Kitabı oxu: «Das Geld in der Geschichte»

Şrift:

Das Geld in der Geschichte

Karl Walker

Alle Rechte vorbehalten

Nachdruck und Wiedergabe in jeder Form, Speicherung und Verbreitung in elektronischen Medien, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags

© 2015 Conzett Verlag by Sunflower Foundation, Zürich

Cover: Claudia Neuenschwander werkk.ch

ISBN 978-3-03760-038-2

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

www.conzettverlag.ch

www.sunflower.ch

INHALT

VOM MÜNZWESEN DER GRIECHEN

ZUR GELDWIRTSCHAFT DER RÖMER

DIE BARBAREN UND DAS GELD

WIEDERERWACHENDE GELDWIRTSCHAFT

DIE BRAKTEATEN

MITTELALTERLICHE WIRTSCHAFTSBLÜTE

UNVERGÄNGLICHE KULTURSCHÖPFUNGEN

DIE ENTWICKLUNG DER STÄDTE

DIE DEUTSCHE HANSE

DIE BESIEDLUNG OSTELBIENS

ARBEIT UND EINKOMMEN

ESSEN UND TRINKEN

GESELLIGKEIT UND KLEIDERLUXUS

LEBENSFREUDE UND SITTLICHKEIT

BEGINNENDER NIEDERGANG

DAS VERLORENE MASS

VERSIEGENDE NACHFRAGE – BÖSE FOLGEN

DIE WEGE DER FALSCHMÜNZEREI

DAS GELD IN DER RENAISSANCE

GOLD UND SILBER AUS DER NEUEN WELT

BEFRUCHTUNG DER NATIONALWIRTSCHAFTEN

EROBERUNG ODER HANDEL

HANDELSKRIEGE UND ZOLLPOLITIK

JOHN LAW – UND SEIN PAPIERGELD

DIE ASSIGNATEN – DAS GELD DER REVOLUTION

GELDZUFLUSS UND BEVÖLKERUNGSVERMEHRUNG

VOM KAMPF UMS GOLD ZUM ERSTEN WELTKRIEG UND ZUR INFLATION

ZURÜCK – ZUM ALTEN SPIEL

FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

ÜBER DEN AUTOR

VOM MÜNZWESEN DER GRIECHEN

Es gibt in der Geschichte der Menschheit keine hochentwickelte Kultur, die nicht auf einer ebenso hochentwickelten Arbeitsteilung beruht hätte. Erst die Arbeitsteilung ermöglicht es nämlich, über die Bedürfnisse des nächsten Tages hinaus den Geist frei zu machen, um Größeres und Bleibendes zu bilden. Arbeitsteilung erfordert indessen den Austausch von Leistungen, im fortgeschrittenen Stadium einen entwickelten Handel.

In ältesten Zeiten mag der Handel aus dem Darbringen von Geschenken und der Entgegennahme von Gegengeschenken entstanden sein, wie es unter Naturvölkern und Kindern heute noch ist. Der wahre Charakter dieses »Schenkens« zeigt sich aber schon in dem ungeschriebenen Gesetz, gleichwertige Gaben zu tauschen. Dass Glaukus seinem Gast Diomedes eine goldene Rüstung schenkte und eine eherne dafür empfing, wird vom Dichter der Ilias mit dem Tadel vermerkt, dass Zeus ihn »ganz und gar seiner Sinne beraubt« habe.

Im Übrigen aber schien sich dieser Handel im Altertum in geradezu vorbildlicher Noblesse abzuwickeln. So schreibt Herodot von den Berichten der Karthager: »… es wäre auch noch libysches Land und Menschen darin jenseits der Säulen des Herakles (= Meerenge von Gibraltar). Wenn sie dahin kämen, lüden sie ihre Waren aus, dann gingen sie wieder in ihre Schiffe und machten einen großen Rauch. Wenn nun die Eingeborenen den Rauch sähen, so kämen sie an das Meer und legten für die Waren Gold hin und dann gingen sie wieder weit weg von den Waren, die Karthager aber gingen an das Land und sähen nach, und wenn des Goldes genug wäre für die Waren, so nähmen sie es und führen nach Hause; wäre es aber nicht genug, so gingen sie wieder an Bord und warteten es ruhig ab. Dann kämen sie wieder und legten noch immer etwas Gold zu, bis die Karthager zufrieden wären. Keiner aber betrüge den anderen, denn sie rührten weder das Gold eher, als bis die Waren damit bezahlt wären, noch rührten jene eher die Waren an, als bis sie das Gold genommen« (siehe R. Eisler: »Das Geld«, S. 49).

Dies mag noch echter Tauschhandel gewesen sein. Wohl ist vom Golde die Rede, aber noch nicht vom Geld im späteren Sinn dieses Wortes.

Mannigfache Erzeugnisse in natura gleichwertig zu tauschen, ist eine unlösbare Aufgabe. Da die Aufgabe aber einem Bedürfnis entspricht und somit doch vernünftig ist, muss es auch eine vernünftige Lösung geben. Diese Lösung fand und entwickelte der Mensch in dem merkwürdigen Ding, das er »Geld« nennt. Seit den ältesten Zeiten haben mancherlei Dinge als Geld gedient, von denen wir viele heute nicht mehr als Geld betrachten können; Vieh, Muscheln, Häute, Sklaven und Metalle aller Art wurden zeitweise nicht wegen ihrer unmittelbaren Verwendbarkeit, sondern wegen der Möglichkeit des Weitertauschens gegen die wirklich begehrten Dinge angenommen. Damit wurden sie zu einem Zwischenglied im Handel, das den Tausch vermittelt, zum Gelde. Dass in dieser Entwicklung die Edelmetalle sehr bald den Vorrang einnahmen, versteht sich von selbst. Schon bei den Assyrern und Ägyptern war das gestückelte Hacksilber bekannt, das nichts weiter war als ein Stück von dem Gusskuchen des geschmolzenen und in Wasser gegossenen Metalls. Von hier aus führte ein gerader Weg zur gleichbleibenden Stückelung; Stangen, Ringe, Barren, gestempelte Barren, geprägte Münzen folgten.

In der Geschichte des Münzwesens gelten die Lydier als die Erfinder der Münze. Ihre Münzen bestanden aus einer Legierung von Gold und Silber. Der außerordentlich ergiebige Goldbergbau der Lydier war ja auch die Grundlage für den sagenhaften Reichtum jenes Königs Krösus, der im 6. Jahrhundert vor Christus lebte, damals aber bereits ein hochentwickeltes Geldsystem in seinem Lande hatte.

Wo immer das Geld erstmalig auftrat, erwachten wie nach einer zauberhaften Berührung die schlummernden Kräfte des Neuen, taten sich ungeahnte Quellen der Wohlfahrt und des Reichtums auf, Handwerk und Künste entwickelten sich, und der Mensch erhob sich über die Bedürfnisse des Alltags und machte sich an Werke, die Generationen überdauerten. Wo aber das Geld wieder verschwand, da zerfiel der Bau der Kultur, weil das Fundament der Arbeitsteilung sich auflöste.

Um die Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. wurden auf der Insel Mykene die ersten Münzen Griechenlands geprägt. Jetzt brauchte das Silber des Händlers nicht mehr geprüft und gewogen zu werden, jetzt konnte man fertig geprägte Stücke zählen und damit rechnen.

Vor dieser Zeit war auch in Griechenland das Vieh das gebräuchlichste Tauschmittel »Geld«. In den Gedichten Homers ist die Münze noch unbekannt, weshalb alle Werte immer am Rind gemessen werden – die goldene Rüstung des Glaukos ist 100 Rinder wert; und Laertes bezahlt Eurikleia mit 20 Rindern (siehe F. Müller-Lyer: »Phasen der Kultur«, München 1929, S. 250ff.). Töchter waren zu diesen Zeiten wertvoll, weil sie Rinder einbrachten, wenn sie einen Mann fanden; Söhne dagegen machten Kosten.

Durch die Erfindung des Geldes wurde der Handel erleichtert und dieser Erleichterung des Handels ist die Entfaltung der gewerblichen Produktion Griechenlands zuzuschreiben; mit den Impulsen, die sich aus dem aufblühenden Handel ergaben, wurden Handwerk, Künste und Wissenschaft machtvoll gefördert.

Jeder besser gestellte Handwerker in Athen oder Korinth beschäftigte unfreie Arbeiter, Sklaven, in seiner Werkstätte; auch war es durchaus nichts Ungewöhnliches, dass ein Vermögender einem Sklaven einen Gewerbebetrieb oder ein Handelsgeschäft übergab, worin dieser selbständig für den Gewinn des Herrn arbeitete und Handel trieb. So besaß der Vater des Demosthenes eine Messerschmiede und eine Stuhlfabrik mit zusammen mehr als 50 Arbeitern, und an diesem Unternehmen verdiente er so viel Geld, dass er 40 Talent Silber oder fast 200 000 Goldmark hinterlassen konnte. Kleon betrieb eine Gerberei, Hyperbolos eine Lampenfabrik. Es ist einleuchtend, dass eine derartige Produktion sowohl einen aufnahmefähigen inneren Markt wie auch ein in die Ferne reichendes Netz von Handelsverbindungen zur Vorbedingung hatte. Aber die Völker des Altertums saßen ja nach einem Wort von Herodot »wie die Frösche um den Teich« an den Küsten des Mittelmeeres, das diesen Handel von Natur aus begünstigte. Und dieser Handel mit anderen Völkern entwickelte überall noch spezielle Produktionszweige. Milet, Kios und Samos fertigten Wollstoffe, Teppiche und kostbare Gewänder. Chalkis und Korinth exportierten Waffen, Tongeschirr und Geschmeide. In Theben und Sizilien saßen die besten Wagenbauer und Agina lieferte Klein- und Galanteriewaren.

In Bezug auf die rechnerische Einteilung im Münzwesen war den Griechen die geheimnisvolle Zahl 12 – die selbst in der Ordnung des Kosmos ihre Bedeutung zu haben scheint – richtungweisend, während die semitischen Handelsvölker mit dem Dezimalsystem rechneten. Der griechische Silberstater zählte 12 Obolen; der Obolos war die kleinste Münze. Eine Zwischengröße stellte die Drachme* dar, die wohl die gebräuchliche Münze für den alltäglichen Marktverkehr gewesen sein dürfte; diese Münze hatte den Wert von 6 Obolen. Neben dem Silberstater gab es auch Goldstater. Den Handelsgeschäften der Großkaufleute diente die Mine, die den Wert – d.h. das Silbergewicht – von 60 Drachmen hatte, als gebräuchliche Münze; 60 Minen waren ein Talent.

(* Drachme bedeutet griechisch »das Gefasste« und betraf ursprünglich eine Gewichts- und dann eine Rechnungseinheit. Gewichts- und Wertunterschiede wurden in Teilen oder im Mehrfachen der Drachme dargestellt; die doppelte Drachme war das »Didrachmon«, die Vierfachdrachme hieß »Tetradrachmon«, eine selten geprägte Münze war die achtfache Drachme, das »Oktodrachmon«, wohingegen die Dekadrachme als das Zehnfache der Grundeinheit wieder häufiger vorkam.)

Dem Einfluss der Phönizier und Syrier zufolge soll die Mine später auf 100 Drachmen gesetzt worden sein; doch im Übrigen blieb es bei der Einteilung im Zwölfer-System, in dem die Zahl 60 – die sich in jede Zahl von 1 bis 6 ohne Rest teilen lässt – dominierende Bedeutung behielt. Nach heutigen Begriffen muss die Kaufkraft des damaligen Geldes der Griechen außerordentlich hoch gewesen sein. In Athen verwandelte Solon die drakonischen Strafen, die bis zu seiner Zeit (640–559 v. Chr.) in Schafen und Rindern entrichtet werden mussten, in Geldstrafen, wobei er das Schaf mit 1 Drachme, das Rind mit 5 Drachmen ansetzte. Kein Wunder, dass sich das neue Geld, in welchem sich Besitz und Reichtum in beweglichster Form konzentrierten, allgemeiner Wertschätzung erfreute.

Es ist die Lichtseite des zunehmenden Reichtums, dass sich eine wachsende Zahl von Menschen der Kunst und Wissenschaft zuwenden konnte und so aus der Masse das Volkes viele hervorragende Begabungen heraustraten.

Aber die Geldwirtschaft hatte auch eine Schattenseite; mit den Diensten, die das Geld dem Menschen leistete, verstrickte es ihn auch mehr und mehr in Abhängigkeit. Je weiter wir uns in die Spezialisierung der Gewerbetätigkeit hineinwagen, desto bedingungsloser sind wir auf die Vermittlung des Leistungsaustausches durch das Geld angewiesen und desto tiefer ist denn auch unser Sturz, wenn das Geld einmal seine Dienste versagt.

Schon war es so weit, dass auch die Kriegsführung vom Gelde abhing. Im Krieg gegen die Phönizier ließ Damarete, die Gemahlin Gelons, aus ihrem Silberschmuck Münzen schlagen und die reichen Bürgerinnen von Syrakus folgten ihrem Beispiel. Und auch nach dem erfochtenen Sieg führte sie den kostbaren Tribut im Werte von 100 Talenten, den ihr Karthago für die milde Behandlung der Gefangenen darbrachte, der Münzprägung zu. Daraus entstanden die prachtvollen Dekadrachmen, die im Spiegel des Münzwesens einen klaren Widerschein von der hohen Kultur Griechenlands geben (siehe »Die schönsten Griechenmünzen Siziliens«, Insel-Bücherei Nr. 559).

Die Griechen müssten keine Menschen gewesen sein, wenn sie durch ihren Aufstieg nicht übermütig und maßlos geworden wären. Da man für Geld alle Schätze der Welt, die schönsten Gewänder und die erlesensten Genüsse kaufen konnte, wurde der naive Mensch dieser frühen Kultur geradezu von einer Gier nach Geld erfasst. Die griechischen Bauern verkauften ihre Ernte, entblößten sich aller Vorräte, nur um Geld zu bekommen; es begann die Verschuldung des Bodens. »Die Pfandsteine fesselten zahllos der Mutter Erde dunkelfarbig Land«, hören wir Solon klagen. Für Gelddarlehen mussten 36 Prozent und mehr Zinsen gezahlt werden. Es begann ein sozialer Verfall; wer einmal in Not geraten war, versank rasch in Schuldknechtschaft und Sklaverei, während auf der anderen Seite der Reichtum sich steigerte.

Bald drängte sich in den Städten verarmtes Volk, das auf Kosten der Staatskasse mit Getreidelieferungen ernährt und mit Theater ergötzt werden musste. Soziale Wirren und Aufstände wurden häufiger. Zweimal in einem einzigen Menschenalter wurden in Syrakus die Reichen niedergemetzelt, der Besitz neu verteilt und die Schuldscheine verbrannt. Doch solche Aktionen änderten nichts an dem in Gang gekommenen Prozess der finanziellen Auszehrung Griechenlands. Die Getreideeinfuhr für die Armen und die Luxusbedürfnisse der Reichen bewirkten zusammen einen anhaltenden Abfluss des Geldes. Um die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. war die attische Tetradrachme die gängigste Silbermünze der damaligen Welt; ebenso wurden in dieser Zeit in Athen noch Goldmünzen geprägt. Aber das Brotgetreide kam aus Ägypten und kostete Geld, und auch die Kriegsheere kosteten Geld; und der soziale Verfall zerstörte den inneren Markt, während der Außenhandel passiv wurde und unaufhörlich silberne Drachmen und goldene Stater auf Nimmerwiedersehen verschlang.

Nach dem traurigen Ausgang des peloponnesischen Krieges ließ die neue oligarchische Regierung Athens 1500 seiner reichsten Bürger hinrichten und deren Vermögen konfiszieren, um Geld in die Staatskasse zu bekommen. Aber das Ergebnis war enttäuschend; der Grundbesitz dieser Reichen ließ sich nicht veräußern, weil niemand mehr da war, der Geld hatte. Und wer würde es auch gewagt haben, zu zeigen, dass er noch Geld hat, wenn er damit rechnen muss, zu den Reichen gezählt zu werden, die ihres Reichtums wegen des Todes würdig sind? – So wirkten zwei Ursachen zusammen, das Geld vom Markt zu fegen:

Einesteils der tatsächliche Geldabfluss an die Händler aus den fernen Ländern, die das Brotgetreide für das Volk wie auch die Spezereien und den Luxus für die Vermögenden lieferten; und anderenteils die spekulative Erwartung und die ängstliche Sorge, dass das Geld noch knapper und am allgemeinen Begehren gemessen noch kostbarer werden würde. Immer schon wurde ein Ding just in dem Moment, in dem es am dringlichsten begehrt wird, in auffälliger Weise knapp – weil eben Knappheit den Wert noch steigert.

Für den Markt und den Handel, der auf das Rollen des Geldes angewiesen war, bedeutete das Versiegen der Geldzirkulation eine verheerende Drosselung der Geschäfte. Die Auflösung der Arbeitsteilung war unabwendbar. Längst waren die Tempelschätze angegriffen; der Schatz von Delphi wird auf mehr als 50 Millionen Goldmark geschätzt – in damaliger Kaufkraft eine gewaltige Summe.

Aber der unaufhörliche Abfluss des Geldes – den man damals noch nicht statistisch registrieren und erst recht nicht in seinen Auswirkungen abschätzen konnte – brachte Handel und Wandel zum Erliegen. Die Landwirtschaft war schon zerstört; und jetzt kam der Niedergang auch über Handel und Gewerbe. Ist es verwunderlich, wenn ein Volk, das sich von der Höhe einer entwickelten Arbeitsteilung und Marktwirtschaft wieder in die Niederungen urbäuerlicher Hauswirtschaft zurückgestoßen sieht, nichts Großes mehr zu schaffen vermag?

Es mag tragisch sein, aber es ist der Lauf der Welt, dass die Einsichten der Weisen so oft ungehört oder unverstanden verhallen. »Ehret Lykurg«, ruft Pythagoras aus, »denn er ächtete das Gold, die Ursache aller Verbrechen!« – Lykurg hatte als einziger Gesetzgeber Griechenlands den Versuch gemacht, seinen Staat Sparta aus der Abhängigkeit vom Golde herauszuhalten; das Geld Spartas war aus Eisen, das in Essig gehärtet war. Doch über die Verflechtung in den allgemeinen Handel war Sparta dennoch in die allgemeine Abhängigkeit verkettet. Der Verfall der Geldordnung zerstörte die hohe Blüte der griechischen Kultur.

Nach nur wenigen Generationen standen armselige Ziegenhirten verständnislos vor den Tempeln ihrer großen Vergangenheit und brachen Steine heraus, um ihre kümmerlichen Behausungen damit auszubauen. Sie lebten wieder in Naturalwirtschaft.

ZUR GELDWIRTSCHAFT DER RÖMER

Von den Griechen hatten die Römer das Metallgeld kennengelernt. Ursprünglich war das Rind ihr gangbarstes Tauschmittel. Als sie dann um 600 v. Chr. die ersten Bronzemünzen prägten, mussten die Münzen noch das Bildnis des Rindes tragen, um den Geld-Zweck des geprägten Metalles deutlich zu machen. Sogar der Name des Vieh-Geldes ging auf das neue Tauschmittel über und blieb an ihm haften: Pecus = pecunia.

Rom war ein gelehriger Schüler in Geldwirtschaft, Arbeitsteilung und Handel; Rom lernte von den Griechen, von den Phöniziern und von Karthago. Aber das Gemisch der Völkerschaften, das sich an den gewinnbringenden Küstenstrichen der italienischen Halbinsel sesshaft zu machen trachtete, war unruhig und unberechenbar. So wurden die Römer ein Kriegsvolk. Sie unterwarfen die besiegten Stämme, die etruskischen Stadtstaaten und schließlich auch die griechischen Küstenstädte Süditaliens. Aber selbst zu der Zeit, da die römische Herrschaft über Unteritalien gesichert war und der Entscheidungskampf mit Karthago begann, war Rom noch das in seiner Zivilisation erst in den Anfängen steckende Bauernvolk mit Kupfer-Währung und naturalwirtschaftlicher Versorgung des Staates. Noch war nicht zu erkennen, dass hier einmal eine weltbeherrschende neue Kultur entstehen würde.

Wenn die Entwicklung Roms in der Folgezeit einen fast treibhausartigen Fortschritt nahm, so lag das wesentlich daran, dass der Krieg rascher als der friedliche Handel die Zaubermacht des Geldes ins Land brachte. Schon nach der Eroberung von Tarent konnte Rom im Jahre 269 v. Chr. aus erbeuteten Kriegsschätzen Silbermünzen prägen; und 62 Jahre später folgten schon die ersten römischen Goldmünzen. In den Jahren 202 bis 190 v. Chr. brachten die Friedensverträge mit Karthago, Syrien und Makedonien allein 150 Millionen Goldmark Kriegs-Tribute nach Rom. Da das Geld im Altertum eine viel höhere Kaufkraft hatte, entspricht diese Summe etwa dem Realwert von jenen 4 Milliarden Goldmark, die Frankreich nach dem Siebziger Krieg an Deutschland zu zahlen hatte! Dieser für das damalige Rom gewaltige Zustrom von Edelmetall erlaubte eine rasche Entfaltung der Geldwirtschaft.

Bei den Römern war bis zur Prägung von Silbergeld der As – aus einer Gewichtseinheit hervorgegangen – die hauptsächlichste Münze.

Mit der Einführung des Silbergeldes fiel dann aber das Übergewicht dem Denarius zu. Der römische Denarius war noch eine verhältnismäßig gewichtige Silbermünze; aus einem Pfund Feinsilber wurden 84 Denare geprägt; das römische Pfund ist mit 370 g anzusetzen. Der Denar hatte in seiner Unterteilung 4 Sestertii zu je 4 As. Die Unterteilung des As ergab 12 Unciae = Unzen. Wie bei den Griechen sehen wir auch hier bei den Römern, dass die Zahl 12 mit ihrer Unterteilung in Halbe und Viertel wie auch mit ihrem Mehrfachen = 84 Denare aus 370 g Silber eine bedeutende Rolle spielte.*

(* Was die Kaufkraft des römischen Geldes anbelangt, so erhielt man um die Zeit Christi Geburt in einer Herberge für 1 Denar Verpflegung und Nachtlager für 16 Tage; und um 20 n. Chr. kostete der Eintritt in eines der prächtigen römischen Bäder für Frauen 1 As, für Männer sogar nur 3 Unciae = 3 Unzen, 0.25 As; siehe Menzner-Florken, »Kaufkraft und Zeitgeschehen«, Verlag Arbogast, Otterbach 1958.)

Die wichtigste Kleinmünze war aber doch der Sestertius; mit dieser Münze wurde auf den Märkten und in den Haushaltungen der Römer am meisten gerechnet, während die größeren Kaufleute mit dem Denar und mit dem Talent rechneten. Später, als Rom bereits Goldmünzen prägen konnte, war der Aureus im Werte von 25 Denarii oder 100 Sesterzien ein Vierzigstel Pfund Gold. Diese Goldmünze, die im Laufe der Zeit minderwertiger ausgeprägt worden war, wurde dann von Konstantin im Jahre 313 n. Chr. durch den Solidus ersetzt.

Da die römischen Kaiser, deren Bildnisse auf den Münzen waren, zu Zeiten Christi und auch später noch im Sinne des heidnisch-römischen Weltbildes als Götter galten, war die römische Münze für die dem Römerreich unterworfenen jüdischen Provinzen nicht zuletzt auch ein religiöses Ärgernis. Von den Essenern, die nach dem heutigen Stand der Religionsforschung eine der klösterlich streng lebenden Qumran-Gemeinde nahestehende Ordensgemeinschaft waren, berichtet Bischof Hippolyt von Portus, dass sie kein Geld bei sich tragen durften. Da nun mancherlei Gründe die Annahme rechtfertigen, dass Jesus von Nazareth vor seinem messianischen Wirken bereits durch die Gemeinschaft der Essener hindurchgegangen ist, bzw. in ihr sich vorbereitet hat und ihr angehörte, wird uns die biblische Szene vom Zinsgroschen in einem neuen Licht lebendig und klar:

Die Pharisäer hatten beschlossen, dem unbequemen Nazarener einen Fallstrick zu legen; dazu sandten sie ihre Kreaturen samt einigen Leuten des römischen Statthalters Herodes zu ihm und ließen ihn fragen: »Meister, wir wissen, dass du ohne Falsch bist und den Weg Gottes mit Wahrhaftigkeit lehrst und nach niemanden fragst, denn du siehst nicht auf das Gesicht der Menschen. Sage uns nun, was dich dünkt: Ist es erlaubt, dem Kaiser den Census zu zahlen oder nicht?« Doch Jesus merkte ihre Bosheit und sprach: »Was versucht ihr mich, ihr Heuchler?– Zeigt mir die Steuermünze.« Und sie brachten ihm einen Denar. Und er sagte zu ihnen: »Wessen ist das Bild und die Aufschrift?« Sie sagten: »Des Kaisers … Da sprach er zu ihnen: »So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist« (Matth. 22. 15–22).

Die Lebenszeit Christi fiel in die Regierungs-Epoche des Augustus und seines Nachfolgers Tiberius. Der berichtete Vorgang gilt, wie ihn die Bibel schildert, in der Religionsgeschichte als historisch verbürgt. Er zeigt uns, dass es ganz offensichtlich eine Streitfrage zwischen den strenggläubigen Juden einerseits und den der realen Macht gefügig gewordenen Opportunisten andererseits geworden war, ob sich der Umgang mit dem römischen Geld noch mit dem Glauben der Väter und mit dem Gesetz Gottes vertrage. Jesus von Nazareth aber hat – in Übereinstimmung mit der Ordensregel der Essener – kein Geld mit dem Bildnis des römischen Götzen bei sich getragen; er ließ es sich erst vorlegen, als ihm die verfängliche Frage gestellt wurde (siehe auch R. Eisler: »Das Geld«, S. 152ff.).

Von Caligula, der wenige Jahre nach dem Kreuzestod Christi römischer Kaiser wurde und im Jahre 41 auf Grund seiner Grausamkeiten und seines Cäsarenwahns dem Mord verfiel, berichtet die Geschichte, dass er ein Standbild seiner Person von der römischen Truppe zur Anbetung durch die unterworfenen Völker habe nach Palästina tragen lassen. Die jüdische Bevölkerung übte indessen passive Resistenz; zu Tausenden sperrten die Juden den Weg und verweigerten dem Kaiser die göttliche Ehrung. Es ist naheliegend, dass auch die Münzen Caligulas den Juden ein Ärgernis gewesen sein dürften. – Doch das hatte keinen Einfluss auf die große wirtschaftliche Bedeutung des römischen Geldwesens.

Der römische Gold-Solidus und der Denarius als Silbermünze haben sich bis in die Zeit der Völkerwanderung hinein gehalten, und der Dienst, den das geordnete Geldwesen der Entfaltung von Wirtschaft und Kultur zu leisten vermochte, kann auch in der Geschichte Roms nicht hoch genug veranschlagt werden.

Kundige Hände für mannigfache Gewerbe der arbeitsteiligen Wirtschaft fanden sich auf den Sklavenmärkten, die ihren Auftrieb auch aus dem Niedergang Griechenlands bekamen. Jetzt, wo Geld und arbeitsgeübte Hände vorhanden waren, ließ die organisatorische Begabung der Römer Städte und Prachtbauten entstehen; Straßen und Brücken, wie sie erst das 19. Jahrhundert wieder erreichte, Paläste, Theater und Bäder wurden gebaut, Wasserleitungen, die jahrhundertelang bewundert wurden und noch als Ruinen von ihrer einstigen Großartigkeit zeugen.

Da die Römer – im Gegensatz zu der früheren Kriegsführung der Griechen – die unterworfenen Völker mit einer gewissen klugen Mäßigung behandelten, vermochten sie es auch, das Eroberte zu halten. Rom war einstmals nur halb so groß wie Attika und umfasste etwa 1000 km2 Land; zu Beginn des christlichen Zeitalters aber herrschte Rom über 54 Millionen und war mit 3,3 Millionen km2 Land 6 mal so groß wie das Deutsche Reich vor dem ersten Weltkrieg!

Der Hauptstadt dieses gewaltigen Reiches standen alle Güter einer weltweiten Arbeitsteilung zu Diensten. Da gab es den Bernstein des Nordens, indische Perlen und Edelsteine, arabischen Purpur und Wohlgerüche, spanische Wolle, ägyptisches Linnen, griechische Weine, afrikanisches Öl, chinesische Seide, britannische Austern, Pelzwerk vom Don usw. Und wenn es auch richtig ist, dass Rom nicht ohne Kriege groß geworden ist, so hat doch andererseits die Kaiserzeit dem römischen Weltreich die längste Friedenszeit gebracht, die die Welt je gesehen hat.

In seinem Werk »Kulturen, Völker und Staaten vom Urbeginn bis heute« weist Hugo Rachel auf diese beachtenswerte Tatsache hin und schreibt:

»Von 31 v. Chr. bis 235 n. Chr. sind die um das Mittelmeer gelagerten Länder von Kriegen und Unruhen kaum berührt worden; Kämpfe spielten sich nur an den Grenzen ab, allein die Thronfolgekrise von 68/69 und die Aufstände in Gallien und Judäa, 69/71, unterbrachen diese glücklichste Zeit der Menschheit. Im Gegensatz zur Verwilderung der späteren republikanischen Zeit bestand trotz aller Mängel ein gerechtes, humanes, auf das Wohl des gesamten Reiches bedachtes Regiment. Die materielle Kultur blühte außerordentlich und wuchs an Umfang; ein reger und gesicherter Verkehr, ein allgemeiner geistiger und kommerzieller Austausch umspannte die ganze römische Welt; Münze, Maß und Gewicht, Zeitrechnung (durch Cäsar neu geordnet) und Recht waren einheitlich geregelt.«

Es ist einleuchtend, dass sich in dieserZeit alles entfalten konnte, was aus Arbeitsteilung, Leistungs-Austausch und Weltverkehr damals schon möglich war. Aber nichts von all dem, was heute noch von der Größe Roms zeugt, konnte ohne die wunderwirkende Kraft des Geldes entstehen.

Dennoch wäre es eine Täuschung, wenn wir glauben wollten, dass Rom seine Geldwirtschaft bewusst und mit Klugheit zum Wahl des Staates betrieben und allezeit richtig gehandelt hätte. Aber in Erinnerung an unsere eigenen Erfahrungen aus der modernen Zeit wundern wir uns nicht darüber, dass schon Rom in der Notlage seiner Kriege zu der damals möglichen Form von Inflationspolitik – nämlich zu Münzverschlechterungen – seine Zuflucht nahm. Bereits während der punischen Kriege wurde das Gewicht des römischen Silberdenars herabgesetzt, um mehr Denare prägen zu können. Die Söldnertruppen erforderten Geld für die Löhnung; und die Römer schritten zu Notprägungen von Goldmünzen aus dem Tempelschatz des Jupiter. Den Schatz ersetzten sie durch vergoldetes Blei, denn in diesem Punkt waren sie der Ansicht – die ja wohl auch in späterer Zeit und unter anderen Religionen nicht ganz untergegangen sein soll – bei religiösen Dingen genüge die Wahrung des Scheins.

Um 91 v. Chr. setzte der Volkstribun Livius Drusus einen Senatsbeschluss durch, demzufolge jeweils eine von 8 Münzen minderwertig »gefüttert» sein sollte, innen Kupfer, außen Silber. In jener Zeit war der Geldwert so unsicher, dass – wie Cicero schrieb – niemand wissen konnte, was er besaß. Einige Jahre später wollte Marius Gratidian wieder gesunde Verhältnisse schaffen und den Versuch der Zahlung mit schlechter Münze unter Strafe stellen. Dafür wurde er erst verherrlicht – und dann auf den Befehl von Sulla hingerichtet. Die Münzverschlechterung wurde weiter betrieben.

Freilich gab es dann auch wieder Zeiten, in denen die Eroberungen neue Edelmetallbestände ins Land brachten und eine Besserung des Münzwesens ermöglichten. So brachte die Eroberung der reichen syrischen Handelsstadt Palmyra, zwischen Damaskus und dem mittleren Euphrat gelegen, den Römern gewaltige Schätze ein. Heute noch zeugen riesige Ruinen, Baalstempel, Säulenstraßen, Theater von der einstigen Größe dieser von den Eroberern zerstörten Stadt; Palmyra war ja der Mittelpunkt eines Handelsstaates, der sich in seiner Blütezeit bis weit nach Ägypten und Kleinasien hinein erstreckte.

Soweit die eroberten Provinzen, die ihre Edelmetallbestände an das übermütige Rom abgeliefert hatten, in der Not des Landes selber zu Münzverschlechterungen ihre Zuflucht nahmen, stellten sich auch im Altertum schon Zustände ein, die uns ziemlich vertraut anmuten. Ägypten war zur Zeit des Soldatenkaisers Diokletian (284–305) römische Provinz. Diokletian hatte sich eine großartige Neuordnung des gewaltigen Reiches zum Ziel gesetzt. Vieles hat sein unbeugsamer Wille auch tatsächlich erreicht. Nur das Geld wollte sich nicht fügen; doch darüber dürften wir nur lächeln, wenn unsere Zeit nicht genau so töricht gehandelt hätte wie dieser römische Kaiser, der die durch Geldvermehrung und schlechte Kupfermünze zustandegekommene Zerrüttung des Geldwesens mit Höchstpreis-Verordnungen und Todesstrafe kurieren wollte. Während aber in Rom die Metze Gerste immerhin nur 100 Denare kostete und ein Pfund Fleisch 8–10 Denare, war die Entwertung des Geldes in den Provinzen bald beträchtlich weiter fortgeschritten. Prof. Eisler stellte aus ägyptischen Papyrusfunden eine aufschlussreiche Übersicht zusammen:

»Im Jahre 255 n. Chr. kostete in Ägypten eine Metze Weizen von 29,18 Liter 16 Drachmen, 314 n. Chr. kostete sie 10 000 Drachmen. Ein Haus, das im Jahre 267 n. Chr. 2000 Drachmen kostete, konnte 40 Jahre später darauf eine Grundpfandschuld von 3 840 000 Drachmen aufnehmen. 3 Kilo Fleisch kosteten damals 8000 Drachmen, ein Rehschlegel 50 000, 4 Hühner 30 000, 0,5 Liter Wein 12 000 bis 26 000 Drachmen. Entsprechend vollzog sich ein Steigen der Löhne und Gehälter. Im Jahre 304 n. Chr. erhielten Erdarbeiter und Ziegelverlader 400 bis 500 Drachmen täglich. Schreiber erhielten bei freier Kost 3000 Drachmen monatlich, ein Reitknecht 3500, ein Mauleselknecht 6000, ein Lehrer 6000 Drachmen« (siehe R. Eisler: »Das Geld«, S. 173).

Wer den Grund seiner Wohlfahrt in den Tagen des Glückes nicht erkennt, der lernt ihn erkennen, wenn er verloren ist. Wie einstmals in Athen Verschwendung, Luxus und Müßiggang den Verfall einleiteten, so auch in Rom. Auch hier entwickelte sich die Jagd nach dem Reichtum in gleicher Art. Der Boden wurde veräußerlich und beleihbar; die Gier nach dem Gelde und die Unerfahrenheit im Umgang mit diesem Ding führten zur Verschuldung, maßlose Zinsen zu raschem Verfall des Bauernstandes, zu Schuldknechtschaft, Landflucht und Überfüllung der Stadt.

Da die handwerklich-gewerbliche Betätigung von Sklaven und von Freigewordenen ausgeübt wurde, verschmähte der Römer die eigentliche Arbeit. Seine Zivilisation beruhte zwar auf dem Prinzip der Arbeitsteilung, aber er selbst hat sich an dieses Prinzip nicht gehalten. So drängte sich in der Stadt ein Gewimmel von unbeschäftigten, mittellosen römischen Bürgern, denen genau so wie in Griechenland erst Brot – und dann Brot und Spiele – geboten werden mussten.

Dieses ständige Verzehren ohne Leistung, das maßlose Pracht- und Luxus-Bedürfnis der vermögenden Schichten bewirkte auch hier einen fortgesetzten Abfluss von Gold und Silber nach den fernen Ländern, von denen die begehrten Erzeugnisse auf Schiffen und Handelsstraßen herkamen. Musste nicht der unerhörte Aufwand der römischen Zirkusspiele auch eine ökonomische Kehrseite haben? Sulla ließ 100 Löwen in die Arena rasen; Pompejus steigerte das Schauspiel auf 500 Löwen und zahllose andere Tiere aus allen erreichbaren Zonen. Cäsar ließ 65 v. Chr. über 600 Gladiatoren in silberner Rüstung zum Schaukampf antreten und im folgenden Jahr – zur Vorbereitung seines letzten Schrittes zur absoluten Macht – das römische Volk an 22 000 Tischen prächtig bewirten und mit Geld und Getreide beschenken.

Die Logik der Geldrechnung ist unerbittlich, ob man sie begriffen hat oder nicht. Rom war wohl imstande, die Edelmetallbestände seiner Provinzen zu mobilisieren – in den Silberbergwerken Spaniens waren zeitweise bis 40 000 Menschen beschäftigt und in ähnlichem Umfang wurde in Siebenbürgen Gold geschürft. Aber der Abfluss war dennoch größer.

Als schließlich mit dem Schwinden des Geldes auch noch die Erschöpfung der spanischen Silberminen eintrat, war der Niedergang Roms so gut wie besiegelt. Jetzt halfen auch drakonische Maßnahmen gegen die Ausfuhr von Edelmetallen nichts mehr; und selbst die Münzverschlechterung – bis zu 95 Prozent Beimischung von Kupfer! – konnte den erforderlichen Geldumlauf nicht einmal mengenmäßig halten. Der Glanz des Römerreiches war auf der Basis einer weit ausgedehnten Geldwirtschaft und Arbeitsteilung erstanden und nun mit dem Verfall dieser Fundamente wieder erloschen.

DIE BARBAREN UND DAS GELD

An Rhein und Donau waren die Legionen des römischen Weltreichs stehen geblieben. Nordwärts und ostwärts dehnte sich in unermesslicher Weite waldreiches Land, bewohnt von halb nomadenhaften Völkerschaften. Anfänge von stadtähnlichen festen Siedlungen gab es fast nur an der Grenze zum Römerreich.

Aus dem Osten über die Wolga hereinbrechend war der Mongolenstamm der Hunnen über Europa gefegt, raubend und sengend und die überfallenen Völker mitreißend oder vor sich hertreibend. Die Schutzwälle, die das Römische Reich an seinen Grenzen errichtet hatte, konnten die Flut nicht aufhalten. Das Weltreich der Römer ging unter, andere Völker und Reiche füllten den Raum, jahrhundertelang sich in Kämpfen und Kriegen verändernd.

Den Zusammenhang zwischen Geldwirtschaft und Geschichtsverlauf hat die eigentliche Geschichtsforschung nie sonderlich berücksichtigt. Aber die Wirtschaftsgeschichte kennt die sogenannten »langen Konjunkturwellen« als die Zeitabschnitte steigender Geldvermehrung. »Mir ist keine Periode wirtschaftlicher Blüte bekannt, die nicht auf einen außerordentlichen Zufluss von Gold zurückzuführen wäre«, sagt Sombart. Die Kehrseite davon ist die wirtschaftliche Stagnation, der Zerfall der sozialen Organismen und der Kulturen, sobald das Geld sich vermindert, abfließt oder in anderer Art versickert.

Eine solche Periode war mit der anhaltenden Passivität der Handelsbilanz des römischen Weltreiches über die Kultur des Altertums gekommen und hatte der Zeit der Völkerwanderung ihren Stempel aufgedrückt. Jahrhundertelang waren die Raubkriege und Beutezüge der mit den Wanderungen der Goten und der Hunnen in Bewegung gekommenen Völker an der Tagesordnung. Rom hat die Arbeitsteilung nicht weiterentwickelt und ausgedehnt, sondern mit der Verschwendung des Geldes zugleich sein wirtschaftliches Blut verloren und seine Kraft vergeudet. Ackerbau, Gewerbe, Handwerk und Handel verkümmerten. Wer noch Geld hatte, hütete es als einen Schatz. Selbst die Barbaren wussten schon das alte römische Geld von den rot gewordenen Silbermünzen des späten Rom zu unterscheiden und verschatzten das bessere Geld. Die alten Germanen bohrten ein Loch durch den beliebten römischen Goldsolidus und trugen die Münzen an einer Schnur um den Hals. Was der Sinn des Geldes sein sollte, war fast vergessen. Aber die Gier nach den gleißenden Schätzen von Gold und Silber lag wie ein uralter Fluch über allem. Die ganze Geschichte der Völkerwanderung ist ein endloser Bericht über den Kampf um gewaltige Schätze, die dereinst einmal Geld waren und eine volkswirtschaftliche Funktion gehabt hatten, jetzt aber von der Raubgier und Prachtliebe der Großen verschluckt wurden. Gustav Freytag schildert in seinen »Bildern aus der deutschen Vergangenheit« die Fürstenschätze aus Armringen, Spangen, Diademen, Bechern, Becken, Schalen und Trinkhörnern samt ganzen Tischplatten und Pferdeschmuck. Die Tafelaufsätze, silberne Becken für Speisen und Früchte waren zuweilen von so protzigem Ausmaß, dass man sie mit Hilfsgeräten auf die Tische heben musste; eines Mannes Kraft reichte nicht mehr aus.

Der fränkische König Chilperich (561–584) ließ einen Tafelaufsatz aus Gold und Edelsteinen machen, 50 Pfund schwer; und der König Gunthram erzählte beim festlichen Mahl: »Fünfzehn Schüsseln, so groß, wie die größten dort, habe ich schon zerschlagen und habe nur diese behalten und eine andere, 470 Pfund schwer.« Zu solchen Prunkstücken wurde das gemünzte Gold und Silber, das aus der Beute und aus den Tributleistungen der jeweils Besiegten stammte, verarbeitet. Als die Franken unter Clodewech die Römer besiegt und aus Gallien vertrieben hatten, waren ihnen riesige Bestände römischen Goldes in die Hände gefallen. Aber bevor etwas Sinnvolles damit geschehen konnte, waren neue Widersacher an die Stelle der Erschlagenen getreten. Ein düsteres Bild von Tücke und Raubgier zeichnet Gustav Freytag nach mit der dramatischen Schilderung: »Als der Königssohn Chloderich seinen Vater auf Anstiften des Chlodewech getötet hatte, zeigte er dem Boten des argen Vetters die große Truhe, in welche der Ermordete seine Goldstücke zu legen pflegte, da sagte der Gesandte zu ihm: ›Miss die Tiefe mit dem Arm aus, damit wir die Größe wissen!‹ – und als der Frevler sich niederbeugte, zerschmetterte ihm der Franke den Kopf mit seiner Axt« (siehe G. Freytag: »Bilder aus deutscher Vergangenheit«, S. 155). – Verläßliche geschichtliche Nachweise über diesen Vorgang hat die Geschichtsforschung nicht gefunden und so mag es sein, dass die Fama hier – ebenso wie in der Nibelungensage – Dichtung und Wahrheit vermischte. Wieviel Wahrheit aber mag ganz im Dunkel der Vorzeit versunken sein?

Dem Golde gegenüber ist der Mensch unersättlich, und so hortete also die Raubgier und Besitzleidenschaft der kämpfenden Fürsten und Könige die noch aus dem Altertum vorhandenen Edelmetallbestände mehr und mehr in nutzlosen Schätzen. Als die fränkische Königstochter Rigunthe 584 zu den Westgoten nach Spanien gesandt wurde, füllte ihr Schatz 50 Frachtwagen. Jedem Fürstenkind wurde schon bei seiner Geburt ein Schatz angelegt. Zahllos sind auch die Berichte von vergrabenen und versenkten Schätzen. Wir denken an Alerichs, des Gotenkönigs Grab im Busento, an die geheimnisumwitterte Bestattung Attilas, des Hunnenkönigs in goldenem, silbernem und eisernem Sarg, an den Nibelungenhort und den ewigen Zwist um alle Schätze. Bis auf den heutigen Tag ist das Raunen um vergrabene Schätze zu hören. Noch 1895 wurde in Köln eine römische Kriegskasse mit 15 Zentnern römischer Münzen gefunden, ein Schatz, der wohl vor dem herannahenden Feind vergraben und nach verlorenem Kampf nicht wieder gehoben werden konnte.

In diesen Jahrhunderten der Völkerwanderung gibt es denn auch nur wenige, jeweils bald erstorbene Ansätze zur Neuerweckung einer Geldwirtschaft. Kelten und Germanen haben in ihren ersten Versuchen nur Nachprägungen der römischen und griechischen Münzen vorgenommen. Das Münzbild solcher Prägungen ist entsprechend roh, und die Unerfahrenheit des Stempelschneiders zeigt sich mitunter sogar in seitenverkehrter Wiedergabe des Münzbildes, das als Vorlage diente. Von einer Entfaltung der Geldwirtschaft kann erst wieder gegen Ende des ersten Jahrtausends gesprochen werden; der Reichtum des Altertums, der einstmals bereits in Münzen geprägt einen volkswirtschaftlichen Dienst getan und eine Entfaltung von Arbeitsteilung und Kulturblüte ermöglicht hatte, war einfach jahrhundertelang umgeformt und seiner Aufgabe entzogen worden: Objekt der Hortbildung, der Machtgewinnung, des Prunkes, des ständigen Kampfes und Raubes. Und die Kehrseite davon skizziert Hugo Rachel in seinen Betrachtungen zum Untergang der Antike, indem er schreibt: »Durch das unaufhaltsame Schwinden des baren Geldes trocknete das Wirtschaftsleben gleichsam aus und glitt in ein längst überwundenes Stadium, zur Naturalwirtschaft zurück« (siehe Hugo Rachel: »Kulturen, Völker und Staaten«, S. 99). Kriegsstürme, Raubzüge und Verwüstungen sind ein unfreundliches Wetter für das Erblühen einer neuen Kultur; die Lehre des Christentums, die Wesentliches zur Gestaltung einer neuen Welt bringen konnte, fiel noch auf steinigen Acker, während sie im Römerreich bereits seit dem Jahre 313 anerkannte Staatsreligion war. Bei manchem aus den germanischen Stämmen zum Christentum Übergetretenen verband sich die neue Lehre noch in absonderlicher Weise mit den überlieferten Begriffen der Väter, und noch nach Jahrhunderten war manche Handlung mehr vom Blut und Urväterglauben als vom Geiste echten Christentums diktiert.

So muss man, wenn man von einem »christlichen Abendlande« spricht, wohl doch ein wenig bedenken, dass dieser Begriff kaum vor dem 8. Jahrhundert seine Gültigkeit haben dürfte. Als Bonifatius bei Geismar die Donar-Eiche fällte, schrieb man bereits das Jahr 724; und als der Stamm der Sachsen als letzter großer Germanenstamm nach erbittertem Widerstand sich dem Christentum beugte – Widukind ließ sich im Jahre 785 taufen –, neigte sich dieses Jahrhundert bereits seinem Ende zu.

Erstmalig seit dem Untergang des weströmischen Reiches war in diesem 8. Jahrhundert in dem Frankenkönig Karl, der damit der Große werden sollte, ein Mann erstanden, der die Erben der untergegangenen römischen Weltmacht, die schon ziemlich festgefügten germanischen Reiche auf dem geschichtlichen Boden der einstigen römischen Herrschaft und weit darüber hinaus zu einem neuen Ganzen zu einen vermochte. Erstmalig traten jetzt auch aus dem Schoße der barbarischen Eroberer andere Gesichtspunkte als Krieg und Raub politikbestimmend hervor.

Dem Weitschauenden erschloss sich der Blick in eine neue Weltgestaltung, nicht minder großartig als die des versunkenen Römerreiches. Überlieferte Reste griechisch-römischer Kultur, Kunst, Gesetzgebung, Geistesbildung usw. auf dem Boden des für eine Gemeinschaftsbildung unter den Menschen unerhört fruchtbaren Christentums neu begründet, fingen an, unter Karl dem Großen zu gewaltigen Wandlungen zu führen.

Dass die Einführung des Christentums von Karl dem Großen nicht immer mit christlicher Duldsamkeit und Großmut betrieben wurde, ist bekannt; aber man wird bei der Würdigung seiner Taten bedenken müssen, dass die Einigung der germanischen Stämme unter der Glaubenslehre des Christentums von ihm als politische Notwendigkeit angesehen wurde. So betrachtet war es weniger der Christ Karl als vielmehr der germanische König und Schöpfer des nachmaligen »heiligen römischen Reiches deutscher Nation«, dem es unerträglich gewesen sein mochte, innerhalb dieses Reiches eine klaffende Lücke oder gar einen Herd der Feindschaft zu wissen, der gleichwohl von Menschen desselben Blutes bewohnt wird.

Doch wie man auch immer darüber denken mag – mit späten Wertungen ändern wir nichts an vollzogenen Werken, die Nachwelt hat auf den Tatsachen weiterzubauen –, unmerklich vollzog sich eine Verlagerung der wieder erwachenden Lebensströme des völkerbewegenden Verkehrs vom Mittelmeerraum zum Rhein. Denn unmerklich begann die innere Ordnung des werdenden Reiches, die gute Verwaltung, die sorgsame Rechtspflege, die Förderung des Unterrichts, dem sich der Kaiser im hohen Mannesalter selbst noch unterzog, ihre Früchte zu tragen. Auch die wirtschaftliche Förderung, hauptsächlich bestimmt von der Ordnung des Bodenrechts, der Lehensordnung, des Marktrechts und Münzwesens, wirkte sich aus.

Die germanischen Stämme, insbesondere in jenen Gebieten, die noch außerhalb der einstigen Römerherrschaft, also nordöstlich von Rhein und Donau, lagen, haben freilich bis in das letzte Jahrhundert vor der Jahrtausendwende überwiegend in altväterlicher Naturalwirtschaft gelebt. Soweit sie durch Tausch und Handel fremdländisches Gerät, Schmuck, Münzen und dergleichen erwarben und Zinn, Bernstein, Honig, Wachs oder Felle dafür gaben, diente das Erworbene nur dem persönlichen Bedarf, allenfalls auch einer stetigen Schatzbildung. Die durch Berührung mit den Römern und durch die Züge der Völkerwanderung in die Hände der Germanen gelangten griechisch-römischen Münzen wurden also, wie bei allen Naturvölkern, lediglich als Schmuck und Schatzmittel betrachtet. So versickerte auch hier ein großer Teil der Münzbestände des Römischen Reiches in den unergründlichen Wäldern Germaniens, ohne dass sie hier schon jene Wirtschaftsbelebung herbeiführen konnten, die in entwickelteren Kulturen bei solcher Art »aktiver Handelsbilanz« zustande zu kommen pflegt.

Um diese Zeit wäre es hier für eine ausgedehnte Geldwirtschaft auch einfach noch zu früh gewesen. Erst kam es darauf an, von der Naturalwirtschaft zur Arbeitsteilung zu gelangen; und auf dieser Linie der Notwendigkeit hatte das römische Kolonisationstalent – obwohl die Barbaren die Herren und die Römer die Unterlegenen waren – ein dankbares Betätigungsfeld gefunden. Was jetzt aus Rom kam, kam freilich nicht mehr in klirrenden Waffen, die früher die römische Kultur begleitet hatten, sondern es kam im Habitus der neuen Religion des Christentums. Sicher ist die fortschreitende Verschmelzung der fränkischen Herrschaft mit der römischen Kirche, die mit der Kaiserkrönung Karls des Großen ihren Höhepunkt erreichen sollte, einer der bedeutungsvollsten Vorgänge der europäischen Geschichte gewesen. Und wenn es in diesem Zusammenhang auch nicht primär wichtig sein mag, so war es doch andererseits auch nicht von Nachteil, dass das ganze Erbe der geldwirtschaftlichen Erfahrung der Römer sich im Zuge dieser Entwicklung auf die Völker des fränkischen Herrschaftsbereichs fortpflanzte.

Was die römische Kirche diesen Völkern zugleich mit dem neuen Weltbild des Christentums an gewerblichen Fertigkeiten und ökono-mischen Künsten des Rechnungswesens mit Maß-, Gewichts- und Geldeinheiten brachte, machte sich aber für die Kirche auch bezahlt durch die junge Kraft, deren die Kirche als Schutz bedurfte. Der Zerfall der alten römischen Weltmacht in ein weströmisches und oströmisches Reich – im Jahre 395 waren Rom

und Byzanz endgültig geschieden –, hatte auch für das Christentum, wenn nicht ursächlich, so doch als weitere Vertiefung der Kluft den großen Glaubenskonflikt zwischen arianischer und römisch-katholischer Christusvorstellung gebracht. Da die Vandalen, Goten, Langobarden und andere germanische Stämme sich zuerst der arianischen Lehre, wonach Christus nicht als Gottes Sohn gilt, zuneigten, bedeutete der Sieg des Frankenkönigs Chlodewech und sein Übertritt zum katholischen Christentum (496) zugleich den Sieg der römisch-katholischen Kirche über die arianisch-byzantinische. Der Fama zufolge soll Chlodewech vor der Schlacht gelobt haben, zum römischen Glauben überzutreten, wenn Christus ihm den Sieg schenkt. Dass man so etwas mit dem fremden Gott aushandeln könne, war dem Vorstellungsvermögen des fränkischen Kämpen durchaus natürlich. Nun waren also die Würfel gefallen und so ging die Entwicklung auf Jahrhunderte hinaus ihren neuen Weg.

Währenddessen erfuhr auch das byzantinische Reich ein wechselvolles Schicksal, bis es 1453 endgültig den Mohammedanern (Mohammed II.) erlag. In seiner hohen Blütezeit trugen die byzantinischen Münzen vornehmlich Christus- und Marienbildnisse. Justinian II (658–711) hatte als erster ein Christusbild auf seinen Solidus gesetzt, wie Robert Eisler meint, sicher weniger aus Frömmigkeit als vielmehr, um den Mohammedanern das Nachprägen seiner Münzen religiös zu verleiden (siehe R. Eisler: »Das Geld«, S. 160). Die Handelsbeziehungen mit Byzanz waren während der Zeit der Völkerwanderung noch schwach; erst die Jahrhunderte der Kreuzzzüge brachten den fränkisch-alemannischen Völkern den näheren Kontakt mit dem Orient – und damit auch byzantinische Einflüsse auf ihr Münzwesen. Letztere traten in der Brakteatenprägung der Stauferzeit, worauf wir noch kommen werden, besonders deutlich hervor.

WIEDERERWACHENDE GELDWIRTSCHAFT

Wenn mit der Ausdehnung der deutsch-germanischen Herrschaft über das riesige Gebiet des einstigen Römerreiches wohl auch die Gold- und Silberschätze der vergangenen Kulturen in die Hände neuer Herren gekommen waren, so konnte die eigentliche kulturfördernde Nutzung aber doch erst dadurch erfolgen, dass das tote Metall zu lebendigem, befruchtendem Geldumlauf wurde. Dieser Entwicklung hat Karl der Große entscheidende Impulse gegeben.

Wohl haben vor dieser Zeit schon die Goten, Langobarden, Kelten und andere Völker eine Münzprägung betrieben. Ihre Münzbilder stellten jedoch nur mehr oder weniger gelungene, vielfach aber auch vollkommen entstellte Nachbildungen alter griechisch-römischer Prägungen dar.

Goldmünzen zu prägen und das eigene Bild auf die Münze zu setzen, war einst das Vorrecht der römischen Kaiser gewesen. Dieses Vorrecht wurde während der Zeit der Völkerwanderung nicht angetastet; erst Theoderichs Sohn Theodebert I. von Austrasien wagte es, einen Goldsolidus mit seinem eigenen Namen zu prägen (534–548). Der Vorgang wurde von Prokop, dem Chronisten der Gotenkriege, als empörende Anmaßung registriert. Bemerkenswert für die im 6. Jahrhundert einsetzende Zunahme der Münzprägung ist, dass die Kirche mehr und mehr – und zwar aus eigener Machtvollkommenheit – als Münzherr auftrat. Insbesondere geschah dies westlich des Rheins im Gebiet des heutigen Frankreich, wo die Bistümer Rennes, Orleans, Le Mans, Bordeaux, Toulouse, Angers und andere zu nennen wären.

Vom 6. Jahrhundert an traten aber auch Name und Monogramm des Königs mehr und mehr zurück zu Gunsten der Erwähnung von Münzstätte und Münzmeister. Die Münzmeister, aus der Goldschmiedezunft hervorgegangen, von denen man etwa 2000 Namen kennt, übten ihr Gewerbe für Könige, Bischöfe und Grundherren im Umherziehen aus. Im 8. Jahrhundert wurde nun im fränkischen Reich das unter den Merowingern mit zunehmender Lässigkeit gehandhabte Münzrecht nach dem Sturz des letzten Merowingers Chilberich von Pippin dem Kleinen mit Energie in die Hand genommen. Der erste Karolinger, der sich selbst die Königskrone genommen hatte, vereinfachte das Münzwesen des fränkischen Reiches durch Einführung der Silberwährung. Goldmünzen ließ er nicht mehr ausprägen. Geprägt wurde nur noch der Silberdenar, aus dem römischen Pfund 300 Stück, später 264 Stück. Diese Anfänge einer neuen Münzordnung hat der Sohn Pippins, Karl der Große, mit zielbewusster Hand auf das ganze nachmalige »Heilige Römische Reich deutscher Nation« ausgedehnt. Er setzte sein Bildnis und seinen Namen auf die Münze, und auch die Großen, denen er das Recht, Münzen zu schlagen, verliehen hatte, mussten seinen Namen mit auf die Prägung setzen. Die Zahl der Münzstätten – bei Antritt seiner Regierung bestanden deren 40 – vermehrte sich auf 80, darunter Köln, Bonn, Mainz, Worms, Speyer, Straßburg, Dursteede, Basel, Chur. Auch Karl der Große blieb bei der Silberwährung. Goldmünzen wurden von ihm offensichtlich nicht für den allgemeinen Handelsverkehr herausgegeben. Nach Auffassung der Forscher sind die in wenigen Funden zutage geförderten Goldmünzen nur als Kriegs-Sold für die fränkischen Soldaten aus Beutegold geschlagen worden.

Dem Münzwesen Karls des Großen lag die Regel zugrunde, aus einem Pfund Feinsilber 240 Silberdenare zu prägen. Unklarheiten bestehen jedoch über das Gewicht des Pfundes; die Angaben schwanken zwischen 367 und 491 g. Der Denar stellte in der damaligen Münzverfassung auf deutsch einen »Silberpfennig« dar.

12 Denare oder Pfennige ergaben einen Schilling (lat. Solidus); 20 Schillinge waren demgemäß 1 Pfund. Dieses karolingische Münzsystem: 12 Pfennige (Pence) = 1 Schilling; 20 Schillinge = 1 Pfund hat sich bei den Angelsachsen bis auf den heutigen Tag erhalten, wie ja auch die Bezeichnung »1 Pfund Sterling« ursprünglich ein Pfund von den durch die Oesterlinge – die aus dem Osten kommenden Kaufleute – ins Land gebrachten Silbermünzen bedeutete. Die Einführung des karolingischen Münzsystems in England wird dem Einfluss des angelsächsischen Gelehrten Alkuin zugeschrieben, den Karl der Große an seinen Hof gezogen hatte.

Eine Prägung von Schillingmünzen war in der Münzordnung Karls des Großen nicht vorgesehen. Der Begriff war nur eine Rechengröße. Erst bei entwickelteren Verkehrsbedürfnissen im 13. und 14. Jahrhundert entstand im »Groschen« eine entsprechende Ausprägung. Der Groschen stellte einen »großen« und dicken Pfennig dar und hatte den Wert von 12 Denar, womit er also einem Schilling entsprach. In manchen Gegenden wurden auch Groschen von geringerem Wert als 12 Denar geschlagen.

Dass es sich bei dieser Ausprägung einer größeren Münze überall um die Berücksichtigung der wachsenden Anforderungen des Wirtschaftsverkehrs handelte, geht auch daraus hervor, dass der »große Denar« im 12. Jahrhundert auch in Florenz als »Grossoni«, in Frankreich als »gros Tournois« und in England als »groats« auftauchte; das Verhältnis zum Denar ist jedoch nicht überall und nicht für ständig das gleiche gewesen wie in Deutschland (siehe K. Helferich: »Das Geld«, S. 39).

In der allgemeinen Entwicklung der Kultur konnten sich die Auswirkungen der Rückkehr zur Geldwirtschaft naturgemäß nur sehr langsam zeigen. Zu groß und zu weiträumig war das Reich Karls des Großen und nur der südwestliche Teil war alter Kulturboden. Handwerk, Viehzucht und Ackerbau mussten erst gelehrt und entwickelt werden; dies waren Aufgaben, deren sich die vom Kaiser geförderten Klöster mit besonderem Eifer annahmen.

In diesen Zeiten wurden neue Münzen in der Regel beim Anlass bedeutender geschichtlicher Ereignisse oder sonstiger denkwürdiger Tage im Leben der Münzherren geschlagen. So hat Karl der Große, nachdem er 784 dem Langobardenreich ein Ende bereitet hatte, auf dieses Ereignis gemeinsam mit dem Papst Hadrian III. einen Pfennig prägen lassen. Ebenso ließ er auf seine Kaiserkrönung zum Weihnachtsfest in Rom im Jahre 800 einen Pfennig schlagen, der auf der Vorderseite sein Brustbild und auf der Rückseite ein Bildnis der Kirche zeigte, als deren Beschützer er sich fühlte.

Die straffe Ordnung des Münzwesens, die Karl der Große durchgesetzt hatte, ist unter seinen Nachfolgern wieder verloren gegangen. In einem Kapitular des Kaisers (805) war einst befohlen worden, dass Münzen nur an kaiserlichen Pfalzen geprägt werden durften; und es war vorgeschrieben, »dass diese neuen Pfennige in jedem Ort, in jeder Stadt und auf jedem Marktplatz ebenso umlaufen und von allen empfangen werden«. Nach A. Luschin v. Ebengreuth, »Grundriss der Münzkunde«, war die Münzhoheit als solche ein wesentliches Recht des römischen Imperators, von dem es auf den Kaiser des «Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation« überging. Von Thomas von Aquin wurde dann aber die Lehre begründet und verbreitet, dass die Münzhoheit auch dem Papst und der Kirche zustehe. Diese Auffassungen fanden in den mittelalterlichen Rechtsbüchern ihren Niederschlag; so kam es, dass schließlich jedermann, der eine höchste Gewalt, ein »supremum imperium« innehatte, auch das Recht der Münzhoheit besass, das er nach unten gegen Abgaben oder auch als Pfründe für Vasallen- und andere Dienstleistungen weiterverleihen konnte (siehe a.a.O. S. 58).

Unter dem Nachfolger Karls des Großen, Ludwig dem Frommen, gelangten nun die Kirchenfürsten wieder zu Einfluss und Bedeutung in der Münzprägung; und dieser Einfluss verstärkte sich in der Folgezeit mit der jetzt in Erscheinung tretenden Schwäche der Karolinger mehr und mehr. Diese Entwicklung ist aber andererseits nicht ganz unverständlich, denn Kirche und Klöster hatten in diesen Zeiten beträchtliche Aufgaben auf sich genommen, für deren Finanzierung entsprechende Einkünfte erforderlich waren. Nach der Bekehrung der Sachsen zum Christentum wurde z.B. das Kloster Corvey gegründet und mit reichen Schenkungen – z.B. mit der Einrichtung einer Münzstätte und Verleihung der Einkünfte aus der Münzprägung – bedacht.

Ähnlich verhielt es sich in zahlreichen anderen Fällen und auch in den kommenden Zeiten; die Abtei von St. Gallen, die Freie Reichsabtei Hersfeld, auch Frauenklöster wie die Abtei Quedlinburg, erhielten das Münzrecht, ebenso der später in der Kolonisation des Ostens tätig gewordene Deutschritterorden.

Unter den fränkischen und sächsischen Kaisern verstärkte sich die Tendenz, die Münzrechte an Kirchenfürsten und Abteien zu vergeben, noch mehr, denn jetzt waren Geistlichkeit, Bischöfe und Äbte die eigentlichen Stützen der Herrschaft gegen die Machtansprüche und Besitzgelüste des Adels. Mit der eintretenden Schwächung der Reichsmacht wurden dann aber auch die Kirchenfürsten in der Münzprägung mehr und mehr selbständig; dazu kam, dass die Münzrechte für Abgaben und Vasallendienste auch an Herzöge und Markgrafen vergeben wurden, womit aber immerhin eine reichliche Versorgung der in Gang kommenden Wirtschaft mit Geld gegeben war.

Dieses Letztere dürfte für die allgemeine Entwicklung von Wirtschaft und Kultur das Wesentliche gewesen sein, und so war es denn ganz richtig, dass die Becher und Schalen, Becken und Humpen in den Schmelztiegel wanderten – und danach als blanke Silberpfennige auf die Märkte.

DIE BRAKTEATEN

Wenn eine Linie der Entwicklung des Münzwesens vornehmlich in dem durch Donau und Rhein begrenzten südwestlichen Raum Europas durch Nachbildung römischer Münzen und allmähliche Verselbständigung in der Kunst des Stempelschneidens und Prägens erblickt werden kann, haben wir es im nordostgermanischen Raum noch mit einer zweiten Entwicklungslinie, einer anderen Technik der Nachbildung und Neuprägung von Münzen, zu tun. Auch diese nahm ihren Ausgang von der Goldschmiedekunst her und hatte ihre Wiege in der Schmuckgestaltung.

Es handelte sich hierbei um die Technik, ornamentale Linienmuster, Runenzeichen und dergleichen auf der Vorderseite erhaben und auf der Rückseite vertieft in Gold-, Silber- oder Kupferblech zu treiben. Derartige Arbeiten wurden erst als Gewandspangen, als Schmuck und Anhänger getragen; es gibt Funde davon, die aus einer Zeit von 400 bis 1000 Jahren vor der christlichen Zeitrechnung stammen.

In der nachrömischen Zeit wurde indessen diese Technik des Einprägens eines Bildes in dünnes Silber- oder Goldblech auch auf die dadurch vereinfachte Nachahmung von Münzen angewendet. Es gibt Stücke – allerdings auch in dieser Form noch mit einer Anhänge-Öse versehen, lediglich zum Schmuck bestimmt –, welche aus zwei Abdrücken, Vorder- und Rückseite einer Münze, zusammengesetzt und am Rande zusammengehalten, bestehen. Einen solchen Schmuck-Anhänger, bestehend aus zwei dünnen Goldblechen, über eine römische Münze aus der Zeit von 215 v. Chr. gehämmert, von einem goldenen Ring zusammengehalten, die alte Münze noch als Kern enthaltend, zeigt Schwarzkopf in seiner interessanten Abhandlung über »Germanische Schmuckbrakteaten« in dem Band »Das Erbe unserer Ahnen«, S. 476.

Die Herstellung solcher Abdrücke stellte natürlich gegenüber den Schwierigkeiten des Stempelschneidens ein vereinfachtes Verfahren dar. Es war nur notwendig, die Prägung auf einer weichen Unterlage, z.B. auf Blei, vorzunehmen. Mit dem im allmählich zunehmenden Wirtschaftsverkehr zutage getretenen größeren Bedarf an Tauschmitteln kam naturgemäß auch im nordisch-germanischen Raum die Entwicklung des Münzwesens in Fluss. Es erübrigte sich schließlich, die Prägung mit einer Anhänge-Öse zu versehen, da die Münzen dauernd von Hand zu Hand liefen und nicht mehr als Schmuck am Halse getragen wurden. So kamen etwa um die Mitte des zwölften Jahrhunderts in Skandinavien unter dem Dänen Sven Grathe die einseitig geprägten Silberblechmünzen auf, die man später als »Brakteaten« – bractea = dünnes Blech – bezeichnete (siehe Schwarzkopf a.a.O. S. 469).

Im Übrigen ist aber die wirkliche Entwicklung der Brakteaten-Geldwirtschaft doch eine rein deutsche Erscheinung; die nordischen Ansätze dazu sind, ohne eine Bedeutung erlangt zu haben, wieder erloschen.

In Deutschland sind die ersten derartigen Prägungen in der bischöflichen Münze von Magdeburg geschlagen worden. Nach neueren Forschungen von Prof. Dr. Arthur Suhle hat Erzbischof Hartwig von Magdeburg, der von 1079 bis 1102 regierte, damit begonnen, die um diese Zeit zur Aufnahme eines großen Münzbildes schon ziemlich breit und dünn gewordenen Silberpfennige einseitig schlagen zu lassen. Allerdings erst Erzbischof Wichmann von Seeburg, der anno 1152 von Barbarossa in Magdeburg eingesetzt worden war, hat diese Münzprägung im Erzstift zu ungeahnter Blüte entfaltet.

Als sich dieses Verfahren der Münzprägung in Deutschland ausbreitete, waren seit der Münzordnung Karls des Großen bereits 300 Jahre vergangen. Im Verlaufe dieser Zeit waren aber durch die Nachfolger Karls des Großen – angefangen von Ludwig dem Frommen – die Reichsrechte der Münzprägung an unzählige Könige, Fürsten, Grafen, Bischöfe, Grundherren, Klöster und Städte verliehen worden. Hieraus hat sich naturgemäß ein sehr buntes Bild der Münzverfassung ergeben, zumal vom 11. Jahrhundert an Bild, Name und Gepräge der Münze durch die Träger des Münzrechtes verändert werden durften.

Schon während dieser Zeit, also noch vor dem Erscheinen der Brakteaten, war die Vergebung des Münzrechtes von fiskalischen Erwägungen bestimmt. Die mit dem Münzregal Beliehenen hatten dafür Abgaben zu leisten, die sie bei der Prägung durch Erhebung eines »Schlagschatzes« und durch »Auswechseln« hereinholten.

Mit dem Aufkommen der Brakteaten in der Hohenstaufenzeit war nun einesteils die Technik der Münzprägung vereinfacht; man hatte zwar vor dieser Zeit schon »Dünnpfennige« geprägt, die aber beidseitig ein Bild trugen, das freilich mitunter ziemlich unklar wurde, weil der Stempel der Rückseite sich durchpresste und die Vorderseite störte, wie auch umgekehrt. Nun kam die Gegenprägung in Wegfall.

Die Herstellung der Münzen wurde nach wie vor von den Münzmeistern vorgenommen, die im Umherziehen an die Höfe der Fürsten und Bischöfe und der kleineren Münzherren kamen und dort ihre Kunstfertigkeit anbrachten. Daneben gab es indessen auch eine große Anzahl Prägestätten des Reiches, von denen viele gleichfalls die Prägetechnik der Zeit pflegten. So hat z.B. Barbarossa seine prachtvollen Brakteaten in den kaiserlichen Münzstätten in Saalfeld, Altenburg, Mühlhausen und Nordhausen schlagen lassen.

Die nichtprivilegierte Herstellung von Münzen wurde, unbeschadet der Großzügigkeit, mit der das Münzrecht an unzählige Beliehene vergeben war, nach dem Kodex der mittelalterlichen Rechtspflege sehr streng, mit dem Abhacken der Hand, geahndet.

Andererseits war es natürlich, dass die in der Brakteaten-Technik hergestellten dünnen Silberblechmünzen im Verkehr weniger dauerhaft sein konnten als die beidseitig geprägten stärkeren Geldstücke. Um die den Wertbegriffen gerecht werdende Silbermenge auf die Münze zu verwenden, wurde die Einzelmünze größer gemacht. Es gibt Brakteaten von fast 5 cm Durchmesser. Man konnte sie gegebenenfalls durchbrechen oder durchschneiden und auf diese Art teilen.

Aus diesen Umständen und der höheren Abnutzung, die solches Geld im Verkehr erlitt, ergab sich dann wohl die Notwendigkeit einer laufenden Nachprägung. Die Münzmeister hatten ihre »Arbeitsbeschaffung«, wie man heute sagen würde. Die Nachprägung von Münzen war aber nicht allein aus den Erträgnissen der neu erschlossenen Silbergruben im Harz, im Elsaß, in den Tiroler Bergen und in Böhmen zu bewältigen, sondern sie wurde nun auch als Umprägung von aufgerufenen Münzen vorgenommen.

Dass bei der Ausgabe von neuen Münzen das alte Geld außer Kurs gesetzt, um des Metallwertes willen aber eingezogen und mit entsprechendem Abschlag gewechselt wurde, ist ein sehr alter Brauch. In seinem »Wörterbuch der Münzkunde« erwähnt Freiherr Friedrich v. Schrötter, dass derartiges schon im alten Rom gemacht wurde (S. 440), und Prof. A. Suhle führt in seiner Schrift »Die deutschen Münzen des Mittelalters« an, dass Karl der Große im Kapitular von Mantua anno 781 mit seiner grundlegenden Neuordnung des Münzwesens die Annahme der alten Pfennige verboten habe (S. 22).

Nach der mittelalterlichen Münzverfassung, die insbesondere im »Sachsenspiegel« niedergelegt war – dem ältesten und bedeutendsten deutschen Rechtsbuch, 1220 von Eike von Repkow in lateinischer Sprache, später noch in niedersächsischer Mundart geschrieben und großenteils vom »Schwabenspiegel« für Südwest-Deutschland übernommen –, war es rechtens, eine Änderung der Münzen vorzunehmen, »wenn neue Herren kommen«. Anläßlich eines solchen Wechsels der Herrschaft, sei es auf Grund von Erbfolge beim Tode eines Fürsten oder Grafen oder auch nach dem Ausgang von Machtkämpfen unter den Großen, war es demgemäß nach dem Gesetz der »Renovatio Monetarum« Rechtsbrauch, die umlaufenden Münzen aufzurufen und unter Abzug eines Schlagschatzes gegen neue Münzen einzuziehen.

Derartige Aufrufe und Umprägungen erwiesen sich nun nach Einführung der weniger dauerhaften Brakteaten auch ohne den Anlass von Regierungswechsel und damit zu häufigeren Zeitpunkten als zweckmäßig. Kulischer berichtet in seiner »Allgemeinen Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters und der neuen Zeit«, München 1928, dass man in Polen diese »revocationes«, »innovationes« oder »mutationes« viermal im Jahre durchführte – dass es Verordnungen gab, die zu jeder Messe neues Geld vorsahen. Bernhard von Anhalt, der Sohn von Albrecht dem Bären, der durch Krieg und Erbschaft das Havelland erworben hatte und sich »Markgraf von Brandenburg« nannte, hat in 32 Regierungsjahren fast hundert Prägungen herausgebracht. In Wien gab es in 150 Jahren fast ebenso viele verschiedene Wiener Pfennige. Kaiser Friedrich II., der Enkel Barbarossas, hatte nach dem Tode des letzten Babenbergers das Herzogtum Österreich dem staufischen Reich einverleibt und in Wien in Fortsetzung der Babenberger Pfennigprägung nunmehr kaiserliche Brakteaten geschlagen.

Von Erzbischof Wichmann von Magdeburg sind mehr als 70 verschiedene Prägungen bekannt; Erzbischof Wichmann scheint der Erste gewesen zu sein, der die eigenen Münzen selbst wieder aufrief, während doch nach der Rechtsregel des Sachsenspiegels die Münzerneuerung nur bei Herrschaftswechsel erfolgen sollte. Die Münzverrufung wurde unter seiner Herrschaft zweimal im Jahre vorgenommen, am 4. Fastensonntag vor Ostern und an Mariä Himmelfahrt, am 15. August; wahrscheinlich waren diese Termine auch Markttermine. Für 12 alte Pfennige wurden jeweils 9 neue Pfennige gegeben. Von den Erträgnissen dieser Münzerneuerung kann man sich ungefähr ein Bild machen, wenn man erfährt, dass Erzbischof Wichmann einige Jahre verpflichtet war, aus der »moneta Magdeburgensi« jährlich 236 Mark Silber – die »Kölnische Mark« zu 233 g oder rund 240 Denarii – an den Domschatz abzuführen. Das waren also jeweils mehr als 56 000 Silberpfennige!

Das Verfahren des Erzbischofs Wichmann machte sehr bald Schule; schon prägten auch die Bischöfe von Halberstadt und Hildesheim solche Münzen, die Askanier und die Welfen, die Landgrafen von Thüringen – zu jener Zeit, als die Wartburg erbaut wurde – und zahlreiche Abteien und Städte. Zu den schönsten Prägungen der damaligen Zeit zählen die Halberstädter Stephans-Pfennige, die sicherlich nicht wenig zur Finanzierung der im 12. Jahrhundert entstandenen berühmten Chorschranken in der Halberstädter Liebfrauenkirche beigetragen haben. Auch die Kaiserlichen Münzstätten Barbarossas prägten solche »Brakteaten«, wie man diese dünnen, leicht zu brechenden und zu teilenden Münzen allerdings erst in der Folgezeit nannte.*

(* Soweit man unter Brakteaten numismatisch lediglich die einseitig geprägten Münzen versteht, sind diese natürlich nicht die Erfindung des Erzbischofs Wichmann. Wichmann hat jedoch die halbjährliche Münzerneuerung eingeführt. Dies bezeugt auch die Magdeburger Schöppenchronik: »He leit ok erst twie in dem jare penninge slan, des vore nue was: men sloh to voren penninge to eines Bischops live.« Danach geht die Verrufung in Magdeburg auf Erzbischof Wichmann persönlich zurück, da sie vorher nicht bestand (siehe A. Suhle: »Das Münzwesen Magdeburgs …«, S. 4).

In den Brandenburgischen Landen war es nach Luschin von Ebengreuth (»Grundriss der Münzkunde«, S. 62) üblich, den Abschlag auf die Laufzeit der Münze zu verteilen, um ihn nicht allzu fühlbar werden zu lassen. So wurden im ersten Vierteljahr 12 Pfennige auf den Schilling gerechnet, im zweiten Vierteljahr 13 Pfennige, im dritten Vierteljahr 14 Pfennige, dann 15 Pfennige und nach dem Ablauf des vierten Vierteljahres erfolgte die Verrufung des alten Pfennigs, von dem nun 16 Stück auf den Schilling abgeführt werden mussten. Der neue Pfennig aber kam wieder zu 12 Stück auf den Schilling in Umlauf, also zum alten Wert.

Über den materiellen Nutzen, den der Schlagschatz den Münzherren einbrachte, gehen die Ansichten der Forscher auseinander. Er mag eben durchaus unterschiedlich gewesen sein, da es auch von der Geschicklichkeit der Münzer abhing, aus einem gegebenen Metallbestand nach dem Umschmelzen und unter Einhaltung bestimmter Mindestgewichte der Münzen möglichst viel herauszuholen. Luschin von Ebengreuth erwähnt (a.a.O. S. 62) das Kloster Melk, das nach seinen Aufzeichnungen durch die Münzverrufung in einem Jahr allein so viel eingebüsst habe, dass der Verlust etwa dem zehnten Teil des Münznutzens entsprochen habe, den der Herzog aus dem ganzen Lande zog. Das wäre ein hoher Verlust, beziehungsweise für den Münzherrn ein sehr bescheidener Gewinn gewesen. Erzbischof Wichmann von Magdeburg hat in dieser Hinsicht offenbar mehr Gewinn herausgeholt, obwohl auch in Magdeburg die Ausprägung »al marco« stattfand, d. h. ein Pfund Pfennige (= 20 Schilling zu je 12 Pfennigen) mussten das Gewicht einer Mark haben.

Während technisch gut ausgeführte und durch ihre Prägungen auch kunstgeschichtlich wertvolle Brakteaten vornehmlich aus den Münzstätten Magdeburg, Halle, Erfurt, Halberstadt, Goslar wie auch aus den Münzstätten von Friedrich Barbarossa, Heinrich dem Löwen und dem wendischen Fürsten Jaczo von Köpenick herrührten und bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts reichten, wurden kleinere Brakteaten mehr in Niedersachsen, dort aber bis in die Hälfte des 16. Jahrhunderts, geprägt.

Eine Besonderheit stellten die Pfennige aus dem Nürnberger Münzgebiet dar. Sie waren kleiner als die mitteldeutschen Brakteaten und zeigten beidseitige Prägung, wobei die Prägung der einen Seite allerdings in der Regel ziemlich starke Zerstörungen aufwies. Es liegt hier auch der Gedanke nahe, dass es sich bei diesen Münzen vielleicht jeweils um Umprägungen der vorher gängigen Pfennige gehandelt haben könnte, so dass die vermeintliche Rückseitenprägung eigentlich nur die gelöschte frühere Prägung darstellte. Der große Hersbrucker Brakteatenfund, der sich im Hirtenmuseum in Hersbruck befindet, weist ausschließlich solche Münzen auf, vermutlich aus den Prägestätten Nürnberg, Regensburg, Donaueschingen und Ingolstadt. Es sind vorzüglich herausgearbeitete Münzbilder, aber die Ränder sind offensichtlich von Hand beschnitten, was bei dem dickeren Material mühseliger war als bei den dünner ausgeprägten mitteldeutschen Brakteaten.

Eine zu den Brakteaten gehörende Münze stellen auch die »Schüsselpfennige« dar, die wegen der schüsselförmigen Gestalt der Schrötlinge sogenannt wurden und die vornehmlich im Westen, im Rheinland, Niedersachsen, Braunschweig und Lüneburg zu Hause waren. Das eigentliche Verbreitungsgebiet der Brakteaten reichte in Norddeutschland im Westen bis an die Weser, im Norden bis an die Nord- und Ostsee; den Kern bildete, wie gesagt, die Magdeburger Gegend, Thüringen, der Harz, die Mark Brandenburg, die Mark Meißen; daran schlossen sich die Oberlausitz, Schlesien und weiter östlich und südöstlich noch Polen und Böhmen an.

Ein zweites Verbreitungsgebiet, das sich – wie Prof. Suhle in seinem bereits zitierten Buch über »Die deutschen Münzen des Mittelalters« hervorhebt – im Stil der Prägungen von dem erstgenannten Bereich merklich abzeichnete, begann südlich des Mains, umfasste Schwaben, Württemberg, die Bodenseegegend mit dem Zentrum Konstanz und den Schweizer Städten Basel, Bern, St. Gallen u. a. und reichte nach anderen Quellen bis nach Österreich, wo in Wien eine regelmäßige Münzerneuerung geübt wurde. So mag es wohl richtig sein, was Corragioni in seiner »Münzgeschichte der Schweiz«, Genf 1896, schrieb: »Brakteaten waren die einzige Geldsorte, die vom 12. bis 15. Jahrhundert bei uns Geltung hatte.«

In der landläufigen Geschichtsbetrachtung scheint es über diese Epoche des Münzwesens eine ziemlich feststehende Ansicht zu geben: die Mannigfaltigkeit und der ständige Wechsel der Prägungen werden sehr abschätzig beurteilt und gelten als Zeichen einer völligen Zerrüttung der Geldordnung, eines »heillosen Münzenwirrwarrs«, wie beispielsweise Johannes Scherr sich in seinem Werk »Deutsche Kultur- und Sittengeschichte« ausdrückt. (siehe a.a.O. S. 246).

Dieser Wertung geschichtlicher Tatbestände liegt aber offensichtlich eine im Mittelalter unbekannte, erst in der neueren Zeit aufgekommene Überbewertung der Uniformität, der Gleichheit, Gleichmäßigkeit, Einheitlichkeit, Einigkeit und Einheit in allen Dingen zugrunde. Auf den Sinn der Sache bezogen stellen indessen diese Äußerlichkeiten keinesfalls die entscheidenden Werte dar, und es ist ebenso oberflächlich wie töricht, danach urteilen zu wollen. Dem Mittelalter kam es darauf an, im übersehbaren Raum Ordnung zu haben; und dem Fahrenden, der in die Fremde kam, war hinreichend damit gedient, wenn die Ordnung draußen grundsätzlich gleichartig war, wenn sie also von den gleichen Prinzipien getragen wurde und danach ablief.

Im Übrigen könnte man fast sagen, dass das Mittelalter rein intuitiv volkswirtschaftlich klüger gehandelt hat, als unsere Geschichtsforscher mitunter einzusehen vermögen. Es dürfte nämlich durchaus sinnvoll gewesen sein, die Einwohner in den neuen Kolonisationsgebieten des Ostens von der primitiven Schatzbildung abzubringen und sie zum richtigen Gebrauch des Geldes als Zirkulationsmittel zu erziehen. Dazu bedurfte es wohl nachhaltiger, ständig wiederkehrender Impulse, die durch die regelmäßig erfolgende Geldverrufung auch tatsächlich wirksam wurden.

In den Gebieten der entwickelteren Kultur des Westens, wo Handel und Handwerk, Kunst und Gelehrsamkeit schon weiter fortgeschritten waren, genügte ganz offensichtlich die einfache Regelung der »Renovatio monetarum«, die eine Münzerneuerung nur beim Wechsel der Herren vorsah. Zu bemerken bleibt allerdings, dass sich auch hier die gekrönten Häupter nicht allezeit an diese Regel hielten. In Frankreich war es Philipp der Schöne (1285–1314), der sich mit wiederholter Münzverrufung ziemlich einträgliche Finanzquellen erschloss.

Da es sich im Westen um ein entwickelteres Geldwesen, um eine größere Mannigfaltigkeit von Silber- und Goldmünzen handelte, wurde die Willkür von Münzverrufung allgemein als schädlich empfunden. Es war auch allzu offensichtlich, dass es den Münzherren nur noch auf den Gewinn aus der Verschlechterung des Metallgehaltes ankam, ein Motiv, das ursprünglich bei den Brakteaten nicht vorlag.

Im Allgemeinen aber wurde die Regel der »Renovatio monetarum« ziemlich streng eingehalten. Nur beim Wechsel der Herren war eine Münzerneuerung erlaubt, zwischenzeitlich war sie allenfalls vor dem Antritt eines Kreuzzuges statthaft.

Daraus ist zu ersehen, dass zwischen den Gebräuchen des fortgeschritteneren Westens und dem eigentlichen Brakteaten-Geldwesen nur gewisse Gradunterschiede bestanden. Tatsächlich hat die »Renovatio monetarum« bis weit über die Grenzen des eigentlichen Brakteatengebietes hinaus ihre Gültigkeit und Wirkung gehabt. So weiß z.B. auch Fritz Schwarz in seiner Schrift »Vorwärts zur festen Kaufkraft des Geldes« zu berichten, dass selbst in England eine derartige Geldsteuer erhoben wurde (siehe a.a.O. S. 54).

Bei Beurteilung dieser Dinge darf man sich also nicht davon beeindrucken lassen, dass es fast aussichtslos ist, die Fülle der Prägungen und die innerhalb eines großen Wirtschaftsraumes während einer Zeit von 300 Jahren zustandegekommenen Unterschiedlichkeiten fein säuberlich zu rubrizieren. Wesentlich ist allein die ungeheuerliche volkswirtschaftliche Auswirkung, die durch die überall gleichartig gehandhabte »permanente Geld-Erneuerung« zustandekam. Die unter solchen Verhältnissen unmöglich gewordene Hortung und Schatzbildung wurde ständig umgewandelt in pulsierende Nachfrage nach den Erzeugnissen des Gewerbefleißes.

Niemand im weiten Raum der mittelalterlichen Welt wäre so einfältig gewesen, dieses Brakteaten-Geld oder auch die sonstigen, der zeitweiligen Erneuerung unterworfenen Handelsmünzen, die morgen oder in einigen Wochen vom Bischof oder Landesherrn aufgerufen und gegen Abzug eines Schlagschatzes gegen neues Geld eingezogen werden konnten, länger als verkehrsnotwendig zu behalten oder gar mit Bedacht zu horten.

In diesem Umstand liegt, soweit von ökonomischen Zusammenhängen die Rede sein kann, die logische Wurzel für jene gewaltige Dynamik, aus der die gesamten Leistungen der gotischen Epoche entstanden sind. Es liegt in dieser Entwicklung eine zwingende Folgerichtigkeit. Die schon mit der Münzordnung Karls des Großen begonnene Auflösung der frühmittelalterlichen Schatzbildung, die Einschmelzung der Prunkstücke, die Edelmetall-Zufuhr aus dem wiederaufgenommenen Silbererz-Bergbau haben den Anfang eines kulturfördernden Geldverkehrs ermöglicht; und die nun um die Mitte des 12. Jahrhunderts um sich greifende fortlaufende Münz-Erneuerung verhinderte jetzt auf volle drei Jahrhunderte hinaus ein erneutes Horten, Konzentrieren und Erstarren des Geldes!

Alle kaufmännische Tüchtigkeit, aller Fleiß, alle handwerkliche Kunstfertigkeit und Erfindungsgabe, durch gegenseitige Befruchtung gefördert, konnte nur in den Erzeugnissen und realen Gestaltungen des Gewerbefleißes selbst Wohlhabenheit und Reichtum schaffen. So ist es für diese Zeit richtig, dass die Kapitalbildung, insofern das Kapital aus Münzgeld bestand, dadurch unmöglich wurde, dass das Geld einzig als Tauschmittel und nicht gleichzeitig als Schatzmittel verwendbar war (siehe L. v. Ebengreuth, »Allgemeine Münzkunde und Geldgeschichte des Mittelalters«, 1926). Demgegenüber hat sich aber die Kapitalbildung in anderer Form um so großartiger entwickelt.

Da indessen ein jedes Ding zwei Seiten hat – weil nun einmal dem »einen sin Uhl« dem »andern sin Nachtigall« ist –, gibt es begreiflicherweise auch Klagen über diese periodisch wiederkehrende Münzverrufung. So findet der böhmische Chronist Cosmas die Wirkung dieser Einrichtung »ärger denn Pest, verheerender als Feindeseinfall, Hungersnot und andere Landplagen«, denn in seiner Vorstellung war die monetäre Schatzbildung wichtiger als die wertschaffende Zirkulation.

Pulsuz fraqment bitdi.

3,77 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Həcm:
230 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9783037600382
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar