Leben gefiel ihnen nicht länger.
Ein grosses Gerede und Gerate hub an. Die Leute können nachträglich urteilen und verdammen. Die Leute wissen vielleicht einiges. Doch sie wissen nicht, was diese beiden gelitten, bis sie sich zum letzten Entschlusse durchgerungen. Niemand erfuhr etwas von den langen Gesprächen in den Frühlingsnächten, als der Schatten am Fenster hin und her glitt. Aber da sie nun tot waren, begrub man sie.
Von den vielen Freunden ihrer Licht- und Glanzzeit gaben ihnen nur wenige das Geleit zum Friedhof. Die Bondorfs hatten vielleicht recht in ihrer Weise: sie wussten, dass sie mit Geld geachtet und mächtig waren. Ohne Geld waren sie nichts.
Das grosse Haus wurde völlig ausgeräumt, vom Keller bis zum Dachboden, und alles kam unter den Hammer, alle Möbel und Teppiche und die Gemälde an den Wänden. Alles wurde fortgeführt; auch das Mahagonibett. Der Weinhändler und seine Frau starben jung; sie standen kaum im Sommer ihres Lebens. Nachträglich hiess es, ihr Leben sei der unverschämteste Schwindel gewesen. Die vielen Fässer, die man aus den weitläufigen Kellern heraufholte, waren teils völlig leer, teils mit blankem Wasser gefüllt.
Auch das Haus und der grosse schöne Garten kamen unter den Hammer und wurden zu einem Spottpreis losgeschlagen; denn niemand wollte das Haus der Selbstmörder haben, obschon man einen prächtigeren Besitz in der Gegend kaum finden konnte. Seit alters her nannte man ihn Ritterhof. Es hiess, einmal habe hier ein gewaltiger Mann, ein Ritter, gelebt, der sei im Kampf mit den Bauern vor den Toren der Stadt erschlagen worden. Damals war der Ritterhof eine Burg mit Turm und starken Mauern. Später wurde daraus ein Dominikanerkloster.
Alte Häuser haben ihre Geschichte. In der Klosterzeit entstanden unter dem Ritterhof die ungeheuren Keller. Die Leute behaupten, es führe ein Gang unter dem Rhein von einem Ufer zum anderen; aber er sei längst verschüttet; und es gebe im letzten Keller eine Treppe, auf der einst viele Menschen niederstiegen, aber keiner mehr heraufkam. Ausserdem gab es die Geschichte von einem Mönch. Möglicherweise war das eine neue Geschichte, von der Köchin Margarete erfunden und in Umlauf gesetzt.
„Oh, oh — ein grauer Mönch in langer Kutte!“ sagte Margarete. „Er schritt über den Hof; er schritt am Haus vorüber und schaute von der Terrasse her ins Kontorfenster. Er lehnt am Fenster — und auf einmal ist er nicht mehr da. Aber von der Stelle aus rollt ein graues Garnknäuel, rollt über den Weg und verschwindet bei der Tujahecke ...“
Drei Abende hintereinander sah die Köchin Margarete sowohl Mönch als Garnknäuel. Darauf starb die Herrschaft. Gewiss nur sinnloses Geschwätz einer alten, abergläubischen Person; doch es erfüllte einen geheimen Zweck. Es brachte den Ritterhof in der ganzen Stadt in Verruf.
Das Töchterlein Alma zog zu ihrem Onkel, der ebenfalls ein Händler und grosser Herr war und in derselben Strasse wohnte. Alma zählte vierzehn Sommer, schmal und blond war sie und überaus fein, dabei schon etwas damenhaft. Man sah sie von dieser Zeit an nur noch in schwarzen Kleidern, als richtige Waise, blass, still und traurig. Man betrachtete sie scheu und hatte Mitleid mit ihr, weil ein hartes Schicksal sie so früh getroffen. Niemand trug dem Kind nach, was die Eltern gesündigt. Selbst die wilde Strassenjugend unterbrach ihre lärmenden Spiele, wenn Alma, wie ein Schatten der Nacht, an ihnen vorbeiglitt.
Der Ritterhof versank in Schweigen; verlassen lag der schöne Garten. Doch der Frühling brauste durch die Welt und lockte bunte Wunder aus der geheimnisvollen Tiefe der Erde, auch wenn die Blumen niemand zur Freude blühten.
Der neue Besitzer des Ritterhofs meinte, das sei ein sinnloser Zustand. Es gelang ihm, weder die Besitzung zu verkaufen noch zu vermieten. Kein einziger Liebhaber meldete sich für das Gespensterhaus.
Woche um Woche ging. Dieselbe Totenstille im Haus. Im Garten verwelkten die Blumen; das Unkraut machte sich frech über alle Wege und Plätze her. Nur die Obstbäume trugen in stiller Güte ihre Früchte.
Der Geheimnisvolle
Verborgene Fäden knüpfen ferne Dinge zusammen. Alles hat seine Bedeutung. Die Bondorfs starben; sie machten im Ritterhof Platz für die Lohmanns. Ein ganz verwickelter Zug im grossen Spiel.
In den Tagen, da im verlassenen Garten die Äpfel reiften, wurde die Familie Lohmann von einem hartherzigen Hausbesitzer auf die Strasse geworfen. Diese zahlreiche und sprachgewaltige Familie bezahlte ihre Miete höchst mangelhaft und wurde von den Hausbesitzern verachtet und von den Nachbarn gefürchtet.
Klaus Lohmann, der Grossvater, ein buckliges, mageres Männchen, das stets mit dem Kopf wackelte, zog einst mit seiner Frau und fünf Töchtern vom Lande in die Stadt. Klaus selber führte ein Schattendasein, ging in der Stube aus und ein, setzte sich an den Tisch, beteiligte sich selten an der Unterhaltung. Sein Wort fand von niemand Beachtung. Sie nannten ihn den Ältesten; doch es lag keine Ehre in diesem Titel.
Wovon die Lohmanns lebten, liess sich schwer ergründen. Zuweilen arbeiteten sie, zuweilen trieben sie einen kleinen Handel, meistens arbeiteten sie nicht. Sie lebten irgendwie und ernährten sich von einem Tag auf den anderen.
Bald nach ihrer Ankunft in der Stadt fand die Tochter Barbara einen Bräutigam, der Lorentz hiess und sogleich starb. Nachdem er gestorben war, widmete sich die Tochter Barbara der Trauer um ihn, nannte ihn Lorentz selig und nähte nebenbei ein wenig.
Die zweite Tochter heiratete einen Eisenbahner und bekam schnell nacheinander drei Buben — Werner, Emil und Arnold. Damit hörte die Fortpflanzung der Familie Lohmann auf. Sie vermehrte sich jedoch noch auf diese Weise, dass ein Mädchen, das vielleicht einen lockeren Lebenswandel führte, den Knaben Konrad ins Haus brachte und hernach wieder spurlos in der Ferne verschwand.
Konrad zählte zwei Jahre mehr als Werner. Er war gewiss ein Kind der Sünde. Er hatte ein stilles, erschreckend blasses Gesicht und darin ein paar treue blaue Augen. Die drei Knaben umschlichen ihn, betrachteten ihn eingehend; darauf zogen sie sich in ihre Dachkammer zurück.
Emil sagt: „Das ist der Sohn des Geheimnisvollen.“
„Jetzt schwafelst du wieder“, erklärt Werner, indes er sich müht, das Werk einer alten Schwarzwälder Uhr in Gang zu bringen.
„Zuweilen, in der Dämmerung, spricht er mit mir“, sagt Emil weiter.
Die Schwarzwälder Uhr beginnt rasselnd zu schlagen, schneller oder langsamer, je nachdem Werner an der Kette zieht.
Emil sagt: „Er heisst Konrad. Weisst du, warum?“
Keine Antwort.
„Weil er das uneheliche Kind einer Stallmagd und eines Grafen ist“, fährt Emil unbeirrt fort.
„Woher weisst du das?“ fragt Werner.
„Ich weiss es. Ein Fluch lastet auf ihm.“
„Wer sollte ihn denn verflucht haben?“
„Der Vater des Grafen. Niemand weiss das, nur ich allein. Darauf nahm Konrads Vater eine Pistole und schoss sich tot.“
„Er schoss sich selber tot? Keine Spur.“
„Doch. Auch ich werde mich einmal totschiessen. Ich weiss das alles In Konrad fliesst blaues Blut.“
„Wo kann man das sehen?“
„An den Schläfen. Vielleicht werde ich einmal eine Gräfin heiraten. Soviel ist mir schon verraten worden.“
„Wer hat es dir verraten?“
„Im Traum ...“
Arnold, der jüngste, klettert auf eine grosse, leere Kiste; vorgebeugt, die Hände in den Hosentaschen, lauscht er gespannt und füllt mit der Zungenspitze die Backe aus, so dass eine Beule entsteht. Wenn ihm Emils Rede besonders gefällt, trommelt er mit den Fersen auf die Kiste.
Emil war damals zehn Jahre alt. Sie gingen alle in die Stube hinunter und betrachteten den Knaben Konrad nochmals eingehend, die hohe Stirn und die Äderchen an den Schläfen. Es stimmte. Er hatte blaues Blut. Er war geheimnisvoll.
„Was soll aus diesem Knaben werden?“ fragte Hannes Frank, der Eisenbahner, mit bösen Falten zwischen den Augenbrauen. „Sind nicht schon mehr als genug unnütze Mäuler vorhanden?“
Aber die Lohmanntochter Elisa war ein mündiges Frauenzimmer; sie hatte ein kleines Gesicht, eine spitze Nase und einen schmalen, geraden Strich darunter; sie sagte zu Hannes Frank: „Du solltest dich vor dir selber schämen! Schweig und sieh seine Augen an!“
„Darauf pfeif’ ich“, sagte Hannes. „Mit seinen Augen wird er sich den Bauch nicht füllen.“
„Ob einer mehr oder weniger mit uns isst, hat nichts zu bedeuten.“
Offenbar hatte das dennoch etwas zu bedeuten. Denn es entwickelte sich daraus einer der unzähligen Wortwechsel mit Tischklopfen, Fluchen und Türschmettern. Das Ende vom Spektakel war, dass der Knabe Konrad in die Familie Lohmann aufgenommen wurde. Der Herr im Himmel sorgt in unversiegbarer Güte für seine Kinder.
Es ging. Die Lohmanns ernährten sich immerzu. Es ging durch alle Jahreszeiten. Zumeist ging es mit Brot und dünnem Kaffee und noch dünnerer Wassersuppe. Manchmal ging es fast wie durch ein Wunder. Die Lohmanns kämpften mit dem Schicksal und erhielten sich am Leben. Disteln gleich standen sie am Rande der Wüste und lebten von Licht und Luft und gar nichts. Wahre Meister des Sparens und des Hungerns, überaus fromme Seelen. Wenn alles Bargeld ausging, sagten sie: „Gott wird weiterhelfen.“ Und ihr Glaube wurde nicht zuschanden. Zu Hannes Frank, der sich mit groben Worten gegen den Niemandssohn Konrad versündigte, sagten die Frauen: „Wohltun trägt Zinsen.“
Die Entwicklung der Dinge gab den Frauen recht. Denn kein anderer als Konrad war es, der die Kunde vom leeren Ritterhof ins Haus brachte. Konrad trieb sich oft auf der Strasse herum und verfolgte mit seinen hellen Augen das Treiben der Menschen, reif für sein Alter, wie Kinder der Armut oft zu sein pflegen.
Konrad rannte in die Stube und hatte vor Aufregung rote Flecke auf beiden Wangen; gerade an dem Morgen, da die Lohmanns obdachlos werden sollten. „Wir können in den Ritterhof ziehen“, sagte Konrad.
„Bist du verrückt?“ fragten die Frauen.
„Nein, nein ... Kein Mensch will im Ritterhof wohnen. Ich könnte den Eigentümer fragen, den Herrn Mayer; sein Sohn ist in meiner Klasse, ich helfe ihm bei den Aufgaben; ich war schon bei ihm daheim.“
„Ja, du ... Geh nur!“ riefen sie.
Ein Wunder geschah. Der blasse Junge Konrad vollbrachte es.
Floss wirklich blaues Blut in ihm? Verfügte er über ungewöhnliche Geisteskräfte? Ach, vielleicht war das Wunder nicht gar so gross. Der Besitzer dachte wohl, eine kleine, selbst eine unsichere Miete sei besser als gar keine Miete. „Gut. Ihr könnt sofort einziehen“, sagte Herr Mayer.
Schon in derselben Nacht schliefen die Lohmanns in den einstigen Rittersälen, in den vornehmen Räumen, die seltsam nach Reichtum, Gas und Tod rochen. Anstatt in einer engen Dachkammer wie Schafe zusammengepfercht, lagen die vier Buben mit grösster Raumverschwendung in einem hohen, weiten Prunkgemach. Von allen Wänden strahlten fast gewandlose Göttinnen; und es gab da Märchenwälder, durch die fabelhafte Tiere schritten.
Werner wurde von der zauberhaften Umwandlung am meisten ergriffen. Mit dem ersten Morgendämmer erwachte er und sah staunend die unerhörte Pracht der bemalten Wände aus den Schatten der Nacht hervorwachsen. Dieser Erstgeborene, Werner, schlug sicherlich aus der Art; er glich weder seinen Brüdern noch irgendeinem der Lohmannsippe. Nur er hatte dieses schmale Gesicht mit der breiten, kantigen und eigenwilligen Stirn. Ein merkwürdiger Träumer von früh an. Seine braunen Augen schienen stets in der Ferne zu suchen. Seine Freude bestand darin, Papier und Holzstücke, ja sogar die Wände mit Zeichnungen zu bedecken.
Ergriffen wurden sie wohl alle. Die neue Umgebung wirkte auf sie in eigentümlicher Weise. Man hätte glauben können, das alte Ritterschloss ziehe diese Menschen zu sich empor. Ein neuer Geist fuhr in sie; sie sprachen behutsamer und bezähmten die Gewalt ihrer Stimmen. Die Vornehmheit des alten Hauses betörte sie.
Am Morgen fragte Elisa, die mit der spitzen Nase, ihren Schwager, mit dem sie sonst allezeit auf Kriegsfuss stand: „Nun, lieber Hannes?“ Und das fragte sie sicherlich reinen Herzens. Sie wollte wohl darauf hinweisen, dass die ganze Herrlichkeit Konrads Werk sei. „Ohne seine Hilfe hättest du niemals in diesem Schloss übernachten dürfen“, sagte sie.
Zu gewöhnlichen Zeiten — ja, weiss der Henker — hätte eine solche Frage Hannes Frank, das Oberhaupt, in hellem Zorn aufflammen lassen, und die entsprechende Erwiderung wäre bestimmt gefallen. An diesem gnadenreichen Morgen jedoch wollte er sich nicht versündigen, sondern nickte zur allgemeinen Verblüffung Elisa nachsichtig zu.
Trotz ihrer scharfen Nasenspitze und dem dünnen Strich darunter wollte Elisa nicht eine von der Sorte sein, die Gutes mit Bösem vergalt. Darum erwies sie dem Schwager Ehre. „Ja, du, Hannes“, sagte sie, „du bist ein so kluger Mensch und bewandert in vielen Dingen. Könntest du uns erklären, was die unverschämten Malereien im Zimmer der Buben darstellen?“
„Das“, antwortete der Schwager Hannes, ohne sich lange zu besinnen, „das sind Sachen aus der biblischen Geschichte.“
„Alle diese nackten, ausgelassenen Frauenzimmer, du, Hannes?“ Nein, Elisa zweifelte; und vielleicht war selbst zu dieser guten Stunde ihr Herz doch nicht ganz frei von schlimmen Hintergedanken. Sie wollte dem Schwager eine Falle stellen.
Wenn aber der Schwager in Elisas Falle fiel, so blieb er immerhin noch der Mann, der wieder darauskrabbelte. Breit und sicher stellte er sich vor dem Märchenwalde auf und fragte: „Hast du vielleicht je etwas von einem weltberühmten Maler gehört, der Raffael hiess?“
Ja, nun starrte Elisa in die leere Luft.
„Also dieser Maler“, verkündete Hannes Frank, „malte viele Bilder. Und alle malte er für den Papst in Rom. Im Palast des Papstes sind mehr als tausend Zimmer, wenn du bei dieser Gelegenheit auch noch dieses wissen möchtest. Und auf alle Wände der tausend Zimmer malte der Maler Raffael seine Bilder. Darunter gibt es manche Frauenzimmer, die noch weniger auf dem Leibe haben als diese hier.“
Die Knaben stehen dabei und spitzen ihre Ohren. Konrad horcht mit schiefem Kopfe auf das, was Hannes Frank vom Maler Raffael und den tausend Zimmern des Papstes erzählt, und er zwinkert Werner heimlich zu.
Aber Elisa, das streitlustige Frauenzimmer, lacht frech. „Hihi, Hannes — das magst du nur selber glauben. Hihihi“, lacht Elisa zweideutig. „Bist du vielleicht schon einmal in Rom beim Papst gewesen?“
Zwischen Hannes Franks Brauen erscheint die gefürchtete Falte, und die Unterredung hätte gewiss, allem Wohlwollen zum Trotz, mit einem Streit geendet, wenn im allerletzten Augenblick eine helle Knabenstimme dies nicht verhütet hätte. „Ich habe Talent. Ich will Künstler werden. Ein grosser Raffael. Ich werde berühmt. Ich will viele Bilder malen ...“
Der Knabe Werner sagte das. Er sagte es nur zu sich selber. Es sprang plötzlich als ein heftiger Schrei aus seiner innersten Seele. Mit seinen dreizehn Sommern wandelte er noch gläubigen Herzens durchs Wunderland, wo alles möglich ist.
„Haha!“ Der Vater Hannes lacht und blickt aus grosser Höhe hernieder auf seinen kühnen Sprössling. „Haha — grüner Scherenschleifer!“
Und „Hihi“ lachen die Frauen. Die Frauen lachen viel lauter als nötig und ziehen die kampffreudige Elisa aus der vordersten Frontlinie. Immer ist ein bisschen Diplomatie und Strategie im Handeln der Frauen — diesmal vermeiden sie einen Krieg.