Kitabı oxu: «Die größten Kriminalfälle Skandinaviens - Teil 1»
Karl-Olof Ackerot, Tonny Holk, Torgeir P Krokfjord
Die größten Kriminalfälle Skandinaviens - Teil 1
Übersetzt
Patrick Zöller
Saga
Die größten Kriminalfälle Skandinaviens - Teil 1 ÜbersetztPatrick Zöller Coverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 2020, 2020 Karl-Olof Ackerot, Tonny Holk, Torgeir P Krokfjord und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726482713
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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Der Amager-Mann
Am frühen Morgen des 25. September 2010 wurde die Hundestaffel der Polizei Kopenhagen in Verbindung mit der Vergewaltigung eines 17-jährigen Mädchens angefordert, um den Tatort und seine nähere Umgebung abzusuchen. Das Opfer war auf dem Weg in seine Wohnung von hinten überfallen und anschließend vergewaltigt worden sowie weiteren Übergriffen des Täters ausgesetzt gewesen.
Zur Staffel gehörten auch der Polizeihund Cooper und sein Hundeführer. Nicht weit vom Tatort entdeckte Cooper ein Kondom, und dieser Fund führte dazu, dass in zwei Mordfällen und mehreren älteren Fällen von Vergewaltigung die Ermittlungen wieder aufgenommen und mit der Verurteilung eines 46-jährigen Mannes zu lebenslanger Freiheitsstrafe abgeschlossen wurden.
In diesem Artikel geht es nicht um eine detaillierte Beschreibung der einzelnen Taten, sondern darum, die Ermittlungsarbeit der Polizei und zum Teil die der Staatsanwaltschaft darzustellen.
Meldung einer Straftat zwecks weiterführender Ermittlungen
Am Montag, 27. September 2010, wurde das Dezernat für personengefährdende Kriminalität / die Mordkommission der Polizei Kopenhagen zwecks Aufnahme weiterführender Ermittlungen über die Vergewaltigung eines 17-jährigen Mädchens in Kenntnis gesetzt, da eine Identifikation des Täters nicht vorlag.
Aus der Strafanzeige ging hervor, dass das geschädigte Mädchen vom Nachmittag des 24. September bis zirka 4:00 Uhr morgens am Samstag, 25. September, mit einigen Freundinnen und Freunden zusammengewesen war. Von den letzten drei ihrer Freunde trennte sie sich an der Metrostation DR-Byen und fuhr von hier weiter bis zur Metrostation Ørestad, wo sie um 4:12 Uhr ankam.
Die Gruppe sei ohne konkretes Ziel ein wenig „um die Häuser gezogen.“
Der Polizei gegenüber beschrieb sie die Route, die sie in den Kongelundsvej und auf den Gehweg gegenüber der Hausnummer 242 geführt hatte. Sie hörte Musik über ihre In-ears, die an ihr Handy angeschlossen waren, und schenkte ihrer Umgebung deshalb keine besondere Aufmerksamkeit. Daher war sie sehr überrascht, als ihr plötzlich ein Mann entgegenkam. Trotz der langen, schnurgeraden und zu dieser Zeit menschenleeren Straße hatten sie ihn bis dahin nicht bemerkt. Es war ihr fast ein bisschen peinlich, denn sie summte zu der Musik in ihren Ohren vor sich hin, und sie lächelte den Mann verlegen an.
Nichts am Aussehen und Verhalten des Mannes deutete daraufhin, dass er sie belästigen oder angreifen würde. Es handelte sich um eine unauffällige, ordentlich gekleidete Person. Sie gingen aneinander vorbei, ohne etwas zu sagen, aber als der Mann an ihr vorüber war, spürte sie, dass er sich umdrehte, und noch bevor sie reagieren konnte, hatte er sie gepackt und ihr die rechte Hand auf den Mund gepresst. Er zog sie fest an sich heran und sagte, sie solle nicht schreien. Außerdem drohte er ihr, er habe ein Messer. Sie versuchte, sich von dem Mann zu befreien und ihm seine Mütze wegzureißen, sodass sie seinen Kopf und seine Haare sehen konnte. So kam es auf dem Gehweg zu einer Rangelei. Sie versuchte, den Täter von seinem Vorhaben abzubringen, indem sie erst einen Asthmaanfall simulierte und dann auf der Erde liegen blieb, als sei sie ohnmächtig geworden.
Der Angreifer reagierte, indem er sagte: „Es ist noch nicht überstanden.“ Gleichzeitig befahl er ihr in aggressivem Ton, sie solle aufstehen. Als sie es nicht tat, zerrte er sie heftig auf die Beine und führte sie weiter den Kongelundsvej entlang.
Er war sehr kräftig und genoss offenbar die Macht, die er über sie hatte. Sie war verängstigt, kam aber auf den Gedanken, heimlich einen Anruf über ihr Handy zu tätigen, das sie in der Jackentasche hatte. Das war keine Schwierigkeit für sie, da sie das Telefon häufig benutzte und mit der Tastatur vertraut war. So gelang es ihr, unbemerkt ihre Eltern anzurufen. Als sie ihren Vater am anderen Ende hörte, rief sie: „Ich will nicht sterben – ich will nicht sterben.“
Der Mann erkannte, was sie tat, nahm ihr Telefon und schaltete es aus. Dabei zerrte er sie weiter zum Eingangstor der Kleingartenanlage Stjernelund, wo ihr eine Besonderheit auffiel, ein Hahn aus Keramik, der krähte, wenn jemand durch das Tor ging. Sie wurde zu dem am weitesten vom Eingang entfernten Bereich gezerrt.
Aufgrund der zuvor ausgesprochenen Drohung des Mannes, er habe ein Messer, und weil er den Anruf an ihre Eltern bemerkt hatte, gab sie jeden Widerstand auf, auch weil sie sich jetzt auf dem Gelände der Anlage wie eine Gefangene fühlte. Deshalb gehorchte sie, als er kurz darauf eine Jacke auf einer Wiese ausbreitete und ihr befahl, sie solle sich hinknien. Sie sah, wie er seine Hose herunterzog und versuchte ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Unter anderem sagte sie, sie habe „es“ noch nie gemacht. Ihre Bemühungen waren nutzlos und sie wurde gezwungen, seinen Penis in den Mund zu nehmen und daran zu lecken. Sie wagte nicht, sich zu widersetzen.
Er zwang sein Opfer zu weiteren sexuellen Handlungen und Demütigungen und zog in deren Verlauf ein Kondom an. Zuerst hatte er ohne Kondom Verkehr mit ihr, danach mit Kondom. Als er einmal hinter ihr stand, hörte sie, wie ein Reißverschluss geöffnet wurde, und ihr kam der Gedanke, dass er sein Messer aus der Tasche holte, mit dem er ihr anfangs gedroht hatte. Dann hörte sie aber, wie der Täter sich ein Kondom überzog.
Als er seine grauenvolle Tat beendet hatte, befahl er ihr, liegen zu bleiben und bis 5.000 zu zählen, bevor sie aufstehe. Er meinte, bis dahin sei er bei seinem Fahrrad und könne verschwinden, bevor sie Hilfe herbeirufen konnte. Er verhielt sich vollkommen ruhig und kontrolliert, es waren keinerlei Anzeichen von Panik festzustellen. Er nahm das Mobiltelefon und die Handtasche des Opfers samt Inhalt an sich und sagte ihr, er werde alles irgendwo ablegen, wo sie es finden könne. Sie hörte, wie der Täter den Kongelundsvej Richtung Süden entlanglief, stand verhältnismäßig schnell auf und ging zum Kleingarten ihrer Eltern, der nur wenige hundert Meter vom Tatort entfernt lag.
Die Polizei wurde umgehend gerufen und Vernehmungen durchgeführt, sowie der Tatort untersucht, zu dem die Geschädigte die Beamten führte. Dabei wurde festgestellt, dass an der angegeben Stelle das Gras niedergetreten war.
Gleichzeitig wurden in dem Bereich, in dem das Opfer anfangs in eine Rangelei mit dem Täter verwickelt gewesen war, ein Headset und ein Mobiltelefon gefunden. Obwohl das Headset stark beschädigt war, konnte es als das der Geschädigten identifiziert werden.
Aufgrund der Aussage des Opfers, wonach der Täter ihre Handtasche und ihr Mobiltelefon mitgenommen hatte, wurde sofort eine Ortung des Mobiltelefons eingeleitet in der Hoffnung, so den Aufenthaltsort des Täters herauszufinden. Das Telefon war aber immer noch ausgeschaltet und tauchte im Verlauf der weiteren Ermittlungen nicht wieder auf.
Hingegen sollte der Fund des Kondoms, durch den Polizeihund Cooper, von entscheidender Bedeutung für die weiteren Ermittlungen sein. Bei der Untersuchung der Umgebung des Tatorts fand der Hund ein Kondom auf dem Gehweg im Kongelundsvej südlich des Tatorts, also in der Richtung, in die das Opfer den Täter hatte flüchten hören, nachdem er sich an ihr vergangen hatte.
Die weiterführenden Ermittlungen
Vergewaltigungsfälle, in denen Opfer und Täter zuvor auf irgendeine Weise Kontakt hatten, kommen verhältnismäßig häufig vor, während es sehr selten zu einer Vergewaltigung wie der oben beschriebenen kommt.
In diesem Fall gab es mehrere Punkte, an denen die Ermittler ansetzen konnten.
Schon am Tag der Anzeigenaufnahme war die Geschädigte im Gerichtsmedizinischen Institut des Reichskrankenhauses auf eventuelle Spuren des Täters untersucht worden, außerdem ging es darum, eventuelle körperliche Schäden zu dokumentieren, die sich das Opfer durch die Handlungen des Täters zugezogen hatte. Die Untersuchung ergab, dass das Opfer oberflächliche Verletzungen in Form von Rötungen an den Armen, an den Knien und im Gesicht davongetragen hatte.
Das Gerichtsmedizinische Institut hatte das im Kongelundsvej gefundene Kondom sichergestellt und auf DNA-Spuren untersucht.
Die Aussage der Geschädigten hinsichtlich ihres Tuns in der Zeit vor der Tat wurde genau geprüft, unter anderem wurden Videoaufnahmen von den Haltestellen der Metro gesichtet, außerdem wurden die Freunde befragt, die sie angegeben und mit denen sie zusammen gewesen war. Es stellte sich heraus, dass die Geschädigte vollumfänglich und genau angegeben hatte, wo sie wann gewesen und mit wem sie zusammen gewesen war.
Bei der Beschreibung des Täters wies sie besonders darauf hin, dass der Mann eine schwarze Strickmütze mit Rollrand am unteren Ende und eine schwarze Jacke getragen hatte. Am unteren Teil des einen Ärmels befand sich ein Reißverschluss.
Aufgrund dessen hielt man es für möglich, Überwachungsfotos mit Personen zu finden, die eine solche Jacke trugen. Daher wandte man sich an Banken, Geschäfte, Tankstellen, 24-Stunden-Kioske und ähnliche Einrichtungen in einem verhältnismäßig großen Umkreis des Tatorts, um zu prüfen, ob eine Person dabei war, deren Aussehen und Alter der Täterbeschreibung der Geschädigten entsprach.
Beim Durchsehen der Videos der Seven Eleven-Niederlassung in einer Seitenstraße des Kongelundsvej fand die Polizei eine Aufnahme, auf der zu sehen war, dass ein Mann am 25. September gegen 5:00 Uhr morgens im Laden war, um Zigaretten und Bier zu kaufen. Eine der Kameras zeigte, dass er eine schwarze Jacke mit einem Reißverschluss am Ärmel unten am Handgelenk trug, als er den Arm über den Tresen streckte, um die Waren entgegenzunehmen.
Die Stelle am Handgelenk, der Zeitpunkt etwa eine halbe Stunde nach der Tat, die Kleidung des Mannes und nicht zuletzt die eingekauften Waren, Bier und Zigaretten, erschienen in den Augen der Polizei „passend“. Zu sehen war, dass der Mann mit Kreditkarte bezahlte, was die Möglichkeit bot, den Käufer zu identifizieren. Beim zuständigen Gericht wurde eine Verfügung beantragt, wonach Seven Eleven der Polizei die Kunden-Daten bereitzustellen hatte.
Das Gericht entschied, die Daten seien an die Polizei weiterzugeben, und man machte den Inhaber der Kreditkarte ausfindig, der sich als die Person herausstellte, die im Laden gewesen war. Das Aussehen des Verdächtigen entsprach jedoch nicht ganz der Beschreibung der Geschädigten, aber es kommt nicht selten vor, dass Täterbeschreibungen der Zeugen in hohem Maße von den Realitäten abweichen.
Einige Polizisten fuhren zur Wohnung des Verdächtigen, doch schließlich traf man ihn an seinem Arbeitsplatz an, wo man ihm sagte, dass es um die Ermittlungen in einem Fall schwerer Vergewaltigung am 25. September 2010 ging – verübt im Kongelundsvej. Er bestritt, etwas mit der Sache zu tun zu haben, war aber zu einem Verhör bereit.
Sein Problem war, dass er sich überhaupt nicht erinnern konnte, was er an dem fraglichen Tag gemacht hatte, auch nicht, nachdem er mit der Information konfrontiert wurde, dass er am frühen Morgen im Seven Eleven eingekauft hatte. Er war Angestellter in einer kleineren Firma, deren Inhaber darüber informiert wurde, dass die Polizei wegen eines Schwerverbrechens ermittelte und sein Mitarbeiter die Beamten in diesem Zusammenhang begleiten musste. Der Verdächtige fuhr freiwillig mit zu seiner Wohnung, wo sich sein erwachsener Sohn aufhielt. Im Laufe der Befragung des Verdächtigen bei ihm zu Hause stellte sich heraus, dass er für die Tatzeit ein Alibi hatte.
Da am Tattag ein Kondom sichergestellt worden war, in dem sich vermutlich Sperma des Täters befand, wurde dem Verdächtigen ein Mundabstrich entnommen, um sein DNA-Profil zu erstellen und ihn so möglicherweise als Täter der Vergewaltigung ausschließen zu können.
Der Mundabstrich ist die Methode der Polizei, DNA verdächtiger Personen sicherzustellen. Ein Beamter, ausgerüstet mit Mundschutz und Gummihandschuhen, führt ein Plastikstäbchen mit einem Schaumgummischwamm in den Mund der Person, deren DNA bestimmt werden soll, und führt damit kreisende Bewegungen auf der Innenseite beider Wangen aus. Die von dem Gummischwamm aufgesaugte Flüssigkeit wird auf eine Karte mit einer speziellen Beschichtung aufgetragen, die Karte wird in ein Kuvert verpackt, das wiederum in einem weiteren Umschlag zur Analyse in das Labor für Forensik des Gerichtsmedizinischen Instituts im Reichskrankenhaus geschickt wird.
Die Polizei war von seiner Unschuld überzeugt, und das Ergebnis der Analyse im Labor für Forensik ergab, dass es zwischen der Flüssigkeit in dem Kondom und der DNA, die durch den Mundabstrich sichergestellt worden war, keine Übereinstimmung gab. Die Ermittlungen im Fall der Vergewaltigung mussten also weitergeführt werden.
Die Ergebnisse der technischen Untersuchungen im Labor für Forensik
Nach einigen Wochen lag das Resultat der forensischen Analyse auf der Basis der Untersuchung des geschädigten Mädchens und des gefundenen Kondoms vor.
Es war erfreulich, dass auf der Grundlage des in dem Kondom enthaltenen Spermas ein komplettes DNA-Profil erstellt werden konnte. Dadurch können Abgleiche mit Profilen bereits untersuchter Personen ebenso vorgenommen werden, wie mit sichergestellten Spuren von anderen Tatorten.
Das Labor teilte mit, dass das Kondom mit den Proben verglichen wurde, die im Zuge der gerichtsmedizinischen Untersuchung des geschädigten Mädchens genommen worden waren. Das Ergebnis zeigte, dass sich an dem gefundenen und untersuchten Kondom DNA der Geschädigten befand. Darüber hinaus war DNA sowohl auf der Außenseite, als auch auf der Innenseite des Kondoms gefunden worden.
Dass sich die DNA der Geschädigten sowohl auf der Außenseite als auch auf der Innenseite des Kondoms befand, bestätigte ihre Aussage hinsichtlich der Handlungsweise des Täters und des Verbrechens gegen sie in der Kleingartenanlage Stjernelund und untermauerte so die Glaubwürdigkeit ihrer Angaben. Außerdem zeigte sich, dass die Geschädigte DNA unter ihren Fingernägeln hatte, die mit dem Profil der DNA des untersuchten Spermas in dem Kondom übereinstimmte.
Das gefundene Kondom war also dasjenige, das der Täter benutzt hatte.
Die DNA-Register wurden durchforstet, doch ohne Ergebnis. Die Polizei war also nun im Besitz eines DNA-Profils des Täters, hatte aber keinen Namen dazu.
DNA-Übereinstimmungen mit anderen Fällen
„Hey Tonny – auf das hier haben wir 20 Jahre lang gewartet.“
Nach diesem telefonischen Bescheid brauchte der zuständige Ermittler Tonny Holck im Polizeipräsidium Kopenhagen ein paar Augenblicke, bis ihm die Tragweite der Mitteilung klar wurde. Die Kollegin aus der DNA-Sektion der Nationalpolizei berichtete weiter, dass man die Profilzahlen in einem Mordfall vom 03. September 1990 durchgegangen war.
Nach Auffassung der DNA-Sektion entsprach das Sperma, das im Fall der Vergewaltigung des 17-jährigen Mädchens untersucht worden war, den Spermaspuren, die man 1990 in Verbindung mit dem Mord an einer Frau sichergestellt hatte. Das Opfer war zunächst sexuell missbraucht und dann erwürgt worden. Man hatte sie unter einem Haufen Zweige gefunden, das eigene T-Shirt um den Kopf gewickelt. Das Verbrechen hatte sich am Amager Fælled ereignet und wurde als Mord im Fasanenwald bezeichnet. Opfer war eine Lehrerin und Hobbyornithologin, die zwecks Vogelbeobachtung dort mit dem Fahrrad unterwegs gewesen war.
Dass es sich dabei ausgerechnet um einen Mordfall von 1990 handelte, machte die Sache nicht weniger interessant, denn in eben diesem Jahr hatte es in Kopenhagen mehrere ungeklärte Morde an Frauen gegeben, und fast jedes Jahr hatte eine Morgenzeitung oder ein Wochenmagazin Artikel über diese ungelösten Fälle veröffentlicht.
Die Mordkommission im Polizeipräsidium Kopenhagen hatte seit 1990 mit allen zur Verfügung stehenden Ressourcen versucht, diese Morde aufzuklären, bis dahin aber vergeblich.
Das Labor für Forensik wurde beauftragt, weitere Tests durchzuführen, doch würde es ein paar Tage dauern, bis das endgültige Resultat vorlag.
Am 22. Oktober 2010 wurde aufgrund der weiteren Tests und eines Vergleichs mitgeteilt, dass es eine Profilübereinstimmung des in Verbindung mit der Vergewaltigung im Kongelundsvej gefundenen Spermas und den Spermaresten auf den schwarzen Shorts gab, die die Vogelkundlerin im Fasanenwald getragen hatte. Die Übereinstimmung erreichte mit mehr als 1:1.000.000 die höchstmögliche Wahrscheinlichkeit.
Der dazugehörige offizielle Bericht wurde am 25. Oktober 2010 zugestellt, und die Ermittlungen im Fall Mord im Fasanenwald konnten wieder aufgenommen werden.
In der Mordkommission war man regelrecht beflügelt, nachdem man von der Übereinstimmung erfahren hatte, und drei Tage später, am 28. Oktober 2010, kam es zu einem weiteren Schub, was den Tatendrang der Beamten betraf, denn es gab noch ein Match des im Kondom gefundenen Spermas, diesmal mit einem Vergewaltigungsfall aus dem Jahr 2005.
Damals war eine 24-Jährige in ihrem eigenen Zuhause im Gebäude des Amager-Kollegiet im Schlaf überfallen worden.
Bei der kriminaltechnischen Untersuchung des Tatorts 2005 hatte man DNA an einem Milchkarton sichergestellt, und sie hatte dasselbe Profil wie das Sperma aus dem im Kongelundsvej gefundenen Kondom. Wieder war die Wahrscheinlichkeit der Übereinstimmung die höchstmögliche, höher als 1:1.000.000.
Damit stand fest, dass es in 1990, 2005 und 2010 auf Amager zu drei Schwerverbrechen gekommen war, einem Mord und zwei Vergewaltigungen, verübt von ein und demselben Täter.
Nur aufgrund der DNA-Technik hatte man eine Verbindung zwischen den drei Verbrechen entdeckt, und der in Dänemark ganz und gar außergewöhnliche Fall eines über einen Zeitraum von mehreren Jahren aktiven Serientäters schien Realität geworden zu sein.
Die Unterlagen der drei Fälle wurden zusammengeführt. Der Fall Kongelundsvej befand sich im Status laufender Ermittlungen, der Mord im Fasanenwald war schon damals im Polizeipräsidium behandelt worden und die Akten bezüglich der Vergewaltigung im Amager-Kollegiet wurden aus dem Archiv des Polizeireviers Amager hervorgeholt.
Der Mord im Fasanenwald
Dieser Fall wurde innerhalb der Mordkommission bei der Polizei Kopenhagen genauso behandelt wie andere unaufgeklärte Morde. Mord verjährt nicht, und es kommen laufend Hinweise aus der Bevölkerung, woraufhin die Ermittlungen gegebenenfalls wieder aufgenommen werden.
In den Akten zum Mord im Fasanenwald befanden sich über eintausend Berichte, aber während der Ermittlungen 1990 ergaben sich keine konkreten Verdachtsmomente gegen eine bestimmte Person.
Das Opfer war die 40-jährige Lehrerin Lene, die in der Nähe des Fasanenwalds wohnte, ein Teil des Amager Fælled. Am 29. August 1990 fuhr sie von der Schule, an der sie unterrichtete, nach Hause. Zu dieser Zeit wohnte sie zusammen mit ihrem Freund am Sydhavnen. Als ihr Freund von der Arbeit kam, war sie nicht zu Hause, und er fand auch keine Nachricht, wo sie sich aufhielt, was sehr ungewöhnlich war.
Als sie zur Essenszeit immer noch nicht zu Hause war, wunderte er sich, stellte dann aber fest, dass ihr Fernglas und Fahrrad nicht da waren. Daher ging er davon aus, dass sie zwecks Vogelbeobachtungen unterwegs war. Außerdem stand ein Schulausflug mit einer Radtour an, und sie hatte davon gesprochen, bis dahin noch ein wenig trainieren zu wollen.
Als sie spät am Abend immer noch nicht zurück war, machte er sich doch Sorgen und nahm Kontakt zur Polizei auf, aber dort wollte man die ersten 24 Stunden abwarten, da es sich um eine erwachsene Frau handelte, und der Erfahrung nach konnte es mannigfaltige Gründe für ihr Ausbleiben geben.
Der Freund war zu diesem Zeitpunkt allerdings sehr beunruhigt und überzeugt davon, dass ihr etwas zugestoßen war. Also begaben er und die Familie sich zum Amager Fælled, da er es für das Wahrscheinlichste hielt, dass sie dorthin gefahren war. Die mehrere Stunden lange Suche während des späten Abends bis in die Nacht hinein blieb aber ohne Ergebnis. Nachdem sich der Freund am nächsten Tag erneut an die Polizei gewandt hatte, wurde eine Suchaktion eingeleitet. 24 Stunden später entschied die Polizei sich dazu, ein Foto von Lene in den Medien zu veröffentlichen.
In den nächsten Tagen konzentrierte man sich darauf, das Amager Fælled abzusuchen. Ein Hubschrauber wurde hinzugezogen, der am 3. September 1990 ein an einen Baum angelehntes Fahrrad entdeckte. Wie sich herausstellte, war es das Fahrrad der Gesuchten. Es stand in dem Teil des Amager Fælled, der als Fasanenwald bezeichnet wird. Als man in der Nähe des Fahrrads die Brille und das Fernglas der Gesuchten fand, wurde der Bereich abgesperrt und mit Hilfe einer Hundestaffel durchkämmt.
Nach einiger Zeit schlug einer der Hunde neben einem großen Haufen aufgeschichteter Zweige und Geäst an, und bei genauerer Untersuchung des Haufens entdeckte man die Leiche der Vermissten unter den Zweigen.
Die gerichtsmedizinische Untersuchung vor Ort und die spätere Obduktion ergaben, dass die Frau gewürgt worden und aufgrund dessen erstickt war. Außerdem wurden sogenannte Abwehrverletzungen festgestellt, wie sie entstehen, wenn das Opfer sich auf verschiedene Weise gegen einen gewaltsamen Angriff zur Wehr setzt.
Außerdem wurden Tierbisse diagnostiziert, was darauf hindeutete, dass sie seit mehreren Tagen auf der Erde gelegen hatte.
Bei der technischen Untersuchung wurden Spermaspuren auf ihrer Kleidung nachgewiesen, und es waren diese Spuren, die nun zwanzig Jahre später derselben Person zugeordnet werden konnten, die im September 2010 die Vergewaltigung im Kongelundsvej begangen hatte.
Im Zuge der Wiederaufnahme der Ermittlungen im Mordfall im Fasanenwald fiel dem zuständigen Beamten der Mordkommission auf, dass ein sehr langer, durchgängig übersichtlicher und einsamer Weg zu der Stelle führte, an der man die Leiche gefunden hatte. Der Verlauf des Weges und seine Übersichtlichkeit waren vergleichbar mit dem langen, vollständig übersichtlichen und menschenleeren Kongelundsvej, wo in 2010 die Vergewaltigung verübt worden war. Eine Inaugenscheinnahme des Weges und seines Verlaufs durch den zuständigen Ermittler und die Vertreterin der Staatsanwaltschaft, die später vor Gericht die Anklage übernehmen sollte, bestätigte diesen Eindruck.
Im Zuge der Ermittlungen 1990 waren Fotos vom Fahrrad der Ermordeten gemacht worden. Auffällig war unter anderem, dass die Spitze des Sattels in einem 45°-Winkel nach oben zeigte. Auf dem Gepäckträger war ein Korb montiert, der so stark beschädigt war, als habe sich eine Person darauf gesetzt. Der Lenker war leicht verdreht, als sei er hart auf den Boden geschlagen.
Aufgrund der Aufnahmen ging man davon aus, dass der Täter von hinten gekommen war und die Radlerin auf den Gepäckträger und weiter nach hinten gerissen hatte, woraufhin Rad und Radfahrerin zu Boden gestürzt waren.
Der Vergleich beider Tatorte Kongelundsvej und Fasanenwald ließ darauf schließen, dass der Täter sich in beiden Fällen seinen Opfern in übersichtlichen, verlassenen Bereichen näherte und von hinten angriff, bevor er sie sexuell missbrauchte.
Aus offensichtlichen Gründen war nicht bekannt, ob der Täter sein Opfer im Fasanenwald bedroht hatte und die Frau sich so heftig gewehrt hatte, dass er sich gezwungen sah, sie zu töten, aber die Umstände sprachen dafür.
Das Opfer im Kongelundsvej hatte seinen Widerstand aufgegeben – was ihr das Leben gerettet haben kann. Das Gegenteil galt für das Opfer im Fasanenwald.
Die Vergewaltigung im Amager-Kollegiet
Am 3. Mai 2005 – 15 Jahre nach dem Mord im Fasanenwald – kam es zu einer außergewöhnlich brutalen Vergewaltigung einer 24-jährigen Studentin. Sie war wenige Monate zuvor von Jütland nach Kopenhagen gezogen und hatte sich im Amager-Kollegiet eine Einzimmerwohnung mit dazugehöriger Küche und Bad gemietet. Zu dieser Zeit war sie mit niemandem zusammen und lebte dort allein.
Sie war am Abend zuvor zu Bett gegangen, wurde aber am Morgen gegen 6:00 Uhr von einem Geräusch geweckt. Sie glaubte, es sei jemand in der Wohnung und stand auf, um nachzusehen. Sie bemerkte eine andere Person, bekam Angst und fing an zu schreien. Noch bevor sie die Person richtig sehen konnte, war diese hinter sie getreten und presste ihr eine Hand auf den Mund.
Bei der Untersuchung der Wohnung wurde festgestellt, dass sie vergessen hatte, die Tür abzuschließen. Spuren eines Einbruchs gab es nicht.
Es handelte sich um einen sehr kräftigen Mann, der außerordentlich kontrolliert vorging und ihr mit überaus ruhiger Stimme befahl zu tun, was er sagte. Gleichzeitig war ein Geräusch zu hören, als werde die Klinge eines Teppichmessers ausgeschoben, und sie spürte, dass etwas gegen ihren Hals gedrückt wurde, das durchaus eine Klinge aus Metall sein konnte. Sehr energisch wurde sie zum Bett geführt und mit dem Gesicht auf das Kissen gedrückt, dann wurde ihr ein T-Shirt über die Augen gelegt, später wurden ihr die Augen verbunden.
Im Verlauf des Verbrechens bemerkte die Frau, dass der Täter zu dem kleinen Kühlschrank ging. Sie hörte, dass er einen Karton Milch herausnahm und daraus trank. Dadurch konnten sich die Kriminaltechniker auf die Sicherstellung der DNA an den Milchkartons konzentrieren, was fünf Jahre später zur Identifikation des Täters führte.
Nachdem er von ihr abgelassen hatte, befahl er ihr,, aufzustehen und ins Badezimmer zu gehen, um sich zu waschen. Er führte sie zur Dusche und drehte auch das Wasser auf. Starr vor Entsetzen und schockiert stand sie eine Weile unter der Dusche und glaubte, der Täter habe die Wohnung verlassen, wurde aber eines Besseren belehrt, als er plötzlich auf den Duschvorhang schlug.
Der Täter war offensichtlich keine panische Person, sondern handelte ruhig und kontrolliert.
Als die Frau einige Zeit später das Badezimmer verließ, war der Täter verschwunden, hatte aber das Bettlaken mitgenommen.
Der Täter war also darauf bedacht gewesen, keine Spuren zu hinterlassen, indem er das Opfer anwies zu duschen und indem er das Laken mitnahm, die Möglichkeit der Sicherstellung von DNA an den Milchkartons hatte er aber außer Acht gelassen.
Wer ist der Täter?
Insbesondere aufgrund der Lage der Tatorte handelte es sich nach Ansicht der Mordkommission bei dem Täter um eine ortskundige Person, die wahrscheinlich auf Amager wohnte.
Die Lage der Tatorte zueinander führte die Ermittler zu der Annahme, dass der Täter seinen Wohnsitz in einer der vielen hundert Kleingartenanlagen am Kongelundsvej hatte. Daher wandte man sich an den Verband der Kleingärtner in Dänemark, um die Identitäten der Anlagenbesitzer festzustellen.
In diesem Zusammenhang stellte sich heraus, dass ausgerechnet am Wochenende 25./26.September 2010, also dem Tatzeitpunkt der Vergewaltigung am Kongelundsvej, das Jahresfest zum Abschluss der Kleingartensaison stattgefunden hatte. Daher konnte es problematisch werden, in den nächsten Wochen, Kontakt mit den Kleingartenbesitzern aufzunehmen.
Abfrage der Telefondaten
Mit Blick auf den aktuellen Fall im Kongelundsvej entschied man sich eine richterliche Verfügung zur Herausgabe der Telefondaten in der Nähe des Tatorts und der Umgebung durch die Telefongesellschaften zu erwirken. Aufgrund der sogenannten Sendemastinformationen konnte die Polizei ermitteln, welche Telefone zur fraglichen Zeit in dem fraglichen Bereich benutzt worden waren. Hintergrund der Überlegung war, dass es kurz vor 5:00 Uhr morgens zu der Vergewaltigung gekommen war, was vermutlich eine sehr begrenzte Frequentierung der Masten bedeutete.
Zwei Kriminalassistenten arbeiteten die verhältnismäßig übersichtliche Anzahl an Informationen der Telefongesellschaften durch.
Zu einigen der mitgeteilten Telefonnummern konnte nicht ohne Weiteres der Name des Benutzers ermittelt werden, während andere zu Abonnements verschiedener Telefongesellschaften führten.
Unter den Abonnenten tauchte neben vielen anderen der Name Marcel Lychau Hansen auf. Marcel Lychau Hansen wohnte nicht auf Amager und war auch nicht Eigentümer einer der zahlreichen Kleingartenanlagen in dem fraglichen Gebiet, deren Namen bereits vorlagen.
Aber da sich Marcel Lychau Hansens Telefon zur Tatzeit in dem fraglichen Bereich befunden hatte, wurde er genauer unter die Lupe genommen, und es zeigte sich, dass er den allergrößten Teil seines Lebens auf Amager verbracht hatte. Zu dieser Zeit war er 45 Jahre alt, was zu der Beschreibung passte, die das Opfer der Vergewaltigung am Kongelundsvej abgegeben hatte. Ebenso kam er damit auch als Täter infrage, was den Mord zwanzig Jahre zuvor im Fasanenwald und was die Vergewaltigung fünf Jahre zuvor im Amager-Kollegiet betraf.
Öffentlichkeitsfahndung
In der Mordkommission der Polizei Kopenhagen stellte man Überlegungen hinsichtlich der Organisation der Fahndung an, nicht zuletzt im Hinblick auf die Ansprache der Öffentlichkeit. Einerseits wollte man keine Verunsicherung in der Bevölkerung schaffen, andererseits aber die Bedeutung von Hinweisen zur Identifikation des Täters unterstreichen.
Der damalige Leiter der Mordkommission, Ove Dahl, rechnete mit erheblichen Reaktionen und zahlreichen Hinweisen der Bürgerinnen und Bürger, weshalb Personal von allen Polizeirevieren Kopenhagens akquiriert werden musste. Es kam also auf das richtige Timing der Öffentlichkeitsfahndung an.
Nach einigen Tagen weiterer Überlegungen beschloss man, sich am 1. November 2010 an die Presse zu wenden.
Im Vorfeld der geplanten Pressekonferenz nahm man Kontakt mit den Opfern der Vergewaltigungen im Kongelundsvej und im Amager-Kollegiet sowie mit dem damaligen Lebensgefährten der Ermordeten im Fasanenwald auf. Sie wurden über den Zusammenhang zwischen den drei Fällen und die Notwendigkeit informiert, die Öffentlichkeit und damit die Medien einzubeziehen.
Seitens der Polizei wählte man drei Kontaktpersonen aus, die in dem jeweiligen Fall mit den Opfern beziehungsweise den Hinterbliebenen gesprochen und außerdem detaillierte Kenntnisse über den Status der Ermittlungen hatten.
Der Mordkommission war es ein zentrales Anliegen, diesen Kontakt vor der Ansprache der Öffentlichkeit herzustellen. Man erwartete, dass die Fälle ein massives Echo nach sich ziehen würden, denn immerhin hatte die Polizei es mit drei Schwerverbrechen zu tun, die in einem Zeitraum von zwanzig Jahren verübt worden waren, noch dazu vermutlich von ein und demselben Täter. Es war also wichtig, dass die Opfer gewappnet waren, was die Diskussion in den Medien betraf.
Polizeikommissar Steffen Steffensen blieb es vorbehalten, im Namen der Polizei Kopenhagen zur Pressekonferenz im Polizeipräsidium einzuladen, in der die drei Fälle Vergewaltigung im Kongelundsvej 2010, Vergewaltigung im Amager-Kollegiet 2005 und Mord im Fasanenwald 1990 thematisiert wurden.
Im Rahmen der Pressekonferenz wurden die Fälle zusammenfassend dargestellt und die Beschreibung des Täters im jüngsten Fall im Kongelundsvej veröffentlicht. Außerdem wurden Hinweise zum Verbleib der im Kongelundsvej-Fall verschwundenen Tasche des Opfers und des Mobiltelefons erbeten, weshalb man Fotos einer Tasche und eines Mobiltelefons gleichen Typs an die Presse gab.
Steffen Steffensen hob in seiner Darstellung der Fälle hervor, dass es sich um überaus ernste Verbrechen handelte, begangen über einen langen Zeitraum hinweg, verübt von ein und demselben Täter, der kalt, zynisch und dominant aufgetreten war. Steffensen forderte die Frauen auf, im Kopenhagener Nachtleben wachsam und vorsichtig zu sein, machte aber gleichzeitig darauf aufmerksam, dass es heute nicht gefährlicher sei, als es gestern gewesen war. Nicht zuletzt erklärte er, es sei naiv zu glauben, der Täter habe nicht mehr auf dem Gewissen als die drei Fälle, mit denen die Polizei es jetzt zu tun habe und die durch übereinstimmende DNA-Spuren miteinander verbunden waren.
Die Öffentlichkeit wurde um Hinweise gebeten, die zur Ergreifung des Täters führen konnten. Gleichzeitig wurde bekannt gegeben, dass die Polizei über ein DNA-Profil des Täters verfüge und deshalb in großem Umfang DNA-Proben von Männern zwecks Abgleich nehmen werde.
Wie erwartet führte die Berichterstattung in der Presse zu einer hohen Anzahl Rückmeldungen, die in den folgenden Wochen und Monaten zu bearbeiten waren. Gleichzeitig begannen die Ermittler damit, Vernehmungen und Verhöre in den Kleingartenanlagen am Kongelundsvej durchzuführen.
Ein wesentlicher Teil der Hinweise bezog sich auf namentlich benannte Männer, die von den Hinweisgebern als mögliche Täter angegeben wurden. Über 200 Namen wurden mitgeteilt, von denen ein großer Teil aus verschiedenen Gründen ausgeschlossen werden konnte.
Insgesamt wurden von 84 Personen Speichelproben genommen, bevor die Person bestimmt werden konnte, deren DNA-Profil mit dem des Spermas aus dem im Kongelundsvej gefundenen Kondom, der DNA am Milchkarton aus dem Amager-Kollegiet und der DNA der Spermaspuren an der Kleidung der Toten im Fasanenwald übereinstimmte.
In den ersten elf Tagen gingen zirka 750 Hinweise ein, wovon einer sich als entscheidend für den weiteren Verlauf der polizeilichen Ermittlungen erweisen sollte.
Neben der Überprüfung all dieser Hinweise hatte OPA, die Abteilung für Operative Planung und Analyse, begonnen, Vergewaltigungsfälle durchzugehen, in denen es zu der für den Täter spezifischen Vorgehensweise gekommen war.
Die Mitarbeiter der Mordkommission, unterstützt von zahlreichen Kollegen aus den anderen Polizeirevieren, arbeiteten in Wechselschichten, sodass auch die Abendstunden genutzt wurden, um die vielen Hinweise zu überprüfen. Zwei Gruppenleiter der Mordkommission nahmen sämtliche schriftlichen Berichte entgegen, lasen, sortierten und erfassten alles Relevante systematisch, sodass im Nachgang alle sachdienlichen Hinweise abgeglichen und zusammengeführt werden konnten.
Im Fall des Mordes im Fasanenwald lagen die Unterlagen nur auf Papier vor, sodass die Gruppenleiter jeden Bericht durchgehen und alles relevante Material zum Einscannen geben mussten, sodass auch hier ein Abgleich mit den beiden anderen Fällen auf elektronischem Wege erfolgen konnte. Eine Herkulesaufgabe!
Daneben musste die Abgabe und Auswertung der Speichelproben gewährleistet werden, die die Beamten von den Personen nahmen, zu denen relevante Hinweise eingegangen waren. Hierbei stießen die Polizisten auf großes Verständnis und Entgegenkommen der betreffenden Personen, lediglich ein Mann weigerte sich, der Polizei eine Speichelprobe zu geben.
Parallel dazu wurde eine Sitzung mit Vertretern der Nationalpolizei, des Zentrums für Kriminaltechnik, der Leitung der Mordkommission, den Gruppenleitern der Mordkommission und dem leitenden Ermittler der Mordkommission einberufen, um die Ermittlungsarbeit so effektiv wie möglich zu gestalten. Kriminalassistent Tonny Holck wurde als Verbindungsmann zum Zentrum für Kriminaltechnik eingesetzt, da man davon ausging, dass es in einer Reihe weiterer Altfälle zur Überprüfung insbesondere von DNA-Spuren kommen würde.
Aufgrund der Rückmeldungen des Labors für Forensik war klar, dass es in den beiden Fällen von 1990 und 2005 DNA-Spuren gab, aber mussten vielleicht noch weitere Altfälle überprüft werden?
Der entscheidende Hinweis
In den Tagen nach der Pressekonferenz am 1. November 2010, in der man die Öffentlichkeit um Hilfe gebeten hatte, kam jede Menge Arbeit auf die Mordkommission zu, und man stellte sich darauf ein, dass es einige Zeit dauern würde, bis eine Speichelprobe vorlag, die mit dem DNA-Profil des Täters übereinstimmte und es so zur Aufklärung der drei Fälle kommen würde.
Am 4. November 2010 – drei Tage nach der Pressekonferenz – rief eine ältere Dame in der Zentrale des Präsidiums an und wurde zur Mordkommission weiterverbunden.
Einer der Kriminalassistenten, der die Daten der Sendemasten überprüfte, zu denen sich die Polizei zu Beginn der Ermittlungen per richterlichem Beschluss Zugang verschafft hatte, nahm den Anruf schließlich entgegen.
Die Dame teilte mit, sie habe eine Mitteilung zu dem Mord an einer Frau im Fasanenwald 1990 zu machen, den die Polizei gerade untersuche. Sie meinte, ihr Sohn könne den Mörder gesehen haben und habe auch 1990 Kontakt zur Polizei aufgenommen, um eine Aussage zu machen. Damals wollte er der Polizei mitteilen, dass er mit dem Fahrrad im Amager Fælled unterwegs gewesen war und einen alten Schulkameraden getroffen hatte, der in seine Parallelklasse gegangen war. Dabei handelte es sich um Marcel Lychau Hansen.
Allerdings hatte ihr Sohn bei seiner damaligen Aussage gegenüber der Polizei nicht den Namen Marcel Lychau Hansen angegeben.
Die Information ließ bei dem Kriminalassistenten „die Alarmglocken läuten“, denn der Name Marcel Lychau Hansen tauchte auf der Liste der Telefonnummern auf, die zum Zeitpunkt der Vergewaltigung in der Umgebung des Tatorts in der Kleingartenanlage Stjernelund am Kongelundsvej aktiv gewesen waren. Es war ein Name, der mit Blick auf das Alter des Betreffenden und der Tatsache, dass er auf Amager aufgewachsen war, ermittlungsrelevant erschien.
Der Kriminalassistent wollte umgehend mit dem Sohn sprechen, doch die Dame sagte ihm, dass ihr Sohn sich die nächsten Tage im Ausland aufhalte. Sie werde jedoch dafür sorgen, dass er so schnell wie möglich mit dem Kriminalassistenten Kontakt aufnahm, was einige Tage später auch der Fall war.
Er bestätigte die Angaben seiner Mutter und ergänzte, dass er 1990 am Tatort gewesen sei. Während seiner Fahrradtour habe er eine Person auf einem der Deiche bemerkt. Die Polizei habe eine Beschreibung der Person haben wollen, aber da er nicht habe sagen können, ob es sich um einen Mann oder eine Frau gehandelt hatte, wurde er von dem Beamten abgewiesen und hatte keine Gelegenheit gehabt auszusagen, dass er am selben Tag Marcel Lychau Hansen im Fasanenwald gesehen hatte.
Dass er damals nicht hatte sagen können, ob die Person, die er auf dem Deich gesehen hatte, ein Mann oder eine Frau gewesen war, lag daran, dass die Person sehr langes, lockiges Haar hatte. Im weiteren Verlauf der Ermittlungen sollte sich herausstellen, dass zum Tatzeitpunkt 1990 sowohl Marcel Lychau Hansen als auch das Opfer langes, lockiges Haar hatten.
1990 hatte sich der Zeuge darüber geärgert, dass die Polizei ihm nicht zuhören wollte und war danach nicht mehr bereit gewesen, seine Beobachtungen mitzuteilen. Er war sich sicher, dass es Marcel Lychau Hansen gewesen war, den er damals gesehen hatte.
Marcel Lychau Hansen
Der Name war ziemlich auffällig, was dazu beitrug, dass einige der älteren Ermittler der Mordkommission aufmerksam wurden, als die oben beschriebenen Geschehnisse in einem der Meetings zur Sprache kamen, die bei einer solchen Ermittlung zwangsläufig sind. Einige erinnerten sich, dass Marcel Lychau Hansen in einem Mordfall an einer älteren Frau in Valby 1987 der Hauptverdächtige gewesen war, bei dem unter anderem eine „Gasbombe“ am Tatort entzündet worden war, um den Mord zu vertuschen.
Er war in diesem Fall sogar angeklagt, ein Verfahren gegen ihn aber nie eröffnet worden.
Die damaligen Ermittler erinnerten sich daran, dass er Fahrer für die Umzugsfirma 3x34 gewesen und als Möbelpacker einige Wochen zuvor ganz legal in der Wohnung gewesen war, in der der Mord verübt worden war. Die intensiven Ermittlungen hatten sich seinerzeit auf die Möbelpacker konzentriert, nachdem sich herausgestellt hatte, dass falsche Angaben gemacht worden waren, wer bei dem Umzug dabei gewesen war.
Folglich wurden auch die Akten zu diesem Fall zur weiteren Prüfung und Einschätzung aus dem Archiv der Mordkommission geholt.
Speichelprobe bei Marcel Lychau Hansen und DNA-Analyse
Am 8. November 2010 fuhren zwei Kollegen der Mordkommission zu einer Adresse in Valby, unter der Marcel Lychau Hansen seit zirka drei Jahren gemeldet war.
Marcel Lychau Hansen war zu diesem Zeitpunkt so interessant für die weiteren Ermittlungen, dass man entschieden hatte, nicht nur wie bei den anderen Männern eine Speichelprobe zu nehmen, sondern ihn aufzufordern, freiwillig mit zum Polizeipräsidium zu kommen, um ihn zu seinem Alibi für den 25. September 2010 zu befragen, als die 17-Jährige an einem Ort vergewaltigt worden war, der im Bereich des Sendemasts lag, in dem sein Mobiltelefon aktiv gewesen war.
Marcel Lychau Hansen zeigte sich gegenüber den Beamten sehr verständnisvoll, als sie ihn in seiner Wohnung antrafen. Es war kein Problem für ihn, sie ins Präsidium zu begleiten, allerdings nur, wenn er mit dem eigenen Wagen fahren konnte, da er hinterher noch einiges zu erledigen hatte.
Die Ermittler ließen sich darauf ein, und im Polizeipräsidium wurde Marcel Lychau Hansen mit seiner Einwilligung eine Speichelprobe entnommen. Auch hatte er nichts dagegen, eine Aussage hinsichtlich seines Alibis für die Tatzeit am 25. September 2010 zu machen. Er gab an, sich nicht erinnern zu können, was er an diesem Tag gemacht habe, wusste aber, dass er frei und keine Nachtschicht gehabt habe.
Als man ihm sagte, man könne nachweisen, dass sein Telefon im Bereich eines Sendemasts in der Nähe des Tatorts benutzt worden war, sagte er, dass seit Jahren sein jüngster Sohn das Telefon benutze. Es sei keine Nummer, die er persönlich benutze. Die Frage, wo sein Sohn sich an besagtem Tag aufgehalten habe, konnte er nicht beantworten, aber sein Sohn wohne nicht weit vom Tatort und habe auch seinen Bekanntenkreis in Kastrup und Umgebung.
Die weiteren Ermittlungen zu dem fraglichen Telefon bestätigten, dass Marcel Lychau Hansens jüngster Sohn tatsächlich der Benutzer der Telefonnummer war und sich zur Tatzeit in der Umgebung des Tatorts aufgehalten, aber nichts mit der Vergewaltigung zu tun hatte.
Marcel Lychau Hansen war durch die Medien bekannt, dass die Polizei nach dem Täter in zwei Fällen von Vergewaltigung und in einem Mordfall fahndete, weshalb man ihn zu den beiden Altfällen befragte. Insbesondere wies man auf einen Zeugen hin, der ihn zum fraglichen Zeitpunkt 1990 im Fasanenwald gesehen hatte, als die Polizei eine Frauenleiche gefunden hatte. Er reagierte ganz ruhig, indem er fragte, was er im Fasanenwald gemacht haben solle. Er sei nie dort gewesen und wisse nichts von einem Mord.
Auf Aufforderung gab er freiwillig eine Speichelprobe ab.
Obwohl Marcel Lychau Hansen einen ruhigen Eindruck gemacht und sich kooperativ gezeigt hatte, war er nach wie vor die absolut „beste Täteroption“, und man stellte einen Eilantrag an das Labor für Forensik bezüglich der DNA-Analyse der Speichelprobe. Die Probe wurde umgehend zum Gerichtsmedizinischen Institut gebracht, wo man im Labor für Forensik darauf hinwies, dass eine Dringlichkeitsanalyse die Prüfung anderer Proben verzögern werde.
Die Leitung der Mordkommission war jedoch der Ansicht, dass eine Dringlichkeitsanalyse gerechtfertigt sei, da sich der Verdacht gegen Marcel Lychau Hansen erhärtete.
Außerdem war der hohe Arbeitsaufwand für die vielen Kollegen zu berücksichtigen, die in alle denkbaren Richtungen ermittelten, unter anderem Vernehmungen in den Kleingartenanlagen durchführten, Speichelproben nahmen, Telefondaten überprüften und den immer noch zahlreichen Hinweisen aus der Bevölkerung nachgingen sowie alte Fallakten durcharbeiteten.
Es konnten also viele Arbeitsstunden eingespart werden, wenn es gelang, die DNA-Spuren aus dem im Kongelundsvej sichergestellten Kondom einer Person zuzuordnen, die damit ebenfalls mit der Vergewaltigung im Amager-Kollegiet und dem Mord im Fasanenwald in Verbindung gebracht werden konnte. Und nicht zuletzt konnte eine Festnahme des Täters dieser brutalen Verbrechen die vielen auf Amager lebenden Frauen beruhigen, die in den Medien über ihre Verunsicherung sprachen.
Pulsuz fraqment bitdi.