Kitabı oxu: «Der Pontifex»
Karla Weigand
Der Pontifex
Eine Projektion

Weigand, Karla: Der Pontifex. Hamburg, Fehnland Verlag 2021
Originalausgabe
EPUB-ISBN: 978-3-96971-165-1
Der Titel ist auch als Print zu beziehen:
Print-ISBN: 978-3-96971-164-4
Korrektorat: Emilia Endler, Sophia Krämer, Denise Nadler
Umschlaggestaltung: © Annelie Lamers, Fehnland Verlag
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Für meinen lieben Mann Jörg, dem ich so vieles verdanke!
„Gott ist kein Christ.“
(Desmond Tutu; anglikanischer Theologe, 1986–96 Erzbischof
von Kapstadt und erstes schwarzafrikanisches Oberhaupt der
anglikanischen Kirche in Südafrika; Friedensnobelpreis 1984)
„Plus ça change, plus c’est la même chose.“
„Je mehr sich ändert, desto mehr bleibt es das Gleiche.“
(Französisches Sprichwort)
ZEITUNGSBERICHT
Am 25. September 2042 ist als Aufmacher auf der ersten Seite der
New York Times unter der reißerischen Schlagzeile: „Frau im Central Park grausam ermordet“, zu lesen:
„Dunkelhäutige, etwa 35 bis 40 Jahre alte, zirka 1,75 m große, schlanke Frau in den frühen Morgenstunden, in einem abgelegenen Teil des Central Parks ermordet aufgefunden. Der blauweißen Sportkleidung und den weißen Laufschuhen nach zu urteilen, handelt es sich um eine Joggerin, die laut Polizeiarzt bereits am vorhergehenden Abend zwischen 18 und 19 Uhr zwei Schussverletzungen in Brust und Kopf erlegen ist.
Bisher ist nicht bekannt, ob sich die Frau, bei der weder Schmuck, Smartphone, Armbanduhr, Geldbörse, Schlüssel noch Ausweispapiere gefunden wurden und deren Identifizierung durch eine bewusste Zerstörung ihres Gesichts zusätzlich erschwert wird, allein oder in Begleitung in dem normalerweise kaum frequentierten Teil des Parks aufhielt.
Sachdienliche Hinweise in Bezug auf die getötete Person, ihren Wohnsitz, ihren Umgang et cetera, beziehungsweise über ungewöhnliche Vorkommnisse am gestrigen Abend, die mit der Mordtat im Central Park in Verbindung stehen könnten, bittet die Kriminalpolizei an die zuständige Dienststelle des NYPD zu richten; auf Wunsch auch vertraulich.“
Darunter sind die Kontaktdaten der betreffenden Dienststelle und verschiedener Polizeireviere vermerkt.
PROLOG
„Selig die Friedfertigen, denn sie werden Gott schauen!“
(Matthäus, 5–7: aus den sogenannten „Seligpreisungen“ der
„Bergpredigt“, einer – nach einer älteren Quelle – aus Sprüchen Jesu zusammengestellten Rede auf einem Hügel im Heiligen Land.)
„Gerade ist meine Maschine in Rom gelandet, Chérie! Drück’ mir die Daumen, dass alles so läuft, wie ich es mir wünsche. Eigentlich bin ich ja sehr zuversichtlich, dir schon bald das Startzeichen zum Umzug nach Rom geben zu können, mein Schatz!“
Nichts in seinem Äußeren deutet darauf hin, dass es sich bei dem zweiundfünfzigjährigen, hochgewachsenen und körperlich durchtrainierten Herrn in grauem Maßanzug mit hellblauem Seidenhemd nicht um einen angesehenen Geschäftsmann oder hohen Politiker vom Schwarzen Kontinent handelt, der an diesem 30. März 2039 italienischen Boden betreten hat.
Wie ein Kirchenmann sieht er jedenfalls nicht unbedingt aus – was ihm ganz recht ist. Weder ein Kreuz, noch ein weißer Priesterkragen verraten den Stand eines Klerikers.
Kardinal Maurice Obembe plaudert an diesem wunderschönen Frühlingstag wohlgelaunt per Smartphone mit Schwester Monique, einer rund zehn Jahre jüngeren schwarzen Nonne vom Orden der Kleinen Schwestern Jesu, die ihm seit etwa fünfundzwanzig Jahren nicht nur den Haushalt führt, sondern in erster Linie sein Bett wärmt. Genaugenommen, seit er einst in einer Gemeinde im ostafrikanischen Staat Ghanumbia seine kirchliche Laufbahn als selbständiger Pfarrer einer katholischen Gemeinde gestartet hat.
Auf einmal fühlt der hohe Kirchenmann sich beobachtet. Er muss sich gar nicht erst umdrehen, so etwas hat er im Gefühl …
Um etwaige unerwünschte Lauscher in die Irre zu führen, fügt er schnell ein herzliches „Danke für deine guten Wünsche, Papa!“ und „Gelobt sei der Herr!“ hinzu und beendet umgehend das Gespräch, um sich seinem Diener und „Mädchen für alles“, Patrick „Paddy“ Lumboa, zuzuwenden. Ihn hat er als Begleiter und Helfer im Konklave mitgenommen: gilt es doch, einen neuen Papst zu wählen.
„Ich werde mich jetzt um das Gepäck kümmern, Eure Eminenz!“
Der schwarze Bedienstete des Kardinals grinst bis über beide Ohren, ahnt er doch, mit wem sein Herr gerade so vertrauliche Worte gewechselt hat. Er weiß schließlich alles über Maurice Obembe und Schwester Monique: Er ist bei ihm immerhin ebenso lange als Adlatus beschäftigt, wie die schöne schwarze Nonne als Haushälterin. Aber um Privates, gar Intimes über seinen Herrn auszuplaudern, müsste Paddy Lumboa schon gehäutet und gevierteilt werden.
Als ihn jetzt der eiskalte Blick des Kardinals trifft, friert sein frivoles Grinsen augenblicklich ein; devot senkt Lumboa seinen Krauskopf, um eilig seinen Pflichten nachzukommen, während der Geistliche, einer von über einhundertfünfzig wahlberechtigten Kardinälen, sich gemächlich zubewegt auf den Infoschalter des internationalen Flughafens Leonardo da Vinci in der Seebad- und Hafenstadt Fiumicino in Latium, Provinz Rom.
Er möchte sich nach der bestsortierten Buchhandlung im Flughafengebäude erkundigen, um den neuesten Vatikanführer und ein ganz spezielles Buch über die Malereien in der Sixtinischen Kapelle zu erwerben, während sein Diener sich um den vorbestellten Wagen samt Chauffeur sowie um das umfangreiche Gepäck seines Herrn kümmern wird.
Maurice Obembe ist sich jetzt, nach mehrmaligem Umschauen, sicher, dass ihm – zumindest im Augenblick – niemand folgt. Sein Vater hat ihm schon oft im Scherz vorgeworfen, er litte an Verfolgungswahn.
Die Dame, mit der der Kardinal soeben kurz gesprochen hat, ist in der Tat Schwester Monique gewesen, seine langjährige Geliebte, die eigentlich Monica Mbeke heißt und nur sehr entfernt mit ihm verwandt ist. Ihren Familiennamen hat sie längst in Obembe umgewandelt hat, um das Märchen ihres Bruder-Schwester-Verhältnisses glaubhaft zu machen.
Sie freut sich für Maurice, der vermutlich kurz vor dem Ziel seiner Träume steht. Zumindest ist er davon überzeugt. Im Augenblick hält sich die schöne Nonne noch im Kardinalspalais in Daressalam auf und sitzt sozusagen auf gepackten Koffern. Sie wartet nur noch auf das endgültige Startzeichen ihres geistlichen Liebhabers.
Wenn nur nicht diese grässliche Unrast in ihr wäre, mit der sie am heutigen Morgen aufgewacht ist! Sie weiß, dass diese Unruhe mit einem verrückten und beängstigenden Traum zu tun hat, an den sie sich leider nicht mehr im Einzelnen entsinnen kann; immerhin hat sie verstanden, dass er sie vor Gefahren, vor Unheil und einer großen Katastrophe warnen wollte.
Und zwar vor einem Desaster, das nicht sie selbst direkt betreffen, aber doch indirekt mit ihr verbunden sein wird; denn das Unglück würde eng mit dem Mann verknüpft sein, den sie über alles liebt und nach dessen Wünschen sie ihr ganzes bisheriges Leben ausgerichtet hat.
„Reiß dich zusammen!“, befiehlt sie sich streng. „Es handelt sich nur um einen ganz dummen Traum. Ich tue besser daran, noch einmal mein Gepäck und die Reisedokumente zu überprüfen. Ich sollte dankbar sein, dass Mère Sophie, meine Oberin, mir die Erlaubnis erteilt hat, praktisch mein restliches Leben im Vatikan zu verbringen, sollte Kardinal Obembe zum Papst gewählt werden.“
Allzu viel wird sie zwar nicht mitnehmen – in Rom gibt es bekanntlich alles Nötige zu kaufen. Aber es gibt Dinge, die eng mit ihrer afrikanischen Lebensart verbunden sind und die sie in der Fremde schmerzlich vermissen würde. Außerdem sind auch Sachen dabei, die ihr helfen sollen, das nagende Heimweh, vor dem ihr regelrecht graut, etwas leichter zu ertragen.
„Denn wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir.“
(Hebräer, 13, 14)
Keine Aktion im Vatikan ist aufregender als die Wahl eines neuen Pontifex. Trotz aller Verweltlichung und des um sich greifenden Unglaubens vermag sie die Menschen immer noch zu faszinieren und großes Interesse zu wecken – und beileibe nicht nur bei Katholiken.
Offenbaren sich hier doch nicht allein die frommen Wünsche und Hoffnungen für das Wohl der Kirche, sondern auch die ganz profanen Bestrebungen der Kurialen sowie ganz nebenbei die oft nicht minder bedenklichen Charakterzüge von so manch angeblich geeignetem Aspiranten.
Wie immer anlässlich eines solchen Ereignisses zeigt sich der Vatikan als Hort der Intrigen und des Ämterschachers, da die einzelnen Gruppierungen bereits kurz nach dem letzten Atemzug eines verblichenen Heiligen Vaters damit beginnen, allerlei Ränke zu schmieden, um ihren eigenen Kandidaten in Stellung zu bringen, damit dieser den Stuhl Petri besetzen kann.
In diesem Falle hat das unwürdige Gemauschel schon vor längerer Zeit begonnen, weil der Tod des letzten Papstes infolge seiner schweren Krankheit absehbar schien. Mit wahrem Feuereifer haben sich die Prälaten ins Getümmel gestürzt.
Insider wissen, dass man dabei durchaus nicht zimperlich verfährt, sondern, wie keineswegs unüblich, zu Überredung, Verleumdung und Bestechung greift; oder, wenn dies nicht fruchtet, dazu übergeht, kaltschnäuzig und erpresserisch einen Gefallen einzufordern, auf den man glaubt, aufgrund einstiger erwiesener Wohltaten ein Anrecht zu besitzen.
„Do ut des“ ist eine Masche, die sich allgemein, nicht erst seit Anbeginn der Kirche, großer Beliebtheit erfreut.
„Das Schachern und Feilschen wie auf einem arabischen Basar ist im Konklave seit jeher üblich“, geben die Beteiligten untereinander auch ungeniert zu. „Die Anhänger der einzelnen Kandidaten sondieren, debattieren, agitieren und intrigieren, was das Zeug hält, um den Gewünschten auf den Papstthron zu hieven; was, nebenbei bemerkt, immer ein Spiel mit offenem Ausgang ist. Jede Neuwahl eines Pontifex ist für eine Überraschung gut“, behauptet mit bemerkenswerter Ehrlichkeit ein sogenannter Insider, der seit dreißig Jahren im Vatikan residiert.
Und das Verhandeln zieht sich hin. Aber damit rechnet sowieso ein jeder, der sich ins Konklave in die Sixtina begibt, die Privatkapelle des jeweiligen Heiligen Vaters.
Kardinal Obembe ist nicht bange, als sich herausstellt, dass im Konklave augenblicklich eine Art Wettrennen anhebt zwischen den Anwärtern von Manila und Myanmar, letzteres ein überwiegend buddhistisches Land mit etwa fünf Prozent Christen, wobei der Anteil an Katholiken geringer ist als der an Protestanten.
Vor jedem Wahlgang bemühen sich die jeweiligen Anhänger der ostasiatischen Kardinäle, bei möglichst vielen Konzilsvätern auf Stimmenfang zu gehen. Aber das haben Obembe und seine wenigen Getreuen von vornherein einkalkuliert.
Den beiden Geistlichen hat man weltweit im Vorfeld die größten Chancen eingeräumt, neuer Papst zu werden.
Grund dafür ist der Zustand der Kirche, vor allem in Europa, der sich besorgniserregend bis katastrophal zeigt. Massenweise Kirchenaustritte, vor allem nachdem zahlreiche sexuelle Missbrauchsvorfälle an Kindern und Jugendlichen für Aufsehen sorgten, kaum Priesternachwuchs, so gut wie keine Täuflinge, Gleichgültigkeit gegenüber kirchlichen Geboten. Kurz gesagt: die Kirche spielt selbst im alltäglichen Leben von Katholiken kaum noch eine Rolle. Religiöses Brauchtum gilt bestenfalls noch als „folkloristische Zutat“.
„Der moderne Mensch hat offenbar keine Bindung mehr an Mutter Kirche; vor allem in der westlichen Welt ist dies ein trauriger Fakt“, hat auch der verstorbene Heilige Vater bei jeder Gelegenheit bedauert. Dass die Kirche selbst den größten Anteil an dieser Misere hat, hat er dabei wie viele andere Kirchenobere verschämt verschwiegen, als da waren: Kungeln mit den Mächtigen auf Kosten der Unterprivilegierten, schamlose Anhäufung geradezu wahnwitziger Vermögenswerte, Sex- und Missbrauchsskandale (kaum waren die „alten“ in den Zwanzigerjahren dieses Jahrhunderts einigermaßen aufgearbeitet, kamen in den Dreißigern schon wieder neue hinzu) – und das bei einer nach wie vor rigiden, inhumanen, von den Gläubigen als indiskutabel abgelehnten „Sexualmoral“.
So scheint im Konklave von Anfang an eine stillschweigende Übereinkunft zu herrschen, dass es dieses Mal ein Papst von einem „farbigen“ Kontinent sein müsse, um das leckgeschlagene Boot Sancta Ecclesia wieder einigermaßen flott zu bekommen und in ruhigeres Fahrwasser zu steuern.
Da ist zum einen der Anwärter aus Manila – Hauptstadt der Philippinen mit achtzig Prozent Katholiken und fünf Prozent Moslems – ein kleiner rundlicher Filipino, Typ „Teddybär“, mit einem Dauerlächeln im breitflächigen Gesicht, das über seine nur Eingeweihten bekannte Gefühlskälte bestens hinwegtäuscht. Ihn hat man insgeheim schon als künftigen Papst gesehen. Zumindest solange, bis sich die Fraktion des Kardinals aus Myanmar ganz stark in Stellung brachte …
Als einer der Anhänger Obembes, ein Kardinal aus Südafrika, der sich selbst keine Chancen ausrechnet, glaubt, ihm Mut zusprechen zu müssen, winkt dieser lächelnd ab: „Gewiss, Bruder, an Kandidaten, die man als papabile einschätzt, mangelt es nicht. Aber keine Sorge, mein Freund! Auch ich kenne das römische Sprichwort: ‚Wer als Papst ins Konklave geht, kommt als Kardinal wieder heraus.’ Meine Stunde kommt noch.“
Der hochgewachsene attraktive Mann vom Schwarzen Kontinent, aus Ghanumbia, beweist damit beinahe römische Gelassenheit und Pragmatismus. Eine Haltung, die ihm schon als junger Priester, der eine Zeitlang in Italien, auch in Rom, seinen kirchlichen Dienst versehen hat, mächtig imponiert hat und die er sich sofort zu eigen gemacht hatte, etwa: „Morto un Papa, se ne fa un altro!“, übersetzt: „Wenn ein Papst stirbt, macht man eben einen anderen!“
Auch Obembes Unterstützer sind keineswegs untätig.
Je verbissener der Kampf zwischen den beiden „Gelben“ aufflammt, desto eifriger bemühen sich die „Schwarzen“ um Stimmen für ihren Kandidaten, der bis jetzt für die meisten asiatischen und europäischen Anwesenden noch ein ziemlich unbeschriebenes Blatt ist.
Eine Tatsache, die ihn nebenbei bemerkt deutlich von Patrice Obembe unterscheidet, seinem dreiundsiebzig Jahre alten Vater, seit etwa vier Jahrzehnten unangefochtener Präsident von Ghanumbia, einem nicht ganz unwichtigen Staat in Ostafrika, in dem über neunzig Prozent der Bevölkerung dem katholischen Glauben angehören. Dazu kommen etwa vier Prozent Protestanten und der Rest sind Animisten.
Den schlauen alten Fuchs kennt längst alle Welt. Hat er es doch in den letzten fünfundzwanzig Jahren verstanden, sein Land geradezu in einen afrikanischen Musterstaat zu verwandeln.
Was in den New York Times erst kürzlich auf der ersten Seite zu lesen war, hat den Kardinal mit großem Stolz auf seinen Erzeuger erfüllt: „Die Bewohner Ghanumbias sind mit ihrer Regierung sehr zufrieden; niemand strebt offenbar einen Wechsel an der Staatsspitze an, denn ‚Papa Patrice’ sorgt nicht nur für Frieden mit den Nachbarstaaten, sondern auch für Arbeitsplätze und einigermaßen Wohlstand für die Bevölkerung.
Die Löhne, die den Arbeitern gezahlt werden, erlauben ihnen zwar keine Anhäufung von Reichtümern, aber garantieren ihnen und ihren Familien ein menschenwürdiges Auskommen. Selbst die Meinungsäußerungen in den Medien können sich relativ frei entfalten.
Es gibt sogar freie Wahlen, die alle fünf Jahre stattfinden. Wozu der Präsident stets Beobachter von außerhalb nach Ghanumbia einlädt, die sich ungestört davon überzeugen sollen, dass in seinem Land alles mit rechten Dingen zugeht.“
Wie üblich hatten sich unisono andere wichtige westliche und sogar arabische Presseorgane dieser Meinung angeschlossen und Maurice Obembe glaubt mit einem gewissen Recht, sich im Glanz seines Vaters sonnen zu können und dass ihm das auch bei seiner Wahl zum Papst zugutekommen wird: „Zumindest wird mir Papas Ansehen nicht schaden!“
„Se non è vero, è ben trovato!“
(Italienisches Sprichwort, dem Sinne nach: „Wenn’s auch nicht der Wahrheit entspricht, ist’s immerhin gut erfunden!“)
Was der Kardinal mit Sicherheit weiß, ist, dass ihm auch sein Vater wünscht, dass er sein von Jugend an selbstgestecktes Ziel, den höchsten Posten im Vatikan, erreichen kann.
Als Kardinal Obembe noch ein ganz junger Priester gewesen war, hatte sein Vater ihm erklärt: „Weißt du, mein Sohn, gut zu regieren ist gar nicht so furchtbar schwer! Die meisten Regierungschefs afrikanischer Staaten scheitern an ihrer rücksichtslosen und maßlosen Gier. Wobei sie sich kein bisschen von unseren ehemaligen weißen Kolonialherren unterscheiden, die auch nur zu uns gekommen sind, um sich an uns zu bereichern und um uns auszuplündern.
Das schwarze Pack der herrschenden Oberschichten sollte sich schämen!“, hatte Patrice Obembe sich ereifert. „Es kriegt den Hals nicht voll, plündert die Ressourcen ihrer eigenen Territorien, lässt die eigene Bevölkerung ausbluten, bereichert sich selbst in geradezu obszönem Ausmaß – und wundert sich dann, wenn andauernd Unruhen ausbrechen und jahrelange Bürgerkriege ihr Land verheeren.
Und die Welt schaut zu und lässt diese Schweine gewähren! Anstatt die unfähigen Regierungschefs zum Teufel zu jagen, wenn es sein muss, auch mit Gewalt, nehmen die Europäer die in Scharen ihre Heimatländer verlassenden Afrikaner bei sich auf, anstatt ihnen ernstlich nahezulegen, sich endlich aufzuraffen und Revolutionen anzuzetteln.
Verstehe einer diese Weißen! Sie müssten es doch eigentlich besser wissen! Mussten sie sich doch ihre bürgerlichen Freiheiten ebenfalls gegen ihre Adelscliquen blutig erkämpfen. So wird sich nie etwas ändern. Ich vermute, viele Europäer möchten damit irgendwie ihr schlechtes Gewissen, das sie insgeheim gegenüber Afrikanern empfinden, übertünchen!“
Nach einer Weile hatte er vertraulich hinzugefügt: „Hör zu, Maurice! Ich bin wahrlich kein Heiliger! Deswegen aber auch kein Idiot und vor allem kein Verbrecher, der sein Volk ausplündert! Ich weiß einfach, wann es genug ist. Das Vermögen, das ich für unsere Sippe beiseiteschaffen werde, wird sich sehen lassen können. Es wird für jeden Einzelnen reichen und auch noch für etliche Generationen.“
„Weshalb dich sehr viele bewundern, Papa, ist die Tatsache, dass in unserem Land Frieden herrscht und es relativen Wohlstand für alle gibt, seitdem du vor etlichen Jahren das Ruder in Ghanumbia übernommen hast“, hatte ihm damals der junge Kaplan Maurice Obembe geantwortet. „Es werden mittlerweile sogar Stimmen laut, die dir den nächsten Friedensnobelpreis zuerkennen möchten!“
Darauf hatte Präsident Obembe herzlich gelacht und dabei sein bewundernswert makelloses Gebiss präsentiert, über das er auch heute noch, als alter Mann, verfügt: „Ich würde den Preis glatt annehmen! Aber“, fügte er verschmitzt hinzu, „man möge mit der Ehrung bitte noch ein wenig warten. Ich bin nämlich mit meinen Plänen noch lange nicht am Ende!“
Worum es sich dabei handeln würde, wollte „Landesvater Patrice“ damals noch nicht verraten – nicht einmal seinem geweihten Priestersohn. Der hatte auch nicht weiter insistiert und im Laufe der Zeit schien diese „Überraschung“ in Vergessenheit geraten.
„Gott wohnt auch im Tiger; aber das ist kein Grund, den Tiger zu umarmen.“
(Ramakrishna Paramahamsa, bedeutender hinduistischer Mystiker, 1836 – 1886)
Seit Jahren schon treibt Maurice Obembe selbst so Einiges um, das für gewaltigen Wirbel sorgen könnte. Jetzt steht er kurz davor! Ist er endlich Papst, kann er die Dinge angehen.
‚Ach, was heißt Wirbel?’, denkt er, vor Vorfreude ganz außer sich, denn er zweifelt keinen Augenblick an einem, für ihn, positiven Wahlausgang. ‚Ein Erdbeben plus Tsunami wird es sein; und zwar von einem Ausmaß, wie man es noch bei keiner Religionsgemeinschaft jemals erlebt hat!’
Vorher wird er allerdings auf keinen Fall darüber sprechen. Und sobald er es tun wird, dann auch nur mit ganz wenigen Auserwählten, die er unbedingt zur Verwirklichung braucht und deren Loyalität er sich absolut sicher sein kann; denn seine Absichten kann man beim besten Willen nicht als „lauter“ bezeichnen …
Oh, nein! Seit langem schon brennt in seinem Herzen die heiße Flamme der Rachsucht und die schmerzliche Sehnsucht nach gnadenloser Vergeltung. Immer wieder hat er im Laufe seines Erwachsenenlebens die akribischen Aufzeichnungen eines Urahnen über das schreckliche Schicksal seiner Familie und seines Volkes und die nie gebüßte Schuld der Verursacher nachgelesen. Er kennt sie mittlerweile beinah auswendig. Und hin und wieder träumt er sogar davon; so auch in der vergangenen Nacht.
Der sechsjährige Junge, genannt Maurice, zitterte vor Angst und Schwäche. Im Juni des Jahres 1894 befand sich eine kleine Gruppe, bestehend aus einigen älteren Frauen und jungen Müttern mit ihren Kindern, etliche davon noch Säuglinge, sowie aus ein paar heranwachsenden Mädchen, schon seit zwei Tagen auf der Flucht durch das unwegsame, verbuschte Gelände, das sich unmittelbar an die Pflanzung des gefürchteten weißen Bwanas, nahe der Stadt Bagamojo am Fluss Ruwu Kirigani, im Osten Afrikas, anschloss.
Die Frauen waren übersät mit Abschürfungen und frischen blauen Flecken, die dem verwilderten Gelände, das sie durchquerten, geschuldet waren; dazu waren sie gezeichnet von Hinweisen auf länger zurückliegende Faust- und Peitschenhiebe, verabreicht als Strafe für angebliche „Faulheit“ oder weil sie versucht hatten, sich gegen die ausufernde sexuelle Gewalt der schwarzen Aufseher ihres weißen „Herrn“ zur Wehr zu setzen.
Der Bwana ließ den Kerlen das meiste ihrer Übergriffe ohne Sanktionen durchgehen, weil er sie brauchte und auf ihre Loyalität angewiesen war. Eine Situation, die die Aufseher weidlich ausnutzten. Auf diese Weise konnten sie sich den weiblichen Feld- und Haussklaven überlegen fühlen und vergessen, dass sie selbst auch bloß Dreck in den Augen des deutschen Plantagenbesitzers waren.
Ein ganz junges Mädchen, fast noch ein Kind, vermochte vor Schmerzen kaum mehr zu laufen; immer wieder lief ihm ein dünner Blutfaden zwischen den mageren Oberschenkeln herab. Ein betrunkener Besucher ihres „Besitzers“ aus Potsdam war in der Nacht vor der Flucht mit äußerster Brutalität gegen das noch unberührte Mädchen vorgegangen.
Der hässliche Vorfall reihte sich ein in eine ganze Serie dieser, inzwischen alltäglichen, Missbrauchsvergehen gegen schwarze Frauen. Kinder und jedes weibliche Wesen bis zu einem gewissen Alter hatten ständig damit zu rechnen, dass ein weißer „Herr“ sein „Recht“ einforderte, die „Sklavinnen“ und deren Nachwuchs, selbst kleine Jungen, missbrauchen zu dürfen.
Auf vielen Pflanzungen besaß dieses „Recht“ auch für die schwarzen Wächter stillschweigende Geltung, um sich ihrer Ergebenheit zu versichern.
Widersetzlichkeit der Rechtlosen wurde im Allgemeinen mit Prügeln geahndet. Wobei diese Art der Bestrafung nicht nur dem Herrn zustand, sondern auch seinen Söhnen oder Freunden, die zu Besuch weilten sowie den bereits erwähnten weißen und schwarzen Aufsehern.
Ältere Eingeborene und kleinere Kinder waren nicht selten von Unterernährung betroffen. Wer nicht mehr oder noch nicht die volle Arbeitsleistung auf einer Plantage erbrachte, hatte mitunter mit drastischer Reduzierung der zugeteilten Essensrationen zu rechnen; ganz nach dem Motto: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“
* * *
Es war bereits später Nachmittag. Die letzte Mahlzeit, ihm und seinen kleineren Geschwistern von ihrer Mutter Elisa zugeteilt, hatte Maurice am vergangenen Abend zu sich genommen. Es hatte sich um fette schwarze Raupen einer großen blauschillernden Käferart gehandelt, die sie und die anderen Frauen im nahezu undurchdringlichen Gebüsch am Rande des größtenteils überwucherten Dschungelpfads gesammelt hatten.
Sein Hunger war größer gewesen als der Ekel und er hatte das auf einer Lichtung über einem kleinen Feuerchen geröstete Viehzeug mit Todesverachtung in den Mund gesteckt und ohne viel zu kauen, heruntergeschluckt. Im Augenblick konnte sich der kleine Junge vor Hunger nur noch mühsam aufrecht halten; die von Insekten zerstochenen dünnen Beine, die in kurzen Hosen steckten, drohten dem Sechsjährigen den Dienst zu versagen.
Seit Stunden marschierten sie auch am zweiten Tag, jeweils zu zweien und hintereinander, schweigend im Gänsemarsch einen gewundenen schmalen Pfad entlang, der kein Ende zu nehmen schien. Die Vorausgehenden bedienten sich ihrer Macheten, um das Dickicht zu lichten und lösten einander dabei regelmäßig ab. Das Tempo war auch am Ende dieses Tages noch zügig und duldete keinerlei unnötige Verzögerung.
Maurice, beinahe im Halbschlaf, erinnerte sich an frühere Buschwanderungen, um ihre Nachbardörfer zu besuchen. Das war vor zwei Jahren gewesen, zu einer Zeit, als alles noch gut zu sein schien und er und seine Familie freie Menschen in ihrem eigenen Dorf gewesen waren. Da hatte man unterwegs gescherzt und gelacht und, um sich die Zeit zu vertreiben, während des Marschierens fröhliche Lieder gesungen.
Eines hatte er ganz besonders geliebt. Es handelte von einer Riesenschlange und ihrem Feind, dem Leoparden, der sie fressen wollte. Aber die listige Schlange wartete ab, bis die Raubkatze eingeschlafen war und erwürgte sie dann im Schlaf. Zur Strafe wurde das Kriechtier dann von einem tembo, einer hier lebenden Waldelefantenart, zertrampelt …
An diesem Tag jedoch sang niemand; man war auf der Flucht und es galt, unbedingte Ruhe walten zu lassen. „Keinen Laut, Freunde!“, hatte seine Mutter Elisa alle, aber besonders die kleineren Kinder ermahnt.
„Sonst findet uns der böse weiße Mann und bestraft uns hart, weil wir ihn unerlaubt verlassen haben! Unsere einstige Freiheit haben wir längst verloren, meine Lieben“, wiederholte sie für die Erwachsenen. „Für uns gilt:
‚Deus dedit, Deus obstulit!’ – ‚Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen!’“, zitierte Elisa einen Spruch des Hiob aus dem Alten Testament, den sie von einem weißen Missionsbenediktiner gelernt hatte, der sie und ihre Kinder neulich getauft hatte.
Diese Taufe war zwar nicht ausdrücklich gegen ihren Willen erfolgt – zu ernsthaftem Widerstand hatte ihr in ihrer Lage der Mut gefehlt. Aber als Christin empfand sich die schöne stolze Frau vom Stamm der Wahehe ihr ganzes Leben lang nicht.
„Wer, wie wir, auf der Flucht ist, muss sich sputen und darf dem Feind keine Gelegenheit zum Einholen bieten“, hatte die Mutter all jenen eingeschärft, die entschlossen waren, mit ihr zu gehen und heimlich die Plantage des weißen Mannes, dessen „Schützlinge“ sie allesamt waren, zu verlassen.
Einer der vornehmsten Häuptlingsfamilien des Landes entstammend und vor kurzem noch die Ehefrau, jetzt aber die Witwe Mkwas, des tapferen Wahehe-Oberhäuptlings, genoss Elisa den Respekt und das Vertrauen der anderen Schwarzen.
Mtaga, so ihr ursprünglicher Name, später nach der heiligen Elisabeth „Elisa“ getauft, war es auch gewesen, die eine Gelegenheit gesucht und gefunden hatte, die schwarzen Wachtposten auf der Farm auszutricksen und der Knechtschaft zu entkommen – bis jetzt jedenfalls.
Maurice registrierte trotz seines Alters sehr genau, dass die Gruppe es sorgsam vermied, auch nur in die Reichweite von weißen Kolonisatoren oder katholischen Missionsstationen zu gelangen, weil nach Elisas Erfahrung die Mönche und Nonnen meistens mit den deutschen Kolonialherren kollaborierten.
Die Deutschen selbst, Offiziere und Siedler, nannten ihr Vorgehen dreist „Inobhutnahme“ oder „Schutzhaft“, welche sie der „heidnischen“ und „geistig und kulturell zurückgebliebenen Ureinwohnerschaft“ angedeihen ließen, während die frommen Missionare es vorzogen, beschönigend von „barmherziger Fürsorge im Geiste Jesu Christi“ zu sprechen …
Als Maurice hilfesuchend nach der Hand seiner neben ihm ausschreitenden Mutter Elisa greifen wollte, wurde ihm bewusst, dass er ausnahmsweise von ihr keine Unterstützung erhoffen durfte. Die stolze junge Frau, wie selbstverständlich die Anführerin der Flüchtigen, trug nicht nur ihr vor sieben Monaten geborenes Baby, das noch gestillt werden musste, in einem Tragetuch auf dem Rücken; sie schleppte außerdem neben einem schäbigen Bündel mit dem spärlichen Gepäck der Familie noch seine zwei Jahre alte Schwester auf der Hüfte.
Sein jüngstes Kind hatte Maurices Vater Mkwa Obembe gezeugt, nachdem es ihm gelungen war, nachts heimlich seine bereits in Obhut genommene, sprich versklavte Frau Mtaga in einer Arbeiterhütte auf der Plantage aufzusuchen, ehe er sich erneut mit seinen Kriegern in den Kampf gegen die deutschen Okkupanten gestürzt hatte. Es sollte sein letzter Waffengang werden.
Gestorben war der Vater des Jungen als Heide, da er sich noch unter dem Galgen standhaft gegen die von einem Priester penetrant „empfohlene“ Taufe zur Wehr gesetzt hatte. Es war ihm sogar gelungen, zu fliehen, während die übrigen gefangenen Kämpfer sich widerspruchslos in ihr Schicksal gefügt hatten, als Christen hingerichtet zu werden.
Genützt hatte ihm die Flucht allerdings nichts, da man ihn bald wieder aufgespürt und kurzen Prozess mit ihm gemacht hatte.
Trotz seiner Erschöpfung bekam Maurice mit, dass Elisa sehr aufmerksam auf ihre Umgebung achtete, soweit das undurchdringliche Laubwerk des den Pfad säumenden Gesträuchs dies zuließ. Vor allem hatte sie ein scharfes Auge auf ihren zweiten Sohn Heinrich, genannt Henri, der am vergangenen Tag seinen vierten Geburtstag begangen hatte. Ihn ließ Elisa ein paar Schritte vor sich herlaufen, um jederzeit beobachten zu können, wie es dem Kleinen erging.
Den sperrigen Namen hatte man dem Jungen in der katholischen Missionsstation verpasst, wo er getauft worden war, genau wie Elisa, Maurice und seine jüngeren Geschwister.
Maurices zweijährige Schwester Margarethe hörte auf den Namen Greta und das Baby, Andreas getauft, würde später als Andi durchs Leben gehen, während er den Namen Mauritz erhalten hatte und von allen Maurice gerufen wurde, weil es sich leichter aussprechen ließ.
Henri war nicht ganz gesund. Schon vor der Flucht hatte er wochenlang gekränkelt; er litt an Halsweh und hatte geschwollene Rachenmandeln.
Maurice, 1888 als Erbe und Nachfolger des stolzen Häuptlings Mkwa Obembe im Dorf Tangwelule in Ghanumbia geboren, einem großen, von den Weißen zwar eroberten, aber noch immer ziemlich unerforschten Land im Osten des riesigen Kontinents Afrika, schämte sich plötzlich.
‚Mein Bruder Henri ist zwei Jahre jünger als ich. Er ist krank, hat ein bisschen Fieber, sagt Mama, und er ist sehr schwach. Er muss Bauchschmerzen haben vor lauter Hunger, denn er hat sich gestern geweigert, diese ekligen Raupen zu essen. Und trotzdem: Er beklagt sich nicht, jammert nicht einmal, sondern stapft einfach tapfer weiter. Ich, als sein großer Bruder, müsste ihm eigentlich ein Vorbild sein!’
„Soll ich dir Andi eine Weile abnehmen, Mama?“, fragte er schüchtern und schaute seiner Mutter, einer hochgewachsenen schönen Wahehe-Frau, in die großen, ausdrucksstarken, schwarzen Augen. Ihr erschöpfter und tieftrauriger Ausdruck rührte ihn um ein Haar zu Tränen, weshalb ihn nicht zum ersten Mal ein Gefühl unbändigen Hasses auf die weißen Eroberer aus Europa erfasste.
‚Sobald ich groß bin und ein starker Mann’, schwor er sich, ‚werde ich, als Nachfolger meines Vaters, Anführer von tapferen Wahehe-Kriegern sein und alle weißen Teufel aus unserem Land jagen! Viele von ihnen werde ich töten zur Strafe, weil sie meinen Vater ermordet, unser Dorf zerstört und meine Mama, mich und unsere ganze Sippe zu Sklaven gemacht haben!’
„Der Kleine ist zu schwer für dich, mein Sohn! Aber bis zu unserem nächsten Rastplatz könntest du das Bündel übernehmen, das unsere Kleidung und noch anderes Wichtige enthält, Maurice! Das wäre sehr lieb von dir!“
Damit reichte sie ihm, ohne im Gehen innezuhalten, ein buntes Tuch, das, zusammengeknotet, eine Stofftasche bildete, in der sich die wenigen Habseligkeiten der einst wohlhabenden Häuptlingsfamilie befanden.
Maurice hängte sich das Ding um den Hals und ging beinahe in die Knie infolge des Gewichts, welches man dem Bündel äußerlich gar nicht ansah. Er würde wohl noch langsamer gehen müssen.
‚Hoffentlich verliere ich nicht den Anschluss an die Gruppe’, machte der kleine Junge sich Sorgen, als ein Flüchtiger nach dem anderen ihn auf dem mit Gras überwucherten und für ihn beinahe unsichtbaren Dschungelpfad überholte.
Nur Elisa vermochte unbeirrt mit sicherem Instinkt den richtigen Weg durch diese grüne, bereits dämmrig-dunkle, feuchtheiße Hölle zu erkennen. Ohne Zweifel war sie die beste und erfahrenste Fährtenleserin. Hier in der Gegend sollte es immerhin wilde Tiere geben neben den allgegenwärtigen giftigen Schlangen und Skorpionen …
‚Gut, dass mein Vater uns nicht mehr sehen kann’, überlegte Maurice nach einer Weile, während er den Schleim in seiner Nase hochzog. In der vergangenen Nacht im Freien hatte er sich einen Schnupfen geholt. Nach Sonnenuntergang konnte es nämlich empfindlich kalt werden.
‚Unsere stolze Familie, seit fast einem Jahrhundert Herrscher über die Wahehes, auf der Flucht vor den weißen Eroberern: Was für eine Schmach!’
Bitterer Groll erfüllte den kleinen Jungen.
* * *
Den Aufenthalt in der Sixtinischen Kapelle scheint Kardinal Obembe außerordentlich zu genießen. Obwohl er die päpstliche Hauskapelle im Vatikan, erbaut von Papst Sixtus IV. von 1473 bis 1481, nicht zum ersten Mal besucht, ist er genau wie einst als junger Priester bezaubert von dem einmaligen Kunstgenuss.
Ihn stört nicht, dass bereits sechzehn Wahlgänge abgehalten worden sind und in Kürze der siebzehnte Urnengang ansteht. Er könnte an diesem Ort gerne noch eine lange Zeit verweilen, nur um in aller Ruhe die grandiosen Fresken zu Themen des Alten und des Neuen Testamentes zu bewundern von so bedeutenden Künstlern wie Perugino, Pinturicchio, Botticelli, Ghirlandaio, Rosselli und Signorelli an den Längswänden sowie die Fresken Michelangelos:
Schöpfungsgeschichte, Propheten, Sybillen et cetera an der gewölbten Decke und natürlich das Nonplusultra, das Jüngste Gericht an der Altarwand. Auch die imposante Architektur der weiträumigen Kapelle lässt er mit Genuss auf sich einwirken.
‚Meine Kapelle’, jubelt es in seinem Inneren und wieder wandert der entzückte Blick des Kardinals hinauf zu Michelangelos „Erschaffung des Adam“.
Dass sowohl der Schöpfer der Welt wie sein Geschöpf, das er angeblich nach seinem eigenen Bild geschaffen hatte, der weißen Rasse angehören, belustigt ihn nur. Ist man sich doch seit längerem sicher, dass die Menschwerdung in Wahrheit in Afrika stattgefunden hat … Dem begnadeten Künstler nimmt er es nicht übel: Der konnte das damals, als er sein Werk schuf, nicht wissen.
‚Im Übrigen sollen sich die Weißen bloß nicht so überheben’, denkt er bei sich. ‚Einer vor zwei Jahrzehnten durchgeführten Studie zufolge sind die Nordeuropäer länger dunkelhäutig gewesen, als sie bis dahin für möglich gehalten haben – und als ihnen lieb ist.’
Obembe hatte diese Studie sehr aufmerksam gelesen.
Den Sachverhalt legte eine DNA-Analyse nahe, durchgeführt von Londoner Wissenschaftlern an Resten eines 10 000 Jahre alten männlichen Skeletts aus Großbritannien. Die Knochen waren bereits im Jahr 1903 im Südwesten Englands gefunden worden. DNA-Analysten des britischen Naturhistorischen Museums und des University College of London befassten sich allerdings erst 2018 damit und „seien überrascht gewesen, dass ein Bewohner der britischen Insel damals zwar blaue Augen, aber dazu richtig dunkle Haut haben konnte.“
Zu Kardinal Obembes großer Freude fand man noch mehr heraus: Der Stamm dieses Mannes war am Ende der letzten Eiszeit auf die Insel gezogen. Die Forscher konnten die DNA des Skeletts mit menschlichen Relikten aus Ungarn, Luxemburg und Überresten aus Spanien in Verbindung setzen.
Vor zwanzig Jahren eine Nachricht, die nicht nur Maurice Obembe, sondern auch viele andere gebildete Afrikaner mit Genugtuung erfüllt hatte. In europäischen Ländern machte man hingegen keinerlei Aufhebens davon; es war leider bloß ein Fall für Anthropologen und Naturhistoriker geblieben.
„Anscheinend passte die Entdeckung nicht ins ‚weiße’ Weltbild“, sagt sich der Kardinal mit einem zynischen Lächeln.
Wie ein x-beliebiger Rom-Tourist hatte er sich am Flughafen den neuesten Führer der Sixtina gekauft. Den blättert er durch, während der nächste Wahlgang vorbereitet wird. Er weiß jetzt zum Beispiel, dass sie exakt über die gleichen Maße verfügt wie der im Alten Testament erwähnte Tempel König Salomons mit einer Länge von 40,23 m, einer Breite von 13,41 m und einer beeindruckenden Höhe von immerhin 20,70 m.
Eigentlich eine Information, die die wenigsten, die das Büchlein durchblättern, interessieren wird. Aber für den Kardinal bedeutet sie schlichtweg alles: sieht er die Sixtina mittlerweile doch längst als „seine“ Kapelle an.
„Ihr werdet euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, auf dass euer Glaube bewährt und viel kostbarer befunden werde als vergängliches Gold.“
(1. Petrusbrief, 1, 6–7)
Innerlich frohlockend, aber äußerlich gelassen, sieht Maurice Obembe zwei Kardinäle auf sich zu kommen. Mit offenem Blick und freundlichem Lächeln kommt er ihnen, die mindestens fünfzehn bis zwanzig Jahre älter sind als er, ein paar Schritte entgegen. Einen von beiden, einen umgänglichen Spanier, kennt er ziemlich gut; der andere, ein etwas gebückt gehender Franzose, gilt allgemein als streng und verschlossen, ein Hardliner, wie er im Buche steht.
Was die Herren von ihm wissen möchten, erfüllt den Geistlichen aus Ghanumbia mit stiller Genugtuung und lässt sein Herz insgeheim höherschlagen.
„Verehrter Bruder in Christo, nur mal so zu unserer Information“, beginnt der französische Kirchenmann betont lässig, während der spanische sein farbiges Gegenüber wohlwollend mustert: „Einmal angenommen, die verehrte Wählergemeinde wäre des Patts zwischen den beiden asiatischen Kandidaten müde und zeigte sich bereit, ihre Gunst möglicherweise einem schwarzen Mitbruder zu gewähren: Wären Sie in diesem Falle bereit, die Wahl zum Heiligen Vater anzunehmen?“
„Falls dem nicht so wäre, zögern Sie bitte nicht, uns das mitzuteilen, damit wir nicht noch mehr unnütze Zeit vergeuden!“, fügt der Spanier, ein hochgewachsener, sich betont aufrecht haltender Andalusier mit unleugbar maurischem Einschlag, mit einem gewinnenden Lächeln hinzu.
Der Angesprochene verfügt über genügend schauspielerisches Talent und hat keine Mühe, sein Triumphgefühl zu verbergen. Ehrfurchtsvoll neigt er seinen glattrasierten Schädel vor den älteren Kardinälen.
„Es wäre mir eine überaus große Ehre, von meinen hochverehrten Brüdern in Christo für würdig erachtet zu werden, Mutter Kirche als Oberhaupt der Gläubigen in Demut und größter Verantwortung zu dienen. Selbstverständlich würde ich mich in diesem Fall dem Votum des erlauchten Gremiums nicht verweigern!“
Mit Erfolg bemüht Obembe sich, den zwei hohen Geistlichen nicht mit triumphierender Miene hinterherzuschauen, als sie sich zu den anderen Konklave-Teilnehmern zurückbegeben. Für ihn besteht in diesem Moment nicht mehr der geringste Zweifel: Er hat es geschafft! Natürlich weiß er auch, dass unangenehme Überraschungen nie ausgeschlossen sind; dennoch fühlt er sich so gut wie am Ziel.
Im Laufe der Zeit haben sich die Wahlmodalitäten stark verändert. Anders als früher muss nicht mehr krampfhaft wochen- oder gar monatelang nach einem Kompromisskandidaten gesucht werden. Hat nach dreißig Wahlgängen immer noch kein Kandidat die notwendige Zweidrittelmehrheit erreicht, kann die absolute Mehrheit die Entscheidung bringen.
‚Und die wird dann auf alle Fälle mit meinem Namen verbunden sein!’ Freilich hofft er insgeheim, dass es etwas schneller gehen wird. Es würde sein Ansehen erhöhen …
Nach längerer Zeit schweifen seine Gedanken ab zu seiner Geliebten Monique, die sicher schon ungeduldig auf sein Startzeichen wartet, den Flug nach Rom antreten zu können. Natürlich freut er sich auf ihr Kommen – obwohl er sich zu seiner eigenen Verblüffung eingestehen muss, sie bisher nicht allzu sehr vermisst zu haben.
‚Sollte ich mich ihr womöglich ein wenig entfremdet haben?’, fragt sich der Kardinal insgeheim. Allerdings verwirft er den Gedanken sofort als völlig absurd. Er mag viele Fehler haben – Untreue gehört definitiv nicht dazu. Seit er mit der schönen Monique zusammen ist, hat er keine andere Frau mehr angesehen, geschweige denn angerührt.
„Die Zeit kommt aus der Zukunft, die nicht existiert, in die Gegenwart, die keine Dauer hat und geht in die Vergangenheit, die aufgehört hat, zu bestehen.“
(Kirchenvater Augustinus)
Im siebzehnten Wahlgang taucht tatsächlich erstmals ein „Kardinal Maurice Obembe“ mit einer stattlichen Anzahl von Unterstützerstimmen auf, während die Nominierungen der beiden asiatischen Kandidaten drastisch schrumpfen. Auch die weißen Anwärter, in der Hauptsache Italiener aus Mailand, Venedig, Padua und Palermo, haben Stimmanteile eingebüßt.
Der Kirchenmann aus Ostafrika mag ja bisher ein relativ unbeschriebenes Blatt sein – aber immerhin hat er dadurch auch noch keine Möglichkeit gehabt, sich im Kardinalskollegium unbeliebt zu machen oder sich im Vatikan persönliche Feinde zu schaffen.
Dass ihn einige auch weiterhin ablehnen werden, wird also hauptsächlich seiner dunklen Hautfarbe geschuldet sein – aber damit kann er mittlerweile gut leben. In seinem Inneren weiß er es: „Da ist sie, die von mir erhoffte und sehnlichst erwartete Wende!“
Ursprünglich rechneten die meisten Teilnehmer mit einem nur kurz andauernden Konklave; hatten doch im Voraus „gut unterrichtete Kreise“ in Rom verlauten lassen, dieses Mal werde man sehr schnell zu einer Einigung gelangen, weil man sich einig sei, einen Asiaten, den Kardinal von Manila, zum Pontifex zu küren. Was sich dann allerdings als Irrtum herausstellt. Von „Einigkeit“ unter den Wahlberechtigten kann keine Rede sein.
Plötzlich werden immer mehr von ihnen auf den bisher kaum in Erscheinung getretenen Schwarzafrikaner aufmerksam.
„Warum eigentlich nicht?“, mag sich manch einer der hohen geistlichen Herren fragen. „Ein farbiger Papst wird dieses Mal sowieso von aller Welt gewünscht. Und dieses Kriterium erfüllt der Mann aus Afrika ja nun weiß Gott!“
Einige, Neider und Missgünstige, werden später zwar, bar jeder Logik und entgegen der Wahrheit, behaupten, die „geheime“ Wahl dieses Kandidaten sei von Anfang an mehr oder weniger eine Farce gewesen, weil das gewünschte Ergebnis im Grunde von Anfang an festgestanden habe.
Richtig ist zwar, dass dieser Kardinal, der die Wahl, so sie denn auf ihn fiele, auch anzunehmen versprach, die „richtige“ Hautfarbe besaß, jedoch keinesfalls als glücklicher Zufall anzusehen war, sondern es ist quasi eine Art conditio sine qua non gewesen. Galt es doch längst als überfällig, endlich einem Farbigen das höchste Amt, das die Kirchenhierarchie zu vergeben hat, zuteilwerden zu lassen. Aber über Obembes Person waren im Vorfeld nun wirklich keinerlei Festlegungen getroffen worden.
Zweifellos war es wichtig, die Kirche aus ihrer bedrohlichen Schieflage zu befreien. Wobei man allerdings stillschweigend davon ausgegangen war, einen Ostasiaten zum Pontifex zu küren. Aber ein Schwarzer war letztendlich auch nicht schlecht.
* * *
„Und dass die Kirche gerettet werden muss, das sehen die Gläubigen anscheinend – der Himmel mag wissen warum! – durch einen Papst der Dritten Welt am ehesten gewährleistet“, soll sich später in kleinem Kreis einer der enttäuschten italienischen Papstanwärter spöttisch geäußert haben; wofür er mehr oder weniger verärgerte Zustimmung erntete.
Diejenigen, die sich über das Wahlergebnis mokierten, ließen dabei, ob bewusst oder unbewusst, ganz außer Acht, dass sie damit ja den Heiligen Geist desavouierten, der doch angeblich jede Papstwahl dominierte …
Das Häuflein weißer Kardinäle, allesamt Italiener, die sich selbst Chancen auf den Papstthron ausgerechnet haben, begründen ihren Standpunkt folgendermaßen: „Gerade weil Mutter Kirche sich in großer Not befindet, hätte man im jetzigen Augenblick Kontinuität bewahren müssen!“
Offenbar trauen sie einem Schwarzen die Herkulesaufgabe nicht zu, der Kirche ein Revival zu ermöglichen. Was allerdings nach der Wahl keiner mehr laut ausspricht – zumindest nicht, wenn einer mithören kann, der mit Sicherheit „den Neger“ gewählt hat.
„Mimikama!“soll der neue Heilige Vater leise auf Suaheli gemurmelt haben, was „Gefällt mir!“ bedeutet, nachdem die Stimmen nach dem neunzehnten und letzten Wahlgang ausgezählt waren und das positive Ergebnis – immerhin fünfundachtzig Prozent! – den wahlberechtigten Kardinälen bekannt gegeben wurde. Das will zumindest ein kenianischer, etwas geschwätziger Teilnehmer gehört und sofort ausgeplaudert haben.
Natürlich nahm der Gewählte ohne das geringste Zögern das schwere Amt an.
I. BUCH
INTROITUS
„Willkommen im Hause des Herrn!
Die Gemeinde versammelt sich, getreu dem Worte Jesu: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen.“
Die Schar der Frommen und hauptsächlich der Neugierigen, die sich auf dem Petersplatz versammelt hat, ist aufs höchste gespannt, kaum dass der ranghöchste Kardinal von der über dem Mittelportal des Petersdoms gelegenen Benediktionsloggia aus, die ersehnte Nachricht verkündet:
„Habemus Papam!“
Darauf bricht an diesem Frühlingstag des Jahres 2039 der übliche Jubel los, der sich allerdings im Augenblick des Erscheinens des neuen Heiligen Vaters abrupt abschwächt – um unmittelbar darauf, gewissermaßen nach einer Schrecksekunde – sogar völlig zu versiegen.
Ach, du gütiger Himmel! Ein Schwarzer! Oh, Gott!
Ein unüberhörbares Raunen geht durch die Menge. Mit einem Chinesen oder Ähnlichem haben die Leute ja insgeheim gerechnet. Und jetzt ist es also ein Schwarzafrikaner geworden …
Nach kurzem Zögern bricht erneut donnernder Jubel los, als die Menschen die imposante Gestalt genauer ins Auge gefasst haben. Das geradezu hysterische Geschrei, das die recht überschaubare Anzahl an Besuchern aus dem In- und Ausland veranstaltet, soll vermutlich darüber hinwegtäuschen, dass das Ereignis dieses Mal nicht übermäßig viele Zuschauer nach Rom gelockt hat.
Wenn früher anlässlich einer Papstwahl der Petersplatz schier aus allen Nähten platzte, weil er die Menschenmassen kaum noch zu fassen vermochte, ist am heutigen Tag die Zahl der Jubler bestenfalls ausreichend. Die meisten werden diesen Event vermutlich bequem am Bildschirm verfolgen – wenn überhaupt.
Der hochgewachsene, breitschultrige Kardinal, zweiundfünfzig Jahre alt, viel jünger aussehend, kerngesund und körperlich topfit, ist sichtlich zufrieden, als er sich den auf dem Platz Ausharrenden auf dem dafür vorgesehenen Ehrenbalkon des Petersdoms präsentiert. Im Fernsehen und auf sämtlichen Fotodokumenten heben sich die weißen Augäpfel sowie kräftige, gesunde, weiße Zähne von einem stolzen, geradezu aristokratisch anmutenden Gesicht, schwarz wie Ebenholz, deutlich ab.
Wer in seiner unmittelbaren Nähe stünde und explizit darauf achten könnte, dem würde möglicherweise auffallen, wie stereotyp dieses breite Lächeln ist und dass es seine schönen schwarzen Augen mit den langen Wimpern keineswegs erreicht … Wie ein siegreicher Feldherr erhebt er kurz darauf beide Arme gen Himmel und erteilt, wie es für Päpste Sitte ist, dem unten auf dem Platz frenetisch jubelnden Häuflein der Gläubigen den Segen „urbi et orbi“.
Nachdem viele niederknieten und alle sich bekreuzigten, lässt man den frisch Gekürten, der sich Leo nennt, erneut mit freudigem Beifall hochleben. Wer kann in diesem Augenblick ahnen, was in dem schwarzen Mann mit den edlen Gesichtszügen vorgeht?
Kardinal Obembe, der die Wahl wie versprochen ohne einen Augenblick des Bedenkens annahm, genießt seinen Sieg. Hat er doch sein ganzes bisheriges Leben auf dieses eine Ziel hin bewusst und hartnäckig ausgerichtet, auch großen, vor allem inneren Widerständen zum Trotz – und zwar von frühester Jugend an.
„Wer einen Fluss überquert, muss die eine Seite verlassen!“
(Mahatma Ghandi)
Dass diese Weisheit ihre Berechtigung hat, weiß der neue Heilige Vater nur zu gut. Auf vieles hat er verzichtet; so auch auf einen Beruf, der ihm tatsächlich zugesagt hätte …
Der neue Papst wählte für sich nach kurzem Überlegen – Liberius oder Gregor hätte ihm auch gut gefallen – den Namen Leo.
Seine Begründung lautet, seinen Vorgänger gleichen Namens, der immerhin von 1878 bis zum Jahre 1903 den Kirchenstaat viele Jahre kraftvoll regiert habe, überaus hoch zu schätzen und als Vorbild zu verehren.
Kardinal Maurice Obembe wird demnach der vierzehnte Papst mit dem Namen Leo sein. Die Geschichte Leos XIII. kennt er ganz genau.
Er weiß um den „Kulturkampf“, der in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts in Deutschland zwischen Reichskanzler Otto von Bismarck und Papst Pius IX., Vorgänger Leos XIII., mit erbitterter Härte geführt worden war. Im katholischen Rheinland etwa, das zu Preußen gehörte, wurden sogar fünf von elf Bischöfen ins Gefängnis gesteckt und über Monate gefangen gehalten. Ein Skandal ohnegleichen!
Der Reichskanzler war entschlossen, den Einfluss der katholischen Kirche zu vernichten, was 1874 unter anderem zur Einführung der Zivilehe führte, nachdem man in Preußen zwei Jahre zuvor Ordensangehörige vom Lehrberuf in öffentlichen Schulen ausgeschlossen hatte. Sogar der mächtige Jesuitenorden war aufgelöst worden.
Papst Pius erklärte seinerseits die preußischen Gesetze für ungültig und belegte alle, die sich an ihrer Durchführung beteiligten, mit der Exkommunikation.
Nach dem Tode Pius IX. verhandelte der Reichskanzler direkt mit dem neu inthronisierten Leo XIII., einem intelligenten und harten Verhandlungsgegner. Kompromissbereitschaft der Deutschen war mittlerweile angesagt, denn die Zeiten hatten sich geändert: Bismarck wollte mit dem katholischen Österreich ein Bündnis schließen und im eigenen Land war die „Arbeiterbewegung“ zu einer gefährlichen Bedrohung geworden, so dass man sich den Luxus eines Zerwürfnisses mit Rom nicht mehr leisten konnte.
Mit den Friedensgesetzen von 1886 und 1887 fand der „Kulturkampf“ formell sein Ende; die kirchenfeindlichen Gesetze wurden zum Teil zurückgenommen.
Auch in Frankreich waren seit 1871 antikirchliche Gesetze erlassen worden. Das Parlament vollzog im Jahr 1905 die Trennung von Kirche und Staat. Ähnlich prekär war das Verhältnis zu den Wissenschaften: lag doch Charles Darwins Abstammungslehre der Kirche bleischwer im Magen, weil Darwin dadurch die biblische, zugegebenermaßen kindlich-naive Version von der Erschaffung des Menschen infrage stellte.
Leo XIII. lehnte den „Darwinismus“, der die Evolution der Rassen, auch der menschlichen, propagierte, strikt ab, während er für die sozialen Fragen der neuen Zeit durchaus aufgeschlossen war. Er verfasste auch eine Bulle mit dem Titel „Rerum Novarum“, in der ein Ausgleich zwischen Armen und Reichen gefordert wurde und worin der Papst anmahnte, sich hauptsächlich der Bedürftigen anzunehmen. Damit hatte Leo XIII. immerhin die katholische Soziallehre begründet.
„Gegen die Nacht können wir nichts tun, aber wir können ein Licht anzünden!“
(Franz von Assisi)
Am nächsten Tag ist im Osservatore Romano zu lesen:
„Ausgerechnet diesen sozial gesinnten, starken und durchsetzungsfreudigen Papst wählt der neue Heilige Vater, Leo XIV. zu seinem Vorbild! Damit steht ihm eine Aufgabe bevor, die ihresgleichen sucht: Niemals war die Kluft zwischen den Superreichen und den Habenichtsen so groß wie heute, obwohl man diese Schieflage schon seit vielen Jahrzehnten wortreich beklagt und Besserung anmahnt – bisher vergeblich. Seiner Heiligkeit dafür Gottes Segen!“
Von denen, die über Kirchengeschichte in neuerer Zeit Bescheid wissen, unter anderem die hohen Kleriker in Rom – mag sich manch einer fragen, ob Leo XIV. einerseits die gebotene Standfestigkeit besitzen, andererseits die nötige Unterstützung für sein ambitioniertes Projekt erhalten wird.
Dass er ehrgeizige Pläne hat, schließt man daraus, dass er den letzten Leo als großes Vorbild benennt und ihm nacheifern möchte.
Gerade vom gerechteren Verteilen immenser Vermögen unter unsagbar Armen und Verelendeten kann derzeit nirgendwo auf der Welt auch nur im Ansatz die Rede sein. Ein schlechtes Beispiel dafür ist ausgerechnet die kommunistische Volksrepublik China, die zwar den einst bekämpften Kapitalismus verinnerlicht zu haben scheint – aber eben nur für die Oberschicht, Parteibonzen und ähnliches. Für die Millionen von Wanderarbeitern interessiert sich nach wie vor niemand.
Aber auch der angeblich sozial fortschrittliche, demokratische Westen lässt in dieser Hinsicht mehr als zu wünschen übrig. Überall sind soziale Kälte und rücksichtsloses Gewinnstreben vorherrschend oder auf dem Vormarsch.
So ist es nur verständlich, dass sich nicht nur die Augen katholischer Gläubiger voll Erwartung und Hoffnung auf den neuen Papst richten. Er hat zwar „keine Armeen zur Verfügung“, wie mal jemand treffend festgestellt hat, aber ein mahnendes Wort von ihm als einer moralischen Instanz gilt immer noch etwas – hofft man zumindest.
„Und er wird jede Träne abwischen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch wird Trauer noch Geschrei noch Schmerz mehr sein. Die früheren Dinge sind vergangen.“
(Johannes, Offenbarung 21, 4)
„Immerhin fünf der mir vorausgegangenen Päpste mit dem Namen Leo zählen zum Kreise der Heiligen, die ich ganz besonders verehre“, betont der Heilige Vater in seiner allerersten Stellungnahme vor laufenden Fernsehkameras.
Die katholische Welt, sofern sie noch existiert, ist begeistert! Der Neue schaut nicht nur fantastisch und für seine immerhin zweiundfünfzig Lebensjahre noch sehr jugendlich aus, er wirkt auffallend athletisch und es steht zu erwarten, dass dieser schwarze Diener Gottes über Jahrzehnte hinweg den irritierten Gläubigen den rechten Weg weisen wird in eine Zukunft voll Frieden und Gerechtigkeit. Auf ihm ruhen im Augenblick die Hoffnungen vieler, in die Jahre gekommener Kardinäle ebenso wie die junger Laienkatholiken. Hoffnungen auf eine Erneuerung, die diesen Namen auch verdient, und auf eine Wiederbelebung einer über zweitausend Jahre alten Institution, die mittlerweile längst bedenklich an Strahlkraft und vor allem massiv an Autorität eingebüßt hat.
Einige seiner letzten Vorgänger auf dem Stuhle Petri, allesamt glühende Marienverehrer, sind zwar darauf bedacht gewesen, besonders die Jugend für die Kirche und ihre Ideale zu gewinnen und zu begeistern. Letzten Endes sind sie gescheitert, die Kirche erneut zu jenem Erfolgsmodell werden zu lassen, welches sie einst (jeglicher berechtigten Kritik zum Trotz) über Jahrhunderte gewesen ist.
Papst Leo XIV., bisher als Kardinal Maurice Obembe, zumindest in Europa nach außen hin sehr unauffällig, gilt offiziell als gemäßigt, auf ehrlichen Ausgleich mit anderen christlichen Glaubensbrüdern bedacht und vor allem als absolut tolerant gegenüber Anhängern anderer Religionen. Ob und wieweit dieser Ruf der Wahrheit entspricht, wird die Zukunft zeigen.
DEMÜTIGE KNIEBEUGE
„Wenn der Gerechte ruft, so hört ihn der Herr.“
(Psalm 34, 18)
Seine Heiligkeit, seit seiner Jugend unter Schlaflosigkeit leidend, vermag auch in den ersten Tagen nach seiner Wahl zum Pontifex in den Nächten keine Ruhe zu finden. Ruhelos und innerlich aufgewühlt wandert er in seinem Schlafzimmer umher, einem Raum, der ihm keineswegs zusagt. Die Größe mag ja noch angehen, aber das Mobiliar? Da wird er schleunigst für eine ihm genehme Ausstattung sorgen.
„Warum nicht mein afrikanisches Erbe betonen?“, fragt er sich laut, während er schon zum zehnten Mal die Strecke von der Tür bis zu den bodenlangen Fenstern durchmisst. Er hat es schon immer gemocht, laut mit sich selbst zu sprechen und gedenkt nicht, dies noch zu ändern. Außerdem ist er allein; abgesehen von Paddy, seinem Leibdiener. Aber der gehört ja gewissermaßen zum Inventar.
„Das ist das Angenehme daran: Vor ihm brauche ich mich nicht zu verstellen und muss mir keinerlei Hemmungen auferlegen.“
Leo XIV. klatscht in die Hände vor Vergnügen, als er überlegt, dass es nun an ihm liegt, das über Generationen gepflegte Gelübde, das alle jeweils ältesten Söhne der Obembe-Familie seit den „Tagen des Elends“ abgelegt haben, zu erfüllen: Vergeltung zu üben für die Schmach, die die Kolonialmacht Deutschland ihnen zugefügt hatte.
Wie hatte es Elisa, die Frau seines Ururgroßvaters, Mkwa Obembe, und Mutter des kleinen Maurice, seines Urgroßvaters, kurz vor ihrem Entweichen aus dem Sklavenquartier ihres weißen Bwanas ausgedrückt? Der Heilige Vater fühlt sich zeitlich zurückversetzt, ganz so, als wäre er selbst jener Knabe. Er kann das so oft Gelesene frei aus dem Gedächtnis heraus zitieren:
„Die Weißen haben uns alles genommen: unsere Freiheit, unser fruchtbares Land, unser Vieh, unsere Leute, sogar unsere Religion – und letztlich auch unseren Stolz!
Und was haben sie uns stattdessen „großzügig“ gebracht? Karge Wüstenlandschaften, in denen nichts wächst, demütigende Almosen, ihre Gier nach dem Fleisch junger schwarzer Frauen und das Gefühl tiefster Erniedrigung – sowie ihren angeblichen „Sohn Gottes“, diesen Jesus, der sich selbst nicht retten konnte und elendiglich, an ein Kreuz genagelt, krepieren musste. Fluch und Schande über sie! Vergiss das niemals, mein Sohn, und traue unter keinen Umständen einem Weißen!“
Eindringlich hatte Elisa dabei ihren Ältesten, der damals erst sechs Jahre alt war, angesehen und fest umarmt, ehe sie weitersprach.
„Irgendwann wird der Tag der Abrechnung kommen. Versäume ihn nicht! Falls du dennoch aus irgendeinem Grund nicht in der Lage sein solltest, ihn wahrzunehmen, schwöre mir bei deiner Seele, dass du mein Vermächtnis genauso an deinen Erstgeborenen weitergeben wirst, damit er an deiner statt Rache üben kann.“
Dem kleinen Jungen war seine Mutter wie eine große Prophetin erschienen, noch viel mächtiger als Setuba, die uralte Seherin ihres Volkes, die dem Dolchstoß eines deutschen Offiziers beim Angriff auf ihr Dorf zum Opfer gefallen war. Weil sie ihn lauthals verflucht hatte, hatte der Eindringling die weise alte Frau niedergestochen …
„Irgendwann in der Zukunft wird die Unterdrückung unseres Volkes ein Ende haben und einer aus dem Volk der Wahehe und unserer Familie der Obembes wird die unsägliche Erniedrigung tilgen, die die weißen Teufel über uns gebracht haben!“
Zwar hatte der sechsjährige Maurice nicht alles verstanden; aber den feierlichen Ernst, mit dem Elisa ihn ermahnt hatte, sowie das brennende Feuer in ihren schwarzen Augen vermochte er niemals zu vergessen.
Zeitlebens hatte Elisa es den deutschen Okkupanten nicht verziehen, ihr den Mann und ihren Kindern den Vater genommen zu haben. Sie hatten Mkwa nach der letzten von drei kriegerischen Auseinandersetzungen, nachdem es ihnen endlich aufgrund ihrer hundertfach überlegenen Bewaffnung gelungen war, ihn zu besiegen, wie einen tollwütigen Hund erschlagen. Er hatte es nämlich geschafft, sich der unwürdigen Bestrafung durch Hängen im allerletzten Augenblick durch Flucht zu entziehen …
Der Heilige Vater weiß, wie es weitergeht im Tagebuch seines Vorfahren Maurice, jenes Jungen, der als Erwachsener seine Erlebnisse schriftlich festgehalten hatte:
„Drei Tage lang hatten sie meinen Vater durch den Busch verfolgt und wie ein Tier gehetzt, ehe sie den verletzten und halb verhungerten Häuptling unter Zuhilfenahme von schwarzen Askaris, die Bluthunde mit sich führten, stellten und auf der Stelle erschlugen, aus Angst, der noch erstaunlich kräftige Krieger könnte ihnen erneut entwischen.“
„Um seine Leiche für immer verschwinden zu lassen, mein Sohn“, hatte ihm Elisa noch eindringlich vor Augen geführt, „und seinen Anhängern damit die Möglichkeit zu rauben, ihn ehrenvoll zu bestatten und sein Grab zu einer Gedenkstätte werden zu lassen, haben sie anschließend seinen zerschundenen Körper ihren halbwilden Hunden zum Fraß vorgeworfen.“
Das Wissen um diese Gräueltat hatte in Maurice, dessen Namen – nomen est omen? – der neue Papst im zivilen Leben trägt, das lodernde Feuer der Rachsucht entflammt. Allerdings sollte sich ihm die Gelegenheit, die Feinde für diese ruchlose Tat und ihre anderen Verbrechen gegen sein Volk büßen zu lassen, niemals bieten.
Schweratmend unterbricht der Heilige Vater seine Wanderung durch das Zimmer.
„Aber er hat Elisas Auftrag getreulich erfüllt und an seinen Sohn Charles, meinen Großvater, weitergegeben. Der wiederum sah sich gleichfalls außerstande, Rache zu nehmen und übergab folglich die Verpflichtung dazu meinem Vater Patrice. Der seinerseits hat die Last aus politischem Kalkül auf meinen Schultern abgeladen, als ich gerade einmal zwölf Jahre alt gewesen bin. So ist schließlich nach etlichen Generationen der Vergeltungsschwur bis zu meiner Person gelangt.“
Leo muss lachen. „Ausgerechnet zu mir, dem höchsten Mann der Kirche! Einer Person, der man am allerwenigsten die Befriedigung von Rachegelüsten zutrauen wird …
Auf wie vieles habe ich verzichtet“, sinniert der Heilige Vater zum wohl hundertsten Mal, „zuvorderst auf eine Lebensaufgabe, die mir wirklich zugesagt hätte! Priester bin ich nicht etwa geworden aus Berufung, sondern um meine ganz persönliche Vergeltung zu üben, die längst überfällig ist!“
In der Tat hat er sich bis zum heutigen Tag peu à peu ein paar potente Mitstreiter gesucht und soweit es ihm möglich war, diplomatische, kirchliche Kanäle genutzt, um insgeheim in aller Stille jahrzehntelang stetig und mit allen Mitteln, auch denen der Heuchelei, Bestechung und Erpressung, auf diesen einen großen, erhebenden Augenblick einer für ihn günstig ausgehenden Papstwahl hinzuarbeiten.
Und beileibe nicht nur er allein: Hinter ihm steht ein kleines, aber recht solides Netzwerk: eine nicht ganz einflusslose Gruppierung, die die Anonymität über alles schätzt und die keinen Wert darauf legt, öffentlich in Erscheinung zu treten. Der erste Schritt ist getan: Maurice Obembe ist Papst!
* * *
„Ausgerechnet diesen starken und durchsetzungsfreudigen Papst Leo XIII. möchte der ‚Neue’ nachahmen!“, spötteln viele altgediente Prälaten in Rom und anderswo. Es ist deutlich herauszuhören, dass sie förmlich danach gieren, das Scheitern dieses Mannes aus Schwarzafrika mitzuerleben.
Wer würde denn schon hinter ihm stehen und ihn unterstützen? Der Ausgewogenheit stehen in erster Linie Egoismus und Habgier der Besitzenden entgegen, die keineswegs bereit sind, freiwillig auch nur auf ein Jota ihres angeblichen „Rechts“ auf Anhäufung geradezu grotesk anmutender Reichtümer auf Kosten der weniger Privilegierten oder gar der Besitzlosen, zu verzichten (bestes Beispiel bietet die Kirche selbst!).
Die Last der Verantwortung, die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen, wird schwer auf den Schultern des Papstes ruhen.
„Und er wird jede Träne abwischen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch wird Trauer noch Geschrei noch Schmerz mehr sein. Die früheren Dinge sind vergangen.“
(Johannes, Offenbarung 21, 4)
Wer könnte das Offensichtliche leugnen? Der endgültige Niedergang der Sancta Ecclesia scheint absehbar. Die Kirchenaustritte sind alarmierend, und nicht nur in den „reichen“ Staaten, auch in den sogenannten Entwicklungsländern; die Anzahl der Eltern, die für ihren Nachwuchs auf die Taufe verzichten, wächst unaufhörlich.
„Kaum zum Kardinal ernannt, hatte der um die Menschheit und ihr Wohlergehen zutiefst besorgte Geistliche Maurice Obembe längst ein ausgearbeitetes Konzept in der Schublade liegen, worin er fein säuberlich ausgearbeitet hatte, wie es mit unserer heiligen katholischen Kirche weitergehen müsse.“
Das behauptet zumindest der Sprecher des Vatikans, ein hoher Prälat der „alten Garde“ unmittelbar nach der Papstwahl. Womit er natürlich die Neugier beträchtlich anheizt. Noch wimmelt es im Vatikan von Altgedienten. Mit dem Auswechseln des vatikanischen Personals würde der Heilige Vater in Kürze beginnen.
Jetzt ist man erst einmal gespannt auf das, was Leo XIV. aus der Schublade hervorzaubern wird. Etliches sickert bereits durch. In der Hauptsache das, was diejenigen, die dem Heiligen Vater vorgreifen, sich vermutlich selbst am meisten wünschen. Was zur Folge hat, dass es zweifelhaft ist, ob sich die hochgespannten Erwartungen auch erfüllen werden …
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Leo XIV. ist immer noch wie im Rausch. Seit Jahrzehnten hat er auf diesen Augenblick mit wahrer Inbrunst hingearbeitet. Aber als es dann Wirklichkeit ist und er tatsächlich als Papst Einzug gehalten hat im Vatikan, tut er sich noch schwer, das Ganze auch für wahr zu halten. Eine ganze Nacht lang hat er über seiner „Antrittsrede“ gebrütet, die unter anderem bei seiner ersten Predigt im Petersdom weltweit sein „Konzept“ sowohl den Gläubigen wie den Ungläubigen verkünden soll.
Der Heilige Vater ist nervös und fahrig. Beim Anlegen der Prunkgewänder will er sich nicht helfen lassen, verheddert sich in den weiten Ärmeln und muss dann doch die Hilfe seines Dieners Paddy Lumboa, den er, was sehr selten vorkommt, barsch anfährt, in Anspruch nehmen.
Betroffenheit, zumindest Verwunderung, macht sich nach seiner Predigt bei vielen seiner Zuhörer breit.
Dieser Heilige Vater mit dem Ruf des sozial Engagierten, des Besonnenen und um Ausgleich Besorgten, verfolgt anscheinend ganz andere Ziele. Strebt er in Wahrheit nicht nach Balance? An Versöhnung scheint ihm auch nicht besonders viel zu liegen; dafür umso mehr an Kampf und Auseinandersetzung!
Wie war das noch gleich? Er werde sich nicht davor scheuen, echte Streiter des Glaubens, wahre Krieger für den Katholizismus heranzuziehen und ausbilden zu lassen, kündigte er an. Vokabeln, die nicht gerade für Sanftmut und Güte zu sprechen scheinen …
„Die Welt muss endlich aufgerüttelt werden! Schluss muss sein mit erbärmlicher Weinerlichkeit und ratlosem Gewährenlassen!“, verrät Leo der staunenden Zuhörerschaft im Petersdom. Nicht den Forderungen der „Lauen“ dürfe die Kirche derzeit nachgeben, sondern sie müsse beherzt zu ihren allzeit gültigen Anforderungen stehen, falls sie überleben wolle! Christsein, ein Auserwählter sein, das gäbe es nicht zum Nulltarif, sondern müsse zumeist mühsam errungen werden.
„Auf in den Kampf für Christus und seine heilige Kirche! Opfere notfalls freudig dein Leben für den Herrn Jesus und dein ewiges Heil!“, lautet einer der Schlusssätze von Leos erster Predigt als frischgewählter Pontifex.
Dies wird in Kürze als Botschaft vom Vatikan aus rund um den Globus gehen. Für sehr viele eine veritable Enttäuschung. Auch das Folgende wird nicht bei allen so schnell dem Vergessen anheimfallen:
„Zur Hölle mit dem verweichlichten Gesäusel von Frieden und Ausgleich! Das andauernde Zurückweichen, die berechtigten Ansprüche an die Gläubigen betreffend, hat die Kirche nicht gestärkt, sondern sie im Gegenteil an den Rand des Abgrunds geführt! Es lebe die harte Konfrontation mit Irrglauben und Unglauben!“
‚O je’, mögen sich viele kopfschüttelnd denken. ‚Gegen die Ungläubigen, die es vorziehen, zu wissen, anstatt zu glauben, ist er ohnehin machtlos; aber der Heilige Vater sucht offenbar die Konfrontation mit dem Islam und anderen nichtkatholischen Religionsgemeinschaften! Und gewiss auch mit den Lauen, die der Herr ausspeien wird aus seinem Munde, weil deren Rede nicht auf kraftvolles und überzeugtes ‚ja, ja’ oder ‚nein, nein’ hinausläuft, sondern nur hilfloses Gestammel zuwege bringt: ‚Herr, Herr!’’
So steht es ja auch in der Heiligen Schrift. Und der Heilige Vater legte noch einiges an Leidenschaftlichkeit nach: „Wer behauptet, Christ zu sein, der beweise es!“, rief Leo XIV. in Sankt Peter mit Inbrunst aus. „Nicht der Beter im stillen Kämmerlein wird die bedrohte und verfolgte Sancta Ecclesia retten, sondern derjenige, der sich nicht scheut, Blut und Leben für die allein seligmachende heilige Kirche zu vergießen und zu opfern!“
Da zuckten einige regelrecht zusammen. Was meinte der Heilige Vater damit? Redete er etwa einem neuen Kreuzzug das Wort, bei dem das Blut der Ungläubigen vergossen werden soll?
Aber bereits der nächste Satz aus Leos Mund ließ die meisten Aufgeschreckten ziemlich beruhigt auf ihre Sitze zurücksinken. Hatte der Papst, (der allerdings ein fantastisches Italienisch spricht), in heiligem Eifer womöglich nur die falschen Begriffe gewählt, als er so pathetisch die Floskel vom „Blutvergießen“ in den Mund nahm?
„Nur wer den eigenen Tod nicht fürchtet und sich Jesus, den Sohn Gottes zum Vorbild nimmt, wird am Ende die Siegespalme erringen und kann den Teufelskreis der Gottlosigkeit durchbrechen, der sich mittlerweile auf dem Erdkreis ausbreitet; und er wird letztlich dafür sorgen, dass nicht irgendwelche ‚Ersatzgötter’ das Sagen haben werden, oder schließlich gar der Islam das Rennen macht!“
Also ein edler Wettstreit der Religionen und nichts mehr von „Leben opfern“ und „Blut vergießen“ …?
Die markigen Worte fallen bei einigen der anfangs geschockten geistlichen Zuhörer erstaunlicherweise auf fruchtbaren Boden. Angesteckt und überwältigt von den kraftvollen Einlassungen des charismatisch wirkenden Papstes würden diese wenigen alles, wirklich alles, dafür tun, um seine Botschaft zu verbreiten.
So in etwa hören sich zumindest ihre allerersten Kommentare an. Genau das nehmen sich diese wenigen kirchlichen Würdenträger vor, getragen von einer nie gekannten Euphorie, die der frisch gekürte Heilige Vater in ihnen geweckt hat. Allerdings gibt es auch zahlreiche Kenner des menschlichen Herzens, das man in aller Regel zu Recht geschlagen weiß mit Trägheit, Klein- und Wankelmut; und diese Kenner ahnen, dass die Wirkung dieser päpstlichen Ansprache mehr oder weniger im Sande verlaufen wird.
Ob „der Neue“ sein Pulver etwa schon verschossen hat?
EHRFURCHTSVOLLER ALTARKUSS
„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.“
(Psalm 121)
„Ecclesia semper reformanda!“
„Dass die Kirche immerfort reformiert werden müsse, ist eine Binsenweisheit, aber was Leo XIV. in seiner Predigt einfordert, ist kein Fortschritt, sondern das genaue Gegenteil!“, behaupten die Gegner. Und überhaupt:
„Tatsächlich würde es einer übermenschlichen Anstrengung bedürfen, um das schwerfällige Rad der Geschichte kraftvoll zurückzudrehen, um damit den schleichenden, sich neuerdings zunehmend beschleunigenden Niedergang der Kirche aufzuhalten.
Eine einzige Ansprache, und sei sie noch so aufrüttelnd, vermag solches nicht zu leisten. Da müsste schon Gewichtigeres hinzukommen …“, meinen die Skeptiker.
„Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“
(Matthäus, 11, 28–30)
Es ist kein Geheimnis: Seit Beginn des 21. Jahrhunderts ist der Mitgliederschwund der katholischen Kirche geradezu beängstigend. Und er hält noch immer an, ja, er scheint derzeit noch an Popularität zu gewinnen.
Die „Vernünftigen“, jene Leute, die sich dafür halten und nicht bereit sind, sich „intellektuell gängeln“ zu lassen, ja, die es sich verbitten, wie Kleinkinder behandelt zu werden, indem man sie mit Märchen von „vaterloser Zeugung“, Jungfrauengeburt, Auferstehung von den Toten, dubiosen „Himmelfahrten“, der „Dreifaltigkeit(?) Gottes“ und fragwürdigen „Wundertaten“ abspeisen möchte, treten in Scharen aus der kirchlichen Gemeinschaft aus, wollen diesen Schritt demnächst vollziehen – oder werden erst gar nicht Mitglied.
„Dazu kommt, dass ‚der moderne Mensch’ es heute nicht mehr hinnimmt, in seiner ganz privaten Lebensführung eingeengt und bevormundet zu werden, indem man ihm beispielsweise außereheliche sexuelle Beziehungen verbietet, ihm aber gleichzeitig Scheidung und spätere Wiederverheiratung als ‚schwere Sünde’ ankreiden will und ihn obendrein ‚zur Strafe’ von allen Sakramenten ausschließt“, moniert sogar ein als erzkonservativ angesehener Erzbischof aus Palermo, von dem gleichzeitig bekannt ist, dass er beste Beziehungen zur Mafia, der „Ehrenwerten Gesellschaft“, unterhält …
„Irren ist menschlich! Das weitere Zusammenleben mit einem im Verlauf der Ehe sich als unpassend erweisenden Partner sowie der Verzicht auf eine Verbindung mit einem anderen geliebten Menschen, darf nicht verlangt werden, weil es die Betreffenden nur unglücklich macht. Und“, doziert Vincente Camilleri mit erhobenem, von der Gicht verkrümmtem Zeigefinger, „es gilt vor allem, das Unglücklichsein während der begrenzten Lebenszeit zu vermeiden!“
Damit bestätigt der hohe geistliche Herr die Maxime der säkular eingestellten Menschheit: „Jeder hat das Recht, glücklich zu sein!“ Sogar vom letzten Dalai Lama ist überliefert, er glaube, „der einzige Sinn des Menschen auf Erden ist, glücklich zu sein!“
Das Gleiche behaupten mittlerweile selbst viele katholische Geistliche – allerdings vornehmlich die aus den unteren Rängen. Die aus den oberen tragen im Allgemeinen ganz selbstverständlich selbst Sorge für ihr eigenes Wohlergehen und ihre persönliche Zufriedenheit.
Ein weiterer Gemeinplatz lautet: Für die Kirche ist es, profan ausgedrückt, „fünf Minuten vor zwölf“. Dem lässt sich mit gutem Gewissen zustimmen.
Weil dies kein Geheimnis ist, kennt auch jeder kirchliche Würdenträger, selbst die hohe Geistlichkeit im Vatikan, das Dilemma. Ein wirksames Gegenmittel gegen den beängstigenden Mitgliederschwund hat allerdings noch niemand gefunden.
Von den Vielen, die zwar nicht austreten, sich aber innerlich längst von Mutter Kirche abgewandt haben, die sogenannten „Taufscheinkatholiken“, möchte man gar nicht erst reden.
„Jahrelang hat man gerätselt, woran es liegt, hat aufwändige Analysen erstellt und kluge theologische Bücher darüber verfasst, was die Gründe dafür sein könnten, dass offenbar die ‚modernen’ Menschen die Angst vor dem Teufel und den Höllenstrafen verloren haben“, bedauert ein anderer hoher Kirchenmann. „Verbunden damit ist die große Skepsis gegenüber einer ‚Belohnung im Himmel’ und dem sogenannten ‚Ewigen Leben’, im Sinne eines Bewusstseins nach dem körperlichen Tod, wo man doch weiß, dass mit dem Absterben der Gehirnzellen auch das Bewusstsein, und damit die sogenannte ‚Seele’, unwiderruflich dahin ist …“
„Wie leicht war es früher, die Gutgläubigen im Beichtstuhl zur Räson zu bringen und es für alle am Sonntag durch die Predigt von der Kanzel herab ein bisschen Schwefel regnen zu lassen, quasi als Vorgeschmack auf die gute alte Hölle!“, überlegt ein weiterer älterer Kleriker, ebenfalls Teilnehmer am kürzlich zu Ende gegangenen Konklave. Daran mag sich manch einer der älteren Seelenhirten mit Bedauern erinnern.
Im Avvenire, dem Hausblatt der Italienischen Bischofskonferenz, liest sich das folgendermaßen:
„Eine ständig sich ausbreitende Enttäuschung über die ‚unzeitgemäße Lehre’ der Kirche sei an der Abkehr von ihr schuld, meinen viele ‚moderne’ Theologen, weil die Kirche ganz offensichtlich nichts bewirkt, was zur Verbesserung der Lebensumstände der gesamten Erdbevölkerung beiträgt und auch keineswegs erreicht, dass das einzelne Individuum sich wohler, besser oder geborgener fühlen könne.“
Papst Leo äußert sich da schon wesentlich unverblümter – allerdings nur unter ein paar sehr guten Freunden in seinen privaten Gemächern: „Wo ist er denn, der gütige, barmherzige und vor allem der gerechte Gott? So es ihn jemals gegeben haben sollte, weiß er sich seit langem aufs Geschickteste zu verstecken …“
Der Heilige Vater vertritt die Meinung, mit der Verheißung auf ein jenseitiges Leben in Frieden und immerwährender Freude als Belohnung für kindlichen Glauben, „anständige“ Lebensführung im Sinne kirchlicher Sexualmoral, vor allem aber für gottergebenes Erdulden von Ungerechtigkeiten, locke man heute keine Anhänger mehr hinter dem Ofen hervor.
„Das himmlische Jenseits, geliebte Brüder, hat längst aufgehört, salopp gesprochen, als ‚Jackpot’ betrachtet zu werden, den es unter allen Umständen zu gewinnen gilt! Wichtig ist den Leuten vor allem das irdische Hier und Heute. Daran knüpfen sich die Erwartungen der aufgeklärten und vorwiegend materialistisch eingestellten Menschheit“, äußert Leo sich im intimen Kreis seiner Anhänger.
Sein Beichtvater, Monsignore Pierre Katanga, schlägt während eines kleinen, intimen Imbisses in der päpstlichen Wohnung „unter Gleichgesinnten“ in dieselbe Kerbe: „Die heutigen ‚Aristokraten’ gehören dem ‚Geldadel’ an und anscheinend sind sie, wie die früher herrschende Adelsschicht, der irrigen Meinung, das ‚Volk’ werde sich andauernden Betrug und Benachteiligung für ewige Zeiten wie dumme Schafe gefallen lassen.“
„Viele Herrschende auf sämtlichen Kontinenten gebärden sich am liebsten immer noch so, als habe es etwa eine Französische Revolution niemals gegeben, und das folgenschwere Jahr 1917 in Russland hat man anscheinend auch längst vergessen!“, bemängelt Papst Leo XIV.
Ob sich einigen Zuhörern dabei vielleicht die berechtigte Frage stellt, warum der Heilige Vater, wenn er schon so gut Bescheid weiß, in seiner Antrittspredigt darüber nichts hat verlauten lassen, dass die soziale Schere nicht weiter auseinanderklaffen dürfe, wenn man soziale Unruhen, ja blutige Bürgerkriege, vermeiden wolle?
Stattdessen hat er sich lang und breit darüber ausgelassen, die Gläubigen sollten gefälligst „für Jesus und die Kirche“ ihr Blut vergießen …
Aber jeder der anwesenden geistlichen Herren ist vorsichtig, und keiner getraut sich, als Gast in den päpstlichen Gemächern im Apostolischen Palast hinter den Kolonnaden an der Piazza di San Pietro, keck als Erster mit Äußerungen vorzupreschen, von denen man noch nicht recht weiß, wie diese vom neuen Heiligen Vater aufgenommen werden …
Seiner Heiligkeit geht es, nach eigener Aussage, in Wahrheit nicht um gerechtere Verteilung „schnöden Mammons“, sondern um etwas ganz anderes.
„Leider ist die Kluft äußerst kontraproduktiv, die sich auftut zwischen dem Anspruch der höheren Geistlichkeit an die Moral der Gläubigen und ihrer eigenen, vielfach verderbten Lebensführung“, behauptet Leo XIV. gerade und alle lauschen wiederum gebannt, wenn auch einige ziemlich unangenehm berührt. Hat da der Papst bei ihnen womöglich einen Nerv getroffen?
Großes Pech sei dabei, meint der Heilige Vater, dass „Privatleben“ in der allerneuesten Zeit so gut wie nicht mehr existiere; dank „sozialer Netzwerke“ und ähnlich indiskretem Schwachsinn sowie der Tatsache, das leidige Hacker-Unwesen nicht ausrotten zu können, wisse man umgehend selbst im unbedeutendsten Nest über jeden kleinen Fehltritt eines hohen Geistlichen Bescheid. Sei es nun dessen Vorliebe für die holde Weiblichkeit oder für kleine Ministranten.
„Im Nu ist solches bis in die letzte Ecke unseres Erdballs ‚getwittert’ und wird damit zum geschmacklosen Thema ausgerechnet der abscheulichen ‚Yellow Press’ sowie einschlägiger Skandalblättchen!
Dazu kommt, dass die niederen Chargen des Klerus, wie schon seit Anbeginn der Kirche, ihren geistlichen Vorgesetzten in ihrem verwerflichen Lebenswandel nacheifern! Die Fehltritte ihrer kleinen Pfarrer und Kapläne bekommen allerdings Tausende mit, während der Ausrutscher eines hohen Geistlichen im Allgemeinen doch eher anonym bleibt oder nur in kleinem Kreis erörtert wird.“
Letzteres mag seinen Gästen als eine reichlich erstaunliche und kühne Aussage Leos erscheinen, angesichts der Anwesenheit Schwester Moniques, einer auffallend attraktiven schwarzen Nonne, die offiziell als „leibliche Schwester“ des Heiligen Vaters ganz selbstverständlich in den päpstlichen Gemächern wohnt und ihrem „Bruder“ kaum von der Seite weicht.
Ein Verwandtschaftsgrad, den die wenigsten Anwesenden für der Wahrheit entsprechend halten, obwohl natürlich niemand auch nur ein einziges Wort darüber fallen lässt … Moniques Ankunft vor ein paar Tagen verlief vollkommen lautlos und unspektakulär: Sie war auf einmal einfach da ist und ist seitdem als „Schwester“ Leos ein Mitglied der „Papstfamilie“.
Die Herren sind diskret und genießen stillschweigend den Anblick der schönen, noch jungen Frau; auch diejenigen höheren Alters, sofern sie nicht zur Gruppe derer gehören, die sich lieber von Jünglingen verwöhnen lassen …
Carlo di Gasparini, einem Kurienkardinal aus der Runde, gefällt anscheinend die Richtung nicht so besonders, die das Gespräch zu nehmen droht. Dauerbewohner des Vatikans kennen sich untereinander sehr gut und jeder weiß in aller Regel vom anderen, wie der katholische Glaubensbruder „gepolt“ ist. Eine Mehrheit (wen wundert’s?) lässt sich lieber von attraktiven jungen Herren „begleiten“ … Di Gasparini möchte unbedingt das Thema wechseln.
„Auch und vor allem hapert es gewaltig mit der Gerechtigkeit unter den Menschen! Und mit dem Frieden unter den Völkern ist es auch nicht weit her“, wirft der italienische Kardinal ein.
Er ist ein heimlicher Gegner Seiner Heiligkeit, einer der wenigen unter den anwesenden „Freunden“ Leos, die ihm ihre Stimme bei der Papstwahl nicht gegeben haben, sich jetzt allerdings geflissentlich darum bemühen, sich um den Heiligen Vater scharen zu dürfen. Er will unbedingt einer der Planeten sein, die sich um den Mittelpunkt „Sonne“ drehen …
„Selbst die Gegensätze zwischen den christlichen Glaubensrichtungen haben sich, anstatt sich zu nivellieren, weiter verschärft, vor allem zwischen Katholiken und Protestanten; längst sind alle Hoffnungen auf eine Annäherung, die etwa noch zu Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts bestanden haben mögen, wie eine Seifenblase zerplatzt!“
Der Heilige Vater beabsichtigt jedoch keineswegs, sich von di Gasparini die Gesprächsführung aus der Hand nehmen zu lassen.
„Wie wahr!“ fällt er dem Sprecher ins Wort. „Selbst das angestrebte brüderliche Miteinander mit der Ostkirche ist leider weiter denn je in die Ferne gerückt, nachdem zwischen Russland und Europa längst wieder die politische Eiszeit angebrochen ist.“
Die Handvoll Vertrauenswürdiger, die der Heilige Vater zur Diskussion in seine Gemächer geladen hat (bei Carlo di Gasparini haben seine Berater allerdings ordentlich danebengegriffen!), stimmen ihm vorbehaltlos zu.
„Man muss sagen, sowohl die Fronten der verschiedenen Religionen als auch diejenigen der Politik sind im Augenblick stark verhärtet. Die einzelnen Positionen stehen einander feindselig gegenüber und jederzeit ist eine Explosion der Gewalt möglich“, behauptet ein deutscher Kurienkardinal, Dr. Maximilian Werneth, ein gebürtiger Mainzer und einer der „Leo-affinen“ Geistlichen. „Media vita in morte sumus!“ („Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen!“) zitiert er ein wenig affektiert.
Er gibt damit wiederum dem Papst ein Stichwort. Der Heilige Vater kann sich nun weiter in einem Monolog ergehen, so wie er ihn immer bevorzugt.
„Besonders dramatisch steht es um die Beziehungen Roms mit dem Islam, gleichgültig ob schiitischer oder sunnitischer Ausprägung. Wenngleich ernsthafte laute Aufrufe zu irgendwelchen Bekehrungszwängen, womöglich mittels Selbstmordattentaten unseligen Angedenkens, derzeit noch unterbleiben! Wie lange noch?“, fragt der Papst und sieht sich dabei im Kreise seiner Vertrauten um, scheint jedoch keine Antwort darauf zu erwarten.
„Irgendwann werden die islamischen Fanatiker allerdings wieder zuschlagen!“, bricht es jäh aus ihm heraus und es klingt beinah wie eine düstere Prophezeiung. Die Temperatur im Raum scheint auf einmal um etliche Grad gesunken.
Seine Heiligkeit blickt jetzt dankbar und mit unverhohlener Zärtlichkeit hoch zu Schwester Monique, die ihm gerade frischen Espresso eingießt, ehe er, dieses Mal in normalem Tonfall, fortfährt: „Nebenbei bemerkt kommt es in letzter Zeit auch immer wieder zu ärgerlichen „Missverständnissen“ mit der jüdischen Orthodoxie, jener irgendwie bei uns Katholiken ungeliebten Urmutter des Christentums“, meint der Heilige Vater, wobei er zwar lächelt, seinen Gästen aber zugleich ein bekümmertes Gesicht präsentiert.
‚Aha! Längst vorbei die Zeiten des ‚Zweiten Vatikanischen Konzils’, als Papst Johannes XXIII. die Juden noch als unsere älteren Brüder im Glauben bezeichnet hat’, denkt sich Kardinal Carlo di Gasparini ironisch.
Aber er hält sich mit Bemerkungen zurück. Warum sich als Einziger das Maul verbrennen? Lieber lässt er sich von Schwester Monique von dem köstlichen Wein nachschenken, den Seine Heiligkeit zu dem Imbiss so großzügig spendiert.
DAS KREUZZEICHEN
„Im Namen des Vaters …“
Der neue Papst vom Schwarzen Kontinent zog und zieht die Hoffnungen, trotz seiner bestürzenden Antrittsrede, nicht nur der Katholiken auf sich; von ihm erwarten sich die Menschen aller Erdteile Anstöße in Richtung Humanität und Vernunft. Vor allem ernstzunehmende Anstrengungen für eine Befriedung der Menschheit insgesamt, ob gläubig oder nicht.
„Maurice Obembe, neuerdings Leo XIV., lautet jetzt also der Name des neuen Messias! Es scheint tatsächlich, als habe man seine erste Predigt im Petersdom bereits vergessen – oder nicht richtig verstanden. Ist in ihr nämlich nicht gerade die Rede von Frieden und Versöhnung zu hören gewesen. Anscheinend ist die Erwartungshaltung gegenüber diesem Papst aus Schwarzafrika so groß, dass man ihn am liebsten schon zu Beginn seines Pontifikats auf ein Heiligenpodest stellen möchte.“
Carlo di Gasparini, Chef der Katholischen Glaubenskongregation, behält, wie gesagt, seine ketzerischen Gedanken in bestimmten Kreisen für sich. Womit er übrigens keineswegs der Einzige ist. Lediglich in seinen eigenen vier Wänden legt er sich keinen Maulkorb an.
„Zu einem Heiligen scheinen weder Aufrufe zu Kampf, aktivem Widerstand, noch gar zu Blutvergießen zu passen“, meint auch Monsignore Barillo, als beide im Speisesaal eines römischen Hotels sitzen.
„Was wiederum nur beweist, mein lieber Giuseppe, wie wenig die Menschen über Kirchengeschichte Bescheid wissen! Sonst wäre ihnen bekannt, dass viele ‚Heilige’, sofern sie den höheren Chargen der weltlichen oder kirchlichen Hierarchie angehörten, Blut an ihren Händen hatten. Manche sind sogar buchstäblich darin gewatet“, behauptete der Kardinal gegenüber seinem Adlatus Giuseppe Barillo, als beide am nächsten Tag ein spätes Mittagsmahl zu sich nehmen. Vor ihm kann er sich offen äußern, ohne Gefahr zu laufen, dass der Monsignore ihn verpetzt.
Trotz der Verschiedenheit beider Männer überwiegen bei dem Untergebenen die Gefühle von Ergebenheit und Zuneigung. „Es bleibt mir in der Tat ein Rätsel, warum gerade Obembe, dieser bis dato nicht besonders durch zündende Ideen und zielführende Vorschläge zum Frieden oder zu sonst irgendetwas Erfreulichem aufgefallene Kardinal, als Papst auf einmal so riesige Hoffnungen auf sich vereinigt. Aber so eine provokante Frage stellt auch niemand – zumindest nicht laut! Auch ich halte mich mit Kritik wohlweislich zurück!“
„Sicher scheint nur Folgendes“, wirft Giuseppe Barillo ein: „Die Mehrheit der Menschen aller Rassen, Religionen und Weltanschauungen hat inzwischen genug von Intoleranz, Aufstachelung zu Krieg, zu Mord und Totschlag ‚im Namen Gottes’. Die meisten sind der vielen törichten Hasspredigten überdrüssig – genauso wie der ständigen Verunglimpfung und Diffamierung Andersdenkender.
Allmählich scheint auch der Dümmste zu bemerken, dass all das Gehetze nicht weiterbringt und die eigenen bescheidenen Lebensumstände um kein Jota verbessern hilft!“
„Vielleicht ist das auch mit ein Grund, weshalb man weltweit seine geharnischte, diplomatisch ausgedrückt, wenig von Klugheit geprägte Antrittsrede gar nicht weiter kommentiert hat“, vermutet Carlo di Gasparini, während er Barillo beobachtet, der wie immer beim Essen ordentlich zulangt – ohne jemals auch nur ein Gramm an Gewicht zuzunehmen. Beneidenswert.
„Es ärgert mich immer noch, dass es als Reaktion auf Leos ‚Kriegspredigt’ keinen empörten Aufschrei gegeben hat. Da habe ich mir doch zumindest heftigen verbalen Widerstand erwartet!“
* * *
Sooft er künftig in den Räumlichkeiten des Heiligen Vaters verweilt, hält der Kardinal sich bewusst etwas im Hintergrund und widmet sich lieber dem herrlichen Rotwein, den Schwester Monique eigenhändig in die Pokale einzugießen pflegt.
Die Nonne hat ihre schönen schwarzen Augen überall; niemals entgeht ihr, wenn ein Gast auf dem Trockenen sitzt. Während er seine dunklen, etwas wässrigen Äuglein wohlwollend über die Gestalt der Nonne gleiten lässt, macht sich ein Gefühl von Neid in seinem Herzen bemerkbar: ‚Warum nur hat dieser Kerl so ein unglaubliches Glück? Für ein solches Weibsbild als Geliebte würden manche ‚normal veranlagte’ Kleriker sogar morden …’
Wie ein Schatten gleitet sie an di Gasparinis Seite, ganz so, als habe sie es gespürt, dass seine Gedanken ihr gelten und versorgt ihn lächelnd erneut mit dem köstlichen Getränk aus dem Burgund, das der Papst nur ganz besonderen Gästen gönnt. Normalerweise werden am Tisch des Pontifex Weine aus Südafrika kredenzt – gewiss auch sie köstliche Tropfen.
Kurz darauf bemüht sich Schwester Monique erneut um den Kardinal, indem sie ihm auf einer Silberschale vorzügliches Mandelgebäck aus Florenz anbietet. Erneut mustert der ältliche Prälat die rassige Schwarze: ‚Die ‚Fürsorge’ so einer ‚Schwester’ ließe ich mir auch gerne auf Dauer gefallen …’
Obwohl natürlich nicht alle Anwesenden den gleichen Standpunkt wie der Papst vertreten – egal, zu welchem Thema er sich äußert – provoziert Leos Rede anscheinend niemals jemanden zu offenem Widerspruch.
‚Vielleicht ist es tatsächlich so, dass ein echter Konsens des friedlichen Miteinanders aller denkenden Individuen der Spezies homo sapiens gar nicht möglich ist’, denkt der Kardinal mit einer gewissen Ernüchterung, während er verzückt das Bouquet des edlen Weines einatmet. ‚Die Menschheit braucht anscheinend Krisen, Konflikte und Gewalt – und das Geschrei nach Frieden ist lediglich ein Wunsch, der im Grunde gar nicht in Erfüllung gehen soll!’
Diesen Gedanken möchte Kardinal Carlo di Gasparini demnächst mit seinem Sekretär besprechen. Obwohl er Monsignore Barillo nicht immer mit dem ihm zustehenden Respekt behandelt – im Gegenteil! – schätzt er seinen Intellekt doch sehr hoch ein.
Nachdem sich die Gäste des Heiligen Vaters verabschiedet haben, gesteht Papst Leo seiner Geliebten Monique, er selbst habe eigentlich mit einem gewaltigen Echo seiner Antrittsrede im Petersdom gerechnet. Nebenbei gesagt hatte ihm Schwester Monique von dieser Predigt eindringlich, aber leider vergeblich, abgeraten … Sie hatte noch nicht einmal ihre Koffer ausgepackt, als Leo XIV. schon ihren Rat, eigentlich ihre Zustimmung, erbeten hatte.
Als er diese nicht erhielt, die Nonne im Gegenteil entsetzt war über die aggressive Wortwahl, war Seine Heiligkeit eingeschnappt gewesen. Monique hatte sich ihre Ankunft im Vatikan eigentlich anders vorgestellt gehabt … Immerhin haben sie miteinander geschlafen.
Der Heilige Vater scheint das bereits vergessen zu haben, so distanziert, wie er sich ihr gegenüber immer noch gibt. Zum ersten Mal beschleicht sie eine leise Ahnung, es könne sich zwischen ihnen seit seiner Wahl zum Papst etwas Entscheidendes geändert haben. ‚Wollte er womöglich gar nicht, dass ich ihm nach Rom folge?’, überlegt sie mit einer Mischung aus Sorge, Selbstmitleid und Verbitterung. ‚Es wäre fairer gewesen, mir das rechtzeitig zu sagen!’
Leo XIV. ahnt nichts von den Gedanken, die auf seine Geliebte einstürmen. „Ich erhoffte mir ein leidenschaftliches Pro und Kontra, voll aufgewühlter Emotionen, deren Spektrum sich von frenetischer Zustimmung bis zu hysterischer Ablehnung erstrecken sollte.
Stattdessen, ma Chère: Nichts dergleichen! Nur sehr höfliche Zurkenntnisnahme, im Höchstfall lauwarme Zustimmung sowie Lob für eine ‚maßvolle und exzellente Formulierung’.
Das war keineswegs das von mir gewünschte Ergebnis. Dass ich brillant zu predigen verstehe, weiß ich selbst. Das mangelnde Echo auf meine allererste Predigt als Papst ist für mich ziemlich ernüchternd gewesen.“
Monique schenkt ihm zwar höflich Gehör, weiß aber ebenfalls keine Antwort darauf. Im Übrigen ist sie mit ihren Gedanken ganz woanders: Ihr schon seit frühen Mädchentagen geliebter Maurice hat sich zweifellos verändert.
‚Ob es der ungewöhnliche Stress ist, den er bisher als Kardinal nicht gewöhnt war?’, fragt sie sich gerade. Das würde sie zwar sehr bedauern, aber es wäre immerhin eine Erklärung, die sie nachvollziehen könnte. Sie überlegt, wie und inwieweit man Leo entlasten könnte, um ihm – und ihr – das bisher gewohnte einträchtige Miteinander wieder zu ermöglichen.
Augenblicklich sind sie nämlich weit davon entfernt, ein Liebespaar zu sein, so wie sie es seit fünfundzwanzig Jahren immer gewesen sind: In der zehnten Nacht, die seiner Wahl zum Pontifex folgte, als sie im Vatikan eingetroffen ist, hat er das letzte Mal mit ihr geschlafen; seither hat er sie nicht mehr angerührt. Das ist jetzt beinahe schon einen ganzen Monat her …
Dass der Status „Petrusnachfolger“ plötzlich impotent mache, davon hat sie noch nie gehört. ‚Soweit erstreckt sich nicht einmal die Wirkung des Heiligen Geistes, der angeblich bei jeder Kür des Kardinalskollegiums mitmischt’, denkt sie und muss unwillkürlich lächeln. Weder sie noch der neue Heilige Vater glauben an derlei „Kindereien“, wie Maurice es immer genannt hat.
Monique hat sich zwar im Großen und Ganzen ihre Religiosität bewahrt: Sie liebt Gott und Jesus, verehrt Maria und ein paar Heilige, hält treu zur Institution Kirche und hat Respekt vor dem höchsten Kirchenamt sowie den heiligen Sakramenten. Maurice hat es lediglich geschafft, sie vom naiv-kindlichen Glauben an so vieles, was die Kirche zu tun und zu glauben verlangt, zu befreien.
‚Mein Liebster wird doch wohl nicht ernsthaft krank sein?’
Dieser Gedanke, der ihr plötzlich durch den Kopf schießt, macht ihr im ersten Augenblick Angst, ehe sie ihn jedoch als absurd beiseiteschiebt: Es gibt kaum einen Mann, der mit Anfang fünfzig noch so ein Kraftpaket und geradezu ein Ausbund an Gesundheit ist wie ihr Maurice.
‚Ob ich mich jemals an den Namen ‚Leo’ gewöhnen werde?’, fragt sich die schöne Nonne.
Vermutlich nicht. Aber das wird keine Rolle spielen, denn vor Fremden wird sie ihn, wie alle anderen das auch tun, mit „Eure Heiligkeit“ und mit „Heiliger Vater“ ansprechen. In ihren intimen Stunden wird er für sie aber immer „Maurice, mon amour“, und „Chéri“ bleiben. Falls es endlich wieder zu solchen Annäherungen kommen sollte …
‚Vielleicht ist es an der Zeit’, überlegt sie ein klein wenig verschämt, ‚dass ich mich von mir aus etwas ‚ins Zeug lege’, um ihn zum Sex zu animieren – etwas, das ich bisher noch nie habe tun müssen …’
„Du zeigst mir den Pfad zum Leben. Vor Deinem Angesicht herrscht Freude in Fülle.“
(Psalm 16, 11)
‚Vielleicht wäre es auch nicht verkehrt, seinen Leibarzt, diesen kenianischen Doktor Anoussinte zu bitten, sich Maurice einmal genauer anzusehen’, überlegt Schwester Monique ernsthaft.
Einesteils widerstrebt es ihr, den von ihr immer als eingebildet und überheblich empfundenen Mediziner, der jedoch einen hervorragenden Ruf als Arzt genießt, zu kontaktieren; andererseits erhofft sie sich Klarheit über den Gesundheitszustand ihres Geliebten.
Ohne lange zu überlegen, sucht sie bei nächster Gelegenheit Doktor Erneste-Philippe Anoussinte auf. Vorläufig hat er seine Wohnung noch im päpstlichen Palast. Es fehlte ihm bisher die Zeit, sich nach etwas Passendem umzuschauen; andererseits weiß er, dass der Heilige Vater es sehr schätzt, seinen „Medizinmann“, wie er ihn scherzhaft nennt, in seiner unmittelbaren Nähe zu haben. Obwohl geradezu strotzend vor körperlicher Fitness, neigt sein illustrer Patient nämlich zur Hypochondrie.
Wie erwartet ist der Leibarzt leicht verstimmt über ihr Ansinnen, etwas Intimes über seinen Patienten preiszugeben. Außerdem würde er es doch als Erster wissen, falls mit Seiner Heiligkeit etwas nicht in Ordnung wäre …
‚Wer ist hier der Mediziner?’, scheint sein arroganter Gesichtsausdruck zu fragen. ‚Ich weiß selbst am besten, wann eine Untersuchung Seiner Heiligkeit Sinn macht und wann nicht!’
Aber Schwester Monique lässt sich nicht beirren. Scheinbar nur um die penetrante Person loszuwerden, sagt Anoussinte schließlich zu, den üblichen Gesundheitscheck des Heiligen Vaters zeitlich vorzuziehen; jedoch nicht, ohne hinzuzufügen, ihre Besorgnisse für absurd zu halten. „Selten habe ich einen gesünderen Patienten betreut“, gibt er ihr mit auf den Weg.
Zwei Tage später ist es soweit. Leo XIV. lacht bloß, während der Doktor ihm den Blutdruck misst und seinen Brustkorb abhorcht, um Herzfrequenz und Lungenfunktion zu überprüfen.
„Ich habe mich nie besser gefühlt, mein Lieber“, behauptet er und der Arzt versichert ihn seiner Zufriedenheit. Zusätzlich zu seinem täglichen Fitnessprogramm empfiehlt er ihm ein paar Dehnungsübungen und schickt sich an, den Heiligen Vater zu massieren.
Während der Massage lässt er sich von Papst Leo mit Ergüssen über Politik, Religion und Kirche berieseln. Das ist dem Doktor ganz recht: So kann er seinen Atem sparen und erfährt ganz nebenbei noch einiges über Obembes Familie, was er bisher noch nicht wusste – und außerdem Neues über die augenblickliche Gedanken- und Gefühlswelt seines Patienten.
Der übliche Monolog seines Patienten plätschert so dahin; auf einmal hört der Arzt genauer hin. Ganz langsam beginnt er sich leicht unwohl zu fühlen. Dieses Gefühl verstärkt sich sogar noch etwas, ohne dass er vorerst genau zu definieren vermag, was es im Einzelnen ist, das ihn plötzlich aufhorchen lässt. In der Tat, manches klingt in den Ohren des Leibarztes sogar befremdlich.
Nun ist es ja nicht so, dass Erneste-Philippe Anoussinte so naiv wäre, zu glauben, allein die Tatsache, dass sein Patient Papst ist, bringe es mit sich, dass dieser besonders fromm und gläubig oder überhaupt ein guter Mensch sein müsse. Darüber kann jeder, der sich dafür interessiert, in der langen Geschichte der Päpste nachlesen … Er würde reichlich fündig werden, über brutale Egozentriker, Sadisten, Geisteskranke, Verbrecher aller Art bis hin zum Massenmörder: Alles ist vertreten in der illustren Schar der Heiligen Väter.
Aber was Leo XIV. in lässigem Plauderton gerade von sich gibt, irritiert den Arzt und macht ihn ziemlich nachdenklich.
Eines steht fest: Physisch ist der Heilige Vater in Topform; was allerdings seine Psyche anbelangt – das wird er als verantwortlicher Leibarzt genauer im Auge behalten müssen. Irgendetwas scheint ihm da womöglich gerade außer Kontrolle zu geraten.
Es existiert das Arztgeheimnis und Schwester Monique wird er natürlich nichts davon verraten. Und nicht nur aus einem Gefühl der Animosität heraus, wie sie vielleicht irrtümlich annehmen mag; sondern um ihr keine Angst einzujagen und damit ihr künftig im Vatikan mit Sicherheit äußersten Strapazen ausgesetztes Nervenkostüm zu destabilisieren. Leicht wird ihr Leben nämlich nicht werden – davon geht der Doktor aus. Das würde sich wiederum auf seinen Patienten negativ auswirken. Etwas, das er auf alle Fälle verhindern muss.
Eigentlich hätte er sie früher selbst gerne als Geliebte gehabt; aber das wird sie niemals auch nur im Entferntesten erahnen können und auch der Papst hat keine Ahnung davon. Anoussinte wird Monique im Gegenteil immer so behandeln, als verachte er sie im Grunde, als sei sie ihm lästig und von Herzen zuwider. Was so nicht stimmt: Mittlerweile ist sie ihm eher gleichgültig geworden.
Welchen Weg würde Leo XIV. einschlagen?
Den des friedlichen Konsenses, wovon die meisten, zumindest bis zu seiner denkwürdigen Predigt – und merkwürdigerweise danach immer noch –, ausgehen. Oder wird er sich tatsächlich als der konsequente Befürworter einer beinharten Auseinandersetzung erweisen, deren Ausgang natürlich nur in einem für die Kirche siegreichen bestehen dürfte?
Wobei letzteres von einer nicht ganz kleinen, aber im Moment noch stillen Minderheit der Hardliner erwartet, erhofft und geradezu herbeigesehnt wird …
KREUZZEICHEN
„ … und des Sohnes, …“
Nach Jahren und Jahrzehnten angeblicher und leider auch realer, punktuell immer aufs Neue aufflackernder „Glaubenskriege“ zwischen Christen und Moslems sowie zwischen Muslimen und Muslimen, ohne ein endgültiges Ergebnis, hat sich unter den einst Gewaltbereiten ein deutlich spürbarer Überdruss breit gemacht. Und zwar auf allen Seiten.
„Inzwischen sind, Allah sei gepriesen, die Selbstmordattentäter eines pervertierten Islam ausgestorben“, behauptet etwa ein hoher Imam an der Großen Moschee von Köln gegenüber Manfred Weidenmann, einem Starreporter und -moderator des ZDF, in einem zur besten Sendezeit ausgestrahlten Fernsehinterview.
Recht hat er! Kein vernünftiger junger Mensch ist noch, anders als beispielsweise noch vor zwanzig Jahren, ohne weiteres dafür zu begeistern, sein eigenes und das Leben anderer für eine irrwitzige, pseudoreligiös verschleierte Idee zu opfern.
Einer Wahnidee zumal, der überwiegend alte Männer des Islamischen Staates, kurz IS, zu huldigen schienen, während diese selbst gut geschützt aus der Deckung heraus Hetztiraden und todbringende Aufrufe gegen „die Ungläubigen“ unters ungebildete, dumpf-gläubige Muslimvolk streuten, die ihre meist sehr jungen männlichen Anhänger zu Tausenden das Leben kosteten – ganz abgesehen von einer Menge vollkommen Unschuldiger, die jeweils rücksichtslos und bewusst dem Verderben preisgegeben wurden.
Der bekannte Fernsehmoderator Weidenmann holt weiter aus:
„Während die Märtyrer des frühen Christentums sich wenigstens damit begnügt haben, allein oder mit ein paar Gleichgesinnten für ihre religiösen Überzeugungen den Weg des Martyriums zu beschreiten und freiwillig in den Tod zu gehen, ließen es sich die einstigen Allahu-akbar-Schreier angelegen sein, möglichst viele Ahnungslose mit ins Verderben zu reißen … Es handelte sich einfach um ‚religiös verbrämten Terror nur um des Terrors willen’.“
Da will der Imam, offenbar einer von der aufgeklärten Sorte, nicht widersprechen: „Es ist leider wahr, heimtückische Bombenattentate auf belebten Märkten, in Kaufhäusern, in ‚Fun-Parks’, auf Volksfesten, in Moscheen, bei Hochzeiten mit zahlreichen Gästen oder bei Bestattungen mit einer Vielzahl an Trauernden, sind ja leider schon Alltag gewesen!“
Der Moderator beendet den Beitrag mit folgenden Worten:
„Man kann durchaus von einer Pest des ausgehenden 20. Jahrhunderts sprechen, die bis in die Anfänge des 21. Jahrhunderts, ja, noch bis vor kurzem andauerte! Keiner vermag zu prophezeien, ob diese Seuche gänzlich ausgerottet ist oder ob sie nicht erneut jederzeit wieder ausbrechen kann. Es soll immer noch fanatische Anhänger des IS geben.
Man hofft und will nur allzu gern daran glauben, dass es durchaus Anzeichen dafür gibt, das Pontifikat Leos XIV. könne unter einem guten Stern stehen, zumindest was Verständigungsbereitschaft, Toleranz und Friedenswillen gegenüber allen anderen Glaubensgemeinschaften anbelangt!“
„Woher der Mann nur seinen Optimismus nimmt?“, mögen sich daraufhin einige, weniger Gutgläubige, gefragt haben …
Immerhin scheint man dem Papst aus Afrika allgemein zuzutrauen, auf die repräsentativen Vertreter anderer Religionen, vor allem des Islam, zuzugehen, um mit ihnen einen dauerhaften Frieden zu schließen. Und man scheint gar nicht zu bemerken, dass es hier bereits hakt: Wer sollen denn beispielsweise die „Repräsentanten des Islam“ sein? Es gibt sie doch überhaupt nicht.
Der Islam kennt keine vergleichbare hierarchische Gliederung wie man es vom Christentum, vor allem vom Katholizismus kennt.
Es gibt keine letzte Instanz, die für eine verbindliche, allgemeingültige Auslegung des Korans zuständig wäre; die Interpretationsmöglichkeiten der Imame und Mullahs eines jeden moslemischen Landes sind äußerst vielfältig – von den beiden einander ohnehin spinnefeind gesinnten Glaubensrichtungen der Schiiten und Sunniten einmal ganz abgesehen.
Nach Jahren der Resignation bei den großen christlichen Kirchen macht sich seit Leos Pontifikat erneut Hoffnung breit auf Restauration und vor allem göttlichen Beistand für den Bestand und die weltweite Verbreitung des katholischen Glaubens und der Institution Kirche überhaupt.
Da kann es schon mal passieren, dass man nicht immer so genau hinhört oder den Sinn des Gesprochenen ein wenig nach den eigenen Vorstellungen zurechtbiegt und uminterpretiert …
„Die Menschen hören in aller Regel zumeist nur das, was sie hören wollen!“, behauptet selbst Papst Leo. „Alles andere wird ausgeblendet. Zumal es mir doch ausgezeichnet gelungen ist, mich bei den Leuten durch eine ganz andere Aussage wieder als ‚guter Papst’ in Erinnerung zu bringen! Eine Binsenweisheit, die für alle Zeiten Gültigkeit zu haben scheint – und die nicht wenige Demagogen sich immer schon zu Nutze gemacht haben!“
Monique weiß genau, worauf ihr Geliebter anspielt. Nachdem das in früheren Jahren widerliche und ausgesprochen heikle Thema „Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche“ immer wieder hochgekocht war, war eine gewisse Zeit der Gemüterberuhigung eingekehrt. Aber neuerdings hatten sich wiederum Vorfälle ereignet, bei denen Priester erneut als Sexualstraftäter in Erscheinung getreten waren.
Ehrlicherweise musste Schwester Monique Seiner Heiligkeit zugutehalten, dass er, seit sie ihn kannte, stets mit großem Abscheu über diese Männer gesprochen hatte: „Absolut verwerflich sind solche Vergehen; zumal an unschuldigen Kindern!“
Als neulich wiederum derartige, auf keinen Fall zu billigende Taten an die Öffentlichkeit drangen, hatte Leo XIV. einen regelrechten Wutanfall bekommen. So außer sich hatten ihn Monique und sein Diener Paddy Lumboa lange nicht mehr erlebt.
Regelrecht explodiert war der Heilige Vater. Ausreden über „krankhafte Veranlagung“ dieser Täter ließ er nicht gelten.
„Wer so empfindet, hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, sich fachärztlich behandeln zu lassen! Wer nicht therapierbar ist, muss sich von Kindern und Jugendlichen fernhalten und gegebenenfalls sogar als Seelsorger zurücktreten!“
Außerdem forderte Leo XIV. strengste Bestrafung für überführte Täter – und zwar nach einem Prozess vor einem weltlichen Gericht – „und nicht bloß eine wachsweiche Abmahnung durch den jeweiligen kirchlichen Vorgesetzten und eine Versetzung an einen anderen Ort, wo diejenigen dann in aller Ruhe von Neuem ihr abscheuliches Tun weiterführen können!
Der Argentinier“ – gemeint war Jorge Bergoglio, alias Papst Franziskus – „hat zwar vor über zwanzig Jahren gegen diese scheinheilige Praxis opponiert und Besserung zugesagt, aber mittlerweile sind offenbar wieder die alten Verhaltensmuster lebendig geworden!“
Scharf griff er die betreffenden Bischöfe an: „Will sich denn keiner dieser Kirchenmänner an die Worte ihres angeblichen Gründers, Jesus von Nazareth, erinnern, der seine Verachtung für diese Art Täter, ohne Sexualverbrechen an Kindern gezielt zu benennen, folgendermaßen zum Ausdruck gebracht hat:
‚Wer einem dieser Kinder ein Leid zufügt, für den wäre es besser, man würde ihm einen Mühlstein um den Hals hängen und ihn in die Tiefe des Meeres versenken!’
Für diese Art Priester ist in der katholischen Kirche kein Platz! Natürlich rede ich nicht der Todesstrafe das Wort. Aber als ‚Seelsorger’ ist so ein Mann – solange es nicht gelingt, ihn von dieser unheilvollen Veranlagung zu befreien – wohl kaum geeignet! Und seine Schuld muss er auf jeden Fall, wie jeder andere Sexualstraftäter auch, in einem Gefängnis büßen!“
Nachdem sich diese Reaktion Leos in der Öffentlichkeit verbreitet hat, gewinnt er wiederum die Herzen derjenigen, die er bisher mit seinen Äußerungen verprellt, verunsichert oder gar abgestoßen hat.
„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
(Psalm 103, 2)
In einem Punkt zumindest irren die Menschen nicht: Der Papst verfolgt tatsächlich einen Plan. Und diesen auch schon über sehr lange Zeit. Schwester Monique weiß nur in etwa und leider auch nur sehr bruchstückhaft darüber Bescheid.
Der Schwur eines sechsjährigen Jungen auf dem sogenannten „Schwarzen Kontinent“ im Jahre 1894 ist bei Seiner Heiligkeit noch keineswegs vergessen. Wurde er in seiner Familie doch über mehrere Generationen tradiert. Einem einstmals geschundenen Volk sollte, wenn auch spät, Genugtuung verschafft werden für zugefügte Schmach. Diejenigen, die sich damals anmaßten, die Herren zu sein, später deren Erben, sollten zur Rechenschaft gezogen werden und dafür büßen, was ihre Vorfahren einst verbrochen hatten.
„Im ehemaligen Deutsch-Ostafrika ist bisher in dieser Richtung noch so gut wie gar nichts geschehen!“, bemängelt Papst Leo nicht zum ersten Mal. „Im Westen des Schwarzen Kontinents ist man ein kleines bisschen eher zur Sache gekommen – wenn auch nicht allzu nachdrücklich.
Immerhin hat man sich vor gut zwanzig Jahren zu einer eher halbherzigen Schadensersatzklage wegen des Genozids der Deutschen vor mehr als einem Jahrhundert durchgerungen. In Namibia reichten die Nachfahren der Völkermordopfer vor einem Gericht in New York Klage ein, nachdem sie sich endlich ein Herz gefasst hatten.“
„Wieso in Amerika?“, wundert sich Schwester Monique. „Was haben denn die Amerikaner damit zu tun – außer dass sie in ihrem eigenen Land selbst Sklavenhalter gewesen sind?“
„Nach einem entsprechenden Gesetz können in den USA Ansprüche von Ausländern geltend gemacht werden, auch wenn die Ereignisse nicht auf dem Boden der USA stattgefunden haben“, bekommen die Schwestern Monique, zweiundvierzig, und ihre Nichte Angélique, vierundzwanzig Jahre alt, zu hören.
Auch letztere eine Klosterfrau des Ordens der Kleinen Schwestern Jesu – und genauso wenig mit Leo XIV. nahe verwandt wie ihre Tante Monique … Die Ordensfrau Monique hatte ihre Äbtissin gebeten, ihre Nichte zu sich holen zu dürfen, um sich in der fremden Umgebung nicht so verlassen zu fühlen.
„Auch das heutige Namibia war einmal eine deutsche Kolonie. Bei Massakern am Volk der Herero und der Nama wurden zwischen den Jahren 1904 und 1908 mehr als einhunderttausend Menschen von den Deutschen getötet.“
So detailliert wussten das beide Frauen bisher nicht.
„Aber die Deutschen haben es immer verstanden“, fährt Leo XIV. fort, „entsprechende Forderungen nach Wiedergutmachung abzuschmettern und stattdessen die Nachfahren der Opfer mit lahmen und vor allem billigen Entschuldigungen abzuspeisen. Und auch das nur nach massivem psychologischem Druck – im eigenen Land übrigens …
Außerdem glaubte man, erst in Bonn, später in Berlin, durch das Gewähren von ‚großzügiger Entwicklungshilfe’ sei man sowieso aus jeder weiteren Verantwortung entlassen und vor finanziellen Regressansprüchen sicher.“
Aus jedem Wort, das der Heilige Vater zu diesem traurigen Themenkomplex äußert, spricht sein Groll über jene über Generationen hinweg tradierte ohnmächtige Wut der indigenen Bevölkerung. Zum Teil kann ihn Monique verstehen – aber eben nur zum Teil. Wie steht es mit der von Christen geforderten Vergebung? „So dich einer auf die rechte Wange schlägt, reich’ ihm auch die linke dar!“
Hatte sich nicht der Gründer ihrer Religion selbst in diesem Sinne geäußert? Für den Heiligen Vater scheint das keine Rolle zu spielen.
„Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes in Jesus Christus.“
(Römer 8, 38f.)
Über vieles kann Schwester Monique mit dem Heiligen Vater sprechen, nur nicht über ihr Intimleben, das zu ihrem Leidwesen nicht mehr stattfindet – immer noch nicht. Geschickt versteht es Leo, ihre diesbezüglichen zaghaften Versuche abzublocken und andere Themen anzuschneiden. Außerdem bittet er sie so gut wie nicht mehr, ihn am späten Abend in seinen Gemächern aufzusuchen …
Es kommt der jungen Frau allmählich vor, als sei für ihn das jahrelange intime Zusammensein mit ihr nur Mittel zum Zweck gewesen, quasi der Motor, der ihn angetrieben habe, um sein ehrgeizigstes Ziel zu erreichen: den Papstthron.
Nachdem er diesen errungen hat, scheint er diesen Motor nicht mehr zu benötigen. Für seine nunmehrigen Vorhaben, denen Monique, soweit sie davon, wenn auch nur lückenhaft, Kenntnis besitzt, scharf ablehnend gegenübersteht, bedarf Seine Heiligkeit offenbar anderer „Antriebsmaschinen“, als sie es ist.
‚Den größten Teil seiner kargen Freizeit verbringt Maurice nicht mehr mit mir, sondern mit afrikanischen ‚Freunden’, die er vorher nicht hatte, ja, meist nicht einmal gekannt hat’, muss sie enttäuscht erkennen. Eine Tatsache, die sie traurig macht, aber auch ein wenig wütend. Ausgesperrt und zunehmend übergangen fühlt sie sich; ja, im Grunde genommen als Betrogene.
Zu Anfang, während der Phase ihrer Eingewöhnung in Italien, plagte Monique zudem die Eifersucht auf die um etwa zwanzig Jahre jüngere Angélique, die sie doch selbst gebeten hatte, sie in „die Fremde“ zu begleiten. Sie überlegte bereits, wie sie ihrer jungen hübschen Verwandten den Aufenthalt im Vatikan wieder vergällen könnte, um die junge Nonne zu veranlassen, sich wegen „starken Heimwehs“ um die Rückkehr in ihr Kloster in Ghanumbia zu bemühen.
Bis Schwester Monique erkannt hat, dass sie sich gewaltig irrte, sind etliche Wochen vergangen, während denen sie Seine Heiligkeit und ihre Cousine mit Argusaugen beobachtete.
Jetzt weiß sie definitiv, dass weder von seiner noch von Angéliques Seite ein Interesse besteht, neben einem rein freundschaftlichen ein sexuelles Verhältnis zu beginnen.
* * *
Statt Zeit mit seiner schönen Geliebten zu verbringen, lässt es sich der Heilige Vater angelegen sein, im Tagebuch seines Vorfahren zu lesen. Der Text ist ihm zwar keineswegs neu, aber er empfindet bei der Lektüre eine gewisse Befriedigung: bietet sie ihm doch die Bestätigung der Recht- und Verhältnismäßigkeit seines Vorhabens …
Maurice Obembe, seine Mutter Mtaga, mit dem ihr von den neuen Herren aufgezwungenen „weißen“ Namen Elisa, seine Geschwister und die übrigen der Gruppe versteckten sich nach etlichen Wochen, Ende Juli 1894, am Rande des Urwalds wie waidwunde Antilopen im dichten Gebüsch.
Nach wie vor meidet Elisa die auf Lichtungen errichteten Dörfer sowie die Klöster. Sprüche wie aus einem „Römerbrief“, den ihr die Mönche vor Jahren ans Herz legten, der von der untrennbaren Liebe zu Gott sprach, empfindet sie mittlerweile als Hohn. Um solches nie mehr hören zu müssen, nimmt sie auch weite Umwege in Kauf.
Um das aufkommende Murren in der Gruppe zu unterbinden, hämmert sie den Erschöpften immer wieder aufs Neue ein: „Die Gefahr, von verängstigten Dorfältesten oder liebedienerischen Klosterbrüdern in vorauseilendem Gehorsam an die weißen ‚Herren’ verraten zu werden, ist nach wie vor sehr hoch, meine lieben Mitschwestern!“
Als sie verständnislose Blicke erntet, erklärt sie es mit einfachen Worten: „Wollt ihr riskieren, von den Weißen wieder eingefangen und versklavt zu werden? Nein? Also, dann mault gefälligst nicht, sondern nehmt eure Beine in die Hand und folgt mir nach!“
Papst Leo ist aufgewühlt und erregt. Ruhelos nimmt er die Wanderung in seinem Schlafzimmer wieder auf, vom Bett zu den Fenstern, zurück zur Tür, dann erneut zu den Fenstern, um in den Nachthimmel zu spähen. Der ist allerdings verhangen; kein Stern lässt sich blicken.
Er fühlt sich, als sei er selbst der sechsjährige Sohn Elisas, der als junger Mann seine Erlebnisse in der dritten Person niedergeschrieben hat. Er verspürt die nächtliche Kälte, die durch seine dünne Kleidung dringt, die Feuchtigkeit, die die dschungelähnliche Vegetation bei Nacht ausdünstet und er meint, die lauten nächtlichen Geräusche des Urwalds zu vernehmen. Vor allem hört er das Tappen nackter Füße oder das Patschen von den Sohlen primitiver Strohsandalen. Vor allem aber spürt er die Vibrationen des nachgiebigen Waldbodens, der unter den Tritten der Flüchtigen leicht zu schwanken scheint.
Abrupt beendet Leo das Auf- und Abgehen und sucht erneut sein Bett auf. Beinahe zwanghaft wendet der einsame schwarze Mann sich erneut der traurigen Lektüre zu.
KREUZZEICHEN
„ … und des Heiligen Geistes. Amen!“
Trotz aller Vorsicht werden die Flüchtigen, erschöpft von Angst, Schlafmangel, stechenden Insekten und quälendem Hunger, schließlich doch noch von schwarzen Soldaten der deutschen Kolonialmacht aufgespürt.
Rasch werden sie überwältigt, gefesselt und teilweise geknebelt. Man beschimpft und misshandelt sie mit Fußtritten und Ohrfeigen, auch ein paar sichtlich Schwangere. Vor allem die jungen Frauen und Mädchen laufen Gefahr, von den Soldaten der „Schutztruppe“ vergewaltigt zu werden, „nach gutem altem Siegerbrauch“, bei dem ganz selbstverständlich das Recht des Stärkeren gilt.
Normalerweise drücken die weißen Offiziere, sobald eine Schwarze geschändet wird, ein Auge zu oder schauen lieber gleich ganz weg. Nicht selten „reservieren“ sie auch die hübschesten Negermädchen für sich selbst …
Dieses Mal allerdings schreitet der militärische Vorgesetzte zum Erstaunen der Gefangenen und zur Enttäuschung seiner Soldaten dagegen ein.
„Lasst eure Finger von den Weibern! Ich dulde keinerlei Belästigungen von gefangenen Frauen und Mädchen. Bei Zuwiderhandlungen werde ich hart durchgreifen und die Täter streng bestrafen!“, bekommen die Männer zu ihrem Unmut zu hören.
Dieses Mal finden keine sexuellen Übergriffe statt und die Soldaten müssen den Gefangenen sogar die Knebel wieder abnehmen, worauf sofort lautes Jammern zu hören ist: Soll etwa das erbärmliche Häuflein der Unglücklichen, mit Stricken aneinandergefesselt, dorthin zurückgetrieben werden, woher es vor Tagen geflohen ist?
Gegen Ende der schier endlosen Treibjagd ist es Maurice so vorgekommen, als habe sich der bis zum Umfallen erschöpften Mütter und Frauen eine Art von freiwilligem Ergeben in ihr würdeloses Sklavinnenschicksal bemächtigt.
Die Frauen und ihre meist noch kleinen Kinder scheinen am Ende ihrer Kräfte angelangt zu sein. Die wenigen mit ihnen geflohenen Männer haben sich gleich zu Beginn der Flucht aus dem Staub gemacht, sozusagen im wahrsten Sinne des Wortes in die Büsche geschlagen und dadurch ihre durch die Kleinen gehandicapten Weiber feige im Stich gelassen.
In keinem einzigen Dorf, an dem sie in den vergangenen drei Wochen vorübergeschlichen sind, hat man die Flüchtigen aufgenommen, aus Angst vor den Besatzern; überall lauerte der Feind. Sie konnten von Glück sagen, dass man sie nicht umgehend an die Obrigkeit verraten, sondern ihnen gelegentlich ganz heimlich etwas zu essen zugesteckt hat …
Als Einzige unter den Frauen scheint Elisa sich noch nicht in das traurige Los einer Sklavin ergeben zu wollen. Mit betont ruhiger, jedoch fordernder Stimme verlangt sie von den feindlichen Soldaten, sie vor den befehlshabenden Offizier zu führen, da sie ihn unbedingt sprechen müsse.
Ihre stolze Miene, die so gar nicht zu ihrer erbärmlichen Erscheinung in der zerlumpten Kleidung zu passen scheint, sowie ihre aufrechte Haltung und der unerwartet befehlsgewohnte Ton, machen auf die schwarzen Soldaten und auf ihren preußischen Anführer, zu dem sie die Eingeborenenfrau schließlich führen, ziemlichen Eindruck.
Letzterer ist ein junger, erst vor kurzem nach dem Schwarzen Erdteil verpflichteter deutscher Leutnant, der sich noch ein gewisses Maß an „Afrikaromantik“ und vor allem seine Menschlichkeit erhalten hat und noch nicht wie die meisten anderen, bereits länger dienenden „Schutztruppler“ geartet ist, die an Desillusionierung, Frust, Überheblichkeit und Rassendünkel leiden – Befindlichkeiten und Charakterdefizite, die oftmals durch Trunksucht und latent schlummernde Brutalität noch verstärkt werden.
Infolgedessen ist er auch noch nicht angesteckt von der üblichen Blindheit gegenüber Ausbeutung, Menschenverachtung und der bei den Weißen häufig grassierenden Sklavenhaltermentalität.
Maurice, der seiner Mutter nicht von der Seite gewichen ist, vernimmt mit Stolz die Worte, die seine geliebte Mama an die Person richtet, von der allein in diesem Augenblick das Schicksal aller Gefangenen abhängt.
„Sollen unsere Entbehrungen, Gefahren und Ängste auf der Flucht vergebens gewesen sein, weißer Mann? Wir sind nicht aus Spaß geflohen, sondern um unmenschlicher Behandlung, körperlicher Züchtigung und Vergewaltigung zu entgehen! Immerhin sind auf unserer Flucht schon zwei Kleinkinder und eine ältere Frau den Strapazen erlegen“, berichtet Elisa.
‚Wie eine Königin steht sie vor dem fremden Eroberer’, denkt der sechsjährige Knabe und sein Herz fließt über aus Liebe zu ihr. ‚Sie redet ihn mit ‚weißer Mann’ an und nicht mit ‚Herr’ oder ‚Bwana’. Trotz der schäbigen Lumpen, die sie am Leib trägt, wirkt meine Mutter wie eine Prinzessin, wie eine Herrscherin – was sie in Wahrheit ja auch ist!’
Wird es Elisa Obembe gelingen, den preußischen Leutnant zu überreden, so dass er sich zumindest bereitfindet, sie und ihre Kinder sowie die übrigen Flüchtlinge – wenn schon nicht laufenzulassen – in der nächstgelegenen Missionsstation abzusetzen, anstatt sie der Rachsucht ihres bisherigen „Herrn“ und seiner widerwärtigen, hochnäsigen Ehefrau auszuliefern?
Die Besitzerin der Zuckerrohrplantage ist nämlich zu allem Übel auch noch krankhaft eifersüchtig und überwacht ständig ihren Ehemann, einen ehemaligen deutschen Kolonialoffizier, der in der Tat wie besessen hinter schwarzen Frauen her ist. Keine unter vierzig ist vor ihm sicher …
Aus Rachsucht lässt die Memsahib üblicherweise ihre Wut an den weiblichen Sklaven und oftmals an deren Nachwuchs aus; wobei sie Züge von Sadismus offenbart, die nicht selten sogar ihrem Ehemann zu weit gehen.
Ausgerechnet in einem Kloster abgeliefert zu werden, entspricht nicht gerade dem Wunschtraum Elisas; aber bei den Mönchen ist man zumindest seines Lebens sicher, wird in aller Regel nicht brutal verprügelt und läuft auch als Frau kaum jemals Gefahr, gegen den eigenen Willen missbraucht zu werden, so wie es den meisten anderen jungen Weibern in dienender Stellung durch weiße Herren ganz selbstverständlich widerfährt.
Die schwarzen Beischläferinnen der Klosterbrüder verrichten ihre Liebesdienste, sofern diese gewünscht werden, freiwillig, weil sie sich dann als „Ehefrauen“ der Mönche betrachten können und damit zufrieden sind, nicht schlecht behandelt, sondern gut versorgt zu sein; während auf den meisten Plantagen Missbrauch, Prügelstrafe, Demütigung und gnadenlose Ausbeutung an der Tagesordnung sind.
Nicht einmal große Hässlichkeit schützt die Ärmsten vor sexuellen Übergriffen ihrer weißen Besitzer. Von einem berühmt-berüchtigten Leutnant der deutschen Kolonialtruppen wird gar überliefert, er pflege von den „schwarzen Huren“ während er sie missbrauche, zu verlangen, die Röcke übers Gesicht zu schlagen, „um dabei ihre abstoßenden Negervisagen nicht sehen zu müssen …“
Während Elisa mit dem Leutnant verhandelt, kommt in dem kleinen Jungen die Erinnerung an ein schlimmes Ereignis hoch.
Maurice – zum damaligen Zeitpunkt war er knapp fünf Jahre alt – ist einmal Zeuge gewesen, wie ihr weißer Sahib – ein höherer deutscher Offizier mit Adelstitel, der sich nach Ablauf seiner regulären Dienstzeit mit seiner Frau wie viele andere ebenfalls als Zuckerrohrpflanzer versuchte – sich erlaubt hatte, seine Mutter sexuell zu bedrängen. Er hatte sie in der Scheune beim Stillen ihres zweitältesten Sohnes, seines damals dreijährigen Bruders überrascht.
Elisa pflegte, wie alle Frauen ihres Stammes, Kindern bis zum fünften Lebensjahr die Brust zu geben. Einem alten Volksglauben zufolge, sollte diese Praxis der Geburtenkontrolle dienlich sein.
Wie die Geburtenhäufigkeit der Eingeborenenfrauen hinlänglich bewies, war dieser „Kontrolle“ allerdings keine besondere Effizienz zu bescheinigen …
Maurice selbst wurde des Gestilltwerdens zwar nicht mehr teilhaftig, aber Henri musste sich noch mit der kleinen Greta die Muttermilch teilen.
Der deutsche Pflanzer zerrte an Elisas Baumwollrock, der dabei zerriss und begann, ihre dünne Bluse zu zerfetzen, da sie sich überraschend heftig zur Wehr setzte. Empört weigerte sie sich, sich auszuziehen und sich ihm freiwillig hinzugeben.
„Warte, du schwarzes Biest!“, hörte der kleine Maurice, der sich voller Angst hinter einem Bottich versteckt hatte, den Bwana toben. „Ich werd’ dir geben! Es ist mein gutes Recht, dass du die Beine jederzeit für mich breit machst, du dreckiges Luder!“
Wie ein bösartiger Hund hatte der Weiße mit offenstehender Hose, aus der sein erigierter Penis ragte, geknurrt und ihr einen Faustschlag gegen die Wange versetzt, ehe er nach der an der Scheunenwand hängenden Kiboko griff, jener gefürchteten Flusspferdpeitsche aus Krokodilleder, um Maurices geliebte Mama „Mores zu lehren“, wie der Sahib es wutschnaubend nannte.
Bei der Kiboko handelte es sich um eine fürchterliche, in aller Regel grässliche Fleischwunden verursachende Waffe, die dazu diente, aggressive Flusspferde abzuwehren; Tiere, denen in Afrika mehr Menschen zum Opfer fielen als Krokodilen oder Löwen.
Maurice hatte zwar gewusst, dass seine hochgewachsene Mutter Elisa stark und auch sehr mutig war. Aber die Schnelligkeit und vor allem die wilde Entschlossenheit, mit der sie erst ihren kleinen Sohn ein Stück abseits auf den Boden setzte, ehe sie wie eine Leopardin auf ihren „Besitzer“ zusprang, ihm blitzschnell das unter Umständen sogar tödliche Züchtigungsinstrument entriss und stattdessen ihn mit dessen Stiel verprügelte, bis er, schreiend vor Schmerzen und fluchend vor ohnmächtiger Wut, zu Boden ging:
Das nötigte dem kleinen Jungen gewaltigen Respekt ab! Niemals hat Maurice den geradezu unwirklich anmutenden Anblick vergessen: Elisa mit gespreizten Beinen, die der zerfetzte Rock bis zu den schlanken muskulösen Oberschenkeln frei gibt, die Peitsche mit erhobenem Arm in der Luft schwingend, blickt wie eine wilde Rachegöttin nieder auf den Gedemütigten, dessen Glied sich inzwischen längst klein und schlapp im Hosenschlitz verkrochen hat, und stellt ihm mit bemerkenswert ruhiger Stimme ein Ultimatum.
„Du kannst es dir jetzt aussuchen, weißer Mann: Entweder du schwörst mir beim Leben deiner eigenen kleinen Tochter, dass du es nie mehr wagen wirst, gegen mich oder einen der Meinen auch nur die Hand zu erheben – oder ich schlage dich augenblicklich tot wie eine Ratte!
Aber vorher“ – nicht einmal Maurice hat gesehen, woher sie das scharfe Fischmesser, das sie zwar immer bei sich trug, jetzt so urplötzlich hervorgezaubert hat – „würde ich dich noch von deiner verfluchten Männlichkeit befreien! Als Vergeltung für die vielen Übergriffe, die du dir bisher gegen meine schwarzen Schwestern geleistet hast!“
Blitzschnell greift Elisa ihm zwischen die Beine und umfasst grob seine Hoden.
„Deine Eier im Futtertrog der Schweine: Das würde denen mit Sicherheit gut gefallen!“
Unwillkürlich beginnt der Bwana zu wimmern und um Gnade zu betteln. Nach einer Weile lockert Elisa ihren Griff.
Dem damals Fünfjährigen ist bei den schrecklichen Worten seiner Mutter der Mund vor Schreck offen stehen geblieben. Der dreijährige Henri, der bei dem Geschrei des Plantagenbesitzers fürchterlich erschrocken ist und, als der weiße Mann seine Mutter mit der Faust schlug, zu weinen begonnen hat, versteht noch nicht, worum es eigentlich geht.
Bei Maurice verhält es sich anders. Der Fünfjährige begreift sehr wohl, was der Bwana von Elisa gewollt hat. In den beengten Sklavenunterkünften kriegen es auch die jüngeren Kinder mit, wenn Männer und Frauen sich „näherkommen“. Aber das geschieht in aller Regel in beiderseitigem Einvernehmen …
Was seine Mutter gerade wagte, mag zwar bewundernswertes Heldentum sein, grenzte jedoch an hellen Wahnsinn, darüber gibt es für den kleinen Maurice keinen Zweifel.
Natürlich wird der weiße Mann den geforderten Schwur jetzt leisten und, nachdem Elisa von ihm abgelassen und er sich von dem Schreck erholt hat, sie zur Strafe durch seine Helfershelfer auf der Plantage umbringen lassen. Und ihn und seine Geschwister gleich mit …
Bestimmt ist sich dessen auch Elisa bewusst. Während der Pflanzer noch den Schwur herunterleiert, steckt sie das Messer in den Bund ihres zerfetzten Rocks, hebt ihren kleinen Sohn Henri von der Erde auf, schiebt sich die Kiboko unter einen Arm und stolziert hoch erhobenen Hauptes aus der Scheune, in der das geerntete Zuckerrohr lagert, bis es abgeholt wird.
Erst draußen lässt sie achtlos das verabscheuungswürdige und verhasste Züchtigungsinstrument mitten auf den Weg fallen.
Wie durch ein Wunder waren damals keine neugierigen schwarzen Arbeiter bei dem lauten Getümmel herbeigerannt, wie sie es sonst immer taten, sobald etwas auf der Pflanzung die übliche Routine unterbrach.
Bereits als sie ihren Herrn hatten kommen sehen, waren sie blitzartig in ihren Hütten verschwunden. Sie ahnten wohl, dass der Sklavenhalter plante, sich mit einer der ihren, dieses Mal mit ihrer ungekrönten Königin, der Häuptlingsfrau Elisa, zu „vergnügen“, die kurz zuvor die Scheune betreten hatte.
Normalerweise suchte der Herr die Lagerhalle für das Zuckerrohr nur auf, wenn der Aufkäufer nach der Ernte kam, um mit ihm den Preis auszuhandeln. Aber das war bereits vor zwei Tagen geschehen. Besuche außer der Reihe konnten nur eines bedeuten …
Und bei einem „Rendezvous“ schätzte der Bwana es erfahrungsgemäß überhaupt nicht, gestört zu werden. Zitternd vor Angst, aber doch unendlich stolz auf Elisa, war Maurice ihr hinterhergelaufen. Diese Begebenheit würde er niemals aus dem Gedächtnis verlieren. Im Gegenteil: Er würde dafür Sorge tragen, dass auch seine Nachkommen davon erfuhren.
CONFITEOR; AKT DER AUFRICHTIGEN REUE
„Herr, ich habe gesündigt! In Demut und Reue bekenne ich meine Sünden!“
(Eingangsworte des bußwilligen Sünders an seinen Beichtvater)
Auch jetzt, ein Jahr später, während der dramatischen, aber nur halb erfolgreichen Flucht, ruft Maurice sich im Geiste immer wieder das damals Erlebte zurück; schenkt es dem kleinen Jungen doch die Hoffnung, seine starke und mutige Mutter werde einen Weg finden, um sie alle zu retten und nicht erneut in die Hände ihres Feindes fallen zu lassen.
In dieser Situation betet der Junge in seiner Verzweiflung sogar zum lieben Jesus, er möge dafür sorgen, dass sie alle ein bestimmtes, sehr versteckt liegendes Dorf am Fluss Rungwa erreichen könnten, welches Elisa ausgesucht hat, um bei entfernten Verwandten in Sicherheit zu sein.
Der schreckliche Vorfall in der Zuckerrohrscheune hätte damals eigentlich der endgültige Startschuss der längst geplanten Flucht von der Plantage des deutschen Ehepaares sein sollen. Noch in derselben Nacht wollten Elisa sowie ein Großteil der übrigen Sklaven sich im Schutz der Dunkelheit davonmachen.
Allerdings wurde daraus nichts, denn der halbtot geprügelte Pflanzer hatte noch die Energie besessen, seine Wachtposten in besondere Alarmbereitschaft zu versetzen. Sie mussten sämtliche Schwarze in ihre Hütten treiben und fesseln und durften sie während der nächsten Tage keinen Augenblick lang aus den Augen lassen.
Zu essen bekamen die schwarzen Arbeiter fast eine Woche lang nichts. Möglich war dies, weil die schwere Arbeit der Zuckerrohrernte bereits vorüber war, das Rohr in Stücke geschnitten und die fertigen Bündel abholfertig in der Scheune lagerten.
Zur allgemeinen Verblüffung der Gefangenen verzichtete ihr für gewöhnlich unwahrscheinlich strenger und brutaler Eigentümer darauf, sich aus Rache an ihnen schadlos zu halten. Die Schwarzen konnten es lange Zeit nicht glauben, so relativ ungeschoren davonzukommen. Dass sie in Sippenhaft genommen wurden, mit allen unangenehmen Konsequenzen in Form von fürchterlichen Prügeln, falls einer der ihren sich gegen den „Herrn“ auflehnte, war üblich. Die Rache des Bwanas musste und würde erfolgen …
Nichts dergleichen geschah. Sogar Elisa, die „Täterin“, ließ man erstaunlicherweise in Ruhe. Was oder wer immer auch den Plantagenbesitzer zu dieser Haltung bewogen hatte, erfuhren sie nie. Auch dass der Bwana es künftig unterließ, sich an seinen schwarzen Farmarbeiterinnen zu vergehen, blieb ein ungelöstes Rätsel. Die Vergewaltigungen übernahmen ab jetzt seine weißen Aufpasser, aber hauptsächlich die schwarzen, die allesamt aus anderen Teilen Afrikas stammten.
Eine bewährte Methode: So hielt man es auch mit der Auswahl der Askaris, den schwarzen Angehörigen der bewaffneten deutschen „Schutztruppe“, die, zumindest in den ersten Jahren, niemals aus dem Gebiet stammten, in dem sie eingesetzt werden sollten. So unterbanden die Kolonisatoren Gefühle von Sympathie und Solidarität mit den Geschundenen und Ausgebeuteten …
Für die nach wie vor brutalen Strafaktionen bei den geringsten Vergehen oder banalsten Nachlässigkeiten war nach dem Eklat mit Elisa die in Kürze bei allen Farmarbeitern wie der Teufel persönlich gefürchtete und verhasste Memsahib zuständig.
Die war im Übrigen schlauer als ihr Ehemann: Niemals blieb sie während einer der Züchtigungen, die sie immer persönlich vornahm, mit ihren Opfern alleine. Mindestens zwei Helfer pflegten sie, die in Kürze als „weiße Hexe“ Verschriene, während ihrer Prügelorgien zu flankieren und zu beschützen. Das Beispiel ihres mit der Nilpferdpeitsche traktierten Gatten diente ihr anscheinend als Warnung.
Die Flucht der Schwarzen vom weitläufigen Gelände der Pflanzung am Sansibar-Kanal, zwischen Daressalam und Kibaha gelegen, damals zwar fürs Erste aufgeschoben, war jedoch keineswegs aufgehoben.
Vor drei Wochen, etwa ein Jahr nach dem Vorfall mit Elisa, hat man es also erneut ernsthaft versucht. Dass jetzt selbst der zweite Anlauf zum Scheitern verurteilt zu sein scheint, bedeutet, nachdem man schon so weit gekommen ist, kurz vor Nijinjo am Fluss Matandu, für die Betroffenen eine kleine Tragödie.
Sollten sie jetzt an den deutschen Pflanzer und die „weiße Hexe“ ausgeliefert werden, würde es dieses Mal möglicherweise ihren Tod bedeuten. Ein weiteres Mal von „minderwertigem Negervolk“ zum Narren gehalten zu werden, würde der Stolz ihres Bwanas, vor allem aber der seiner Memsahib, aller Voraussicht nach nicht verkraften.
Die Anzahl und die verheerenden Folgen der wahrscheinlich zur Strafe verabreichten Hiebe mit der gefürchteten Kiboko will sich keine der gefassten Frauen auch nur andeutungsweise vorstellen.
Darum will Elisa es wagen, sich völlig ihrem Häscher anzuvertrauen, diesem jungen, gut aussehenden deutschen Offizier, der sichtlich beeindruckt ist von ihrem Aussehen, ihrem Mut und nicht zuletzt von ihrer gewandten Ausdrucksweise.
„Du hast es tatsächlich geschafft, Frau, ihn mit seiner eigenen Peitsche zu verbläuen?“, fragt der Leutnant sie mit großen Augen. Als Elisa seelenruhig bejaht, bricht er in wieherndes Gelächter aus.
„Du bist mir ja vielleicht eine! Eine ganz Schlimme, wie mir scheint!“ Aber er sagt es mit hörbar bewunderndem Unterton.
„Ich habe es auch für meine kleinen Kinder getan“, erklärt Elisa ihm mit sittsam niedergeschlagenen Augen. „Er wollte mich, eine arme hilflose Witwe, die ihm schutzlos ausgeliefert ist, vor ihren Augen schänden!“
„Deine Güte und Liebe umgeben mich an allen kommenden Tagen; in deinem Haus darf ich bleiben mein Leben lang.“
(Psalm 23, 6)
Das wiederum erscheint dem jungen Offizier, der sich sichtlich „fremdschämt“ und knallrot anläuft, da er sich offenbar noch ein Gefühl für Anstand, Recht und Gesetz bewahrt hat, so verwerflich, dass er sich bereit erklärt, sie und die Ihren nicht ihrem „Besitzer“ auszuliefern, sondern sie stattdessen der Obhut der frommen Benediktinermönche zu übergeben, deren Missionsstation sich nicht allzu weit entfernt und zum Glück weitab der betreffenden Zuckerrohrplantage befindet. Dass der weiße Pflanzer sie dort jemals aufspürt, ist nahezu ausgeschlossen.
„Und wenn doch, werden die Brüder eure Auslieferung an ihn zu vereiteln wissen. Dafür kann ich dir garantieren, Elisa“, verspricht ihr der Offizier zum Abschied.
Damit haben Elisa und ihre Anhänger zwar nicht ganz das erreicht, was sie ursprünglich mit ihrer Flucht bezweckt haben, nämlich Uhuru; ein großes und unsagbar wertvolles Gut: Ihre Freiheit.
Was nun im Tagebuch seines Vorfahren festgehalten ist, kennt Leo XIV. nur zu gut.
Immerhin kann Maurices Mutter froh sein, nicht das schreckliche Schicksal Jagodjas teilen zu müssen, einer hübschen Eingeborenen. Sie hatte das Pech, gezwungenermaßen die Beischläferin Carl Peters’ zu sein. Alle Schwarzen in diesem Teil Ostafrikas kennen die abscheuliche Geschichte.
Im August 1891 erfuhr dieser Unmensch, „kaiserlicher Reichskommissar für die Bezirke Kilimandscharo, Paré und Usambara“, dass das Mädchen auch eine Liebesbeziehung zu seinem schwarzen Diener Mabruk pflegte. Peters ließ Mabruk umgehend hinrichten, nachdem ein von ihm ohne jegliche Legitimation gebildetes „Standgericht“ das Urteil, das er forderte, ohne Zögern ausgesprochen hatte.
Jagodja war die Flucht gelungen zu einem Anführer des Wachagga-Stammes. Als der Mann Carl Peters’ Forderung nach Auslieferung seiner Bettgenossin ablehnte, begann der kaiserliche Reichskommissar damit, die Hütten der Wachaggas durch Askaris, jene schwarzen Elitesoldaten der Deutschen, niederbrennen zu lassen.
Da gab der Häuptling schließlich nach und überließ ihm die Geflohene. Worauf Jagodja ebenso wie ihr Geliebter Mabruk auf Geheiß des „Gründers von Deutsch-Ostafrika“ von einem von Peters wiederum gesetzwidrig einberufenen „Schnellgericht“ zum Tod verurteilt und gehängt wurde. Carl Peters verfügte ab dieser Zeit über den Beinamen „Hänge-Peters“ …
Da würde es Elisa Obembe und den Ihren bei den frommen Mönchen doch vergleichsweise gut gehen.
* * *
„Die auf den Herrn blicken, werden strahlen, und ihr Angesicht wird nicht beschämt.“
(Psalm 34, 6)
Kardinal Carlo di Gasparini aus Padua hat immer noch schlechte Laune. Sogar noch eine schlechtere als gewöhnlich. Und wie üblich wird er sie an seinem geistlichen Mitbruder, Adlatus, Sekretär, Berater, was auch immer, Monsignore Giuseppe Barillo, auslassen. Der ist daran gewöhnt und versteht es zumeist, rechtzeitig in Deckung zu gehen und abzuwarten, bis das Unwetter sich verzogen hat.
Dieses Mal sind allerdings die Aussichten, sich den sprunghaften und unberechenbaren Stimmungen seines Dienstherrn komplett zu entziehen, ausgesprochen eingeschränkt. Den Anlass für das andauernde Missvergnügen kennt Monsignore Barillo natürlich auch: Das Pontifikat Leos des Vierzehnten.
Es wird sich vermutlich ewig lange Zeit hinziehen, wenn man das Alter und den geradezu beängstigend guten Gesundheitszustand sowie die körperliche Fitness des neuen Pontifex berücksichtigt.
Der Kardinal ist immerhin zehn Jahre älter als Obembe, längst nicht in so guter physischer Verfassung und sieht seine Felle, den andern auf dem Papstthron noch rechtzeitig ablösen zu können, davonschwimmen.
Flugs hat er ihm auch einen Spitznamen angehängt: In vertrautem Kreise nennt er ihn „Leo Africanus“, wobei er die von Biologen und Zoologen benützte Bezeichnung für die Spezies des afrikanischen Löwen verwendet. Nun handelt es sich bei dieser Raubkatze bekanntermaßen um den „König der Tiere“ und so könnte die Bezeichnung eigentlich ein Ehrentitel sein.
Aber so, wie der Kardinal sie verwendet, ist sie nichts weniger als das: Er möchte damit das Animalische des Pontifex zum Ausdruck bringen, seine Primitivität und Unberechenbarkeit und nicht zuletzt dessen Triebhaftigkeit, wofür für ihn die Anwesenheit der Nonne Monique ein beredtes Zeugnis ablegt …
„Ohne zu zögern traue ich ihm eine Amtszeit von mindestens dreißig, eher noch von vierzig Jahren Dauer zu“, verkündet er grämlich einem jeden, der es hören will.
Folglich entschließt sich Giuseppe Barillo lediglich dazu, den frustrierten Purpurträger, der selbst zu gerne Papst geworden wäre, auf etwas hinzuweisen, was in den päpstlichen Gemächern vor sich zu gehen scheint. Vielleicht vermag ihn das von seiner herben Enttäuschung ein klein wenig abzulenken.
„Sehen Sie nur, Exzellenz, was diese Kerle da zu den Räumen unseres Heiligen Vaters schleppen! Einen Tresor!“
„Wie meinen Sie das, Monsignore?“ Dass er ihn mit seinem Titel anspricht, beweist seine „ungnädige“ Stimmung.
Der Kardinal, wie immer unbändig neugierig, späht mit aller Vorsicht durch die dünnen Vorhänge im Büro des kleinen Appartements im Vatikan, das er zu Arbeitszwecken benutzen darf. Daheim in Padua, einer Stadt, wonach er immer noch Heimweh hat, residierte er natürlich in einem Palais …
Die Gardinen aufzuziehen wagt er nicht, um etwaigen Beobachtern nicht als unziemlich „wissbegierig“ zu erscheinen. Alsbald stößt er einen leisen Pfiff aus.
„Donnerwetter noch mal! Geradezu ein Mordsteil ist das. Soweit ich weiß, gibt es in den Gemächern des Papstes doch einen Safe für Briefe und geheime Dokumente. Wozu dann noch ein zusätzlicher Tresor? Besitzt er solche Unmengen an Schwarzgeld? Wozu gibt’s die Vatikanbank? Hat das bisher dem schwarzen Urwaldbewohner noch keiner verraten?“, rätselt er höhnisch und politisch vollkommen unkorrekt.
„Und überhaupt: Warum denn noch richtiges Geld? Oder sollte es sich gar um Dossiers über seine Kontrahenten und Feinde handeln?“
„Vielleicht allerhand Interessantes aus Ghanumbia, der Heimat Seiner Heiligkeit, Exzellenz?“
Um den Kardinal gnädiger zu stimmen, bietet der Monsignore ihm an, sich genauer danach zu erkundigen. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn er nicht herausfinden könnte, welcher Inhalt sich in dem Ding verbirgt, den zwei kräftige schwarze Kerle, die aussehen wie Schwerathleten, nur mit Mühe transportieren können.
„Ja, Giuseppe, tu das! Und zwar pronto! Schau dir das an: Anscheinend hat unser neuer Heiliger Vater sein eigenes Dienstpersonal aus Afrika mitgebracht! Bin mal gespannt, wie viele krausköpfige Kardinäle er demnächst zusätzlich zu den bereits vorhandenen noch ernennen wird!“
Beim letzten Satz senkt er um ein weniges die Stimme. Die Wände haben überall Ohren und Plaudertaschen gibt’s auch in seinem direkten Umfeld. Der Kardinal wendet sich vom Fenster ab und schüttelt mit einem spöttischen Gesichtsausdruck den Kopf.
„‚Black is beautiful!’ Der saudumme Spruch war mal im vergangenen Jahrhundert ein bekanntes Schlagwort und feiert jetzt ausgerechnet im Vatikan fröhliche Urständ! Bitte sehr, von mir aus!“, tönt er gespielt großmütig und lässt sich erneut auf seinem Schreibtischsessel nieder.
„Soll unser ‚Leo Africanus’ ruhig mal zeigen, was er als Ober-Seelenhirte so draufhat! Sobald sich die Mitgliederzahlen unseres Vereins drastisch erhöhen, werde ich der Erste sein, der sein Loblied anstimmt“, meint er salopp.
Aber das hört sein neunundfünfzigjähriger Adlatus, der ganz leise die Tür hinter sich schließt, schon nicht mehr. Er ist froh, der Nähe seines übellaunigen Chefs für eine gewisse Zeit entronnen zu sein.
Das mit dem Loblied-Singen würde er ihm sowieso nicht abnehmen; schließlich kennt er den Kardinal seit langem. Dafür ist dessen Frust über die kläglich verlorene Papstwahl viel zu tief sitzend und immer noch zu offensichtlich.
„Er sollte sich mal vor Augen führen, dass bei einer solchen Wahl immer der Heilige Geist mitwirkt! Und ganz offensichtlich war diese ‚Dritte Person Gottes’ der Meinung, Carlo di Gasparini verdiene es nicht – aus welchen Gründen auch immer – zum Oberhaupt der Christenheit gekürt zu werden!“, murmelt Barillo vor sich hin und muss sich ein spöttisches Grinsen verkneifen.
Der Monsignore ist froh darüber, dass Kardinal di Gasparini ihn wieder duzt und mit „Giuseppe“ anspricht – ein Zeichen, dass er ihn in der nächsten Zeit nicht mehr als Blitzableiter für seine Riesenenttäuschung missbrauchen wird. Wahrscheinlich erst wieder demnächst – und dann die vielen nächsten Jahre über …
Im Stillen seufzt Giuseppe Barillo.
‚Obwohl der Kardinal doch nicht ernsthaft überrascht sein konnte!’, überlegt er wohl zum hundertsten Mal verärgert. ‚Genau wie alle anderen Konklave-Teilnehmer muss auch er gewusst haben, dass dieses Mal irgendein Farbiger das Rennen machen wird und keinesfalls ein Italiener’, grollt der Monsignore insgeheim, während er die kleine Wohnung di Gasparinis verlässt, um ein bisschen spionieren zu gehen. Er möchte selbst zu gerne wissen, welchen Inhalt der geheimnisvolle Safe birgt.
‚Aber wahrscheinlich wissen die schwarzen Kerle, die das riesige Teil schleppen, selbst nicht, was drin ist.’
In der Tat hat sich Kardinal Carlo di Gasparini einen anderen Ausgang des Konklaves gewünscht! Obwohl ihm natürlich die Gerüchte über die mögliche Wahl eines absoluten Außenseiters zu Ohren gekommen sind.
Und selbstverständlich sind die Forderungen nach einer Erneuerung der Kirche auch ihm nicht unbekannt gewesen (die hört man schon seit Jahrzehnten, wenn auch vergeblich) und noch weniger die damit verbundene Erwartung, die wahlberechtigten Kardinäle würden dieses Mal keinen Europäer, sondern einen Asiaten zum „Brückenbauer“ wählen.
‚Und das auch nur, weil man den Europäern nicht mehr die nötige Kraft und Entschlussfreudigkeit zutraute, die dringend notwendige Erneuerung der Kirche effektiv anzupacken! Dabei wäre ich doch der am besten geeignete Kandidat gewesen!’, stellt er im Stillen verdrießlich fest.
‚Aber die Überlegung: ‚Falls es wiederum – erwartungsgemäß – schiefgeht, trifft’s wenigstens keinen von uns!’, ist auch nicht völlig von der Hand zu weisen …’, meint er dann zynisch. ‚Es ist doch allemal leichter, einem Farbigen die Schuld zuzuweisen, wenn’s mit der Kirche weiter abwärts geht.’
Was im Vorfeld so alles gemunkelt worden war, war Kardinal Gasparinis Meinung nach nur mehr oder weniger substanzloses Gerede gewesen und, wie er geglaubt hatte, nicht wirklich ernst zu nehmen.
„Ich bin immerhin ein bekannter Kirchenmann, ein berühmter Moraltheologe, habe etliche kluge Bücher über den Glauben im Katholizismus verfasst, bin Italiener, zudem Vorsitzender der ‚Glaubenskongregation’, eine direkte Nachfolgerin der Heiligen Inquisition, und verfüge über ein äußerst solides Netzwerk innerhalb der Kirche“, hatte er sich gegenüber Freunden geäußert, die ihn vor allzu großer Sorglosigkeit gewarnt hatten.
Wobei es einigen vielleicht nicht so sehr als Empfehlung erscheinen mochte, dass er so penetrant auf die berüchtigte, entsetzliche, sogenannte „heilige“ Inquisition abgehoben hatte …
Jedenfalls hat es für ihn so ausgesehen, dass sein Einfluss im Konklave allemal ausreichen werde, um zum Papst gekürt zu werden. Seine geistlichen Gesprächspartner, die er bereits einige Zeit vor der Wahl nach und nach einzeln beiseite genommen hatte, um sie in seinem Sinne zu instruieren, haben auch alle brav genickt, sobald er „zum Punkt gekommen“ ist und ihm zugesichert, die nächste Papstwahl in seinem Sinne zu entscheiden.
Obembes Name ist übrigens, wie er sich schmerzlich erinnert, bereits kurz nach dem Ableben des bisherigen Oberhaupts der katholischen Kirche auf den Fluren des Vatikans herumgegeistert. Aber nur ganz leise und in der Konsistenz am ehesten vergleichbar mit einer wabernden Nebelschwade, die sich gleich darauf wieder verflüchtigte.
Nichts weiter als eine interessante Vorstellung, die nicht eines gewissen Charmes entbehrte. Aber mehr auch nicht. Wer hatte denn ernsthaft den gut aussehenden Sonnyboy aus Afrika als papabile auf dem Schirm gehabt?
Nicht wenige haben ihm in die Hand hinein versprochen, mit allen möglichen Farbigen leicht fertig zu werden. „Im Vatikan bestimmen immer noch wir Alteingesessenen!“, hatten sie vollmundig behauptet. Selbstverständlich hatte er sich darauf verlassen.
Und nun dieses ebenso lächerliche wie schandbare Ergebnis. Der erboste Kardinal vermag es nach etlichen Wochen immer noch nicht zu fassen. „Verräter sind meine Kardinalskollegen allesamt und elende Feiglinge dazu! Vor dem katholischen Fußvolk und dessen dubiosem Verlangen nach einem Exoten sind sie eingeknickt!“
Flüchtig geht dem Kardinal durch den Sinn, dass der Einzige, auf den er seit Jahren bedingungslos vertrauen kann, sein Adlatus Giuseppe Barillo ist. Ausgerechnet der Mann, den er oft ziemlich mies behandelt …
Ja, einen kurzen Augenblick lang empfindet di Gasparini sogar so etwas wie Reue darüber, den Monsignore schon mehrmals als „Watschenmann aus dem Wiener Prater“ missbraucht zu haben.
Aber der Moment der Einsicht verfliegt ebenso schnell wieder, wie er aufgetaucht ist. Schlechtes Gewissen und Gefühle des Bedauerns über eigene Verfehlungen gehören nicht unbedingt zum Repertoire des Kardinals.
Di Gasparini beschließt, mit zwei befreundeten hohen Geistlichen, einem Deutschen und einem Italiener, ernsthaft darüber zu sprechen, wie es überhaupt zu dem Debakel hat kommen können. Seit der Papstwahl sind inzwischen beinahe vier Monate vergangen und eigentlich müsste es jetzt möglich sein, sine ira et studio darüber zu debattieren.
Mit aller gebotenen Vorsicht natürlich, denn eigentlich ist es nicht gestattet, überhaupt Interna des Konklaves zu besprechen, auch nicht mit Betroffenen und noch viel weniger mit Nichtteilnehmern. Wenngleich das Verbot nicht mehr ganz so streng gesehen wird.
Er selbst hegt die Vermutung, man habe seinen enormen Einfluss auf italienische Politiker und sein politisches Gewicht als schwerreicher und mächtiger Industriellenabkömmling befürchtet und damit natürlich eine enge Verflechtung mit dem Großkapital.
Definitiv kennt er sogar die Namen derjenigen, die auch ihm eine allzu große Nähe zur immer noch und wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit existierenden italienischen Mafia zur Last legen.
Dio mio! Natürlich kennt er etliche Paten der „Ehrenwerten Gesellschaft“, die sehr viel Gutes in ihrem Leben getan haben. Zum Beispiel reichlich Geld spenden für die Ärmsten der Armen …
Unwillkürlich muss er bei dem Gedanken grinsen. Das zugunsten der Mafia zu gewichten, ist ungefähr so bizarr, als würde man Adolf Hitler von seinen Verbrechen exkulpieren, weil er doch immer so rührend liebevoll zu „Blondie“, seiner Schäferhündin, gewesen ist.
Aber das hauptsächliche Hemmnis für seine Wahl zum Pontifex, was er selbst allerdings als pure Verleumdung weit von sich weist, ist in Wahrheit seinem zugegebenermaßen erzkonservativen und kompromissunfähigen Charakter geschuldet.
Die große Mehrheit des ebenfalls nicht gerade als „modern“ verschrienen Kardinalskollegiums hält ihn insgeheim, oder auch ganz offen, für extrem konservativ, für traditionalistisch und hartherzig; ja, für geradezu fanatisch rückwärtsgewandt und unbarmherzig streng in seinen Ansichten, was die Lebensführung katholischer Gläubiger und die Ausrichtung der Kirche insgesamt anbelangt.
„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“
(Psalm 103, 2)
Damit geht der Kardinal konform mit dem Malteserorden, der seinen Sitz in Rom hat, in einer malerisch auf dem Aventin, einem der sieben Hügel Roms, gelegenen, vornehmen Villa. Die Malteser sind in erster Linie bekannt als ersthelfende Sanitäter, die mit Blaulicht zu Unfallorten rasen.
Doch von humanitären Einsätzen für andere oder von kultivierten Umgangsformen ist bei ihm – im 11. Jahrhundert in Jerusalem als „Johanniter Ritterorden“ gegründet und ab 1530, als man sich auf Malta ansiedelte, zu „Malteser Orden“ umbenannt – durchaus nicht immer die Rede.
In der jüngsten Vergangenheit flammten immer mal wieder Machtkämpfe auf, bei denen nicht selten sogar die Autorität des jeweils amtierenden Papstes infrage gestellt worden war. Besonders rieben sich die Ordensoberen an Papst Franziskus, einem Argentinier und ehemaligen Jesuitenmönch. Immer ging es dabei um Souveränität, Gehorsam, um Ernennungen von Kardinälen und unter anderem um – Kondome.
Deren Verwendung stieß bei den Maltesern auf heftigen Widerstand, selbst zur Verhinderung von HI-Viren; und das päpstliche Schreiben „Amoris Laetitia“ über Ehe und Familie von eben diesem Franziskus fand absolut nicht ihr Wohlgefallen.
Befürchteten sie doch auch eine Aufweichtendenz bezüglich der strikten Sanktionierung von katholischen Scheidungswilligen. Papst Franziskus, von ihnen verächtlich „argentinischer Sozialarbeiter“ betitelt, hatte immerhin einen nachsichtigeren Umgang mit Geschiedenen signalisiert. Ein absolutes No-Go in den Augen des Malteserordens.
Kardinal di Gasparini gilt, wenngleich kein Angehöriger des ehemaligen Ritterordens, ebenfalls als Hardliner. Für sogenannte „Erneuerungen“ und gar Erleichterungen für verirrte Schäflein ist in seinem Denken kaum ein Platz.
Also auch kein Pardon für Geschiedene und Wiederverheiratete, was den Empfang der Sakramente anbelangt, keinerlei wie auch immer geartete Geburtenkontrolle (außer der Enthaltsamkeit, was verständlicherweise nicht so gut bei den Gläubigen ankommt) und unter gar keinen Umständen einen Schwangerschaftsabbruch – gleichgültig, wie die Zeugung des neuen Lebens zustande kam.
Selbst eine Vergewaltigung kann, nach seiner Ansicht, eine Abtreibung niemals rechtfertigen. Die Gefühle und das Elend der betroffenen Frau interessieren ihn dabei nicht.
Das vorgeburtliche menschliche Leben gilt es unter allen Umständen zu schützen; was „nachher“ mit ihm passiert, darum schert der gestrenge Purpurträger sich weniger. Falls die Lebensumstände, in die das „schützenswerte Leben“ hineingeboren wird, es bedingen, dass es beispielsweise den allzu frühen Hungertod erleidet, dann ist das eben Gottes Wille gewesen.
Zusammengenommen alles Standpunkte, die verhindern, dass sich erneut Menschen für die Kirche interessieren.
„Damit gewinnt man heute keinen Zulauf und die noch Verbliebenen drohen auch noch davonzurennen.“ „Die katholische Kirche wird irgendwann zu einer x-beliebigen Sekte mutieren.“
Bis zum Überdruss hat sich di Gasparini diese Argumente von renommierten Theologen bereits anhören müssen, was allerdings seine harte Haltung um kein Jota verändert hat.
KYRIE ELEISON! CHRISTE ELEISON!
KYRIE ELEISON!
„Gott, unser Herr, erbarme dich unser! Christus, erbarme dich unser!
Herr, erbarme dich unser!“
Wenn’s nach Carlo di Gasparini ginge, würde während der Messe wieder wie einst das alte Latein seinen über viele Jahrhunderte angestammten Platz einnehmen und der Priester mit dem Rücken zur Gemeinde den Dienst am Altar verrichten …
„Warum soll es von Vorteil sein, wenn die ungebildete Masse versteht, was der Geistliche sagt und warum soll er sich von den Laien so genau auf die Finger schauen lassen?“, fragt er seinen Adlatus Barillo.
‚Und womöglich den Überdruss von deinem Gesicht ablesen!’, denkt sich dieser insgeheim. Einer der von Gasparini wegen des Wahlausgangs zur Rede gestellten Kollegen, Kardinal Paolo Piccolomini, aus dem Erzbistum Mailand, erklärt ihm rundweg, unter seinem Pontifikat habe man befürchten müssen, die Kirchenaustritte würden noch weiter ansteigen. „Und das haben wir Kirchenväter keinesfalls riskieren können!“, sagt er ihm eiskalt ins Gesicht.
Diese Auskunft schmerzt Carlo di Gasparini zutiefst; überrascht ihn allerdings nicht wirklich. Sein bester Freund, Ewald Klausmann, der Kardinal von Köln, behauptet ja auch, die Zeit sei einfach reif, ja, sozusagen überreif gewesen, für einen Papst der schwarzen oder gelben Rasse.
„Sogar eine ehemalige Sklavenhalternation, nämlich die USA, haben sich schon vor beinah dreißig Jahren zwei Wahlperioden lang einen schwarzen Präsidenten geleistet. Allzu viel konnte der zwar nicht ausrichten oder gar verändern – dafür haben schon die erzkonservativen weißen Republikaner durch ihr stereotypes Veto gesorgt!
Aber immerhin hat Barack Obama es damals vermocht, einiges Gute anzustoßen, was man zum Teil erst heute nach der langen Zeit erkennen kann, obwohl sein höchst umstrittener republikanischer Nachfolger Donald Trump alles Mögliche unternommen hat, um die sozialen Reformen seines Vorgängers, wie etwa eine Krankenversicherung für alle Bürger, erneut auszuhebeln.
Und unsere verehrte Mutter Kirche, mein lieber Freund Carlo“, fügt er mit erhobenem Zeigerfinger belehrend hinzu, „rechnet bekanntlich nicht nach Jahren oder Jahrzehnten, sondern denkt in Jahrhunderten! Je nachdem, wie schnell der Neue die Probleme anpackt und wie lange Leo XIV. am Ruder sein wird, desto stärker wird sich das in der ferneren Zukunft auswirken. Wenn auch vielleicht erst in hundert oder mehr Jahren.“
„Na, wenn du Recht hast, Verehrtester“, trompetet di Gasparini, „wollen wir hoffen, dass der neue Heilige Vater die Probleme nicht wiederum wird schleifen lassen. Falls es wirklich so lange dauern sollte, bis sich etwas ändert, gibt es nämlich keine nennenswerte Ecclesia mehr, die davon profitieren könnte. Bestenfalls wird sie dann noch eine x-beliebige Glaubensgemeinschaft unter vielen sein, vergleichbar einer Sekte wie den Sieben-Tage-Adventisten.
Erinnere dich, bitte, an seine erste zündende Rede im Petersdom, Ewald! Was ist dem bisher gefolgt? Na? Gar nichts! Als ich ihn vor einiger Zeit so habe reden gehört, war ich fast geneigt, mich mit seiner Wahl anzufreunden. Aber seitdem herrscht sozusagen Ruhe im Schiff, nachdem die heiße Luft draußen ist“, drückt der Kardinal aus Padua sich wie immer reichlich salopp aus.
Ehe di Gasparini jedoch weitersprechen kann, flicht der deutsche Kardinal, Ewald Klausmann, schnell ein: „Schau, Carlo! Seien wir doch ehrlich: Wenn wir heute eine Kirche noch mit Leuten füllen wollen, bedarf es keiner Heiligen Messe, sondern wir müssen weltliche Konzerte anbieten, eine Lesung eines beim Publikum beliebten Autors oder die Aufführung eines modernen Theaterstücks!“
„Ja, Ewald, das ist mir durchaus bewusst!“
Kardinal di Gasparinis Gesicht ist mittlerweile rot angelaufen; er leidet unter hohem Blutdruck und sobald er sich auch nur im Geringsten aufregt, ähnelt sein üblicherweise blasser Teint dem Aussehen einer reifen Tomate.
„Und ihr alle habt tatsächlich geglaubt, diese Fehlentwicklung ausgerechnet durch die Wahl Obembes bremsen oder gar verhindern zu können? Welch unglaubliche Naivität! Sobald das erste Überraschungsmoment vorüber und die anfängliche Euphorie über den ‚Exoten im Vatikan’ verflogen ist, wird alles so weitergehen wie bisher, Ewald. Das jetzige Verhalten dieses Papstes weist doch genau in diese Richtung. Er wird um kein Jota von der Linie seiner kreuzlahmen Vorgänger abweichen.
Aber die Kirche wird nicht dadurch attraktiver werden, indem man die göttlichen Gebote aufweicht oder die kirchlichen Vorschriften außer Kraft setzt und Schlagersänger, Musiker und Schauspieler in den Kirchen agieren lässt, sondern indem Priester mit Autorität die sündigen Menschen beherzt an die Hand nehmen und sie – und sei’s auch oftmals gegen deren Willen – unbeirrt auf den rechten Pfad führen.
An die Brust soll er sich schlagen, der reuige Sünder, und bekennen, gesündigt zu haben: ‚Herr, erbarme dich unser, Christus erbarme dich unser, Herr erbarme dich unser!’ Erst nach Reue, Bußfertigkeit und Vergebung darf er den Herrn lobpreisen.“
Di Gasparini redet sich jetzt förmlich in Rage.
„Dazu bedarf es als wirksamer Hilfsmittel nicht weichgespülter, psychologieverseuchter Verständnisbekundungen für verwundete Seelchen von sogenannten ‚modernen’ Seelsorgern, sondern strenger Anweisungen des Klerus, deutlicher Verbote, klar verständlicher kirchlicher Anweisungen ‚von oben’.
Nicht zu vergessen die Verheißung der Vergebung für den reuigen Sünder, der umkehrt und Buße tut, sowie der Ankündigung empfindlicher Strafen im Falle von Zuwiderhandlungen. Der gute alte Teufel und die Hölle dürfen nämlich keineswegs ausgedient haben.“
Sein Freund, Kardinal Ewald Klausmann versucht, seinen Wortschwall ihn zu bremsen. „Dann muss dich doch das neueste Statement unseres Kirchenoberhaupts bezüglich der Kinderschändungen durch Geistliche sehr erfreut haben! Da war nichts mehr von ‚Weichspülung’ oder gar ‚Verständnis’ für die Sexualstraftäter zu spüren.“
Schwer atmend muss Carlo di Gasparini sich setzen, ehe er darauf antwortet. „Pah! Kinkerlitzchen!“, wischt er Klausmanns Einwand barsch beiseite. „Das Zweite Vatikanische Konzil hat uns doch auf dramatische Weise bewiesen, welcher Art die Früchte sind, die wir jetzt ernten müssen, als Konsequenz aller Nachgiebigkeit und der um sich greifenden Aufweichtendenzen: zahlreiche Kirchenaustritte, viel weniger Kindstaufen, weil die Heranwachsenden später, welch ein Humbug!, selbst entscheiden sollen, ob sie überhaupt Christen sein wollen. Wenn ich das schon höre! Und das im christlichen Europa. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Ich behaupte: Der Glaube muss bereits im Kleinkind angelegt werden, damit er sich tief einwurzelt in der Seele des Betreffenden. Damit ist gewährleistet, dass es dem Getauften später um ein Vielfaches schwerer fallen wird, der Kirche den Rücken zu kehren. Die kindlich-naive Erinnerung wird sich in ihm regen und ihm immer wieder die angenehmen Augenblicke gemütvoller Erlebnisse wie die folkloristischen Feste Weihnachten und Ostern vor Augen führen.“
Carlo di Gasparini schnappt nach Luft.
Freund Ewald Klausmann beginnt sich jetzt ernsthaft um seinen Kardinalskollegen zu sorgen. Wenn der so weitermacht, könnte ihn tatsächlich noch der Schlag treffen. Aber so leicht gibt di Gasparini nicht auf.
„Des Weiteren erleben wir einen besorgniserregenden Rückgang bei den Priesterweihen und kaum noch Eheschließungen vor dem Altar. Ja, mittlerweile legen viele nicht einmal mehr Wert darauf, christlich beerdigt zu werden. Wozu noch ein Geistlicher am Grab? Ein bezahlter und vorher genau über gewünschte Lobhudeleien instruierter Redner vom Begräbnisinstitut tut’s doch auch … Schöne Aussichten, Ewald. Willst du das tatsächlich?“
Der deutsche Kardinal weiß nicht recht, wie er darauf reagieren soll. Natürlich will er das nicht …
„Schau“, fährt der Italiener beinahe verzweifelt fort: „Die Heiligen Väter, die einst Johannes XXIII. nachgefolgt sind, haben zwar zum Teil die Talfahrt der Kirche ein wenig gebremst, aber aufgehalten hat den Erdrutsch letztlich keiner. Ich als Papst hätte es zumindest mit aller Macht versucht. Was Leo Africanus bestimmt nicht tun wird. Seine allererste Predigt ließ mich noch hoffen, aber außer viel heißer Luft ist da nichts gewesen. Addio, Sancta Ecclesia!“
„Diese Schwarzmalerei beziehst du ohne weiteres auf unseren neuen Heiligen Vater, Carlo? Wer sagt denn, dass er in der Zukunft tatsächlich so ein Weichei sein wird, mein Freund?“, gibt Ewald Klausmann zu bedenken. „Warten wir doch erst einmal ab und reden in einem oder zwei Jahren erneut darüber. Dann werden wir alle vielleicht ein Stück weit klüger sein, nicht wahr, Carlo?“
Und um dem Ganzen etwas von der Schärfe zu nehmen – und den Freund vor einem möglichen Herzinfarkt zu bewahren – schlägt er dem anderen vor, nun gemeinsam die Oratio zu verrichten, das Tagesgebet.
Der einstige Studienkollege des Kardinals von Padua, Ewald Klausmann, in diesem Monat dreiundsechzig Jahre alt, zum Oberhirten des Erzbistums Köln ernannt und derzeit in Rom auf Erholungsurlaub (die Lage in Köln ist, nun ja, schwierig, könnte man es vorsichtig ausdrücken), sowie sein cholerischer italienischer Amtsbruder breiten die Arme aus, wie sie es auch jeden Tag am Altar zu tun pflegen, wenn sie mit ausgestreckten Armen Jesus am Kreuz nachahmen und damit zum Ausdruck bringen wollen, alle Menschen an ihr Herz zu ziehen.
„Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“
(Johannes I, 4. 16)
„Einfach skandalös und lächerlich!“
Wütend knallt der aus Neapel stammende Kurienkardinal Ettore di Logelli-Branca sein Smartphone auf den Tisch in seinem prächtigen römischen Appartement mit großer Dachterrasse, nahe der Engelsburg.
Was er da wieder in den „sozialen Netzwerken“ lesen muss, widert ihn regelrecht an: Ein skandalöser Starkult samt höchst fragwürdiger Lobhudeleien hat sich in kürzester Zeit um die Person des Heiligen Vaters entwickelt; beinahe so, als ginge es um einen Hollywoodstar …
Der von etlichen hohen Geistlichen nach wie vor geradezu als schweres Übel empfundene Wahlvorgang in der Sixtinischen Kapelle, der der Kirche einen „Schwarzen“ zum Papst beschert hat, schlägt insgeheim in Rom immer noch hohe Wellen.
Bei Kurienkardinal di Logelli-Branca haben sich seine engsten Vertrauten eingefunden, hohe Geistliche aus europäischen Ländern, von denen die meisten allerdings, im Gegensatz zu ihm, bei einer Papstwahl nicht stimmberechtigt sind.
Im Grunde ihres Herzens sind sie alle Traditionalisten, die die Meinung vertreten, ein „anständiger“ Papst müsse gemäß der guten alten Tradition immer ein Italiener sein. Die letzten drei „Ausreißer“, ein Pole, ein Deutscher und ein Argentinier hätten weiß Gott gereicht. Der letzte, immerhin ein Sizilianer, hatte zwar keinen Schaden angerichtet, aber ein Gewinn für die Institution Kirche war auch er keineswegs gewesen. Bestenfalls war er als „unbedeutend“ einzustufen; außerdem hatte er nicht allzu lange den Papstthron besetzt, da der Herrgott dem Argentinier extrem viele Lebensjahre beschert hatte.
„Und was hat man jetzt? Leo XIV. ist die absolute ‚Krönung’ des Desasters, in dem die Kirche sich seit langem befindet“, lautet Logelli-Brancas ehrliches Urteil, das er allerdings nur sich selbst eingesteht.
Zuerst muss der Kardinal das in den Augen seiner Freunde ebenfalls verstörende Wahlergebnis irgendwie rechtfertigen – was ihm erst nach einer Weile so halbwegs zu gelingen scheint. Ist er doch selbst immer noch über den Ausgang der Wahl verstört. Schließlich schwört der Kardinal sogar, als einer der ganz wenigen nicht für Obembe gestimmt zu haben …
„Wie zum Teufel konnte das erlauchte Gremium denn zu dieser geradezu sittenwidrigen Entscheidung gelangen?“ Das fragt ein hoher amerikanischer Geistlicher irischer Abstammung ganz gerade heraus. Man ist ja schließlich „unter sich“. (Manche flüstern hinter vorgehaltener Hand, der ehrenwerte Reverend sei ein Förderer, wenn nicht sogar Mitglied des Ku-Klux-Klans …)
Diese existenziell enorm wichtige Frage treibt die anwesenden Herren allesamt um, auch wenn sie nicht jeder so drastisch wie der Amerikaner formuliert.
Nach den zahlreichen geheimen Vorgesprächen unter den italienischen Kardinälen galt es doch als ausgemacht, dass man auch dieses Mal dem Drängen von Laien und vieler „modern eingestellter“ Geistlicher nicht nachgeben wolle, sondern wie bisher, wenn es denn schon kein Italiener sein solle, wenigstens einem Papst mit weißer Haut den Vorzug geben werde.
„Die Kirche bedarf keines farbigen Revolutionärs, sondern eines behutsamen europäischen Erneuerers“, war allgemeiner Konsens in ihren Kreisen gewesen. Und in geradezu unanständiger Eile hatte dann trotz allem das betrübliche Ergebnis festgestanden …
„Ich sehe schwarz für die Zukunft der Una Sancta“, äußert sich ein anderer Prälat aus Deutschland besorgt.
„Na, dann passt es ja! Noch schwärzer als ‚Leo Africanus’ kann schlechterdings kaum etwas sein …“, sagt einer der geistlichen Herren aus der unzufrieden murrenden Runde mit einem Anflug von Galgenhumor. Der Spitzname, den Carlo di Gasparini Leo XIV. angehängt hat, scheint sich in Windeseile verbreitet zu haben.
Über die Gründe des Fiaskos herrschen diverse Zweifel. Hatte man womöglich im Vorfeld zu wenig Druck auf die Kardinäle, die zum Konklave zugelassen waren, ausgeübt? Oder war dieser im Gegenteil vielleicht zu stark und penetrant ausgefallen? Bei nicht wenigen zieht bekanntlich die sanfte Tour, verbunden mit Versprechungen oder Aussichten auf fette Pfründe und sonstige monetäre und andere Vergünstigungen, viel stärker. War man sich zu sicher gewesen, dass alles wieder zum Altbewährten zurückkehren werde?
Eine befriedigende Antwort weiß derzeit niemand.
Dazu schwebt mehr oder weniger unausgesprochen die nicht minder relevante Frage im Raum: Wer zur Hölle sind denn nun die Abweichler gewesen? Namen schwirren durch den Raum, werden verworfen, um sofort von anderen aufgegriffen zu werden. Man kennt doch seine unsicheren Kantonisten. Oder vielleicht doch nicht?
Aber: Gewählt ist gewählt! Dem Herrn sei’s geklagt, sie werden mit ihm leben müssen. Und wie es aussieht, noch sehr lange …
„Er wird uns alle, oder zumindest die meisten von uns, locker um viele Jahre überleben“, knurrt der Gastgeber, der einundsiebzig Jahre alte Kurienkardinal Ettore di Logelli-Branca und seufzt tief. Schmerz und zugleich Wut und Enttäuschung halten sich in seinem Herzen die Waage.
„Die Medien in Italien und im Ausland überschlugen sich ja förmlich über die ‚großartige’ Ernennung eines Schwarzafrikaners zum Heiligen Vater der katholischen Christenheit“, meldet sich der missmutige Deutsche erneut zu Wort.
„Sogar Russland gratulierte scheinheilig und selbst in China zeigte man sich sehr angetan vom ‚erfreulich deutlichen’ Ausgang der Wahl. Und der allgemeine Tenor in Deutschland lautet: ‚Dieses Votum ist längst überfällig gewesen.’ Sind denn plötzlich alle verrückt geworden?“ Der deutsche Prälat erleidet einen Hustenanfall.
„Was mich überaus stört“, merkt eine Eminenz aus Spanien brummig an, „ist das makabre Theater, das jetzt auch noch die Yellow Press veranstaltet. Ausgerechnet für diese oberflächlichen, indiskreten und primitiven Publikationsorgane, die bekanntermaßen noch nie etwas mit Kirche am Hut hatten, scheint der jetzige Papst so eine Art Popstar zu sein.“
„So ist es!“, fällt Ettore di Logelli-Branca giftig ein. „Alles an dem Neuen wird wohlwollend ins Auge gefasst und begeistert registriert: Seine imponierende Größe, die drahtig-schlanke Figur, ja, sein ganzes Aussehen wird seziert. Gewöhnliche Printmedien und sämtliche schwachsinnigen Frauenzeitschriften lassen sich lang und breit über ‚seine wundervollen seelenvollen Augen, die langen Wimpern, die hohe Denkerstirn, die männlich-kräftige Nase und seinen angeblich sinnlichen Mund mit den herrlichen weißen Zähnen’ aus.“
Diese Art Medienhype ist auch den übrigen Anwesenden ein Dorn im Auge und veranlasst sie zu halblauten Unmutsäußerungen.
„Sogar, dass er seit seiner Ernennung zum Kardinal vor vier Jahren sein dichtes schwarzes Kraushaar ‚geopfert hat’ und stattdessen mit blankem Schädel herumstolziert, findet allgemeinen Beifall. Von ‚prachtvoller Männlichkeit und vertrauenerweckender Väterlichkeit, haha!, die er angeblich in reichem Maße ausstrahlt’, ist die Rede. Ob er fromm und gläubig ist, interessiert hingegen keine Sau!“, behauptet ein brummiger Monsignore aus Österreichs Innviertel.
„Würde mich nicht wundern, wenn sie ihn demnächst in Hollywood zum ‚Mister Universe’ küren würden!“
Das kommt wiederum vom Bischof von Sevilla. Er erntet empörte Kommentare, aber auch Schmunzeln und vereinzelte Lacher bei der versammelten Geistlichkeit.
„Warum nicht gleich zum ‚sexiest man alive’?“
Diese frivole Bemerkung entschlüpft dem verkniffenen Munde eines anderen Bischofs, eines flämischen Griesgrams, der sich abseits von den anderen in einen Sessel in der Ecke verdrückt und bisher noch geschwiegen hat.
Die Äußerung des Belgiers ruft bei den meisten Klerikern abschätzige Mienen, bei einigen hingegen glänzende Augen hervor. Vermutlich denken die Herren an die schöne „Schwester Monique“ … Aber keiner der Anwesenden lässt sich dazu hinreißen, sie in diesem heiklen Zusammenhang zu erwähnen. Dieses Eisen ist offenbar auch den schärfsten Kritikern des neuen Papstes zu heiß.
„Mich würde interessieren, wie Leo XIV. sich dabei fühlt, wenn man ihn derart durch den Kakao, respektive durch den Mediensumpf, zieht! Das müsste ihm doch eigentlich ausgesprochen zuwider sein“, stellt der Griesgram als Behauptung in den Raum. „Warum gibt er dieser Spezies von aufdringlichen Pressefritzen überhaupt noch Interviews?“
„Dass ihm das peinlich ist, glaube ich wiederum weniger“, widerspricht der Gastgeber und zieht indigniert die sorgfältig schwarzgefärbten und getrimmten Augenbrauen in die Höhe. „Ich befürchte eher das Gegenteil, mein Lieber. Ich argwöhne hingegen, er genießt den medialen Rummel um seine Person geradezu. Bescheidenheit scheint nicht zu den herausragenden Tugenden Seiner Heiligkeit zu gehören.
Würde er sonst jedem Pipi-Magazin ein Interview gewähren? Garniert mit ausgesprochenen ‚Starfotos’? Aber, wie gesagt, das ist nur meine bescheidene Meinung“, tönt Kurienkardinal di Logelli-Branca.
Gleich darauf tut ein Franzose aus der Picardie den Mund auf.
„Sie können ihn ja mal bei Gelegenheit selbst danach fragen, Exzellenz“, ertönt es ein wenig boshaft aus der Mitte des Raumes, wo sich das Gros der Enttäuschten um mehrere Tischchen mit leckeren Häppchen und edlen, mehr oder weniger hochprozentigen Getränken versammelt hat.
„Nur kein Neid, chers amis! Ohne Zweifel schaut der Bursche ganz gut aus und hätte nach meinem Empfinden zweifellos besser daran getan, Filmstar anstatt ausgerechnet Priester zu werden.“
„Und gar noch mit dem nicht gerade demütigen Anspruch, es irgendwann ‚ganz nach oben’ zu schaffen. Schon als junger Kaplan in Ostafrika hat er verbreiten lassen, er sehe sich schon mit Mitra und Bischofsstab!“
Letzteres, wiederum von dem flämischen Miesepeter geäußert, ist zwar eine glatte Verleumdung – tatsächlich waren es etliche aus Obembes familiärem Umfeld, die sich vor Jahrzehnten in diesem Sinne geäußert haben. Aber um solche Feinheiten schert sich keiner der Anwesenden und so widerspricht auch niemand.
„Vor vier Jahren zum Kardinal ernannt, scharrte er seitdem mit den Hufen“, fährt der Geistliche aus dem westflandrischen Brügge mit Ingrimm fort. „Wie man sieht, hat sich diese Beharrlichkeit ausgezahlt.“
„Wir tragen selbst die Schuld daran, chers amis, dass wir es dem afrikanischen Schönling ermöglicht haben, die klerikale Hierarchie im Sturmschritt zu erobern, alle zu düpieren und die Karriereleiter in Rom ungebremst nach oben zu klettern!“
Dieses Statement des Franzosen aus der Picardie, der gerade eins der delikaten Kaviarhäppchen zum Munde führt, setzt quasi den Schlusspunkt dieser Debatte; er erntet auch keinen nennenswerten Widerspruch: Man hätte dem Afrikaner nur rechtzeitig seine Grenzen aufzeigen sollen …
Ausgerechnet von Kurienkardinal Ettore di Logelli-Branca stammt dann völlig überraschend ein zwar bitteres, aber sehr vernünftiges Fazit.
„So sollten wir uns demnach klugerweise mit der Katastrophe arrangieren! Was bleibt uns denn auch anderes übrig? Haben wir etwa eine andere Option? Wir können schlecht eine Kirchenspaltung durch die erneute Wahl eines uns genehmen Kandidaten riskieren. Die Zeiten, in denen Gegenpäpste gang und gäbe waren, sind lange vorbei. Und den Gefallen, alsbald zu unserem Herrn einzugehen, den wird er uns kaum tun.“
Beifälliges Gemurmel der meisten ist die Folge. Jeder muss eben einen Kompromiss finden und sich ins Unvermeidliche fügen; soll heißen, gute Miene zum bösen Spiel machen – und dabei insgeheim indirekten Widerstand leisten, wo immer möglich.
„Dann, geliebte Brüder in Christo, lasst uns also gemeinsam beten für Leo und unsere heilige Mutter Kirche – und darauf hoffen, dass nach dem Mann aus dem Busch wieder einer ans Ruder kommt, mit dem wir uns alle identifizieren können!“
Zu diesem Vorschlag des Kardinals macht keiner der Anwesenden einen Einwand geltend. „Amen, so sei es, lieber Freund!“ „Amen, mon ami!“ „Amen, my dear friend!“ „Lasset uns beten, amigos mios!“ „Nun denn: Orate, fratres!“
Und das tun die Herren aus dem alten Europa und aus Amerika dann auch. Ob sie dabei allerdings ihrem obersten irdischen Chef im Vatikan auch ein langes Leben wünschen, oder vielleicht etwas ganz anderes – das wird für immer ihr gut gehütetes Geheimnis bleiben.
GLORIA
„In excelsis Deo!“
Elisa Obembes spektakuläre Flucht ist nach ihrer Ankunft bei den Benediktiner Missionspatres zu Ende.
Zu erschöpft sind sie und die übrigen, die mit ihr den Gang ins Ungewisse gewagt haben, als dass sie danach streben würden, sich erneut den Gefahren eines Eintauchens in den gefährlichen Dschungel, der Überwindung steiler Berge und unfruchtbarer Wüstenstreifen und des Durchquerens krokodilverseuchter Flüsse auszusetzen und sich dabei auf das Risiko einzulassen, von der deutschen Kolonialmacht unerbittlich gejagt – und letztendlich doch zur Strecke gebracht zu werden.
Nach nur wenigen Tagen ist Elisa sicher, bei den frommen Mönchen für sich und ihre Kinder ein neues Zuhause gefunden zu haben. Dazu hat es lediglich mehrerer ausführlicher Gespräche mit dem Prior des Klosters, Pater Hilarius Hilreiner, bedurft, der ihr ein gerechter und kluger Mann zu sein scheint. Für sie ein echtes Wunder: gehört er doch der Rasse der Weißen an …
So kommt es auch den meisten anderen Flüchtigen vor. Alle, bis auf zwei jüngere Frauen ohne Kinder, wollen bleiben, künftig für die Mönche arbeiten und im Tausch dafür deren Schutz genießen.
Die meisten sind bereits getauft, bis auf ein paar ältere Wahehe-Frauen, die der Christianisierung bisher entkommen sind. Aber auch sie sind zur Taufe bereit, falls man ihnen im Gegenzug Nahrung und Obdach bis ans Ende ihrer Tage gewährt.
‚Alle scheinen zufrieden mit ihrem Schicksal’, muss der kleine Maurice erkennen, Elisas ältester Sohn. Er selbst ist unglücklich und zornig darüber, künftig bei den „heiligen Vätern“ der verhassten Eroberer-Rasse leben – und noch dankbar dafür sein zu müssen.
Obwohl satt und sicher, mit einem Dach über dem Kopf und einer Mutter, die zwar fleißig ist, aber keineswegs ausgebeutet wird, und obgleich er wie die anderen Kinder fast nichts arbeiten muss und stattdessen beinah den ganzen Tag spielend verbringen darf, ist der sechsjährige Häuptlingssohn fest entschlossen, unzufrieden und voller Groll zu sein.
Vor allem Letzteres liegt ihm sehr am Herzen: Jeden Tag ruft er sich erneut die Schandtaten jener deutschen „Herren“ ins Gedächtnis, von denen er in seinem bisherigen kurzen Leben erfahren hat.
Nein, mit den Feinden aus dem fernen Norden wird Maurice sich niemals anfreunden; und dazu zählen für ihn auch die humanen und freundlichen Klosterbrüder. Er versteht weder seine über alles geliebte Mutter, noch die anderen „Sklaven“, die nach einiger Zeit gewissenhafter Pflichterfüllung vom Vater Prior offiziell freigelassen werden und wählen dürfen, wohin sie gehen wollen. Niemand verlässt das Kloster. Auch die beiden Kinderlosen haben sich mittlerweile fürs Bleiben entschieden.
Jeden Tag redet Elisa ihrem Ältesten gut zu; aber trotzig verharrt der kleine Junge in seiner ablehnenden Haltung.
„Mutter, du selbst hast mich doch geheißen, niemals das Unrecht der weißen Eroberer zu vergessen! Du hast mir auch das Versprechen abgenommen, mich einst zu rächen für die Ermordung meines Vaters Mkwa, des tapferen Häuptlings der Wahehe.
Warum findest du es jetzt in Ordnung, dich mit den Weißen zu verbrüdern? Nur weil die Mönche uns nicht wie Tiere behandeln? Das wäre auch sehr merkwürdig, wo sie doch immer von der Liebe zum Nächsten faseln!“
Elisa vermag den Jungen nicht umzustimmen. Vorerst noch nicht. Sie wird ihn nicht zwingen, sondern abwarten, was die Zukunft bringt; hoffentlich Vernunft und Frieden und Freiheit für ihr Volk. Dass sie insgeheim ähnlich wie ihr Sohn empfindet und seine Gefühle nur zu gut versteht, aber klug zu verbergen weiß, darüber schweigt die stolze Frau. Maurices Mutter Elisa hat sich, der Not gehorchend, wie die meisten ihrer Landsleute mit ihren Feinden, den weißen Okkupanten, abgefunden und bestens arrangiert.
Wohin sollte sie auch gehen? Ihr früheres Dorf haben die deutschen „Schutztruppen“ dem Erdboden gleichgemacht, die Einwohner gefangengenommen und an deutsche Plantagenbesitzer als Arbeitssklaven verteilt. Immerhin werden sie von den Patres ungleich besser behandelt als von den europäischen Pflanzern.
Sie müssen zwar tüchtig arbeiten, sind in ihrem eigenen Land im Grunde unfrei, weil außerhalb des Klosterareals nur brutale Unterdrückung herrscht, aber sie brauchen nicht um ihr Leben zu fürchten, werden anständig ernährt und im Krankheitsfalle nicht davongejagt, sondern medizinisch versorgt, erhalten bis zum Tod ihr Gnadenbrot, um nach ihrem Ableben nicht im Urwald verscharrt, sondern ehrenvoll im Beisein eines Priesters auf dem Klosterfriedhof begraben zu werden.
Die deutschen Missionsschulen in Deutsch-Ostafrika haben zudem das wichtige Bildungsmonopol inne. Das allein gab für Elisa schon den Ausschlag: Bildung für ihre Söhne hat sie sich immer gewünscht!
Bald besucht auch Maurice auf Elisas Drängen hin die Schule der Benediktinermönche. Es gibt kaum staatliche Schulen und die wenigen sind nur im Bereich der Küste des Indischen Ozeans angesiedelt, wo das feuchtschwüle Klima Ungeziefer aller Art gedeihen lässt und selbst für die Einheimischen höchst ungesund und kaum zu ertragen ist.
Zu Beginn versucht Maurice, sich zu weigern, von den „weißen Feinden“ zu lernen. „Das brauche ich nicht, Mama!“, gibt er sich störrisch. „Es genügt mir, groß und stark und ein tapferer Wahehe-Krieger zu werden, um in einigen Jahren die weißen Sklavenhalter aus dem Land zu werfen!“
Mit dieser wenig reflektierten Meinung steht er anfangs unter den übrigen Jungen und selbst den erwachsenen Frauen nicht allein. Elisa hingegen, die dank ihres Weitblicks eine andere Ansicht vertritt, gelingt es dank ihrer Autorität, ihren Sohn sowie ihre weiblichen Stammesangehörigen davon zu überzeugen, dass eine gründliche Schulung in europäischer Bildung und Allgemeinwissen unabdingbar notwendig sein werden, um irgendwann das Joch der Weißen abschütteln zu können.
„Wie willst du jemals von ihnen ernstgenommen werden und später mit ihnen auf Augenhöhe verhandeln können, wenn du ein dummer unwissender Kerl bleibst, Maurice?“, fragt Elisa ihren Ältesten. „Ihren Respekt kannst du dir nur erwerben, wenn du dir ihre Kenntnisse und Fertigkeiten aneignest!
‚Wissen ist Macht!’, sagen die Weißen – also, mein Sohn, richte dich gefälligst danach!“
Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern! Lukas 12, 48.“
O ja! Elisa hat sich vieles von den missionierenden Mönchen gemerkt.
Anhand der Worte des Apostels macht Elisa ihrem Sohn Maurice deutlich, dass er einst als Anführer der Wahehe gefordert sein wird. Und nicht allein, was kriegerische Stärke anbetrifft; sondern er wäre dann verantwortlich für die kluge Führung seines Volkes. Je mehr er von den Weißen gelernt habe, desto besser werde es ihm gelingen, seine Anhänger in die Freiheit zu führen und für das Wohlergehen des Stammes zu sorgen.
„Der kluge Mann besiegt seinen Feind mit dessen eigenen Waffen“, impft die Häuptlingstochter und Wahehe-Prinzessin ihm ein und ihre Söhne Maurice, Henri und später Andi sowie die übrigen Kinder machen sich ganz allmählich diese vernünftige Denkweise zu Eigen.
Fortan wetteifern die schwarzen Kinder miteinander im Lernen. Vor allem Maurice tut sich unter den Schülern der Missionsschule hervor. Es kann dem Jungen, der eine rasche Auffassungsgabe besitzt, auf einmal gar nicht schnell genug gehen mit der Wissensvermittlung … Am liebsten würde er alles auf einmal in sich aufnehmen.
„Er saugt die Lerninhalte quasi in sich auf wie ein trockener Schwamm“, loben ihn die Mönche, die seine Lehrer sind, bei seiner Mutter Elisa, die sehr stolz ist auf ihn.
In der Anfangszeit hat die katholische Schule, in die Maurice und seine Brüder Henri und später auch Andi gehen, leider noch unter Schülermangel gelitten, denn die Unterdrückten in den umliegenden Dörfern sind und bleiben misstrauisch gegenüber den Erziehungsmethoden der christlichen Patres. Das sollte sich erst später, kurz vor Ausbruch des großen Krieges in Europa, ändern …
Maurice Obembe und seine Brüder fallen seinen Lehrern auf als intelligente und strebsame Schüler. Speziell von Maurices tiefer Abneigung gegen sie – betrachtet er doch nach wie vor jeden Weißen als Mörder seines Vaters – bemerken sie allerdings nichts.
Nur einer der Mönche, ein gewisser Pater Bernhard Weingartner, der ihn in Geschichte unterrichtet, scheint ein bisschen weniger naiv als seine Mitbrüder zu sein. Eines Tages spricht er seinen Schüler Maurice, der mittlerweile das Alter von vierzehn Jahren erreicht hat, darauf an:
„Mir ist natürlich klar, dass dein und deiner Brüder Fleiß und Eifer nur wenig mit einem plötzlich erwachten Verlangen nach dem Christentum und weißer Lebensart zu tun hat! Mir scheint vielmehr, euch ist klar geworden, dass ihr in den Kolonien durch gute Schulbildung aus eurem traditionellen Stammesverband ausscheren könnt und im Übrigen auch der Zwangsarbeit für eure weißen Herren zu entgehen vermögt.
Stattdessen kann jeder von euch, der das Zeug dazu hat, bei uns Deutschen Karriere machen. Entweder in Afrika oder vielleicht sogar im fernen Deutschland.“
Maurice Obembe, ein sehr stolzer Heranwachsender, fände es albern, sich dumm zu stellen und vorzutäuschen, der Pater habe Unrecht mit dieser messerscharfen Einschätzung.
„So ist es, Pater Bernhard! Ich, als Sohn eines großen Häuptlings, habe keine Lust, mir später auf den Feldern irgendeines Weißen, der sein Ackerland einem meiner schwarzen Onkel gestohlen hat, den Buckel krumm zu schuften und noch dankbar sein zu müssen, dass der Kerl mich nicht verhungern lässt oder wegen einer geringen Verfehlung totschlägt!
Ich will studieren und dann ein kluger Mann sein, der weitgehend unabhängig leben und arbeiten kann, der Ansehen genießt und seine Familie anständig zu ernähren vermag!“ Davon, dass er plant, die Deutschen eines Tages aus seinem Land zu werfen, lässt er natürlich kein Wort verlauten.
Pater Bernhard Weingartner ist zu dieser Zeit auch der neue Prior des Missionsklosters. Pater Hilarius Hilreiner, der den Flüchtigen seinerzeit Zuflucht gewährt hat, ist kürzlich einem Herzschlag erlegen. Er verspricht Maurice, sich nach dem Erreichen der Hochschulreife für seinen Zögling stark zu machen, auf dass dieser nach Deutschland oder Frankreich gehen und dort studieren könne.
Am besten, wie er meint, eigne sich für einen wie ihn, der logisch zu denken vermöge und ordentlich und fleißig sei, das Studium der Rechtswissenschaften.
Dieser Mönch, dessen Heimatkloster Sankt Ottilien in Bayern ist, nach dem er zugegebenermaßen schreckliches Heimweh empfindet, steigt dadurch ungemein in der Achtung seines schwarzen Musterschülers Maurice. In Zukunft nimmt er den Prior ausdrücklich aus von seiner üblichen, gebetsmühlenartig wiederholten, stillen aber inbrünstigen Verwünschung sämtlicher Weißer.
Elisa sieht die Entwicklung ihres Lieblingssohnes mit großer Erleichterung. Es wäre schrecklich für sie und würde sie todunglücklich machen, falls die Zukunft ihres Ältesten darin bestünde, Zuckerrohr zu schneiden, Kaffee zu pflücken oder Kautschuk zu zapfen für einen weißen Sklavenhalter und sich von „seinem Herrn“, falls diesem danach war, bis aufs Blut auspeitschen zu lassen.
Auch ihre anderen Kinder Henri, Andi sowie die kleine Tochter Greta werden von Elisa zum Lernen angehalten. Alle erzielen gute Zensuren, aber an Maurice reichen sie nicht heran.
Er lässt selbst ältere Schüler weit hinter sich und bekommt zu guter Letzt von den entsprechenden Mönchen „Spezialunterricht“ in den Fächern Deutsch, deutsche Geschichte, Französisch und Mathematik. So ist es ihm möglich, eine Klasse zu überspringen.
Sein Verhalten ist stets tadelsfrei und er duldet auch bei seinen jüngeren Geschwistern weder Faulheit, vorlautes Geschwätz noch irgendwelche Frechheiten gegen die Klosterbrüder.
Greta wächst wie ihre Mutter zu einer schwarzen Schönheit heran und einer der jungen deutschen Kolonialoffiziere verliebt sich unsterblich in sie. „Ich möchte dich unbedingt heiraten, Liebes, und dich mit nach Deutschland nehmen!“
Ein Vorhaben, das dem klugen, bildhübschen Mädchen, das ihn ihrerseits liebt und sehr attraktiv findet, zwar ungeheuer schmeichelt, das jedoch seine militärische Karriere unwiderruflich zerstören würde; ebenso sein gesellschaftliches Ansehen in der Heimat – und daher von der vernünftigen Greta rundweg abgelehnt wird.
„Jetzt, in Afrika, magst du mich zwar aufrichtig lieben, aber in Deutschland würdest du mich unweigerlich nach einiger Zeit hassen, mein Liebster. Du würdest nämlich mir die Schuld dafür geben, dass deine Vorgesetzten, deine Familie und deine Freunde sich von dir abwenden, weil du eine nach ihren Maßstäben ‚Minderrassige’ geheiratet hast!“, gibt sie ihrem Geliebten zu bedenken.
„Unsere Kinder wären Mischlinge – und hätten in Europa vermutlich nicht viel Gutes zu erwarten. Selbst hier in Afrika haben es Gemischtrassige oft sehr schwer. Aber ich danke dir für dein Angebot, denn es zeigt mir, dass du mich zumindest im Augenblick sehr lieb hast!“
Selbst als der junge Mann immer wieder versucht, sie von ihrer Haltung abzubringen, ja, ihr versichert, seine Familie sei überaus aufgeschlossen und habe andere Vorstellungen als die üblichen kleinkarierten, schüttelt Greta nur den Kopf.
„Außerdem liegt mir an einer weiteren militärischen Karriere sowieso nichts!“, versucht der Offizier beinah verzweifelt, ihre ablehnende Haltung zu ändern. Greta bleibt dabei: Eine Ehe zwischen ihnen beiden würde sowohl ihn als auch sie ins Unglück stürzen.
Endlich gibt der verliebte junge Leutnant auf und bittet um seine Zurückversetzung nach Preußen.
Elisa ist unheimlich stolz auf ihre kluge starke Tochter, die sich schweren Herzens gegen ihre eigenen Gefühle entschieden hat und sehr unter dem Verlust ihres Geliebten leidet. Dieser kehrt auch kurz darauf in seine deutsche Heimat, nach Potsdam, zurück.
ORATIO; TAGESGEBET
„Oremus!“ „Lasset uns beten!“
Der allergrößte Wirbel um „den Afrikaner“ im Vatikan ist mittlerweile abgeebbt. Ein Wirbel, wozu der leicht hysterische Jubel über den „Neuen“ und die, von den katholischen Laien verteilten, völlig ungerechtfertigten Vorschusslorbeeren, Leos Pontifikat betreffend, kräftig beigetragen haben.
Als Kardinal ist der Heilige Vater keineswegs durch besondere Leistungen oder Ideen aufgefallen, wie die Lage der Kirche verbessert werden könne. Und jetzt, da er als Oberhaupt des Ganzen eigentlich in der Pflicht stünde, lassen diesbezügliche kluge Einfälle immer noch auf sich warten.
Aber vermutlich ist das einfach so bei jeder göttlichen Inspiration: Sie kommt meist unverhofft … Längst ist wieder eine gewisse Normalität in der katholischen Welt eingezogen, es herrscht Business as usual vor.
Bloß die Altgedienten im Inneren des Vatikan haben sich zähneknirschend damit abfinden müssen, dass neuerdings ein anderer Wind weht, denn Papst Leo hat eine ganze Reihe von teilweise befremdlichen Änderungen durchgesetzt.
Und zwar nicht peu á peu, wie das die meisten seiner Vorgänger mehr oder weniger diplomatisch gehandhabt haben, sondern ganz kurzfristig, sozusagen über Nacht und beileibe nicht immer schmerzlos für die Betroffenen, die sich urplötzlich durch Dunkelhäutige ersetzt sahen.
Große Augen und insgeheim Kopfschütteln gab es – und gibt es vereinzelt immer noch – als kurz nach seinem Amtsantritt zwei ausnehmend gut aussehende schwarze Damen in den Gemächern des Pontifex auftauchten; zweiundvierzig Jahre alt die eine, erst vierundzwanzig die andere.
Zur Erinnerung: Es handelt sich um zwei schlanke, hoch gewachsene und bildschöne Nonnen im schwarzweißen Habit, wovon die ältere angeblich seine leibliche Schwester ist und es sich bei der jüngeren um ihrer beider Nichte handeln soll …
Mit großer Selbstverständlichkeit stellte der Heilige Vater persönlich die beiden Frauen als seine nahen Verwandten vor; wobei er betonte, überaus glücklich zu sein, sie erneut und auf Dauer um sich zu haben. Erinnerten sie ihn doch an seine geliebte Heimat Afrika, nach der er sich zuweilen schmerzlich zurücksehne.
„Bereits als Pfarrer in einem Urwalddorf und später als Bischof in Ghanumbia hat mir beispielsweise Schwester Monique – in Wahrheit immer schon meine Lieblingsschwester aus der Schar meiner Geschwister – zur Seite gestanden; während meine liebe Nichte, Schwester Angélique, mir zusätzlich in den letzten Jahren als Kardinal bei meinen zahlreichen Aufgaben geholfen hat.“
Selbstverständlich gibt es niemanden, der laut die Angaben Seiner Heiligkeit, den engen Verwandtschaftsgrad der frommen Damen betreffend, infrage stellen würde … Und das ist auch gut so.
Dass beide Nonnen denselben Familiennamen wie Seine Heiligkeit führen, erleichtert das Arrangement, besitzt allerdings keine große Aussagekraft: „Obembe“ entspricht in Ghanumbia etwa dem deutschen Meier, Müller, Schulze …
Seine engste Umgebung besteht nur noch, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, aus Schwarzafrikanern. Auf ihre Anwesenheit legt der Heilige Vater großen Wert. So stammen beispielsweise sein Camerlengo, Monsignore Gustave Marengo, sowie die übrigen vertrauten männlichen Diener und sogar sein Beichtvater, Monsignore Pierre Katanga, aus seinem Heimatland Ghanumbia, das im Augenblick dank seines illustren Sohnes einen Touristenboom ohnegleichen erlebt.
Selbst Schwester Monique stellt unumwunden fest: „Schlaue Reiseveranstalter in aller Welt haben unverzüglich den lukrativen Braten gerochen und sowohl Studienreisen als auch Badeferien in kleinen, mückenverseuchten Dörfern am Indischen Ozean, die bisher kein Mensch freiwillig aufgesucht hätte, in ihr Touristikprogramm aufgenommen.
Dass es in Ghanumbia so gut wie keine Hotels gibt, die auch nur andeutungsweise den gehobenen Ansprüchen europäischer oder amerikanischer Reisender gerecht werden, bildet dabei kein Hindernis.“
Es stimmt: „Romantische“, „authentische“ und selbstverständlich mit dem Zauberwort „nachhaltig“ versehene Lehmhütten mit Palmblätterdächern für zwei bis sechs Personen, sind schnell aus dem Boden gestampft und kosten zudem nicht viel, weil man, natürlich wiederum nur aus Gründen der „Authentizität, Originalität und Nachhaltigkeit“, auf europäisch dekadentes Mobiliar wie gepolsterte Stühle, Kleiderschränke und stromfressende Kinkerlitzchen weitgehend verzichtet.
Der schlaue Werbeslogan „Wer wäre nicht glücklich, ein paar Wochen so zu leben, wie es der Heilige Vater in seiner Jugend getan hat und wie es heute noch seine zahlreichen Verwandten praktizieren?“ tut erstaunlicherweise seine Wirkung.
Wobei das Letztere mit Fug und Recht bezweifelt werden darf. Der weit verzweigte Obembe-Clan ist längst saturiert und noch der letzte schlichte, um zehn Ecken herum mit Leo XIV. Verwandte, hat sich längst seinen Anteil am riesigen Kuchen gesichert. Und Leo Africanus hat seine Jugendjahre bestimmt auch nicht in einer primitiven Lehmhütte verbracht.
Die Sippe zeigt ihren Reichtum auch mit ihren Villen an den exklusivsten Orten der Welt, in denen sie, ähnlich den arabischen Ölscheichs, wie Fürsten residieren, mit den Automobilen, Yachten und Privatflugzeugen, die sich ihre Mitglieder leisten, mit den mondänen Hotels und verschwiegenen Clubs, in denen sie sich verwöhnen lassen.
Aber vor allem erweist es sich an den, in der Regel weißen, topgestylten „Hostessen“ und „Models“, mit denen sich der männliche Teil der Familie in aller Öffentlichkeit schmückt.
Lange vorbei und weitgehend vergessen sind die bitteren Jahre der Unterjochung und der schmachvollen Ausbeutung während der Zeit der Kolonisation. Von der jetzigen Generation der Obembes wissen nur noch die wenigsten über die einstigen Vorgänge genau Bescheid. Die Jüngeren interessieren sich auch mehrheitlich nicht mehr dafür. Die schmähliche Vergangenheit ist für sie längst passé und besitzt mittlerweile eher einen romantischen Touch.
Eine der wenigen Ausnahmen bildet Schwester Monique, die sich immer schon von den Alten in der Familie von jenen längst vergangenen düsteren Kapiteln afrikanischer Historie hat erzählen lassen. Auch sie gehört einem entfernten Zweig der Obembe-Sippe an. Für Mädchen ist diese Art von Geschichtsunterricht auch heute noch gar nicht vorgesehen, ja, nicht einmal für die jüngeren Söhne.
Nur der jeweils älteste wird nach wie vor von seinem Vater während der Jahre seines Heranwachsens darüber aufgeklärt, damit jene schmachvolle Periode nicht ganz in Vergessenheit gerät – und um ihm am Tage seiner Volljährigkeit den gleichen Schwur abzunehmen, und zwar Wort für Wort, den einst der kleine Wahehe-Knabe Mauritz, genannt Maurice, getan hat, nachdem er sich mit Mutter und Geschwistern durch Flucht vor einem brutalen Sklavenhalter hatte retten können.
„Wem sollte ich in Bezug auf Gott eher glauben – als Gott?“
(Ausspruch des heiligen Ambrosius)
„Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“
(Ausspruch von Mahatma Ghandi)
Ein weiterer Tag neigt sich dem Ende zu. Für Seine Heiligkeit war er ein wenig ermüdend, denn heute musste er zwei Priestern, der eine aus Polen, der andere aus Mexiko, die bischöflichen Weihen erteilen. Stattgefunden hat das aufwändige Spektakel in San Giovanni in Laterano, einer von drei exterritorialen Kirchen auf italienischem Staatsgebiet.
Er fühlt sich etwas erschöpft und hat sich nach dem gemeinsamen Abendessen mit den Schwestern Monique und Angélique sowie seinem Beichtvater sehr bald in sein Schlafgemach zurückgezogen.
Moniques Blicke verdüsterten sich, als klar war, dass er auch dieses Mal darauf verzichten würde, seiner Geliebten einen diskreten Wink zu geben, ihn später alleine aufzusuchen, um mit ihm die Nacht zu verbringen.
Leo Africanus wird sich stattdessen zur Entspannung erneut seiner momentanen Lieblingslektüre, dem Tagebuch seines Ururgroßvaters widmen.
Anfangs hatte der deutsche Reichskanzler, Otto von Bismarck, wenig Neigung gezeigt, sich militärisch in Afrika zu engagieren: „Die Möglichkeit militärischer Expeditionen ist meiner Ansicht nach absolut ausgeschlossen“, lautete sein Statement. Ja, der Kanzler äußerte noch Folgendes: „Lieber würde ich alle ostafrikanischen Kolonialversuche aufgeben, als militärischen Unternehmungen im Landesinneren zuzustimmen!“
Er zeigte sich über das Versagen der DOAG (Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft) und über den sich daraus ergebenden Aufstand der Einheimischen sehr ungehalten. Aber mit großer Selbstverständlichkeit nahm der Reichskanzler an: „Der Sultan von Sansibar wird die Kastanien schon aus dem Feuer holen und die Ordnung wiederherstellen!“
Das sollte sich als großer Irrtum erweisen.
Was Bismarck übersah, war das Faktum, dass der Sultan auf dem afrikanischen Festland über keinerlei Einfluss mehr verfügte. Was nach seiner Kungelei mit den Deutschen auch nicht verwunderlich war … Für das Deutsche Reich wäre ein tatsächlicher Rückzug aus Ostafrika einem gewaltigen Prestigeverlust gleichgekommen und hätte überdies der ohnehin kolonialkritisch eingestellten Opposition im Berliner Reichstag in die Hände gespielt. Darum steuerte Bismarck um auf einen erstaunlichen Kurswechsel.
Als Erstes einigte er sich mit den Engländern auf eine Seeblockade der gesamten Küstenregion. Hier erwies sich erstmalig, dass die Europäer durchaus gewillt waren, ihre beiderseitigen Differenzen ruhen zu lassen, sobald es sich darum handelte, Aufstände in ihren jeweiligen Kolonien zu unterdrücken. Bismarck fand sich auf einmal doch bereit, die nötigen Gelder für ein militärisches Eingreifen in Deutsch-Ostafrika aufzutreiben.
„Denn der Sünde Sold ist der Tod, die Gabe Gottes aber ist das Ewige Leben in Jesus Christus, unserem Herrn.“
(Römer 6, 23)
Da er sich nicht allein auf die Aufzeichnungen seines Urgroßvaters verlassen wollte, ließ Leo Africanus es sich angelegen sein, sich immer mal wieder durch die Lektüre auch neuerer Geschichtsbücher schlau zu machen, beziehungsweise das bisher Geglaubte durch historische Erkenntnisse neueren Datums zu unterfüttern oder zu verifizieren. Quellen dazu fand er reichlich.
Weil im damaligen Reichstag, der die Freigabe dieser Mittel genehmigen musste, die kritisch eingestellte katholische Zentrumspartei über eine wichtige Stimme verfügte, versuchte Bismarck, sie sich mit dem scheinheiligen Argument geneigt zu machen, es handele sich bei dem geplanten Militäreinsatz hauptsächlich um den Kampf gegen die Sklaverei.
Wie man die Öffentlichkeit erfolgreich zu täuschen vermag, hatte ihm der belgische König Leopold schon jahrelang aufs Perfideste vorgemacht: Er ließ nämlich seine Privatkolonie namens „Kongo-Freistaat“ unter dem humanen Deckmäntelchen der „Anti-Sklaverei-Bewegung“ betreiben.
Der wachsenden Kritik an den menschenunwürdigen Zuständen im „Freistaat“ Kongo (schon der Name ein purer Hohn!), an der Zwangsarbeit, den Prügelstrafen und den Massenmorden an der einheimischen Bevölkerung, begegneten Leopolds Speichellecker stereotyp mit dem Hinweis auf „die Notwendigkeit energischen Vorgehens gegen die wahren Feinde der Afrikaner“, womit die arabischen Sklavenhändler gemeint waren.
Unter Leopolds Sympathisanten befanden sich immerhin so bekannte Persönlichkeiten wie Henry Morton Stanley, britischer Journalist und Afrikareisender, der unter anderem den in Afrika verschollenen Missionar und Afrikaforscher David Livingstone 1871 aufspürte.
Um den Reichstag für die Bewilligung von Mitteln für die Aufstandsbekämpfung zu gewinnen, änderte Bismarck seine bis dato ablehnende Haltung und hielt in einer Aktennotiz fest: „Kann man nicht schaurige Details über Menschenquälerei auftreiben?“
Bismarcks Kalkül ging tatsächlich auf: Im Januar 1889 bewilligten die Abgeordneten des deutschen Reichstags zwei Millionen Mark „für Maßnahmen zur Unterdrückung des Sklavenhandels und zum Schutze der deutschen Interessen in Ostafrika.“
Zusätzlich zu dieser Summe mussten bis zur Niederschlagung des Aufstandes noch einmal 1,2 und später noch weitere 4,5 Millionen Reichsmark bewilligt werden. Die Leitung dieser militärischen Aktion wurde dem ehemaligen Forschungsreisenden und Hauptmann Hermann Wissmann übertragen.
Dieser kannte Afrika gut, da er den Kontinent zwischen 1880 und 1882 von West nach Ost durchquert und danach mehrere Expeditionen für König Leopold von Belgien im Kongo durchgeführt hatte.
Von Reichskanzler Bismarck erhielt Wissmann die klare Order: „Ich gebe Ihnen immer wieder nur den einen Auftrag: Siegen Sie!“
Und Hauptmann Hermann Wissmann sollte seinen Reichskanzler nicht enttäuschen.
LESUNG AUS DEM ALTEN TESTAMENT
„Von allen Seiten umgibst Du mich und hältst Deine Hand über mir.“
(nach Psalm 139)
„Meine Zeit steht in Deinen Händen.“
(Psalm 31, 16)
Es ist lange nach Mitternacht, aber in den päpstlichen Gemächern brennt wie gewöhnlich noch Licht. Nachdem er seine üblichen Fitnessübungen absolviert hat, ist Seine Heiligkeit, Papst Leo XIV., immer noch an seinem Schreibtisch beschäftigt. Das Tagebuch seines Vorfahren und die Geschichtsbücher über Afrika hat er längst beiseitegelegt und brütet jetzt über einem Stapel von Papieren.
Seit jeher misstraut er der Sicherheit des Internets und würde niemals wirklich Relevantes und Brisantes elektronischen Medien oder gar einer Cloud anvertrauen: Alles kann von Böswilligen gehackt werden, durch einen Fehler im System auf immer verloren gehen oder in Hände geraten, für die es keineswegs bestimmt ist …
Erst als vertrauenswürdige – natürlich schwarze – Fachleute ihm mehrfach versichert haben, sein persönlicher Internet- und Telefonanschluss im Vatikan sei absolut und zweifelsfrei ebenso abhörsicher wie das „Weiße Telefon“ in Washington und das „Rote“ in Moskau, führt der Heilige Vater hin und wieder direkte Gespräche mit bedeutenden Personen und Politikern in aller Welt.
Dennoch: Was ihm persönlich wichtig erscheint, verfasst er nach wie vor handschriftlich und zwar in einer nur ihm und seinem vertrauten Sekretär, Monsignore Jean-Baptiste Sékuré, geläufigen Geheimschrift.
Seine Korrespondenzen, seine Notizen und Abschriften sind derart zahlreich, dass sich leicht erklären lässt, wozu der eingangs einigen Geistlichen befremdlich erschienene Riesensafe dient, dessen Inhalt allein einer einzigen Person bekannt ist: Papst Leo.
Der Heilige Vater hat es sich längst „bequem gemacht“ und sitzt in einer beigefarbenen, blau gestreiften arabischen Djellabah vor den vor ihm ausgebreiteten Schriftstücken. In Material und Machart ist dies ein nahezu identisches Kleidungsstück, wie er es einst als Knabe und Heranwachsender in seiner ostafrikanischen Heimat getragen hat.
Diese Art Hemd, meist knöchellang und kragenlos, mit langen Ärmeln, tragen heute noch die meisten Männer bei ihm zuhause. Vor allem in der Freizeit sind Djellabahs bequemer als Jeans. Sie sind luftig, kneifen nicht, engen „unten“ nicht ein (!) und schützen gleichzeitig vor Hitze und Insekten.
Leo XIV. liebt diese stillen Nachtstunden, in denen er sich ganz allein und ungestört jenen Dingen widmen kann, die ihm wirklich am Herzen liegen. Dass dazu immer seltener die Gesellschaft von Monique gehört, betrachtet er nicht wirklich als sein Problem. Er ist der Meinung, sie fühle sich wohl. Aber im Grunde denkt er kaum über seine Geliebte und ihre Gefühlslage nach.
Tagsüber ist es im Vatikan oftmals sehr hektisch; aber niemals fiele es ihm ein, seine alltäglichen Pflichten zu vernachlässigen. Seine Heiligkeit hat sich in kürzester Zeit zu Recht den Ruf erworben, ungeheuer schaffensfroh, unternehmungslustig und fleißig zu sein.
Dazu gehören nicht nur Empfänge von Staatsoberhäuptern, die allesamt von ihm und seinem Charme, gepaart mit Intelligenz und Humor, schwärmen, und von Abordnungen einfacher Gläubiger, die ihn hinterher wegen seines ausgesprochen liebenswürdigen Wesens nicht minder in den Himmel heben, weil er es versteht, jedem Einzelnen die Illusion zu vermitteln, er würde sich ganz explizit nur für ihn und seine Probleme interessieren …
Diese ganz spezielle Art, mit anderen Menschen umzugehen, sie zu betören und einzuwickeln, hat er bereits als ganz junger Mann zur Kunstform erhoben. Damit schafft der Heilige Vater es, auch Leute, die keine Sympathie für ihn empfinden, ja, die ihm eigentlich feindselig gegenüberstehen, am Ende doch noch für sich einzunehmen.
Zu den Dingen, die er sich selbst auferlegt, gehört auch das Absolvieren zahlreicher Reisen rund um den Globus. Etwas, das ihn weit über die Hälfte seiner Zeit vom Kirchenstaat fernhält.
Eine Tatsache, die dem Heiligen Vater nicht unlieb ist; wohl fühlt er sich nämlich im Kirchenstaat keineswegs, obwohl er „die Schlangengrube von den schlimmsten Ottern und Vipern gesäubert“ hat, wie er seiner zunehmend frustrierten Geliebten Monique in ruhigen Augenblicken gerne mal verrät. Es will ihr einfach nicht gelingen, Maurice’ Aufmerksamkeit auf ihre Person zu lenken; banal ausgedrückt möchte sie, dass er endlich wieder einmal mit ihr zu schlafen geruht.
Die Einladungen in sämtliche Winkel der Erde stapeln sich geradezu. Und Leo Africanus ziert sich nicht; er ist Reisender aus Leidenschaft. Angst vor Attentaten empfindet er keine.
Daraufhin angesprochen zitiert er oft und gerne den schönen Satz: „Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand. (Weisheiten 3, 1).“
Eine beinah kindlich zu nennende Neugier auf Orte des Erdballs, die ihm bislang unbekannt gewesen sind, treibt ihn in immer kürzeren Abständen dazu an, ein Flugzeug zu besteigen. Er plant bereits eine neue Pastoralreise, oder „Missionstour“, wie er es nennt.
„Wenn unsere Tage verdunkelt sind und unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte, so wollen wir stets daran denken, dass es in der Welt eine große segnende Kraft gibt, welche Gott heißt.“
(Martin Luther King)
„Überall empfängt man dich, mein Liebster, mit großer Begeisterung und geradezu überschwänglicher Freundlichkeit!“
Schwester Monique ist beeindruckt über diese gar nicht so selbstverständliche Tatsache: Bekanntlich ist „Kirche“ und alles, was dazu gehört, derzeit nicht gerade besonders „in“. Und diese Aversion ist keineswegs nur auf den Kontinent Europa beschränkt. Umso erstaunlicher die Beliebtheit des „Leo Africanus“. „Man lobt deine geistreichen Predigten, in denen du ‚der Tugend der Humanität das Wort redest und dabei eine Sanftmut und Milde ausstrahlst, die deine Zuhörer förmlich verzaubert’: So stand es zumindest neulich im Corriere de la Sera!“
„Weißt du, Liebes“, der Heilige Vater lächelt geschmeichelt, antwortet aber gespielt bescheiden: „Vielleicht liegt es daran, dass ich grobe Fehler vermeide. Etwa Schnitzer von jener Art, die sich einst einer meiner Vorgänger, ein Papst aus Polen, geleistet hat.
Der brachte es doch tatsächlich fertig, in einer Predigt in Südamerika ausgerechnet vor einem Indio-Publikum zu behaupten, die einstige Invasion der Spanier mit all ihren Gräueln sei ‚ein ausgesprochener Segen und ein großes Glück für die indigene Bevölkerung’ gewesen! Das Wort ‚Invasion’ hat er natürlich nicht benutzt und von ‚Gräueln’ war selbstverständlich auch keine Rede.“
Monique scheint irritiert; darüber hat sie noch nichts gehört.
„Ja, meine Liebe, das hat er tatsächlich so formuliert! Im Grunde hätten die damals heidnischen Indios doch geradezu auf die katholischen Weißen gewartet, damit diese ihnen die Segnungen des Christentums brächten! Und in der Tiefe ihres Herzens wären sie – damals wie heute – dankbar dafür gewesen.“
Der Heilige Vater kann ein bitteres Lachen nicht mehr zurückhalten.
„In der Tat ein starkes Stück angesichts der Ermordung und Versklavung Hunderttausender indigener Bewohner und der brutalen Zerstörung ihrer einzigartigen Hochkultur! Ein Aderlass, von dem sie sich nie mehr erholt haben.“
„Das ist ja unglaublich! Davon habe ich nichts gewusst“, erwidert Schwester Monique und kann ihren Widerwillen nur schwer verbergen.
„Da konnte dieser Heilige Vater ja von Glück sagen, dass man ihn nicht ausgepfiffen oder mit Tomaten beworfen hat! Es wäre auch kein Wunder gewesen, wenn sie ihn sofort aus dem Land komplimentiert hätten.“
„Von wegen! Geklatscht und gejubelt hat das dämliche Volk!“, regt Leo sich noch nachträglich auf. Dann senkt er etwas die Stimme: „Aus verständlichen Gründen ist man damals aber auch nicht gerade mit diesem Teil seiner Ansprache hausieren gegangen. Schließlich waren ja nicht alle ungebildet und viele wussten durchaus Bescheid, wie das mit den ‚frommen Spaniern’ damals tatsächlich abgelaufen ist.“
„Du sprichst von Papst Johannes Paul II., nicht wahr? Das war doch jener Papst, der das Zweite Vatikanische Konzil am liebsten ungeschehen gemacht hätte! Ich meine, davon gehört zu haben. Eigentlich hätte dieser Heilige Vater mit seinen Ansichten zwei-, dreihundert Jahre früher leben sollen. Ich erinnere mich, ebenfalls gelesen zu haben“, fügt die schwarze Ordensfrau dann leiser und kopfschüttelnd hinzu, „dass gleich nach seinem Tod seine Anhänger auf dem Petersplatz ‚Santo subito!’ geschrien und seine sofortige Heiligsprechung verlangt haben!“
Aber Leo Africanus hört Monique bereits nicht mehr zu; er widmet sich weiter ganz intensiv der Abfassung einer Predigt, die er in Kürze zu halten gedenkt. Barmherzigkeit und Milde, Verständnis und Verzeihen soll sie zum Ausdruck bringen. Der Heilige Vater hat aus den Reaktionen auf seine verunglückte „Antrittsrede“ im Petersdom gelernt …
Für die Ausarbeitung seiner Reden und Predigten und für Überlegungen, seine ganz speziellen Pläne betreffend, bleibt ihm meist nur die Zeit nach der „Geisterstunde“, die er zu nutzen pflegt, ehe er sich in den frühen Morgenstunden zur Ruhe begeben kann. Was ihn allerdings nicht daran hindert, jeden Morgen bereits um sechs Uhr wieder aufzustehen. Gut, dass Seine Heiligkeit zu jenen Menschen gehört, die mit wenigen Stunden Schlaf auskommen, worauf er auch nicht wenig stolz ist. Leo Africanus betont oft und gerne, dass er diese großartige Eigenschaft mit Napoleon Bonaparte teile …
Ein Vergleich, den ihm schon einige schwarze Politiker und Kirchenleute sehr übel genommen haben: Statt eines weißen Usurpators, meinen sie, solle er sich lieber einen Farbigen wie Martin Luther King oder Desmond Tutu zum Vorbild nehmen …
Das mangelnde positive Echo seiner ersten Ansprache hat Papst Leo zwar enttäuscht, wenn auch nicht allzu stark verwundert. Anschließend ist es gewesen, als habe man die Rede überhört oder gar nicht verstehen wollen. Entsprach diese doch so gar nicht den Erwartungen, die man in ihn gesetzt hatte – dessen war er sich bewusst …
Auf einmal erfasst Leo XIV. das ungute Gefühl, es ergäben sich hier womöglich Parallelen zwischen ihm und genau diesem vorhin erwähnten Vorgänger aus Krakau, der als Papst ebenfalls ständig unterwegs gewesen ist und gelegentlich absurde Dinge von sich gegeben hat – und den er persönlich überhaupt nicht sympathisch findet.
Kurzzeitig gerät der Heilige Vater stark ins Grübeln.
„Denn bei Dir ist die Quelle des Lebens, und in Deinem Lichte sehen wir das Licht.“
(Psalm 36)
Schwester Monique hat sich mittlerweile längst zurückgezogen, und zwar in ihr eigenes kleines, aber feines Appartement, das sie mit ihrer Nichte Angélique teilt. Ihr Geliebter hat wieder einmal durch nichts erkennen lassen, dass er heute Nacht (wie während der vergangenen Nächte auch) „ihre Gesellschaft wünscht“ …
Und sich ihm förmlich aufzudrängen ist ihre Sache nicht. Das hat die schöne Frau, die ihr ganzes Leben nur nach ihm, seinen Launen, Bedürfnissen und Gelüsten ausgerichtet hat, noch nie getan.
Es mag widersprüchlich erscheinen, aber es ist dennoch die Wahrheit: Trotz jahrzehntelanger häufiger und äußerst lustvoller und abwechslungsreicher Sexualpraktiken ist Monique im Grunde ihres Herzens eine demütige, treue, bescheidene und – ja, man kann sagen, eine keusche Geliebte gewesen und geblieben. Er hat sie geformt nach seinen Bedürfnissen und sie war eine gelehrige Schülerin, die nicht einmal im Traum daran denken würde, ihn jemals mit einem anderen Mann zu hintergehen.
Alles, was sie je getan hat, geschah allein für Maurice Obembes Befriedigung. Falls er sie jedoch als Geliebte nie mehr wird haben wollen, würde sie das in Demut hinnehmen und ertragen müssen. Auch wenn es ihr sehr, sehr schwer fiele …
Eine Rückkehr in ihr Kloster in Ghanumbia zieht sie keinesfalls in Erwägung. An Tagen, an denen ihre „Gastgeberpflichten“ nicht benötigt werden, streift Monique in zivil durch Rom, um all die vielen Sehenswürdigkeiten aus weit über zweitausend Jahren zu genießen, von denen sie vor Jahren im Schulunterricht gehört hat.
Meistens wird sie dabei von Angélique begleitet. Was Monique am meisten Freude bereitet, ist das kindlich-naive Staunen der Jüngeren, die um vieles weniger Ahnung von Europas Kunstschätzen besitzt als ihre Tante.
* * *
In der nächtlichen Stille seines modern und bestens ausgestatteten Arbeitszimmers überlegt der Papst wohl zum hundertsten Mal immer wieder das Gleiche: Wie mögen sich anlässlich seiner ersten Predigt seine Einlassungen für die überrumpelten Gläubigen tatsächlich angehört haben? Ausgerechnet er, der der große Friedenspapst werden sollte, forderte sie zum Kampf auf?
Vatikan-Kommentatoren und selbsternannte „Papstversteher“ hatten sich auch, wie von ihm erwartet, umgehend mächtig ins Zeug gelegt und das Gesagte flugs ins rein Theoretische transponiert: Das Gesagte wäre nur rein ideell zu verstehen und keineswegs real! Der Heilige Vater sei selbstverständlich ein zutiefst friedliebender Mensch und jede Aufforderung zum Kampf sei sozusagen nur „metaphysisch“ gemeint und habe nichts mit Bomben und Granaten zu tun.
Leo muss heute noch darüber grinsen, sobald er daran denkt.
‚Wahrscheinlich sind sich bald alle hinter vorgehaltener Hand einig gewesen, es sei wohl am klügsten, meine Ausführungen so weit wie möglich mit Stillschweigen zu übergehen.’
„Meine Güte“, murmelt der Papst leicht erschrocken. „Schon wieder eine Übereinstimmung mit Johannes Paul II.! Muss ich mir tatsächlich allmählich Sorgen machen?“
Seine von Anfang an kircheninternen Gegner und Neider in Rom haben offenbar einmütig beschlossen, „den Ball vorerst flach zu halten“, wie es Kardinal Carlo di Gasparini burschikos auszudrücken beliebt. O, ja, auch Leo Africanus hat seine Zuträger im Vatikan, die ihm über alles, was relevant sein könnte, Bericht erstatten …
Zu denen, die fürs Totschweigen plädieren, sind für den Heiligen Vater auch jene zu zählen, die jeden Tag stärker versuchen, ihm Hindernisse in den Weg zu legen, Knüppel zwischen die Beine zu werfen oder seine Anordnungen einfach ins Leere laufen zu lassen – in der Annahme, er sei so töricht, es nicht zu bemerken.
„Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in Dir, o Herr.“
(Kirchenvater Augustinus)
In der Tat hat er viele Laiengläubige gleich zu Beginn seines Pontifikates vor den Kopf gestoßen, indem er sie der Lauheit und Faulheit bezichtigte und sie aufforderte, die bequeme Deckung zu verlassen und für ihren Glauben endlich zu kämpfen.
Damit forderte er auch nach Meinung einiger Kurienkardinäle die gewaltbereiten Muslime geradezu heraus. Man habe den Eindruck gewinnen können, der Papst wolle bewusst islamistische Attentäter anstacheln, die Welt mit massiven Terrorangriffen auf kirchliche und andere Einrichtungen zu schockieren, um alsdann im Gegenzug als „gerechtfertigte“ Reaktion mit aller Macht auf sie losgehen zu können.
Zum Glück scheint bisher allerdings die Neigung der Muslime gering zu sein, den hingeworfenen Fehdehandschuh auch zu ergreifen. Nicht nur in katholischen, auch in muslimischen und selbst in islamistischen Kreisen herrscht immer noch beträchtliche Verwirrung, weil man den neuen Papst nicht richtig einzuordnen vermag.
Am klügsten ist es vermutlich, erst einmal abzuwarten.
Es geht auf zwei Uhr morgens zu und Leo XIV. hat eine besondere Rede mit einem wichtigen Glaubensinhalt vorbereitet, den er demnächst im Petersdom ex cathedra zu verkünden gedenkt, ehe er auch weltweit und für Katholiken als allgemeinverbindlich verbreitet werden wird, weil durch den Anspruch der päpstlichen Unfehlbarkeit in Glaubensdingen geadelt …
Der Heilige Vater verzieht sein männlich-schönes, immer noch weitgehend faltenfreies Gesicht zu einem ironischen Lächeln. Für dieses geradezu unglaubliche „Unfehlbarkeitsdogma“, ein Produkt des Ersten Vatikanischen Konzils (1869–1870) unter Papst Pius IX., findet Leo Africanus nur einen einzigen Begriff: Genial!
Bietet es doch durch nichts in Zweifel zu ziehende Möglichkeiten, etwaige Gegner mit Fug und Recht mundtot zu machen. Immerhin soll es ja angeblich der „Heilige Geist“ persönlich sein, der den Pontifex inspiriert. Zu den weit über 200 Dogmen der katholischen Kirche wird sich in Kürze noch ein weiteres hinzugesellen. Unwillkürlich breitet sich ein befriedigtes Grinsen auf Leos Gesicht aus.
„Der Herr behütet dich; der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand.“
(Psalm 121, 5)
‚Das katholische Fußvolk hat sowieso fraglos zu gehorchen und der Teil der hohen Geistlichkeit, der mir eventuell gefährlich werden könnte, ist – zum mindesten in der Öffentlichkeit – zum Kuschen verdammt’, mag Papst Pius der Neunte sich seinerzeit gedacht haben, als er sich den schlauen Coup mit der päpstlichen Unfehlbarkeit hat einfallen lassen, nachdem er sich einige Jahrzehnte zuvor schon die Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis Mariens ausgedacht hatte.
Eine vollkommen sinnfreie Behauptung, die nicht das Geringste zum christlichen Glaubensverständnis, so wie Jesus es möglicherweise verstanden haben mag, beitragen kann. Man könnte ja eigentlich vermuten, diese dicke Kröte („Glaubenswahrheiten, in alle Ewigkeit wahr und unveränderbar“), die es natürlich auch heute noch für Gläubige zu schlucken gilt, stamme aus dem Mittelalter oder aus noch früherer Zeit, aber keinesfalls aus dem 19. Jahrhundert …
„Welche Chuzpe muss dieser Papst besessen haben, seinen aufgeklärten Zeitgenossen die Anmaßung, er sei quasi ein Übermensch, der in Glaubensdingen nicht irren könne, als unumstößliches Faktum vor die Nase zu setzen?“, murmelt der Heilige Vater kopfschüttelnd vor sich hin.
Ach ja, das Mittelalter! Leo Africanus unterdrückt ein weiteres ironisches Grinsen. ‚Eine oft verkannte Zeitspanne, die durchaus nicht so ‚finster’, rückschrittlich und betriebsblind gewesen ist, wie man sie heute gerne darstellt’, denkt er.
Er erhebt sich von seinem Schreibtischsessel um an eines der Fenster zu treten, dessen Vorhänge nicht geschlossen sind und ihm einen Blick nach draußen in die tiefe Nacht erlauben, die immer noch von den zahlreichen Lichtern der niemals ruhenden Weltstadt Rom erhellt wird.
‚Die effektivsten Scheuklappen verpasste man den Leuten in Wahrheit erst viel später und die dicksten Bretter, die man den Gläubigen vors Hirn knallte, wurden auch erst in späteren Jahrhunderten gesägt’, geht dem sich plötzlich vereinsamt fühlenden Mann aus einem, im geographischen Sinne, nicht allzu fernen Kontinent durch den Sinn: Afrika liegt bekanntlich nicht sehr weit weg von Europa …
„Diese Fremdheit liegt in meinem eigenen Wesen und meiner eigenen Sozialisation“, murmelt er unwillkürlich. Auf einmal sehnt er sich nach Monique, seiner vernachlässigten Geliebten. Sie bedeutet für ihn immer noch die afrikanische Heimat, das Geborgensein inmitten seiner eigenen Kultur. Er liebt sie nach wie vor – aber hat er sie dies in letzter Zeit auch fühlen lassen? Wann hat er sie das letzte Mal als Geliebte im Arm gehalten, ihren Duft verspürt und ihre Leidenschaft genossen? Gut erinnern kann sich Leo nur an ein einziges Mal, gleich nach seiner Wahl zum Papst.
Auf einmal ergreift ihn ein mächtiges Verlangen nach Monique und er überlegt ernsthaft, sie zu sich zu rufen. Aber dann verwirft Leo Africanus doch den Impuls, sie zu so später Stunde noch zu wecken. Am nächsten Tag wird er sich ihr wieder nähern …
Stattdessen sinniert er weiter.
In der Tat! Im Mittelalter hätte kein vernünftiger Mensch an so eine Absurdität – eine Blasphemie im Grunde! – gedacht, ein Mensch – und sei er auch das weltliche Oberhaupt der Kirche – könne unfehlbar sein. Zum Wenigsten hätte er es nicht gewagt, diese dreiste Anmaßung auch noch laut auszusprechen.
‚Diese Eigenschaft gebührt nach christlichem Verständnis allein Gott, dem Herrn! Darum auch der Dreh, dass Pius IX. die „Dritte göttliche Person“ (auch so ein Aberwitz; im Grunde reinstes Heidentum), den Heiligen Geist, für sein dreistes Konstrukt bemüht hat!’
Leo gestattet sich jetzt ein dröhnendes, befreiendes Lachen.
Genau diese „Dritte göttliche Person“ hat er als Thema ausgewählt für sein Dogma! Dass er damit den sogenannten „Schutzengel“, der angeblich ein Auge auf jedes fromme Schäflein hat, „entmachtet“, stört den Heiligen Vater nicht.
Von nun an ist es nach Leos XIV. Willen „der Heilige Geist“, der dieses spezielle Wächteramt übernimmt. Ist dieser doch „die Liebe, die vom Vater und vom Sohne ausgeht“ und damit ist er auch zur Liebe zu den Gläubigen verpflichtet und dafür verantwortlich, dass keinem ein Leid geschieht.“
Noch einmal blättert er die Papiere durch, prägt sich gewisse Passagen dieser speziellen Rede ganz besonders ein, ehe er die Blätter sorgfältig zusammenschiebt, aufsteht und sie dann, penibel Kante auf Kante gelegt, in seinem Tresor verwahrt, zu dem allein er den Schlüssel verwahrt. Er weiß noch nicht genau, wann er diese bedeutsame Predigt halten wird.
Einen Augenblick verweilt der Papst kerzengerade mitten im Raum; er streckt sich dabei und nimmt beide Arme nach oben, um das vom langen Sitzen gestresste Rückgrat zu entspannen. Selbst nach so langer Zeit europäischer Sitz-Gepflogenheiten, bereitet ihm das ungesunde, stundenlange Ausharren auf Stühlen hin und wieder immer noch Schwierigkeiten …
Wie stets vor dem Schlafengehen wird Seine Heiligkeit noch einmal ein paar seiner sich selbst auferlegten gymnastischen Übungen absolvieren. Er möchte unbedingt jugendlich und gelenkig bleiben.
Sein Vater Patrice mit seinen gut dreiundsiebzig Jahren hält dies ganz genauso – und der alte Herr ist in der Tat noch topfit.
„Sollte ich mal dauerhaft den Rollstuhl brauchen, werde ich mir die Kugel geben“, hat er seinen hochwürdigen Sohn kürzlich wissen lassen. Dass Selbstmord eine Todsünde ist, interessiert den alten Schwerenöter, der kürzlich noch eine kleine Tochter mit einer seiner jugendlichen Konkubinen gezeugt hat, keineswegs.
„Ich weiß, mein lieber Papa“, hat Leo ihm milde geantwortet. „Falls es nach dir ginge, würdest du am liebsten noch zu Fuß zu deiner eigenen Beerdigung marschieren!“
Aber der schlaue Fuchs kennt die Bibel ganz gut und wusste zu kontern:
„Haltet mich nicht auf, denn der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben. Lasst mich, dass ich zu meinem Herrn ziehe.“ Zu lesen, mein lieber Sohn, im ersten Buch Mose, Kapitel 24, Vers 56.“
Über das bemerkenswert glatte Gesicht des Präsidenten hatte sich ein breites Grinsen gelegt. „Und ich kann dir noch jemanden zitieren, nämlich den heiligen Augustinus: „Ihr, die ihr mich so sehr geliebt habt, seht nicht auf das Leben, das ich beendet habe, sondern auf das Leben, welches ich beginne.“ Und im Psalm 36, Vers 10 heißt es: „Denn bei Dir ist die Quelle des Lebens und in Deinem Licht sehen wir das Licht.““
Patrice Obembe hatte sich anschließend vorgeneigt, als wolle er dem Papst leise ins Ohr flüstern: „Was allerdings keineswegs heißen soll, dass ich an ein Leben nach dem Tod glaube, mein lieber Maurice.“
LESUNG, AUS DEM NEUEN TESTAMENT
„Halleluja!“
„Ich schlief und träumte, das Leben sei Freude. Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht. Ich handelte und siehe: Die Pflicht war Freude.“
(Rabindranath Tagore, indischer Dichter und Philosoph)
Aufatmend lässt der Papst sich in seinem Gemach auf dem glänzenden Parkettboden aus Edelhölzern nieder, drapiert seine Beine in die übliche „Lotus-Haltung“, legt die Hände entspannt auf die Knie und beginnt wie üblich, nicht zu beten, sondern zu meditieren …
Erneut will er sich Kraft holen, von irgendwoher aus dem All, um seine ehrgeizigen Pläne umso leichter umsetzen zu können. Mittendrin erinnert er sich an einen Vorfall, der sich vor mehr als zwei Jahrzehnten zugetragen hat.
Yoweri Museveni, damals so alt wie Patrice Obembe heute, nämlich dreiundsiebzig, und Langzeitpräsident von Uganda, erregte seinerzeit beträchtliches Aufsehen, als er laut die Meinung vertrat, christlicher Glaube und Gebete hätten in den vergangenen Jahrhunderten die Entwicklung in Afrika verlangsamt.
Anlässlich einer religiösen Veranstaltung in der Hauptstadt Kampala hatte er laut ugandischer Medien ungeniert all jene kritisiert, die „beten und beten und rufen, als ob Gott taub wäre“.
Den Gläubigen in dem ostafrikanischen Land, übrigens ein Nachbarstaat von Ghanambo (wo Muhammad Obembe, Leos Onkel, regiert), empfahl Museveni stattdessen, „weniger zu beten und mehr zu arbeiten!“
Eine Forderung, die Leo Africanus aufrichtigen Herzens unterstützt – und zwar nicht nur für christliche, sondern auch und vor allem für muslimische oder hinduistische Länder: „Wo der Glaube und nicht das Wissen die Hirne der Menschen dominiert, regieren Engstirnigkeit, Fremdenfeindlichkeit, Überheblichkeit, Rückständigkeit und Unwissenheit – einfach Dummheit!“
Dass der neue Papst so denkt, wissen nur etwa eine Handvoll Menschen. Der Heilige Vater legt natürlich Wert darauf, unter allen Umständen den Anschein eines Gemäßigten zu erwecken – und das soll auch so bleiben.
Dass er in Wahrheit äußerst radikal, ja atheistisch, zumindest antichristlich und vehement gegen die Kirche – als eine Institution der ungeliebten Weißen – eingestellt ist, soll und darf kein Fremder wissen.
Zu ihnen zählt in diesem Falle auch Schwester Monique, seine angebliche Vertraute seit gefühlten Ewigkeiten. Die kluge Frau mit dem feinen Gespür für Veränderungen jeglicher Art, macht sich allmählich, das spürt er genau, gewisse Sorgen um ihn, ihren langjährigen Gefährten. Obgleich er darauf wetten würde, dass sie nicht dezidiert zu sagen vermöchte, was sie im Einzelnen beunruhigt, fühlt er ihr wachsendes Unbehagen.
Dass ihr Liebster keineswegs der Frömmsten einer ist, weiß sie natürlich, aber dass er alles, was mit Kirche, Katholizismus und christlichem Glauben zu tun hat, zutiefst verabscheut und geradezu hasst – davon hat sie keine Ahnung.
Deutlich spürbar war Moniques Irritation unlängst, als er in einem Gespräch mit ihr zufällig auf die 245 Dogmen der katholischen Kirche zu sprechen kam und den päpstlichen Anspruch „diese Glaubenswahrheiten seien in alle Ewigkeit wahr und unveränderbar“ mit den Vokabeln „mit der Vernunft auf keinen Fall vereinbar“ und „völlig antiquiert“ abqualifizierte.
Ja, Leo XIV. hatte sich nicht einmal gescheut, grinsend ein Goebbels oftmals zugesprochenes Zitat unseligen Angedenkens zu zitieren: „Eine Lüge muss nur oft genug wiederholt werden, dann wird sie auch geglaubt.“
Sein Gefühl trügt den Heiligen Vater nur selten. Auch jetzt irrt er sich nicht. Moniques weiblicher Instinkt mit seinen feinen Antennen verrät ihr in der Tat, dass gewisse Veränderungen im Wesen ihres Liebsten vor sich gehen; und zwar Wandlungen von jener unguten Art, die für gewöhnlich großen Ärger und Unheil mit sich bringen.
Scherzhaft pflegt der Papst Monique „Mami Wata“ zu nennen, was auf Suaheli „Meerjungfrau“ heißt, aber eigentlich „Weisheit des Ozeans“ bedeutet. Sollte sie seine wahren Pläne tatsächlich durchschauen, würde ihm das keineswegs gefallen, obwohl er ihrer unbedingten Loyalität noch ziemlich sicher ist.
Leo Africanus ahnt nicht, dass Schwester Monique bei ihm eine beunruhigende Obsession zu argwöhnen anfängt, eine besorgniserregende Pathologie, die sich ihrer Meinung nach bereits in seiner Physiognomie zu offenbaren beginnt. Seit kurzem zeigt sein Gesicht gewisse Züge, die sein makellos schönes, ja klassisches Antlitz, vergleichbar mit den Gesichtern schwarzer Pharaonen, zunehmend abstoßend machen. Gelegentlich lässt sie der Ausdruck seiner dunklen Augen frösteln.
Im Stillen beschließt Leo Africanus, Monique künftig vorsichtshalber nicht mehr darüber zu informieren, was er denkt und was er im Einzelnen plant. Er möchte seine Geliebte nicht beunruhigen – das redet er sich zumindest ein. In Wahrheit scheut er die heftigen Auseinandersetzungen mit ihr; mit ihrem wachen analytischen Geist, gepaart mit einer gewissen Scharfzüngigkeit hat er im Laufe der vielen Jahre ihrer Beziehung schon etliche Male Bekanntschaft gemacht. Das will er sich künftig ersparen.
„Jedes Ereignis, alles auf der Welt hat seine Zeit: Geboren werden und Sterben, Weinen und Lachen, Klagen und Tanzen.“
(Prediger, 3, 1–4)
Maurice Obembes Familie ist die wichtigste unter mehreren Sippen, die jahrhundertelang im Wechsel mit anderen Familien, die mittlerweile bedeutungslos geworden sind, die Herrschaft im Osten und Südosten Afrikas ausgeübt hat. Eine kurze Unterbrechung hatte es allerdings vom späten neunzehnten bis zum frühen zwanzigsten Jahrhundert gegeben.
Geschuldet war dies der Gier des Deutschen Reiches nach exotischen Kolonien, gepaart mit rücksichtsloser Ausbeutung von Ressourcen aller Art, seien es die Bewohner selbst und ihre Arbeitskraft, seien es Agrarprodukte oder die Bodenschätze eines fremden Kontinents. Zum Glück war dieser demütigenden Episode keine allzu lange Dauer beschert gewesen.
Nach einigen Jahrzehnten und einem verlorenen Weltkrieg war der deutsche Spuk in Afrika Geschichte und die ehemals führende Eingeborenenfamilie schwang bald darauf erneut das Zepter – und tut dies noch heute. Allerdings mit einer gravierenden Änderung:
Der weit verästelte Familienclan der Obembes hatte sich nämlich nach dem zweiten Weltkrieg geteilt und zwar in einen muslimischen und in einen katholischen Zweig; und dies war geschehen im gleichen Verhältnis (nahezu halbe-halbe), wie es sich glaubensmäßig in der Bevölkerung manifestierte. Mehr oder weniger zufällig hatte sich die religiöse Spaltung gegen Ende des neunzehnten und zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, also noch während der kurz darauf endenden Kolonisation, weiter entwickelt. Im Laufe zweier Generationen hat sich die Trennung dann immer noch weiter verfestigt.
Dementsprechend haben Maurice Charles Patrice Obembes Vorfahren nach 1945 ihr riesiges Reich halbiert, in einen nördlichen Teil, Ghanambo, in dem der Islam die bestimmende Religion war und ist, sowie in einen südlichen, Ghanumbia, in dem eine Mehrheit sich (noch) taufen lässt.
Das hat unter anderem den unschätzbaren Vorteil, dass unterschiedliche Religionen nicht zum Zankapfel und zur Ursache bewaffneter Zwischenfälle innerhalb eines Staatsgebietes werden können. Die Ländergrenze verläuft seitdem im Großen und Ganzen gemäß jener Grenzen, welche die Religionsgemeinschaften von sich aus vorgeben. Nur ganz wenigen Eingeborenenfamilien musste erlaubt werden, in den jeweils anderen Teil des ehemals gemeinsamen Staatsgebietes überzuwechseln.
Papst Leos Vorfahren verfügten erstaunlicherweise über eine so große politische Macht und Durchsetzungsfähigkeit, dass die unübliche friedliche Teilung eines enorm großen Gebietes mit unterschiedlichsten Völkern nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Kolonisation großer Teile Afrikas letztendlich ohne Bruderkrieg und ohne die fatale Einmischung fremder Staaten vonstattenging – und dank der Umsicht der Regierenden bis jetzt ohne nennenswerte Komplikationen Bestand hat.
„Wundert euch nicht darüber! Die Stunde kommt, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören und herauskommen werden!“
(Johannes, 5, 28 und 29)
„Auf dem gesamten Kontinent Afrika gärt es seit langem, gibt es blutige Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Staaten, aber mehr noch Stammeskriege innerhalb der einzelnen Länder. Letztere immer noch als logische Folge der willkürlichen und unreflektierten Zusammenlegung seit ewigen Zeiten verfeindeter Volksgruppen durch die unsensiblen Kolonialmächte.
Das führte und führt immer noch zu enormen Spannungen, die sich bereits im zwanzigsten Jahrhundert zu extrem schwierigen Gemengelagen aufschaukelten, die auch heute nicht selten in blutigen Gemetzeln münden – trotz unzähliger diplomatischer Verhandlungen und des meist völlig nutzlosen Einsatzes von UN-Blauhelmsoldaten“, erklärt Seine Heiligkeit gerade dem harten Kern seiner Anhängerschaft. Ausgesprochen stolz fährt Papst Leo fort:
„Die ‚Bruderstaaten’ Ghanumbia und Ghanambo gelten nicht ohne Grund als nachahmenswerte Vorzeigeländer Afrikas. Sie werden allerdings nicht nur bestaunt und bewundert, sondern vielfach beneidet, aber auch, allerdings nur von einer Minderheit, mit gehöriger Skepsis betrachtet!“
Das war nicht immer so und der Papst liebt es, genau darüber seinen Getreuen, die er regelmäßig in seinen Gemächern im Vatikan um sich schart, sozusagen eine „Geschichtslektion“ zu erteilen.
„Vor genau zwanzig Jahren stand das südostafrikanische, muslimische Land Ghanambo kurz vor dem Staatsbankrott!“, hört ihn Moniques Nichte, Schwester Angélique, die eben eine Handvoll Gäste freundlich zu Tisch bat, vor seinen Freunden dozieren. Auch sie lauscht interessiert, denn im Gegensatz zu ihrer Verwandten Monique hat sie davon noch nie gehört.
„Katastrophale Unwetter, Überschwemmungen und Dürren, Bergrutsche, Krankheiten und Viehseuchen hatten Land und Leute schwer gebeutelt. Die Möglichkeiten der Regierung, den Schuldendienst zu stemmen, waren extrem eingeschränkt und das Finanzministerium Ghanambos teilte mit, dem Land bleibe kein Spielraum, anstehende Zinszahlungen auf in US-Dollars notierte Anleihen zu bedienen.
Ganz konkret handelte es sich um einen Betrag von knapp sechzig Millionen Dollar. Auch nach heutigen Begriffen kein hoher Betrag. Aber wenn kein Geld vorhanden ist, machen auch kleine Summen Probleme. Die Laufzeit der Anleihe reichte noch bis ins Jahr 2023.
Jetzt kam erneut der Internationale Währungsfond ins Spiel; er sollte künftig wieder Hilfsgelder fließen lassen.
Der IWF hatte nämlich im April 2016 seine Unterstützung beendet, nachdem die Regierung meines Onkels sowohl dem IWF als auch der Öffentlichkeit die Aufnahme von Staatsschulden in Milliardenhöhe verschwiegen hatte. Zugegebenermaßen ein dummer Fehler, den mein Onkel, Muhammad Obembe, bis heute noch bedauert! Zum Glück haben er und sein Land die Krise bravourös gemeistert!“
Zu den beiden afrikanischen Herrscherpersönlichkeiten ist Folgendes zu sagen: Papstvater Patrice Obembe sowie sein entfernter Cousin Muhammad – Männer Mitte der Siebziger und kerngesund – regieren autoritär, ja diktatorisch. Innenpolitische Widerstände wissen sie effektiv zu brechen; in keinem der beiden Staaten gibt es derzeit eine Persönlichkeit, die imstande wäre, ihren absoluten Machtanspruch ernsthaft infrage zu stellen. Die wenigen Oppositionellen haben einen denkbar schlechten Stand. Kurzum: Von einer Demokratie sind beide Länder weit entfernt.
„Aber es herrscht Frieden; zumal die zwei Alten es geschickt verstehen, in ihren Ländern der Bevölkerung einen relativ befriedigenden Lebensstandard zu gewährleisten – gemessen an den Zuständen, die im übrigen Schwarzafrika vorherrschen. Ja, diesen Standard wissen sie sukzessive noch zu verbessern. Die Zwangslage Ghanambos 2016 bildete die absolute Ausnahme“, behauptet Leo Africanus mit Überzeugung. „Derartiges hat sich nie mehr wiederholt.“
Damit sagt Leo Africanus sogar die Wahrheit.
„Von all den Potentaten in den Entwicklungsländern, „die Wasser predigen und selbst Wein trinken“, heben sie sich geradezu wohltuend ab“, lobt er seine Verwandten. „Obwohl sie nach Kräften den Einfluss und den Reichtum ihrer eigenen Clans mehren, gönnen sie auch den übrigen Bürgern ihrer Länder die Teilhabe an bescheidenem Wohlstand und gewissen Segnungen der Zivilisation.
Wie etwa Bildung ‚sogar’ für Mädchen! Bereits meine Schwester Monique hat davon profitiert und für unsere Cousine Angélique war es schon ganz selbstverständlich, zur Schule und zur Universität zu gehen. Außerdem wurde eine Art bedingungslose Rente für alleinstehende Alte ohne Familienunterstützung eingeführt. Das ist sehr klug und schafft Stabilität und Frieden im Inneren.“
Leos Geliebte Monique, die den Gästen die Getränke zum Essen einschenkt, flicht ein: „Dadurch entfällt für die Frauen auch der Zwang, einen Haufen Kinder in die Welt zu setzen, um im Alter jemanden zu haben, der dafür sorgt, dass sie nicht verhungern!
Solange das nicht in allen rückständigen Ländern so klug gehandhabt wird, wird sich an der Massenarmut der Bevölkerung und der dadurch bedingten hohen Kindersterblichkeit auch nichts ändern. Es war ein unseliger ewiger Kreislauf, den unser Herr Vater und unser Onkel durchbrochen haben, Heiligkeit!“
„So ist es, liebe Schwester. Es gibt in beiden Ländern kaum etwas, wogegen die Bevölkerung gewaltsam anrennen müsste! Zumal alle fünf Jahre ‚freie und demokratische’ Wahlen abgehalten werden.“
Auch damit hat der Heilige Vater Recht – wenn auch nur im Prinzip. Dass die Kandidaten, die gekürt werden können, allesamt von ihren Präsidenten im Vorfeld sorgfältig ausgesucht werden, tut der Zustimmung der Bevölkerung keinen Abbruch. Immerhin ist ihnen der Urnengang gestattet; ja, er ist sogar gewollt.
„Gerade eben hat in Ghanumbia wieder die Wahl des Staatsoberhaupts und seiner wichtigsten Minister stattgefunden und ich habe es nicht versäumt, meinem Vater zur Wiederwahl bei einer Wahlbeteiligung von weit über neunzig Prozent zu gratulieren; obwohl es keine Wahlpflicht gibt, nur den ‚Wunsch’ der politischen Führung, das Volk möge sich zur Stimmabgabe bequemen.“ Großer Stolz spricht aus den Worten des Papstes
„Sowohl mein Vater Patrice wie sein Verwandter Muhammad Obembe, sind außerdem so schlau, dafür zu sorgen, dass die ausgewählten Ministerkandidaten jeweils verschiedenen Stämmen angehören. Damit umgehen beide den Vorwurf, bei der Regierungsbildung nur das eigene Volk der Wahehe zu bevorzugen!“
Der Beichtvater Seiner Heiligkeit, Monsignore Pierre Katanga, meldet sich jetzt lächelnd zu Wort: „Euer Vater, Heiligkeit, leistet sich sogar den Luxus, immer zumindest ein Regierungsmitglied in petto zu haben, das nicht unbedingt sein Busenfreund und damit automatisch Sympathisant der Obembes ist …“
„Was oft recht spannende Rededuelle im Parlament erzeugt“, unterbricht ihn der Heilige Vater. „Duelle, die im Stande sind, ausländische Beobachter, die im Übrigen jederzeit als Augen- und Ohrenzeugen willkommen sind, zu verblüffen und hin und wieder sogar zu Begeisterungsstürmen in westlichen Medien führen.“
Erneut fällt ihm sein Beichtvater ins Wort: „Da fällt es dann auch nicht ins Gewicht, dass letztendlich der Präsident mit dem Leopardenfell um die Schultern das Sagen hat und bestimmt, wo es langgeht …“
Statt unwillig auf die mehrmalige Unterbrechung zu reagieren, breitet sich im Gesicht des Heiligen Vaters ein vergnügtes Grinsen aus und die Tischrunde reagiert mit anerkennendem Kopfnicken. Der Beichtvater darf sich solch kühne Sätze schon erlauben.
Leo Africanus geht jetzt sogar noch einen Schritt weiter. „Die Beziehungen zu den reichen Ländern Europas und Asiens sind ausgezeichnet, was sich in sehr guten Handelsbeziehungen auszahlt – mögen auch einige andere lästern, beide Herrscher würden sich vor allem ‚beim dekadenten Westen in schandbarer Weise anbiedern’, um sich ‚in unzulässiger Manier die eigenen Taschen vollzustopfen’. Manche nennen es Korruption. Eine Kritik, die im Übrigen beide Obembe-Clan- und Regierungschefs vollkommen kalt lässt.“
„Ach, Heiliger Vater, was heißt schon ‚Korruption’? Ein sehr garstiges Wort“, sagt einer der Geladenen, ein hoher Geistlicher aus Kenia, leichthin; er ist dabei, mit gezierten Bewegungen eine Gabel mit gebratenem, köstlichem Springbock-Zicklein zum Mund zu führen.
„Das arabische Wort dafür heißt ‚wasta’ und bedeutet so viel wie ‚wen man kennt’ und meint ‚Gefallen’. Im Grunde handelt es sich doch nur um kleine Geschenke unter guten Freunden. Also, wozu sich darüber aufregen?“
Pulsuz fraqment bitdi.