Kitabı oxu: «Herausgeforderter Glaube»

Şrift:

Karl Hillenbrand

Herausgeforderter Glaube

Zwischenrufe zu Zeitfragen

Karl Hillenbrand

Herausgeforderter Glaube

Zwischenrufe zu Zeitfragen


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.

© 2012 Echter Verlag GmbH, Würzburg

www.echter-verlag.de Umschlag: Stefan Weigand Umschlagbild: © Sieger Köder, Das Gewand Jesu Satz: Hain-Team, Bad Zwischenahn (www.hain-team.de) Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck ISBN 978-3-429-03541-9

Inhalt

Vorwort

A. Lernen aus der Geschichte

– Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung

– Der Mauerfall – ein Geschenk mit Langzeitwirkung?

– Europa im Wandel – was wird aus den christlichen Werten?

B. Christsein im gesellschaftlichen Umbruch

– Ethik, Wirtschaft und Politik – Versuch einer Zuordnung

– Wonach richten sich Richter? Fragen an unsere Rechtsprechung

– Kirche und Staat – Kooperation oder Konfrontation?

C. Lebensformen in der Krise

– Jugend ist Zukunft – ein (zu) selbstverständlicher Satz?

– Ehe und Familie – überholte kirchliche Positionen?

– Das Profil des Priesterberufs

D. Streitfragen im kirchlichen Leben

– Was hat die Kirche aus Jesus gemacht?

– Aus dem Dunkel ans Licht: Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal

– Perspektiven für die Ökumene

Zum Schluss

– Dialog in der Kirche – Zehn Grundgedanken

Quellenverweise

Vorwort

Der Dienst eines Generalvikars steht nicht nur im Schnittpunkt vielfältiger innerkirchlicher Lebenslinien, sondern genauso im Spannungsfeld zwischen der Glaubensverkündigung und den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Problemen. Manchmal entwickeln sich aus solchen Herausforderungen regelrechte Zerreißproben – eine Anspielung darauf ist das Titelbild von Sieger Köder, wo Vertreter verschiedener Konfessionen und Kontinente sich buchstäblich um das Gewand Jesu reißen.

Jedenfalls ergaben sich in meiner kirchlichen Tätigkeit viele Anlässe, bei denen in der Situation eines herausgeforderten Glaubens „Zwischenrufe zu Zeitfragen“ angesagt waren. Sie hatten alle einen konkreten Anlass, gingen jedoch oft über eine bloß kurzfristige Aktualität hinaus. Die jeweiligen Gedanken ergaben sich aus der Einsicht, dass Christsein sich immer wieder „einmischen“ muss, um die Konsequenzen deutlich zu machen, die sich aus der Menschwerdung Gottes und seinem Kommen in unsere Welt ergeben. Solche Stellungnahmen stehen auch nicht im Gegensatz zu einer recht verstandenen „Entweltlichung“, wie sie Papst Benedikt XVI. bei seinem Deutschlandbesuch im Herbst 2011 gefordert hat. Sie sind vielmehr konkrete Folgerungen aus diesem Grundgedanken: Dem Papst geht es ja gerade nicht um einen Rückzug aus der Welt, sondern darum, in der Welt deutlich zu machen, dass der Glaube von Voraussetzungen herkommt und auf Ziele hin ausgerichtet ist, die eben nicht rein innerweltlich zu definieren und zu realisieren sind. Die Kirche muss immer wieder versuchen, den Menschen Gottes helfendes Handeln nahezubringen und dies gleichzeitig so zu tun, dass dabei der „Mehrwert“ des Glaubens deutlich wird, indem Perspektiven vermittelt werden, die letztlich in Gottes Ewigkeit gründen. „Entweltlichung“ meint also gerade nicht den Rückzug in einen abgeschotteten kirchlichen Binnenbereich, sondern das Offenhalten des Lebens auf größere Zusammenhänge hin. Darum geht es dem Papst auch im „Jahr des Glaubens“, das er in Erinnerung an die Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils vor fünfzig Jahren für den Zeitraum von Oktober 2012 bis November 2013 ausgerufen hat. Sein Satz bei der Ankündigung (im Motu Proprio „Porta fidei“ Nr. 10) war für mich die Anregung zu dieser Publikation: „Gerade weil der Glaube ein Akt der Freiheit ist, erfordert es auch die gesellschaftliche Verantwortung für das, was man glaubt.“ Die Sammlung der aus den verschiedensten Situationen heraus entstandenen Überlegungen möchte ein kleiner Beitrag dazu sein.

Das Entstehen dieses Buches wäre nicht möglich gewesen ohne die Mithilfe verschiedenster Art. So danke ich dem Echter-Verlag, besonders Herrn Thomas Häußner, für die bewährte Zusammenarbeit. Die Texterfassung besorgten meine Mitarbeiterinnen Frau Angelika Kralik und Sr. Magdalena Wenig OSA. Zugleich bin ich dankbar, dass ich dabei auf Vorarbeiten von Frau Edith Hermann zurückgreifen konnte, die 2010 verstorben ist. Herrn Realschuldirektor a. D. Hans Kralik gilt mein Dank für sein sachkundiges und sorgfältiges Korrekturlesen.

Würzburg, Pfingsten 2012

Karl Hillenbrand

Lernen

aus der Geschichte

Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung
Juden und Christen

Der Stein schreit aus der Mauer“ (Hab 2,11). Mit dieser alttestamentlichen Bibelstelle hat ein Zeitzeuge sein tiefes Entsetzen darüber ausgedrückt, was vor mittlerweile mehr als 70 Jahren geschehen ist: In einer bis dahin nicht erlebten Verwüstungsaktion, die von der Naziregierung organisiert war, wurden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 überall in Deutschland jüdische Synagogen und Friedhöfe geschändet, angezündet oder zerstört, jüdische Geschäfte, Häuser und Wohnungen wurden geplündert und demoliert. Über 400 Juden kamen dabei gewaltsam ums Leben; in den folgenden Tagen wurden weitere 30 000 in Konzentrationslager verschleppt. Die damaligen Ausschreitungen waren eine weitere Radikalisierung der Judenverfolgung, die schon seit 1933 mit einer systematischen Einschränkung der Rechte von knapp 600 000 jüdischen Mitbürgern im Deutschen Reich begonnen hatte. Am Ende des Zweiten Weltkrieges waren von denen, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, 180 000 ermordet; weltweit kamen in diesem unvorstellbaren Holocaust, der durch den menschenverachtenden Rassenwahn eines verbrecherischen Regimes ins Werk gesetzt worden war, sechs Millionen jüdischer Männer, Frauen und Kinder ums Leben.

Die Erinnerung an die sogenannte Reichspogromnacht darf allerdings nicht bei einem bloß historischen Rückblick auf einen der schlimmsten Tage deutscher Geschichte stehenbleiben. Es stellt sich die Frage, welche Art des Gedenkens für uns als Christen angemessen ist, damit aus der bedrückenden Einsicht in die Vergangenheit eine befreiende Aussicht auf die Zukunft erwachsen kann. Dabei darf gerade im Blick auf die damaligen Vorgänge nichts beschönigt werden, denn im Unterschied zu den späteren Mordaktionen in den Vernichtungslagern der Nazis spielten sich die Vorgänge in der Nacht des 9. November vor aller Augen ab. Es gab damals viel Gleichgültigkeit und Gemeinheit bis zur Beteiligung an den Plünderungen, zum Teil unverhohlene Schadenfreude, aber auch Zeichen des Mitgefühls und der Empörung. „Der Stein schreit aus der Mauer“ – der eingangs erwähnte Bibelvers wirkt auch heute noch wie eine Anklage, wenn es darum geht, das Unfassbare von damals ins Wort zu bringen.

Es geht gerade für uns Christen um ein Lernen aus der Schuldgeschichte am jüdischen Volk; denn man kann sich nicht mit der Zukunft beschäftigen und dabei das Vergangene ignorieren, indem man einfach einen Schlussstrich zieht. Das ist nicht möglich. Perspektiven für ein tragfähiges Miteinander von Juden und Christen lassen sich nur gewinnen, wenn das Geschehene – sicher oft mühsam – aufgearbeitet und in einen neuen Zusammenhang gestellt wird. Den Schlüssel dafür sehe ich in der Inschrift, die über der Gedenkstätte Jad Waschem in Jerusalem steht, die den Opfern der Shoa gewidmet ist: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“ Darin liegt ein wichtiger Hinweis, wie wir heute von Schuld, Leid und Versöhnung reden können, ohne dass Belastendes verdrängt und zugleich Ermutigendes übersehen wird. Ich möchte dabei aber nicht im Allgemeinen bleiben, sondern an persönliche Erlebnisse im Umgang mit den Folgen des Geschehens von damals anknüpfen und damit Gedanken verbinden, die vielleicht für uns alle wichtig sind.

1. Hörend und lernend teilnehmen

Ein erstes Erlebnis bezieht sich auf die Einweihung der neuen Würzburger Synagoge im Jahr 1970. Ich stand damals kurz vor dem Abitur; ich erinnere mich noch genau, wie kurz darauf ein Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde, das den Naziterror überlebt hatte, bei uns im Religionsunterricht zu Gast war. Als wir ihn seinerzeit fragten, mit welchen Gefühlen er diese Einweihungsfeier erlebt habe, gab er unumwunden zu, dass zunächst schlimme Erinnerungen in ihm hochgekommen seien: an ermordete Angehörige, an die Vernichtung der beruflichen Existenzgrundlage und vieles andere mehr. Ein Zeichen der Hoffnung sei für ihn jedoch der Moment gewesen, als der damalige Würzburger Bischof Josef Stangl (1907–1979) dem Rabbiner und dem Gemeindevorstand eine Thorarolle überreichte, die 1938 ein Pfarrer aus der brennenden Synagoge seiner Gemeinde gerettet hatte. Ihm sei dabei aufgegangen, so dieser Zeitzeuge, dass eine versöhnte Zukunft von Juden und Christen nur im gemeinsamen Mühen um die Bewahrung des biblischen Gotteswortes möglich sein werde. Auf seine Weise hat Bischof Stangl, der sich schon vorher auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit großem persönlichen Einsatz für eine wegweisende Erklärung der katholischen Kirche zum jüdischen Volk stark gemacht hatte, diese Einsicht im letzten Jahr seines Lebens (1978) noch einmal so formuliert: „Juden und Christen verstehen sich beide als Zeugen eines Gottes, von dem her keine Kluft zu dieser Welt hin besteht. Er ist ein Gott, dessen Nähe und Gegenwart uns gewährt ist. Diese Gegenwart Gottes gibt uns zu jeder Stunde Sicherheit und unseren tausend Ängsten Halt. So werden wir zu Trägern der Hoffnung für alle in dieser Welt, die leer sind und ohne Sinn dahinleben. Wir Christen wollen künftig noch mehr auf die Gotteserfahrung Israels achten. Wir möchten hörend und lernend an der Existenz Israels teilnehmen.“1

Hörend und lernend teilnehmen – in diesen Worten des damaligen Bischofs finde ich einen Zugang zu tragfähiger Versöhnung auf der Grundlage des gemeinsamen Glaubens an einen Gott, der über der Geschichte steht und zugleich in der Geschichte wirkt. Nur so lassen sich Misstrauen und Argwohn abbauen. Nur so wird aus der Rückschau in die Vergangenheit eine echte Zeitgenossenschaft zwischen heute lebenden Juden und Christen möglich. Denn es reicht nicht aus, dass sich Christen auf ihre jüdischen Wurzeln aus biblischer Zeit besinnen. Es gibt gerade in einer pluralen Gesellschaft wie der unseren, in welcher der Glaube nicht mehr das Fundament, sondern allenfalls ein Element im Ganzen darstellt, gemeinsame Herausforderungen und Aufgaben von Juden und Christen, die gerade im Horizont von Schuld und Versöhnung wichtig werden: etwa die Frage, wie mit ökologischen Problemen umzugehen ist, wenn die Welt im jüdischchristlichen Verständnis als Schöpfung Gottes gesehen wird; die Argumente in der Debatte um Fragen der Gentechnik und Bioethik, wenn es um die gemeinsame Sicherung der Menschenwürde und des Lebensschutzes geht; die Positionierung in der Familien- und Sozialpolitik oder auch um die Haltung im Streit um den Gottesbezug im Grundlagenvertrag einer europäischen Gemeinschaft, die ja nicht nur auf Werten des christlichen Abendlandes aufbaut, sondern auch Elemente der jüdischen Tradition integriert. Natürlich ist auch das Judentum insgesamt pluraler geworden – es gibt orthodoxe, reformierte und liberale Ausrichtungen; dazu kommt speziell bei uns die noch lange nicht abgeschlossene Aufgabe einer Integration jener jüdischen Mitbürger, die in den 90er Jahren nach der politischen Wende als Flüchtlinge aus den osteuropäischen Ländern kamen und oft mit den religiösen Fragen und Traditionen des Judentums überhaupt nicht mehr vertraut waren. Doch gerade in dieser Umbruchsituation aufgrund des gesellschaftlichen Wandels kann die gemeinsame Besinnung auf Gott und sein Wirken in der Welt eine Basis für das gemeinsame Mühen von Juden und Christen um die Schaffung einer gerechten Gesellschaft sein.2

2. Im Dienst von Erinnerung und Versöhnung

Eine andere prägende Erinnerung in der Aufarbeitung des Geschehens vor siebzig Jahren fällt in die Zeit, als ich für die Priesterausbildung in unserem Bistum verantwortlich war (1983–1996). Neben dem Seminargelände befindet sich das Grundstück, auf dem von 1841 bis 1938 die Hauptsynagoge der jüdischen Gemeinde Würzburgs stand.3 Nach dem Krieg wurde dieses Areal von einer jüdischen Organisation in Amerika, die von der dortigen Regierung als Rechtsnachfolgerin der früheren Gemeinden festgesetzt war, an die Diözese verkauft, die es dem Priesterseminar überließ. Diese Aktion geschah gegen den ausdrücklichen Willen der noch in Würzburg verbliebenen Juden, für die dieser Vorgang, wie Zeitzeugenberichte dokumentieren, äußerst schmerzlich war. Hintergrund dieses Verkaufs war die damals vorherrschende Einstellung im internationalen Judentum, dass im Land der Täter niemals mehr Nachkommen der Opfer wohnen könnten. Die Überlebenden des Holocaust saßen noch lange Zeit nach ihrem eigenen Bekunden „auf gepackten Koffern“, weil unklar war, welche Perspektiven für jüdisches Leben in Deutschland überhaupt möglich sein würden, zumal die meisten Zeugnisse einer über Jahrhunderte gewachsenen Kultur des Judentums nahezu völlig vernichtet waren. Der Wiederaufbau jüdischen Lebens in Deutschland konnte nach diesem radikalen, gewaltsamen geschichtlichen Einschnitt also nicht einfach an Vergangenes anknüpfen, sondern war zu einer völlig neuen Standortbestimmung genötigt. Gerade wenn man dies bedenkt, kann man es nachfühlen, wie schmerzhaft Maßnahmen wie die damalige Grundstücksveräußerung gegen den Willen der Überlebenden von diesen empfunden werden musste. Umso mehr hat es mich beeindruckt, als der langjährige Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde in Unterfranken, Senator David Schuster (1910–1999), bereit war, dieses Gelände im November 1988 erstmals seit der Zerstörung der Synagoge wieder zu betreten, um in einer Gedenkstunde an die Pogromnacht die Studenten unseres Priesterseminars zu einem aktiven Aufarbeiten der Geschichtslasten zu ermutigen. „Gerade Sie als künftige Priester der katholischen Kirche müssen im Wissen um die jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens aktiv im Dienst der Erinnerung und Versöhnung stehen“, so lautete ein Satz seiner Ansprache. Uns alle hat dieser Schritt über trennende Gräben der Vergangenheit hinweg sehr bewegt. Schon damals klang auch der Wunsch an, der jüdischen Gemeinde den Rückerwerb dieses Grundstücks zu ermöglichen. Als ich David Schuster seinerzeit fragte, warum denn gerade dieser Ort für ihn so von Bedeutung sei, wo doch der Standort der Synagogen in Würzburg im Lauf der Jahrhunderte mehrfach gewechselt habe, gab er zur Antwort: „Die Jahrzehnte vom 19. bis ins 20. Jahrhundert waren erstmals die Zeit, in der Juden in Deutschland bürgerlich gleichberechtigt waren – deshalb ist für uns gerade dieser Platz so wichtig, weil er eine Mahnung ist, dass das künftige Miteinander von Juden und Christen als Dialog auf Augenhöhe geführt werden muss.“ Diese Begründung hat mich überzeugt; heute ist das ehemalige Synagogengrundstück wieder im Besitz der jüdischen Gemeinde und zu einem würdigen Ort des Gedenkens gestaltet worden. Der „Dialog auf Augenhöhe“ ist freilich eine bleibende Aufgabe, die in jeder Generation neu angegangen werden muss. Der 2003 abgeschlossene Staatsvertrag, der Ausdruck des erklärten Willens ist, dass deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger jüdischen Glaubens ein wichtiger Bestandteil unseres Landes sein sollen, kann dabei nur die rechtliche Grundlage für alle persönlichen Bemühungen bilden, sich immer wieder neu für ein Miteinander im Begegnen und Verstehen einzusetzen. Deshalb ist es ermutigend, wenn die Grundlagen für dieses Miteinander so früh wie möglich ansetzen, sei es im Religions- und Geschichtsunterricht oder wenn Schulklassen jüdische Kulturzentren und Synagogen besuchen. Nur aus der Bereitschaft zur Begegnung können Verständnis und Wertschätzung wachsen; dies ist auch der beste Weg, gerade junge Menschen gegen neues antisemitisches Gedankengut immun zu machen. Erinnerung braucht Zukunft.

3. Schuld und neue Perspektiven

Eine weitere Erfahrung, wie Versöhnung die Bereitschaft zur Erinnerung braucht, ist mit meiner jetzigen Tätigkeit verbunden. Neben meiner Aufgabe als Generalvikar unseres Bistums bin ich auch Rektor der Marienkapelle, der Bürgerkirche im Herzen von Würzburg. Dieses Gotteshaus steht an einem Ort, der mit einem der schlimmsten Ereignisse der Stadtgeschichte verbunden ist4: Vor fast 660 Jahren, im April 1349, führte fanatischer Hass schon einmal zur völligen Ausrottung jüdischen Lebens. Von der Gemeinde, die nicht zuletzt wegen ihrer Gelehrten einen hervorragenden Ruf im mittelalterlichen Europa genoss, blieben nur verbrannte Häuser und die Ruine der Synagoge übrig, deren Restmauern sich heute noch unter der Kirche befinden. Genährt wurde dieser Hass weiter Teile der Bürgerschaft gegen die Juden von einem Gemisch aus Argwohn, Angst und Aggressionen: Man schob einer Minderheit in der Bevölkerung die Schuld am Ausbruch der Pest zu; indem man sich dieser Menschen gewaltsam entledigte, wurde man gleichzeitig von den finanziellen Verpflichtungen frei, die nicht wenige Einwohner Juden gegenüber hatten. So ist die damalige Judenvernichtung in Würzburg und anderen süddeutschen Städten ein schlimmes Beispiel dafür, wie sich Massenhysterie und religiöser Fanatismus mit berechnendem Kalkül verbinden können. Vom 14. Jahrhundert führt die Erinnerung fast zwangsläufig zur Deportation der Juden aus Würzburg und Mainfranken5 in den Jahren 1941–43, der auch Verhetzung und Enteignung vorausgingen. Auch diese Zwangsmaßnahmen vollzogen sich – wie schon zuvor im November 1938 die Reichspogromnacht – in der Öffentlichkeit. Es ist beschämend, dass es beim Abtransport der Juden sogar zur Verhöhnung der Misshandelten kam, als sie sich auf dem Weg zum Bahnhof befanden, von wo aus die Fahrt in die Vernichtungslager ging. Welche Form der Erinnerung an diese schlimmen Geschehnisse ist heute notwendig? Gewiss ist es wichtig, dass diese Fakten bei Stadtführungen und Gedenkfeiern benannt werden. Ich selbst betone in unserer Marienkapelle immer wieder, dass die Geschichte dieses Gotteshauses nicht als christliche Kirche, sondern als jüdische Synagoge beginnt – beides gehört untrennbar zusammen und hat für mich einen hohen Symbolwert im Blick auf die Beziehung von Christen und Juden überhaupt. Angestoßen durch das Zweite Vatikanische Konzil haben wir neu gelernt, dass zum Beispiel der ökumenische Dialog der getrennten christlichen Kirchen nur Substanz hat, wenn die Neubesinnung auf das gemeinsame Erbe aus dem Judentum erfolgt. Echte Erinnerung muss diese Einsicht verinnerlichen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Spaltung der Christenheit dauerhaft nur überwunden werden kann, wenn diese einen neuen Bezug zum Geheimnis der Sendung Israels findet, etwa im Sinn einer Einsicht des Römerbriefs, wo davon die Rede ist, dass die Kirche in den Wurzelstock Israels eingepfropft ist und aus dieser Verbindung Kraft bezieht (vgl. Röm 11,17). Ermutigt fühle ich mich in diesem Bemühen nicht zuletzt durch das Vorbild von Papst Johannes Paul II., dem die Versöhnung mit den Juden ein zentrales Anliegen war. Unvergesslich bleibt sein Schuldbekenntnis am 1. Fastensonntag des Jubiläumsjahres 2000, als er in einer der Vergebungsbitten bekannte: „Gott unser Vater. Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine jüdischen Söhne und Töchter leiden ließen. Wir bitten um Verzeihung und wollen uns dafür einsetzen, dass echte Brüderlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes.“ Als der Papst diesen Text kurz darauf bei seinem Besuch im Heiligen Land zwischen die Steinquader der Klagemauer des alten Tempels in Jerusalem steckte, kam mir wieder das eingangs erwähnte Bibelwort in den Sinn: „Der Stein schreit aus der Mauer“ – doch in diesem Moment hatte ich die Hoffnung, dass aus dem Schrei des Entsetzens ein Ruf der Hoffnung werden kann. Rein menschlich ist diese Wandlung nicht zu bewerkstelligen – es braucht die Orientierung an dem einen Gott und die Bereitschaft, sich gerade im Bewusstsein der belastenden Schuldgeschichte dem Geheimnis der Erlösung zu öffnen, die mit der Erinnerung beginnt.

Am Ende soll ein Gebet stehen, das seinerzeit den Abschluss unserer Gedenkfeier auf dem früheren Würzburger Synagogengelände bildete. Es kann vielleicht am dichtesten zusammenfassen, was uns damals wie heute an Erinnerungen bedrückt, an Gefühlen bewegt und als Hoffnung befreit.

„Gott Abrahams und Gott Jesu, Gott des jüdischen Volkes und der Christen, hier an diesem Ort unserer Scham und Trauer rufen wir zu dir. Höre uns!

Wir erinnern uns jener furchtbaren Stunde, da unsere Vorfahren deinen heiligen Namen geschändet und ihren eigenen entehrt haben, als sie gegen die Söhne und Töchter deines von alters her erwählten Volkes ihre Hand erhoben, ihre Synagogen niedergebrannt und Schrecken, Gewalt und Tod gegen sie verbreitet haben.

Wenn wir innehalten und zurückschauen, wenn wir nicht einfach den Schleier des Vergessens über das Geschehene breiten, können wir mehr als erahnen, welche Schuld unsere Väter auf sich geladen und welch schlimmes Erbe sie uns hinterlassen haben. Dieses Erbe ist seither Teil unserer Geschichte.

Die Erinnerung an jenes schlimme Geschehen lässt uns die tiefen Wunden erkennen, die unseren Brüdern und Schwestern geschlagen worden sind und die zu heilen wir uns so wenig imstande fühlen. Darum können wir nur dein Erbarmen anrufen: Verherrliche deinen großen Namen vor den Völkern und erlöse Juden und Christen von allem, was bedrückend zwischen uns steht. Lass Frieden entstehen in unserer Generation und unter den kommenden Geschlechtern. Bekehre uns, damit aus angetaner Gewalt dennoch die Kraft zum Frieden bei allen und für alle erwachse.

Heile du uns, Herr; denn nur dann sind wir geheilt. Hilf du uns; denn nur dann ist uns geholfen. Verwandle allen Schmerz in einen heilsamen Neubeginn, führe alles Tote zu neuem Leben; denn ein wahrhaft heilender und lebensstiftender Gott bist du. Du allein bist mächtig in Ewigkeit.“

1 W. Schultheis, Würzburger katholische Theologen und die Juden (Bad Neustadt/S. 1988) 74.

2 S. dazu Juden und Christen in Deutschland. Verantwortete Zeitgenossenschaft in einer pluralen Gesellschaft. Erklärung des Gesprächskreises „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (Bonn 2005) bes. 22–27

3 SF. Vgl. K. Hillenbrand – R. Weigand (Hrsg.), Mit der Kirche auf dem Weg. 400 Jahre Priesterseminar Würzburg 1589–1989 (Würzburg 1989) 263–265.

4 Vgl. dazu Kh. Müller, Die Würzburger Judengemeinde im Mittelalter (Würzburg 2004) 125–137

5 S. dazu R. Flade, Die Würzburger Juden. Ihre Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart (Würzburg 1987) 343–368.

Der Mauerfall – ein Geschenk mit Langzeitwirkung?

Im November 1989 ist die Berliner Mauer gefallen. Jahrzehntelang war sie ein Symbol der Unfreiheit und Ausdruck der Abgrenzung zwischen verfeindeten Machtblöcken. Als die innerdeutsche Trennung überwunden wurde, hatte dies Folgen über unser Land hinaus: Ganz Europa hat von dieser neuen Durchlässigkeit profitiert, die schließlich auch massive Auswirkungen auf die Weltpolitik hatte. Mein Eindruck bei all dem ist, dass das Erinnern an die Vorgänge im Herbst 1989 zugleich leicht und schwer fällt: Leicht fällt es, weil aufgrund der enormen Speicherkapazitäten vor allem in den elektronischen Medien die Geschehnisse von damals sehr detailliert abrufbar sind und uns in Sekundenschnelle zur Verfügung stehen. Schwer fällt das Erinnern, weil das bloße Wiederholen von Berichten noch keine nachhaltige Wirkung erzeugt. Als Christ stelle ich mir nicht nur die Frage, wie die Vorgänge von damals auf mich gewirkt haben, sondern in welchem Zusammenhang sie mit meinem Glauben stehen.6 Denn echte Erinnerung ist mehr als ein bloßes Gedenken, das oberflächlich bleibt. Wahres Erinnern muss vielmehr Ereignisse verinnerlichen, damit sie sich auswirken können.

1. Begegnung

Eine erste Erinnerung, die sich mir bleibend von den Umwälzungen vor 20 Jahren eingeprägt hat, läuft unter dem Stichwort: Begegnung. Blenden wir zurück: Innerhalb weniger Wochen vollzog sich damals eine ganz rasante Entwicklung: Mussten zunächst Menschen noch mit großem Risiko Hindernisse wie Mauer und Stacheldraht überwinden, um ein Leben in Freiheit führen zu können, waren dazu wenig später immerhin noch weite Umwege über Nachbarländer nötig, so wurde kurze Zeit später gleichsam über Nacht das Unvorstellbare möglich: Willkürlich errichtete Sperren öffneten sich, trennende Mauern wurden auf einmal durchlässig, Menschen, die trotz geographischer Nähe getrennt voneinander leben mussten, konnten unbehindert und angstfrei zusammenkommen: Die Möglichkeit der Grenzüberschreitung eröffnete ganz neue, ungeahnte Perspektiven. Aber ist die damals errungene Reisefreiheit schon alles? Was ist darüber hinaus noch nötig, damit Begegnung wirklich gelingt?

Mir ist vor allem noch jene Situation im Sommer 1989 in Erinnerung, als der deutsche Außenminister den in die Prager Botschaft geflüchteten DDR-Bürgern mitteilte, dass sie noch in derselben Nacht ausreisen könnten. Wir wissen um die Reaktion: Jubel und Freudentränen, ungläubiges Staunen und dann Begeisterung … Manche haben seinerzeit diesen Auftritt kritisiert, ihn als politische Profilierungssucht bezeichnet und eingewandt, diese Mitteilung hätte doch auch viel einfacher geschehen können. Aber wäre es wirklich dasselbe gewesen, wenn man eine solche Nachricht bloß schriftlich oder über Funk und Fernsehen verbreitet hätte? Gewiss, die Kunde davon hätte sich auch herumgesprochen – und doch wären Unsicherheit und Zweifel geblieben, ob diese Meldung denn auch wirklich wahr sei. Anders gesagt: Es kommt nicht bloß auf den Inhalt einer Botschaft an – in bestimmten Situationen ist die persönliche Begegnung einfach unersetzbar, weil sie Sicherheit schafft und Grenzen der Angst und der Ungewissheit überwindet.

Mir ist damals neu aufgegangen, wie unersetzbar Begegnung auch im Glauben ist; denn das Evangelium ist keine anonyme Botschaft, sondern eine grenzüberschreitende Begegnung, die von Gott selbst ausgeht. Er kommt in unsere Welt und spricht uns an. Das zeigt sich in der Begegnung Jesu mit den verschiedensten Menschen: Da wird deutlich, wie Grenzen fallen: Menschen, die an äußeren und inneren Verwundungen leiden, erfahren Heilung; Versager dürfen erleben, wie sich neuer Lebenssinn eröffnet, weil sie nicht abgeschrieben sind; solche, die sich bislang an den Rand gedrängt fühlen, dürfen durch Jesus spüren, dass sie für Gott wichtig sind. Überall da geschieht Grenzüberschreitung, weil in der Begegnung mit Jesus soziale und gesellschaftliche Barrieren ihren trennenden Charakter verlieren. In diesem Aspekt der christlichen Botschaft könnte ein erstes Merkmal für eine vertiefte Erinnerung an die Wende vor 20 Jahren liegen, das Konsequenzen im Glauben hat. Im Gefolge der Wende hatte man kirchlicherseits mitunter überzogene Erwartungen, es müsse zu einem großen religiösen Neuaufbruch mit einem spürbaren Zustrom an neuen Mitgliedern für die christlichen Kirchen kommen.7 Dass dies nicht eintrat, hat verschiedene Gründe – unter anderem den, dass die Religionsferne vieler Menschen speziell im Osten Deutschlands zu tiefe Wurzeln hatte, als dass sie sich durch neue Freiheitsbedingungen allein geändert hätte. Aber gerade diese Wahrnehmung braucht uns als Christen nicht mutlos zu machen. Es wäre falsch, wegen enttäuschter Wendehoffnungen zu resignieren und sich in ein binnenkirchliches Schneckenhaus zurückzuziehen. Im Gegenteil: Weil die Wende die Erfahrung vertieft hat, wie wichtig und unersetzlich im Leben die Begegnung ist, ergibt sich für den Glauben daraus eine sehr direkte Erkenntnis: Vom Verhalten Gottes her, das ganz ursprünglich Begegnung ist, ist unser Glaube von der ständigen Einmischung geprägt! Damit ist nicht besserwisserisches Belehren gemeint, sondern ein ständiges Vermitteln der Erfahrung, dass Gott selbst sich in Jesus Christus unumkehrbar in unsere Welt einmischt, indem er unser Leben annimmt. Jesu Verhalten macht dabei deutlich, dass Gott keinen Lebensbereich ausgrenzt – Verwundungen ebenso wenig wie Versagen und Leiden, nicht einmal das Sterben. Diese Einmischung Gottes macht mir Mut, in meinen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen Barrieren zu überwinden, weil ich mich von seiner grenzüberschreitenden Liebe getragen weiß, die allen gilt.

2. Bewegung

Ein weiteres Phänomen der Ereignisse vor 20 Jahren lässt sich wieder mit einem Wort kennzeichnen: Bewegung. Diese Bewegung, die vielfach auch als „friedliche Revolution“ bezeichnet wird, speiste sich aus vielen Quellen: Politische Unzufriedenheit, wirtschaftlicher Problemdruck und der Freiheitsdrang der Bevölkerung im Osten Deutschlands fanden in den Protestmärschen ihr Ventil. Das System geriet ins Wanken und beim Fall der Mauer wurde die eingetretene Bewegung in ihrer ganzen Dynamik auch sehr emotional sichtbar. Wer könnte die Bilder vergessen, die zeigten, wie sich in Berlin und anderswo wildfremde Menschen um den Hals fielen, wie auf einmal eine Welle der Hilfsbereitschaft und des Entgegenkommens spürbar war und wie scheinbar endlose Autoschlangen zu bisher unerreichbaren Zielen aufbrachen – alles kam in Bewegung!

Gilt das auch für uns Christen – ist Bewegung ein Kennzeichen meines Glaubens? Wie war es vor 2000 Jahren?

Auch Jesus brachte Menschen in Bewegung und ließ sie Grenzen des Gewohnten auf Neues hin überschreiten: Schon an die Krippe kommen so unterschiedliche Gestalten wie die Hirten, die im damaligen Palästina eher zur sozialen Unterschicht gehörten, und die begüterten Sterndeuter, die es sich ein Vermögen kosten ließen, um dem neugeborenen Kind zu begegnen. Jesu Geburt bringt nach Auskunft des Neuen Testaments sogar die politischen Machtverhältnisse in Bewegung und erschüttert die Selbstsicherheit eines Herodes. Neue Bewegung kommt andererseits ins Leben von alten Menschen wie Simeon und Hanna, die nach menschlichem Ermessen nicht mehr viel zu hoffen haben und nun in der Begegnung mit Jesus plötzlich erfahren dürfen, dass ihr Warten nicht umsonst war. Wenn man solche Stellen im Neuen Testament einmal unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, kommt vielleicht auch bei uns etwas in Bewegung. All das hält in mir jedenfalls die Hoffnung wach, dass trotz vieler trennender Gräben, aufgehäufter Hindernisse und verschütteter Hoffnungen in Kirche und Welt die Begegnung mit Jesus auch heute suchende Menschen in Bewegung bringt, sie von unterschiedlichen Ausgangspunkten her aufeinander zuführt und Grenzen des Gewohnten, Vertrauten und Eingespielten überschreiten lässt. Doch Vorsicht: Bewegung ist kein Selbstzweck. Genau diesen Eindruck könnte man nämlich bekommen, wenn man Entwicklungen in den Blick nimmt, die sich seit der Wende noch verstärkt haben. Da wird nämlich der bloße Wandel an sich zum Markenzeichen einer neuen Lebensqualität erhoben, bei der auch alles in Bewegung ist. Gefordert sind dann im persönlichen Verhalten vor allem Mobilität und Anpassungsbereitschaft. Diese Haltungen sind aber oft nicht von der Sorge um das Gemeinwohl oder die gesellschaftliche Gerechtigkeit geprägt, sondern dienen vorrangig dem eigenen Erfolg und der Selbstverwirklichung. Das hat nicht zuletzt die Finanzmarktkrise der letzten Jahre deutlich gemacht, wo buchstäblich auch alles in Bewegung geriet, weil Teile der Wirtschaft über dem Streben nach schnellen Erfolgen langfristige Ziele aus den Augen verloren hatten. Anders und allgemeiner gesagt: Wenn Bewegung nicht orientierungslos werden soll, braucht sie Ziele und Perspektiven, die in allem Wandel und seinen mitunter rasanten Veränderungen bleibende Werte verdeutlichen. Unser christlicher Glaube lebt ganz wesentlich von der Erinnerung an solche Grundlagen. Eine davon ist die Gewissheit, dass Gott uns das Ziel des Lebens vorgibt, weil dieses Leben kein Zufallsprodukt darstellt, sondern für ihn Ewigkeitswert hat. Das Wissen darum kann uns einerseits gelassener machen und zugleich neu in Bewegung bringen: Gelassener macht mich der Glaube, weil ich mich von Gott beschenkt weiß, so dass ich nicht alles selber machen und erreichen muss, damit mein Leben sinnvoll wird. In Bewegung bringt mich der Glaube, weil ich in allem Wandel meines Lebens zwar nicht weiß, was alles auf mich zukommt. Aber ich habe die Gewissheit, wer mich begleitet: Jesus Christus, der mich ermutigt, meinen Weg mit Vertrauen und Hoffnung weiterzugehen. Denn christliche Erinnerung ist keine Fixierung auf die Vergangenheit, sondern ein Kraftschöpfen für die Zukunft im Rückblick auf die Geschichte. So kann auch der Blick auf das, was vor 20 Jahren in Bewegung kam, Motivationshilfe für einen Glauben sein, der Einsichten in Vergangenes mit Aussichten auf Kommendes verbindet und daraus seine Kraft für die Gestaltung der Gegenwart bezieht.

3. Bekehrung

Schließlich hat die Aufbruchsstimmung der Wendezeit vor 20 Jahren noch eine weitere Wirkung hervorgebracht: Bei vielen Menschen gab es damals so etwas wie eine Bekehrung. Solche, die bislang Nutznießer eines totalitären Systems waren oder sich mit ihm unter dem Zwang der Verhältnisse arrangiert hatten, vollzogen mit einem Mal eine Kehrtwende in ihrem Verhalten. Freilich war dabei nicht immer klar, ob echte Überzeugung oder erneute Anpassung an die veränderten Verhältnisse im Spiel war. Von solchen schillernden „Wendemanövern“ hebt sich die christliche Glaubensbotschaft in ihrer Eindeutigkeit ab: Wer von der Begegnung mit Jesus gepackt ist und dadurch neu in Bewegung kommt, kann sich wirklich ändern, weil er aus einer Bekehrung lebt, die auf Überzeugung beruht und mehr ist als eine Anpassung an neue Lebensverhältnisse! Echte Bekehrung beginnt im Herzen und kann dann als Richtungsänderung menschlichen Verhaltens viele Formen annehmen: Einen neuen Stil im Umgang miteinander, Mühen um Verständnis und Abbau von Klischees und Vorurteilen, Argumentieren statt Polarisieren … Die Reihe der Möglichkeiten lässt sich fortsetzen, aber wichtig dabei ist, dass eine solche Bekehrung mit einer Umkehr der Vorstellungen von Gott beginnt: Er ist nicht der ferne, unzugängliche Weltenlenker, als der er manchmal dargestellt wird. Er sucht vielmehr unsere Nähe, indem er in die Gewöhnlichkeit des alltäglichen Lebens hineingeht. Das hat eine ganz wichtige Folge: Scheinbar unwichtige Dinge, Ereignisse, Situationen, Begegnungen und Beziehungen werden bedeutend, weil Gott selbst, der in Jesus unser Leben teilt, in ihnen anzutreffen und aufzuspüren ist. Daraus ergibt sich für unseren Glauben: Der christliche Ruf zur Umkehr ist kein bloß menschlicher Appell zur Verhaltensänderung. Es geht vielmehr darum, immer wieder neu die liebende Zuwendung Gottes zu entdecken, damit konkrete Korrekturen im Leben möglich sind. Sie betreffen sowohl das persönliche wie das gemeinschaftliche Leben: Echte Umkehr beginnt zum Beispiel da, wo Schuld weder verharmlost noch verdrängt wird. Deshalb ist es wichtig, dass sowohl im politischen wie im kirchlichen Bereich die ehrliche Aufarbeitung der Vergangenheit weitergeht. Die Tendenz zu einer nostalgischen Verklärung der DDR zum Beispiel, wie sie derzeit wieder neu zu beobachten ist, stellt keinen hilfreichen Weg dar. Ganz allgemein gilt vielmehr: Echte Bekehrung beginnt im Herzen, das durch eigene Einsicht offen wird für die Anliegen anderer. Deshalb ist Solidarität auch zwanzig Jahre nach der Wende das Gebot der Stunde. „Wir sind das Volk“ – so lautete der zentrale Ruf bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig und in anderen Städten der damaligen DDR. Bei diesen Versammlungen, die oft in Kirchen ihren Anfang genommen hatten, war viel an Gemeinschaft und an Willen zur Veränderung der Verhältnisse zu spüren. Als Christen müssten wir eigentlich nur ein Wort ergänzen, wenn wir unseren Auftrag ausdrücken wollten. „Wir sind das Volk Gottes.“ Die Besinnung darauf ist heute nötiger denn je. Blicken wir zurück: Die Wende war eine Umbruchszeit, die mit ihren Folgen bis heute andauert. Manchmal war damals eine Aufbruchsstimmung spürbar, als ob es jetzt ins Gelobte Land ginge. Sehr schnell ist diese Erwartung einer Ernüchterung gewichen. Was ist in dieser Situation unsere Aufgabe als Volk Gottes? Stimmen wir in den Chor der Resignierten ein oder haben wir eine andere Botschaft? Mir sagt ein biblisches Bild sehr viel, das auch aus einer Wendezeit stammt, die über dreitausend Jahre zurückliegt. Nach dem Auszug aus Ägypten ist im Volk Israel die anfängliche Aufbruchsstimmung schnell verflogen; es machen sich zunehmend Unsicherheit und Orientierungsnot bemerkbar. In dieser Situation werden nun Kundschafter ausgeschickt, die feststellen sollen, ob das verheißene Land wirklich bewohnbar ist. Bei der Rückkehr gibt es zwei unterschiedliche Reaktionen: Die Mehrzahl der Kundschafter lässt sich von den gewonnenen Eindrücken ängstigen und sieht nur die Schwierigkeiten. Lediglich zwei haben eine andere Sicht: Sie nehmen zwar auch die Probleme wahr, erinnern das Volk aber gleichzeitig an seine geistlichen Energievorräte, nämlich die Begleitung durch Gott und seine Verheißungen. Ihr Appell an die Glaubensgrundlagen will zum Weitergehen ermutigen und zum Abbau von Angst beitragen (Num 13,1–14,10). Ist die Lage bei uns der damaligen Situation Israels so unähnlich? Auch da ist die Euphorie der Wende mehr als zwanzig Jahre später vielfach schleichender Resignation gewichen. Um gesicherte Erkenntnisse über den weiteren Weg zu gewinnen, braucht es auch heute Kundschafter. Können wir Christen als Volk Gottes in unserer Gesellschaft diese Aufgabe übernehmen? Können wir solche Kundschafterdienste leisten oder bilden wir eine ängstliche Nachhut? Spannend wird es, wenn es um die Auswertung dieser Erfahrungen geht: Fixieren wir uns auf Risiken, die gewiss da sind, oder ermutigen wir die Menschen, ohne die vorhandenen Probleme zu leugnen, zu einer nüchternen Zuversicht und einer engagierten Gelassenheit, die auch neue Herausforderungen bestehen kann? Voraussetzung in all dem ist bei mir selbst die Offenheit zur Begegnung, der Mut zur Bewegung und die Bereitschaft zur Bekehrung. Für mich kommt diese Haltung sehr dicht in einem Lied von Klaus-Peter Hertzsch zum Ausdruck, das 1989, im Jahr der Wende also, in Ostdeutschland entstanden ist. Die Schlussstrophe8 lautet:

„Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt. Er selbst kommt uns entgegen; die Zukunft ist sein Land. Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.“

6 Vgl dazu Th. Brose (Hrsg.), Glaube, Macht und Mauerfälle. Von der friedlichen Revolution ins Neuland (Würzburg 2009) bes. 143–207.

7 Belege finden sich bei M. Birkner (Hrsg.), Quo vadis Kirche? Die Zukunft der Kirche im Osten Deutschlands an der Schwelle zum dritten Jahrtausend (Leipzig 1997).

8 Der gesamte Liedtext ist publiziert in: C. Führer u. a., Kerzen und Gebete. Ein geistliches Lesebuch zur friedlichen Revolution 1989 (Leipzig 1989) 140.

Europa im Wandel – was wird aus den christlichen Werten?

Jeder von uns kennt Sätze, die sich unauslöschlich einprägen. Für mich gehört zu ihnen der Wunsch, den Papst Johannes Paul II. 1991 äußerte: dass Europa wieder „mit beiden Lungen atmen“ und „seine Muttersprache, das Christentum“, neu lernen möge.9 Mit den beiden Lungen waren das westliche und das östliche Europa gemeint; nach der politischen Wende sah der Papst die epochale Chance eines neuen Zusammenwachsens von einer posttotalitären in eine freiheitliche Zukunft gegeben, die ihr Ziel nicht bloß in einer wirtschaftlich-technischen, sondern auch in einer vertieften religiös-kulturellen Entwicklung sucht. Die Wirtschaftsgemeinschaft sollte zur Wertegemeinschaft zusammenwachsen. Blickt man auf die seither vergangenen Jahre, macht sich zunächst Ernüchterung breit. Und was das Neuerlernen des Christentums als Muttersprache betrifft, wird die Skepsis noch größer – es sind eher Sprachstörungen festzustellen als Lernfortschritte. Die Debatte um den Gottesbezug in der Präambel einer künftigen Europäischen Verfassung hat deutlich gemacht, dass Europa mehr und mehr desorientiert und geschichtsvergessen ist, wie Hans Maier bemerkt.10 Das Paradox ist noch provozierender, wenn man einerseits das postsowjetische Russland sieht, das nach der Wende in der orthodoxen Kirche den Ursprung seiner historischen Identität sucht, und auf der anderen Seite das politische Europa betrachtet, das sich weigert, ausdrücklich seine christlichen Wurzeln hervorzuheben. Hinzu kommt, dass in der kontroversen Wertedebatte11 manche Begriffe wie leere Container wirken, die man beliebig mit Inhalt füllen kann: So beruft man sich zum Beispiel sowohl gegen als auch für Abtreibung und Euthanasie auf die Menschenwürde; man benutzt sowohl gegen als auch für das therapeutische Klonen das Argument einer Sicherung der Lebensqualität; „Familie“ wird mittlerweile so verschieden verstanden, dass dabei sowohl die Ehe zwischen Mann und Frau wie auch Verbindungen von gleichgeschlechtlichen Partnern als Voraussetzungen benannt werden können. Diese wenigen Schlaglichter mögen genügen, um das Problem zu verdeutlichen. „Europa im Wandel – was wird aus den christlichen Werten?“ ist jedenfalls keine bloß rhetorische Frage. Allerdings wird die Frage mit Worten gestellt, die zunächst der Klärung bedürfen. Was ist Europa? Wie sieht der Wandel aus? Welches sind die christlichen Werte, um die es uns dabei geht? Ist die Hoffnung auf eine neue Synthese zwischen Europa und Christentum überhaupt realistisch oder eine bloße Utopie?

Gewiss, es gibt gerade von kirchlicher Seite dazu viele Äußerungen12 – von päpstlicher Seite, von Synoden, von Bischofskonferenzen und Laiengremien. Aber diese Aussagen auch nur annähernd vollständig darzustellen, wäre ein aussichtsloses Unterfangen. Ich gehe vielmehr von einer Forderung aus, die seinerzeit nach den gescheiterten Referenden zum europäischen Verfassungsvertrag in Frankreich und den Niederlanden von vielen Politikern geäußert wurde: Europa braucht eine Denkpause,13 in der die Debatte über die Zukunft des europäischen Projekts von verschiedenen Seiten her neu angestoßen wird. Hierzu müssen gerade wir Christen unseren Beitrag leisten. Eine solche Diskussion über die Zukunft Europas ist jedoch nur sinnvoll, wenn sie mit einer Standortbestimmung der Gegenwart verbunden ist und darüber hinaus nach der Herkunft fragt. Diese Fragen lassen sich so formulieren: Woher kommen wir – wofür stehen wir – wohin gehen wir?

1. Woher kommen wir?

Als Theodor Heuss, der erste Bundespräsident (1949–1959), in den fünfziger Jahren gefragt wurde, was Europa ausmache, gab er zur Antwort: Europa baut auf drei Hügeln: dem Areopag (für das griechische Denken von der Demokratie), dem Capitol (für das römische Denken von der „res publica“) und Golgota (für die christliche Auffassung von Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde).14 Diese Formulierung ist sicher differenzierungsbedürftig, aber macht eines deutlich: Europa ist nicht in erster Linie geographisch, sondern geschichtlich zu definieren, von seiner Entwicklung als Ideenraum und kulturelle Größe. Rein geographisch ist Europa eher ein Anhängsel des großen Nachbarkontinents Asien; schon der Versuch einer Umschreibung von Charles de Gaulle, Europa reiche vom Atlantik bis zum Ural,15 wirkt merkwürdig unbestimmt und inhaltsleer. Um eine verlässliche Sicht der Genese Europas zu gewinnen, muss man auf die äußere Entwicklung, auf das kontinuierliche innere Wachsen und auf die Brüche in diesem geschichtlichen Prozess gleichermaßen schauen.

Pulsuz fraqment bitdi.

17,12 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Həcm:
161 səh. 2 illustrasiyalar
ISBN:
9783429060718
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar