Kitabı oxu: «Karl Kraus: Ich bin der Vogel, den sein Nest beschmutzt»
Karl Kraus
Ich bin der Vogel,
den sein Nest
beschmutzt
Aphorismen, Sprüche und
Widersprüche
Herausgegeben von Bruno Kern

INHALT
Die Geburt des Gedankens aus der Sprache Vorbemerkung zu dieser Ausgabe
Erstes Buch: Sprüche und Widersprüche
I.Weib, Fantasie
II.Moral, Christentum
III.Mensch und Nebenmensch
IV.Presse, Dummheit, Politik
V.Der Künstler
VI.Schreiben und Lesen
VII.Länder und Leute
VIII.Stimmungen, Worte
IX.Sprüche und Widersprüche
Zweites Buch: Pro domo et mundo
I.Vom Weib, von der Moral
II.Von der Gesellschaft
III.Von Journalisten, Ästheten, Politikern, Psychologen, Dummköpfen und Gelehrten
IV.Vom Künstler
V.Von zwei Städten
VI.Zufälle, Einfälle
VII.Pro domo et mundo
Drittes Buch: Nachts
I.Eros
II.Kunst
III.Zeit
IV.Wien
V.1915
VI.Nachts
DIE GEBURT DES GEDANKENS AUS DER SPRACHE
VORBEMERKUNG ZU DIESER AUSGABE
Dass gerade zur sprachlichen Kurzform des Aphorismus der längste Atem gehöre, hat Karl Kraus selbst formuliert. Diese kondensierteste Form des sprachlichen Ausdrucks ist zugleich höchst anspruchsvoll. Viele Essays und Glossen mündeten bei Karl Kraus wie von selbst in diese literarische Abbreviatur ein, und gerade einige seiner brillantesten Texte muten in ihrer Pointierungskunst wie eine Aneinanderreihung von Aphorismen an, etwa sein Essay über Heine und die Folgen (Kraus 2018, 17–45). So wuchsen die drei Aphorismenbände, die Karl Kraus selbst zwischen 1906 und 1919 herausgegeben hat, organisch aus seiner satirischen Zeitschrift, Die Fackel, heraus, die es auf fast 1000 Nummern brachte.
Vielen gilt Kraus als der größte Virtuose auf dem Gebiet dieser literarischen Gattung. Unverkennbar aber sind seine Vorbilder. An erster Stelle ist hier Georg Christoph Lichtenberg mit seinen Sudelbüchern zu nennen, dem Kraus selbst einen Aphorismus widmet. Dann natürlich Johann Nestroy, dessen über achtzig volkstümliche Komödien gerade aufgrund ihres genialen Umgangs mit der Sprache trotz ihrer Dialektgebundenheit zur Weltliteratur wurden. In seinem bedeutenden Essay über Nestroy (Nestroy und die Nachwelt, vgl. Kraus 2018, 56–79) zeigt Kraus selbst auf, wie es Nestroy mithilfe der sparsamsten Stilmittel gelingt, die Sprache dazu zu bringen, von selbst ihre Pointen abzuwerfen. Sicher stehen auch Goethes Maximen und Reflexionen Pate, und die Nähe zum Aphoristiker Friedrich Nietzsche ist unverkennbar, auch wenn sie Karl Kraus nicht zugeben mag. Dagegen zielt etwa Oscar Wilde, dem Kraus ansonsten höchsten Respekt zollt, eher auf den oberflächlichen Effekt ab. Dieser Auswahlband orientiert sich in seiner Gliederung an den Titeln der zu Kraus’ Lebzeiten erschienenen Bände (Sprüche und Widersprüche, Pro domo et mundo, Nachts), legt die letzte von ihm selbst redigierte Fassung zugrunde und behält auch die Anordnung samt den von Kraus selbstgewählten Kapitelüberschriften bei. Bereits vor etlichen Jahren ist im marixverlag ein erster Auswahlband erschienen (Kraus 22016)1, der mit diesem Band nun seine Ergänzung erfährt. Zur inhaltlichen Einordnung in das Gesamtwerk von Karl Kraus sei deshalb auf meine ausführliche Einleitung in diesem ersten Band verwiesen. Thematisch spiegeln die Aphorismenbände die Schwerpunkte des literarischen Werkes von Karl Kraus selbst wider: die Philistermoral seiner Zeit, Journalismus und Presse, die ihre kommerziellen Interessen literarisch verschleiern, die Psychoanalyse, die alles, nur nicht sich selbst zu entlarven imstande ist, einen eitlen Literaturbetrieb und schließlich jene mentale Zurüstung der Gesellschaft, die in die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, in den Ersten Weltkrieg, mündet.
Dieser zweite Auswahlband stellt also die von vielen Leserinnen und Lesern gewünschte Ergänzung des Bandes Auch Zwerge werfen lange Schatten dar und reagiert auf die große Resonanz, die jener erfuhr. Bestimmend für die Auswahl waren folgende Kriterien: Sie sollte möglichst repräsentativ sein und thematisch die Schwerpunkte des satirischen Werks von Karl Kraus abbilden. Verzichtet wurde auf Texte, die aus heutiger Sicht in Formulierung und Inhalt zu Recht als problematisch, zuweilen auch als unzumutbar, empfunden werden. Das betrifft vor allem Texte zum Geschlechterverhältnis, die heute zum Teil schlicht unverdaulich sind oder zumindest einer längeren erörternden Einordnung bedürften (vgl. dazu meine Einleitung in Kraus 22016). Weggelassen wurden Aphorismen, deren Verständnis längerer Erörterungen ihres zeitbedingten Entstehungskontextes bedurft hätten. So konnte ich mich auf einige wenige spärliche Hinweise in Fußnoten beschränken. Kraus sprengt zuweilen die literarische Form des Aphorismus zugunsten längerer satirischer Betrachtungen. In manchen dieser Fälle habe ich mir erlaubt, nur einzelne pointierte Sätze zu entnehmen, die für sich bestehen können, und dies durch Auslassungspunkte in eckigen Klammern gekennzeichnet.
Seine Popularität bis heute verdankt Karl Kraus neben seinem großen Weltkriegsdrama, Die letzten Tage der Menschheit, vor allem seinen Aphorismen – die leider oft recht oberflächlich rezipiert und außerhalb ihres Entstehungszusammenhangs als harmloswitzige Bonmots aufgefasst werden. Dabei stellt die literarische Kurzform des Aphorismus nicht nur für den Autor, sondern auch für die Leserinnen und Leser die höchsten Ansprüche. Gerade das Sperrige, das sich nicht schon beim ersten Lesen erschließt, sondern zunächst irritiert und uns in unserem eigenen Umgang mit der Sprache verunsichert, ist imstande, uns neue Denkwelten zu erschließen.
Wie von selbst sind Kraus’ Aphorismen seinem Werk entsprungen und verweisen deshalb auf dieses zurück (vgl. die Literaturangaben im Anschluss). Mögen sie den Leserinnen und Lesern den Zugang erschließen zu einem Satiriker, der gerade deshalb bis heute so aktuell ist, weil er allem misstraute, was sich als »Fortschritt« ausgab.
Bruno Kern
Werke von Karl Kraus
Auch Zwerge werfen lange Schatten. Sprüche und Widersprüche, Wiesbaden 22016.
Weltgericht. Satiren und Polemiken, Wiesbaden 2014.
Die dritte Walpurgisnacht, Wiesbaden 2015.
Sittlichkeit und Kriminalität. Und weitere Satiren zu Justiz und Moral, Wiesbaden 2017.
Nestroy, Heine & Co. Aufsätze zur Literatur, Wiesbaden 2018.
1Die Titelformulierung dieses ersten Auswahlbandes legt allerdings einen Aphorismus zugrunde, der Kraus fälschlicherweise zugeschrieben wird.
ERSTES BUCH
I. WEIB, FANTASIE
Wenn die Sinne der Frau schweigen, verlangt sie den Mann im Mond.

Ist eine Frau im Zimmer, ehe einer eintritt, der sie sieht? Gibt es das Weib an sich?

Die Frau braucht in Freud und Leid, außen und innen, in jeder Lage, den Spiegel.

Die männliche Überlegenheit im Liebeshandel ist ein armseliger Vorteil, durch den man nichts gewinnt und nur der weiblichen Natur Gewalt antut. Man sollte sich von jeder Frau in die Geheimnisse des Geschlechtslebens einführen lassen.

Man muss das Temperament einer Schönen so halten, dass sich Laune nie als Falte festlegen kann. Das sind Geheimnisse der seelischen Kosmetik, deren Anwendung die Eifersucht verbietet.

Eine je stärkere Persönlichkeit die Frau ist, umso leichter trägt sie die Bürde ihrer Erlebnisse. Hochmut kommt nach dem Fall.

Die geniale Fähigkeit des Weibes, zu vergessen, ist etwas anderes als das Talent der Dame, sich nicht erinnern zu können.

Die sinnliche Frau stellt die sittlichste Aufgabe, die sittliche Frau dient sinnlichem Verlangen. Die Unbewusstheit zum Bewusstsein zu bringen ist Aeroismus; die Bewusstheit ins Unbewusstsein zu tauchen, Finesse.

Die Begierde des Mannes ist nichts, was der Betrachtung lohnt. Wenn sie aber ohne Richtung läuft und das Ziel erst sucht, so ist sie wahrlich ein Gräuel vor der Natur.

Den Vorzug der Frau, immer erhören zu können, hat ihr die Natur durch den Nachteil des Mannes verrammelt.
Für den Nachteil des Mannes, nicht immer erhören zu können, wurde er mit der Feinfühligkeit entschädigt, die Unvollkommenheit der Natur in jedem Falle als eine persönliche Schuld zu empfinden.

Dass Titania auch einen Esel herzen kann, wollen die Oberone nie verstehen, weil sie dank einer geringen Geschlechtlichkeit nicht imstande wären, eine Eselin zu herzen. Dafür werden sie in der Liebe selbst zu Eseln.

Umschreibung: »Er füllt mit seiner Stimme mein Ohr ganz aus!« sagte sie vom Sänger.

Dasselbe Mädchen konnte einmal von einem, der ihr nachgegangen war, sagen: »Er hatte einen Mund, der küsste von selbst.«

Wie unwesentlich und ungegenwärtig dem Mann das Geschlechtliche ist, zeigt sich darin, dass selbst die Eifersüchtigen ihre Frauen auf Maskenbällen sich frei bewegen lassen. Sie haben vergessen, wie viel sie sich ehedem mit den Frauen anderer dort erlauben konnten, und glauben, dass seit ihrer Verheiratung die allgemeine Lizenz aufgehoben sei. Ihrer Eifersucht opfern sie durch ihre Anwesenheit. Dass diese ein Sporn ist und kein Zügel, sehen sie nicht. Keine eifersüchtige Frau würde ihren Mann auf die Redoute gehen lassen.

Wenn eine Frau Gescheitheiten sagt, so sage sie sie mit verhülltem Haupt. Aber selbst dann ist das Schweigen eines schönen Antlitzes noch anregender.

Die Frauen sind die besten, mit denen man am wenigsten spricht.

Man entscheidet für die Mütter gegen die Hetären, die nichts hervorbringen, höchstens Genies.

Man achte den Acker und man liebe die Landschaft. Dieses ist nahrhafter.

Es kommt schließlich nur darauf an, dass man überhaupt über die Probleme des erotischen Lebens nachdenkt. Widersprüche, die man zwischen seinen eigenen Ergebnissen finden mag, beweisen nur, dass man in jedem Fall recht hat. Und die Widersprüche zwischen den eigenen und den Ergebnissen, zu denen andere Denker gelangt sind, entfernen uns nicht so weit von diesen, wie uns der Abstand von solchen entfernt, die überhaupt nicht über die Probleme des erotischen Lebens nachgedacht haben.

Wenn man einmal durch Erleben zum Denken gelangt ist, so gelangt man auch durch Denken zum Erleben. Man genießt die wollüstigen Früchte seiner Erkenntnis. Selig, wem Frauen, auf die man Gedachtes mühelos anwenden kann, zu solcher Erholung beschieden sind!

Die Schätzung einer Frau kann nie gerecht sein; aber die Über- oder Unterschätzung geschieht immer nach Verdienst.

Der Erotiker hatte an ihr eine Ähnlichkeit entdeckt. Die pflegte er; saß täglich an ihrem Lager und schob ihr die Nase zurecht, um die Ähnlichkeit auszubilden. Der Ästhetiker hatte an ihr eine Verschiedenheit entdeckt. Die pflegte er; saß täglich an ihrem Lager und pries die Heiligkeit der Nase um ihrer selbst willen. Dieser dankt dem Schöpfer. Jener ist ein Schöpfer.

Die Hand einer schönen Frau zu verewigen, sie gleichsam von ihrer Anmut abzuschneiden, ist ein Werk jener grausamen Nichtachtung der Frauenschönheit, deren nur ein Ästhet fähig ist. Eine Hand müsste gar nicht schön sein, und die Wirkung, die von der Frau ausgeht, könnte die Wirkung sein, die man von einem Elementarereignis empfängt. Es gibt Frauen, die wie der Blitz in die erotische Fantasie einschlagen, erbeben machen und die Luft des Denkens reinigen.

Ihre Züge führten einen unregelmäßigen Lebenswandel.

Große Züge: großer Zug.

Lieber ein hässlicher Fuß verziehen als ein hässlicher Strumpf!

Die Weiber haben wenigstens Toiletten. Aber womit decken die Männer ihre Leere?

»Du wesenlose Luft, die ich umfasse!«: das Bekenntnis jeglicher erotischen Verfeinerung.

Ein Weib sei Wasser auf einer Tablette. Man zieht es mit dem Finger, wohin man will, und es hinterlässt keine Spur, wo es gewesen. Das kann die schönste Erinnerung sein.

In der Erotik gilt diese Rangordnung: Der Täter. Der Zeuge. Der Wisser.

Die Einteilung der Menschheit in Sadisten und Masochisten ist beinahe so töricht wie eine Einteilung in Esser und Verdauer. Von Abnormitäten muss man in jedem Falle absehen, es gibt ja auch Leute, die besser verdauen als essen und umgekehrt. Und so wird man, was den Masochismus und den Sadismus betrifft, getrost behaupten können, dass ein Gesunder über beide Perversitäten verfügt. Hässlich an der Sache sind bloß die Worte, besonders entwürdigend jenes, das sich von dem deutschen Romanschriftsteller herleitet, und es ist schwer, sich von den Bezeichnungen nicht den Geschmack an den Dingen verderben zu lassen.

Wenn man vom Sklavenmarkt der Liebe spricht, so fasse man ihn doch endlich so auf: Die Sklaven sind die Käufer. Wenn sie einmal gekauft haben, ist’s mit der Menschenwürde vorbei: Sie werden glücklich. Und welche Mühsal auf der Suche des Glücks! Welche Qual der Freude! Im Schweiße deines Angesichts sollst du deinen Genuss finden. Wie plagt sich der Mann um die Liebe! Aber wenn eine nur Wanda heißt, wird sie mit der schönsten sozialen Position fertig.

Tänzerinnen haben die Sexualität in den Beinen, Tenore im Kehlkopf. Darum täuschen sich die Frauen in den Tenoren und die Männer in den Tänzerinnen.

Das eben ist der Unterschied der Geschlechter: Die Männer fallen nicht immer auf einen kleinen Mund herein, aber die Weiber immer auf eine große Nase.

Eine schöne, aber keine echte Flamme der Sinnlichkeit, wenn sich der Spiritus entzündet!

Sie gewährt, an die Pforte ihrer Lust zu pochen, und lässt die Schätze ahnen, von denen sie nicht gibt. Die Unlust des Wartenden bereichert indessen ihre Lust: Sie nimmt dem Bettler ein Almosen ab und sagt, hier werde nichts ausgeteilt.

Er hatte sie mit Lustgas betäubt, um eine schwere Gedankenoperation an ihr vorzunehmen.

Man unterscheide culpose und dolose Frauen.

Wenn der Dieb in der Anekdote stehlen geht, so hält ihm der Wächter das Licht. Diese Situation ist auch den Frauen nicht unerwünscht.
Der ist ein unkluger Berater einer Frau, der sie vor Gefahren warnt.

Es ist etwas Eigenes um die gebildeten Schönen. Die Mythologie wird umgekrempelt. Athene ist schaumgeboren und Aphrodite in eherner Rüstung dem Haupte Kronions entsprossen. Klarheit entsteht erst wieder, wenn die Scheide am Herkuleswege ist.

Dass eine Frau bei naher Betrachtung verliert, ist ein Vorzug, den sie mit jedem Kunstwerk gemein hat, an dem man nicht gerade Farbenlehre studieren will. Nur Frauen und Maler dürfen sich untereinander mikroskopisch prüfen und ihre Technik abschätzen. Wen die Nähe enttäuscht, der hat es nicht besser verdient. Solche Enttäuschungen lösen ihm die Rosenketten des Eros. Der Kenner aber versteht es, sie erst daraus zu flechten. Ihn enttäuscht nur die Frau, die in der Entfernung verliert.

Es kann aber eine Wohltat der Sinne sein, von Zeit zu Zeit einem komplizierten Räderwerk nahezustehen. Die anderen sehen nur das Gehäuse mit dem schönen Zifferblatt; und es ist bequem, zu erfahren, wie viel’s geschlagen hat. Aber ich habe die Uhr aufgezogen.

Auch in männermordenden Geisteskämpfen kann man manchmal einer Frau einen Blumenstrauß zuwerfen, ohne dass die Menge es merkt. Aber bei der zweiten Lektüre offenbart sich dem Feingefühl ein Pamphlet als Liebesbrief.

Wenn der Wert der Frauen absolut messbar ist, so ist er es gewiss eher nach der Fähigkeit, zu spenden, als nach dem Wert der Objekte, an die sie spenden. Nicht einmal dem Blitz, der statt in die Eiche in einen Holzschuppen einschlägt, darf man einen moralischen Vorwurf machen. Und dennoch besteht kein Zweifel, dass hier die Schönheit des Schauspiels wesentlich von der Würdigkeit des Objektes abhängt, während die Blitze der Sinnlichkeit bei größerem Abstand umso heller leuchten. Nur wenn die Eiche vergebens bittet, dass der Blitz sie erhöre, dann treffe den Blitz die Verdammnis!

Langweile und Unbequemlichkeit sind die Pole, zwischen denen das Entzücken an den Frauen schwankt. In ihrer äußersten Konsequenz sind sie entweder barmherzige Schwestern oder unbarmherzige Schwestern.

Seiner ersten Geliebten trägt man keine Enttäuschung nach. Besonders wenn man sie in der Turnstunde kennengelernt hat und es eine Kletterstange war.

Höchster Überschwang der Gefühle: Wenn du wüsstest, welche Freude du mir mit deinem Kommen bereitest – du tätest es nicht, ich weiß, du tätest es nicht!

Er wollte seine Geliebte zur Freiheit verurteilen. Das lassen sie sich schon gar nicht gefallen.

In der Liebe kommt es nur darauf an, dass man nicht dümmer erscheint, als man gemacht wird.

Was ich nicht weiß, macht mir nicht heiß.

Wenn’s einem kein Vergnügen macht, eine Frau zu beschenken, unterlasse man es. Es gibt Frauen, gegen die ein Danaidenfass die reinste Sparbüchse ist.

Man muss endlich wieder dahin kommen, dass man nicht mehr an der Krankheit, sondern an der Gesundheit einer Frau zugrunde geht.

So erhaben kann sich nie ein wertvoller Mann über ein wertloses Weib dünken wie ein wertloser Mann über ein wertvolles Weib.

Es ist die wichtigste Aufgabe, das Selbstunbewusstsein einer Schönen zu heben.

Der Losgeher hat nichts zu verlieren. Der andere nähert sich einer Frau nicht, weil er einen ganzen Lebensinhalt, den er zitternd trägt, aus der Hand fallen lassen könnte.

Das Tragische leitet seinen Ursprung von einem Bocksspiel her.

Eine Nachtwandlerin der Liebe, die erst fällt, wenn sie angerufen wird.

Sie lebte dem Gattungswillen entrückt, aber sooft sie liebte, selbst zu neuem Leben geboren. Sie war nicht zum Gebären geschaffen, sondern zum Geborensein.

Zuerst sieht man eine, der andere ähnlich sehen. Dann eine, die ähnlich sieht. Schließlich aber ist keine mehr da, und man sieht alles von selbst.
II. MORAL, CHRISTENTUM
Der Mann hat den Wildstrom weiblicher Sinnlichkeit kanalisiert. Nun überschwemmt er nicht mehr das Land. Aber er befruchtet es auch nicht mehr.

Die Gründer der Normen haben das Verhältnis der Geschlechter verkehrt: Sie haben das Geschlecht des Weibes in die Konvention geschnürt und das männliche entfesselt. So ist die Anmut vertrocknet und der Geist. Es gibt noch Sinnlichkeit in der Welt; aber sie ist nicht mehr die triumphierende Entfaltung einer Wesenheit, sondern die erbärmliche Entartung einer Funktion.

Als die Zugänglichkeit des Weibes noch eine Tugend war, wuchs dem männlichen Geiste die Kraft. Heute verzehrt er sich vor der Scheidemauer einer verbotenen Welt. Geist und Lust paaren sich wie ehedem. Aber das Weib hat den Geist an sich genommen, um dem Draufgänger Lust zu machen.

Das vom Mann verstoßene »Weibchen« rächt sich. Es ist eine Dame geworden und hat ein Männchen im Haus.

Der Philister verachtet die Frau, die sich von ihm hat lieben lassen. Wie gerne möchte man ihm recht geben, wenn man der Frau Schuld geben könnte!

Ein Bettler wurde verurteilt, weil er auf einer Bank gesessen und »traurig dreingeschaut« hatte. In dieser Weltordnung machen sich die Männer verdächtig, die traurig, und die Weiber, die lustig dreinschauen. Immerhin zieht sie die Bettler den Freudenmädchen vor. Denn die Freudenmädchen sind unehrliche Krüppel, die aus dem Körperfehler der Schönheit Gewinn ziehen.

Dass eine Kokotte nach sozialen Ehren strebt, ist eine traurige Erniedrigung; aber sie entschädigt sich wenigstens durch heimliche Freuden. Viel verwerflicher ist die Praxis jener Frauen, die durch den Schein eines Freudenlebens über ihre heimliche Ehrbarkeit zu täuschen wissen. Sie schmarotzen an einer sozialen Verachtung, die sie sich nicht verdienen; und das ist die schlimmste Art von Streberei.

Gretchen-Tragödie – welch ein Aufhebens! Die Welt steht stille, Himmel und Hölle öffnen sich, und in den Sphären klingt die Musik unendlichen Bedauerns: Nicht jedes Mädchen fällt so ’rein!

Liebe soll Gedanken zeugen. In der Sprache der Gesellschaftsordnung sagt die Frau: Was werden Sie von mir denken!

Wie eine lebensfähige Frau ihren faulen Frieden mit der Welt macht: Sie verzichtet auf die Persönlichkeit und bekommt dafür die Galanterien zugestanden.

Was doch die soziale Sitte vermag! Nur ein Spinnweb liegt über dem Vulkan, aber er hält sich zurück.

Im Orient haben die Frauen größere Freiheit. Sie dürfen geliebt werden.

Die Eifersucht des Mannes ist eine soziale Einrichtung, die Prostitution der Frau ist ein Naturtrieb.

Das Wesen der Prostitution beruht nicht darauf, dass sie sich’s gefallen lassen müssen, sondern dass sie sich’s missfallen lassen können.

Eine sittliche Prostitution fußt auf dem Prinzip der Monogamie.

Die sittliche Weltordnung ist den geheimnisvollen Fähigkeiten des Weibes, prostituiert zu werden und selbst zu prostituieren, in zwei monogamen Lebensformen gerecht geworden: Sie schuf die Maitresse und den Zuhälter.

Die Unsittlichkeit der Maitresse besteht in der Treue gegen den Besitzer.

Die Rechtsstellung des Zuhälters in der bürgerlichen Gesellschaft ist noch nicht geklärt. Er ist ihr Auswurf. Denn er achtet, wo geächtet wird; er beschützt, wo verfolgt wird. Er kann für seine Überzeugung auch Opfer bringen. Wenn er jedoch für seine Überzeugung Opfer verlangt, fügt er sich in den Rahmen einer Gesellschaftsordnung, die zwar dem Weib die Prostitution nicht verzeiht, aber die Korruption dem Manne.

Die Unmoral des Mannes triumphiert über die Nichtmoral der Frau.

Dass die bürgerliche Gesellschaft mit Verachtung auf den Zuhälter blickt, ist begreiflich; denn er ist der heroische Widerpart ihrer Unterhaltungen. Sie sind bloß die schlechteren Christen, er aber ist der bessere Teufel. Er ist der Antipolizist, der die Prostituierte sicherer vor dem Staat schützt als der Staat die Gesellschaft vor ihr. Er ist der letzte moralische Rückhalt eines Weibes, das an der guten Gesellschaft zuschanden geht. Von ihr kann sie nur reich werden, von ihm wird sie schön. Wenn er sie ausraubt, so hat sie mehr davon, als wenn die anderen sie beschenken. Weil er »zu ihr hält«, ist er missachteter als sie selbst; aber diese Missachtung ist nur ein Mantel des Neides: Die Gesellschaft muss ihre Lust bezahlen, sie empfängt Ware für Geld; aber das Weib empfängt das Geld und behält die Lust, um den Einen doppelt zu beschenken. Dort ist die Liebe eine ökonomische Angelegenheit; hier macht eine Naturgewalt die Rechnung.

Nicht jeder, der von einer Frau Geld nimmt, darf sich darum schon einbilden, ein Strizzi2 zu sein.

Ein Weib, das zur Liebe taugt, wird im Alter die Freuden einer Kupplerin genießen. Eine frigide Natur wird bloß Zimmer vermieten.

Kupplerinnen sind die Hüterinnen der Normen.

Der Zuhälter ist eine Stütze der Frau. Verliert sie ihn, so kann es leicht geschehen, dass sie herunterkommt.

Die Zweiteilung des Menschengeschlechts ist von der Wissenschaft noch nicht anerkannt worden.

Wie lernt die Menschheit schwimmen? Man sagt ihr, wo die gefährlichen Stellen sind und dass es eine Verbindung von Wasserstoff und Sauerstoff sei.

Die Moral ist ein so populäres Ding, dass man sie predigen kann. Aber der Unmoralprediger vergreift sich am Idealen.

Im Sexuellen wird die Freiheit mit ihren Feinden fertig, ohne der Gemeinheit als einer Bundesgenossin zu bedürfen.

Hättet ihr die Rechte des Frauenkörpers anerkannt, hättet ihr die Unterleibeigenschaft aufgehoben, wie ihr den Robot aufgehoben habt, nie wären die Frauen auf den lächerlichen Einfall gekommen, sich als Männer zu verkleiden, um als Weiber im Werte zu steigen!

Dass doch die Frauenemanzipation darauf ausginge, das Schandmal der anatomischen Ehre des Weibes zu beseitigen und männlicher Blindheit zu zeigen, dass es eine prostitutio in integrum gibt!

»Frauenrechte« sind Männerpflichten.

Ich hörte eine Frau von einer andern rühmend sagen: »Sie hat so etwas Weibliches an sich.«

Griechische Denker nahmen mit Huren vorlieb. Germanische Kommis können ohne Damen nicht leben.

Das Christentum hat die Zollschranken zwischen Geist und Geschlecht aufgehoben. Aber die Durchsetzung des Sexuallebens mit dem Gedanken ist eine dürftige Entschädigung für die Durchsetzung des Gedankenlebens mit dem Sexuellen.

Omne animal triste. Das ist die christliche Moral. Aber auch sie nur post, nicht propter hoc.

Im Kampf zwischen Natur und Sitte ist die Perversität eine Trophäe oder eine Wunde. Je nachdem, ob die Natur sie erbeutet oder die Sitte sie geschlagen hat.

Die Verbreitung der Lustseuche hat der Glaube bewirkt, dass die Lust eine Seuche sei.

Religion und Sittlichkeit. Der Katholizismus (kata und holos) geht aufs Ganze; aber das Judentum ist Mosaik.

Man setzt sich heutzutage genug Unannehmlichkeiten aus, wenn man von einem Kunstwerk sagt, dass es ein Kunstwerk sei. Aber man würde gesteinigt werden, wenn man das so laut von einem Frauenkörper sagte, wie es gesagt werden muss, um ihn neu zu beleben. Denn die Sitte will seine Zerstörung, und durch Worte kann man Anmut zusprechen.

Es ist eine schlimme Zeit, in der das Pathos der Sinnlichkeit zur Galanterie einschrumpft.

Der Schönheit sei es ein Trost, dass sich an den Mauern derselben Welt, die ihr den Quell absperrt, der Geist blutig stößt. Sie müssten sich beide verniedlichen, um erlaubt zu sein.

Die den Freudenbecher gewährt haben, sterben an dem alkoholischen Gifttrunk, den ihnen die christliche Nächstenliebe reicht.

Es war eine Flucht durch die Jahrtausende, als sie in der kältesten Winternacht von einem Theaterball halbnackt auf die Straße lief, in den tiefsten Prater hinein, Kellner, Kavaliere und Kutscher hinter ihr her … Eine Lungenentzündung und der Tod brachten sie in unser Jahrhundert zurück.

Es ist eine durch alle Ewigkeit gültige Tatsache: dass Urkraft des Weibes nicht bloß die Schwachen anzieht und vertilgt, sondern die Starken belebt und verjüngt. […] Und dass Sinnengenuss und Schönheit nach dem wundervollen Plan der Weltordnung Zaubermittel sind und nach dem teuflischen Plan der Gesellschaftsordnung in den Giftschrank der Menschheit gesperrt wurden.
2Wienerisch für Zuhälter.
III. MENSCH UND NEBENMENSCH
Das Gefühl, das man bei der Freude des andern hat, ist in jedem Fall selbstsüchtig. Hat man ihm die Freude selbst bereitet, so nimmt man die Hälfte der Freude für sich in Anspruch. Die Freude aber, die ihm ein anderer vor unseren Augen bereitet, fühlen wir ganz mit: Die Hälfte ist Neid, die Hälfte Eifersucht.

Ich begeistere mich für den Ehrenpunkt, seitdem ich die Beobachtung gemacht habe, dass man einer unerledigten Affäre die Befreiung von lästiger Gesellschaft verdankt.

Auch die Dummheit hat Ehre im Leib, und sie wehrt sich sogar heftiger gegen den Spott als die Gemeinheit gegen den Tadel. Denn diese weiß, dass die Kritik recht hat; jene aber glaubt’s nicht.

Gesellschaft: Es war alles da, was da sein muss und was sonst nicht wüsste, wozu das Dasein ist, wenn es nicht eben dazu wäre, dass man da ist.

Man beobachte einmal, wie die anständigen Herren eine Frau grüßen, von der »man spricht«. In dem Gruß ist der abweisende Stolz der Gesellschaftsstütze mit der einverständlichen Kennerschaft des Markthelfers vereinigt. Für beides möchte man ihnen an die Gurgel fahren.

Ich hörte einen angeheiterten deutschen Mann einem Mädchen, das in eine Seitengasse einbog, die humoristisch deklamierten Worte nachrufen: »Da geht sie hin, die Schanddirne!« Es ist nicht anzunehmen, dass je ein Gesetz zustande kommt, welches erlaubt, deutsche Männer niederzuschießen, die mit einem einzigen Wort den vollständigen Beweis ihrer Unnützlichkeit auf Erden erbracht haben.

Die Behörden werden gegen das Publikum erst dann höflich sein, wenn das Publikum sich entschließt, in die Redaktionen der Tagespresse einzutreten. Die Redakteure aber werden erst dann gegen das Publikum aufrichtig sein, wenn es zum Eintritt in die Bürokratie entschlossen ist.

Wenn mich einer ansprechen will, hoffe ich noch bis zum letzten Augenblick, dass die Furcht, kompromittiert zu werden, ihn davon abhalten wird. Sie sind aber unerschrocken.

Ich sehe durch ein Fenster, und der Horizont ist mir durch ein Laffengesicht verlegt. Das ist tragisch. Ich habe nichts dagegen, dass es abscheuliche Gesichter gibt. Aber warum hat es die Optik so eingerichtet, dass ein Mensch einen Wald verdecken kann? Man kann wohl den Menschen wieder durch einen vorgehaltenen Stock verdecken. Aber auf alle Fälle kommt man beim optischen Betrug zu kurz. So dienen die Lichtstrahlen der Vermehrung des Menschenhasses.

Bei gleicher Geistlosigkeit kommt es auf den Unterschied der Körperfülle an. Ein Dummkopf sollte nicht zu viel Raum einnehmen.

Der Mensch denkt, aber der Nebenmensch lenkt. Er denkt nicht einmal so viel, dass er sich denken könnte, dass ein anderer denken könnte.

Gut und Blut fürs Vaterland! Aber die Nerven?

Ich schlafe nie nachmittags. Außer, wenn ich vormittags in einem österreichischen Amt zu tun hatte.

Gerne käme ich um die Konzession zum Handbetrieb einer Guillotine ein. Aber die Erwerbsteuer!

Wenn ich mir die Haare schneiden lasse, so bin ich besorgt, dass der Friseur mir einen Gedanken durchschneide.

Wenn man vom Raseur geschnitten wird, ist man immer selbst schuld. Ich zum Beispiel zucke zusammen, wenn der Raseur von Politik spricht, und die andern werden nervös, wenn er nicht von Politik spricht. In keinem Falle trifft den Raseur die Schuld, wenn man geschnitten wird.

Die ästhetischen Werte des Menschen scheinen bloß die Bestimmung zu haben, uns für eine Lumperei zu kaptivieren. Mich machen sie auf die Gefahr aufmerksam. Und ich würde mich gern von einem Wiener Kutscher überhalten3 lassen, wenn er’s eben nicht mit diesem echten Gemütston täte; und mir von einem italienischen Wirt die Gurgel abschneiden zu lassen, wäre mir ein Vergnügen, wenn’s eben nicht mit diesem träumerischen Augenaufschlag geschähe. Die Unbequemlichkeiten des Daseins nehme ich nur ohne ästhetische Entschädigung in Kauf, und wenn ich schon einen Verdruss habe, will ich mich nicht bei den malerischen Attitüden aufhalten.

Das Malerische und das Musikalische sind Argumente, die mit allen Einwänden fertig werden. Und es gibt Wirkungen auf die Nerven, denen sich der oppositionellste Geist nicht entziehen kann. Wenn alle Glocken läuten, umarme ich einen Gemeinderat.

Hysterische soll man vorsichtshalber vor einer Operation narkotisieren, die an einem andern ausgeführt wird. Und um ihnen jeden Schmerz zu ersparen, auch vor einer Operation, die an einem andern nicht ausgeführt wird.

Narkose: Wunden ohne Schmerzen. Neurasthenie: Schmerzen ohne Wunden.

Nichts kränkt den Pöbel mehr, als wenn man herablassend ist, ohne heraufzulassen.

Gewiss, der Künstler ist ein anderer. Aber gerade deshalb soll er es in seinem Äußern mit den anderen halten. Er kann nur einsam bleiben, wenn er in der Menge verschwindet. Lenkt er die Betrachtung durch eine Besonderheit auf sich, so macht er sich gemein und führt die Verfolger auf seine Spur. Je mehr den Künstler alles dazu berechtigt, anders zu sein, umso notwendiger ist es, dass er sich der Gewandung des Durchschnitts als einer Mimikry bediene. Auffallendes Aussehen ist die Zielscheibe der Betrunkenheit. Diese, sonst verspottet, dünkt sich neben langhaariger Exzentrizität noch planvoll und erhaben. Über den Mann in der Narrenjacke lacht selbst der Betrunkene, über den der Pöbel lacht. Sich absichtlich verwahrlosen, um sich vom Durchschnitt abzuheben, schmutzige Wäsche als ein Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft tragen, über die Verkehrtheit der Gesellschaftsordnung eine ungekämmte Mähne schütteln – ein Vagantenideal, das längst von Herrschaften abgelegt ist und heute jedem Spießbürger erreichbar. Die wahre Bohême macht den Philistern nicht mehr das Zugeständnis, sie zu ärgern, und die wahren Zigeuner leben nach einer Uhr, die nicht einmal gestohlen sein muss. Armut ist noch immer keine Schande, aber Schmutz ist keine Ehre mehr. »Mutter Landstraße« verleugnet ihre Söhne; denn auch sie ist heute schon gepflegter.

Die verkommenste Existenz ist die eines Menschen, der nicht die Berechtigung hat, ein Schandfleck seiner Familie und ein Auswurf der Gesellschaft zu sein.

Familiengefühle zieht man nur bei besonderen Gelegenheiten an.

Das Familienleben ist ein Eingriff in das Privatleben.

Das Wort »Familienbande« hat einen Beigeschmack von Wahrheit.

Auch ein anständiger Mensch kann, vorausgesetzt, dass es nie herauskommt, sich heutzutage einen geachteten Namen schaffen.

Ein ganzer Kerl ist einer, der die Lumpereien nie begehen wird, die man ihm zutraut. Ein halber, dem man die Lumpereien nie zugetraut hat, die er begeht.

Es gibt Menschen, denen es gelingt, die Vorteile der Welt mit den Benefizien des Verfolgtseins zu vereinigen.

Wenn man nicht weiß, wovon einer lebt, so ist das noch der günstigere Fall. Auch die Volkswirtschaft soll der Fantasie etwas Spielraum lassen.

Dieser Selbstmord war in einem Anfall von geistiger Klarheit begangen. Die Lebensfrohen überlegen sich’s manchmal; und in solch einem könnten so viele Leben gewesen sein, dass er das eine unbedenklich hingab. Selbstmord kann das Aderlassen einer Vollblutnatur bedeuten. Wer sich so ruhig den Mund von den Genüssen des Lebens abwischt, um ihn für immer zu schließen, hebt sich wohl von den Tafelgenossen ab. Überhaupt werde ich den Verdacht nicht los, dass einer schon ein Kerl sein muss, wenn ihn das heutige Leben zu Fall bringt. Was Feuer hat und einen leichten Zug, verbrennt. Nur Männer ohne Mark und Weiber mit Hirn sind der sozialen Ordnung gewachsen.

Was für ein Freund der Geselligkeit war doch der bayrische König, der allein im Theater saß! Ich würde auch selbst spielen.
3Übers Ohr hauen.
IV. PRESSE, DUMMHEIT, POLITIK
Die menschlichen Einrichtungen müssen erst so vollkommen werden, dass wir ungestört darüber nachdenken können, wie unvollkommen die göttlichen sind.

Maschinelles Leben fördert, künstlerische Umgebung lähmt die innere Poesie.

Der Philister lebt in einer Gegenwart, die mit Sehenswürdigkeiten ausgestattet ist, der Künstler strebt in eine Vergangenheit, eingerichtet mit allem Komfort der Neuzeit.

Die maschinelle Entwicklung kommt nur der Persönlichkeit zunutze, die über die Hindernisse des äußeren Lebens schneller zu sich selbst gelangt. Aber ihrer Hypertrophie sind die Gehirne des Durchschnitts nicht gewachsen. Von der Verwüstung, die die Druckpresse anrichtet, kann man sich heute noch gar keine Vorstellung machen. Das Luftschiff wird erfunden, und die Fantasie kriecht wie eine Postkutsche. Automobil, Telefon und die Riesenauflagen des Stumpfsinns – wer kann sagen, wie die Gehirne der zweitnächsten Generation beschaffen sein werden? Die Abziehung von der Naturquelle, die die Maschine bewirkt, die Verdrängung des Lebens durch das Lesen und die Absorbierung aller Kunstmöglichkeit durch den Tatsachengeist werden verblüffend rasch ihr Werk vollendet haben. Nur in diesem Sinne möchte das Heranbrechen einer Eiszeit zu verstehen sein. Man lasse inzwischen alle soziale Politik gewähren, an ihren kleinen Aufgaben sich betätigen; lasse sie mit Volksbildung und sonstigen Surrogaten und Opiaten wirtschaften. Zeitvertreib bis zur Auflösung. Die Dinge haben eine Entwicklung genommen, für die in historisch feststellbaren Epochen kein Beispiel ist. Wer das nicht in jedem Nerv spürt, mag getrost die gemütliche Einteilung in Altertum, Mittelalter und Neuzeit fortsetzen. Mit einem Mal wird man gewahren, dass es nicht weitergeht. Denn die neueste Zeit hat mit der Herstellung neuer Maschinen zum Betrieb einer alten Ethik begonnen. In den letzten dreißig Jahren ist mehr geschehen als vorher in dreihundert. Und eines Tages wird sich die Menschheit für die großen Werke, die sie zu ihrer Erleichterung geschaffen hat, aufgeopfert haben.

Wenn einer vor Gericht steht, so gibt es wohl kein Faktum aus dem sogenannten Vorleben, mit dem man nicht augenblicklich einen »ungünstigen Eindruck« erzeugen und der Justiz zu jener »Bewegung« verhelfen könnte, die der Gerichtssaalbericht verzeichnet. Man sollte es nicht glauben, wie die Delikte einen Menschen förmlich umdrängen, der sich einmal mit einem von ihnen eingelassen hat! Was sich auf vierzig Jahre verteilt hat, wirkt, auf die Spanne einer Gerichtsverhandlung projiziert, als lebende Illustration; was durch das Sieb der Zeit ging, erlangt verstärkte Aktualität, als ob es während der Untersuchungshaft geschehen wäre. Es beleuchtet nicht nur die Tat, mit der es nichts zu schaffen hat, sondern wird auch von der Tat beleuchtet, und das Charakterbild des Angeklagten ist immer von zwei Seiten bespiegelt. Das ist die Methode, die dem unperspektivischen Denken judizierender Durchschnittsköpfe glücklich angepasst ist. Es heißt, einen Verlorenen unter die Anklagebank drücken.

Wer ist das: Sie ist blind vor dem Recht, sie schielt vor der Macht und kriegt vor der Moral die Basedow’sche Krankheit. Und wegen der schönen Augen dieses Frauenzimmers opfern wir unsere Freiheit!

Die bloße Mahnung an die Richter, nach bestem Wissen und Gewissen zu urteilen, genügt nicht. Es müssten auch Vorschriften erlassen werden, wie klein das Wissen und wie groß das Gewissen sein darf.

Die Politik bringt die Spannungen eines Kriminalromans. Die Gestionen der Diplomatie bieten das Schauspiel, wie die Staaten von einer internationalen Verbrecherbande steckbrieflich verfolgt werden.

Politik ist Bühnenwirkung. Wenn Shakespeare über die Szene ging, hat noch jedem Publikum der Waffenlärm die Gedanken übertönt. Die Größe Bismarcks, der den politischen Stoff schöpferisch gestaltet – und warum sollte einem Künstler nicht ein Erlebnis im Irdischesten zur Schöpfung erwachsen? –, wird mit dem Maß der theatralischen Handlung, des Effekts der Auftritte und Abgänge gemessen. Und wenn wir Deutschen Gott und sonst nichts in der Welt fürchten, so respektieren wir selbst ihn nicht um seiner Persönlichkeit willen, sondern wegen des Geräusches seiner Donner. Politik und Theater: Rhythmus ist alles, nichts die Bedeutung.

Ich halte die Politik für eine mindestens ebenso vortreffliche Manier, mit dem Ernst des Lebens fertig zu werden, wie das Tarockspiel, und da es Menschen gibt, die vom Tarockspiel leben, so ist der Berufspolitiker eine durchaus verständliche Erscheinung. Umso mehr, als er immer nur auf Kosten jener gewinnt, die nicht mitspielen. Aber es ist in Ordnung, dass der politische Kiebitz zahlen muss, wenn das geduldige Zuschauen seinen Daseinsinhalt bildet. Gäbe es keine Politik, so hätte der Bürger bloß sein Innenleben, also nichts, was ihn ausfüllen könnte.

Zur Orientierung in Fragen der Politik genügen Operettenerinnerungen. Was sich etwa zu ungunsten der absolutistischen Regierungsform sagen lässt, hat einem die Figur eines Königs Bobèche, eines Erbprinzen Kasimir oder eines Generals Kantschukoff beigebracht. Wenn die Forderung der Phraseure, dass die Kunst sich mit den öffentlichen Angelegenheiten befasse, überhaupt einen Sinn haben soll, so kann sie sich nur auf die Operettenproduktion beziehen. Diese trifft mit Recht der Vorwurf, dass sie die einzigen menschlichen Angelegenheiten, die nicht ernst zu nehmen sind, nämlich die öffentlichen, seit Jahrzehnten vernachlässigt hat. Denn die Kunstform der Operette ist jene, die dem Wesen aller politischen Entwicklungen angepasst ist, weil sie der Dummheit die erlösende Unwahrscheinlichkeit gibt. Dass sich sonst die künstlerische Gestaltung auf die neugebackenen Ereignisse werfe, ist ein törichtes Verlangen; und selbst die Satire verschmäht sie, denn diese kann zwar die Lächerlichkeit der Politik erfassen, aber die Lächerlichkeiten innerhalb der Politik vollziehen sich unter dem Niveau einer im höheren Sinn witzigen Betrachtung.

Wer außer den Politikern, die sie begehen, beklagt die Dummheiten in der Politik? Sind denn die Gescheitheiten in der Politik gescheiter?

»Dass wir die Übel, die wir haben, lieber ertragen als zu unbekannten fliehn«. Ich verstehe aber nicht, wie die Rechtfertigung der monarchischen Staatsform bis zur Begeisterung gehen kann.

Wenn ein Wagen rollt, legt der Hund trotz längst erkannter Aussichtslosigkeit immer wieder seine prinzipielle Verwahrung ein. Das ist reiner Idealismus, während die Unentwegtheit des liberalen Politikers den Staatswagen nie ohne eigensüchtigen Zweck umbellt.

Das deutschliberale Pathos ist eine Mischung aus voraussetzungsloser Forschung und freiwilliger Feuerwehr.

Das Geheimnis des Agitators ist, sich so dumm zu machen, wie seine Zuhörer sind, damit sie glauben, sie seien so gescheit wie er.

Kinder spielen Soldaten. Das ist sinnvoll. Warum aber spielen Soldaten Kinder?

Die Mission der Presse ist, Geist zu verbreiten und zugleich die Aufnahmsfähigkeit zu zerstören.

Der Journalismus dient nur scheinbar dem Tage. In Wahrheit zerstört er die geistige Empfänglichkeit der Nachwelt.

Vervielfältigung ist insofern ein Fortschritt, als sie die Verbreitung des Einfältigen ermöglicht.

Wenn man bedenkt, dass dieselbe technische Errungenschaft der »Kritik der reinen Vernunft« und den Berichten über eine Reise des Wiener Männergesangsvereines gedient hat, dann weicht aller Unfriede aus der Brust, und man preist die Allmacht des Schöpfers.

Wenn’s die Religion gilt, so erzählt mir ein Orientreisender, gibt’s keinen Bakschisch. Im Abendland kann man das auch der liberalen Presse nachrühmen.

Ich mit meinem engen Horizont las einst ein Zeitungsblatt nicht, das diese Artikelüberschriften enthielt: Die 1869er geheimen Verhandlungen zwischen Österreich, Frankreich und Italien. – Die Reformbewegung in Persien. – Die Ernennung der kroatischen Sektionschefs. – Die Pforte gegen den Metropoliten von Monastir … Nachdem ich dieses Zeitungsblatt nicht gelesen hatte, fühlte ich meinen Horizont etwas erweitert.

Der Friseur erzählt Neuigkeiten, wenn er bloß frisieren soll. Der Journalist ist geistreich, wenn er bloß Neuigkeiten erzählen soll. Das sind zwei, die höher hinauswollen.

Witzblätter sind ein Beweis, dass der Philister humorlos ist. Sie gehören zum Ernst des Lebens wie der Trank zur Speise […].

Der Spiritismus ist die Metaphysik der Tischgesellschaft. Es ist begreiflich, dass erst ein Stammtisch gerüttelt werden muss, wenn der Geist sich einstellen soll. Die Entlarvung eines Mediums ist eine Abwechslung für solche, denen sonst höchstens die Entlarvung eines Kiebitzes gelang. Der Spiritismus ist der Wahn der Dickhäuter. Nur Menschen, denen die Vergeistigung der Materie so fernliegt wie dem Elefanten das Seiltanzen, werden mit der Zeit dem Drang verfallen, die Geister zu materialisieren.

Es herrscht Not an Kommis. Alles drängt der Journalistik zu.

Wenn ein Fürst geehrt werden soll, werden die Schulen geschlossen, wird die Arbeit eingestellt und der Verkehr unterbunden.

Die Orthodoxie der Vernunft verdummt die Menschheit mehr als jede Religion. Solange wir uns ein Paradies vorstellen können, geht es uns immer noch besser, als wenn wir ausschließlich in der Wirklichkeit einer Zeitungsredaktion leben müssen. In ihr mögen wir die Überzeugung, dass der Mensch vom Affen abstammt, in Ehren halten. Aber um einen Wahn, der ein Kunstwerk ist, wär’s schade.

Wenn ein Priester plötzlich erklärt, dass er nicht an das Paradies glaube und dass er diese Erklärung niemals widerrufen werde, dann ist die liberale Presse begeistert, deren Redakteure sich bekanntlich auch um keinen Preis ihre Überzeugung nehmen lassen. Aber würde nicht doch ein Verlegerpapst einen Angestellten sofort a divinis entheben, der sich’s einfallen ließe, vor den Lesern zu bekennen, er glaube an das Paradies? Es ist der widerlichste Anblick, den die Neuzeit bietet: ein vernunftbesessener Priester von Presskötern umbellt, denen er Adams Rippe zuwirft.

In Echternach im Luxemburgischen finden noch heute sogenannte Springprozessionen statt. Weil nämlich einst das Vieh von der Tanzkrankheit befallen war, gelobten die dortigen Bauern, anstatt der Tiere zu Ehren des heiligen Willibrord zu springen. Heute kennen weder Menschen noch Vieh mehr die Ursache der sonderbaren Zeremonie, aber jene bleiben ihr treu, und wenn sich die Macht der Gewohnheit weiter an den Echternachern bewährt, so wird vielleicht einmal wieder das Vieh es sein, das zu Ehren des heiligen Willibrord springt. Menschen sind es heute noch, an die fünfzehntausend, die um Pfingsten »drei Schritte vor, zwei Schritte zurück« springen. Die Geistlichkeit springt nicht mit, sondern schaut zu. Ganz befriedigt sie das Schauspiel nicht; denn sie sähe es noch lieber, wenn es zwei Schritte vor und drei zurückginge.

Der Psychiater verhält sich zum Psychologen wie der Astrolog zum Astronomen […].

Moderne Nervenärzte machen den Kranken zum Konsilarius. Er erhält ein Selbstbewusstsein des Unbewussten, das zwar erhebend, aber nicht eben aussichtsvoll ist. Anstatt ihn vom Herd des Übels zu jagen, wird er verhalten, sich daran zu rösten, statt Ablenkung wird eine Vertraulichkeit mit seinen Leiden, eine Art Symptomenstolz erzeugt, der den Kranken günstigstenfalls in den Stand setzt, an anderen seelische Kuren vorzunehmen, die von keinem besseren Erfolge begleitet sind. Alles in allem eine Methode, die augenscheinlich schneller einen Laien zum Sachverständigen als einen Kranken gesund macht. Denn als Heilfaktor dient jene Selbstbeobachtung, welche eben die Krankheit ist. Aber sie ist kein Seelenserum.

Die Schriftgelehrten können noch immer nur von rechts nach links lesen: Sie sehen das Leben als Nebel.

Dass Bildung der Inbegriff dessen sei, was man vergessen hat, ist eine gute Erkenntnis. Darüber hinaus ist Bildung eine Krankheit und eine Last für die Umgebung des Gebildeten. Eine Gymnasialreform, die auf die Abschaffung der toten Sprachen mit der Begründung hinarbeitet, man brauche sie eben nicht fürs Leben, ist lächerlich. Erst wenn man sie fürs Leben brauchte, müsste man sie abschaffen. Sie helfen freilich nicht dazu, dass man sich einst in Rom oder Athen durch die Sehenswürdigkeiten durchfrage. Aber sie pflanzen in uns die Fähigkeit, uns diese vorzustellen. Die Schule dient nicht der Anhäufung praktischen Wissens. Aber Mathematik reinigt die Gehirnbahnen, und selbst wenn man Jahreszahlen büffeln muss, die man nach dem Austritt sogleich vergisst, so tut man nichts Unnützes. Verfehlt ist nur der Unterricht in der deutschen Sprache. Aber dafür lernt man sie durch das Lateinische, das noch diesen besonderen Wert hat. Wer gute deutsche Aufsätze macht, wird ein deutscher Kommis. Wer schlechte macht und dafür im Lateinischen besteht, wird vielleicht ein deutscher Schriftsteller. Was die Schule zu tun vermag, ist, dass sie jenen Dunst von den lebendigen Dingen schafft, dem sich eine Individualität entschält. Weiß einer noch nach Jahren, aus welchem klassischen Drama und aus welchem Akt ein Zitat stammt, so hat die Schule ihren Zweck verfehlt. Aber fühlt er, wo es stehen könnte, so ist er wahrhaft gebildet und die Schule hat ihren Zweck vollkommen erreicht.

Die Bildung hängt an seinem Leib wie ein Kleid an einer Modellpuppe. Bestenfalls sind solche Gelehrte Probiermamsellen der Fortschrittsmode.

Männer der Wissenschaft! Man sagt ihr viele nach, aber die meisten mit Unrecht.

Der deutsche Hochgedanke hat dank der Normalwäsche den Weg durch Einheit zur Unreinheit genommen.

Sei es Manufaktur, sei es Literatur, sei es Juristerei oder Musik, Medizin oder Bühne: Vor der Allgewalt des Kommis gibt es in der Welt des heiligen Geistes kein Entrinnen.

Ursprünglich für den Kaufmannsstand bestimmt, widmete er sich später tatsächlich der Literatur.

Es kommt die Zeit, wo das goldene Vließ vom goldenen Kalb bezogen wird!

Man träumt oft, dass man fliegen könne. Jetzt träumt es die Menschheit: Aber sie spricht zu viel aus dem Schlaf.
Pulsuz fraqment bitdi.